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Full text of "Sitzungsberichte"

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SITZUNGSBERICHTE 


DER  KAISERLICHEN 


AKADEMIE  DER  WISSENSCHAFTEN. 


PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE  CLASSE. 


ACHTUIMDSECHZIGSTER    BAND. 


WIEN,  1871. 

TN    COMMISSION    BEI    KARL    GEROLD'S    SOHN 

ULClIIIÄNnLKR  DER  KAIS.  AKADEMIE  DER  WISSENSCHAFTEN. 


SITZUNGSBERICHTE 


DER 


PHILOSOPHISCH-HISTORISCHEN  CLASSE 


DEK   KAISERLICHEN 


AKADEMIE  DER  WISSENSCHAFTEN. 


ACHTUNDSECHZIGSTER    BAND. 
JAHKGANG    1871.  —  HEFT    IV— VII. 


WIEN,  1871. 
IN    COMMISSION    BEI    K.VRL    GEROLD'S    SOHN 

BUCHHÄNDLER  DER  KAIS.  AKADEMIE  DEK  WISSENSCHAFTEN. 


As 

A53 


-69 


Druck  von  Adolf  Holzhansen  in  Wien 
k.  k.  I'iiivcrsitäts-Buchdruckerei. 


INHALT. 


Seite 

X.  Sitzuus?  vom  12.  April  1871 !    .    .    .  3 

XI.  Sitzung?  vom   19.  April  1871 ■  .   ' .  4 

XII.  Sitzung'  vom  26.  April  1871 5 

Pfizmaier.   Die  Wanderung  eines  japanischen  Bonzen    ....  7 
Schulte.     Die    Summa    Decreti  Lipsiensis    des  Codex    986    der 

Leipziger  Universitätsbibliothek 37 

Schulte.  Beiträge  zur  Literatui-  über  die  Decretalen  Gregors  IX., 

Innocenz  IV.,  Gregors  X 55 

XIII.  Sitzuni?  vom  10.  Mai  1871 131 

XIV.  Sitzung-  vom  17.  Mai  1871 132 

Miklosich.  Ueber  die  zusammengesetzte  Declination  in  den  sla- 

vischen  Sprachen 133 

Haupt.    Briuler  Philipps  Marienleben 157 

Mayr.    Beiträge  aus  dem  Eg-Veda  zur  Accentuiriing  des  Verbum 

finitum 219 

XV.  Sitzung  vom  7.  Juni  1871     .    .    .    .• 269 

Sehen  kl.  Studien  zu  den  Argonautica  des  Valerius  Flaccus.    .  271 

Hartel.  Homerische  Studien ' 383 

XVI.  81171111^  vom   14.  Jtmi  1S71 469 

Reifferscheid.  Bibliotheca  Patrnm  Latinorum  Italica.  IV.  Die 

Bibliotheken  Piemonts 471 

XVII.   Sitziins?  vom  21.  Juni  1871 639 

Pfizmaier.  Der  Geisterglaube  in  dem  alten  China 641 


VI 

Seite 

XVm.  Sitzuuyr  vom  5.  Juli   1871 711 

Zimmermann.  Ueber  Kant's  Widerlegung  des  Idealismus  von 

Berkeley 71  y 

Mayr.    Resultate  der  Silbenzählimg  aus   den  vier  ersten  gäthäs  751 

XIX.  Sitzimg-  vom  12.  Juli  1871 781 

XX.  Sitzung  vom  19.  Juli  1871 781 

Weinhold.    Die    Polargegenden    Europas    nach    den    Vorstel- 
lungen des  deutschen  Mittelalters 783 

Pf iz maier.  Zur  Geschichte  der  Wunder   in  dem  alten  China  809 


SITZUNGSBERICHTE 


DEK 


KAI8KUL1CHEN   AKADEMIE  DER  WISSENSCHAFTEN 


PHILOSOPHrSCH-HrSTOKISCHE  CLASSK. 


LXVIII.  BAND.  1.  HEFT. 


JAHRGANG   1871.    -  APRIL. 


Sitzb.  (1.  phil.-hist.  CI.  LWITI   B  1. 1   Ilft. 


X.  SITZUNG  VOM  12.  APRIL  1871, 


Der  Vice-Präsident  widmet  einige  Worte  des  Andenkens 
dem  dahingeschiedenen  Ehrenmitgliede  der  k.  Akademie,  des 
Vice- Admirals  AA'  i  1  h  e  1  ni  von  T  e  g  e  1 1  h  o  f  f. 

Die  Anwesenden  erheben  sich  zum  Zeichen  des  Beileids 
von  ihren  Sitzen. 


Das  w.  M.  Freiherr  von  Sacken  legt  sein  mit  Unter- 
stützung der  k.  Akademie  herausgegebenes  Werk  vor:  ,Die 
antiken  Bronzen  des  k.  k.  Münz-  und  Autiken-Cabinetes  in 
Wien.' 


Der  eidgenössische  Ständerath  in  Appenzell  Herr  J.  B. 
Rusch  sendet  zu  seinem  im  I.  Hefte  des  43.  Bandes  des  Ar- 
chivs für  österreichische  Geschichte  abgedruckten  Aufsatze 
, Geschichte  St.  Gerolds  und  seiner  Propstei  in  Vorarlberg' 
Nachträge  unter  dem  Titel :  ,Bruchstücke  des  Jahrzeitbuches 
der  Propstei  St.  Gerold  aus  dem  XV.  Jahrhundert.' 


An  Druckschriften  wurde  vorgelegt : 

Akademie  der  Wissenschaften  und  Künste.  Südslavisehe :  Rad.  Knjiga  XIV. 
TT  Zagrebu,   1S71;  8*i. 

1* 


Jiriitke,  Ernst,  Die  physiologischen  Grnntllagen  der  neuhochdeutschen  Vers- 
kunst.  Wien,   1871;  8". 

Centrill- Conimission,  k.  k.  statistische:  Statistisches  Jahrbuch  für  das 
Jahr  1869.  Wien,   1871;  4". 

Erlangen,  Universität:  Akademische  Gelegenheitsschriften  aus  dem  Jahre 
1870.    4"  und  8". 

Gesellschaft,  k.  k.  mähr.-schles.,  zur  Beförderung  des  Ackerbaues,  der 
Natur-  und  Landeskunde:  Mittheilungen  1870.  Brunn;  4"  —  Notizenblatt 
der  historisch-statistischen  Section  vom  1.  Jäinier  bis  1.  December  1870. 
Brunn,  1870;  4". 

Jahresibericht  des  k.  k.  Ministeriums  für  Cultus  und  Unterricht  für  1870. 
Wien,  1871;  4". 

Mittheilungen  der  k.  k.  Central-Comniission  zur  Erforscliung  und  Erhaltung 
der  Baudenkmale.  XVI.  Jahrgang.  März — April   1871.   Wien;  4". 

—  au.s  J.  Perthes'  geographischer  Anstalt.  17.  Band.  1871,  Heft  III — IV. 
Gotha;  4". 

Museum  Carolino-Augusteum  zu  Salzbui'g:  Jahresbericht  für  1870.  Salz- 
burg; 4". 

Revue  des  cours  scientifiques  et  litteraires  de  la  France  et  de  l'etranger. 
VII -^  annee  Nrs.  42— 50.  Paris  et  Bruxelles,   1869—1870;  4". 

Sacken,  Eduard  Freiherr  von.  Die  antiken  Bronzen  des  k.  k.  Münz-  und 
Antiken-Cabinetes  in  Wien.  I.  Theil.  (Vei'öfleutlicht  mit  Unterstützung  der 
kais.  Akademie  der  Wissenschaften.)  Wien,   1871;  Folio. 

Verein,  Geschichts-  und  Alterthums-,  zu  Leisnig:  Mittheilungen.  II.  Heft. 
Leisnig,  1871  ;  S". 

—  siebenbürgischer,  für  romanische  Literatur  und  Cultm-  des  romanischen 
Volkes:  Transilvania.  Anulu  IV,  No.  6—7.  Kronstadt.   1871;  4". 

Vimerciti,  G'aido,  Revista  scientitico-industriale  del  1870.  Anno  11"^°.  Firenze 
1871;  12".  L'cquivalente  meccanicu  del  calore  con  un  saggio  di  storia 
della  termodinamica.  Firenze,   1870;  gr.  8". 


XI.  SJTZUNG  VOM  VX  APRIL  LSTl. 


Der  Secrctür  legt  vor: 

eine  von  Herrn  Andreas  IJaube  in  1  lun(leshaiJ,en  Ijci 
Erfurt  ein<^esendete  Ahliaiidlung  .IJezichiinu'  der  seinitisclieu 
Sprachen  aid'  die  arischen'. 


5 

sowie  ein  von  Hen-ii  1».  T  i  a  m  )i  I  c  r  in  > Brunn  oing-esand- 
tes  für  die  Schriften  der  historischen  ( 'oniniission  hcistiinnites 
Manuscript  ,Historia  vera  expedilinnis  anni  \hf)()  seu  dr  i'!'])us 
gestis  per  Unyariani  etc.' 


An  Druckschriften  wurde  vorgelegt: 

AUademic    der  Wissenscliaftcn,   Köiiigl.    Prou.ss.,    zu    Berlin :  Monatsbericlit. 

Februar  1871.  Berlin;  8". 
Gesellschaft,  anthi'opologisclie ,   in  Wien:    Mitthoilungen.    I.    Band,    Nr.    7. 

Wien,  1871;  8". 
—  geographische,  in  Wien:   Mittheilungen.   N.  F.  4,    1.S71.    Nr.    1.   Wien;    8'^. 
Hauer,  Franz  Ritter    v..    Zur    Erinnerixng   an    Wilhelm    Hai  ding  er.    Wien, 

1871;  4". 
Istituto,  R.,  Veneto  di  Scienze,  Lettere    ed  Arti:   Memorie.    Vol.  XV,    Parte 

2«.  1871;  4^'  —  Atti.  Tomo   XVI'-',    Serie  111%    Disp.    4/^  Venezia,  1870- 

1871;  80. 
Kadics,  P.  v.,  Die  Freiherren  von  Grirascliitz.  Wien,   1871;  8'\ 


XU.  SITZUNG  AM   26.  AVlllL  1S71 


Der  Secretär  legt  vor: 

eine  von  Herrn  Prof.  Hartel  in  Wien  eingesendete 
Abhandhing  ^Homerische  Studien  I^  um  deren  Aufnahme  in 
<lie  Sitzungsberichte  der  Verfasser  ersucht. 

Das  w.  M.  Herr  Dr.  Pfizmaier  legt  eine  Abhandlung 
vor  unter  dem  Titel:  ,Die  Wanderung  eines  japanischen  Bonzen.' 

Die  Aufnahme  der  von  Herrn  Prof.  R.  v.  S  c  h  u  1 1  e  in  Prag 
eingesendeten  xVbhandlungen:  Summa  Decreti  Lipsicnsis  und 
Jieiträge  zur  Litteratur  der  Decrete  Gregors  IX.,  Innocenz  IV., 
Gregor  X.  wird  genehmigt. 


An  Druckschriften  wurde  vorgelegt: 

Akademie  der  Wissenschaften,  Königl.  Preuss.,  zu  Berlin:    Corpus  inscriptio- 
num  latinarnvi.    Volumen  IV.   Berolini,  MDCCC'LXXI;  in  Folio. 

Jahres-Be rieht  der  Lese-  und  Eedehalle  der  deutschen  Studenten  zu  Prag. 
Vereinsjahr  1870—71.  Prag,  1871;  8". 

Jena,  Universität:    Akademische  Gelegenheitsschriften   aus  d.  J.  1870 — 1871. 
4"  und  8'\ 


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I'fizmaicr.    Die  Wanderung  eines  japanischen  Bonden. 


Die  Wanderimg  eines  japanischen  Bunzen. 

Von 

Dr.  A.  Pfizmaier, 

wirkl.  Mitglied  der  k.  Akademie  der  Wissenschaften. 

Uie  vorlieg-ende  Abhandlung'  bringt  eine  altjapanischc 
Erzählung  von  einem  Bonzen,  der,  obgleich  es  sein  Wunsch 
ist,  der  Welt  zu  entkommen,  eine  Wanderung  antritt,  um  an 
verschiedenen  heiligen  Orten  zu  beten  und  dadurch  die  Schuld, 
mit  der  er  sich  in  einer  früheren  W^elt  beladen,  zu  tilgen. 
Aus  den  bezüglichen  Aufzeichnungen  geht  hervor,  dass  die 
Verzichtleistung  auf  die  Welt  buchstäblich  genommen  wurde, 
indem  von  einem  ,die  Welt  verwerfenden  Menschen''  ',  wie  im 
Japanischen  der  Bonze  heisst,  verlangt  wird,  dass  er  an  nichts 
in  der  Welt,  selbst  nicht  an  edlen  und  leblosen  Gegenständen 
Gefallen  ünde.  Der  genannte  Bonze  befreundet  sich  in  diesem 
Sinne  mit  der  Welt  und  kehrt  nach  einer  beschwerlichen 
Wanderung,  die  er  im  Herbst  beginnt  und  im  Winter  beendet, 
nach  seinem  früheren  Wohnsitze  zurück.  Daselbst  stürzt  die 
Ringmauer  seines  Klosters,  was  zvu-  Folge  hat,  dass  fremd- 
artige Gestalten  eintreten,  und  Mädchen  in  den  Räumen  umhcr- 
Avandeln.  Hier  schliesst  die  Erzählung,  indem  uocli  bemerkt 
wird,  dass  er  jetzt  den  Bäumen  und  Pflanzen  mittheilte,  wie 
traurig  es  in  der  Welt  ist. 

Die  Erzählung,  dem  dritten  Bande  der  ,Samnduug  der 
aufgelesenen  Blätter   des  Fusang'    entnommen,    enthält  Aufklä- 


'  Jo-sute-hito,  ein  Meoscli,  der  die  Welt  verwirft,  ein  Bonze.  Der  bei  uns 
übliche  Ausdruck  , Bonze'  stammt  von  dem  chinesisch  -japanischen 
Ip     TH    fjo-zti,  der  Vorgesetzte  der  Zelle. 


3  Pfiziuaier. 

rungen  über  das  Leben  und  Denken  in  dem  damaligen  Japan, 
sowie  über  die  BeschafFenlieit  des  Landes.  Bemerkenswerth 
sind  die  Nachrichten  von  der  Beschwerlichkeit  des  Reisens 
in  jenen  Zeiten,  die  von  der  Art  ist,  dass  der  Bonze,  selbst  zm* 
Winterszeit  und  bei  Unwetter,  bisweilen  im  Freien  übernachtet '. 

Der  japanische  Titel  der  Erzählung  ist  ^^  ^^  1^  ^u 
Kuma-no-no  h'-gib  ,Aufzeichnungen  aus  Kuma-no',  und  der 
Verfasser,  wie  dessen  Name  ^  j^  ^  Siaku-z6-moto-i  andeutet, 
selbst  ein  Bonze.  Dieselbe  ist  in  der  im  achten  Jahrhundert 
unserer  Zeitrechnung  üblich  gewesenen  Sprache,  die  nur  wenige 
Wfirter  chinesischen  Ursprungs  enthält,  geschrieben  und  zeigt 
nebst  einigen  nicht  allzu  zahlreichen  Zeichen  der  Pflauzen- 
schrift  ein  sehr  mannigfaltiges  Fira-ka-n<x,  das  zum  Theil,  da 
in  ihm  auch  ungewöhnliche  Zeichen  vorkommen,  erst  entziffert 
werden  musste.  Das  Ganze,  zwar  nicht  selten  in  nebelhafter 
und  verschwommener  Weise  dargestellt,  ist  übrigens  gut  ver- 
ständlich und  entzieht  sich  eigentlich  nur  au  einer  einzigen 
kurzen  Stelle,  wo  von  „Yamknollen"  die  Rede  ist,  aller  Aus- 
legung. 

Eine  Eigenthümlichkeit  der  Schreibweise  ist,  dass  die 
den  Consonantlaut  ändernden  Punkte  überall  fehlen,  wohin- 
gegen die  die  Gliederung  der  Sätze  ersichtlich  machenden 
Ringe  sorgsam  angebracht  sind.  Erwähnt  sei  hier  unter  anderem 
die  häutige  pleonastische  Setzung  des  Wortes  V*  ~}*  nado,  welches 
nicht  das  bekannte  :j^  nado,  sondern  offenbar  die  Zusammen- 
ziehung von  y^  '^  nani-tOj  „wie,  irgendwie",  ferner  die  in  einer 
etwas  abweichenden  Bedeutung  gebrauchte  Conjunction  zz.  ^ 
fndo-ni. 

Damit  diese  Arbeit  auch  für  die  Kenntniss  der  Sprache 
von  Nutzen  sei,  wurde  überdies  eine  Darlegung  des  Textes 
geliefert,  wobei  aus  typographischen  RücksieJiten  eine  Umände- 
rung des  Fira-ka-na  und  der  Pflanzenschrift  in  gewöhnliche 
Schrift  stattfand. 

'  Audi  ein  im  \<irig-fn  .I;ihrliuii(l(!rtc'  erschienenes  Werk  sagt,  dass  das  Reisen 
in  Japan  ehemals  sehr  Ix  schwerlich  gewesen  und  dureli  den  Ausdruck 
Ktisa-muJmra  „das  Kopfkissen  der  Püau/.en"  bezeichnet  wurde,  weil  man 
gewöhnlich  unter  freiem  Iliunnel  übcrnaclitete.  Jetzt  verhalte  es  sich  anders, 
und  sei  das  Reisen  beinahe  eine  Aniielnnlichkeit  geworden. 


)i^  ij  /j^  --  4^  ;e>  \  fi:  ^   °  )^ 
°    ^   D  ^y  ^  7  ^  41  ^  Itt  ^v 

hTy^'y7  ^  ^  ^  - 
^  )v  y  if  )\  ^  ^  ^  y  11 

hsa-bakari-no  Icoto-ni-ka  ari-ken,  jo-ioo  nogarete  kokoro-no 
»uiiiia-ni  aran-to  omoi-te,  jo-no  naka-ni  kiki-to  kiku  tokovo-tokoro , 
okasiki-tvo  tadzwtete  kokoro-tco  jarl,  katsn-ioa  totoki  fokoro-fokoro 
0(/ami-tate-matsuri^  loaga  mi-no  tsimvi-ivo-mo  forohosamu-to  aru 
ßfo  ari-keri,  i-wo-nnsi-to-zo  i-i-kerit. 

Es  war  ein  Mensch,  der,  durch  irgend  eine  Sache  bewogen, 
der  Welt  entkam  und  glaubte,  dass  dieses  nach  seinem  Sinne 
sein  werde,  der  in  der  Welt  an  den  Orten,  von  denen  er 
hörte,  das  Lächerliche  suchte  und  sein  Herz  aussandte,  der 
zudem  an  den  ehrwiüdigcn  Orten  seine  Verehrung  bezeigte 
und  die  Schuld  seines  Leibes  tilü:en  wollte.  Derselbe  hiess 
I-wo-nusi. 


X 


h    ^  M  T  7"  »j  ^\!.^  ^  ü  ^  ij 

-^    )\  B  y  h  ^  ^  /  h  IV  °  M 

^)    '^  ^)  A  P  ^  ^  ^  "t  -  Jt^.  ^ 

Ä  )V  y  t    ^  ^v  ly  -^  X  ^  + 

^  °  °  ^  M  U  ^  y  "t  y"  U 


Kami-u(i-dzuki-)io  toico-ka  hakari,  kuma-no-je  mode-keru-ni, 
ßto-hito  moro-tomo-ni  nado  iü  mono  ari-kere-do,    iocu/a  kokoro-ni 


10  Pt'izmaier. 

ni-taru-mo  na-kari-kere-ba,  tada  siuobi-te  dö-si  ßtori-site-zo  mbde- 
kevH;  mi-ja-ko-jori  idzuru  fi-ni,  ja-fata-ni  modete  toviari-nu. 

Indem  er  sich  am  zelmteii  Tage  des  götterlosen  Monats 
(des  zehnten  Monates  des  Jahres)  nach  Kuma-no  begab,  be- 
fanden sich  Menschen  in  seiner  Gesellschaft.  Da  jedoch  keiner 
war,  der  ähnlichen  Sinnes  mit  ihm  gewesen  wäre,  trat  er  nur 
insgeheim  zu  gleicher  Zeit  allein  die  Reise  an.  An  dem  Tage, 
wo  er  von  der  Hauptstadt  auszog,  begab  er  sich  zu  dem  Berge 
der  acht  Fahnen   und  weilte  daselbst. 

»j   n  )^  ^  y  )v  M  ^  7"  y 

h   K\^   ]y     °    7s    U    ^    ^     °     y 

Sono  Jo  fsiiki  omo-sirbte,  matsu-no  ko-zu-e-ni  kaze  suzusi- 
ku-te,  musi-no  ko-e-mo  slnohi-jaka-ni ,  slka-no  ofo  faruka-ni 
kikojn,  tsune-no  sumi-ka  naranu  kokovo-ne-mo ,  jo-no  fukezu-ni 
mvare-narif  ki-nt  kakare-ba  kami-mo  sumi-tamb  nameri-to  omoi-te. 

In  diesei'  Nacht  schien  der  IVIond  lieblich,  von  den  Wipfeln 
der  Fichten  wehte  der  Wind  kühl,  der  Laut  der  Insecten 
ertönte  leise,  und  die  Stimme  des  Hirsches  ward  in  der  Ferne 
geh'irt.  Bei  dem  Gedanken,  dass  dieses  sein  gewöhnlicher 
Wohnsitz  nicht  sei,  empfand  er,  indess  es  in  der  Nacht  nicht 
spät  wai-,  Trauer.  Als  ihm  dieses  lästig  war,  dachte  er,  dass 
auch  die  G«>tter  hier  wohnen   und   verkosten. 

Verse  : 

^  y   y"  '7  ^^  m  ift  ?L/  Üj  4^  t  -=^  :? 
)\'^t7y-^^^y'V^^ 

Koko-ni-si-mo  loaki-te  ide-karu  isi-kijo-midzu  kami-no  kokoro- 
100  kumi-fe  sira-baja. 


Die  Wanderung  eines  .iapanischeu  Bonzen.  1  1 

Das  hier  sprudelnd  hervurkonimt,  das  reine  FolsenMasser, 
es  wird  das  Herz  der  Götter,  mit  dem  es  verbunden  ist,  kennen. 

i-  u  D  V  :^  H  H  y 
IV  y"  ^  M   °    "l^  y  ^ 

T    °     °    —    ^    ji    ^   ^ 

^  y  A  h  )^  ^  -  0 

r  ^  ii  ^  )v  '^  °  ^ 

^  ^j  "^  "t  t  y  ^  ^ 

y  {  t  i^  -Y  ^  ^  7 

Sore-jori  futa-ka-to  m  fi-no  jü-gure-ni,  stimi-josi-ni  mhde- 
ts)(ki-nu,  mlre-ba  fanika-7taru  timi-mte  ito  omosirosi,  minami-ni- 
wa  e  nagarete,  midzu-tori-no  sama-zania-naru  asohu,  ama-no  ije- 
ni-ja  aran,  asi-gaki-no  ja-no  ito  tsi-isaki  to-mo  nri. 

Zwei  Tage  später,  in  der  Abcnddämmerunäj;  gelangte  er 
nach  Sumi-josi.  Als  er  liinblickte,  war  das  ferne  Meer  sehr 
lieblich.  Im  Süden  floss  der  Strom,  und  Wasservogel  allerlei 
Art  vergnügten  sich.  Es  mochte  in  dejn  Hause  des  Himmels 
sein.  Das  Haus  der  Schilfwände  hatte  auch  eine  sehr  kleine 
Thüre. 

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^  S   '^    ^    \    ^^   )^   ^  ly 

Aki-no    na-gori  ju-gure-no    sora-no  ke-siki-mo,  tada-narazK 
ito  aware-nari,  mi-jasiro-ni-iüa  soko-mo  mijezu,  iro-iro  sama-zama- 


12  Pfizniaier. 

narii  moniiclzi  tairi-tt ,  fiiju-gomori-tari ,    kib  nado  jomi-goje-site 
ßto  sirezu  kakit  onio. 

Das  Ang-esicht  des  Himmels  der  zurückgebliebenen  herbst- 
lichen Abenddämmerung  war  ungemein  traurig.  Der  Boden 
des  Feldes  des  göttlichen  Altares  war  nicht  zu  sehen.  Ahorn- 
bäume von  verschiedener  Farbe  und  Gestalt  waren  zerstreut 
und  winterlich  verborgen.  An  dem  Tone  des  Lesens  der  hei- 
ligen Bücher  wurden  die  Menschen  nicht  erkannt.  So  dachte  er. 

Verse : 

y  )v   \L   J   t  ^  y  ^ 
ffi  ^  ^  »  y   n  ^  u 

Toki-kake-tsii  koromo-no  tama-iva  sumi-ao  je-no  kand-sabi- 
ni'keru  matsu-no  ko-zuje-uL 

Die  Edelsteine  des  Kleides  des  Siegesliedes  sind  auf 
den  Gipfeln  der  Fichten,  welche  die  Ruhestätte;  des  Gottes  von 
Snmi-no  Je. 

3   t  ^7i'  y  t^  ly  n  ^  ^  ^ 
y'^Ft^t^-n-y't   =   7 

Kakii-te  jasiro-jasiro-ni  sofurai-te  inori-mosi  jo,  kono  jo-iva 
iku-htdai-ni-mo  arazn,  midzu-no  aioa  kusa-no  tstiju  jon-mo  faka- 
nasi,  saki-no  jo-no  tsumi-ioo  forohosi-te,  jiiknsu-e-iio  ho-dai-ivo 
toran-to,  omoi-fanheni  kokoro-hnkote,  jo-too  itn  koto  omoi-woko- 
tarazu  aran-ni  jori-te  nari. 


Die  Vv';iniloruiig  eines  japanischen  Bunzeu.  1 ,"} 

Somit  diente  er  von  Altar  zu  Altar,  und  sein  Gebet  war 
von  folgender  Art:  Diese  Welt  ist  nicht  so  viel,  sie  ist  halt- 
loser als  der  Schaum  des  Wassers,  der  Thau  der  Pflanzen. 
Indem  ich  tiefen  Sinnes  daran  denke,  wie  ich  die  Schuld  der 
fi-iUieren  AVeit  tilg-e,  das  Heil  der  übrig-en  Jahre  empfange, 
bleibe  ich  dabei,  dass  ich  in  Gedanken  nicht  .versäumen  werde, 
die  Welt  zu  verschmähen. 


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^    U    ^    ^  '^'  U    t^    9  ^  "^ 

Neguvmku-wa  wäre  faru-xoa  fana-ioo  mi^  aki-toa  momidzl- 
ico  miru-to-mo,  niwoi-ni  fvre,  iro-ka-ni  me-de-tsuru  kokoro-naku 
asita-no  siku  jCt-ito  fsuki-ioo  miru-to-mo,  se-ken-no  faka-naki 
koto-wo  wosije-tamaje. 

Möchte  ich  doch,  wenn  ich  im  Frühlinge  die  Blumen 
sehe,  im  Herbst  den  Ahorn  sehe,  nicht  die  Absicht  haben,  mit 
ihrem  Duft  in  Berührung  zu  kommen,  ihrer  Farbe  mich  zu 
freuen.  ^Mögest  du,  wenn  ich  die  Breitung  des  Morgens,  den 
Mond  des  Abends  sehe,  die  Haltlosigkeit  der  Welt  mich  lehren. 

Verse :  ^ 

A^)VJ:Xn:yt9 

Jo-no  naka-ioo  itoi-sute-ten  notsi-wa  tada  sumi-no  je-ni  aru 
matsu-to  tanomamu. 

Ich  werde  der  Welt  entsagen^  sie  verwerfen  und  sodann 
blos  auf  die  in  Sumi-no  Je  stehenden  Fichten  mich    verlassen. 

^  ^  ^  T  7^  u  y  in  i-  y 


14  Pfizmaier. 

Idzumi  naru  si-no  da-no  mori-nite,  aru  ja  aru-besi. 
In  dem  Walde    von    Si-no  Du    in  Idzumi   mochte  es  sich 
so   verhalten  : 

Verse : 

Waga  omofu  koto-no  sigeki-ni  kurahure-ha  si-no  da-no 
mon-no  tsi-je  fa-mono-ka-tca. 

Bei  der  Mannigfaltigkeit  meines  Denkens,  wenn  ich  einen 
Vergleich  ziehe,  sind  es  da  wohl  die  tausendfachen  Schwert- 
spitzen des  Waldes  von  Si-no  Da? 

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Ki-no  kuni-no  fnki-age-no  fama-ni  tomareru,  tsvki  ito  omo- 
sirosi,  kono  fama-ioa  ten-nin  tsune-ni  kndari-te,  asobv-to  i-i-tsn- 
taja-tarn  tokoro  nari,  geni  su-mo  ito  omo-sirosi,  ko-joi-no  sora- 
mo  kokoro-hoso  atvare-nari. 

Er  war  an  dem  Meerufer  Fuki-age  in  dem  Reiche  Ki-i 
eingekehrt,  und  der  Mond  schien  sehr  lieblich.  Dieses  Meerufer 
ist  der  Ort,  von  dem  überliefert  wurde,  dass  die  Himmels- 
menschen gewöhnlich  zu  ihm  herniedersteigen  und  lustwandeln. 
In  der  That  ist  der  Werder  sehr  lieljlich.  Der  Himmel  dieser 
Nacht  war  in   Verzagth<Mt  traurig. 


Die  Wanderung  eines  j:i panischen  Bonzen.  15 

°   t  ^  S  —   °   ^  n  )\  ^  y 

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v^^^y^yyub- 

Jo-no  fnkezu  mama-ni  kamo-no  uwa-ki-no  simo-ivo  ntsi-faro 
kaze-vio  sora-sahisiute,  tatsn  famika-nite  tomo-ivo  john  koje-mo, 
sara-ni  iü-heki  kata-mo  no  aioare-nari. 

Während  es  nicht  spät  in  der  Nacht  war,  war  in  dem 
Winde,  der  den  Reif  der  schwimmenden  Lnft  von  Kamo  weg- 
fegte, der  Himmel  einsam,  in  der  abgeschnittenen  Ferne  war 
der  Ton  des  Rufens  der  Gefährten  wieder  unaussprechlich 
traurig. 


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Sore  nnranu  sama-zama-no  tori-domo,  amata  sn-saki-ni-mo 
mnra-garete  nakti-mo.  kokoro-naki  mi-ni-mn  mcare-narn  koto  ka- 
c/t7'i-nasi. 

Allerlei  Vögel,  welche  dieses  nicht  waren ,  sammelten 
sich  auf  den  vielen  Werdern  und  Vorgebirgen  in  Scharon  und 
sangen.  In  seinem  unschlüssigen  Selbst  war  die  Traurigkeit 
grenzenlos. 

Verse : 

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y^^^y'^mry 

Woto-nie  kon  ama-no  fa-gornmo  fiki-tsurete  mnbe-mo  fuge- 
i-no  ura-ni  orm-ran. 


\{j  Pfizmaiei. 

Indess  das  jung-c  Mädclieu  das  gefrorene  Kleid  des  Him- 
mels mit  sich  zieht,  wird  es  geziemender  Weise  an  der  Bucht 
von  Fuge-I   verweilen. 

y  T  i^   ^  u,  -^  ^  y 


T.suki-vo  vmi-no  omo-ni  /adoreri(-wo,  nmni-no  sildri  arb-ico 
mite. 

Er  sah,  wie  der  Mond  auf  der  Oberfläche  des  Meeres 
einkehrte,  die  Wellen  unablässig  ihn  wuschen. 

Verse : 

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Tsiiki-ni  naml  kakaru  ori  mata  ariki  jado  fvge-i-no  ura- 
no  ama-ni  towa-baja. 

An  dem  Monde  hängen  die  Wellen,  das  Einkehrhaus, 
wo    er   weilt    und  auch    wandelt,    die  Bucht    von  Fuge-I,    wird 


leider  den  Himmel  befragen. 


^    9    3    i-    n    h   m 

Nami  ito  aware-naru  josi-vjo  mata. 

Die  Wellen  waren  darum  sehr  traurig.  Ferner : 

Verse : 

^'t)V7An^3llt 

Nami-ni-mo  are  kakaru  jo-no  mata  ara-ba  koso  mukasi-iuo 
sireru  fama-mo  kotaje-me. 


Die  Wanderung  eines  japanischen  Bonzen.  17 

Wenn  die  Nacht,  die  durch  die  Wellen  öde  wird,  nur 
noch  vorhanden  ist,  wird  das  Meerufer,  das  die  Ver^ang'enheit 
kennt,  Antwort  geben. 

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ly    P    y     °     W    ^    ^^     °     ly    ~   -t 

Fuki-age-no  fama-nl  tomarern.j  jo  fukfiku  soko-ivo  tatsn-ni, 
nami-no  tako  mijure-ha. 

Er  war  an  dem  Meerufer  von  Fuki-age  eing-ekehrt.  Tief 
in  der  Nacht  erschienen,  indem  sie  abseits  sich  erhoben,  die 
Wellen  hoch. 

Verse : 

)v  y  ^  ^  )v  '$,  ^  ^  7  % 
y^yzLirn-y^ky 

Ame-no  to-wo  fnki-age-no  fama-ni  tatsu  nami-wa  joru  saje 
mijuru  mono-ni-zo  an-keru. 

Die  sich  erhebenden  Wellen  an  dem  Meerufer  des  Empor- 
blasens  der  Thüre  des  Himmels,  es  geschah,  dass  sie  in  der 
Nacht  immer  nur  sichtbar  w^aren. 

T     9     1J     ^     T     ^     ty 

zy   IV  ^    y 

Sisi-no  se-jama-ni  ne-taru  jo,  sika-no  naku-wo  kiki-te. 

In  der  Nacht,   wo  er   auf  dem  Berge    des  Hirschrückens 

schlief,  hörte  er  die  Hirsche  brüllen. 

'  .       '\        \ 

Verse: 

A^^y^y^)y^p 
ymT7\U-jLAU 
y^ty-ay^ij^v 

Sitzb.  d.  phil.-hist.  Cl.  LXVIII.  Bi.  1.  Htt.  2 


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Jg  Pfizmaier. 

Ukare-semu  t.mma-no  jukari-m  se-no  jama-no  na-ioo  tadzu- 
nete  ja  sika-mo  nakii-ramii. 

Wenn  mau  Lei  dem  Wandel  der  künftig  herumscliwei- 
fenden  Gattin  den  Namen  des  Rückenberges  sucht,  werden 
die  Hirsche  brüllen. 

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^    t^    r    ^    ^    ^    "^ 

Iioa-siro-no  no-ni  ne-taru-jb,  aru-jo  aru-besi. 
Wie    er    auf    dem   Felde    von    Iwa-siro    schlief,    wird    es 
Thatsache  sein : 


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hca-siro-no  mori  tadzunete-to  kaase-haja  iku-jo-ga  matsu-toa 
musiih  i-fazime-si. 

Dass  er  den  Wald  von  Iwa-siro  gesucht,  wird  er  leider 
sagen.  Die  Fichten  mehrerer  Geschlechtsalter  haben  angefangen. 
Flüchte  zu  trafen. 


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b    D    2>    :/    vi   :^ 

Tsika-no  ura-ni  ko-isi  firö  tote,. 

Was  das  Auflesen  kleiner  Steine  an  dem  nahen  Meerufer 
betrifft : 

Verse : 

^  -^  ^  y  n  M    ^-fe-^y 

Utsu    nami-ni    makasete-ioo    min    wäre  ßrofu  fama-ma-no 
kazv.-ni  ßto-vio  manarazi. 


Die  Wanderung  eines  japanischen  Himzen.  1  \) 

Was  man   den    schlag-enden  Wellen    vertraut,  wei'de    ieli 

sehen,    ich    lese    es    auf.     Die  Zahl    zwischen    den  Meerufern 
übertreffen  die  Menschen  nicht. 


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)L/  i^  y  ^  ^  ^  t:^  lo  [^  ° 

Mina-hn-no  fama-ni  siri-tavu  fito-no  mi-jamn.  jori  kajeru-nl 
ai-nu,  onaziu-ioa  moro-tomo-ni,  mbde-tariiaje-kasi-fo  ije-ha,  Icajeru 
00  sinohi-te,  mosi-tamb-koto-mo  koso  are-to  ije-ha,  i-too-nusi  nani- 
koto-ni-ka  aran,  mono-utagai  fadziimi-unari  tote,  firoi-taru  kai- 
100  te-ma  sayuri-ni  nage-jari-tare-ha,  mono-aragai-to  masaru  naru. 

An  dem  Meerufer  von  ]VHna-be  traf  ein  bekannter  Mensch, 
indem  er  von  dem  erhabenen  Berge  zurückkehrte,  mit  ihm 
zusammen.  Jener  sag-te:  Mögest  du  zugleich  und  in  meiner 
Gesellschaft  hinziehen.  —  Der  zurückkehrende  Mensch  that 
geheimnissvoll  und  sprach:  Es  geschehe  nur,  was  du  gesagt 
hast.  —  AVeil  I-wo-nusi,  durch  irgend  etwas  bewogen,  zwei- 
felte und  seufzte,  befühlte  Jener  eine  autgelesene  Muschel 
zwischen  den  Händen  und  warf  sie.  Die  abschlägige  Antwort 
hatte  den  Sieg  davongetragen. 

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Ko-na  aragai-tamo-tote,  kb-na-no  kara-ioo  nage-okose-tari, 
mata  nami-ni-mo  ukabi-te  utsi-joseraruru-wo,  kare  mi-tamaje  iri- 
imru  iso-no-to  ije-ba,  kajerv  fito  kobicru  fi-wa-to ,  kokoro-ari- 
kmvo-ni  ije-ha^  an-ziu-kimia-no  onodzukara-to  ije-ba,  ura-ni-wa 
fama-jü-to  irafuru-ni,  kasanete  dani  nasi-to  koso-to  ije-ba,  kajeru 
fito  naka-naka-ni  tote. 

Um  so  eine  abschlägige  Antwort  zu  geben ,  hatte  er 
eine  solche  Muschelschale  geworfen.  Diese  schwamm  ferner  | 
auf  den  Wellen^  und  als  sie  herangetrieben  wurde,  sprach 
Jener:  Siehe  dort!  Es  ist  das  Ufer,  wo  sie  eintritt.  —  Der 
zurückkehrende  Mensch  sprach  mit  zuversichtliche)-  Miene : 
Es  ist  der  Tag,  der  mir  schmeichelt.  —  Jener  sprach :  Der 
Uferdamm  von  An-ziu  selbst.  —  Er  willigte  ein  mit  den  Worten : 
An  der  Bucht  die  Baumwolle  des  Meerufers.  —  Jener  sprach 
allein :  Nur  wiederholt  ist  nichts.  —  Der  zurückkehrende  Mensch 
bejahte  es. 

Verse : 

T.yvr^yAn^'^ 
0  V  Y  )\  ^  V  p  y  '$,  1^^ 


Die  Wanderung  eines  japanischen  Bonzen.  21 

Mo-shoo-gnsa  nami-ica  ndzwnn-to  udzume-dhmo  ija  araware- 
)n  arawarenu-meri. 

Die  Salzpflanze  des  Hornblattes ,  wenn  die  Welle  sie 
begräbt,  immerhin  sie  begräbt,  indem  sie  zu  sichtbar,  scheint 
es,  ist  sie  nicht  sichtbar. 


•7 


Z>  ^  ^  ^  7|l  ^     /-?/v)-»?f.s/  knjcsi. 
Die  Entgegnung-  I-wo-nusi's. 
Verse : 

A    ly   t^   X    ^   ^  )V  ^    ^    ^ 
y    h    "    i-   y   7.   3  m  ^ 


Mi-kuma-no-no  ura-ni  ki-josiirii  nnre-ginii-no  naki  nn-tvo 
susugu  fodo-tn  siranamn,. 

Des  an  der  Bucht  von  Mi-kuma-no  ankommenden  feuchten 
Kleides  vernichteten  Namen  in  wie  fern  man  reinwäscht,  wird 
man  wissen. 

tyy^^-iJL)v^v 

^  7  ^  ¥^  V  \L    ^  ^^  y"  ^ 
p^^)y~y'^yht 

7  j.    y"  ^   h  ^  ^  h    i   y 


~  ^  7  ^    ^)    y.  'ff-  y    n  i- 

^    2>   21/   X    °    y«  7    °    ;^ 

-  ;<  T  °  S  y  u  jg  ^ 

^  ~   ^  y  u  ^   °   ^  y 
^   °  ^^  ^  y  "^  T  ^  )\ 

Nado  i-l-te  tatsi-mi,  sara-ha  mi-ja-ko-nite-to  ije-ha,    an-ziii 
osafuru   sode-no-to    irafure-hri,    ana-Jnjnsi-ja,    uki-se-no    jnma-vi  / 
nado  i-i-fe  tatsi-nu,  joru  firo-no  mina-to-ni  tomar'i-)vi^  ki-no  mn- 


22  Pfizmaier. 

to-ni   faicaso-no  momidzi-site ,    kvori   tsuktiri-te    iri-fvsi'nuru-ni, 
jo-)w  ßiJairu  mama-ni  si-gu7'e  isogasiu  furu-ni. 

Indem  er  so  sagte,  erhob  er  sich.  Er  sprach:  Lebewohl! 
In  Mijako.  —  Jener  bejahte  mit  den  Worten:  Der  Aermel, 
den  der  Vorgesetzte  der  Hütte  niederdrückt.  —  Es  ist  sehr 
vortrefflich!  Auf  dem  Berge  der  schwimmenden  Stromschnelle. 
—  Indem  er  so  sagte,  erhob  er  sich.  In  der  Nacht  hielt  er 
an  der  breiten  Wasserthüre.  Er  baute  an  dem  Stamme  eines 
Baumes  aus  dem  Ulmenahorn  eine  Hütte,  trat  ein  und  legte 
sich  nieder.  Als  es  spät  in  der  Nacht  war,  fiel  ein  Platzregen 
mit  Hast  hernieder. 


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Itotosiku  nagekaslki  jo-ioo  kami-na-dzuki  jen-no  ma-ni-mo 
furu  si-gure  ka-na. 

O  sehr  geliebte,  begehrungswürdige  Welt !  In  dem  götter- 
losen Monate  ist  auch  in  dem  Inneren  des  Lusthauses  ein 
Platzregen,  der  niederfällt.  I 

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^  ^  ^  ij  w^  ^  y  ~  y  \U 

Mi-jama-ni  tsttkii  fodo-ni,  ki-no  moto-goto-ni  ta-muke-no 
kamt  oioo-kare-ha,  midzn  nomi-ni  tomam  ja. 

Da  es  bei  dem  Eintreffen  vor  dem  erhabenen  Berge 
unter  jedem  Baume  viele  speiscreichende  Götter  gab,  war  es 
eine  Nacht,  in  der  er  nur  bei  dem  Wasser  einkehrte. 


Verse : 

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Die  Wanderung  eines  japanischen  Bonzen.  '21} 

Jorodzu  jo-no  kamt  te-u  kami-ni  ta-nmke-si-tsn  omoi-fo 
omi)fn  hoto-va  narl-nan. 

Man  reichte  den  Göttern,  welche  die  Götter  der  zehn- 
tausend Geschlechtsalter  genannt  werden,  Speise.  Das  Nach- 
denken und  Sinnen   entsteht. 


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äore-jori  mi-ka-to  iü  fi,  ml-jama-id  tnuki-iiu,  koko  kasiko 
meguri-te  mire-ha,  an-zit-domo  ni-san-ßaku  hakarl,  tvono-ga  omoi- 
omoi-ni  si-faru  sama-mo  ito  okasl,  sitasiü  siri-taru  fito-no  moto- 
ni  iki'tare-ha,  mino-ioo  kosi-ni  fusuma-no  jo-id  site,  maro-ne-tri 
ne-tari,  jnja-tn  ije-ha  odoroki-te^  tokn  iri-tamaje-to   i-i-te  ire-tsu. 

Drei  Tag'e  nachher  kam  er  auf  dem  ci-haljenen  Berge 
an.  Als  er  hier  und  dort  herumging-  und  hinblickte,  waren 
daselbst  zwei  bis  dreihundert  Hütten.  Die  Weise,  Avie  er  sich 
nachdenklich  benahm,  war  sehr  lächerlich.  Als  er  zu  dem 
Wohnsitze  eines  von  ihm  genau  gekannten  Menschen  ging, 
warf  er  den  Strohmantel  nach  Art  eines  Mantels  über  die 
Hüften  und  legte  sich  geradezu  schlafen.  Er  rief:  Gut!  — 
Jener  erschrack  und  sagte:  Mögest  du  schnell  einti-etcn.  — 
Hiermit  Hess  er  ihn  eintreten. 


24  Pfizmaier. 

Owon-aruzi  sen  tote,  isi-faziki  ke-no  owoki-sa  naru,  imo-no 
kasira  wodori-idete,  Ja-ka-sii,  kore-zo  imo-no  fawa-to  ije-ha,  sa- 
fatsi-no  ama-saja  aran-to  ije-ha,  ßto-no  ko-ni  kvicase-me-to  i-ite 
sei-mei  siire-ha,  säte  kane-iite-ba  tni-do-je  ma-iri-nu. 

Weil  er  der  Gebieter  des  Festes  der  grossen  Zusammen- 
kunft sein  wollte^  sprang  in  dem  Bretspiel  ein  Yamknollen 
von  der  Grösse  des  Feldes  heraus  und  bildete  acht  Tage.  Er 
sagte:  Dieses  ist  die  Mutter  der  Yamwurzeln.  —  Jener  sprach: 
Es  wird  die  süsse  Schote  der  Schüssel  sein.  —  Er  sprach: 
Ich  werde  damit  die  Söhne  der  Menschen  speisen.  —  Dabei 
beschwoi-  er  den  Vertrag.  Als  endlich  die  Glocke  schlug,  begab 
er  sich  zu  der  Versammlung  in  der  erhabenen  Halle. 


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Kasira  ßki-tsufsmni-te  mino  ntsi-ki-tsntsu ,  koko-kasiko-ni 
kazu  slrazH  mode  atsnmari-te,  rei-si-fatete  makari-idzuru-ni  asu- 
wa  kami-no  jnmi-fari  maje-ni  todomaru-mo  ari. 


Die  Wandeiung  eines  japanischen  Bonzen.  25 

Er  wickelte  das  Haupt  ein  und  kleiidete  sich  in  den 
Stt'ohmantel.  Indem  er  hier  und  dort,  er  wusste  niclit  wie  oft, 
zusammen  hinging,  endete  die  Feier  und  er  trat  hinaus.  Vor 
dem  ersten  Mondviertel,  das  morgen  war,  hielt  er  inni;, 

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Rai-douo  naka-no  fdsi-no  moto-ni,  mivo  utsi-ki-tfiutsii  sinohi- 
jaka-ni  kawo  ßki-ire-tsutsu  ani-mo  ari,  nukadzuki-tara-ni  jomn- 
mo  ari,    sama-zama-ni   kiki-mk'nkn,    arawa-ni   sofo    kiku-mo  ari. 

Es  geschah,  dass  er  an  dem  Fusse  der  Treppe  der  Halle 
der  Verehrung  in  den  Strohmantel  gekleidet  war,  dass  er  ver- 
stohlen das  Angesicht  einführte.  Es  geschah,  dass  er,  mit  der 
Stirne  den  Boden  berührend,  Lieder  hersagte.  Es  geschah, 
dass,  wenn  etwas  auf  allerlei  Weise  dem  Ohre  zuwider  war, 
er  offenbar  es  äusserlich  hörte. 

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Kaku-te  safurafu  fodo-ni,  simo-tsuki-no  mi-fa-kb-ni  nari- 
nv,  fiono  ari-sama  tsime-narazu  moare-ni  totosi,  fa-ko  fatete-no 
asita-ni  am  fito  ko  i-i-wowosi-se-tari. 

Indem  er  dergestalt  Dienste  leistete,  wurde  es  das  im 
Reifmonate  stattfindende  Fest  der  acht  Erklärungen.  Dessen 
Begehung  war  von  ungewöhnlicher  Traurigkeit  und  ehrwürdig. 


26  P  fi  z  m  a  i  e  r. 

An    dem  Morgen,    wo    die    acht  Erklärungen    zu   Ende    waren, 
versuchte  sich  ein  Mensch  auf  folgende  Weise  in  Worten. 

Verse : 

Woroka-naru  kokoro-no  jami-ni  onatoi-tsntsn  uki-jo-ui  megii- 
ru  loaga  mi  fsurasi-na. 

Während  ich  in  der  Finsterniss  des  thörichten  Herzens 
getäuscht  werde,  bin  ich,  der  ich  in  der  vergänglichen  Welt 
umherziehe,  sorgenvoll. 

€  ^  y  ^Ci>   °    ,>, .  *  t  ^ 

I-wo-niisi-mo  kono  koto-ivo  matsu-nl,  db-sin-wo  fotoke-no 
cjotosi-to  omo. 

Indess  I-wo-nusi  auf  diese  Sache  wartete,  glaubte  er,  dass 
das  Herz  des  Weges  demjenigen  Buddha's  gleich. 

Verse : 

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Siro-taje-no  tsuki  mala  idete  terasanamu  kaki-naru  juma-no 
oku-ni  iru-to-mo. 

Der  1)lendend  weisse  Mond  wird  noch  hervorkommen  und 
leuchten.  Er  tritt  in  das  Innere  des  Gebirges,  das  eine  Mauer  ist. 

y"    ^     Y   )V    ^    =-     °     :7^ 

Maid  tosi-goro  ije-ni  tsnlmsem,  koto-wo  kuite. 
Ferner  bereute  er,    was    er  seit  Jahren  in  dem  Hause  zu 
Ende  gebi'acht. 


Uie  Wantleiuii!»  eines  japanischen  Bonzen  Zi 

Verse : 

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Tama-no  wo-mo  mnsuhv  kokoro-no  ura-mo  nakv  utsi-tokete 
iiomi  sugnsi-tsuru-ka-na. 

Die  Schnur  der  Edelsteine  hat  innerlich  nicht  die  Absicht 
zu  Icnüpfen.  Nur  gelassen  dringt  sie  durch  und  setzt  sich  fort. 

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Sate  safnyafu  fodo-ni ,  simo-tmki-no  fata-ka-no  fodo-no 
asu  maga-te  nan-tote,  wotonasi-gawa-no  tsura-ni  asohe-ha ,  fito 
Hibasi  safurai-tamaje-knsi,  knmi-mo  juriisi  kikoje-tamaivasi  nado 
iü  fodo-ni,  kasira  siroki  karasu  ari-te. 

Indem  er  endlich  diente,  vergnügte  er  sich,  weil  der 
morgende  Tag  um  die  Zeit  des  zwanzigsten  Tages  des  Reif- 
monats Unglück  hatte,  auf  der  Fläche  des  grossjährigen  Flusses. 
Die  Menschen  sagten  unter  anderem:  Mögest  du  nach  einiger 
Zeit  Dienste  leisten.  Die  Götter  erlauben  es  und  hören.  — 
Es  gab  um  die  Zeit  einen  Raben  mit  weissem  Haupte. 

Verse : 

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28  Pfizmaier. 

Joma-rjarasn  kasira-mo  siroku  nari-ni-ken  ivaga  hajeru- 
heki  toki-ja  ki-mi-ran. 

Der  Bergrabe  ist  von  Haupt  weiss  geworden.  Die  Zeit, 
wo  ich  zurückkehren  kann,  wird  wohl  gekommen  sein. 


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Äö^e  fito-no  muro-ni  iki-tare-ha,  fi-no  kt-ivo  ßto-no  taku-ga, 
fasiri-fatameku-ico  tori-te  mire-ha,  muro-no  aruzi,  kono  jama-wa 
fo-takv  fi-keM   ari-te ,  fata-fata-to-zo   mosu-to    ije-hn ,    taki   ko-e 
naran-to  i-ite  tatsi-nu,  säte  mi-fune-sima-fo  iü  su-nüe. 

Als  er  endlich  zu  einem  Hause  der  Menschen  ging, 
brannten  die  Menschen  den  Thujabaum,  wobei  sie  liefen  und 
lärmten.  Er  nahm  das  Holz  und  betrachtete  es.  Der  Wirth 
des  Hauses  sprach:  Aul"  diesem  Berge  befindet  sich  ein  ge- 
heimer Schlüssel  der  Räucherung,  und  man  meldet  es  iinter 
Lärm.  —  Jener  sprach :  Es  wird  das  Geräusch  des  Brennens 
sein.  —  Hiermit  erhob  er  sich.  Zuletzt  war  es  ein  Werder, 
der  „die  Insel  des  erhabenen  Schiffes"   hiess. 

Verse : 

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Jama-no  oni  tare  smuo  sasi-te  mi-fune-sima  kanu'-nn  fmnnri- 
ni  koto  josase-kenm. 


Die  Wanderung  eines  japanischen  Bonzen.  29 

Von  den  Dämunen  des  Berg-es  zeigt  eijier  mit  der  Stange. 
Bei  dem  Einkehrhause  der  Gotter  der  Insel  des  erhabenen 
.Scliiifes  bringt  er  die  Sache  an. 


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Ta-da-no  jama-no  taki-no  moto-nite. 

Es  war  unter  dem  Wasserfalle  des  Berges  Ta-da. 

Verse : 

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Na-ni  takahu  fajaku  jori-ki-si  taki-no  ito-ni  jo-jo-no  tsigi- 
ri-wo  nmsuhi-tsuru-ka-7ia. 

An  den  Faden  des  dem  Namen  nach  hoch  und  schnell 
herank(nnmenden  Wasserfalles  knüpft  man  die  Vereinbarung 
vieler  öeschlechtsalter. 

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Kono  jama-no  ari-sama ,  fito-ni  tü-heki-m  arazu  aware-nt 
totosi,  kajeru  tote  soko-ni,  kai  ßro  tote  sode-no  rmre-kere-ha. 

Das  Aussehen  dieses  Berges  war  auf  eine  für  die  Men- 
schen unaussprechliche  Weise  traurig  ehrwürdig.  Indem  er  bei 
der  Rückkehr  von  dem  Boden  eine  Muschel  auflas,   wurde  sein 

Aermel  benetzt. 

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30 


P  f  i  7,  m  a  i  e  r. 


Fudzi-goromo  nngisa-ni  josttru  utsu-se-gai  ßrofii  famofo-tva 
katau-zo  nure-kerii. 

Indess  man  das  Flachskleid  an  den  Strand  drückt  und 
die  liulilrückige  Muschel  aufliest,  wird  der  Aermel  überdies 
befeuchtet. 


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Kono  fama-no  ßto ,  fana-no  iwa-ja-no  moto-made  tsnki-nu, 
mire-ha  jagate ,  iwa-ja-no  jama  narn  naka-tvo  ugatsi-te,  kio-ico 
kome-keri-taru  nari-keri,  kore-wa  yni-roku-hut-no  ide-tamawan 
jo-ni,  tori-ide-tate-matsuran-to  suru  kio  nari. 

Die  Menschen  dieses  Meerufers  g'clang'ten  bis  zu  dem 
Fusse  des  Felsenhauses  der  Blumen.  Als  sie  hinblickten, 
durchbohrten  sie  sogleich  die  Mitte,  welche  der  Berg  des  Felsen- 
hauses ist,  und  legten  heilige  Bücher  hinein.  Es  sind  dieses 
die  heiligen  Bücher,  die  man  in  dem  Zeitalter,  wo  Mi-roku 
Buddha  hervorkommen  wollte,  zu  nehmen  und  auf  die  Reise 
mitzugeben  die  Absicht  hatte. 


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Dil?  Wanderung  eines  japanischen  Bonzen.  q1 

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Ten-nin  tsunt-ni  kudari-tK,  ku-jl»  .si-keru-to  iü,  ki-ni  mi- 
kere-ha,  kono  jo-ni  ni-tam  tokoro-ni-mo  urazu,  so-to-ha-no  koke- 
ni  utsu-viore-tarn  nado  uri,  kfd<noara-ni  wb-zi-no  iiva-ja-to  iü 
ari^  tada  matsu-no  kagiri  aru  jama  nari,  sono  naka-ni  ito  koki 
momidzi-domo  ari^  onuke-ni  kaml-no  jama-to  mijit. 

Als  er  mit  dem  Geiste  den  Ort  sah^,  von  dem  man  sagte, 
dass  die  Himmelsmenschen  gewöhnlich  zu  ihm  herabgestiegen 
und  Pflege  angeboten,  war  es  kein  Ort,  der  dieser  Welt  glich. 
Es  war  etwas,  das  von  dem  Moose  von  So-to-ba  hohl  erfüllt 
worden.  Zur  Seite  befand  sich  das  sogenannte  Felsenhaus  des 
Königssohnes.  Es  ist  der  Berg,  der  blos  die  Grenze  der  Fichten 
hat.  Auf  dessen  Mitte  befinden  sich  sehr  liebliche  Ahornbäume. 
Gegenüber  sieht  man  den  Berg  der  Götter. 


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Nori-no  komete  tatsa-no  tsubasa-ioo  matsu  fodo-wa  aki-no 
na-gori-zo  fisasi-kan-kevK. 

Indess  ich  die  Vorschrift  einbringe  und  auf  die  Schwingen 
des  Drachen  warte,  ist  es  längst  das  Ende  des  Herbstes  ge- 
worden. 

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Jü-fi-ni  iro  masari-te  irni-sikit   wokasl. 

In  der  Abendsonne  herrschte  die  Farbe  vor,  und  ci  über- 
trat vielfältig.  '' 

Verse ; 

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32  Pfizmaier. 

Kokoro-aru  ari-ma-no  nra-no  ura-kaze-wa  waki-te  M-no  fa- 
mo  nokosu  ari-keri. 

Der  beherzte  Buchtwind  der  Bucht  von  Ari-ma  theilt  und 
lässt  die  Blätter  des  Baumes  übrig-. 

7"  ^  9  ^  p  ^  »;  y  % 

Ten-nin-no  ori-te  ku-jb-si-keru-wo  omoi-te. 
Er  p-edachte,    dass  die  Himmelsmenschen    verweilten   und 
Fliege  angedeihen  Hessen. 

Verse : 

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Avia-fsu  fito  nomvo-wo  nadzurn  tamoto-ni-ja  nori-no  tsiri- 
wo-ha  titsi-fai 'afu-i -amu. 

Die  Himmelsmenschen  werden  mit  dem  die  Felsenwände 
berührenden  Aerniel  den  Staub  der  Vorschrift  w^egfegen. 

n  y  y  o  2>  y  ^  -f  t  )^  K  H 
y\)'^pi^^h^y  + 
^  -y  M.7  ^m^v  =.  y  ^  % 

Jo-so-tsimari  kokono-tsti  in-no  itoa-ja-no  moto-ui  itaru  jo, 
juki-no  hnlHtü  fnri^  kaze  wari-nakv.  fuke-ha. 

In  der  Naclit,  wo  er  an  den  Fuss  des  Felsenhauses  der 
neun  und  vierzig-  ummauerten  Gebäude  kam,  hei  »Schnee  in 
Menge,  und  der  Wind  blies  unaufhörlich. 

Verse : 


Die  Wanderung  eines  japanischen  Bonzen.  33 

Ura-kaze-ni  icaga  loke-goromo  fosi-icabi-^e  mi-ni  furi-tsu- 
morn  jo-naka-no  jukl-ka-na. 

lu  dem  Buchtwind  indess  ich  mein  Mooskleid  trockne 
und  laut  bete,  häuft  sich,  an  dem  Leibe  niederfallend,  der 
mitternächtliche  Schnee. 


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Tate-ga  saki-to  in  tokoro  ari,  kari-no  tatakai-si-taru  tokoro 
tote,  tate-tco  tsui-taru  Jb-naru  iivaioo-domo  ari. 

Daselbst  befindet  sich  ein  Ort,  der  das  Vorgebirge  der 
Schilde  heisst.  Da  es  ein  Ort  ist,  wo  zum  Scheine  gekämpft 
wird,  gibt  es  Felsenwände,  die  aussehen,  als  ob  Schilde  an- 
gelegt wären. 

Verse : 

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Utsii-nami-ni  mitsi  kuru  siwo-no  tatakafu-ivo  tate-ga  saki- 
to-wa  iü-ni-zo  ari-keru. 

Dort  wo  in  schlagenden  Wellen  die  voll  herankommende 
Salzfluth  kämpft,  hat  man  den  Namen  des  Voi'gebirges  der 
Schilde  gegeben. 

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SiUb.  (1.  i.bil.-hist.  Cl.  LXVIll.   Ud.  1     1111.  3 


34  Pfizraaier. 

I-se-no  Jami-nite  siwo-no  fi-taru,  fodo-ni,  mi-watari-to  in 
fama-wo  sngimu  tote,  jo-naka-mo  oki-te  kuru-ni  mitsi-mo  mijene- 
ha,  matsu-hara-no  naka-ni  tomari-nu ,   säte  jo-no  ake-ni  kere-ha. 

Weil  in  dem  Reiche  Ise  die  Salzfluth  Ebbe  hatte, 
wollte  er  an  dem  Meerufer,  das  die  erhabene  Ueberfahrt  hiess, 
vorüberg-ehen.  Da  er  dess wegen  um  Mitternacht  nach  dem 
Gesetze  herankam  und  auch  der  Weg  nicht  sichtbar  war, 
kehrte  er  in  einem  Fichtenwalde  ein.  Endlich  war  es  um  Tages- 
anbruch. 

Verse : 

Jo-too  komete  isogi  tsure-domo  matsu-no  ne-ni  makura-ioo 
site-mo  akasi-tsuru-ka-na. 

Obgleich  die  Nacht  einschliessend  und  Eile  habend,  be- 
reitete er  sich  an  den  Wurzeln  der  Fichten  ein  Kopfkissen 
und  verbrachte  die  Nacht  bis  zum  Morgen. 


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Afv-saka  koje-sife  jasnmu  fodo-ni,  Juki  vtsi-ßo-i.  iiado  .^u, 
mono-no  kokoro-hoso-kere-ha ,  nara-no  jama-ni  tomari  namasi- 
mona-v-o,    lilzKfsl    fnfc    iaoyi-tsurau   nado    omo  fodo-ni,  ki-ai.-tdrit 


Die  WaiiJuiuiiu  eines  japiiiiiscbeu  Hoiizon.  3ö 

fito,  ikade  seki-ica  hoje-sase-tamai-tsurn-zo  n<ido  iü-ni  tsugete  lo 
ohoju. 

Indem  er  nach  dem  Ueberschreiton  der  Bcrgtroppo  ^'(m 
Atu  ausruhte,  schneite  es  heftig-.  Als  die  Wesen  zaghaft  wui'deu, 
kehrte  er  auf  dem  Berge  von  Nara  ein.  Indess  er  von  den 
rohen  Wesen  glaubte,  dass  sie  irgend  eines  Ortes  willen  Eile 
haben  würden,  sagten  ihm  die  begegnenden  Menschen,  wie,  er 
den  Grenzpass  übersciiritten  habe.  Sie  meldeten  es  und  er- 
innerten sich  auf  diese  Weise. 

Verse : 

Juki-to  miru  mi-no  nki  kara-ni  afn-saka-iio  seki-mo  ajenu- 
wa  namida  nari-keri. 

Was  ich  für  Schnee  ansah,  ist,  als  mit  des  Leibes  ver- 
gänglichem (lliederbaue  die  Bergtreppe  von  Afu  nicht  zusam- 
mentraf, zu  Thränen  geworden. 

tiftry  0  y"  -k  A  u  y  v 
7  ^  )\  t  ^  °   Y  -^  y  ^  ^ 

^  y  ^  z.  ^  -y  ly  ^  ^  ^^ 
Zy  ly  ^  IV  ^  h^^T^K 
■^   T  „^  -   ^    ^    ij    ^    °     ° 

^     o     »^     o     p    ^    ^    y    py 

^    7    t    h   r   ^    °     °7^ 

To  kolaje-iiu,  tsidsumi-no  moto-nite  kio-goku-vo  in-)io  fsiii- 
dzi  kiidzitre,  muma  ^(si  iri-fafsi  mnsume-domo  nado  kastivo  kite, 
koi-ku  utsi-arikii-wo  miril-ni,  koto-no  owase-si  toki  omoi-mcasera- 
rete^  nmco  jo-)io  naka  kanasi-ja  nado  omo. 

Dieses  antwortete  er.  An  dem  Fusse  des  Dammes  stürzte; 
die   Ringmauer  des  Klosters   von  Kio-goku.  Pferde   nud   b'iiulci- 


36  Pfiz  maier.    Die  Wanderung  eines  japanischen  Bonzen. 

traten  ein.  Als  er  sah,  wie  Mädchen,  mit  Sonnenschirmen 
bedeckt,  liebreizend  einherwandelten,  wm-de  in  seinen  Gedanken 
die  Zeit  zusammeng-efasst ,  wo  die  Sache  so  bleiben  würde, 
und  er  dachte  noch  mehr  darüber  nach,  wie  traurig-  es  in  der 
Welt  ist. 

Verse : 

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Ki-ni-zo  jo-wa  kamo-no  kawa-nami  tatsi-matsi-ni  futsi-mo 
se-ni  naru  mono-wa  ari-keri. 

Für  den  Geist  ist  die  Welt  das  Wallen  des  Flusses  Kamo. 
Plötzlich  geschieht  es,  dass  der  Abgrund  der  Wasser  zur  Strom- 
schnelle wdrd. 


IV 


Nado  miru  koto-no,  ki  kusa-ni  tsugete  iware-keru. 
Die  Ding-e,  die  er  sah,  wurden  den  Bäumen  und  Pflanzen 
gemeldet  und  so  ausgesprochen. 


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Schulte.    Summa  Decrpti  Lipsiensis.  37 


Die  Summa  Decreti   Lipsiensis   des  Cod.   9(Sß 
der  Leipziger  Universitätsbibliothek. 

Von 

Dr.  Joh.   Friedrich  Ritter  von  Schulte, 

ord.  Prof.  der  Rechte  in  Prag. 


1. 

L'er  Codex  niini.  ^(SH  in  Folio  der  Leipziger  Univ.  Bibl. 
träg't  auf  dem  alten  Vorsetzblatte  folg-enden  Vermerk : 

jAnno  domini  M.CC.XXXIX.    Theodericus    scriptor   civis 

hallensis  pro  remedio  an i nie  sue  hanc  sumniam  super  de- 

creta   domui    lipzen.    contulit    sub    hac    forma.     8i  aliqnis 

iiliorum  suorum  factus  adultus  in   studio    voluerit  operam 

dare  iuri.  libros  istos  recipiet  datis  domui  quinque  marcis.' 

Dass    dieser    Vermerk    1239    geschrieben    ist,    kann    nach    der 

.Schrift  keinem  Zweifel  unterliegen.     Auf   dem    zweiten  Blatte, 

erste  Seite  unten,  steht  von  einer  gleich  alten  Hand: 

jlibeR  fratruiu  predicatorum  in  lypzk.' 
Das  Pergament  ist  dick  und  ziemlich  gelblich;  das  Werk  um- 
fasst  289  (eigentlich  288,  denn  144  ist  übersprungen)  BLätter, 
endigt  auf  der  ersten  Seite  von  f.  289  mit  dem  :  ,E  x  p  1  i  c  i  t 
hoc  opus.^  Die  Schrift,  in  je  2  Columnen  mit  je  45  Zeilen 
gehört  dem  Anfange  des  XIII.  Jahrhunderts  an,  ist  sehr  leser- 
lich und  sauber;  die  Initia  der  Capitel  bez.  Citate  meist  roth 
unterstrichen,  die  Initialen  der  Capitelanfänge  abwechselnd  roth 
und  blau;  das  h  in  humanuni  von  Goldplättchen ;  selten  ist 
eine  Initiale  nicht  colorirt.     Es  fehlt  jede  Ueberschrift. 


Vorrede.  Sie  beginnt:   ,Omnis  qui  iuste  judicat,  stateram 
in   manu  gestat,    in    utroque    penso    misericordiam    et  justitiam 


38  Schulte. 

portal.  Haec  sunt,  quae  dignissimuin  tenent  locum  in  judiciis, 
quao  pulchrius  et  evidentius  apparent  in  judicibus.  Cum  his 
liabitis  qiii  lig-atur  nee  queri  possit  de  injustitia  nee  praeten- 
dere  indementiam.  His  duobus  si  tertiuni  adjimgatur  seil,  scien- 
tia  nihil  reprehensione  dig-num  üet  a  judieante,  euni  etiam 
instruitur,  quam  prudenter  singula  debent  inquiri  ante  senten- 
tiam'  eet.,  geht  dann  auf  die  Arten  der  Gesetze  ein,  setzt  zu- 
letzt auseinander  die  materia,  utilitas,  die  Eintheilung-  und  den 
modus  tractandi  des  Decrets.  Sie  ist  nach  der  von  Johannes 
Faventinus  g^earbeitet,  aus  welcher  sie  verschiedene  Stellen 
wörtlich  entnommen  hat. 

3. 

Pars  I.  endigt  auf  Fol.  84"  in  der  2.  Spalte  wie  bei  Joh. 
Faventinus  mit  den  Worten:  ,Hactenus.  exornatione  rheto- 
rica  utitur,  quae  dicitur  transitio ,  qua  continuantur  dicta  di- 
cendis  et  diccnda  dictis,'  Causa  I.  beginnt  sofort,  wie  bei 
Joh.  Fav.  nach  Ruiinus  mit  den  Worten:  ,Q,uidam  etc.  quia 
sunt  tria,  quae  ecclesiasticae  conditionis  religio  movetur  [lege: 
circa  quae  ecclesiasticae  religionis  conditio] :  ministeria,  ofhcio- 
rum  negotia,  rerum  sacramenta  spiritualium.'  Auf  Fol.  230'' 
hört  C.XXVI.  auf.  Die  Blätter  212 — 230  tragen  eine  andere 
Schrift;  sie  ist  viel  grösser,  mit  schwärzerer  Tinte,  lässt  oben 
die  Buchstaben  als  Pfeill)uchstaben  über  die  Linie  treten. 
Causa  XXVII.  mit  Fol.  231"  beginnend,  hat  die  Einleitung  von 
Joh.  Faventinus:  ,Juxta  duo  genera  hominum  duo  constat 
esse  genera  negotiorum ,  aliae  namque  causae  inter  clericos, 
aliae  inter  laicos  versantur'  .  .  .  C.XXXVI.  endigt  Fol.  270" 
erste  Spalte  mit  den  Worten :  ,  .  .  ut  videlicet  raptor  cum  rapta 
coniugio  copulantur  non  inter  sc  sed  cum  aliis  quamvis  et 
raptae  et  patris  i'aptae  sequatur  consensus.  ab  initio  enim  ra- 
pinae  eam  sibi  adeo  illicitam  fecit,  ut  postea  cum  ea  coutra- 
here  non  possit.^  Pars  III.  von  Fol.  270"— 289"  zweite  Spalte 
beginnt:  ,De  ecclesiarum  consecratione.  Jure  canonico  tripli- 
citer  regitur  ecclesia  dei  et  informatur,  ut  diximus  in  principio 
libri.  Docetur  .  .'  und  endigt:  ,significatio  id  est  signiticat 
spii'itum  sanctum,  id  est:  est  Spiritus  sanctus  significatus.'  ,Ex- 
plicit    hoc    opus.'      Der    Tractatus    de    poenitentia    hat 


Summa  Decreti  Lipsiensis.  39 

Fol.  255^  nicht    eine  ganze    Sj)tiltc  erhalten;   'es    wird    nui'  der 
Inhalt  der  Distinctionen  angegeben. 

Betrachtet  man  den  Umfang,  welchen  der  Apparat  zu  den 
einzelnen  Theilen  einnimmt,  so  ist,  wie  bei  Joh.  Faventinus 
und  den  meisten  Aeltern  der  Pars  I.  etwas  mehr  als  ein  Drittel 
zugewiesen,  der  P.  II.  etwas  über  die  Hälfte ,  dem  Eherechte 
etwas  über  ein  Siebentel  (Joh.  Fav.  ^j^),  der  P.  III.  etwas 
über  ein  Fünfzehntel,  während  Joh.  Fav.  ihr  nur  '/j^  einräumt. 


Fassen  wir  den  Charakter  des  Apparates  ins  Auge,  so 
darf  man  zunächst  sagen,  dass  er  zui-  Summa  des  Johannes 
von  Faenza  in  einem  ähnlichen  Verhältnisse  steht,  wie  diese 
zu  den  Summen  des  Stephan  von  Tournay  und  Rufinus. 
Wie  Johannes  diese  beiden,  am  meisten  Stephan,  so  sehr  be- 
nutzt hat,  dass  er  durchgehends  sein  Werk  denselben  wört- 
lich entnommen  hat,  indem  er  bald  ganze  Partien  abschreibt, 
bald  mit  der  Aufnahme  von  Sätzen  aus  ihnen  abwechselt ',  in 
gleicher  Weise  verfährt  diese  Summe.  Sie  entnimmt  ganze 
Materien  wörtlich  aus  der  des  J(jhannes,  insbesondere  jene, 
welche  allgemeine  Erörterungen  enthalten,  z.  B.  die  über  Pi-o- 
zess  C.  II.  q.  1.,  Dispensen  C.  IL  q.  7.,  Infamie  IL  q.  4., 
Appellation,  Arten  der  Sachen,  Präscription,  Patronat,  Sacrileg, 
die  Einleitung  zum  Eherecht,  die  Theorie  über  die  Berechnung 
der  Verwandtschaft  und  Schwägerschaft,  welche  6  Spalten 
(Fol.  258''— 260")  füllt,  die  Theorie  über  die  Materie  der  Sa- 
cramente  zu  C.  27.  q.  2.,  die  Erklärung  des  arbor  cons.  et  äff. 
u.  dgl.  m.  Ebenso  sind  unzählige  Ei'klärungen  einzelner  Ca- 
pitel  wörtlich  aufgenommen.  Man  darf  daher  behaupten :  was 
nach  irgend  einer  Richtung  in  der  Summa  des  Johannes  von 
Bedeutung  ist,  hat  er  entnommen,  so  dass  jene  durch  diese 
ziemlich  ersetzt  wird.  IMan  könnte  aber  im  Hinblicke  auf  die 
späteren  Erörterungen  und  den  bald  hervorzuhebenden  Um- 
stand, dass  er  Johannes  so  oft  anführt,  anzunehmen  versucht 
sein,    er    habe    Rufin    und    Stephan    unmittelbar    in    ähnlicher 


1  Dies  liat  zuerst  hprvnro-oliol)«!  Muas.sen  Peaucapalea  S.  11;  s.  ancli 
meine  Reclitshandschriftcn  S.  586.  Wie  selten  Johannes  seine  Quelle 
angibt,  beweisen  die  von  mir  a.  a.  0.  nachgewiesenen  Citate. 


40  Schulte. 

Weise  beniitzt,  als  Johannes.  Indessen  halte  ich  dies  für  nicht 
zutreffend,  aus  folgenden  Gründen.  Erstens  nimmt  er  oft  wört- 
lich alle  Erörterungen  zu  einer  Distinction  u.  s.  w.  auf,  wie  sie 
Johannes  hat,  was  für  diese  Theile  jene  Annahme  ausschliesst. 
Zweitens  ist  ihm  offenbar  die  Summe  des  Johannes  die  ste- 
hende Summe.  Dies  ergibt  sich  daraus,  dass  er  mit  sehr 
wenigen  Ausnahmen  die  Historiae  auslässt,  aber  jedesmal, 
wo  Johannes  eine  solche  hat,  darauf  mit  der  Bemerkung  ver- 
weist: ,Tangit  historiam',  wobei  selten  noch  etwa  die  Stelle 
der  Bibel  citirt  wird.  Solches  hatte  nur  einen  Sinn,  wenn  ein 
bekanntes  Werk  alle  diese  historiae  enthielt.  Das  war  eben 
Johannes  Summe.  Drittens  hatte  er  in  dem  ihm,  wie  sich 
zeigen  wird,  bekannten  Simon  deBisiniano  ein  Vorbild,  in- 
dem auch  dieser  die  Summe  des  Johannes  regelmässig  allein 
benutzt.  Zugleich  dürfte  dieser  Vorgang  beweisen,  dass  die 
Summe  des  Johannes  allmälig  vorzugsweise  als  eine  anerkannte 
Summe  galt.  Ein  Blick  in  des  Huguccio  Summe  lehrt  ein 
Gleiches.  Uebrigens  hässt  sich  annehmen ,  dass  unser  Autor 
Rufin  und  Stephan  gekannt  hat. 

5. 

Trotz  der  gleichen  Compilationsmethode,  die  man  heutigen 
Tages  als  eine  plagiatorische  bezeichnen  müsste ,  weicht  aber 
unsere  Summe  von  der  des  Johannes  bedeutend  auch  in  der 
Art  der  Aufnahme  ab.  Zwar  heisst  es  unzähligemalen  ,qui- 
dam  dicunt',  ,alii  dicunt',  wenngleich  das  Angeführte  wört- 
lich bei  Johannes  steht.  Aber  dieser  wird  nicht  blos  ein  paar- 
mal citirt,  sondern  nach  meinen  Notaten  auf  einundfünfzig 
Seiten  und  auf  vielen  wiederholt,  bald  blos  mit  ,secundum 
Jo.',  ,Jo.  dicit'  u.  dgl.,  bald  auch  ,in  summa  Jo.''.  Den 
Zusatz  Faventinus  habe  ich  nirgends  gefunden.  Weil  aber 
alle  Stellen,  zu  welchen  Johannes  angeführt  wird,  in  dessen 
Summe  stehen  (ich  habe  sie  sämmtlich  im  Cod.  Bamb.  P.  II. 
27  nachgesehen),  so  ist  ausser  Zweifel,  dass  mit  .To.  nur  Jo- 
hannes von  Faenza  gemeint  ist. 


1  z.  B.  zu  c.  1.  D.  1.  .qu;ie  habeiitur  in  summa  .Jo.'  fol.  8".  f.  SO".  ,ut 
in  summa  Jo.  dicitur.'  f.  252" ,  ,solutiones  tameii  ponuntur  in  summa 
Jdh'is", 


•Summa  Uecreti  Lir^iensis. 


41 


Von  Johannes  hat  er  aber  niclit  ])l()s  die!  Summe  g;ekannt, 
sondern  auch  dessen  Glossen.  Zum  Beweise  dafür  setze  ich 
aus  der  Summe  eine  Stelle  her  und  lasse  daneben  aus  einer 
Trierer  Handschrift  des   Decrets   eine  Glosse  abdrucken. 


Cod.  Lips.  986  fol.  löS''  : 
ad  c.  11.  fraternitas 
C.XII.  q.  2.  ,Jo.  di- 
cit  in  iiota  sua,  quod 
non  excludit  hie  poenas 
legitimas,  quae  conti- 
nentur  in  contrariis,  sed 
augmentum  quod  pe- 
tebant  quidam  in  re- 
compensationem  damni 
absentiae  rei  seil,  ut 
praeter  furti  poenam 
pro  sublatis  per  men- 
sem  equis  tantum  ec- 
clesiae  conferat,  quan- 
tum  commodi  per  idem 
tempus  eisdem  equis 
ecclesia  consequi  po- 
tuisset,  et  ita  ordinat 
litteram:  absit  ut  ec- 
clesia recipiat  cum 
augmento,  quod  aug- 
mentum videtur  terre- 
nis  rebus  amittere  per 
absentiamearum  rerum 
et  dam nis  seil,  tali- 
bus  lucra  quaerere, 
quia  hierum  usura- 
rium  esset.  Sed  haec 
expositio  non  videtur 
congrua/  j 

In  dei-  Summe  des  Johannes  steht  nichts   von    dieser  Er- 
örterung.    Uebrigens  sind  noch  verschiedene  Stellen  der  Glosse 


Cod.  Trevir.  906. 

jHinc  argue,  quod  legitimam  poenam 
dupli  vel  quadrupli  vel  quae  in  triphuu 
aut  novies  tantum  excrescit  ab  his  qui 
solvendo  sunt  exigi  noluit  secundum 
qualitatem  furti  nee  manifesti  vel  mani- 
festi  et  violatae  emunitatis  ecclesiasti- 
cae  vel  rapinae  vel  effracturae,  quae 
fit  in  locum  venerabilem  ut  obtinetur 
ex  his  cap.  supra  di  LXXXVIIII.  de- 
center  et  s.  C.  prox.  et  infra  XVII. 
q.  IUI.  quisquis.  Nee  obviat  quod 
sequitur :  absit  ut  ecclesia  etc.  ibi  enim 
non  removet  legitimas  poenas  sed  au- 
gmentum quod  petebant  quidam  in  re- 
compensationem  damni  et  absentiae 
rerum  seil,  ut  praeter  furti  prenam  pro 
sublatis  per  mensem  equis  tantum  ec- 
clesiae  conferat^  quantum  commodi  per 
idem  tempus  ex  eisdem  aquis  ecclesia 
consequi  potuisset.  Sic  constitue:  Ab- 
sit ut  e.  rec.  ea  quae  furto  eccle- 
siis  abstulerunt  cum  eo  subaudi  au- 
gmento,  quod  augm.  de  t.  re.  videtur 
am  it.  per  absentiam  seil,  earum  rerum 
et  damnis  seil,  talibus  lucra  quae- 
rere quia  usurarium  lucrum  esset.  Jo.' 


42  Schulte. 

des  Johannes  entnommen;  sie  einzeln    nachzuweisen    ist    offen- 
bar unnöthig  '. 

Merkwürdigerweise  gibt  sich  unser  Autor  trotz  der  colos- 
salen  Benutzung  von  Johannes  nicht  gerade  als  seinen  An- 
hänger zu  erkennen,  weil  er  ihn  nicht  nur  wiederholt,  wie 
schon  die  angeführte  Stelle  beweist,  kritisirt,  sondern  sich  in 
einen  gewissen  Gegensatz  zu  ihm  stellt,  wenn  er  sagt: 

zu  c.  29.  D.IV.  de    cons.    Fol.   283'\  ,ex    quibus    videtur, 

sicut  magistro  Jo.  et  sequacibus  suis.' 

C.  XXX.  q.  4.  Fol.  242"".  ,Jo.  et  eius  sequaces  dicunt 

ita.' 
Viele  Citate  bezwecken  lediglich  dessen  Meinung  zu  wider- 
legen, z.  B.  die  Fol.  80",  löS",  176''  und  die  drei  zuletzt  an- 
gefühi'ten  nebst  andern.  Mir  scheint,  das  öftere  und  ausdrück- 
liche Citiren  von  Johannes  hat  vorzüglich  darin  seinen  Grund, 
dass  er  solche  Stellen  als  dessen  eigene  Meinung  an- 
führt, Avährend  er  die  stillschweigend  herübergenommenen  als 
von  Anderen  herrührend  gewissermassen  als  literarisches  Ge- 
meingut ansieht.  Bei  vielen  Stellen  trifft  dies  unbedingt  zu, 
um  so  mehr,  als  eben  Johannes  den  grössten  Theil  seines 
Werkes  lediglich  conipilirt  hat,  ebenso  Ruiin  und  Stephan  aus 
Paucapalea  und  Rolandus  entlehnen.  Da  ich  aber  für  diesen 
Zweck  nicht  alle  Stellen  verglichen  habe,  noch  auch  ver- 
gleichen konnte,  indem  ich  nur  von  einigen  Werken  selbst 
gemachte  Copien  besitze,  die  anderen  nicht  mehr  zur  Hand 
habe,    will  ich  meine  Ansicht  nicht  als  eine  sichere  hinstellen. 

6. 

Neben  Johannes  ruhet  diese  Summe  vorzüglich  auf  der 
des  Gandulphus.  Wie  weit  aber  dieser  Canonist  dem  Autor 
Material  geliefert  hat,  kann  ich  nicht  sagen,  weil  dessen  Summe 
mir  bisher  nicht  bekannt  geworden   ist  und  ich  eben  so  wenig 


'  Maassen,  Beiträge  S.  27,  orwälint  schon,  dass  Cod.  lat.  Monac.  10244 
(Pal.  M.  244)  Glossen  des  Joh.  Fav.  enthalte  und  auch  Hnguccio  solche 
anführe.  Ich  kenne  verschiedene  Handschriften  des  Decrets,  welche  die 
Glosse  des  Joii.  Fav.  haben,  die  meisten  Cod.  Trevirensis  (Stadtbibl.) 
906,  mhr  Fol.  s.  XIII.,  dann  Banib.  P.  I.  16.  mbr.  Fol.  s.  XIII.  Er- 
sterer  ist  für  die  Glossen  des  Decrets  einer  der  wichtigsten;,  ich  habe  iiiu 
eingehend  untersucht. 


Snmina  Docroti  Ijipsiensis.  4o 

eine  Notiz  bei  anderen  üLer  sie  gefunden  habe.  Wohl  kenne 
ich  Ghissen  desselben  aus  verschiedenen  Handschriften;  diese 
genügen  aber  nicht,  um  hier  ein  Urtheil  abzugeben.  Sei  dem, 
wie  ihm  wolle,  der  grosse  Einfluss,  des  Gandulphus  auf 
unsere  Summe  ergibt  sich  aus  folgenden  Punkten : 

1.  aus  der  Menge  der  namentlichen  Citate  aus  ihm.  Ab- 
gesehen von  achtzehn  Anführungen  in  der  Pars  III.  wird  er 
auf  sechs  und  vierzig  Seiten  citirt,  oft  auf  einer  drei,  vier- 
mal. Die  Citate  sind  durchweg:  ,secundum  G.',  ,G.  dicit^, 
,ut  G.  dicit',  ,G.  contradicit'  und  dgl.  niemals  wird  eine  summa 
oder  dergleichen  citirt,  so  dass  man  aus  diesem  Werke  nicht 
entnehmen  kann,  ob  eine  Summe  oder  Glossen  gemeint  sind. 
Dass  ersteres  stattfinden  kann,  beweist,  dass  auch  bei  den 
Citaten  aus  Johannes  nur  selten  die  summa  citirt  wird,  obwohl 
sie  meist  gemeint  ist. 

2.  Sehr  oft  ist  es  die  Meinung  des  Gandulphus,  welcher 
er  beipflichtet;  bei  schwierigen  Materien  und  Controverseu 
wird  regelmässig  G  citirt. 

3.  Gandulphus  wird  gerade  im  Gegensatze  zu  Johannes 
mit  Vorliebe  citirt,  da  an  vielen  Stellen  erst  des  Johannes 
Meinung,  sodann  die  des  letzteren  citirt  und  angenommen  wird. 
Gleichwohl  sieht  er  auch  ihn  nicht  als  Lehrer  an,  da  er 
F.  89''  sagt:  ,secundum  G.  et  alios,  qui  cum  sequuntur.' 

Dass  alle  Citate  mit  G  auf  Gandulphus  gehen  ist  ausser 
Zweifel,  weil  für  verschiedene  Stellen  anderwärtsher  dessen 
Autorschaft  sicher  ist.  Zugleich  ergibt  sich  aber  aus  der  ein- 
gehenden Benutzung  desselben  in  dieser  Summe,  bei  Huguccio 
und  in  der  ordinaria  glossa,  dass  er  von  Einfluss  gewesen  ist, 
weshalb  ich  die  gegentheilige  Aeusserung  in  meinem  Lehrbuche 
2.  Aufl.  Seite  43  zurücknehme.  lieber  die  Lebensverhältnisse 
von  Gandulphus  sowie  über  die  genauere  Zeitbestimmung 
seiner  Wirksamkeit  wissen  wir  bisher  nichts.  Sarti  I.  pag.  295 
fertigt  ihn  mit  8  Zeilen  nach  Diplovataccius  ab,  welche 
lediglich  seine  Verlegenheit  beweisen.  In  unserer  Summe  heisst 
es  nun  zu  C.  2.  D.LIV. ,  wo  die  Frage  über  die  Anwendbar- 
keit des  Privilegium  canonis  (C.XVII.  q.  IV.  C.  29.)  auf 
Deponirte  u.  s.  w.  erörtert  wird: 

,FIoc    videtur   mihi    potius    dicendum,  ut  seil,    non    sit  ex- 
C(jmmunicatus,  qui  in  takis  nianus  iniicit,  licet  omnes  fere 


44  Schulte. 

contradicant.  Magistei-  tarnen  G  Coventronsis  epis- 
copus  dixit,  quod  nee  ordinem  habent  tales ;  sed  ulterius 
processit,  quam  debuit,  ut  dicunt  quidam ,  potuit  enim 
concessisse,  ut  ordinem  haberent,  non  tamen  ut  privi- 
legimn/ 

Ich  habe  bei  Wharton,  Buleus  u.  a.  nichts  über  Gan- 
dulphus  g-efunden.  Im  J.  1193  steht  ein  Bischof  Hugo  von 
Coventry  urkundlich  fest.  Vgl.  die  Orig.  Werk.  num.  412  in 
Inventaire  et  documents.  Lavettes  du  tresor  des  chartes 
par  Alex  Teulet.  Par.  1863  4.  page  176^  An  der  Richtig- 
keit der  Angabe  in  unserer  Summe  ist  gewiss  nicht  zu 
zweifeln. 

7. 

Ausser  den  beiden  genannten  kennt  und  benutzt  er: 

1.  Cardin alis.  Von  ihm  führt  er  im  Eherechte  eine 
Anzahl  von  Glossen  an,  z.  B.  Fol.  235^  zu  c.  17.  C.  27.  q.  2. 
,nuptiale  ministerium  i.  e.  nuptialis  afFectus;  non  enim  de 
carnali  copula  potest  intelligi,  cum  de  quadam  concabina  lo- 
quatur.  C  Wörtlich  hat  diese  Glosse  mit  der  Sigle  C.  der 
-Cod.  Trevir.  90<i,  ebenso  der  Innsbrucker  Cod.  N.  90.  und 
auch  Huguccio  citirt  sie  mit  vollem  Namen.  F.  234''  c.  8.  ib. 
,C.  dicit  cum  iniciatur  i.  e.  cum  consecratur^  Fol.  236''  zu  c. 
35.  ibid.  ,cum  iniciatur  id  est  consecratur.  C.  vel  initiatur  i.  e. 
inchoatur'  welche  ebenfalls  Cod.  Oenip.  und  Huguccio  dem 
Cardinalis    zuschreiben. 

Gegen  zwanzig  andere  Glossen  mit  der  Sigle  c.  stehen 
geradeso  im  Cod.  Trevir.  Dass  unser  Autor  unmittelbar 
schöpfte,  beAveist  erstens,  dass  Johannes  nur  einige  dieser 
Glossen  benutzt  hat,  zweitens,  dass  unsere  Summe  die  Sigle 
beisetzt  und  so  spricht,  dass  die  Benutzung  einer  Handschrift 
mit  solchen  Glossen  schon  daraus  ersichtlich  ist.  Auch  für 
den  Cardinalis  kann  ich  beweisen,  dass  er  an  anderen  Stellen 
ebenfalls  benutzt  wurde,    als  den  mit  seiner  Sigle  versehenen. 

2.  Simon  de  Bisiniano.  Wörtlich  steht  in  unserer 
Summa  mit  Ausschluss  solcher  Aenderungen,  welche  bedingt 
waren  durch  das  Anführen  fremder  Meinungen,  die  in  meinem 
ersten  Beitrage  Seite  26  ff.  abgedruckte  Stelle  zu  c.  26.  C.XVI. 
q.    7.,    Fol.    256"   die    daselbst   S.    39    zu   c.    7.    C.    33.   q.  4., 


Summa  Decreti  Lipsiensis.  45 

welche  beide  Joli.  Fav.  ebenfalls  nicht  hat.  *  Ebeusu  hat  er 
Fol.  206''  die  S.  35  abg-edruckte  Stelle  zu  c.  14.  C.  22.  q.  5 
vor  Augen  gehabt,  aus  der  der  Passus  ,nam  sec.  lomb  .... 
punietur'  wörtlich  steht,  sodanu  Fol.  252'',  was  Simon  zu  c.  ]  8. 
C.  32.  q.  7.  sagt,  Fol.  283''  zu  C.  31.  D.IV.  die  a.  a.  O. 
pag.  39  mitgetheilte  Stelle;  endlich  führt  er  zu  C.  35.  q.  7. 
pr.  Simon  namentlich  an. 

3.  Albertus  und 

4.  Stephanus.  Beide  werden  zusammen  angeführt  Fol. 
143^  Da  diese  Stelle  bei  Joh.  Fav.  vorkommt  (meine 
Rechtshaudschr.  S.  586),  da  Albertus  Summe  bisher  un- 
bekannt ist,  da  die  Benutzung  der  von  Stephan  wegen  des 
Verhältnisses  zu  Johannes  sich  schwer  erweisen  lässt,  gehe  ich 
nicht  weiter  ein. 

5.  Eine  Anzahl  von  Stellen  haben  am  Ende  die  Sigle  b. 
So  heisst  es  Fok  235''  c.  26.  C.  27.  q.  2.  v.  dissolvere: 
,quantum  ad  servitium  reddendi  debiti,  non  quautum  ad  sacra- 
mentum.  b.'  —  c.  7.  C.  28.  q.  1.  ,sequendi  seil,  ut  cohabitet, 
ut  debitum  reddat,  ut  necessaria  provideat.  b.'  [Bei  Joh. 
Favent,  aber  ohne  Sigle,  steht  die  folgende  Stelle  also:  ,quia, 
quaravis  sit  legitimum,  non  tamen  est  ratum  i.  e.  indissolubile.'] 
Zu  c.  8.  ibid.  ,vel  non  enim  i.  e.  non  est  ratum  eonun  con- 
iugium,  sed  tantum  legitimum.  b.'  So  noch  verschiedene, 
eine  Fol.  242"  zu  C.XXX.  q.  4.  pr. 

,  .  .  b.  ita  distinguit:  compaternitas  alia  directa,  alia  in- 
directa  vel  emergens.  Directa  est,  quando  aliquis  vel  ali- 
qua  filium  alicuius  de  sacro  fönte  suscipit,  cui  profecto 
directa  compaternitate  compater  vel  commater  existet, 
Vel  emergens  vel  indirecta  paternitas  est,  quando  uxor 
alicuius  filium  alterius  de  sacro  fönte  suscipit,  cuius  pueri 
parentibus  non  solum  mulier,  quae  filium  suscipit,  sed 
vir  eius  compater  efficitur,  sed  mulier  commaternitate  di- 
recta, vir  autem  eius  emergeute  vel  indirecta.  Pono 
exemplum.' 
hat  auch  Johannes,  aber  ohne  Nennung  des  Autors. 

Die  bestimmte  Angabe  der  letzten  Stelle,  die  öftere  Bei- 
fügung der  Sigle  b.  beweist,  dass  diese  und  andere  Stellen, 
ol)wohl  einige  davon  Johannes  in  der  Summe  bez.  in  Glossen 
mhaltlieh  hat,    nicht   diesem,     sondern   hinein  .'Utcicii   Glossator 


46  Schulte. 

b.  angeh()ren.  Wer  ist  dieser?  Bazianus  kann  nicht  g-emeint 
sein,  da  derselbe  nach  Joh.  Fav.  fällt.  Nach  den  Angaben 
von  Sarti  I.  pag.  287  lässt  sich  an  Butirus  denken,  der  in 
Urkunden  von  llß4  angeführt  wird.  In  alten  Handschriften 
des  Decrets  finden  sich  ab  und  zu  gleichfalls  Glossen  mit  b. 
gezeichnet,  die  nicht  Bazianus  oder  Bartholomaeus  angehören. 
Von  älteren  Werken,  die  vor  die  Decretistenschule  fallen, 
finde  ich  nur  citirt  Hugo  de  S.  Victore.  Es  heisst  Fol.  239" 
,hugo  in  sententiis;'  Joh.  Fav.  hat  dies  Citat  auch,  aber  ohne 
den  Zusatz  ,in  sententiis^,  nicht  aber  das  Fol.  243''  stehende: 
,nota,  quod  magister  hugo  de  sancto  victore  dicit,  quia 
adulterium  committitur  cum  secunda.' 

8. 

Von  vorgratianischen  Quellen  kannte  die  Summa: 

a.  Die  pseudoisidorische  Sammlung,  wie  mehrere 
Stellen  beweisen. 

b.  Die  Hadriana.  Das  Citat  von  Joh.  Fav.  zu  C.  6. 
D.XVH.  hat  er  nicht  aufgenommen,  dagegen  F.  13''  zu  c.  2. 
D.XX.  folgende  Bemerkung,  die  Johannes  nicht  hat : 

,si  decreta,  non  omnia,  sed  ea,  quae  magis    sunt    obser- 
vanda,  ut  sunt  illa,  quae  sunt  in  libro  COncilioruiil.^ 
wodurch  offenbar  die  Hadriana  bezeichnet  ist.    Darnach  darf 
man  mit  dieser  eine  unmittelbare  Bekanntschaft  annehmen. 

c.  Dass  er  noch  andere  Sammlungen  kannte,  beweist  das 
zu  c.  34.  C.  32.  q.  5  Gesagte: 

,Illae  famulae.  Consilium  est,  quod  hie  datur  secun- 
dum  quosdam  [z.  B.  Joh.  Fav.];  immo  videtur  esse  prae- 
ceptum,  ut  habetur  ex  quodam  c.  eiusdem  leonis  in 
original!:  De  his  autem,  quae  in  sacro  virginitatis  pro- 
posito  constitutae  barbaricam  pertulere  violentiam  et  pu- 
doris  integritatem  non  auimo  sed  corpore  perdiderunt,  ea 
nobis  observanda  moderatio,  ut  neque  in  viduarum  deiici- 
antur  gradum,  nee  in  sacrarum  virginum  perseverantium 
numerum  transferantur.  Quae  si  orationibus  virginalibus 
perseverent  et  castimoniae  soliditatem  custodiant,  sacra 
non  est  deneganda  communio,  quia  iniustum  est,  illas 
redargui  vel  notari,  quod  non  voluntas  amisit,  sed  vis 
hostilis  eripuit.' 


Summa  Dfcreti  Lipsiensis.  47 

d.  Burchard.  Derselbe  wird  ungefähr  ^ünfzigmal  an- 
geführt und  zwar  wiederholt  auch  an  Stellen,  avo  ihn  J(»h. 
Fav.  nicht  citirt  (z.  B.  Fol.  16',  20''). 

Da  es  sich  bei  diesen  Citaten  gerade  wie  bei  den  Vor- 
gängern immer  um  Stellen  handelt,  welche  Gratian  nicht  auf- 
genommen hat,  so  ist  daraus  einmal  ersichtlich,,  dass  man  Bur- 
chards  Decret  neben  dem  Gratianischen  für  anwendbar  hielt, 
sodann  erklärlich,  dass  in  die  Decretalcnsammlungen  verschie- 
dene ständig  angeführte  Stellen  übergegangen  sind. 

Citate  aus  der  Historia  ecclesiastica,  Isidor  u.  dgl. 
brauchen  nicht  hervorgehoben  zu  werden,  weil  diese  Werke 
zu  den  allgemein  bekannten  gehörten,  übrigens  auch  bei  Jo- 
hannes die  meisten  Stellen  vorkommen.  Den  Liber  diurnus 
hat  er  so  wenig  als  seine  meisten  Vorgänger  gekannt,  da  er 
des  Johannes  Worte  einfach  wiedergibt  und  zusetzt:  ,vel  quia 
in  eo  continebatur,  quid  octidie  lieri  deberet.^  Hat  er  diesen 
aus  Rulin,  der  noch  sagt:  ,quid  singulis  diebus  facturus  sit 
apostolicus'  [Cod.  Götting.  ms.  jurid.  159]?  Johannes  hat  den 
Zusatz  weder  in  der  Bamberger  noch  Klosterneuburger  Hand- 
schrift. 

9. 

Von  Legisten  habe  ich  nur  Garnerius  (f.  142"),  Bul- 
garus  und  Martinus  (f.  185"  und  186")  erwähnt  gefunden; 
diese  Citate  sind  jedoch  aus  Johannes  entnommen.  Gleichwohl 
zeigt  der  Verfasser  eine  quellenmässige  Kenntniss  des  römi- 
schen Rechts,  da  er  sehr  zahlreiche  Citate  aus  den  Pandecten, 
dem  Codex  hat,  Authenticum  und  Institutionen  gleich- 
falls wiederholt  herbeizieht.  Hat  auch  Johannes  die  meisten 
Citate,  so  fand  er  doch  einzelne  bei  ihm  nicht,  wobei  freilich 
dahin  gestellt  bleibt,  ob  er  sie  etwa  anderen  entlehnt  habe. 
Wahrscheinlich  ist  jedoch  im  Hinblicke  auf  die  Zeit  und  den 
ganzen  Charakter  des  Werkes  die  eigene  Kenntniss. 

Eine  interessante,  nicht  bei  Johannes  vortindliche  Stelle, 
welche  seine  genaue  Kenntniss  der  Pandecten  bekunden  kanu, 
steht  zu  c.  3.  C.  XV.  q.  3.  v.  lege 

,testamentaria    seil.    1.  in  antiqua,    quae  de    hoc  loque- 
batur;  quae  taiinui   in   nustris  D.[igestisJ   non  continentur.^ 


48  Schulte. 

Sein-  häufig  heisst  es  aucli^  wie  bei  den  Vorgängern :  lex 
dicit  u.  dgl.^  iurisconsultus  dicit  u.  s.  w.,  ohne  dass  ein 
Citat  folgt,  gewöhnlich  wird  aber  der  Satz  mit  den  Worten 
der  Quellen  angeführt. 

Eine  nähere  Betrachtung  verdient  die  Frage :  ob  er  den 
Codex  Theodosianus  kannte?  Zu  c.  24.  C.  LI.  q.  6  wieder- 
holt er  die  Aeusserung  von  Johannes  (meine  Rechtshandschr. 
S.  591).  C.  8.  C.  33.  q.  2.  v.  unum:  ,supra  XI.  Q.  I.  qui- 
cunque  contra.  Sed  illud  est  lex  theodosiana  nee  habet  lo- 
cum  hodie'  hat  Johannes  nicht,  aber  diese  Bemerkung  beweist 
keine  Kenntniss,  weil  sie  zu  allgemein  ist  und  Gratian  selbst 
die  Quelle  nennt.  Zu  c.  3.  D.XCVII.  heisst  es  (die  Stelle 
steht  nicht  bei  Joh.  Fav.):  ,Ex  hoc  apparet,  quod,  si  quis 
dicit  se  legatum  et  velit  facere,  quae  sunt  legati,  quod  non 
potest,  nisi  prius  litteras  legationis  ostendat  ut  C.  t.  de  man- 
datis  principis  1.  I.'  Anzunehmen,  t  bedeute  titulus  ist  gegen 
den  constanteu  Gebrauch,  da  sonst  nirgends  also  citirt  wird; 
einen  Schreibfehler  für  i.  idest  Jiist.  anzunehmen,  dafür  liegt 
bei  dem  deutlichen  t.  kein  Grund  vor.  Ebensowenig  ist  man 
zur  Frage  berechtigt :  weshalb  den  Cod.  Theod,  citiren,  da  die 
Stelle  gerade  so  im  selben  Titel  im  Cod.  Just,  steht?  Mir 
scheint,  bis  auf  Weiteres  darf  die  Bekanntschaft  angenommen 
werden,  was  bei  einem  Franzosen  nicht  auffallen  kann,  da 
der  Cod.  Theod.  dort  bekannt  war  (meinen  2.  Beitr.  S.  27 
und  Maassen  in  Bekker  u.  Muther  Jahrb.  IL  S.  221). 

Auch  die  Lombarda  ist  ihm  bekannt,  denn  ausser  den 
Stellen,  welche  er  aus  Joh.  Fav.  (meine  Rechtshandschr. 
S.  592  fg.)  entnehmen  konnte,  hat  er  zu  c.  6.  C.  33.  q.  2 
raundanam  seil,  non  romanam  sed  lombardam,  und  noch  ein 
paar  andere  Stellen ,   welche  nicht  bei  den  Vorgängern  stehen. 

10. 

In  einem  sehr  umfassenden  Maasse  wird  für  die  Kritik 
und  (*onstruction  des  Textes  Sorge  getragen.  Nicht  nur 
die  zahlreichen  bei  Johannes  Faventinus  aus  Rufin  und  Stephan 
stehenden  Bemerkungen  sind  so  ziemlich  sämmtlich  aufge- 
nommen, sondern  auch  viele  neue  hinzugetreten,  z.  B. 

c.    2.    D.XLIL    V.    ,eludere  .  .    in    originali    non    habetur 
eliidere  sed   ei'udire,  et  secundum  hoc  planum  est.' 


Summa  Decicti  Lipsieusis.  41) 

da  dieses  Capitel  dem  3.  pseiuloisidoi-iseRen  Briefe  Cle- 
mens angehört,  auch  Handschriften  erudire  lesen  (eine  führt 
Hin  Schill  s  an)^  so  spricht  die  Stelle  für  seine  Kenntniss  Pseu- 
doisidors: 

c.  (j.  C.  XVI.  q.  3  ,Hoc  c.  non    est    Innocentii,    licet  sie 
introdiicat  Gratianus,  sed  c.  hispalensis   concilii', 
eine  richtige  Bemerkung. 

c.  36.   C.XVn.  q.  4.  ,Praecedit  in  uriginali  liucscil.de 
adulteris    et   furibus    et  homicidis  si  ad  ecclesiam 
confugerint  id  constitiiimus.' 
So    lautet   in    der  That    wörtlich    die  Rubrik  in  der  Hispana, 
Hadriana  u.  s.  w. 

c.    10.    C.XXV.    q.  I.  , legibus  .  .    in    originali   habetur 
regibus,' 
So  liest  Ivo  Decr.  V.    358.,    der    unzweifelhaft   hier   das  , Ori- 
ginal' ist. 

c.  3.  C.  35.  q.  9.  ibid.  ,hoc  tarnen  c.  quantum  ad  sententias 

non  debet  intelligi,  immo  circa  ordines  et  circa  institutiones 

ecclesiasticas,  ut  habetur  ex  originali,    ubi  hoc  c.  con- 

tinuatur  illi  supra    D.LV.    poenitentes.   In  talibus  enim 

excessibus  potest  venire  contra  factum  suum,  in  sententiis 

nequaquam,    licet  Gratianus    intelligat   hoc  et  sequens   de 

sententiis  difiinitivis^ 

Ganz   richtig   folgt  c.  3.  C.  35.  q.  9  als    viertes    auf   das  c.  3. 

D.LV.  als  drittes  in  dem  Decretum  synodale  des  P.  Hilarius 

in  der  Hadriana  und  Hispana. 

11. 

Aus  dem  GeScXgten  ergibt  sich,  dass  unsere  Summe, 
welche  trotz  der  Auslassung  der  höchst  ül)ei'flüssigen  viehui 
Ramn  einnehmenden  Historiae  von  einem  Umfange  ist,  wie 
kaum  eine  vorhergehende,  eine  Verarbeitung  der  bologne- 
sischen  Literatur  enthält,  welche  an  Vollständigkeit 
wenig  zu  wünschen  übrig  lassen  dürfte.  Das  se]l)st- 
ständige  und  eigene  Urtheil  nebst  umfassenden  Kenntnissen 
leuchtet  nicht  minder  schon  aus  dem  Bisherigen  ein,  uiul  wird 
noch  mehr  zu  Tage  treten  im  Folgenden.  Was  aber  die 
Summe  daneben  auszeichnet,  ist  die,  man  duri'  sagen,  er- 
sciulpfeiidc!  Art,     wi(;    die  Extravaganten    benutzt   sind.      Ich 

Sit/.b    (1.  iiliü.-hist.  Ol.  I.XVUl.  Bd.  1.  im.  4 


50  Schulte. 

liaLe  über  einhuudertdreissig;  Seiten  notirt,  auf  denen  Citate 
vorkommen;  die  Citate  selbst  belaufen  sich  weit  übei*  zwei- 
hundert. Die  Schlüsse  des  dritten  lateranensischen  Concils 
von  1179  werden  stets  citirt :  ,ut  in  conc.  later.,  c.  lateranensis 
concilii'  u.  dg-1. 

Abgesehen  von  diesen  werden  citirt  die  schon  von  mir 
(s.  erster  Beitrag-  S.  28  ff.)  aus  Simon  de  Bisin iano  ange- 
führten Decretalen:  Innocenz  II.  quotiens  frater  noster 
mit  dem  Namen  Innocenz  f.  110'';  Eugen  III.  inhaerentes 
(122^  207''),  während  er  f.  167"  es  Honorius  beileg-t  und  Fol. 
167"  und  207"  das  c.  litteras  Innocenz;  Hadrian  IV.  nobis 
in  eminenti  163'',  dig-num  71";  das  c.  videtur  als  Innocenz 
angehürig-  Fol.   120*^.  von  den  62  dort  aufgeführten  Alexanders 

III.  alle  mit  wenigen  Ausnahmen,  dazu  eine  g-rosse  Zahl 
anderer. 

Neben  diesen  Decretalen  hat  er  die  bei  Johannes  schon 
angeführten  Cap.  von  Leo  nos  instituta  und  relatum 
[164"  und  164''],    ,c.  Greg-orii,  quod  ine.   Manifestum'  [c.  3. 

IV.  2.],  jGreg- .  .  quod  ine.  monachi'  [c.  3,  V.  34.],  ,ut  Aug-. 
dicit  in  extrav.  sacerdos'  [f.  27";  ist  als  Palea  in  c.  24.  D.L. 
aufgenommen]. 

12. 

Die  Zeit  der  Abfassung  dürfte  sich  mit  ziemlicher 
Genauig-keit  bestimmen  lassen.  Erstens  citirt  er  Lucius  III. 
zu  dict.  Grat,  ad  c.  39.  v.  arbitro  dato: 

,impeditur  tale  arbitrium,  quin  iudex  est.  Quidam  tarnen 
dicunt,  ex  hoc  arbitrum  e  iudice  posse  dari,  ut  XI.  q.  I. 
pervenit.  De  iudice  vero  delegato  constat,  quod  potest 
totam  causam  audiendam  alii  conmiittere  vel  ut  allega- 
tiones  audiat  et  sibi  causam  reservet,  licet  non  possit 
a])pellatione  remota  eam  committere.  Si  autem  duobus 
committitur,  etsi  non  apponatur,  ut  unussine  altero  procedat, 
nihilominus  tarn  poterit  coniudici  suo  vires  suas  commit- 
tere, ut  in  extrav.  quamvis  [c.  7.  I.  21.  Comp.  I.].  dato 
a  iudice,  ad  quem  secundo  provocatum  est.  invocare 
puta  recusando,  quod  hodie  non  licet  per  decretales  Alex. 
IIL,    quia    si    inhibetui-    appellatio,    ut  in  extrav.     slciit 


Snmui.1  Decwti  Lipsieiisis.  (31 

saiicta,    t'ui    coiitradixit    Lucius    IIT.'    dicens    iudiccm 
posse  recusari,  ut  in  extrav.  ad  aures'. 
Nocliinals   über   denselben    Gegenstand    fol.    121"    ,quia    in    hoc 
contradixit  Lucins  III.  Alexandro  111/ 

Damit  wäre  die  Abfassung  nach  dem  6.  Sept.  1181  bereits 
erwiesen.  Zweitens  steht  Fol.  117''  am  P^nde  der  C.  II.  fol- 
gende Formel : 

,Sicque   debet   formari    accusatio :    Anno    ab    incarnatione 
ÄI.C.LXXXVI.    residente  in   sede  apostolica  domino  papa 
Urbano  in  anno  pontificatus  eins  primo  regnante  victorio- 
sissimo  Henrico  rege  Anglorum  anno  regni  eins,  euim 
mense    hoc.    ego  Johannes  profiteor  nie    deferre    Thomam 
reum  adulterii  apud  sanctissimum    papara  Urbanmn,    quia 
dico    eum    comisisse    adulterium    cum  Laureta    in  civitate 
Parisiensi.  in  domo  N.  mense  N.  domino  papa  Lucio  III. 
residente  in  cathedra   sancti  Petri.    anno  apostolatus  enim 
imperaute    christianissimo    rege    Anglorum    Henrico    anno 
regni    eins    N.    ego    Johannes    subscribo.    et    promitto    me 
accusatiouem    quam   defero  usque  ad  linem  perducturum.^ 
Das  erste  Jahr  Urbans  IIL  geht  vom  25.  Nov.  1185  bis  dahin 
1186.     Es   liegt    kein    Grund    vor   anzunehmen    dies    sei    nicht 
das     Jahr     der      Abfassung      beziehungsweise     das      Jahr,     in 
welchem  das  Werk  gearbeitet,  vollendet  oder  an  ihm  gearbeitet 
wurde ,     wohl     aber     sprechen    dafür    mehrere    Gründe.     Von 
Lucius  III.    sind  Decretalen    citirt,    von    Urban  III.  eben  so 
wenig  als  von  den  Nachfolgern;     ein   Verfasser,    der  so  genau 
ist,    hätte    dies    kaum    unterlassen.     Die  Formel    bei   Johannes 
ist   absichtlich    verändert,    die  Art  der  Aenderung:    Ort,    Zeit, 
Fürst,  beweist  aber,    dass  der  Verfasser  das  Libell  in  die  Ge- 
genwart versetzt. 

Jedenfalls  fällt  die  Summe  vor  die  Compilatio  prima  und 
Huguccio. 

13. 

Der  Verfasser  scheint  Franzose  oder  Engländer,  d.  h.  aus 
dem  damals  englischen  Theile  Frankreichs,  zu  sein.  Ich  fol- 
gere dies  daraus,  dass  er  jeden  Anlass  ei'greift,  um  von  Paris 
seine  Beispiele  zu  entnehmen.  So  erwähnt  er  c.  3.  D.  44., 
die  Canonici   zu  Paris   dürften    ihren    Wein    verkaufen;    c.  35. 

4* 


52  Schulte. 

D.  63  führt  er  die  Exemption  der  Aebte  von  St.  Germain  und 
St.  Denis  und  St.  Genovefa  an ;  in  anderen  ist  die  Rede  von 
Sens  und  den  Suffragauen ,  Paris  und  Chartres ,  vom  franciae 
rex  und  burgundiae  dux  (c.  ult.  C.  14.  q.  4.);  von  den  Mieths- 
verliältnisseu  in  Paris  u.  dg\.  m. 

Es  scheint  mir  unzulässig  anzunehmen,  es  werde  diese 
Beispiele  ein  Niehtfranzose  aufstellen,  oder  Jemand,  der  in 
Paris  nicht  genau  bekannt  war.  Ist  aber  das  Werk  in  Paris 
oder  Bologna  gemacht?  Gegen  die  Abfassung  in  Paris  scheint 
zu  sprechen,  dass  er  die  im  zweiten  Beitrage  beschriebene 
Summe  nicht  kennt.  Wäre  dem  anders,  so  hätte  er  sicher  aus 
ihr  bei  den  zahlreichen  Gelegenheiten  Veranlassung  genommen, 
von  ihren  Beispielen  Gebrauch  zu  machen.  Während  ferner 
jene  Summa  Parisiensis  verschiedene  Beispiele  hat,  die  nur 
für  Leser  in  Paris  verständlich  sind,  ist  hier  keines  der  Art 
gewählt.  Diese  Beispiele  sind  allgemein  verständlich  und  ver- 
rathen  nur  den  Landsmann ,  gerade  wie  der  Verfasser  der 
Summa  Coloniensis  sich  als  Deutschen  erkennen  Hesse, 
wenn  er  es  auch  nicht  sagte.  Eine  Stelle  könnte  gegen  Bo- 
logna sprechen.  In  dem  Johannes  entlehnten  Passus  zu  c.  4. 
C.X.  q.  2,  über  die  precariae  lässt  er  dessen  Worte:  ,apiid 
nos  enim  tales  precariae  non  inveniuntur'  aus,  nachdem 
er  vorher  genau  deren  Natur  dargestellt  hat.  Aber  diese  Aus- 
lassung erklärt  sich  auch,  weil  er  Franzose  war.  Für  die 
Abfassung  in  Bologna  spricht:  1.  die  umfassende  Keunt- 
niss  der  bolognesischen  Literatur-,  2.  die  eingehende  Kenntniss 
des  römischen  Rechtes;  3.  dass  nie  ein  Gegensatz  zu  Bologna 
vorkommt.  Ich  halte  diesen  negativen  Beweis  deshalb  für  be- 
deutsam, weil  die  ausserhalb  Bologna's  gemachte  Summa  Pari- 
siensis sehr  oft,  aber  auch  die  Summa  Coloniensis  wieder- 
holt von  Bolonienses  spricht;  4.  dass  er  sogar  den  italienischen 
Sprachgebrauch  berücksichtigt.  So  heisst  es  zu  c.  15.  C.XIIL 
q.  3.  V.  exedris:  ,exedre  dicuntur  arcus,  qui  adherent  exterius 
parietibus  ccclesie,  que  vulgo  voltc  appellantur^ :  Entnommen 
ist  dies  wörtlich  Joh.  Fav.  Im  Lexicon  von  Ducange  ist 
di<!se  Bedeutung  gar  nicht  angegeben.  Demselben  entnimmt 
er  zu  c.  D.  53  ,origenurii  .  .  .  qui  vulgo  inanentes  a  ma- 
nendo  appcillantur';  5.  Die  gleiche  Methode  mit  den  Bolognesen. 
vor  iVllem  diu  wörtliche  Aufnahme    von  Glossen   mit  der  Siglc 


Snmjna  Decreti  Lipsiensis.  o3 

des  Glossators,  ein  Vorg-ang,  der  kanni  zu  j^ner  Zeit  ausser- 
halb Bologna's  Sinn  gehabt  hätte. 

14. 

Zur  Charakter! sirung  der  Methode  dienen  die  folgenden 
für  die  Dogmengeschichte  des  canonischen  Rechtes  interessanten 
Stellen. 

a)  c.  ult.  D.I.  ,iu  eos  solos  constituta.  Hinc  collige,  qaod 
eges  romauae  solos  romanos  lig-ant,  non  clericos,  ut  hie  et 
d.  XCVI,  tum  ad  verum  dici  tarnen  potest,  hie  appellari 
romanos  omnes  latinos.^ 

b)  C.  2.  D.XIV.  ,Notandum,  quod  ea,  quae  in  lege  et 
evangelio,  in  apostolis  et  IV.  conciliis  generalibus  coutinentur, 
indispensabilia  sunt,  dum  tarnen  sint  statuta  de  statu 
generali  ecclesiae  A^el  de  articulis  fidei.^  Der  erste  Grund, 
den  Johannes  nicht  hat,  bildet  in  nuce  das  Fundament  der 
späteren  Dispenstheorie.  Stephan  begnügt  sich,  die  That- 
sache  der  Abänderung  einzelner  Sätze  hervorzuheben ;  Ruf  in 
und  nach  ihm  Johannes  führen  daneben  die  allzugrosse 
Strenge  an.  Auch  enthält  keine  alte  Glosse  diese  Theorie. 
Huguccio  hat  den  ,generalis  status  ecclesiae'  adoptirt. 

c)  C.  2.  D.XXI.  ,Nota  quod  Petrus  a  domino  sacerdos 
factus  dicitur  non  quod  suscepisset  signaculum  sacerdotii  ab  eo, 
sed  quia  sacerdotis  et  episcopi  ei  dedit  potestatem.  Factus 
est  ergo  sacerdos,  antequam  alios  ordines  suscepisset,  unde  ex 
hoc  videtur,  quod  non  .est  de  substantia,  ordines  alios  prius 
suscipere.  Quid  ergo  si  laicus  ordinatur  in  sacerdotem  sacerdos 
esset?  .  .  quid  ergo,  si  idiota  vel  puer  septennis  ordinaretur  in 

sacerdotem?   Hie  non  est  bonum  praeeipitare  sententiam 

Petrus  praefuit  omnibus,  sed  nota,  quod  praelatio  quandoque 
attenditur  ex  dignitate  consecrationis,  ut  praeest  episcopus 
cuilibet  clerico,  item  quandoque  ex  dignitate  ordinis,  ut  prae- 
est presbyter  diacono ,  item  quandoque  ex  dignitate  dispen- 
sationis.  Et  haec  duplex  est,  est  enim  dispensatio  spiritualiuin 
et  ita  praeest  archidiaconus  archipresbytero  .  .  .  Ergo  umnes 
erant  pares  ratione  consecrationis  et  ratione  ordinis,  sed  ratione 
dispensationis  Petrus  praefuit  omnibus,  quia  eis  praedicandi 
officium  et  alia  huiusmodi  dispensat  .  .'  Von  Petrus  an  hat 
dasselbe  wesentlich  gleich  Johannes,  Rufinus. 


,54  Schulte.    Sunnna  Derreti  Lippiensis. 

d)  C.  1.  D. XXIII.  ,quia  euiii  sit  papa,  non  potest  ac- 
cusari,  iiisi  de  haeresi,  ut  d.  XL,  si  papa.* 

e)  C.  5.  D.XXVIII,  Naclidem  er  auseinandergesetzt,  der 
Apostel  habe  nur  einen  Rath  ertheilt,  fährt  er  fort:  ,Item 
quaeritur,  qiiomodo  saneti  patres  in  concilio  statuentes,  ne  quis 
uxorem  duceret  in  illis  gradibus,  potuerunt  me  obligare  ad 
continentiam  servandam,  si  eam  in  ordinis  susceptione  non 
exprimam?  Et  dici  potest,  eos  hoc  non  potuisse,  sed  dum  statue- 
runt  canones  prohibentes  copulani  coniugalem  in  tribus  gra- 
dibus,  quos  reeepit  occidentalis  ccclesia,  eo  ipso  videtur  quis 
vovisse,  cum  aliquem  istorum  graduum  vel  ordinem  suscipit, 
in  quo  seit,  sibi  non  Heere  uxorem  ducere/  Diese  rein  privat- 
rechtliche Auffassung  von  der  contractlichen  oder  durch  still- 
schweigendes Votum  übernommenen  Cölibatspflicht,  welche  aber 
den  Grund  im  votum  findet,  hat  gegolten  bis  auf  das  Concil 
von  Trient,  welches  in  can.  9.  Sess.  XXIV.  die  lex  neben 
das  Votum  stellt. 


Schulte.     Decretaleu  Gregors  IX.,  Innocenz  IV.,  Gregors  X.  ÖO 


Beiträge  zur  Literatur  über  die  Decretaleu  Gregors  IX.. 
Innocenz  IV.,  Gregors  X. 

Von 

Dr.  Johann  Friedrieh  Ritter  von  Schulte 

ord.  Prof.  der  Rechte  in  Prag. 

JVleiue  Absicht  ist  nicht,  an  diesem  Orte  eine  Geschichte 
der  Literatur  über  die  Sammkmg'  Gregors  IX.  zu  schreiben, 
sondern,  gestützt  auf  Handschriften,  mehrere  Punkte,  Schrift- 
steller und  Werke  zu  bespreclien,  welche  bisher  entweder  gar 
nicht  oder  nicht  genügend  erörtert  worden  sind. ' 

Johannes  Andreae,^  nachdem  er  die  Schriftsteller,  aus 
deren  Werken  Bernardus  Parmensis  seinen  Apparat  gemacht 
hat,  aufgezählt  hat^  führt  als  dessen  contemporanei  und  sc- 
quaces,-'  welche  über  die  Gregorianische  Compilation  ge- 
schrieben haben,  nachstehende  au: 

Vincentius  (Hispanus),  Goffredus  de  Trano,  Philippus, 
Inuocentius  (IV.),  Hostiensis  (Henri cus  de  Segusia),  Petrus  de 
Sampsone,  Abbas  (antiquus),  Bernardus  Compostellanus  (junior) 
,qui  diviua  providentia  non  perfecit',  Egidius  Bonouiensis 
(de  Fuscarariis),  Bonaguida  de  Aretio,  Franciscus  Vercellensis, 
Boatinus  de  Mantua,  Guido  archidiaconus  Bononiensis  (de  Baysio). 
,Etiam  tantum  habuimus    suffroijium  wonnrliorvru,    opus  quidem 


•  Alle  von  mir  nicht  selbst  benutzten  Handschriften  sind  mit  *  versehen. 

2  Noveila  in  decretales  Greg.  IX.  voce  Novclla  §.  Dennun  con- 
temporanei sqq.  Dieise  Angaben  sind  bisher  nicht  genügend  gewürdigt 
worden. 

^  Ich  löse  die  Abkürzungen  auf  und  füge  die  Ergänzungen  der  Namen  in 
Klammern  bei. 


56  Schulte. 

superfluitatibus ,  defectibiis  et  falsitatibus  pleniira :  liceat  sie 
verum  loqui  ex  eo  saltem,  quod  ignoramiis  auctorem^,  ,opus 
fratris  Jacobi  canonici  sancti  Joannis  in  monte,  qiii  ad  hoc 
solum  laboravit,  ut  solveret  glosarum  contraria  non  soluta'. 

Den  Umfang  ihrer  Schriften  gibt  er  auf  mehr  als  800 
petiae  ^  an ,  so  dass ,  abgesehen  von  den  nicht  als  Appai'ate 
erscheinenden  Schriften,  mit  Zuzählung  der  Apparate  Bernhards 
und  seiner  Vorgänger  über  1000  petiae  scriptorum  herauskämen. - 
Später^  führt  er  an,  welche  Schriftsteller  Vorreden  voraus- 
schickten, nämlich:  ,Vincentius^  nomen  suum  apponens  et 
super  imperfectione  operis  veniam  postulans^  habe  über  die 
Bildung  des  Rechts  vom  jus  naturale  bis  auf  Gregor  IX.  ge- 
sprochen; Philippus  und  Goffredus"'  hätten  ihren  Namen 
nicht  beigefügt,  aber  ähnlich  gesprochen,  dann  das  Werk  ein- 
getheilt;  InnocenzIV. "  ,dom.  Symbaldus  de  Flesco  de  Janua' 
fange  ohne  seinen  Namen  mit  dem  Spruche  Ezechiels  an  ,Ven- 
ter  tuus  comedet^  u.  s.  w.;  Hostiensis,^  ohne  seinen  Namen 
anzugeben,  erzähle,  dass  er  früher  seine  Summe  gemacht;  Ber- 
nardus  Comp.*^    nenne    sich  und    sage   mit  Seneca,    er  habe. 


1  Ueber  Büchei-ausleiheu  und  das  Sclireiberwesen  zu  Bologna  v.  Savigny, 
Gesch.  III.  Seite  575  ff. 

2  Damit  motivirt  er  des  Breitern  die  Opj^ortunität  seines  Werkes. 

3  Gregorius  an  erster  Stelle. 

^  Sarti  I.  p.  333  gibt  an,  Cod.  Barberin.  402  enthalte  seinen  Apparat. 
Mir  ist  er  bekannt  aus  Cod.  966  fol.  niembr.  s.  XIV.  der  Leipziger 
Universitätsbibliothek. 

5  Er  habe  seine  Summe  nach  dem  Apparate  gemacht.  —  Handschriften, 
welche  des  Phil,  und  Gofif.  Apparate  enthalten,  finde  ich  nirgends  an- 
gegeben ;  mir  selbst  sind  bisher  auch  keine  vorgekommen. 

6  Sein  Apparat  ist  in  zahllosen  Handschriften  vorhanden,  sodann  mehrfach 
edii-t,  z.  B.  viermal  im  15.  Jahrh.  (1478  Strassburg,  1481,  14<)1,  1495 
Venedig).  Vgl  Hain  9191  ff. 

"  Sein  Apparat  ist  angeblich  (Sarti  I.  p.  365)  edirt,  leider  die  xUisgabe 
nicht  angeführt.  Ich  habe  keine  Ausgabe  gesehen,  eben  so  wenig  eine 
Handschrift,  die  ihn  sicher  hat. 

^  Alis  diesem  Citat  ergibt  sich,  dass  Joh.  Andr.  von  keinem  eigentlichen 
Apparate  redet,  sondern  von  dem  bereits  früher  als  unvollendet  ange- 
führten Werke,  welches  bald  als  apparatus,  bald  als  apostillae,  bald 
als  casus  in  decretales  angeführt  wird  und  mit  den  Worten  anfängt: 
jHacteiius,  ut  loquar  cum  Seneca'.  Es  endigt  mit  c.  2.  inter  corp.  X. 
de  translat.  I.  7.  Mir  ist  nie  eine  weiter  gehende  Handschrift  vorge- 
kommen (siehe  6  in  meinem  Iter  gallicum  Register,  S.  494),  obwohl  die 


Decretalen  Gregors  IX.,  Innocenz  IV.,  Gregors  X.  57 

bevor  er  schrieb,  seine  Unkenntniss  nicht  'o-ekannt;  Bona- 
guida'  nenne  sich  und  sage,  als  er  über  die  Decretalen  ge- 
lesen, habe  er  Glossen  gemacht,  worin  er  seine  Erfahrungen 
als  Curialadvocat  niedergelegt  habe;  frater  Jacobus-  nenne 
sich  und  gebe  das  bereits  Bemerkte  an.  Von  Petrus  de 
Sampsone,  Abbas,  Franciscus, ■'  Egidius,;*  Guido,  Boa- 
tinus  und  dem  Suffragium  Monachorum  sagt  er,  sie  gingen 
unmittelbar  an  den  Text  ohne  Vorrede. 

Johannes  will  mithin  nur  die  eigentlichen  Apparate  be- 
sprechen, nicht,  was  er  auch  ausdrücklich  sagt,  die  Summen 
und  sonstigen  Werke.  Da  er  aber  des  Bernardus  Comp,  Werk 
herbeizieht,  lässt  sich  seine  Absicht  dahin  beschränken,  er 
wolle  nur  die  sich  an  die  einzelnen  Capitel  anschliessen- 
den Werke  behandeln.  Aber  vollständig  ist  er  in  keinem 
Falle,  da  Guilelmus  Na  so  übergangen  ist. 

Für  die  Literaturgeschichte  sind  die  übrigen  Werke 
(Summae,  Casus  u.  s.  w.)  gerade  so  bedeutend,  als  die  Glosse, 
weil  die  spätere  Literatur  —  ein  Blick  in  die  Werke  von 
Johannes  Andrea  lehrt  es  —  auf  ihnen  mindestens  ebensosehr 
ruhet,  als  auf  den  Glossenapparaten.  Ich  nehme  daher  in  Fol- 
gendem auf  die  Art  der  Schriften  keine  Rücksicht,  sondern 
nur  darauf,  beizutragen,  dass  der  innere  Zusammenhang 
der  Werke  unter  einander  und  die  Geschichte  der  Rechts- 
entwicklung selbst  aufgehellt  wird. 


meisten  das  E  x  p  1  i  c  i  t  haben.  Die  von  S  a  r  t  i  angeführten  Ausgaben  be- 
ruhen auf  einer  Verwechsehmg  mit  dem  Casus  1  o  n  g  i  des  B  e  r  n  a  r  d  u  s 
Parmensis;  ich  kenne  keine  Ausgabe. 

'  Oft  in  der  Novella  citirt;  der  Apparat  ist  mir  handschriftlicli  niclit  v(ir- 
gekommen. 

-  Wohl  Jacobus  Bonacosa.  Vgl.  Sarti  I.  p.  370. 

■'  Seine  Werke  kenne  ich  aus  Handschriften  bisher  nicht. 

'  Vgl.  Jo.  Andr.  ad  Speculum  L.  I.  tit.  de  dispens.  §.  ä.  Nimis  de- 
trahit  etc.  Bei  v.  Savigny  V.  S.  52-i  ist  angegeben,  ein  kleines  Stück 
aus  dessen  Commentar  zu  den  Decretalen  stehe  in  einer  Handschr.  der 
Leipziger  Universitätsbibliothek.  Ich  kenne  es  nicht,  alle  Miscellanbände 
genau  durclizublättern  war  mir  bisher  nicht  möglich.  — 

Citate  aus  allen  Genannten  und  den  folgenden  findet  man  in  der 
Novella  von  Johannes  in  grosser  Menge.  Deshalb  ist  es  leicht,  den  Ver- 
fasser eines  anonymen  Commentars  zu  eruiren,  wenn  er  zu  den  genannten 
gehört.  Mit  Rücksicht  darauf  (die  Novella  hat  wohl  jede  grössere  Biblio- 
thek) theile  ich  keine  Stellen  mit. 


58  Schulte. 


Giülelimis  Naso.' 

I.  Ueber  diesen  Schriftsteller  besass  man  bisher  nur  kurze 
Notizen,  die  sich  darauf  reducirten,  dass  er  um  1227  zu  Bo- 
logna gelehrt  habe  (Diplovataccius),  Scliüler  des  Alanus 
gewesen  sei  und  die  Compilationes  antiquae  glossirt  habe.  Diese 
Glossen  sind  nach  der  Angabe  der  Alten  von  Bernhard  von 
Parma  bei  Abfassung  der  Glossa  ordinaria  vielfach  benutzt 
worden.  Von  sonstigen  Werken  oder  Näheres  über  seine 
Schriften  weiss  weder  Sarti,  noch  ein  anderer  der  älteren, 
mit  Ausschluss  von  Panzirolus,  welchem  Sarti  mit  Unrecht 
vollständiges  Ignoriren  desselben  zuschreibt.  Panzirolus  sagt, 
er  habe  auch  Glossen  zu  den  Decretalen  Gregors  IX.  ge- 
schrieben. So  unzuverlässig  Panzirol  ist,  diesmal  hat  er  das 
Richtige  getroffen,  ob  auf  Grund  der  Kenntniss  solcher  Glossen, 
oder  gestützt  auf  fremde  Mittheilungen ,  ist  schwer  zu  sagen. 
In  der  zu  beschreibenden  Handschrift  ist  der  Apparat  des 
Naso  enthalten.  Ein  Zweifel  an  der  richtigen  Angabe  der 
Handschrift  kann  um  so  weniger  aufkommen,  als  sie  nicht  blos 
den  Namen  an  der  Spitze  der  Summe  hat,  sondern,  wie  sich 
zeigen  wird,  auch  im  Verlaufe  der  Darstellung  wiederholt. 

A.  Lectura  in  decretales. 

II.  Sie  ist  enthalten  im  Codex  der  Wiener  kais.  Hof- 
bibliothek uum.  2083.  s.  XIV.  fol.  45  b  bis  76.  Vorauf  geht 
die  Ueberschrift :  Summa  Guilelmi  Nasonis.  ,Incipit 
summa  magistri  Guilhelmi  Nasonis^ 

,Gregorius.  Sed  nonne  iste  dominus  gg  vocabatur  Gre- 
gorius,  antequam  promoveretur  ad  apicem  summi  pontificatus? 
Et  certe  non;  immo  vocabatur  Hugo.  Ergo  incougrue  vocatur 
Gregorius,  quia  inventio  nominis  est  prohibita  j.  de  sent.  excom. 
perpendimus.  Immo,  bene  congrue  vocatur  Gregorius,  quia  hoc 
nomen  Gregorii  interpretatur  vigilans  et  papa  vigilare  debet  pro 


'  Sai-ti  ile  claris  archig.  Bonon.  profess.  I.  p.  342.  Dij)lovataccius  fol. 
1()7  (nach  der  früher  Savigny  gehörigen  Aksclirift  der  Berliner 
Bii)liotli('k).  I'anzirolus  L.  III.  c.  8.  —  Jo.  Andr.  in  addit.  ad  procni. 
SiHculi  Giiil.  Duranti,s.  —  Glos.sa  ord.  ad  c.  37.  X.  de  appell.  II.  28.  Mein 
Lehrbuch  2.  Aufl.  Seite  56,  Note  40. 


D(  cretaleii  Gregors  ]X.,  Iniioci'iiz  IV.,  Gregors  X.  Ot) 

Omnibus  Christi  fidelibus.  Alia  etiam  efficaciori  ratione,  quia,  cum 
omnis  actio  Christi  nostra  sit  instructio  II.  q.  I.  unus  et  s.  de 
off.  ord.  si  sacerdos^  ac  ipse  mutavit  nomen  Petri,  qui  primo 
vocabatiir  Symon  et  postea  vocatus  fuit  Cephas,  quod  interpre- 
tatur  Petrus,  vocando  ipsmii  terties  Pe.  et  seil.  h.  P.  e.  c.  m., 
patet,  quo  exemph)  domini,  qui  mutavit  nomen  Petri,  nomen 
papae  mutari  debet^' 

III.  Die  Methode  ergeben  folgende  Stellen :  Zu  C.  1  de 
const.  ,  .  .  ergo  secundum.  canones  in  foro  saeculari  cum  de 
separatione  agitur,  vel  consimilibus,  iudicandimi  erit.  j.  de 
praescript.  quoniam'.'- 

C.  9  de  const.  ,  .  .  super  hoc  dicit  magr.  G.  Nas.  quod 
haec  decretalis  diversis  respectibus  ius  continet'. 

C.  11.  de  rescr.  ,peccatum.  Nas.  dicit,  quod,  licet  sit  falsa 
latinitas  in  rescripto,  dummodo  possit  haberi  rectus  intellectus^ 
et  de  intentione  papae  constet,  valet  rescriptum:  j.  de  lide 
instram.  ex  parte.  Si  autem  ita  sit  intricatum,  quod  nullo 
modo  possit  fieri  constructio  nee  per  constructionem  possit 
rectus  intellectus  haberi,  tunc  habet  locum,  quod  hie  dicit.  Et 
facit  pro  eo,  quod  dicit  litera  constructione,  quia  aliquo 
modo  ,non  possunt  construi  i.  e.  coniungi  dictiones.  Unde,  si 
diceretur  in  rescripto:  magr.  P.  nobis  conquerendo  monstravit, 
valet  rescriptum,  quia  mutatio  liuius  literae  n.  in  m.  non  nocet; 
quia,  si  etiam  omitteretur  non  noceret:  j.  de  fide  instrum.  ex 
parte.  Nee  ordo  scripturae  attenditur,  sed  potius  quod  de  jure 
sumitur:  j.  e.  eam  quar^'. 

So  unzähligemalen :  G.  dicit,  G.  Naso  dicit,  in  fine 
glo  .  .  .  G.,  G.  Naso  dicit,  oder  blos  Naso  dicit,  z.  B. 
cum  terra  de  elect.  Oft  steht  auch  am  Ende  des  caput  N., 
theils  ohne  dass  der  Name  vorgekommen  ist,  z.  B.  c.  nullus, 
significasti,    cum    inter,    qualiter,    18.  26.  28.  20.  (G.  N.) 


'  Dazu  am  Eande:  ,Vel  potest  dici,  qnod  ideo  fit  nnitatio  nominis,  nt  mala 
nomina  mutarentur  in  papa,  cum  qiiidam  vocaretur  ns  poc-i  cui  non  erat 
nomen  mutatum.' 

-  Dass  diese  Glosse  Naso  angehört,  folgt  aus  Petrus  de  Sampsone.  Vgl. 
dessen  unten  abgedruckte  Glosse;  u.  Joh.  Andr.  Novella  ad  li.  1.  .per 
hanc  literam  dicit  G.  Na.  quod,  si  de  re  ecclesiastica  agatur  coram  iudice 
saeculari,  iiulicabit  causam  secundum  canones,  non  secundum  leges,  ut  in 
praescrijitione.' 


60  Schulte. 

31.  '62.  34.  de  elect.  u.  s.  w.,  theils  selbst  wenn  in  demselben 
der  Name  vorkommt,  z.  B.  c.  bonae  de  post. ;  cum  terra, 
ecclesia  vestra  (57)  de  elect.  u.  s.  w. 

Einig-e  Glossen  sind  sehr  ausführlicli.  So  enthält  z.  B. 
die  zu  c.  42  de  elect.  einen  fr)rmlichen  Tractat  über  die  Wahlen 
gezeichnet  N.  —  Der  Commeutar  erstreckt  sich  nicht  über  alle 
Capitel,  noch  auf  alle  Titel.  Im  5.  Buche  sind  nur  die  de 
accus.,  de  sym.,  de  raptor.,  de  usuris,  de  poenis,  de 
poenit.  et  remiss.,  de  sent.  exe.  behandelt. 

B.   Distinctiones. 

IV.  Auf  das  vorherg-ehende  Werk  folgen  ohne  jeden  Ab- 
satz, fol.  71,  Erörterungen  zu: 

de  consuetudine  c.  quum  tanto  11.  de  sent.  exe.  c. 
per  tuas  40.  de  off.  et  pot.  iud.  del.  c.  quum  contingat  36. 
de  cohab.  der.  c.  vestra  7.  gezeichnet  am  Ende  P.  de  simo- 
nia  c.  per  tuas  32.  gez.  P.  de  elect.  et  electi  pot.  c.  quia 
propter  42.  gez.  P.  de  off.  jud.  2.  Judicis  2.  de  transact.  c. 
super  eo  7.  ^  (de  in  int.  r.)  c.  auditis  3.  de  lib.  obl.  c.  igna- 
rus  ].  de  lit.  cout.  c.  except.  de  dolo  et  cont.  c.  finem  5. 
de  conf.  c.  ex  parte  3.  de  appell.  c.  pastoralis  53.  de  sent. 
et  re  iud.  c.  inter  monast.  20.  de  accusat.  c.  qualiter  et 
quando  17.  de  fide  instrum.  c.  quum  Joh,  10.  Ende:  ,Sit 
nomen  domini  benedictum'  etc. 

V.  Wi)'  haben  in  dieser  Handschrift  eine  Zusammen- 
stellung der  Glossen  von  Naso  zu  Capiteln,  av eiche  in  den 
Gregorianischen  Decretalen  stehen.  Da  dieselbe  in  der  Ein- 
leitung sich  nur  auf  die  Gregorianischen  Capitel  bezieht,  da 
aber  Capitel  commentirt  werden,  welche  von  Gregor  IX.  her- 
rühren, so  könnte  nur  dann  noch  bezweifelt  werden,  Naso 
habe  die  Gregorianischen  Decretalen  commentirt,  wenn  man 
annehmen  wollte,  die  Zusammenstellung  rühre  von  einem  Dritten 
her,  welcher  die  Einleitung  und  die  Glossen  zu  den  von 
Gregor  IX.  herrührenden  Decretalen  gemacht  habe.  Zu  einer 
solchen  Annahme  liegt  aber  kein  Grund  vor.  Vielmehr  spricht 
Positives  dagegen,  dass  in  den  auf  die  Summe  zu  den  Decretalen 


'  Dieser  Conimentar    steht    auch    in    des    Petrus    de  Sampsone   summa 
desselben  Codex  fol.  15  b  u.  fol.  16. 


Decretalen  Gregors  IX.,  Innocenz  IV.,  Gregors  X.  61 

folgenden  Erörterungen,  welche  Naso  nicht  angehören,  der 
Autor  bezeichnet  ist.  Anders  aber  verhält  es  sicli  mit  dei- 
Frage:  ob  Wilhelm  Naso  selbst  seine  Glossen  in  Gestalt 
einer  Lectura  zusammengestellt  habe  oder  ein  Anderer,  etwa 
Petrus  de  Sampsone?  Für  die  Zusammenstellung  durch 
eine  zweite  Person  spricht  die  öftere  Anführung  ,G.,  N,  dicit' 
u.  drgl.  Auch  ist  nicht  zu  bezweifeln,  dass  wiederholt  die 
Schüler  solche  Zusammenstellungen  gemacht  haben,  wie  Avir 
dies  von  Tancredus  positiv  wissen.  '  Wohl  aber  dürfen  wir 
aus  der  Kürze  des  Werkes  und  dem  Vorwiegen  der  blossen 
Commentirung  einzelner  Capitel  und  den  sonstigen  Nachrichten 
schliessen,  dass  die  Thätigkeit  Wilhelm's  nicht  viel  über  das 
Jahr  1234  hinaufgeht.  Dass  sie  vor  die  Glossa  Bernhard's 
von  Parma  fällt,  folgt  daraus,  dass  letztere  Naso  citirt.  - 


Johamies  Hispauus  de  Petesella 

und  seine 

Summa  super  titulis  decretalium. 

VI.  Sarti  (I.  pag,  351.,  II.  p.  116,  wo  die  ersten  Zeilen 
der  Vorrede  mitgetheilt  werden)  erwähnt  nach  *  Cod.  Vatic. 
254o  p.  138  bei  Johannes  de  Deo  ein  Werk,  das  ebenso 
anfängt  als  das  zu  besprechende,  und  meint,  es  könne  Joh.  de 
Deo  angehören,  weil  er  in  den  Zusätzen  zu  Huguccio  eine 
solche  Summe  als  von  ihm  geschrieben  angebe ;  Sarti  hebt  aber 
zugleich  hervor,  es  stehe  entgegen,  dass  er  sich  nicht  de  Deo 
nenne  und  als  Compostellanus  bezeichne,  was  auf  einen  andern 
Autor  deute,  wenn  nicht  die  Unwissenheit  des  Schreibers  die 
Schuld  trage.  Er  hat  unzweifelhaft  das  Werk  nicht  genauer 
untersucht.  Savigny  (V.  S.  479)  meint,  vielleicht  könne  dies 
von  Sarti  beschriebene  Werk  identisch  sein  mit  der  tabula 
decreti^  tab.  decretalium,  notabilia  cum  summis  super 
titulis  decretalium  (et  decretorum);  Seite  4()7  Noto  d. 
sucht  er  aber  positiv  sogar  das  Compostellanus  auf  .1  olian  luis 
de  Deo  zu  deuten  und  verwirft    ganz  die  bei  Sarti  offen  ge- 


'  Meine  Lifcratnrgesch.  der  Comp.  ;mt.  S.  7  1  (Sitz.-Ber.  LXVI.  VA.  S.  I  •_>!). 
-  Siehe  jiiieli   unten   bei   Abbau  ant.iquus   unter  Guil.   Naso. 


62  Schulte. 

lassene  Beziehung  auf  eiueu  andren.  Das  ist  so  ziemlich  Alles, 
was  über  dies  Werk  gesagt  ist,  von  dem  bisher  nur  ein  paar 
Zeilen  bekannt  sind. 

VII.  Meiner  Erörterung  liegt  zu  Grunde  der  Cod.  ms. 
raembran.  num.  1009  (847)  der  Leipziger  Universitäts- 
bibliothek in  8°  saec.  XIV.  enthaltend  299  Blätter;  die  Schrift 
in  je  2  Columnen  mit  31  Zeilen  ist  sehr  leserlich.  Das  A\'erk 
füllt  den  ganzen  Band,  weicht  dadurch  im  Umfange  bedeutend 
ab  von  den  meisten  des  Johannes  de  Deo. 

Die  Vorrede  lautet : 

jPrecibus  socioruni  et  instantia  congruenti  et  mandato 
domini  F.  illustrissimi  A.  quondam  regis  Legionensis  filii,  ego 
magister  Johannes  Hyspamis  Compostellamis  natione,  ad  honorem 
sanctae  ecclesiae  Romanae  ac  studentium  utilitatem,  summam 
super  titulis  decretalinm  aggredior  componere,  super  operis  im- 
perfectione  veniam  a  lectoribus  postulando.  Unde  videamus 
primo,  quae  sit  compilationis  materia,  quae  intentio,  quis  auc- 
tor,  quae  utilitas.  quis  modus  agendi,  cui  parti  philosophiae 
supponitur.  Materia  sunt  quaedam  utilia  capitula,  quae  in  cor- 
pore canonum,  in  registro  Gregorii  et  in  Brocado  dimi- 
serat  Clratianus;  decretales  epistolae  et  summorum  pontifi- 
cum  constitutiones.  Intentio  domini  Gregorii,  prout  ipse  in 
prooemio  profitetur,  est,  decretales  et  constitutiones  in  diversa 
Volumina  dispersas  ad  unum  reducere  et  multa  inde  superjluo 
et  incerta,  quae  in  praedictis  compilationibus  continebautur, 
rescindere  et  ad  certitudiuem  revocare,  et  quaedam  addere,  per 
quae  jus  canonicum  illuminatur.  Auetor,  quantum  ad  auctori- 
tatem,  fuit  Gregorius  IX.,  quantum  ad  ordinandam  compila- 
tiouem  fuit  frater  Reiraundus.  Utilitas  evidens  est,  quia,  per- 
lecta  et  intellecta  compilatione,  seiet  qiülibet  discernere  inter 
aequum  et  iniquum,  et  jus  suum  cuique  tribuere.  Modus  agendi 
est  talis :  dividit  opus  in  v.  libros,  in  primo  tractat  de  consti- 
tutiouibus  et  rescriptis,  de  clericorum  ordinationibus  et  judici- 
bus  eorumque  ofticiis;  in  secundo  de  judiciis  et  eorum  [eis], 
quae  ad  processum  judiciorum  requiruntur;  in  tertio  de  vita 
et  honestate  clericorum  et  rebus  eo rundem;  in  quarto  de 
sponsalibus  et  matrimonio  et  eorum  impedimentis;  in  quinto  de 
accusationibus  clericorum,  de  criminibus  et  poenis  eorum.  In 
qualibet    rubrica    primo    ponit   priorum   constitutiones  et  secun- 


Decretalen  Giogors  IX.,  Innocenz  IV.,  Gregors  X.  63 

dum  quod  fuerunt  in  ordine  positae  sie  eoruln  ordinat  consti- 
tutiones.  Supponitur  ethicae  i.  e.  morali  scientiae  secuiidum 
quüd  alii  libri  juris/ 

De  summa  trinitate  et  fide  catholiea. 

Cum  omnia  ab  ipsa  triuitate  processeriut,  ut  in  exordio 
Johannis:  ,iu  principio  erat  verbum'  et  C.  de  vct.  jure  enucl. 
1.  i.  circa  princ,  et  iatra  e.  firmiter  circa  princ,  merito  prius 
de  summa  trinitate  et  fide  catholiea  rubrica   supponitur'  cet. 

Was  zunächst  das  Verhältniss  der  Theile  zu  einander  und 
die  Vollständigkeit  der  Handschrift  betrifft,  so  umfasst  Buch  I. 
fol.  1—85  erste  CoL,  B.  2.  fol.  87—179  erste  CoL,  B.  3.  fol. 
181—252  erste  Col.,  B.  4^  fol.  253—276.  Von  Buch  V.  steht 
fol.  277,  278a  nur  ein  Stück  des  ersten  Titels,  dann  beginnt 
der  Text  wieder  fol.  281a  mit  dem  Titel  de  clerico  percus- 
sore,  dessen  Kubrik  der  Rubricator  die  Bemerkung  vor  an- 
schickt: jhic  desunt  XXII.  tituli.'  Der  Zwischeraum  ist  leer, 
jedes  Buch  hat  sein  Incipit  und  Explicit.  In  B.  3  geht  die 
Summe  sofort  vom  tit.  de  baptismo  zu  dem  de  observ.  je- 
juniorum,  fol.  249  hat  der  Rubricator  beigefügt:  ,hic  ti-an- 
sit  tres  titulos,  nichil  tractans  de  eis^ 

Es  endigt  also :  ,  .  .  Nihil  enim  est  tarn  generaliter  dictum, 
quod  non  recipiat  exceptionem.  Sed  jam  huic  opusculo  finem 
imponentes  in  hiis,  quae  tum  ex  ignorantia  tum  ex  universo 
negotio  in  cursu  minus  prudenter,  minus  sufficienter  scripsimus, 
a  vobis,  Karissimi  socii,  veniam  postulamus,  ei  autem,  qui  est 
bonorum  omnium  retributor,  de  nostris  scriptis  grates  referendo,^ 
,Explicit  liber  quintus.^ 

VIII.  Verfasser  des  Werkes  ist  ganz  unzweifelhaft  nicht 
Johannes  de  Deo,  sondern,  wie  der  Eingang  sagt,  Johannes 
Hispanus.  Weil  über  diesen  gar  wenig  bekannt  ist,  bietet 
die  Schrift  zugleich  für  sein  Leben  und  Wirken  einen  wün- 
schenswerthen  Beleg.  Bei  Durantis  und  Johannes  Andreae 
wird  nur  der  ältere  Johannes  Hispanus  genannt,  von  dem  letz- 
terer angibt,  '  er  habe  eine  lectura  super  decreto  gemacht, 
worin  er  keine  Decretale  citire.    Diplovataccius  -  kennt  auch 


'  Additi«)  ad  Guil.  Durantis,  Speculuin  in  prooemio. 

2  Abschrift  Savigny's  in  der  Berliner  Kön.  13ibl.   fol.    148. 


64  Schulte. 

nur  diesen  älteren.  Sarti  '  weist  urkundlich  einen  zweiten 
Johannes  Hispanus  mit  dem  Beinamen  de  Petesella  nach, 
der  magister  genannt  wird  und  1223  bei  dem  Compromiss 
mit  Tancred  und  Petrus  Hispanus  intervenirt,  v^ermuthet  auch, 
derselbe  sei  Professor  des  canonischen  Rechts  gewesen.  Savioli"-^ 
führt  an,  dieser  Johannes  Hispanus  sei  von  Bologna  nach  Pa- 
dua  gegangen.  Diese  Angabe  führt  auf  das  Wahre  und  stimmt, 
wie  sich  zeigen  wird,  ganz  mit  dem  Werke  überein.  Wir  lin- 
den nun  auch  in  der  That  unsern  Johannes  zu  Padua,  wo  er 
am  27.  März  1229  zugleich  mit  Jacob  von  Piacenza  und  anderen 
ein  Gutachten  abgab.  •' 

Ich  glaube  nun  aus  dem  Werke  selbst  beweisen  zu  kön- 
nen, dass  sein  Autor  erstens  aus  Compostella^  stammt,  zweitens 


'  I.  pag.  289.  ,Hunc  (den  älteren)  recte  Diplovataccitis  seribit  vixisse  cnm 
Eutino,  Silvestro,  Joanne  Faventino,  aliisque  antiquioribus  Decretorum 
interpretibus.  Flornit  igitiir  deeurrente  XII.  saeculo,  nee  XIII.  attigisse 
videtur:  cuius  circiter  anno  XX.  Bononiae  degebat  Magister  Joannes 
Hispanus,  alter  a  superiore,  de  Petesella  voeatus.  Atque  hunc 
etiam  existinio  canonum  professorem  fuisse.  Interfuit  hie  anno  MCCXXIII. 
cum  Taniredo  Arohidiacono  Bononiensi,  et  Mag.  Petro  Hispano,  aliisque 
viris  clarissimis,  cuidam  eompromi.sso,  de  quo  in  tabulis  Monachorum  S. 
Stepliani,  nunc  Senatus  Bononiensis.  (f).'  Die  Note  flautet:  ,An.  MCCXXIII. 

die  ult.  exeunt.  Mart.  indict.  XI presentibu.s   Mag.  Tancredo  canon. 

Bonon.  Mag.  Petro  Hispano  magistro  Decretorum.  Mag.  Joanne  His- 
pano de  Petesella'  etc.  Sera  f.  Mazzetti  Re|)ertorio  di  tutti  i  Pro- 
fessori . .  .  di  Bologna.  Bol.  1847  pag.  155  schreibt  trotzdem,  Sarti  setze 
ihn  in  die  Zeiten  des  altern,  citirt  aber  die  Seite  bei  Sarti  richtig!  Den 
Beinamen  schreibt  er  Retesella. 

2  Annali  Bolognesi  vol.  III.  p.  I.  pag.  14.  lieber  die  Bedeutung  dieses 
Werkes  vgl.  v.  Savigny  III.   S.    138. 

3  Franc.  Maria  Colle  Storia  seien tifico-letteraria  dello  studio  di  Padova. 
Päd.  4".  Vol.  III.  (1825)  pag.  7.  Bei  Verci  Storia  della  Marca  Tom  III. 
])ag.  ny.,  wie  Colle  schon  anfülu't,  erseheint  ein  .loliannes  Hispanus  12')1 
als  Professor  des  canonischeu  Rechts  zu  Vicenza.  Ob  Beide  identisch  seien, 
überlässt  Colle  fremder  Forschung. 

■'  Icli  will  dabei  ganz  davon  ab.strahiren,  dass  Compostellanus  als  Schreib- 
i'elilcr  für  Ulixbonensis  anzunelimen  unmfJglich  ist.  Dies  hält  Sarti  für 
möglich,  weil  er  das  Werk,  von  dem  er  gewiss  nur  die  Vorrede  gelesen, 
Job.  de  Deo  glaubt  beilegen  zu  dürfen.  Dass  Savigny  V.  S.  4r)7.  d. 
Com  pus  t  (  1  l;ni  US  als  Beiwort  für  .Joli.  de  Deo  erklären  zu  Iviumcn, 
glaubt  aus  folgenden  Argumenten:  Hispanus  habe  er  sich  nennen  können, 
tlioils  weil  dies  jeden  Eingebornen  der  ])yrenäischen  Halbinsel  bezeichne, 
theils  weil   der  Besitz  von  Allgarbieu  im    1 ;{.  Jalu'h.  zwischen  Spanien  und 


nocrotalcn   Grcfjovs  IX.,  Innoconz  IV.,  Gregors  X.  65 

in  Bologna  und  Padiia  yelehrt  hat.  Wir  haben  einmal  j^ar 
keinen  Grund,  anzunelinien,  dass  ein  Schriftsteller  selbst  sein 
Vaterland  nicht  kenne;  er  gibt  dies  aber  positiv  an.  ,Iedei' 
Zweifel  hört  aber  auf,  sobald  man  folgende  Stellen  ins  Auge 
fasst.  Er  sagt  im  Eingange,  dass  er  sein  Werk  schreibe  auf 
Geheiss  des  Prinzen  F.  von  Leon;  das  Königreich  Leon  ge- 
hörte zur  Provinz  von  Compostell.  Im  Tit.  de  postulatione 
fol.  21(3  steht  folgendes  Foi'mular: 

,Iuvocato  s.  s.  ad  honorem  dei  sancte  quoque  compo- 
stellane  ecclcsie  exaltationem  eligo  cancellarium  domini  regis 
legionensis  postulandum  in  archiepiscopum  compostellan  mn.' 

Im  Tit.  de  locato  et  conducto  fol.  215b  lieisst  es: 

,Sed  pone  quod  talis  contractus  fuit  initus  inter  praela- 
tum  aliquem  et  alium,  quod  ipse  omnes  oblationes  peregrinorum 
factas  in  aliquo  eodem  anno  perciperet,  et  propter  hoc  dcdit 
C.  marchas,  secundam  autiquam  consuetudinem,  ut  aliquid  ex 
hoc  contractu  lucraretur.  Sed  hoc  anno  non  fuit  ita  bona  pe- 
regrinatio  secundum  quod  consueverat  esse  et  sie  vel  nihil  \cl 
parvum  inest.  Quaeritur,  utrum  hoc  casu  sit  remissio  facienda? 
Et  iste  casus  frequentissime  de  facto  accidit  in  nobilissima 
civitate  Compostell.  Et  quidem  dico,  hoc  casu  nullam  remis- 
sionem  faciendam,  nee  dico^  hoc  casu  esse  contractum  locatio- 
nis  sed  potius  emtionis.' 

Im  Tit.  qui  matrim.  accusare  poss.  fol.  272a  steht 
folgendes  P'ormular : 

,Anno  ab  incarnatione  domini  MCCXXXVI  indictionc; 
nona  residente  domino  gregorio  IX.  summo  pon.  in  se.  ap.  et 
ni.ngister  b.  archiepiscopo  in  Compostell'm  X.  die  intrantc 
ianuarii  ego  p.  accuso  mariam  uxorem  meani  apud  vos,  domine 
ij  decane  compostell'n.,  quia  dico,  eam  commisisse  adulterium 
cum  1.  tali  die  in  civitate  compostell".  in  domo  mea  in  mense 
auguöti  anni  nuper  transacti,  et  hoc  paratus  suiu  legit'me  pro- 
l)are.  Unde  peto  ab  ipsius  cohabitatione  et  Servitute  (si  tene- 
bat)  absolvi.'  ^ 

Fol.  107  erwähnt  er  bei  den  Ferien,  dass  sie  Avegen  der 
Ernte   gegeben    würden    und    sagt:    ,ut    in    gallecia    proptcu- 

Portugal  streitig  gewesen,  Compostellanns,  woil    ganz  Spanien  unter  ilcm 
Schlitze    des   Heiligen    von    Compostell    .stjind,   —    halte    ich    für    nn  lir   .nls 
gewagt. 
Sitzb.  (1.  iihil.-hist.  Cl.  LXVHI.  Bd.  1.  lllt.  5 


66  Schulte. 

colligendas  castanes/  Diese  Stellen  und  andere  im  fol.  98, 
99,  fol.  203,  248  u,  s.  w.,  in  denen  von  Compostell,  gallicia 
die  Rede  ist,  Eigenheiten  angeführt  werden,  lassen  keinen  wei- 
tern Zweifel  aufkommen;  denn  wie  ein  Fremder  dazu  käme, 
solche  zu  Beispiele  zu  wählen  und  in  solcher  Art  die  Gegend 
zu  loben,   wäre  unbegreiflich. 

Für  seineu  Aufenthalt  in  Padua  und  Bologna  spre- 
chen eine  ganze  Anzahl  von  Stellen,  worin  er  beide  Städte 
erwähnt.     Ich  will  nur  einige  mittheilen. 

Fol.  6  a.  ,Sed  pone,  aliquem  impetrare  rescriptum :  ,infra 
duas  dietas  extra  provinciam'  non  tarnen  potes  ponere:  extra 
in  padua  et  angiensi  dioecesibus.^ 

Fol.  28  b.  ,Fiat  decretum  electionis  hoc  modo.  Anno  ab 
iucarnatione  domini  MCCXXXIII  indictione  VIII.  die  intrante 
Marcio  archypresbytero  paduano  et  aliis  canonicis,  qui  potue- 
runt  et  voluerunt  interesse,  corpore  bone  memorie  g.  quondam 
episcopo  tradito  sepulture,  presentes  g.  in.  et  ceteri  canonici 
ecclesie  eiusdem,  qui  ad  requirenda  vota  singulorum  a  capitulo 
fuerant  assumpti,  ibidem  votis  singulorum  requisitis  et  statim 
in  medio  publicatis,  collectione  habita  super  votis  et  numero 
noininantium  et  zelo  ipsoruni  et  super  personis  nominatis,  quia 
plures  numero,  quorum  subscriptiones  infra  continentur,  martid'. 
montanis  consenserunt,  habita  potestate  ab  illi^,  qui  in  ppm, 
in  scrutiuio  consenserant,  cum  vice  omnium  eligendi  ipsum  in 
paduanum  episcopum  eligerunt.' 

119b.  ,Verbi  gr.  Volebam  vendere  decretales  pro  XX., 
persuasisti,  quod  bononie  quae  valebant  X.  quod  bonun.  non 
valerent  X.  '  Fidem  tibi  adhibens  vendidi  tibi  pro  miuori. 
Hoc  casu,  cum  sit  bone  fidei  contractu«,  ])urgabitur  dolus  usque 
ad  ultimum  denarium.' 

Fol.  181  a.  ,Clerici  in  ecclesiasticis  [ecclesiis]  collegiatis 
debent,  prout  prima  facie  videtur,  insimul  vivere  ita,  quod  in 
eadem  domo  vescantur  et  sub  uno  tecto  (biniiiant,  ut  j.  c.  ([uo- 
niam.  Td  tarnen  intelligo  de  regularibus,  vel  ubi  hoc  de  con- 
suetudiue  observatur,  ut  in   canonica  bononiensi.^ 

Können  auch  diese  Stellen  nicht  als  directer  Beweis  gel- 
ten,   so    ist    doch    evident,    dass   ihm    beide  Orte  nahe  standen. 


•  Ich  habe  absiclitlicli  die  ort'c'iibarcn  Sclircilit'ililer  uiclit  verbessert. 


Deri-ptalen  Gregors  IX.,  Innoconz  TV..  Gregors  X.  ß7 

i 

Xinimt  man  hinzu  du;  darzulcgondo  gciuuic  Bckanntscliai't  mit 
der  Literatur  BolojJ-na'n,  den  Umstand^  dass  kein  Gegensatz  zu 
Bologna  auftauclit:  so  lässt  sicli  nicht  bestreiten,  dass  die  an- 
geführten urkundlichen  Naclirichten  unbedingt  auf  den  Ver- 
fasser unseres  Werkes  passen.  Hierzu  kommt  für  Bologna 
noch  die  folgende  Stelle,  welche  offenbar  von  einer  Zeit  redet, 
wo  Philipp  US,  der  seit  1244  als  Archidiacon  erscheint',  noch 
nicht  diese  Würde  bekleidete,  ncämlich  fol.   ]P)8b. 

,Sed  numquid  ista  iudistincte  intelliges,  quod  superius 
dixi,  seil,  advocatum  non  posse  testificari.  Resp.  pro  clientnlo 
SUD  testificari  non  poterit,  et  sie  loquitur  ff,  de  testibus  1.  ult. 
Sed  numquid  contra  ipsum?  Et  quidem  dominus  Azo  dixit 
indistincte,  quod  sie.  Sed  cum  in  causa,  quam  movebat  comes 
de  pisano  contra  episcopum  tridentinum  peteretur  ex  parte 
comitis,  quod  magister  philippus,  qui  erat  mecuni  pro 
parte  episcopi,  deberet  deponere  tanquam  testis,  et  nos  alle- 
garemus  de  consilio  dcjuiini  mei  et  aliorum  proborum  vii'orum, 
judices  interlocuti  fuerunt,  quod  poterat  induci  testis  a  parte 
comitis  super  hiis,  quae  tanquam  advocatus  non  didicerat ; 
super  hiis  enim,  quae  didicerat  tanquam  advocatus,  deponere 
non  debebat.     Et  hanc  sententiam  approbo,^ 

Nach  den  obigen  Mittheilungen  aus  Colle  kommt  Johannes 
in  Padua  1229  urkundlich  vor,  (Jb  er  nun  d(ut  geblieben  oder 
wieder  nach  Bologna  gegangen  ist,  lässt  sich  nicht  feststellen. 
P\isse  ich  aber  das  Wahlprotokollformular  vom  Jahre  123o  ins 
Auge,  so  darf  ich  wohl  die  Vernmthung  aussprechen,  er  habe 
zu  jener  Zeit  und  auch  zur  Zeit  der  Al)fassung  dieses  Werkes 
in  Padua  nicht  mehr  dozii't.  Das  Wahlformular  ist  fingii't, 
denn  2  im  J.  1233  fand  dort  keine  Bischofswahl  statt,  da  der 
1229  gewählte  Jacobus  Corradus  bis  1239  regierte,  worauf 
bis  12Ö0  Sedisvacanz  war,  der  dann  gewählte  Bapt.  Forzatus 
aber  erst  nach  Jahr(^n  zur  Besitzerg-reifuni!-  o<elani>-t(;  in  Folo-c 
der  Zustände  unter  Ezzelino.  Das  Jahr  1233  hat  aber  wohl 
nicht  im  Original  gestanden,  da  in  dieses  Jahr  die  VI.  Indiction 
fällt.     Entweder  stand  also  dort  VI.   ind.  odei-  123;').     Letzteres 


'  Sarti   II.   j).   o'.t.  1<j1-  woiss  aber  iiiclits  iiboi-  sniiK»  weitfrc  Wirksamkeit  zu 

sacken.     Joh.  Andreae  1.   c   onvähiit  nur  den  Namen. 
2  Ughclli    It;ilia   Sacra   T..m.    V.   cul.    I  IT.   ft". 

5* 


08  Schulte. 

scheint  mir  mit  I\ücksicht  auf  das  g-anz  richtigo  Formular  von 
1 23(3;  wo  die  Indiction  mit  Buchstaben  g-eschriehen  ist,  ziemlich 
sicher  zu  sein.  Ich  halte  nun  für  sehr  unwahrscheinlich,  dass 
er  in  Padua  lehrend  den  Tod  des  Bischofs  fing-iren  sollte.  G. 
ist  freilich  nicht  der  Name  dieses,  kann  aber  doch  leicht  ihn 
bezeichnen  (Giacomo). 

IX.  Die  Summa  selbst  bildet  nach  dem  Vorbilde  der 
von  Bernardus  Papiensis  und  Damasus  eine  eigentliche  Summa, 
indem  die  Gegenstände  der  einzelnen  Titel  olme  jeden  Anschluss 
an  die  einzelnen  Capitel  nach  selbstgewählter  Ordnung  theore- 
tisch erörtert  werden,  wobei  die  Capitel  sell)st  durchweg  nur 
zum  Belege  angeführt,  einer  Interpretation  hingegen  nur  inso- 
weit unterzogen  werden,  als  man  dies  überhaupt  zur  Begiün- 
dung  einer  Ansicht  bei  einem  Quellencitat  thun  mnss.  Folge 
dieser  freieren  Behandlung  ist,  dass  die  Summe  über  den  Inhalt 
der  Titel  hinausgeht.  So  erhalten  wir  eine  Theorie  der  pacta 
(tit.  de  pactis),  im  tit.  de  eo  qui  mittitur  in  poss.  etc.  eine 
Abhandlung  über  Interdicte,  die  Theorie  des  Vergleichs  (de 
transact.),  des  Kauf-Mieth-Vertrags,  der  precariae,  ein  eignes 
Capitel  de  Interesse  beim  tit.  de  emt.  et  venditione  u.  s.  w. 
Die  Stärke  unseres  Autors  liegt  in  jenen  Materien,  die  auf  dem 
römischen  Rechte  ruhen,  dem  Prozesse  angehören  oder  eine 
civilistische  Seite  haben.  Es  zeigt  sich  dies  auch  in  dem  Ver- 
hältnisse der  Theile  zu  einander,  da  die  zwei  ersten  Büchei' 
weit  über  die  Hälfte  des  Werkes  einnehmen,  das  vierte  sehi' 
kurz  ist,  die  civilistische  Durchljildung,  wo  es  angeht  (z.  13. 
de  off.  jud.  deleg.  u.  a.)  unbedingt  überwiegt.  Dies  deutet 
darauf,  dass  er  von  Haus  aus  Civilist  war.  Nie  bezeichnet 
er  einen  Canonisten  als  seinen  Lehrer,  der  dominus  mens 
ist  Civilist  gewesen.  Eigenthümlich  ist  dem  Werke  und  zeichnet 
es  aus  vor  fast  allen  canonistischen  seiner  Zeit  eine  fortwäh- 
rende Polemik.  Bevor  ich  diese  näher  schildere,  muss  icli 
einen  damit  zusammenhängenden  Punkt  besprechen. 

X.  Wir  finden  in  dem  Werke  eine  Benutzung  der 
Literatur  unter  durchgehender  namentlicher  Anführung  der 
Autoren,  wie  kaum  ein  zweites  Werk  sie  enthält.  Von  Lo- 
gisten  führt  (ü-  au: 

].  Ii-nerius.  fol.  27")!)  ,Sed  quid,  si  emancipate  tilie 
pater  dotem  constituat,    numquid    idciii  est  dicendum    (nämlich 


Decrelalen  Gregors  IX.,  liiiioct'n/.  IV,  (hegors  X.  69 

die  Restitution  an  den  Vatei-  und  die  Tocli^cr  im  l^^ailo  des 
divortium)  dominus  y.  dixit,  (juod  sie,  per  iura  tl".  de  Jiif(> 
dot.,  prüfe ctitia  §.  penult.,  soluto  matrimonio  iilie.  Sed  cou- 
trarium  est  verum:  C.  de  rei  ux.  act.  1.  I.  §.  accedit/ 

2.  Bulgarus,  bald  ausgcselirieben ,  bald  dominus  b. 
Vgl.  fol.  103b,  117  b,   122a,  165b,  204b,  211a. 

o.    Martinas  Gosia.  Dominus  M.  fol.   122a,  205 b. 

4.  Jacobus  (de  Porta  Ravennate).  ,Uominus  Ja.M'.  125a. 

5.  Rogerius.  ,Dominus  R.'  fol.  220b. 

6.  Albericus.  fol.  18  a,  wo  er  mit  vollem  Namen  steht 
,tertia  est  opinio  domini  fdvericL'  fol.  220b. 

7.  Placentinus.  Aus  ihm  führt  er  unter  ausdrücklicher 
Hervorhebung  dieses  Umstandes  Stellen  (Definitionen)  wörtlich 
an,  wie  er  seine  Summe  und  sein  Werk  de  varietate  actionum 
überhaupt  viel  benutzt  hat. 

8.  Johannes  Bassianus,  der  sehr  oft  angeführt  Avird; 
eine  Stelle  möge  Platz  linden  fol.  100  a:  ,Locum  habet  recon- 
ventio  in  omuibus  casibus ,  illis  duntaxat  exceptis ,  qui  in 
sequenti  §.  notantur.  Sed  utriim  fieri  possit  reconventio  lite 
non  contestata  dubitatur.  Est  tarnen  opinio  solempnis  tarn 
dominorum.  quam  doctornm^  quod  non  audietur  lite  contestata, 
nisi  ab  inicio  reconveniat  vel  saltem  protestetur  et  inducunt 
pro  se  C.  de  sentent.  et  interloc.  judic,  auth.  et  conse- 
quenter,  C.  de  satisdat.  1.  unica.  Dominus  Jo.  fuit  in  con- 
traria sententia,  dicebat  enim,  quemcumque  durante  primo  judicio 
actorem  posse  reconveniri,  et  intedebat  pro  ff.  de  judicio  1. 
II.  §.  item  si  extra.  Ego  sententiam  domini  Jo.  approl)0 
et  probatur  expresse  infra  e.  c.   1.^ 

9.  Pillius.  Der  Name  ist  einzeln  ausgeschrieben,  einzeln 
pi.  oder  py.  mit  dominus. 

10.  Azo.  Ihn  citirt  er  von  allen  Civilisten  am  meisten; 
fast  immer  ist  der  Name  ausgeschrieben,  seltener  az.  Einzeln 
wird  beigesetzt  in  Summa  (64b,  die  zum   Codex  gemeint). 

11.  Nicolaus  Furiosus.  Fol.  49b  (tit.  de  bigamis  non 
ord.)  ,Cum  bigaino  dico  dominum  papam  dispensarc  posse  ple- 
narie,  licet  quidam  negent,  ut  nicholaus  furiosus,  et  sui 
sequaces,  qui  similiter  sunt  furiosi  et  (in)  hac  parte,  quia 
negant  potestatem  ecclesie  romane  et  clavcs  fuisse  (latus  \)('Xvi) 
et    per    ipsum    successionibus    (successoribus)    suis.     Concedunt 


70  Schulte. 


tarnen,  qiiod  usque  ad  subdiaconatura    posse  (posset)  in  talibus 
dispensari.   /  ' 

12.  Lanfrancus.  Der  Leg-ist  wird  z.  B.  als  dominus 
la.  lan.  citirt  fol.  101a,   113a,   151a. 

13.  Jacobus  de  Ardizone.  Fol.  122b.  ,Sed  utrum 
actor  missus  in  possessionem,  cum  reali  actione  agit,  possi- 
deat  vel  non,  dubitatur.  Et  quidem  diversi  super  lioc  diversa 
sentiunt.  Dominus  hui.  dixit,  talem  non  possidere  sed  est  tau- 
tum  in  possessione,  ut  reus  tedio  affectus  veniat  responsurus. 
Unde  dixit,  talem  potius  custodiam  quam  possessionem  habere. 
Inducebat  ad  hoc  ff.  de  adquir.  poss.,  possideri  §.  ult. 5 
unde  reus,  praestita  cautione  judicio  sisti  et  restitutis  expensis 
infra  anniun  recuperat  possessionem,  post  annum  autem  incipit 
possidere  et  reus  efficietur  de  possessione  petitor,  et  sie  intel- 
lexit  legem  C.  de  praescript.  XXX.  vel  XL.  aunor.,  si 
quis  emtionis  §.  ult.  Et  hoc  dixit  habere  locum  ante  litis 
contestationem.  Dominus  M.  et  dominus  Jo.  dixerunt,  missum 
in  possessionem,  cum  ago  reali  actione,  statim  possidere,  si 
ante  1.  con.  non  sit  missio  facta,  sed  reus  veniens  infra  annum 
recuperat  possessionem,  sed  postea  non  auditm*,  nisi  velit  de 
proprietate  litigare;  et  hoc  coUigebant  ex  verbis  illis  praealle- 
gate  legis  si  quis  emptionis  §.  ult.  in  eo  quod  dicit  prior 
possessor.  q.  dicat  nunc  non  possessor.  Et  facit  pro  eis  ff. 
de  dampno  infec,  a  quo.  Hanc  sententiam  approbat  do- 
minus ard.  et  eosdem  sequitur  lau.  Et  quod  dicitur  supra  ut 
lite  non  con.,  quoniam  frequenter  §.  in  aliis,  et  infra 
de  dolo  et  cont.,  conti ngit,  exponit:  verus  constituatur  post 
annum  i.  e.  vere  et  incommutabiliter.  Unde  secundum  ipsos 
proprie  dicitur  aliquis  poui  in  poss.  causa  rei  servande,  hoc 
idem  asserit  Jo.  Et  ego  volo  recedere  a  litera  decretalium, 
quae  dicunt,  taliter  missum  rem  debere  servare,  et  hoc  proprie 
secundum  quod  jacet.  Litteram  intelligo  ut  in  praeall.  decret. 
et  supra  de  dolo  et  con.  ca.  I.  et  infra  e.  e.  I.  et  II.  et  III. 
Unde,  ut  cum  eorum  pace  loquar,  dico  talitei' :  missum  non 
possidere,    sed    tantum    possessioui    insistere.     Aliud    est    enim 


Eine  sonderbare  Widerlegung;  weil  dem  Papste  auf  Oruud  alten  Rechts 
eine  Befuguiss  bestritten  wird,  soll  ihm  der  Primat  bestritten  werden! 
Man  sieht   nil   nuvi   sub  seile. 


Decretalen  Gregors  IX.,  Innocenz  IV.,  Gregors  X.  71 

possiflere  et  aliud  in  possessione  esse  iit  ff.  de  adqiii.  poss. 
1.  si  quis  ante;  tales  enini  potius  custodiam  quam  possessionem 
liabent  .  /  Dies  Zeugniss  bildet  einen  neuen  Beweis,  dass 
Jacobus  über  civilistische  ]\Iat(!rien  gcsclinebcn  hat.  Vgl.  v. 
Savigny  V.  S.  85  S. 

14.  Roffredus.  Uebcr  die  häutig  vorkommende  Schreib- 
weise Ranf.,  Ronfr.  vgl.  v.  Savigny  V.  S.  187.  d. 

15.  Vincentius.  Fol.  74b.  ,Et  est  sciendum,  quod  secvm- 
dum  leges  diflinitiva  sentcntia  in  personam  procuratoris  nun 
doniini  est  ferenda,  alias  non  valet  ut  C.  de  sen.  et  int  er. 
0  m  I!  i  u  m  i u  d.  1.  I.  Tamen  d  o  m  i  n u s  vin.  voluit  distinguere  utrum 
ab  initio  dominus  interfuerit  causae,  vel  semper  litigaverit  per  pro- 
curatorem,  in  primo  casu  dixit  ferendam  sententiam  in  dominum, 
*m  seeundo  in  procuratorum  .  .  .'  Auch  fol.  73  a  steht  eine  civili- 
stische Frage  und  heisst  es:  ,vi)ic.  qI pi.lli.  dixerunt.,  Fol.  165b. 
,Quidam  dicunt,  per  praescriptionem  directum  adquiri  dominium, 
ut  domini  vinc.  et  />.  et  sui  sequaces,  quibus  Jo.  assentit, 
ut  ff.  de  damp.  infec,  si  finita  §.  si  de  vectiga.  et  de 
adquir.  re.  do.,  adquiritur  i<.  non  solum,  C.  de  bonis 
mater.,  aut.  ut,  C.  de  edicto  divi  adri.  1.  ult.  in  fi.,  et 
supra  XVI.  q.  III.  inter  memoratos,  ibi  sit  eternum  do- 
minium. Dominus  Jo.  (et  cum  sequebatur  dominus  mens  et 
fere  omnes  moderni  doctores  ipsius  sententiam  approbant)  dixit, 
non  adquiri  per  praescriptionem  directum  dominium,  sed  tantuin 
utile,  et  sie  intellexit  omnia  jura  pi'o  parte  contraria  allegata, 
et  est  expressum  supra  XVI.  q.  III.  §.  potest  circa  priu.  ibi 
, ad  versus  verum  dominum  utiliter'  (in  dicto  Grat,  ad  c. 
15.  1.  c.)  Sed  illud  non  est  de  textu  legis,  sed  fuit  appositum 
per  §.  [lege  G[ratianum]  qui  istam  sententiam  fovebat  et  probat, 
quod  utile  non  directum  dominium  adquiratur,  ea  ratione,  quod 
lex  dicit:  , priori  domino  vindicanti  obstare  exceptionem,'  ut 
C.  de  prae.  X.  vel  XX.  1.  penult.  et  de  prac.  XXX.  si 
quis  empt.  Ergo  ei  competit  actio,  cum  exceptio  sit  actionis 
exclusio,  ut  ff.  de  exceptionibus  1.  II.  I.  Resp.  adhuc  do- 
minus remanet,  cum  illi  soli  competat  rei  ven.,  qui  est  dominus 
de  jure  gen.  vel  civili,  ut  ff.  de  rei  ven.,  in  rom  i.  Resp. 
ergo  praescribens  dominus  esse  non  potest,  cum  duo  ciu.sdt'in 
in  solidum  et  eodem  jure  domiui  esse  non  possin t  ut  tt.  com- 
iii.idati,  si  ut  certo  §.    ult.     Ratet  ergo,  praescribeutem   esse 


72  Schulte. 

utiliter  floiiiinuni,  aliuni  directe  (lomiiiiiiii  renianere.  Sed  poue 
(prae)  scribentem  recidisse  a  possessione  rei  praescriptae,  per- 
venit  ad  priorem  dominum,  numquid  poterit  ille,  qui  praescrip- 
sit,  ab  eodein  rem  revocare?  Jo.  et  az.^  dixermit,  quod  sie,  et 
sie  intellexerunt  illam  le.  C.  de  prae.  XXX.  si  quis  empt/ 
Er  wendet  sich  jetzt  der  Ansicht  zu,  durch  Praescription  werde 
das  Dominium  verändert.  Ein  Civilist  Vincentius  kommt 
bei  Savig-ny  und  auch  sonst  nicht  vor.  An  den  Canonisten 
Vincentius  ist,  obwohl  derselbe  immerhin  auch  civilistische 
Arbeiten  g-emacht  haben  kiinnte,  nicht  zu  denken,  da  er  den 
vinc.  vor  b.  setzt,  also  offenbar  als  älter  hinstellt,  wie  das 
die  aus  den  mitgetheilten  Stellen  bereits  hervorgehende  Methode 
beweist. 

Iß.  vSein  Lehrer.  Auf  gegen  30  Seiten  wird  ohne  jeden 
Namen  zu  nennen  bald  im  Gegensatze  zu  dem  einen  bald  zu 
dem  andren,  stets  als  verschieden  von  allen  fünfzehn  Genannten 
und  sämmtlichen  anzuführenden  Canonisten  angeführt  domimis 
raeus,  einmal  (116b)  auch  praeceptor  mens.  Trotz  meiner 
fleissigen  Nachforschung  ist  es  mir  nicht  gelungen,  festzustellen, 
wer  es  war.  Dass  es  ein  Civilist  ist,  folgt  schon  allein  daraus, 
dass  er  nur  bei  civilistischen  Materien  genannt  wird.  Wenn 
ich  nach  dem  ähnlichen  Inhalte,  Avelchen  die  Dissensiones  do- 
minorum  des  Hugolinus  an  einzelneu  Stellen  haben,  schliessen 
darf,  ist  Hug-olinus  sein  Lehrer,  womit  die  Zeit  und  der  Um- 
stand genau  stimmt,  dass  er  gerade  diesen  nicht  nennt.  Accur- 
sius  ist  es  nicht,  dieser  ist  auch  keinesfalls  älter  als  unser 
Johannes. 

Fol.  211a.  ,Est  autem  Interesse  circa  rem  quod  contingit, 
vel  circa  pretium  vel  ipsam  rem,  de  qua  agitur,  vel  circa  suas 
accessiones  civiles  vel  naturales.  Interesse  a  (autem)  extra 
rem  est  dampnum  extra  rem  datum  cuius  accessionem  contingens, 
ut  ex  predictis  legibus  colligitur  et  ff.  de  ac.  emp.  et  ven. 
si  sterilis  §.  cum  per.  Sed  haec  solutio  non  placet  azoni\ 
magis  enim  esset  dicendum  totum  Interesse  quod  est  circa 
rem  praestandum  q.  de  eo  inter  contrahentes  sit  cogitatum  quam 
iUud  quod  est  extra  rem  de  eo  contrahentes  non  videntur  sen- 
sisse.     Sed  sie  mihi    vidctui-    cum    domino   meo    distiniiucndum. 


'  Einer  der  seltenen  Fälle,    wo    er    rlo minus    bei    den    Legisten    aiislässt, 
<»ffenli,ir  weil  kein    Intlmiii   inii'i'licli   war.  / 


Deeretalen  Gregors  IX.,  Iiiiioccn/-  IV.,  (.iregors  X.  7.) 

Interesse  aliud  est  coniniune,  aliiid  cnnventionkle  sive  convent. 
aliud  sing-ulare  seil,  quod  r.-itinno  etfeetiouis  sive  singularis 
utilitatis,  et  sie  etiam  ad  idcni  teiidit,  si  dicat,  pretium  aliud 
commune'  cet. 

Fol.  274  b.  ,■  .  .  Uudc  dico  cum  donüno  nieo,  quod,  cuui 
datur  res.  examanitata  (extimata)  in  dotem :  Co  de  jure  do., 
([uuciens  —  nee  obstat  quod  leg-itur  C  de  jure  do.  in  rebus, 
quia  ibi  fuit  facta  extimatio,  ut  sciretur  quod  esset  sine  leg'i- 
tiiuo  matrimonio  soluto  ut  C.  de  jure  do.  si  inter  —  vel  sie 
fuit  facta  extimatio,  ut  esset  in  u[)tione  nuilieris,  utrum  vellet 
rem  vel  pecuniam  et  ipsa  elegit  rem,  ut  ff.  de  jure  do.  ple- 
rumque  §.  ult.  et  de  fundo  do.  quodsi,  vel  est  speciale  ut 
in  rebus  existimatis  datis  in  dotem  competat  rei  venditio  (ven- 
dicatio)  cum  modo  extent  res  eo  tempore  quod  datur  dotis 
repetitio,  non  ea  ratione,  quod  sit  domina,  sed  ideo,  quia  fin- 
gitur  domina,  vel  intelligitur  lex  praeall.  —  et  hoc  magis 
approbat  dominus  azo  —  ciun  vir  non  est  solvendo  ad  existima- 
tionem  praestandam'  cet. 

IX.    Von  Cauonisten  führt  er  an: 

1.  Cardinal is  fol.  161b.  Der  Name  ist  ausgeschrieben. 
Es  wird  seine  Ansicht  angeführt,  dass  die  der  s.  g.  lex  jui'is- 
dictionis  zufallenden  Rechte  nicht,  die  der  lex  dioecesaua  wohl 
praescribirt  werden  könnten.  Im  Cod.  Trevir.  90G  linden 
sich  die  Glossen  dieses  Inhalts. 

2.  Huguccio  auf  24  Seiten.  Er  wird  stets'  nui'  mit  //. 
bezeichnet.  Dass  aber  Huguccio  damit  gemeint  ist,  folgt  daraus, 


•  Fol.  161a  steht  jedoch:  ,A(1  hoc  dixei'iiut  v.  et  da.^  et  omne.s  Icgiste 
ei.sdem  a.ssentiunt,  qviod  usucapio  locuiu  habeat  m  rebus  ecelesie  jiro- 
fanis,  sed  non  in  ecclesiasticis  sacris.  Sed  Jo.  et  /</.  dixeriint  contrarinni 
ad  instai'  fiscaliuni,  in  quibus  non  currit  usucapio,  ut  in  instit.  de 
usuca.  §.  res  fisci.  Item  res  ecclesie  censentur  jure  rei  publice  ut  C. 
de  sacro.  ecclesiis,  ut  inter  divinum,  sed  in  reljus  publicis  non 
ciuTit  usucapio  ut  ff.  de  usuc,  usucapionem.  Ego  primam  sentcntiam 
magis  approbo,  cum  non  viden  auctoritatem  per  j  us  canonizatam 
quantum  ad  usucapionem,  quantum  vero  quadrienii  praescriptioneni 
non  tenet  per  jura  supra  XII.  (p  IL  ((uicunque  niilit.,  W .  (|.  I.  in 
canouibus  et  q.  III.  jjlacuit  Iiic  In  der  Suuuiia  Hugucciouis 
steht  zu  C.  XVI.  q.  4  priuc.  ,8acre  tantum  a  clericis  nomine  ecclesie, 
possunt  usucapi,  non  autem  a  laicis,  quia  eas  iure  communi  jjossidere  non 
j)ossunt,  nee  earum  commercium  habere.'  Darnach  halte  ich  für  unzwei- 
felhaft, dass  Ilug.  gemeint  ist.  Sonst  findet  sich  die  Sigle  ?/.  für  iim  iiäufig. 


,1  Schulte. 

dass  dies  seine  stete  Sigle  ist;  auch  habe  ich  alle  verglichenen 
Stellen  in  der  Summe  gefunden.  Keine  g-eht  auf  den  Legisten 
Hugo,  keine  hat  dominus  vor  h. 

8.  Bernardus  Papiensis.  Er  wird  an  drei  Stellen  mit 
]).  pap.  citirt  (fol.  2  a,  2431)  und  294  a),  an  einer  fol.  1751) 
mit  b.  par.  Dies  ist  ein  Schreibfehler,  den  ich  auch  sonst 
gefunden  habe. 

4.  Johannes  Galensis.  Fol.  190a.  Er  sagt,  wegen 
einer  noch  so  lange  dauernden  Krankheit  könne  ein  Beneliziat 
ohne  Verschulden  nicht  abgesetzt  werden,  ,nec  etiam  hie  est 
aliqua  contradictio  inter  modernos  doctores.  Jo.  gal.,  et  R. 
distinxerunt,  an  sit  curabilis  egritudo  vel  non,  in  primo  casu 
dicebant  prout  modo  omnes  tenemus,  in  secundo  dicebant,  alium 
substituendum ;  inducebant  ad  hoc  ff.  de  iudic,  si  longius, 
C  de  officio  praefector.,  si   quos.  Sed  hoc  non  admittimus.' 

5.  Richardus  Anglicus  ausser  in  der  so  eben  angeführ- 
ten Stelle  fol.  263b. 

6.  Philippus  fol.  117b.  ,Sed  quid,  si  creditor  rem  pigno- 
ratam  violenter  invaserit?  Resp.  domtnns  mens  dixit,  creditorem 
incidere  in  consti.  Sed  dominus  Jo.  et  phi.  dixtinxerunt, 
utrum  rem  pignoratam  creditor  invaserit  tanquam  impignoratam 
vel  tanquam  suam.  Si  tanquam  impignoratam  dicunt  cessare 
consti.,  sed  ipse  incidit  in  edictum  divi  marci:  ff.  quod  nie. 
causa,  exstat  edictum.  Sed  prior  sententia  magis  placet^ 
Da  er  nicht  domini  Jo.  et  phi.  sagt,  bezeichnet  er  letztern 
damit  als  Canonisten.  Unmittelbar  vorher  war  j)//.  genannt. 
Nimmt  man  hiezu  die  oben  abgedruckte  Stelle  über  das  mit 
iliiii  geführte  Geschäft,  so  liegt  ausser  Zweifel,  dass  Philippus 
als  Glossator  thätig  war. 

7.  All)(!i'tus  fol.  7()b.  ,Et  nota  in  summa,  quod,  si  re- 
nunciasti  prebcnde  tue  per  metum  et  si  iuramentum  interveuit, 
ratione  iuramcnti  non  debes  convenirc  ut  infra  e.  (nämlich  tit. 
de  his  quae  vi  metusve  c.  f.)  ad  aures.  t.  tamen  et  l<(. 
et  quidam  aüi  dixerunt  contra.  Sed  eorum  dictum  non  approbo, 
et  hoc  dixerunt   pi'opter    penuriam    intellectus, '    et  in  hoc  con- 


'  Hier  ist  seine  ,i"i,stilisclK'.  J>ere(ls;inikeit'  diircligogangen;  ei-  spricht  sonst 
gerade  von  ia.  mit  grosser  Achtung,  z.  B.  fol.  114b:  ,1a.  ogo  dico  salva 
eiiisdcni  auctniitate'. 


üecretalen  Gregors  I.Y.,  Innucenz  IV.  (iregois  X.  7ö 

cordant  alhertns  et  lau^.  Icli  >;('lic  an  (liesci^i  nrj(>  in  eine 
weitere  Untersuchimg-  über  Albertus  niclit  ein. 

e.  Naso  fol.   118a. 

0.  Melendus.  Naehdem  er  referirt,  Hug-uccio  und  sein 
Anhang-  lehrten,  man  müsse  bei  der  Ordination  die  geheimen 
Sünden  und  andere  Impedimente  sagen ,  ebenso  im  Gerichte!, 
lieisst  CS  fol.  40b  am  Ende  der  ersten  Col. :  ,M.  vero  dixit 
contrarium  quia  in  iudicio  nemo  tenetur  prodere  crimen,  quia 
licet  cuilibet  qualitercunque  sanguinem  suum  redimere  ut  f"f. 
de  bon.  eorum  qui  ante  sen.  1.  I.  nee  in  examinatione  pec- 
caverit  de  quo  poenituit:  XXXII.  {[.  I.  apud,  de  pe.  di.  IIl. 
illc  rex^  Johannes  gibt  es  zu,  ausser  wenn  es  sich  um  stdche 
handle,  wodurch  man  iiregulär  werde:  Symonie,  Mord, 

10.  Bazianus  fol.  Gla  tit.  de  off.  jud.  ord.  ,nec  dico 
metropolitanum  posse  in  hoc  casu  (ausserhalb  der  Synode)  sen- 
tentiare  etiam  absolveudo,  licet  li.  et  haz.  dixissent  contrarium 
III.  q.  VI.  accusatus;    et  in  hac  sententia  est  la.^  fol.   LKia. 

11.  Petrus  Hispanus  fol.  237a.  ,Quidam  volunt  dicere, 
quod  illa  aut.  (nämlich  c.  9.  C.XIX.  q.  3.)  si  qua  mulier 
loquitur,  quando  abbas  dat  licentiam  monacho  ordinaiuii  intcr 
liberos,  nam  aliter  ex  quo  est  effectus  monachus  non  potest 
in  aliquo  disponere  ut  supra  XII.  q.  I.  non  dicatis.  j).  ijapa- 
»7f.s- intellexit  illam  aut.  si  qua  mulicr,  quando  adhuc  erat  in 
probatione,  aut.  nunc  autem,  quando  iam  erat  effectus  nm- 
nachus.  Alii  volunt  dicere,  et  in  hoc  quasi  omnes  legistae 
consentiunt,  quia  illa  aut.  si  qua  mulier  corrigat  aliam. 
lau.  exponit  verba  illius  aut.  nunc  autem  :  exinde  iudicio 
eius  cessante  i.  e.  si  cessaverit,  puta  quia  post  ingressum 
praeventus  est  morte  antequam  aliud  aliquid  disponeret.  Ego 
sententiam  p.  approbo,  et  haec  sunt  verba  illius  aut.  nunc  au- 
tem seil,  cum  monachus  f actus  esset  i.  e.  si  mortem  ingre- 
ditur  nichil  ad  monasterium  pertinebit,  nisi  ei  nominatim  ali- 
quid relinquatur,  nee  tunc  totum,  quia  semper  debita  portio 
parochiali  ecclesie  reservatur  ut  supra    de  sepult.  per   totum'. 

Auf  fol.  b8b  steht  Folgendes:  ,YA  traditur  in  diftinitiva 
sententia  regula  generalis,  ut  victus  victori  condempnetur  in 
expensis,  ut  V..  de  judi.,  pro[)eran(l.  i?.  sin  autem.  Ilaec 
tamen  regula  fallit  secunduni  [i.  in  diiobus  casibus,  seil,  cum 
absens    per    contumaciam    aliis  condempnatur    ut  C*.  de    judi., 


76  Schulte. 

pro  per  and.  §.  II.,  vel  cum  justa  fiiit  causa  ignorancie  ut  in 
aut.  de  judicibus  §.  opt.  coli.  VI.,  ff.  de  leg.  II.,  qui 
solidum  §.  etiam'.  Pillius  hat  nichts  davon  in  seinem  ordo 
judiciarius,  auch  wird  derselbe  nie  blos  mit  p.  in  dieser  Summe 
bezeichnet  und  stets  dominus  benamst.  Man  kann  nun  an 
Petrus  Hispanus  denken.  Dabei  fällt  es  aber  auf,  dass  die- 
ser an  der  andren  Stelle  mit  p.  ysp,  und  gerade  so  in  andren 
Handschriften  bezeichnet  wird ,  während  freilich  in  Hand- 
schriften des  Decrets  (z.  B.  Trierer  Bibl.  906)  die  Sig-le  p. 
sehr  häufig  für  ihn  steht.  An  Paulus  Ungarns  kann  wohl 
nicht  gedacht  werden,  ebenso  kaum  an  Petrus  Beneventanus. 
Der  Gegenstand  gehört  an  sich  in  eine  Darstellung  des  Pro- 
cesses.  Sollte  das  Citat  sich  beziehen  auf  ein  Werk  des  Petrus 
Hispanus,  über  das  nur  folgende  Notiz  bekannt  ist?  Biblio- 
theca  hispana  vetus  etc.  auct.  D.  Nicoiao  Antonio  His- 
palensi  J.  C.  Matriti  MDCCLXXXVIH.  fol.  I.  pag.  375. 
, Petrus  Hispanus.  Huius  nomen  prae  se  ferebat  titulus  operis 
cuiusdam  in  bibliotheca  Ms.  Antonii  Augustini  codice  397  ex- 
stantis  in  membranis  annorum  quinquaginta  supra  centum,  De 
ordine  judiciorum  inscripti,  in  quo  erant  et  alia  juridica. 
Catalogo  eiusdem  bibliothecae  adhaeremus.^  Ob  es  das  von 
Durantis  in  der  praef.  des  Speculum  genannte  sei,  lässt  er 
unentschieden. 

Bisher  habe  ich  absichtlich  jene  genannt,  die  nur  selten 
citirt  sind,  während  einzelne  der  folgenden  fast  beständig  an- 
geführt werden. 

12.  Damasus.  Er  hat  dessen  Summe  vor  Augen  und  führt 
daraus  einzelne  Definitionen  wörtlich  an,  z.  B.  fol.  2a,  4b,  80b. 

13.  Alanus  fol.  42b.  ,Dicunt  tarnen  quidam,  ut  qla.  lau. 
et  vineen.  et  eins  sequaces,  quod ,  licet  filii  sacerdotum  sint  de 
legitime  matrimonio  nati,  non  tamen  possunt  habere  dignitatem 
vcl  bencficium,  quod  pater  habuit  per  jura  infra  e.  ad  extir- 
pandas  etc.  constitutus  etc.  ex  transmissa  VIII.  q.  I. 
apostolica;  alii  dicunt,  quod  possunt,  et  iutelligunt  illa  jura 
de  illegitime  natis.  Et  hoc  magis  placet^  Fol.  48a,  79a.  Die 
sehr  interessante  Stelle  lautet,  nachdem  er  auseinander  gesetzt, 
es  komme  für  die  rest.  in  int.  darauf  an,  ob  der  minor  durch 
4  Jahre  oder  mehr  oder  weniger  als  4  J.  verletzt  sei ;  sei  er 
weniger  verletzt    ,restituitur    dum    est    minor    et    factus    major 


Decrctiilpii  GrPg-nrs   IX.,  Iniioroiiz  TV.,  Gm^ors  X.  <  i 

) 

infra  tantuin  tempus,  quautu  est  losus,  ut  ff.  qiiando  actio 
de  pe,  est  an.,  ciira  post  mortem,  ff.  de  minor.  1.  ult.  ff. 
ex  quibus  cau.  sed  ot  si  pioprio  §.  quociens  et  lex  nee 
non,  §.  siquis  sepins;  et  hoc  secundum  azo  et  domimun  Jn. 
2)lac.  et  alii  dixerunt,  eimi  senipcr  usque  ad  quadriennium  posse. 
Hanc  credo  veriorem,  ut  C.  de  tempo.,  invite  restit.  Niun- 
quid  ultra  quadriennium  a  tempore  lesiouis?  /.  et  f.  et  vhi. 
dixerunt,  quod  non,  quia  omnis  restitutio  infra  quadriennium 
terminatur,  ut  in  le.  praeall.  Sed  obstat  eis  j.  e.  c.  I.;  sed 
ipsi  dicunt,  eam  uti  jure  minoris  facti  majoris  et  exponitur: 
semper  i.  e.  ubicunque  enormiter  leditur.  alan.  sine  temporis 
preiiuitione  dixit,  eeclesiam  restituendam ,  quandocunque  pro- 
baret,  se  lesam ;  alii  ponunt  eeclesiam  in  primo  anno  minoris 
et  dicunt,  eam  posse  restitui  usque  ad  XXIX.  annos;  alii 
dicunt,  eam  restitui  usque  ad  XV  annum  ponentes  in  XIIIL 
anno.  Memini,  me  vidisse  decretalem  domini  Gregorii 
confirmantem  sententiam  la.  et  suorum  sequacliim; 
sed  quia  non  fuit  in  compilatione  posita,  praesumo, 
eam  eum  revocasse.  Et  ideo  adlierens  prime  decre.  istius 
tituli  dico  cum  Imi.,  eeclesiam  sine  temporis  prefinitione  posse 
restitui.  Et  si  bene  inspicias  decre.  j.  e.  cum  ex  litte ris, 
invenies,  quod  innocentius  contra  sententiam  latam  ab  e  u- 
genio  in  primo  mense  sui  pontiiicatus  reservat  in  inte,  restit. 
ecclesie  elicensi  et  constans  est  quod  a  tempore  eug-enii  usque 
ad  tempus  innoc.  plus  quam  quatuor  anni  effluxerunt.  Nee 
obstat,  si  dicas,  quod  a  successoribus  eug;enii  fuit  postea  causa 
commissa'  u.  s.  w. 

Fol.  15G  (de  iurecurando) :  ,Sciendum  est,  quod  in  ista 
materia,  quot  fuerunt  summi  doctores,  fere  fuerunt  tot  opi- 
niones.  Nam  la.  et  (eidem  assentio)  Jo.  dixit,  f[uod  iuramen- 
tum  metu  extortum ,  qualiscunque  metus  intervenerit,  est  oIjH- 
g-atorium,  dummodo  possit  servari  sine  interitu  salutis  eterne 
ut  s.  de  hiis  quae  met.,  ad  audientiam,  s.  XXII.  q.  V.  c. 
I.  et  III.,  XV.  q.  I.  merito,  j.  e.  si  vero.   />c^  '  et  t.  dixerunt 


'  Im  Cod.  Trevir.  DOG  des  Dccr.  Grat,  steht  zu  diesem  cap.  eine  iiiclit 
signirte,  aber  von  derselben  Hand  g-escliriebene  Glo.sse,  von  der  auf  der- 
selben Seite  eine  mit  bar.  gezeielmeto  stellt  (sie  gehört  nicht  Barth.  Brix. 
an)    des  Inhalts:    , Speciale    est  ncc   prestat   hie    canon   generaleni    absolu- 


78  Scliulte. 

contrarium  per  decre.  s.  qiiod  metus  causa,  perlatum  et  c. 
abbas,  XV.  q.  VI.  auctoritatem,  tanquam  divina  voce  pre- 
tor  edixerit,  quod  metus  causa  1.  I.  et  Jura  praeall.  intellige 
in  assertoriis,  non  in  promissoriis  juramentis,  nam  nulla  con- 
ditione  aliquis  inducendus  est  ad  dejerandura.  ala.  et  quidem  alii 
subtiliter  moti  dixerunt,  referre,  utrum  jurans  habeat  propositura 
se  obligandi  vel  non ;  in  primo  casu  est  Obligatorium  juramen- 
tum,  in  secundo  aiinime:  arg.  j.  de  bap.  et  ej.  effectu,  ma- 
jores. Ego  sententiam  la.  approbo',  was  er  ausführlich  be- 
gründet. 

14.  Lanfrancus  und 

15.  Laurentius. '  Glossen  mit  den  Siglen  1.  la.  lan. 
lau.  sind  in  Handschriften  der  Comp.  I.  II.  III.  unendlich 
häufig.  Bisher  war  es  kaum  möglich  festzustellen,  welche  davon 
Lanfrancus  angehören,  oder  richtiger  gesagt,  ob  ihm  welche 
überhaupt  und  ob  von  den  mit  1.  la.  lan.  bezeichneten  auch 
einige  Laurentius  angehören.  Dieses  Werk  bietet  dazu  ein 
prächtiges  Hülfsmittel  und  ist  damit  von  hohem  Werthe  für  die 
Glossa  zu  den  Comp,  antiquae,  resp.  der  ordinaria  zu  den  Decre- 
talen  Gregors  IX.  Denn  dass  die  Sigle  lau.  auf  Laurentius 
geht,  vei'steht  sich  von  selbst,  dass  aber  auch  nur  diese  auf 
ihn  geht,  1.  la.  lan.  auf  Lanfrancus  folgt  aus  mehreren  Grün- 
den. Erstens  ist  l.  und  la.  identisch,  wie  das  Citat  aus  fol.  7!)a 
beweist,  wo  vorher  des  1.  Meinung  angeführt  und  dann  referirt 
wird,  eine  Decretale  Gi*egors  habe  des  la.  Meinung  sanctionirt. 
Ebenso  wird  abwechselnd  la.  und  lan.  gebraucht,  wie  das  Citat 
fol.  IKJa  beweist.  Zweitens  stehen  la.  und  lau.  im  Gegensatze 
zu  einandei'  bez.  als  zwei  Personen  nebeneinander.  So  fol.  T'.hi, 
dann  fol.  114a  am  Ende  und  114b  am  Anfange,  fol.  50a,  ganz 
evident  aber  fol,  76b.  Vor  Lanfrancus  hat  er  eine  grosse 
Achtung,  was  ausser  der  schon  mitgetheilten  Stelle  fol.  ;»;>a 
zeigt,  wo  es  heisst:  J<i.  iuris  canonici  lucerna^  Citate  von 
Lanfrancus  stelKni  ausser  den  bereits  angegebenen  noch  auf 
sii'bciiiindvierzig  Seiten,  oft  mehrere  auf  einer.  Durch  dieses 
\\  (ik  ist  mm  di(!  Thatsache,  dass  Lanfrancus  beide  Rechte 
hihrte  (v.  Savigny  V.  S.  74  fg.)  ausser  Zweifel  gestellt. 

tioneni   sie   jiir;iiililiMs'.    Der  Sinn  nhi^-or  Aiit'iUirimo-  licj^t  aiicli   in  (Ipt  iiilt 
bar.  gozoidinottn  uiul  iiiideren  Glossen  dusclbst. 
'   Vgl.   iiifiiu'   Lif(r:itnr;;'cs{-li.   dor   ('imip.   nnt.   Soitc   02  fg\ 


Decretaleii  Gregors  IX.,  Innocpir/.  IV.,  Gregors  X.  (9 

Laurentius'  wird  auf  dreiunddreissig  Seiten  angeführt; 
dessen  Meinungen  pflichtet  er  wiederholt  bei. 

IC).  Bernardus  Cuinpostellanus  (antiquus).  Auf  eilf 
Seiten  stehen  Citate  mit  &.^  welche  sich  auf  Decretalen  bezie- 
hen. Da  Bern.  Pap.  -  stets  mit  dem  Beisatze  pap.,  Bazianus 
aber  mit  ba.  oder  baz.  bezeichnet  ist,  so  bleibt^  da  der  jüngere 
Bern.  Compost.  nicht  in  Betracht  kommt,  nui*  der  Genannte 
oder  Bern.  Parmensis  übrig.  Von  diesem  aber  kann  aus  dem 
später  Auszuführenden  keine  Rede  sein.  Dass  Bernardus  Comp, 
antiquus  die  Comp.  I.  und  IL  bearbeitet  hat,  wissen  wir  aus 
Johannes  Andreae. 

17.  Johannes  Teutonicus.  Von  ihm  benutzt  er  den 
Apparat  zu  der  Comp.  IV.  und  zum  Beeret.  Er  wird  schlecht- 
weg Jo.  citirt,  und  zwar  auf  fünfundfünfzig  Seiten. 

18.  Vincentius  Hispanus,  regelmässig  mit  vin.  oder 
vinc.  oder  viuc'.  angeführt  und  zwar  auf  einundzwanzig  Seiten. 
Ob  er  mit  dem  früher  als  Legisten  bezeichneten  identisch  ist, 
somit  ein  weiteres  Beispiel  abgibt  für  die  Behandlung  beider 
Rechte  durch  dieselbe  Person,  ist,  wie  schon  gesagt,  sehr 
fraglich. 

19.  Tancredus.  Gewöhnlich  ist  er  blos  mit  t.  bezeich- 
net, einigemalen  mit  tan.  (z.  B.  fol.  25  a)  oder  tancr'  (fol.  ö;}  a), 
einmal  auch  (fol.  89 b  erste  Zeile)  tu.''  Im  Ganzen  stehen  Citate 
von  ihm  auf  zweiundvierzio-  Seiten. 

XII.  Aus  den  angeführten  Stellen  ergibt  sich,  dass  er, 
wie  ich  dies  bisher  nirgends  gefunden  hal)e,  für  die  (Zivilisten 
den  Titel  domhins  als  spezitischen  gebraucht.  Am  schärfsten 
zeigt  sich  das  bei  Lanfrancus,  den  er  dominus  nennt,  sobald 
er  seine  civilistische  Thätigkcit  im  Auge  hat,  sonst  ohne  Bei- 
satz gleich  allen  Canonisten  citirt.  Koniiut  auch  der  allgemeine 
Ausdruck  legistae  (z.  B.  fol.  57  a)  füi-  die  Romanisten  vor. 
so  nennt  er  sie  anderwärts  doniini  leg  um    (fol.    li)Slj).     Ent- 


'  Einmal  fol.  18a  steht  ,spfniulmn   ilntiihnnu.  hu/.'-  Das  ist  siciier  ein  Scln-cHj- 

fehler  für  hm.,  wie  ein  soldier  ancli   in  dem  Citat  fol.    \'M>h  vorkommt. 
-  Dass  dieser  nielit  g'emeint  ist,  folgt  daraus,    d;i,ss  verscliiedene  Decretalen 

woranf   sich    h.    nach    der  Summa   stützt,    in    (h'r  Comp.    II.    stehen,  z.   B. 

die  fol.   -24  i)   citirte  cnm   terra   de  tdectione. 
•*  Es    heisst:    ,et   in    ha(^    sententia    est    til.    la.    aJio   modo   intellexit  et  di\it' 

u.   s.    \v.      Es  kann   doch   liier  nicht  t.inien   lieissen   sidlen. 


80  Srhulto. 

gegen  dem  sonstigen  Gehrauclie,  die  Romanisten  doctores,  die 
Canonisten  magistri  zu  Lezeichnen,  nennt  er  gerade  die  letz- 
teren doctores,  ^  So  fol.  100a,  fol.  29b  nostri  doctores, 
womit  er  die  Canonisten  meint,  ebenso  fol.  242a,  247a  mo- 
derni  doctores,  während  übrigens  einzeln  der  Ausdruck 
doctor  jeden  Juristen  bezeichnet  z.  B.  fol.  46a,  47a  fere 
omnes  doctor  es,  90b  ,et  haec  fuit  sententia  la.  et  omniuni 
doctorum^,  womit  wieder  die  Canonisten  allein  gemeint  zu  sein 
scheinen.  Auch  von  juris  canonici  professores  spricht  er 
fol.  100b,  110a.  AVie  hoch  er  die  Canonisten  stellt,  zeigt  fol. 
188  a,  wo  er  über  die  Erfordernisse  für  ein  Benelicium  spricht 
und  sagt: 

,Inspicienda  est  persona  et  considerari  debet  ipsius  lite- 
ratura.  Indignum  enim  esset,  si  tantum  daretur  alicui  rustico 
quam  nobili,  vel  alicui  logico  quam  decretistae,  et  in 
talibus  potius  morura  nobilitas  quam  generis  est  attendenda, 
ut  j.  e.  venerabili  juxta  illud  philosophi:  nobilitas  sola  est 
animum  quae  moribus  ornat.'  Deshalb  verwirft  er  adelige  Ca- 
pitei  als   corruptela  fol.   18Sb. 

XIII.  Von  der  umfassenden  Literaturkenntniss  gaben  die 
Citate  bereits  ein  glänzendes  Zeugniss.  Johannes  ist  mit  allen 
Controversen  des  Civil-  und  canonischen  Rechts  aufs  Innigste 
vertraut,  seine  Arbeit  bildet  eine  beständige  Kritik  fremder 
Ansichten.  Diese  ist,  wie  schon  einzelne  Stellen  gezeigt  haben 
und  viele  andere  beweisen,  ^  oft  rücksichtslos,  aber  durchaus 
selbststäudig.  Deshalb  gibt  er  auf  Autoritäten  wenig,  tritt  oft 
den  Ansichten  der  tüchtigsten  entgegen,  stellt  eine  eigne  auf, 
begründet  aber  regelmässig  sowohl  die  eigne,  als  auch  weshalb 
er  die  fremde  annimmt.  '  Hat  er  auch  bisweilen  eigenthümliche 
Anschauungen,  so  ist  er  doch  im  Ganzen  ein  scharfer  Kopf. 
Diese    Dinge,    die    Lebhaftigkeit    und   Lebendigkeit'    der  Dar- 


1  Schon  Tanci'cd   nennt   ganz    allgemein  in  der  Einleitung  zum  A])])ar;(to 
der  Cianp.  III.  die  Glossatoren  der  Comp,  antiquae  doctores. 

2  Z.  B.  fol.  3"2l)  ,in  liac  quaestione  inutiles  solutiones  posiiit  Jo.' 

^  Wiederholt  ■/,.  W.    fol.    'JC)!)    heisst    es    nach    Angabe    der    Meinung    eines 

Schriftstellers  ,ei  fere  onnies  doctores    assenserunt,  ego  tameii    contra,' 

worauf  die  Begründung  folgt. 
••  Dahin    die    Jiäufigen    Uebergänge    Audivistis,    audivimus    u.    dgl.,    die 

sondcrltaiv  Wcndimg:    .tractaturus    niagister  de  probat,    praemiftit  titiihnii 

de  confcss.'   fol.    1-J'.)b,   älinlicli   fol.    löJSa  u.  a. 


Decretaleu  Gregors  IX.,  Inuocenz  IV.,  Gregors  X.  81 

Stellung^  die  Exactheit  der  Forschunj*-,  '  die  bestJlndig-e  Rücksicht- 
nahme auf  praktische  Zustände,  Gewohnheiten  u.  s.  w\,  -  die 
Präcision  der  Darstelkiug,  die  scharfen  Definitionen,  der  histo- 
rische Sinn,  -^  sein  persönlicher  entscliiedener  Standpunkt,  '  alle 
diese  Momente  geben  der  Lesung  einen  wirklichen  Reiz.  Ich 
nehme  keinen  Anstand,  diese  Summe  sehr  hoch  zu  stellen, 
weit  höher  als  die  von  Goffredus  de  Trano,  der  ihn,  ohne 
ihn  zu  citiren,  viel  benutzt  und  wohl  beständig  vor  Augen  ge- 
habt hat.  Wie  selten  ist  in  jener  Zeit  —  und  ich  darf  hinzu- 
setzen in  unserer  —  ein  Schriftsteller,  der  stets  citirt,  woher 
er  einen  Gedanken  hat,  der  nicht  blos  compilirt,  sondern  ganz 
quellenmässig  arbeitet,  der  eine  rein  sachliche,  rücksichtslose 
Kritik  übt!  Alles  dies  ist  schwer,  macht  dem  grossen  Haufen 
die  Leetüre  nicht    leicht,    deshalb    nicht    angenehm.     Johannes 


1  So  gibt  er  mehrfach  an  (z.  B.  fol.  83  a,  91b,  108a,  182b,  195b,  19Ra, 
197a  uud  197b),  welche  Abweichungen  in  einigen  Pandectenhandschriften 
von  den  gewölmlichen  vorkommen. 

2  So  referirt  er  fol.  26  a,  man  halte  sich  nicht  mehr  an  die  Vorschriften 
des  alten  Eechts  über  die  scientifische  Würdigkeit,  fügt  dann  freilich 
für  einen  so  gelehrten  Mann  sonderbar  hinzu,  es  sei  auch  nicht  nötliig, 
,multa  enim  scientia  inflat'.  —  Fol.  2t9a  wird  ohne  jeden  Zusatz 
die  alte  Bestimmung  über  die  regelmässig  nur  zu  Osteru  und  Pfingsten 
vorzunehmende  feierliche  Taufe  referirt.  —  Fol.  1 40  b  sagt  er,  die  Siegel 
der  ,potestates  lombardiae'  hätten  keine  fides  piiblica,  weshalb  sie  mit 
dem  sigillum  communitatis  siegelten,  um  ihnen  solche  zu  geben.  —  Fol. 
Göa  hebt  er  hervor,  dass  nach  canon.  Rechte  auch  ex  nudo  pacto  actio 
oritur;  fiSb  dass  hodie  der  Advocat  soviel  bekomme,  als  er  mit  der  Partei 
abgemacht  habe;  fol.  14a  gibt  er  die  Praxis  der  Curie  an,  ein  Rescript 
für  ungültig  zu  halten,  das  an  Curatgeistliche  (parochiales  clericos) 
oder  andre  erlassen  worden,  welche  nicht  in  Capitelsdignitäten  oder  dem 
Lehramte  stehen. 

'  Fol.  ]9öb  ff.  erhalten  wir  eine  förmliche  Geschichte  des  Veräusserungs- 
verbots  des  Kirclienguts. 

^  Daliin  gehört  auch  sein  schroff  curialistisclier  Standpunkt,  von  welcliciu 
eine  Probe  schon  oben  vorliegt.  Eine  andere  fol.  9-Jb,  wo  er  trotz  der 
Const.  K.  Friedrichs  II.  behauptet,  die  scolares  clerici  iiätten  iliiTu 
Gerichtsstand  vor  dem  Bischöfe,  weil  der  Kaiser  päi)stliclie  Privilegien  niclit 
ändern  könne;  fol.  140a  de  test.  v.t  attest.  gibt  er  an,  gegen  einen 
Clcriker  der  röm.  Kirche  seien  mehr  Zeugen  nöthig,  Tim  ihn  eines  Ver- 
brechens zu  überführen  und  sagt  dann:  ,inud  tarnen  liodic  (juidani  nun 
admittunt,  inter  qnos  cgo  noln  (-(mnunierari;  uani  Privilegium  collatcraliiim 
sunnni  poiitificis  non  debet  pei-  uns  niinui,  sed,  quantum  in  imbis  fuit, 
augmeutari". 
Sitzl).  il.  iiliil.-liist.  Cl.  L.VVIU.   l;.l.   I.   Mit.  6 


82  .  Schulte. 

scheint  dies  erfahren  zu  haben.  Denn  während  andre  höchst 
unbedeutende  Schriften  stets  citii't  werden,  ist  man  nicht  ein- 
mal über  seine  Person  im  Reinen,  kennt  die  spätere  Literatur 
sein  Werk  absolut  nicht,  weil  seine  Zeit  es  todt  g-eschwie- 
gen  hat. 

XIV.  Die  Zeit  der  Auffassung-   dürfte  ziemlich  g-enau 
in   die  Jahre    1230   und    1236    fallen    aus    folgenden    Gründen. 

1)  Im  Anfaug-e    des  Werkes    steht    ein  Formular,  das  ins  Jahr 

1235  gehört;  es  behandelt,  wie  gezeigt,  einen  fingirten  Wahl- 
fall. Wollte  er  nun  nicht  gerade  aus  dem  laufenden  Jahre, 
woraus  ihm  vielleicht  keiner  zu  Gebote  stand,  einen  Walilfall 
citiren,  weshalb  verlegte  er  ihn  dann  nicht  in  eins,  worin  sich 
wirklich  eine  Wahl  ereignet  hatte,  z.  B.  1229  für  Padua?*  — 

2)  Am  Ende  des  Werkes  gibt  er  ein  Formular  mit  dem  Jahre 

1236  Anfangs  Januar.  Somit  fiele  die  Ausarbeitung  von  fol. 
28b  bis  274a  in  den  März  1235  bis  Jan.  1236,  dem  nichts 
entgegensteht,  Avenn  wir  wie  natürlich  annehmen,  dass  er  seine 
Vorarbeiten  gemacht  hatte.  Gerade  diese  unmittelbar  auf  ein- 
anderfolgenden  Daten  scheinen  zu  dieser  Erklärung  zu  berech- 
tigen. —  3)  Die  bereits  angeführten  Daten  über  sein  Lehi'amt. 
—  4)  Die  jüngsten  Schriftsteller,  die  er  citirt,  sind  Naso, 
Vincentius,  Roffredus.  Deren  Wirksamkeit  fiillt  in  das 
erste  Drittel  des  XIII.  Jahrb.,  Vincentius  hat  noch  nach 
mehrfacher  Angabe  die  Gregorianischen  Decretalen  glossirt  und 
zwar  sicher  sofort,  ebenso  Naso,  wie  ich  vorher  dargethan 
habe.  Von  einer  stehenden  Glosse  der  Decretalen  Gregors  IX. 
ist  ihm  nichts  bekannt.  Niemals  führt  er  ein  Citat  einer  sol- 
chen an,  wie  es  sonst  bei  allen  Schriftstellern,  die  nach  der 
Glossa  ordinaria  schrieben,  der  Fall  ist.  Bei  einem  so  exacten 
Schriftsteller  ist  dieses  aber  entscheidend.  —  5)  Ich  glaube  in 
dem  oben  mitgetheilten  Passus  bei  Alanus  fol.  42b  über  die 
nicht  aufgenommene  Decretale  Gregors  IX.  den  Anhalt  zu 
linden,  dass  Gregor  IX.  noch  am  Leben  ward,  als  er  dies 
schrieb.  Denn  während  er  bei  allen  anderen  Citaten  von  Päpsten 
den  einfachen  Namen  schreibt,  sagt  er  hier  ,domini  Gregorii^, 
auch  ohne  Zahl,  eine  Art,  den  regierenden  Papst  zu  bezeichnen, 


'  In  Bolo<^nn  (Uglielli,  T.  II.  col.  1!)  sqq.)  war  Henricus  a  Fratra  Biscliof 
vom  Jaliro  1-213  bis  Sl.  Mai  l-JIO.  Als<i  aucl}  da  stand  12o;5  oder  1235 
kein  Act  zu  Gebutc. 


Decretalen  Gregors  IX.,  Imiocciiz  IV.,  Gregors  X.  83 

) 

wolche  häutig  ist.  Dass  er  in  der  Vorrede  sagt  ,auctor  fuit 
Greg".  IX/  tliut  nichts  dazu,  weil  er  hier  eine  abgeschlossene 
Thatsache,  die  Abfassung  der  Decretalen,  vor  Augen  hat; 
ebenso  sagt  er  ,auctor  fuit  fr.  Raymundus',  der  erst  1275  starb. 
Gregor  IX.  starb  1241.  —  G)  Das  Recht  der  Decretalen  Gre- 
gors ist  ihm  das  jus  novum  z.  B.  fol.  44b.  —  7)  Von  Inno- 
cenz  IV.  citirt  er  nicht  eine  einzige  Decretale ,  obwohl  dazu, 
wenn  er  überhaupt  solche  kannte,  reiche  Veranlassung  war  und 
ein  Schriftsteller  von  dieser  Gesetzkenntniss  sie  gewiss  beachtet 
liab(;n   würde.  ' 


Petrus  de  Sainpsoue.  - 

XV.  Von  ihm  wissen  wir  - —  Sarti  stellt  die  Notizen  zu- 
sammen, —  dass  er  aus  Nimes  oder  der  Gegend  von  Nimes 
stammte,  zu  Bologna  gleichzeitig  mit  Bernhard  von  Parma 
lehrte,  Schüler  des  Jacobus  de  Albenga  und  Lehrer  des  Abbas 
antiquus  war,  ein  Canonicat  zu  Xarbonne  bekleidete.  Aus  den 
bei  Abbas  unten  mitzutheilendeu  Stellen  ei'gibt  sich  positiv, 
dass  Petrus  Zeitgenosse  von  Odofredus  (j  12G5,  v.  Savigny 


'  Man  gestatte  mii-  zum  Schlüsse  einige  eigenthümliche  Notizen  zu  geben. 
Fol.  264b.  ,Sed  quid,  si  laicus  aliquam  in  necessitate  ad  poenitentiam 
receperit,  numquid  postea  cum  ea  matrimoniiim  contrahere  poterit?  la. 
dixit,  quod  non,  si  tamen  contrahat  dixit  matrimonium  valere,  nam  illud 
tantum  intellexit  dictum  sacerdoti.  cum  ex  officio  ille  solus  ad  hoc  tenea- 
tur.  Ego  dico  contrarium  et  eadem  ratione  laicus  in  necessitate  baptizaus 
posset  contrahere  cum  illa,  quam  baptizavit.'  Diese  Auffassung,  dass  auch 
ein  Laie  in  articulo  mortis  reconciliiren  könne,  ist  aus  der  Glosse  zur 
Coli.  Gilberti  mitgetheilt  in  meiner  Abb.  Die  Coli.  Gilberti  u.  s.  w. 
Wien  1870,  S.  22  (Sitzungsber.  LXV.  S.  616). 

Fol.  204  hat  er  auch  die  Dreitheilung:    dolus   et  culjja  lata,  culpa 
levis,  levissima. 

Fol.  183a  (de  clericis  coniugatis)  pflichtet  er  der  Ansicht  des 
Vincentius  bei:  der  Cölibat  ruhe  entweder  auf  einem  ausdriicklicheu  Ge- 
lübde oder,  wenn  ein  solches  nicht  abgelegt  sei,  bei  des  Rechts  Kundigen 
auf  einem  stillschweigenden,  sonst  auf  dem  Gesetze. 
-  Sarti  I.  p.  86(;  sq.  Diplovataccius  foh  186  (er  heis.st  bei  ihm  de 
Saxonia;  es  dürfte  auf  Rechmmg  eines  Abschreibers  kommen).  Job. 
Andr.  ad  c.  fratemit.  de  sepult.,  ad  c.  pastoralis  de  his  q.  f.  a  pracl. 
Phillips  IV.  S.  .328.  Meine  Abhaiidl.  über  die  Decret.  zw.  Greg.  IX. 
u.  B.uiif.  VI II.   S.    770. 

6* 


84  Schulte. 

V.  S.  3ß2)  und  Accursius  war.  Sein  Aufenthalt  zu  Bologna 
dürfte  somit  in  die  Zeit  von   1230 — 1260  fallen. 

Von  Werken  desselben  werden  erwähnt  Comnientaria 
oder  Lectura  in  decretales  Greg-orii  IX.,  Distinctiones 
zu  den  Decretalen,  Grlossen  zu  den  Decretalen  Innocenz  IV. 
(diese  jedoch  nicht  von  Sarti)  und  Statuten  von  Nimes.  Sarti 
bezweifelt  die  Verscbiedenheit  des  Commentars  von  den  Distinc- 
tioneu  und  hält  gleichzeitig  die  Lectura  für  einen  blossen  Aus- 
zug aus  den  Distinctionen.  Beides  ist  nicht  richtig.  Unser 
Autor  hat  vielmehr  in  der  That  zu  den  Gregorianischen  Decre- 
talen zwei  verschiedene  Werke  hinterlassen,  nicht  minder  die 
Constitutionen  von  Innocenz  glossirt,  wie  sich  aus  Handschriften 
darthun  lässt. 

Ich  habe  früher  mit  Phillips  unentschieden  gelassen,  ob 
er  identisch  sei  mit  Sampson  de  Calvomonte,  muss  aber 
jetzt  entschieden  diese  Identitcät  bestreiten. 


Sclirifteii. 

A.  Summa  decretalium. 

XV.  Handschrift:  ^  Wiener  kais.  Hofbibliothek 
Cod.  membr.  fol.  Nr.  2083  (N.  3693)  <S8  Blätter,  saec.  XIV. 
ineuntis.  Bl.   la  bis  43b.     Anfang: 

,Incipit  summa  magistri  Petri  Sampsonis. 

Gregorius  et  infra.  rex  pacificus.  pudicos  verbis  seil, 
et  moribus.  cotidie  i.  e.  assidue.  conatus  i.  e.  vires,  explica. 
i.  e.  determinaret.  lex  seil,  canonica.  in  prioribus  seil,  con- 
stitutionibus.  declarantur  pone  extra  j.  de  constit.  quoniam, 
quae  declarat  illam  de  maj.  et  obed.  statuimus.  Nota  quod" 
omnis  contrarietas  solvitur  aut  per  aliquod  simpliciter,  ut  III. 
q.  II.  sine  except.  et  j.  de  his  quae  Hunt  a  prael.  sine  cuns, 
cap.,  aut  per  aliter,  ut  j.  de  elect.  quod  sicut,  et  c.  publicato 
aut  per  secundum,  ut  j.  de  elect.  Cumana  et  c.  cum  in  iure. 


'  li  lull  nie.  Bibl.  ])a<^.  77  gibt  bei  der  bibl.  S.  Martini  zu  LiU'CJi  an:  ,Pcti-ns 
de  8assonia  T^cctui-;i  super  decretales  et  Breviariuni  juris  i-aiKinici  in  Cod. 
207'.  Es  ist  dies  wohl  dasselbe  Werk,  ;ius  jener  Angabe  lässt  sich  jedoch 
nichts  entnelimcn. 


Decrelaleii  Gregors  IX  ,  limocciiz  IV.,  liregcrs  X.  iSO 

Sex  iikkUs  eognoscitur,  qiiaiulu  cüiistitiilio  cÄntiiict  ins  coiii- 
imme,  quando  in  decreto  seu  c-onstitutione  ponitur  hoc  vcilniui: 
hoc  edicto ,  vel  edicto  jjerpetvo  vel  consiinile  j.  de  elect.  Mas- 
sana;  quando  scribitur  Jwnoralnli  eoetvi  j.  e.  Greg-,  epc,  iufra 
de  constit.  ex  litcris;  quando  ponitur  hoc  vcYhxuw.'praecipimus, 
j.  de  iudaeis  quorundam;  quando  ponitur:  in  generali  consti- 
tutione j.  de  rcscr.  nonnulli;  quanrlo  ponitur  idem  in  .nmilibus-, 
j,  de  rescr.  inter  cetera s;  quando  ponitur  lioc  ver})um  omtd- 
hns,  j.  de  iur.  cal.  inhaerentes/ 

Es  überwiegt  bei  Petrus  die  Worterklärung;  jedoch  kom- 
men auch  häutige  längere  Auseinandersetzungen  vor. 

XVI.  Von  Commentatoren  der  Decretalen  erwähnt  er 
Bernardus,  Innoc.  IV.  (z.  B.  zum  c.  Bonae  memoriae  2o. 
de  elect.),  Guilelmus  Na  so,  Laurentius  (zu  c.  23.  de  elect.), 
Boatinus,  Rodoicus,  Johannes  (Galensis),  Vincentius, 
Petrus  (Collivacinus),  als  seinen  magister  nennt  er  oft 
ausdrücklich  Jacobus  de  Albenga.  '  Ausserdem  citirt  er  (Tot- 
fredus,  Johannes  de  Deo  und  von  Glossatoren  des  Decrets 
insbesondere  Johannes  Faventinus  und  Huguccio.  Diese 
Citate  beweisen  seine  umfassende  Kenntniss  und  Berücksich- 
tigung der  früheren  Literatur. 

Von  seiner  umfassenden  Kenntniss  des  römischen  Rechts 
zeugt  der  grosse  Gebrauch,  welchen  er  davon  macht.  Auch 
citirt  er  mehrfach  Legisten,  z.  B.  Jo.  (Johannes  Bassianus),- 
Odofredus."* 

Zum  Schlüsse  möge  noch  eine  Stelle  Platz  finden,  welche 
seine  Kenntniss  des  lombardischen  Rechts  beweist.  Zu  T.  Id. 
de  test.  III.  26.  ,Et  est  aliquod  jus  lombard.,  quod  niaiito 
providet  et  vult,  quod  maritus  succedat  in  totum  uxori,  si  non 
sint   filii   legitimi   ex  eodem    matrimonio  nati,    ut  in  lomb.  de 


'  C.  per  tuas  de  voto  III.  34  (ist  nicht  iu  die  Comp.  IV.  aufgenommen): 
,Ja.  magister,  p.  et  Vinc.  dant  consilium  regulari,  quod  sie  respondeat, 
cum  fiat  de  ipso  elcctio:  quantuni  in  me  est  consentio'.  Vgl.  c.  3.  II. 
14;  c.  23.  de  jurej.  ,liic  oniisit  magister  unum  casum,  qui  in  atit.  \o- 
peritur,  seil,  si  filius  accusaA'erit  parentes  et  per  accusationem  suaui  eos 
damna  gravia  fecerit  sustinere  ro.  §.    Item  isti.' 

-  Zu  c.  ä.  X.  II.   li'.  de  causa  poss.  et  proprietatis. 

5  Zu  c.  -JO.  de  spons.  IV.  1. 


86  Schulte. 

succ.  quae  ab  int.  de  f.  1.  quicunque.  '  Et  est  lex  impe- 
rialis ;  fecit  enim  eam  henrigus  imperator,  et  ideo  dicebat 
hubertus,  corrigi  per  eam  hanc  partem  C.  unde  vir  et  uxor 
1.  i.  et  sie.  no/ 

Unter  Hubertus  ist  wobl  Ubertus  de  Bobio  gemeint, 
der  Glossen  zum  Codex  geschrieben  hat,  welche  Petrus  vor- 
lagen. - 

Ich  will  zu  erwähnen  nicht  unterlassen,  dass  am  Ende 
vieler  Glossen  die  Sigle  p.  vorkommt.  Ueber  die  Autorschaft 
des  Petrus  kann  kein  Zweifel  obwalten. 

B.  Distinctiones. 

XVII.  Handschriften:  *Vatik.  655  (Sarti  L  p.  367). 

Angers,  Stadtbibl.  num.  ,368.  membr.  fol.  saec.  XIII. 
f.  1-42. 

Wien,  Hofbibl.  2076  mbr.  s.  XIV.  fol.  99a— 126a. 

Leipzig,  Stadtbibl.  num.  249  mbr.  fol.  s.  XIV.  erstes 
Stück,  mit  dem  falschen  Titel:  ,In  nomine  domini  amen.  Inci- 
piunt  constitutiones  magistri  Petri  de  Sampsone.  Sed  num- 
quid  in  hac  compilatione'  u.  s.  w. 

Cassel,  Landesbl.  ms.  jur.  in  fol.  12,  mbr.  s.  XIV.  zwei- 
tes Stück. 

Der  volle  Anfang  lautet   nach  der  Ang.  Handschr. : 

,Incipiunt  distinctiones  M.  Pet'.  d'.  sa'pso.  Rex  paciti- 
cus.  quaedam  propter  contrarietatem,  quaedam  propter  simili- 
tudinem.  Numquid  in  hac  compilatione  sunt  multa  contraria 
ut  j.  de  sepultura  c.  I.  et  II.  et  c.  octavmu  et  c.  certificari 
de  sepultura?  Nam  una  mandat  reddere  medietatem,  alia 
tertiam,  alia  quartam  indicit.  Numquid  quaedam  similia,  ut  j. 
de  libelli  oblat.  significantihus  et  j.  de  appell.  signißcant.? 
Solutio.  Jura  alia  sunt  generalia  ut  constitutiones,  (|uae  omnes, 
astringunt :  j.  c.  prox.  Jirmiter  cum  suis  similibus;  alia  parti- 
cularia,  quorum  quaedam  sunt  facta  ex  tempore,  ut  j.  de 
cons.    et   affin,    qitod   dilecto    et    c.   non  dehet.'  Die  letzte  Di- 


'  Lib.  Pap.  Henr.  II.  c.  1.  fMonum.  Germ.  Leg.  IV.  p.  581),  in  der  System. 

Lombarchi  II.   1.'?.  1.  81.  (ibid.  p.  615  der  Lomb.  Cassin.),  Lnmb.  viilg. 

II.   14.  de  successionibus  1.  31.  (ib.  p.  629). 
'  Vgl.  V.  Savigny  Gesell,  des  röm.  Keclits  V.  S.  145. 


Deere}      alen  Gregors  IX.,  Inuoceuz  IV.,  Gregors  X.  H7 

stiiiction  behandelt  den  Titel  de  testamentis.  Am  Schlüsse 
steht  in  der  von  Angers:  ,Expliciunt  distinctiones  iHa^Mstri  j). 
de  sampsoii.  Anno  doinini  MCCLXXX  facta  fuit  cclla  vina- 
ria  juxta  piiteü.  mgri  olivef/ 

Diese  Distinctionen  sind  nicht  identisch  mit  der  verlier 
beschriebenen  summa.  Es  ergibt  dies  schon  der  Eingang-,  nicht 
minder  die  Methode,  welche  nicht  bei  der  Glossirung  der  ein- 
zelnen Capitel,  sondern  bei  der  Darstellung  des  Gegenstandes 
verweilt.  Ob  das  Werk  unvollendet  ist  oder  die  Handschriften 
sich  als  Abschriften  von  unvollständigen  darstellen,  ist  schwer 
zu  sagen.  Im  Hinblicke  jedoch  auf  das  Explicit  der  Hand- 
schriften, den  Titel,  wie  er  in  den  bei  Sarti  angeführten 
Handschriften  '  und  den  mir  vorliegenden  gleichmässig  angege- 
ben ist  mit  Distinctiones,  braucht  man  nicht  an  ein  sich  auf 
alle  Bücher  und  Titel  der  Decretalen  beziehendes  Werk  zu 
denken. 

Die  vatikanische  Handschrift  hat  nach  Sarti  am  Schlüsse 
die  Jahreszahl  1207.  Mindestens  ist  es  also  in  diesem  Jahre 
fertig  gewesen.  Es  düi'fte  indessen  doch  wohl  jene  Handschrift 
nur  eine  Abschrift  sein.  Aus  dem  Inhalte  lässt  sich  ebenso 
wenig  als  bei  der  ersteren  Schrift  die  Zeit  genauer  bestimmen. 
Gegenüber  den  gleichzeitigen  Werken  lässt  sich  kein  besonde- 
rer Fortschritt  bemerken ;  indessen  thut  die  Kürze  und  eine 
gewisse  Frische  ganz  wohl. 

C.    Lectura  in  Decretales  Innocentii  IV. 

XVUI.  Die  Handschriften,  die  Anzahl  der  commen- 
tirten  Decretalen,  sowie  die  Reihenfolge,  wonach  sie  in  den 
einzelnen  Handschriften  commentirt  wei'den,  sind  besprochen 
am  Schlüsse  dieser  Abhandlung. 

Die  Glosse  fängt  also  an:  ,Cum  iu  multis  generalem. 
Bene  dicitur,  quia  praeter  illos  IUI  conveniri  possunt  omnes 
expressi.  IHI  hoc  intellige  quando  pro  diversis  causis  pro  eadem 
causa   iudivisibili,    puta   si    conveniat    plures    heredes  vel  socii, 


'  In  (l(?in  Kataloge  der  Bücherverleiher  zu  Bologna  (Sarti  Append.  Monum. 
p.  210,  V.  Savigny  Gesch.  III.  S.  döO)  heisst  es  ,disputntioiies.'  Das 
ist  aber  höchst  wahrscheinlich  ein  Schreibfehler;  man  kann  ühiigens  die 
distinctiones  auch  so  bezeichnen. 


88  Schulte. 

si  essent  mille  omnes  possunt  conveniri  ff.  de  qiiibus  causis 
1.  I.  et  LI.  §.  1.  hie  notat  papa  [nämlich  Innoc.  IV.]  e.  t.  c. 
pastoralis  [c.  14.  x.  de  rescr.  I.  o.]  citatorio  facto  aiictori- 
tate  clausulae  generalis  in  magna  glossa  sie  ergo  in  verbo  illo 
arbitrio  principis  sicut  alias  praetor  aetatem  XVIII.  ä.  est 
apta  ad  postiilandum  ff.  de  postu.  1.  I.  §.  initium  et  in  auten- 
ticis  de  referendariis  in  princ.  ubi  Status  est  nuraero  refe- 
rendarionim  seil.  VIII.  ad  arbitrium  principis.' 

Um  die  Methode  erkennen  zu  lassen,  theile  ich  noch  einige 
Stellen  mit:  c.  pro  hnmani.  ,ad  ima  i.  e.  ad  intima.  gregem 
seil,  tidelium.  ipsius  seil,  gregis.  firmaret  seil.  Petrus,  nos 
seil.  Innocentius  IV.  apostoli  seil,  beati  Petri.  suae  seil. 
Petri.  ascenderet  seil.  Petrus.  Nos  seil.  Inn.  IV.  apostoli 
seil,  beati  Petri.  noxia  i.  e.  nociva.  profutura  i.  e.  utilia. 
eos  seil,  ad  quorum  mortem  perpetrandam  mittuntur.  meta  i. 
e.  terminus.' 

c.  Veniens.  et  ipsos.  repete  declaramus.  ex  illo  i.  p. 
permissum  ex  illis,  quas  seil,  ecclesias.  huiusmodi  seil,  de 
septimis.  qiii  seil,  elerici.  a  quil)us  seil,  clericis  ullius  ordinis 
generalis,  extra  de  deeimis  nti.per.  possess.  quas  seil,  exeo- 
lunt  propriis  manibus  et  sumptibus  propriis.' 

Er  citirt  weder  Schriftsteller  noch  Glossen,  welche  über 
diese  Decretalen  handeln.  Man  kann  daraus  wohl  schliessen, 
dass  Petrus  bald  nach  ihrem  Erscheinen  die  Innocentianischen 
Decretalen  commentirt  hat. 

Unmittelbar  nach  dem  Commentar  folöt  in  der  Wiener 
Handschrift  fol.  45a.  die  Bulle  Ad  explicandos  nodos 
also:  ,Inci})it  prologus  novellarum  decretalium  domini 
Innoeentii. 

Innocentius  epc.  servus  servorum  dei  dilecto  tilio  archi- 
diacono  })ononiensi  salutem  et  apostolicam  benedictionem.  Ad 
explicandos  nodos'  [die  von  mir  a.  a.  0.  S.  709  abgedruckte 
Bulle  mit  folgenden  Varianten:  nectit  infirmitas;  novarum 
const.  et  decret. ;  eis  constit.  et  decretalibus;  eisdem  iuris  vin- 
culis  contineri.  Ne  igitur  .  .  .  speciem  sibi  .  .  .  dedueat 
errorem  .  .  .  const.    et    decret.  epistolarum  prineipia,  quas   t.  n. 

P discretioni  tuae  .  .  .  mandantes,  q.  eas. .  districte  pro- 

hi))eas,  n.  q.  alias  sub  nostro  n  .  .  .  .  admittat haec  sunt 

pt  hü  sunt  titnli,  quibus  competere  dinoscunturj.  Hierauf  stehen 


Decrelalen   Gregors  IX.,  Innncenz  IV.,  (iregor.s  X.  Oi) 

zuerst  (roth)  die  Titclnibrikcii,  jedesmal  eine  Zeile  füllend, 
dann,  je  eine  Zeile  jede  einnehmend,  die  Anfäng-e  der  einzelnen 
Decretalen  (schwarz)  mit  rother  Initiale.  Es  sind  1  bis  :^'.', 
,'>1  bis  42,  genau  mit  denselben  Rubriken  und  Anfängen,  die 
ich  a.  a.  ().  Seite  705  ff.  angegeben  habe.  Somit  fehlt  c.  noii 
so! um.  Schluss:  , Datum  Asisii  V.  id.  Septembris  pontiticatus 
nosti'i  anno  XI. ^ 

Der  Apparat  zu  den  Innocentianischen  Decretalen  ist  ein 
ganz  selbstständiges  Werk,  weder  die  Distinctionen,  noch 
die  I^ectura  in  decretales  behandeln  die  Innocentianischen 
Decretalen.  Er  ist  von  Johannes  Andrea  beständig  berück- 
sichtigt worden. 

D.  Constitutiones  synodales  Nemausenses. 


Diese  Statuten  hat  Märten e  Thesaurus  IV.  col. 
1(»lM)  sqq.  aus  einer  Handschrift  zu  Avignon  (Stadtbibk)  fonds 
Requien  Num.  44(».  fol.  17 — 47  (,Incipit  liber  synodalis  com 
positus  per  magistrum  Petrum  de  Sampsone  ad  instantiam 
domini  Raimundi,  dei  gratia  Nemausonsis  episcopi')  abdrucken 
lassen.  lieber  die  Zeit  der  Abfassung  kann  aus  dem  Werke 
selbst  nichts  Näheres  bestimmt  werden ,  ebensowenig  aus  der 
Zeit  R.  Raymunds  IL  der  von  1242-1272  regierte,  wie  schon 
Sarti  bemerkt.  Einigen  Aufschluss  gibt  die  Avignoneser  Hand- 
schrift. '  Sarti  nimmt  an,  Petrus  habe  sich  zur  Zeit,  als  er 
diese  Statuten  machte,  als  Canonicus  von  Narbonne  in  Frank- 
reich aufgehalten ,  sein  I^ehramt  falle  deshalb  in  eine  frühere 
Zeit.  ]\Iir  scheint,  diese  Folgerung  lässt  sich  mit  Siclierhcit 
nicht  machen.  Denn  dass  Jemand  zu  Bologna  docirte  und 
ausserhalb  ein  Canonicat  hatte,  ist  öfter  vorgekommen.  Aucb 
dürfte  der  blosse  Titel  Magister  vielleicht  dafür  sprechen, 
dass  Petrus  als  Professor  zur  Abfassung  der  Statuten  veran- 
lasst wurde.  Sarti  zeigt,  dass  die  Familie  des  Petrus  aus 
Nimes  oder  doch  jener  Provinz  stammt.  Es  ist  nun  offenbar 
sehr  erklärlich,    dass  der  Bischof  von  Nimes    einen  berühmten 


■  In  ihr  findet  sich  (vgl.  mein  Iter  gallicum  S.  :599)  fol.  47  der  Vermerk, 
dass  P.  Urban  V.  am  7.  März  l.'UU  ,ad  .servicium  et  usnm  canonicorunv 
sie  der  Kirche  zu   Avignon  geschenlvt  liabc. 


90  Schnlte. 

Professor    von    Bologna,    der    aus    seiner    Diöcese    oder    Stadt 
stammte,  zur  Abfassung  aufforderte. 


Abbas  antiquus. ' 

XX.  Von  dem  Leben  dieses  Schriftstellers  wissen  wir 
nur,  dass  er  Schüler  von  Petrus  de  Sampsone  war.  Den  Namen 
Abbas  führt  er  von  seiner  Würde;  im  Geg-ensatze  zu  Kicolaus 
Panormitanus  heisst  er  abbas  antiquus.  Wo  er  Abt  war,  ist 
unbekannt.     Seine  Werke  sind  : 

A.    Lectura  s.  apparatus  ad  decretales  Gregorii  IX.  2 

Handschriften : 

1)  *  Vatic.  DCLV  (Sarti). 

2)  Prag-,  Böhm.  Museum,  2  Ex.  (Schulte  Can.  Hand- 
schrift. S.  51). 

3)  Prag,  Metropolitancapitel  (das.  S.  78). 

4)  Bamberg  P.  H.  8.  fol.  mbr.  s.  XIV.  ,Incipit  lectura 
abbatis^  ,Explicit  liber  I.  lect.  abbatis.  finis  primae  partis  lec- 
turae  abbatis.  expl.  liber  tertius  .  .  .' 

5)  Bamberg  P.  IL  9  mbr.  fol.  s.  XIV, 

6)  Leipzig  Universitätsbibl.  Nmn.  1024.  mbr.  fol.  s.  XIV. 
zweites  Stück.  ^ 

7)  Kassel  Landesbibliothek,  ms.  jur.  in  fol.  5.,  mbr. 
s.  XTV. 

Wie  Johannes  Andrea  richtig  angibt,  beginnt  das  W^erk 
ohne  Vorrede  und  zwar:  ,Gregorius  intei-pretatur  vigilans  et 
bene  vigilavit,  dum  huius  libri  sive  compilationis  utilitatem 
heri  procuravit.  Fuit  enim  utilitas  communis,  ut  hie  statim 
subditur  vero  ad  communem.    Episcopus  sed  quare  vocatur 


'  Sarti  I.  jj.  'Mol.  Diplovataccius  fol.  193.  Glossa  utiIIus  zu  c.  4.  X. 
de  praes.  II.  23.  (von  Abb.  Sic).  Jo.  Ändr.  sup.  I.  Decr.  pnd.  fol.  4. 
col.  3.  Fr.  Zabarella  sup.  I.  Decr.  prooem.  fol.  7.  col.  4.  Mein  Lehr- 
buch S.  65.    Dazu  die  oben  cit.  Stelle  der  Novella  von  Jo.  Andr. 

2  Sarti  behauptet  ohne  jede  weitere  Angabe,  dieselbe  sei  gedruckt,  ver- 
wechselt sie  aber  offenbar  mit  dem  Werke  des  Abbas  modernus  (Nie. 
Panormitanus,  Abbas  Siculus). 

3  , Petrus  et  Abbas  super  casibus  quinque  libr.  dccretalium.  Danach  sclicint 
es,  dass  Abbas  ein  Werk  des  Petrus  de  Sampsone  umgearbeitet  hat. 


Decretalen  Gregors  IX.,  Innoceiiz  iV.,  Gregors  X.  [)  { 

episcopvis,  cum  major  dignitas  inornatur  quam  sit  cpiscopatus, 
seil,  patriarcliatus  vel  archiepiscopatus  vel  primatia,  quarc 
potius  appellari  voluit  episcopus?  Resp.  quia  nomen  generalius 
et,  nam  nomine  episcopi  dici  possunt  quilibet  superiores  ut  jam 
patet^  etc. 

XXI.  Einige  Stellen  sollen  tlieils  zur  Kennzeichnung  der 
Methode,  theils  als  Grundlage  für  die  Untersuchung  einzelner 
Punkte,  welche  diesen  Schriftsteller  und  andere  betreflFen,  mit- 
getheilt  werden. 

Cap.  Raynutius  16.  X.  de  testara.  et  ultim.  volunt.  III. 
26.  ,Ad  glo.  retinebunt  solvebat  ma.  de  samp.  ]).  vel  respon- 
debat  ad  iura,  qnae  iuducit  Ja.  hol.,  quod  possit  intelligi  in 
extraneo  berede,  secus  in  filio  ut  hie,  sed  mag.  ob.  (magistro 
obest)  1.  (lex),  quae  in  alia  glosa  (seil,  in  ea,  quae  incipit  ex 
quo)  C.  de  tre.  (ad  Sc.  Trebell.)  1.  iubemus  (1.  6.  C.  VI.  49.), 
ubi  dicitur,  quod,  si  filius  rogatus  sit  hereditatem  restituere, 
debet  retinere  legitimam  non  per  imputationem  fructuum  et 
dodrante  restituere,  quod  esse  non  posset,  si  duas  detraheret. 
Sed  istam  intelligit  accur.,  quando  testator  hoc  vetat,  nam  si 
non  vetaret,  duas  detraheret  ut  hie  et  infra  Rayualdus.  Do- 
minus az.  aliquo  tempore  fuit  in  opinione  Ja.  bal.,  postmodwti, 
dum    vegeret    in    provincla,  '     contrarium     tenuit    per    hanc    et 


'  V.  Savigny,  Gesch.  V.  S.  4  be.streitet  entschieden,  dass  Azo  ausserhalb 
Bologna's  und  insbesondere  in  Montpellier  gelehrt  habe.  Ein  altes  Zeug- 
niss  war  dafür  bi.sher  nicht  beigebracht,  denn  Diplovataccius  gehört 
dem  16.  Jalirh.  (14G8— 1541)  an.  Savigny  gibt  selbst  zu,  dass  Azo 
vor  1230  nicht  gestorben  ist  (Seite  8).  Dass  nun  unser  Abbas,  der  so 
positiv  und  an  einer  Stelle,  wo  die  Notiz  selbst  um  so  entscheidender  in 
die  Wagschaale  fällt,  als  sie  ganz  ungesucht  ist,  jene  Thatsache,  welche 
keine  oO  Jahre  vor  Abfassung  der  Schrift  lag,  wissen  konnte,  leuchtet 
ein.  Hierzu  kommt,  dass  diese  Decretalen  (cap.  Raynutius  gehört  dem 
10.  Jahre  Innocenz  III.,  also  1208,  an,  Raynaldus  fällt  noch  später) 
ihn  zur  Meinungsändenmg  veranlassen  konnten.  Dass  regere  technisch 
das  Lehramt  bedeutet,  ist  durch  die  Notizen  bei  Savigny  III.  215:  d. 
250  erwiesen.  Dass  provincia  auch  Montpellier  unifasst,  ist  un- 
zweifelhaft. Ich  halte  demnach  die  für  die  Literaturgeschichte  interes- 
sante Thatsache  vom  Lehramte  des  Azo  in  Montpellier  durch  dies  Zeug- 
niss  für  erwiesen.  Auch  ist  dadinx-h  bewiesen,  dass  Azo  das  canonische 
Recht  berücksichtigte,  dass  er  noch  lehrte,  als  Jacobus  Balduini,  sein 
Schüler,  bereits  als  Lehrer  aufgetreten  war. 


92  Srhulte. 

inf'ra  e.  Raynaldus.  Et  hoc  verius  mihi  videtiir,  ut  dicit 
j^lo.  iiW  .  .  . 

c.  sanc  10.  de  regulär,  et  trans.  III.  81.  ,Dicebat  ma- 
gister  p.,  quod  loquitur  secundum  consuctudinfin  louibardoruin, 
qni  ponunt  fugere  pro  ire^ 

c.  praeterea  1.  de  conv.  conjug.  III.  32.  , Casus.  Con- 
iugis  licentia  non  sufficit  sine  voto  continentiae ,  ut  coniunx 
etiam  convertatur,  fortius  quia  iste  fuit  professus  et  nihilominus 
revocatur.  Uiide  per  haue  decretalem  resp.  f.,  magister  p. 
domino  Jo.  gaitani  cardinali:  iste  de  voluntate  coniugis  reli- 
gionem  ingressus  et  professus  etiam  possit  exire,  et  dicit,  quod 
sie  auctoritate  propria,  nisi  qui  remansit  velit  se  ad  continen- 
tiam  expresse  vel  tacite  obligare'  ... 

c.  Is  qui  30.  de  sponsal.  IV.  1.  ,.  .  .  Et  quid,  si  quis  for- 
nicario  affectu  vel  maritali  intret  seras  vel  claustrum  pudicitiae 
mulieris,  cum  non  seminat,  ne  semen  efFundit,  numquid  est 
matrimonium  consummatum?  Respondeo,  notat  vinc,  quod  non 
infra  e.  c.  ult.  et  ideo  idem  XXXV.  q.  III.  extraordinaria, 
tarnen  ins  aliquod  non  inducit,  sed  dici  potest,  quod  ea  ratio 
est,  quia  sola  carnis  commixtio  facit  consummationem  matri- 
nionii,  arg.  s.  de  biga.  dudum  circa  finem.  Et  sie  in 
foro  poenitentiae  audivi  a  DUKjistro  meo,  quod  non  con- 
sulerat  in  causa  matrimoniali.  Quidam  clericus  fuerat  cum 
quodam  midiere  XX.  noctibus  et  corruperat  eam,  tamen,  licet 
claustrum  mulieris  subintrasset ,  nunquam  irrogaverat  hortum 
smun  nee  seminaverat;  accidit,  quod  puella  illa  contraxit  cum 
fratre  clerici,  dubitavit,  an  possit  remanere  cum  eo ;  dixit  ma- 
gister mens,  (piod  sie,  sed  in  foro  ecclesiae  contentioso  per 
contrarium  iudicaret,  cum  semper,  ex  quo  corrumpit,  pi'aesu- 
matur  consummare,  et  ilhid  alias  approbari  non  posset.  Item 
quid,  si  quis  seminet  in  vas  mulieris  et  non  intret,  numquid 
consummatuj-  matrimonium?  Resp.  sie,  sicut  notat  vinc,  quia 
per  hoc  potcst  carnis  commixtio  intervenire  et  tieri;  sind  nh 
eo  audivi,  contingit  in  francia  semel,  quidam  contraxit  cum 
quadam  tam  arcta  et  tam  modicam  fenestram  habente,  quod 
etiam  puer  IX.  annorum  subintrare  non  posset,  tandem  credidit 
eam  corrumperc  et  non  potuit,  polluit  eam  tamen  in  vase  debito 
et  contingit,  eam  impraegnari  et  adveniente  hora  partus  opor- 
tuit  eam  incidere,  quia  aliter  partum  emittere  non  valebat.  Ecce 


Decretalen  Gregors  IX.,  Innocenz  IV.,  Gregors  X.  93 

ergo,  sicut  in  hoc  exeiuplo  apparet,  matrimonium  consummari 
potest  sine  effractione  claustri  pudoris,  quia  viro  seniinante  in 
inuliere  appetente  fuit  facta  seniinatio  sive  carnis  coramixtio 
viri  semine  in  vase  debito  distillante.  Tarnen  ecclesia,  quae  non 
iudicat  de  occultis  eam  iudicaret  virginein  per  aspectuni  nisi 
de  corruptione  et  impraegnatione  coustaret/  ' 

XXII.  Aus  diesen  Stellea  und  zahllosen  anderen,  welche 
mit  ,Ad  glosam,  quae  incipit,  adde^  und  ähnlich  anfangen, 
aus  den  beständigen  Citaten  Glossa,  glosator,  ,glosa  ordi- 
naria^  ergibt  sich,  dass  Abbas  antiquus  die  Glosse  vor  Augen 
hat  und  seine  Lehrmethode  darin  besteht,  bei  jedem  Capitel 
die  Glossa  ordinaria  der  Erklärung  zu  Grunde  zu  legen,  deren 
Ergänzung,  Erweiterung,  Verbesserung  vorzugsweise  als  seine 
Aufgabe  betrachtend.  Aus  diesem  Charakter  der  Vorlesung, 
welchen  die  Schrift  wiederspiegelt,  erklärt  sich  erstens,  dass 
wir  zusammenhängende  Auseinandersetzungen  über  Materien, 
wie  solche  in  den  Summae  geboten  werden,  nicht  erhalten, 
zweitens  dass  die  vor  der  Glossa  ordinaria  liegende  Literatur 
nur  herbeigezogen  wird,  soweit  sich  aus  derselben  die  Glosse 
ergänzen  lässt,  vorzugsweise  aber  die  mit  ihr  gleichzeitige  oder 
spätere  Berücksichtigung  findet.  Die  Glossa  ordinaria  ist  ihm 
die  Bernard' s  von  Parma,  es  ergibt  sich  dies  daraus,  dass 
sehr  oft  gesagt  wird  ,b.  in  glo.  dicit^  u.  s.  w.  ganz  so,  als  es 
anderwärts  heisst:  ,glosa  dicit'  ,in  glo.  ord.'  u.  s.  w.  Drittens 
bringt  die  Beschaffenheit  des  Werkes  mit  sich,  dass  die  Con- 
trovei'sen  eine  grosse  Rolle  spielen.  Es  wei'den  wenige  Capitel 
erörtert,  wofern  die  Interpretation  über  eine  kurze  Inhaltsan- 
gabe oder  die  blosse  Erklärung  einzelner  Worte  hinausgeht, 
in  denen  nicht  die  Controversen  den  Hauptgegenstand  bilden. 
Regelmässig  werden  die  Vertreter  der  verschiedenen  Meinungen 
mit  Namen  angeführt,  seltener  blos  mit  quidam,  alii  die  variae 
opiniones  eingeleitet.  Es  gewinnt  das  Werk  dadurch  an  Frische; 
zugleich  bietet  es  für  die  Litei'aturgeschichte  reiche  Belege. 

Von  Canonisten  werden  angeführt,  bald  öfter,  bald 
seltener : 

1.  Petrus  de  Sampsone,  sein  Lehi-or.  Biswuilcn  sagt 
er  ,mag.  raeus    P.  de    Sam.',  bisweilen    blos    magister    mens, 

'  Ich  habe  diese  Stelle  mitf^'ctlieilt  als  Probe   <1er  t'asiiistik.    Diese   ist  iidcli 
stärker  beim   Eliehiudeniiss  der  Affinität. 


94  'Schulte. 

bisweilen  ,mag'.  P.  de  Sam/  Letzteres  Citat  läuft  auf  dasselbe 
hinaus,  da,  so  viel  ich  bemerkt  habe,  er  ausser  Petrus  keinen 
durch  den  Zusatz  magister  auszeichnet.  Citate  von  Petrus 
sind  unendlich  häufig-,  die  Schreibart  der  Handschriften  ist  p. 
de  sam.  san.  samp.  petri  de  sampson.,  magister  petrus. 
Von  demselben  werden  angeführt:  a.  Glossa,  womit  natürlich 
der  Apparat  gemeint  ist,'  b.  Distinctiones.- 

2.  Bernardus  (de  Botone).^  Meist  wird  nur  schlecht- 
hin glosea  citirt,  oft  aber  auch  b.  beigesetzt.  Die  Glosse 
heisst  bald  glossa,  bald  glossa    ordinaria,    bald   glossa   magna.' 

3.  Innocentius  IV.     Er  wird  sehr  häufig  citirt. 

4.  Vincentius.  So  viel  ich  bemerkt  habe,  hat  er  stets 
Glossen  zu  Decretalen  im  Auge,  welche  bereits  in  den  3  ersten 
Comp.  ant.  stehen,  so  dass  er  die  Citate  nicht  aus  einem  Appa- 
rate zu  den  Gregorianischen  entnommen  hat. 

5.  Tancred;  Citate  desselben  sind  selten,  dessen  Summa 
de  matrimonio  citirt  er  zu  c.  3.  de  cland.   desp.  IV.  3. 

ß.    Laurentius,  von  dem  ein  Gleiches  gilt. 

7.  Guilelmus  Nasso.-^  Er  wird  sehr  häufig  citirt,  bald 
mit  dem  Vornamen,  bald  ohne  ihn. 

8.  Jacobus  de  Albenga  einigemale. 

9.  Goffredus  de  Trano,  bisweilen  mit  dem  Zusätze  in 
summa,  bisweilen  ohne  ihn;  die  Anführungen  desselben  sind 
sehr  zahlreich. 

10.  Johannes,  und  zwar,  wie  sich  aus  den  Citaten  selbst 
ergibt,  Johannes  Galensis. 

^  Zu  c.  conquestiis  5.  x.  de  feriis  II.  9.  , Magister  iu  glo.  sua  nou 
bene  distinguit  ferias,  sed  tu  seeundum  od.^  ita  distingue:  sunt  quaedam 
feriae  soleranes  seil,  inductae  in  favorem  et  in  reverentiam  divini  cultus'  etc. 

-  Z.  B.  c.  edoceri  21.  x.  de  rescr.  I.  3.  ,nota  quae  b.  inducit  pro  se  quod 
c.  sine  praelato  non  agit  vel  e  contra  resp.,  cum  ponam  distinctionem 
niagistri  petri  de  sami).  in  fine  operis.' 

3  Z.  B.  c.  22.  X.  de  rescr.  ,et  de  hoc  notatiir  j.  de  except.  cum  inter  II. 
glo.  b.;'  c.  25.  ibid.  ,ut  no.  in  glo.  ordi.  infra'  cet. 

^  C.  dilcctus  29.  de  rescr.  ut  notavit  hie  innoc.  et  idem  hie  vlnc.  et  h, 
notavit  idem  supra  eodem  pastoralis  ad  finem  glo.  magnae.'  Oft  auch 
ohne  Bernhards  Namen.  Citate  als  glossa  prima,  secunda,  ultima 
sind  häufig. 

'■>  C.  cajjitulum  ?>'>).  de  rescr.  .aliuni  intellectum  posuit  hie  G.  Xaso,  qncMii 
recitat  magister  //.  in  glo.  et   ita   ad  illam    ut   debitus   respondet    naso.' 


Decretalen  Gregors  IX.,  Innoci-nz  IV.,  Gregors  X.  95 


11.    Cardinalis   '     d.     li.     Ilciiricus     de     Seji'usia     od 


O" 


er 


Hostiensis. 

Diese  Citate  liefern  den  Beweis,  wie  man  nach  Annahme 
der  Glosse  bereits  früh  anfing,  die  ältere  Literatui-  zu  vernach- 
lässigen, insbesondere  für  das  Decret  nicht  mehr  auf  dessen 
Literatur  unmittelbar  zurückzugreifen.  Es  möge,  noch  bemerkt 
Averden,  dass  ab  und  zu  eine  Bemerkung  am  Ende  mit  einer 
Sigle  versehen  ist,  dass  einzelne  Glossen  den  Umfang  kleiner 
Tractate  annehmen  (z.  B.  zu  c.  quoniam  frequenter  ut  lite 
non  cont.,  c.  Rayuutius  de  test.). 

Von  Civil  isten  werden  angeführt  Johannes  Bas- 
sianus,  Jacobus  Balduini,  Bagarottus,  Azo,  Odofredus, 
Accursius,  Gaufredus. 

XXni.  Was  die  Zeit  der  Abfassung  betrifft,  so  dürfte 
sie  ans  Ende  der  sechsziger  Jahre  zu  setzen  sein,  da  kaum  vor 
der  Mitte  der  sechsziger  Jahre  die  Glosse  Bernhards  als  abge- 
schlossen anzusehen  ist.  Citate  von  Decretalen  Gregors  X. 
sind  mir  nicht  aufgestossen ;  hierdurch  wird  die  angenommene 
Zeitgrenze  gleichfalls  höchst  wahrscheinlich.  Dass  die  Schrift 
nicht  vor  1261  fällt,  ergibt  sich  schon  daraus,  dass  Henricus 
de  Segusia  erst  in  diesem  Jahre-  Cardinal  wurde.  Dass  unser 
Abbas  Lehrer  des  canouischen  Rechts  und  zwar  in  Bologna 
war,  dürfte  aus  den  mitgetheiltou  Stellen  und  der  genauen  Be- 
kanntschaft mit  der  Lombarda,  zur  Genüge  hervorgehen.  Ob 
er  aber  Italiener,  oder  wo  er  Abt  war,  dafür  finde  ich  im 
Werke  selbst  keinen  Anhalt.  Aus  seiner  Bekanntschaft  mit 
französischen  Zuständen,  die  ab  und  zu  erwähnt  werden,  dem 
Umstände,  dass  er  sich  gerade  den  Franzosen  Petrus  de  Samp- 
sone  als  Lehrer  auswählte,  Hesse  sich  vielleicht  auf  franzö- 
sische Abstammung  schliessen. 

'  C.  Raynaldus  18.  de  testam.  v.  ab  intestatu.  ,Haec  verba  gcufralia 
iustificant  sententiain  card.  hino.,  et  infra  plenius  dieam  .  .  .'  Nun  wird 
an  mehrei-en  Stellen  die  xinsicht  von  Hostiensis  dargelegt. 

2  Mein  Lehrbuch  S.  64. 

Dass  unser  Abbas  schon  vor  1-J40  in  Bologna  wenn  niclit  gidchrt,  so 
doch  stndirt  hat,  ergibt  sich  aus  der  oben  abgedruckten  .Stelle  zu  C.  ?,0. 
de  .spons.,  worin  er  eine  nüindliche  Aeu.sserung  von  Vincent  ins  (vgl. 
mein  Lehrbuch  Seite  öi))  mittheilt. 

Als  Beleg  für  seine  Textoskritik  diene  c.  1.  de  sponsa  duoruin  IV.  t. 
jduobus  hoc  ca^jituhun  habent  quidam  pro  palea  XVL  q.  ult.  e.  alt.' 


96  Schulte. 

XXIV.  Fassen  wir  zum  Schlüsse  den  Charakter  des 
Werkes,  die  Art  der  Darstellung-  und  darauf  g-estützt  die  Be- 
deutung des  Abbas  ins  Aug-e,  so  lässt  sich  nicht  läu^nen,  dass 
eine  für  die  Zeit  grosse  Literaturkenntniss,  vollständig-e  Beherr- 
schung des  Quellenmateriales,  gründliche  Kenntniss  des  römi- 
schen Rechts  und  der  Literatur  seiner  Zeit  sich  in  demselben 
zeigt.  Als  Folge  davon  tritt  uns  eine  lebendige  Darstellung, 
eine  grosse  Selbstständigkeit  des  Urtheils  entgegen,  welche  selbst 
vor  schroifer  Kritik  nicht  zurückschreckt.  ^  Diese  Eigenschaften 
und  die  wirkliche  umfassende  Ergänzung,  welche  sein  Werk 
bietet,  machen  begreiflich,  dass  die  spätere  Literatur  ihn  be- 
deutend benutzt.  Ich  brauche  nur  auf  Johannes  Andreae 
hinzuweisen,  der  in  der  Novelle  in  sehr  ausgedehntem  Maasse 
ihn  benutzt  hat. 

B.    Lectura  in  Constitutiones  novas  Innocentii  IV. 2 

XXV.  Handschriften  am  Schlüsse  dieser  Abhandlung. 
Eine  Handschrift  mit  solchem  Schlüsse    hat  auch  Oudin 

Script.  III.  col.  246  verleitet,  diesen  Anfang  der  lectura  Bern- 
hards beizulegen. 

Die  Bamberger  Handschrift  P.  IL  S.  hat  am  Ende  fälsch- 
lich: ,explicit  lectura  magistri  bernardi  de  monte  mirato  com- 
postellano  deo  gratias.' 

Dieser  Commentar  hat  den  Charakter  einer  selbststän- 
digen, die  Innocenzianischen  Constitutionen  durch  Wort-  und 
Sacherklärungen  erläuternden  Arbeit.  Er  ist  abgefasst  nach 
der  Zeit  Alexanders  IV.  (gest.  25.  Mai  1260),  wie  sich  aus 
folgender  Aeusserung  zu  c.  pia  de  except.  ergibt:  , iudex  reum 
excommunicato    actori    respondere    cogere    non    debet    invitum, 


1  Als  interessantes  Beispiel  diene  das  zu  c.  Quoniam  frequenter  iit  lite 
non  cont.  Gesagte:  ,tertia  lectura  est  magistri  petri  de  sampson,  et 
inagis  generalis.  Et  attende:  dicebat  magister  p.  de  samp.,  quia  hie  vi- 
detur  inno  Cent  ins  respondere  ad  modum  piierorum;  si  enim  quaeratnr 
,1  ]iupro:  ,nbi  est  pater  tuus?'  ipse  respondet:  vel  in  coelo  vel  in  terra, 
vel  in  mari.'  Ita  dicit  hie  innoc. :  ,quaindiu  exspectabitiir  electns  absens 
non  per  contumaciam?'  et  ipse  respondet:  ,sicut  est  in  canunibus  defi- 
nituni.'  Quaere  igitur  totum  corpus  iuris  ro.nonici  et  inveniens  qualiter 
sit   (Icliiiiliiiii.' 

2  A^gl.  iiii'iiM'  AMi.  iibei'  ilic  Decretalen  zw.  Greg.  IX.  niid  T^ib.  Vf.  Seite 
7t; 7  IT. 


Di'crctaleii  Gregors  IX..  Iniinccnz  IV.,  CirPgors  X.  \)  i 

iimuo  eum  excludero  ab  ag'endo  et  nedum  proptei*  partis  peri- 
culuin^  iiiiino  ctiaiii  propter  siuiin^  cum  ipse  iudex  incidat  in 
minorem  communicando  illi.  Idcni  etiaiu  videtur  de  iure  civili 
per  auct.  (lege:  authent.)  de  pri\il.  do.  haeret.  mulier. 
nun  pi-aestandis  (Coli.  VIII.  tit.  V.),  nl)i  dicitui',  quud  iilis 
est  deneganda  facultas  agendi,  quibus  communio  per  episcopos 
denegatur.  Nee  valet,  si  respondeat,  quod  speciale  est  in  cri- 
raine  liaeresis,  quod  semper  eadem  ratio  proliibitionis  renianere 
videtur.  Et  hodie  videtur  alex.  IV.  hoc  statuisse  expresse.' 
Auch  fällt  die  Abfassung  nach  der  Vollendung  der  lectura  in 
decretales  Gregorii  IX.,  wie  die  Bemerkung  zum  ersten  Capitel 
cum  in  multis  ergibt:  ,et  istud  adde,  si  vis,  his,  quae  no- 
tavi  de  hoc  seeundum  naso.  supra  eodem  nonnulli^  d.  h.  zu 
c.  28.  X.  de  rescriptis  I.  3. 

Gleich  der  lectura  in  decretales  Gregorii  IX.  ist  auch 
dieser  Commentar  später,  besonders  von  Johannes  Andreae 
im  Apparate  zum  Liber  sextus  und  der  Novella  dazu  stark 
benutzt  worden. 


C.    Distinctiones.' 

Handschriften:  Prag  böhm.  Museum  I.  B.  3.,  I.  B.  4. 
Bamberg  P.  IL  8. 

XXVI.  Nach  dem  alten  Vorgange  zu  Bologna,  über  ein- 
zelne Capitel  ausserhalb  der  ordentlichen  Vorlesungen  in  be- 
sonderen Stunden  zu  lesen  und  Repetitionen  zu  halten,-  hat 
Abbas,  auch  hierin  seinem  Lehrer  folgend  eine  Anzahl  von 
solchen  separat  commentirt.     Sie  fangen    also  an : 

, Circa  statuta  facta  a  oapitulo  ita  distingue :  aut  res,  de 
quibus  fuit  quaestio,  possident  ut  plures  aut  ut  capitulum  .  .  .' 
Darauf  eine  Rubrik  de  cit.  jud.  8i  citati  sunt  infames  .  .  . 
de  rescr.  edoceri  (c.  21.  x.  I.  3.),  de  consult.  cum  tanto 
(c.  11.  X.  I.  4.),  de  elect.  cum  in  cunctis,  auditis  (c.  7.,  20. 
X.  I.  ().),  de  temp.  (jrd.    literis    coram    nobis    (?),    de    off.    et 


1  Meine  citirte  Abhandlung  S.  770;  dort  ist  jedoch  der  Inhalt  zu  kurz  au- 
gegeben, weil  der  Zweck  mehr  nicht  forderte.     Sarti  i.st  sehr  ungenau. 

2  Daher  die  s.  g.  Quae.stiones   dominieales,  mercuriales,  veneria- 
les  verschiedener. 

Sitzb.  d.  phil.-hist.  Cl.  LXVHI.   B.l.   I.  Illt.  7 


98  Schulte. 

pot.  jud.  del.  cum  conting-at  (c.  3G.  x.  I.  29.),  de  off.  jud. 
ord.  judicis  off.  c.  2.  x.  I.  32.),  de  tr ansäet,  super  eo  (c.  7. 
X.  I.  3G.),  de  distinct.  jud.  judicis  (?),  de  alien.  jud.  niut. 
c.  etsi  clerici  (c.  2.  X.  I.  42.);    de  jud.  etsi    clerici    (c.  4.  X. 

II.  ].),  de  foro  comp,  post.,  sigiiificasti  (c.  14.  18.  II.  2.), 
accedit,  de  conf.  ex  parte  (c.  3.  IL  18.),  de  test.  et  attest. 
fraternit.  (e.  17.  IL  20.),  de  appell.  iit  debitus  (c.  59.  IL  28.); 
de    coh.  der.    (c.  7.  IIL  2.),    de  praeb.    de  monachis  (c.   12. 

III.  5.),  de  jure  empliyt.  potuit  (c.  4.  III.  18.),  de  pign. 
(c.  8.  IIL  21.);  de  conv.  conj.  (c.  9.  III.  32.);  de  despons. 
(c.  7.  IV.  2.),  de  frig.  fraternit.  (c.  6.  IV.  15.);  de  praeb. 
dil.  lil.  (c.  27.  X.  IIL  5.);  de  accusat.  (c.  17.  V.  1.),  de 
sym.  de  sym.  (c.  22.  V.  3.),  de  der.  exeom.  si  celebrat.  (c. 
19.  V.  27.),  de  poen.  et  remiss.  quod  quidam  (c.  5.  V.  38.). 
Hierauf  die  von  mir  a.  a.  0.  S.  770  bezeichneten  Stücke  der 
Decretalen  Innocenz  IV-  u.  s.  w. 

Wie  die  Namen,  der  Charakter  und  die  Methode  der 
Schriften  ergeben,  liat  sich  unser  Abbas  an  seinen  Lehrer 
Petrus  de  Sampsone  ziemlich  angeschlossen.  Man  darf  seine 
Ausführungen  als  Ergänzungen  und  Uebei'arbeitungen  der  Werke 
seines  Lehrers  bezeichnen.  Ihm  ist  er  auch  darin  nachgefolgt, 
dass  er  die  Innocenzianischen  Decretalen  separat  commentirt, 
nicht  unter  denen  Gregors. 


Boiitiuus  Mautuaiius.  ' 

Boatinus  lehrte  zu  Padua,  wurde  dort  1275  auch  Canonicus 
und  starb  im  August  1300  daselbst,  nachdem  er  vom  1.  Aug. 
1283  das  Amt  eines  Archipresbyter  bekleidet  hatte.  Er  soll 
43  Jahre  docirt  haben. 


♦ 


^  Literatur  in  in  einem  Lehrbuche,  2.  Aufl.,  S.  70,  Note  40.  Das.s  die  zu 
schildernden  Werke  Boatinus  angehören,  habe  ich  bewiesen  in  der 
cit.  Abh.  ü))er  die  Decretalen  zw.  Greg.  IX.  u.  .i.  w.,  S.  771  ff.,  so  dass 
auch  niclits  darauf  ankäme,  wenn  die  Handschriften  den  Namen  nicht 
hätten.  Neben  dem  von  mir  a.  a.  O.  beschriebenen  Codex  Prag,  habe 
ich  sj)äter  den  •_'.  benutzt.  Vor  mir  ist  ausser  dem  Namen  nichts  seit 
Joh.  Andreaes  Notizen  über  ihn  bekannt  gewesen;  Colle,  der  sein  Leben 
beschreibt,   kennt   seiiu^   Werke  nicht. 


l)ecrpt;il(>n  Grfgors  IX.,  Tnnocpir,'.  IV.,  Gregors  X.  [)\) 

) 

Seine  Schriften  sind: 

A.  Lectura  super  decretales  Greg-erii  IX. 

Handschriften : 

Cod.  Musei  bühemici  Frag-.  I.  B.  4.,  foh,  nibr.  saec. 
XIV.  fol   1—70. 

Wiener  Hofbibl.  nuni.  2219  ful.  mbr.  saec.  XIV.  fol. 
lila  bis  IGTb.  Am  Ende  stellt  nach  der  Lectura  zu  den  Decre- 
talen  Gregors  X.  ,finito  libro  laus  et  gluria  cristo  amen.  Quis 
scripsit  scribat  et  long-o  tempore  vivat  amen,  (von  andrer  Hand) 
Johanni  de  affelstaii  juris  canonici  liceii.  altare  ecclesie 
Ratisponensis^ 

XXVII.    In  beiden  Handschriften  beginnt  das  Werk  also: 

jincipit  lectura  magistri  boetini '  super  decretales. 

Grregorius  etc.  Ista  constitutio  sive  prologus  dividitur 
in  IUI.  partes,  In  priina  Gregorius  salutem  praemittit,  in  se- 
cunda  rex  pacificus  causam  sive  rationem  reddit  ad  invcn- 
tionem  compilationis  huius  sive  iuris,  in  tertia  sane  diver sas 
subiungit  multiplicem  rationem  sive  causam  huius  praesentis 
compilationis  superfluis  Omnibus  resecatis,  in  quarta  volentes 
subinfertur  quoddam  praeceptum  sive  maudatum,^ 

,De  summa  trin.  et  fide  catliolica.  Rubrica. 

Firmiter.  Istud  symbolum  dividitur  in  VI.  partes.  In 
prima  describuntur  et  inseruntur  pi'Oprietates,  quae  conveniunt 
soli  deo'  .  .  . 

Ende:  ,Indignum.  Naturalitcr  donatarius  tenetur  donatori 
ad  antidota ;  sed  numquid ,  si  episcopus  contulit  mihi  beuefi- 
cium,  potero  ei  facere  homagium  tamquam  feudatarius  domino  ? 
Gerte  non.' 

Dieser  nach  1274-  gemachte  Apparat  gehört  zu  den  we- 
nigen Werken,  in  welchen  die  neuen  (Constitutionen  Innocenz  IV. 
eingeschaltet  und  somit  als  T]ieih3  der  Gregorianischen  com- 
mentirt  werden.  ^ 


'  Cod.  Vind.  boventini.  —  Bovotino  ist  dio  itnlicnischn  Form,  wcdclif 
.-meh   Colle  hat. 

2  Weil  die   Schliis.se  de.s   2.   Concils  von  Lyon  darin  or\v;ihnt  werden. 

'  Darüber  iial)e  ich  in  der  cit.  Abhandlnng'  gesprochen,  woselbst  ancli  ein- 
zelne Stellen  mit(j,etheilt  sind.  Hier  hel)e  ich  jene  Pnnkte  hervor,  die 
dort  als  nicht  zur  Sache  gehörig  nnberücksichtigt  blieben. 


KK)  Schulte. 

XXVIII.  Es  lässt  sicli  dem  Werke  eiu  gewisser  \Yertli 
niclit  abspreclien,  obgleich  es  mit  den  meisten  älteren  Werken 
nicht  entfernt  auf  gleiche  Stufe  gesetzt  werden  kann.  Es  bleibt 
interessant  als  Beleg  für  die  Leistung-en  zu  Padua  aus  jener 
Zeit.  Sachlich  leidet  es  an  grosser  Dürftigkeit  des  Stoffes, 
indem  eine  Masse  von  Capiteln,  bisweilen  ein  Dutzend  hinter 
einander,  g;ar  nicht  commentirt  werden.  '  Diese  Dürftigkeit  er- 
klärt sich  daraus,  dass,  wie  auch  überall  aus  dem  Werke  hei'- 
vorg-eht,  die  Glossa  ordinaria  zur  vollen  Herrschaft  gelangt 
war,  neben  ihr  ergänzte  oder  besserte  man  lediglich  durch 
Nachtrag-en  älterer  Meinungen,  seltener  durch  selbstthätiges  Er- 
örtern. -  So  zeigt  sich  denn  auch  hier  der  eigentliche  Inhalt 
zumeist  darin,  dass  bei  den  Capiteln  rein  mechanisch  die  Theile 
angegeben  werden.  Daneben  wird  der  eine  oder  andere  prak- 
tische Fall  erwähnt  und  dai'gelegt;  dieser  Theil  der  Arbeit  hat 
Interesse  und  gibt  ihr  einen  gewissen  Reiz.  Endlich  werden 
auch  die  verschiedenen  Ansichten  zusammengestellt.  Uebrigens 
ist  die  Arbeit  auch  relativ  ungleich,  die  zwei  ersten  Bücher 
sind  viel  besser  behandelt  als  die  drei  letzten ,  in  denen  z.  B. 
ausser  einem  Schriftsteller  (dominus  bo.)  Namen  selten  vor- 
kommen. ^  Im  Vergleiche  zur  früheren  Zeit  tritt  die  scharf 
juristische  Behandlung  zurück,  das  iVrgumentiren  aus  allen  mög- 
lichen Gründen  in  den  Vordergrund;  auf  das  römische  Recht 
wird  demzufolge  eine  so  geringe  Rücksicht  genommen,  dass 
y-ewiss  nicht  zwölf  Citate  sich  finden.  Auch  das  Decret  wird 
seltener  berücksichtigt,  es  beginnt  die  Methode  der  späteren 
Commentaristik,  den  einen  Paragraphen  durch  den  anderen  und 
umgekehrt  zu  erklären. 

Von  Schriftstellern  werden  namentlich  aufgeführt  Inno- 
centius  IV.,    dessen  Apparat   stark    benutzt  ist,    Guilielmus 

^  Schon  der  Unifuiig  in  den  Hfiiidschrifteu,  welche  beide  die  grosse  Schrift 
des  XIV.  Jahrh.  haben,  lässt  ei'kennen,  dass  von  einem  irgendwie  er- 
schöpfenden Werke  keine  Rede  sein  kann. 

-  Wie  bei  Andren,  so  finden  sich  ancli  hier  bisweilen  Capitel  am  Ende  mit 
einem  Namen  (Sigle)  unterzeichnet.  -  Einigemalo  wird  Texte.skritik 
geübt,  insbesondere  nach  Innoccnz  IV.  Vorgange. 

3  Buch  I.  mrifasst  im  Prager  Code.x  toi.  1 — "ilia,  2.  Spalte  oben;  Biicli  II. 
von  da  bis  44b,  B.  III.  von  4.ö — 5Sa  oben  1.  Spalte,  B.  IV.  von  da  bis 
Gla,  -2.  Sp.  in  dor  Mitte,  B.  V.  bis  7<>a,  _'.  Spalte.  Schon  dieses  beweist 
das  Gesagte. 


Deeretalen  Gregors  IX.,  Innocenz  IV.,  Gregors  X.  iHl 

Nhso.  Guido  de  Baysio  '  (giii.  de  ha.j,  Hostiensis;  Ber- 
nardus;  Eg-idius  (Fuscararius),  von  dein  er  Quaestiones  voi- 
Aug'on  liat;-  Tancrodus  jedoch  nui-  nach  Aiduhrungen  von 
Petrus  de  Sampsone,  den  er  I'.  de  saxonia  bezeichnet;' 
Goffredus  de  Trano  (Go.) ;  Vincentius;'  Laurentius; 
Rodoicus;'  Johannes  de  Deo;  einigemalen-  ein  Jo.  oline 
Beisatz,  in  dem  man  wohl  Johannes  Hispanus  tinden  darf, 
weil  ein  Decretalist  gemeint  ist;  Jo.  d'gu.,  womit  wahrschein- 
lich Johannes  de  Angusellis  gemeint  ist.''  Die  Glosse  ist 
ihm  so  stehend,  dass  er  oft  schlechtweg  sie  mit  glossator  dicit 
u.  dgl.  citirt.  Am  häufigsten,  auf  jeder  Seite  fast  jedesmal,  wo 
fremde  Ansichten  aufgeführt  werden,  stehen  Citate  mit  domi- 
nus oder  do',  do.  ho.  Entweder  ist  bo.  Abkürzung  für  den 
Namen,    in  welchem  Falle    damit  wohl  kaum    ein  Anderer  als 


■  Guido  de  Baysio  starb  1813;  die  Glosse  zum  Sextus  kommt  hier  nicht 
iu  Betracht,  da  Boatinus  seinen  Apparat  bestimmt  vor  1298  schrieb.  Es 
ist  auch  nicht  an  den  Comnientar  zum  Decret  (das  Rosarium)  zu  denken, 
dessen  Vorrede  ein  Dedicationsbrief  des  Guido  als  Archidiaconus  von 
Bologna  an  den  Cardinalbischof  Gerhard  von  Sabina  ist.  Da  Guido  rj'.tC) 
Archidiacon  wurde,  so  niüsste  man  also  dann  annehmen,  wenn  man  auch 
festhielte,  dass  der  Brief  nach  Vollendung  des  Werkes  geschrieben  wurde, 
Boatinus  habe  das  colossale  Werk,  das  in  Bologna  geschrieben  wurde, 
sofort  erhalten  und  seinen  Apparat  etwa  im  letzten  Jahre  seines  Lebens 
als  alter  Mann  gemacht.  Das  ist  offenbar  gewagt.  Es  darf  also  gewiss 
angenommen  werden,  dass  Guido  im  Anfange  seiner  Thätigkeit  bereits 
Zusätze  ziu-  Glosse  oder  dergl.  publicirt  hat. 

-  Zu  c.  1.  de  rcscr.  .quaestio  domini  Egi.',  welche  noch  dauere  und  ,et  ego 
fui  advocatus,  quidam  saecularis  mihi  respondit'  .  .  . 

^  c.  Causam  quae  de  elect  ,haec  est  etiam  opinio  tancredi,  ut  notat  p. 
d'saxonia  in  sua  lectura  super  isto  c' 

•*  Nach  der  Art.  der  Citate  zu  schliessen  scheint  er  dessen  Apparat  zu  den 
Deeretalen  Gregors  IX.  zu  kennen. 

^  Rod.'  im  Codex.  Er  hat  von  ilim,  wie  die  Citate  zu  c  Cum  Winto- 
niensis  und  In  cansis  de  elect.  darthun,  eine  Schrift  vor  sich  gehabt. 
Im  Prager  Codex  fol.  4öb  steht  eine  Stelle  (zu  c.  \f,.  III.  4.  cum  ad 
hoc),  die  ganz  ilim  entnommen  \\w\  am  Ende  mit  der  Sigle  Rody.  ver- 
sehen ist. 

*>  Siehe  die  folgende  Erörterung  iihcr  ihn.  Die  Steile  zu  c.  I'irniitcr  1. 
de  summa  trin.  lautet:  .ca.  in  iudiciis  hoc  videtur  falsuni,  quia  multe 
decretales  continent  indulgentiam ,  et  ille  non  debent  allegari  in  iudiciis 
per  omnes,  ut  hie  dicitur.  R  iu  glo  vel  aliter:  iste  decre.  aliquid  con- 
tinent propter  indulgentiam  et  illud  debet  allegari:  bo.  vel  aliter:  ille 
decre.  per  illos.  quibus  conceditur  indulgentia.    Jo.  d'yu,' 


102  Srhulte. 

Jacubus  Boiijicosa'  geineint  ist,  oder  es  bedeutet  dominus 
bononiensis  und  bezeichnet  seinen  Lehrer  aus  Bohjp-na.  Dass 
er  seine  Studien  zu  Bologna  gemacht  hat,  halte  ich  für  gewiss 
auf  Grund  der  mancherlei  Einzelnheiten,  welche  er  von  dorther 
erwähnt. 

XXIX.  Als  Beleg  für  die  Methode,  Beitrag  für  das  Leben 
und  zur  Feststellung  einzelner  Punkte  mögen  einige  Stellen 
mitgetheilt  werden. 

c.  dilecti  ].  de  ap.  et  rela.  ,Hic  in  principio  t.  (tituli)  ad 
Intel]  igentiam  ipsius  consuevit  notare  magistar  ho.^  quod  secun- 
dum  antiqua  iura  omnis  audiebatur  appellatio  sive  ap.  ex  causa 
sive  sine  causa^  .  .  . 

Zu  c.  clericus  de  vita  et  hon.  J.  de  elect.,  u])i  peri- 
culum  §.  praeterea,  quae  est  Gregorii  decimi.^ 

c.  quia  cunctis  de  concess.  praeb.  (^Innoc.  IV.  novella). 
,§.  Item  ita  se  habuit  Innoc.  papa  quartus,  qui  semper  fuit 
nobilibus  gratiosus,  volens  honorare  dominum  draconem  de 
barbone,  qui  fuerat  de  consanguinitate  regis  francorum,  sede 
carnotense  vacante  mandavit  priori  de  anolama,  quod  conferret 
domino  d.  praedictam  praebendam  vel  dignitatem  sine  cura, 
siqua  vacabat'  cet. 

Si  ecclesia  de  consecr.  ecclesiae.  ,§.  lavetur.  Hie  Signa- 
tur quaedam  glo.,  in  qua  dicitur,  quod  simplex  sacerdos  potest 
lavare  ecclesiam  non  consecratam,  si  polluatur  sanguine  vel 
semine,  sed  magister  Jo.  (de)  deo  fuit  in  contraria  opinione 
i.  e.  quod  hoc  nou  nisi  per  episcopum  fieri  possit,  et  appellat 
magistrum  hernardum  propter  hoc  haereticum  seil,  quia  dicebat, 
hoc  posse  lieri  per  simplicem  sacerdotem.' 

c.  Verum  de  convers.  coniug.  -  ,.  .  Iste  casus  fuit  in  per- 
sona domini    (juidonis    de  suzaria,  (pii  contraxerat  cum  quadam 


'  Mein  Lehrbucli  Seite  67.  Zu  c.  iinidentiam  de  off.  et  pot.  jud.  del. 
wird  gesagt:    ,li;uic  qviaestionem  disputavit   dominus  bo.    in   scolis  suis'. 

-  Diese  Stelle  citirt  Jo.  Andr.  in  c.  uu.  de  voto  in  (').  also:  ,Item  hie 
Avcli.  dicebat,  Bi«i.  in  decretali  verum  de  convers.  coniug.,  quod 
Guido  de  Suzaria  post  matrimonium  per  se  contractum  nondum  consum- 
matum  postulatus  fuerat  in  episcojmm  Taurin.  sed  postulatio  non  fuit  ad 
missa'.  Dieses  Citat  tritt  also  zu  den  von  mir  a.  a.  O.  mitgetheilten 
hinzu,  welche  des  Boatinus  Airtorschaft  unbedingt  darthun.  Ueber  den 
C'iviUsten  Guido  de  Suzaria  siehe  v.  Savigny  V".  S.  387  ff. 


Decretalen  Gregors;  IX.,  Iiinocenz  IV.,  Gregors  X.  103 

et    cum   nondum    cog-novisset    eandcin,    postulatus    luit     in   cpis- 
copum  taurinensem,  ipse  laincn  non  obtiimit/ 

B.    Lcctura  super  decretales  Greg-orii  X. 

XXX.  In  beiden  o-enannten  Handschriften  steht  sie  ohne 
jede  Ueberschrift  nach  dein  Apparate  ym  den  Decretalen  Gre- 
gors IX.     Sie  beginnt  also  : 

,GregM)rius.  §.  In  generali  concilio  et  post  videtur  con- 
trariari  omnibus  inscriptionibus,  quae  habent:  Greg.  X.  in 
concilio  generali,  ideni  in  eodein,  et  sie  de  ceteris-,  iiani 
inspectis  inscriptionibus  omnes  decretales  inducuntur  facte  in 
concilio  lug.,  inspecta  vero  hac  dictione  post  videtur,  quod 
quedam  facte  fuerunt  in  concilio  et  quedam  post'  u.  s.  w. 

Ueber  die  Glossa  selbst  habe  ich  a.  a.  O.  Seite  777  fgg. 
hinlänglich  gesprochen. 


Johannes  <le  Aiigiisellis. 

XXXI.  Ueber  die  Schriften  dieses  Juristen  habe  ich  bei 
keinem  der  älteren  oder  neueren  Literaturhistoriker  eine  Notiz 
gefunden.  Aus  Notizen  einzelner  Glossatoren  und  anderen 
Nachrichten  ist  sowohl  seine  Existenz  als  sein  Lehramt  in  Pa- 
dua  unzweifelhaft.  Die  folgende  auf  einer  von  mir  genau 
untersuchten  Handschrift,  welche  dessen  Commentar  zu  den  Con- 
stitutionen Gregors  X.  enthält,  ruhende  Mittheilung  möge  als 
Beitrag  zur  Literaturgeschichte  gütig  aufgenommen  werden. 

Der  Cod.  membr.  saec.  XIV.  der  Wiener  Hofbibliotliek 
Nuin.  2216  (Salisb.  327.)  enthält  nach  dem  fol.  1—58  stehen- 
den Ordo  judiciarius  des  Egidius  de  Fuscarariis  (mein 
Lehrbuch  des  Kirchenr.  S.  66.)  das  zu  besprechende  Werk 
auf  fol.  .59 — 78  b.'  Von  einer  spätem  Hand  ist  beigesetzt  die 
Ueberschrift:  ,Apparatus  domini  Johannis  de  Agusoll.  (mit 
dem  Strich  durch  die  zwei  1.)  professoris  utriusque  iuris  super 


•  Für  das  Aeusere  ist  interessant,  dass  die  petiae  angegeben  werden.  So  steht 
fol.  ()ö;i  neben  der  ersten  Spalte  in  der  Mitte:  ,hic  finitnr  secnnda  petia 
floriani',  ful.  ()7b  am  Ende:  ,hic  finitnr  tertia  petia  floriani'.  ful.  70  1)  a. 
E.  ,li.  f.  IUI.  p.',  fol.  7(5 b  ,hic  fin.  VI.  petia  meliorati.'  Die  Namen  ge- 
hören offenbar  den  beanftragten  Schreibern  an. 


104  SrhllUp. 

Greg'orianas/  Anfang*:  ^Greg-orius  X.  in  generali  c.  liigilii- 
nensi.  Fideli.  8ic  incipit  lex  C  de  bis  qui  ad  ec.  conf.  1. 
fideli  (1.  2.  Cod.  I.  12).  Devota.  Recte  dicit  devota  quia  ex 
voto  necessitatis  tenemur  ad  hoc.  Unusqnisque  ei  promittit  in 
haptisnio  tenere  fidem  et  servare  decaloguni  et  alia,  sine  qnibns 
non  est  salus.^  Ende:  Glossa  zur  const.  Quicnnque  pro 
eo  quod.  ,Hic  finitur  apparatus  Johannis  de  Cesena  sive 
de  Gozellis  utrinsque  iuris  professoris  super  novissimis  Gre- 
gorii  X.' 

Ein  Giovani  Ang-usciola  von  Cesena  wird  als  Pro- 
fessor in  Padua  erwähnt  von  Colle  Storia  scientifico-letteraria 
dello  Studio  di  Padova.  Vol.  III.  Päd.  1825.  4.  pag.  19  sq. 
Colle  bemerkt  aber,  dass  ihm  dessen  Name  in  keinem  Doeu- 
mente  vorgekommen  sei  und  er  sich  allein  stütze  auf  Alber- 
tus de  Gandino  (v.  Savigny  V.  S.  560  ff.).  Dieser  sagt  in 
seinem  Werke  de  maleficiis:'  Tit.  de  poenis  reorum  N.  7. 
jhanc  autem  dist.  sie  copiose  notavit  d.  Jo.  de  Angusel.  de 
Cesena  legani  doctor  in  utroque  jure  Päd.,  in  scholis  ego 
AI.  didici  ab  eo.'  Vgl,  über  ihn  weiter  Panzirolus  L.  III. 
cap.  19,  Facciolati  Fasti  Gymn.  Patav.  I.  p.  33.  Gegen  letz-  j|: 
teren  polemisirt  Tiracoschi  und  nach  ilim  Colle,  dass  er 
nicht  im  Anfange  des  XIV.  Jahrh.  gelebt  haben  könne,  Aveil 
Albertus  schon  1284  in  Bologna  lehrte.  Dass  er  nicht  nach 
Bologna  gegangen  sei,  wie  Parzirolus  und  nach  ihm  Papa- 
dopoli  annimmt,  hält  Colle  durch  das  Schweigen  von  Sarti 
für  erwiesen.  Es  ist  nun  wohl  unzweifelhaft,  dass  eiu  selbst- 
ständiger Commentar  zu  den  Decretalen  Gregors  X.  kaum  nach 
dem  Erscheinen  des  Liber  sextus,  also  nach  1298,  gemacht  sein 
dürfte.  Man  darf  ebensowohl  annehmen,  dass  nach  den  sonst 
bekannten  Vorgängen  bald  zum  Commentiren  geschritten  wurde. 
Es  dürfte  mithin  —  die  Autorschaft  vorausgesetzt  —  dieser 
Commentar  am  Ende  der  TOger  Jahre  des  XIII.  Jahrhunderts 
gemacht  sein.  An  der  Autorschaft  selbst,  welche  den  mit  der 
Schrift  des  Textes  gleichzeitigen  Schlussvermerk  angibt,  zu 
zweifeln,  haben  wir  um  so  weniger  Grund,  als  Name,  Ort  der 
Herkunft  und  Zeit  mit  dem  gut  stimmen,  was  Albert  erzählt. 
Doch  davon  abgesehn,  ist  diese  Handschrift  allein  Beweis  genug. 


I 


l  Ausgabe  Lngd.  15;52.  8.  fol.  CCCLXXVlIb. 


Decretalen   Gregors  IX.,  Iilhocoii/.  IV.,  Gregor.s  X.  105 

In  (Ion  meisten  Erörterungen  zu  den  einzelnen iDccretalen  steht 
inehrnialisn,  oft  nach  jeder  (Ihisse;,  oft  nach  grösseren  Partien 
der  Name  unzählig-emale  ausgeschrieben  Jo.  de  cesena,  oft 
abgekürzt  Jo.  de  ces.  oft  auch  blos  Jo. 

Dass  nun  der  Verfasser  in  Padua  lebte,  beweist  wieder 
der  Conimentar  selbst.  Es  g-enüg^t  hervorzuheben  die  Decretale 
Quanquam  usurarii  (c.  '2.  de  usuris  in  G."  V.  5.),  wo  es 
heisst:  ,Sed  quid  si  iste,  qui  petit  restitutionem  usuraruni,  litig-at 
per  procuratorem  corani  episcopo,  sicut  contig-it  de  facto  coram 
domino  episcopo  Paduano  in  quadani  causa,  in  qua 
er  am  patronus.  Heres  fenerarius  objecit  illi,  quod  non  po- 
terat  litigare  per  procuratorem,  quia  erat  minor  XXV  annis. 
Iudex  ex  aspectu  pronuntiavit,  eum  niaiorem  et  sie  posse  per 
procuratorem  ag-ere  .  .  .' 

Ueber  die  Zeit  der  Abfassung-  lässt  sich  aus  dem 
Werke  Folgendes  entnehmen.  Er  citirt  wiederholt  Borna r du s 
zu  den  Decretalen  Innocenz  IV.  z.  B.  im  cap.  ut  circa  elec- 
tiones  (c.  4.  de  elect.  in  (1  I.  4.),  ebenso  die  Glosse  des  Bern- 
hardus  de  Betone  zu  den  Decretalen  Gregors  IX.  (z.  B.  in  dem 
cap.  quanquam  usurarii:  , licet  haec  allegat  bernhardus  ex. 
de  elect.^  und  mehrmals),  ferner  die  Summa  Hostiensis, ' 
dann  des  Goffredus  Summa.'-  Von  Civilisten  ünde  ich  nur 
Azo  und  Accursius  citirt.  Der  Conimentar  des  Bernhard  von 
Parma  zu  den  Decretalen  Gregors  IX.  ist  1264,  der  des  andren 
Bernhard  zu  den  Decretalen  Innocenz  IV.  viel  früher  vollendet 
worden,  die  Summe  Godfrieds  nach  1241,  die  von  Henri cus  de 
Segusia  (Hostiensis)  zwischen  1250  und  1261.  Da  er  keinen 
der  Commentatoren  der  Decretalen  Gregors  X.  (Garsias, 
Wilhelm  Durantis)  kennt,  auch  keine  anderen  nach  1260 
fallenden  Schriftsteller  citirt:  so  dürfte  die  Annahme  gerecht- 
fertigt sein,  er  habe  die  Decretalen  bald  nach  ihrem  Erscheinen, 
vielleicht  noch  1275  commentirt.  Damit  stimmt,  dass,  so  viel 
ich  bemerke,  keine  jüngere  Decretale  citirt  wird. 

'  Zu  cap.  Quam  sit  dispeiidio.sa  heisst  es:  ,nec  dicitur,  (jimd  iiitVa  illos 
menses  debeat  prae.sentari,  vel  quod  electus  debeat  consentire  et  ideo 
hostiensis  movit  hanc  questionem  in  summa  sua  e.  t.  §.  quam  ])cnam.' 

2  Cap.  decet  domum  dei:  ,et  si  non  veneris  secundum  groff.  die  quod 
non,  sec.  hostiensem  die  quod  sie  et  allega  pro  uiio  ((n-Kpic  iit  in 
summis  eorum  allegatnr  .   .   .' 


106  Schulte. 

XXXII.  Sehen  wir  auf  die  Arbeit  selbst,  so  darf  sie  für 
eine  im  Vergleiche  zu  den  meisten  jener  Zeit  bedeutende  erklüi-t 
werden.  Sie  enthält  eine  weitaus  grössere  Rücksichtnahme  auf 
das  römische  Recht  in  seinem  ganzen  Quellenumfange,  als  die 
Glossa  ordinaria  und  ziemlich  die  meisten  Schriftsteller;  daneben 
kommt  auch  das  I^ehenrecht  in  Betracht,  aus  dem  einige  Stellen 
(z.  B.  de  regalibus)  mitgetheilt  werden.  Ich  möchte  glauben, 
Johannes  habe  das  römische  Recht  ebenfalls  docirt,  mindestens 
war  er  darin  sehr  zu  Hause. 

Merkwürdig  ist,  dass  wir  nirgends  von  dem  Werke  eine 
Erwähnung  linden.  Wenn  Garsias  und  Durantis  in  ihren 
Commentaren  es  nicht  berücksichtigen,  so  erklärt  sich  dieses 
leicht,  weil  wohl  beide,  jedenfalls  aber  der  von  Durantis  gleich- 
zeitig sein  dürfte.  Auffallend  bleibt  es  hingegen  von  Johannes 
Andrea  und  Johannes  Monachus.  Obwohl  nicht  wahr  zu 
sein  scheint,  was  behauptet  wird,'  dass  Johannes  Andrea 
dieses  Johannes  Werk  de  sponsalibus  et  matrimonio  sich  zuge- 
schrieben habe,  so  lässt  sich  doch  dessen  Schweigen  nicht  leicht 
erklären. 2  Jedenfalls  hat  man  schon  früh  seine  Werke  nicht 
mehr  besessen  resp.  gekannt.  Panzirolus  L.  III.  cap.  XVIII. 
sagt:  , cujus  scripta  teraporum  injuria  periere.  Eruditus  tamen 
de  Protestationibus  ejus  liber  et  alius  de  Sponsalibus,  ac 
Matrimoniis  extat,  quem  Joannes  Andreae  sibi  impudenter 
adscribere  non  erubuit.'  Uebrigens  wäre  er  nicht  der  Ein- 
zige, dessen  Schriften  man  bald  nachher  nicht  mehr  gekannt 
hätte,  wie  sich  bei  Boatinus  von  Mantua  gezeigt  hat. 


•  Alberic  US  de  Rosate  dictionarium  ad  utriusque  juris  facilitatem  cet. 
Lugd.  1548  fol.  sub  voce  matrimonium  j.  (primo)  est  viri  et  mu- 
lieris  coniunetio:  ,Et  in  quadam  sunnnula  Jo.  an.,  quam  fecit  super 
matrimoniis:  et  quae  originaliter  fuit  do.  Joa.  de  angosolis,  qui  eam 
composuit;  licet  ipse  Jo.  an.  eam  sibi  ascripserit.'  Aber  in  Cod.  tit.  de 
spons.  rubr.  sagt  er:  ,De  hoc  breviter  et  utiliter  traditur  per  Jo.  An. 
in  summa  sua,  quam  composuit  supier  IV.  lib.  Decr.,  quae  incipit:  Christi 
nomen  invocans,  et  iii  qiia<Jam  etiam  summa  antiqua.  quae  dicitur 
composita  fuisse  per  dom.  Jo.  d.  Anguselis.'  Panzirolus  L.  III.  c. 
XVIII.  hat  wold  die  erste  Notiz  aufgenommen,  die  zweite  aber  scheint  er 
nicht  zu  kennen.  Albericus  lebte  zu  Bergamo  und  starb  18.54,  hatte 
in  Padua  studiert.     Vgl.  v.  Savigny  v.  S.   12(i  ff. 

2  Denn  Johannes  Andrea  hat  ja  selbst  in  Padua  docirt  inid  zeigt  sonst 
eine  so  grosse  Kenntniss  der  Literatur. 


Decretalen  Gregors  IX.,  Iniiocoiix  IV.,  Gregors  X. 


107 


Guido  de  Baysio  liat  uiizwciiV'lltaft  Vlieses  Johannes 
Werke  gekannt,  und,  obwohl  er  nicht  ein  einzigesnial  diese]])en 
in  seinem  Apparate  zum  Liber  Sextus  citirt,  benutzt.  Dies 
beweisen  meines  Erachtens  folgende;  Stellen,  wobei  ich  keine 
spätere  glossirte  Ausgabe  des  Corpus  juiis  canonici  zu  Grunde 
lege,  sondern  die  von   1476.  Basel.  Michael  AVcnzlers. 

Glossa  ad  c  ubi  pericul.  3  de 


Codex  fol.  60  b. 

Suffragio  i.  e.  consensu 
in  electionibus  praestito.  sie. 
sumitur  ff.  de  leg.  I.  senatus- 
que  cons.  d  e  q  u  i  b  u  s  i  n  f  i .  e  t  ff. 
quod  cuiusque  univ.  1.  item 
cor  um  §.  1.  alibi  accipitur 
pro  auxilio  vel  consilio  vel 
servitio  ut  XL  q.  2.  ({ui- 
cunque  suffragio  et  C.  de 
suffr.  1.   1. 


elect.  V.  suffragio. 

Suffragio  i.  e.  consensu. 
sie.  sumitur  ff.  de  leg.  I. 
de  quibus  in  fin.  ff.  quod 
cuiusque  univers.  1.  item 
cor  um  §.  1.  ad  haec  ff.  de 
decur.  1.  spurii  §.  minores,  in- 
feod.  c.  ex  eo.  aliquando  sumi- 
tur pro  auxilio  consilio, 
vel  servitio,  12.  q.  2.  cap. 
quicunquo  suffragio.  C.  de 
suffr.  1.  i.  Ärchidiacomcs. 

Glossa  ad  c.  9  ibid.  v.  ce^ 
lebratis.  Celebratis.  Uno  con- 
textu  sup.  eo.  c.  congregato 
antequam  divertant  ad  extra- 
neos  actus,  nam  quae  iu  cou- 
tinenti  fiunt,  inesse  videntur. 
sup.  eod.  c.  officii  ff.  si  cert. 
pet.  1.  lecta.  si  autem  fiant  ex  lecta.  si  autem  ex  intervallo 
interwallo:  die,  ut  not.  sup.  eod.  fiaut,  quae  pi-aevaleat,  diversi 
c.  auditis  in  glos.  nota  quia  Ar-  mode  dicitur  ut  no.  e.  t.  audi- 
chid.  tis   in    fi.   gl.  no.  quod  die.  ut 

ibi.  Jo. 
Auch    Johannes    Andreac    hat    trotz  seines  Schweigens 
sowohl  im  Apparate  als  in  der  Novella  zum  Sextus  dies  AVerk 
benutzt. 

Interessant  ist,  dass  gleichzeitig  in  Padua  zwei  Professo- 
ren: Boatinus  und  dieser  Johannes,  sich  der  Bearbeitung  der 
neuen  Decretalen  widmeten.     Es  zeugt  das  jedenfalls  zu  G un- 


Codex fol.  64  b. 

Celebratis.  In  una  ecclesia 
et  simul  et  in  continenti  una 
post  aliam  antequam  ad  actum 
extraneum  eligentes.  j.  c.  con- 
gregato, quia,  quae  in  conti- 
nenti tiunt,  inesse  videntur  j. 
c.  officiit  et  ff.   si   cert  um   pet. 


108  Schulte. 

sten  eines  lebhaften  Studiums.  Auch  bleibt  interessant,  dass, 
wie  für  manche  ältere  Schriften  in  meinen  Beiträgen  zur  Ge- 
schichte der  IJteratur  über  das  Decret  Gratians  gezeigt  wurde, 
so  die  Schriften  dieser  beiden  sich  gerade  in  deutschen 
Bibliotheken  erhalten  haben.  Sollten  sie  sich  auch  anderwärts 
noch  vorfinden,  jedenfalls  deutet  jene  Thatsache  auf  einen  leb- 
haften Besuch  Padua's  im  Anfange  des  XIV.,  am  Ende  des 
XIII.  Jahrhunderts.  Dieser  Besuch  dauerte  auch  bis  ins  XV. 
Jahrhundert  hinein,  wie  eine  Anzahl  von  in  Padua  gemachten 
Abschriften  Prager  Bibliotheken  beweisen.  ^ 


SiiffVagiuiii  3Ioiiaclioruni. 

XXXin.  —  Ich  beschreibe  dasselbe  nach  dem  Berliner 
Cod.  Ms  lat.  fol.  276.  membr.  s.  XIV.  [,Monasterii  Bledzovien. 
sacri  ordinis  Cisterciensis.']  von  fol.  1  — 133a.  ,In  nomine  do- 
mini  amen.  Incipiunt  casus  leg  um  qui  dicuntur  suffragium.' 
Nach  dieser  Rubrik:  ,Quoniam  multa  decretalium  puncta  expo- 
sitione  indigent  ampliore,  in  glosis  quoque  additiones  cum 
declarationibus  imminent  faciende.  cum  nichil  sit  tam  proprium 
legis  sicut  claritas.  in  autenticis  de  testamentis  imperfec- 
tis  §.  nos  et  ar.  C.  de  no.  co.  compo.  1.  ult.  verbum  quibus, 
idcirco  ad  honorem  iudividue  trinitatis  et  gloriosissime  virginis 
marie  et  omnium  sanctorum  praedicta  duxi  pro  viribus  veniam 
super  minus  bene  dicendis  postulando.^ 

,Gregorius'  episcopus  et  cet.  Ad  evidentiam  istus 
glose  que  incipit  ,huius  libri'  nota  quod  ista  quinque  que  pre- 
raittuntur.  materia.  intencio  etc.  operata  sunt  ad  similitudinem 
quinque  que  sunt  in  natur.  materia.  forma,  efficiens.  finis  et 
accidencia.     Quia  secunduni  prophetam.' 

Das  Werk  enthält  einen  Commentar  zu  der  Glossa  ordinaria 
des  Bernardus  Parmensis  in  der  Weise,  dass  anknüpfend  an 
deren  Worte  ihr  Inhalt  vorzugsweise  aus  dem  römischen  Rechte 
belegt  wird.  Hierbei  werden  dann  allerdings  eine  Menge  von 
selbstverständlichen  Dingen  mit  Aussprüchen  begründet,  viele 
Citate    an    den  Haaren    herbeigezogen,  so  dass  ihm  ein  beson- 


'    Man  sehe  meine  Canon.  Handschr.  iimii.   1«4.,  188.,   H)7.,  284. 


Decretalpii  (in-gor     IX.,   Iiinuccir.'.   I\'.,  Gregors  X.  lülJ 

ders  hoher  Wert  nicht  Ijcig'elegt  \V{'.r(h;n  kann.  ^Gleichwohl  war 
es  g-eeig-net,  demjenig-en  Tlieile  des  Clerus,  welcher  keine 
besonderen  Studien  über  das  römische  Kecht  gemacht  hatte, 
als  bequemes  Hilfsmittel  für  dessen  Ivenntniss  zu  erscheinen.  Aus 
diesem  Grunde  nimmt  es  eine  Stelle  in  der  Literaturg'eschichte  ein, 
ja  verdiente  wohl  eine  eingehende  Untersuchung-. 

Mit  dem  angegebenen  Z^vecke  und  Charakter  des  Werkes 
hängt  der  Name  Suffragium  magnum  zusammen.  Es  wird 
jedoch  meist  genannt  Suffragium  monachorum.  Ueber 
dieses  spricht  sich  Johannes  Andreae,  ohne  es  näher  zu 
bezeichnen,  in  der  Novella  super  decretalibus  Prooem.  sub  v. 
novella  [Ausg.  Impr.  in  oppido  Tridini  dominii  Illustr.  et 
invictiss.  dni  dni  Guiehni  Marchionis  Montisferrati.  Impensis 
dni  Joannis  de  Ferrariis  alias  de  Jolitis  ac  dni  Girardi  de  Zeiis 
pdicti  loci.  Anno  nativitatis  dni  nostri  Jesu  xpi  MCCCCCXII. 
Die  XVII.  Mensis  Mali;  fol.  a.  col.  II.]  also  aus: 

,Etiam  tantum  habeinus  sufragium  monachorum  opus 
quidem  superfluitatibus  defectibus  et  falsitatibus  plenum  et 
liceat  sie  verum  loqui:  ex  eo  saltem  quod  ignoramus  auc- 
torem.^ 

Dadurch  ist,  wie  bereits  v.  Saviguy  (Gesch.  des  röm. 
Rechts  VI.  S.  125,  II.  Aufl.)  bemerkt  hat,  die  angebliche  Autor- 
schaft des  Johannes  Andrea  zurückgewiesen,  obwohl  er  das- 
selbe gleichwohl  vielfach  zu  Rathe  gezogen  zu  haben  scheint. 
Ueber  seine  Gestalt  gibt  er  nur  a.  a.  O.  zu  dem  Worte  Grc- 
gorius  (fol.  a.  col.  4.)  an,  wo  er  die  Vorreden  der  Summen 
u.  s.  w.  kurz  beschreibt: 

, Suffragium  etiam  caret  prohemio  et  ignoramus  auctionem' 
[1.  auctorem]. 

XXXIV.  Das  Werk  sell)st  kommt  aber  in  vei'schiedener 
Gestalt  vor.  In  der  von  mir  früher  [,Die  canonistischen  Hand- 
schriften der  Bibl .  .  .  .  zu  Prag.  Prag  18(jS.  Abhandl.  der  kön. 
böhm.  Gesellsch.  d.  Wiss.  VI.  Folge  II.  Bd.  Nr.  121]  beschrie- 
benen Handschrift  des  böhmischen  Museums  M.  17.  wird 
ein  Werk  geradezu  bezeichnet  Suffragia  monachorum,  wel- 
ches mit  dem  hier  besprochenen  in  Vielem  zusaniiiicnlritlt,  oft 
aber  viel  kürzer  ist.  In  ihm  fehlt  der  Anfang  ,Quoniam"  u.  s.  w. 
Statt  dessen  steht  als  Einleitung  die  eines  weiter  unten  be- 
schriebenen Werkes : 


110  Schulte. 

jPone  quedam  mulier  nolebat  lugere  maritiim  suiim  i. 
aunum  et  statim  nubebat;   quaeritur  quomodo  debet  pimiri. 

Am  Ende:  ,expliciunt  quorum  suffragia  sunt  mona- 
chorum/  Geradeso  findet  es  sich  im  Cod.  der  Leipziger 
Universitätsbibl,  992.,  membr.,  fol.,  s.  XIV. 

Es  kann  wohl  nicht  zweifelhaft  sein,  dass  wir  verschie- 
dene Formen  derselben  Schrift  vor  uns  haben.  Die  Zeit  der 
Entstehung  wird  einerseits  dadurch  festgestellt,  dass  es  nicht 
in  die  Zeit  unmittelbar  vor  Johannes  Andreae  fallen  kann, 
indem  sonst  der  Autor  schwerlich  diesem  unbekannt  geblieben 
wäre,  aber  nach  dem  Jahre  1245  entstanden  sein  muss,  da 
die  Arbeit  über  die  Decretalen  Innocenz  IV.  von  demselben 
Verfasser  herrührt,  wie  die  unbedingt  gleiche  Art  der  Behand- 
lung ergibt.  Wenn  man  aber  (vgl.  mein  Lehrb.  des  Kirchenr. 
2.  Aufl.  S.  63)  annimmt,  die  Glosse  des  Bernhard  von  Parma 
zu  den  Decretalen  Gregors  IX.  sei  nicht  vor  1263  fertig  bez. 
schon  in  einer  ersten  Form  verbreitet  gewesen,  so  dürfte  die 
Zeit  von  1266,  wo  Bernhard  starb,  ziemlich  die  der  Entstehung 
sein,  da  sich  sonst  kaum  erklären  Hesse,  dass  auf  spätere  Ge- 
setze und  Literatur  keine  Rücksicht  genommen  wird.  Als  Bei- 
spiel der  Behandlung  zu  c.  Canonum  statuta  fol.  2b.  palea 
est  conscripta  paleacio  sive  declaracio  ad  instar  capituli  edita 
et  promulgata,  per  quam  dictum  aliquod  quodammodo  semiplene 
positum  paleatur  i.  e.  paiulatur  sive  propalatur.  dicta  a  palo 
hoc  est  a  stipite  qui  palam  extenditur  et  videtur.  vel  secun- 
dum  quosdam  palea  dicitur  a  patho  grä  [Gratiani]  discipulo.  §. 
Sunt  tamen  qui  dicunt  paleam  similitudinarie  dici  a  palea,  de 
qua  emusa  et  excussa  sunt  grana,  volentes  ex  hoc  inferre, 
quod  palee  inutiles  sint  et  minus  valide,  quibus  standum  non 
est  cum  alique  palee  validiores  sunt  ipsis  capitulis  et  alle- 
gentur  et  corpori  decretorum  compaginentur;  alias  fru- 
stra  membranas  occrtparent.  §.  Differt  autem  palea  a  capitulo 
solum  in  nomine  et  non  in  re,  quia  pro  uno  et  eodem  repu- 
tantur.' 

Der  Ausdruck  Casus  legum  ist  rücksichtlich  beider 
Wörter  nicht  im  gewöhnlichen  Sinne  zu  nehmen.  Es  enthält 
nflmlich  das  Werk  keineswegs  etwa  eine  blosse  Sammlung  von 
casus,  sond(!rn  eine  Sammlung,  in  der  Casus,  Citate  aus  dem 
römischen  Reclite,  Verweisungen,  etymologische  Studien,  Erzäh- 


üecretalen  Gregors  IX.,  liinncenz  IV.,  Gregors  X.  J  1  1 

langen  u.  s.  w.  durcheinander  vorkommen ,  >  (jlme  dass  die 
Casus  vorwiegen.  Mit  legum  ist  nicht  das  rinnische  Recht  ge- 
meint, weshalb  die  Erklärung-  Rechtsfälle  oder  Erläuterungen 
aus  den  leges  nicht  passen  würde,  sondern  damit  sind  die 
Deci'etalen  selbst  bezeichnet.  Hierüber  kann  kein  Zwcnfel  sein, 
da  es  am  Ende  von  Buch  I.  auf  fol.  44b  heisst : 
,Explicit  liber  primus  legum 
Incipit  liber  secundus  de  iudiciis.' 

Der  Schlass  fol.   133  a  lautet : 

,Veniens  et  j.  ex  hoc   ipsum.    ff.  locati.     Item  quaeritur 
§.  Julianus,  ubi  dicitur,  quod  magistro  levis  castigatio  concessa 
est  nee  tenetur  accusacione  legis  aquilie,  si  leviter  verberaverit 
aliquem  discipulum,  ut  ff.  ad  1.  aquil.  sed  etsi  §.   ultimo. 
Expliciunt  casus  legum 
sive  suffragium  magnum 
benedictus  sit  deus.  Amen.^ 

XXXV.  Dieselbe  Berliner  Handschrift  hat  fol.  134— 147  a 
einen  Commeutar  in  derselben  Art  und  offenbar  von  demsel- 
ben Verfasser,  als  der  zu  den  Decretalen  Gregors  IX.,  zu 
den  Decretalen  P.  Innocenz  IV.  Die  Rubrik  lautet:  ,Inci- 
piunt  novellae  Gregoriauae.  Rubrica  de  rescriptis.' 

Sie  enthält  ohne  den  Text  einen  Commentar  zu  folgenden 
Nixmmern  der  Sammlung  von  Innocenz:  1  bis  ,5,  9  bis  14, 
IG  bis  19,  15,  21,  22,  25,  27,  40,    3G,    37,   38,  39,  34. 

Vor  dem  vorletzten  Capitel  ,Quia  periculosum'  steht 
die  auffällige  Rubrik: 

,Incipiunt  Innocenciae.^ 

Am  Schlüsse  heisst  es : 

, expliciunt  novelle  constitutiones  gregoriane  et  aliquae 
innocenciane.' 

Die  3  ersten  (1,  2,  3)  stehen  unter-  der  Rubrik  de  re- 
scriptis, die  drei  folgenden  (4,  5,  9)  de  electionibus,  10, 
11,  12  de  officio  legati)  13  de  foro  comp.,  14  de  lit. 
cont.,  16  de  dolo  et  cont.,  17  de  eo  (jui  mitt.,  18,  19  de 
eonfessis,  15  de  restit.  spoliat.,  21  de  except.,  22  de 
sent.  et  re  iud.,  25,  27  de  appell.,  40,  36,  37,  38  de  sent. 
et  re  iud.  (die  wiederkehrt),  die  beiden  letzteren  (,Q,uia  \u'v'\- 
colosiun^,  ,Romaua')  sind  ohne  voi-hergehende  Rubrik. 


112  Scliultp. 

Der  Coramentar  selbst  hat  die  Glosse  des  Bernhardus 
(J  um  pu  stell  an  US  vor  Augen.  An  deren  Worte  knüpft  er 
überall  an. 

Der  Commentar  zum  ersten  Capitel  cum  in  niultis 
beginnt : 

,Cum  in  multis.  Glo.  notat.  ff.  de  testi.  1.  i.  nisi  ibi 
iudices  debent  moderare  numerum  testium  secundum  quod  ne- 
cessarium  putaverint  esse  nee  debet  pati  multitudo  seil,  super- 
flua  testium  producatur  causa  vexandi  liomines.  C.  de  sacro- 
sauctis  eccles.,  ut  inter  divinum  [1.  23.]  ibi  dicitur  oliin 
si  aliquid  reliuquebatur  loco  religioso  videbatur  quod  semper 
competeret  ius  petenti  usque  ad  centum  annos  et  non  ultra.' 


Anonymi  Noiabilia  decretalinni.  ' 

XXXVI.  Der  Codex  membr.  fol.  sig-nirt  P.  II.  IS.  der 
königl.  Bibliothek  zu  Bamberg  enthält  fol.  1  —  92  von  einer 
Hand  des  XIV.  Jahrhunderts  (der  Catalog  hat  XIII.)  ein  Werk 
mit  der  Aufschrift:  ,Notahüia  decretalium'  und  dem  Schlüsse: 
,Indignum  §.  dicitur  quod  indignum  et  alienum  ab  ecclesia 
rom.,  ut  pro  spiritualibus  quis  facere  homagium  compellatur : 
s.  de  sym.  ex  diligenti,  XII.  q.  V.  c.  ultimo.  Expliciunt  cmna 
et  notahüia  decretornm'.  Voran  geht  eine  lange  Vorrede,  4'/2 
Spalte  fassend.  Sic  beginnt:  ,Sicut  omnium  liberalium  artium 
disciplina  suorum  elementorum  traditionem  desiderat,  ita  juris 
peritia,  quae  scientiam  suam  institutionum  insinuationem  appetit, 


'  Auf  dem    ersten  Blatte:   , Codex   inoncasterii   sei  Michael',   in   monte    prope 
bbbg'.  N.  II.  ,Quem  si  quis  abstulerit,  anathema  sit'. 

Von  fol.  n;i  bis  zu  Ende  104  steht  eine  sehr  interessante  Samm- 
lung von  Quaestiones,  aber  ohne  die  Bearbeitung  oder  Lösung,  also 
oft'enbar  zum  Schuluebrauehe ,  civilistischen  und  canonistischen  Inhalts, 
und  zwar  Num.  14—20,  1— .31,  1  — 141,  1-21,  l-lö,  :52— 54.  Einige 
berühren  die  Zeit  Friedrichs  I.  (Mailand),  Viterbo,  Bonns  Accursus,  Egi- 
dius  (Process  gegen  den,  welchem  er  in  der  Krankheit  sein  Vermögen 
übertragen,  um  es  seinem  unehelichen  Sohn  zu  geben),  Fälle  über  Hono- 
rare, mehrere  betreifend  Aretia,  Albertus,  ,lecta  est  in  auditorio  Rofredi 
beneventani  juris  civilis  scientiae  professoris  in  civitate  Aretii  cautio  huius- 
modi',  Bologna  u.  s  w.  Die  Schrift  gehört  dem  XIII.  Jahrb.  an.  ist  eine 
ganz  andere,  als  die  des  ersten  Theiles. 


Decretaleu  Gregors  IX.,  Innoceiiz  IV.,  Gregors  X.  Il3 

affectat  verum,  qiii  scientia  canonuni  prius  ei"at  per  diversa 
vagans  volumina.  Propter  hoc  missus  est  liber  eunctis  gentibus 
desideratus,  venit  canoiiicae  seientiae  plenitudo,  in  qua  suiuiuus 
pontifex  nubilosa  primitus  dedaravit'  .  .  .  Jetzt  folg-en  Excla- 
mationen  über  den  Wertli  dieses  Buches  (Decret.  Greg.  IX.), 
dann  will  er  nach  Horazens  Spruche  kurz  sein ,  verfällt  aber 
wieder  in  Redensarten,  kommt  endlich  zur  Erklärung,  dass  er 
sagen  wolle,  ,primo  quae  sit  iuris  origo,  secundo,  quae  ratio 
movit  praesentem  summicm  j^ontißcem  ad  veterum  canonum  de- 
curtationem^,  dann  die  dignitas,  materia,  intentio  u.  s.  w.  des 
Buches.  '  Das  canonische  Recht  wird  auf  das  Paradies  (,for- 
mavit  deus  ad  imaginem'  etc.)  zurückgeleitet,  verfolgt,  bis  dann 
als  Grund  der  neuen  Sammlung  die  Nothwendigkeit  erscheint. 
Er  gibt  die  Geschichte  der  Compilationes  autiquae,  jedoch 
etwas  confus,  preist  dann  die  Gregorianische  Sammlung,  weil 
an  die  Stelle  der  25  definitiones  der  5  Volumina  5  getreten 
sein.  ,Decurtavit  in  titulis;  nam  cum  in  veteribus  quinquies 
C.  et  XXX.  tituli  comprehenduntur,  ad  novies  XX.  sunt  hodie 
redacti.  Item  in  capitulis,  sed  non  multum.  Nam  cum  in  an- 
tiquis  bis  mille  et  XL  duo,  ad  mille  et  DCCCC.  reducuntur'. 
Folgt  das  Lob  der  Decretalen,  Apostrophe  an  die  Jugend  u.  s.  w. 

Rex  pacificus.  Casus.  Qui  pacem  desiderat,  ita  voluit, 
ita  disposuit,  quod  eins  statuta  caste  paciiice  sobrie  viverent  et 
modeste;  sed  illa,  quae  radix  est  omnium  malorum,  eorum 
quietem  perturbat,  cum  nova  pariat  iurgia  .  .  .  folgt  die  Angabe 
des  Inhalts. 

Firmiter  credimus.  Decretalis  ista  dividitur  in  tres 
partes.  Primo  dicitur,  quod  debemus  credere  et  confiteri  unum 
et  incommutabilem  deum 

XXXVII.  Die  Methode  besteht  darin,  dass  zuerst  der 
Fall  des  Capitels  erzählt,  sodann  mit  dem  Worte  nota  einge- 
leitet in  einem  oder  mehreren  Artikeln  auf  die  in  dem  Capitel 
enthaltenen ,  bez.  daraus  gezogenen  Rechtssätze  aufmerksam 
gemacht  wird.    Eine  Stelle  sei  wegen  der  Methode  mitgetheilt. 


'  Interessant  der  Passus:  ,Et  qnnä  priora  tempora  vix  post  qnadriennium 
contingebat  prioribus,  ut  con.stitutioiies  Eo.  ))ontificiini  legcreiit,  hoc  vos, 
jnvcnes,  a  primordio  ingrediamini,  Jigni  tanto  lionore  tantaqne  re- 
porti  felicitate.' 

Sitzb.  d.  pliil.-liist.  Cl.  LXVHI.  Bd.  I.   Ilft.  ,  8 


114  Schulte. 

c.  Cum  autein  X.  de  jure  patron,  III.  38 :  '^ 

ySi  laicus  uuum  episcopo  praesentet  et  postea  alium,  arbi- 
trio  episeopi  relinquitur,  quis  eorum  alteri  praeferatur.  Si  autem 
derlei  vel  monaclii  praesentationem  fecerint,  prior  tempore  et 
praesentatione  potior  erit  in  jure.  §.  Nota,  eo  ipso,  quod  venit 
contra  factum  suum,  videtur  reprobare  primum.  §.  Item  cum 
duo  praesentantur  a  laico,  episcopus  potest,  quem  voluerit,  gra- 
tiiicare;  et  ita  est  locus  gratiticationi,  qiiod  verum  est,  cum 
dubitatur,  quis  potior  sit.  §.  Item  in  praesentato  a  patrono  cle- 
rico  melior  est  conditio  primo  praesentati.' 

Auf  Contro Versen  oder  die  Literatur  wird  nicht  eius-e- 
gangen.  Citate  aus  dem  Decrete  und  den  Decretalen  sind 
häutig,  weniger  um  den  Inhalt  des  Capitels  zu  erörtern,  als  um 
anzudeuten,  wo  der  Gegenstand  noch  behandelt  ist.  Die  Be- 
merkungen zu  den  aus  den  Compilationes  antiquae  in  die  Gre- 
gorianische Sammlung  übergegangenen  Stellen  bieten  lediglich 
eine  Zusammenstellung  aus  den  altern  Casus  und  Notabilia. 
Dies  lehrt  die  oberflächlichste  Vergleichung  des  Anfangs:  Tit. 
de  constitutiouibus :  '  ,Canonum  statuta.  §.  In  hoc  capitulo 
dicitur,  quod  canones  debent  ab  omnibus  observari  et  secundum 
eorum  auctoritate,  non  secundum  proprium  vel  Ingenium  debet 
iudex  judicare.  §.  No.  neminem  suo  sensu  uti  debere. 

Coguoscentes.  Hie  dicit  Gg.,  quod  antequam  constitutio 
emanaverit,  contra  faciens  non  est  constitutionis  transgressor, 
et  quod  constitutio  ad  futura  tantum  respicit,  nee  extenditur 
ad  praeterita.  §.  No.  neminem  puniri  sine  culpa.  §.  Nota  con-  I 
stitutiouem  respicere  futura  tantum,  §.  No.  neminem  ligari 
constitutione,  antequam  ad  cum  perveniat.^  J 

Die  Bemerkungen  zu  denjenigen  Decretalen,  welche  von 
Gregor  IX.  selbst  herrühren,  sind  meist  mager,  bieten  oft  keine 
Notabilia,  so  dass  man  daraus  den  doppelten  Schluss  ziehen 
darf,  dass  der  Verfasser  kein  selbstständiges  productives  Talent 
besass  und  für  diese  Decretalen  keine  Vorarbeiten  benutzen 
konnte. 

XXXVIII.  Der  innere  Werth  der  Arbeit  ist  ebensowenig 
von    Bedeutung^    als     sie    zum    Verständniss    der    Decretalen 


1  Man  vergleiche   damit  die  Mittheilungeii    in    meiner   Literatm-gesch.    der 
Comp.  ant.   Wien  1870,  Seite  •>  fg. 


Decretalen  Gregors  IX.,  Innocenz  IV..  Gregors  X.  115 

])eiträgt.  Für  die  Literaturgeschichte  hat  sie  dadurch  Interesse, 
(lass  sie  nach  der  Vorrede  noch  in  die  Lebenszeit  Gregors  IX. 
fallt,  also  nach  5.  Sept.  1234  (Datum  der  Bulle  Rex  Paci- 
ficus)  und  vor  21.  Aug.  1241  (Todestag  Gregors  IX.)  gemacht 
ist,  somit  zu  den  ältesten  Schrift en  über  die  Gregoria- 
nische Sammlung  gehört.  Eine  grössere  Bedeutung  hätte 
sie,  wenn  sie  von  Bernhard  von  Parma  benutzt  wäre.  Dies 
aber  wage  ich  nicht  zu  behaupten.  Bewiesen  wäre  es  erst 
dann,  wenn  man  die  Benutzung  für  Decretalen  von  Gregor  IX. 
nachweisen  kcinnte.  Denn  stimmt  auch  dies  Werk  und  die 
Glosse  Bernhards  für  viele  vorgregorianische  Decretalen ,  so 
liegt  darin  kein  Beweis  der  Benutzung,  weil  Bernhard  gleich 
dem  anderen  sich  unmittelbar  au  die  Notabilia  zu  den  Comp, 
antiquae  halten  konnte.  Ich  nehme  aber  das  Gegentheil  an, 
weil  Bernhard  die  frühereu  Glossen  durchweg  nicht  aus  den 
Originalapparateu ,  sondern  aus  späteren  Verarbeitungen  ent- 
nommen hat.  Ich  habe  bei  einer  grossen  Zahl  der  von  Gre- 
gor IX.  herrührenden  Stellen  eine  Vergleichung  der  Glossa 
ordinaria  und  dieses  Buches  angestellt,  aber  nicht  gefunden, 
dass  sich  behaupten  lässt :  Bernhard  hat  diese  oder  jene  Stelle 
abgeschrieben.  Dass  Aehnlichkeiten  vorkommen,  versteht  sich 
ganz  von  selbst.  Auch  ist  Bernhard  gerade  bei  den  von  Gre- 
gor IX.  herrührenden  Stellen  meist  sehr  ausführlich.  Die  Me- 
thode, im  Eingange  der  Glosse  den  Casus  und  Notabilia  zu 
geben,  ist  nicht  neu,  da  sie  in  den  Notabilieu  zu  den  Compi- 
lationes  antiquae  bereits '  angewendet  worden  war. 

XXXIX.  Ein  ähnliches  Werk  enthält  der  Codex  der 
Wiener  Hofbibliothek  Num.  217.3.  saec.  XIV.  ine.  fol.  10— 
67.  fünftletzte  Zeile  der  zweiten  Spalte. 

,Incipiunt  nota])ilia  decretalium  de  siunma  trinitate 
et  fide  katholica.' 

,Rex  pacificus  etc.  Ibi  nota  quod  qualis  est  dominus, 
talis  servus  esse  debet.  Item  castitas  sola  est  quae  cum  tiducia 
possibilis  est  deo  animas  praesentare :  In  a u t c n.  u t  1  e n o n i b u s 
C.  sancimus  coli.  III.  Item  debet  quis  esse  pudicus  quia  im- 
pudicus  oculus  impudici  cordis  est  nuntius :  XXXIII.  q.   V.  nee 

solo sed  licet  baptismus  secundum  Bernh.  dicatur  unus 

de  articulis  fidei  tarnen  in  veritate  non  est,  sed  est  unum  de 
sacramentis. 

8* 


ll()  Schulte. 

Incipiunt  notabilia  decretaliuiu.  De  summa  tri- 
nitate  et  fide  Katholica. 

Firmiter  credimus  etc.  Ibi  nota,  quod  sanctam  tri- 
nitatem  firmiter  credere  debemus  et  simpliciter  confiteri.  Item 
dyabolus  et  demones  alii  natura  creati  sunt  boni,  sed  per  se 
facti  sunt  mali/ 

Das  Werk  bietet  durchweg-  eine  kurze  Angabe  der  im 
( Japitel  enthaltenen  Sätze  mit  Beiseitesetzung  jeder  Erörterung, 
ohne  Citate  und  Parallelstellen. 

XL.    Unmittelbar  daran  fol.    67  a — 69  a    fünftletzte    Zeile. 

Incipiunt  notabilia  Novellarum.  de  rescriptis. 

Cum  in  multis  etc.  Ibi  nota  quod  infinitas  restringeuda 
est  sive  generalitas.  Item  differendum  est  ordinariae  jurisdic- 
tioni  ut  j.  de  ap.  ut  decitus.  Im  selben  Geiste,  jedoch  etwas 
ausführlicher. 

Die  Notabilia  erstrecken  sich  auf  die  Nummern  1 — 29, 
31 — 42.  der  Sammlung  Innocenz  IV. 

XLI.  Darauf  bis  zu  Ende  60b.  Expliciunt  novellae 
decretales. 

Incipiunt  novissimae  de  summa  trinitate  et  fide 
katholica  per  Gregorium  papam   compilatae. 

Hierauf  die  Notabilia  zu  den  29  ersten  Decretalen  Gre- 
gors X.,  worunter  auch  das  c.  properandum,  das  im  Sextus 
nicht  enthalten  ist. 

XLII.  Ein  Wei'k  verschiedenen  Charakters,  abei*  doch 
in  diese  Kategorie  gehörig  enthält  ein  Codex  der  Berliner 
Staatsbibliothek,  Cod.  ms.  lat.  in  8".  Nr.  59.,  membr.,  saec. 
XIV  incip.,  201  Blätter  je  2  Col.  zu  30  Zeilen,  sehr  klein 
aber  schön  geschrieben  mit  blauen  und  rothen  uud  vergoldeten 
Initialien  bei  jeder  Rubrik,  jeder  Ueberschrift  und  jedem  Ca- 
pitel,  ausgeführt  vom  Anfang' bis  zu  Ende.  Im  vordem  Deckel 
von  einer  Hand  des   15.  Jahrh. 

jAnno  domini  M"C"L"  liber  decretorum    fuit  promulgatus. 

Anno  domini  ]Vr'CC"XXXIIII  promulgatae  sunt  decretales. 

Anno  domini  M"CC'' 

Clementinen   1316. 

,Incipit  liber  pi'imus  decretalinm  ahhreviatarum/ 

Das  Werk  liefert  eine  Abkürzung  der  Gregoria- 
nischen  Decretalen.     Die  Ordnung,  der  Name    des    Papstes 


I 
1 


Decietalen  Gregors  IX..  Iiinoceiiz  IV.,  Cuegors  X.  117 

und  das  Anfangswort  sind  beibehalten.  Der  lahalt  wird  bald 
kürzer  bald  länger  gegeben,  ist  vielfach  zutreffend,  oft  aber 
auch  in  gewisser  Beziehung  willkürlich.  Als  Beispiel  diene  die 
Publicationsbulle. 

jGregorius  epc.  s.  s.  d.  dil.  til.  doct.  etc.  In  hoc  })ro- 
logo  assignat  dominus  papa  quatiior  causas,  rationc  quarnm 
ductus  fuit  ad  reniovenduni  veteres  decretales.  Prima  est  nimia 
similitudo  ;  secunda  contrarietas ;  tertia  quia  veteres  nimis  erant 
prolixae  et  confusionem  iuducebant.  Quarta,  quia  quaedam  erant 
vagantes  extra  quinque'  volumina  et  erant  (juasi  inccrtae.' 

Die  Excerpte  erstrecken  sich  vielfach  nur  auf  die  Auf- 
stellung eines  Rechtssatzes,  mag  derselbe  in  der  Stelle  selbst 
ausgesprochen  oder  aus  ihr  abstrahirt  sein.  Einzeln  wird  der 
Sinn  auch  der  Art  wiedergegeben,  dass  über  die  Worte  hinaus- 
gegangen wird.     Einige  Beispiele  genügen. 

C  8.  X.  de  constit,  I.  2.  ,Cum  accessissent  et  infra.  Con- 
stitutio  non  tenet,  nisi  per  apostolicam  sedeni  fuerit  roborata 
sive  confirmata.'^ 

C.  11  X.  de  rescr.  I.  2.  ,Ad  audientiam  et  j.  Si  aliquis 
impetraverit  litteras,  in  quibus  falsa  latinitas  inseratur,  eis  tides 
non  est  adhibenda.^-^ 

Von  der  verkehrten  Ordnung  bietet  ein  Beispiel  Tit  x.  III. 
26,  wo  die  Capitel  also  folgen:  1.  2.  7- — 11.  3.  4.  b.  12.  5. 
13.  ff. 

Einen  grossen  Werth  kann  man  dem  Werke  nicht  bei- 
legen. Seine  Bedeutung  liegt  darin,  dass  es  erstens  einen 
Beitrati:  liefert  zu  einer"  besonderen  Art  der  Behandlung  der 
Decretalen ,  zweitens  einen  neuen  Beleg  bildet^  zu  der 
früh  eintretenden  Neigung,  das  unmittelbare  Quellenstudiiun 
durch  diese  Art  von  Compendien  zu  ersetzen,  und  dadurch  die 
Kenntniss  der  Quellen  bez.  des  Rechts  allgemein  zugänglicher 
zu  machen. 


'  Dieses  beweist  des  Verfassers  Kenntniss  der  Compilationes  antiquac,  denn 

Gregor  nennt  nicht  .quinque',   sondei'n  hlos   , volumina'. 
-  Das  entspricht  durchaus  niclit  dem  Inlialte. 
^  So  interpretirt  auch  Johannes  Andreae  die  Stelle,  dem  das  Summarium 

der  Editionen  sie  entnommen. 
'  Ein  andrer  liegt  in  den  Casus  summarii. 


118  Schulte. 

Le^es  extractae  super  (lecretsil«s. 

XLlIl.    Unter  diesem  Titel  enthalten    die   Handschriften : 

Bamberg,  kön.  Bibl.  P.  IL   16.  l'ol.  mbr.  s.  XIV. 

Dieselbe  P.  IIL  2.  mbr.  s.  XIV.  von  f.  33—119  ein 
eigenthümliches  Werk.  Dasselbe  besteht  in  nichts  als  Citaten 
aus  dem  römischen  Rechte  zu  den  einzelnen  Capiteln  der 
Gregorianischen  Decretalen.  Dass  bei  der  Sucht,  Alles 
mit  Stellen  des  römischen  Rechts  zu  belegen,  und  sich  darauf 
zu  beschränken,  das  Citat  oft  passt  wie  die  Faust  aufs  Auge, 
ist  leicht  zu  begreifen  und  wird  Jeder  aus  dem  Eingange  und 
z.  B.  den  mitgetheilten  Stellen  zu  c.  1.  de  conc.  praeb.,  c.  5. 
X.  de  celebr.  missar.  ersehen.  Zu  vielen  Stellen  war  es  schwer, 
Citate  zu  finden;  sie  sind  dann  entweder  übergangen  ohne  jede 
Erwähnung,  oder  blos  mit  der  Bemerkung  citirt,  dass  keine 
lex  passt  u.  dgl.  Ich  theile  ein  Stück  der  sonderbaren  in  beiden 
Handschriften  stehenden  Einleitung,  und  einige  Stelleu  mit, 
damit  es  möglich  sei,  sich  ein  Bild  zu  machen. 

,Pone  quaedam  mulier  nolebat  lugere  maritum  suum  infra 
annum  et  statim  nobebat:  quaeritur,  quomodo  debet  puniri? 
Dicitur,  quod  infamis  efFicitur,  et  si  aliquid  erat  sibi  relictum 
legatorum  causa  vel  fidei  commissorum  vel  donationis  mortis 
causa  expers  erit  facta,  si  ab  intestato  discedat,  heredes  sui 
possunt  vendicare  sibi  praedicta,  quia  fiscus  ei  non  succedit, 
ne  corrigendo  mores  laicorum  imperator  legibus  suis  videat 
iniustitiam  aliis  fecisse  ut  C.  de  secundis  nupt.  1.  I.  §.  I, 


Super  (leer,  leges  extractae. 

Gregor  ins  episcopus.  Quia  sicut  per  servum  domino 
acquiritur,  ita  per  imperium  hominibus.  Unde  dicit  lex,  quod 
bona  parentum  post  mortem  eorum  apud  filios  debent  mauere, 
quia  omne  bonum  quod  acquiritur  hominibus  sive  a  deo  sive 
ab  iraperio,  decet  esse  mansurum,  ut  in  corpore  autenticorum 
constitutio  ((uae  dignitas  liberat  a  paterna  potestate  §.  illud 
quoi'um  coli.  VI.  §.  Itcm  dicit  inq)erator ;  omnos  dies  ac  noctes 
nobis  eontingunt  cum  omni  lucubratione  ac  cogitatione  (legere, 
ut  aliquid  plaeens  deo  et  ainabilc  nostris  collationibus  pracbea- 


Decretalen  Gregors  IX.,  Iiinoeen/,  IV.,  Gregors  X.  119 

I11U&,  in  aiiten.  ut  judices  sine  qnoquo  suffva^io ,  in  princ. 
coli.  11.  §.  Item  dieit  imperator  alias  volimtarios  laboies  appe- 
tinius,  ut  quietem  aliis  pracparemus :  in  auten.  ut  divae  missio- 
nes,  in  princ.  coli.  VIII.     Bolon.' 

C.  sufFraganeis  palliurn  x.  de  elect.  I.  6.  quia  si  alicpiid 
est  personale,  non  potest  alii  dai'c,  ut  ff.  ad  scnatuscons. 
]\[aced.  1.  Labeo. 

C.  2.  de  auct.  et  usu  pallii  I.  S.  ,Unde  dicit  lex,  quod 
pi'ivilegiuni  personae  concessum  persona  exstincta  exsting-uitiir 
Privilegium,  ut  ff.  de  reg-,  jur.  1.  priv.  non  obstat,  quod  dicilur 
ff.  de  relig-.   et  sumpt.  fun.  1.  I.  si  quis. 

C.  4.  ibid.  ut  C.  de  praepos.  et  sacr.  cubiculariis  1.  ult. 
1.  1.  XII.  et  ff.  de  off.  proconsul.  1.  I.,  quornni  casus  sunt  in 
appdrafu.  §.  J.  d.  1.,  q.  si  ali([uis  locavit  alicui  vestem  seri- 
cam,  non  debet  uti  ea,  uisi  tali  loco,  quo  veste  serica  uten- 
dum  est,  ut  de  usufr.  sed  si  qui  §.   1. 

C.  5.  ib.  Ex  tuar.  coruptela.  ff",  de  off.  procons.  1.  1., 
ctiius  casus  non  est  in  glo.  casibus.  Unde  d.  1.,  q.  si  praetor 
vetat  aliquid  in  pluribus,  in  aliis  omnibus  permittere  videtur, 
ut  ff.  de  jud.  cum  praetor. 

C.  6.  ib.  pallio,  quia  proconsul  extra  provinciam  potest 
uti  palli   cum  insigniis  proconsuHs :  ff.  de  off.  procons.  1.  II. 

C.  13.  X.  de  regul.  III.  31.  ,non  continet  aliquas  1  e- 
ges   haec  decretalis^ 

C.  1.  X.  de  relig.  dorn.  III.  36.  ,liaec  decretalis  non 
habet  casus  legales^  ; 

Ende  im  Titel  de  sent.  excom.  mit  C.  16.  ,veniens  et  j. 
ex  hoc  ipsum:  ff.  loca.,  quem  §.  Julianus.,  [rectius.  Item  §. 
Item  Jul.  1,  13.  §.  4.  Dig.  XIX.  2.]  ubi  dicitur,  quod  magistris 
levis  castigatio  est  concessa,  nee  tenetur  actione  legis  Aquiliae, 
si  leviter  verberavit  aliquem  discipulum,  ut  ff.  ad  leg.  Aquil., 
sed  et  si  §.  lüt.'  ,Explicit.  Deo  gratias.^ 

Wäre  es  nicht  in  einigen  Stellen  selbst  gesagt,  so  würde 
die  oberflächlichste  Vergleichung  zeigen,  dass  die  Quelle  die- 
ser Citate  die  Glossa  ordinaria  von  Bernhard  von  Parma 
ist.  Passen  auch  in  der  Glosse  schon  manche  Citate  nicht 
l)esonders,  weil  sie  mit  Haaren  herbeigezogen  sind,  so  fällt  es 
dort  nicht  allzusehr  auf.  weil  sie  als  P)elege  der  Er()rf(!rung-en 
stehen.     Da  al)or  hier  diese  ausl'aHcn,   zeigt  sich   das  Gczwun- 


120  Si-hulte. 

gene  in  grellem  Lichte.  —  Ueber  den  Verfasser  auch  mir  eine 
Vermutluing  aufzustelleu  ist  schwer.  Ich  finde  das  Werk  nir- 
gends erwähnt.  Seine  Abfassung  fällt  wohl  in  das  Ende  des 
13.  Jahrhunderts.  Sein  innerer  Werth  ist  selbstredend  null; 
es  ist  lediglich  interessant  als  Beitrag  zur  Literaturgeschichte. 


Zur  Literatur  und  Textordnung  der  Decretalen 

Innocenz  IV. 


i 


In  der  Abhandlung  ,Die  Decretalen  zwischen  den  Decret. 
Greg.  IX. ^  u.  s.  w.,  dem  Nachtrage  in  ,Die  Rechtshandschriften* 
S.  614  ff.  und  im  ,Iter  gallicum'  habe  ich  eingehend  über  die  ?! 
Sammlungen  und  Bearbeitungen  der  Decretalen  von  1234  bis 
1298  gehandelt.  Die  grosse  mir  seitdem  bekannt  gewordene 
Zahl  von  Handschriften  gestattet  einen  ziemlichen  Abschluss 
des  Gegenstandes.  Deshalb  soll,  unter  Zugrundelegung  der 
Forschungen  in  jenen  Abhandlungen  eine  Zusammenstellung 
der  Resultate  gegeben  werden,  wie  eine  solche  durch  das  In- 
teresse des  Gegenstandes  gerechtfertigt  ist.  Der  Kiu'ze  halber 
bezeichne  ich  die  erste  Abhandlung  mit  D.,  die  zweite  mit  11., 
die  dritte  mit  J. 

A.  Die  Ordnung  des  Textes. 

I.  In  der  Form  für  Bologna. 

Sie  war  unzweifelhaft  die  folgende,  wobei  die  in  D.  Seite 
705  ff.  angenommene  Zahlenfolge  zu  Grunde  gelegt  wird: 
1.  bis  29.  31.  32.  30.  33.  bis  42. 

Diese   haben    die    mit    der  Publicationsbulle    für  Bologna 
versehenen  Handschriften : 

1)  Berlin,  kön.  Bibl.  Cod.  ms.  lat.  fol.  7,  mbr.  saec.  XIV-^. 
Hieraus  hat  sie  Böhmer  edirt. 

2)  Der    von    Mansi    benutzte    Codex.    Vgl.    jedoch    D. 
S.  708. 

3)  Cod.  von  Melk.  R.  Seite  615. 

4)  Montpellier,  bibl.  de  l'ecole  de  medecine  H.  9.  Iter 
Seite  403. 

5)  Wien,  Hof  bibl.  num.  2056  fol.  mbr.  s.  XIV.  Ei-  hört 
mit  28  auf. 


Decretalen  Gregors  IX.,  Innocenz  IV.,  Gregors  X.  121 

G)  Fulda,  öffentl.  BihL  D.  21.  fd.  memibr.  s.  XIII.  auf 
XIV.  Es  fehlt  jedoch  nuni.  30. 

7)  Leipzig-,  Universitätsbibl.  973  fol.  mbr.  s.  XIV.  Er 
hat  (wie  Böhmer)  nach  5:  ,Innoc.  Ep..  S.  S.  D.  dif.  hl.  univ. 
niai;-.  et  scol.  Paris,  s.  et  a.  p.  Cum  int  er  ven.  fr.  nostros 
Remens.  arch.^  etc.  Vgl.  D.  Seite  706,  Note  16.  Geschrieben 
ist  er  zu  Leipzig  vom  canonicus  Nicolaus  s.  Thomae. 

n.  In  der  Form  für  Paris. 

Es  scheint  30.  gefehlt  zu  haben ,  sonst  dieselbe  Ordnung 
obgewaltet  zu  haben,  wie  lehren  die  Codices 

1)  Chartres  num.  263.  —  J.  Seite  470.  Hat  1—29, 
31—33.  Sane  quia.  34-42. 

2)  Dieselbe  Bibl.  326.  Ist  defect,  hat  28.  29.  31-42. 

III.  Abweichende  Formen  nicht  glossirter  Handschriften. 

1)  Montpellier,  Univ.  H.  51.  in  altfranz.  Uebersetzung 
(J.  Seite  405):  Bulle  fih-  Paris,  num.  1—6.,  8—12.  14.  13. 
15—18.  20.  19.  21.  22.  25—27.  31.  32.  34.  35—40.  28.  29. 
33.  42.     Es  fehlen  also:  7.  23.  24.  30.  41. 

2)  Angers  361.  (J.  Seite  444)  hat  1—6.  8—22.  25-27. 
34—40.  18.     Es  fehlen:  7.  23.  24.  28.  28.  30—33.  41.  42. 

3)  AlenQon  num.  23.  (J.  Seite  451),  der  den  Defect 
des  Anfanges  zum  Theile  nachholt.  Er  hat:  20.  26.  27.  31. 
32.  34.  35.  38 — 40.,  Roin.  Pont,  qui  iura,  Nulluni  etiam  eorum, 
Ecclesia  quac,  Mediatores,  17.  14.  2.  16.  3.  1.  4.  10.  15.  21. 
22.  25.  36.  37.  18.  19.  6.  8.  11.  13. 

4)  Trier  Stadtbibl.  864.  fol.  mbr.  s.  XIH.  fügt  am  Ende 
der  Titel  in  der  Gregorianischen  Sammlung  bei:  Rom. 
Pont.,  3.  1.  4.,  5.  (mit  der  Einleitung  Idem  in  conc.  Lugd. 
Cum  actus  legitimi  u.  s.  w.),  Quia  saepe  (D.  Seite  730), 
Expediendis  causarum  .  .  praesenti  2.,  12.  18.  10.  17.  20. 
15.  16.  21.,  Ven.  fratrum,  22.  25.,  Consuluit  nos.  Vom 
cap.  8.  X.  qui  tilii  sint  legit.  IV.  17.  bis  einschliesslich  cap.  1.  X. 
de  novi  operis  nunc.  V.  32.   fehlt. 

5)  Cassel  Landesbibl.  ms.  jur.  in  fol.  32.,  mbr.  saec.  XIV. 
Dieser  Codex  ist  der  originellste,  er  schaltet  auf  eingelegten 
Pergamentblättchen  von  späterer  Hand  geschrieben  ein:  Tit. 
de  rescr.  num.  1.  2.  3.,  de  elect.  4.  5.,  de  off.  jud.  del.  9. 


122  Schulte. 

B.    Die    Bearbeitung'. 

Wie  die  folgende  Zusammenstellung  beweist,  weichen  die 
glossirten  Handschriften  von  den  unglossirten  und  unter- 
einander nicht  nur  insofern  bedeutend  ab,  wenn  die  Glosse  ver- 
schiedenen Schriftstellern  gehört,  sondern  auch  für  denselben 
Schriftsteller.  Die  Abweichungen  selbst  betreffen  bald  die 
Reihenfolge  der  Decretalen  beziehungsweise  die  Ein- 
fügung unter  die  Titelrubriken,  bald  die  Glossirung 
der  Decretalen,  da  in  verschiedenen  die  eine  oder  andre 
nicht  glossirt  ist,  bald  den  Umfang  der  Sammlung,  indem 
in  einigen  Stücke  aufgenommen  sind,  welche  theils  Innocenz  IV. 
nicht  angehören,  theils  nicht  in  seiner  Sannulung  standen.  Höchst 
wahrscheinlich  liegt  der  Grund  bald  darin ,  dass  der  Glossator 
seine  anfängliche  Glosse  erweiterte,  bald  in  der  Ergänzung 
durch  Dritte.  Letzteres  wird  dadurch  annehmbar  gemacht, 
dass  die  Einschiebsel  vielfach  ohne  Glosse  sind.  Seine  äussere 
Erklärung  findet  der  ganze  Vorgang  in  dem  Bedürfnisse  vor 
dem  Erscheinen  des  Liber  sextus  die  Decretalen  möglichst 
vollständig  zu  besitzen. 

Die  Angaben  bezwecken,  ein  genaues  Bild  zu  geben,  es 
soll  jedoch,  da  es  sich  nur  um  eine  Ergänzung  handelt,  blos 
das  neue  vmd  zugleich  sachlich  interessante  Detail  be- 
rührt werden;  die  Rubriken,  Inscriptionen  u.  s.  w.  brauchen 
somit  nur  ausnahmsweise  hervorgehoben  zu  werden. 

I.  Als  eingefügte  Theile  der  Gregorianischen  Sammlung 
haben  sie  glossirt. 

a.  Innocenz  IV.  in  seinem  Apparate  (D.  Seite  760, 
Note  1.)  und  zwar  Nummer  1. — 9.  11. — 16.,  [Cum  in  obti- 
nendis]  17.,  18.  20.  19.  21.  24.  23.  22.  25.-27.,  Ut  super 
appellat,  28.  29.  31.  33. — 41.,  Venerabilius,  42.  Hand- 
schriften dieses  gedruckten  Werkes    anzugeben   ist  überflüssig. 

b.  Bernhard  von  Compostella  (D.  Seite  761.  765). 
Handschriften: 

1)  Leipzig,  Univ.  967.  mbr.  fol.  s.  XIV.  hat  die  Num- 
mern  l — 5.   15 — 17.  31.  34.  unter  den  betreffenden  Titeln. 

2)  Tours,  Stadtbibl.  571  (J.  Seite  429)  in  folgender  Ge- 
stalt: Num.  ].,  Publicationsbullc  Cum  nuper,  2. — 11.,  Eccle- 
sia    ([uae,    12. — 18.    20.     19.,    Mediatores,    die  Publications- 


Decretalen  Gregors  IX.,  Innocenz  IV.,  Gregors  X.  123 

bulle  Ad  haec  von  num.  20.,  21. — 29.,  (sTi-avem  nobis, 
Significasti  nobis,  30. — 40.  42.  Ohne  Glosse:  (cum 
nupcr,  aclhaec)  ecclesia  quae,  mediatores,  gravem,  signiücasti,  30. 

3)  Göttingen,  Univ.  ms.  jur.  153.  mbr.  fol.  s.  XIII. 
auf  XIV.  Sie  hat  mit  dem  jedesmaligen  Beisatze  nova  con- 
s t i  t u t  i o  im  Buch  I.  Tit.  de  r e s c r i p  t i  s  1 .  2.  3. ;  de 
CO  n  SU  et.  als  drittes  ,nova  const.  Rom.  Pont,  qid  iura';  de 
postul.  ad  haec  ohne  den  Text,  dessen  Raum  leer  ist,  wäh- 
rend die  Glosse  sich  an  allen  vier  Seiten  befindet;  de  elect. 
4.  5.;  de  suppl.  6.;  de  off.  vic.  8.;  am  Ende  des  Buches: 
,Incipiunt  novae  constitutioues  Innocentii  quarti  in  concilio  Lug- 
dunensi.  De  rescr.  J.  E.  S.  S.  D.  dil.  hl.  univ.  magistroruui 
et  ficolsiY.  parisüs  et  hononie  studentium  s.  et  a.  b.  Cum  nuper^, 
darauf  6.  7 .  (beide  unter  de  s ii p p  1  e n d a  n e g  1  i g.  p r a e  1.); 
de  off.  leg.  10.,  de  off.  jnd.  ord.  11.  Dieser  Anhang 
ist  ohne  Glosse.  Im  Buch  IL  unter  den  gewöhnlichen 
Titeln  Num.  12. — 22.,  am  Ende  kein  Anhang.  Im  Buch  III. 
Num.  29.  30.  32.  ohne  Glosse,  33.  34.  Die  übrigen  fehlen. 

4)  *  Breslau,  Universitätsbibl.  (Theiner  Disquisitioncs 
p.  65,  69  sq.)  II.  F.  29.  in  der  D.  Seite  765  Note  13  ange- 
gebenen Ordnung.  Die  Glosse  fehlt  zu  19.  20.  22—24.  30.  32. 

5)  *  Königsberg,  Universitätsbibl.  Vgl.  D.  S.  766,  Note  14. 

c.  Boatinus  von  Mantua  (D.  Seite  772  ff.). 

1)  Prag,  Böhm.  Museum  I.  B.  4. 

2)  Wien,  Hofbibliothek  num.  2219  (oben  num.  XXVII). 

II.  Zur  Sammlung  als  eines  selbstständigen  Ganzen  finden 
sich  Glossen  von : 

a.  Bernhard  von  Compostella. 

1)  *  Breslau,  Univ.  II.  F.  30.  (D.  Seite  761). 

2)  *  Breslau,  Univ.  II.  F.  32.  (das.  S.  762). 

3)  Erlangen,  Univ.  464  (das.). 

4)  *  Königsberg,  Num.  XII.  (das.  S.  765). 

5)  *  Königsberg,  Num.  XIII.  (das.). 

6)  *  Florenz  (das.  S.  765). 

7)  Berlin,  kön.  Bibl.  Cod.  ms.  lat.  fol.  276  (das.). 

8)  Berlin,  kön.  Bibl.  Cod.  ms.  lat.  fol.  7.  mbr.  s.  XIV. 
Die  reerelmässiff  mit  b.  oder  bb.  siy-nirte  Glosse  erstreckt  sich 
auf  alle  Capitcl  mit  Ausnahme  von  30  u.  32. 


124  S('hiiitp. 

0)  Chartres,  Stadtbibl.  ?,2(i  (J.  S.  47.4).  Sie  hat  1.— 18. 
20.  10.  21.— 29.  31.— 42.  Ohne  Glosse  24.  32.,  die  Publi- 
cationsbulle  u.  oO.  fehlen. 

10)  Leipzig,  Univ.  DGö.  mbr.  Ibl.  s.  XIV.  ohne  Piibli- 
cationsbulle  hat  1.— (3.  <S.— 18.  20.  19.  21.  22.  25.-27.  31. 
34.— 40.;  Grandi  non  7.;  28.  29.;  30.  ohne  Glosse;  32.  mit 
Rubrik  und  Glosse ;  33.  42 ;  dann  nochmals  40.  ohne  Glosse, 
41.  mit  Glosse,  23.  mit  Rubrik  und  Glosse,  24.  mit  Glosse, 
gezeichnet  b'. 

11)  Fulda,  D.  24.  mbr.  fol.  s.  XIV.  (ehemals  zu  Wein- 
garten) mit  Bulle  für  Paris  (in  der  Ueberschrift  aber  , misse 
univ.  mag.  et  scolar.  par.  et  in  eundem  modum  bon.')  hat: 
1.— 6.  8.-22.  25.-27.  31.  32.  34.  35.  37.  36.  38.  39.  40.  28. 

29.  33.  30.  42.  Von  28.  ab  fehlt   zu  den  5  letzten  die  Glosse. 

12)  Wien  2056. 

13)  Leipzig,  Univ.  966.  mbr.  fol.  s.  XIV.  viertes  Stück, 
unvollständig,  hat:  23.  24.  (Glosse   mit  b'.  gezeichnet)  28.  29., 

30.  ohne  Glosse,  33.  41.  42.  Die  Glosse  folgt  jedesmal  auf  den 
Text  in  dessen  Form.  Nach  23.  steht  eine  Bemerkung  mit  h. 
signirt,  alle  anderen  haben  b. 

14)  Leipzig,  Univ.  1026.  fol.  mbr.  s.  XIV.  nach  den 
Casus  decretalium  Bernhardi,  die  mit  Praemissa  salu- 
tatione  anfangen,  stehen  ohne  den  Text  die  Glossen  zu: 
1.— 6.  8.— 14.  16.-  18.  20.  19.,  15.  (mit  richtiger  Rubrik),  20. 
(ad  haec),  21.  22.  2.5. — 27.,  Cum  autem,  Sententiis,  Ro- 
mana, 34.  35. — 40.  7.  23.;  Praeterea  24.  (wie  sich  aus  dem 
Inhalte  ergibt);  28.  29.  41.  42,  ,Expliciunt  casus  super  Gre- 
gorianas^ 

Anfang:  ,Incipiunt  innocentiana  de  rescriptis.  Cum 
in  vmltis.  Olim  ante  istam  Constitutionen!  per  clausulam  illam 
generalem  ,quidam  alii^,  quae  aliquando  ponebatur  et  adhuc 
frequenter  ponitur  in  rescriptis,  conveniebantur  usque  ad  XL 
per  interpretationem  quorundam  doctorum,  per  quod  multum 
ordinaria  jurisdictio  diminuebatur.  Propterea  statuit  dominus 
papa  Innoc.  IUI.,  quod  de  cetero  per  clausulam  illam  ,quidam 
alii^  ultra  III.  vel  quatuor  quidem  in  Judicium  non  trahantur 
et  nomina  illorum  IUI.  in  prima  citatione,  quam  judex  fecerit 
de  aliquo    illorum  quatuor,  quos  convenire  intendit  impetrator, 


Decretalfn  Gipgors  IX  ,  Iiniocenz  IV.,  Gregors  X.  125 

ne    postea  possit  variare    fraudulenter.    §.  Notüa,    quod  Intinitas 
restriiigenda  est  sive  g-eneralitas.^ 

15)  Wolfenbüttel,  12.  H.  f.,  mbr.  s.  XIV.  zweites  Stück. 
Nach  dem  letzten  eap.  (veniens)  steht  noch  Dil.  l'il.  41., 
Perlectis  lit.  vestris,  Grandi  7. 

16)  Chartres  477  (J.  Seite  490)  mit  Bulle  für  Paris, 
1.— 18.  20.  19.,  Mediatores,  21.,  Vener.  fratrum,  22.-27., 
Licet  in  beneficiis,  Brevi  responso,  Quaesivit,  28.  29., 
Gravem  nobis,  Significavit  nobis,  30.  31.,  Quondam  Th. 
de,  32. — 40.,  Perlectis  vestris  lit.,  41.  Ardua  mens,  Viri 
eccles..  Ad  expediendos  inodos,  42. 

17)  Bibliothek  Böcking-'s.  Jetzt  mein.  Bulle  für  Paris, 
dann  1 .— 18.  20.  19.,  Mediat.,  21.— 27.,  Licet  i.  b.,  Brevi, 
Quaes.,  28.— 40.,  Perlectis,  41.,  Ad  exped.,  42.  Nicht 
glossirt:  Med.,  licet,  30.  32.,  brevi,  quaes.,  perl.,  ad  exped. 
Dieselben  nebst  Ven.,  Gravem,  Sig-nif.,  Quond.,  Ardua,  Viri 
eccl.    sind  auch  in  Num.   16.  ohne  Glosse. 

18)  Leipzig,  Bibl.  G.  Hänel's.  Bulle  für  Bologna,  dann 
1.-5.,  Cum  inter  ven.  G.,  8.— 14.  IG.— 18.  20.  19.  17.  21. 
22.  25.-27.  31.  32.  34.-40.,  Ven.  fr.  n.  Rothom.,  Gravem, 
Ven.  frater  n.,  In  recta  statera,  Exhibita  nobis,  Rom. 
pont.  qui  Jura,  33.  30.,  Johannes  Fragapane,  42. 

19)  Wien,  Hofbibl.  2084.  mbr.  fol.  s.  XIV.  von  fol.  214 
an,  hat:  1.— G.  8.  9.  12.  10.  11.  12.  13.— 18.  20.  (blosser  An- 
fang Praes.)  19.  21.^23.  25.-29.,  Gravem,  Significasti 
nobis,  ,30.-32.,  Nulluni  eorum,  33.— 40.  42.  Dann  Bulle 
für  Paris,  7.  11.,  20.  (adhaec,  der  Wortlaut  ist  verarbeitet); 
24.,  Sane  quia,  41.  Eine  Glosse  haben  und  zwar  nicht  in 
der  Ordnung,  welche  der  Text  der  Handschrift  einhält,  sondern 
in  nachstehender:  1.— 6.  8.— 18.  20.  19.  21.-23.  25.-29.  31. 
33.-40.  42.,  im  Nachtrage  24.  41. 

20)  Montpellier,  H.  9.  (J.  Seite  40.3).  Ohne  Glosse 
24.  30.   32. 

21)  Fulda,  D.  21.  Es  fehlt  nur  30. 

22)  Chartres,  263  (J.  Seite  470).  Nicht  glossirt  das 
fehlende  30,  Sane  quia,  32. 

In  diesen  zahlreichen  Handschriften,  worin  Bernhards 
Glosse  vorkommt,  fehlt  die  Glosse  zum  c.  30.  non  solum. 
Hierdurch  ist  wohl  unzweifelhaft,  dass  Bernhard  es  nicht  glos- 


126  Schulte. 

sirt  hat.  Da  auch  alle  anderen  Apparate  es  übergehen,  darf 
man  kühn  annehmen,  es  sei  von  der  Schule  nicht  recipirt  worden. 
In  den  Liber  VI.  wurde  es  aufgenommen,  aber  Alexander  IV. 
beigelegt.  Mit  Rücksicht  auf  dieses  frühere  Schreiben  darf 
man  annehmen,  es  sei  von  Alexander  IV.  aufs  Neue  publicirt 
worden. 

Offenbar  enthalten  verschiedene  der  angeführten  Samm- 
lungen Anfänge  der  erweiterten  Sammlung.  Weil  jedoch  keine 
der  nicht  schon  in  Innocenz  IV.  authentischer  Sammlung 
stehenden  Decretalen  glossirt  sind,  lässt  sich  vermuthen,  diese 
erweiterte  Sammlung  habe  als  solche   kein  Ansehen  genossen. 

Da  die  neu  aufgenommenen  Decretalen  sämmtlich  bereits 
in  meiner  früheren  Abhandlung  ,Die  Decretalen^  u.  s.  w. 
besprochen  worden  sind,  habe  ich  weitere  Nachweise  für  un- 
nöthig  gehalten. 

b.  Petrus  de  Sampsone. 

1)  Wien,  Hofbibl.  2083. 

2)  Leipzig,  Universitätsbibl.  966.  zweites  Stück. 

3)  Greifswalde,  Universitätsbibl.  mbr.  signirt  /.  4.,  in  4^ 
saec.  XIV.  (Publ.  Bulle  für  Paris). 

4)  Angers,  Stadtbibl.  364.  fol.  mbr.  saec.  XIII.  (Iter 
S.  445.) 

5)  Genf,  Stadtbibl.  Num.  59.  mbr.  fol.  saec.  XIV.  (Iter 
S.  366). 

6)  Fulda,  D.  10.  mbr.  fol.  saec.  XIH.  auf  XIV.  (ehe- 
mals Weingai'ten). 

7)  Wolfeubüttel,  437.  H.  f.,    mbr.   saec.  XIV.  (defect). 
Es  ist  unzweifelhaft,  dass  Petrus  de  Sampsone  glossirt  hat 

die  Nummern  1.— 6.,  8.-22.,  25.-27.,  31.  32.  34.— 40.  Darin 
stimmen  überein  alle  Handschriften,  mit  Ausschluss  der  etwas 
defecten  7.  Fasst  man  ins  Auge,  dass  die  Handschriften  sub 
2  bis  6  auch  nur  die  aufgezählten  enthalten  und  commentiren, 
dass  in  der  Leipziger  Handschrift  die  Nummern  23.  24.  28. 
29.  30.  33,  42.  zu  den  betreffenden  Titeln  jedesmal  am  Rande 
durch  Anführung  der  initia  angedeutet  werden,  wodurch  in- 
direct  gesagt  wird,  dass  sie  zu  der  Arbeit  nicht  gehören,  dass 
in  derselben  Handschrift  nach  40.  noch  30.  geschrieben,  aber 
wieder  durchstrichen  ist:  so  darf  man  wohl  annehmen,  dass 
Petrus  übci'haupl   nur  die  angeführten  glossirt  hat.     Dem  steht 


Decretalen  Gregors  IX.,  Innoconz  IV.,  Gregors  X.  127 

entgegen  die  Wiener  Handschrift,  in  der  sich  zu  den  Nummern 
1.-4.  G.  8.— 18.  20.  21.  22.  25.-29.  31.— 36.  38.— 40.,  ins- 
besondere 42.;  Glossen  iinden.  Dn  al)er  keine  der  Glossen  zu 
den  in  den  übrigen  Handscliriften  fehlenden  Decretalen  die 
Sigle  des  Petrus  trägt,  so  darf  man  wohl  annehmen,  dieselbe 
sei  von  anderen  zugesetzt  worden,  Avie  das  ja  öfter  geschehen  ist. 
Was  die  Ordnung  betrifft,  welclie  für  die  ursprüngliclie 
►Sammlung  nicht  entscheidet,  so  weichen  die  Handschriften  da- 
durch von  einander  ab,  dass  die  einen  18.  20.  19.  21.  22.  haben, 
nämlich  1.  4.  5.,  die  andren  die  gewöhnliche  Ordnung,  2.  weiter 
hat  35.  37.  36.  38.,  7.  aber  20.  22.  25.  26.  21.  27.  Es  zeigt 
sich  hieraus  wohl  hinlänglich ,  dass  die  äussere  Ordnung  eine 
zufällige  ist, 

c.  Abbas  antiquus. 

1)  Prag,  br)hm.  Museum  I.  B.  3.,  nibr.  fol.  saec.  XIV. 

2)  Daselbst  I.  B.  4.  mbr.  fol.  saec.  XIII.  auf  XIV. 

3)  Prag,  Capitelsbibl.  von  St.  Veit  J.  XV.,  mbr.  fol. 
s.  XIV. 

4)  Bamberg,  P.  II.  8.  mbr.  fol.  s.  XIV. 

5)  Cassel,  ms.  jur.  in  fol.  5.  mbr.  saec.  XIV. 

6)  *  Vaticanus  P;ilat.  DCLV.  (Sarti  I.  p.  368). 

7)  *  München,  Hofbibl.  Cod.  lat.  6349  (Phillips  IV. 
S.  329,  Note  47). 

Alle  fünf  von  mir  selbst  benutzten  Handschriften  haben 
den  Commentar  nur  zu  folgenden  Nummern:  1. — 6.  8. — 22. 
25.-29.  31.  33.— 40.  42..  Es  kann  daher  wohl  keinem  Zweifel 
unterliegen,  dass  diese  Uebereinstimmung  keine  zufällige,  son- 
dern in  dem  Umstände  begründet  ist,  dass  Abbas  nur  sie 
glossirt  hat. 

d.  Henricus  de  Segusia  (Hostiensis). 

Ueber  ihn  vermag  ich  aus  Handschriften  nichts  Neues 
beizubringen. 

Zum  Schlüsse  wei^e  ich  hin  auf  die  oben  in  den  §§, 
XXXV.  und  XL.  stehenden  Mittheilungen. 


SITZUNGSBERICHTE 


DER 


KAISERLICHEN  AKADEMIE  DER  WTSSENSCTTAETEN 


PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE  CLASSE. 


LXVIII.  BAND.  II.  HEFT. 


JAHRUANG  1871.  -  MAI. 


Sitzb.  (1.  pbil.-hist.  Cl.  LXVIII.   Bd.  II.   llft. 


XIII.   SITZUNG  VOM   10.  MAI  1871. 


Der  Vice-Präsident  gibt  Nachricht  von  dem  am  3.  Mai 
erfolgten  Ableben  des  inländischen  correspondirenden  Mit- 
gliedes, des  liochw.  Herrn  P.  Gregor  Thomas  Volny. 

Die  Anwesenden  erheben  sich  zum  Zeichen  des  Beihnds 
von  ihren  Sitzen. 


Das  corr.  Mitgl.  Herr  Dr.  Beda  Diidik  sendet  eine 
für  die  Schriften  der  historischen  Commission  bestimmte  Ab- 
handhing unter  dem  Titel :  ,Synodal-Statuten  des  Bischofs 
Arnost  von  Pardubitz  für  die  Prager  Diöcese  vom  18.  October 
1340^ 


Der  Secretär  legt  vor  eine  von  dem  Herrn  Dr.  A  ii  r. 
Mayr  eingesendete  Abhandlung  , Beiträge  aus  dem  Rg-Veda 
zur  Accentuirung  des  verbum  tinitum',  um  (h-ren  Aufnahme 
in  die  Sitzungsberichte  derselbe  ersucht. 


i| 


An  Stelle  des  Herrn  Regierungsrathes  Ritter  von  Berg- 
mann, der  seines  Alters  und  seiner  Kränklichkeit  wegen  die 
Mitgliedschaft  bei  der  Central-Commission  für  Erforschung  und 
Erhaltung  der  Bau-Denkmale  niedergelegt  hat,  wurde  von  Seite 
der  kais.  Akademie  Herr  Regierungsrath  Ritter  von  Karajaii 
zum   Mitalied  der  a-enannten  Commission  bestimmt. 


An  Druckschriften  wurde  vorgelegt: 

Accjulcmia    Poutificüi    do'    Nuovi    Liiu-ei:    Atti.    Anno    XXIV",  Scssione  1\ 

Roma,  1871;  4". 
Akademie    der   Wissenschafton,    K<)ni<?l.  Preuss.,    zu    Berlin:    Monatsbericht. 

März  1871.  Berlin;  8". 
Central-Commission,  k.  k.  statistische:    Mittheilnngen.    XVIIl.  Jahrgang, 

1.  und  2.  Heft.  Wien,  1871;  4". 

9* 


132 

Freibiirg    i./Br.,    Universität:    Akademische    Gelegenheitsschriften    ans    dem 

Jahre  1869/70.  4«  und  8«. 
Homeyer,  C.  G.,  Die  Haus-  und  Hofmarken.  Mit  44  Tafeln.  Berlin,  1870;  40. 
Verein,  histor.,  von  Oberpfalz  und  Kegensburg:  Verhandlungen.  XXVH.  Bd. 

Stadtamhof,   1871;  8". 
—    siebenbürgischer ,    für    romanische   Literatur   und    Cultiu*   des   romanischen 

Volkes:  Transilvania.  Anulu  IV,  Nr.  8.  Eä-onstadt,  1871;  4«. 


XIV.  SITZUNG  VOM  17.  MAI  1871. 


Das  w.  M.  Herr  Hofrath  Ritter  von  Miklosich  legt  eine 
für  die  Sitzung-sberichte  bestimmte  Abhandlung  vor  über  die 
zusammengesetzte  Declination  in  den  slavischen  Sprachen. 


Das  c.  M.  Herr   Josef  Haupt    sendet    eine  Abhandlung 
über  ^Bruder  Philipps  Marienleben^ 


Herr  Dr.  Arnold  Luschin  ersucht  um  Aufnahme  seiner 
jMünzgeschichtlichen  Vorstudien'  in  das  Archiv  für  österrei- 
chische Geschichte. 


Die  Aufnahme  der  von  Herrn  Dr.  Aurelius  Mayr 
eingesendeten  Abhandlung  , Beiträge  aus  dem  Rg-Veda  ziir 
Accentuirung  des  Verbum  hnitum'  in  die  Sitzungsberichte 
wird  genehmigt. 


An  Druckschriften  wurde  vorgelegt : 

Gelehrten-Gesellschaft,    Serbische,    zu    Belgrad:    Gla.snik    XXVHI.    und 

XXIX.  Band  nebst  Beilage.  Belgrad,   1870  mid   1871;  8». 
Gesellschaft,  geographische,  in  Wien:  Mittheiiungen.  N.  F.  4.   1871,  Nr.  5. 

Wien;  8». 
Instituut,  k.,  vor  de  Taal-,  Land-  en  Volkenkunde  van  Nederlandsch  Indie: 

Bijdragen.   III.   Volgreeks.  V.  Deel,  2^  Stuk.   'S   Gravenhage,   1871;  8". 
Istituto,  R.,    V(Mieto    di  Scienze,    Lettere  ed  Arti:    Atti.   Tomo   XVI",  Serie 

m»,  Disp.  5".  Venezia,   1870—71;  8". 
Society,  The  Asiatic,    of  Bengal:    Journal.    Part    I,    No.    3.    1870;    Part   II, 

No.  4.    1870.    Calcutta;  —  Prooceedings.    No.    X.    November,   1870.    Cal- 

cutta;  80. 


Miklosich.  Über  die  zusammengesetzte  Dcclination  iu  den  slavischen  Sprachen.      133 


Über    die    zusammengesetzte    Deeliiiatioii     in    den 

slavischen  Spracdien. 

Von 

Franz  Miklosich, 

wirklichem  Mitgliede  der  kaiserliehen  Akademie  der  Wissenschaften. 


JN  achdem  ich  im  dritten  Bande  der  vergleichenden  Gram- 
matik die  zusammengesetzte  Declination  der  slavischen  Sprachen 
behandelt,  will  ich  hier  diese  Erscheinung  abermals  untersuchen 
und  die  in  mehreren  Punkten  abweichenden  Resultate  meiner 
Studien  seit  dem  Jahre   1854  mittheilen. 


I.  Altslorenisch. 

Sing.  noni.  m.  ^OKp'KUi :  ,i,OKp'K-H ;  4,'^EAHH :  ,\,OB/\j'k-H ; 
f.  4,c»Kpam:  ,v,c»Kpa-ra;  ^OKAtara:  4,c>KAra-ra;  n.  ,\,0Kpc«H5:  .V'^^P'-'*-'*-'! 
;i,c>K/ii€i€ :  ;i,OK/\i€-i€. 

acc.  m.  ;i,ctKp'kiH :  ,\c»Kp'K-n ;  ,v,okahh  :  4,0Ki\j'K-n ;  f.  ,v,o- 
Bp;»;^^ :  ^\,c>kp^-wk  ;  ,vc»BAKUJiK :  ;i,obaiäv-JjK  ;  n.  ,i,oBpc»i<-; :  ,i,CBpo-K; ; 

gen.  m.  n.  ;i,c>Bpaaro  :  4,c>KpA-i«ro ;  ,\c»KAraArc» :  ,\OK<\M-M-:rc» ; 

f.    ,\,OBp'MI/i\  :    ^\C»Kp'M-IA  ;    ^\,C»BAIrt\IA  :    .\C»RAI/i\-l/i\. 

dat.  m.  n.  ,\,OBporoi'A\oy' :  ,\c»Kpov'-i(i.\\or ;  ,\,CB-\ioc>y'A\c>Y : 
AOBAK'-i€A\o\(';  f.  .\,0Bp'kH :  ,\,OBpk-ii:  ,v,c»baiih:  .V'^'*'^'"'-"- 

loc.  m.     n.    ^c>Kp'k'kA\k    neben    ,v,c»Bp'kK?i\\K :    ,\,C>Bpk-M-A\k ; 

AOBAHHA\k:  4,0BAH-K;A\k:  f.  ,V,C»Kpkn:  ,\,OBp'k-M;  .VOBAIIH  !   ,VOBAH-ll. 

instr.  m.  n.  *^v,OKp'kiiiA\k :   ,V0Bp'k-HA\k :  ^.v,*»"**^'^""'^^'*  •  A'''*- 

BAJTv-HAAk;     f.      *^C»BpOJ^.:      ,V,C»Kp'k-l;rK ;      *,V,'^'*f^'^M-*^'>^"     A*''''»'M'»^-''^^ 

neben  ^yoBp^fA^:  ,ii,CBpA^-b'K ;  ,v,c>BAi;Äx»/t. :  ,\,obaj*.-w». 

dual.  nom.  acc.  m.  ,\c»KpAid :  ,v,c»BpA-ra ;  ,v,c>B<\rdu ;  ,\,OBAW-ia; 
f.  n.  ,\0KpkH :  ,\,CBp'k-H :  ,vobahh :  ,\,obaii-h. 

gen.  loc.  m.  n.  f.  ^\c>iipoi'»c> :  ,v,OKpOY-K>;  ^obaiow  :  ,\,okaio-K'. 


134  Miklosich. 

dat.  instr.  in.  n.  f.  *;i,C»Bp'KiHiMa :  ^OBp'k-HMa;  */i,OiiAiiHMa: 

AOKAJ'K-M/V\a. 

Plur.  nom.  m.  ;\,OKpHH .  ^\,OKpH-ii ;  ^\OKaiiii :  ^vokah-ii  ;  f.  ;\,o- 

acc.  m.  f.  ^OKp'Miwv:  A'^i^P''^'-'*^  i  A*^'^^^'^''^  •  A'^'^'^'^-''*^  ^ 
n.  A*^Kp^^ra  :  A'^Ep^'-'*'  i  A*^'^'^'^'^  •  A*^'^'^'^-'*'- 

gen.  m.  n.  f.  */k,OBp'KiH]('Tv:  A'^'^pi^-HX''^' *A*^*^'^""X''*^' A*^" 

EAJ'K-HY'K. 

dat.   m.  n.   f.    *  A'^^P''*^'"'^''^  •    A*^'^P''^-M'^i^  5    *A*^^'^"H'^i^  • 

AOBAJ-K-H/U'K. 

loc.    m.    n.    f.    *  A'^'^P'*»^'"Y''»^  •    A'''*'^PT*^-")C''^  5    *A'^*^'^""\"'^  • 

ACBAJ'k-HY-K. 

instr.    m.    u.    f.    *A'''*i^P''^'"'^^"  •    A'^'^'^P''^""'^^"  5  *A'^'^'^*'"'""  • 

AC»BAJ'K-HA\H. 

'KiH,   aaro ,   taaro,    OYO^^rMO^ ,    k»oY'Vaoy,    'k'kaAh,    'KiiiAVk, 

SIII.WK,    'KIHAAa,    HHA\a,    'KIHA\Tv,    IIIIAX'K,    'klHY'K    uud    HH\"K    Weideu 

nicht  selten  selbst  in  den  ältesten  Denkmälern  zu  'kh,  das  nach 
meiner  Ansicht  mit  TvI  identisch  ist,  aro,  rare,  OY'^^<>V'  lO/WOV, 
'k/Wk,  'ki/Wk,  H/\\k,  'kiA\a,  M/Wa,  TvI/WK,  HA\'k,  'ki]('k  und  iij^-'k  con- 
trahirt.  Dies  geschieht  regelmässig  im  Glagolita  Clozianus, 
in  welchem  Denkmal  die  vollen  Formen  zu  den  Ausnahmen 
gehören:  aaro  310.  602.  732.  'kni'/MTs.  548. 

Dass  die  Formen  der  zusammengesetzten  Declination 
(iurch  die  Verschmelzung  des  Adjectivs  mit  den  entsprechenden 
Casus  des  Pronomen  j'k  entstanden  sind^  ist  längst  erkannt. 
Man  findet  nicht  selten  statt  der  zusammengesetzten  Formen 
die,  wie  mir  scheint,  noch  nicht  zu  Einem  Worte  verschmol- 
zenen Theile :  vccbna  ego,  gredf^sta  ego,  inoceda  ego,  krepka 
ego,  nova  ego,  pr'Lva  jego,  sadesta  jego,  byvbsju  jemu,  zavezenu 
(zavezenu)  jemu,  ocrttenu  jemu,  poslavi>sju  emu,  prisnobytnu 
jcmu_,  bogu  Ijubestu  jemu  rodt  clovecbskyj  ant.-hom.  251.  u.  s.  w. 
Casopis  1847.  I.  140.  BuslaevL,  Istoriceskaja  grammatika  1. 
55.  238.  Sreznc'vskij,  ürevnic  glagoliceskie  pamjatniki  152. 
Vergl.  Grannnatik  3.  82. 

Die  Formen  der  zusammengesetzten  Declination  zerfallen 
in  zwei  Classen,  je  nachdem  das  Adjectiv  uud  das  Pronomen 
declinirt  werden,  oder  das  erstere  in  seiner  thematischen  Form 
auftritt:  jenes   tindet  statt    iin    sing.  gou.   m.    u.    ,\C>Kpaaro  aus 


über  die  zusammengesetzte  IJecliiuitiun  in  den  slavischeu  Sprachen.  loO 

/i,Oßpa-K-;rc«,  dieses  im  siug-.  iustr.  ni.  n.  ,\OKp'Knii\\K  aus  ;i,OKp'K- 
H/Uk.  Im  ersteren  Falle  spielt  die  Assimilation  eine  Avichtige  Rolle ; 
im  letzteren  hingegen  wird  'k  vor  ii  zu  'kl,  H  verstärkt,  vor  lif,. 
in  0  verwandelt:  /^OKp'kiihWk  aus  ,\,OKp'k-Hi\\K,  ,\,ci;i\imii\k  aus 
,\OKi\j'k-HA\k ;  ;i,OKpC>iT»»  aus  ;\0K()'k-ii4^,  ,voiiAi6K>»  aus  ,\OKAJ'k-j;>^. 
Dass  dies  der  lautliche  Hergang  der  Sache  hei  der  Verschmel- 
zung des  adjectivischen  Thema  mit  dem  Pronomen  j'k  ist,  zeigt 
hinsichtlich  der  Verwandlung  des  Tv  vor  H  die  in  der  überwiegen- 
den Mehi'zahl  der  Casus  pronominale  Declination  des  adjectivi- 
schen Interrogativ-Pronomen  K'klH,  das  aus  K'k  durch  das  Suftix 
JTv  eben  so  entstanden  ist  wie  moh  aus  /V\o,  das  daher  mit  dem 
lat.  cuius,  a,  um  und  mit  dem  griech.  izdloq  hinsichtlich  des  Thema 
und  des  Suffixes  identisch,  sich  von  lieiden  in  Betreff  der  Be- 
deutung entfernt:  sing,  instr.  m.  n.  K'kiiiA\k,  w^omit  KkliUK>,\*^V'""" 
ausßk  imc»,v,oyujHH  men.-mih.  o9.  a.  zu  vergleichen  ist.  Bei  diesem 
Pronomen  geht  'k  vor  \e  in  c»  über:  KOierc,  kohsi^,  KC»K-A\oy  u.  s.  w. 
Urspi-ünglich  scheint  der  sing,  instr.  fem.  in  Überein- 
stimmung mit  der  Mehrzahl  der  Casus  nach  dem  ersten  Prin- 
cipe gebildet  worden  zu   sein:    HECkiT^w^    sup.    393.  28.  OK'ki- 

MkHA^liK       sup.    128.    15.     llpC»CTÄWK     sup.     235.     18.     TKCpAlll'l'^^lT»^ 

bon.  ropor  cßCToyio  mlad.  Dieselbe  Form  steckt  in  Ha  ;k,OK(iki/Ä 
^V'k'r'kAk  neben  ,\OKpAx/Ä  ;i,'kT'kAk  men.-mih.  127.  a.  Dabei  wulh; 
man  sich  an  die  nominalen  Fornien  auf  ^  statt  OItK  erinnern, 
denen  man  auch  in  den  Freisinger  Denkmälern  begegnet.  Vergl. 
Grammatik  3.  42.  79. 

Von  dem  Pronomen  j'k  werden  in  dieser  Verbindung 
nicht  die  Formen  16H,  Hi\^.  w.i/h  und  i€K>,  sondern  h,  Itü,  iwv  und 
10  gebraucht.  Über  das  Verhältniss  dieser  beiden  Reihen  von 
Formen  zu  einander  folgt  am  Schlüsse  der  Abhandlung  eine 
Auseinandersetzung. 

Die  oben  angeführten  Formen,  die  sich  in  d(Mi  ältesten 
Denkmälern  linden,  halte  ich  für  pannonisch-slovenisch.  Wie 
in  anderen  Punkten,  so  wichen  auch  in  der  Bildung  der  Casus 
der  zusammengesetzten  Declination  die  slavischen  Sprachen 
schon  im  neunten  Jahrhundert  von  einander  ab,  und  wenn  in 
einigen  Quellen  diese  Formen  allein  herrschend  sind,  so  ist 
dies  dem  Einflüsse  des  pannonischen  Slovenismus  zuzuschreiben, 
ein  Einüuss,  der  nicht  lange  gleich  mächtig  blieb  und  nach 
dessen  Ermatten    anfänglich    die    pannonischen    Formen    neben 


I 


136  Miklosich. 

den  einheimischen  gebraucht^  bis  schliesslich  jene  ganz  ver- 
drängt wurden.  Der  sing.  gen.  m.  n.  auf  aro  hält  sich,  dem 
serb.  cra  gegenüber,  meistens,  während  im  sing.  dat.  m.  ii. 
dieselben  Quellen  neben  o^^^oif  —  OOAAOY»  OO/VAOif,  OMO^  ^^n^l, 
in  Folge  der  Assimilation,  iM<s>\f  bieten.  So  liest  man  in  einer 
bulgarischen  Handschrift  des  14.  Jahrhunderts  npaK/M|iO/UOi|% 
HiiL|i(/V\OYI  "^  einem  aus  derselben  Zeit  stammenden  serbischen 
Denkmal  IKHKO/Woy,  co^^^fipO/ixo!/*,  npHte/umf/WOi/" ;  in  einem  in 
Russland  im  Jahre  1296  geschriebenen  Psalter  CTpauJHOC/Wor, 
OTTvie/uaioiiifOMOtf.  Opis  1.  186.  drugomu  sav.  34.  42.  Dass  in 
diesen  Formen  00  aus  Ci\f^\f  entstanden  wäre,  kann  durch  nichts 
bewiesen  werden,  und  wir  haben  keinen  andern  Ausweg  als 
anziuiehmen,  dass  diese  Formen,  nach  einem  auch  im  panno- 
nischen  Slovenisch  theilweise  hervortretenden  Principe,  aus  der 
Verbindung  des  adjectivischen  Thema  mit  dem  entsprechenden 
Casus  von  jis  hervorgegangen  sind:  CTpauJkHOOiMor  aus  cTpa- 
iiJLHC-i€/VAOr.  Lehrreich  ist  der  dual,  gen.,  der  auf  oyK»,  TviK», 
iiK>,  010,  fio  und  endlich  auf  'k\C  auslautet.  In  cßfTKiio  ist  der 
Auslaut  des  Thema  Tv  zu  TvI  gesteigert  Avorden:  ckatt\-io;  in 
pEKkUiHio  ist  Ts.  in  II  übergegangen:  ptKi^uiHio  aus  rektsJT,-ju; 
OH'kiiitHOio  ist  aus  OK'kuuH'K-io,  ebenso  i^pk^OßkNi^iO  aus  vr-L- 
hovhnjt-ju  hervorgegangen;  RoraT'kio  endlich  ist  wohl  nur 
durch  die  Analogie  von  rHi/Wa,  ^v^uiv/VAa,  naTpiiapuYOK'kaAa  u.  s.  w. 
zu  erklären.  Auch  die  vereinzelten  Formen  HHL|JHii{\  plur.  acc. 
m.  und  ^ti^/ÄTOi/Ä,  coakLUHbft  sing.  gen.  f.  sind  aus  nistji.-je 
und  deveto-je,  bolLsji,-je  entstanden.  Endlich  ist  wahrscheinlich, 
dass  nkpROOifAXO^,  hctoo^a^ov"  in  Slovo  svjatago  Ippolita  obt 
Antichriste  aus  dem  zwölften  Jahrhundert  74.  86.  dem  Kampfe 
beider    Principien  ihr  Dasein  verdanken. 

Bei  Formen  wie  /i,p'kKa  ci'OK-iiiiim  mlad.  erinnere  man 
sich,  dass  nach  den  palatalen  Consonanten  im  plur.  nom.  neutr. 
neben  dem  Auslaut  a  der  Auslaut  h  vorkommt.  Vergl.  Gram- 
matik 3.  38. 

n,  N«Misloveiiisch. 

A.  Spracbe    der    Freisinger    Dcnkmiller. 
sing.  nom.  m.  (h)))ri ;  f.  d()l)ra;  n.  dobro. 
acc.   nj.   (lobri;   f.   dobro;   n.  dobro. 
gen.  m.  n.  dobrego  neben  dobrega;  f.  dobre. 


über  die  zusammengesetzte  Decliuation  in  den  slavischeii  Sprachen.  1  o7 

dat.  111.   11.  dübroinu;  f.  dobrei. 
loc.  m.  n.  dobrem ;  f.  dobrei. 
instr.  111.  11.  dobrim;  f.  dobro. 
dual.  nom.  acc.  in.  (dobra);  f.   n.  (dobrei). 
o-en.  loc.  m.  n.  f.  weder  in  den  Denkmälern  nachweisbar, 
noch  aus  der  heutigen  Sprache  herstellbar, 
dat.  instr.  m.  n.  f.  (dobriina). 
|)lur.  nuiii.   ni.  dobri;  f.  dobre;  n.  dobra. 
acc,  111.  f.  dübre ;  n.  dobra. 
gen.  m.  n.  f.  dobrih. 
dat.  111.  11.  f.  dobrim. 
loc.  m.  n.  f.  dobrih. 
instr.  m.  n.  f.  dobrimi. 

B.  Die  heutige    Sprache. 

aj  im   Osten. 

sing.  nom.  m.  dobri;  f.  dobra;  n.  dobro. 
acc.  m.  dobri ;  f.  dobro ;  n.  dobro. 
gen.  m.  n.  dobrega  neben  dol)roga;  f.  dobre. 
dat.    m.    n.    dobremu    neben    dobromu;    f.    dobrej    neben 
dobroj,  dobri. 

loc.  m.  n.  doljrem  neben  dobroin;  f.  dobrej  neben  dobroj,  dobri. 

instr.  m.  n.  dobrim;  f.  dobro  neben  dobrom  und  dobrum. 

dual.  nom.  acc.  m.  dobra;  f.  n.  dobri. 

gen.  loc.  fehlt. 

dat.  instr.  m.  n.  f.  dobrima. 

phir.   nom.  m.  dobri;  f.  n.  dobre;  n.  auch  dobra; 

acc.  m.  u.  f.  dobre;  n.  auch  dubra; 

gen.  m.  n.  f.   dobrih. 

dat.   m.  n.  f.  dobrim. 

loc.  m.   n.  f.  dobrih. 

instr.   m.  n.  f.  dobrimi. 

b)    Im    Wvfilen. 

sing.  nom.  n.  dobrt;  f.  (h)bra;   n.  <b>bro. 
acc.  m.  dobri,;  f.  dobro;   n.   dobro. 
gen.  m.  n.  dobrtga;  f.  dobre. 
<lat.  m.  n.  dobrimiu  ;  f.  dol)ri>. 
loc.  m.  n.  dobri,m;  f.  doljr'L. 
instr.  m.  n.  dobrim ;  f.  dobro. 


138  Miklosich. 

dual.  uom.  acc.  m.  dobiaj  n.  f.  dobri.. 

gen.  loc.  fehlt. 

dat.  instr.  m.  n.  f.  dobrtma. 

plur.  nom.  m.  dobri;  u.  f.  dobre. 

acc.  in.  n.  f.  dobre. 

gen.  m.  n.  f.  dobn.h. 

dat.  m.  n.  f.  dobrtm. 

loc.  m.  n.  f.  dobrTjli. 

instr.  m.  n.  f.  dobn.mi. 

Schon  in  dem  dem  pannonischen  Slovenisch  so  nahe 
stehenden  Neuslovenisch  kommt  bei  der  zusammengesetzten 
Declination  jenes  Princip  zur  Herrschaft,  das  im  Altslovenischen 
nur  in  einigen  Casus  sich  geltend  macht:  es  beharrt  nämlich 
das  Adjectiv  in  seiner  thematischen  Form. 

Der  Auslaut  des  Thema  'k  verbindet  sich  mit  dem  Anlaut 
des  Pronomens  h  zu  i,  alt  TvI:  dobrim  aus  dohrt-im.  oja  ver- 
kürzt sich  zu  a,  ojo  zu  6,  oje  zu  e :  dobra  aus  dobroja  wie 
tva  1.  aus  tvoja  und  noch  heutzutage  gospa  aus  gospoja,  asl. 
rcciio:K;l,a ;  bati  se  aus  und  neben  bojati  se ;  dobro  aus  dobroja 
wie  mo  fris.  1.  aus  mojo,  gospo  aus  gospojo;  dobrega  aus  dobro- 
jega,  dobremu  aus  dobro-jemu,  dobrem  aus  dobro-jem.  Dieselbe 
Verkürzung  findet  statt  in  gospe  aus  gospoje  und  in  den  im 
ersten  der  Freisinger  Denkmäler  vorkommenden  Formen  me, 
mega,  memu  aus  moje,  mojega,  mojenm.  Abweichend  ist  der 
sing.  nom.  n.  dobro,  in  welchem  oje  in  o  übergeht:  der  Grund 
scheint  in  dem  Auslaut  der  Substantiva  neutr.  gesucht  werden 
zu  sollen.  Die  Vei-kürzung  zu  e  ist  indessen  auch  im  sing, 
nom.  n.  nicht  unbekannt:  vecne  (vuecsne  fris.  1.)  steht  für 
asl.  K'kHkHOi€  und  das  substantivirte  Adjectiv  lautet  bei  den 
kärtnerischen  Slovenen  auf  e  aus:  to  dobre  das  Gute.  O.  Guts- 
mann, Windische  Sprachlehre.  Klagenfurt  1829.  23.  Der  plur. 
nom.  m.  scheint  wie  im  Asl.  gebildet  zu  sein:  dobri,  asl.  dobrii. 
Aus  oji  Avürde  schwerlich  i  entstehen :  der  sing.  dat.  von  gospa 
lautet  gospe  aus  gospoji,  in  Folge  des  Accentes. 

Der  Annahme,  die  zusammengesetzte  Declination  im  Neu- 
slovenischen  sei  mit  der  pronominalen  identisch,  beruhe  daher 
nicht  auf  Zusammensetzung,  steht  der  IJjnstand  entgegen,  dass 
in  den  Fieisinger  Denkmälern    die  Pronomina   ihre  alten,    von 


Über  die  zusaiiiiiiengesetzte  Doclinatiuii  in  den  älavischen  Sprachen.  1 39 

der  zusamnieng-esetzten  Decliiiatloii  verschiedenen  Fornicii  be- 
wahrt haben  :  togo  fris.  3,  inoga  1,  takoga  1,  innogoga  1,  tomu 
1.  2,  cüinu  3,  vzacomu  2,  tom  2,  teh  1.  2,  ineli  1,  iizch  J,  iimo- 
zeh  1,  uuizeni  1,  iizciii  1.  3,  vzeni  3;  temi  1.  2,  nicht  etwa 
tegO;  iuega^  takega  u.  s,  w. 


III.  Bulgarisch. 

A.  Sprache  der  Sage  vom  tr  ojan  iseh  c;  n  Kriege, 
sing.  noni.  m.  ^OKpMM,  ;\,OKpki ;  f.  ,\OKpard ;  u.  ,\OKpOK-;. 
ace.  ni.  ^.OKpKiii,  ,\,CKpKi ;  f.  ^youpA^/Ä,  ,v,OKpKiA^ ;  u.  ,\c>Kpoi<-;. 
gen.  111.  11.  /i,OKparo,  /V'^'^'^P*?''*?  i  i-  A'^'^P'^''^'  A'^'^P'»^''^- 
dat.   in.  n.  ,\'^KpCA\C»\' ;  f.  ^ *''*i^P *•'*'« • 
lüC.  in.  n.  AOKpCAVk;  f.  A*^KpOii. 
instr.  ni.  n.  A*'''i^P'^''^^'h^»  A'^i^P'l^'"'^  5  f-  A'^'^P'^'^- 
plur.  in.  A'^'^'^P""  i  i-  A*''*'^P'^'J^»  A'^'^'^P*^''»»  i  n-  A'^'^'^P'"*'- 
acc.  111.  AC'Kpbi/A,  A*?KpMA^;  f.  A'^'^'^P'^''*^'  A*^'**^P''^'*^  i  "•  A'^'^'^P'"^- 
gen.  m.  n.  f.  A'^i^P'^'*'\"i^j  A''''*^pi^'\"i^- 
dat.  ni.  n.  f.  A'^''*^P*^|'^^t^- 
h)c.  m.  n.  f.  A*M^pi^'"X"'^'  A'^'»P*»^'\"'^- 
instr.  m.  n.  f.  ;i,c>KpKi(\\ii. 

Im  Belhim  Troianmn  tinden  sieh  folgentle  sing.  gen.  iii. 
auf  ogo :  Kk/\oro,  kkicokopo,  .{<\a'i\>ro,  ii/ur.crpiiK'liC'i'orc»,  iipo- 
CTpanHorc,  iiOA*MipOi'0.  Die  von  Safafik  veröffentlichten  aus 
dem  (h'eizelmten  Jalirhundert  (1259 — 127S)  stammenden  Ijtil- 
garischeu  Urkunden  bieten  folgende  Formen:  sing.  gen.  m. 
HKCTn.\rc,  CK/ATaro  ne1)cn  MpkHoro;  f.  pkMim,KA./A  p'kKAx  25. 
15;  <lat.  m.  n.  cIwä'I'O/WO»,' ;  h»c.  f.  iic«/\c;kkc>h   n.  s.  w. 

B.  Die  heutige  S  j)  r  a  c  h  e. 

Die  heutige  Sprache  der  Bulgaren  ist  declinationslos, 
dennoch  findet  man  den  sing.  gen.  und  dat.  m.  und  n.  in 
bestimmten  Fällen  in  Gebrauch.  Der  gen.  lautet  nach  Cankof 
auf  igo  aus:  drugigo,  sekigo  30-  65,  svemoguciga  Nauka  kri- 
stianska  Riiii.  1809;  der  dat.  auf  imu:  drugimu,  sekimii  Can- 
kof 30.  65.  Dagegen  findet  man  in  den  von  den  Brüdern 
Miladin    v(!röffentlichteii     \  ulksliedei'n     den    Auslaut    ego    und 


140  Miklosich. 

emu:   sarenego  141.  birzeg-o  130.  175.  179.    206.    starego  422 
svetego    54.    67.    surego    179.   malego   32.    303.  drobnego  303. 
mT)rtvego  318.  silnego  338.  dobrego  444.    visnego   7.    zdravegn 
473.  svetemu  55.  Die  pronominale  Declination  bietet  ogo,  omu: 
togo,    onogo,    ednogo,    kogo,    nikogo,    komii,    nikomu  Cank.  30. 
65;  bei  Miladin  liest  man  dagegen  togo    258.    ednoga   26.  edi- 
noniu    148.    neben    onego    66.    67.    onega    41.    edinego  38.  75. 
edncgo  91.  92.    edinega   41.    Da   in   dmgigo   und  drügimu  das 
i  aus  tonlosem  e  entstanden  ist,  so  sind  für  die  heutige  Sprache 
ego  und  emu  anzusetzen.    In  Vinga  spricht  man  indessen  sve- 
tugu,    drügugu   neben    svetojgu    aus    sveto-jego,    drügumu    und 
nekugu,  sekugu,  nikumu  aus  svetogo,  drugogo,  drugomu.     Die 
bei    Miladin    vorkommenden    Formen    auf   ago:     drobnago    4U 
streberuago    41.    edinago    41.    dobrago  201.    cesnago  466.  474! 
drobnago    307.    sind     aus     der    Kirchensprache    aufgenommen 
während  sarenoga  213.  krilatoga  214.  svetoga,  jedinoga  Naukai 
kristianska.  Rim.  1869.  aus  dem  Serbischen  entlehnt  sind.  Wenni 
bei  Miladin  140  geschrieben  wird:    Jankulago  vojska  obkolila. 
so  ist  offenbar  Jankula  von  go  zu  trennen.  Dieselbe  verkehrtt: 
Schreibung    findet    sich    auch    sonst:    u    popatego    starego  422. 
Jovanago  Ijuto  prok^lnala  315.  statt  u    popa   tego  starego  und' 
Jovana   go    Ijuto  proktlnala.    Einigermasseu    verschieden    sind 
Fälle  wie    rateica   ta    s    ratajetogo  rustica  cum  rustico  506.  d; 
narani   kumotorau    konjot  ut  pabulum   praebeat  equo  compatrif 
469,  in  denen  mit  togo  und  tomu    das  Thema  des  Substantiv^ 
verbunden    scheint,    was    auf  demselben    Principe    beruht    wn 
asl.  ,\ORpc»-Kk^.    In  levenego  Stojana  364.  endlich    ist  leven    al- 
Adjectiv  angewandt. 

Wie  in  anderen  Punkten,  so  hat  auch  hierin  das  Bulga 
risch,  das  einst  in  Siebenbürgen  gesprochen  wurde_,  seine 
Besonderheiten.  Man  findet  da  den  sing,  gen.  m.  n.  sventiago 
kotrago  und  den  dat.  sing.  m.  n.  sveutumu,  kotrumu,  die  dei 
Forscher  geneigt  machen  könnten  eine  nähere  Verwandtschaf 
dieses  Dialectes  mit  dem  altslovenischen  anzunehmen,  ein( 
Annahme,  die  bei  genauerer  Erwägung  nicht  Stand  hält.  Wa; 
den  gen.  auf  ago  anlangt,  so  findet  iiian  tago  neben  togo  un( 
dem  sventumu  und  kotrumu  steht  einerseits  tumu  neben  tomu 
anderseits  drugimu  gegenüber,  so  dass  die  Verwandtschaft  woh 
nur  auf  einer  sehr  mangelhaften  Bezeichnung  der  Laute  beruht. 


über  die  zusammengesetzte  Declination  in  den  slaviscben  Sprachen.  l-il 

IV.  Kroatisch. 

sing.  nom.  in.  dobri;  f.   dobi'a;  n.  dobro. 

acc.  m.  dobri;  f.  dobru;  n.  dobro. 

gen.  in.  n.  dobroga;  f.  dobre. 

dat.  ni.  n.  dobromn;  f.  dobroj. 

l(»c.   in.  n.  dobrom;  f.  dobroj. 

instr.   ni.  n.  dobrim ;  f.  dobrom. 

pbir.  nom.  m.  dobri ;  t".  dobre ;  n.  dobra. 

acc.  m.  f.  dobre ;  n.  dobra. 

gen.  m.   f.  n.  dobrih. 

dat.  m.  f.  n.  dobrim. 

loc.  m.  f.  n.  dobrih. 

instr.  m.  f.  n.  dobrimi. 

Auch  hier  tritt  an  das  Thema  des  Adjectivs  der  entspre- 
chende Casus  des  Pronomen  j'k:  dobrog-a:  dobro-jega ;  dobroj 
aus  dobro-j  u.  s.  w.  Die  dabei  vorkommenden  Lautverände- 
rungen treten  auch  bei  ki,  asl.  kTxIII,  ein:  sing,  ki,  ka.  ko  aus 
KTviH,  koja,  ask  iwtra,  koje;  ki,  ku,  ko :  koga,  ke;  komu,  koj ; 
kom,  koj  •,  kirn,  kom,  Avelche  letztere  Form  ich  aus  dei'  Ana- 
logie erschliesse;  phxr.  ki,  ke,  ka;  kih  ii.  s.  w.  Dasselbe  gilt 
von  den  der  Contraction  fähigen  Casus  dei'  Pronomina  moj, 
tvoj,  svoj,  die  nur  im  sing.  nom.  n.  abweichen,  indem  aus  nu)je 
nicht  mo,  sondern  nie  entst(;]it:  moj,  nia,  mc;  moga,  me;  momu, 
moj  u.  s.  w.  Der  plur.  nom.  m.  ist  wie  im  asl.  g(!l)ildet :  dobiü, 
asl.  ^CKpUH  :  bei  der  Entstehung  des  dobri  aus  dobro-j i  wären 
die  Formen  velici,  ubozi,  glusi  unerklärbar.  Duliovnoje  (kim 
drago  jest  moje  viditi  duhovnoje  blago.  Budin.  52.)  ist  wohl 
aus  der  Kirchensprache  entlehnt. 


V.  Serbiscli, 

sing.  nom.  m.  dobi-i;   f.  (bdira;   n.  dnlno. 
acc.  m.  dobri;  f.  dobni ;   ii.  dobro. 
gen.  m.  n.  dobroga;  f.  dobre. 
dat.   in.   II.   dobromii;   f.    dobroj. 
loc.  m.  n.  dobrom:   f.  dobroj. 
instr.  ni.  n.  *dobrijein;  n.  dobrom. 


142  Milclosich. 

plur.  nom.  m.  dobri;  f.  dobre;  n.  dobra. 

acc.  m.  f.  dobre ;  n.  dobra. 

gen.  m.  n.  f.  *dobrijeh. 

dat.  m.  n.  f.  *dobrijein. 

loc.  m.  n.  f.  *dobrijem,  selten  *dobrijeh. 

instr.  ni.  n.  f.  *  dobrijem. 

Statt  der  der  südlichen  Mundart  eigenen  Formen  für  den 
plur.  gen.  dobrijeh  und  den  plur.  dat.  und  instr.  dobrijem 
finden  sich  sonst  die  Formen  dobrih,  dobrim  neben  dobrima; 
der  sing,  instr.  m.  n.  lautet  dann  dobrim.  Der  sing,  instr.  f. 
dobrom  ist  aus  dem  älteren  dobrovb  (pravovb  Monum.  2.  47.) 
und  dieses  aus  dobro-jovt  (asl.  iciä)  entstanden^  wonach  o  in 
verovL  kurz,  in  prayovt  hingegen  lang  gewesen  sein  dürfte; 
jov  glaube  ich  aus  jou  für  joju  erklären  zu  sollen. 

Die  Formen  zerfallen  in   zwei  Classen,    indem    die    einen 
aus    der  Verbindung    der    adjectivischen  Thema    mit    dem  ent- 
sprechenden Casus    des   Pronomen  JTx    entstehen,    andere    nach 
der    pronominalen    Declination    gebildet    werden :    I.    dobroga : 
dobro-jega;  dobromu:  dobro-jemu;    sing,    instr.  f.  zutom:    zuto- 
jom;  dobro:  dobro-je  u.  s.  w.  sing.  nom.  m.  dobri  asl.  ^OKp'KiH: 
dobrt-JTv  u.  s.  w.    Die  durch  Contraction  entstandenen  Vocale 
sind  sämmtlich  lang  und  zwar  werden  sie  mit  dem  sogenannten 
gewundenen,    durch  '^  bezeichneten  Ton    ausgesprochen,    daher 
der  Unterschied    zwischen  toga  und  dobroga,  tom  und  dobrom 
u.  s.  w.  Der  plur.  nom.  m.  ist  abweichend  wie  im  asl.  gebildet; 
dobri  mit  i,  asl.  ^OKpHH.  IL  dobrijem,  dobrijeh  entsteht  aus  dobri» 
wie  tijem,  tijeh(asl.  tHv/WK,  T'k/Wk,  T^k^'k)  aus  tTv.  Die  zur  zweiten 
Classe  gehörigen  Formen  sind  mit  einem  Sternchen  bezeichnet. 
Wie  alt  diese    pronominalen  Adjectivformen  sind,    ist   aus  dem 
Grunde  schwer  zu  entscheiden,    weil  die  altserbischen  Sprach- 
denkmäler wie  in  anderen  Dine-en  so  auch  in  der  Bildung-  der 
zusammengesetzten  Adjectivformen    schwanken    und  weil  nicht 
selten  'k  i'iir  h  und  daher  auch  für  Tvl  steht.    Man  findet  z.  ß. 
neben  dein  serbischen  Singulargenitiv    oga    niclit    nui*    den  alt- 
slovenisch<in  ago,  sondern  auch  den  l)ulgarischen  ogo :    svetogo 
Monum.  36.  svetogo  37.  visokogo  37;  im  Singular  Instrumental 
nebeil      dobryini»     Moimin.     44.     pravemr,,      210.     cistemi,     25. 
47;  im    IMiiral    Dativ    vernemi,  225,    im   Local    dobrehh,  starehi. 
217.  und  im    liisli-uiixiiital  imenovanenii,  kri^stnemi    219.     Auch 


über  die  zn^ammengesetzte  Declinatioii  in  den  slavischen  Sprachen.  143 

im  Altslovenischen  werden  nanientlicli  die  Adjck'tiva  possessiva 
pronominal  declinirt,  wie  Formenlehre  72  dargelegt  wird,  allein 
diese  altslovenischen  Formen  unterscheiden  sich  syntaktisch 
nicht  von  den  nominalen,  während  die  entsprechenden  ser- 
bischen syntaktisch  den  znsammcniJ-esetzten  g'leich  stcihen.  Frei- 
lich ist  zu  bedenken,  dass  'k  auch  aus  oj  hervorg-eh(!n  kann,  wie 
namentlich  irkru  aus  noiiTH,  praes.  iioi*  zeigt. 


VI.  Kleiurussisch. 

sing-,  nom.  m.  dobryj  ;  f.  *dobraja;  n.  dobroje. 

acc.  m.  dobryj;  f.  *dobruju;  n.  dobroje. 

gen.   m.   n.  dobroho;  f.  dobroji  neben  dobroj. 

dat.  m.  n.  dobromu;f.  dobroj. 

loc.  m.  n.  dobrom ;  f.  dobroj. 

instr.  m.  n.  dobrym;  t".  dol)roju  neben  dobroj  und  d obre v. 

plur.  nom.  m.  n.  f.  *dobryji  neben  dobry. 

acc.  m.  n.  f.  *dobryji  neben  dobry. 

gen.  m.  n.  f.  dobry  eh. 

dat.   in.  n.  f.  dobrym. 

loc.  in.  n.  f.  dobrych. 

insti".   ni.   n.  f.  dobrymy. 

Neben  dobraja  und  dobruju  gilt  dobra  und  dobru;  fui- 
dobroje  wird  auch  dobre  und  selbst  dobreje,  aus  dobi'o- 
je-je  (kripkeje  pyvo.  Pauli  1,  12),  gesagt.  Im  sing.  gen.  f. 
dobroji  und  im  plur.  nom.  acc.  dobryji  ist  ji  aus  ja,  asl.  i»ft, 
entstanden:  ja  geht  häufig  in  ji  über.  Wie  im  Serbischen,  so 
ist  auch  hier  dobrov  aus  dobi"o-jov  zu  erklären,  ov  für  ojn 
findet  sich  im  galizischen  und  ungrischen  Dialecte  aucli  bei 
den  Substantiven:  rybov  aus  rybou  füi-  ryboju. 

Abweichend  und  zwar  nach  dem  im  Altslovenischen  gel- 
tenden Principe  gebildet  ist  der  sing.  nom.  f.  dobraja,  der  sing. 
acc.  f.  dobruju  und  der  plur.  nom.  und  acc.  dobryji,  asl.  ^OKjVkii/A  : 
der  Grund  von  dobryji  ist  in  der  Verdrängung  des  plur.  nnin. 
durch  den  acc.  und  des  Genus  neutrun)  durch  das  feinininiini 
zu  suchen.  Der  plur.  nom.  acc.  lautet  auch  auf  i  aus:  ki-asni 
podai-ky.  Pauli  6.  sribni  kopyta  \):  i  entstand  in  diesem  Falle 
aus  altem  'k.  welches  auch   im   russ.  tT^,  asl.  TH,  vorkommt. 


144  Miklosich. 


VII.  Russisch. 


sing.  nom.  m.  dobryj;  f.  *dobraja;  n.  dobroe. 

acc.  m.  dobryj ;  f.  *  dobruju ;  n,  dobroe. 

gen.  m.  n.  dobrago  (richtig-  dobrogo)  5  f.  *  dobryja. 

dat.  m.  n.  dobromu;  f.   dobroj. 

loc.  m.  n.  dobromi.;  f.  dobroj. 

instr.  m.  n.  dobrymi.;  f.  dobroju. 

plur.  nom.  m.  f.  n.  *  dobryja. 

acc.  m.  n.  f.  *  dobryja. 

gen.  m.  n.  f.  dobrychi.. 

dat.  m.  n.  f.  dobrynn.. 

loc.  m.  n.  f.  dobrych^. 

instr.  m.  n.  f.  dobrymi. 

Die  meisten  Formen  enthalten  das  Adjectiv  iindeclinirt: 
dobryj :  ^OKp'K-j'k,  worüber  zu  bemerken,  dass  'k  wie  0,  daher 
y,  yj  wie  oj  hxutet,  was  auch  sonst  vorkommt ;  dobrogo :  dobro- 
jego  u.  s.  w. :  ago  —  denn  dies  ist  die  aus  dem  Asl.  in  die 
Schrift  aufgenommene  Endung  —  lautet  in  verschiedenen  Ge- 
genden verschieden :  entweder  wie  ogo :  voknogo,  kotorogo, 
lichogo,  wie  sclion  in  Denkmälern  des  dreizehnten  Jahrhunderts 
geschrieben  wird,  oder  aga  oder  ava,  ova.  Buslaevt  1.  247. 
Beachtenswerth  ist  der  sing.  loc.  m.  n.  auf  oemij  d.  i.  o-jemi.: 
vo  syroemi,  vo  boru  Stud.  -  vol.  20;  vo  meste  bogatoenrt. 
Jjuslaev^B  1.  242.  ja  na  kryltce  byla  perenoemT.  Rybn.  4.  45. 
ymx,  ycliT.  erscheinen  in  den  Volksliedern  in  der  älteren  P^orm 
yiniT),  yicln^:  zelenyimi.,  bystryicln..  Vergl.  Grammatik  3.  338. 
Diejenigen  Formen,  in  denen  das  Adjectiv  declinirt  auftritt, 
sind  mit  einem  Sternchen  bezeichnet:  dobraja:  dobra-ja;  do- 
bryja als  sing.  gen.  f.,  als  plur.  nom.  und  als  plui-.  acc. :  ;i,0- 
Kp'Ki-i>^ ;  dobruju :  ^opK/>»-W^.  Der  gen.  dobryja  lautet  auch 
dobryj,  dobroj,  dobi"oje  (;i,OKpOJ,  ^oupck).  Über  die  Sprache  der 
ältesten  riissischen  Chronisten  ,3.S.  BuslaevT>  1.  242,  und,  im 
Volksliede,  dobi'oej :  otT>  obedni  ott  dolgoej.  Buslaevi.  ibid. 
dobroje  ist  asl.  *^C>Gpo-lA,  dobroej  hingegen  würde  einem  asl. 
"* ;\,C»KpC»-i€iA  entspr(;chen.  oej  d.  i.  ojej  (palicej  zeleznoej  Kybn. 
4.  35.)   w  ärc  asl.  *  O-HiKK. 


über  die  znsammengepetzte  Declination  in  den  slavisehen  Sprachen.  14ö 

VIII.  Cechisch. 

sing.  nom.  m.  dobry;  f.  dobrä;  n.  dobre. 

acc.  m.  dobry;  f.  dobrü,  jetzt  dobrou;  n.  dobre. 

gen.  m.  ii.  dobreho;  f.  dobrej,  dobre. 

dat.  m.   n.  dobremu;  f.  dobrej,  dobre. 

loc.  m.  n.  dobrem;  f.  dobrej,  dobre. 

instr.  111.  n.  dobrym ;  f.  dobrü,  jetzt  dobrou. 

dual.  iiom.  acc.  m.  dobrd;  n.  f.  dobrej. 

gen.  loc.  m,  n.  f.  dobrü. 

dat.  instr.  m.  n.  f.  dobry ma. 

plur  nom.  m.  dobfi;  f.  dobre;  n.  dobra. 

acc.   m.  f.  dobre ;  n.  dobrd. 

gen.  m.  n.  f.  dobrycli. 

dat.  in.  n.  f.  dobrym. 

loc.  m.  n.  f.  dobrych. 

instr.  111.  n.  f.  dobrymi. 

Im  Slovakischen  findet  man  zdravjeho,  zdravjemu  neben 
zdraveho,  zdravemu;  im  sing.  loc.  m.  ii.  dobrom,  dieses  nach 
dem  Muster  der  Pronomina  tom,  kom  (kdo).  Wenn  man  zdra- 
vjeho,  zdravjemu  aus  zdravojeho,  zdravojemu  durch  Ausstossung 
des  o  entstehen  lässt,  so  beachtet  man  nicht,  dass  dialektisch 
je  für  e  eintritt:  chljeb,  iiijest,  pljest  für  chleb,  mesti,  plesti 
u.  s.  w.  Sembera,  Dialektologie  71.  Im  plur.  lautet  der  nom. 
für  alle  genera  auf  y  aus^:  dobry  wohl  statt  dobre. 

Safafik,  Pocätkove  53,  meint,  dass  die  zusammengesetzten 
Formen  dadurch  entstanden  seien,  dass  an  das  declinirte  Ad- 
jectiv  das  declinirte  Pronomen  gefügt  wurde,  was,  allgemein 
ausgesprochen,  nach  meiner  Ansicht  unrichtig  ist,  indem  sich 
die  Mehrzahl  der  Formen  ungezwungen  nur  aus  der  Verbin- 
dung des  adjectivischen  Thema  mit  dem  entsprechenden  Casus 
des  Pronomen  yh  erklären  lässt:  dobry:  dohrt-ji.;  dobrym: 
dobrt-jiin ;  dobrä:  dobro-ja;  dobre:  dobro-je;  dobreho:  dobro- 
jeho;  dobrem:  dobro-jem;  dobrü,  im  sing.  acc.  f.  aus  dobro-ju, 
im  sing,  insti-.  f.  aus  dubro-jü  u.  s.  w.  Wenn  Safarik  ferner 
54  der  Ansicht  ist,  die  Doppelformen  des  Singular  Genetivs 
f.  dobre,  dobrej  seien  aus  den  zwei  Mundarten  entstanden,  aus 
denen  das  Cechische    sich    gebildet   habe,    die    erste    aus    dem 

Sit/.b.  d.  phil.-lüst.  i:i.  LXVin.  Ed.  IT.  Hft.  10 


146  Mildosich. 

altslovenisclien  dobr;^;je,  die  zweite  aus  einem  dem  russischen 
dobroj  analogen  Form,  so  kann  ich  ihm  auch  hierin  insoferne 
nicht  beipflichten,  als  ich  dobrej  und  dobre  auf  dobro-je  zu- 
rückführen zu  sollen  glaube :  aus  dobroje  entsteht  nämlich 
zuerst  dobroj,  woraus  dobrej,  dobre,  wie  aus  toj,  tej,  te,  aus 
mojej,  mej,  me  (Sembera,  Dialektologie  35)  hervorgeht;  e  für 
ej  findet  sich  auch  sonst:  pocke  aus  pockej  Moravske  närodni 
pisne.  V  Brne.  1860.  89.  153.  Der  sing.  dat.  f.  dobrej,  dobi-e 
aus  dobroj  unterliegt  demnach  keiner  Schwierigkeit.  Um  dobrej 
aus  dobroj  zu  erklären ,  darf  nicht  auf  hohem  hingewiesen 
werden:  eher  wäre  die  Hinweisung  auf  vevoda,  vyvoda  aus 
vejvoda,  vojevoda  am  Platze.  Die  Singular  Dative  auf  ymu: 
druhymu,  milymu  für  druhemu,  milemu  finden  sich  auch  in 
dem  für  diesen  Gegenstand  lehrreichen  slovakischen  ky,  asl. 
KTviH :  sing,  ky,  kä,  ke;  kyho,  kü,  ke;  kyho,  kej ;  kymu,  kej ; 
kom,  kej;  kyui,  kou ;  plur.  ki,  ke^  ke;  ke;  kych;  kym;kych; 
kymi.  In  einigen  Formen  wird  auch  das  Adjectiv  declinirt : 
sing.  dat.  loc.  f.  velicej,  svetiej,  asl.  velicej,  svetej ;  sing.  loc. 
m.  velicem,  svetiem,  asl.  velicemb,  svetemt;  dual.  nom.  f. 
müdfej,  asl.  mj^drej ;  plur.  nom.  m.  cisti,  asl.  cistii.  Alle  diese 
Formen,  mit  Ausnahme  der  letzten,  sind  archaistisch  und  selten. 
Hieher  gehört  auch  svetie  Avohl  für  svetiej  in  az  se  jejie 
svetie  ruce  bile  tak  se  byle  zsidale  vyb.  1152:  svetie  ist  der 
dual.  nom.  f.  und  entspi'icht  dem  asl.  cßATHvH. 


IX.  Polnisch. 

sing.  nom.   m.  dobry;  f.  dobra;  n.  dobre. 

acc.  in.  dobry;  f.  dobrf^;   n.  dobre. 

gen.  m.  n.  dobrego  ;  f.  dobrej. 

dat.   in.   n.   dubremu;   f.   dobrej. 

loc.  m.  n.  dobrem;   f.  dobrej. 

instr.  m,  n.  dobrym ;  f.  dobra. 

dual.  nom.  m.  dobra;  f.  n.  dobrzej. 

gen.  loc.  m.  n.  f.  dobru. 

dat.  instr.  m.  n.   1",  dobryma. 

plur.  nom.   m.  dobrzy;  f.  n.  dobre;  n.  alt  dobra. 

acc.  m.  n.  f.  dobre;  n.  alt  dobra. 


über  die  zusammengesetzte  Declination  in  den  slavischen  Sprachen.  147 

g-en.  m.  n.  f.  dobryeh. 
dat.   in.   n.  f.   dobryin. 
loc.   lu.  n.  f.  dobrycli. 
iiistr.  m.  n.   f.  tlobiymi. 

Ncach  Malecki  112  finden  sich  auch  Formen  wie  ostroe, 
l)logoe  (blogue),  milye,  was  eine  genauere  Untersuchung  ver- 
dient; es  ist  jedoch  zu  bemerken,  dass  die  zuletzt  angeführte 
Form  dadurch  eiuigermassen  auffällt,  dass  in  derselben  auch 
das  Adjectiv  declinirt  erscheint.  Die  aus  der  Contraction 
hervorgegangenen  Vocale  werden  in  manchen  Handschriften 
des  14.  und  15.  Jahrhunderts  verdoppelt,  in  den  Drucken  von 
löGO  an  mit  dem  Acut  bezeichnet,  wodui'ch  deren  Läno;e  aus- 
gedrückt  werden  soll:  czyrzwonee:  czyrzwouo-je;  zawiteem : 
zawito-jem,  wie  meem  aus  mojem;  droga:  droga-ja;  dobrego: 
dobro-jego;  czystemu:  czysto-jemu,  im  Gegensatz  zu  droga, 
mojego,  mojemu.  Der  plur.  nom.  m.  ist  wie  im  Asl.  und  im 
(V'ch.  gebildet:  dobrzy,  asl.  dobrii. 


X.  Oberserbisch. 

sing.  nom.  m.  dobry;  f.  dobra;  n.  dobre  neben  dobro. 

acc.  m.  dobry;  f.  dobru;   n.  dobre  neben  dobro. 

gen.   m.  n.  dobreho  neben  dobroho;  f.  dobreje. 

dat.  111.  n.  dobremu  neben  dobromu;  f.  dobrej  neben  dobroj. 

loc.  m.  n.  dobrom  neben  dobrym;  f.  dobrej  neben  dobroj. 

instr.  m.  n.  dobrym  neben  dobrom ;  f.  dobreju. 

dual.  nom.  acc.  m.  dobroj,  dobi'ej  ;   n.  f.  dobnij,  dobri. 

gen.  m.  n.  f.  dobreju  neben  dobroju. 

dat.  loc.  instr.  m.  n.  f.  dobrymaj. 

plur.  nom.   m.  dobri ;  n.  f.  dobre. 

acc.   m.  n.   f.  dobre. 

gen.   111.  n.  f.  dobryeh. 

dat.   m.   n.   f.  dobrym. 

loc.   m.  n.  f.  dobryeh. 

instr.  m.  n.   f.  dobrymi. 

10* 


148  Miklosich. 

Die  auslautenden  Vocale  in  dobroliO;,  dobromu  können 
abfallen;  der  sing,  instr.  f.  lautet  meist  dobrej,  dobroj:  die 
volle  Form  dobreju  ist  selten;  statt  dobrymaj,  dobiych,  dobrym, 
dobrymi  wird  auch  dobremaj,  dobrech,  dobrem^  dobremi  ge- 
schrieben. Schneider  81.  Auch  im  Oberserbischen  ist  der  plur. 
nom.  m.  abweichend  gebildet:  dobri^  asl.  dobrii. 


XI.  Niederserbisch. 

sing.  nom.  m.  dobry ;  f.  dobra ;  n.  dobre. 

acc.   m.  dobry;  f.  dobru;  n.  dobre. 

gen.  m.  n.  dobrego;  f.  dobreje. 

dat.  m.  n.  dobremu;  f.  dobrej. 

loc.  m.  n.  dobrem ;  f.  dobrej. 

instr.  m.  n.  dobrym ;  f.  dobreju. 

dual.  nom.  acc.  m.  n.  f.  dobrej. 

gen.  m.  n.  f.  dobreju. 

dat.  loc.  instr.  in.  n.  f.  dobryma. 

plur.  nom.  m.  n.  f.  dobre. 

gen.  m.  n.  f.  dobry  eh. 

dat.  m.  n.  f.  dobrym. 

loc.  m.  n.  f.  dobrych. 

instr.  m.  n.  f.  dobr^^mi. 

Ausser  den  slavischen  Sprachen  besitzen    die    zusammen- 
gesetzte Declination  das  Litauische  und  das  Lettische. 

I.  Lifaiiiscli. 

sing.  nom.  m.  gerasis;  f.  geroji. 

acc.  m.  geraji;  f.  geraje. 

gen.  m.  gerojo;  f.  ger6ses. 

dat.  m.  geramjam ;  f.  geraijei. 

loc.  m.  geramjame ;  f.  gerojoje. 

instr.  m.  gerüjn ;  f.  gerfije. 

dual.  noin.  acc.  m.  geruju :  f.  gereje. 

dat.  instr.  m.  geremsem ;  f.  geromsioui. 

plur.   nom.  m.  gereji;  f.  geroses. 

acc.  m.  geriisius ;  f.  geräses. 


M 


über  dit*  zusammeDgesetzte  Declination  in  den  tdavischen  Sprachen.  149 

g-en.  in.  f.  gen'iju. 
dat.  111.  geremsems ;  f.  geromsioüis. 
loc.  111.  geriisiusc ;  f.  gerosiose. 
inätr.  m.  geraiseis;  f.  geromsiomis. 

Während  sich  im  A?;!.  das  indefinite  Adjectiv  von  der 
nominalen  Declination  iu  keinem  Punkte  entfernt,  hat  sich  im 
Litauischen  das  indefinite  Adjectiv  in  der  Mehrzahl  der  Casus 
der  pronominalen  Declination  anbequemt :  sing.  dat.  niasc. 
pönui,  geräm,  jam,  asl.  rabu,  dobru,  jemu;  sing.  loc.  masc. 
pone,  gerame,  jame,  asl.  rabe,  dobre,  jemt;  plur.  nom.  masc. 
ponai,  geri  (zusammengesetzt  gereji),  je;  plur.  dat.  masc.  pö- 
näms,  gerems,  jems,  asl.  rabT.!!!!,,  dohrtmi.,  jinri.  aus  jemt; 
dual.  dat.  instr.  masc.  pönäm,  gerem,  j'e'm  (dvem),  asl.  rabi^ma, 
dobrT,ma,  jima  aus  jema.  Da  nun  die  detiuiten  Formen  des 
Adjectivs  durch  die  Verbindung  der  indefiniten  mit  dem  Pro- 
nomen jis  entstehen,  so  ist  allerdings  richtig,  wenn  gesagt  wird, 
dass  in  der  zusammengesetzten  Declination  das  Adjectiv  in 
pronominaler  Form  auftritt,  eine  Regel,  der  selbst  der  sing. 
instr.  masc.  folgt,  der  in  der  indefiniten  Form  sich  dem  Sub- 
stantiv anschliesst:  ponü,  gerü,  jümi  neben  jüm  und  ju'  — 
geruju.  Es  ist  jedoch  diese  Erscheinung  specifisch  litauisch 
und  daher  wohl  jüngeren  Ursprungs. 


11.  Lettisch. 

sing.  nom.  m.  labbajis;  f.  labbäja. 

acc.  in.  f.  labbäju. 

gen.  m.  labbäja ;  f.  labbäjas. 

dat.  m.  labbäjam ;  f.  labbäjäi. 

loc.  m.  f.  labbajä. 

plur.  m.  labbäji ;  f.  labbäjas. 

acc.  m.  labbäjus ;  f.  labbäjas. 

gen.  m.  f.  labbäju. 

dat.   ni.  labbajim;  f.  labbäjäin. 

loc.  m.  labbäjiis;  f.   labbäjas. 

Abweichend  vom  Litauischen  tritt  im  Lettischen  in  allen 
Casus    das  Thema    des  Adjectivs  ein :    labbajis    aus    labba-jis ; 


150  Miklosich. 

labbäja  aus  labba-ja;  labbäju  aus  labbä-ju  u.  s,  w. ;  nicht  ein- 
mal im  sing.  dat.  m.,  der  in  der  nominalen  Deciination  sowohl 
der  substantivischen  als  auch  der  adjectivischen  a-Stämme 
pronominal  gebildet  wird  :  grekam,  labbam,  tritt  die  pronomi- 
nale Form  des  Adjectivs  ein. 

Es  haben  endlich  auch  die  deutschen  Sprachen  eine  dop- 
pelte Deciination  der  Adjectiva.  Ich  führe  hier  nur  die  gotlii- 
schen  Formen  an. 


Gothiscli. 

sing.  nom.  m.  Hubs;  f.  Kuba;  n.  liubata. 
acc.  m.  liubana ;  f.  liuba ;  n.  liubata. 
gen.  m.  n.  liubis;  f.  liiibaizos. 
dat.  m.  n.  liubamma;  f.  liubai. 
plur.  n.  liubai ;  f.  liubos  5  n.  liuba. 
acc.  m.  liubans ;  f.  liubos ;  n.  liuba. 
gen.  m.  n.  liubaize ;  f.  liubaizo. 
dat.  m.  n.  f.  liubaim. 

Die  Formen  dieser  Deciination  zerfallen  wesentlich  in  zwei 
Kategorien,  indem  die  einen  mit  der  nominalen  zusammenfallen, 
die  anderen  dagegen  aus  der  Verschmelzung  des  adjectivischen 
Thema  mit  dem  Pronomen  ja  hervorgehen.  Zur  ersten  Kate- 
gorie gehören  der  sing.  nom.  m.  liubs;  der  sing.  gen.  m.  n. 
liubis;  der  sing.  dat.  f.  liubai;  zur  zw^eiten  Kategorie  sind  zu 
zählen  der  sing.  nom.  n.  liubata  aus  liuba-jata;  der  sing.  acc. 
m.  liubana  aus  liuba-jana;  der  sing.  gen.  f.  liubaizos  aus  liuba- 
jizos ;  der  sing.  dat.  m.  n.  liubamma  aus  liuba-jamma;  plur. 
nom.  m.  liubai  aus  liuba-jai;  der  plur.  gen.  m.  liubaize  aus 
liuba-jize  und  f.  liubaizo  aus  liuba-jizo;  der  plur.  dat.  für  alle 
Genera  liubaim  aus  liuba-jaim.  Die  dritte  Kategorie  bilden 
jene  Formen,,  welche  sowohl  nach  1.  als  nach  2.  entstanden  sein 
können ;  es  sind  die  folgenden :  der  sing.  nom.  und  acc.  f. 
liuba ;  der  plur.  nom.  acc.  n.  liuba ;  der  plur.  acc.  m,  liubans ; 
der  plur.  nom.  acc.  f.  liubos.  So  Leo  Meyer  im  Anschluss  an 
Ebel,  Zeitschrift  für  vergleichende  Sprachforschung  5.  304 — 
309.  356 — 358.  Über  die  Flexion  der  Adjectiva  im  Deutschen. 


über  tue  zusammengesetzte  Decliuation  in  den  slavischen  Sprachen.  151 

Berlin.  1863.  Über  das  deutsche  insbesondene  das  gothische 
Adjectiviun.  Aus  Pfeiffer's  Germania  9.  129—137.  Wien.  1864. 
Die  gothische  Sprache.  Berlin.  1869.  449 — 452.  Dagegen  be- 
haupten andere  die  , wesentliche  Identität  der  deutschen  Adjec- 
tiv-  und  Pronominalflexion  mit  Ausnahme  gewisser  Casus^ 
Scherer,  Zur  Geschichte  der  deutschen  Sprache  397. 


Was  haben  wir  als  das  allen  slavischen  Sprachen  zu 
Grunde  liegende  anzusetzen?  Es  scheint,  dass  sich  das  beste- 
hende nur  durch  die  Annahme  erklären  lässt,  dass  die  Sprache, 
aus  welcher  die  heutigen  slavischen  Sprachen  hervorgegangen 
sind,  beiden  Prineipien  huldigte,  dass  demnach  das  sogenannte 
definite  A^jectiv  sowohl  compositionsartig  durch  Verschmelzung 
des  adjectivischen  Thema  mit  dem  entsprechenden  Casus  von  ^t> 
zu  einem  Worte,  als  auch  durch  die  Nebeneinanderstellung  des 
adjectivischen  und  des  pronominalen  Casus,  ursprünglich  als 
zweier  selbständiger  Worte,  bezeichnet  MTirde.  Ob  beide  Prineipien 
gleich  ursprünglich  sind  oder,  wenn  eines  von  beiden  das  ältere 
ist,  welches,  das  sind  Fragen,  zu  deren  Entscheidung  uns  die 
Praemissen  fehlen. 


Anhang. 


I.  Wodurch  unterscheidet  sich  die  pronomi- 
nale Declination  der  slavischen  Sprachen  von  der 
nominalen? 

Bevor  ich  diese  Frage  beantworte,  glaube  ich  diejenigen 
Pronominal-Formen  anführen  zu  sollen,  in  deren  Bildung  ein 
Unterschied  zu  Tage  tritt.  Es  sind  folgende:  1.  sing.  gen.  m. 
und  u. :  to-go  aus  tt,  dagegen  raba  aus  rab'i, ;  2.  sing.  dat.  m. 
und  n. :  to-mu,  dagegen  rabovi,  und  daraus  rabu;  3.  sing.  loc. 
m.  und  n. :  to-nib,  dagegen  rabe;  4.  sing,  instr.  m.  und  n. 
te-mb,  dagegen  rabt-rat;  5.  dual.  dat.  instr.  aller  Genera:  te-ma, 
dagegen  rab^L-ma;  6.  plur.  gen.  aller  Genera:  te-h-L,  dagegen 
rabx;    7.    plur.    dat.    aller    Genera:    te-m-L,    dagegen    i-ab'b-mh  • 

8.  plur.  loc.  aller  Genera:  te-h'L,  dagegen  rabt-hi»  neben  rabe-h'i. ; 

9.  plur.  instr.  aller  Genera:  te-mi,  dagegen  raby  aus  rab%-mi : 


152  Miklosich. 

mit  raby  für  rabT>-i  vergleiche  man  aind.  gatais,  tais;  10.  plur. 
nom.  aller  Genera  te  im  Gegensatze  zu  rabi,  welche  Form 
jedoch  auf  das  Russische  beschi'änkt  ist.  Kein  Unterschied 
besteht  —  abweichend  vom  Altindischen  —  im  sing.  nom.  n., 
da  to  wie  dobro  aus  -a-m  zu  erklären  ist,  indem  aus  ta-d  slav. 
wohl  te  geworden  wäre. 

Der  Unterschied  besteht  demnach  1.  für  den  sing.  gen. 
m.  und  n.  in  dem  Casussuffix  go,  worüber  ich  im  LXII.  Band 
48  dieser  Sitzungsberichte  gehandelt  habe.  Neben  go  für  aind. 
gha  findet  man  ga,  das  aind.  gha  entspricht:  jega,  koga,  ne- 
koga,  kojega.  Monumenta  palaeo-slovenica  XI;  2.  für  den  sing, 
dat.  und  loc.  m.  und  n.  in  der  Anwendung  des  Elementes 
sma,  über  dessen  Entstehung  Scherer,  Zur  Geschieht^  der  deut- 
schen Sprache  268,  eine  Vermuthung  aufstellt.  Wer  die  An- 
wendung von  sma  in  der  pronominalen  Declination  zulässt, 
wird  gegen  die  Anwendung  von  go  bei  der  Gleichheit  der 
Bedeutung  von  sma,  worüber  Bollensen  in  der  Zeitschrift  der 
deutschen  morgenländischeu  Gesellschaft  22.  627  nachgesehen 
werden  kann,  und  gha  kaum  viel  einwenden  können;  3.  für 
den  plur.  gen.  m.  und  n.  in  dem  Casussuffix  säm,  woraus  zu- 
nächst ha  und  daraus  ht  entstanden  ist;  4.  für  den  sing,  instr. 
m.  und  n.  so  wie  für  den  plur.  gen.,  dat.,  loc.  und  instr.  und 
den  dual.  dat.  und  instr.  aller  Genera  in  der  Anwendung  des 
Elementes  i,  indem  das  e  der  Formen  temt,  teht,  temt,  temi 
und  tema  aus  oi  gerade  so  entstanden  ist  wie  peti  aus  poj-ti,  | 
im  Praesens  poj.'|.  Das  Element  i  fehlt  im  dual.  dat.  instr.  abl.  1 
des  altindischen  jabhjäm.  Alle  übrigen  Formen  werden  wesent- 
lich nach  den  auch  für  die  Nomina  geltenden  Regeln  gebildet. 
1.  der  sing.  gen.  f.  toje,  jeje  ist  hervorgegangen  aus  den  durch 
Anfügung  des  erwähnten  Elementes  i  gebildeten  Themen  toja 
und  jeja,  wobei  zu  beachten  ist,  dass  nicht  nur  in  den  lebenden 
slavischen  Sprachen  sich  die  aus  ta  und  ja  gebildeten,  auf  ein 
älteres  te  und  je  aus  ta  und  ja  zurückweisenden  Formen  te 
und  je  finden,  sondern  auch  die  altsloveuische  Sprache  von 
ja  in  der  zusammengesetzten  Declination  die  Form  je  aufweist: 
dobry-je.  Dasselbe  ist  2.  eingetreten  im  sing.  dat.  loc.  f. :  toj 
und  jej  sind  aus  toji  und  jeji  von  den  oben  angeführton  Themen 
toja  und  jeja  entstanden;  daraus  ergibt  sich  die  Berechtigung 
des  Zweifels,  ob  tom  und  ich    wirklich    einsilbig   zu    sprechen 


über  die  zusammengesetzte  Declination  in  den  slavischen  Sprachen.  lÖ'J 

seien.  In  der  zusamniengesetzten  Declination  "i  auch  des  Alt- 
slovenischen  tritt  j  oder  vielleicht  richtiger  ji  statt  WM  ein. 
3.  Der  sing,  instr.  f.  toja,  jej;^  ist  auf  dieselbe  Weise  gebildet. 
Man  beachte  das  dem  asl.  tojt^  entsprechende  cech.  toji.  Saftirik, 
Pocätkove  11,  und  das  neuslovenische  to  und  njo  und  ja  in 
der  zusammengesetzten  Declination  des  Altslovenischeu;  4.  die 
Formen  für  den  dual.  gen.  aller  Genera  toju  und  jeju  bestehen 
neben  dem  ju  der  zusammengesetzten  Declination  gerade  sowie 
sich  merkwürdigerweise  aind.  neben  jajos  jos  findet.  Man  beachte 
noch  folgende  kürzere  Formen  :  sing.  gen.  f.  A\C«h<i\  sup.  93.  26. 
CBC/'K  für  ciic>(>^  bon.;  sing.  dat.  f.  koh  sup.  395.  7.  8.  9.  10. 
CRC>H  sup,  148.  1.;  sing.  loc.  f.  ckoh  sup.  44.  17.;  sing,  instr.  f. 
KOKK  sup.  410.  11.;  dual.  loc.  a\c>k>  sup.  386.  28.  Vergleiche 
W.  Scherer,  Zur  Geschichte  d(ir  deutschen  Sprache  389. 

Welche  Wörter  der  pronominalen  Declination  folgen, 
habe  ich  im  vierten  Baude  der  vergl.  Grammatik  dargelegt. 
Es  scheint  jedoch,  dass  auch  Adjectiva  derselben  folgen  können, 
indem  den  pronominal  gebildeten  Casus  die  Bedeutung  der 
nominalen  Formen  zukommt:  itvk  JKiiKOro  c;Ki|ia  Sav.-kn.  41. 
für  (,\k  'AMWA  c;Ki|Jit.  In  demselben  Denkmal  liest  man  51. 
M3H,\,tT'K  c>npai;k,v»unv  r'K  A'^'^t^  <^B'^"  "♦'^♦^-  »^narc»,  worüber 
Vergl.  Grammatik  3.  71.  nachgesehen  werden  kann. 

II.  Die  Aussprache  des  h  aus  aind.  ja,  j  u. 

Da  weder  das  glagolitische  noch  das  cyrillische  Alphabet 
für  den  Consonanten  j  ein  Zeichen  hat  —  was,  nebenbei  be- 
merkt, den  vielleicht  überflüssigen  Beweis  liefert,  dass  selbst 
das  ältere  der  genannten  Alphabete  nicht  für  das  Altslovenische 
geschaffen  wurde  —  so  kann  darüber  ein  Zweifel  obwalten, 
ob  anlautendes  ii  wie  i  oder  wie  ji  zu  sprechen  sei.  Dieser 
Zweifel  besteht  namentlich  hinsichtlich  des  sing.  acc.  m,  ii  cum 
und  des  sing.  nom.  m.  niKf  qui. 

Wenn  man  erwägt,  dass  das  genannte  Pronomen  aus 
aind.  jam  hervorgegangen  ist,  so  möchte  man  freilich  das  Be- 
denken für  grundlos  erklären  und  geneigt  sein  anzunehmen, 
ja  sei  gerade  so  in  ji  übergegangen,  wie  aus  aind.  jesäm  und 
jeäu    in    der  That   asl.   jih't   entstanden  ist.    Pronomen    h  eum, 


154  Miklosich. 

sagt  Dobrovsky,  Institutiones  24,  pronunciari  mollius  quam 
coniunctionem  h  et,  niinirum  uti  ji,  iam  Smotriskius  docuit  et 
Caramanus  coufirmat.  Boliemi  ex  h  diplithongum  jej  formarunt. 
Derselben  Ansicht  war  Kopitar,  der  Glagolita  Clozianus  73 
lehrt,  dass  np'k/i,JmHi"  aus  iip'k,\,<»A\K  h  tradam  eum  wie  predam 
ji  zu  lesen  sei.  Nach  Schleicher,  Compendium  133,  ist  aus  ja- 
jü  und  aus  jü  zunächst  i,  anlautend  i  geworden,  das  aller  Ana- 
logie nach  als  ji  zu  fassen  sei.  f 

Diese  Ansicht  wird  dadurch  erschüttert,  dass  allerdings 
O^KH  H  occidit  eum  gesagt  wird,  dass  jedoch  aus  Ha  h  in  eum 
nicht  etwa  Ha  h  oder  na  hh  d.  i.  na  nji  entsteht,  wie  aus  Ha  ii 
in  eas  (duas)  in  der  That  na  hh  d.  i.  na  nji  wird,  dass  viel- 
mehr in  eum  asl.  durch  na  hk  d.  i.  na  nj  aus  na  njt  (Vergl. 
Grammatik  1.  172)  ausgedrückt  wird,  dass  demnach  in  diesem 
Falle  an  die  Stelle  von  h,  wie  sich  aus  der  Erweichung  des 
n  ergibt,  ji.  getreten  ist. 

Diese  Erscheinungen  werden  mit  einander  durch  die  jj 
Annahme  in  Einklang  gebracht,  dass  ja  in  jt  und  dieses  ent- 
weder in  H  oder  in  j  übergeht,  je  nachdem  es  einen  eigenen 
Accent  hat  oder  enklitisch  mit  dem  vorhergehenden  Wort  unter 
Einer  Betonimg  wie  zu  Einem  Worte  verbunden  wird:  die  Ver- 
wandlung in  H  wird  durch  den  nothwendigen  Abfall  des  t 
herbeigeführt.  Es  heisst  daher  npH30BH  h  d.  i.  prizovi  i,  wohl 
nicht  prizovij  advoca  eum  neben  dem  eum  hervorhebenden 
npHacBM  M%rc.  Dagegen  h^h  na  hk  proliciscere  contra  eum  neben 
H,i,H  Ha  Hi€ro.  Dasselbe  gilt  von  dem  von  jt  abgeleiteten  \i^i : 
OTH;i,f,  H;i,t  H  H'kcTTv  iiH;i,'kTH  abüt,  ubi  videri  nequit  sup.  301. 
23  und  /i,o  hk;i,6  aus  donjtde.  Dass  nach  na  und  do  und  den 
anderen  Praepositionen  ein  euphonisches  n  eingeschaltet  wird, 
ist  bekannt.  Folgt  enklitisches  ji.  auf  ein  mit  t  auslautendes 
Wort,  so  wird  h  (d.  i.  h,  j)  geschrieben  und  t  meist  zu  'hl 
gesteigert,  daher  ;v,OKp'KiH  aus  ^OKp'K-j'K;  dasselbe  findet  vielfaltig 
auch  nach  Verben  statt:  npM,3ßaK'KiH  d.  i.  prizvavyj  -poT/SKi^xq 
aü-cv  sup.  75.  27.  j\,i\  noroYKHT'KiM  (d.  i.  pogubityj)  ornTv  ut  con- 
sumat  eura  ignis  124.  24.  KH^'kK'Kiii  d.  i.  videvyj  postquam 
eum  conspexit  142.  11;  232.  7.  jy,A  H.^royK/ÄTMH  d.  i.  izgubct};) 
ut.perdaut  eum  sup.  301.  10.  Die  von  Dobrovsky  angenommene 
Schreibung  nctcTaBHA'ii  m  posuit  eum,  Institutiones  24,  die  auch 


XTbei  die  zusammengesetzte  Declination  in  den  slavischen  Sprachen.  loO 

icli  in  den  Monumenta  palaeo - slovenica  durciig-iifülirt  habe, 
halte  ich  nach  genauerer  Prüfung  der  Sache  für  unrichtig. 
Consequent  wird  iip'k.y.iAMii"  tradani  cum  Cloz.  172.  predamij 
zu  lesen  sein,  indem  vor  j  der  Halbvocal  k  ebenso  in  H  über- 
geht, wie  in  den  früher  angeführten  Beispielen  'k  in  'Kl  ver- 
wandelt wurde.  Anders  deute  icli  ni\A\/Ä'rni"/\\'K  aus  llaA^/^TkH/\\'h 
in  K'k  7Ki  npa3^\,KHHK'K  naiV\/ÄTMi'A\'K  li'KHHkHak  erat  autem  festuni 
memoria  eis  continua  Cloz.  318,  indem  hier  nur  die  Verän- 
derung des  k  in  H  eingetreten  ist :  dasselbe  ist  der  Fall  in 
BKiHHO^VOyiJJHH  men.-mih.  ,39.  a.  aus  K'K  HHOAoyuiiiH.  H  ist  dem- 
nach als  eine  w^ahrhafte  Enklitika  anzusehen,  und  nur  so  sind 
Verbindungen  wie  iipiiaßaK'kiM  und  ii(rk,v,a-\\ni"  erklärbar.  Man 
beachte  hiebei  auch  OEp'kTkiii  T'kac»  £josv  /.al  ß(.)[j,6v  act.  17.  23. 
sis.,  wo  H  et  ebenso  behandelt  wird  wie  sonst  H  eum. 

Wie  H  aus  aind,  ja,  verhält  sich  auch  Hi\\  aus  aind.  jam, 
daher  zunächst  aus  j^m.  jt  geht  im  Anlaut  in  H  über,  im 
Inlaut  bleibt  es  der  Wesenheit  nach  unverändert:  iiMüf^,  da- 
gegen R'kHk.W/'K,  CKHkAX'K  aus  v'inj'Lma,  ST-nj-Lmi,  mit  eingeschal- 
tetem n.  Mit  dem  perfectiven  mm,  w\th  prehendere  hängt  das 
durative  HAxHiTH  habere  und  das  frequentative  haxath  prchen- 
sare,  prensare  zusammen:  das  erstere  enthält  die  unverändcj'te 
Wurzel,  daher  jtm,  woraus  sich  das  nsl.  nemam  aus  nejmam 
erklärt:  in  haxath  hingegen  ist  der  Vocal  der  Wurzel  gestei- 
gert;,  woraus  sich  ergibt,  dass  maxatm  für  jimati  steht,  nicht 
etwa  für  jemati,  da  daraus  wohl  ein  asl.  ra.WATH  w^erden  müsste. 
Aus  diesem  Grunde  kann  ich  mich  nicht  mit  Öchlcicher's 
Ansicht,  Compendium  133,  befreunden,  dass  iskati  und  iti  füi- 
jeskati  und  jeti  stehen.  Belehrend  ist  in  dieser  Hinsicht  jad 
(jamt  edo),  das  Schleicher,  Compendium  132,  unbedenklich 
dem  aind.  ad  zur  Seite  stellt,  847  jedoch,  der  Wahrheit  näher 
kommend,  aus  ed  entstehen  lässt,  das  jedoch  aus  jcd  hervor- 
gegangen ist,  wie  das  nsl.  jem  zeigt:  aus  aind.  ad  ergibt  sich 
nämlich  durch  Steigerung  ed,  und  daraus  nach  Hinzufügung 
des  Vorschlags  j  —  jad,  wobei  hinsichtlich  der  Steigerung  an 
sed  (sesti)  considere  aus  aind.  sad  erinnert  werden  kann. 

Aus  dem  oben  angeführten  ergil)t  sich  die  hier  dargelegte 
Aussprache  der  Casus  der  zusammengesetzten  Declination  für 
die  älteste  Zeit  als  wahrscheinlich:   sing.  nom.    m.    dobryj,   do- 


1Ö6        Miklosich.  Über  die  zusammengesetzte  Decliuation  iu  den  slavischeu  Sprachen. 

bljij ;  f.  dobraja^  dobljaja-,  n.  dobroje,  dobljeje;  dat.  m.  n.  do- 
bruumu,  dobljuumu ;  f,  dobreji,  dobljiji;  loc.  in.  n.  dobrejenib, 
dobljijinib  ;  f.  dobreji,  dobljiji ;  instr.  m.  n.  dobi-yjimi^  dobljijimb; 
dobroja,  dobijejf^;  dual.  in.  dobraja,  dobljaja;  f.  dobreji,  dobljiji; 
dat.  instr.  m.  n.  f.  dobryjiiiia,  dobljijima;  plur.  noni.  in.  dobriji, 
dobljiji;  f.  dobryje,  dobljeje;  g-en.  m.  n.  f.  dobryjiht,  dobljijihi. 
u.  s.  w. 


Haupt.     Kruilei-  l'liilipps  Miirieiilt'lu'ii.  lö/ 


Bruder  Philipps  Marienleben 


Joseph  Haupt. 

/iu  den  beliebtesten  Büchern  des  XIV.  und  XV.  Jahr- 
hunderts g-ehürte  in  Deutschland  das  Marienleben  des  Car- 
thäusers  Philipp.  Das  geht  schon  aus  der  Zahl  der  uns  ent- 
weder vollständig  oder  in  grösseren  und  kleineren  Trümmern 
verbliebenen  Hss.  hervor.  Zu  den  bisher  bekannten  fünfund- 
zwanzig treten  in  den  folgenden  Blättern  fünf,  von  denen  zwei 
bisher  zwar  bekannt  aber  nicht  erkannt  waren,  die  andern  drei 
jetzt  erst  aus  der  Verborgenheit  ans  Licht  gezogen  werden. 
Mit  der  Zahl  von  dreissig  Hss.  tritt  Philipp  zunächst  den 
Werken  Wolframs.  ^ 

H.  Rückert  hat  dieses  Reimwerk  1853  als  den  XXXV. 
Bd.  der  Quedlinburger  Bibliothek  der  deutschen  National-Lite- 
ratui"  veröffentlicht  und  keinen  Anstand  genommen,  den  Text 
in  die  gemeine  mhd.  Sprache  umzuschreiben.  Die  Fülle  von 
Reimen,  die  laut  gegen  jede  rahd.  Mundart  schreien,  hat  er 
zwar  nicht  überhört,  sie  aber  als  österreichische  zu  rechtfer- 
tigen gesucht.  In  allen  Fällen,  wo  ihm  dies  unmöglicli  war, 
I  musste  entweder  der  Archaismus  herhalten  oder  die  Verwilde- 
jrung  der  Sprache  im  XIV.  .Jahrhundert  Schuld  tragen. 


*  Fr.  Pfeiffer,  Qnellenmaterial  zu  altdcTitsclieii  Diclitiing'en  (Denkschriften 
der  k.  Akademie.  Bd.  XVII.)  zählt  S.  lU)  vrnn  Tarzival  4:^,  S.  .'iS  vom 
WiHeliahii  .S5  Hss.  auf;  Zahh^n,  die  von  keincni  .■nidcnu  liiiftt-llioch- 
dentsclien  Dichtwerk  erreicht  werden.  Von  den  Nihelinigen  sind  alles  in 
allem  nur  'JS  Hs.s.  aufgefunden,  s.  Bartsch.  Der  Nibelunge  Not,  Leipzig 
1870  S.  XV. 


158  Haupt. 

Schon  Fr.  Pfeiffer  hat  in  seinen  , Beiträgen^  S.  XV  diese 
Behauptung-en  energ-isch  zurückg-e wiesen  und  scheint  den  Dichter 
unter  die  mitteldeutschen  stellen  zu  wollen,  obwohl  er  sich 
weder  S.  XV  noch  S.  XXX  klar  und  deutlich  darüber  aus- 
spricht. Offenbar  war  ilun  nicht  entgangen,  dass  auch  gegen 
den  mitteldeutschen  Ursprung  des  Werkes  sich  schwer  wiegende 
Beweise  aus  den  Reimen  beibringen  lassen. 

O.  Schade  hat  sich  ebenfalls  gegen  H.  Rückerts  An- 
sicht erklärt  und  ist  entschieden  für  die  mitteldeutsche  Abkunft 
eingetreten;  er  sagt  in  Liber  de  infantia  Mariae  et  Christi 
Salvatoris  Halis  Saxonum  1869  S.  8c  über  Bruder  Philipp: 
extant  Codices  multi  partim  linguam  mediae  Germaniae,  quae  ' 
est  genuina  huius  operis,  profitentes.  ceterum  .  .  H.  Rückertus 
in  dijudicanda,  qua  poeta  usus  sit  dialecto,  miro  modo  erravit.' 

Dabei  ist  die  Frage  bis  heutzutage  geblieben.  Ich  hoffe 
sie  in  den  folgenden  BLättem  zwar  nicht  vollständig  zu  lösen, 
aber  der  Lösung  näher  zu  bringen. 

In  dem  ersten  Abschnitt  werden  sämmtliche  von  dem 
streng  mhd.  und  md.  Gebrauche  abweichenden  Reime  Philipps 
zusammengestellt  und  zwar  auf  Grundlage  der  von  K.  Bartsch 
für  die  verschiedenen  Abschnitte  des  Karlmeinet  aufgestellten 
Reimgesetze.  Ich  habe  die  Schreibung  Rückerts  beibehalten, 
denn  je  greller  das  Licht  war,  das  so  auf  diese  österreichischen 
Reime  fiel,  desto  besser  war  es. 

Die  nächsten  Abschnitte  sind  dann  einem  andern  Irrthume 
über  Philipp  gewidmet,  der  nicht  weniger  weit  verbreitet  ist, 
allgemein  geglaubt  wird  und  bisher  keine  Anfechtung  zu  be- 
fahren gehabt  hat.  So  wenig  H.  Rücke rt  die  österreichische 
Heimat  Philipps  erfand,  aber  wohl  den  Irrthum  auf  einige  Zeit  ' 
befestigte,  so  wenig  hat  er  den  zweiten  erfunden,  aber  ihm 
allen  Vorschub  geleistet. 

Wenn  man  seine  Darstellung  über  das  Verhältniss  der 
von  ihm  benützten  Hss.  liest,  so  wii-d  man  zu  dem  Glauben 
verführt,  als  liege  Philipps  Werk  nächst  der  niederdeutschen 
Bearbeitung  nur  in  zwei  Recensionen,  einer  mitteldeutschen  und 
einer  österreichischen  vor/  die  im  ganzen    und    grossen    über- 

'  So  sagt  er  S.  281  von  der  Hs.  2736  der  k.  k.  Hofbibliothek,  sie  sei  im 
gröbsten  österreichischen  Dialect  des  XIV.  Jahrluuiderts  geschrieben.  lu 
sechs  gereimten  und  roth    gescliricbenon    Zeilen    erklärt   aber   Friedereich 


I 


Brnder  Philipps  Mari^nleben.  159 

einstimmen.  In  der  That  gibt  es  aber  mehrere  Recensionen, 
die  weit  von  einander  abstehen,  unil  von  denen  keine  öster- 
reichiseh  genannt  werden  kann. 

Diese  Recensionen  aufznhnden  war  allerdings  scliwer. 
Die  Admonter  Hs.  war  ihm  gänzHch  unbekannt,  sonst  hätte 
[I  er  sehen  müssen,  dass  diese  die  Recension  enthält,  aus  der  das 
Bamberger  Blatt,  von  dem  er  S.  283  spricht,  nur  ein  Bruch- 
stück ist.  Ebenso  unbekannt  waren  nicht  nur  ihm  die  Trüm- 
mer zweier  pergamentenen  Hss.  der  k.  k.  Holbibliothek,  von 
denen  die  eine  jetzt  noch  16  Blätter  in  4"  einer  Recension 
bietet,  in  welcher  Philipps  Werk  mit  dem  Evangelium 
Nicodemi  combiniert  ist. 

In  dem  letzten  Abschnitt  versuche  ich  nach  diesen  Ergeb- 
nissen die  Hss.  soweit  ich  sie  kenne  zu  ordnen.  Auf  der  neuen 
Grundlage  werden  sich  auch  die  übrigen  Hss.  an  ihre  richtige 
Stelle  einreihen  lassen.  Zunächst  wünschenswert!!  wäre  eine 
Untersuchung  der  Münchner  Hss.,  die  H.  Rücke rt  ganz  uner- 
wähnt gelassen  hat. 


I.    Philipps  Reime. 

1.  Bartsch  s.  218  ,a  für  o  allgemein  niederdeutsch.' 
trüebesal  :  wol  53. 

2.  s.  219  , Berührungen   von    langem    und    kurzem  a  sind 
selten'  um  so  häufiger  bei.  Philipp. 

a  :  ä  smal  :  mal  5016,  5062  dar  :  jär  5752  vai*en  :  waren 
8354,  9024  gevaren  :  wären  8302,  9560  samen  :  kämen 
9254  man  :  van  1874  gewant  :  haut  6208  stat  :  liät 
6007  :  rät  6082,  6262,  7534,  8214,  8228,  8242  blat  :  stät 
860  uaht  :  volbraht  1968,  2396,  7862  :  gedaht  958 
machte  :  brähte  9018  :  gedähte  8556    slahte  :  brähten  3502. 

ä  :  a  jär  :  gar  4928  wären  :  varen  2772,  2926,  8286,  8290  :  ge- 
varen 8340;,  9268  kämen  :  namen  3278  nämen  :  namen 
8878  :  samen  7218    häs  :  was   10002    hänt  :  bekant  4918 


Grüeninger  ans  Weikersheim  der  Stadt,  dass  er  der  Schreiber  sei.  Wei- 
kersheiiu  liegt  im  würtenibergisclien  .Taxtkreis  an  der  Tauber  1 '/,  Meile 
östlich  von  Mergentlieim  und  ist  bolicnlohiscli.  Mit  Recht  sagt  also  der 
Schreiber  in  Frankenlaud. 


100 


11  a  n  \tt. 


^rCii  :  liut  4.')1  f^illxui  :  IimIx^i  ,'>000  :  liibcn  782  luäg'e  :  tage 
24;j()  g-edulit :  naht  IHM)  hraliten  :  lalitoii  2(;76  :  slahte  3578. 
.').  s.  211)  ,(i  mit  V.  <^('\miu[vi\  aiicli  sein-  scltcui'  iiiii  so  liäu- 
{\^vv   l»('i    l*liili|>|). 

ö  :  e  swcni    :    lirni    TS.'iS    Iri-   :    (I<m-   *.)ir)J     1)('V(^1(5    :    sele    9438 
Gi'toii  :   w(M'(l(!ii   201 S    licrre  :  licic  ,'M4(). 
4.  s.  211)  ,<l<!r  Wocliscl   von   c   und   i,  (1(m-    LJebergang  von 

i   in   ('   zeigt  .sich    in   /ahh'oichen    Heimen.' 

e  :   i     weter  :   wider  322.'")    sw(Mt  :  enwirt  G5.50 

(!  :   i     denken    :   versinken    ,'),3.32    nnil)elu;nge  :  volhringen    707 

i   :  e      ijn   :    kcm   ,'502   :   nein   709() 

i  :  (!     rinnet  :  gei'onnet    2250    sitzen    :    ersetzen    il99G    kinde 
eilende  4182  :  ende  7330,  7480,  7490  :  hende  7386,  7418 
vinde   :  ende  705()     binden  :  lenden   7206  :  henden  6816  , 
tiinkcii   :  gedenken    S722  :  entwenkeii  6472  bringet  :  men 
get    hlOd;    niht  :  geseht  (5402  ist  niet  :  g-esiet  zu  lesen. 

e  :   i     .b'rusalem  :  .loaeiiim  8.3,  257,  505  :   im    1  108,  8850  :  hin 
4770    Nazareth   :   mit  56(K)  .loachim  :  Jerusalem  395,  427 
im    :    r.elhh'hr'iu    .512    hin    :  .lei-iisalem    2526.     Ueber    den 
X'crhalt   von   ac   zu  den   übi'ig(Ui   i'  si(^he   unten. 
.5.   s.  221    ,i   berührt  sich   mit  i  in  einigen   Worten.' 

i   :  i     sit(!  :  ziten  5078    izzet  :   bizet  8187     vil  :  \\\\    \'V)    pin  : 
sclun    1688    in  :   sehin  .37.">8    Sera]ihin  :  in   9794. 

I   :   i     zit  :  sit  (-=  siht)  2056    wil  :  vil  S404    kui'zewil  :  vil  \)HH,   j 
1961    kuizciwile  :  spile  .'5716    min  :  bin  5246   swiii  :  in  5580 
sin    :    hin    Sl  12. 
1  >ic  zahlreichen     K'eime    Avv    pronominaliMi    I<\M'men     mich 

dich   sich   aiil"  rieh    lieh    u.   s.    w .    bleiben   ausser  Hetraeht,   da.  sie 

als   ziemlich   allg<'mciu    nichls    licwciseii. 

6.  S.221  ,l>eridn  iing- \(Mi  i  und  ic  isl  vcrhällnissm/issig'  selten.' 
i    :    ic      spiltcn    :    lichicitcn     II,".  I     silcn  :   nicicu    ,'5721     tic\il  :  \icl 

5580. 
ic   :   i      vielen  :  s|»ilcn    16  |S  siech  :  sich  5500,  5510  i'wv  :  ir  4722. 

7.  s.    L*'il    ,o   siclil    l'iii-  ;i    nach    nicdciländisi'hci-   ^\'cise   vor 
1  ii(|uiden.* 
.■i   :   o      wait    :    worl     llOl,    H\^iiO    varn   :    geborn    3498    gvvarn  : 

gcboin   ;',.")7t>    ni;in   :  Siineon  2680  :  Symon   719(),  8(510. 
o   :   a      Wort    :    warl     INI,   4(i22,  .5542    geborn   :   varn   ,'5576    ge- 
noincn  :  namcn  ;5(');5  siui  :  .loliaii  4214    nämlich  son  :  ,lohan. 


Hrndcr   )'liili|i|is   MMiiciilcliiMi 


ICl 


S.  s.  'J'J'J  ,(t  hci'iiliinl  sich  iiiil  o  Musscr  dem  nlli^ciiicin 
iniltcldciitsclicii  lidilc  iiiiil  <;'cliiiil  iVir  liöilc  iiikI  i;;clioi-|  iiiii'  in 
roH  :  los'.  Um  so  zalilrciclicr  sind  riiilipps  licis|»iclf,  so  icclil 
/.um  l>(iW(3iso,  djiss  er  den  l Iiitorscliicd  /wisclicii  ljuif>;(Mi  und 
kiif/cn  Vocjilcn  nii'lil  kiuiiil. 
o  :   o     Avoilcii  :  lioi-lfii     17()()     lor  :  Uoi-   \W{),    9(512    i;o!    :   iiAt, 

r)14()  :   l>ro(    S7II    :  i^vl.ot    2712,    2.S;5S  :   lA|.    2;'.!»S,    2(;S2, 

r>7()2       s|>ol    :    i'ot     (')S()2      roc    :    Iriioc     (     :     roch    :    Iroch, 

r)()7(;. 
o  :   o      horte  :   wortc  •|S12    tirdioric  :  wcirtc   (ilil     i;-chrtrlc  :  woric 

DOlO    horten   :   woiicii    I7<)(;     kor  :  vor  '.I7()S     kröne  :  koiic 

lOOlO     nöl   :  i>H>bol    4^)'M\     bröl,  :  ^ot    f)SS(;,    SIlM,    IKidC, 

97!)()     lAl   :  f^-ot    27(;0    j-obot  :  j^ot    OälW     röl,  :  s])oi    ,sr)7() 

io(h!   :   ,t;-ol.e   8054. 

Woj>;en    d    :    I    im    h'lzteu    H(!is|Meh'   siehe    unten    2ß. 

!>.   s.    222   ,o    liir   u    ist    ;dl^eniein    üblich'. 
U   :    t»      wurde    :    wm-te   ScS.'M     siine    :    kone   i)!l2(). 
u   :    u      woriiui   :    wurden   '.IIK'»      wollen    :    widteii    2851'»      wohlc   : 

sc.iiulde    8.552      sohle   :   schuhh;     7882,    878(i      soll.   :   schiill 

2148. 

FeriKu-  nuch  n  mid   o. 
U   :   o      wui'den    :    hörtcin    7'.)t>,   4'.)8(;     suii    :    persön    •)*.I72. 
o  :   n     iraslc  :   kiisle  nn)8. 

10.  s.   222   ,11   wird    zuweilen    mit    i    j;-ebuM(leir. 
i  :   u     <lieke  :   ruck<!  ;*.8,")8,   kint,  :   vrunt.  7M8. 
u  :   i      ervidhin  :  wilhin   5li.')(),     \  ruul  :  kint   4051;    vrundeii  :  \  iu- 

(Umi  47!H;. 

I  );i  l*liiü|)|i  keinen  rnil;ml  \(iii  u  kennt,  so  n-e|i<irl  hieiiei' 
iiueli  i\r\-  Itcini  \runl  :  en/iindt  1  108,  und  ist  /ii  lesen  \'i'unt,  : 
CMi/iinl.  hiese  IJeiuu'  h;it  ;iui'li  II.  \-on  Veldi'ke,  W'rrnhci-  \nn 
Micderrhein    und    ;indere.    Zeitsch.    ,\ .    j  ,'}4-. 

11.  s.  22.")  ,1  »(uiihruni;'  \(ui  a  :  o  /cifri  sich  in  (ütii;;'en 
Ruimcu  : 

a  :  o     o-clAn:  h',n  .5:544,  da:  zwo  7802. 
0   :   a      zwo    :    Ma,-4-<laI(uia  80(5   :   d;i    7*512,    8lO(i. 

I  )a    bei    l'hili|>|>    o   :   ö    aich    berühren,    so    ^'(duiren     hiehei' 

iUieh    di<^    lv(;im(; : 

')   :   a      k(unen    :  er(ju;'nneii    4('>(5(»    genomen  :  nänien    ,'5().'»    :    kämen 

8.574,  807 (). 
Sitzi).  ii.  iiiiii,  iiiii.  ci.  lAvnr  r..i    u    im  11 


162  Haupt. 

Statt  zwo  ist  zwä  zu  lesen,  wie  auch  im  Karlmeinet  zwä  : 
nä  169,  11 ;  268,  2  und  sonst  gereimt  wird^,  ferner  statt  ver- 
raetet  :  ertoetet  5228,  verratet  :  ertötet. 

12.  s.  224  ,ä  steht  für  ei  durch  Contraction  ziemlich  all- 
gemein.' treit  :  genaet  3644  =  trat  :  genät  (?  treget  :  geneget) 

13.  s.  224  ,e  für  ae  allgemein  in  allen  Theilen  des  Ge- 
dichtes.' 

ae  :  e     staete  :  prophete  9650    saeh  :  e  4186     waene  :  zwene 

5848. 
e  :  ae     e  :  saeh  4750    gen  :  säen  3710    gesehen  :  kraen  6424. 
Dieser    Reim   ist   besonders   häufig    mit    folgendem  r,  die 
Beispiele  Hessen  sich  noch  vermehren : 

ae  :  e     waere  :  ere  1824,  2098,  4990  5396  :  here  3236  :  wider- 
kere   4792    verkeren   3926  :  lere  515,  5104,  6078,  8434, 
8450,    8540,    9062   :   mere   5158,    8912  :  sere   4274   wae- 
ren  :  eren    1516,    2306  :  keren  1842,  3114,  3416,  3442  : 
lere  4750     beswaeren  :  eren    1366     beswaerent    :   verke- 
reut  4742     beswaert  :  gesert  3102     beswaerte  :  erte    640 
bihtegaere  :  here    10015    maere  :  lere    5460,  8946    trüge- 
naere  :  lere  7114    zouberaere  :  lere  4680. 
e  :  ae     ere  :  waere  602,  4758  erte  :  beswaerte  1366  gere  :  waere 
4464   here  :  gebaere  1934  :  waere  753,  820,  1274,  2528, 
8454  :  swaere  7514  kerte  :  vermaerte  670  verkeren  :  swae- 
ren    159    :    trügenaeren    9050   lere    :    maere    5460,    7048, 
7674  :  swaere  3214,  8208,  8246,  9042  :  waere  2272,  4906, 
5386,  5894,  6596,  6602,  8154,  8530,  8880,  9076  :  waeren 
4930   mere  :  swaere    3560    sere    :   maere   4348   :   rihtaere 
7095  :  swaere  111,  4430,  7564  :  waere  8138. 
Für  Philipp  existirt  keine  Länge  oder  Kürze  und  der  Unter- 
schied von  gebrochenem  oder  offenem  e  und  aller  andern  eben- 
sowenig, das  heisst,  er  reimt  ae  :  e  :  e  :  e  nach  Gefallen, 
ae  :  e     waer  :  her  4688  laere  :  Lucifere  9728  beswaert  :  wert 

2660  phlaege  :  wege  4922. 
e  :  ae     gesehen  :  jaehen  2548  knehte  :  brachte  1238. 
e  :  e     keren  :  mere  3206   herre  :  mere  3208    kerten  :  gewerten 

2896  sele  :  quelen. 
e  :  e     here  :  mero  5570   geverten  :  kerten  2630    stet  :  Nazareth 

5718. 
e  :  e     her  :  her  9228     erde  :  werte  2892. 


Bruder  Philipps  Maricnlelmn.  1G3 

o  :  e     gesiebte  :  rehte  31,  39     perte  :  erde  4119. 

14.  s.  224  ,e  für  ei  durch  Reime  gesicherte 

ei  :  e  heim  :  Bethlehem  1510,  1802,  1940  :  Jerusalem  1525, 
382n,  7730,  7946,  9500  arbeit  :  Nazareth  5695  leit  :  Na- 
zareth  4704  beiii  :  gen  8408  beilic  :  selic  9764  (oder 
heilieb  :  selicb  nach  den  Reimen  unter  31  ?). 

e  :  ei     Jerusalem  :  beim    117,    223,    1834,    2632,    2726,    4790, 
4838,    8304     Elisabeth  :  treit  1678     Gabriel  :  meil  1840, 
sei  :  meil  1220,   1570      Magdalene  :  reine    7900    Magda- 
lenen  :  einen  5974  :  weinen  7080. 
Hieher   gehört    nach    dieser    und   der  vorigen  Regel  auch 

swester  :  meister    5798;,   7804,    7914,    7940  und   sinewel  :  meil 

862  nämlich  swester  :  mester,  sinewel  :  mel,  ebenso  geheizen  :  ge- 

sezzen  5972. 

15.  s.  224  ,e  für  ie'. 

e  :  ie     herre  :  schiere  8978    bogen  :  vlien  2404. 

ie  :  e     zierte  :  erte  65  zieren  :  meren  9726  disputieren  :  leren 

4816. 

lieber  gen  :  vlien  s.  auch  unter  20. 

16.  s.  225  ,6  für  ou  nicht  häufig'. 

o  :  ou     poume  :  cynamöme  9762  (loup  :  lop  6144). 

17.  s.  225  ,6  steht  für  uo'. 

6  :  uo  also  :  bantschuo  3642  :  zuu  7506  do  :  zuo  1844,  2730, 
3912,  4150,  4542,  4892  (und  noch  sehr  oft)  :  darzuo  5142, 
6606,  7676  Herode  :  buote  6750  tode  :  gemuot  5248 
enböt  :  guot  6958  tot  :  guot  9306  rot  :  bluot  7380  ze- 
stort  :  gevuort  7748,  9046  kor  :  vuor  9695  (roc  :  truoc 
5076) ; 

uo  :  o  zuo  :  do  726,  734,  1514,  2770,  6622,  7760  vruo  :  do 
8048  bluot  :  rot  6846,  7772  :  tot  6954  vuorte  :  zestörte 
7958  gevuort  :  zerstört  6308  vuor  :  kör  9630,  9672,  9716. 
Für  die  UmlaÄite  von  ö  und   uo  gilt  nur  ö. 

üe  :  oe     grüene  :  schoene    9202  =  gröne  :  schöne. 

oe  :  üe     gestoerent  :  vüerent    5242    töten  :  nöten    (=  noeten) 
8770. 
Wenn  Philipp  uo  :  u  reimt,  so  galt  ihm  eigentlich  ö  :  o 

uud  so  fallen  die  folgenden  Reime   zur  Regel  9  (o  :  u)  und  8 

o  :  ö. 

11* 


164  Hanpt. 

uo  :  u  bluome  :  brintegomen  9638  bluomen  :  komen  8682  : 
kumen  9786  :  volkomen  10026  muomeu  :  kmnen  1742 
siechtuome  :  kumen  9002  magetuom  :  kumen  2118  :  sun 
2176  :  kum  1388  tuon  :  sun  4578,  4745,  7936  getuon  :  sun 
7234    tuont  :  kunt  6250    sluogen  ;  zugen  7230,  8584. 

u  :  uo  briutegum  :  magetuom  1336,  1354,  1404,  5636  (briu- 
tegom  :  kom  5716)  sun  :  tuon  1900,  2746,  3668,  4364, 
4556;  4772,  5090,  5302  (und  nocli  sehr  oft)  :  getuon  7374, 
8396,  9396  kumen  :  muomen  1742,  4202  gebuten  :  huo- 
ten  9356  zugen  :  sluogen  7108,  8628  vruht  :  vervluoht 
1034. 
Folglich  nach  dieser  und  der  folgenden  Reg-el  vuor  :  viur 

8318    vuoren  :  viuren  2884   :  schüren  3226  erhuop  :  üf  (=  er- 

hüf  :  üf)  4162    stiuren  :  vüeren  3680    hüt  :  bluot  6834,  8566. 

18.  s.  226  ,ü  für  iu  auch  allgemein'. 

zühten  :  liuhten  574,  682  nämlich    zuhten  :  lühten.    über 
vrunt  s.  oben  unter  10.  über  viur  :=  vür  s.  unter  17  am  Ende. 

19.  s.  226  ,ei  wird  mit  i  gebunden^ 

ei  :  i  enzwei  :  bi  3346  erschein  :  sin  8152  :  schin  9324  be- 
leip  :  lip  1716  geist  :  wist  8258  gemeit  :  hochgezit  9962 
leide  :  lide  7444  gescheiden  :  liden  7040  scheidest  :  lidest 
7476    einen  :  schinen  3504. 

i  :  ei  lip  :  beleip  1700  zit  :  Christenheit  4904  osterzit  :  be- 
reit 6348  liden  :  scheiden  7552  siten  :  weiten  6852,  7422. 
Da    Philipp    keine    Quantität    kennt,    gehört  hieher  auch 

ist  :  geist  4852. 

20.  s.  226  ,ie  ist  durch  Elision  von  h  und  Oontraction 
entstanden^ 

gen  :  vlien  2404  geschiet  (=  geschiht)  :  vliet  6400  vie 
:  lie  139,  2792:  enphie  275. 

21.  s.  225  ,ie  mit  i^ 

ie  :  i     liep  :  hp  4266  :  wip  5452  liebe  :  libe    365,  335,  5806, 

8268. 
i  :  ie     liren  :  jubilieren  9846,  9956. 

22.  s.  227  ,ou  für  iu  in  allen  Theilen  des  Gedichtes,  aber 
nur  in  wenigen  Worten',  nämlich  nur  in  jenen,  die  auch  bei 
Philipp  erscheinen. 

ou    :  iu     schouwe  :  riuwe  7414  schouwen  :  triuwen  5810  vrou- 
wen  :  riuwen  7340  :  triuwen  1364,  5356,  5650,  8248. 


Bruder  Philipps  Marienleben.  165 

iu  :  ou     triiiwe  :  schouwe  3178    vrouwe  754o|  75;")8  :  vrouwen 
4072    triiiwen  :  vrouwen  1468,  5356,  5448    i^etriuve  :  vrou- 
wen 1890    vntriuwe  :  vrouwe  4576. 
Dem  Philipp  eigenthünilieh :  oueh  :  iuch  4780. 

23.  s.  227  ,ou  für  öu  allgemein^ 

ou  :  öu     schouwen  :  vrouwen  6434,  6934,  8282,  9336. 
öu  :  iu     vrouwen  :  triuwen  10000. 

24.  s.  228  ,m  mit  n^ 

n  :  m  ran  :  nam  4446  getan  :  lobcsam  3436  :  vunnesam 
822  in  :  vernim  4086  drin  :  im  8644  sun  :  Jesum  1650, 
1914,  3708,  7104  :  Capharnaum  5596  gegen  :  Jerusalem 
8414    enein  :  heim  2506. 

m  :  n  kam  :  gewan  7008  Joachim  :  sin  29  :  hin  217  :  in 
453,  465  Jesum  :  sun  4354  Naum  :  sun  5520,  5522, 
Jerusalem  :  sten  269  Bethlehem  :  Cleophen  1178  ma- 
getuom  :  tuon  1464  :  getuon  1045. 

nt  :  mt  haut  :  samt  9860  zehant  :  samt  9720  gewant  :  samt 
550,  7196    kunt  :  kumt  10094. 

mt  :  nt     samt  :  gesaut  10016  schämt  :  gemant  2402. 

Klingende    Reime     konen    :    konien    3890    Cyuamome    : 

kröne  1006. 

Andere  s.  unter  4.    Ueber  das  n  des  Infinitivs  unten, 

25.  s.  230  ,eine  starke  Form  von  here,  das  immer  so 
lautet,  niemals  herre,  begegnet  neben  der  schwachen".  Die  fol- 
genden Beispiele  gehören  in  a  und  b  wegen  e  =  ae  auch 
unter   13. 

a.  herre  :  dinaere  5626  :  maere  940  :  swaere  289,  1430, 
2060,  2084,  3164,  4060,  4400  (und  noch  sehr  oft)  herrcn  : 
schephaere  2068,  3262. 

b.  maere  :  herre  3300,  5200,  5328  waere  :  herre  2494, 
2529,  2538,  2580,  2588,  2864  (und  noch  sehr  oft)  swaere  :  herre 
1904,  5684,  7892  :  herren  7820. 

c.  herre  :  ere  213,  1400,  2052,  6240  :  sere  4604,  6904, 
6016,  7346    herren  :  eren  1752,  4966  :  keren  8352  :  leren  3806. 

d.  lere  :  herre  5830  eren  :  herre  5714  keren  :  herren  4905. 
Liest   man    in    diesen  Fällen    nach  Bedürfniss    here    oder 

heren,  so  sind  die  Reime  vollständig  in  Ordnung;  auch  die 
oben  angeführten  herre  :  mere  3208  :  here  3446  u.  dgl.  ver- 
langen blosses  here. 


166  Haupt. 

26.  s.  234  ,d  für  t  ist  ganz  allgemein  in  allen  Tbeilen 
des   Gedichtes^ 

d  :  t  rede  :  hete  5194,  9138  :  tete  1016,  3558,  3772,  4216, 
4998,  5212  (und  noch  oft) :  getete  221,  261,  421,  650,  1224, 
1372,  3588  Widerrede  :  tete  3928,  3942  reden  :  teten 
3676  :  zetreten  4154,  4598  genäde  :  dräte  171,  5518 
vride  :  mite  2218,  2320,  5794  :  site  1484  :  striten  3384 
gestriten  3384  lider  :  siten  5070  liden  :  ziten  6094, 
8978  erliden  :  ziten  5330  siden  :  ziten  542,  584,  3612  : 
riten  2596  Juden  :  buten  81,  1271,  6978,  7216,  8618  : 
erbuten  6870,  7046,  7356  :  gebuten  1271,  1376,  1506  :  ver- 
hüten 6940,  8348  beide  :  breite  2938,  3828  :  geleite  2518 
beiden  :  beiten  7182  meide  :  leite  9464  scheiden  :  bei- 
ten  6398,  9224,  9278  :  beleiten  8362  :  geleite  2704  ge- 
scheiden  :  beiten  7824,  8264,  9502  :  leiten  9384  :  berei- 
ten 8982  beschieden  :  geriten  2551  schieden  :  rieten 
2562  bruoder  :  muoter  1398,  3888,  9128  müede  :  güete 
3830,  5680     tode  :  gemuote  5248. 

t  :  d  tete  :  rede  1722,  7118,  8334  getete  :  rede  1560,  4392 
stete  :  rede  4392  schate  :  entladen  2802  waten  :  gescha- 
den  3858  bäten  :  genäden  1158  dräte  :  genäde  3058 
rate  :  genäde  211  mite  :  vride  3220  weter  :  wider  3328  : 
dweder  3792  ziten  :  liden  5269,  7170  :  siden  534,  1626  : 
vermiden  481  buten  :  Juden  6342,  8646  verhüten  :  Juden 
8554  beite  :  leide  7132  beiten  :  gescheiden  8224,  8265 
leiten  :  beiden  6280  geleite  :  beide  2518,  2794  :  schei- 
den 2704  :  tageweide  3222  breite  :  beide  3820,  4630 
rieten  :  schieden  6160  muoter  :  bruoder  1399,  3858, 
7450,  8368. 

27.  s.  236  ,d  steht  im  Praeteritum  schwacher  verba  allge- 
mein für  t  nach  1  n  r^,  bei  Philipp  tritt  die  media  nach  die- 
sen Liquiden  in  allen  Worten  ein  nach  einer  allgemein  ver- 
breiteten mhd.  Weise.  Die  meisten  der  folgenden  Beispiele 
fallen  auch  unter  schon  früher  dargelegte  Gesetze. 

d  :  t  würde  :  gebürte  311,  455,  1718,  2516,  2688,  4188,  5150 
enwürde  :  gebürte  2652  wurde  :  worte  8834  worden  : 
Worten  413,  1704,  1736,  1766,  2608  9058,  9160,  9984 
geworden  :  Avorten  1646  wurden  :  horten  796,  4986  erde  : 
werte  2892  erden  :  gerten  9782  werden  :  gerten  1144,  1166. 


Bruder  Philipps  Marienleben.  167 

t  :  d     gebürte  :  würde  2U80,  2154,  2168,  7630  :  würden  2016 
gerte  :  werde   1126  :  Averdcn  2832  gerteu  :  werden  1138  : 
werde    1244     nieldent    :   scheltent  10106     Oriente  :  ende 
2442     niilte  :  bilde  680,  4992. 
Die    Reime    ürde    :    ürte    :   orde  :  orte  :   urde  :  orte  sind 

alle  nur  als  orde  aiifziitVissen. 

28.  s.  237    ,v    steht    für    b    oder    auch    b    für   v   in    allen 
Theilen  des  Gedichtes^. 

neve  :  lebe  9176     neven  :  geben  9194. 

29.  s.  237  ,f  steht  im  Auslaute  für  b  und  p'. 

p  :  f     treip  :  ergreif  670     huop  :  ruof  3292,   7888,    8920     er- 

huop  :  üf  4162. 
f  :  p     ruof  :  huop  3396,  4554,  9368     schuof  :  huop  9258. 

30.  s.  239    ,g  steht    im    Inlaut    für  h  in  sagen  für  sähen, 
sege  für  saehe  und  geschaege  für  geschaehe. 

sähen  :  lägen  61,  2898,  3364  besähen  :  phlägen  532  lägen  : 
sähen  3340,  4654  phlägen  :  sähen  2102,  2194,  2942, 
9616  :  gesähen  2447     vrägen  :  sähen  3340,  6604. 

31.  s.  239  ,Im  Auslaute  steht  für  die  Tenuis  k  durchgän- 
gig die  Aspirata  ch^ 

ch  :  c  bach  :  erschi-ac  3854  zebrach  :  gelac  4346  :  phlac 
8492  gemach  :  tac  3000  ungemach  :  lac  1880  :  mac 
8740  :  slac  6586  :  tac  123,  8074  sach  :  lac  7764  :  phlac 
8490  :  erschrac  2982,  6690,  7276  :  tac  2254,  8852  be- 
sach  :  phlac  744  ersach  :  erschrac  2268  gesach  :  phlac 
1858  versach  :  tac  6086  geschach  :  lac  2650,  3186, 
5524  :  gelac  7628  :  slac  8410  :  donreslac  8314,  9316  : 
tac  7722  mich  :  unschuldic  4408  gelich  :  gewaltic  5116 
miselsühtic  :  riudic  5494  pleich  :  seic  926  siech  :  kriec 
948     tuoch  :  genuoc  8760. 

c  :  ch  lac  :  geschach  4060,  5618,  5726,  5978  :  sach  3430, 
9530  :  gesach  7338,  9286,  9892  :  ensach  7278,  7784  : 
sprach  1318,  4102,  4384,  5738,  6466,  7134  gelac  :  sprach 
4764  erlac  :  sach  8606  :  geschach  1198,  3254  :  sprach 
1620  mac  :  ungemach  970  :  sprach  9926  phlac  :  sach 
616,  800,  860,  4342,  8478  :  gesach  816,  1210  :  sprach 
Kji'O  :  gesprach  8824  :  geschach  1198,  3254  enphlac  : 
sach  740  :  gesprach  8832  erschrac  :  sach  3402  :  besacli 
4286  :  ersach  3434  :  geschach  1810  :  sprach  8080    tac  : 


168  Haupt. 

ungemach  149,  2778,  5698,  6972,  7322  :  gesach  2692  : 
geschach  1156,  2780,  7672  :  sprach  5832,  8762  samztac 
:  geschach  4130,  4512    gedulde  :  sich  676    truoc  :  tuoeh 

8798. 

32.  s.  242.  ,h  steht  im  Praeteritum  und  Particip.  praet. 
von  sagen  legen  u.  s.  w/ 

brähten  :  lagten  2676. 

klagten  :  lachten  1956    ligt  :  niht  4090. 

Philipp  geht  darin  noch  weiter  und  reimt  naht  :  magt 
9832;  ebenso  im  Inlaute  k  :  ch  in  kirchen  :  wirken  8758 
wirken  :  kirchen  702,  712. 

33.  s.  243  ^h  wird  inlautend  und  auslautend  ausgestossen 
und  abgeworfen^ 

deo  :  ho  (=  hoehe)  2116  vie  (=  vihe)  :  lie  139,  2792  :  enphie 
27.5,  3252  hie  :  vie  (=  vihe)  3002  nie  :  vie  (=  vihe) 
3794  schriet  :  niet  4284  nie  :  gezien  4315  geschiet  :  vliet 
6400  schiet  :  niet  7036  smät  :  enhät  6287  verlihe  :  ma- 
rien  1088    gezihen  :  marien  1522    getan  :  trän  6698. 

gän  :  bevän  4478  ergän  :  slän  5205  san  :  van  4498  under- 
stän  :  slän  4568  n.  s.  w.  Auch  die  Reime  hähen  :  slahen 
8542,  8596  sähen  :  slahen  7218  slahen  :  vähen  2958 
vähen  :  slahen  2638,  2728,  3328,  3584,  7658  sind  in 
hän  :  slän  :  sän  :  vän  umzusetzen. 

gen  :  gesen  802,  4588,  7020,  7068  :  gesehen  5906,  7122,  8740 
ergen  :  gesehen  2642,  5208  erge  :  gesche  1690  bogen  : 
gesehen  7050    get  :  set  (=  sehet)  8140. 

sten  :  sen  880,.  1226  :  anesen  5066  :  gesehen  5792  besten  : 
gesehen  3492  ersten  :  sen  5252,  5274,  7174  versten  :  ge- 
sehen 3348    gesten  :  gesehen   2472    verstent  :  jent  4862. 

sen  :  bogen  9292  :  sten  1226,  7486  gesen  :  besten  8928 
sende  :  gende  9468  gesende  :  gende  5476  gesent :  gent  9008. 

gesehen   :   gen    2204,    3082,    4786    :    ergen    297,    3408,    3930, 
7580  :  understen  2996. 
Allgemeiner   kommen    die   folgenden  Reime  vor,   so  dass 

sie  nicht  unter  die  eigentlich  beweisenden  zählen. 

r  :  rh  horte  ;  vorhte  6948  erhörte  :  vorhte  2290  hörten  : 
vorhten  3326,  3462,  4572  gehorten  :  vorhten  6514  gegurt: 
gewurht  8804. 

rh  :  r     ervorhte  :  erhörte  2534    vorhte  :  worte  7832. 


Bruder  Philipps  Marienleben.  1  Ot) 

Ebenso  allgemein  ist  bevelen  statt  be\^ellicn.  Philipp 
kennt  nur  das  letzte,  weshalb  zu  lesen  ist  statt  schuole  :  be- 
volhen  o390  sehole  :  bevolen  und  statt  sei  :  bevil  9350  sele  : 
bevele.  vgl.  verholen  :  bevolen  2967    beval  :  stal  ()ooO. 

34.  s.  244  ^In  einigen  Absehnitten  finden  sich  die  Formen 
gesot  (besocht  besuochet)  und  vervlot  (vervlöcht.  vervluochet).^ 

muote  :  versuochte  (5462. 

35.  s.  244  ,ch  wird  im  Auslaute  allgemein  abgeworfen^ 
da  :  nä  980,  4662,  4956),  5612,  7192. 

nä  :  da  3874,  3982,  4794,  5612,  5750,  5828  :  Magdalena  8106. 
smä  :  da  129    wä  :  derna  5276. 

z6  (=  zochj  :  imvro  141   :  also  4322. 

ho  (=h6ch)  :*vr6  2796  :  unvro  7376  :  also  3244. 

also  :  z6  423,  652,  8664  :  hantschuo  3642. 

vrö  :  ho  3726. 

z6  (=  zuo)  :  z6  (=  zöch)  4328. 

36.  K.  Bartsch  stellt  S.  251 — 256  eine  Reihe  ungenauer 
Reime  zusammen,  die  er  theilweise  zu  beseitigen  sucht,  die 
meisten  haben  bei  Philipp  ihre  Seitenstücke. 

, Liquiden  assonieren  miteinander', 
bevälen  :  wären  507    wären  :  nämen  7786. 

,Mediae  miteinander^ 
tage  :  grabe  5258  entragent  :  überladent  6212  geben  :  phlegen 

1474    phlegen    :    geben    746    gelouben    :    verlougen    7860 

trüege    :    überhüebe    5674    schrinden    :    dringen  8562    bc- 

gunden  :  sprungen  4338    gebunden  :  dwungen  6858. 

,Die  Tenues  untereinander^ 
c  :  t     roc  :  spot  6764    dinc    :    sint  4924     pertinc    :    kint  3318 

luoc  :  stuont  1982. 

Statt  luoc  :  stuont  ist  zu  lesen  lüch  :  stut,  wie  L am- 
brecht Alex.  3384  ed.  Weissmann. 

t  :  c     spot  :  roc  8548  kint  :  dinc  105,  4138    gestalt  :  lanc  5030. 

,Die  Aspiraten  f  und  ch',  bei  Philipp  auch  z  und  f. 
loup  (=  lof)  :  ouch   1252    ergap  (=  ergaf)  :  sprach  1686  sluoc 

{=  sloch)  :  ruof  4168    greif  :  streich  3200,   4656    enlie- 

zen  :  liefen  2220. 

Philipp  assoniert  auch  liquicUu;  und  mediae  miteinander. 
1  mit  media     phlägen  :  bevälen  694. 


170  Haupt. 

m  mit  media  gebe  :  beneme  1324  nemen  :  geben  5908  :  ge- 
geben 5954  nemest  :  lebest  1282  nämen  :  gaben  8600 
poume  :  loube  3258. 

phlagen  :  genämen  1500  sahen  (=  sägen  s.  oben  30)  :  kämen 
1538,  1866    kämen  :  sähen' 2564,  3852,  4806,  4492. 

zesamen  :  gadem  1628. 

r  mit  media  wären  :  phlägen  4950. 

nn    mit    nd    und    ng   gewunnen    :  begunden    9618    gewinnen  : 
bringen  1030. 
37.    s.    256    ,Eine    Reimmigenauigkeit ,    die    sich    in   allen 

Theilen,  aber  in  verschiedenem  Masse  findet,  die  Bindung  s  :  z.^ 

s  :  z  gras  :  saz  2812  las  :  vergaz  764,  1530  :  vaz  8486  ge- 
nas :  daz  2616  was  :  az  1996  :  enaz  778  :  baz  866, 
4938,  5050,  7708  :  daz  564,  594,  1528,  2274,  2308,  2640 
(und  noch  sehr  oft)  :  vergaz  147,  792,  3720,  7982  :  saz 
1618,  2964,  3884,  4116,  4420  :  vaz  343,  4450,  9256 
vlos  :  genoz  4550  wiselös  :  bloz  7464  hüs  :  üz  2974, 
8472  tempelhüs  :  üz  552,  742,  1146  Aphrodisius  :  üz 
3424    Jesus  :  üz  4334,  4418,  4638,  5610. 

z  :  s  az  :  was  4885,  5154  daz  :  Jesaias  4848  :  Thomas  9564 
:  was  411,  441,  530,  824,  1806,  1838  (und  noch  sehr  oft)  | 
:  häs  (=  hast)  6680  haz  :  was  642  :  häs  [=z  hast)  6536 
saz  :  las  4808,  4846  :  was  1974,  4052,  8078,  8902  säzen 
:  läsen  4810  vaz  :  was  5402  vliz  :  sis  (=  sist)  916  üz  : 
hüs  137,  786,  8496,  9270,  10090  :  tempelhüs  107  : 
Augustus  2259  :  Jesus  4458,  4470,  7968,  8958. 
Philipp    erweitert   diesen  Reim    dadurch,    dass  er  hs  =  s 

betrachtet. 

groz  :  wuohs  4892    wuohs  :  groz  4046  :  vuoz  3656    vuoz  :  wuohs 
5817    vlahs  :  daz  700. 
Ebenso  gilt  seh  :  s,  von  welchem  Reim  auch  Karlmeinet 

in  hals  :  valsch  415,15  eine  Probe  bietet 

hals  :  valsch  8532   ysopus  :  pusch  7568    evangelisten  :  misch- 
ten 10018. 
Eine  Erweiterung  dieses  Gesetzes  sind  die  Reime  z  :  seh, 

die  auch  Karlmeinct  in  büzen  :  rüschon   124,5  kennt. 

göz  :  wuosch  6950  liez  :  gevriesch  1078  gcheizen  :  gevreischen 
1456  :  vleischen  357     heizet  :   gcvi'cischet    6906    ezzen  : 

vischen  5872. 

i 


Bruder  Philipps  Marieuleben.  171 

vischen  :  ezzen  5924    wescheu  :  gesezzen  3036.* 

Da  hs  =  s  ist,  so  reimt  auch  hs  :  seh. 
wiioschen  :  wuohsen  3050. 

Noch  weiter  geht  Phihpp  in  den  Reimen  seh  :  st,  z  :  st, 
zt  :  st. 
vleische    :    g-eiste   1702      entheizen    :    leisten    107.6     geheizen    : 

leisten  1380    heizt  :  geist  5122    geheizen  :  geleisten  17H8 

ist  :  wizzt  1064. 

38.  s.  252.   ,Eine  Zahl  anderer  Reime  ist  darin  ungenau, 
dass  das  eine  Reimwort  ein  t  hat,  das  dem   andern  fehlte 
andäht  :  sprach  762    üf  :  vruht  2830  :  kluft   (?  =  klüf)    7246 

hundert  :  besunder  5574. 

Wenn  Philipp  in  einigen  der  unter  37  angeführten  Reime 
schon  bis  an  die  äusserste  Gränze  gegangen  ist,  wo  überhaupt 
noch  von  Reimen  anstatt  von  Assonanzen  die  Rede  sein  kann, 
so  hat  er  sich  doch  in  anderen  noch  überboten,  freilich  durch 
die  Sprache  gezwungen.  Die  folgenden  drei  gereinigt  :  ge- 
heiligt 367  gesaeligt  :  geheiligt  1760  gebreitet  :  geheiligt  1786 
lassen  sich  entweder  als  gereinichet  :  geheilichet  gesaelichet 
oder  als  gereinet  :  geheilet  :  gesaelet  zur  Noth  fassen,  zu  ver- 
gleichen ist  heilic  :  selic  9764  =  hclic  :  selic. 

Die  Reime  kiuschekeite  :  erzeigte  1276  zeigte  :  leite  2566 
neigte  :  leite  2840  sind  herzustellen  durch  Tilgung  von  g. 

Unter  18  ward  gezeigt,  dass  Philipp  zilhten  :  liuhten 
zz:  zuhten  :  luhten  reimt.  Diese  Regel  verbunden  mit  der 
unter  10,  dass  u  mit  i  gebunden  wird,  erklärt  zühten  :  siten 
5004  =  zuhten  :  siten,  aber  liuten  :  siten  5467  ? 

Statt  des  stummen  e  niuss  i  angenommen  werden  in  tievil  : 
wil  5186  :  viel  5580  tüsint  :  kint  5932  sint  :  tüsint  5572 
kint  :  tüsint  5870  oder  in  diesem  Falle  auch  tüsund  :  kunt  : 
sunt.  Ferner  muoter  :  mitter  (=  mit  ir)  1526  ist  mödir  :  me- 
dir,    muoter  :  tohter  4256    Peter  :  mir  5950. 

39.  s.  245.  ,Im  geschlechtigen  Pronomen  der  dritten  Per- 
son lautet  der  Singular  er  .  .  Der  Pluralis  lautet  immer  si  und 
ebenso  im  Sing.,  Femin.,  Nom.  und  Accus.'  si  :  bi  63,  2820, 
5892,  8126,  9282>  9954,  5450  bi  :  si  3242,  5892,  7298,  7600, 
9622  :  derbi  1966,  6296  si  :  si  4856,  5290  dri  :  si  2600, 
8174    vri  :  si  5244,  5952    si  :  vri  8322    si  :  owi  7156. 


172  Hanpt. 

Für  uns  steht  us  :  Ephiplianius  8500  :  Marcus  5886  nacli 
strenge  niederrh.  Weise  S.  W.  Grimm  Wernher  vom  Nieder- 
rhein, die  Note  S.  86. 

40.  s.  245.  ,Die  erste  Person  Sing,  des  Praes.  Indic.  geht 
theils  in  n  theils  vocalisch  aus^ 

gegeben  :  die  wil   ich    nf   der    erden    leben  1010,    ich  bewar  : 
vorn  298. 

41.  s.  246.  ,Die  2.  Person  Sing,  geht  in  s  aus^ 

häs  {=  hast)  :  was  10002    daz  :  häs  6536    vh^z  :  sis  916    lei- 
des :  scheidest  6100. 
Schwach    flectirte    Substantiva     rechtfertigen     ein     über- 

schiessendes  n  des  Infinitivs. 

gewinnen    :    der   gotes    minne  195    :    von    minne    309,    423    än| 
minne  3552. 

von  minne  :  gewinnen  209    diner  minne  :  gewinnen  9934. 

in    der   helle  :  gesellen    1600    zuo    der    helle   :    gesellen    3315, 
5576,  7954. 

ze  gesellen  :  zuo  der  helle  5240. 

manger    slahte    :    brähten    3502     brähten    :    mangerslahte   3578J 
trabten  :  welherslahte  640    under  schate  :  entladen  2802.1 

stuonden  :  stunden  2378    der  stunde  :  vunden  4206,  8096. 
Nicht  zu  beseitigen  ist  dieses  n  in  andern  Fällen : 

we  :  gesehen  3330,  3370    gen  :  gesche  6104    Pharise  :  gehen] 
6154    Marie  :  schrien  5154     komen  :  vrume  2944    schei- 
den :  mit  dim  geleite  2704    umbehenge  :  volbringen  7061 
manne  :  anspannen  1288    hüeten  :  ungemüeten   1360,  14761 
und  in  vielen  dergleichen  Fällen.  i 

Eine  eben  so   grosse  Zahl  von  Reimen  e  :  en  finden  sich, 

wenn  ein  starkes  Particip.  praet.  im  Spiel  ist : 

alle  :  gevallen  353     begangen    :   mit  gesange  (?  mit  gesangen) 
260    von  gote   :    entboten    1728    geboten    :   ze  gote  2296 
u.  s.  w. 
Das  Adjectivum  war  auch  auf  en  gebildet: 

1680  dens  also    altiu  hat    enphangen  und  doch   gewesen  ist  so- 
lange 1.  langen. 

2266   gap    lichtes   mer    dann   ander   stcrren    und    lühte    in    die- 
werlt  verrc  1.  verren. 
Nach  dem  bestimmten  Artikel  ^\•ird  das  Adjectivum  auch| 

stark  fiectiert : 


Brnder  Philipps  Marienleben.  173 

2594  si  gäben  ouch  des  kindes  muoter  der  vil  reinen  und  der 

g-uoten  1.  der  vil  reiner  und  der  guoter. 
3108  do  sprach  der  reine   und  oueli  dei-  guote  Joseph  zuo  des 

kindes  muotei-  1.  du  sprach  der  reiner  und   der  guoter. 
4976  so  gie  er  heim  ze  siner  muoter  zc  Nazareth  der  vil  guote 

l._  guoter. 

Der  Herausgeber  liest  ,009 :  des  tempels  priester  al  gemeine 
enphiengen  Marien  die  nuigt  i'eine,  dagegen  <')88:  die  liute  lobten 
al  gemeine  ]\Iarien  die  süezen  und  die  reinen,  2140  diu  tör- 
heit  daz  ich  die  vil  reinen  greif  an  diu  äne  mannes  gemeine, 
auch  in  diesen  und  noch  anderen  Fällen  dieser  Art  ist  reine 
zu  lesen. 

Eine    grosse  Reihe  von  Unreimen    lassen    sicli   leicht  ver- 
bessern : 
415  lernte    ez    huote    siner    zunge    also    kint    und    also    jungez 

1.  lernte  huote  siner  zung  ez; 
485  diu  muoter   lerte  ouch  die  tohter  swaz  si    si  guots  geleren 

mohte  1.  swaz  si  guots  geleren  moht  ir; 
898,  1142  du  konien  dar  vil  jungelinge  und  ouch  der  alten  üf 

den  gedingen  1.  üf  daz  gedinge; 
1724  und  die  botschaft  ir  muoter   und  ouch  den  megden  di  ir 

huoten  1.  niuotir  :  die  huoteu  ir ; 
2082  ich  lobe    dich  daz    du  din  muoter    die  reinen  meit  miner 

huote  1.  die  muoter  din  :  der  huote  min ; 
2754  wand  daz  kint  der  küuc  Herodes  suochet  und  wil  daz  ze 

tode  1.  suochet  unde  wil  ze  tod  ez: 
3508  da  bi  erkandens    daz  da  in  denselben  landen    1.  da  si  bi 

erkanden ; 
5070  sin  hend  sin  vüez    und  al  sin    lider    diu   truoa;   er  mit  so 

schoenen  siten  1.  lit  :  mit  so  schoenem  sit; 
5592  die  liute  die  des  selben  vihes  hnoten  die  begunden  vlien 

1.  die  liute  die  da  selbe  ir  vie  huoten,  die  begunden  vlien. 

Solcher  Beispiele  Hesse  sich  noch  eine  erkleckliche  Zahl 
hersetzen,  doch  die  beigebi-achten  genügen. 

So  viel  Unreime  sich  auch  tilgen  lassen  und  zum  Theil 
auch  von  einzelnen  Schreibern  getilgt  sind  in  den  TIss.,  es 
bleiben  gerade  diejenigen  unerschüttert  stehen,  die  Philipps 
Sprache  erweisen.  Uebersichtlich  geordnet  lauten  die  Keim- 
gesetze  desselben : 


174  Haupt. 

1.  Alle  Vocale,  ob  kurz  ob  laug,  gelten  in  stumpfen  und 
klingenden  Keimen  gleich;  eine  Regel,  die  in  dieser  Schärfe, 
wie  bei  Philipp  nur  in  mnl.  und  zum  Theil  in  niederrh.  vnd 
mnd.  Reimwerken  durchgeführt  ist. 

2.  Es  gibt  keinen  Umlaut  ausser  den  von  a  und  ä. 

3.  Es  gibt  keine  Diphthonge. 

4.  Die  Aussprache  von  i  und  e  so  wie  e  steht  einander 
so  nahe,  dass  sie  gereimt  werden  können.  Alle  e,  e,  e  (ae) 
reimen  auf  einander. 

5.  Die  hochdeutschen  6  oe  uo  üe  fallen  deshalb  zu- 
sammen und  können  aucli  mit  o  gereimt  werden  nach  1. 

6.  Die  Aussprache  von  u  und  o  nähert  sich,  sie  werden 
auf  einander  gereimt  und  können,  da  Kürze  und  Länge  keinen 
Unterschied  macht,  einerseits  u  mit  ü  iu  ^  ü,  anderseits  u  mit 
o   und  uo  =  ö  so  wie  üe  ;=  6  gereimt  werden. 

7.  Die  Aussprache  von  a  und  o  steht  einander  so  nahe,  dass 
sie  auf  einander  gereimt  werden  ohne  Rücksicht  ob  kurz 
oder  lang. 


Philipp  hat  also  nach  seinem  Vocalismus  und  Conso- 
nantismus  auf  keinen  Fall  hochdeutsch ,  auch  nicht  einmal 
mitteldeutsch  geschrieben,  sondern  höchst  wahrscheinlich  mnl. 
oder  wenn  man  will  niederrheinisch,  ungefähr  wie  Heinrich 
von  Veldeke  gedichtet.  Philipp  ist  unm()glich  in  Süddeutsch- 
land geboren  und  erwachsen,  er  kann  auch  nicht  zu  Seitzin 
Steiermark  gedichtet  haben. 

Das  Wörtlein  Seitz  der  Pommersfelder  Hs.  hat  schon 
Pfeiffer  in  den  Beiträgen  s.  XV.  für  vollkommen  nichtig 
gegen  die  erdrückende  Wucht  der  Philippischen  Reime  erklärt. 
Zudem  ist  dieses  Seitz  eigentlich  nur  eine  Lesart,  für  welche 
andere  Hss.  andere  bieten  :  zuo  Seles  St.  u.  G.  zu  tutzs  H 
czu  seid  in  die  niederd.  Die  Lesart  der  Jenaer  ,Nu  sagt  ditz 
selbe  bücchelin'  kennen  auch  die  beiden  Wiener  2709,  2735. 
Nv  seit  ditz  buchclin,  eine  Lesart,  die  vollkommen  sinnlos  ist. 
Es  ist  deshalb  keine  Frage,  dass  hinter  Seitz  Seles  ein  Orts 
name  steckt,  wofür  ,seldin'  nur  ein  gewagter  Versuch  ist  füj 
Unverstandenes  etwas  verständliches  zu  setzen. 

Das  was  ich  jetzt  gebe,  ist  eine  Vermuthung,  die  sich  be- 
stätigen kann,  vielleicht  auch  nicht.  Vor  mir  liegt  die  Hs 
4058  der  k.  k.  Hofbibliothek,  die  aus  dem  Carthäuser  Klosteij 


f 


I 


i! 


Bruder  Philipps  Marienloben.  •  175 

Mauerbacli  (Vallis  omnium  Sanctorum)  bei  Wien  stammt, 
dieselbe  enthält  auf  107  a — 111b  ein  Verzeichniss  der  sämmt- 
liclien  im  Jahre  1509,  wo  die  Hs,  geschrieben  wurde,  noch 
aufrechten  Klöster  des  Ordens  nach  den  Provinciae  geordnet. 
Da  heisst  es  nun  auf  109  a  in  der  Provintia  Theutonie  XVIII: 
,Montis  Johannis  Baptistae  in  zeelem  prope  diest/ 

A.  Raissius,  Origines  Cartusiarum  Belgii  Duaci  1G32 
sag-t  p.  49  .  .  sita  est  Cartusia  quinto  milliari  a  Louanio,  sexto 
Mechlinia  nono  Antverpia  atqiie  Brussella  abiuncta  in  Zeele- 
mensi  dominio  circa  annum  millesimum  trecentesimum  vigesi- 
raum  octavum  fundata  ab  illustri  viro  Gerardo  toparcha  Diest- 
hemensi  et  Castellano  Antverpiensi  ejusque  conjuge  Joanna  a 
Flandria  comitis  Losensis  lllia  .  .  ferner  p.  53  Miraeus  in 
Donationibus  Belgicis  .  .  Gerardus  dominus  oppidi  Diestensis 
seu  Diesthemensis  Arnoldi  lilius  collegii  canonicorum  S.  Jo- 
annis  in  dicto  oppido  et  Cartusiae  in  Zelem  primo  inde  milliari 
sitae  fundator  a.  inillesimo  trecentesimo  trigesimo  tertio  aut  se- 
quenti  obijt.  .  in  eadera  Cartusia  sepultus. 

Dieses  Zelem,  auch  Selem  Zellem  geschrieben,  tritt 
nahe  genug  zu  Sei  es.  Dieses  und  Seitz  kann  entstanden  sein 
aus  Selem,  wenn  dessen  m  in  der  Vorlage  wie  ein  z 
geschrieben  war.  Selbst  die  Lesart  in  H  ,zü  tutzs^  tiudet 
vielleicht  in  Diest  ihre  Erklärung,  wenn  eben  Di  est  als 
Glosse  über  oder  neben  Selem  von  einem  kundio^en  beige- 
fügt    war. 

Ist  dieses  Selem  bei  Diest  die  Carthause,  wo  Philipp 
sein  Werk  schrieb,  so  erlangen  wir  eine  gründliche  Erklärung 
seiner  Reime,  die  vielfach  in  unseren  durch  mehrfache  Bear- 
beitungen durchgegangenen  Texten  scharweise  als  mnl.  hervor- 
brechen. Nur  ein  Dichter  von  dort  konnte  alle  kurzen  und 
langen  Vocale  als  gleichwerthig  nehmen  und  überhaupt  alle  jene 
Kunst  oder  Unkunst  entfalten,  die  in  der  vorausgehenden 
Uebersicht    seiner    Reime    daro:eles:t  wurde. 

Wenn  durch  einen  glücklichen  Fund  Philipp  wirklich 
in  der  Carthause  Zelem  nachzuweisen  ist,  oder  wenn  ein  mnl. 
.Stück  eines  Marienlebens  gefunden  wnrd,  das  sich  als  (original 
zu  den  mehr  oder  weniger  hd.  Bearbeitungen  in  Anspruch 
nehmen  lässt,  dann  wird  erst  die  Frage  zu  entscheiden  sein  ob 
ich  richtig  oder  nicht  richtig  vermuthet  habe. 


176  Haupt. 

Für  diejenigen,  denen  Zelem  bei  Die  st  zu  entfernt  ist, 
will  ich  noch  hersetzen,  dass  es  nicht  leicht  möglich  ist,  dass 
in  Seles  oder  auch  in  Seitz  gar  nicht  der  Name  eines  Ortes 
sondern  eines  Landes  stecke,  nämlich  der  Schlesiens,  das  im 
XIV.  Jahrhundert  auf  deutsch  nur  die  Slesie  Sclesie  genannt 
wird.  Was  dagegen  spricht  und  zwar  ganz  entschieden,  sind 
die  Sprache  und  die  Reime  des  Werkes ;  diese  haben  einen 
entschiedenen  ganz  und  gar  nicht  mitteldeutschen  Charakter, 
während  man  sich  in  Schlesien  im  XIV.  Jahrhundert  der  mittel- 
deutschen Sprache  in  grosser  Reinheit  befleissigte. 

Noch  mehr  gegen  einen  Ursprung  des  Werkes  in  rein 
mitteldeutscher  Gegend  und  Sprache  lässt  zweifeln  die  merk- 
würdige Thatsache,  dass  bereits  um  die  Mitte  des  XIV.  Jahr- 
hunderts mehrere  von  einander  nicht  nur  in  einzelnen  Worten, 
Versen  u.  s.  w.  abweichende  Recensionen  vorhanden  waren, 
worunter  mehrere  mitteldeutsche,  die  das  Werk  Philipps  in 
der  Composition  angreifen  und  umgestalten. 

Es  ist  dies  eine  Thatsache,  die  bis  jetzt  unbekannt  war. 
Im  Avesentlichen,  so  ward  geglaubt,  seien  alle  Hss.  einver- 
standen, ein  Glaube,  der  weder  die  frommen  Seelen  des  Mittel- 
alters noch  die  eigentlich  doch  unaesthetischen  Köpfe  desselben 
Mittelalters  zu  würdigen  die  Gabe  hatte. 

Philipp  hatte  ein  Marienleben  geschrieben,  ihm  war  also 
das  Leben  und  Leiden  unseres  Heilandes  nur  ein  Nebenwerk, 
das  er  auch  in  den  Versen,  5360 — 6993  mit  mehr  als  gewöhn- 
licher Unbeholfenheit  abthut.  Nun  war  nichts  bequemer,  als 
die  Evangelien  zur  Ausweiterung  zu  benützen  und  schon  in 
der  Pommersfelder  Hs.  werden  nach  5871  drei  Evangelien 
von  der  Ehebrecherin,  von  dem  Zöllner  und  Pharisäer  und  von 
den  falschen  Propheten  eingeschoben.  H.  Rücker t  hat  es 
verschmäht,  diese  Stücke  wenigstens  in  den  Lesarten  zu  geben,! 
die  doch  wichtiger  sind  als  er  geglaubt  hat.  Wenn  in  derj 
Pommersfelder  Hs.  nur  diese  drei  Evangelien  eingeschoben! 
sind,  so  existirt  eine  weiter  verbreitete  Recension,  in  welcher 
etliche  vici'zig  zur  Erweiterung  der  Lebensgeschichte  des  Hei-ij 
landes  benützt  wurden,  und  von  dieser  will  ich  zuerst  ausführ- 
liche Nachricht  geben,  da  die  vollständige  und  die  zertrüni-,] 
merte  Hs.    seit   langem  bekannt  aber  nicht  erkannt  sind. 


fl 


Bruder  Philipps  Marienleben.  177 


II. 


Das  Stift  Admont  in  Steiermark  besitzt  eine  Papierlis. 
vom  Jahre  1351,'  von  der  bereits  H.  Hoff  mann  von  Fallers- 
leben  in  den  altdeutschen  Blättern  2,  82  nur  die  kurze  Nach- 
richt gegeben  hat,  dass  dieselbe  eine  gereimte  Bearbeitung  der 
Evangelien  enthalte.  Aus  den  mitgctheilten  Schlussversen  hat 
Gödeke  MA.  S.  110,  28  geschlossen,  dass  nicht  nur  die  P]van- 
gelien,  sondern  auch  ein  Marienleben  in  dieser  Hs.  enthalten 
sein  müsste.     Das  war  kein  falscher  Schluss. 

Die  Hs.  besteht  aus  108  Blättern  in  8",  auf  denen 
eine  Beai'beitung  der  Evangelien  in  eingerahmten  aber  nicht 
linierten  Zeilen  versweise  geschrieben  ist.  Die  Seite  zählt 
durchschnittlich  33  Zeilen.  Jedes  Evangelium  beginnt  mit 
einer  rothen  Initiale,  die  Majuskeln  der  herausgerückten 
ersten  Verse  jedes  Reimpaares  sind  roth  durchstrichen.  Das 
ist  auch  der  ganze  Schmuck,  den  sich  der  im  Ganzen  ziemlich 
nachlässige  Schreiber  gestattet  hat.  Offenbar  sind  er  oder  der 
Erzeuger  der  Hs.  mehr  fromm  als  reich  gewesen,  denn  sie 
haben  bereits  benutztes  Papier  auszunutzen  gesucht.  So  sieht 
man  auf  34"^  unten  acht  lateinische  Hexameter  und  Pentameter, 
die  aber  mit  rothen  und  schwarzen,  krummen  und  geraden 
Strichen  so  überzogen  sind,  dass  sich  nur  einzelne  Worte  ent- 
ziffern lassen.  Diese  lateinischen  Verse  standen  aber  darauf, 
ehe  der  Bogen  gekehrt  und  für  die  Evangelien  benützt  wurde. 
Ebenso  ist  auf  107''  zu  lesen  ,Dem  erbern  man  Percto'  was 
auf  108''  mehrmals  wiederholt  wird  und  zwar  vollständiger. 
Das  zweitemal  lautet  es  blos  ,Dem  erbern  man  perctolden  dem 
Ratgeben',  dagegen  das  drittemal  ,Dem  erbern  man  pertolten 
dem  Ratgeben  Richtere  ze  Radstat  enb  .  .  ich  Jans  Holfüs 
prüder. '- 


'  Dass  icli  diese  Hs.  hier  in  Wien  benützen  konnte,  dafür  sage  ich  dem 
hochw.  Herrn  Dh-ector  Dr.  R.  Peinlich  des  k.  k.  Staatsgymnasiuins 
und  Caijitnlar  des  Stiftes  Admont  hiemit  den  gebührenden  Dank.  Ohne 
die  freundliche  Gewährung  meiner  Bitte  um  diese  Hs.  wäre  vieles  dunkel 
geblieben  in  der  Ueberlieferung  des  Philippischen  Textes. 

-  Die  Ratgeben  waren  eine  an    der  mittleren  Donan    verbreitete  Familie 
Diesen   Berchtold  den  Ratgeben    und    Ricliter    zu   Radstadt    bin    ich    nicht 

Sitzl).  d.  phil.-hist.  Cl.  LXVm.  Bd.  II.  Htt.  12 


178  Haupt. 

Aus  diesen  Worten  geht  hervor,  dass  die  Hs.  in  Steier- 
mark oder  in  den  angrenzenden  Ländern  geschrieben  wurde,  denn 
die  Hand,  welche  hier  an  den  Perchtold  Ratgebe  zu  Radstadt 
schreiben  will,  hat  auch  jene  acht  lateinischen  Verse  auf  34"' 
geschrieben.  Unter  Ratstadt  kann  keine  andere  als  die  einst 
hochbedeutende  Radstat  in  den  salzburgischen  Taueru  ge- 
meint sein. 

Da  diese  Hs.  wie  wir  sehen  werden,  Philipps  Leben  der 
Jungfrau  vom  V.  6070  an  enthält,  so  entsteht  begreiflich  die 
Frage  ob  sie  vollständig  ist.  So  weit  sich  aus  ihrem  gegen- 
wärtigen Zustand  urtheilen  lässt,  allerdings.  Nicht  nur  dass 
auf  1*  an  der  Spitze  ein  rother  Vers  steht,  mit  dem  fromme 
Schreiber  gewöhnlich  ihre  Abschriften  einzuleiten  pflegen,  es 
sind  auch  die  Lagen  gezählt,  nur  nicht  wie  sonst  auf  dem 
letzten  Blatte  einer  jeden  am  unteren  Rande,  sondern  auf  dem 
oberen  des  ersten  Blattes  einer  jeden.  Die  Lagen  selbst  zählen 
nicht  gleich  viele  Blätter:  I.  10,  IL  16,  HL  8,  IV.  16,  V.  16, 
VI.  18,  (VII.)  14,  (VIII.)  10.  Die  beiden  letzten  Lagen  sind 
nicht  mehr  gezählt. 

In  der  folgenden  Uebersicht  gebe  ich  die  ersten  vier  und 
die  beiden  letzten  Verse  eines  jeden  Evangeliums  sammt  den 
Ueberschriften  genau  wie  in  der  Hs.  gelesen  wird.  Ich  habe 
es  nicht  unterlassen  an  einzelnen  Stellen  den  verwilderten  Text 
in  den  Noten  zurecht  zu  rücken.  Weitere  Proben  von  der  Art 
und  Weise  wie  die  Hs.  geschrieben  ist,  finden  sich  in  den 
mitgetheilten  Einschüben,  mit  denen  das  Werk  Philipps  ver- 
ziert wurde.  • 


im  Stande  nachzuweisen,  aber  ein  Otto  der  Ratgebe  riliter  zu  Pazzauve 
erscheint  in  dem  Verkaufsbrief  Ottos  von  Ror  au  den  Bischof  1290,  21. 
April  als  Zeuge  Moiii.  Boic.  XXIX,  11.  572.  Urkundeubuch  des  Landes 
ob  der  Ens  .  .  Bd.  4.  CXXXIII.  Diese  Ratg-eben  als  Richter  bischöf- 
licher   Städte    müssen    weiter   verbreitet   gewesen    sein.     Uebrigens    stand 

Admont,  wo  unsere  Hs.  seit  Jahrhunderten  aufbewahrt unter  den 

Erzbischöfen  von  Salzburg. 
1  Wenn  ich  die  Evangelien  in  (h'u  folgenden  Auszügen  nicht  bestiiiiiut 
habe,  so  hat  das  seinen  guten  Grund:  die  angegebenen  Evangelisten  und 
die  Evangelien  stimmen  nielit  recht  zusammen.  Ferner  lässt  sich  nicht 
einmal  die  Diöceso  bestimmen,  da  ein  zweites  Exemplar  dieser  Recension, 
die  wir  unten  kennen  lernen  werden,  abweicht  in  den  Angaben,  auf 
welche  Tage  dies  oder  jenes  Evangelium  trifft.     Endlich  besitzt  die  k.  k. 


Bruder  Philipps  Marienleten.  179 

} 

Assit  principio  sancta  Maria  meo.  (Rotli.) 

I.    In  den  zeiten  daz  guscliah       iosns  ze  seinen  lungern  sprach 
Wen  ier  wast  so  huet  dez       Ich  sag  euch   allen    rech  wez 

l*"  Wo  dein  schaczt  verporge  ist       Do  ist  dein  herz  ze  steter 

vrist. 
II.    An  dem  phincztag  matheus 
In  illo  tempore  ez  geschach  pey  der  allten  e 
Capharnaum  ein  stat  genannt    ist  dar  chom  gegangen  iesu 

chi'ist 

2"  Zu  haut  au  der  selwen  stunt       Waz  daz  selbe  chint  gesunt. 
III.    An  dem  vreitag  marcus 
In  den  zeiten  daz  geschach      got  ze  seinen  iuugern  sprach 
Ez  ist  gesprochen  e    ein  wart        daz   hab  ier    wol   gehoert 

o''  Dein  vater  der  ez  verpargen  sieht       der  let  dirs  vngelonet 

nicht. 
IV.    An  dem  samztag  marcus 
In  den  zeiten  daz  geschach       daz  gen  abent   gehengt  waz 
Ein  schef  gie  auf  dez  wazzer  fluet      Als  noch  mangez  ofte 

tuet 

4''  Swelch    daz    rueren    ze    der    stund       Di    warden    sazehant 

gesund. 
V.    An  dem  ersten  suntag  Matheus 
In  den  zeiten  daz  geschehen  ist      Daz  vnser  herr  iesu  crist 
Aller   genaden    (ist)    ein    voll    aist    (ist)       wart  gufurt   von 

ein  geist 

4*"  Vn  chomen  di  engel  dar      vii  nomen  sein  mit   dienst  war. 
VI.    An  dem  mentag  Matheus 
In  den  zeiten  daz  geschach      got  ze  seinen  iungern  sprach 


Hofbibliiithek  kein  Missale  Colouiense,  Moguntineiise  oder  vou  dereu 
Suöraganen  in  Würzburg  u.  s.  f.,  um  mittels  deren  Hülfe  die  Frage  zu 
beantworten,  wo  die  Uebersetzung  der  Evangelien  oder  doch  diese  Eecen- 
sion  von  Philipps  Marienleben  gemacht  wurde.  Dass  aber  diese  raittel- 
und  norddeutschen  Erzdiöcesen  zunächst  in  Betracht  kommen,  ist  aus  den 
Reimen  zu  entnehmen,  deren  Uebersicht  unten  folgt. 

12* 


180  Haupt. 

Ew  Allen  daz  ich  chunt  tuen       wan  so  chuinpt  des  meuschen 


sun 

5i^  Di  vnrechten  ze  der  helle  streben       Di  rechten  enphahent 

daz  ewig  leben. 
VII.    An  dem  ertag  matheus 
In  den  zeiten  daz  geschehen  ist     Daz  vnser  herre  iesu  christ 
Ze  ierusalem    gegangen    cham       Als    in    di    starcht   nienig 

vernam 

6''  Do  lert  er  si  vil  sicherleich      von  dem  ewigen  gotes  reich. 

VIII.  An  dem  mitichen  matheiis. 

In  den  zeiten  daz  geschach       Der  iuden  maisterschaft  sprach 
Vn  ier  chuudigen  ze  iesmii     Dem  heiligen  scheffer  sprach i 

7*"  Die  muezzen  ewichleichen  sein       Di  swester  vn  di  prueder 

mein. 

IX.  An  dem  phincztag  Johannes 

8*  In  den  zeiten  daz  geschach       Daz  got  ze  den  iuden  sprach 
Di  im  daz  gelowlten  (!)  daz  er  tet     Den  sagt  er  daz  ze  stet 

8*^  Wer  pechomen  ist  von   got       der  hoert  sein  lere    vn    sein 

gepot. 
X.    An  dem  freitag  Johannes 
9^  In  den  zeiten  daz  geschach       Daz  der  iudein  hochzeit  waz 
Vn  daz  Johannes  gegangen  cham       hincz  ierosolimam 

9**  Daz  ezz  iesus  were       der  in  penomen  hiet  sein  swere. 
XI.    An  dem  sampztag  matheus 
In  den  zeiten  daz  geschehen  ist      daz  hie  in  erde  gie  iesus 

christ 
Petrum  mit  im  nam       vn  iacobeu  als  im  gezam 

10"  Vncz  auf  die  stund  daz  er  get       Daz    dez    menschen    sun 

von  dem  toet  erstet. 
XII.    An  dem  andren  suntag  matheus 
In  den  zeiten  geschehen  ist       Daz  vnser  herre  iesu  christ 
Gie  vn  chom  in  die  laut       Di  tridesamus  waz  genant 

11"  Als  tu  wilt  zu  der  stunt       indez  wort   ier    tochter   gesunt. 


'  ?  Und  ir  kundigaere       zeiu  beilegen  scheffaere. 


Bmder  Philipps  Marienlehen.  181 

XIII.    An  dem  mentag  Johannas 
In  den  zelten  daz  g-eschach       iesus    ze    den    luden    sprach 
Ich  gen  1er  selch  mich  schier     Von  ewern  svnden  ersterbt  1er 

IV'  Er  vellet  mich  ze  chainer  vrlst     ich  tuen  Im  waz  im  Heb  Ist. 
XIV.    An  dem  ertag  Johannes 
In  den   zelten   daz   geschach       iesus    ze    dem  volch  vn    ze 

den  lungeren  sprach 
Ver  war  da  geschlet  daz       Auf  dem    stuel  do   moyses  saz 

\2^  Vnd  wer  sich  nider  wllllchlell  (!)     Der  wart  erhoecht  slcher- 

lelch. 
XV.    An  dem  mltichen  inatheus 
In  den  zelten  daz    geschehen  Ist       Daz  vnser   herre    Iesus 

chrlst 
Hincz  Jerusalem  chani      sein  zw'elif  iunger  er  mit  im  nam 

12''  Sein  leben  Ist  im  vaile     vmb  maigs  nigs(!)  menschen  valle. 

XVI.  An  dem  phincztag  matheus 

In  den  zelten  daz  geschach       Iesus  ze  seinen  lungern  sprach 
13"  In  nam  dez  nlch  hei       er  sagt  im  daz  pispel 

lo''  Sl   gelawbencz    nicht  ob  ze  in    get       Denne    der   von  dem 

tode  erstet. 

XVII.  An  dem  freytag  matheus 

In  den  zelten  daz  geschach       iesus  ze  sein  lungern  sprach 
Vnd    scheid    ew   der   luden    schar       er   sprach   wizzet    daz 

ver  war 

14''  Do  getarsten  sl  nlch  vor  der  schar      Di  in  heten  vor  einen 

welsagen  gar. 

XVIII.  Au  dem   sampztag  lucas 

In  den  zelten  geschehen  ist     Daz  seinen  lungern  sait  christ 
Ez  waz  ein  man  der  het  chint     zwen  svn  die  im  Heb  slnt 

Kl"  Vervarn   der   lebt  zu    diser   stunden        er  waz    verlorn  vnd 

ist  nu  funden. 
XIX.    An  dem  driten  suntag  Lucaz 
In  den    zelten   geschehen    Ist       Daz    auz    einem    menschen 

chrlst 
Einen  teuel  tralb  verware       Daz  njensch  waz  ein  stumwe 

gare 


182  Haupt. 

17"  Di  gotes  wort  zu  aller  zeit       pehalten  vn  an  widerstreit. 

XX.  An  dem  mentag  Lucas 

In  den    zeiten  geschehen  ist       Di   trugner   sprachen  wider 

Christ 
Zu  chapharnavn  hab  wier  vernomen      Do  sei  vil  wimders 

von  dier  pechomen 

18*  Vnd  si  machten  im  nicht  getuen     Dem  vil  heiligen  gotes  svn. 

XXI.  An  dem  ertag  matheus 

In  den  zeiten  daz  geschach      iesus  ze  seinem  iunger  sprach 
Symon  petre  hoer  mich     ob  dein  prueder  svndet  wider  dich 

IS'*  ich  sprich  nicht  siben  stunt  zware       aber    siben  vn  siben- 

czigch  stund  verware. 
XXII.    An  dem  miticheu  matheus 
In  den  zeiten  daz  geschehen  ist     Daz  si  giegen  (!)  zv  iesu 

Christ 
Von  ierusalem  di  trugnere       vn  fragten   in  der  mere 

19''  Ob  sein  hent  vngewagen  sint       Daz  vnraint  den  menschen 

nicht. 
XXni.    An  dem  phincztag  matheus 
In  den  zeiten  daz  geschach      iesus  ze  seinem  volk  sprach 
20*  Ir  schult  nicht  vergezzen       macht  ew  daz  ewig  ezzen 

20"  Daz    in    hungren    oder    dursten    schol       wann    er    ist   aller 

freuden  vol. 

XXIV.  An  dem  freytag  Johannes 

In  den  zeiten  geschehen  ist       daz  vnser  here  iesu  christ 
Von  ainem  weg  müed  waz       vber  ein  prunnen  er  saz 

22"  Daz  er  verwar  ist  erchant       Der  rechter  werlt  hailant. 

XXV.  An  dem  samptag  (!)  lucas 

In  den  zeiten   geschehen  ist       Daz  vnser   here  iesu  christ 
23*  Zu  oliuet  auf  den  perg  gie       dar  nach    er  dez  nicht  enlie 

23"  Ge  vnd  huet  dich  sere       Daz  du  icht  sundes  mere. 
XXVI.    An  dem  vierdeu  svutag  iohanes 
In  den  zeiten  geschehen  ist       daz  vnser   herre  iesu  christ 
Gie  vber  daz  mor  daz  haist  gewis       g'^lyle  tyberadis 

24"  Ez  ist  der  weisag  iesu  christ       der  in  di  werlt  chomen  ist. 


ßriider  Philipps  Marienleben.  183 

XXVII.    An  dem  mentag'  iohaniies 
24"  In  den  zeiten  geschach  daz       der  luden  ostern  nahen  waz 
Vn  daz  iesus  geg-ang-en  chani       hincze  Jerosolimam 

25"  Er  Westes  selber  vil  paz     waz  siten  an  dem  menschen  waz. 
XXVIII.    An  dem  ertag  iohanes 
In  den  zeiten  geschach  daz       der  luden  hochzeit  nahen  waz 
Do  geschach  zu  der  selben  vrist     Daz  vnser  here  lesu  christ 

26''  Sein  zeit    waz    nicht  chomen  gar       manig  gelaubten  an  in 

auz  der  schar. 
XXIX.    An  dein  mitichen  iohannes 
In  den  zeiten  daz  geschach       iesus  einen  plinten  sach 
Der  waz  gewezen  verwar       vor  seiner  gepurd  plint  gar 

28**  Gar  an  allen  valschen  wan       er  viel  nider  vn  pat  in  an. 

XXX.  An  dem  phincztag  marcus 

In  den  zeiten  geschehen  ist       in  einer  stat  gie  iesü  christ 
29"  Die  waz  navrn  genant       sein  iunger  gie  mit  im  alsampt 

Daz  doch  iemant  getrauet       Got  hat  sein  volk  peschauet. 

XXXI.  An  dem  vreitag  iohannes 

In  den  zeiten  geschehen  ist      ez  waz  ein  syecher  zu  ainer 

vrist 
Daz  waz  Lazarus  genant       her  von  Betania  erchant 

32"  Sahen  waz  iesus  tet       si  gelaubten  an  in  an  der  stet. 
XXXII.    An  den  sampztag  lucas 
In  den  zeiten  daz  geschach       iesus  wider  dl    schar  sprach 
Ich  pin  der  werlt  Hecht       wenn  man  mier  volgen  siecht 

32''  Im    tet    do    nlemant    verwar       sein    zeit    waz    noch    nicht 

chomen  gar. 
XXXIII.    An  dem  fumften  svntag 
In  den  zelten  daz  geschach     got  zu  der  luden  schar  sprach 
Vn  ze  den  dl  ier  fursten  solden  sein     Wer  straft  mich  vm 

dl  sunde  mein 

33''  Jesus  parg  sich  san       vn  gie  auz  dem  tempel  herdan. 
XXXIV.    An  dem  mentag  iohannes 
In  den  zeiten  geschach  fuer  war     Dl  fursten  vn  der  trug- 
ner schar 
Samten  ier  diener  an  der  vrist    Daz  si  viegen  (!)  lesum  christ 


184  Haupt. 

34"  Von  dem  gaist  den  man  di  sclirar,(!)   di  an  in  gelauben  gar. 

XXXV.  An  dem  ertag  iohannes 

In  den  zeiten  geschacli  e       Jesus  gie  zu  galylee 
Er  wolt  nicht  vnder  iudeuscliaft  gan       wann  di    bieten  in 

zu  toten  pestan 

34''  Hiet  von  im  imemant  gutes  geiehen       dem  wer  dar  vmbe 

vbel  gescbeben. 

XXXVI.  An  dem  miticben  lucas 

In  den  zeiten  geschacb  daz     ze  Jerusalem  ein  hochzeit  waz 
Eins  winters  gemacht  alda       Dev  waz  gemacht  enzenya 


35''  Daz  ich  vü  der  vater  mein       verwar  ein  ainvng  sein. 
XXXVII.    An  dem  phincztag  hicas 
In  den    zeiten    geschacb   ez  so       Daz   svmleicb  vnder  den 

ivden  do 
Geborten  gotes  rede  gar       si  sprachen    hie   ist  ein  weisag 

verwar 

36*  Sie  giegen  dar  nach  sider       ysleicber  in  sein  liaus  wider. 

XXXVIII.  An  dem  vreitag  iohannes 

36''  In    den    zeiten    daz   geschacb       der    iuden    pischolff   beten 

ein  sprach 
Vn  die  gleisner  dar  zu       si  sprachen  waz  tuen  wier  nu 

Di  lag  wuest  pesunder       Do  pelayb  er  vn  sein  iunger. 

XXXIX.  An  dem  sampztag  iohannes 

In    den    zeiten    daz    geschacb       iesus    sach   zu   himmel  vü 

sprach 
37*  Herre  vater  iesu  christ       er  dein  svn  di  zeit  hie  ist 

38"  Daz  si  gen  in  sein  vil  gar       vnd  auch  mit  in  verwar. 
XL.    An  dem  palmtag  iohannes 
In  den  zeiten  geschacb  als    ich  sag       vor   ostern    an   dem 

sechsten  tag 
Jesus  chani  zu  Betbainam       Do  Lazarus  den  tot  nam 

41*  Also  ret  iesu  clirist       vn  parchk  sich  an  der  vrist. 
XLI.    An  dem  meutag  iohannes 
In  den  zeiten    geschacb  daz    fuer  war       e  daz  ostern  cho- 

mcn  dar 


Bruder  Philipps  Marieuleben.  185 

Jesus  West  vil  wol  daz       Daz  di  zeit  nu  enonien  waz 

42"  Als  ich  ew  han  g'etan  gar       Also  tuet  ier  auch  verwar. 
XLII.    An  dem  eritag  lucas 
An   einem    sampztag   daz   geschach       uach    dem    man    dez 

morgens  der  ostern  lach 
Ez  chom  vn  wolt  gen       Maria  Magdalen 

42''  Do  schult  ier  in  sehen       Als  ich  ew  han  veriesen  (\). 

Mit  diesen  beiden  Versen  schliesst  die  selbstständige  Be- 
arbeitung der  täglichen  Evangelien,  und  mit  dem  nächsten  Vers 
beginnt  die  zweite  Hälfte  des  Lebens  der  Jungfrau  vom  Bruder 
Philipp  V.  6070.  Im  Anfang  werden  auch  hier  noch  Ueber- 
schriften  wie  bisher  gemacht  und  zwar: 

42"  1.  An  dem  mitichen  Johannes  .  .  Br.  Ph.  6070—6129. 
Nach  611.5  werden  die  zwei  Verse  eingeschoben  ,Ze  seinen 
lungern  sprach  Jesus    Do  si  chomen  ze  dem  hauz^ 

43"  2.  An  dem  phinztag  Johannes  .  .  Br.  Ph.  6130-6161. 

43"  3.  An  dem  vreitag  Johannes    .  .  Br.  Ph.  6162—6291. 

45"  4.  An  dem  sampztag  matheus  .  .  Br.  Ph.  6292 — 6345. 
Nach  6327  werden  die  zwei  Verse  eingeschoben  ,Jesus  zu 
einem  iunger  in  nam  Derselb  waz  im  vil  gram'  dagegen 
fehlt  6324. 

46^^  5.  An  dem  svntag  Johannes  .  .  Br.  Ph.  6346—6387. 
Nach  diesem  Vers  wird  ein  längeres  Stück  eingeschoben,  auf 
das  ich  unten  zurückkommen  werde.  Mit  diesem  Absätze 
schliesst  die  Eiutheilung  in  Evangelien,  und  die  einzelnen  Ab- 
schnitte tragen  nur  mehr  die  auch  in  aiulern  Hss.  erscheinen- 
den Ueberschriften.  In  den  meisten  Fällen  stimmen  Ein- 
theilung  und  Ueberschreibung  der  einzelnen  Abschnitte  mit  J, 
welche  der  Jenaer  Universitätsbibliothek  gehört.  '  Diese  Hs. 
kennt  auch  die  Zweitheilung  des  Werkes  und  hat  nach  6069 
die  Ptubrik:  ,hie  hat  ein  ende  Marien  leben  Den  müz  uns 
ewige  vreude  geben,  hie  naht  ez  ze  der  zeit  un  ze  der  stunde 
Daz    got   sine   marter    uü    deu  wunden     Leiden    wolt    un  euch 


'  Ich  bediene  mich  weiterhin  der  Zeichen,  die  H.  Rücke rt  für  die  Hss. 
verwendet  hat  und  w(n-über  derselbe  S.  -275—287  Auskunft  gibt.  Dort 
findet  man  aucli  die  Literatur  über  die  Hss.  beisammen ,  wozu  noch  zu 
sehen  ist  Gödeke,  il.  A.  S.   loU. 


186 


Haupt. 


deu  tot'.  Gerade  mit  dem  Vers  6070  beginnt  aber  in  dieser 
sowie  in  der  Admonter  Hs.  überhaupt  der  zweite  Theil  des 
ganzen  Werkes.  Die  Uebereinstimmung  beider  Hss.  dauert 
bis  zum  Ende  10065,  nur  dass  die  Admonter  bedeutend  schlech- 
ter ist,  die  Nachrede  hat  aber  Dietmar  vollständig  umgearbeitet 
und  sich  damit  einer  absichtlichen  Fälschung  höchst  verdächtig 
gemacht.  Ich  setze  sie  ganz  her  und  die  einhelligen  oder  ver- 
änderten Verse  Philipps  daneben : 


106"  Hie  hat  daz  puech  ein  ende         Vrowe  Maria,  hie  hat  ein  ende 
Got  vns  sein  hulde  sende  min  getiht    daz  ich  dir   sende. 

Nv  pit  ich  dich  durch  dein  gut      nubite  ich  dich  durch  dine  güete 
Daz  du  p  wellest  semphten  mein      daz  du  wellest  senfte  gemüete 

gemiit 
mir  vil  armen  svnder  erzaige        mir  vil  armen  sünder  zeigen 
Vnd  dein  genad  gern  mir  naige      vnd  din  genäde  zuo  mir  neigen 
vn  erparni  vraw  dich  iind  erbarmen,  vrouwe,  dich 

Genedichleichen  vber  mich  genaedicliche  über  mich, 

erwirf  mir  vraw  deines  chindes      gewin  mir  dines  kindes  hulde, 

hulde 
Daz  ich  meiner  svnde  schulde 
vor  meines  leibes    ende  gepuz 
Dez  hilf  mir  muter   magt   süz 
vil  hilf  mur  in  daz  hinmelreich 
Daz  ich  da  in  peleib  ewichleich 
vn  daz  auch  alle  Christen 
Chonien  dar  mit  gueten  listen 
Daz  muz  vns  got   allen  geben 
Vnd  hilf  vns  in  daz  ewig  leben 
vn  immer  an  endes  drum 
Durch  sein  ewig  wart  ihm 
Vn  durch  dein  willen  dein 
Daz  wir  nimmer  pechrenchet  sein 
Dez  hilf  vnz  raine  muter  here 
Durch  dein  grozzew  herczen  sere 
Di  du  enphieng  an  dS  stunt 
Do  dein  chiiit  der  tot  wunt 
Maria  vor  deinen  äugen  hien  (sie) 


daz  ich  miner    stinden  schulde 
vor  mines  libes  ende  büeze, 
des     hilf    mir    muoter,    maget 

süeze. 


Hiuder  Philipps  Marienlehen.  187 

vn  ein  swert  von  im  gien  (sie) 
Vnd  dtircli  sneit  dein  hereze 
laz  vns  von  allem  smerczen 
Vn  pring-  vns  vraw  siclierleieh 
in  denes  (sie)  lieben  chindes  reich 
Daz  wir  sein  antliz  minneclileicli 
schawen  immer  ewigleich 
Dez  hilf  vns  vrav  maria  gut 
durch  dez  rasen  (sie)  varben  plüt 
Daz  dein  chint  vmb  vns  vergoz 
vil  avz  seinem  leibe  floz 
Vnd  daz  vil  raine  plüt 
daz  chomen  vns  allen  zv  eüt 
Dez    helf  vns  maria  tugnreich 
di  da  lebt  in  dem  himmelreich 
Durch  deines  chinde  (sie)  namen 
nv  sprechet  alle  amen  Amen 
Amen  daz  gesche  also 
daz  wir  stet  peleiben  vro 
Dort  an  der  sei  hie  an  dem  leib 
alles  vbel  von  vns  vertreib 
Vn  muzzen    al  da  von    cheren 
hail  vn   seid  inüz  sich  ineren 
Dez  helf  vns  got  iesus  christ 
dei-  aller  werlt  loser  ist. 

Die  absichtliche  und  geflissentliche  Aenderung,  die  mit 
Philipps  Nachrede  vorgenommen  wurde,  liegt  auf  der  Hand. 
Nach  diesen  herzlich  schlechten  Versen  steht  dann  noch  zu  lesen: 

Dv  nach  christes  gepurd  waz  |  ergangen  dreyzeheu  hun- 
dert iar  I  Dar  nach  in  dem  ain  fünczisten  (sie)  iar  |  an  dem 
phinchtag  nach  sand  |  bartholoincs  tag  wart  geschriben  daz 
püch.  I  got  mach  vnser  svnde  puez  |  Quis  hock  schribebat  Dit- 
marus  nomen  |  habebat  Detur  propenna  schriptori  pulchra  | 
puella  107"  Schriptoris  munus  sit  bos  bonus  et  equus  vnus  | 
Oinnis  liomo  vere  debet  peccata  timere  |  O  maria  bona  pro  nobis 
ora  I  O  maria  pia  sis  mecum  seniper  in  uia  |  Detur  pro  penna 
schriptori  celica  rengna. 


188 


H  a  u  p  t. 


Hierauf  folgt  noch  roth :  Quis  hoc  schribebat  |  finiui 
libi'um,  von  welchen  fünf  Worten  die  ersten  drei  vom  Rubricator 
selbst  durchstrichen  wurden.  ') 


'  Von  einer  zweiten  etwas  späteren  hand  sind  auf  107b  und  108a  noch  fol- 
gende Gebete  und  Sprüche  eingetragen,  die  ich  hier  in  die  Note  setzen 
will  wegen  ihrer  merkwürdigen  auf  Norddeutschland  weisenden  Ortho- 
graphie. 

1.  Swen  ich  daz  pueich  avz  sent  da  mit  sich  al  mein  |  vanchnus  ent 
amen  Deo  Gracias. 

2.  Maria  Maria  i'ain  giw  mir  daz  hayl  daz  ich  churzleich  erstein  vn  gein  au 
alle  mail  vor  deimien  chint  daz  du  ge  |  peir  durch  vnsre  not  an  alle  sweb'. 

3.  lesvs  der  rain  Magt  chint  troust  alle  die  in  |  travren  sint  zaig  vns 
dein  eywig  himmel    |    lieclit  laz  vns  von  dir  geschayden  nicht. 

4.  Maria  Mveter  raine  mait  ich  chlag  dir  alle  meinen  |  laid  der  geize 
mich  vraw  der  meinen  sweire    |    mit  deinnen  chint  daz  dv  gepaeire. 

5.  lesvs  denes  (sie)  vater  schein  der  leuecht  mir  daz  heirze  |  mein  zaig 
mir  dein  Ewig  himmel  Hecht  laz    |    von  dir  geschaiden  nicht. 

fi.  Maria  troust  auch  die  chint  vil  arm  la  db-  |  auch  die  seil  erparmen  di 
noch  in  den  wiezen    |    sint  pit  vm  sev  dein  liebes  chint. 

7.  Jesus  durch  dein  heyliges  pluet  wis  vns  an  |  der  seile  gvet  laz  vns 
hie  also  der  steirweu  daz    |    wir  verdienen  daz  Eywig  leiwen. 

8.  Alle  dev  |  mit  mir  sint  die  sint  gehaizzen  Gotes  chint  |  Die  mezze 
(sie)  hie  mit  vreyden  lang  leiben  daz  si  von  |  den  eywigen  vreiden 
nimmer  geschaiden  wei'den  Amen. 

9.  Die  gepeit  sint  g-vet  Got  hab  vns  zallen  zeiten  in  seiner  huet  |  Aal 
die  wider  mich  sint  di  werd  hie  vnd  dort  plint. 

10.  Pit  vm  mich  so  pit  ich   vor  dich  so  werd  wir 
Riecli. 

11.  Swester   haw    gegen    mir    vesten    steiten    muet 
ainniges  pluet  etc. 

Vi.  Der  mir  hilft  auz  disen  sorgen  |  Dem  ist  vngemach  vn  lait  vor 
verporgen  Amen. 

lo.  Heut  auf  stein  ich  vnser  vravn  nam  Gein  ich  |  als  vnser  vra^  geing 
da  si  den  hailigen  Gaist  |  en  pheing  als  ir  due  Gelang  also  muez 
mir  I  heut  geling  an  alle  mein  sachen  an  alle  mein  |  ding  des  heilf 
mir  die  geweicht  mein  vra\V  |  8and  Marey  des  heilf  mir  die  Guet 
mein  |  vm^  sand  Marey  Christes  mueter  des  heilf  |  mir  der  man 
der  den  Tot  an  dem  heyligen  |  Chreuz  na  in  Amen.  Dico  Vobis  et 
bene  Nobis. 

14.  Mir  Gewirt  daz  wer  waiz  waz. 

15.  Ich   bin  vorwirt  ich   waiz  wol  waz  mü'  gewiiTet. 

Zu  5  ist  unten  am  Rande  von  derselben  Hand  nachgetragen  und 
mit  einem  Zeichen  vor  ,zaig'  verwiesen.  ,Dein  hcrleich  gepurd  dein  scheira- 
Icich  tot  pchuet  vns  vor  der  helle  not.'  Diese  zwei  Zeilen  stören  aber 
die  Symmetrie,    denn   offenbar   bilden    2—8   ein  Gebet    von  6  vierzeiligen 


payde  vrouleich   vnd 
Want   du    pist   mein 


Bruiier  Philipps  Marienieten.  189 

Wie  hier  die  Nachrede  des  eio'entlichen  Dichters  keck  geän- 
dert ist,  so  finden  sich  auch  innerlialb  des  Philippischen  Textes 
Abweichung-eu  von  der  Ueberlieferuug-,  und  zwar  bedeutende. 
Schon  oben  habe  ich  bemerkt,  dass  nach  6387  ein  läng^eres 
Stück  eingeschoben  ist.  Dieses  Stück,  das  gewiss  nicht  vom 
Schreiber  Dietmar  herrührt,   lautet: 

].  40"'  Jesus  west  vil  wol  daz       daz  di  zeit  chomen  waz, 

Daz  er  auz  der  werlt  hin        solt  varn  zv  dem  vater  sein, 
Daz  er  het  lieb  hie  die       die  in  der  werlt  warn  hie. 
Eer    het    se    lieb    vncz    in  den  tot     (sie.  1.  not)     daz  in 

peg-raiff  der   pitter  tot. 

10.  Do  daz  ezzen  do  g-eschach     vn  der  tevfel  geriett  dar  nach 

Judaz  als  er  wolt  (47")     daz  er  iesum  verchaufFen  scholt, 

Vnd  iesus  daz  wol  weste       von  erst  vil  auch  ze  leczte, 

Daz    im    sein    vater   iesü    crist       allez    daz  het  geg;eben 

daz  da  ist, 
Wann  er  chom  von  im  verwar      vii  hin  wider  zu  im  dar, 
20.  Er    stunt  von    dem    tische    sider       vn    legt    sein    gewant 

von  im  nider, 
Vn  nam  ein    leinen    tuech    sa       vn   gurt    daz   umb    sich 

al  da. 
Er  nam  ein  pechk    mit  wazzer   zehant       vn   twueg    den 

iungern  ier  fnzz  allesamt 
Vn  truchent  ins  do  er  se  getwueg       mit    dem   tucli  daz 

er  vmb   trueg. 
Er  chom  zv  peti'o  dar.       Peter  sprach  ze  im  verwar 
30.  Vnd  vragt  ,herre  sol  daz    sein       daz  du  mier  twagst  di 

fuzze  mein  ?' 
Dez  antwLirt  im  iesus  christ      ,waz  ich  tuen  zu  disei'  vrist 
Daz  waist  du  noch  nicht  ver  vol,        du  peginst  her  nach 

wizzen  wol.^ 
Peter    sprach   ,nu  la  sein.        Du  twest  mir  nicht  di  fuzz 

mein.' 
,Vnd  twach   ich   nicht  di  fuzz  dir      so  hastu  nicht  chain 

tail   mit  mir.' 


Stropheu,  die  abwechselnd  ;in  Maria  und  Jesus  gerichtet  sind.  14 — 15 
scheinen  zusammen  zu  gehören  und  ein  Käthsel  zu  bilden,  dessen  Schluss 
in  einer  Zeile  lOS''  enthalten,  aber  so  verwischt  und  wie  es  scheint  ab- 
sichtlich getilgt  ist,  dass  nur  mehr  einzelne  Buchstaben  zu  entziöeru  sind. 


190  Haupt. 

40.  Do  peter  daz  erhörte  do       ze  haut  sprach  er  also 

,Herre  niclit  die  fuzz  alain        haupt  vll  hent  als  gemain/ 
Jesus  sprach  an  der  vrist       ,ez  pedarf  nicht  waz  gewa- 

gen  (sie)  ist, 
Nuer    daz    man    in    di    fuzz  twacli  so  ist  er  rain  dar 

nach. 
Ir  seit  auch  raine  (47'')       vnd  doch  nicht  al  gemaine^ 
50.  Do    er    in    twüg    di    fuzz    sider       vn    nam    sein    gewant 

wider 
Vnd  do  er  gesaz  dar  nach,       Aber  er  zu  im  sprach 
,Wizt  waz  ich  ew  han  getan       ier    rieft   herre  vn  mai- 

ster  an. 
Dar  an  sprecht  ir  vil  wol,       wann  ich  pin  ez  vervol, 
Vnd   han    euch    ewer   fuzz  getwagen  gare        ewer  lieri-e 

vn  maister  verware. 
60.  Also    sol  euch    nicht    versmahen       ainer  dem  andern   di 

fuzz  twaheu. 
Ich    wil    ew    daz    sagen,        daz    pild    han    ich    euch    ver 

getragen. 
Als  ich  ew  han  getan  gar  also  tut  auch  !r  verwar.' 
Hier  fällt  mit  6388  ,Do  Judaz  waz  gegangen  auz^  der  Text 
Philipps  wider  ein.  Schon  nach  den  Reimen  gehört  dieses 
eingeschobene  Stück  der  Vorlage  des  Schreibers;  diese  Vor- 
lage war  auch  sonst  eine  bessere  als  die  meisten  unserer  Hss. 
So  lautet  6403  hier:  ,Swenn  an  mir  daz  geschieht^,  wodurch 
der  Reim  niht  :  geseht  beseitigt,  vnd  der  vierfache  geschiht  : 
vlieht  :  niht  :  geschiht  hergestellt  wird. 

Nach  6443  Abschnitt  mit  Ueberschrift  wie  in  J  P.  Nach 
6957  wird  wieder  ein  kleineres  Stück  eingeschoben,  das  offen- 
bar echt  ist: 

II.    56''  Zu  den  iuden  sprach  pllat     ,hort  ir  herren  meinen  rat, 
57"  Ich  vind  ehain  sach  nv  auf  im       nempt    daz    reclit  in 

ewern  sin, 
Ir  habt  doch  ain  sIt       dem  volg  ich  nu  mit. 
Zv  ewer    iiochzeit  di  nv  ist,       ich  lazze  euch  zv  aller j 

vrist, 

10.   Ob    ez    ew    aHeu    lieb    ist        »k^r    iuden    chvnich    iesum 

Christ, 
Den  schult  ir  hie  lau,     Barrabam  an  ein  chrevcz  hau.' 


Brniler  Philipps  Marienleben.  191 

Di  luden  ruefFten  alle       niit  ainem  g-rozzen  schalle 
,Du  scholt  vns  barrabam    lau       iesuni   an  ein    chrevcz 

lian/ 
Ein  vbel  teter  der  waz       den  si  nanton  barrabaz. 

worauf  sich    wieder    der   gedruckte    Text   mit    G958     ,Pylatus 
weip    irm   mau   enpot'  anschliesst ;  nach  6993  stehen  noch  zwei 

Verse : 

III.  57^  Vnd   auch    zween  za   zchacher  (!)       mit   im    fürten    si 

mit  iesum  hin. 
7002  und  7003  fehlen;  nach  7103  die  zwei  Verse: 
59  ''  jVnd    sach    ouch  die   Schacher  paide        mit  iamer  vn 

mit  g-rozzen  lavde. 
Nach  7122  ,0  we  mein  liebes  chint  iesv  (ßO")  Auf  deine 
ruck  waz  traistu',    die  auch    in  J  G  H.  stehen,  7165  und  7166 
umgestellt.  Anstatt  7366  und  7367  folgende  ausg-eführte  Stelle : 

IV.  63*"  Si  sprachen  vast  ,daz  ist  der,     secht  in  an  vn  g-et  her! 

Der  den  tempel  wolde  machen  wider      vü   in  drin  ta- 
gen viel   nider. 

Secht  in  alle  au!       er  hat  di  toten   iembtio-  o-etan 

Vnd  di  siechen  macht  er  g-esunt  (64'')     die  zv  im  cho- 

meu  zu  der  stunt, 
10.  Nv    er    selb    auz    der   not'.       als  manis-er  laiö-e  waz  ir 

spot 

Do    si   grchreuc/t  heten  iesum.       Daz  waz  vnser  aller 

frum. 

Vnd  zwen  Schacher  mit  im,       Daz  waz  dez  ainen  vn- 

gewin, 

Wan    er    iesu    smachait    erpot       vn    sprach    zv    im  ,pi- 

stu  got 

So  laz  vns  vnd  auch  dich    von  diser  not  iemerchlich^ 
20.  Der    ander    Schacher  sich  erchant       vü  auch  die  rewe 

vant. 

Der  genoz  er  sider!       iesus  sprach  zv  im    wider 

Jch  sag  dir  nv  daz       gar  an  allen  haz 

Daz  du  heut  werleich        mit  mir  scholtu  sein  in  meins 

vater  reicht 

Di  luden  schinechteii  iu   do   alle       mit    einem  grozzen 

schalle. 


192  Haupt. 

30.  Pilatus    ouch    dez    nicht    enliezz,       er   tet    als    in    sein 

svn  hiez, 
Vnd    schraib    die    vbersclirift       vnd    stacht  ez  auf  dez 

clireuczes  stift. 
Da  waz  an  geschriben  sus  ,iesus  nazarenus'. 
Der    luden    chunicht  dar  nach.        daz  daucht  di    luden 

alle  smach, 
Wann  vil  der  luden  lazen  daz       waz    dar  an  geschri- 

ben  Avaz 
40.  Vnd  waz  nahen  pey  der  stat     da  iesus  gechrewczt  wart. 
Di    geschrift    waz   ebralschen     chrychischen       geschri- 

ben  vnd  latenischen. 

64''  Dl  pischolf  der  luden  do       sprachen  do  pilato  zv 

,Der  luden  chunich  nicht  schreib  also!     wann  er  sprach 

aldo 
luden  chvnich  pin  ich  nv'.      Pilatus  antwurt  im  da  zv 

50.  ,Daz  ich  geschriben  han        daz  niuzz  also  pestan.' 
Do  di  ritter  iesuni  do       heten  gechrevczt  also, 
Si  namen  sein  gewant       vn  tailten  ez  zv  haut 
In  vier  tail  vnder  sich.      ain  rok  pelalb  dar  vber  reich 
Der  waz  nicht  genet.        si  sprachen  an  der  stet 

60.  ,Zv  sneid  wir  sein  nicht!        wem  daz  hall  geschieht 
Dem  daz  lozz  gevalle       dez  sey  der  rock  mit  alle.' 
Daz  di  geschrift  erfüllet  wer        die  da  geschriben  stet 
,Sie  habent  getailt  mein  gewant       mit  ir  selbes  hant 
Vnd  wui'fen  daz  loz  vnder  in*.       Also  spricht  der  ge- 
schrift sin. 

70.  Daz  teten  di  i'itter  so.     der  rock  pelaib  dem  andern  do. 
Pey  dem  chreucz  stund  aldo       iesus  muter  maria 
Vnd  !r  swester  chleophe       vn  maria  magdalene. 

Hiernach  tritt  wieder  Philipps  Text  mit  7368  ein;  7444 
bis  7447  fehlen,  ebenso  7462  und  7463.    7478—7481   lauten: 

V.  66''  Awe  mir  wer   toetet  mich       mit  meinem  lieben  chiude 

daz  ich 
Mein  vil  armez  leben  ende       hie  in   diesem   eilende. 
75.56—75.59  fehlen;  nach  7689  wi.'dcr  folgende  Stelle: 

VI.  7U"  l>i  iiideii  gedachten  auch  au  daz     daz  ir  uster  awent  waz 

Vnd  trachten  do  alle  geinaiu      payde  groz   vn  chlaiue, 


Bruder  Philipps  Marienleben.  193 

wie  man  den  leielinani  ah  neme        e  irn  ostern  eherne 
Daz  si  nicht  pelil)en  ob  der  erden.      Pylatum  den  vn- 

werden 
10.  Paten  si  geniain     daz  man  prechecht  (sie)  ir  gepain, 
Wann  ez  waz  der  poz  sampztag-     an  dem  ir  er  lag. 
Pylat  in  daz  vrlaub     gab     daz  si  in  neanen  hei'ab. 
Hierauf  folgen  7090 — 771.5,    nach  welchem  wieder  einge- 
schoben werden  : 

VII.  70''  Er   sprach   ,En    twn  der  mensch  ist  gotes  svn     der  ist 

worden  mein  grosser  früm^ 
Vud  der  daz  alles  sach      der  gezeugnis  er  iach. 
Dez    gezeugniz    ist    di  warhait       wann    er  ez  alles  hat 

gesait, 
Vnd    daz    ir    auch    gelaubt    daz       wann    ez    allez    also 

waz. 
10.  Do  waz  ez  allez  vol  pracht  gar     Alz  di  schrift  spricht 

für  war, 
Daz  wir  alle  gemain       ir  preeht  nicht  sein  gepain. 
Ein    ander    schrift    sprach    also       ,si    werent  her    nach 

selben  do, 
Wenn  si  gestochen  haut'      Dez  secz  ich  ew  mein  twe 

ze  phant. 
7716 — 7751   stimmen  überein,  hernach  folgen  diese  Verse: 

VIII.  71"Centurio  sprach  sam        .ich    sag   ew  werleich  daz  der 

man 
Ist    dez    lebentigen    gotes   ehint,       solche  zaiclien  hie 

geschehen  sint'. 
Do  pat  pylatum  do       ioseph  von   Aromathia, 
Wann    er    iesus    iunger    waz       haimlichen,    niemant 

weste  daz, 
l(j.  Daz    er    ihs    leichnam    (sam)       solt  von  dem  chrevcz 

enphan, 
Vnd  in  pestaten  zv  der  erden     gar  nach  sein  werden. 
Pylatus    in  do    gewert       als    er  an  in  het  gegert. 
7752 — 7927    stimmen  ;    zwischen    7927 — 7928    diese    zwei 
Verse  : 

IX.  74"  Owe  sein  vil  grosse  trewe     di  machet  meinem  herezen 

rewe. 

Sitzb.  d.  phil.-hist.  Cl.  LXVm.  Bd.  U.  Hft.  ]3 


fi 


194  Haupt. 

7980,  7981  umgestellt;  vun  hier  bis  zum  Ende  kommen 
solche  wesentliche  Aenderungen  als  die  bisher  verzeichneten 
nicht  weiter  vor. 

Was  diese  Einschübe  betrifft ,  so  stammen  sie  nicht  vom 
Schreiber  der  Hs.,  was  schon  aus  den  Reimen  mit  Sicher- 
heit hervorgeht: 

I.   1.  daz  :  was,  3  hin  :  sin,  9  geschach  :  nach,   13  weste  : 
leste,    18    Avär    :    dar,    27    dar  :  war,    51.    nach  :  sprach, 
53  getan  :  an,  57,  63  gare  :  wäre ; 
II.  3.  im  :  sin; 

III.  3.  im  :  liin; 

IV.  5.  an  :  getan,  9  not  :  spot,  13  im  :  ungewin,  37  daz  : 
was,  43  do  :  zuo,  55  sich  :  rieh,  57  genet  :  stet  (?  genät  : 
stat) ; 

VI.   1.  7  daz  :  was; 
VII.   1.  sun  :  fr  um; 
VIII.   1.  sän  :  man,   7  was  :  daz,   9  lichnam  :  enphän. 

Diese  Reime  weisen  nach  dem  mittleren  Deutschland. 
Grerade  da  wurde  aber  schon  vor  Jahren  ein  Pergamentblatt 
von  einem  Buchdeckel  abgelöst,  das  mit  dem  Werke,  wie  es 
in  der  Admonter  Hs.  sich    darstellt,  im  nächsten  Bezüge  steht. 

Mone  im  Anzeiger  1833  hat  Sp.  153  fl.  dieses  Pergament- 
blatt, das  er  von  Jos.  Heller  in  Bamberg  erhalten  hatte, 
abgedruckt;  dasselbe  ist  zweispaltig  geschrieben  mit  Miniaturen 
versehen  und  gehört  in  das   XI V^.  Jahrhundert. 

a.  col.  1.  So   hastu  chain  tajl  mit  mir      do  Sand  Peter  das  er- 
hört — 
als  ich  ew  hab  getan     Also  thut  auch  Ir  furbar 
an  dem  Sambtztag  2™  Matheum 
an    einem    Sambtztag    das   geschach       Es    cham    vnd 

wolt  gen 
Maria  Magdalena     vnd  die  andern  maria  — 
vnd  gie  zu  dem  grab     vnd  chert  den  stain  umb 

col.  2.  Er    saz    nider    auf  den  stain      sein  anplitz  liecht  er- 

schain  — 
da  sult  Ir  In  sehen     als  ich  ew  ha)>  veriehen. 
Das  lesus  gen  Jeruzalem  gie 
Jesus  mueter  maria     waz  ze  Bethania  — 


Brnder  Philipps  Marienleben.  195 

).  col.  1.  Er  wolt    nicht    sagen    das      das    so    nahent  sein  mar- 

ter  was 
col.  2.  In    allen    gab    er    den    segen  sein     er    sprach    lat   ew 

enpholichen  sein. 

Aus  diesem  Pergamentblatt  lernen  wir:  1)  Das  in  der 
\dmonter  Hs.  aufbehaltene  Werk  war  weiter  verbreitet; 
])  die  Anordnung  stammt  nicht  vom  Schreiber  Dietmar; 
})  die  Bamberger  Hs.  war  nicht  seine  unmittelbare  Vorlage, 
ieun  die  Bamberg-er  Hs.  bezeichnet  das  Evangelium,  das  in 
ier  Admonter  42*  ,An  dem  eritag  lucas'  überschrieben  ist,  mit 
An  dem  Sambztag  2""  Matheum^. 

Das  Stück  I.  von  der  Fusswaschung  ist  46''— 47''  nur 
Ä'iederholt  aus  4V — 42^  Sich  zu  wiederholen,  wie  das  bei  der 
t^om  ersten  Urheber  des  Werks  beliebten  Anordnung  des  Stoffes 
yar  nicht  anders  sein  konnte,  ist  eine  Eigenheit  dieses  Buches. 
5o  erzählt  es  auf  7""  das  Evangelium  von  dem  unreinen  Geiste 
Qach  Matthäus  und  wiederholt  dasselbe  mit  denselben  Worten 
17*  nach  Lucas.  Ich  behalte  mir  vor  auf  die  mhd.  gereimten  Evan- 
»•elieu,  die  in  verschiedenen  Hss.  vorkommen,  bei  einer  andern 
Grelegenheit  zurückzukommen.  Denselben  liegt  eine  einzige 
a,lte  Version  zu  Grunde,  die  dann  viellVich  umgeschrieben  und 
mit  fremdem  Stoffe  versetzt  worden  ist,  wie  in  der  Admonter 
Lind  der  bis  auf  das  eine  Blatt  verlorenen  Bainberger  Hs.  mit 
Stücken  Bruder  Philipps.  Von  den  eingeschobenen  Stücken 
will  ich  noch  bemerken,  dass  sie  nach  der  lateinischen  Quelle 
Philipps  gearbeitet  sind.  Rückert  hat  im  Capitel-Verzeich- 
niss  der  Vita  B.  M.  V.  S.  379 — 3901  diese  in  der  deutschen 
Bearbeitung  fehlenden  genau  angegeben,  sie  sind: 

149.  Quod  Jesus  lavit  pedes  discipulorum. 

150.  Quod  Jesus  corpus  suum  dedit  discipulis. 

151.  Quod  Jesus  predixit  se  tradeudum  per  Judam. 
183.  Quod  milites  diviserunt  vestimenta  Jesu. 

187.  Quod  Judei  deriserunt  Jesum  in  cruce  pendentem. 

188.  De  latronibus  qui  pendebant  cum  Jesu. 

198.  Quod    milites  et  Centurio    videntes  sigua  confessi  sunt 
Jesum. 
Diese  Capitel    sind    alle    in    den    Stücken   I,  III,    IV,  VI 
bis  VIII  enthalten. 

13* 


1 


196  Hanpt. 

Dietmar  hat  nach  seinem  ausdrücklichen  Zeugnisse  die 
Admonter  Hs.  1351  geschrieben,  seine  Vorlage  wird  gewiss 
um  einige  Jahre  oder  Jahrzehnte  älter  gewesen  sein,  folglich 
liegt  diese  Umarbeitung  zeitlich  dem  Ursprünge  des  Werkes 
nahe  genug.  Dass  der  erste,  welcher  den  der  Admonter  Hs. 
zu  Grunde  liegenden  Text  herstellte,  auch  räumlich  dem  Bruder 
Philipp  nahe  gestanden  sei,  ergibt  sich  mit  Sicherheit  aus 
den  Reimen  der  Evangelien,  wie  aus  der  folgenden  Uebersicht 
zu  ersehen  ist.  Die  voranstehenden  Ziffern  beziehen  sich  auf 
die  Reihenfolge  im  Abschnitt  I.  über  Philipps  Reime, 

2.  a  :  a  man  :  sän  9''  22''  :  wän  26''  :  getan  27''  28"'  :  begän 
IS*"  dan  :  gegän  20*^  hant  :  unverwant  16''  gar  :  war 
ga  14»  iQb  21-  dar  :  war  U''  22"^  23''  schar  :  war  12" 
13"  20"  22"  23"  wart  :  verkärt  W  spi-ach  :  nach  14" 
2T  40^^  sach  :  nach  37"  geschach  :  nach  39"  4P  naht  : 
bedäht  3"  stat  :  lät  4"  :  hat  18"  19*  scharen  :  wären 
26\ 
ä  :  a  sän  :  man  1"  2""  21"  :  dan  4"  14"  33"  hän  :  an  4" 
wän  :  an  21"  28"  31"  :  kan  16"  getan  :  an  41"  offenbar  : 
getar  26^  war  :  gar  1"  3'"^  :  schar  18"  19"  wäre  :  gare 
2"  14"  KT  17"  19""  23"  :  schare  22"  zwar  :  gar  7"  swär  : 
gar  17"  gäch  :  sprach  1"  nach  :  sprach  4"  25"  30"  38" 
41"  :  sach  18"  23"  25"  27"  vräge  :  tage  29"  lägen  :  ge- 
tragen 9". 

4.  i  :  i     bin  :  schin  26"  :  min    32"  :  diu  9"     in  :  din  32"  37"  : 
sin  3''  7"  31'      hin  :  sin  41"  42""  :  swin  15"      sin  :  darin 
14". 
i  :  i     min  :  hin  27"  40"     sin  :  hin  34"  :  in   16"  27"  36"  sist : 
ist  33"     rieh  :  sich  !&     git  :  niht  (=  nit)   11''. 

6.  i  :  ie     mich  :  siech  10"  mir  :  schier    5"  dir  :  schier  27"  28' 

29"  31"  33"     ir  :  schier  12"  22". 
ie  :  i     siech  :  mich    5""  :  dich    5"      schier  :  mir    9"    16"    28' 
32"  34"  40"  :  dir  10"  18"  25"  :  ir  11'^  22"      geziert  :  wirt 
7"  17"     lieht  :  siht  32". 

7.  u.  11.     o  :  6  :  ä     tot  :  hat   11"     geboren  :  järeu  27". 

8.  o  :  6     wort  :  gehört  2"     spot  :  not  12"    got  :  tot  30". 

13.  e  :  ae     ere  :  waere  22""  :  unmaere  37"     schribaere  :  lere  ll^ 
c  :  e     mero  :  here  2"  8"  15"     serc  :  gere  5"     lere  :  here  8^ 


Bruder  Fluliijps  Miirieiilebi3ii.  197 

e  :  e     here  :  inere  12''  40"  :  lere  7"  :  sere   1*9*     er  :  nier  7" 

ger  :  mer  22""     gert  :  bekert  7''. 
ae  :  e     dienaere  :  here  36". 
e  :  ae     tete  :  imstaete   19". 

17.  u  :  uo  tiion  :  sun  4"  H"  18"  suii  :  tuon  20''  ob^  40"''  sune  : 
tuoue  (S"    sieclituoiii  :  sun  29"     Lazai-iim   :  siechtuom  29''. 

22.  u  :  ou     buch  :  oueh   19''. 

24.  m  :  u  siechtuom  :  sun  29''  Lazarum  :  siechtuom  29''  im  : 
bin  V'  :  sin  14"  allesamt  :  zehant  24"  30"  :  erkant  38"". 
n  :  m  au  :  alsam  21"  zehant  :  alsamt  41"  behaut  :  alle- 
samt 33"  36"     genant  :  allesamt  29"    dienen  :  niemen   12". 

31.  c  :  ch     geschach  :  smac  38"     phlac  :  geschach  40". 

33.  sähen  :  enphangen  b"  =  sän  :  enphän.  Ebenso  ist  sän  : 
haben  29"     gegäu  :  haben  29"  =  sän  :  gegän  :  hän. 

86.  sagen  :  gäben  24''  liferhaben  :  tagen  25"  haben  :  tragen 
2"     ninder  :  viuger  11"     besunder  :  junger  36''. 

37.  s  :  z     daz  :  was  3"  9"  15""  24"  25"  27"  34"  39"   41"     baz  : 

was  25"     haz  :  Elias    10"     nz  :  hus    24"      was  :  daz    25" 

29"  36"  :  saz  20"    Sathanas  :  waz  7"  17""  betlms  :  üz  6". 

Ais  Assonanzen  erscheinen  stat  :  wart  16"  sint  :  uiht 
19"     schäl"  :  warf  24"     gewisse  :  erzenie  (f  =:  erzenisse)  30". 

Ein  überschiessendes  n  dri  :  sin  18"  ffevalle  :  allent- 
halben   14"     erkennen  :  denne  11"  :  erkennen  35".  helle  als  sw. 

f.  gesellen  :  der  hellen  5"  Secunda  pers.  pl.  mit  n'  ir  mu- 
gent  :  tugend  2"  Partie,  praes.  in  unde  ^vragunden  :  stunden 
23"     stunde  :  ezzunde  24". 

Zwei  Reimpaare  erscheinen  1"  4"  10"  22"  28"  32"  35". 

Die  Ergebnisse  dieses  Abschnittes  lauten  somit :  1 .  um 
die  Mitte  des  XIV.  Jahrhunderts  war  Philipps  Marienleben 
bereits  in  einer  Recension  vorhanden,  deren  Mittelstück  durch 
eine  ausführliche  Uebersetzung  der  Evangelien  ersetzt  war ; 
2.  von  dieser  Recension  sind  noch  das  bei  Mone  1.  c.  ge- 
druckte B  a  m  b  e  r  g  e  r  Blatt  auf  Pergament  mit  Miniaturen  und 
endlich  die  Admonter  Hs.  bis  jetzt  bekannt:  ;>.  die  Ueber- 
setzung der  Evangelien  ist  von  einem  Verfasser  gearbeitet 
worden,  der  dem  Bruder  Philipp  räumlich  und  zeitlich  sehr 
nahe  stand.  Der  Verfasser  dieser  Evangelien  ist  nothwendig 
einer  und  derselbe  mit  dem  der   eingeschobenen  Stücke.    Nach 


1 

198  Haupt. 

einzelnen  Missverständnissen  zu  schliessen,  ist  die  Admonter 
Hs.  unmittelbar  aus  einer  norddeutschen  Hs.  genommen,  die 
vielleicht  identisch  war  mit  derjenig-en,  aus  welcher  die  107" — 
108"'  enthaltenen  Stücke  stammen,  die  ich  schon  oben  mitge- 
theilt  habe. 


III. 

Hat  die  Vorlage  der  Admonter  Hs.  den  Text  Philipps 
mit  einem  andern  Texte  zu  verschmelzen  und  nach  dem  Ge- 
schmacke  des  Mittelalters  so  recht  vollständig  zu  machen  gesucht, 
so  hat  ein  anderer  dies  wieder  auf  andere  Weise  gethan.  Von 
seiner  Arbeit  bewahrt  die  k.  k.  Hofbibliothek  unter  der  Nummer 
Suppl.  2560  gegenwärtig  16  zweispaltige  Blätter,  Pergament, 
4*^  aus  dem  XIV.  Jahrhundert,  mit  abgesetzten  Reimen,  rothen 
Ueberschriften  der  Abschnitte  und  in  breiter  sächsischer  Schrift 
geschrieben.  Die  ersten  acht  Blätter  bilden  eine  vollständige 
und  zwar  die  VI.  Lage,  dann  folgt  ein  Doppelblatt:  9,  10  und 
hieran  kommt  dann  eine  Lage  von  drei  Doppelblättern  und 
zwar  die  IX.,  der  das  dritte  und  sechste  Blatt  fehlt.  Voll- 
ständig erhalten,  wenn  man  die  geringen  Verletzungen  an  dem 
äusseren  Rande  nicht  in  Betracht  zieht,  sind  nur  die  Blätter 
2,  3,  6  und  7,  aus  denen  man  lernt,  dass  35  Zeilen  auf  jeder 
Spalte  geschrieben  waren;  die  übrigen  Blätter  und  zwar  1,  4, 
5,  8,  11,  12,  15,  16  haben  oben,  13  und  14  unten,  9  und  10 
oben  und  unten  einige  Zeilen  von  der  Schere  des  Buchbinders 
verloren. 

In  dieser  Hs.  wurde  das  bekannte  Evangelium  Nico- 
demi benützt,'  um  Philipps    Werk  zu  ergänzen,    nämlich  zu 


1  Diese  Stücke  ans  dem  Evangelium  Nicodemi  waren  bisher  vollständig 
unbekannt,  sie  bilden  die  vierte  fragmentirte  Hs.  auf  Pergament  dieses 
Werkes,  und  stimmen  zunächst  mit  der  Görlitzer  Hs.  überein.  Pfeiffer, 
altdeutsches  Uebungsbtich  Wien  1860  hat  S.  1 — 22  ein  Stück  aus  dem- 
selben drucken  lassen.  Audi  in  diesen  Stücken  finden  sich  die  zwei  Verse 
nach  121(5  der  Görlitzer:  ,dv  nimest  vnser  missetat  vn  tust  vnser  sunde 
rät'  auf  13".  Unter  den  von  Pfeiffer  in  dir  Einleitung  verzeichneten 
Hss.  vermisse  ich  eine  zweite  auf  Pajiier,  uäiulicli  die  Heidelberger.  In 
dem  Buche  der  Härterer,  das  der  Grätin  von  liosenberg  gewidmet 
ist  (Wilken  CCCXLn  pag.  428),  findet  sich  das   Evangelium   Nicodemi 


Bruder  Pliilipps  Marieiileben.  199 

zerstören.  Wenn  man  den  gedruckten  Text  m5t  dem  in  dieser 
Hs.  enthaltenen  vergleicht,  so  stellt  sich  folgendes  heraus : 

r  6578-6608,  l"^  6613—6645,  jedoch  fehlen  6321  und 
6324  und  6644,  6455  sind  umgestellt. 

1^  6650—6679,  l"^  6684-6694.  Umgestellt  sind  6684,  6685. 

Nach  6694  wird  ein  Stück  von  698  Zeilen  eingeschoben, 
zwischen  welchen  einzelne  Verse  Philipps  stehen. 

1**  6694  daz  er  solt  vorlaugen  sein        do  von  gevinc   er  iamers 

pein 
aus    dem    hous     drate    ginch         sere    zv    wainen    ane 

vinch 
vn  wainet  pitterliche       do  vorgab  im  is  got  der  reich 
disiv    red    screibt  vns    sant  Lucas        der    ein    ewange- 

liste  was 
9  Johannes  Marcus  vn  Matheus.         furbas  saget  vns  Ny- 

codemus 
wann  er  was  taugen    gotes    cneht       vn    sach    wol    daz 

er  het  reht 
Er  sterket  furbas  sein  wort     wann  er  was  mit  ienen  dort 
di  Crist  gevangen  heten       vn  alles  daz  si  taten 
daz  sach  er  an  mit  äugen       im  waren  kunt  di  taugen 
19  vn  west  ir  rede  zv  ende  gar       der  iunger  quam  chaiuer 

dar 
vor  der  vbelen  Juden  vorhte  (2'')  do  er  der  rede  gehorte 
bis  das  si  in  vortailten       iren  leip  si  notveileten 
vn  vnder  den  iuden  sich  vorparch.       Er  was  dez  kunes 

also  strach  (sie.  1.  starch) 
daz  im  di  iuden  fursten       niht  geschaden  torsten 
29  Er  hört  ir  wart  vn  sach  ir  werch       si    betten  vor  im 

kain  geperch 
alles  daz   si  taten       doch  wolt  er  in  niht  verraten 


auf  f.  41  verso  —  f.  64  verso  mit  dei-  i'othen  Ueberschrift :  Der  Passion. 
In  der  Härterer  Buch  ist  aber  dieses  Evang-elium  nur  willkürlich  auf- 
genommen, fehlt  auch  in  der  Kl  oster-Neuburger  Hs.  und  passt  zu  den 
übrigen  Legenden,  nämlich  ihrer  Sprache  und  Darstellung,  wie  das  Auge 
zur  Faust.  Die  genaue  Keuntniss  der  in  Kede  stehenden  Heidelberger 
Hs.  hat  mir  die  Güte  des  Hrn.  Professors  Wattenbach  verschafft,  dem 
ich  hiemit  öffentlich  allen  verbindlichen  Dank  erstatte. 


200  Haupt. 

Noch  ia.  in  vor  dem  gerichte       vn    gehal  in    an  nihte 
dez  si  an  im  begingen       si  vnsern  heiren  vingen 
als  ich  vor  geredet  han       das  si  den  morgen  san 

39  si  geugen  (sie)  an  Pylateu       vil  tevr  si  in  paten 
daz  er  zv  gerithe    sezze    .  e  .  denne  er  ezze 
vn  Jhesum  vor  sich  ladete     wann  er  dem  volke  schadete 
Pylatus  sprach  , durch  welch  schuld  ?      ir  wizzet  w^ol  daz 

ir  ensult 
nimant  vorterben  an  reht'       do    sprach   der  iuden  eht 

49  ,der  wort  ger  wir  niht  vrides        diser    ist   Joseps    sun 

dez   smidez 

daz  soltu  wol  merchen       wir  sehen  in  di  werc  wurchen 

do  mit  er  störet  unser  e.'     Pylatus  sprach  ,nu  sprechet  me 

waz  ist  uf  in  di  maist  clag?^      Er  hallet  an  dem  samtztage 

2^  vn  an  andern   tagen    niht.       Er   vortreibet    di    gegiht 

59  di  lamen  tut  er  gende,       di  taugen  (sie)  gehorent, 
wol  sprechen  di  stummen,     Er  tut  i-eht  gen  di  krummen 
Er  rainiget  di  miselsuht,       der  volget    im    ein  michel 

truht 
des  Volkes    in  dem  lande.       das  ist  der  iuden  scande. 
daz  er  vnser  e  zv  prichet      wenn  er  ein  w^ort  sprich  et 

69  so  ramneut  im  di  teuvel       dez  ist  vnser  volk  in  zv  vi  v  el 
durch  sein  vbelich  tat.'       ,in  Avelcher  wis'  sprach  Pilat 
dez  west  ich  gerne  mer.^     ,Er  ist  ein  zauberere 
di  teufel   laisten    sein   gebot       den    gewalt   hat   niman 

wan  got  .  .  . 

Diese  Stelle  wird  genügen,  um  den  Charakter  der  Hs. 
kennen  zu  lernen;  es  sind,  bis  wieder  Philipps  Text  T''  ein- 
tritt, hier  eingeschoben  698  Zeilen  ohne  die  abgeschnittenen. 
Wenn  man  diese  Stellen,  wo  es  möglich  ist,  mit  den  abge- 
druckten des  Evangeliums  Nicodemi  vergleicht,  so  stellt  sich 
heraus^  dass  in  der  Hs,  des  Schweriner  Archivs  vier  Verse 
anders  lauten,  und  zwar  liest  die  Schweriner  f.  2"   1   ff. 

,si  dir  des  kunigs  ere  liep       so  lieug  in  als  einen  diep 
do  ditz  Pilatus  vornam     der  iuden  ruf  er  ser  erquam , . .' 

Nach  ,diep'  schiebt  vnsere  die  Verse  6738 — 6739  aus 
Pliilipp  ein 

7"  ,auch  ist  er  von  galilee       vn  will  hie  stören  vnser  e.' 


Bruder  Philipps  Marienleben.  201 

Desgleichen  stehen  für  die  beiden  Zeilen^  der  Schweriner 
Hs.  f.  2'' 

,Do  herodes  in  gesach       vil   liebe   im   daran  geschach' 
wieder  aus  Philipp  6748—6749 

,da  mit  im  Pilatus  ere  erpot  do  von  vreut  sich  Herot.' 
Mit  dem  698.  Verse  ,als  er  zv  reht  soldc'  endet  diese 
längere  Stelle  aus  dem  E.  N.  und  Philipps  Text  ist  folgen- 
dermassen  gebraucht.  Es  folgen  6768 — 6783,  es  fehlen  6784 — 
6803,  umgestellt  sind  6803 — 6804,  theilweise  geändert  und  durch 
zweie  neue  vermehrt,  sie  lauten : 

,dar  vm  wer  ez  nicht  gut       daz  ich  guzze  das  vnschul- 

dige  blut 

durch  euch"  di  luden  sprachen  ,M'ir  piten  vber  in  räche 

herre  pilatus  sein  blut  muz  werden^ 
von  Avelchem  Verse  6806  wieder  Philipps  Text  folgt  bis  6947 
auf  S^  dann  wird  Avieder  eine  längere  Stelle  eingeschoben  bis 
auf  8'^  mit  6976  wieder  Philipps  Text  beginnt  und  damit 
fortgefahren  wird  bis  7112  auf  9''.  Nach  einem  kleineren  Ein- 
schub  folgen  dann  Philipps  Verse  7116,  7117,  7120,  7121, 
zwei  fremde,  7122—7137,  7844,  7845,  7876—7879,  7884— 
7887,  7880—7883,  7888—790.3,  7946—7949.  Auf  10'— lO''  steht 
wieder  eine  fremde  Stelle  mit  der  Ueberschrift  ,daz  di  Juden 
paten  hüten  ihesum.'  Hierauf  folgen  auf  lO''  Philipps  Verse 
795r) — 7975.     Alle  hier  nicht  verzeichneten  Verse  fehlen. 

Im  wesentlichen  sind  es  die  Verse  Philipps,  aber  der 
Schreiber  der  Hs.  hat  alle  seine  unreinen  Reime  zu  beseitigen 
gesucht,  was  allein  schon  bedeutende  Aenderungen  nothwendig 
machte,  er  suchte  aber  auch  die  Erzählung  zu  verbessern  und 
auch  dadurch  wurde  Philipps  Text  öfter  sehr  bedeutend  an- 
gegriffen. Ich  will  ein  paar  Proben  geben  und  ohne  lange  zu 
wählen  gleich  mit  7116  beginnen. 

Wiener  Hs.  Philipp,  ed.  Rückert 

9**  do  Maria  iren  sun  ansacli  Do  Marjä  ir  sun  ersach  7jj6 

irm  hertzen  we  geschach  irme  herzen  we  geschacii, 

si  spracli  ,we  mir  we  mein  si  Avest  vor  leit  niht  was  si  tete 

liber  sun 

0  we  waz   wil  man  dir  tun?  doch   erhuop  si  di  rede  : 

o  we  mein  liebes  kint   iesu  ,we  mir  we,  min  kint,  min  sun ; 


202  Haupt. 

auf  dinem  ruke  waz  treistv?      6  we  waz  wil  man  dir  nu  tuon? 
0  we  wo  solt  du  hin  g-en         o  we  wa  solt  du  hin  gen  : 
o  we  mir  was  sol  dir  gesehen      we  mir,  waz  sol  dir  gesehen  ? 

Die  zwei  Zeilen  7118,  7119  mit  dem  Reim  ,tete  rede^ 
sind  getilgt,  die  zwei  Verse  ,o  we  —  waz  treistv?  kennen  auch 
die  drei  ältesten  Hss.  J  G  H  und  auch  die  Admonter 
(siehe  oben).  Wenn  hier  der  Reim  die  Veränderung  verur- 
sachte, so  hat  ein  feines  Gefühl  für  Composition  die  Verse 
7846  —  7875  gestrichen  und  die  folgenden  umgestellt. 

Petrus  klagt: 

Wiener  Hs.  Philipp  ed.  Rückert. 

lO''  Mein  maister  han  gelassen  minen  meister  han  geläzen,        7i 

dez  muz  ich  sein  vorwassen  des  muoz  ich  immer    sin    ver- 

wazen, 

doch  seiner  gut  getrost  ich  doch  siner  güete  troeste  ich  mich  7 

mich 

daz  er  barme  sich  daz  er  noch  erbarmet  sich 

vber  mich  vn  mein  schulde  über  mich  und  mine  schulde 

vorgebe  vn  la  mich  haben  unt  laet  mich  wider  haben  hulde, 

hulde 

dor  vm  pit  ich  dich  ihesv  wan  mir  gebot  sin  heiliger  munt  7 

daz    dv    nu    wellest    vor-  daz  siben  unde  sibenzic    stunt 

gessen  nv 

der  missetat  di  ich   armer  vergeben    ich    minem    bruoder 

han  solde 

wider  dein  hulde  getan  ob  er  des  baete,  sine  schulde, 

wan  mir  gepot  din  heiliger  dar  umb  so  bite  ich  dich,  Jesu, 

munt 

daz   siben  stunt    sibcnzich  daz  du  Avellst  vergezzen  nuo 

stunt 

vorgeben  mel  brvder  suUe  der  missetat  diech  armer  han 

ob  sein  er  gert  sein  schulde  wider  dine  hulde  getan'. 

Maria  Magdalena  hub  uf  Maria  Magdalena  huop 

Mit  grozzer  clage  ein  ruf  mit  grozer  klage  einen  ruof 

vm  ires  lieben  herren  not  vmb  ir  lieben  herren  tot  1^0 

vnd  vm  sein  iamer  tot  .  .  .  und  durch  sin  grözemarter  not... 

So  wird  überall  dor  vielfältig  ungischlachte  Text  Philipps 
zu   glätten    gesucht,    seine    Reime    alle    in    reine   umgewandelt. 


] 


Bruder  Philipps  Marienleben.  203 

dieses  rein  natürlich  im  Sinne  der  Mundart*  verstanden,  die 
dem  Umarbeiter  angeboren  war.  Diese  war  aber,  wie  aus  den 
mitgetheilten  Proben  mit  aller  Sicherheit  hervorgeht,  eine  mittel- 
deutsche, und  höchst  wahrscheinlich  war  er  räumlich  nicht 
sehr  weit  von  dem  Bearbeiter  des  E.  N.  geboren. 

Auf  den  Blättern  11  — 16  der  W.  Hs.  stehen  keine  Verse 
mehr  aus  Philipps  Marienleben,  nur  Bruchstücke  des  E.  N. 
und  zwar  verhalten  sich  diese  Stücke  zu  den  in  Pfeiffers 
Uebungsbuch  gedruckten  also : 

W.  Hs.  Suppl.  2560.  ir  =  Pfeiffer     790—  823 

11"  =  825—  858 

ir  =  860—  892 

ll''  =  893—  928 

12''  =  929—  961 

12"  =  ■  962—  998 

12^  =  999—1032 

12'^  =  1033—1066 

13''  =  1217—1249 

13"  =  1251—1285 

13^  =  1287—1322 

13*  =  1324—1347 

14'^  =  1359—1394 

14"  =  1395—1426 

W  =  1427—1438 

Mit  diesem  Verse  endet  das  bei  Pfeiffer  abgedruckte 
Stück.  Dass  aber  die  folgenden  Blätter  nichts  anderes  als 
eben  das  E.  N.  enthalten,  ersieht  man  daraus,  dass  die  von  K. 
Roth  in  seinen  Denkmälern  veröffentlichten  Bruchstücke  dieses 
Werkes  und  zwar  V  auf  15"— 16",  ferner  1"  auf  15""  und  4"  auf 
lö*"  erschienen. 


IV. 

Wir  haben  in  dem  vorigen  Abschnitt  eine  Hs.  vor  uns 
gehabt,  in  der  entweder  der  Schreiber  oder  der  seiner  Vorlage 
den  Text  Philipps  wenigstens  nur  nach  der  geläufigen  mittel- 
deutschen Mundart  zu  , schlichten  vnd  zu  richten'  bestrebt  war. 


204  U  a  u  p  t. 

wie  die  andern  mitteldeutschen  Hss.  J  H  P  es  auch  gethan 
hatten,  wenn  auch  in  einem  viel  minderen  Masse.  Die  k.  k. 
Hofbibliothek  verwahrt  aber  unter  Nummer  Suppl.  2596  von 
einer  Hs.  vier  Blätter,  worauf  von  Philipps  Text  die  Verse 
2370 — 2900  zweispaltijo"  zu  je  33  linierten  Zeilen  mit  rothen 
Ueberschrifteu  der  Abschnitte  von  einer  starken  festen  Hand 
um  die  Mitte,  wo  nicht  in  der  ersten  Hälfte  des  XIV.  Jahr- 
hunderts geschrieben  sind.  Auch  diese  Hs.  war  bis  jetzt  unbe- 
kannt. Ich  habe  diese  vier  Blätter  oder  diese  zwei  innersten 
Doppelblätter  einer  Lage  von  den  Deckeln  der  Hs.  4391  vormals 
Wiener  Universitätsbibliothek  581  abgelöst,  von  denen  1  stark,  2 
und  3  weniger,  alle  aber  durch  die  Schere  und  den  Leim  des 
Buchbinders  an  dem  äusseren  Rande  und  im  Texte  geschädigt 
wurden. 

Diese  vier  Blätter  sind  der  Rest  einer  Hs.,  deren  Schreiber 
oder  seine  Vorlage  den  Versuch  gemacht  hat,  den  Text  Phi- 
lipps in  mhd.  Sprache  und  strenghöfische  Verse  umzuschreiben, 
ein  Versuch  von  dem  keine  andere  der  bisher  betrachteten  Hss. 
etwas  weiss.  Derselbe  ist  um  so  merkwürdiger,  als  er  sich 
eigentlicher  Zusätze  und  Einschübe  vollständig  enthält,  und  das 
Werk  nicht  durch  überflüssige,  sinnlose  und  abgeschmackte 
Wunder  zerstört. 

Diese  nämliche  Recension  ist  auch  enthalten  in  der  Hs. 
2709  der  k.  k.  Hofbibliothek.  Philipps  Werk  ist  hier  auf 
f.  1 — 70  in  je  zwei  Spalten  jede  zu  je  36  linierten  Zeilen  mit 
rothen  Ueberschriften  der  Abschnitte  um  die  Mitte  des  XIV. 
Jahrhunderts  geschrieben;  und  zwar  mit  der  bairisch-österrei- 
chischen  Diphthongierung  der  langen  Vocale,  doch  so,  dass 
dem  Schreiber  eine  bedeutende  Zahl  dieser  Längen  entschlüpft 
ist.  Der  Inhalt  der  4  Blätter  in  Suppl.  2596  findet  sich  hier 
genau  17''  Vers  33 — 21"^  Vers  17.  Auch  diese  Hs.  stammt  aus 
der  Wiener  Universitätsbibliothek ,  wohin  sie  aus  dem  Ver- 
mächtniss  des  Bischofs  Johannes  Faber'  von  Wien  und 
Wiener  Neustadt  gekommen  war.  Aber  schon  früher  war 
dieselbe  im  österreichischen  Besitze.  Auf  dem  vorderen  Vor- 
stichblatte stehen  die    Worte   ,Pro    domino    Mawtnei-    in    Ascha 

1  Johannes  Faber  starb  am  21.  Mai  1541.  Derselbe  war  zu  Loiitkirch  in 
Schwaben  geboren,  und  bereits  15'2;^  Coadjutor  von  Wieuer-Noustadt.  S. 
Potthast  Blbliotheea  historica  .  .  Siiiipl.  S.  440. 


Bruder  Philipps  Marienleben.  20o 

iautoii  carissimo^  von  einer  Hjind  des  Xv.  Jahrlinnderts. 
Ascha  oder  Asch  ach  war  einst  eine  bedeutende  Stadt  und 
noch  im  vorigen  Jahrhundert  eine  Haupt-Zoll-  und  Legstätte 
für  die  Donau-Schiffahrt.  Nocli  früher  war  die  Hs.  in  B(ilinien. 
Auf  Blatt  IV — 12''  hat  eine  Hand  aus  der  zweiten  Hälfte  des 
XIV.  Jahrhunderts  ein  Gedicht  auf  die  Jungfrau  Maria  einge- 
tragen, dessen  Verfasser,  der  wohl  auch  der  Schreiber  dieses 
Gedichtes  ist,  damit  schliesst: 

72*  der  iz  dir  gesendet  hat 

der  wil  sich  niemand   nennen, 
geruch  in  vrouw  erchennen  ! 
zu  Pomuch  in  grawen  orden 
da  ist  er  armer  munch  worden. 
daz  daz  lobel  ward  bechant 
hat  er  ez   Iplvmel  genant. 

Unter  dem  grawen  orden  verstand  man  im  Mittelalter  die 
Cistercienser.  Ein  Stift  dieses  Ordens  bestand  zu  Pomuk,  oder 
wie  es  heutzutage  heisst  zu  Nepomuk,  zehu  Meilen  südöstlich 
von  Prag,  das  um  1153  gestiftet  wurde,  in  den  hussitischen 
Unruhen  aber  zu  Grunde  ging.  Die  Ruinen  sind  noch  zwischen 
der  Stadt  Nepomuk  und  dem  Schlosse  Grüneberg  zu  sehen 
(Baibin,  Mise.  7.  Sectio  1  in  nota  ad  tab.  4.  Neplacho  a  Gelas. 
Mou.  Tom.  4.  p.   104  Gelas.  Hist.  Toui.  6.  p.  344). 

In  den  folgenden  Auszügen  sind  die  zwischen  Klammern 
stehenden  Ergänzungen  aus  Hs.  2709.  Trotzdem  dass  sie  älter 
ist,  als  die  fragmentirte,  enthält  sie  doch  jüngere  Sprachformen, 
wie  das  bei  allen  Hss.  der  Fall  ist,  die  im  bairisch-österreichi- 
schen  Dialecte  geschrieben  wurden. 

Su})pl.    259(3.  Philipp  ed.  Eückert. 

Alle  wazzer  stunden  stille  Ell  in  wazzer  stille  stuonden 

drithalb  nach  gotes  wille  mer  dan   drithalbe  stunde, 

Daz  si  ZV  tal  nicht  enrunnen  daz  si  ze  tal  niht  eurunnen        2380 

Si  erten  den  ewigen  brvnnen  und     buten     er    dem    ewegeu 

brunnen 

Von  dem  si  waren  alle  kvmen  von  dem   si  alle  waren  komen 

vnd  vrsprinch    hetten    alle  ge-  und  ursprinc  alle  hetengenomen, 

nvmen 

Do  er  solde  geborn  werden  do  er  solt  geborn  werden 


206 


Haupt. 


von  siner  miiter  uf  di  erden 
Ez  ist  einer  »lachte  svnde 
di  ich  euch  nv  kvnde  .  . 


von  stner  muoter  üf  der  erden.  238 
Ez  ist  einer  shihte  sünde 
die    wil     ich    al    der     werkle 
künden  .  . 


Der     Sunden     sich    der     tivel 

schämt 
wann  er    si  zv  dem   menschen 

samt 
Daz  er  in  dorzv  schündet 
daz  er  mit  der  sunde  sundet 
E  er  si  tuet  so  vleuht   er  dan 
so  er  aller  verrste  chan 
den  engel  er  vertribet 
daz  er  do  niht  belibet  .  . 


Der     Sünde     sich     der    tievel  240j 

schämt  : 
als  er    den    menschen  des  ge- 

mant 
daz  er  die  sünde  wil  begen. 

so  begint  er  von  im  vlien.         240 
den  engel  ouch  diu  sünde  ver- 
tribet ' 
daz  er  bi  der  nimmer  belibet . . 


Jesus  daz  chint  gehaizzen  wart      Jesus  wart  daz  kint  geheizen 
als  si  der  engel   het  gelart  .   .      als  der  engel  het  geheizen    .  .  24: 


Daz  got  an  alle  swaere 
von  got  geborn  waere  , 


weishait  dem  gestirn  iahen 
do  si  disen  stern  sahen  .  . 


daz  gotes  sun,  der  werlt  herre  24 
von  einer  magt  geborn  waere  . . 

wisheit  andern  gestirne  phlagen  24|j 
do  si  disen  stern  gesähen  .  , 


daz  in  denselben  landen 

got  geljorn  were 

si  vreuten  sich  der  maere 


daz  da  in  dem  selben  lande  ,    24| 
da  si  den  stern  sähen  verre 
geborn  ist  nu  der  werkle  herre.. 


Daz  nv  mensche  worden  waere      daz  nu  mensche  worden  waere  24 
nl  der  werlde  scheppfere  .  .         des  himels  und  der  erden  herre.. 


Si  fiirn   walt  si^lt  beide  breit  si  vuoren  walt,  velt  unde  beide  2S 

der  stern  der  was  ir  geleit  .  .  der  niuwe  stern  was  ir  geleite.. 

Die  kunig  nach  des  Sternen  rat  die  dri  künege  komen  hin         2S 

chomen  ze  ierusalem  in  die  stat  in  die  stat  ze  Jerusalem 

Si  vragten  wo  geborn  waere  und  vrägten  wä  geborn  waere 

Der    in   den    kvnich    ein   wiin-  der  Juden  künic  und  ir  herre  . . 
deraere  .  . 


Bruder  Philipps  Marienleben. 


207 


Gesagt  vncl  gescliribcn  w(aere) 
an    welcher    stat    der    wunde- 

(raere)  .  . 
Ir  chunich  solt  g-eborn  w(erden) 
der  herre  were  uf  der  e(rden) 
Si  sprachen  vnd  sagten  im  (also) 
ZV  hethlehem  ein  kun(ichho) 
wirt  geborn  gotes  crist  .  . 

Den   kvnich    des    nicht  wider- 

(striten) 
Sie  sagten  im  wan  si  uz  rite(n) . . 


gewissagt  und  geschriben  waere 

an  wellier  stat  der  Juden  herre..  2538 


si  sprachen  vnde  sagten  im       2542 
in  der  stat  ze  Betlehem 
da     wirt     geborn     gotes     svn 

christ  .  . 

dem    künec    Herodes    gar   be- 
schieden 

und    wenn    si    waeren    üz    ge-  2552 

riten  .  . 


Daz  kint  anbeten  vn  eren 
(vnd  all)e  sein  wirde  meren  . 


gern  anebeten  und  ez  eren 
sam  den  mineu  rehten  herren 


2558 


V.  2577—2581  fehlen  und  bilden  mit  den  folgenden  2582 
bis  2589  auch  eine  abscheuliche  Dittologie.  Sie  lauten  in  dieser 
Recension  zusammeno-ezoffen : 


(uf)  taten  si  ir  opfer  schrin 
mirre  wir  uch  golt  rieh 
dem  kinde  si  gaben  alle  glich 
(ze)  opfer  si  iz  dar  Israeliten 
domit  si  des  gedachten 
Daz  er  got  vnd  mensch  were 
hiniels  vnd  erde  schepfaere 
Do  dem  kinde  di  kunige  riche 
(buten  ir  op)fer  andehtliche 
(dein  he)nde  bot  ez  in  engegen 
(sam  i)z  in  gebe  sinen  segen 
(Si  ga)ben  der  inait  marien 
(vor)  vntat  gar  der  vrien 
(Sil)ber  siden  unde  golt 
(Cl)ainate  vil  si  warn  ir  holt  .  . 


Philipp  ed.  Rückert. 
ir  aller  opfer  was  gelich  : 
ii;olt  m irren   wirouch    ir  ieslich  2585 
dem  kint  ze  einem  opfer  briihten 
dcimit  si  im  lobes  gedähten 
daz  er  got  und  mensche  waere, 
des  himels  und  der  werlde  herre. 
do  die  klinge  dem  kindelin        2500 
ir  opfer  buten,  daz  kint  sin 
hende  üf  huob  in  eno-eg-en 
sam  ez  in  gaebe  sinen  segen  . 
si  gäben  euch  des  kindes  muoter 
der  vil  reinen  und  der  guoten  2505 
von  golt  silber  unde  siden 
kleinöt,  do  si  wolden  riten  .  . 


Diese  Stellen  werden  genügen,  um  klar  zu  machen,  wie 
der  ursprüngliche  Diaskeuast  dieser  Recension  den  Ungeschlacht- 
heiten des  Bruder  Philipp  beizukommen  versucht  hat.  Wenn 
also  Rückert  S.  282  über  unsere  Hs.  2709    (die  er  falschlich 


208  Ha'npt. 

2799  ans  dem  XV.  Jalirliundeit  bezeichnet)  sagt,  dass  an  vielen 
Stellen  alle  Verwandtschaft  mit  dem  Originaltext  zerstört  sei, 
so  ist  dies  durchaus  falsch;  vollends  wenn  er  kaum  mehr  das 
Eig-enthum  des  Verfassers  darin  sehen  will,  so  ist  das  eine 
noch  grössere  Uebertreibung,  die  mitgetheilten  Stellen  führen 
vollkommen  den  Gegenbeweis.  Was  Rückert  von  Einschüben 
und  Zusätzen  spricht,  ist  durchaus  unrichtig,  gerade  diese  Re- 
cension  sucht  nicht  den  Text  zu  mehren,  sondern  die  oft  sehr 
verschwommenen  Worte  Philipps  zu  concentriren.  Schon  arith- 
metisch lässt  sich  zeigen,  dass  wir  es  mit  keinem  angeschwellten 
Texte  zu  thun  haben.  Mit  der  Schlussrede  zählt  Philipps 
Werk  in  Rücker ts  Ausgabe  10,133  Verse.  Multiplicirt  man 
nun  70  Blätter  mit  4  Spalten,  so  muss  von  280  eine  Spalte 
70"^  abgezogen  werden ;  diese  Zahl  der  Spalten  279  mit  der  Zahl 
der  Zeilen  36  multiplicirt  gibt  10,044  Zeilen,  also  weniger  als 
Rückert  hat,  und  davon  müssen  zum  mindesten  noch  300 
Zeilen  als  Ueberschriften  der  Abschnitte  weggerechnet  werden. 
Ich  habe  schon  oben  gesagt,  dass  auf  71" — ^72*^  von  einem 
Cistercienser  aus  dem  Stifte  P  o  m  u  k  oder  Nepomuk  ein  Ge- 
dicht an  die  Jungfrau  Maria  eingetragen  ist.  Ich  will  es  her- 
setzen zum  Schlüsse  dieses  Abschnittes  und  bemerke  nur,  dass 
die  Verse  hinter  einander  wie  Prosa  nur  durch  Punkte  ge- 
schieden über  die  ganzen  Quartseiten  hingeschrieben  sind,  ohne 
alle  Interpunction ,  mit  einigen  Abkürzungen,  die  ich  bis  auf 
wenige  aufgelöst  habe,  die  Orthographie  selber  sowie  alles  andere 
ist  streng  beibehalten.  Die  Punkte  bezeichnen  unlesbares.  Beiden 
Blättern  fehlen  oben  mindestens  je  eine  Zeile,  die  weggeschnitten 
sind.  Denn  das  Gedicht  wurde  eingeschrieben,  noch  ehe  die 
Hs.  gebunden  war,  wesshalb  nicht  einmal  auf  den  Falz  vom 
Schreiber  Rücksicht  genommen  wurde. 

(M)aria  vil  reyne  meit,      dein  höh  lop  dein  wird  preit 
nie  zvnge   molit  volpreizen  ;      eupfach  von  mir  vnweizen 
ein  lobelin  nicht  ein  lob;        daz  ich   vor  vnwizt  so  tob 
vnd  getar  sprechen  von  d'w     daz  vergib  du,  vrouwe,  mir! 
10  daz  ich  in  grozen  sunden        dein   \o\)  getar  gechünden, 
daz  tun  ich  vf  genad  dein,        du  rehter  barmunge  srein  ! 
Daz  Eua  den  apfel  az      geshacli   von  dez  teuvelz  haz, 
da  von  wir  geuielen  all       leider  in  des  todes  vall, 
piz  di  volle  ceit  bequam        daz  got  mit  einem  weibz  nam 


Bruder  Philipps  Marienleben.  209 

20  lost  vnz  di  ein  weip  e  vloz.       Maria,  g-ot*dich  erchoz 
durch  dein  vber  vlfssig  gut        di  nie  eruarn  moht  gemüt. 
dein  reinez  hrez  (sie)  er  bechand,     seinen  enge!  er  dir  sand, 
der  warf  di  potshaft  vil  wol.        ,wis  gegrüzt  genaden  vol, 
Maria  mit  dir  ist  got'       sprach  der  himelissche  bot 

30  ,du  gebirst  emanuel.'       do  der  engel  Gabriel 

gewarf  di  gotleichen  wort,       da  enpfienge  du  deu  hört 
der  eruvllt  erd  vnde  himl,  du  louter  vaz  ane  shim,  ' 
du  bussh  der  mit  veuwer  glam,    dez  bezeichnung  dir  gezam. 
wie  daz  veuwer  durch  in  prach      Moises  in  vuuerprit  sach,2 

40  er  grünt  mitten  in  der  flam:       gotes  muter  vn  euch  am 
dein  magetum  ward  vngerurt       von  der  seligen  geburt, 
da  gotes  sun  von  bequam     do  er  daz  vleissh  von  dir  nam! 
du  Ezechielis  tor       beslossen  nach  vnde  vor, 
wie  got  selber  durch  iz  giench     do  er  di  mensheit  enpfiench. 

50  alz    die  svn  sheint    durch    daz    glaz,       iz    ist    ganz    alz   iz 

vor  waz, 
im  shadet    nicht    der   sunnen    shein:         also    vart   got   der 

svn  dein 
von  dir  reine  meit  geboren       alz  er  dich  magt  het  erchorn. 
pei  der  geburt  pit  dein  kint       vür  all  di  in  sunden  sint, 
daz  iz  sich  geruch  erbarm       vber  vnz  eilenden  arm  ^ 

60  vnd    sterch  vnz   an   rehtem    lehn       daz  wir    sunden  wider 

streben. 
Maria  suz  vnde  vrut,       du  pist  Aaronis  rut 
di  an  wiirzt  vnd  ane_  stam      vruht  vnde  plüd  an  sich  nam 
wider  daz  reht  der  natevr  .     dez  heiligen  geistez  veur 
het  dich  enziindet  alsam.      sunder  lust  an  mannes  sam  . 

70  got  du  denpfiengd  vnd  geber,       du  Gedeonis  sheper, 

den  got  begos  mit  dem  touw;         der    bezeichenneht  dich, 

vrouw, 
daz  himel  touw  dich  begoz,     got  sich  in  dein  klause  sloz  . 
du  velt  plvm  du  viol  stoud,       inruch  waz  der  iud  gesnoud, 
wi  ein  meit  nicht  müg  geberu ;     ia,  hört  ich  von  im  vil  gern 

80  wie  di  dvrre  gerte  plüt!       beweist  er  dez  mein  gemüt, 
alz  wol  ich  im  daz  bewer       wie  du  reine  meit  geber  . 


'  34  1.  shimel. 
^  38  '?  uiiverbriut. 
'  57.  58  ?  erbanneu?  armen. 
Sitzb.  d.  phil.-hist.  Cl.  LXVIII.  Bd.  11.  Hft.  14 


210  Haupt. 

Maria  du  himelz  krön,       du  kuncli  Salomonis  tron, 
du  gotes  dirn,  du  sein  trout       muter  tohter  vnd  sein  prout, 
du  olboimi  dich  treit  daz  weit,'       du  israhelisshz  gezelt, 
90  du  gesieht  der  patriach,         du  vil  seldenreichev  arch,  '^ 
wan  dv  trüg  der  engel  prot,       daz  vertreibt  der  sele  tot; 
daz  ist  vnd  heisset  manna,       man  singet  im  osauna, 
wen  der  prister  lut  di  still  .     alhie   an  vnz  werd  sein  Avil 
ervollt  alz  in  himelreich,       dez  hilf  vnz  genedikleich, 

100  von  Jericho  plünde  roz,       daz  er  durch  sein  gute  groz 
dein  zarter  sun  ihesu  krist       mit  dem  brot  daz  er  selb  ist 
an  vnserm  end  vnz  speise,       daz  iz  di  sele  weise 
in  di  ewikleichen  ru  .     Maria  da  hilf  vnz  zu! 
Maria  du  cederboum,       vnder  deinez  shuten  shoum  ^ 

110  geruch  vn^  lan  werswizzen       wan  wir  von    sunden  hizzen 
der  leider  ist  al  zu  vil,       si  vergent  der  zale  zil 
vnd  beselwent  vnz  zu  ser  .     Maria  muter  her, 
beshirm  vnz  dein  arme  kint,      hilf  daz  vnz  bewe  der  wint, 
ich  mein  den  heiligen  geist,      dez  viz  du  vrouwe  volleist 

120  daz  er  stet  pei  vnz  beleih       vnd  poze  gelust  vertreib  . 
du  ein  ouz  erweiter  sal       von  edelem  stein  vber  al 
ouz  gold  helfenbein  vnd  gim,       du  pist  der  propheten  stim 
di  habent  von  dir  geseit  .   .      swanger  wirt  ein  meit 
di  oucli  einen  sun  gebirt,  Emanuel  sein  nam  wirt  . 

130  dizt  khundet  Isaias,       dar  nach  sprach  Jeremias 

der  senft   prophet  vnd    der  werd       ,got   macht   neuwez  vf 

der  erd 
ein  weib  vmgibt  einen  man ;     daz  haz  du  kheiserin  getan  , 
den  beuahen  nicht  enmoht       der  himel  alz  im  o-etoht 
den    vmvieng     du    vnd    beslüst,  den    labten    dein    reine 

brüst  . 

140  da  pei    man    vnd    ])it    ouch    in  daz   er    vnz    sterch  mut 

vnd  sin 
daz  wir  von  den   sunden   lan       vnd  an  guten   ding  bestan  . 

71' 

dein  shon  uvr  alle  shon  get 


•  87  1.  velt. 

2  89.   90  V  patriiircli.-   :   .in^lic 

3  109  1.  shateu. 


Bruder  Pbilipps  Marienleben.  21  1 

dein    houpt    ist  geziret   shon       dai-  uf  von  zw  elf  stern  ein 

krön  , 
du  pist  aller  wirt  ein  preiz,       du  lustigez  paracieiz, 
149  wir  sein    dein  cegleichz  gesind,         hilf  vnz    gegen  deinem 

kind 
daz    iz  vnz    geruch    ze  gebn       ein    reinz  vnd  ein    kheuses 


lehn 


niht  alain  an  vnserm  leib,  svnder  daz  er  ouch  vertreib 
von  den  liercen  böz  gedancli  .  wir  sein  leider  alzu  krancli 
vnz  erledig  sein  genad      vnz  beweit  der  sünde  .  .  . 

159  Maria  dn  cipresse,       von  Sion  toliter  Josse, 

von  khüngez  art  edler  stani,     du  süze  meit  doch  vruhtsam, 
der  heilig  veter  gesipp,       du  pist  daz  Adames  ripp, 
niht  eua  sunder  aue,       daz  benam  vnz  ach  vnd  we  . 
du  weise  Abigail,       khiinch  Dauit  verderwen  wil 

169  di«  wider   in  haut  getan,       daz  sholt   du,  vrouw,  ^Tiderstan 
nach  deiner  barmunge  sit  .     chüm  enkegen  man  vnd  pit 
khuncli  Dauid  von  dir  geborn^      daz  er  la  von  seinem  zorn 
den  er  pilleich  gein  vncz  hat     druch  vnser  groz  missetat  . 
du    wirouch    rucli,    mirre    smch,        du    reggen    wolch,    du 

lihter  tach, 

179  la  reggen  vnde  vlizen       vnz  dein  genad  begizen 
daz  si  di  herz  erraiche       vnd  si  also  erwaiche 
daz  vnz  di  sunde  reuwen        und    si  niht   mer  verneuwen  . 
Maria,  du  voler  kram       von  cinamom  vnd  baisam, 
du  ceitloz  du  ligge  weiz,         du  aller  tugent    plundez  reiz, 

189  du  vil   vreuden  reicher  gart       beslossen  stet  vnd  gespart, 
du  pist  der  gezaichent  prun,     ein  vrsprich  vreud  vnde  wun, 
du  pist  der  verzagten  trost      der  du  mangen  hazt  erlost, 
vnd  precht  si  zu  hoffeuug       daz  si  nach  gotez  huld  rung  J 
du  hoch  erweltev  Hester,       sih  an  deinez  Avolchez  swer 

199  di  im  der  hell  herr  Aman       stete  tut  vnd  hat  getan ; 

pit  den  obren  khvmch  Aswer,       daz  er  vnz  helf  vnd  erner 
von  seinem  starchen  shünden       daz  wir  enpflihen  sunden. 
du  malgram,  du  mandel  chei-n,      du  vil  lihter  merestern, 
lait  zu  land  dein  armez  her       daz  swebt  uf  dem  lawer  mer 

209  werlt  begier  vleislich  gelust,       e  dez   todez  wolchen  prust 


'  194.    195  1.  hoffenungou  :  rungen. 


14" 


212  Haupt. 

mit  den  vuden  vnz  ertrench     vnd  in  daz  abgrund  versench  . 
Maria,  du  weinreiche  cell,       nu  hilf  vnz  drot  vnde  snell 
daz  wir  getri,nken  von  dir       mit  andaht  vnd  hercen  gir 
geistleich  vreud  vn  wäre  min,       dez  gelif  vnz  trosterin!' 

219  Maria,  khipper  wein  troub,       anne  gal  du  turtel  toub, 
eia  nu  hilf  daz  wir  al       di  bittercheit  vnser  gal 
vorwandeln  ze  suzicheit,        so  daz  wir  zorn  haz  vnde  neit 
viirbaz  mugen  gemeiden       vnd  mit  gedult  euch  leiden 
allez  daz  vnz  wider  vert,       wi  daz  ez  vnz  sei  beshert 

229  durch   gotez    lieb  vnd  ouch  dein  .      nu   ledich  vnz,   rosen 

vein, 
Olofernes  ouz  der  hei  .     er  vnd  alle  sein  gesel 
hat  vnz  vm  vnd  vm  beleit,      du  Judith,  nv  hilf  vnd  streit, 
slach  von    dem    podech    daz    houbt       der   vnz   guter    ding 

beroubt 
mit  seiner  groz  bechorung       und  tegleichei'  anvehtung  , 

239  wilt  du  unz,  vrouw,  pei  gestan     so  gesig  wir  im  wol  an  . 
Maria,  du  meien  glänz,        du    pringez  vreud  di    ist  ganz  . 
vur  rosen  vnd  vur  plumen,       vür  alle  kardamumen 
pist  du    der    maid  vreunden  karnz       himlishhez   herz  vm- 
,  meswanz  ^ 

von  dir  vreud  vnd  wunne  nimt     alz  wol  gotez  muter  zimt  . 

249  der  wech  der  gein  himel  treit       hilf  vnz  an  der  ceit! 

dein     lebsz     vliesent    mit    honcseim  wen    wir    von    hin 

varen  heim 
so    bewar    vnz    af   der   vart.        suze    meit    vn    muter    zart, 
wen  zwo  vngeleiche  shar       nement  vnser  sele  war 
von  tevuel  vnd  von  engel,       du  plunder  lügen  steugel 

259  so  pit  daz  wir  dir  geburn.       daz  hijnelisshe  ainhurn 

daz  sich  in  dein  schoze  parch,       dez  lieb    ist  gein    dir  so 

starch 
daz  iz  vnz  dii-  nicht  verseit,       vnd  gehilf  vnz,  reine  meit, 
daz  wir    mit  dir    ewiklieich  beliben    in  dem  himelriech  i 

vnd  enphahon  da  ze  Ion,       da  .send  paulus  sreibet  von 

269  daz  nie  menshe  inoht  erspehn     noch  dhein  ouge  hat  gesehn 
weder  ore  hat  vernomen      noch  in  menshez  herz  ist  choum.'' 


»  217  1.  gehilf. 

2  244  1.  vreudenknmz. 

'  271   1.  chomen. 


Bruder  Pliilipps  Marieiileben.  213 

dez  hilf  vnz,  o  Maria,        hiniHsslic  iorarchia! 

Mai'ia  clor  werde  nam       dir,   vroiiw,  i^'ozimt  vii  j^-ezam, 

der  ist  von   vünf   puhstabou       di  siilcli    bedeutung;   haben : 

S79  der  erst  ist  niodiatriX;,       dar  nach  auxiliatrix, 
der  drit  ist  reparatrix,       der  vierd  illuminatrix, 
der  lezt  heisset  adiutrix;       der  erst  bedeut  -ein  simerin, 
der  ander  ein  helfei'in,       der  drit  widermacherin, 
der  vird  ein  erlevtherin,  alz  der  ander  ist  g-esetzt 

289  sulch  bedeutung  hat  der  lezt  vnd  bedeutet  helferin 
oder  ein  widerpringerin  . 

Maria,  du  hinielz  vrouw,       du  vil  rosenreiche  ouw, 
sunerin  pist  du  uvr  war       sind  got  dein  rain  leip  gebar 
zwisshen  dem  niensshen  vnd  im  .  .  erhör  vnd  vernim 
vnz  deine  erh  kint  '  von  Sion  .     daz  swer  loch  von  Babilon 

300  druchzet  vnz  ze  ser  nidei",        sün  vnz  mit  deinem  sun  wider 
daz  er  laz  den  zorn  sein  .  .  .       wir  verdient  haben  pein 
mit  mancherlei  sunde  groz,       vnd  mach  vnz  ledich  vnd  loz 
von  der  sweren   sunde  ioch       daz  wir  entrin  ach  vnd  och  ! 

72" 

dein dein  hilf  ist  manchem  erchant, 

309  nilit  Theofilo  alain      dem  du  helferinne  rain 

hulfez  von  grozer  shulde,        sunder  du  hilfst  vm  hulde 
allen  di  dich  rufen  an,        di  mach  dein  hilf  nicht  vcrlan  ^ 
seind  wir  nu  sein  enmitten       geuangen  in  Egypten, 
so  hilf  vnz  ouz  der  vanchnns       mancher  hand  sunde  gnssh 

319  zu  Jherusalem  der  stat,      do  di  heilig  trinitat 

wont  in  der  magen  kerfte  (!)  stul,     dez  hilf  vnz  aller  tugnt 

shul ! 
Maria,  der  Weisheit  gloz,        nach  got  dir  niem  ist  genoz 
widermacherin  du  pist,      wersloz  dez  pruchz  den  ein  lange 

vrist 
der  menshe  led  von  der  ceit       da/  es  von  des  teuvlez  neit 

329  vnz  di  ewig  vreude  prach,       von  einem  pis  daz  geshach 
der  vnz  daz  pardeiz  pesloz,        wir  liden  gemainen  stoz 
ouz  dem  paradis  her  vur;       dez    selben  pfort  vii  sein  tur 
haz  du  gemachchet  offen  .     alle  di  zu  dir  hoffen 
di  enlezt  du  nicht  hie  vor,       du  wider  machst  im  daz  tor^ 


>  207  ?  erbkint  ?  clitkiut. 
2  337  1.  in. 


214  Haupt. 

339  vnd  hilfst  in,  vrouwe,  dar  ein  .     nu  wir  im  eilende  sein 
vnd  in  der  wüst  Sinai,       hilf  daz  vnz  Adonai 
allen  vnsern  chumber  wend      vnd  pring  vnz  ouz  dem  eilend 
in  daz  ewig  vater  lant,       Maria  dez  wiz  g-emant! 
Maria,  du  karviinkel,       di  sun  ist  gein  dir  tunkel, 

349  du  pist  ein  erleuhterin  .       da  got  dein    sun   sliiet  von  hin 
krist  Ihesus  von  Nazaret      vf  dem  perg  ze  Oliuet, 
sein    zwelf  poten    er  ouz    sand       durch    daz    in    di    werld 

bechand 
di  in  grozer  vinster  saz       und  niht  weste  waz  got  waz, 
do  ershain  daz  wäre  lieht       daz   gedanch  vnd  herze  sieht 

359  aller  createur  sheppher :       seint  du  daz  selb  lieht  geber 
piz  du  wol  erleuhterin  .     nu  erlevht  vnz  herz  vn  sin, 
daz  wir  erchennen  den  glast      der  benimt  der  sunde  last, 
so  daz  wir  mit  eher  üb  in      mit  troun  '  vnd  oueh  seraphiu 
loben  vnde  singen  got       sanetus  sanetus  sabaoth ! 

369  Maria,  zukker  suzez  wort,       du  pist  aller  seiden  hört, 
du  ein  widerpringerin       aller  di  von  got  entrin, 
wen  si  mit  sund  vberlast       sich  ladent  ser  vnd  ze  uast 
daz  si  zweuielnt  an  genad,       di  wider  priugzt  du  ze  pfad 
warer  reuw  vn  rehter  puz  .     di  deiner  parmunge  svz 

379  suchent  von  gancem  hercen,       di  pringez  du  von  smercen 
zu  der  ewiklichen  vreud.       du  aller  gut  vbergeud, 
vnd  aller  tugnt  vberguld,        nu  widei-  pring    vnz   ze  huld 
deinez  kindez,  zarte  meit.       im  und  dir  sei  lob  geseit 
nu  vnd  ewikleich  an  end.       dicz  lobelin  ich  dir  send 

389  vnserz  heilz  ein  anljegin !       wi  vnwirdik  ich  dez  pin 

peide  an  lehn  vii  an  chunst,  doch  hof  ich  zu  deiner  gunnst 
daz  du  verdolst  mein  tumpheit,  du  muter  barmherczicheit 
enpfach  den  willen  üwr  di  tat.  der  iz  dir  gesendet  hat 
der  wil  sich  niemand  nennen,      geruch  in,  vrouv,  erchennen: 

399  zu  Pomuch  in  grawen  ordn     da  ist  er  armer  munch  worden, 
daz  daz  lobel  werd  bechant       hat  er  ez  Iplvmel  genant. 


'  365  1.  troiii. 


Bruder  l'liilipps  Marienleben.  215 


V. 

Wenn  wir  also  die  hier  behandelten  Hss.  von  Philipps 
Work  übersichtlich  ordnen,  so  ergeben  sich  folgende  Gruppen. 

1.  Philipps  Werk  mit  einer  Bearbeitung  der  Evau- 
gelieu  erweitert  ist  enthalten  in  der  A  d  m  o  n  t  e  r  Hs.  und  von 
einer  B  amb  erger  Hs.  derselben  Recension  ist  noch  ein  Blatt 
erhalten. 

2.  Philipps  Werk  mit  dem  Evangelium  N i c o de m i 
combinirt  erscheint  bis  jetzt  erst  in  der  einzigen  zertrümmei-ten 
Hs.  zu  AVien.  Andere  Hss.  müssen  vorhanden  sein,  da  die 
A^^iener  nur  Abschrift  einer  md.  Vorlage  ist,  welche  Abschrift 
von  einem  Oberdeutschen  geschrieben  wurde. 

o.  Philipps  Werk  in  die  gemeine  mhd.  Sprache  umge- 
reimt ist  enthalten  in  den  Hss.  der  k.  k.  Hofbibliothek  Suppl. 
2596,  ferner  2709  und  2735.  H.  Rück  er  t  S.  281  läugnet, 
dass  diese  letzte  Hs.  eine  Abschrift  aus  der  vorigen  sei,  sie  ist 
es  cihev  dennoch.     2709  schliesst  folgendermassen : 

Bruder  pliilip  bin  ich  genant       gvet    ist    mir  leider   un- 

bechant  , 

von  dem  orden  zecharius         geschriben    han    iz  in  dem 

haus 
Nv  seit  ditz  buchelin       sant  ioseph  was  der  maner  mari 
10129  Der  marieu  hveter  was       di  ihs  gotes  sun  genas 

Derselb  ihs    mvs  yns  geben       durch    sin  gvet  daz  ewig 

leben. 
Marien  gotes  wrewden  hört       durch  aue  gabrielis  wort 
Hilf  im  der  iz  schribe       daz  er  auch  beleihe 
an  der  zal  vn  an  der  schar       di  iohannes  der  ar 
l(t  fürt  in  des  himels  palas       wan  er  der  erste  schriber  was 
Der  di  hailege  schripft       hat  mit  hohem  sin  gestipft. 
Dez  hilf  mir  chaiserliche  mait     durch  dine  barmhertzichait 
Hie  hat  daz  buch  ain  ende       got  vns  ze  himmel  sende. 
Diese  sechzehn  Verse,  die  statt  der  vier  letzten  Philipps 
das  Werk  abschliessen,  stehen  auch  in  2735  mit  allen  Fehlern 
wie  hier  und  einigen  neuen  dazu.    Statt  zecharius,  was  sich 
aus  einem  verlesenen  ze  chartus  begreifen  lässt,  ist  hier  ein 
zacharius  geworden,  sant  ioseph  Avas  der  maner  niari, 


216  Haupt. 

da  wird  nicht  etwa  gebessert  was  der  maner  min,  sondern  aus- 
drücklich nachg-eschrieben :sant  Joseph  waz  man  sand 
mar  ei  11.  Ebenso  ist  das  sinnlose  Nv  seit  wiederholt.  kSchon 
dies  genügt,  zu  erweisen,  dass  2735  aus  2709  abgeschrieben 
sei;  übrigens  ist  auch  im  Texte  selbst,  den  ich  an  vielen 
Stellen  verglichen  habe,  nur  das  nämliche  zu  erholen ;  der 
Schreiber  wiederholt  und  mehrt  die  Schreib-  und  Lesefehler 
seiner  Vorlage,  nur  die  langen  Vocale  setzt  er,  hierin  folge- 
richtig, nicht  ohne  einzelne  Vergessliehkeiten  in  die  Diphthonge 
um.  Auch  wurde  die  Hs.  früher  hier  in  Wien  im  Kloster  der 
Augustiner  Barfüsser  auf  der  Landstrasse  aufbewahrt, 
wie  ein  gedruckter  dem  vordem  Deckel  innen  aufgeklebter 
Zettel  besagt. 

Wenn  irgend  eine  Gruppe  den  Namen  der  österreichischen, 
bis  man  einen  besseren  findet,  führen  kann,  so  ist  es  diese, 
da  sich  die  Hss.  seit  Jahrhunderten  in  Oesterreich  befinden; 
in  Oesterreich  wurde  aber  diese  Recension  nicht  gemacht.  Von 
derselben  müssen  noch  mehrere  Hss.  vorhanden  sein,  wie  ihr 
denn  auch  die  Kloster -Neuburger  Hs.  angehört. 

Dieser  Receusion  liegt  zu  Grunde  die  mitteldeutsche,  wie 
sie  zunächst  in  der  Jenaer  und  P  o  m  m  e  r  s  f  e  1  d  e  r  Hss.  er- 
scheint. So  weit  auch  die  Verse  auseinandergehen,  in  den 
Ueberschriften  herrscht  die  genaueste  Uebereinstiminung. 

4.  Ich  habe  schon  oben  bemerkt,  dass  die  Hs.  2736  der 
k.  k.  Hofbibliothek,  von  welcher  H.  Rückert  behauptet,  sie 
sei  im  gröbsten  österreichischen  Dialect  des  XIV.  Jahrhunderts 
geschrieben,  ihren  Schreiber  ganz  wo  anders  bezeugt.  Diese 
Hs.  schliesst  mit  dem  Verse  1065  Vrow  vnd  chuniginne  ewig 
sein.  Hierauf  folgen  aber  sechs  wie  Prosa  roth  geschrie- 
bene Verse : 

Der  (lit/  puech  geschribeu   hat       Der  ist  von  weikers- 

lieim  aus  der  stat 

Daz  leit    in  francheil  laut.       Fridereich    ist    er   genant 

vnd  auch  grveninger       got  sei  er  mer.     Amen. 

Da  die  Stadt  W  e  i  k  e  r  s  h  e  i  m  an  der  Tauber  liegt,  so 

kann  nur  vom  schwäbischcn-fränkisc hen  Dialect  in  dieser 

Hs.  die  Rede  sein,  nicht  aber  von  einem  grob  (isterreichischen. 

H.  Rückert  bemerkte    bereits,    diese   Hs.    schliesse    das 

Werk  wie  die  Gothaer,  mit  der  sie  ausserdem  in   gar  keiner 


Bruder  Philipps  Marieiilebeu.  217 

Verwandtschaft  stehe.  Als  charakteristisch  fui-  die  Gotliaer 
tuljrt  er  an,  dass  sie  den  echten  Text  an  einigen  »Stellen  nur  in 
epitomatorischer  Weise  g-ebe,  dies  ist  aber  auch  in  der  Wiener 
Hs.  der  Fall.  Von  kleineren  Lücken  oder  Auslassungen  ab- 
gesehen, die  nur  zwei  oder  vier  Verse  umfassen,  fehlen  auch 
lilngere  Stücke,  5048—5823,  G6G2— 6699,  9578—6585  und  der- 
gleichen noch  mehr. 

Unsere  Wiener  Hs.  und  die  Gotliaer  müssen  eine 
gemeinsame  Vorlage  entweder  mittelbar  oder  unmittelbar  gehabt 
haben ;  wie  schon  aus  den  von  H.  R  ü  c  k  e  r  t  in  den  Lesarten 
gegebenen  hervorgeht,  stimmen  beide  oft  in  Kleinigkeiten  zu- 
sammen. Auch  die  Hs.  der  königlichen  Bibliothek  zu  Stutt- 
gart aus  dem  XIV.  Jahrhundert  gehört  nach  den  Lesarten  zu 
urtheilen  zu  dieser  Kecension. 

5.  Zur  sogenannten  mitteldeutschen  Recension  gehören 
die  der  Jenaer  LIniversitätsbibliothek,  die  gräflicli  Schcin- 
Itornische  zu  P  o  m  m  e  r  s  f  e  1  d  e  n  und  die  der  Heidelberger 
Universitätsbibliothek.  Ihre  genaue  Verwandtschaft  hat  schon 
H.  Rücke rt  gekannt  und  erörtert.  Hieher  gehört  auch  die 
Wiener  18,337  s.  XV.  auf  Papier  8"  17  Blätter  mit  abge- 
setzten Zeilen  enthält  zwei  Fragmente  558 — 911  und  8416 — 
8847.  Dem  Schreiber  lagen,  scheint  es,  nur  diese  zwei  Stücke  vor. 

Genaue  Beobachtung  hat  gelehrt,  dass  das  Format  der  Hs. 
desselben  Werkes  nicht  so  ganz  gleichgültig  ist,  um  die  Ver- 
Avandtschaft  der  Hss.  zu  bestimmen. 

Bei  dem  Marienleben  Philipps  stellt  sich  in  dieser  Be- 
ziehung heraus,  dass  die  sogenannte  mitteldeutsche  Recension 
(1.  u.  5.)  zu  je  zwei  Spalten  mit  30  +  x  Zeilen  in  4"  mit  ab- 
gesetzten Versen  geschrieben  ist.  Diesem  Formate  und  seiner 
Eintheilung  schliessen  sich  g-enau  an  die  Hss.  der  k.  k.  Hof- 
biljliothek  2709  und  Suppl.  2596  von  der  Recension,  die  streng 
mild.  Reime  und  Verse  durchzuführen  trachtet.  Dagegen  die 
Ijciden  andern  Hss.  derselben  Recension  die  Wiener  2735  und 
K 1 0  s  t  e  r  -  N  e  u  b  u  r  g  e  r  sind  im  Format  abgewichen  und  jünger 
als  die  beiden  vorigen. 

Wieder  dem  ursprünglichen  Format  nahe  steht  in  ihrer 
Einrichtung  die  G  o  t  h  a  c  r ,  abgewichen  ist  die  jüngere 
Wiener  2736. 


218  Haupt.     Bruder  Philipps  Marienleben. 

Eben  so  hat  die  Recension,  die  mit  dem  Evangelio 
Nicodemi  combiniert  ist,  in  der  Wiener  Hs.  Suppl.  2560 
das  ursprüng'liche  Format  eingehalten. 

Von  der  Admont-Bamberg-er  Recension  bleibt  das 
pergamentene  Bamberger  Blatt  bei  der  alten  Form,  dieAd- 
monter  Hs.  ist  in  8"  abgewichen. 

Wenn  nun  die  Ergebnisse  der  Untersuchung  zusammen- 
gefasst  werden  sollen,  so  lauten  sie: 

1.  Die  sogenannte  mitteldeutsche  Recension  gewährt  nur 
den  ältesten  hochdeutschen  Text.  Der  niederrheinische  und 
vielleicht  weiterhin  der  mnl.  ist  bis  jetzt  verloren. 

2.  Aus  der  mitteldeutschen  Recension  hat  sich  entwickelt 
eine  gemein  mhd.,  die  weder  neue  Stücke  einschiebt  noch  be- 
deutende auslässt,  sondern  blos  Vers  und  Reim  nach  höfischer 
Weise  zu  regeln  sucht. 

3.  Weiter  giengen  die  beiden  andern  Recensionen,  von 
denen  die  eine  das  Werk  Philipps  durch  das  Evangelium 
Nicodemi  mngestaltet,  die  andere  durch  die  eingefügte  Ueber- 
setzung  der  Evangelien  ebenso  Philipps  Werk  als  Marien- 
leben zerstört.  Beide  Umwandlungen  waren  bereits  um  die 
Mitte  des  XIV.  Jahrhunderts  vollendete  Thatsachen.  Auch 
diesen  liegt  die  mitteldeutsche  Recension  zu  Grunde  und  die 
Einschübe  rühren  von  mitteldeutschen  Dichtern  her. 

4.  Durch  Kürzungen  das  Werk  Philipps  lesbarer  zu 
macheu,  sucht  die  ebenfalls  auf  die  mitteldeutsche  Recension 
zurückführende  der  Gotha  er  und  Wiener  Hs.  273(3. 

Bei  dieser  Sachlage  treten  die  beiden  niederdeutschen 
Hss.  (die  Helmstädt-Wolfenbüttlcr  und  die  Kinderlingische)  als 
wichtiger  hervor,  denn  man  Ijisher  geglaubt  hat.  (Oesterley 
Niederdeutsche  Dichtung  im  Mittelalter,  Dresden  1871,  S.  11, 
12.)  Hier  in  Wien  lässt  sich  aus  dem  wenigen  gedruckten 
Bruchstücken  dieser  Recension  nicht  untersuchen,  ob  dieselbe  aus 
der  sogenannten  mitteldeutschen  oder  niederrheinischen  geflossen 
oder  die  Mutter  der  übrigen  ist.  Ich  hoflfe,  dass  sich  bald  Jemand 
finden  wird,  der  sich  die  Mühe  nicht  reuen  lässt,  einen  gründ- 
lichen Nachweis  für  die  eine  oder  die  andere  Quelle  zu  liefern. 


Mayr.  Beiträge  aus  dem  Rg-Veda.  219 


Beiträge  aus  dem  Eg-Veda  zur  Accentuirung 
des  Verbuni  finitum 

von 

Dr.  Aurel.  Mayr. 


Uie  erste  Arbeit  über  den  Accent  im  Sauskrt  von  Otto 
Bölitlingk  erschien  in  den  Memoires  de  racadeniie  imperiale 
des  sciences  de  St.  Petersbourg-.  6"^®  serie,  sciences  pol.  histoire 
philologie,  tome  7.  Die  Reg'ebi  über  die  Betonung  des  Zeitworts 
geben  die  §§.  59,  GO.  Bölitlingk  beschränkt  sich  darauf  uns 
mit  dem  bekannt  zu  machen,  was  Pänini's  Grammatik  enthält. 
Es  ist  daraus  zu  ersehen,  dass  die  indischen  Grammatiker  zwar 
sehr  minutiös  verfuhren,  doch  zu  allgemeineren  Gesichtspunkten 
nicht  gelangen  konnten.  Ihre  ganze  Darstellung  macht  den  Ein- 
druck einer  principlosen  Casuistik. 

Eine  zweite  Arbeit  veröffentlichte  Whitney  im  Journal  of 
the  American  Oriental  Society,  V.  387 — 419.  ,Contributions  from 
the  Atharva  Veda  to  the  theory  of  sanskrt  verbal  accent.'^  Hier 
wird  das  ganze  Material,  das  der  Atharva  lieferte,  zu  Grunde 
gelegt,  und  der  Versuch  gemacht  au  die  Stelle  künstlicher,  lose 
aneinander  gereihter  Regeln  ein  natürliches  System  der  Er- 
kläi-ung  treten  zu  lassen. 

Statt  äusserer  Merkmale,  die  als  Motive  der  Betonung  ge- 
fasst  wurden,  wird  die  syntaktische  Bedeutung  der  Acccntuii'ung 
gesucht,  und  als  Princip  die  Betonung  des  Zeitworts  aufgestellt. 
Den  Ton  verliert  es,  wo  es  in  directen  Sätzen  als  Enklitikon 
gefasst  werden  kann,  während  in  indirecten  Sätzen  diese  Enkli- 
sis  nicht  eingetreten  ist.  Den  Relativsätzen  sind  nach  Whitney 
oftmals  parataktisch  angefügte  Vordersätze  gleich  zu  stellen,  die 
als  untergeordnet  aufgeftisst  werden  könnten,    s.  400  the  coor- 


220  Mayr. 

dinatiou  is  treated  as  if  it  were  a  siilDordination ;  the  first  of 
the  coordinate  clauses  is  looked  upon  as  a  protasis,  to  which 
the  otlier  constitutes  an  apodosis,  and  the  verb  of  the  former 
is  allowed  to  remain  orthotone. 

Eine  dritte  hieher  bezügliche  Arbeit  ist  die  von  Kielhorn 
iu  den  Indischen  Studien  X.  veröffentlichte  Bhäshika  Sütra 
Vrtti.  In  dem  Sütra  wird  die  Accentuiruug-  des  Verbums  im  ^^ata- 
patha  Brähmana  in  29  §§.  behandelt  —  der  andere  Theil  der 
kleinen  Schrift  bezieht  sich,  wie  Weber  gezeigt  hat,  nur  auf  die 
Bezeichnung  der  Tonsilbe  im  brähmana  gegenüber  der  in 
den  Samhitatexen  üblichen. 

Vorliegender  Versuch  bestrebt  sich  auf  Grundlage  des  im 
Rg-Veda  vorhandenen  Materials  Whitney's  Zusammenstellung  zu 
ergänzen  und  seine  Auffassung  zu  erhärten.  Mich  an  ihn  an- 
schliessend fasse  ich  die  Betonung  des  Verbums  von  ihrer  syn- 
taktischen Seite  auf. 

Durchgreifend  ist  die  Regel,  dass  im  directen  Satz  das 
Verbum  den  Ton  verliert;  das  Grewicht  wird  auf  das  handelnde 
Subject  gelegt;  die  dui-ch  das  Verbum  ausgedrückte  Thätigkeit 
ist  nur  eine  nähere  Determinirung  desselben  und  diese  enge 
Beziehung  des  prädicativen  Satztheils  erhält  in  dessen  Ton- 
losigkeit,  d.  i.  in  der  Aussprache  mit  gesenkter  Stimme  ihren 
Ausdruck.  Wird  dagegen  durch  das  Verbum  nicht  die  Thätig- 
keit einfach  als  solche  hingestellt,  sondern  soll  durch  das  Ver- 
bum irgend  eines  Satzes  (der  in  der  Syntax  als  Relativsatz  be- 
zeichnet wird)  auch  die  Voraussetzung  dej-  Thätigkeit  des  logi- 
schen Subjects  ausgedrückt  werden,  oder  wird  die  Handlung 
selbst  in  Frage  gestellt,  wird  der  Grund  oder  Zweck  des  Han- 
delns angegeben,  oder  ist  das  Substantivum,  auf  welches  das 
Verbum  sich  bezieht,  eigentlich  logisches  Objecto,  dem  sich  nur 
Epitheten  anschliessen  können,  so  bleibt  das  Verbum  betont. 

Für  den  letzten  Fall  ein  Beispiel : 

Rg-Veda  7.  1.   15.  sed  agnir  yö  vanushyato  ni  päti 

sameddliäram  änhasa  urushyat 
sujähtäsah  pari  caranti  virah 
wo  agnih  das  Object  des  Satzes  ist,  das  nicht  handelnd  hervor- 
tritt,   sondern    durch  die   Verbalformen  des   Nebensatzes    näher 
qualificirt  wird  und  eben  dahier  eine   einfache  Anreihung   vor- 
liegt,  während  im  Hauptsatz  Subject   und  l*rädicat  als   Handeln- 


Beiträge  aus  dem  Rg-Vs!da.  221 

des    1111(1    Ilandluni)'    sich    von  einander  ablieben,  sind  hier  alle 
Wörter  g-leichmässig-  betont. 

Der  Unterschied  zwischen  Verbuin  finitum  und  infinituni 
ist  fliessend.  S.  Der  Infinitiv  in  den  Veden  von  Ludwig;  1871 
Prag. 

Das  sogenannte  Infinitum  ist  nichts  anderes  .als  ein  Relativ- 
satz, der  entweder  epithetisch  zu  fassen  ist,  oder  in  Avelchem 
das  Verbum  sich  nicht  einfach  auf  die  Bezeichnung  der  Thätig- 
keit  beschränkt,  sondern  Elemente  des  Wunsches  oder  der 
Voraussetzung  einschliesst  und  emphatisch  zu  fassen  ist.  Eine 
sorgfältige  Untersuchung  der  Fälle,  wo  das  Verbum  finitum 
wirklich  prädicativ  verwendet  ist,  wird  ergeben,  dass  die  lebende 
Sprache  —  und  es  scheint,  dass  die  vorliegende  Accentuation  ohne 
jeden  Vorbedacht  gemacht,  sich  eben  nur  zur  Aufgabe  stellte, 
ein  treuer  Reflex  derselben  zu  sein  —  sich  eben  nicht  von  for- 
mativen  Elementen  beherrschen  Hess,  sondern  umgekehrt  die 
logische  Nothwendigkeit  walten  liess,  die  nach  dem  Verhält- 
niss  der  Unterordnung  oder  Hervorhebung  den  Ton  dämpfte 
oder  hob.  Gleichwohl  ist  nicht  zu  leugnen,  dass  die  Bildung  der 
Sprache  selbst  sich  dem  logischen  ganz  anzubequemen  suchte 
und  eine  Beschränkung  gewisser  Formen  auf  bestimmte  Ver- 
hältnisse mit  sich  brachte.  Doch  wäre  es  unrichtig,  die  Re- 
sultate dieser  Entwickelung,  welche  von  den  Grammatikern 
aufgenommen  und  befestigt  wurden,  auch  in  ältere  Texte  hin- 
einzutragen. Man  sollte  demnach  eigentlich  von  der  Betonung 
des  Verbum  und  nicht  des  Verbum  finitum  handeln,  doch  die 
Ueberzeugung,  dass  es  sich  hier  nur  um  eine  willkürliche 
Unterscheidung  handle,  drängte  sich  mir  erst  im  Laufe  der 
Untersuchung  auf;  der  Gebj-auch  des  Imperativs  ist  dafür  ein 
schlagender  Beweis. 

Ich  citii-e  da,  was  sich  im  Rk.  findet,  folgt  aus  dem 
Atharva  Veda  1.  20.  1.,  doch  vgl.  Taittirija  Brahmana  ,3, 
7.  5.   12. 

ädäi'asrd  bhavatii  deva  soma 
asmin  yajne  maruto  mrdätä  nah 

Kein  Unfall  wird  uns  zustossen,  wenn  ihr  o  Maruts  l)ei 
diesem  Opfer  uns  euch  gnädig  erweiset. 

3.  23.  5.  vindäsva  tväni  puträm  näri  yasti'iltliyaiu 
oämasachämu  täsmäi  tväm  bhava. 


222  Mayr. 

Ein  Sohn  möge  dir  zu  Tlieil  werden  o  Weib,  der  dir  zum 
Heile  sei,  auf  dass  du  ihm  zum  Heil  sein  mögest.  Vergl.  Whitney 
410  imd  406. 

Im  ersten  Falle  ist  der  Imperativ  als  Voraussetzung  zu 
fassen,  im  zweiten  Falle  (der  übrigens  auch  so  verstanden 
werden  könnte)  ist  der  Zweck,  das  Ziel,  das  durch  die  Quali- 
tät des  Sohnes  erreicht  werden  /soll,  durch  eine  imperative 
Form  gegeben,  während  dieses  in  der  Regel  durch  Formen  des 
Infinitums  geschieht. 

Ferner  behält  das  Verbum  den  Ton,  wenn  zwei  Thätig- 
keiten  in  gegenseitiger  Beziehung  aufeinander  aufgefasst  werden, 
es  sei  denn,  dass  der  Gegensatz  hervorgehoben,  oder  das  un- 
mittelbare Vorangehen  einer  Handlung  oder  Thätigkeit  vor  einer 
andern  ausgedrückt  werden  soll;  die  Fälle  sind  unter  C  an- 
geführt. 

Eine  äussere  Ausnahme,  die  nicht  durch  den  Sinn  moti- 
virt  ist,  sondern  auf  die  Stellung  des  Verbums  im  Satze  basirt, 
ist  die,  dass  Verben  am  Anfang  directer  Sätze  oder  auch  Satz- 
theile  betont  erscheinen,  in  welchen  sie  nach  dem  Gesetz  der 
logischen  Unterordnung  unter  das  Handelnde,  in  der  Regel  un- 
betont sind.  Klar  bewiesen  wird  dieser  Fall  als  Ausnahme  eben 
dadurch,  dass  wenn  auch  nur  eine  Präposition  vorangeht,  das 
Verbum  den  Ton  verliert,  während  in  Fällen,  wo  das  Verbum 
hervorgehoben  werden  soll,  die  Präposition  immer  unbetont  er- 
scheint. S.  B.  und  C  Lediglich  die  Nothwendigkeit  mit  einem 
betonten  Worte  den  Satz  zu  beginnen,  gibt  also  hier  dem  Ver- 
bum den  Ton.  Hiemit  sind  wir  zur  Auffassung  der  indischen 
Grammatiker  zurückgekehrt,  welche  die  Tonlosigkeit  im  Haupt- 
satz als  Regel  aufstellt. 

Die  Välakhilyäs  sind  nicht  in  den  Bereich  der  folgenden 
Erörterung  gezogen.  Man  kann  wohl  Schlüsse  ziehen,  ob  deren 
Betonung  richtig  durchgeführt,  doch  zur  Feststellung  der  Grund- 
sätze können  sie  nicht  dienen.  Vergl.  Välakh.  10. 1,  10. 3,  11.6  etc. 

„  A"  Das  Verbum  finitum  verliert,  wenn  es  nicht  am  Anfang 
eines  in  sich  abgeschlossenen  Satzes  steht,  seinen  Accent.  Bölit- 
lingk  §.  59. 

Die  Prä))osition,  welche  dem  Verbum  mittelbar  oder  un- 
mittelbar vorangeht,  behält  ihren  Ton.  Böhtlingk  §.  59.  Whit- 
ney 388. 


Beiträge  ans  dem  Rg-Veda.  223 

In    a    direct  or  independent    sentencc,  or  clause  of  a  sen- 
tence  tlie  linite  verb  is  made  enclitic  upoii  any  word  preceding- 
it  wliich  is  directly  connected  with  it  in  construction. 
Z.  B.    1.    170.  3.  kirn   no   bhratar  agastya. 
sakhä  sjinn  ati  manyase 
vidmä  hi  te  yatha   mano 
'smabhyam  in  nä  ditsasi.  - 
Warnm  verschmähest  du  uns  Bruder  Ag-astya,  der  du  sonst 
unser  Freund  bist?  wir  wissen  was  du   im   Sinn  hast,  spenden 
willst  du  uns  nicht. 

Auch  R.  V.   1.   126.  2,  5.  30.  5  bilden  keine  Ausnahme; 
es  liegt  das  Verbum  ]  da  +  a  vor.  Der  Padapätha  zerlegt  diese 
Formen  weder  im  Eg-Veda  noch  in    der  Väjasaneyi-Samhitä. 
I.   126.  2  catara  rajüo  nadhamänasya  uishkäii 
chatam  dcvän  präyataut  sadyä  adam 
Vielen  Schmuck,  viele  dargereichte  Rosse  erhielt  ich  sofort 
vom  König,  wenn  er  der  Hilfe  (der  Götter)  bedurfte; 

und  r).  30.   15  gharma^  cit  taptah  pravrje  ya  asid 

ayasmäyas  tam  v  adäma  viprah 
Auch    den    ehernen    Kessel,  der  um   (die  Milch)  heiss  zu 
machen  erhitzt  wird,  erhielten  wir  Hänger. 

Die  Bedeutung  lässt  keinen  Zweifel  darüber,  dass  beide 
Verben  in  Hauptsätzen  stehen.  Säy.  erklärt  ädam,  ättavän  asmi, 
svikrtavän  asmi  —  adäma,  ädattavantah. 

Ob  das  Verbum  finitum  enklitisch  gefasst  werden  kann, 
mag  dahin  gestellt  bleiben;  gewiss  ist  es,  dass  es  auch  nach 
Vocativen  und  den  unbetonten  Formen  der  Pronomina  personalia, 
also  nach  tonlosen  Wörtern  unbetont  erscheint.  Whitney  389. 

Even    if  other   unaccented   words    intervene    between  the 
verb,  the  effect  upon  the  latter  remains  the  same.  Z.  B. 
1.  63.  5  ghaneva  vajrin  cnathihy  amiträn 
1.  91.   14.  sumitrah  soma  no  bhava 
Ebenso  wenn  ein  Vocativ  folgt  z.  B.   ].  62.  5 

vi  bhtimyä  aprathayah    indra  sänu 
1.  Das  Verbum  iinitum  erscheint  im  directen  Satze  betont, 
I  wenn  ihm  kein  anderes  Wort  voi-geht.  Böhtlingk  §.  59.  Whit- 
1  ney  389. 

If,  however,  the  verb  Stands  at  the  head  of  the  sentence, 
j  it  canuot  of  course  be  enclitizised,  but  retains  its  accent. 


224  Mayr.  i 

ßliäshika  Sütra  2.  arthädih.  arthädäv  äkliyatapadam  vi 
kriyate. 

Geht  dem  Verbum  eine  Präposition  vor,  so  behält  sie  den 
Ton  lind  das  Verbum  erscheint  unaecentuirt,  z.  B.   1.  44.   13. 
ä  sidantu  barhishi  mitro  aryamä 

Auch  am  Anfang  eines  citirten  Satzes  ist  das  Verbum 
accentuirt,  z.  B.   10.  40.  5. 

yuväm  ha  ghösha  päry  agvina  yati 
räjua  üce  duhita  prche  väm  narä 

Die  herumirrende  Königstochter  Grhoshä  sagte  zu  euch 
o  A^vin  ich  flehe  zu  euch  ihr  Männer. 

2.  Am  Anfang  eines  päda  (Böhtlingk  §.  59  Bhashika  Sütra 
3  padädih)  behält  das  Verbum  iinitum  den  Ton,  auch  wenn  der 
Anfang  des  päda  keinen  Satz  beginnt.  Whitney  390. 

in  poetry  each  päda,  —  is  treated  as  if  it  constituted 
an  independent  clause,  &  a  verb  standing  at  the  head  of  it 
remains  orthotone,  even  though  preceded  in  another  päda  by 
words  directly  dependent  upon  it. 

Z.  B.  7.  34.  3  im  dvipädä,  metrum 

apac  cid  asmai 
pinvanta  prthvir 
und  9.   107.  3  (dvipadä  viräj  bhurij) 

pari  suväna^ 
cäkshase  deva 
mädanah  krätur 
indur  vicakshanah 
Doch  findet  sich  unbetont  7.  56.   10 

priyä  vo  nama 
huve  turäuäm 
wie  auch  die  T.  S.  2.  1.  10.  2  liest;  während  7.  5ß.  9  in  der- 
selben Stelle  accentuirt.  Das  dvipadä  metrum  besteht  aus  vier 
füufsilbigen  päda  und   so    liest    der   Rg-Veda    durchgängig.  In- 
dische Studien  VIII.  15G. 

Auch  10.  22.  2  (purastädbrhati)  wo  im  ersten  päda  zwei 
Silben  fehlen;  dagegen  ist  9.  109.  22  keine  dvipäda  viräj,  wie 
angegeben  ist,  sondern  eine  dvipäd.  Indische  Studien  VIII.  146. 

Eine  vorhergehende  Präposition  behält  auf  Kosten  des 
Verbum  den  Ton,  z.  B.   1.  48.   1. 


Beiträge  znm  Rp;-Vi(la.  2i2iV^ 

\ 

sahd  vämona  na  iislio 
vy  üclia  duliitar  divah 

(Ueber  divah  s.  Böhtlino-k  i:^.  öf).  —  Whitney  Journal  of 
the  A.  O.  S.  214.  fasst  auch  den  Vocativ  als  Enklitikon,  was 
kaum  anzunehmen  ist.) 

Note.  Von  zwei  Präpositionen  erscheint  regelmässig  die 
zweite  betont  z.  B.  10.  130.  7:  rshayah  pürveshäm  panthäm 
anudrcya  dhiräh  anvälebhire  rathyo  na  i'acmin.  p.  p.  trennt  anu- 
älebhire,  auch  10.  124.  4  am  Anfang  des  päda,  vergl.  10.  lU. 
2.,  84.  7.,  93.  G.,  159.  2. 

3.  Das  Verbum  behält  den  Ton,  wenn  demselben  im  Satz 
oder  päda  ein  oder  mehrere  Vocative  vorangehen.  Böhtlingk 
§.  54  Bhäshika  Siltra  10  ämantritam  sasvaram  Whitney  390. 
But  farther,  if  the  verb  is  preceded  in  the  sentence  or  päda 
only  by  a  vocative,  it  retains  its  accent.  Auch  die  Begründung 
ist  richtig.  The  vocative  really  forms  no  part  of  the  sentence 
to  which  it  is  attached;  it  is  neither  subject  nor  predicate;  it 
is  a  mere  excrescence,  a  parenthesis.  Das  Verbum  erscheint  dem- 
nach eigentlich  an  der  Spitze  des  Satzes  oder  des  päda;  nach 
Whitney  kann  es  folglich  nicht  als  Enklitikon  den  Accent  ver- 
lieren; doch  müsste  dies  auch  innerhalb  des  Satzes  der  Fall  sein, 
wo   das  Verbum    nach  vorhergehendem  Vocativ  den  Ton  behält. 

Geht  dem  Verbum  eine  Präposition  vor,  so  behält  diese 
den  Ton,  das  Verbum  ist  unbetont,  z.  B.   1.  91.    1.5. 

soma  ni  pähy  änhasah 
10.  37.  utadevä  ävahitam 

devä  ün  nayathä  pünah 
utägag  cakrüsham  devä 
devä  jiväyathä  punah 
mehrere  Vocative  stehen  z.  B.  3,  53.   19 

äksha  vilo  vilita  viläyasva 
und  4.  41.  5 

indrä  yuväm  varunä  bhütäm  asyä 
dhiyäh  pretarä  vrshabheva  dhenoh 

4.  a.  Auch  am  Anfang  eines  Satzabschnittes  behält  (bis  Ver- 
bum den  Ton.  Böhtlingk  §.  59.  Whitney  390. 

If,  —  a  sentence  be  composed  of  several  clauses  a  verb 
!  Standing  at  the  head  of  any  one  of  them  will  keep  its  own 
i  accent  z.  B.  7.  17.  3 

I         Sitzb.  d.  phil.-hist.  Cl.  LXVHI.  IM.  II.  Ilft.  15 


226  Mayr. 

dgne  vihi  havishil  yäkslii  devan 
10.  91.  6.  tarn  it  samänam  vaninag  ca  virudho 
'ntarvati9  ca  süvate  ca  viQvalia 
die  Stelle  findet  sich  auch  Säma  V.  11  9,  2,  31   auch  die  Bäume 
und  Pflanzen  sind  mit  Agni  schwanger,  gebären  ihn  jeder  Zeit. 
Hieher  gehört  1,  d,  2. 

prshtö  divi  dhäyy  agnih  prthivyam 
Agni  der  am  Himmel  haftet,  wurde  auf  die  Erde  gesetzt; 
man  könnte  auch  nach  Analogie   1.  98.  2 

prshto  divi  prshto  agnih  prthivyam 
übersetzen.  Dagegen  liest  man  Atharva  V.   1,  13,  1 
tapto  gharmo  duhyate  väm  ishe  mddhu 
welche  Stelle  Whitney  391   emendiren  will. 

Derselbe  Grund  der  Betonung  scheint  vorzuliegen  6,  44,  1 7 
enä  mandäuo  jalii  §iira  9ätrüii 
jämim  äjamim  maghavann  amiträn 
abhisheuän  abhy  ädedigänän 
paräca  indra  prä  mrnä  jahi  ca 

Nachdem  du  dich  am  Soma  erfreut  hast,  tödte  o  Helc 
unsre  Verfolger,  unsre  Feinde  o  Spendender,  seien  sie  Ver 
wandte  oder  Fremde;  die  mit  ihren  Geschossen  auf  uns  zielen 
uns  nachstellen,  zermalme,  schlage  nieder,  o  Indra,  so  dass  si( 
fliehen. 

Die  Annahme,  dass  hier  ein  Samuccaya  vorliege,  ist  höchs 
unwahrscheinlich,  da  kein  anderes  Beispiel  vorliegt,  wo  zwe 
Verben,  deren  erstes  im  ersten,  letztes  im  vierten  päda  stehl 
in  dieser  Beziehung  wären.  6.  23.  ö : 

asmai  vayäm  yäd  väväna  täd  vivishma 

indräya  yö  nah  pradivo  äpas  käh 

sute  söme  stamäsi  9ansad  ukthä 

indräya  brähma  värdhanam  yathäsat 
Für  Indra,  der  längst  für  uns  wirkte,  vollführen  wir  w; 
er  liebt;  nachdem  der  Soma  gekeltert  ist,  preisen  wir  ihn  sei 
Lob  sagend,  ein  Gebet,  das  Indra  ein  Stärkungsmittel  sei. 

Säyana  erklärt  cansat  mit  pansantah ;  da  auch  der  folgenc 
Vers  in  der  ersten  Person  pluralis  gofasst  ist,  kann  man  nicl 
annehmen,  cansat  sei  ein  Verbum  finitum  3.  pers.  sing.;  au( 
Hesse  sich  aus  dem  Hymnus  nicht  entnehmen,  dass  eine  drit) 


I 


Beiträge  ans  dem  Rg-Vpila.  227 

Person  ang-esprochen  Avcrden  müsse,  noch  wird  sie  irgendwie 
determinirt  werden  können. 

Ein  ähnlicher  Fcall  ist  vitilloicht  3,   1,    1. 

c)  de  van  äcchä  didyad  yunje  adrim 

d)  pamäye  agne  tanvam  jushasva 

9amaye  erklärt  Säyana  camyamica;  der  padapatha  ti-enut  cam- 
äye  so  auch  8,  75,  5  rtena  devdh  savita  ^araayata  padapatha 
9am-ayate  wo  Säyana:  sayamkrde  svakiranasaniüham  ^amayati; 
doch  wäre  9ainäye  ein  Verbum  finitum,  so  müsste  pamäye  be- 
tont sein. 

Ludwig  citirt  es  nicht  unter  den  Infinitiven  (vgl.  S.  GO 
16  äye),  doch  auch  da  würde  der  Accent  dies  bedenklich  er- 
scheinen lassen;  bleibt  das  tatpurusha  compositum  (vgl.  Rg- 
Veda  2,  38,  10  äye  vamasya  priya  devdsya  savitüh  syäma) 
wonach  mit  Hinzufügung  der  Zeilen  a.  b. 

somasya  mä  tavasam  väkshy  agne 
vähniin  cakartha  vidäthe  yäjadhyai 
zu  übersetzen  wäre : 

31.  1.  Des  Soma's  Kraft  verlangst  du  von  mir  o  Agni, 
mich  machtest  du  zum  Priester,  der  in  der  Versammlung  opfern 
soll;  indem  ich  den  Sinn  auf  die  Götter  richte,  setze  ich  die 
Somasteine  in  Bewegung;  in  meinem  Wohlergehen  (daran  dass 
ich  zum  Heil  gelange)  erfreue  dich  o  Agni!  (d,  i.  mache  micii 
glücklich.) 

Hieher  gehören  auch  die  mit  einem  Verbum  finitum  an- 
fangenden Satzabschnitte,  die  auf  ein  Verbum  finitum  unmittel- 
bar folgen,  daher  the  familiär  rul(3  given  by  the  Indian  gram- 
marians,  that  a  verb  is  accented  if  immediately  preceded  by 
another  verb.  Whitney  392. 

Auch  hier  behält  die  Präposition  auf  Kosten  des  Verbum 
den  Ton.  7.  32.  9. 

taränir  ij  jayati  ksheti  pushyati 
Der  Energische  gewinnt,  erhält'  (das  Gewonnene),  gedeiht, 
(vgl.  ksheme  yoge.) 

1.  42.  9  pagdhi  pürdhi  prä  yansi  ca 
Spende,  gieb  reichlich,  biete  dar. 

Das  Verbum  eines  eingeschobenen  Satzabschnittes  behält 
den  Ton. 

15* 


228  Mayr. 

2.  20.   1.  vaväm  te  väya  indra  viddhi  shü  nah 
prä  bharäniahc  väjajür  na   ratham 

Wir  biiug-en  dir  Speise  o  Indra,  merke  wohl  auf  uns, 
wie  ein  Wettlautender  den  Wagten  herbeisehaft. 

Doch  linden  wir  3.   14.  2. 

äyämi  te  nämauktini  jushasva 

Säyana  erklärt  tvadvishayäin  namaskäraväkyamahamayämi, 
prerayämi,  uccärayämi  —  tarn  sevasva;  das  pronomen  personale 
te  kann  nie  am  Anfana;  eines  Satzes  stehen  und  somit  müsste 
man  ayämi  te  —  trennen ;  wahrscheinlich  ist,  dass  das  Verbum  irrig 
unbetont  erscheint,  obwohl  Säyana  jushasva,  loti  rüpam,  nighätah 
für  die  Tonlosigkeit  zeigt,  den  Grund  aber  nicht  angibt. 

Ein  Beispiel,  dass  von  zwei  Präpositionen  die  zweite  be- 
tont ist,  10.  124.  6 

liänäva  vrträm  nirchi  soma 
Padapätha  liest  nir-ehi  =  nir-a-ihi. 

Richtig  unbetont  ist  10.   106.  7. 

väyur  na  parpharat  kshayad  rayinäm 
S.  Böhtlingk  und  Roth.  phar.  Säyana  erklären  «s  mit  füllen  par ; 

es  liegen  Fehler  vor  :  für  ^^SpftjLh^d  ^^^  cf  MH^lf^^d  ^^^  lesen 
und  demnach  zu  verstehen  wie  der  dahinfahrende  Wind  (oder 
Väyu)  gebiete  er  über  die  Schätze,  vgl.  altslovenisch  pera  pi-ati, 
gotisch  faran. 

4.  ß.  Das  einen  neuen  Absatz  beginnende  Verbum  bleibt  ac- 
centuirt,  auch  wenn  ihm  sein  eigenes  mit  einem  andern  Verbum 
gemeinsames  Object  vorgeht.  Whitney  391.  And  even  if  the 
object  of  the  verb  precede  the  latter  it  does  not  take  away 
its  accent,  provided  it  be  also  at  the  same  time  the  object  of 
another  verb.  z.  B.  2,  15,  2.  4.  36.  8,  4.  42.  3,  6.  18.  10,  7. 
104.  1,  10.  117,  6  und  wohl  auch  3,  30,  20 

imäm  kämam  mandaya  gobhir  äcvaic 

candrävatä  radhasa  paprathac  ca. 

Befriedige  meinen  Wunsch  mit  Kühen  und  Pferden,  mit 
goldener  Grabe,  mehre  ihn  auch ;  auch  Säyana  trennt  so. 

4.  y.  Aehnliche  Fälle,  in  welchen  ein  gemeinsames  Subject  zum 
Verbum  des  ersten  Satzabschnittes  bezogen  wird,  sind  1.  32.  4 
Atharva  Veda  7,  48,  1  bei  Whitney  391,  —  8,  48,  11.  10,  77,  4: 
vithiii-yjUi  nä  mahi  pratharyäti 


Beiträf;e  aus  dem  Ktr-Veda.  229 

Die    Erde    ist    wie    schwankend,  sie  löset  sich.     Dies  ge- 
schieht auch  bei  gemeinsamen  Vocativen 

z.  B.   1,  93,  7,  ag'nishomä  havishah  pvästhitasya 

vitäm  häiyatain  vrshana  jushetham 
3,  53,   11  üpa  preta  kucikac  cetayadhvam 
Hieher  ist  zu  stellen  6.  73.   3, 

c)  apah  sishäsant  svar  äpratitti 

brhaspätir  hänty  amitram  arkaih 
Indem  er  die  Wasser   der  Himmel  zu    erlangen   wünscht, 
schlägt    Brhaspati    der    Unüberwindliche    den  Feind   mit  Preis- 
liedern. 

Ebenso  accentuirt  ist  diese  Stelle  im  Taittiriya  Brähmana 

O.     O.     li.     O» 

4.  0.  Ferner  behält  das  Verbum  den  Ton,  wenn  es  zmschen 
zwei  Objecten  steht;  ^Vllitney  393  meint,  das  Verbum  behalte 
hier  in  Folge  willkürlicher  Theilung  des  Satztheiles  seinen  Accent 
dadurch,  dass  es  als  an  der  Spitze  des  zweiten  Satztheiles  stehend, 
angesehen  werde.  Bhäshika  Sütra  16  väkya^eshah;  die  Regel 
erstreckt  sich  auch  auf  den  folgenden  Fall,,  und  erfährt  ihre 
Beschränkung  §.  27,  wo  im  Commentar  gesagt  wird,  nirvacane 
vakyacesho  yasmin  vidyate  tad  äkhyätam  na  vikurute.  Das 
lObject  kann  in  jedem  der  casus  obliqui  stehen. 

Beispiele  sind:  für  denAccusativ   1.  31.   14,  2.   16.2,  4, 
136.  S,  6.  44.  16,  7.  86.  1,  —  9.  105.  6,  —  10,  30.  12.  b,  10. 
1117.  6  —  und  7.  83.   16  zwischen  zwei  verschiedene  Personen 
bezeichnenden  Adjectiven; 

zwischen  zwei  Accusativen  und  zwei  Locativen  3.  31.  10, 
10.  12.  7,  10.  53  11,  10.  es.  11  und  10.  73.  9,  wo  derselbe 
Accusativ  auf  beide  Satzdieile  bezogen  werden  muss; 

zwischen  zwei  Instrumentalen  4.  34.  11,  8.  16.  6,  9. 
71.  8,  10.  45.  10,  10.  81.  3,  wohl  auch  10.  11.  5; 

zwischen  zwei  Dativen  im  Rg-Veda  findet  sich  kein  Bei- 
spiel, doch  im  Atharva  Veda  11.  2.  2 

(piinu  kroshtre  ma  ^äriräni  kc4rtam 
aliklavebhyo  grdhrebhyah     Whitney  412; 

zwischen  zwei  Ablativen   1.   115.  (i,   1-  124.  6,  5.  31.  9; 

zwischen  zwei  Genitiven  10.  30.   12.  b; 

zwischen  zwei  Locativen  5.  43.  4,  beide  Bestimmungen 
des  Grundes  und  10.  105.  8; 


230  Mayi. 

zwischen  zwei  Z  eitbestiminiiiigen  1.  84.  2,  1.  170.  1, 
2.  29.  2,  6.  49.  10,  9.  97.  9; 

zwischen  zwei  Ortsbestimmungen  10.  85.  25. 

Der  Uebersicht  wegen  folgen  die  Fälle,  wo  keine  Präpo- 
sition dem  Verbum  vorgeht,  dann  die,  wo  die  Präposition  wieder- 
holt wird;  die  Fälle  mit  ca  oder  ca — ca  und  na— na  sind  den 
andern  vorausgestellt.  Im  10.  Mandala  lesen  wir  tän9ca  pähi 
gi'natä^ca  surin. 

7.  83.  16.  däsä  ca  vrträ  hatäm  äryani  ca 
7.  86.     1.  dvitä  näkshatram  papräthac  ca  bhtima 
10.  30.  1'2,  b.  krätum  ca  bhadräm  bibhrthärartam  ca 
räyä9  ca  stha  svapatyasya  patnih 

Wasser  ihr  tragt  die  richtige  Einsicht,  ihr  die  Ambrosia 
(vgl.  1.  23.  19).  Ihr  seid  die  Herrinnen  des  Reichthums  der 
guten  Nachkommenschaft. 

1.  124.  6.  närbhäd  ishate  na  maho  vibhati 
10.   117.  6.  näryamanampushyati  no  säkhäyam 

Der  Thörichte  besitzt  keinen  Geföhrten,  keinen  Freund. 

4.  36.  8  ä  no  rayim  rbhavas  takshatä  vayah 

2.  16.  2  haste  väjram  bhärati  cirshäni  krätum 

5.  33.  4  gäve  cakärthorvaräsu  yüdhyan 
Du  kämpfest  um  Rinder  und  Felder. 

8.     16.  6  täm  ic  cyautnair  äryanti 
täm  krtebhip  carshanäyah 
10.   10.5.  8  uabrahmä  yajnä  rdhag  jöshati  tve 

Nicht  erfreut  sich  ein  Unandächtiger  sonderlich  am  Opfer, 
an  dir; 

3.  31.   10.  jäte  nihshthäm  ädadhur  goshu  viran 

Den  Lebenden  setzten  sie  einen  Führer,  den  Rindern 
Hüter. 

10.   12.     7  sftrye  jyotir  ädadhur  masy  aktün 
10.  53.   1 1   gärbhe  yöshäm  ädadhur  vatsäm  äsäni 
10.  58.   1 1    i'ätryäm  tämo  ädadhur  jy<'>tir  ähan 
10.  73.     9  payo  goshv  ädadhä  oshadliishu 
10.   11.  5  sädäsi  ranvö  yavaseva  pi'ishyate 

hotrabhir  agne  mänushah  svadhvaräh 
Durch  Opfer  gedeiht  der  fromme  Mensch  wie  durch  eine 
Weide    (die    der    Nomade   für    sein    Vieh    findet) ;  man  könnte 


Beiträge  ans  il(Mn  Kg-Veda.  231 

auch    übersetzen:    Wie    das  Vieh  dureli  Weide,  ^so    der    Wohl- 
opfernde durch  Opfergaben. 

2.     29.     2  adyä  ca  uo  mrlayatä  param  ca 

1.   170.     1  na  nünäm  ästi  no   ^väh 

1.     34.     2  trir  näktam  yathas  trir  v  acvinä  diva 

6.     49.   10  rudräm  divä  vardhayä  rudräm  aktau 

9.  97.     9  divä  harir  dädr^e  näktam  rjräh 
10.     85.  25  preto  muncäm  nämutah 

1.     31.   14  prä  päkam  ^assi  prä  dico   viduslitarah 
Du  weisest  dem  Einfältiü,"en,  du  den  Himmelsgegenden. 
1.   115.     6  nir  aiihasah  piprtä  nir  avadyät 

4.  34.   14  säm  indrena  mädatha  säm  marüdbhih 

5.  31.     9  nish  shim  adbhyö  dhämatho  nish  shadhästät 

6.  44.   Iß  'vy  äsmäd  dvesho  yuyävad  vy  änhah 
9.     71.     8  säm  sushtuti  näsate  säm  goägrayä 

Mit  dem  schönen  Loblied  vereinigt  sich  Soma  und  mit 
dem  von  einer  Kuh  begleiteten. 

10.  45.   10  üj  jätena  bhinädad  iy  jänitvaih 

Oben  aufkommen  (d.  i.  reussiren)  möge  der  mit  Söhnen 
und  Enkeln. 

10.  81.  3  säm  bähiibhyäm  dhämati  säm  pätatraih 
Vgl.  Atharva  Veda  13.  2.  26,  wo  aber  bhärati 

9.   105.  6  ädevam  kam  cid  atrinam 

sähvän  indo  pari  badho  äpa  dvayüm 

Besiegend  verdränge  o  Soma  jeden  Gottlosen,  gefrässigen 
Dämonen,  jeden  Falschen;  (vgl.  2  bädh  bei  Böhtlingk  und 
Roth.)  der  einzige  Fall,  wo  verschiedene  Präpositionen  vor- 
kommen. Auf  zwei  pädäs  erstrecken  sich  auch  die  oben  ange- 
führten Stellen  8.  16.  9,  10.  11.  5. 

Die  einzige  Ausnahme  ist  2.  27.  8 

tisrö  bhtimir  dhärayan  trinr  utä  dyün 
ebenso  betont  auch  die  Taittiriya  Samhitä  2.  1.  11,  5.  Die 
Citate  in  Taittiriya  Samhitä  sind  allerdings  meist  abhängig  vom 
Rg- Veda,  wo  vielleicht  ein  Fehler  vorliegt;  oder  nach  Bhäshika 
8ütra  28  zu  erklären  ist  comm  bhüyovädi  yah  cabdas  tasmäc 
ca  parasya  vikaro  nä  'vadhäryate,  vikäro  na  bhavatity  arthah 
vgl.  Bhäshika  Sütra  27. 

Zwischen  zwei  Objecten  und  zwei  Subjecten  findet  sich 
das  unbetonte  Verbiun  10,  16,  3. 


232  Mayr. 

süryam  cakshur  gachatu  vatam  ätma 
welche  Stelle  sich  auch  Atharva  Veda  findet: 

stiryam  cakshushä  gacha  vatam  ätmänä 
divam  ca  gacha  prthivim  ca  dhärmabhih; 
Ob  hier  die  Betouimg  darum  unterblieb,  Aveil  das  Verbum  nicht 
zwischen  denselben  Casus  steht,  lasse  ich  dahin  gestellt.  Ferner 
ist  im  Atharva  Veda  das  Verbum  unbetont  zwischen  zwei  Ac- 
cusativen  1.  12.  3,  8.  10.  16,  15.  12.  5  und  9,    zwischen  zwei 
Instrumentalen    19.    36.    2,     zwischen    zwei    Ortsbestimmungen 
18.  4.    11    —    17.     17    sudhäyäm    ma    dhehi    parame    vyoman 
kann  kaum  hieher  gestellt  werden ;    die  Bedeutung  scheint  ,im 
höchsten  Himmel  setze  mich  in  das  Heil  ein^  Die  Ortsbestim- 
mungen Rg-Veda  10.  85.  25  und  Atharva  Veda  18.  4.  11  sind 
Adverbien,  so  bleibt  die  Stelle  Rg-Veda  10.  28.  2 
sä  röruvad  vrshabhas  tigmä^rngo 
varsliman  tasthau  värimann  ä  prthivyah 
wo  väriman  als  nirvacana  des  varshman  gefasst  werden  könnte 
und  so    regelrecht  unbetont  wäre,    s.  Bhäshika  Sütra  27.     Auf 
dasselbe  Object  beziehen  sich  die  Epitheton  4.   18.   12 
9ayiim  käs  tväm  ajighansac  cärantam 
Wer   wollte    dich   erschlagen  als  du  lagst,  als  du  giengst 
(vgl.  7.  83.   16). 

Unbetont  ist  das  Verbum,  da  ilim  eine  Präposition  vorgeht 

und  es  so  nicht  an  der  Spitze  des  Satzabschnittes  steht  1.  124.  6: 

näjämim  nä  pari  vrnakti  jämim 

Die  Morgenröthe  weicht  noch  dem  fremden  (menschlichen) 

noch  dem  ihr  verwandten  (göttlichen  Geschlecht)  aus.  So  Säy- 

ana  und  5.  65.  6 

mä  maghonah  pari  khyatam 
mo  asmäkam  fshinäm 
(jänam  ist  aus  dem  vorhergehendem  päda  zu  ergänzen)  ,  vernachläs- 
sigt nicht  das  Geschlecht  des  Opferveranstalters  noch  das  der  rshis.* 
Ferner  finden  wir  unbetont  1.  23.  24 
säm  magno  värcasä  srja 
,    säm  prajäyä  säm  äyushä   und 
1.  48.  8  äpa  dvesho  maghoni  duhita  divä 
ushä  ucliad  äpa  sridhah 
Durch  ihr  Aufleuchten  vertreibe  die  gabenreiche  Morgen- 
röthe, die    uns    feindlich   sind,    die  uns  verderblich  sind.     Man 


Beiträge  ans  dem  Rg-VeJa.  233 

könnte  den  Accusativ  pliu'alis  als  nirvacana  des*  Accnsativ  sing, 
dveshah  fassen,  wo  dann  1.  23.  24  sich  als  Fehler  darstellen 
würde,  doch  lässt  sich  darüber  nicht  entscheiden,  da  diese  zwei 
Fälle  die  einzigen  sind,  wo  die  Präposition  wiederholt  wird 
und  der  Satz  durch  zwei  pädas  läuft. 

Endlich  scheint  noch  hielier  zu  stellen  6,  44;,  IS,  wo  eine 
Infinitiv- Construction   vorliegt : 

apäm  tokäsya  tänayasya  jesha 
iudra  sürin  krnuhi  smä  no  ärdham 

Mache  o  Indra,  dass  wir  und  die  Ansteller  des  Opfers 
bei  der  Erwerbung  von  Gütern  und  Nachkommenschaft  gedeihen 
mögen.  Auch  Sayana  erklärt  apäm  äptavyänäm  dhauänäm  und 
auch  ärdham  durch  samrddhäu  (vgl.  die  Construction  Rg-Veda 
1.  154.  6: 

tä  väm  västüny   uoniasi  gämadhyai 

Wir  wünschen,  dass  ihr  beide  zu  den  Aufenthaltsorten 
i^-elanget^  wo  — ). 

Note,  süri  heisst  wohl  auch  Anführer,  Hauptleute,  prin- 
cipes.  Prof.  Roth  vermuthet,  dass  sma  den  Ton  veranlasst.  Das 
ist  die  einzige  Stelle  im  Rg-Veda  wo  sma  nach  einem,  nicht 
am  Satzanfang  stehenden  Verbum  vorkommt. 

Man  könnte  versucht  sein,  auch  7.  68.  2  hieher  zuziehen: 
b)  aram  gantam  ha  vis  ho  vitäye  me 
tirö  aryo  havanäni  9rutäni  nah 
wo  Säyaua  asmadvirodhino  havanäni  tiraskrtya  crutam  no  ha- 
vanäni erklärt;  obwohl  es  einfacher  wäre  ,verschmähend  die 
Rufe  des  Kargen  hört  auf  uns,  die  auch  opfern^  so  scheint  mir 
auch  nach  Säyana's  Interpretation  der  Accent  nicht  erklärt.  Die 
Analogie  10.  30.  12.  c.  ist  keine  vollständige,  da  hier  die  ein- 
ander gegenüber  stehenden  Objecto  räyä(?  ca  stha  svapatyäsya 
pätnih  vor  und  nach  dem  Verbum  gesetzt  sind;  während  7.  68. 
2  das  Object  gemeinsam  ist,  so  ist  es  10.  30.  12.  c  das  Subject, 
auch  ist  es  vielleicht  richtiger,  letzteren  Satz  unter  das  condi- 
tionelle  ca  zu  stellen;  7.  68.  2  dagegen  nach  Analogie  von  7. 
68.  1  unter  die  Fälle  wo  ein  Imperativ,  der  auf  Imperative 
von  Verben  der  Bewegung  folgt,  betont  wii-d;  es  scheint,  dass 
im  Sauskrt  der  Imperativ  sehr  gut  im  Relativsatz  stehen  könne 
(vgl.  auch  die  Construction  5.  65.  6). 


234  Mayr. 

Als  weiteren  Beleg-,  dass  es  nicht  genügend  ist,  dass  sich 
ein  Verbiun  auf  zwei  in  verschiedenen  Satzabschnitten  stehende 
Objecte  beziehe,  sondern  die  Stellung  zwischen  beiden,  also  am 
Anfang  des  neuen  Satzabschnittes  entscheide,  kann  angeführt 
werden  4.  19.  7. 

prägruvo  nabhanvo  nä  väkvä 
dhvasra  apinvad  yuvatir  rtajnäh 

Der  dahinsiechenden  unverheirateten  Jungfrauen  (für  die 
Flüsse  wird  tropisch  ägruvah  gebraucht)  Brüste  macht,  strotzen 
^\ie  sprudelnde  Quellen,  er  der  das  rechte  kennt,  Indra.  (rtajnah 
kann  nur  nominativ.  sing.  sein.  Oppert  174.) 

4.  s.  Es  entsteht  nun  die  Frage,  ob  das  Verbum  auch  accentuirt 
erscheint,  wenn  es  zwischen  zwei  Prädicaten  oder  zwei  Sub- 
jecten  zweier  Satzabschnitte  steht. 

Ein  Beispiel  wie  Atharva  Veda  5.  18.  8.  Whitney  393 
jihvä  jyä  bhavati  kiilmalam  vak 
wo  das  Verbum  zwischen  zwei  Prädicaten  und  zwei  Subjecten 
steht,  findet  sich  im  Rk  nicht.  Beispiele,  wo  zwischen  zwei 
Subjecten  das  Verbum  betont  ist,  sind  im  Atharva  Veda  6. 
92.  3,  6.  106.  1  mit  vä — vä,  12.  3.  48  während  das  auch  mit 
na — na  construirte  Beispiel  Rg-Veda  G.  18.  12  nicht  accentuirt 
ist,  ferner  Atharva  Veda  13.  3.  12  mit  anyatah  —  anyatah  14 
1,  64: 

brahmäparam  yujyätäm  brahma  pttrvam 
und    15  3  V.    4.    5.   10;  die  Regel  des  Bhäshika  Sütra  Indische 
Studien  X.  erstreckt  sich    gewiss   auf  diese  Fälle;  so  wird  da- 
selbst als  Beispiel  angeführt: 

cito  gärhapatyo  bhävaty  äcita  ähavaniyah. 

Auch  die  Analogie  spricht  dafür,  dass  dies  anzunehmen 
sei,  doch  lassen  die  Beispiele,  welche  sich  im  Rk  tiuden,  auch 
eine  andere  Erklärung  ihrer  Betonung  zu. 

Zwischen  zwei  Prädicaten  steht  das  Verbum  3.  3.  7. 
väyäüsi  jinva  brhatä^ca  jägi'va 
u^ig  devänäm  äsi  sukrätur  vipäm 

Auch  des  Vornehmen  (Säyana  mahato  yajamänasya)  Kräfte 
fördere  Unermüdlicher,  du  bist  ja  der  Bereitwilligste  unter  den 
Göttern,  der  Einsichtsvollste  der  Sänger.  Der  zweite  Satz  lässt 
sich  als  untergeordnet  fassen  ,da  du'  , indem  du^  Ebenso  sind 
zwei  Nebensätze  8.  18.  2. 


Beiträge  aus  dem  Rg-Veda.  23o 

anarväno  hy  csliiim  * 

pänthä  ädityänäm 

äclabdhäh  sänti  päyävali  sugevfdhah 

Unaufhaltsam  sind  die  Adityäs  auf  ihren  Balnien,  unan- 
tastbar sind  sie  Hüter,  die  sich  an  Wohlfahrt  erfreuen  (Sayana 
erkLärt  ahinsitäpca  santi)  man  könnte  adabdhäh  auch  auf  päyävah 
beziehen ;  der  Ton  des  Verbuni  tinitura  beruht  immer  nur  darauf, 
dass  ein  Nebensatz  zu  8.   18.   1.  vorliegt: 

idam  ha  nünäm  esham 

sumnam  bhiksheta  märtyah 

ädityänäm  äpürvyam  sävimani 

Folgen  die  Beispiele,  wo  das  Verbum  zwischen  zwei  Sub- 
jecten  steht  6.  49.  3 

arushdsya  duhitärä  virüpe 
stfbhir  anyä  pipi^c  stiro  anyä 

Verschiedengestaltig  sind  die  beiden  Töchter  des  Arusha 
(rocamänasya  süryasya  Säy.) ;  schmückt  sich  die  eine  mit  Ster- 
nen so  die  andere  mit  der  Sonne.  Abgesehen  davon,  dass  sich 
hier  strbher  und  sürah  gegenüber  stehen,  und  so  dieser  Fall  sich 
unter  die  vorhergehenden  einreihen  Hesse,  lässt  sich  der  Accent 
auch  dadurch  erklären,  dass  man  den  zweiten  Vers  als  Neben- 
satz fasst 

4.  51.  11.  täd  vo  divo  duliitäro  vibhätir 
üpa  bruva  ushaso  yajnäketuh 
vayäm  syäma  yacäso  jäneshu 
täd  dyau9  ca  dhattam  prthivi  ca  de  vi 

—  um  das  flehe  ich  zu  euch  des  Opfers  kundig  (oder 
durch  das  Opfer  als  meinem  Boten)  o  Morgenröthe,  ihr  strahlende 
leichter  des  Himmels;  angesehen  seien  wir  unter  den  Leuten. 
Dies  mögen  der  Himmel,  die  göttliche  Erde  gewähren.  Nach 
Analogie  von  4-  41.  5  nnd  7.  60.  10  könnte  man  aber  über- 
setzen: Angesehen  wären  wir  unter  den  Leuten,  wenn  ihr  es 
gewähret. 

Der  Wunsch,  die  Bedingung,  ist  im  Imperativ,  der  bedingte 
Satz  steht  im  Optativ.  Bleibt  8.  85.  5 

prä  pärvatä  änavanta  prä  gävah 

Es  dröhnten  die  Berge,  es  brüllten  die  Kühe  (tiopisch 
für  die  Wolken)  und  1,   1G5,  9 


236  Mayr. 

c)  nä  jäyamäno  nä9ate  na  jäto 

d)  yäni  karisbyä  krnuhi  pravrddha. 

Die  Stelle  scheint  mir  beiläufig  so  zu  interpretiren,  wie 
dies  Säyana  that;  nac  wird  immer  mit  einem  Object  im  Accu- 
sativ  construirt  und  so  kann  man  es  vom  folgenden  Satz  nicht 
trennen;  , weder  jetzt  noch  künftig  bringt  einer  die  Aufgabe  zu 
Stande,  die  du  vollziehen  mögest/  Hinsichtlich  des  8.  85.  5 
citirten  Falles  ist  zu  bemerken^  dass  man  solche  Fälle  vielleicht 
denen  anreihen  könnte,  wo  Satzhäufung  stattfindet  und  Verbum 
auf  Verbum  unmittelbar  folgt,  vgl.  C.  (3  bes.  Rg-Veda  1.  171.; 
freilich  sind  in  allen  diesen  Fällen  verschiedene  Thätigkeiten 
durch  die  Verben  ausgedrückt. 

Folgen  Fälle,  wo  das  Verbum  nicht  accentuirt  ist;  mit 
na — na  6.   18.   12 

c)  näsya  ^ätrur  nä  pratimänam  asti 

d)  na  pratishthih  purumäyäsya  sähyoh 

Für  Indra,  den  in  vielen  Künsten  gewandten,  siegreichen 
gibt  es  keinen  Feind,  keinen  ebenbürtigen  Gegner,  keinen 
Widerstand.  Der  Grund  der  Tonlosigkeit  des  Verbum  liegt 
darin,  dass  pratishtih  nur  eine  weitere  Erklärung,  Bestätigung 
des  vorhergehenden  ist  und  somit  kein  neues  Object.  Diese 
Beschränkung  der  Betonung  im  väkyayeshah  wird,  wie  oben 
erwähnt,  im  Bhäshika  Sütra  27  angegeben.  Andere  Beispiele : 
1.  31.  14.  ädhräsya  cit  prämatir  ucyase  pita 
Auch  als  des  dürftigen  Fürsorger,  Vater  wirst  du  genannt. 

5.     3.   11   stenä  adr9ran  ripavo  janäso 
10.  18.   11   üc  chvancasva  prthivi  ma  ni  bädhathäh 
süpäyanäsmai  bhava  süpavancanä 
wo  das  Verbum  zwischen  zwei  prädicativen  Epitheton  steht,  die 
sich    auch    prthivi    bezichen.    ,Oeffne   dich    o  Erde,  drücke  ihn 
nicht,  sei  ihm  leicht  zugänglich.' 

2.  42.  2  mä  tvä  ^ycnä  üd  vadhin  mä  suparnäh 

Nicht  tödte  dich  ein  Falke,  noch  ein  anderer  Vogel.  Das 
Verbum  ist  unbetont  nach  Bhäshika  Sütra  28  bhviyovädi  variyo- 
vädi  kaniyovädi  vä  'navadhäranäh  was  mit  Rücksicht  auf  §.  27 
so  zu  verstehen  ist,  dass  mehr  oder  weniger  ausdrückende 
Wöj-ter,  obwohl  sie  nicht  als  einfacliL'  Bestätigung  des  vorher- 
gehenden Wortes  gefasst  werden  können,  doch  hinsichtlich  ihrer 


Beiträge  aus  dem  Rg-Veda.  237 

Einwirkung  auf  den  Accent  des  Verbum  den  liur  erläuternden 
Wörtern  gleichg-estellt  werden  können. 

Möge  auch  1.   140.  8  erwähnt  sein: 

tasäm  jaram  praniuncann  eti   nanadat 

Ihr,  der  Finger  Geräusch  ablösend  zieht  er  tosend.  Da  es 
sich  nicht  um  zwei  Objecte  handelt,  kann  das-  Verbum  niclit 
unbetont  sein  und  demnach  ist  1.  140.  5  eti  als  von  yad  ab- 
hängig zu  fassen. 

Endlich  1.  164.  44.  d) 

dhräjir  ekasya  dadrce  na  rüpam 

Der    Zug    des    Windes    wird    wahrgenommen,   nicht  seine 

Gestalt.  Auch  hier  erklärt  Bhäshika  Sütra  8.  26  die  Tonlosia'- 

keit    hinreichend;   vgl.    Atharva    Veda   9.    10.   26,  wo  dieselbe 

Stelle  unbetont,  während  Atharva  Veda  10.  8.  8  richtig  betont : 

ayätam  asya  dadr9e  nd  yätam. 

„B"  Das  Verbum  erscheint  im  Relativsatz  immer  betont;  ist 
es  mit  einer  Präposition  zusammengesetzt,  so  verliert  diese 
ihren  Ton_,  es  wäre  denn,  sie  stünde  am  Anfang  eines  Satzab- 
schnittes oder  Satzes.  Dies  geschieht  natürlich  auch  in  den 
selteneren  Fällen,  wenn  in  der  sanhitä  Präposition  und  Verbum 
ungetrennt  erscheinen  9.  61.  5 

ye  te  pavitram  ürmayo 
'bhiksharanti  dharayah 
andere  Beispiele:  1.  49.  2,  1.  49.  4,  1.  52.  6,  9.   14.  2  etc. 

Diese  Regel  w^urde  von  Whitney  394  aufgestellt  ,the 
sanskrt  verb  retains  in  a  dependent  clause  its  own  proper  ac- 
cent; &  that,  too,  even  at  the  cost,  in  case  the  verb  be  one 
com  pounded  with^  a  preposition,  of  the  accent  of  the  prefixed 
preposition.^  The  dependent  clause  is  wont  to  be  introduced 
by  some  word  of  such  signification  as  necessarily  conditions 
its  dependency^  a  relative  or  subordinating  conjunction,'  —  die 
Frage  Whitney's  395.  whether  a  clause  in  any  case  without  the 
presence  of  a  word  conditioning  or  indicating  its  dependent 
character  can  be  in  such  wise  dependent  as  that  its  verb  should 
be  rendered  orthotone,  kann  nach  dem  im  Rg-Veda  sich  vor- 
findenden Belegen  bejaht  werden ;  ebenso  gleichgültig  ist  es,  ob 
die  anzuführenden  Partikulare  oder  das  pronomen  relativum 
vor  oder  nach  dem  Verbum  stehen,  immer  behält  es  den  Ton. 


238  Mayr. 

Was  folgt,  ist  ein  Commentar  zu  dem  Ganzen. 
Schon  Böhtlingk  §.  60  o)  führt  nach  den  indischen  Gram- 
matikern an,  das  Vcrbum  sei  betont  nach  dem  prouomen  rela- 
tivum  yad,  nach  yadryanc  und  nach  den  Partikeln  yadi  yad  yatra 
yävat  und  yätha.  Chäshika  Sütra  §.  14  yadyogah.  Whitney  394: 
1  a  ya  in  Relativsätzen  vor  und  nach  dem  Verbum  stehend, 
z.  B.  3.  53.  12 

yd  ime  r6dasi  ubhe 
aham  indram  atushtavam 

Der  ich  die  beiden  Welten  und  Indra  pries 
8.  20.   18  ye  cärhanti  marütah   sudänavah 
sman  milhüshac  cäranti  ye 

Die  euch  verehren  ihi'  gern  spendende  Maruts,  die  euch 
dienen  ihr  Regen  bringenden.     10.  87.   13 

manyor  mänasah  ^aravyä  jäyate  ya 
tayä  vidhya  hrdaye  yätudhänän 

Mit  dem  Pfeil^  der  aus  dem  Gefühl  des  Grimmes  ent- 
springt, mit  dem  stosse  ins  Herz  den  yätudhänäs. 

Wenn  von  zwei  Relativsätzen  ya  im  ersten  steht,  so  ist 
natürlich  auch  der  zweite  accentuirt,  z.  B. 

7.   1.   1.5  sed  agnir  yo  vanushyatö  nipäti 
sameddhäram  änhasa  urushyat 
sujätäsah  pdri  caranti  viräh 

Dem  Agni,  der  vor  dem  Angreifer  schützt,  der  den,  der 
ihm  anzündet,  aus  der  Noth  helfen  möge,  dienen  die  wohlge- 
bornen  Männer. 

8.  40.  4  yäyor  vi^vam  idam  jägad 
iyam  dyaüh  prthivi  mahy 
üpasthe  bibhrtö  vasu  .  .  . 
Wo  Säyana  mit  bibhrtö  den  zweiten  Satzabschnitt    begin- 
nen   lässt    ^denen    alles   was    da   lebt,    dieser   Himmel    und   die 
grosse  Erde  gehört,  die  in  ihrem  Schoos  Güter  tragen^:  andere 
Beispiele    Atharva   Veda    18.   4.   54   Whitney   412   Rg-Veda  3, 
16.  2,  4.  21.  4,  7.  32.  6,  8.  40,  11,  8.  41.  9,  9.  77.  4,  10.  92. 
5?  (Das  vananvati   Verbum  finitum   s.  Ludwig  der   Infinitiv  in 
den  Veden   102.)  Dasselbe  Verbum  erscheint  wiederholt  3.  32. 
7;  —  auf  drei  Sätze  bezogen  ist  ya   1.    139.   11,4.  24.  7. 


Keiträge  ans  dem  Rg-Veda.  239 

Audi    wird    die    Qiialität   des    Relativsatzes    niclit    aufge- 
hoben   dadurch,    dass    zwischen   ya   und    das   Verbum  ein  Satz 
eingeschoben  wird,  daher  das  Verbum  den  Ton  behält  5.  37.  1. 
täsmä  {^mrdhrfi  ushaso  vy  üchän 
ya  indraya  sunävämety  aha 
Unablässig  mögen  dem  die  Morgenröthen  aufleuchten,  der  da 
sagte, , keltern  wir  Soma  für  Indra/  Auch  die  Betonung  des  suna- 
väma  hängt  von  ya  ab.  Vgl.  4.  33.  5,  wo  das  Verbum  im  citirteu 
Satz    unbetont,    so   auch  Atharva    Veda  12.  4.  6  Whitney  397, 
wo  das  Verbum  betont  wird.  So  auch  fi.  4.5.  Ifi,  6.  ,54.  1  und  2, 
ß         yad.  z.  B.  ß.  5.  0 

yäc  chasyase  dyübher  akto   vdcobhis 
täj  jushasva  jaritür  ghöslii  manma 
(gh(')shi  ist  adjectiv,  wie  es  vSäyana  fasst.) 

3.  30.  5.  ime  cid  indra  rodasi  apäre 

yät  samgrbhna  maghavan  käcir  it  te 
Ergreifst  du  auch  o  gabenreicher  Indra  die  unermesslichen 
beiden  Welten,  nur  eine  Handvoll  sind  sie  für  dicli.   1.   14U.  5 
und  4.  30.  3. 

vicve  caned  ana  tvä 
deväsa  indra  yuyudhuh 
yäd  ähä  naktam  atirah 
padapätha  ä  atirah  vgl.  7.  82.  6,  wo  der  pada  pätha  ebenso  trennt 
s.  C.  1.  Note  a  atirah  nach  7.  83.  7  scheint  es  zu  bedeuten  selbst 
nicht  alle    Götter    überwinden   dich    im  Kampfe,  da  du  sie  bei 
Tag    und  bei   Nacht    überwältigst,    vgl.  4.  30.  7  äträha  dsinum 
atirah  padapätha  ä  atirah  und  tar  bei  Böhtlingk  und  Roth,  das 
immer  mit  Accusativ  construirt  wird,  wonach  vielleicht  auch  zu 
bessern  ist. 

Auf  zwei   Sätze    bezogen  erscheint   es  4.  21.  8,  7.  ÖO-  2, 
8.  6.  1.3,  8.  45.  31,  10.  98.  1  und 

7.  32.  18  yäd  indra  yavatas  tväm 
etävad  ahäm  i9iya 
stotäram  id  didhisheya  radävaso 
nä  päpatväya  räsiya 
Verfügte   ich   über  so  viel  als  du  o  Indra,  so  beschenkte 
ich   meinen  Lobsänger,  o  gütiger  Spender,  nicht  überliessc  ich 
ihn  dem  Elend.  (Säyana  dhanapradänena  dhärayeyam  AI.  Müller 
I  should  Support  the  sacred  bard.) 


240  Mayr. 

yad  —  ca  in  zwei  Relativsätzen   10;,  34.  5 
yad  ädidhye  na  davishyäny  ebhili 
paräyädbhyo  'va  hiye  sakhibhyah 
nyüptäc  ca  babhrävo  väcam  äkratan 
emid  eshäm  nislikrtäm  iäriniva 
Muir    Journal    of  the  R.  A.  S.  new  series  II.  28  wlien  I 
resolve  not  to  be  tormented  by  tliem^  because  I  am  abandoned 
by   my   friends  wlio  witli  draw  from  nie  —  yet  as  soon  as  the 
brown    dice    when    the    are    thrown    make    a  rattling  sound,  I 
hasten  to  their  rendez-vous,  like  a  woman    to  her  paramour.     Ob 
davishyäni    richtig   gelesen   ist,    darüber    lässt  sich  schwer  ent- 
scheiden; intransitiv  findet  es  sich  nicht  in  den  Veden,  transi- 
tiv zweimal  im  Atharva  Veda  9,  4.   18    und    düna  2.  31.  3  — 
div    findet   sich    im    Rk.    10.    34.    13    akshäir   mä    divj^ah  und 
Atharva   Veda   5.    29.    2    —    schwerlich  kann  man  davishyäny 
akshaih,    Stellen  wie  gitagovinda  3.   9  manmathena  dunomi  an 
die  Seite  stellen. 
Y         yatas  z.  B.  7.  4.  2  etc. 

1.  25.   17  b)  yato  me  mädhv  äbhrtam 
c)  hoteva  kshadase  priyäm 
ist  kshadase   iufinitiv    vgl.    Ludwig  §.  41  Rg-Veda  4.  58.  9,   1. 
66.  5;  auch  1.   122.  2  Bollensens  (Orient  und  Occident  II.  472) 
Conjectur  ist  zu  verwerfen, 
a        yäti  z.  B.  7.  43.  4,  10,  18.  6,  10.  63.  6 

7.  43.  4  ä  gantana  sämanaso  yäti  shtha 
s         yäthä  z.  B.  10,  133.  7 

asmäbhyam  sü  tvdm  indra  tam  ciksha 
yä  dohate  präti    varam  jaritre 
achidrodhni  pipäyad  yathä  nah 
sahäsradhärä  payasä  mahi   gaüh 
Schenke,  o  Indra,  uns  die,  welche  du  nach  Wunsch  dem 
Verehrer  milcht;  mit  Milch  strotze  für  uns,  mit  nie  versiegen- 
dem   Euter    die    grosse    tausendström  ige    (d.  i.    jegliches    spen- 
dende) Kuh. 

r         yatha-yatha  4.  54.  5,  8.  39.  4,  10.  100.  4,  10.  1 1 1 .  1 ,  4.  1 9.  1 0: 
prA  te  pfirväni  käranäni  vipra 
ävidväil   rdia  vidüshe  karansi 
yathä-yatha  vrshnyäni  svägüi'tä 
äpäüsi  i'ajan  uäryäviveshih 


lieitii'igo  ans  dem  KgVeda.  241 

Deine  früheren  Thaten  kennend^  verkündete  icli  dir,  der 
du  sie  weist,  wie  du  in  jedem  einzelnen  Falle  die  dir  ange- 
nehmen, menschenfreundlichen,  männlichen  Thaten  vollbrachtest. 

yadä  z.  B.  7.  3.  2,  10.  68.  6 
ij  yädi  10.   161.   1,  graher  jagraha  yddi  vaitad 

7.  104.   14  yadi  väham   anrtadeva  äsa 

mogham  vä  devan  apyühe  agne 
Wenn    ich  falschen    Göttern  huldige,    oder  die  wirklichen 
Götter  irrig  (nishphahun  Sayana)  auffasse;  anrtadeva  nach  Säyana: 
asatyabhüta  devä  yasya  tädrcah.) 

i  yädrc  5.  44.  6  yädi-g  eva  dtidr^e  tadrg  ucyate 

/.         Auch    die   Composita   mit   yad   stehen  oft  im  Relativsatz, 
daher  das  Verbum  betont  wird;  im  Kk  findet  sich  10.  121.  10 
yatkäraäs  te  juhumäs  tan  no  astu 
Was  wünschend,  wir  dich  anriefen,  das  sei  uns. 
A         yavat   1.   108.  2,  7.   79.   4  etc.  im  compositum 

10.  88.   19  yävanmätrara  ushaso  na  pratikam 
suparnyö  väsate  mritaricvah 
tävad  dadhäty  i'ipa  yajnäm  fiyän 
brähmano  hotur  avaro  nishidan 
So    lange    die   Vögeln    vergleichbaren    Morgenröthen    ihre 
Gestalt  nicht  annehmen,  d.  i.  nicht   erscheinen  — 

Dagegen  bleibt  das  Verbum  unaccentuirt,  da  es  im  unab- 
Mngigen  Satze  steht  mit  yathävacdm  .5.  34.  6,  3.  48-   4 : 
ugnis  turashal  abhibhütyojä 
yathävapäm  tanväm  cakra  eshah 
yathrdviimam  16.  146.  5 

na  va  aranyanir  hanty 
anyac  cen  näbhigächati 
svädoh  phalasya  jagdhvaya 
yathakamam  ni  padyate 
Muir.  Journal  of  the  R.  A.  S.  new  series  II,  28  Aranyäni 
is  not  (herseif)  murderous,    if  no    one    eise  (a  tiger  etc.)  assails 
(hier    wäre  ,her'  beizufügen);    but  after   eating    of   sweet  fruit, 
a  man  rests  there  at  his  pleasure. 

Ebenso  ist  das  Verbum  unaccentuii-t,  wenn  ya  im  Haupt- 
satz steht  1.  80.  14 

abhishtane  te  adrivo 
yat  sthä  jägac  ca  rejate 

Sitzb.  il.  phil.-bist.  Cl.  LXVm.  IM.  II.  Hft.  lO 


242  Mayr. 

Wenn  du  tosest,  o  mit  Schleudersteinen  Bewaffneter,  zittert 
was  nur  steht  und  geht.     1.  95.  8: 

tveshäm  rüpdm  krnuta  üttaram  yät 
samprilcänäh  sddanc  göbhir  adbhih 
Eine  Furcht  erregende,  gewaltigere  Form  nimmt  er  an, 
wenn  er  in  seinem  Sitz  mit  den  Wolken,  Fluthen  sich  ver- 
einigt; (Säyana  gautrbhir  meghasthäbhih  —  rüpam  utkrshtata- 
ram  vaidyutam  prakä9am  yadä  karöti)  in  derselben  Bedeutung 
gebraucht  ist  yäd  10.   107.   7  — 

7.  66.  6  utd  svarajo  äditir 

adabdhasya  vratasya  ye 
mahc')  räjana  ipate 
Ueber  Grosses  gebieten    Aditi    und    Adityas    als    Könige, 
deren    Satzung   unantastbar,    ya    steht    im  Nebensatz,   ic^ate  im 
Hauptsatz.  Einen  Beweis,  dass  ya   auch  im   Hauptsatze  stehen 
kann,  liefern  ferner 

6.  67.  3.  ä  yätam  miträvarunä  su^asty 
üpa  priyä  ndmasä  hüydmanä 
säm  yäv  apnahstho  apdseva  jdnän 
chrudhiyatA^  cid  yatatho  mahitvä 
Kommt    herbei    o    Miträvarunä    zum    Lobgesang,    gerufen 
durch   euch   genehme  Verehrung,  die  ihr  (yuväm    Säyana)  wie 
ein  Schaffner  den  Leuten  Arbeit,  den  Gehorsamen  Macht  ver- 
leiht.   (Säyana    crudhamannam    ya(?o    vätmanah    icchatah)    vgl. 
Bollensen  Orient  und  Occident  IL  477  der  yätathah  lesen  will 
und  Böhtlingk  und  Roth  apnahstaha  und  yat  -}-  sam ;  apdseva 
erklärt   Säyana   karmanä    (vgl.  Böhtlingk   und    Roth    dpas  und 
apds)  apnahsthah  karmany  adhikrtah,  was  es   sehr  wahrschein- 
lich etymologisch  bedeuten  muss. 

6.  67.  4  d^vä  nd  ya  väjinä  pütabandhü 

rtä  ydd  gdrbham  dditir  bhdradhyai 
prd  ya  mdhe  mahantä  jay  mänä 
ghora  mdrtäya  ripdve  ni  didhah 
Welche   Rennpferden    edler   Race   ähnliche,  wahrhafte  du 
als  Foetus  trugst ;  diese  sehr  grossen  bestimmtest  du,  als  sie  ge- 
boren wurden,  dass  sie  Scheu  einflössen    betrügerischen  Sterb- 
lichen. Säyana  erklärt  hier  yä  c)  mit  yau;  es  ist  wie  6.  67.  3 
mit  tvam  zu  interpretiren;   man  kann  auch  , diese  schon  als  sie 
geboren  wurden  sehr  grossen'  übersetzen. 


15oitrrig(!  aiiB  dem  Rg-Vcda.  243 

Dass  die  Accentuation  hier  3  und  4  nicht*  zufällig-  unter- 
bliol),  sondern  auf  richtig-cni  Verständiiiss  beruht,  beweist  6.  67.  1 
vi9veshäm  vah  satain  jyeshthatamä 
g-irbhir  mitravarunä  vävrdhadyäi 
säm  yä  raymeva  yamdtur  yämishtha 
dvä  janäii  dsamä  bähubhih  svaih 
Euch    aller    Wesen    vorzüg-lichstc  Mitravarunä  erfreue  ich 
mit  Anrufungen,  da  ihr  unverg-leichliche,  wie  Lenker  die  Zttg-el 
mit    ihren    Armen,    die    Leute    in    eurer    Gewalt    habt.     Dass 
vavrdhadyai    von  Säyana  gehörig-  aufgefasst  wurde,    ,vardhayi- 
tum    pravrtto'smi'    beweist    v.    2    ^iyäm    mad    väm  pra  sti-iute 
manisha;'    auch   das  la  vorkommende    vah    spricht  gegen  pas- 
sive Auffassung.  Auch  yad  findet  sich  im   Hauptsatz 
10.  23.  G  stomam  ta  indra  vimadä  ajijanann 
äpürvyam  purutämam   sudanave 
vidmä  hy  äsya  bhojanam  inasya 
yäd  ä  pa9uin  na  gopah  karämahe 
Da    Avir  wissen^    woran    der    Gewaltige  Genuss   findet,   so 
locken  wir  ihn  herbei  wie  ein  Hirt  das  Vieh.  Vgl.  v.  5. 

Ueber  yäthä  ist  zu  bemerken,  dass  es  in  der  Bedeutung 
,wie'  häufig  im  Hauptsatz  steht;  am  Ende  des  päda  erscheint 
es  dann  häufig  unaccentuirt,  z.  B.   1.  50.  2 

äpa  tye  täyavo  yathä 
nakshaträ  yanty  aktubhih 
auch    5.  25.  8,  8.  OL  G,  9.  100.  4;  andere  Beispiele  verzeich- 
net Böhtlingk  und  Roth. 

Schwierig  ist  die  Stelle  G.  50.  3 

utd,  dyäväprthivi  kshatram   urn 
brhdd  rodasi  parandm   sushumne 
mahäs  karatho  varivo  ydtha  no 
'sme  kshayaya  dhishane  anehdh 
Ich  nehme  wie  Sayana  an,  es  sei  yatha  syät  zu  verstehen 
und  ihr  o  Himmel  und  Erde  huldreiche  Welten  verschafft  Tins 
weithin  Herrschaft  und   gewaltigen  Schutz,  freudig  gewährt  uns 
unbedrohte  Ruhe  für  unsre  Wohnung.     In    1.  51.    12 
indra  yäthä  sutäsomeshu  cäkäno 
'narvanam  clokain  a  rohase  divi 
endet  der  Relativsatz  mit  Cilkänah,  , Indra  erfreut  an  den  Opfern 
des   gekelterten    Somas   erhebst    du  ein  unaufhaltsames  Getöse 

16* 


244  Mayr. 

im  HimineF,  d.  i.  indem  du  oder  nachdem  du  dich  ev- 
j^ützet  hast. 

2  cet  steht  immer  im  Relativsatz  Whitney  395  Bcihtlingk 
GO.  p.,  z.  B.  8.  68.  5 

arthino  yanti  ced  artham  l 

gächan     id  dadüsho  Tatim 
vavrj}nis  trshyatah  kämam 
7.  72.  4  vi  ced  nchanty  a^vina  ushasah 

pra  väm  brahmäni  kärdvvo  bharante 
auch  10.  109.  3,  10.  14G.  5 

3  ca  Whitney  395.  But  ca  itself,  withoiit  always  losing-  its 
proper  signification  ,and'  or  meaning  distinctly  ,if'  is  not  very 
infreqnently  made  use  of  to  assist  in  indicating  the  conditiou 
ality  of  a  clause,  whose  verb  is  then  left  orthotone.  Böhtlingk 
(§.  60  p)  ca  wenn. 

Da   das    Verbum    im    Nebensatze    betont    wird,    so    ist  es 
ebenso  möglich,  dass  ca  wenn  bedeute,  als  dass  es  einfach  anreihe. 
Wir  lassen  die  Beispiele  folgen : 

1.  40.  6  tarn  id  vocema  vidätheshu  cambhüvam 
mäntram  deva  anehasam 
imäm  ca  vacam  pratihäryatha  naro 
vicved  väma  vo   acnavat 

Wenn    ihr   diesen   Spruch    gern    annehmet    o    Männer,  so 
werdet  ihr  aller  Güter  theilhaftig-  ! 

1.  91.     6  a.  tväm  ca  soma  no  va^o 

I        jivatum  na  marämahe 

2.  41.   11  a)  indrac;  ca  mrläyati  no 

na  nah  paccad  agham  na^at 

2.  42.     1   c)  sumangalac  ca  yakune  bhävasi 

mä  tva  cid  abhibha  vicvya   vidat 

Wenn   du    uns   günstig   bist   o    Vogel,   so   stosse  nirgends 
auch  nur  auf  ein  Unglückszeichen. 

3.  43.  4  a  ca  tvam  eta  vrshana  vahäto 

hart  säkhaya  sudhüra  svdhgri 
dhanavad  indrah  sjlvauam  jushanali 
säkha  sdkhyuh  crnavad  vändanäni 
8.  21.  6  achä  ca  tvaina  namasa.  vddämasi 
kirn  mühu9  cid  vi  didhayah 


Beiträge  aus  dem  Rg-Veda.  245 

Wenn    wir   dich    verehrend  bcg-iäissen,  wa^uia  zögerst  du 
auch  für  einen  Aiij^en blick. 

8.  82.   10  dui'gc  ein  nah  sug-am  krdlii 
gr^äna  indra  girvanah 
tvam  ca  niaghavan  vjiyah 

8.  50.     1  ubhayam  ^rnävac  ca  nah 

indro  arväg  idam  väcah 
saträcyä  niaghavä  somapitayc 
dhiyä  (^ävishtha  ä  gamat 

9.  79.     1  c)  vi  ca  nayan  na  isho  drätayo 

aryo  nacanta  sänishanta  no  dhiyah 
Eine  schwierige   Stelle  ,iiud  schwinden  vor  unserer  Kraft 
die  Unholde,  so  sind  des  Unfromnien  Bitten  verloren  gegangen, 
Unsre    zum  Ziele   gelangt'.    Man    würde    näyanta  erwarten  nach 
10.  101.  3  auch  Väjasaneyi   Samhitä  12.  68 

yunäkta  sirä  vi  yugä  tanudhvam 
krte  yönau  vapateha  bijam 
girä  ca  9rushtih  säbharä  asan  no 
nediya  it  srnyah  pakvani  eyät 
Schirrt  die  Pflüge  an,    steckt  das  Joch  vor,  streut  in  die 
gezogene  Furche  den  Samen ;  wenn  in  Folge  unsrer  Bitte  unsre 
Thätigkeit    fruchtbringend    wäre,   so    fiele    das    reife  Korn  bald 
der  Sichel  entgegen. 

10.  108.  3  ä  ca  gächan  mitram  enä  dadhäma 

Und  käme  er  auch,  zum  Freund  machten  wir  ihn  dadurch. 
10.   108.  8  evä  ca  tväm  sarama  ajagantha 
präbädhitä  sähasä  daivyena 
sväsärani  tvä  krnavai  ma  pünar  gji 
Und  kannst  du  auch  o  Sarama  getrieben  durch  göttliche  Gewalt. 
10.    110.    1    auch    Väjasaneyi    Samhitä    29.    25  Taittirtya 
Samhitä  3.  6.  3.  1  Atharva  Veda  5.  12.  1 

sämiddho  adyä  mänusho  durone 
devö  devän  yajasi  jätavedah 
ä  ca  väha  miti'aniaha(^  cikitvän 
tväm  dutäh  kavir  asi  präcetäh 
Vgl.  Whitney  413  und  brächtest  du  sie,  der  du  reich  an 
Freuden,  so  bist  du  — 

10.   124.  5  nirmäyä  u  tye  äsurä  abhüvan 
tväm  ca  mä  varuna  kämdyäsc 


246  Mayr. 

Kraftlüö  sind  jene  Asuräs,  wenn  du  o  Varuna  mich  liebst. 
4         lii  Whitney  397.  It  is  a  well  known  fact  that^  by  Vedic 
usage,    tlie   particle   hi    always    accents   the  verb  witli  which  it 
is  construed.  This  also  I  ascribe  to  the  conditional  force  inherent 
in  it.  Bhäshika  Sütra  4.  Böhtlingk  §.  60  f.  Anmerkung  und  g. 
Nach  der  Siddhänta-Kaumudi  zu  schlicssen,  übt  hi  in  jeglicher 
Bedeutung    seinen    Einfluss    auf  ein  folgendes  Verbum  finitum. 
In  den    Veden    wirkt  hi  auch  auf  ein   vorhergehendes  Verbum 
finitum  ein  und  sogar  auf  das  Verbum  eines  nachfolgenden^,  mit 
dem  vorhergehenden  in  Verbindung  stehenden  Satzes;  hier  aber^ 
nicht  unerlässlich.  Auch  das  Bhäshika  Sütra  18 — 22  gibt  Regeln J 
wie  weit  sich    die  Wirkung    der   hyädayah    erstrecke;    manch« 
meinen  bis  zur  sechzehnten,  andere  bis  zur  25*®''  oder  gar  32''^^ 
Silbe ;  einige  meinen  von  den  innerhalb  dieser  Silbenzahl  stehen-' 
den   Verben  werde  nur   das    erste,  andere^   es  werden  alle  ac- 
centuirt. 

Die  Regel  ist  auch  hier  die,  dass  im  Relativsatz  das  Ver- 
bum acceutuirt  wird,  hi  dagegen  als  hervorhebende  Particula 
nur  in  Relativsätzen  gebraucht  wird;  erscheinen  zwei  Relativ- 
sätze in  continueller  Folge,  so  wird  dieses  hi  im  zweiten  Satz 
nicht  wiederholt;  daher  ist  auch  Atharva  Veda  4.  1.  4.  c. 
askabhäyad  accentuirt  und  es  ist  eben  nicht  wahrscheinlich, 
dass  man  verbessern  müsse.  Wliitney  406 

651.   6  mä  no  vrkäya  vrkye  samasmä 
rghäyate  riradhatä  yajaträh 
yüyam  hi  shtha  rathyö  nas  tanünäiu 
yuyäm  däkshasya  väcaso  babhüvä 
(M.    Müller    aghäyatc)    ,o   Verehrungswürdige,    gebet    uns 
nicht  in  die  Gewalt  jedes  Wüthenden,  welcher    uns    zerreissen 
will,  denn  ihr  gebietet  über  unsre  Körper,  unsre  geistigen  Fähig- 
keiten und  Reden. 

6.  51.  9.  c.  täii  ä  namobhir  urucäkshaso  nrn 
vi9vän  va  ä  namc  maho  yajaträh 
10.  te  hi  (jreshthavarcasas  ta  u  nas 
tiro  vi^väni  duritä  näyanti 
,Dcnn  sie  sind  heilsam,  wdrksam,  sie  geleiten  uns  über  alle 
Gefahren.' 

10.  37.  4.  c)  tenäsmäd  vi9väm  äniräm  änähutim 
dpämiväm  äpa  dushväpnyam  suva 


Beiträge  aus  dem  Rg-Veda.  247 

5.  a.  vi9vasya  hi  prcshito  rakshasi  vi^atäm 
b.  ahclayaiiD  uccarasi  svadhä  äiivi 
~  Darum    scheuche    vor    uns   jedes  Siechthum,    Uufrömmio^- 
keit^   Drangsal,    unruhigen   Schhif;  denn  ausgesandt  achtest  du 
auf  eines  jeden  Thun,  wenn  du  deiner  Gewohnheit  nach  freund- 
lich   aufgehst    o    Sonne,    oder  auch   wenn  du   keinem  zürnend 
d.  i.  unparteiisch  dich  erhebst.    Hier  ist  die  Zeile  b  der  Zeile 
a  untergeordnet,  wie  diese  der  vorhergehenden  Strophe,  Hieher 
kann    man    als  Beispiele  ziehen  das  oben  citirte    8.  18.  2  und 
das  später  anzuführende  7.  60.  10. 
Dagegen  ist  unbetont : 
6.   10.   1.  puro  vo  mandram  divyäm  suvrktim 

prayati  yajne  agnim  adhvare  dadhidvam 
pura  ukthebhih  sa  hi  no  vibhavä 
svadhvarä  karati  jätavedäh 
Stellt    ihn    voran    unter    Lobliedern,    denn    unser     ist    der 
Scheinende,    ein    wohlgelungenes    Opfer   bringt,  der  die  Wesen 
kennt.  Der  untergeordnete  Satz  ist  sä  hi  no  vibhavä;  es  wäre 
denn    karati  zu  lesen. 

ü         nahi  (Whitney  397)    steht  immer  inRelativsätzen,  z.  B.   7. 
4.  8,   7,   23.   2,  8.  24.  12,    10.  71.  6,    10.  131.  3 

2.  28.  6  dämeva  vatsäd  vi  mumugdhy  änho 
nahi  tvdd  ärc  nimisha^   cane^e 
M.  Müller  History  of  ancient  Sanskrt  Literaturc   1 .  cd.  26 
,take  away  my  sin  like  a  ropc  from  a  calf ;  for  afar  from  thee 
I  am  not  the  master  even,  of  a   twinkling  of  the    eye.^     Folgt 
auf   den     Relativsatz,   in   welchem    nahi  steht,  noch  ein  zweiter 
luitergeordnctcr  ijtjatz,  so  ist  auch  in  diesem  das  Verbum  betont. 
8.  91.   19  nahi  me  ästy  äghnyä 
na  svädhitir  vänanvati 
äthaitädfg  bharämi  te 
Da  ich  keine  Kuh    habe   (Säyana  yasyäh  payasäjyena  ca 
tväm   yajeya),   da  mir  keine  Axt  zu   Gebot  steht  (Säyana  sva- 
dhitih  käshthäni  lianti  yäis  käshthäis  tväm  samindhiya),  so  bringe 
ich    dir    auch    so    weniges    dar. 

6         nct  steht  nur    in  Relativsätzen.     Whitney   399,    Bhäshika 
Sutra  6,  Böhtlingk  §.  60  q. 

8.  5.  39.    raäkir  enä  patha  gäd 
yeneme  yänti  ccdäyah 


248  Mayr. 

anyö  net  surir  öhate 
bliüridävattaro  jäuali 

Dass  nicht  ein  andrer  Besteller  der  Opfer  für  einen  frei- 
gebigem Mann  gelte.  Die  bei  Whitney  399  citirte  Atharva  Veda 
Stelle  18.  2.  58  erscheint  im  Rg-Veda  10.  16.  7  betont;  auch 
Atharva  Veda  2.  27.  1  ist  zu  corrigen,  da  das  Verbum  im 
Relativsatz  steht: 

necchatruh  pra^am  jayäti  1.  jäyäti  sähamänabhibhürasi 

Dass  der  Feind  nicht  Lebensvorrath  gewinne,  das  bringst 
du  zu  Stande.  Die  lose  Construction  ,der  Feind  erlangt  keine 
Lebensmittel,  du  bist  mächtig;,  überlegen^  scheint  mir  Weniger 
Wahrscheinlichkeit  für  sich  zu  haben. 

7  Es  gibt  aber  auch  Fälle,  wo  Relativsätze^  die  an  der  Spitze 
eines  Satzgefüges  stehen,  weder  das  relative  Pronomen  noch 
andere  angeführte  Conjunctionen  oder  Partikel  enthalten  z.  B. 

10.  148.  1 

sushvänäsa  indra  stumäsi  tvä 
sasavänsap  ca  tuvinrmna  väjam 
ä  no  bhara  suvitam  yäsya  cäkun 
tmänä  tänä  sanuyäma  tvötäh 
Wenn   wir    o   muthiger    Indra    gekelterten    Trankes   dich 
preisen  um  Schätze  zu  erlangen,  so  bring  uns  Reichthum,  wessen 
wir  uns  erfreuend  selbst  und  unsre  Nachkommenschaft  in  deinem 
Schutz  gedeihen  mögen.  Auch  Säma  Veda  1.  4.  1.  3.  4  betont. 
Andere  Relativsätze,  die  nicht  an  der   Spitze  stehen  sind: 
6.  47.  31   säm  äcvaparnä9  cäranti  no  näro 
'smäkam  indra  rathino  jayantu 
Wenn  unsre  auf  Rossen  dahin  fliegenden»  Männer    in  den 
Kampf  ziehen,   so    mögen    unsre   Helden   siegen    o    Indra,  vgl. 
Atharva  Veda 

6.  126.  3  säm  ä9vaparnä9  patantu  no  näro 
'smäkam  indra  rathino  jayantu 
7.  60.   10  sasvä9  cid  dhi  sämrtis  tvcshy  eshäm 
apicyena  sähasä  sähante 
yushmäd  bliiyä  vrshano  rcjamänä 
däkshasya  ein  maliinä  mr]ätä  nah 
Denn   geheim    ist  ihr   Kampf,    (miträdinäm    Säyana)    sie 
siegen  durch  verborgne  Gewalt,  vor   Schrecken  zittern  wir  vor 
euch  0  Helden,  auch  wenn  ihr  in  eurer  Gesinnungsgrösse 


Beitrage  aus  dem  Rg-Veda.  249 

uns  gnädig  erweiset.  Mit  nirlnta  nal.i  i;inen  neuen  Satz  l)eginnen 
zu  lassen  wage  icli  nicht.  Säyana  eikläi't:  Ijliityä  kanipaniänä 
Miavanti  virodliinah,  yasmadevam  tasinadyushmakani  balasya 
inaliattveuäsinabhyamupadayäni  kuiiita,  10.  55.  5  und  Sania 
Veda  1.  4.  1.  4.  3 

c)  devasya  pa9ya  kavyani  nialiitvä 

adyä  mamära  sa  hyah  säni  äna 
Und  stirbt  er  heute;,  so  ist  er  gestern  wieder  aufgelebt. 

Vielleicht  ist  auch  das  früher  citirtc  3.  1.  1.  a  und  b  und 
4.  22.  4  hieher  zu  ziehen. 

8  Auch  erseheint  das  Ver])uin  l)etont  in  Fragesätzen  mit 
kuvid  z.  B.  7.  15.  4 

nävam  nu  stöniani  agnaye 
diväh  cyenaya  jijanam 
väsvah  kuvid  vanati  nah 

Ein  neues  Preislied  habe  ich  für  Agni  den  Falken  des 
Himmels  geschaffen,  ob  er  uns  Güter  verschaffen  wird.  Auch 
in  der  directen  Frage 

3.  43.  5  kuvin  mä  gopäm  kärase  janasya 
kuvid  räjänam  maghavann  rjishin 
kuvin  ma  i'shim  papvansam  sutasya 
kuvin  me  väsvo  amrtasya  yikshäh 
auch  7.  58.  5,  8.  69.  3,  80.  4,  85.  10,  92.  9,  9.  19.  5,  10,  04. 
13,  1.  33.  1,  1.  143.  6  etc. 

Die  Betonung  des  Verbum  finitum  mit  kuvid  führt  auch 
Whitney  418,  Bhäshika  Sütra  7  und  B(ihtlingk  60.  i  an,  wähi-end 
Sätze  mit  kirn  unaccentuirt  bleiben.  Der  Unterschied  liegt  darin, 
dass  mit  kuvid  die  Thätigkeit  selbst  in  Frage  gezogen  wird, 
kirn  nach  dem  Grund  oder  Object  der  Handlung  forscht.  Nur 
ein  unbetontes  Beispiel  findet  sich: 

5.  3.   10.  c)  kuvid  devasya  sahasä   cakäuäh 

d)  sumnam  agnir  vanate  vavrdhänäh 

Wird  Agni  mit  der  Gewalt  eines  Gottes  liebend,  erfreut 
Gnade  spenden.  Man  könnte  geneigt  sein,  den  päda  c  als  be- 
sonderen Satz   zu  fassen,  doch  ist  es  einfacher  vanate  zu  lesen. 

9  Ferner  bestätigt  sich  im  Rk  die  von  Bühtlingk  §.  60  r) 
angeführte  Kegel,  nach  welcher  ein  Imperativ,  der  auf  einen 
Imperativ    eines    Verbuins   der   Bewegung   folgt,    vorausgesetzt; 


250  Mayr. 

dass  beide  Verba  ein  gemeinscliaftliclies  Subjcct  haben,  den  Ton 
behält;  der  zweite   Satz  verhält  sich  untergeordnet  zum  ersten. 

7.  G8.   1   ä  9ubhrä  yätam  a^viuä  svd^vä 

giro  dasrä  jujushäna  yuväkoh 
havyäni  ca  prdtibhrtä  vitdm  nah 
O  glänzende  A9vinä,  Gefallen  findend  an  den  Anrufungen 
eures   Verehrers,  kommt    herbei  auf  trefflichen  Rossen,  um  die 
euch  dargebrachten  Gaben  zu  geniessen. 
Wahrscheinlich  auch  7.  68.  2. 

7.  71.  2  upäyätam  däpüshe  martyäya 

räthena  vämäni  a9vinä  vahantä 
yuyutam  asmad  aniräm  amiväm 
divä  nahtam  mädhvi  träsithäm  nah 
Auf  einen  Wagen  Güter  herbeiführend   kommt   o  Ayvinä 
zu  dem  euch  huldigenden  Menschen,  um  Krankheit  und  Drang- 
sal von  uns  zu  scheuchen  und  uns  o  süsses  Liebende,  bei  Tag 
und  Nacht  zu  schützen. 

8.  4.  3  äpitvc  nah  prapitvc  tüyam  ä  gahi 

kdnveshu  sü  säcä  piba 
Beim   Anbruch   des    Morgens    komm    schnell    in   Freund- 
schaft herbei;  um  mit  uns  den  Kanvideu  zu  trinken. 
8.  17.   1   ä  yähi  sushuma  hi  ta 

indra  somam  pibä   imam 
Komm    herbei    o    Indra,    diesen  Soma  zu  trinken,  da  wir 
ihn  für  dich  kelterten.  Zur  Ausflucht  zu  greifen  mit  pibä  einen 
neuen   Satzabschnitt  beginnen  zu  lassen,  ist  man  nach  den  vor- 
hergehenden Beispielen  nicht  genöthigt. 

8.  17.  11.  auch  Atharva  Veda  20.  5.  5  Whitney  419 

ehim  asyä  dravä  piba 
Komm,  um  schnell  von  ihm  (dem  Soma)  zu  trinken,  dräva 
(padapätha)    scheint    adverbiell    gebraucht    (wie    andere  instru- 
mentale ?) 

3.  33.   10  ä  te  käro  ^rnavämä  väcänsi 
yayätha  darad  dnasä  räthena 
ni  te  nansai  pipyäncva  yöshä 
märyäyeva  kanyä  9a9vacai  te 
Gehört   haben    wir    (Flüsse)    deine    Rede    o    Sänger    (d.  i. 
tava    samihitaip    prayojanam    kurma    Säyana),  von    weit  kamst 
du  mit  Karron  und  Wagen ;  nieder  will  ich  mich  vor  dir  beugen 


Beiträge  aus  dem  Eg-Veda.  251 

wie  ein  strotzendes  Weib,  um  mich  dir  wie  ein?  Mädchen  ihiem 
I^iebhuber  zu  öffnen  (d.  i.  die  Höhe  meines  Wasserstandes 
möge  sinken,  dass  du  mich  durchwaten  könnest).  (Vgl.  Sayana's 
prüde  Erklärung.) 

C  Das  Verbum  erscheint  ferner  betont,  wenn  auf  dasselbe 
ein  zweites  bezogen  wird;  sei  es,  dass  die  unmittelbare  Folge 
der  anderen  Handlung  oder  Thätigkeit  auf  die  erste  ausgedrückt 
werden  soll,  oder  dass  das  erste  Verbum  als  begrifflicher  Gegen- 
satz zu  der  durch  das  zweite  bezeichneten  Thätigkeit  hervor- 
gehoben werden  soll.  Einzelne  der  hier  angeführten  Fälle  werden 
vielleicht  im  Vorsatze  eine  untergeordnete  Fassung  zulassen 
und  der  zweite  Satz  muss  demnach  als  Hauptsatz  aufgefasst 
werden,  doch  der  Versuch,  diese  Fälle  insgesammt  als  Beistück 
zu  den  unter  B)  behandelten  zu  fassen,  scheint  gewagt.  Whit- 
ney 399. 

1  Dies  geschieht,  wenn  anyä — anyä  sich  in  zwei  Sätzen 
gegenüberstehen  und  die  Verben  verschiedene  Thätigkeiten  aus- 
drücken. Whitney  400  when  anya-anyd  stand  opposed  to  one- 
another,  as  subject  or  as  object,  in  two  likc  clauses,  the  verb 
of  the  first  clause  retains  its  accent. 

Böhtliugk  §.  60  s)  Nach  eka-eka,  anyä-anyä  kann  in  den 
Veden  das  erste  Verbum  fiuitum  seinen  Ton  behalten. 

Im  Rg  finden  sich  nur  da  betonte  Verba  wo  anyä-anyä 
sich  als  Subjecte  gegenüber  stehen.  D(jch  finden  sich  im  Atharva 
Veda  13.  2.  11  und  9.  10.  IG,  wo  sich  anyä-anyä  als  Subjecte 
gegenüberstehen. 

9.   10.   16  ny  änyäm  cikyür  nä  ni  cikyur  anyäm 

Während  sie  den  einen  bemerkten,  sahen  sie  den  andern 
nicht. 

Kg- Veda  1.  164.  20  Atharva  Veda  9.  9.  20. 
täyor  anyäh  pippalam  svädv  ätty 
äna^nann  anyo  abhi   cäka9iti 
Während    der  eine    der   beiden    Vögel    süsse  Beeren  isst, 
blickt  nicht  essend  der  andere  herum. 

2.  40.  5  vi^väny  anyo  bhüvanä  jajäna 
vi^vam  anyo  abhicäkshäna  eti 
3.     9.  3  prä-pränye  yänti  päry  anyä  äsate 
3.  55  4  anyä  vatsäm  bhärati  ksheti  matä 


252  Mayr. 

Während    der   Himmel    das    Feuer    als    Kind    (den  Blitz) 
nährt,  beherberg-t  es  die  andere  der  Mütter,  die  Erde. 
6.  68.  3  vajrenänyah  pävasä  hanti  vrträm 
sishakty  anyo  vrjäneshii  viprah 
Schlägt    der    eine    (ludra)    kraftvoll   mit  dem    Donnerkeil 
den    Feind,    so   hält    sich    (Varuna)    der  andere,  der  Sänger  in 
eingehegten  Orten  (d.  i.  bei  den  Menschen)  auf. 

7.  82.  5  kshemena  mitro  värunam  duvasyati 
marüdbhir  ugrdh  pübham  anya  iyate 
Pflegt  Mitra  im  Frieden  Varuna's  Gesellschaft,  so  zieht  der 
gewaltige  Indra  mit  den  Maruts  stürmend. 

7.  82.  6  ajämim  anyäh  ^nathäyantam  ätirat 

dabrebhir  anyah  pra  vrnoti  bhüyasah 
padapätha  a  -}-  ätirat    (vgl.    4.  30.  3    unter  B.   1.  ß.)  be- 
wältigt  der   eine    den    feindlichen    Durchbohrer,    so    wehrt   der 
andere  mit  wenigen  viele  ab. 

7.  83.  9  vrträny  anyäh  samitheshu  jighnate 

vratäny  anyo  ablii  rakshate  sädä 
7.  85.  3  krshtir  anyo  dhärayati  präviktä 
vrträny  anyo  apratini  hanti 
Erhält  der  eine  erschütterte   Menschen,    so    erschlägt    der 
andere  unwiderstehliche  Feinde. 

Rg-Veda  10.  85.  18  und  Variante  Atharva  Veda  7.  8.  11. 
vi^väny  anyö  bhi'ivanäbhicashta 
rttinr  anyö  vidädhaj  jäyate  pünah 
Ueberblickt  der  eine  alle  Wesen,  so  wird  der  andere  die 
Zeiten  ordnend  immer  wieder  geboren. 

3.  55.  11  täyor  anyad  röcate  krshnäm  anyäd 
Note.  Zu  bemerken  ist,  dass  die  Präposition  ihren  Ton 
verliert,  wenn  das  Verbum  betont  wird  z.  B.  10.  85.  18  ätirat 
7.  82.  6  bietet  in  der  zehnten  Silbe  ein  vor  der  folgenden 
natürlichen  Kürze  gelängtes  Augment;  dies  wird  wohl  auch  4. 
30.  3  der  Fall  sein  ,yäd  dhä  näktam  ätirah'  vgl.  Kuhn  Beiträge 
zur  vergl.  Sprachforschung  auf  dem  Gebiete  des  arischen  etc. 
III.  s.  4(')0  und  464. 

Das    erste  anya  ist  durch    das    Substantivum    supplirt    7. 
82.  5  —  es  fehlt  das  zweite  3.  55.  4. 

Dagegen  erscheint  das  Verbum  unbetont,  wenn  das  zweite 
Verbum  dieselbe  Thätigkeit  ausdrückt,  wie  das  erste. 


Beiträge  aus  J^m  Rg-Voda.  2Di) 

1.  93.  6  anyäip  divo  mutaricva  jal)liara 

dmatlmad  anyain  pari  (^yenö  ddreh 

V(jm  Himmel  brachte  den  einen  Mätari(?van  herbei,  ans 
(lern  Stein  rieb  der  Falke  den  andern  heraus,  vielleicht  liss  ab 
vom  Felsen  (nämlich  die  Somapflanze).  Säyana: 

mei'orupary  avasthitatsvarg-atbaladahrtavati. 
6.  57.  2  sömam  anya  upäsadat 
pätave  camvoh  sutam 
karambham  anya  ichati 

Der  eine  macht  sich  daran,  den  in  der  Schale  g-epressten 
Soma  zu  trinken,  der  andre  (Püshan)  wünscht  Grütze. 
2.  40.  4  divy  anyah  sadanam  cakra  ucca 
prthivyäm  any(')  adliy  antdrikshe 
Der  eine  schlug-  seinen  Sitz  im  Himmel  auf,    der   andere 
über  der  Erde  in  der  Luft  (vgl.   10.   16.  3  das  auch   nicht  be- 
tont ist  unter  A.  4.  o.). 

1.  93.  6  ist  anya-anya  Object;  1.  95.  1  ,bei  Nacht,  bei 
Tag'  Zeitbestimmung.  Auch  ist  das  Verbum  unbetont,  wenn 
der  Gegensatz  durch  die  einander  gegenüber  stehenden  Präpo- 
sitionen ausgedrückt  wird.  Rg-Veda  10.  137.  2  Atharva  Veda 
4.  13.  2 

daksham  te  anya  a   vätu 
paränyo  vätu  yäd  räpah 

Der  Eine  (wii-d)  möge  dir  Tüchtigkeit  zuwehen,  der 
andre  jedes  Gebrechen  verscheuchen.  Vgl.  Whitney  400  der  ä 
vätu  lesen  will. 

10.     37.  3  präcinam  anyad  änu  vartate  räja 
üd  anyena  jyotishä  yäsi  sürya. 
1.  123.  7  dpänyäd  ety  abhy  anyad  eti 
vishurüpe  ähani  sdm  carete 
Auch  ist  das  Verbum  nicht  betont^  wenn  anyä-anyd  copu- 
lativ  zu  fassen  ist  2.  35.  2  . 

sam  anya  yanty  üpa  yanty  anyah 
samäuäm  ürväm   nadyah  prnanti 

Es  vereinen  sich  die  einen,  es  nähern  sich  die  andern, 
denselben  Behälter  füllen  die  fliessenden.  Zu  bemerken  ist,  dass 
in  den  Beispielen  von  6.  57.  2  an  eine  Präposition  dem  Ver- 
bum vorangeht;  während  2.  40.  4  nur  ein  Verbum  enthält. 


254  Mayr. 

Auch  kann  demnach  keine  Betonung  stattfinden  10.  97. 
14,  wo  die  Subjecte  in  beiden  Sätzen  dieselben,  und  auch  die 
durch  die  Verben  bezeichnete  Thätigkeit  eine  ähnliche  ist. 

anyä  vo  anyäm  avatv 
anyänyasyii  upävata 
Eine  (Pflanze)  möge  die  andere  fördern,  eine  die  andere 
unterstützen  (nämlich  bei  der  Vertreibung  des  yakslima). 
2         eka-eka.  Whitney  400.  Böhtlingk  §.  60  s). 

Das  erste  Verbum  wird  betont,  wenn  es  eine  andere 
Thätigkeit  ausdrückt  als  das  zweite. 

3.  2.  9  tasam  ekäm  adadhur  martye  bhüjam 
u  lokäm  u  dve  üpa  jämim  iyatuh 

Das  eine  der  drei  Feuer  gaben  die  Unsterblichen  dem 
Sterblichen  zur  Benützung,  die  beiden  andern  erhoben  sich  in 
die  ihnen  verwandte  Welt,  d.  i.  in  den  Himmel. 

Diese  ist  die  einzige  Stelle,  wo  das  Verbum  mit  eka-eka 
betont  ist. 

Dagegen  sind  unbetont  1.  IGl.  9,  wo  dasselbe  Verbum 
dreimal  wiederholt  ist, 

apo  bhfiyishtäh  ity  cko  abravid 
agnir  bhttyishtha  ity  anyo  abravit 
vadharyantim  bahüljhyah  praiko  abravit 
1.    1G4.  44  wo  die  verschiedenen  Erscheinungsformen  des 
Agni,  Sürya  und  Väyu  dargestellt  werden. 

b)  sainvatsare  vapata  eka  eshäm 
vicvam  eko  abhi  cashte  ^acibhir  - 
dlirajir  6kasya  dadr^e  nA  rüpam 
b)  Säyäna  erklärt  näpitakäryam  karoti  Durga:  agnis  prthi- 
vim  dahati,  vgl.  Nirukti  2.  27. 

4.  58.  4  wo  sich  jajäna  und  nish  tatakshuh  gegenüber- 
stehen, deren  Bedeutung  dieselbe.  Der  Rbhtis  Thätigkeit  beim 
Opfer  wird    1.   161.   10  geschildert: 

9r6nam  eka  udakdm  gam  ävajati 
mänsAm  ekah  pin^ati  sünäyal)hrtam 
a  nimrucah  ^dkrd  eko  dpäbharat 

Der  Eine  Jagt  die  lahme;  Kuh  ins  Wasser  weg,  der  Eine 
haut  das  herbei  gebrachte  Fleisch  mit  dem  Messer  ans,  der 
Eine  schafft  bis  zum   Abend  den  Mist  weg. 


Beiträge  aus  dorn  Rg-Veda.  255 

tva-tva.  Das  Vcrbum  bleibt  mit  tva-tva  uubotunt  z.  B. 
10.  71.  4 

utd  tvah  pd9yan  nd  dadar^a  vacani 
utd.  tvah  ^rnvdn  iiA  yrnoty  onam 
ut6  tvasmai  taiivani  vi  sasre 
jäyöva  patya  u^ati  suväsrih 
Doch  ist  betont   10.  71.   11  c) 

rcäm  tvah  pösham  ästö  pupushvan 

g-äyatram  tvo  i^jlyati  ^akvarishu 

brahma  tvo  vddati  jätavidyäm 

yajndsya  maträm  vi  mimita  u  tvah 

Dem  einen  strömt  eine  Stelle  von  Liedern  7A\,  der  eine 
singt  g-ayatris  in  Menge,  der  eine  sagt  vom  urspi'ünglichen 
Wesen  der  Dinge,  der  eine  misst  des  Opfers  Maass,  s.  auch 
C.  5.  Rg-Veda  8.  37.  6. 

Die  Betonung  ist  nach  C.  6  eingetreten. 
Dagegen  ist  richtig  betont,  da  am  Anfang  das  päda  Atharva 
Veda  8.  9.  9  vgl.  Bfihtlingk  und  Roth  tva-tva. 

3         va-vä  Das  erste  Verbum  ist  ausnahmlos  accentuirt.  Whit- 
ney 401.  Bhashika  Sütra  15  und  23  [vgl.  Böhtlingk  GO  t)]. 

Bhäshika  Sütra  15.  viniyogah.  viniyoge  yad  ilkhyätam 
tad  vikriyate,  sa  ca  viniyogo  drashtavyo  ya9  ca  manträdau  deva- 
täpade  vä  bhavati,  tadabhäve  kvacit;  und  23  viniyoge  tu 
pvirvapadam.  viniyoge  tu  pürvapadam  vikriyate  na  dvitiyam. 
Beispiele  7.  16.  11,  7.  104.  9,  10.  70.  5 
divö  vä  sann  sprcdtä  vdriyah 
prthiväy  vä  mätrayä  vi  ^rayadhvam 

Aus  einem  Aprisüktam,  in  welchen  der  fünfte  Vers  an  die 
devir  dväräh  gerichtet  ist  (M.  Müller  Hist.  4(34)  ,ob  ihr  des 
Himmels  In-eite  Decke  erreicht,  oder  euch  so  weit  aufthut, 
wie  die  Erde  ist.' 

Auch  ist  das  Verbum  des  ersten  Satzes  betont,  wenn  das 
des  zweiten  hinzu  gedacht  werden  muss.   10.   129.   7 

a)  iyam  visrshtir  ydta  ä  ba])hfiva 

b)  yddi  vä  dadhe  yädi  vä  nd 
ist  schon  des  yddi  wegen  accentuirt. 

Note.  In  b  scheint  dadhe  am  Ende  hinzuzufügen  wie  d.  ib. 
10.   10.  14  Atharva  Veda  18.  1.  16.  Whitney  401. 


256  Mayr. 

5.  41.    1   rtäsya  vä  sädasi  träsithäm  no 
yajnäyate  vä  pacuslio  na   väjän 
padapatha  pacu-sali  also  ein  Genetiv  sing,  oder  Accusativ 
plur.    ef.   Bülitling-k    Decl.    53  und  Oppert  §.   174;  schützt  uns 
im  Sitze  der  Wahrheit,   oder  spendet  uns    eurem  Verehrer  die 
Kräfte  eines  Beutemachers.  1 

4  ca-ca.  Das  erste  Verbum  wird  immer  betont  Whitney 
401.  Böhtlingk  §.  60  t)  Bhäshika  Sütra  9.  und  26  samuccaye 
und  samuccadvaye  pürvam  äkhyätapadam  vikriyate  nottaram. 
Die  daselbst  angeführten  Beispiele  sind  sämmtlich  mit  ca-ca 
construirt. 

Schon    im    väkyacesha    sind    citirt  2.  92.  2,  4.  51.   11,  7. 
83.  1,  7.  86.  1,  10.  32.  12. 
Hieher  gehören  1.  77.  2 

sa  cä  b(')dhati  manasä  yajäti 
1.   123.   12  parä  ca  yanti  pünar  a  ca  yanti 
bhadrä  näma  vahamanä  ushasah 
auch  1.  164.  51   samänäm  etad  udakäm 
üc  caity  ava  cahabhih 
3.     46.     2  sä  yodhäyä  ca  kshayayä  ca  janän 
Rege  zum  Kampf  auf  und  befriede  die  Menschen. 
3.  53.  20  ayam  asmän  vanaspätir 
mä  ca  ha  mä  ca  ririshat 
Nicht  möge  uns  dieser  Wagen  verloren  gehen,  nicht  uns 
schädigen. 

8.  35.   11   prajam  ca  dhattäm  dravinam  ca  dhattam 

In  den  bisher  angeführten  Beispielen  stehen  die  beiden 
Verben  im  selben  päda,  in  den  folgenden  dagegen  in  zwei  auf- 
einander folgenden;  das  Subject  ist  wie  in  den  vorhergehenden 
Fällen  dasselbe. 

2.  29.  2  abhikshattäro  abhi  ca  kshamadhvam 
adyä  ca  no  mrläyatä  param  ca 
Die    ihr    die    Feinde    vernichtet,    zeigt  euch  gnädig;   verr 
schonet  uns  jetzt  und  künftig. 

8.   11.   10  sväm  cägne  tanvam  piprayasva 

asmäbhyam  ca  saübhagam  a  j^ajasva. 

Deinem    Kiirpcr    o   Agni    thue    i;-ütlich    und   uns    eropferej 
Wohlstand. 


Beiträge  aus  dem  Bg-Veda.  257 

Eigentlich  dasselbe  log-iscbe  Subjeet  ist  auch  6.  34.  1  und 
7.  38.  3 

6.  34.  1   sam  ca  tve  jag-mür  gira  indra  pürvir 

vi  ca  tvad  yanti  vibbvo  manisliäh 
6.  38.  3  brahmTica  giro  dadhire  säm   asmin 

mabaiic  ca  stomo  ädlii  vardhad  ludram 
ca  Uta  findet  sieb  nur  einmal^  das  erste  Verbum  ist  betont 

10.  Gl.  23  pärä  ca  väksbad  uta  parsliad  enän 
ca-id  mit  Betonung  des  ersten  Verbums  nur  Atharva  Veda 
1.   17.  2  c.  d.  Whitney  412. 

uta-uta.  Das  erste  Verbum  wird  nicht  betont.  Atharva  Veda 
7.  5.  5  ist  wahrscheinlich  des  viniyoga  wegen  betont;  ,ob  sie 
mit  einem  Hund  oder  mit  Gliedern  einer  Kuh  opfern.' 

Belege   für   die    Nichtbetonung    sind:  1.   153.  4,  5.  81.  4 
und  5,  7.  41.  4,  10.  71.  4,  10.  117.  \,  10.  142.  3,  10.  137.  1. 
cid-cid.  Das  erste  Verbum  bleibt  unbetont  z.    B.  1.    191. 
10,  2.  12.  15,  4.  18.  8,  3.  53.  22 

para9Üm  cid  vi  tapati 
9imbalam  cid  vi  vr9cati 
Den  Donnerkeil  zerschmettert  er  so  wie  er  Schotten  zer- 
reisst.  (Für  diese  Uebersetzung  spricht  4.  20.  6 
ädartä  väjram  sthaviram  na  bhima 
udneva  koc^am  vasunä  nyrshtam 
bersten   machte    er   den    festen  Donnerkeil    durch  Wasser,  wie 
einen  mit  Gold  vollgestopften  Schlauch.) 

Auch  mit  cid-ca  bleibt  das  erste  Verbum  unbetont  1. 
129.   12. 

mä-mä  betont  nicht  z.  B.  3.  53.  17,  9.  114.  4;  —  die 
beim  väkya  9eshah  citirten  2.  42.  2  und  5.  65.  6  sind  der  vor- 
gehenden Präposition  wegen  nicht  betont. 

nd  nä.  Betont  sind  da  im  vCd^ya  9eshah  stehend  ] .  1 24. 
6,  1.  170.  1,  1.  1G5.  9^  10.  117.  G.  Das  erste  Verbum  bleibt 
unbetont,  z.  B.  3.  53.  23,  3.  59.  2,  6.  28.  3  und  4.  Doch  ist 
betont  3.  53.  14 

kirn  te  krnvanti  kikateshu  gävo 

•  •  •  o 

nä9iram  duhre  na  tapanti  gharnijlm 
Geben    sie   (die   Kühe)   keine   Milch   (für  das    Opfer),  so 
;  hitzen  die  Kikatäs  auch  keinen  Kessel  (dafür).  Ich  lasse  dahin 
'  gestellt,    ob   uä9iram    duhre  als  Relativsatz    zu  fassen  sei,  oder 

Sitzb.  d.  phil.-hist.  Cl.  LXVm.  Bd.  II.  Htt.  17 


258  Mayr.  i 

ob  eine  Satzhäufung  im  päda  anzunehmen,  oder  ein  viniyoga 
(vgl.  auch  erire  1.  6.  4,  auch  eine  Form  auf  re  [vgl.  Ludwig 
-  75  und  SO.]  die  dem  Infinitiv  auf  se  sehr  nahe  steht). 
5  Es  folgen  die  Fälle,  wo  sich  begriffliche  Gegensätze  gegen 
über  stehen  und  das  erste  Verbum  betont  ist. 

1.  34.  11  präyus  tarishtam  ni  räpänsi  mrkshatam 
Verlängert  das  Leben,  verwischet  unsre  Gebrechen. 

1.  152.  3  rtäm  piparty  änrtam  ni  tärit 
Er  fördert  das  Wahre,  wirft  nieder  das  Unwahre. 

3.  55.  7  änv  agram  carati  ksheti  budhnah 
Säyana  divi  süryabhuto  vartate,  sarvasya  karmano  müla' 
bliütah,  sann,  bhümau  ni  vasate. 

6.   10.  7  ni  dveshänsinuhi  vardhäy^läm 
Verscheuche  was  uns  feindlich,  mehre  unsre  Lebenskraft 
Vielleicht  auch 

1.  35.  9  dpämivam  bädhate  veti   stlryam 
8.  8.  23  trmi  padany  a9vinor 
ävih  sänti  guhä  paräh 
padapätha  santi  Säyana  ävirbhavanti 

tvam  ävasi 

na  tvam  dvitha  9acipate 
Jenen  förderst  du  zur  Herrschaft,  jenen  förderst  du  nicht, 
0  Herr  der  Gewalt. 

In  folgendem  Fall  sind  die  Verben  in  den  beiden  ersten 
pädas    accentuirt,   während    die    den    Gegensatz  ausdrückenden 
beiden  folgenden  Verben  unbetont  bleiben.  4.   18.  8 
mämac  cand  tvä  yuvatih  paräsa 
mdmac  canä  tvä  kushävä  jagära 
mamac  cid  äpah  ^i^ave  mamrdyur 
mdmac  cid  indrah  sahasod  atishtat 
Dagegen    sind    nicht   accentuirt    da  als  Frage  gefasst  der 
Vorsatz  1.  170.  2 

kim  na  indra  jighänsasi 
bhrätaro  marütas  tavä 
tebhih  kalpasva  sädhuya 
mä  nah  samdrane  vadhih 
6         Wir   lassen    die   Fälle    folgen,  wo  bei  einfacher  Häufung, 
vielleicht    um    die   schnelle    Aufeinanderfolge    der    Handlungen 
oder  Thätigkeitcn  auszudrücken,  das  erste  Verbum  betont  wird, 


Beiträge  aus  dem  Ri,'-Veda.  259 

über  das  zweite  lässt  sich  eigentlich  kein  Urtheil  fälhM),  da  es 
in  der  Reg'el  an  der  Spitze  des  neuen  Satzabschnittes  stellend, 
schon  darum  den  Ton  behält.  Doch  s.  1.  171.  1.  Hicher  gehört 
Atharva  Veda  5.  18.  4 

nir  väi  kshaträni  näyati  hänti  vdrcah 
bei  Whitney  407. 

1.     40.  8  upa  kshatram  prncita  hanti   rajabhih 

1.  133.  6  avdr  mahä  indra  dädrhi  crudhi  nah 

2.  35.  12  säm  sänu  märjmi  didhishänii  bilmaih 

Ich  reinige  den  erhöhten  Ort  (wo  das  Opfer  dargebracht 
werden  soll),  mit  Spänen  will  ich  ihn  belegen. 

3.  33.   12  ä  vakshänäh  prnädhvam  yäta  Qibham 
Füllt  euer  Bette,  geht  schnell  (o  Flüsse) 

Roth  zur  Litteratur  und  Geschichte  des  Veda  105 

3.  38.  3  sam  mäträbhir  mamire  yemür  urvi 
Sie  massen  die  beiden  Welten,  sie  hielten  sie. 

4.  25.  7  äsya  vedah  Idiidäti  nagnäm 
An  sich  reisst  er  dessen  Gut,  erschlägt  den  Nackten. 
9.  68.  4  säm  jämibhir  näsate  rakshate  ^irah 
10.  42.  5  täsmai  9atrünt   sutiikän  prätär  älino 
ni  sväshträn  yuvati  hanti  vrtram 
Dem   gibt   Indra  schon  früh  am  Morgen  (nach  dem  sam- 
gava  wie  Säyana  5.  76.  3  erklärt)  seine  an  Kindern  und  Her- 
den reiche  Verfolger  in  die  Hände,  tödtet  dessen  Feinde. 

In  den  angeführten  Beispielen  ist  das  Subject  der  beiden 
Verben    dasselbe   und    die    Verben   folgen    unmittelbar    aufein- 
ander, nicht  so  in  den  folgenden  Beispielen   1.  6.  23   =: 
10.     68.  10  bi'haspatir  bhinäd  ädrim  vidäd  gäh 
und     1.   171.      1   ni  hclo  dhattä  vi  mucadhvam  ä^vän 
Euer  Zorn  lege  sich,  spannt  die  Pferde  ab. 
2.  4.   10  indro  aiiga  mahad  bhayam 
abhi  shäd  dpa  cucyavat 
In  allen  Beispielen  kann  man  bemerken,  dass  das  zweite 
Verbum  eine  andere  Thätigkeit  ausdrückt  als  das  erste,  während 
in    Fällen,    wo    der    zweite   Satztheil    den    ersten  näher  erklärt, 
bestätigt,    die   Betonung    des    ersten    Verbum    nicht  einzutreten 
!  scheint,  z.  B.  5.  2.  1 

kumäram  yuvatih  mätä  samubdham 
gühä  bibharti  nä  dadäti  pitre 

17* 


260  Mayr. 

Vei'schiedene  Subjecte  haben  die  unmittelbar  aufeinander 
folgenden  Verben. 

5.  45.  3  vi  päivato  jihita  sadhata  dyaüh 
Vom  Platze  weicht  die  Wolke,,  es  glättet  sich  der  Himmel. 

5.  53.  2  säm  vidyütä  dädhati  va^ati  tritah 
Die  Winde  vereinen  sich  mit  dem  Blitz,  es  brüllt  Trta. 
5.  83.  4  prä  vatä  vanti  patäyanti  vidyüta 
ud  oshadhir  jihate  pinvate  svah 

Die  Winde  wehen,  die  Blitze  fliegen,  die  Pflanzen  richten 
sich  auf,  der  Himmel  schwillt  an. 

9.  69.  2  upö  matih  prcyate  sicyäte  mädhu 
Das  Gebet  mehrt  sich,  gegossen  wird  der  Soma. 

9.  72.  1  üd  väcam  irayati  hiuvate  mati 
Er  erhebt  seine  Stimme,  es  eilt  das  Gebet. 

10.  36.  5  endro  barhih  sidatu  pinvatäm  ilä 

Indra  setze  sich  auf  die  Opferstreu,  es  schwelle  die  Liba- 

tion.  Mit  nicht  unmittelbar  aufeinander  folgenden  Verben  9.  71.  3 

vrshäyate  näbhasä  vepate  mati 

In   allen    citirten    Beispielen    sind    die    bqiden   Verben  in 

derselben  Person ;  ist  dieses  nicht  der  Fall,    so    Avird  das  erste 

nicht  accentuirt  z.  B.  6.  2.  2 

kam  etäm  tväm  yuvate  kumäram 
peshi  bibharshi,  mahishi  jajäna 

Den  Knaben,  den  du  o  junge  Frau  als  Wärterin  trägst, 
hat  eine  Gewaltige  geboren.  Säyana  erklärt  peshi  hinsikä 
pi^äcikä  satt  —  kumära  Agni  —  mähishi  püjaniyäranih  d.  i, 
Reibholz. 

Hieher  scheint  zu  stellen  10.  40.  9 

jänishta  yoshä  patayat  kaninakö 
vi  cäruhan  virüdho  daüsänä  anu 
äsmai  riyante  nivaneva  sindhavo 
'smä  ahne  bhavati  tat  patitvanam 

Eine  mystische  Stelle  über  die  Thätigkeit  der  A9vin  b 
,es  trieben  aus  die  Pflanzen  in  Folge  ihrer  Wunderthaten' 
scheint  sich  mit  den  in  a  vorhergehenden  Verben  gegen  c  und 
d  durch  die  Betonung  abzuheben,  wie  sonst  das  Verbum  des 
Vorsatzes  gegen  das  des  Nachsatzes;  schwierig  ist  es,  b  als 
Relativsatz  zu  fassen.  Böhtlingk  und  Roth  liest   kaninaka  s.  ib. 


Beiträge  aus  dem  Rg-Veda.  261 

Es    folgen    die    Beispiele,    wo  die  Verben  in  zwei  aufein- 
ander folgenden  padas  stehen.  Dasselbe  Verbuni  steht  I.  164.  51 

bhttmim  parjanyä  jinvanti 
divam  jinvanty  agnayah 
Die  Erde  erfrischen  Regenwolken,  den  Himmel  die  Opfer- 
feuer, ähavaniyädyäh  Säyana.  7.  38.  6: 

bhägam  ugrö  'vase  johaviti 
bhägam  änugro  adha  yäti  ratnam 
Der    Gewaltige    fleht   Indra  um  Schutz  an,  der  Mittellose 
fleht  zu  ihm  mn  Habe. 

1.   161.  6  indro  hari  yuyujc  acvinä   rätham 
bfhaspatir  vicvarüpam   üpäjatä 
rbhür  vibhvä  vajo  devan   agacchata 
sväpaso  yajuiyam  bhagäm  aitana 
Indra    schirrten   die   Falben    an,  die   A<?vinä  den  Wagen, 
Brhaspätih  trieb  die  Vielgestaltige    (gam    Säyana)    herbei;    ihi- 
Rbhus  gelangtet  zu  den  Göttern,  Gutes  wirkend  erlangtet  ihr  ein 
an  den  Opfern  thcilhabendes   Ivoos. 

In  1.  164.  51,  7.  38.  6,  1.  161.  6  könnte  man  die  Sätze, 
in  welchen  das  Verbum  unbetont  ist,  auch  untergeordnet  fassen, 
besonders  1.  164.  51,  was  das  einzige  Beispiel  wäre,   wo   das- 
selbe Verbum  in  beiden  Sätzen  steht,  nicht  so  leicht: 
4.  18.  9  mamac  cana  te  maghavan  vyaiiso 
nivividhvän  apa  hänu  jaghana 
ädhä  nividdha  üttaro  babhüvän 
chiro  däsasya  säm  pinak  vadhena 
Hieher  gehört  auch  das  oben  citirte  3.  3.  1,  dessen  Zeile 
a)    übrigens    auch   als    Relativsatz  gefasst  w-erden   kann  ,da  du 
0  Agni  von  mir  des  Somas  Stärke  verlangst,  so  hast  du  mich* 
6.  72.  2  indräsomä  väsäyatha  ushasam 

üt  sttryam  nayatho  jyotishä  saha 
üpa  dyäm  skambhathuh  skämbhanena 
aprathatam  prthivini  mätaram  vi 
O    Indra   und    Soma   ihr   macht    aufleuchten   die  Morgen- 
rötlic,  ihr  führt  hinauf  die  Sonne  mit  ihrem  Glanz,  ihr  stütztet 
den  Himmel  mit  einer  Stütze,  ihr  strecktet  aus  die  Mutter  Erde. 
Wir  lassen  nun  die  Fälle  folgen,  deren  Classification  be- 
trächtlichere   Schwierigkeiten   bietet,    oder    die    aus    Mangel  an 
analogen  Beispielen  un erklärbar  schienen. 


262  Mayr. 

In  den  zuletzt  citirten  Fällen^,  wo  die  Verben,  deren  erstes 
betont  war,  in  verschiedenen  padas  standen,  bezogen  sich  beide 
auf  dasselbe  Subject  oder  standen  doch  in  derselben  Person; 
daher  scheinen  uns  die  betonten  Verben  4.  22.  4  und  10.  2.  2  in 
Relativsätzen  zu  stehen. 

4.  22.  4  vi^vä  rodhänsi  pravata9  ca  pürvir 
dyaür  rshvaj  jdniman  rejata  kshäh 
ä  mätärä  bhärati  cushmy  a  g'ör 
nrvät  pärijman  nonuvanta  vätäh 
Bei  der  Geburt  des  erhabnen  Indra  bebten  Himmel,  Erde, 
alle  Höhen,  Halden  vor  ihm;  wenn  er  der  Starke,  die  Eltern  der 
Kuh    herbei   bringt,    da    brüllen    die    Winde    ringsherum.     Die 
Stelle    scheint    sich    auf   das    Gewitter  zu  beziehen;    was  unter 
mätärä  goh  zu  verstehen  sei,  darüber  wird   Säyana  kaum  auf- 
klären ;,süryasya  mätäpitrbhutau  dyäväprthivyau.' 

10.  2.  2  svähä  vayam  krnäväma  havinshi 
devö  devan  yajatv  agnir  ärhan 
,Wenn  wir  Opfer  darbringen,  so  — ' 

cana.    Nach    Böhtlingk    §.    60  a)  wird    das  dem  canä  un- 
mittelbar vorgehende  Verbum  betont.  Es  gibt  nur  ein  Beispiel 
6.  59.  4  ya  indrägni  suteshu  väm 

stävat  teshv  rtävrdhä  , 

joshaväkäm  vadatah  pajrahoshinä 
nä  devä  bliasätha9  canä 
Ihr  verzehret  nichts  o  Götter,    die   ihr  feiste  Opfer  habt, 
von  dessen  gekeltertem  Soma,  der  sinnloses  redet;  vgl.  Atharva 
Veda  7.  38.  4  Whitney  416. 

Auch  id  wird  dazu  verwendet,  um  das  Verbum  hervor- 
zuheben. 

1.  149.  1  upä  dhräjantam  ädrayo  vidhänn  it.  vidhänn  it 
Säyana  ])üjayantyeva,  ählädam  janayantityarthah. 

7.  32.  8  päcatä  paktir  ävase  krnudhväm  it  M.  Müller 
roast  roasts ;  make  him  to  protect  us. 

9.  96.   15  esliä  syä  sömo  matibhih  punänö 
'tyo  nä  väji  täratid  ärätih 
Dieser   Soma    unter    Gebeten    geklärt,    überwindet   gleich 
einem  raschen  Pferde  (beim  Rennen)  die  Unholde. 

1.   104.  5  adha  smä  no  maghavaii  carkrtad  in 
Ulli  no  magheva  nishshapT  pärä   däh 


I 


Beiträge  aus  dem  Rg-Veda.  263 

Da  mögest  du  Indra  unser  g-edenkeii,  verschleudre 
uns  nicht  wie  ein  Wollüstig-er  Sehätze.  In  dii!S(;m  Beispiel 
könnte  die  Betonung  auch  durch  die  Bedeutung  der  Verben 
motivirt  werden  s.  C.   5. 

Auch  scheint  Emphase  angenommen  werden  zu  müssen 
10.   111.  3 

indrah  kila  erutyä  asya  veda 
sa  hi  jisnüh  pathiki't  süryaya 
an  menain  krnvann  dcyuto  hhuvad  goh 
pfltir  divah  sanaja  äpratitah 
Indra   fürwahr  weiss  über  dessen  Lauf,  den  er  der  Sieg- 
reiche   schuf,    den  Weg   für    die   Sonne,  er  der  seit  Alters  her 
unüberwindliche  Herr  des  Himmels  wurde  unerschütterlich,  als 
er  dem  Stier  ein  Weib  schuf?  Vielleicht  kann  man  c.  d  auch 
als  Relativsatz  fassen,,  indem  man    selbe    als    eine    Fortsetzung 
des  mit  b)  begonneneu  untergeordneten  Satzgefüges  betrachtet. 
1.  6.  4  ad  aha  svadham  änu 

pünar  garbhatväm  erire 
dadhanä  näma  yajniyam. 
Nach  ihrer  Gewohnheit  (as  usual,  according  to  their  wont 
M.  Müller  ,Hymus  to  the  Maruts')  schwängerten  wiederum,  die 
einen  zu  verehrenden  Namen  besitzen.  Auch  dieser  Vers  könnte 
als  Nebensatz  zum  folgenden  fünften  gefasst  werden.  Dass 
dha  nicht  accentuirt  wie  bei  Böhtlingk  60  m)  steht,  auch  wenn 
es  lobend  hervorhebt,  beweisen  1.  48.  4,  1.  52.  11,  ].  84.  15 
etc.;  auch  ät  betont  nicht  s.  Böhtlingk   und  Roth  ät. 

Ein  Fall  ohne  Analogie  ist  10.  95.   14.    Die  Antwort  des 
Purürava  auf  den  Ratli  der  Urva9i,  er  möge  nach  Hause  gehen, 
da  er  der  Thor  sich  nicht  in  ihren    Besitz  setzen  werde. 
14.  sudevö  adya  prapated  änävrt 
parävatam  paramam  gantavä  u 
ddhä  cdyita  nirriter  updsthe 
'dhainani  vrkä  rabhasasa  adyulj 
M.    Müller    Chips   IL    106   ,then   may   thy    former   friend 
now  fall  down  never  to  rise  again ;  may  he  go  far,   far  away ! 
may  he    lie    down    on   the    threshold     of  death    &   may    rabid 
wolves  their  devour  him.'   Muir    Journal  L.  A.  S.    new  seriös  I. 
60  not.  2  the  bright  god  may  fly  away   &  never   return.    Dass 
hier  Purürava  seinen  Entschluss  in  dem  gegebenen  Falle  aus- 


264  Mayr. 

drückt  und  nicht  ,wenn  oder  während^  übersetzt  werden  kann, 
geht  aus  der  Antwort  der  Urvaoi,  15.  hervor,  sudeva  findet 
sich  auch  1.  74.  5,  5.  53.  15,  8.  5.  6  sudevyk  1.  112.  19,  10. 
35.  4;  ersteres  erklärt  Säyana  cobhanadaivatam,  kalyäna  devo- 
petah,  oobhanä  devah  yena  yashtavyah  —  letzteres  praoastam  jj 
dhanam  —  dass  von  keinem  Gott  die  Rede  ist,  beweist  der 
ganze  Mythos ;  das  Wort  scheint  den  Verehrer  der  wahren 
Götter  zu  bezeichnen,  und  dies  hebt  Purürava  der  apsaras  J 
gegenüber  hervor.  ,Aufmachen  möge  sich  der  sudeva  um  in  die 
entlegenste  Ferne  zu  gehen'  .  .  .  etc. 

Emphasis  scheint  vorzuliegen  Rg-Veda  10.  129.  7  = 
Taittiriya  Brähmana  2.  8.  9.  3 

yö  asyädhyakshah  parame  vyomant 
so  anga  veda  yädi  vä  na  veda 
s.  M.  Müller  Hist.  563  1.  ed. 

(Bei  Aufrecht  ist  so  aiigä  veda  gedruckt.) 

Der  Imperativ  piba  erscheint  2.  37.  1.  d  und  3.  32.  1 
a  betont,  in  beiden  Fällen  gehen  ihm  Vocative  vor. 

2.  37.  1  mändasva  hoträd  änu  jösham  dndhaso 
'dhvaryavah  sd  pürnäm  vashty  äsicam 
tdsmä  etäm  bharata  tadvaoo  dadir 

1 

hotrad  somam  dravinodah  piba  rtübhih 
Ergötze  dich  an  dem  Somatrank  aus  der  Schale  des  hötar, 
b)  0  adhvaryus  (ihre  Functionen  s.  M.  Müller  Hist.  173  etc.) 
vollgegossen  wünscht  er  sie  c)  bringt  sie  ihm,  darnach  ver- 
langt der  Spendende  d)  aus  des  hötars  Gefäss  trink  zu  den 
Opferzeiten  o  Schätzespender. 

3.  32.   1  indra  somam  somapate  pibemäm 

madhyandinam  savanam  carvi  yät  te 
prapnithyä  cipre  maghavann  rjishin 
vimucyä  hari  ilia  mädayasva 
Hier  könnte  man  eine  schnelle  Aufeinanderfolge  der  Hand- 
lungen annehmen. 

Auch  findet  sich  in  einigen  Refrains  das  Verbum  betont, 
so  vavdkshitha  8.  12.  4  und  5  und  6,  vivakshase  im  Hymnus 
10.  21  —  vivakshase  10.  24  1—3,  und  im  süktam  10.  25  das- 
selbe; num  kann  sie  als  an  dem  Anfang  eines  Satzabschnittes 
stehend,  für  richtig  betont  annehmen. 


Beiträge  aas  dem  Rg-Vedn.  2ß5 

8.  12.  10  und  11  und  12  mlinita  it  kann  auch  des  folgen- 
den id  wegen  betont  sein.  Bleibt  der  Refrain  8.  34.   1  — 15 

divo  amüshja  oasato 
divam  yaja  divävaso. 
Die  Erklärung  Säyana's  ist  noch  unklarer   als  die    Stelle 
selbst  (vgl.  auch  Ludwig  über  den  Infinitiv   in  den  Verben  124). 
8.  2.  40  itthä  dliTvantam  adrivah 
känvam  medhyatithini 
nieslio  ])hüt6  'bhi  yänn  äyali 
Sayana    erklärt    niesharüpatäm    präpto,    abhigacchan:    ya 
itvanuvartate.    tadyosräcca   tiüo    nio-häta   bliävah.   vas  tvaniavah 
aganiavah    tarn    tväm    stumab    itvarthah:    bhuta    &   abhi   vänu 
müssten  also  dasselbe  Ijedeuten ;  wahrscheinlich  ist  es.  dass  yän 
näyah    gelesen    werden    müsste,    bes(jnders    da    auch    die    vor- 
gehenden Strophen  Relativsätze  sind  zu  37  a.  b. 

yajadhvainani  priyamedha 
indram  saträcä  inänasä 
Doch   könnte  es  vielleicht  auch  Relativsatz  zu  14  sein. 
10. 105.  4  säcäyor  indrao  carkrsha,  padapätha  -e,  scheint  mir 
ein  Infinitiv,  vgl.  10.  22.  1  und  10.  74.  1.  wo  aber  der  Accent 
fehlt  und  8.  32.  2  krshe  täd  indra  paiinsyam  vgl.  Böhtlingk  und 
Roth   2   kar.   und    Ludwig    75;    auch   die  Variante  Sänia   Veda 
1.  .3.  1.  1.  3. 

6.  48.  17  an  Püshan.  satobrhati;  die  Zeile  3  hat  um  eine 
Silbe  zu  wenig,  wenn  nicht  suaro  zu  lesen  ist.  vgl.  Kuhn  Bei- 
träge b.  rV^.  S.  185. 

6.  48.  17  mä  käkambiram  ud  vrho  vanaspätim 
äoastir  vi  hi  ninaoah 
niöta  stiro  aha  eva  cana 
griva  ädadhate  veh 
padapätha  c)  ahar  d)  griväh 
Sayana   erklärt  yathä    vyädhä  ])akshino   haranärtham  dä- 
mäni  (so  griväh)  jälarüpänyädadhate  bhümyäm  nidadhate  taioca 
nihitaih   pakshino  hurantyevam    asmän    bandhanopäyaih    oatrur 
(d.    i.    sttro)    mä    härshit.    Die    Schwierigkeit    liegt  darin,  diese 
Erklärung  in  die  Stelle  hineinzulesen.  auf  das  ich  eben  so  ver- 
ziehte,   wie    ich    unfähig  bin  eine  andere  zu  geben.     Ich  über- 
setze, nicht  mögest  du  den  Käkambirabauni  ausreissen,  Sayana: 
rshih     putrapautras     ahitamätmäuani     bahupakshyäerayavanas- 


266  Mayr.  Beiträge  aus  dem  Bg-Veda. 

patitv^eua  rüpayau  tasyänuddhäramägäste)  vernichte  die  uns 
Verwünschenden,  dass  sie  nicht  an  einem  Tage  der  Sonne 
dem  Vogel  (tropisch  wie  käkambira)  Schlingen  legen  (vgl.  alt- 
slovenisch  griva,  grivina)  oder  damit  sie  sich  nicht  in  den 
Besitz  des  Nacken  des  Vogels  setzen,  d.  i.  ihn  in  ihre  Gewalt 
bringen  mögen,  oder  .damit  man  nicht  der  Sonne,  des  Vogels 
oder  der  dahin  eilenden  Sonne  Nacken  erpacke';  (wie  der 
Poet  sich  mit  dem  Käkambirabamn  verglichen,  so  geschieht 
dieses  jetzt  mit  der  Sonne)  oder  könnte  man  an  die  Wurzel 
svar  ,tönen^  denken  imd  des  singenden  d.  i.  preisenden  über- 
setzen ;  adc4dhate  kann  eben  nm*  eine  dritte  Person  pluralis  sein. 
Der  Relativsatz   erklärt  die  Betonung  des  Verbum. 

Noch    sind    zwei  Beispiele  anzuführen,  die   unter  die  Re- 
lativsätze zu  stellen  sind,  woher  das  Verbum  betont  ist. 
1.     71.  4  mäthid  yäd  im  vibhrto  mätariovä 

grhe-grhe  oyeto  jenyo  bhüt 
1.  100.  2  yäsyänäptäh  süryasyeva  yämo 

bhäre-bhare  \Ttrahä  oiishmo  ästi 

Das  Verständniss  der  Stellen  lässt  keinen  Zweifel  darüber, 
dass    diese   Fälle    unter    B    1    a)   und  B.   1   ß)  zu  stellen  seien, 
doch  zum    Beweis,    dass    im    Falle    des    anubandha,    Bhäshika 
Sütra  17  nicht  accentuirt  wird,  führe  ich  die  Fälle  an,  die  sich 
dafür  in  den  ersten  fünf  mandaläs  linden. 

1)  123.  8,  123.  13,  124.  11,  168.  1,  182.  4. 

3)  1.  21,  4.  1,  26.  %  26.  6,  29.  14,  29.  15,  31.  20,  36.  1. 

4)  7.  4,  8.  7. 

5)  1.  5,   5.  9,   8.  5,    11.  4,    11.   6,    14.  4,   35.  7,   41.  15, 
43.  2,  43.  15,  44.  4,  49.  1,  52.  17,  53.  11,  77.  2. 

Li  keinem  dieser  Fälle  ist  das  Verbum  betont. 


SITZUNGSBERICHTE 


DER 


KAISKKLICIIEN  AKADEMIE  DER  WISSENSCHAFTEN 


PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE  CLASSE. 


LXVIII.  BAND.  III.  HEFT. 


JAHRGANG   1871.    —  JUNL 


Sitzb.  ä.  phiL-hist.  Cl.  LXVlll.  ßJ.  111.  Htt.  18 


XV.  SITZUNG  VOM  7.  JUNI  1871 


Der  Secretär  legt  vor: 

den  im  Druck  vollendeten  5.  Band  der    Tabulae  Codicnm 
Vindohonensinm. 


Das  w.  M.  Herr  Prof.  Sehen  kl  in  Graz  sendet  ^Studien 


zu  den  Argonautica  des  Valerius  Flaccns^ 


Der  Referent  der  Weistliümer-Commission ,  Herr  Prof. 
Siegel,  tlieilt  mit,  dass  einige  neue  Weistliümer  für  die  aka- 
demische Sammlung  eingelangt  sind. 


Herr  Prof.  Theod.  Mairliofer  in  Brixeu  sendet  für  die 
Schriften  der  historischen  Commission  ein  Manuscript  unter  dem 
Titel:  ,Codex  diplomaticus  Tirolensis  saec.XIV'  (1300—1350).^ 

und  Herr  Dr.  AI.  Hub  er  in  Salzburg  eine  gleichfalls  zum 
Abdruck  in  den  Schriften  der  histor.  Commission  bestimmte 
Abhandlung:  ,Ueber  das  Vorleben  Arno's,  ersten  Erzbischofs 
von  Salzburg'. 


Die  Aufnahme  der  Abhandlung   von  Herrn  Prof.  Hartel 
,Homerische  StudieiV    in   die  Sitzungsberichte    ^yird    p^cnclimigt. 


if,* 


270 

An  Druckschriften  wurde  vorgelegt: 

Akademie    der   Wissenschaften,     Königl.   Preuss.,    zu   Berlin:  Monatsbericht. 

April  1871.  Beriin;  8". 
Archivio  per  TAntropologia  e   la  Etuologia,    pubblicato    per   la   parte   autro- 

pologica  dal  Dr.  Paolo  Mantegazza,  per  la  parte  etnologica  dal  Dr.  Fe- 

Hce  Fiuzi.  I".  Vol.,  fasc.   1.  &  2.  Firenze,  1871;  8". 
Berlin,  Universität:  Akademische  Gelegenheitsschriften  aus  d.  J.  1870 — 1871. 

Berlin;  4". 
Mittheilungen    aus    J.    Perthes'    geograpliischer   Anstalt.    17.    Band,    1871, 

V.  Heft.  Gotha;  4". 
Kandier  P.,  Codice  diplomatico  istriano.  4". 
Tahulae  codicum  manu  scriptormn  praeter  graecos  tt  orientales  in  Bibliolheca 

Palathui    Vivdohoiiensi  asservatorum.    Vol.  V.  Vindohonae,  MDCCCXXI;  S". 
Verein  für  Kunst  und  Alterthuni  in  Ulm  und  Oberschwaben :  Verhandlungen 

N.  R.  2.  u.  3.  Ulm,   1870  &  1871;  4". 


Pclieiikl.     StuiliPM  z«  iIpii  ArafniautiiM  fies  Valciiu^  Flai'cui^.  '211 


Studien  zu  den  Argonautica   des  Valerius  Flaeeus 


Dr.  Karl   Schenkl 

wirklichem  Mitg-liede  der  k.  Akademie  der  ^Visseusehafteu. 

JO  ür  die  lange  vernachlässigten  Argonaiitica  dcp  Valerius 
Flaccus  hat  bekanntlich  zuerst  G.  Thilo  in  seiner  Ausgabe 
(Halle  1 863)  durch  sorgfältige  Vergleichung  der  wichtigen  Hand- 
schriften eine  sichere  kritische  Grundlage  geschaffen  und  dar- 
nach einen  gereinigten ,  auf  festem  Boden  beruhenden  Text 
hergestellt.  Zugleich  hat  er  in  den  Prolegomena  eine  Reihe 
von  Fragen  über  das  Leben  des  Dichters,  den  Wertb  und  die 
Beschaffenheit  seines  Gedichtes,  die  Ueberlieferung  desselben 
und  das  Verhältniss  der  Handschriften  zu  einander  eingehend 
und  erfolgreich  behandelt.  Seitdem  haben  sich  mehrere  Ge- 
lehrte dem  fast  vergessenen  Dichter  zugewendet  und  es  sind, 
nachdem  schon  früher  die  Emendationes  Valerianae  von  F. 
Eyssenhardt  (Rhein.  Mus.  XVII,  37S  ff.)  und  Ph.  Wagner 
(Phil.  XX,  617  ff.),  dann  die  Bemerkungen  zu  Valerius  Flaccus 
von  H.  A.  Koch  (Rhein.  Mus.  XVIII,  16o  f.)  erschienen  waren, 
in  neuerer  Zeit  von  Ph.  Wagner  (in  seiner  Recension  der  Aus- 
gabe Thilo's,  Neue  Jahrb.  tiir  Phil,  und  Päd.  89,  382  ff".),  H. 
A.  Koch  (Coniectaneorum  in  poetas  latinos,  pars  IL  Gymn. 
Progr.  Frankfurt  1864),  G.  Meynke  (Quaestiones  Valerianae 
Doctordiss.  Bonn  1865  und  Beiträge  zur  Kritik  des  Valerius 
Flaccus,  Rhein.  Mus.  XXII,  362  ff.),  M.  Haupt  (Hermes  III, 
212  ff.,  IV,  153,  vgl.  n,  142,    wo  einige  schöne,   bisher  nicht 


272  Sehenkl. 

bekannte  Oonjcctureu  J.  Schrader's  mitgetheilt  werden),  von 
R.  Löhbach  (Observationes  criticae  in  V.  F.  A.  Gymn.  Progr. 
Andernach  1869),  Pli.  Braun  (Observationes  criticae  et  exege- 
ticae  in  V.  F.  A.,  Doctordiss.  Marburg  18G9);  B.  Hirschwälder 
(Curae  criticae  in  V.  F.  A.,  Part.  I.  Doctordiss.  Breslau  1870) 
ziemlich  zahlreiche,  aber  dem  Werthe  nach  sehr  ungleiche  Bei- 
träge zur  Kritik  dieses  Dichters  geliefert  worden.  Doch  bleiben 
bei  der  grossen  Verderbtheit  des  Textes  noch  Stellen  genug 
übrig,  welche  einer  erneuten  Behandlung  bedürfen;  auch  sind 
manche  Fragen,  wie  jene  über  die  Abfassungszeit  des  Ge- 
dichtes und  seine  Ueberlieferung,  keineswegs  endgiltig  erledigt. 
Ich  will  daher  im  Anschlüsse  an  meine  kürzlich  erschienene 
Ausgabe  der  Argonautica  (Berlin,  Weidmann  1871)  diese  Fragen 
nochmals  eingehend  behandeln  und  diejenigen  Veränderungen, 
welche  ich  im  Texte  vorgenommen  habe,  ausführlich  begründen. 


Was  wir  von  dem  Leben  des  C.  Valerius  Flaccus  wissen, 
ist  allerdings  sehr  wenig.  Das  cognomen  Setinus  weist  auf  die 
Abstammung  des  Dichters  oder  seiner  Familie  aus  Setia  hin; 
es  bleibt  aber  ungewiss,  ob  darunter  die  alte  Stadt  in  Latium 
oder  eine  der  beiden  spanischen  Städte  dieses  Namens  (in 
Hispania  Baetica  und  Tarraconensis)  zu  verstehen  ist.  Erwägt 
man,  dass  sich  in  dem  Gedichte  des  Valerius  zahlreiche  Härten 
im  Ausdrucke  finden,  weshalb  ihn  Julius  Scaliger  mit  Recht 
duriusculns  nannte ,  dass  an  manchen  Stellen  sogar  eine  ent- 
schiedene Ungelenkheit  der  Form  hervortritt,  so  sehr  auch 
Valerius  sich  den  Vergil  zum  Vorbilde  nahm  und  so  häutig  er 
ihn  auch  nachahmte,  dass  es  ferner  bei  unserem  Dichter  nicht 
an  neuen  und  kühnen,  aber  auch  verfehlten  Wendungen  mangelt, ') 


1)  Ueber  die  Stileigeutliiiinlichkeiten  des  Valerius  hat  Thilo  in  deu  Prolego- 
mena  (S.  XIII  if.)  gehandelt;  doch  sind  in  dieser  Erörterung  nicht  wonige 
Stellen  als  aufl'ällig  und  als  Verstösse  gegen  den  Sprachgebrauch  bezeich- 
net, welche  sich  entweder  befriedigend  erklären  lassen  oder  aber  un- 
zweifelhaft verderbt  sind,   wie   dies   auch   Ph.  Wagner  in   seiner  Anzeige 


Snulicu  /.u  ui'u  Aiiri'iiauiir.i.  des  Valerins  Placcus.  )i  i'o 

8()  möchte  man  in  Valerins  einen  Provincialen  verniuthen,  wel- 
flier  trotz  aller  Stndicu  doch  niemals  vollkommen  in  den  Geist 
der  nimischen  Sprache  eindring-en,  sich  nie  s^anz  in  dieselbe 
einleben  konnte.  Und  auf  wclclies  Heimatland  unseres  Dich- 
ters Hesse  sich  da  eher  schliessen,  als  auf  Spanien,  das  g-erade 
in  dieser  Zeit  Rom  so  viele  bedeutende  Talente  auf  dein  Ge- 
biete der  Literatur  geliefert  hat. 


(S.  382  ff.)  nächgewiesen  hat.  Ich  denke  nun  nicht  daran  hier  eine  Dar- 
stellung des  Stiles  und  Sprachgebrauches  der  Argonautica  zu  geben,  son- 
dern will  mich  bloss  darauf  beschränken  die  oben  ausgesprochenen  Sätze 
durch  einige  Beispiele  zu  1)elegeu.  So  gebraucht  Valerins  II,  -280  die 
Form  occulerat  statt  occuluerat,  welche  sonst  nirgends  vorkommt;  Tliilo 
will  daher  occiduit  schreiben,  was  aber  nicht  angeht,  da,  wie  Wagner 
(S.  390)  richtig  bemerkt,  das  Plusquamperfectum  notliweudig  ist.  11,  142 
finden  wir  unzweifelhaft  m/niius  als  epicoenum  für  nmitia  gesetzt,  wovon 
sieh  sonst  kein  Beispiel  findet;  es  scheint  hiezu  eine  falsche  Deutung  von 
Verg.  Aen.  XI,  896  Veranlassung  gegeben  zu  haben.  Mehrfach  Iiegegnet 
man  ungewöhnlichen  Stellungen  von  que^  z.  B.  IV,  387,  474,  ganz  be- 
sonders aber  I,  501  siqjeri  venturaque  statt  sxiperique  Ventura,  wo  auch  die 
Construction  von  gmidere  mit  dem  Accusativ  tempora  eigeuthümlich  ist, 
welche  Statins  Theb.  IV,  231  (gaudent  natorum  fata  parentes)  nachahmt. 
Eine  kühne,  aber  verfehlte  Fügung  ist  conj^ressus  pectore  tigres  I,  491, 
in  welcher  cortpressus  gleich  einem  Particip  des  medialen  Aorists  im 
Griechischen  gebraucht  ist.  Wie  ungefüge  ist  die  Wortstellung  II,  178 
vel  iam  patriae  vidisse  per  ignes  culmen  agi  statt  per  culmen  igne-i  agi 
(doch  ist,  wie  das  Vorbild  Aen.  IV,  670  zeigt,  an  der  Stelle  nichts  zu  än- 
dern) oder  V,  240  fatorum  genitor  ttitela  riieorii/ni  ovmitttens,  wo  genitor, 
das  zu  tibi  gehört,  unpassend  zwischen  ttitela  und  den  davon  abhängigen 
Genetiv  fatorum  eingeschoben  ist ,  wie  ungeschickt  der  Ausdruck  II,  222 
confeiTe  viatms  etiam  magnhque  parutae  cum  facihus,  wo  pai-atae  einmal 
mit  einem  Infinitiv  verbunden  wii-d  und  dann  wieder  absolut  mit  dem 
Beisatze  niagiiis  cum  facibus  steht.  Seltsam  ist  auch  inconditus  I,  808  in 
der  Bedeutung  ,nicht  geschaffen',  dem  sich  nur  Tert.  adv.  Hermog.  18 
(ne  quid  iunatimi  et  inconditum  jjrae^e^-  soluin  deiivt  crederemus)  au  die 
Seite  stellen  lässt;  nenius,  was  andere  Dichter  nur  in  der  Bedeutung  von 
,Baum,  Baumstamm'  venvenden  (Luc.  I,  4.53,  Sen.  Herc.  für.  1216),  ge- 
braucht Valerins  im  Sinne  von  ,Aeste  und  Laub'  III,  444  truncus  uemo- 
rum  quercus,  wo  der  Genetiv  von  truncan  abhängt,  und  I,  755,  wie  die 
Verbindung  mit  vestemque  zeigt,  sogar  gleich  einem  coronam.  Nocli  auf- 
fälliger muss  silvae  VI,  2'23  in  der  Bedeutung  ,Webebaum,  Webestuhl'  er- 
scheinen; ist  doch  selbst  eoae  stamine  silvae  VI,  699  ein  befremdlicher 
Ausdruck.  Manche  unklare  und  dmiklc  Stellen,  wie  z.  B.  Ill,  192  fi'., 
bringe  ich  hiebei  nicht  in  Anschlag,  da  sie  auch  auf  Rechnung  der  Un- 
fertigkeit  des  Gedichtes  kommen  können. 


274  Schenkl. 

Aus  dein  Prooemium  der  Argouaiitica  ersehen  wir,  dass 
Valerius  zu  dem  Colleg-ium  der  sibyllinischen  Fünfzehnmäuner 
gehörte  (5  ff.),  dass  er  sein  Gedicht  dem  Vespasian  gewidmet 
(7  ff.)  und  das  Prooemium  nicht  lange  nach  der  Einnahme  von 
Jerusalem  durch  Titus  (70  n.  Chr.,  vgl.  12  f.)  abgefasst  hat. 
Wenn  wir  noch  hinzufügen,  dass  man  aus  Quintilian  X,  1,  90 
(mnltum  in  Valerio  Flacco  nuper  amisimus)  die  ungefähre  Zeit 
seines  Todes  erschliessen  kann  (denn  die  Institutiones  sind  um 
90  n.  Chr.  abgefasst  und  somit  ist  Valerius  jedenfalls  vor  dieser 
Zeit  gestorben),  so  sind  alle  Nachrichten  über  das  Leben  un- 
seres Dichters  erschöpft.  Dass  der  Freund  des  Martial,  Flaccus 
aus  Patavium,  niclit,  wie  man  früher  glaubte,  mit  Valerius  iden- 
tisch ist,  hat  Thilo  (V  ff.)  überzeugend  nachgewiesen. 

Betrachten  wir  nun  das  Prooemium  näher,  so  muss  uns 
auffallen ,  dass  trotz  der  Widmung  an  Vespasian  eigentlich 
Domitian  als  Hauptperson  in  demselben  hervortritt.  Ich  denke 
hiebei  nicht  an  das  reiche  Lob,  welches  den  dichterischen  Be- 
strebungen des  Domitian   gespendet  wird    und  sich   namentlich 


^)  Wenn  ich  hier,  trotzdem  in  neuester  Zeit  sich  A.  Imhof  (T.  Flavins  Do- 
mitianns,  Halle  1857,  S.  130  ff.)  mid  A.  Brej^sig  in  seiner  Ausgabe  der 
Aratea  (Berlin  1867,  S.  XII)  für  Germanicus  als  Verfasser  jener  Ueber- 
setzung  ausgesprochen  haben,  wieder  für  die  Ansicht  von  Eutgers  (Var. 
lect.  II,  9,  S.  122  f.)  eintrete,  wornach  dieselbe  ei^e  Arbeit  des  Domitian 
ist,  so  thue  ich  dies  aus  guten  Gründen.  Allerdings  lautet  in  den 
meisten  und  ältesten  Handschriften  der  Titel  C'/audi  Caesaris  Aratea  und 
wird  das  Gedicht  bei  Lactantius  (Inst.  div.  I,  11  und  21,  V,  5,  4)  und 
Hieronymus  (ad  Tit.  I,  1)  unter  dem  Namen  des  Germanicus  Caesar  citiert, 
wie  sich  denn  der  Name  Germanicus  auch  in  einigen  jüngeren  Hand- 
schriften und  der  editio  princeps  findet.  Aber  hierauf  alles  Gewicht  zu 
legen  wäre  doch  voreilig.  Denn  da  Domitian  seit  84  immer  Germanicus 
Augnstus  (Quint  X,  1,  91),  von  den  Dichtem  auch  bloss  Germanicus  ge- 
nannt wurde,  so  konnte  man  seine  Aratea  recht  wol  als  die  Germanid 
Augusü  oder  bloss  Germanid  bezeichnen,  was  in  späteren  Zeiten  die  Ver- 
wechslung mit  dem  Sohne  des  Drusus  und  die  Umänderung  des  Titels 
herbeiführen  mochte.  Auch  wäre  es  möglich,  dass  unter  der  Regierung 
des  Domitianus  in  die  ursprüngliche  Aufschrift  Domiliani  Caesaris  Aratea 
noch  Germanid  eingefügt  wurde  und  daraus  jenes  Germanid  Coeaaris 
entstand.  Ja  aus  Martial  II,  2,  4  (et  p?ier  hoc  dignus  nomine,  Caesar, 
eras)  könnte  man  sogar  folgern,  dass  Domitian  schon  als  pver  den  Bei- 
namen Germanicus  geführt  habe,  wiewol  es  rathsamer  ist  die  Worte  so  j 
zu  verstehen:  ,Du  hättest  schon  als  piier  diesen  Namen  führen  sollen', 
womit   der   Schmeichler   auf  jene  Reise   nach    Gallien   mit   Mucianus   an- 


Ptudipii  711  ileu  Argouauticu  dcK  Valerius  Fhiccus.  27Ö 

aucli  in  der  Benützung  einzelner  Verse  aus  dem  Eingänge  seiner 
Aratea  offenbart  -),  sondern  an  die  bedeutungsvollen  Worte  (]  5  fF.) : 


spielt,  welclie  in  Lyon  ihren  für  Domitian  selir  unerwünschten  Abschluss 
fond  Cvgl.  Jmhof  S.  29  ff.).  Man  sieht,  dass  in  diesem  Falle  der  Titel 
allein  nicht  entscheidende  Beweiskraft  hat.  Nun  erheben  sich  aber  gegen 
die  Alltorschaft  des  Germaniciis,  des  Sohnes  des  Drusus,  gegründete  Be- 
denken. Da  nach  v.  558  ff.  das  Gedicht  erst  nach  dem  Tode  des  Augustus 
abgefasst  ist,  so  müsste  unter  genitor  im  zweiten  Verse  des  Prooemium 
Tiberiiis  zu  verstehen  sein;  wie  komisch  es  sich  aber  ausnimmt,  wenn 
der  siebenimdzwanzigjährige  Germanicus  (so  alt  war  er  nämlich  beim 
Regierungsantritte  des  Tibeiius)  diesem  die  Erstlinge  seiner  gelehrten 
Müsse  weiht,  das  hat  Rutgers  mit  Recht  hervorgehoben  und  diesen  Grund 
wird  man  mit  aller  Künstelei  nicht  hinwegdeiiteln  können.  Jedenfalls 
war  Germanicus  schon  bei  Lebzeiten  des  Augustus  als  Dichter  aufgetreten, 
wie  man  wenigstens  aus  Plin.  N.  H.  VIII,  42,  155  schliessen  kann,  so 
dass  er  die  Aratea  nicht  als  primilias  bezeichnen  konnte.  Auch  die  viel- 
fachen Aeusserungen  des  Ovid  über  Germanicus  als  Dichter  (Fast.  I, 
19  ff.,  ex  Pont.  U,  5,  53  ff.,  ^^  8,  67  ff.)  machen  keineswegs  den  Ein- 
druck, als  ob  dieser  erst  in  den  Jahren  15 — 17  n.  Chr.  schüchterne  Ver- 
suche in  der  Dichtkunst  gemacht  habe.  Dagegen  jiasst  alles  im  Prooe- 
mium auf  Domitian;  er  konnte  recht  wol  seine  dichterischen  Studien, 
welche  er  als  Maske  anzunehmen  für  gut  fimd,  mit  einer  Uebersetzung 
des  Aratos  beginnen  und  hatte  seine  guten  Gründe  mit  einer  Widmung 
derselben  vor  seinen  Vater  hinzutreten.  So  erklärt  sich  genitor  ganz  un- 
gezwungen und  die  Verse  9  f.  si  non  tanta  quies  te  praeside  jtuppihus 
aequor  cultoriqne  daret  terras,  procnl  arvia  silerent,  sowie  die  Worte  pax 
t/i.a  (v.  16)  beziehen  sich  auf  die  Schliessung  des  Janiistempels ,  welche 
nach  Beendigung  des  Judäischen  Krieges  im  September  des  Jahres  70 
erfolgte  (Oros.  "\TI,  9).  Ein  weiterer  Grund  für  Domitian  als  Verfasser 
der  Aratea  liegt  darin,  dass  Valerius  den  Eingang  dieses  Gedichtes  für 
sein  Prooemium  benützt  hat.  Wer  kann  verkennen,  dass  genitor  bei  Va- 
lerius (V.  16)  auf  jenes  genitor  (im  zweiten  Verse  der  Aratea)  zurückgeht: 
auch  sind  die  Verse  17  f.  neque  enim  Tyriin  Cynosura  carinis  certior  mit 
Grais  Heiice  servanda  viaglüris  offenbar  mit  Rücksicht  auf  v.  40  f.  dat 
Grais  Heiice  cnr.iiis  maiorihus  astris,  Phoenicas  Cynosura  regit,  v.  21  hatc 
ut  Latias  vox  impleat  nrbes  mit  Hinblick  auf  v.  15  haec  e.go  duvi  Latus 
conor  j^^'O'^dicere  Mu-sis  gedichtet,  indem  sich  Valerius  als  Bearbeiter  der 
Argonautica  des  Apollonios  Rhodios  dem  Domitian  als  Uebersetzer  des 
Aratos  gegenüberstellt.  Ueberhaupt  lässt  sich  jene  Weissagung  von  der 
einstigen  Verwandlung  des  Vespasian  in  ein  glänzendes  Sternbild  an  die- 
ser Stelle  nur  begreifen,  wenn  man  sich  die  Beziehung  auf  die  Aratea 
des  Domitian  klar  macht.  Dass  dieser  ausser  den  Aratea  sich  auch  noch 
in  der  epischen  Dichtung  versucht,  wenigstens  ein  Epos  begonnen  hat, 
erhellt  aus  Quintilian  X,  1,  91  und  wahrscheinlich  wird  dieses  Epos  nach 
Valerius    (12  ff.)    den  Judäischen   Ki-ieg   zum   Gegenstand    gehabt    haben. 


276  Schcnkl. 

ille  tlhl  cultusque  deimi  delubraque  cenhim  ^) 
instituet,  cum  iaui,  cjemtor;  lucehis  ah  omni 
'parte  poli, 
in  welchen  Domitiau  nicht  bloss  als  der  einstige  Nachfolger  des 
Vespasian,  sondern  auch  als  der  treue  und  dankbare  Sohn  ge- 
feiert wird.  Denn  der  ganze  Zusammenhang  und  die  Anspie- 
lungen auf  die  Aratea  des  Domitian  lassen  keinen  Zweifel 
übrig,  dass  unter  ille  dieser  und  nicht  etwa  Titus  zu  verstehen 
ist.  Wir  wissen  nun,  dass  Jerusalem  am  8  September  gänzlich 
in  die  Hände  des  Titus  fiel  und  nicht  lange  nachher  Vespasian 
von  Alexandria  kommend  in  Rom  seinen  Einzug  hielt.  Domi- 
tian, welcher  sich  durch  seine  Amtsführung  in  Rom  und  seine 
Expedition  nach  Gallien  schwer  compromittiert  und  den  Zorn 
des  Vespasian  erregt  hatte,  war  schon  früher  aus  dem  öffent- 
lichen Leben  zurüclcgetreten.  Um  jeden  Verdacht  zu  zerstreuen, 
gab  er  sich  poetischen  und  wissenschaftlichen  Studien  hin  (Tac. 
Hist.  IV,  S(5,  Suet.  Dom.  2)  und  die  Uebersetzung  der  Aratea, 
welche  er  als  docti  lahoris  primitias  seinem  Vater  widmete,  ist 
um  diese  Zeit  begonnen  und  wahrscheiulich  im  folgenden  Jahre 
(71)  vollendet  worden.  Es  lässt  sich  denken,  dass  Domitian 
damals,    wo  er  in  der  Dichtkunst  dilettierte,    öfters  im  Kreise 

Wenn  aber  Quintilian  die  Aratea  nicht  namentlich  erwähnt,  so  ist  dies  sehr 
begreiflich;  denn  einmal  waren  sie  doch  eine  blosse  Uebersetzung  und 
dann  konnte  er,  wie  er  es  auch  getlian  hat  (X,  1,  55),  dem  Ai-atos  von 
seinem  Standjjuncte  aus  keine  grosse  Bedeutung  beilegen.  Er  that  daher 
ganz  Kecht  den  Domitian  als  epischen  Dichter  zu  preisen,  umsomchr  als 
er  mit  diesem  Lobe  auch  den  Preis  des  Fiü'sten  und  Feldherrn  vereinen 
konnte  (vgl.  quis  enim  canerei  bella  melmii  quam  sie  gerit?)  Uebrigens 
sind  ja  die  Ai'atea,  wie  alle  Jugendwerke  des  Domitian,  in  der  Stelle  ge- 
feiert: ,quid  (amen  his  ipsis  eius  openhus,  in  quae  donato  imperio  iuvenis 
secesserat,  suhlimius  doctius  omnihus  denique  numeris  praestantius?' 
5)  Ich  habe  v.  15  mit  Haupt  (Hermes  HI,  '214)  cenhim  für  genii  geschrieben; 
dagegen  kann  ich  ihm,  wenn  er  nach  dem  Vorgange  von  Heinsius,  der 
am  Rande  seines  Handexemplares  ab  alta  arce  poli  bemerkt  hatte,  «6 
omni  parle  poli  in  ab  alti  arce  poli  verändern  will,  nicht  beistimmen. 
Haupt  meint,  die  Ueberlieferung  sei  unverständlich;  ,nam  dicere  potuit 
Valerins  Vespasianum  post  mortem  lucidum  sidua  esse  faturiim,  sed  uni 
omnia  sidera  ne  ineptissima  qtddein  adulatione  tribuere  polnit^.  Das  hat 
wol  auch  der  Dichter  nicht  gemeint;  er  wollte  nin-  in  seinen;  Hoftone 
sagen,  dass  Vesijasian  dereinst  ein  ähnliches  Gestirn  sein  werde,  wie  der 
grosse  oder  kleine  Bär,  welche  für  die  Scliiffer  der  n(>rdliehen  Hemisphäre, 
wo  sie  sich  auch  betiiuleu  mögen,  von  jeder  Seite  her  sichtbar  sind. 


Studien  zu  den  Arpton.iutica  des  Valenus  Flaccus.  27  7 

von  Männern  verweilt  haben  wird,  welche  sich  cUit"  dem  Gebiete 
der  Literatur  auszeichneten.  So  wird  auch  Valerius,  der  ent- 
weder durch  andere  Gedichte  oder  durch  das  Epos,  an  welchem 
er  eben  arbeitete,  eines  bedeutenden  Rufes  g-enoss,  dem  Cäsar 
näher  geü'eten  sein  und  fand  so  Gelegenheit  denselben  in  der 
Widmung  seines.  Gedichtes  zu  feiern. 

Nach  dem  Gesagten  kann  man  die  Abfassung  des  Prooe- 
miiuii  der  Argonautica  mit  grosser  Wahrscheinlichkeit  in  das 
Jahr  71  setzen,  woraus  aber  keinesweg'S  folgt,  dass  das  Ge- 
dicht überhaupt  um  diese  Zeit  begonnen  wurde.  Wie  bekannt, 
haben  die  römischen  Epiker  ihre  Werke  nicht  in  einem  Zuge 
vollendet,  sondern  mit  der  Ausarbeitung  derselben  lange  Jahre 
zugebracht.  Vergil  hat  eilf  Jahre  auf  die  Aeneis  verwendet 
und  ist  gestorben,  ohne  seinem  Gedichte  die  letzte  Feile  ge- 
geben zu  haben ;  Statins  sagt  am  Ende  seines  grossen  Epos 
(Xn,  811):  O  mild  hissenos  muUitm  vigilata  per  annos  Tliehai. 
Da  nun  Valerius  vielmehr'  ein  Mann  gelehrter  Studien  als  des 
unmittelbaren  Schaffens  war,  wie  dies  schon  aus  den  zahlreichen 
Nachbildungen  anderer  Dichter,  namentlich  des  Vergil,  die  sich 
bei  ihm  finden,  hervorgeht,  so  kann  man  mit  Recht  vermuthen, 
dass  er  ebenso  eine  Reihe  von  Jahren  an  seinem  Epos  gear- 
beitet hat. 

Von  dem  Verfahren,  welches  die  Dichter  bei  der  Aus- 
arbeitung ihrer  Gedichte  beobachteten,  können  uns  die  Nach- 
richten im  Leben  des  Vergil  von  Donatus  (p.  59,  lO  R.)  einen 
Begriff  geben.  Darnach  entwarf  zuerst  Vergil  eine  prosaische 
Skizze  unter  Eintheilung  des  Stoffes  in  zwölf  Bücher  und  be- 
gann hierauf  bald  in  jenem,  bald  in  diesem  Buche  eine  Partie 
auszuführen  5  diese  reihte  er  dann  an  einander,  ohne  gleich  die 
erforderlichen  Bindeglieder,  mochten  nun  diese  einzelne  Verse 
oder  längere  Stücke  sein,  herzustellen,  indem  er  diese  Arbeit 
bis  zuletzt  aufsparte.  Da  er  aber  durch  den  Tod  daran  gehin- 
dert wurde,  so  liegt  uns  die  ganze  Aeneis  in  einem  halbfertigen 
Zustande  vor,  wie  dies  in  genauer  Untersuchung  der  einzelnen 
Bücher  Ribbeck  in  seinen  schönen  Prolegomena  critica  (p.  5G  ff.) 
nachgewiesen  hat.  Die  Herausgabe  des  hinterlasseuen  Ge- 
dichtes besorgten  die  Freunde  des  Vergil,  L.  Varius  und  Plotius 
Tucca,  wobei  sie  sich,  ohne  eine  eigentliche  Rcdaction  vorzu- 
nehmen, möglichst  an  die  Handschrift  anschlössen ;  daher  füllten 


278  Sclienkl. 

sie  die  Lücken  im  Texte  nicht  ans  und  liesseu  manche  vom 
Dichter  verworfene  oder  Doppelverse  stehen.  Bei  der  Einord- 
nimg von  Versen,  welche  Vergil  am  Rande  beigefügt,  oder 
solcher  Stücke,  die  er  auf  besonderen  Bhättern  entworfen  hatte, 
verfuhren  sie  nicht  mit  der  nöthigen  Umsicht,  und  so  ist  denn 
ein  guter  Theil  jener  Störungen,  welche  sich  in  unseren  Hand- 
schriften vorfinden,  schon  auf  jene  Herausgabe  zurückzuführen 
(Ribbeck  Prolegg.  p.  88  ff.).  Da  man  in  Rom  dem  langsam 
fortschreitenden  Werke,  von  welchem  man  das  Höchste  er- 
wartete, mit  grosser  Ungeduld  entgegensah  vmd  namentlich 
Augustus  wenigstens  einige  Partien  desselben  kennen  zu  lernen 
wünschte,  so  entschloss  sich  Vergil  einzelne  Bücher,  wenn  sie 
auch  nicht  vollständig  vollendet  waren,  in  gewählten  Kreisen 
vorzulesen.  So  recitierte  er  das  sechste  Buch  (um  22  v.  Chr., 
etwa  sieben  Jahre,  nachdem  er  die  Aeneis  begonnen  hatte),  das 
vierte  und  wahrscheinlich  das  erste  (Ribbeck  Prolegg.  p.  58, 
vgl.  die  Vita  Vergili  in  der  kleineren  Ausgabe  von  Ribbeck 
p.  XXVH).  Ich  habe  diese,  allerdings  bekannten  Thatsachen 
hier  deshalb  erwähnt,  weil  sie  uns  in  der  folgenden  Erörterung 
vielfach  als  Ausgangspunct  dienen  werden. 

Von  den  Argonautica  des  Valerius  sind  bekanntlich  sieben 
Bücher  und  von  dem  achten  der  grössere  Theil,  nämlich  467 
Verse,  auf  uns  gekommen.  Das  Gedicht  schliesst  in  seiner 
jetzigen  Gestalt  mit  der  Verfolgung  des  Jason  und  der  Medea 
durch  deren  Bruder  Absyrtus-,  daher  musste  noch  die  Er- 
zählung von  dem  Morde  des  Absyrtus,  den  weiteren  Fahrten 
der  Argonauten  und  ihrer  Heimkehr  folgen,  wie  man  dies  bei 
Apollonios  im  vierten  Buche  von  391  an  bis  zu  Ende  findet.'*) 
Darnach  lässt  sich  mit  Sicherheit  schliessen,  dass  das  Gedicht 
mindestens    auf  zehn  Bücher  berechnet  war.     Da  aber  gerade 


')  Wenn  Maser  zu  I,  218  vermiitliet,  dass  Valerius,  weil  er  den  Mopsus  in 
seiner  Verzückung  auch  den  Flammentod  der  Creusa,  den  Mord  der  Kin- 
der durcli  ]Medea  und  ihre  Flucht  auf  di^m  Drachenwagen  andeuten  Lässt, 
auch  diese  Dinge  in  seinem  Epos  behandeln  wollte,  so  ist  dies  nicht  glaub- 
lich. Valerius  würde  sicher  sein  Gediclit  wie  Apollonios  mit  der  glück- 
lichen Heimkehr  der  Argonauten  geschlossen  haben.  Dass  er  aber  in 
dieser  Weissagung  'und  noclnuals  in  dem  Hilderschinucke  des  Palastes  des 
Aeetes  (V,  442  if.)  das  künftige  Geschick  des  .Jason  und  der  Medea  an- 
deutet, ist  ein  feiner  dichterischer  Zug. 


Studipii  zu  ilen  Argniuuitini  dos  V;ilerius  Placcus.  279 

in  dem  letzten  Theile  sich  viele  Kpisoden  linden  und  Valerius 
dieselben  vielmehr  auszuführen  liebt  als  Apollonios,  so  konnte 
der  kStoff  mög'licher  Weise  sog-ar  auf  zwölf  Bücher  ausg-edehnt 
werden.  Die  Zwölfzahl  war,  seitdem  die  Aeneis  eine  solche 
Zahl  von  Büchern  umfasste,  für  die  Dichter  Roms  etwas  Ge- 
heilig'tes;  Statins  hat  seine  Thebais  in  zwölf  Büchern  abg-efasst/') 
die  Pharsalia  des  Lucanus  war  höchst  wahrscheinlich  auf  zwölf 
Bücher  berechnet  und,  wenn  Silius  Italiens  seine  Punica  in 
siebenzehn  Büchera  schrieb,  so  ist  der  Grund  nur  darin  zu 
suchen,  dass  er  den  reichen  Stoff  innei'halb  der  Zwr)lfzahl  nicht 
zu  bewältig-en  vermochte. 

Es  entsteht  nun  die  Frag-e,  ob  uns  dieser  weitere  Theil 
verloren  g-egangen  ist,  indem,  wie  dies  z.  B.  beim  Sangallensis,  der 
IV,  317  endigie,der  Fall  g-ewesen  ist,  ein  Mönch  bei  der  Abschrift 
seines  Codex  an  jener  Stelle  des  achten  Buches  stehen  blieb  und 
uns  nach  Verlust  des  Archetypon  nur  jene  Abschrift  erhalten 
wurde,  odei*  ob  wir  annehmen  sollen,  dass  der  Dichter  sein  Werk 
aus  irgend  einer  Ursache  anvollendet  Hess.  Die  erstere  Ansicht, 
welche  N.  Heinsius  in  der  Vorrede  zu  seiner  Ausg-abe  ausge- 
sprochen hat,  würde  viel  für  sich  haben,  wenn  das  Gedicht,  so 
wie  es  uns  vorlieg't,  deutlich  den  Stempel  der  Vollendung-  ti'üg-e. 
Wenn  sich  abei*  nun  in  allen  Büchern  offenbare  Spuren  des 
Gegentheiles  zeigen,  wenn  sich  durch  eine  eingehende  Unter- 
suchung nachweisen  lässt,  dass  das  Gedicht  eine  im  Wesent- 
lichen ähnliche  Gestalt  hat,  wie  die  Aeneis,  also  nicht  die  letzte 
Feile  von  der  Hand  des  -Dichters  erfahren  haben ,  nicht  von 
ihm  herausgegeben  sein  kann,  so  werden  wir  uns  der  älteren, 
schon  von  Baptista  Pius  (Annot.  post.  c,  102)  und  Petrus  Cri- 
nitus  (de  poet.  lat.  1.  IV,  c.  66)  ausgesprochenen  Ansicht  an- 
schliessen,  dass  Valerius  an  dei-  Weiterführung  und  Vollendung 
seines  Epos  verhindert  wurde.  Diese  Ansicht  vertritt  auch 
Thilo,  indem  er  sich  in  den  Prolegomena  (S.  XXVI  ff.)  dahin 
ausspricht:  ,haud  j)cmci  versus  ntqne  ampliores  etiam  carminis 
partes  ita  cont.paratae  sunt,  id  r/vin  idtimam  limam  poeta  üs  non 
(idhihuerit  neqneat  dnbitari' ;  nur  ist  seine  Ercii'terung  dieses 
Punctes  eine  keineswegs  erschöpfende,  weshalb  wir  diese  Unter- 
suchung hier  nochmals  anstellen   müssen. 

^)  Bei  Statins  ist  diese  Bezieliuiig-  auf  die  Aeneis  unverkennbar  in  den  Sflduss- 
worten   (XII,  816  nee  tu  (Ivoiiiam   Aetteifla  lempl.a)  ausgesj)r()clicn. 


I 

280  Schenkl.  ^ 

Wir  wollen  nun,  wie  dies  Ribbeck  in  seinen  Proleg-omena 
zu  Veris>'ilius  gethan  hat,  die  einzelnen  Bücher  si-esondert  durch- 
gehen und  alles,  was  zum  Beweise  des  obig-en  Satzes  dienen 
kann,  zusammenstellen.  Es  sei  nur  noch  bemerkt,  dass  ich 
hiebei  den  Vaticanus  3277  als  die  alleinig-e  Grundlage  betrachte, 
indem  meiner  Ansicht  nach  alle  anderen  Codices,  auch  der  des 
Carrion,  aus  ihm  abgeleitet  sind.  Darüber  werde  ich  im  Fol- 
genden ausführlich   sprechen. 

Im  ersten  Buche  fällt  der  Vers  410  auf,  welcher  ohne 
Verbindung  mit  dem  Vorhergehenden  dasteht.  Ein  Asyndeton 
ist  hier  gar  nicht  am  Platze,  weshalb  man  statt  discat  noth- 
wendig  discatque  erwartet.  Da  sich  nun  diesem  üebelstande 
durch  Emendation  nicht  abhelfen  lässt  und  der  Ausfall  eines 
Verses  nicht  wahrscheinlich  ist,  so  rauss  man  annehmen,  dass 
der  Dichter,  weil  er  diese  Stelle  weiter  ausführen  wollte,  sich 
jenen  Vers  vorläufig  am  Rande  angemerkt  hatte.  —  Die  Verse 
779 — 784  unterbrechen  in  sehr  störender  Weise  den  Zusammen- 
hang. Wie  sich  nämlich  von  selbst  ergibt,  muss  ülum  (v.  785) 
auf  tannift  (775)  bezogen  werden,  was  aber  bei  der  gegen- 
wärtigen Gestalt  des  Textes  nicht  möglich  ist;  denn  darnach 
müsste  unter  ühim  Orcus  oder  Charon  verstanden  werden,  was 
rein  sinnlos  ist.  Dazu  kommt ,  dass  hmc  (779)  ebenfalls  auf 
tatirus  i^ilb)  zurückgeht,  wornach  es  keinem  Zweifel  unter- 
liegt, dass  die  Verse  779- — 784  aus  dieser  Stelle  auszuscheiden 
sind.  An  und  für  sich  geben  dieselben  zu  keinem  Bedenken 
Anlass.  Denn  retro  (782),  mit  dessen  Erklärung  man  sich  um- 
sonst abgemüht  hat,  ist  einfach  verderbt  und  dafür  wol  mit 
Braun  (S.  25,  vgl.  Hirschwälder  S.  22)  rite  herzustellen ;  minder 
wahrscheinlich  ist  die  Vermuthung  Ph.  Wagners  Leto  (Phil.  XX, 
G30;  Neue  Jahrb.  H\),  392);  denn  derjenige,  an  welchen  dieses 
Carmen  gerichtet  ist,  wird  ja  deutlich  im  folgenden  Verse  be- 
zeichnet. Was  weiterhin  gentis  nefandae  anbetrifft,  so  liegt 
darin  eine  V(irdammung  der  Magie  von  Seiten  des  Dichters, 
aber  keineswegs,  wie  J.  Wagner  meint,  ein  Schimpf  für  Alci- 
mede,  welche  in  dem  allsremeinen  Brauche  ihres  Landes  nichts 
Sträfliches  erkennen  konnte.  Möglich,  dass  für  diesen  ver- 
dammenden Ausspruch  jenes  Decret  des  Vespasian  massgebend 
war,  wodurch  derselbe  gleich  im  Beginne  seiner  Regierung  die 
Astrologen  und  wahrscheinlich    auch  die  Magier  aus  Rom  ver- 


Stmlieii  zu  doii  Arcfonautica  <los  Valeiins  Flac.r.us.  281 

baniitu  (l)i()  Cass.  LXVl.  D).  Darnach  ergibt  sich,  dass  wir 
in  den  Versen  779 — 784  fF.  einen  früheren  Entwurf  zu  scilien 
liaben,  welchen  der  Dichter,  nachdem  er  ihn  durch  die  Verse 
785  ff.  ersetzt  hatte,  beseitigen  wollte.  Da  aber  die  letzte 
Ueberarbeituug  nicht  zu  Stande  kam,  so  wurde  derselbe  von 
dem  Herausgeber,  weil  er  in  der  Handschrift  stand,  im  Texte 
belassen.  —  Aehnlich  verhält  es  sich  mit  der  kStelle  827  ff. 
Hier  stehen  sich  nämlich  die  Verse  828  f.  Trmiarei  sedef  mda 
patris ,  von  illa  ruenti  accessura  polo ,  victdm  si  volvere  molem, 
hinter  welchen,  wie  die  Ijücke  im  Vat.  zeigt,  ein  Vers  ausgefallen 
ist,  und  831  f.  ingenti  iacef  ore  cliaos,  quod  pondere  fessam  ma- 
teriem  Iffpsumque  queat  consumere  mundum  so  gegenüber,  (Uxss 
man  in  ihnen  deutlich  einen  doppelten  Entwurf  für  eine  und 
dieselbe  Stelle  erkennen  muss.  Wäre  es  doch  schwer  begreif- 
lich, wie  man  die  Verse  831  f.  nach  827  ff.  einordnen  und 
zwischen  dem  Gedanken  victmn  si  volvere  molem.,  wne  man  ihn 
auch  ergänzen  mag,  und  qvod.  pondere  ....  mim  dum,  einen 
befriedigenden  Zusammenhang  herstellen  könnte.  Unter  diesen 
Vei-hältnissen  wird  man  831  f.  als  einen  wahrscheinlich  älteren 
Entwurf  zu  betrachten  haben,  welcher  sich  neben  dem  späteren, 
mehr  ausgearbeiteten  erhalten  hat.  -  Was  die  Lücke  nach 
V.  44,  wo  dies  im  Vat.  durch  ein  rothes  schiefes  Kreuz  am  Rande 
angedeutet  ist,  und  nach  820  anbetrifft,  so  gehen  dieselben  ohne 
Zweifel  nicht  auf  die  Originalhandschrift  zurück,  sondern  sind 
auf  Rechnung  der  Abschreiber  zu  setzen.")  Das  gleiche  gilt 
von  den  Versumstellungen  06  =  65,  303  =^  309,  815  =  823 
(verbessert  im  Monacensis,  dem  Codex  des  Carrion  und  dei- 
Aldina,  der  Juntina),  welche  zu  auffallend  sind,  als  dass  sie 
unbemerkt  bleiben  konnten.  Nur  eine  Stelle  erluiischt  noch 
eine  Bespreclmng,  nämlich  I,  662  i\,  wo  es  von  Salmoneus 
heisst :  nondum.  ille  furens,  cum.  fingeret  alti  quadrifida  frahe  tela 
Jovis.  Thilo  i  Prolegg.  XXHI)  nahm  hier  an  cum  fingeret,  das 
ganz  unverbunden  dasteht,  Anstoss,  beruhigte  sich  aber  schliess- 
I  Uch  damit,  dass  Valerius  auch  an  anderen  Stellen  die  Con- 
j  junction  cum  in  Vergleichungen    so    gebrauclit  habe,    als  oh  ut 

'"')  Wie  diese  verfnlircn  ,  k;inn  man  an?  der  Art  ersehen,  wie  im  Vfitieanus 
die  Verse  II,  2i:? — 262,  welche  der  Schreiber  irrthünilich  wiederholte,  ge- 
schrieben sind.  In  der  (>rsten  Abschrift  fehlt  v.  240,  in  der  zweiten  211, 
die  erste  hat  v.   244  au  seiner  Stelle,  die  zweite  am  unteren  Kande. 


282  Schenkl. 

oder   qualis   mit    der    entsprechenden   Form    des  Verbum    sub- 
stantivum  vor   demselben  stünde.     Aber   die  Beispiele,    welche 
Thilo  dafür  anführt,  sind  verderbt  und  durch  die  Verwechslung] 
von   cum.   mit    ceu   zu    erklären,    welche    Partikeln,    wie    schon! 
Oudendorp    zu  Apuleius    Met.  p.  94    bemerkte,    in    den  Hand-I 
Schriften    häutig    vertauscht    werden.     Bedenkt    man    nun,    wie! 
elend   unser  Archetypos ,    der  Vaticanus ,    geschrieben    ist ,    wiel 
viele  Partikeln  und  Wörtchen  in  demselben  verwechselt  sind'^)! 
(wir  werden  hierüber  noch  ausführlich  sprechen),  so  wird  mai 
um  so  weniger  Bedenken  tragen  an  jenen  Stellen  II,    103    mit 
Barth'")  und  453  mit  Schott  ceu  für  cum  herzustellen;  und  dies! 
muss  auch   noch    an  zwei  anderen  Stellen    geschehen,    nämlich! 
I,  490,  wo  ceu  lustra,    und  II,  4(37,    wo  ceu  lapis  zu  schreiben] 
ist.")     Ph.  Wagner  (Neue  Jahrb.  89,  389)    verwirft   mit  Recht' 
diese  Erklärung  von  cum,    was  er    aber   selbst  beibringt,    dass 
nämlich  durch  cum  der  Act  des  furor,    auf  welchen    schon  das 
Pronomen  ille  hinweise,  vergegenwärtigt  werde,  ist  ebensowenig 
genügend.     Darnach  ist  es  wahrscheinlich,  dass  nach  farens  ein 
mit  ceu  eingeleiteter  Satz,    welcher  das  Ende    dieses    und    den 


")  So  steht  auch  IV,  531  für  ceu,  das  iu  der  editio  Bononiensis  II  hergestellt 
ist,  seu ;  III,  55  s  hat  Heinsms  für  das  überlieferte  sie  ohne  Zweifel  richtig 
ceu  geschrieben  (vgl.  I,  fi71,  wo  Oudendorp  theilweise  nach  dem  Vorgange 
Bm-mann's  das  überlieferte  itt  supevjaii  sie  staret  opus  glänzend  in  vi  su- 
perum  seu  sidere  opus  emendiert  hat).  Offenbar  war  diese  Partikel  den 
Abschreibern  unbekannt  und  daher  anstössig;  und  so  ist  denn  selten  ein 
e-eu  dem  Verderbnisse  entgangen. 

S)  Thilo  hat  an  dieser  Stelle,  um  die  Leseart  im  Vat.  reti  statt  tereti  zu  halten, 
au7'0  in  aureo  verändert.  Aber  im  Vaticanus  sind,  wie  wir  sehen  werden, 
öfters  Sylben  ausgefallen  und  tereti  ist  durch  das  Vorbild  unseres  Dich- 
ters, Verg.  Aen.  X,  138  molli  subnectens  circulus  'auTo,  geschützt. 

8)  IV,  564  hat  man  allgemein  nach  dem  Vorgange  von  Heinsius  cum  in  cen 
und  lahant  in  labent  verwandelt.  Davon  ist  ceu  ohne  Zweifel  richtig, 
aber  der  Gedanke ,  welcher  durch  diese  Emendation  entsteht ,  muss  als 
verkehrt  bezeichnet  werden.  Was  soll  denn  dies  heissen:  ,Als  ob  die 
Grundfesten  der  Erde  wichen,  sieht  man  die  Erde,  die  Häuser  plötzlich 
beben?'  Woher  kommen  die  tecta  in  dieser  Wüstenei?  Und  wie  schliesst 
sich  daran  der  folgende  Satz:  illae  redeunt,  illae  aequore  certantl  Alle 
Bedenken  aber  schwinden,  wenn  man  schreibt:  ceu  vincula  mnndi  cum 
ima   lahant,    tremere   ecce   solimi,    freniere    ipsa    repente   tecta,  vides:    illae 

rediunt Der  Dichter  vergleicht  das  Toben  der  kreisenden  Felsen 

mit  einem  Erdbeben.  Beispiele  einer  sohOien  Synizesis,  wie  cinii  ima, 
finden  sich  I,  52,  llfi,  475,  007,  11,   KIM  n.  ö. 


Studien  zu  den  Argonautica  des  Valcnius  Flaccus.  2<S3 

Anfang-  des  folgenden  Verses  bildete,  auso-efallen  ist,  indem  der 
Schreiber  von  cen  auf  mm  abirrte.  Ein  ähnlicher  Fall  ist,  wie 
Ph.  Wagner  (a.  a.  O.  388)  erkannt  hat,  VIEI,  254  pars  veri- 
hus^  pars  undanti  despumat  aeno,  wo  man  nach  Verg.  Aen.  I, 
212  und  Georg.  I,  296,  welche  Stellen  unserem  Dichter  offen- 
bar vorschwebten,  den  Gedanken  beiläulig  ergänzen  kann.  Wag- 
ner vermuthet  pars  veribus  figit  trejndantia  viscera  acernis,  p>o,rs 
folüs  nndam.  ingentl  despumat  aeno  (vielleicht  eher  pars  foliis 
h/mpham  undanti  despumai  aeno,  da  Valerius  bei  seinen  Nach- 
bildungen den  Ausdruck  etwas  zu  verändern  pflegt).  Auch  V, 
316  f.  will  Ph.  Wagner  (a.  a.  O.  388)  den  unlösbaren  Schwierig- 
keiten durch  die  Annahme  abhelfen,  dass  das  Ende  von  316 
und  der  Anfang  von  olT  ausgefallen  sei.  Nach  viae  sei  ein 
wieder  mit  nee  eingeleiteter  Satz  verloren  gegangen,  welcher 
mit  dem  vorhergehenden  ein  gemeinschaftliches  Verbum  hatte. 
Wie  die  nachdrucksvolle  Stellung  von  pelagi  zeige,  seien  in 
demselben  die  Gefahren  und  Leiden  zu  Lande  (bei  den  Do- 
lionen  und  Mariandynern)  bezeichnet  gewesen.  Vielleicht  ge- 
hört hieher  auch  VIII,  404,  wo  nach  der  jetzigen  Leseart  die 
Worte  haut  ultra  sociis  ohsistere  i^ergit  eine  Exegese  zu  dem 
Vorhergehenden  bilden,  in  dem  Sinne :  weiter  als  dass  er  zau- 
dert, geht  sein  Widerstand  nicht.  Aber  der  Ausdruck  ohsistere 
pergif  scheint  eher  darauf  hinzudeuten,  dass  die  Stelle  lücken- 
haft ist.  Denkt  man  sich,  dass  nach  cogitat  der  übrige  Theil 
des  Verses  und  vor  haut  ein  Daktylus  ausgeffillen  ist,  etwa  mit 
dem  Gedanken  ,doch  da  di«  Minyer  ihn  unablässig  bestürmen', 
so  gewinnt  jenes  pergit  eine  ganz  andere  Bedeutung.  Es 
müsste  dann  der  Satz  quamquam  ....  taedae  mit  tantis  voci- 
hus  inpar  verbunden  werden.  Dazu  kommt  noch,  dass  mor- 
temque  nicht  richtig  sein  kann.  Wie  seltsam,  wenn  Jason  sich 
den  Tod  wünscht ,  und  wie  wenig  passt  dieser  Gedanke  zu 
dem  folgenden  sociamque  pericli  cogitatl  Man  wird  daher  Mai-- 
temque  schreiben  müssen :  ,Jason  begehrt  zu  kämpfen',  jeden- 
falls ein  passenderer  Gedanke,  als  wenn  er  in  sentimentaler 
j  Weise  zu  sterben  verlangt.  So  hat  auch  Heinsius  v.  431  Mar- 
\  temque  für  mortemque  vorgeschlagen,  was  sehr  viel  für  sich  hat, 
wie  denn  überhaupt  diese  Wörter  in  den  Handschriften  häufig 
verwechselt  werden.  Durch  die  Conjectur  Ph.  Wagners  (a.  a. 
0.   387)    cimctaturque   moramque   cupit   s.  p.    cogitat,   wird    wol 

Sitzb.  d.  phil.-List.  Cl.  I.XVUI.  Bd.  111.   ilft.  lü 


284  Schenkl. 

ebenfalls  ein  passender  Sinn  hergestellt^  nur  bleibt  dabei  jenes 
pergit  doch  bedeutnng-slos  und  mnramqve  cnjnf  wiederholt  eigent- 
lich nur  den  schon  in  cunctatur  ausgesprochenen  Gedanken. 

Weit  mehr  Spuren  der  Nichtvollendung  zeigt  das  zweite 
Buch.  So  ist  der  abgerissene  Ausdruck  im  v.  170  gewiss  sehr 
befremdlich  und  wird  dem  Leser  damit  ein  gewaltiger  Sprung 
im  Gedanken  zugemuthet.  Allerdings  könnte  man  hier  an  den 
Ausfall  eines  oder  mehrerer  Verse  denken,  aber  es  hat  dies 
wenig  Wahrscheinlichkeit  für  sich,  da  in  diesem  Buche  noch 
andere  derartige  Stellen  vorkommen.  Gleich  v.  178  stösst  man 
an  plaustra  sequi  an,  welches  ganz  unvermittelt  dasteht;  denn 
man  sollte  doch  plmistraque  erwarten  und  das  Asyndeton  ist 
gar  nicht  berechtigt.  Ph.  Wagner  meint  zwar  (a.  a.  O.  o87), 
man  könne  die  Worte  plaustra  sequi  als  abgerissene  Aeusserung 
der  schluchzenden  Frauen  auffassen,  gibt  aber  diese  Erklärung 
selbst  auf,  indem  er  gleich  nachher  den  Vorschlag  macht,  qiie 
nach  tristes  im  vorhergehenden  Verse  zu  streichen  und  so  ein 
richtiges  Asyndeton  herzustellen.  Sehr  schroff  ist  ferner  der 
üebergang  von  v.  195  zu  196.  Es  ist  ganz  richtig,  dass  sich 
ijysa  (196)  durch  , leibhaftig,  in  ihrer  eigenen  Gestalt^  im  Gegen- 
satze zu  Dryopes  in  imagine  maestae  (174)  erklären  lässt;  auch  j 
kann  das  Herabsteigen  der  Venus  vom  Himmel  nicht  befrem- 
den. Sie  ist  natürlich,  nachdem  sie  die  erborgte  Hülle  der 
Dryope  abgelegt  hatte,  in  den  Olymp  zurückgekehrt.  Homer 
würde  dies  allerdings  ausdrücklich  erwähnt  haben,  aber  die 
spätere  Epik  ist  in  ihrer  Darstellung  viel  kürzer  und  knapper,  jr 
Doch  gibt  man  auch  dies  alles  zu ,  so  bleibt  immer  noch  hier 
ein  klaffender  Spalt ,  welchen  man  durch  einige  Uebergangs-  ! ' 
Worte  ausgefüllt  wünscht.  Was  lässt  sich  nun  nach  dieser  Er-  j . 
örterung  anderes  schliessen,  als  dass  uns  diese  ganze  Partie  in  j  i 
einem  unfertigen  Zustande  vorliegt.  i 

Ganz    ähnlich    verhält  es  sich    mit  der  Stelle ,  welche  die  ( ! 
Ankunft  der  Argonauten  auf  Lemnos  schildert.    Schon  Pierson  |  > 
(Verisimil.  p.  201)  erkannte,  dass  in  dem  Satze  Protinus  ingen-  !  ' 
tevi  pvncerum  snh  nomine  tanrnm  deicit  (329  f.)  Jason  das  Sub- 
ject  ist,  dass  aber  dieses  Subject  auch  ausdrücklich  bezeichnet 
werden  müsse,    da  sonst  Cytherea  aus  dem  vorhergehenden  zu 
ergänzen    wäre.     Er    will  daher    dux   statt   snh    herstellen.     So 
kann  man  allerdings  die  Spur  der  ofienbaren  Lücke  verwischen, 


Studien  zu  den  Argonautica  des  Valerius  Flaccus.  2<Sf) 

aber  ein  solclies  Verfahren  kann  nicht  auf  den  Namen  Kritik 
Anspruch  machen.  Man  ersieht  dies  schon  daraus ,  dass  uns 
gleich  im  Folgenden  nach  v.  331  wieder  eine  Lücke  begegnet; 
denn  offenbar  musste  doch  eine  Bitte  Jasons  ihm  die  Esse  des 
Vulcan  im  Berge  Mosychlus  zu  zeigen  oder  eine  Aufforderung 
der  Hypsipyle  zu  einem  Gange  dahin  vorausgehen,  ehe  der 
Dichter  sagen  konnte:  Ventum  erat  ad  rupem.  u.  s.  w.  (332). 
Also  auch  diese  ganze  Stelle  liegt  uns  nur  im  ersten  Entwürfe, 
nicht  in  vollständiger  Ausarbeitung  vor. 

Von  Lücken,  welche  auf  Abschreiber  zurückzuführen  sind, 
haben  wir  nur  eine  zu  bemerken,  nändich  v.  375,  nach  wel- 
chem, wie  Thilo  (XLV)  richtig  erkannt  hat,  ein  Vers  oder 
vielleicht  auch  mehr  ausgefallen  ist.  Jedenfalls  wird  zu  invi- 
disse  ein  Object,  etwa  gloriam,  oder  ein  durch  ut  eingeleiteter 
Satz,  vgl.  Verg,  Aeu.  XI,  269,  und  wahrscheinlich  auch  ein 
diesen  Infinitiv  regierendes  Verbum,  z.  B.  gemit,  erfordert;  die 
folgenden  Aceusative  kann  mau  sich  von  einem  Participium, 
wie  indignatus,  abhängig  denken ,  nur  müsste  noch  vor  deser- 
tasque  domos  ein  Glied,  wie  frustra  reb'ctam  patriam  gestanden 
haben.  Wenn  Thilo  noch  zwei  andere  Stellen  in  diesem  Buche 
als  lückenhaft  bezeichnet,  so  ist  dies  mehr  als  zweifelhaft.  Die 
erste  ist  jene  Schilderung  der  Polyxo  31G  ff.  Hier  ist  im  Vat. 
und  allen  anderen  Codices  v.  317  non  j^airiam,  non  certa  genns, 
sed  maxima  taete  überliefert,  nur  cod.  Carr.  bietet  für  das  sinnlose 
taete  die  Conjectur  caeM-^  v.  318  liest  man  im  Vat.  Proteaque  avi- 
higuum  pharii  se  .  .  .  ah  antris,  im  Monac.  und  cod.  Carr.  ist  die 
Lücke  mit  patris  ausgefüllt.  Thilo  (XLIII  f.)  vennuthet  nun,  dass 
V.  317  ursprünglich  gelautet  habe  non  ....  gemis  inmania  caete, 
worauf  dann  ein  Vers  etwa  derart  folgte  inter  ....  comitata 
Cabiro,  den  Vers  319  will  er  aber  also  schreiben  Proteaque  am- 
higuum  Phariis  narratw  ab  antris.  Es  lässt  sich  nicht  leugnen, 
dass  die  Erwähnung  der  Cabiro  hier  ganz  passend  wäre;  an- 
derei-seits  aber  vertragen  sicli  mit  dieser  Fassung  schwerlich 
die  Worte  non  patriam ,  non  certa  genus]  denn  wenn  Polyxo 
im  Gefolge  des  Proteus  und  der  Cabiro  von  der  Pharischen 
Grotte  her  von  Ptobbeu  über  das  Meer  getragen  wurde,  so 
konnte  doch  wol  ihre  Heimat  kaum  zweifelhaft  sein.  Die 
bezeichneten  Worte  wollen  aber  besagen,  dass  man  über  ihre 
Heimat,  ihre  Abkunft    nichts  Gewisses    zu    sagen  wusste,  dass 


286  Sehen  kl. 

man  darüber  nur  unbestimmte  Vermuthungen  hatte ;  Avorauf 
sich  diese  gründeten,  das  muss  in  den  folgenden,  uns  nur  ver- 
stümmelt erhaltenen  Worten  angedeutet  gewesen  sein.  So  schwer 
es  nun  auch  ist  hier  etwas  halbweg  Wahrscheinliches  zu  bie- 
ten, so  will  ich  doch  einen  anderen  Versuch  zur  Lösung  des 
Räthsels  machen.  Bei  Apollonios  (A,  668)  ist  die  Polyxo  ein- 
fach die  Amme  der  Hypsipyle;  Valerius  hingegen  macht  sie 
zu  einer  Meeresgöttin  gleich  der  Eidothea,  welche  als  Tochter 
des  Proteus  im  vierten  Buche  der  Odyssee  erscheint;  in  dem 
sae])e  imis  se  condit  aquis  liegt  offenbar  eine  Hindeutung  auf 
Od.  4,  425  WC  öIkS'jj'  jTrb  Tcivtsv  soüasTo  y.JiJ.aivovTa.  Darnach  darf 
man  also  vermuthen,  dass  Valerius  die  Polyxo  für  eine  Tochter 
des  Proteus  erklärte,  wie  neben  der  Eidothea  auch  die  Eury- 
nome  als  solche  genannt  wird  (von  Zenodotos  bei  Eusth.  p. 
1500,  40),  wobei  es  beachtenswerth  ist,  dass  Hyginus  in  dem 
Verzeichnisse  am  Eingange  unter  den  Oceaniden  neben  der 
Eurynome  (vgl.  II.  18,  398,  Eusth.  p.  1149  f.)  auch  die  Polyxo 
erwähnt  und  später  (fab.  182)  auch  die  Eidothea  Oceani  filia 
nennt;  Der  Dichter  aber  drückte  dies  nicht  bestimmt  aus, 
sondern  begnügte  sich  mit  der  geheimnissvollen  Andeutung: 
Proteus  mit  seiner  Gemahlin  sei  von  der  Pharischen  Grotte 
her  auf  Robben  über  das  Meer  gefahren,  wornach  man  ver- 
muthete,  er  habe  die  Polyxo  als  seine  Tochter  mitgebracht, 
obgleich  man  über  ihre  Heimat  und  Herkunft  nichts  Bestimmtes 
wusste.  Demnach  wage  ich  Folgendes  vorzuschlagen :  sed  te, 
vacja  Ceto,  Proteaqim  amhiguum  Phariis  est  rumor  ab  antris  liuc 
rexisse  vias  iunctis  suj^r  aeqnorn  phocis.  Darnach  wäre  also 
Ceto,  welche  Apollodor  I,  2,  7  unter  den  Nereiden  nennt,  von 
Valerius  als  Gattin  des  Proteus  und  Mutter  der  Polyxo  ange- 
nommen worden.  Was  die  Aenderungen  anbetrifft,  so  rührt 
die  Conjectur  Ceto  und  die  Ergänzung  rumor  von  Heinsius  her, 
est  ergibt  sich  aus  dem  e  nach  Phariis,  vcuja  konnte  leicht  in 
maga  und  nach  dem  Ausfalle  von  te  in  maxima  verändert  werden. 
Doch  sollte  auch  diese  Vei-muthung  nicht  die  Wahrscheinlichkeit 
für  sich  haben,  so  wird  es  eben  so  wenig  möglich  sein  eine 
Lücke  an  unserer  Stelle  mit  Wahrscheinlichkeit  nachzuweisen. 
Dass  nach  v.  565  nicht,  wie  Thilo  (XLIX)  annimmt, 
ein  Vers  ausgefallen  ist,  hat  Ph.  Wagner  (a.  a.  O.  S.  400) 
richtig  erkannt.    Der  Grund,  weshalb  Laomedon  den  Hercules 


Studien  zu  den  Argonautica  des  Valcrius  Flaccus.  287 

einladet  seine  Genossen  in  die  Stadt  zu  bi-ini^lin ,  ist  ja  dent- 
lieh  durch  fraternis  moenilms  ausg'csprochen,  nämlich  zur  Be- 
wirthung.  Auf  das  überlieferte  ostendat  wird  man  schwerlich 
ein  so  grosses  Gewicht  legen,  um  darnach  den  Ausfall  eines 
Verses  anzunehmen;  es    ist  einfach  in  ostendet  zu  verwandeln. 

Auch  das  dritte  Buch  ist,  wie  sich  bei  einer  eingehen- 
den Untersuchung  herausstellt,  im  unfertigen  Zustande  geblie- 
ben. Ich  verweise  hier  zuerst  auf  v.  273,  dei-,  wie  Thilo  (LXI) 
bemerkt  hat,  an  seiner  jetzigen  Stelle  unmöglich  ist,  da  er 
ohne  alle  Verbindung  dasteht.  Thilo  will  ihn  nach  v.  310 
stellen,  wo  er  allerdings  dem  Gedanken  nach  am  Platze  wäre. 
Aber  abgesehen  davon,  dass  man  doch  eher  sed  cur  etiam 
ßamnids  u.  s.  w.  erwarten  sollte,  ist  in  der  ganzen  Stelle  kein 
befriedigender  Zusammenhang,  kein  Satz  klappt  so  zu  sagen 
auf  den  anderen.  Wenn  Thilo  meint,  dass  man  zwischen  v. 
310  und  311  nichts  vermisse,  so  ist  dies  entschieden  unrichtig; 
denn  nach  den  langen  schmerzlichen  Klagen  kommt  die  An-- 
rede  vos  age  funereas  u.  s.  w.  ganz  unerwartet.  Der  Dichtei- 
hatte  jene  Aufforderung  des  Jason  zur  Bestattung  der  gefalle- 
nen Cyzicener  nicht  vollständig  ausgearbeitet,  sondern  nur  drei 
Verse  im  Texte  und  einen  am  Rande  geschrieben,  welcher  dann 
bei  der  Herausgabe  an  eine  falsche  Stelle  gesetzt  wurde. 

Ebenso  erhält  die  Klage  der  Clyte  mit  v.  329  keinen 
befriedigenden  Abschluss.  Würde  darnach  der  Gedanke  folgen: 
,Könnte  ich  jetzt  sterben  und  mit  dir  für  immer  vereint  wer- 
den,' so  würden  sich  daran  die  Verse  330  und  331  viel  besser 
anschliesseu,  als  es  jetzt  der  Fall  ist.  Ich  kann  daher  in  dieser 
Partie  nur  einen  Entwurf  sehen,  Den  Widerspruch,  welcher 
zwischen  v.  341  f.  und  II,  409  stattfindet,  möchte  ich  nicht 
mit  Thilo  (XXVII)  besonders  betonen;  denn  einmal  muss  ja 
der  Dichter  nicht  an  beiden  Stellen  ein  und  dasselbe  Pracht- 
kleid gemeint  haben  (vgl.  Ph.  Wagner  a.  a.  O.  392),  bei  wel- 
cher Annahme  jeder  Anstoss  entfiele;  sodann  hätte  auch  ein 
wirklicher  Widerspruch  dieser  Art  nicht  viel  zu  bedeuten,  weil 
sich  ein  solcher,  wie  z.  B.  die  bekannte  Geschichte  mit  dem 
Briefe  in  vSchillers  Don  Carlos  zeigt,  auch  trotz  dei-  soi'gffiltig- 
sten  Ausarbeitung  in  ein  Gedicht  einschleichen  kann. 

Die  Lücken  nach  v.  7()  und  die  Versetzung  des  Verses 
10  nach  25,  welcher  Fehler  in  der  Aldina  berichtigt  ist,  fallen 


288  Schenkl. 

jedenfalls  Abschreibern  zur  Last.  Bei  v.  10  ergibt  sich  dies 
schon  daraus,  dass  ein  Theil  von  ihm  in  den  vorhergehenden 
Vers  eingedrungen  ist,  und  das  Ende  desselben  zerstört  hat; 
der  Schreiber  hatte  durch  einen  Irrthum  zwei  Verse  in  einen 
zusammengezogen  und  dann,  ohne  seinen  Fehler  zu  verbessern, 
blos  V.   10  unten  am  Rande  nachgetragen. 

Im  vierten  Buche  sind  nur  zwei  Stellen  bemerkbar, 
welche  als  Beweis  für  unsere  Behauptung  dienen  können.  Ein- 
mal V.  213,  welcher  entschieden  nicht  an  seinem  Platze  steht. 
Erscheint  er  doch  ausser  aller  Verbindung  mit  dem  vorhei'ge- 
henden,  während  v.  214  sich  ganz  passend  an  212  anschliesst. 
Auch  kann  die  Stelle,  wohin  er  zu  versetzen  ist,  nicht  zweifel- 
haft sein ;  nach  necdnm  mens  gnara  locorum  (208)  muss  nämlich 
offenbar  die  Bezeichnung  des  Ortes  folgen  und  diese  ist  eben 
in  den  Worten  Neptuni  domus  enthalten.  Allerdings  sollte  man 
noch  mit  Burmann  Neptuni  haec  domus  erwarten,  aber  man  kann 
•doch  jenes  haec  noch  allenfalls  entbehren.  Diese  Störung  kann 
erst  in  späterer  Zeit  durch  einen  Abschreiber  eingetreten  sein, 
sie  kann  aber,  da  man  sie  so  lange  nicht  bemerkte,  auch  schon 
in  einem  Versehen  des  Herausgebers  ihi'en  Grund  haben.  Die 
andere  Stelle  ist  v.  661  ff.  Dort  ist  nämlich  v.  662  effugit  et 
tenehras  nimhosque  intermicat  ignis  neben  dem  folgenden  terH- 
ficique  ruunt  tonitrus  elisaqiie  noctem  lux  dinmit  nicht  zu  ertra- 
gen. Dies  beweist  ruunt  neben  effugit,  die  beide  gleichmässig 
mit  nuhihus  zu  verbinden  sind,  und  dann  elisaque  noctem  diri- 
mit,  was  doch  nur  ein  anderer  Ausdruck  für  tenehras  nimhos- 
que intermicat  ignis  ist.  Wahrscheinlich  ist  662  eine  ältere 
Variante,  welche  der  Dichter  später  verwarf  und  durch  die 
andere  Fassung  ersetzte. 

Wenn  Thilo  (XXVII)  in  diesem  Buche  einen  Widerspruch 
finden  will ,  weil  v.  200  f.  erzählt  wird ,  dass  Amycus  allein 
gekommen  sei,  während  279  von  den  agmina,  welche  den  matten, 
keuchenden  König  nicht  mehr  erkannten,  gesprochen  und  815 
erzählt  wird,  wie  die  Bebryker,  als  sie  den  Riesen  dahingestreckt 
sahen,  die  Flucht  ergriffen,  so  ist  dies  durchaus  nicht  berech- 
tigt. Man  muss  nur  v.  200  f.  richtig  verstehen  und  daselbst 
die  Leseart  des  Vat.  3277  taciti  gegen  die  im  Vaticanus  1613  | 
tanti,  welche  man  bisher  allgemein  angenommen  hat,  wieder 
zur  Geltung  bringen.     Die  Worte   quem   nee   sua   turha   tuendo 


Studien  zu  den  Argonautica  des  Va,leriu.s  Flaccus.  289 

it  taciti  secura  metns  geben  dann  den  ganz  |)assenden  Sinn : 
,mit  welchem  auch  nicht  seine  eigenen  Leute  gehen  können, 
ohne  sich  bei  seinem  Anblicke  einer  stillen  Furcht,  die  sie 
äusserlich  nicht  zu  zeigen  wagen,  erwehren  zu  können/ 

Im  fünften  Buche  befremdet  uns  der  v.  308  aut  altos 
dttris  fatorum  gentibus  ortus.  Will  man  ihn  neben  den  vorher- 
gehenden beibehalten,  so  bleibt  nichts  übrig  als  mit  Columbus 
alios  für  altos  zu  schreiben;  denn  die  hella  müssen  doch  zu 
den  fata  gezählt  werden  und  die  Ueberlieferung  enthält  somit 
einen  logischen  Fehler.  Nun  hat  aber  ein  englischer  Gelehrter 
in  den  Observationes  miscellae  richtig  erkannt,  dass  unsere 
Stelle  eine  Nachahmung  von  Hom.  II.  X,  3  ff.  ist '")  und  sonach, 
wie  dort  r,i  zcO-.  zzoXiiJ.o'.o  [^.eya  ■:-iiJ.x  zsjy.soavoT:  der  Schluss  des 
Bildes  ist,  auch  unser  Dichter  mit  cmt  scmguinei  magna  ostia 
belli  geschlossen  haben  wird.  Darnach  hält  er  den  Vers  308  für 
unecht.  Da  sich  aber  in  dem  ganzen  Texte  der  Argonautica 
nirgends  sonst  eine  Spur  von  Einschiebseln  zeigt,  so  wird  es 
sich  empfehlen  in  dem  Verse  eine  Randbemerkung  des  Dich- 
ters oder  einen  früheren  Entwurf  zu  erkennen.  Was  Ph.  Wagner 
(Phil.  XX,  G40  f.)  über  diese  Stelle  bemerkt,  ist  ganz  verkehrt. 

Offenbare  Doppelverse  sind  565  qnalis  ab  Oceano  nitidum 
chorus  aethera  vestit  und  566  qualibus  adsurgens  nox  anrea  cin- 
gitnr  astris,  wie  dies  schon  Ch.  Buläus  erkannt  hat.  ,Versiis 
bini,  sagt  er  in  seinen  Noten,  festivissimi^  sed  qui  non  admodtnn 
suaviter  se  invicem  excijnunt.  Legerim  ergo  in  posteriori  pro 
,qualibus'  ^qualis  et'.  Nisi  forte  umts  superfluit,  a  glossatore 
insertus  aut  a  poeta  quidem  f actus,  sed  ut  eligeretur  e  duobtis, 
qui  Sit  optimus/  Neuerdings  hat  sich  Thilo  (XXVI)  für  die- 
selbe Ansicht  ausgesprochen.  Wenn  Ph.  Wagner  (Neue  Jahrb. 
89,  391)  einen   von    diesen  Versen    für    eine    am  Rande  beige- 


'")  Valerius  hat  nicht  wenige  Stellen  aus  Homer  als  Vorbilder  benützt.  So 
ist  in  der  Klage  der  Clyte  III,  v.  320  ff.  der  berühmten  Stelle  II.  VI, 
4 1:5  ff.  und  V.  326  ff.  n.  XXIV,  743  ff.  nachgebildet.  Die  Vergleiche  VF, 
165  ff.,  358  ff.,  711  ff.  sind  aus  ü.  H,  459  ff.  und  VI,  146  ff.,  II  XVIT, 
389  ff.,  73  ff.  entlehnt.  In  der  Rede  des  Telamon  III,  697  ff.  ist  v.  707  ff. 
II.  I,  234  ff.,  in  der  Ansprache  des  Jason  an  Medea  V,  378  ff.  Od.  VI. 
149  ff.  nachgeahmt.  Bei  der  Stelle  IV,  132  schwebte  dem  Dichter  II.  XVI, 
459  vor,  bei  VI,  365  f.  II.  III,  375  ff.,  bei  VI,  G.S9  II.  II,  7()1,  bei  VIII, 
164  Od.  XX,  347,  bei  VIII,  452  Od.  I,  57,  bei  IV,  24  IL  II,  20,  Od,  VI,  21. 


290  Schenkl. 

schriebene  ßeminiscenz  aus  einem  anderen  Gedichte  erklären 
will,  so  hat  dies  bei  der  genauen  Uebereinstimmung  der  beiden 
Verse  nichts  für  sich.  Da  v.  565  im  Ausdrucke  der  gewähl- 
tere ist,  so  muss  man  566  als  den  älteren  betrachten. 

Versetzungen  von  Versen  finden  sich  zweimal  in  diesem 
Buche.  So  steht  v.  407  im  Vat.  nach  426  und  ist  erst  in  der  editio 
altera  Bononiensis  an  die  rechte  Stelle  gesetzt  worden.  Dieses 
Versehen  fällt  ohne  Zweifel  einem  Abschreiber  zur  Last,  da 
V.  407  nach  426  gestellt  den  Zusammenhang  in  zu  auffallender 
Weise  stört,  als  dass  dies  unbemerkt  bleiben  konnte.  Anders 
verhält  es  sich  mit  den  Versen  584 — 586,  welche  Meynke  Quaest. 
Val.  51  mit  Recht  nach  605  versetzt  hat,  indem  diese  Störung- 
schön   auf  die  ursprüngliche  Redaction  zurückzugehen  scheint. 

Wenn  Thilo  (XL VI)  vor  v.  670  eine  Lücke  annimmt, 
so  hat  dies  keine  innere  Wahrscheinlichkeit  für  sich.  Freilich 
die  Worte  fas  aliqvae  neqneat  sie  femina  sicher  herzustellen, 
das  ist  eine  Aufgabe,  welche  einen  Oedipus  verlangt.  Obwol 
es  nun  äusserst  bedenklich  scheint  die  misslungenen  Conjectu- 
ren  der  früheren  Kritiker,  wozu  noch  die  kühne  und  gewalt- 
same Aenderung  Ph.  Wagner's  vectas  fas  agitare  fagamf  sie 
diva  .  et  coeperat  (Neue  Jahrb.  89,  399)  kommt,  vielleicht  um 
eine  zu  vermehren,  so  will  ich  doch  eine  Vermuthung  nicht 
unterdrücken.  Ich  schlage  nämlich  vor  zu  lesen :  fessaqne  nunc 
cedam  sie  feminaf  ,Und  ich  soll  jetzt  so  als  kampfesmüdes  Weib 
weichen?*  Es  würde  dies  meiner  Meinung  nach  einen  ganz 
guten  Sinn  geben  und  läge  wol  auch  dem  Buchstaben  der 
Ueberlieferung  nicht  so  ferne. 

Wir  kommen  nun  zum  sechsten  Buche,  das  ebenfalls 
an  einigen  Stellen  Spuren  der  allmälichen  Arbeit  des  Dichters 
zeigt.  Was  nämlich  zuerst  die  beiden  Verse  ."^l  und  82  tunc 
et  quaeque  (Burmann  et  quisque,  Meynke  Quaest.  Val.  47  gens 
quaeque)  suis  comniisit  proelia  felis  voxqne  dei  pariter  pugnas 
audita  per  omnes  anbelangt,  so  stören  sie  offenbar  den  Zusam- 
menhang. Man  beachte  nur,  wie  vortrefflich  sich  v.  oO  ac  simul 
hinc  Colchos,  hinc  fundit  in  aequora  Persen  an  die  mit  v.  33 
beginnende  Aufzählung  der  Völkerschaften  dos  Nordens  an- 
schliesst.  Diese  Aufzählung  muss,  wie  das  Vorbild  des  Dich- 
ters, das  zweite  Buch  der  Ilias,  zeigt,  jedenfalls  dem  Beginne 
des  Kampfes  vorhergehen  und  somit  können  die  beiden  Verse 


Studien  zu  den  Argonautica  det  Valerius  Fliiccus.  291 

hier  nicht  geduldet  wcrdiÄi.  Die  KröfFnung  d(^s  Kampfes  wird 
erst  V.  182  ff.  geschihlcrt  und  zwar  ist  in  dem  einleitenden 
Verse  Uli  uhi  consertis  iunxere  fremenfia  teils  ganz  derselbe 
Gedanke  wie  v.  31  f.  und  mit  ähnlichen  Worten  ausgedrückt, 
so  dass  man  nicht  daran  denken  kann  den  Schwierigkeiten 
durch  die  Versetzung  jener  Verse  an  einen  anderen  Ort  ab- 
zuhelfen. Allem  Anscheine  nach  hat  der  Dichter  jene  Verse 
geschrieben,  als  er  noch  entschlossen  war  diese  Partie  kürzer 
zu  behandeln  und  noch  nicht  daran  dachte  jenen  Katalogos 
einzuflechten ;  und  da  sie  in  der  Handschrift  nicht  getilgt  wa- 
ren, so  wurden  sie  von  dem  Herausgeber  unbedenklich  aufge- 
nommen. Nicht  minder  anstössig  ist  v.  238,  der  sich  mit  dem 
Vorhergehenden  ohne  Beeinträchtigung  des  Gedankens  nicht 
verbinden  lässt.  Thilo  (XXXVI)  hat  mit  Recht  für  die  Worte 
(abies)  docilis  relegi  dociUsque  relinqtd  die  Erklärung  J.  Wagners 
angenommen  ,ut  et  retrahi  (erat  enini  amentata)  et  in  hostis 
corpore  fixa  relinqui  -passet'.  IMan  sieht  nun,  dass  sich  der 
Vers  (itque  iterum  medios  noii  altior  Ire  per  hostes  allerdings 
mit  docilis  relegi  verbinden  Hesse,  obwol  die  Worte  non  al- 
'tior  keinen  befriedigenden  Sinn  geben  und  man  dafür  mit 
Heinsius  und  J.  Wagner  vielmehr  non  tardior  erwarten  sollte, 
dass  dies  aber  wegen  der  dazwischen  tretenden  Worte  dociUs- 
que relinqui  nicht  möglich  ist.  Wenn  Thilo  dem  Dichter  eine 
solche  Verkehrtheit  zutrauen  will  und  Ph.  Wagner  (a.  a.  O.  396) 
diese  Stellung  sogar  rechtfertigt,  so  bedarf  dies  wahrhaftig 
nicht  einer  Widerlegung;  denn  wenn  sich  ein  Dichter  so  etwas 
gestatten  darf,  dann  gibt  es  für  ihn  kein  Gesetz  mehr  und 
keine  Grenze  für  seine  Willkür.  Wir  werden  daher  lieber 
annehmen,  dass  der  Dichter  diesen  Vers  für  eine  Fassung  wie 
docilis  relinqui  dociUsque  relegi  entworfen  hatte,  sich  aber  später 
für  die  umgekehrte  Stellung  und  eine  knappere  Form  entschied. 
Bei  der  letzten  Ueberarbeitung  hätte  er  den  Vers  sicherlich 
getilgt,  die  Herausgeber  haben  ihn,  weil  er  einmal  in  der  Hand- 
schrift stand,  ohne  weiteres  aufgenommen. 

Von  Versetzungen  findet  sich  in  diesem  Buche  nur  ein 
sicheres  Beispiel,  nämlich  v.  228,  der  im  Vat.  nach  24.Ö  steht, 
im  Monacensis  aber  an  seinen  richtigen  Platz  gestellt  ist,  welche 
Störung  ohne  Zweifel  durch  die  Schuld  eines  Abschreibers  ein- 
getreten  ist.     Dagegen   bei   v.    102   bleibt    die  Sache   fraglich. 


292  Schenkl. 

Dass  die  Worte  quosque  Taras  niveumqne  ferax  Evarchus  olornm 
nicht  für  sich  stehen  können ,  ist  klar ;  denn  wovon  soll  der 
Accusativ  quosque  abhangen?  Wenn  nun  Thilo  (XLVII)  nach 
diesem  Verse  eine  Lücke  annimmt,  so  hat  dies  wenig  Wahr- 
scheinlichkeit; denn  man  denke  sich  diese  wie  immer  ausge- 
füllt ,  so  wird  doch  zwischen  v.  102  und  dem  vorhergehenden 
niemals  eine  passende  Verbindung  hergestellt  werden.  J.  Wagner 
dachte  daran  den  Vers  nach  98  zu  vorsetzen,  was  aber  Thilo 
mit  Recht  verwirft;  denn  was  soll  qnos  Taras  armat  bedeuten 
und  wie  lässt  sich  ein  solcher  Ausdruck  rechtfertigen  ?  Eine 
viel  passendere  Stelle  hätte  der  Vers  nach  67,  wornach  quos- 
que Taras  pota  efferat  unda  zu  construieren  wäre,  und  vielleicht 
sind  durch  eine  solche  Umstellung  alle  Schwierigkeiten  behoben. 
Indess  kann  der  Vers  auch  eine  Randbemerkung  sein,  welche 
der  Dichter  späterhin  ausführen  wollte,  ohne  ihr  gleich  einen 
bestimmten  Platz  anzuweisen. 

Von  Lücken  lässt  sich  in  diesem  Buche  nur  eine  nach 
V.  77  nachweisen,  die  jedenfalls  ihren  Grund  in  der  Nach- 
lässigkeit eines  Abschreibers  hat.  Thilo  will  allerdings  (XL VI  f.) 
noch  zwei  andere  Lücken  annehmen,  aber  ohne  irgend  eine 
Wahrscheinlichkeit.  So  sollen  nach  95  einige  Verse  ausge- 
fallen sein,  die  das  Object  zu  aequat,  nämlich  equorum  celeri- 
tatem,  und  dann  eine  Schilderung  der  übrigen  Stämme,  in  welche 
die  Batarner  getheilt  waren  (Strab.  VII,  p.  306),  enthielten. 
Ich  sehe  aber  keinen  Grund  hiezu,  da  sich  die  überlieferten 
Worte  ganz  gut  erklären  lassen.  Der  Accusativ  habenas  hängt  i 
wol  grammatisch  von  inter  ab,  lässt  sich  aber  ganz  leicht  zu  fi 
aequat  ergänzen.  Darnach  kann  man  die  Verse  95  f.  ast  uhi 
Sidonicas  (Ph.  Wagner  Phil.  XX,  641  will  Sidonias,  was  viel 
für  sich  hat)  inter  pedes  aequat  hahenas,  ilUnc  iuratos  in  se 
trrdiit  Aea  Batanias  so  auffassen :  aber  von  dem  Lande,  wo  i 
Fussvolk  und  Reiter  unter  einander  gemischt  kämpfen  und 
der  Fussgänger  im  Laufe  der  Schnelligkeit  des  Rosses  gleich- 
kommt, was  besonders  bei  den  Sidonen,  dem  Hauptstamme  der 
Batarner,  der  Fall  ist,  von  dorther  u.  s.  w.  Man  mag  den 
Ausdruck  allzukurz  und  dunkel  finden ;  es  ist  aber  weder  an 
eine  Corruptel  noch  an  eine  Lücke  zu  denken.  Uebrigens 
hatte  der  Dichter  bei  dieser  Schilderung  offenbar  die  Stelle 
in  Cäsars  bell.  Gall.  I,  48  vor  Augen.  Eben  so  wenig  darf  man 


Studien  zu  den  Aigonautica  de«  Valerius  Flaccus.  293 

eine  Lücke  nach  571  amiolinien,  wie  dies  Pli.*  Wui>ner  (Neue 
Jahrb.  89,  399)  gegen  Tliilo  nachgewiesen  hat.  Aucli  halte 
ich  die  Ueberlieferung  in  den  Versen  571  und  572  für  riclitig, 
selbst  ohne  dass  man  die  Conjectur  im  Codex  des  Carrion 
praereptus  statt  ereptus  annimmt ;  denn  Valerius  hat  auch  sonst 
durch  die  Arsis  eine  Verlängerung-  einer  kurzen  Endsylbe  eintreten 
lassen,  so  in  der  dritten  Arsis  VI,  152  saevns  lionor  und  VI,  305 
genitör  inquit,  wofür  in  C  inquit  genitor  hergestellt  ist,  in  der 
zweiten  II,  225  metiis  adeo  und  in  der  vierten  neben  unserer  Stelle 
noch  III,  234  sanguis  exuheret.  Nicht  hieher  gehört  densä  spargeMs 
VI,  229,  wo  densa  zwar  nicht  Ablativ,  sondern  Accusativ  ist,  die 
Verlängerung  aber  ihren  Grund  in  der  doppelten  Consonans 
hat,  mit  welcher  das  folgende  Wort  beginnt  (vgl.  L.  Müller  de  re 
metr.  p.  320).  Möglich  nun,  dass  Valerius  einige  dieser  Stellen, 
namentlich  unsere  und  VI,  152  bei  einer  Ueberarbeitung  geän- 
dert hätte;  doch  selbst  daran  zu  bessern  ist  bei  dem  Zustande, 
in  welchem  das  Gedicht  vorliegt,  sicher  nicht  räthlich.  Gram- 
matisch ist  unsere  Stelle  nicht  bedenklich.  Es  muss  hier,  wie 
zu  reddita  ein  sunt,  so  est  zu  areptus  ergänzt  werden ;  in  dem 
Satze  hrevihns  ereytus  in  annis!  wird  das  vorausgehende  'pri- 
maeviis  emphatisch  wiederholt. 

Aus  VII,  423  (vgl.  I,  441)  ersehen  wir,  dass  der  Dichter 
in  dem  Kampfe  mit  Perses  auch  den  Argonauten  Iphis  fallen 
Hess  (wie  es  scheint  nach  dem  Vorgange  des  Dionys  von  Milet, 
nach  welchem  aber  Iphis  in  dem  Kampfe  umkam,  den  die  Argo- 
nauten auf  der  Rückkehr  zu  bestehen  hatten,  als  Aeetes  auf  der 
Verfolgung  die  Fliehenden  erreichte  Schol.  Apoll.  IV,  223),  wäh- 
rend Andere,  wie  Diodor  IV,  48,  dies  von  Iphitus  erzählten.  Nun 
hat  sich  schon  J.  Wagner  mit  Recht  darüber  verwundert,  dass 
in  diesem  Buche  vom  Tode  des  Iphis  nicht  die  Rede  ist,  wes- 
halb er  an  den  Ausfall  einer  Anzahl  von  Versen  dachte.  Thilo 
erwähnt  diese  Vermuthung  (XXVIII) ,  bemerkt  aber  hiezu : 
sed  hoc  quoque  loco  de  Vnlerü  festinalione  cogitare  mala.  Sollte 
denn  Valerius  wirklich  mit  solcher  Eile  gedichtet  haben?  Und 
wie  sollte  er,  da  er  doch  den  Tod  des  Canthus  erzählt  (VI,  317  ff.), 
den  des  Iphis  in  der  Eile ,  ohne  es  zu  merken ,  übergangen 
haben?  Das  Wahrscheinlichste  ist,  dass  Valerius  diese  Erzäh- 
lung bei  der  ersten  Ausarbeitung  des  Buches   noch    nicht  aus- 


294  Sclienkl. 

führte,  sondern  sie  erst  später  einzuflechten  g-cdachte.  Es  lassen 
sich  freilich  noch  zwei  andere  Mög-lichkeiten  denken.  So  konnte 
der  Dichter  erst  bei  der  Ausarbeitung-  des  siebenten  Buches 
auf  den  Gedanken  kommen  auch  den  Iphis  im  Kampfe  g^egen 
Perses  fallen  zu  lassen,  um  so  eine  grössere  Abwechslung  in  die 
Schlachtenbilder  des  sechsten  Buches  zu  bringen;  da  er  aber 
das  Gedicht  keiner  Ueberarbeitung  unterzog-,  so  blieb  das  sechste 
Buch  so,  wie  es  entworfen  war,  und  nur  im  ersten  Buche 
wurden  VII,  423  entsprechend  einige  Verse  441 — 443  einge- 
schoben. Auch  konnte  Valerius  das  sechste  Buch  später  aus- 
g-eführt  haben  als  das  siebente  und  erste  und  dabei  zum  Ent- 
schlüsse g-ekommen  sein  bloss  Canthus  im  Kampfe  fallen  zu 
lassen,  was  natürlich  bei  einer  Ueberarbeitung-  des  Gedichtes 
die  Streichung-  von  VII,  423  und  die  Umänderung  von  I,  441  ff. 
nach  sich  g-ezogen  haben  würde.  Doch  sind  diese  beiden  Er- 
klärung-sarten  weit   weniger  wahrscheinlich. 

Auch  das  siebente  Buch  verräth  an  mehreren  Stellen, 
dass  der  Dichter  noch  nicht  die  letzte  Hand  an  sein  Werk  an- 
gelegt hatte.  Eine  solche  Stelle  ist  v.  .57,  an  welchem  bisher 
noch  Niemand  Anstoss  genommen  hat,  obwol  er  den  Zusam- 
menhang in  auffallender  Weise  stört.  Es  liegt  auf  der  Hand, 
dass  sich  v.  58  si  tarnen  his  aliter  perstas  non  cedere  terris  un- 
mittelbar an  die  nachdrucksvolle  Betheurung  ante  meus  caesa 
descendet  Cancasus  im\hra  u.  s.  w.  anschliesst.  Zudem  ist  der 
Ausdruck  in  v.  57  so  unvollständig  (zu  statid  müsste  doch  noch 
ad  aram  hinzugefügt  werden),  der  Gedanke  so  abgerissen,  dass 
man  in  diesem  Verse  nur  eine  Randbemerkung  des  Dichters 
sehen  kann,  die  ihm  gewissermassen  als  ein  Merkzeichen  bei 
der  späteren  Ueberarbeitung  dienen  sollte.  Offenbar  wollte 
er  den  Aeetes  sagen  lassen:  Nicht  ich  bin  die  Ursache,  wenn 
das  goldne  Vliess  im  Lande  der  Kolcher  ist;  ich  habe  ja 
nicht  die  Helle  und  den  Phrixus  am  Altare  schlachten  wollen. 
Auch  würde  Aeetes  jedenfalls,  wenn  Valerius  diese  Stelle  aus- 
geführt hätte ,  auf  die  "  freundliche  Aufnahme  des  Phrixus  in 
Kolchis  hingewiesen  haben  (vgl.  I,  519  ff.).  Wo  dies  eiuge- 
flochten  werden  sollte,  ist  ungewiss;  nur  kann  dies  nicht  an 
dem  Orte,  wo  jetzt  v.  57  steht,  beabsichtigt  gewesen  sein, 
weil,    wie    gesagt,    v.    b'6  und  58  unmittelbar  zusammenpassen. 


Studien  zu  den  Argonantica  des  Valerins  Flaccus.  295 

V.  201  kommt  im  Vnt.  iii   doppelter  Fassung"  vor;  es  tblg-t 
nämlich  auf  den  lückenhaften  Vers  hoc  satis  ipsa  etiam  spectare 
siipremos  noch  der  vollständige  ei   mihi  ne  casus  etiam  spectare 
s2(.praemos.     Thilo    nimmt   nun    (XXVII)  an,  dass  diese  beiden 
Verse    von    dem  Dichter   herrühren;    Valerius    habe,    nachdem 
er    den    ersteren  Vers   gedichtet  hatte,  bemerkt,- dass  dei'selbe 
durch  die  Auslassung-  des  Verbum    substantivum   etwas  dunkel 
geworden    sei;    der  Gedanke    sei    nämlich:    hoc   satis   esset,  secl 
spectare  etiam  casus  tuos  supremos  cogar.     Daher   habe    er   den 
zweiten  Vers    beigefügt,    der    seiner  Fassung  nach  entschieden 
den  Vorzug   verdiene.     Ich    bin    hievon   nicht  überzeugt.     Vor 
Allem  ist  es  nicht  wahrscheinlich,   dass  ein  Herausgeber  diese 
beiden  Verse    neben    einander    stehen   gelassen  hat.     Man  ent- 
gegne nicht,  dass  dies  ja  auch  sonst  geschehen  sei  und  gerade 
in  dieser  Abhandlung  nachgewiesen  wurde.     Bei    den    anderen 
Beispielen  war  noch  immer  eine  gewisse  Construction  möglich, 
mochte    sie    auch    noch    so   verkehrt    sein,    was    hier  nicht  der 
Fall  ist;    auch   liegt   bei    dem  Gleichlaut    der  Verse   die  Sache 
so  auf  der  Hand,  dass  sie  selbst  der  blödeste  Abschreiber  mer- 
ken musste,  wie  denn  auch  in  allen  übrigen  Handschriften  der 
zweite  Vers    gestrichen    ist.     Dann    beachte    man    noch,    dass 
der   erste  Vers    unvollständig   überliefert   ist   und   wol  Jemaud 
den  Versuch    machen    konnte    ihn   zu    ergänzen;    auch    war  es 
gewiss    nicht    schwer,  casus  zu  finden,  welches  durch   den  Ge- 
danken  gefordert   und   durch  supjvemos  deutlich  angezeigt  war. 
Was  ferner  ei  mihi  im  zweiten  Verse  anbetrifft,  so  konnte  es 
der  Emendator  für  das  ihm  minder  verständliche  hoc  satis  aus 
V.  23G  entnehmen.  Endlich  leugne  ich,  dass  die  zweite  P'assung 
den  Vorzug   verdient;    im    Gegentheile    muss    man    den   ersten 
Vers   als  den  gelungeneren   anerkennen,    nur    wird   man    nach 
swori  (202)  nicht    einen  Punkt,   sondern    ein  Fragezeichen    zu 
setzen  haben.     Dann  ist  zu  hoc  satis  bloss  est  zu  ergänzen  und 
die  Stelle    so    zu   erklären :    Es    ist  ja    schon    dies  genug,  dass 
i  ich  über  dich  und  dein  Geschick  weine ;   soll  ich  noch    deinen 
j  Tod   mit    meinen  Augen    schauen,    soll    ich  wieder   gezwungen 
!  die  Begleiterin  meiner  hartherzigen  Schwester  sein?  —  Einen 
i  sicheren  Doppelvers    haben    wir    dagegen   v.  571  f.     Man  ver- 
\  gleiche  nur  taurus  et   inmani  proßavit  tuvhine  fiammas  mit  ar- 
j  dmts  atque  atro  volvens  incendia  fluctu,  und  man  wird   zugeben 


296  Schenkl. 

müssen,  es  sei  in  beiden  Versen  ganz  derselbe  Gedanke  ausg-e- 
drückt.  Dass  ßuctn  unbedenklich  ist,  hat  Ph.  Wagner  (Phil.  XX, 
626)  mit  Recht  gegen  Eyssenhardt  bemerkt,  der  dafür  rictn  schrei- 
ben wollte  (Rhein.  Mus.  XVm,  392).  Wenn  Meynke  in  seinen 
Quaestiones  Valerianae  (p.  53)  dessenungeachtet  diese  Conjectur 
billigt  und  zugleich  ardum  in  narihus  ändern  will,  so  ist  dies 
die  reinste  Willkür.  Auf  diese  Weise  wird  man  allerdings 
leicht  einen  Doppelvers  beseitigen  können,  nui'  darf  ein  solches 
Verfahren  nicht  auf  den  Namen  von  Kritik  Anspruch  machen. 
Uebrigens  hat  Meynke  in  den  Nachträgen  (p.  5ö)  diese  Aende- 
rungen  selbst  wieder  verworfen  und  ist  zu  seiner  früheren  An- 
sicht (p.  29)  zurückgekehrt,  wornach  dieser  Vers  eine  Parallel- 
stelle aus  einem  anderen  Dichter  sein  soll,  die  sich  ein  Leser 
am  Rande  angemerkt  habe. 

Eine  Lücke ,  die  auf  einen  Abschreiber  zurückzuführen 
ist,  finden  wir  in  diesem  Buche  nach  632,  wo  jedenfalls  ein 
Vers  verloren  gegangen  ist.  Dagegen  kann  ich  nicht  mit  Thilo 
V.  85  annehmen,  dass  nach  ijraecejis  das  Ende  dieses  Verses 
und  vor  subito  der  Anfang  des  folgenden  ausgefallen  sei ,  son- 
dern erkläre  die  offenbare  Corruptel  in  dieser  Stelle  auf  eine 
andere  Weise.  Das  Bild,  dessen  sich  der  Dichter  hier  bedient, 
haben  Ph.  Wagner  (Phil.  XX,  644)  und  Meynke  (Quaest.  Val. 
p.  15)  gegenüber  den  irrigen  Auslegungen  der  früheren  Heraus- 
geber richtig  erkannt.  Jason  hatte  sich  gemäss  der  Verspre- 
chungen des  Aeetes  schon  am  Ziele  seiner  Wünsche  gesehen 
und  nun  stand  er  weit  von  demselben  entfernt  vor  Gefahren, 
welche  nicht  geringer  schienen  als  die  Cyaneischen  Felsen. 
Daher  vergleicht  ihn  der  Dichter  mit  einem  Schiffer,  der  schon 
das  Ziel  seiner  Schiff  fahrt,  die  Mündung  des  Tiber  und  den 
Leuchtthurm  von  Ostia,  erblickt,  plötzlich  aber  durch  einen 
Windstoss  verschlagen  und  gegen  die  verderblichen  Syrten  an 
der  Küste  Afrikas  getrieben  wird.  Denkt  man  sich  nun  nach 
fharon  eine  Pause  im  Vortrage  und  verwandelt  man  suhito  in 
raptus  oder  actus,  so  wird  man  Meynke  zugeben  müssen,  dass 
der  Gedanke  vollständig  und  der  Ausch'uck  tadellos  ist.  Denn 
des  Beisatzes  vento  bedarf  es  nicht,  besonders  bei  der  Kürze 
im  Ausdrucke,  wie  sie  Valerius  liebt,  noch  weniger  eines  spe- 
ciellen  Namens,  wie  aquilone,  da  die  Richtung  durch  Syrtes  an- 
gedeutet ist.    Freilich  scheint  raptus  oder  actus  für  subito  eine 


Stuflion  z«  cIpii  Argona\itica  dps  Valerius  Placcus.  297 

sehr  willkürliche  Aenderimg  zu  sein,  indess  lässt  sich  diese 
Verbesserung  doch  sehr  wahrscheinlich  machen.  Wir  finden 
nämlich  im  Vat.  mehrfach  Spuren  mittelalterlicher  Glosseme,  wie 
dies  schon  Thilo  (LX)  bemerkt  hat.  Zweifellos  ist  dies  VI,  3, 
wo  über  tueri  die  Glosse  videre  stand  und  daraus  die  Lesart 
viden  entstanden  ist,  und  so  hat  auch  VII,  503,  wo  Heinsius 
statt  videiitem  richtig  tuentem  hergestellt  hat,  das  Glossem  das 
echte  Wort  verdrängt;  V,  151,  wo  die  echte  Lesart  Mossyni 
ist,  steht  im  Vat.  Moossony  cid,  die  Bemerkung  eines  Mönches, 
welcher  den  gewöhnlichen  Namen  Mossynoeci  angeben  wollte, 
VI,  382  findet  sich  neben  q^dn  das  überflüssige  etiam.  Diesen 
schon  von  Thilo  angeführten  Beispielen  füge  ich  noch  drei 
andere  hinzu.  Das  seltsame  litorihus  II,  139,  was  in  der  Aldina 
in  veUeinhus  verbessert  ist,  verdankt  wol  seinen  Ursprung  dem 
Worte  lahoribus,  das  zur  Erklärung  über  velleribus  geschrieben 
war,  hehia  III,  511,  wofür  Burmann  flwnina  hergestellt  hat, 
scheint  eine  Bemerkung  zu  Nemeen  zu  sein,  welche  sich  in  den 
Vers  einschlich  und  ein  Wort  desselben  verdrängte.  Die  di-itte 
Stelle  dieser  Art  VII,  550  ff.  erheischt  eine  längere  Erörterung. 
Hier  ist  nämlich  folgendes  überliefert: 

tuqiie  timm  ixirtim.  Graium.  da  natu  draconem 

ipsius  aspectu  pereant  in  vellera  et  ipsa 

terga  mild  diros  servent  infecta  cruores. 
In  dem  ersten  Verse  schreibt  man  allgemein  nach  einer 
Verbesserung  von  Heinsius  patri  in  Graios,  wovon  zwar  ixiiri 
in  richtig,  Graios  aber  vei'fehlt  ist;  warum  soll  man  nicht  das 
überlieferte  Grainm  beibehalten,  da  doch  hier  Jason  allein  in 
Betracht  kommt.  Allerdings  liegt  dann  in  der  Stelle  ein  Dop- 
pelsinn, indem  man  tuum  sowol  zu  Grainm  als  zu  draconem 
beziehen  kann;  aber  diese  Ironie,  dass  Aeetes  in  seiner  Rede 
an  Medea  unbewusst  den  Jason  als  twis  bezeichnet,  kann  recht 
wol  in  der  Absicht  des  Dichters  gelegen  sein,  Ist  dies  richtig, 
dann  muss  auch  im  folgenden  Verse  pereat  ne  (ne  hat  schon 
die  Aldina)  geschrieben  werden,  wie  es  ja  auch  der  Zusammen- 
hang verlangt;  denn  da  Jason  allein  das  Unternehmen  zu  be- 
stehen hat,  so  kann  er  ja  auch  nur  allein  durch  den  Anblick 
des  Drachen  zu  Grunde  gehen.  Was  die  folgenden  Worte  an- 
betrifft, so  hat  Thilo  richtig  erkannt,  dass  vellera  und  ferga, 
da  sie  ganz  dasselbe  bezeichnen,    nicht  neben    einander   stehen 


298  Schenkl. 

können.  Mit  villus,  Avas  Thilo  vorscliläg-t,  ist  nichts  geholfen. 
Eben  so  ist  die  Conjectur  Meynke's  (Q.uaest.  Val.  p.  5*2)  templa 
für  terga  verfehlt.  Einen  Tempel  des  Mars  gab  es  nämlich  gar 
nicht,  sondern  nur  einen  heiligen  Hain  (Ispbv  äXaoq  Apoll.  IV, 
100,  123,  130,  vgl.  in  unserem  Gedichte  V,  640  ff.),  welcher  aller- 
dings ganz  gut  templnm  genannt  werden  kann ;  diese  Bedeutung 
, heiliger  Bezirk  (Tsp-svo;),  Heiligthum'  hat  ja  auch  templa  V,  632, 
Vin,  438,  wo  sich  dies  besonders  aus  der  letzteren  Stelle  ganz 
deutlich  ergibt.  Da  aber  ipsa  hier  jedenfalls  eine  Steigerung  be- 
zeichnet, so  kann  templa  nicht  richtig  sein ;  denn  die  heilige  Eiche 
mit  dem  ^^iesse  bildet  doch  den  Mittelpunkt  des  templnm  und  ihre 
Verunreinigung  ist  daher  noch  viel  schrecklicher  als  die  Be- 
fleckung des  Haines.  Wol  aber  kann  man  sich  ipsa  mit  terga 
verbunden  denken,  wenn  statt  vellera  ein  anderes  Wort  gesetzt 
wird,  das  eine  minder  bedeutende  Sache  bezeichnet.  Ich  ver- 
muthe  daher,  dass  vellera  eine  GTlosse  ist,  welche  terga  erklären 
sollte,  und  dass  diese  Glosse  das  echte  Wort  quercns  verdrängt 
hat.  So  erhalten  die  Worte  einen  treffenden  Sinn :  damit  nicht 
der  heilige  Baum  und  selbst  das  an  diesem  aufgehängte  Vliess 
vom  Blute  des  Frevlers  befleckt  die  Spuren  desselben  bewahre. 
Kehren  wir  nun  zu  unserer  Stelle  (VII,  83)  zurück,  so  wird 
man  bei  dem  Umstände,  dass  im  Archetypus  mehrfache  Glossen 
nachzuweisen  sind,  auch  hier  an  eine  Erklärung  von  praeceps 
durch  subito  und  an  eine  Verdrängung  des  echten  Wortes  denken 
dürfen,  welches  wol    nur  raptus  oder  actus  gewesen  sein  kann. 

Von  Versumstellungen  finden  wir  in  diesem  Buche  zwei 
Beispiele.  Es  müssen  nämlich,  wie  Thilo  (LXI)  richtig  erkannt 
hat,  die  beiden  Gruppen  von  je  acht  Versen  276 — 283  und 
284 — 291  ihre  Plätze  wechseln.  Es  ist  sehr  wol  möglich,  dass 
diese  Störung  schon  von  dem  Herausgeber  durch  Versetzimg 
zweier  Blätter  verursacht  wurde;  und  da  die  andere  Stelle, 
nämlich  295  und  296,  welche  Meynke  (Quaest.  Val.  p.  50)  mit 
Recht  umgestellt  hat,  in  derselben  Partie  vorkommt,  so  kann 
auch  diese  Verwechslung  den  gleichen  Ursprung  haben. 

Die  offenbarsten  Beweise  aber  für  unsere  Annahme,  dass 
das  Gedicht  unfertig  von  dem  Dichter  hinterlassen  wurde, 
liefert  das  achte,  wie  schon  gesagt,  unvollständige  Buch.  So 
ist  es  undenkbar,  dass  Valerius  auf  v.  139  unmittelbar  140 
folgen    Hess,  wie   dies  schon   Weichert  (in  seiner    Ausgabe  des 


Studien  zu  den  Argonaiitica  des  Valerius  Flaccus.  299 

achten  Buches  p.  139)  und  Thilo  (XXXI)  bemerkt  haben;  die 
Partikel  adhuc  (140)  war  schon  Burmann  anstössig,  und  in  der 
That  ist  dieselbe  nur  dann  denkbar,  wenn  im  Vorhergehenden 
ei'zählt  wird,  wie  Aeetes  mit  seinen  Mannen  in  die  Stadt  zurück- 
kehrte ,  um  die  geeigneten  Massreg-eln  zui-  Verfolgung'  der 
Flüchtigen  zu  treffen.  Ph.  Wagner  (Neue  Jahrb.  .89,  393)  meint 
zwar,  aus  dem  nequiqnam  ergebe  sich  von  selbst,  dass  die 
Kolcher  mit  Aeetes  wieder  zurückkehren,  ohne  dass  dies,  weil 
nicht  nöthig,  besonders  bemerkt  werde.  Aber  aus  nexjuiqvam 
kann  man  dies  nicht  entnehmen  5  denn  7ieqniqvam  bezeichnet, 
wie  aus  dem  folgenden  hervorgeht,  bloss,  dass  die  Verfolgung 
der  Kolchei-,  ihi-e  Kampflust  umsonst  gewesen  sei,  weil  sie  das 
Meer  von  dem  Schiffe  trennte.  "Wagner  muss  dies  selbst  ge- 
fühlt haben,  weil  er  nom  in  iam  oder  citri  verändern  will ;  da- 
<lurch  aber  würde  auch  nichts  erreicht:  mit  und  ohne  nam 
würde  immer  der  Satz  fngit  inmissis  u.  s.  w.  eine  ^Begründung 
oder  Erklärung  des  Vorausgehenden  geben.  Es  sind  somit 
entweder  nach  139  einige  Verse    verloren  gegangen  oder  (und 

I  dies  ist  das  Wahi'scheinlichere)  der  Dichter  hat  beim  ersten 
Entwui'fe  diese  Stelle  nicht  vollständig  ausgeführt.  —  Wenn 
Thilo  (XXXI)  aus  der  unnatürlichen  Stellung  von  mit  (v.  168)  und 
dem  verkehrten  Gedanken  iremus  et  amhae  in  qiiasczimqiie  vias 
den  Schluss  zieht,  Valerius  würde  dieser  Stelle  bei  einer  Ueber- 
arbeitung  des  Gedichtes  eine  bessere  Fassung  gegeben  haben, 
so  kann  ich  ihm  nicht  beistimmen.  Allerdings  ist  der  Gedanke 
der  Idyia  mit  Medea  entfliehen  zu  wollen,  wie  schon  J.  Wagner 
erkannte,  unpassend :  aber  man  stösst  bei  Valerius  mehrfach 
auf  derlei  outrierte  und  geradezu  geschmacklose  Stellen.  Er 
wollte  hier  offenbar  Verg.  Aen.  V,    707  ff.  nachahmen.     Auch 

i  die  Bemerkung  über  die  Stellung  von  avt  wiegt  nicht  schwer; 

i  denn  es  finden  sich,  wie  wir  schon  gesehen  haben,  in  den  Ar- 

I  gonautica  noch  andere  Beispiele  solcher  verrenkter  Wortstel- 
lungen.    Ph.  Wagner  (a.  a.    O.  393)    will    diesem    Uebelstande 

j  durch  Emendation  abhelfen  und  ant  vor  commune  einsetzen, 
wo  es  leicht  von  dem  vorausgehenden  -am  verschlungen  werden 
konnte;  doch  dieser  Vorschlag  ist  nicht  ernst  gemeint,  da  gleich 

j  darauf   für  aut   certe  tunc    :    liaud    remio  tmic    vermuthet    wird. 

j  Was  soll  denn  aber  hier  das  ganz    überflüssige  Urne,  das  noch 

i  dazu  nur  eine  Conjectur  von  Dureau  de  Lamalle  füi-  das  über- 

Sitzlj.  d.  [.liil.-hist.  Cl.  LXVni.  Bd.  ÜI.  lllt.  20 


300  S  c  h  e  n  k  1. 

lieferte    mcnc    ist.      Meiner    Ansicht    nacli    wird    man  mtt   certe, 
nata,  omne  nefas  schreiben  müssen. 

Zwischen  440  und  441  besteht  kein  Zusammenhang,  wes- 
halb man  durch  verschiedene  Coujeeturen  quaerit,  quaero,  qua  re 
für  das  überlieferte  qiiaere  nachzuhelfen  versuchte,  ohne  aber 
etwas  Entsprechendes  herzustellen.  Auch  mit  der  Versetzung 
des  Verses  463  ,qr(id  mheasf  heu  dure  siles'^  maymimqne  minatur 
nach  440  ist  nichts  erreicht,  wie  wir  weiter  unten  zeigen  werden. 
Es  wäre  also  hier  wieder  ein  Ausfall  von  einem  oder  mehreren 
Versen  anzunehmen,  wenn  nicht  die  Wahrscheinlichkeit  dafür 
spräche,  dass  der  Dichter  diese  Stelle  in  ganz  unfertigem  Zu- 
stande hinterlassen  hat. 

An  vv.  449  f.  hat  man  bisher  nicht  Anstoss  genommen, 
obwol  sie  den  Zusammenhang  in  auffallender  Weise  stören; 
denn  der  Satz  si  ....  cerner  et  muss  sich  unmittelbar  an  ferehat 
anschliessen,  während  er  jetzt  in  ganz  verkehrter  Weise  mit 
frigit  verbunden  ist.  Dann  beachte  man  den  Sinn  unserer  Stelle 
und  das  Bild,  dessen  sich  der  Dichter  bedient:  Medea  stürmt 
wie  wahnsinnig  davon  und  ersteigt  in  Hast  einen  Berggipfel 
gleich  einer  Mänade,  welche  Bacchus  mit  seinem  Thyrsus  auf 
den  Cithäron  hinauftreibt.  Was  soll  nun  hier  cuncta  pavens, 
was  die  entsetzte  Flucht  vor  den  zuckenden  Lanzen  der  Erd- 
gebornen oder  den  Flammen  schnaubenden  Stieren?  Diese  Vi- 
sionen (denn  anders  kann  man  ja  die  Worte  nicht  auffassen) 
sind  hier  ganz  und  gar  nicht  am  Platze.  Was  der  Dichter 
damit  beabsichtigte,  ist  schwer  zu  sagen;  nur  dies  ist  sicher, 
dass  diese  Verse,  welche  Valerius  am  Rande  oder  auf  einem  fl 
Blatte  hingeworfen  hatte,  von  dem  Herausgeber  hier  am  un- 
rechten Orte  eingefügt  wurden. 

Von  V.  458  an  haben  wir  nur  einige  abgerissene  Verse, 
die  letzte  Arbeit  des  Dichters  vor  uns.  Wie  Thilo  (XXXVHI) 
richtig  bemerkt  hat,  besteht  zwischen  diesem  Verse  und  dem 
vorhergehenden  gar  kein  Gedankenzusammenhang.  Ph.  Wagner 
(a.  o.  O.  394)  will  hier  zwar  den  Ausfall  eines  Blattes  im  Vat. 
(etwa  fünfzig  Verse)  annehmen;  wie  wenig  Wahrscheinlichkeit 
dies  aber  hat,  ei'sieht  man  gleicli  aus  dem  folgenden,  wo  zwischen 
4G2  lind  464  eben  so  wenig  ein  Zusammenhang  besteht  und  auch 
nicht  durch  die  Versetzung  des  Verses  463  ,quid  iid)eas?  heu 
dure  sües'  mcupiumque  minatur  zwischen    diese    beiden ,    welche 


Studien  zu  ilen  Argonautica  dcti  Valerius  Flaccus.  301 

Umstellung  man  seit  Maser  allgemein  angenommen  hat,  her- 
gestellt wird.  Dass  der  Vers  nicht  nach  459  stehen  kann,  ist 
klar,  weil  sich  die  Worte  qunlis  erat  an  decor  ille  iuventae  an- 
schliessen  ;  wo  er  aber  hingehört,  das  lässt  sich  nicht  enträth- 
seln ;  denn  wenn  man  ihn  mit  Lemaire  nach  440  stellt,  so  kann 
man  zur  Noth  quin  mmc  quoque  q^iaere  mit  quid  iitheas  verbinden, 
aber  es  passt  weder  der  Ausruf  heu,  dure  silesf  noch  magnum- 
qiie  minaUir,  welches  übrigens  die  Rede  der  Medea  ungeschickt 
unterbrechen  würde.  Ich  begreife  daher  nicht,  wie  Thilo  (XXXII) 
sagen  konnte,  dass  dieser  Vers  nach  440  einen  ganz  passenden 
Platz  habe. 

Wenn  wir  nun    das,   was  sich  bei  der    Untersuchung    der 

einzelnen  Bücher    ergeben    hat,    übersichtlich    zusammenstellen, 

so  sehen  w^ir,  dass  sich  in  unserem  Gedichte  zahlreiche  Spuren 

der  Unfertigkeit  zeigen.    Wir  hnden  Verse,  welche  der  Dichter 

sich  am  Rande  bemerkt  hatte,    theils  um  sie  später,    wenn  es 

ihm  passend  schiene,    in  den  Text    zu    verweben,    wie    I.    410, 

ni,  273,  theils  um  sie  als  Merkzeichen  für  Partien  zu  gebrauchen, 

welche  er  erst   bei  der   Ueberarbeitung   auszuführen    im  Sinne 

hatte,  wie  VII,  57,  VIII,  449  f.,  weiter  Verse,  welche  der  Dichter 

ohne  Zweifel   beseitigen    w^ollte,    wie    V,    308,    VI,   31    f.,    23<S, 

endlich  Doppelverse  und  Doppelstellen,  aus  welchen  er  bei  der 

letzten  Feile  die    Wahl    zu    treffen    gedachte    oder   auch    schon 

bei  der  Ausarbeitung  die  Wahl  getroffen  hatte,  ohne  jedoch  die 

parallelen  Verse  oder  Versgruppen,  welche  er  verworfen  hatte, 

zu  tilgen,  wie  I,  779—784,  831  f.,  IV,  662,  V,  566,  VII,  572. 

Es  kommen  nicht   wenige    unfertige    Stellen   vor,    welche    sich 

durch  mangelhaften  Gedankenzusaramenhang,  fehlende  Partikeln 

u.  dgl.  als  solche  verrathen,  wie  II,    170,  178,    196,    329,  332, 

III,  311,  330,  VIII,  139,  440,  458,  464;  im  sechsten  Buche  ist 

j  der  Tod  des  Iphis,    obwohl    dieser   nach    VII,  423  (I,    44  Ij  in 

I  dem  Kampfe  mit  Perses  gefallen  ist,  der  eben    den  Inhalt  des 

i  sechsten  Buches  bildet,  mit  keinem  Worte  erwähnt.  Auch  sind 

Versetzungen  von  Versen  zu  bemerken,  welche,  wie  es  scheint, 

nicht  Abschreibern  zur  Last    zu    legen    sind,    sondern    auf  die 

ursprüngliche  Redactiou  zurückgehen,    wie    IV,    213,  V,  584 — 

I  586,  VI,  102,  VII,  276—283,  295.     Diese    Spuren  linden  sich 

I  mehr  oder  weniger  in  allen  Büchern,  namentlich    aber    enthält 

I  das  zweite  und,  wie    begreiflich,  das   unvollendete    achte    Buch 

20* 


302  Sehen  kl. 

eine  grössere  Zahl  unfertiger  Stellen.  Es  hat  somit  der  Dichter 
an  kein  einzig'es  Buch  die  letzte  Hand  angeleg-t.  Wir  sehen 
also,  es  sind  uns  die  Argonautica  in  einem  ganz  ähnlichen  Zu- 
stande wie  die  Aeneis  überliefert.  Weiterhin  ergibt  sich,  dass 
der  Herausgeber  der  Argonautica  seine  Aufgabe  eben  so  schlecht 
erfüllt  hat,  wie  L.  Varius  und  Plotius  Tucca  die  ihre  bei  der 
Herausgabe  der  Aeneis  oder  M.  Tullius  Cicero  die  seine  bei  der 
Redaction  des  Gredichtes  des  Lucretius.  Nur  in  einem  Puncte 
verdient  er  Anerkennung,  nämlich  dass  er  nichts  eigenmächtig 
veränderte  oder  hinzufügte;  aber  es  scheint  diese  Zurückhal- 
tung eine  allgemeine  Eigenschaft  der  Herausgeber  in  jenen 
Jahrhunderten  gewesen  zu  sein. 

Wie  wir  oben  gesehen  haben,  ist  das  Prooemium  zu  den 
Argonautica    um    71    n.    Chr.    geschrieben.      Daraus    aber    zu 
schliessen,  dass  Valerius    schon    damals    die    Argonautica   ganz 
oder  zum  grossen   Theile   ausgearbeitet   hatte,    wäre    ganz    ver- 
fehlt, um  so  mehr  als  ja  der  Dichter  im  achten   Buche  stehen 
blieb.      Da    das    Prooemium    ganz    deutliche    Beziehungen    auf 
Thatsachen  und  Erscheinungen  jenes    Jahres    enthält,    so    muss 
es  dazu  bestimmt  gewesen  sein  gerade  in  jener  Zeit  veröffent- 
licht zu  werden.    Was  liegt  nun  hier  näher  als  die  Vermuthung, 
dass    Valerius    das    erste    Buch  seines  Gedichtes    im   Jahre    71 
öffentlich  vorgetragen  hat;    die    Recitationen    waren  ja    damals 
das  gewöhnliche  Mittel,  um  für  ein  grösseres  Werk,    das    man 
in  der  Arbeit  hatte,  das  Interesse  des  gebildeten  Publicum  rege 
zu  machen.     Nach  alle  dem    hatte  unser  Dichter    um  7 1  nicht 
viel  mehr  als  das  erste  Buch    ausgearbeitet   und    nehmen    wir, 
was  gewiss  nicht  unwahrscheinlich  ist,  die  Zeit,  welche  Statins 
auf  seine  Thebais  verwendete,  als  Massstab  an,  so  hat  Valerius 
beiläufig  in  je    einem  Jahre  je  ein    Buch    ausgeführt    und    war 
also  um  78  mit  dem  achten  Buche  beschäftigt.    Einen  anderen 
Grund,  warum  er  sein  Gedicht  unvollendet  Hess,  als  seinen  Tod 
kann  man  sich  schwerlich  denken.     Somit  wird  man  etwa  das 
Jahr  79  als  das  Sterbejahr  unseres  Dichters  anzusetzen  haben. 
Dieser  Annahme  steht  der  Ausspruch  des  Quintilian,  den  dieser 
beiläufig  zehn  Jahre    hernach    gethan    hat,    vudtnm    in    Valerio 
F/.arco  nv.'per  nmisimns   nicht  entg-egen ;    denn    nnper    wird    be- 
kanntlich   nicht    immer    von    einer   ganz    nahe    liegenden    Zeit, 
sondern  auch  von  (iiner  entfernteren,  z.  B.  von  drei,  vier,  auch 


Studien  zu  den  Argonautica  de:^  Viileiius  Flaccus.  303 

zehn  Jahren  Ji^esetzt  (vi^l.  Hand  Tui'soll.  IV,  340).  Das  multum 
amifiünus  des  Quintilian  gilt  nicht  allein  dem  bedeutenden  Ta- 
lente des  Dichters,  sondern  auch  dem  Umstände,  dass  er,  ohne 
seine  Argonautica  zu  vollenden,  in  der  Bliithc  der  Jahre  dahin- 
starb, während  man  von  ihm  noch  eine  weitere  Entwicklung 
und  grössere  dichterische  Leistungen  ei-warten  konnte.  Und  so 
kommt  doch  trotz  aller  Bedenken,  die  man  dagegen  vorgebracht 
hat,  die  alte  Ansicht  des  Ba})tista  Pius  und  Petrus  Crinitus 
wieder  zu  Ehren,  dass  Valerius  durch  einen  frühzeitigen  Tod 
den  Musen  entrissen  wurde. 


IL 

Dass  die  Argonautica  von  ihrer  Zeit  mit  grossem  Beifalle 
aufgenommen  wurden,  ersieht  man  nicht  bloss  aus  dem  eben 
augeführten  Urtheile  des  Quintilian,  sondern  auch  aus  der  viel- 
fachen Benützung  derselben  von  Seiten  zweier  Zeitgenossen, 
nämlich  des  Statins  und  Silius  Italiens.  Statins  hat  aus  dem 
Gedichte  des  Valerius  eine  grosse  Menge  von  Vergleichungen, 
Bildern,  Wendungen,  neu  gebildeten  Wörtern  u.  dgl.  entlehnt, 
bei  Silius  Italicus  beschränkt  sich  die  Nachahmung  mit  wenigen 
Ausnahmen  bloss  auf  einzelne  Fügungen  und  Ausdrücke. ")  Doch 


")  Dass  Statins  die  Argonautica  stark  ansbentcte,  hat  Caspar  Barth  in  seinem 
Comnicntar  zu  Statins  mehrfach  bemerkt  und  neuerdings  Meynke  (Quaest. 
Val.  p.  31)  hei-vorgehoben.  So  sind  ganze  Partien  des  Gedichtes  von 
Statins,  freilich  mit  mannigfachen  Umänderungen  nachgebiklet  worden, 
z.  B.  die  Erzähhmg  vom  Morde  der  Männer  auf  Lemnos  imd  der  Ankunft 
der  Argonauten  daselbst  (II,  82—127  =  Tlieb.  V,  49— 498;  vgl.  l)esondors 
n,  102  mit  Theb.  V,  62,  H,  214  mit  Theb.  V,  122,  II,  216  mit  Theb.  V, 
206,  II,  292  mit  Theb.  V,  289)  oder  die  Schilderung  des  Faustkampfes 
zwischen  Pollux  und  Amycus  (IV,  199—314  =  Theb.  VI,  731  —  812; 
vgl.  besonders  IV,  250  mit  Theb.  VI,  733,  IV,  265  ff.  mit  Theb.  VI,  765 
ff.,  IV,  330  mit  Theb.  VI,  783,  IV,  304  mit  Theb.  VI,  803).  Ebenso  hat 
er  einzelne  Situationen  aus  den  Argonautica  entlehnt,  z.  B.  den  mit  dem 
Mischkessel  kämpfenden  Pholus  (I.  337  f.  =  Theb.  II,  563  f.)  oder  die 
neben  dem  verdammten  Phlegyas  in  der  Unterwelt  gelagerte,  ihn  peini- 
gende Furie  (II,  192  ff.  =  Theb.  I,  712  ff.),  Hylas  als  Träger  von  Waffen 
des  Hercules  (I,   109  ff.,  vgl.  in,  486  =  Theb.  V,  441   ff.),  nicht   minder 


304  Schenkl. 

haben  wir  nirgends  eine  Andeutuna^,  dass  Valerius  iu  den 
Schulen  gelesen  oder  von  einem  Grammatiker  erklärt  wurde; 
auch  findet  sich  im  Vaticanus  keine  Spur  von  Scholien ;  denn 
die  wenigen  Glossen,  die  wir  früher  besprochen  haben,  sind 
mönchischen  Ursprunges  und  vollständig  unbedeutend.  Kein 
Grammatiker  hat  eine  Stelle  aus  Valerius  als  Beispiel  und  Beleg 
angeführt  oder  eine  Erklärung  irgend  eines  schwierigen  Verses 


Vergleichungen,  wie  II,  546  ff.  =  Theb.  III,  33ü  ff.,  II,  385  ff'.  =  Theb. 
XI,  742  ff.,  IV,  195  ff.  =  Theb.  VII,  438  ff.,  VII,  567  ff.  =  Theb.  III, 
317  ff.,  V,  343  ff.  =  Ach.  II,  150  ff.,  VI,  383  ^  Theb.  VII,  744.  Häufig 
findet  man  Versansgänge  oder  Versanfänge  nachgeahmt  z.  B.  ludoque  edu- 
cite  noclem  I,  251  =  Theb.  II,  74,  verha  relinqve  I,  333  =:  Silv.  II,  1, 
152,  nataeque  nw-nsque  11,  247  =  Theb.  V,  200,  iaima  leti  III,  386 
(IV,  231)  =  Theb.  III,  68,  motu  pater  incüat  hasta  IV,  609  =  Theb. 
IX,  72,  Ostia  belli  V,  307  =  Theb.  V,  146,  profundo  .  .  mero  V,  593  = 
Theb.  V,  187,  sub  ipsa  (morte)  VII,  336  =  Theb.  VIII,  648,  nube  soporis 
VIII,  81  =  Ach.  I,  646,  ibant  VI,  160  =^  Theb.  H,  230,  auch  andere 
Verstheile,    wie    data   copia   (vennn)   I,    102  =  Ach.  I,  495,  reserata  dies 

I,  655  =  Theb.  V,  479,  quae  sola  salus  HI,  255  =  Theb.  X,  531,  deus 
haec  deus  III,  271  =  Theb.  V,  133,  strepuere  tuhae  VI,  28  =  Theb.  IV,  95. 
Sehr  gross  ist  die  Anzahl  von  Wendungen,  Ausdrücken,  Attributen,  Wortbil- 
dungen u.  s.  w.,  welche  Statins  aus  den  Argonautica  entnommen  hat.  Man 
vergleiche  I,  4  {flammifero  Olympo)  mit  Silv.  I,  2,  119,  I,  79  {animi 
incevtum)  mit  Theb.  III,  444,  I,  104  (viagna  laude  canunt)  mit  Theb.  VIII, 
553,  I,  241  (supe^-um  consulta)  mit  Theb.  VII,  81,  I,  264  (ivipliciti  oscidaj 
mit  Silv.  II,  1,  46,  I,  319  (Idaeam  .  .  .  buxumj  mit  Theb.  V,  93,  I,  328 
fu7ide  ego  timuissem)  mit  Theb.  VI,  142,  I,  355  (celer  Asterion)  mit  Theb. 
IV,  121,  I,  532  (rerinnquc  a  principie  cursu  fixa  manent)  mit  Theb.  III,  242, 

II,  158  (durata  yelu)  mit  Ach.  11,  393,  II,  357  {lege  poli)  mit  Theb.  I, 
298,  IU,  37  (soUsque  cubilia)  mit  Silv.  III,  I,  183,  III,  74  {fixit  pavor)  mit 
Ach.  I,  158,  III,  559  (rota  Phoebi)  mit  Silv.  V,  1,  17,  III,  578  {/ähemi 
Jovis)  mit  Theb.  III,  26,  III,  677  (consortia  famae)  mit  Theb.  I,  84,  IV, 
138  (ParrJiosio  patriae  de  viore  galeroj  mit  Theb.  IV,  303,  IV,  160  (caestu 
obi-uit  ora)  mit  Ach.  I,  190,  IV,  181  {rotatis  viris)  mit  Theb.  11,  607,  IV, 
508  (Vesevi  apex  .  .  .  ignea  rtiontem  .  .  hievis)  mit  Silv.  III,  5,  72,  V,  225 
flaborati  aevij  mit  Theb.  I,  341,  V,  288  (et  nostros  iam  sudor  equos)  mit 
Theb.  III,  210,  V,  356  (virginei  custos  jmdoris)  mit  Theb.  XII,  205,  VI, 
150  (inpulit  dubios)  mit  Theb,  XI,  482,  VI,  655  (mortem  acerbat)  mit 
Theb.  IX,  302,  VII,  127  (7noUi  ira)  mit  Theb.  V,  732,  ferner  V,  448  (de- 
qtiesta)  mit  Theb.  I,  404,  XI,  627,  IV,  137  {iimbrataqtie)  mit  Theb.  IV, 
738,  VI,  554,  IV,  418  (persona)  mit  Ach.  I,  208  u.  dgl.  m.  Auch  für  die 
Kritik  des  Valerius  gibt  diese  Vergleichung  einige  Ausbeute.  So  erhellt 
aus  Silv.  I,  4,  36  vaga  cingitur  astris  Inna,    dass  Statius  den  Doppelvers 


Studien  zu  deu  Argonautica  det;  Valerius  Flaccun.  30; ) 

der  Argonautica  zu  geben  versucht.  INIit  deh-  Hadrianischen 
Periode  gerietli  das  Gedicht  in  Vergessenheit  und  erlaugte  auch 
später  nicht  mehr  einen  grösseren  Leserkreis;  wenigstens  lassen 
sich  in  den  Dichtungen  der  folgenden  Jahrhunderte  nur  selten 
Benützungen  oder  Nachahmungen  der  Argonautica  nachweisen. 
Sieht  man  von  der  Uebereinstimmung  in  einzelneu  Wendungen 
oder  Ausdrücken  ab,  die  bei  manchen  späteren  Dichtern,  z.  B. 
bei  Prudentius  hervortreten,  die  aber  auch  auf  blossem  Zu- 
falle oder  auf  der  Benützung  anderer  Vorbilder  beruhen  können, 
mithin  keineswegs  geeignet  sind  als  Beweis  zu  dienen,  so  können 
wir  nur  zwei  Dichter  namhaft  machen ,  welche  eifrige  Leser 
des  Valerius  gewesen  sind  und  manches  von  ihm  entlehnt  haben. 


V,  566  qualibus  adsur;jens  nox  aurea  civyüur  anh-is  gekannt  liat.  I,  144: 
wird  liic  ense  fiiiens  dui'ch  Theb.  V,  661,  IX,  303  als  die  echte  Leseart 
gegen  den  Codex  des  Carrion,  in  welchem  hac paite  fui-ens  überliefert  war, 
gerechtfertigt;  II,  '29  ist  dedif,  wofür  man  iapit,  tidit,  vehif  vorgeschlagen 
hat,  durch  Theb.  I,  568  geschützt,  1,  213  wird  legem,  was  Kiessling  (de 
Dien.  Hai.  auct.  p.  46)  in  regem  ändern  wollte,  durch  Ach.  I,  64  iura 
freti  vertheidigt,  ebenso  1,  356  fovit  gegen  die  Conjectur  von  Heinsius 
lavit  dmx-h  Theb.j  I,  61.  Dagegen  bestätigt  Statius  , durch  seine  Nach- 
ahmungen auch  zwei  Conjecturen  von  Heinsius,  nämlich  II,  151  uliits  für 
lales  (vgl.  Theb.  V,  \'d%  ipsa  fuces  alias  melioi-aqtie  fotdera  iungam,  was 
schon  Meynke  Quaest.  Val.  p.  32  bemerkt  hat)  und  VI,  168  icfus  für 
intux  (vgl.  Theb.  XII,  656  icla  gemit  lellus);  auch  funestaqne,  das  ich  in 
meiner  Ausgabe  II,  191  statt  fesünaqtie  hergestellt  habe,  jedenfalls  ein 
bezeichnenderes  Wort  als  das  von  Friesemann  (Coli.  erit.  p.  81),  Schrader 
(Hermes  II,  142)  und  Peerlkamp  (Verg.  Aen.  VI,  602)  vorgeschlagene 
iiifestaque  und  auch  durch"  die  Alliteration  empfohlen,  erhält  eine  weitere 
Begründung  diu'ch  funesta    Venim  ....  fureidea  Theb.  V,  281. 

Um  von  den  Nachahmungen  des  Silius  einige  Beispiele  zu  geben,  ver- 
weisen wir  auf  den  Vergleich  VI,  260  iF.  =  Pun.  VII,  673  tf.,  auf  die 
Schilderung  des  Ausbruches  des  Vesuvs  IV,  507  tF.,  besonders  509  (iam- 
que  eous  cinis  induit  u7-be6j  =  Pun.  XVII,  592  ff,,  besonders  595  f.,  auf 
die  gleichen  Versanfänge  und  Versausgänge  III,  659  {laetus  opum)  =  Pun. 

XIII,  33,  II,  137  (castumque  cuLile)  =  Pun.  III,  28,  H,  245  {Latus  . .  saecnla 
fastis)  =  Pun.  XVI,   131,  auf  Verstheile,  wie  V,   75   {vana  Jides)  =  Pun. 

XIV,  351;  VI,  146  {veiia/Ms  ulil)  —  Pun.  VIII,  571,  VIII,  85  {Imtantia 
lumina)  =  Pun.  VII,  205,  auf  übereinstimmende  Wendungen,  wie  I, 
8  (cvrsus  ruvipere)  =  Pun.  VII,  5(57,  V,  369  {jwx  accenditur) ;  vgl. 
III,  411,  wo  Burmann  nicht  unwahrscheinlich  accenderit  statt  ascenderit 
vorgeschlagen  hat,  was  auch,  noch  durch  pnniceas,  das  dann  proleptisch 
zu  fassen  wäre,  empfohlen  wird)  =  Pun.  HL  671,  VI,  614  {mutatque 
cruores)  —  Pun.  V,  286.  VI,  238  u.  dgl.  m 


306  Scheukl. 

nämlich  Claudianus  und  Claudius  Murius  Victor. '^)  Wie  wenig- 
das  Gedicht  g-elesen  wurde,  ersieht  man  schon  daraus,  dass  bei 
keinem  Schriftsteller  ein  Vers  davon  angeführt  oder  auf  irgend 
eine  Stelle  desselben  angespielt  wird.  Im  Commeutare  des 
Servius  zu  Vergil  ist  Statins  an  69  Stelleu  citiert,  dagegen  Va- 
Icrius  und  Silius  nicht  ein  einziges  Mal. 

Da  nun  das  Gedicht  in  den  letzten  Zeiten  der  römischen 
Literatur  nur  wenig  bekannt  war,  so  kann  es  uns  nicht  Wunder 
nehmen,  dass  sich  im  Mittelalter  jede  Spur  desselben  verliert. 
Die  Handschrift,  welche  durch  einen  glücklichen  Zufall  gerettet 
worden  wai',  ruhte  in  einer  Klosterbibliotliek,  und  wenn  auch 
von  ihr  Abschriften  gemacht  wurden,  so  waren  es  nur  wonige 
und  selbst  von  diesen  gelangte  keine  in  die  Hände  eines  Ge- 
lehrten, der  durch  seine  Schriften  auf  diese  Dichtung  hätte 
aufmerksam  machen  können.  Von  den  Punica  des  Silius,  welche 
ebenfalls  verschollen  waren,  hatte  man  doch  durch  Martialis  (VI, 
14)  Kunde  und  kannte  ihren  Inhalt;  von  Valerius  wusste  man 
nur  aus  Qiiintilian,  dass  er  ein  episches  Gedicht  verfasst  habe, 


■2)  Wenn  Meynke  (Quaest.  Val.  p.  31)  meint,  dass  Claudianus  die  Ai-gonau- 
tica  nirgends  benützt  hat,  so  ist  dies  entschieden  unrichtig.  Besonders 
tritt  in  dem  Gedichte  de  raptu  Proserpiuae  in  einzelnen  Wendungen  und 
Ausdrücken  die  Nachahmung  des  Valerius  deutlich  hervor.  Man  vergleiche 

I,  70  [quercum  arislu)  mit  de  r.  P.  I,  31, 1,  39G  {funcut  nuhe  diem)  =  de  r.  P.  I, 
liJ2, 1,  508  {rrnnpere  queatus,  vgl.  IV,  42)  =  de  r.  P.  II,  249,  II,  \'61  (cantwnque 
cubllc)  —  de  r.  P.  III,  163,  II,  003  (ü«cw«  Averni)  —  de  r.  P.  I,  20,  III, 
211  {nox  .  .  .  hüjis)  =  d.  r.  P.  I,  274,  III,  232  (uliiUmtia  Dindynia)  = 
de  r.  P.  II,  2G0,  IV,  449  {ex  online  fatis)  —  de  r.  P.  III,  05 ;  auch  sind 
die  Verse  I,  142  ff.  und  I,  151  ff.  im  Gedichte  des  Claudianus  offenbar 
den  Stellen  I,  589  f.  und  II,  24  ff",  der  Argonautica  nachgebildet.  Doch 
auch  in  den  übrigen  Dichtungen  des  Claudianus  finden  sich  hie  und  da 
einzelne  Nachahmungen,  z.  B.   I,  355  (matre    cadenteni)  =  in  Ruf.   I,   92, 

II,  482   {corniger  Hamnion)  =  IV  Honor.   cons.   143  u.   ö. 

Claudius  Marius  Victor  hat  in  seinen  Commentarii  in  Genesim  vielfach 
Verse  und  Phrasen  aus  Valerius  benützt  oder  nachgebildet.  Man  vergleiche 

III,  395  et  fessos  dulcis  sopor  cdlirjat  art^is  mit  Val.  I,  48,  III,  111  fusca- 
rique  diem  mit  Val.  I,  396,  III,  607  lattri  haeret  mit  Val.  III,  480,  III, 
138  Pario  de  marmore  mit  V,  187  (eine  nicht  unwichtige  Bestätigung  der 
Conjectur  Maser' s),  Praef.  88  frmide  t.yvamii  mit  Val.  IV,  16,  III,  679 
rotat  Aetna  mit  Val.  IV,  287  (wodurch  auch  dort  rotat  Aetna  als  die  rich- 
tige Leseart  erwiesen  wii-d);  an  einigen  Stellen  ist  die  Ucbereinstimmung 
keine  wörtliche,  aber  doch  deutlich  der  Einduss  des  Vorbildes  zu  erkennen, 
z.  B.  III,  287  fl'.  verglichen  mit  Val.  II,  274  ff. 


Studien  zu  den  Argouautica  des  Valcriub  Flaccus.  307 

Name  und  Inhalt  waren  unbekannt.  Es  ist  ein  sonderbarer 
Zufall,  dass  die  Argünautica  und  Punica  1417  in  derselben 
Bibliothek  (im  Kloster  von  St.  Gallen)  dureh  Poggio  und  Bar- 
tholomeo  de  monte  Pulciano  entdeckt  wurden.  Die  beiden 
Epen  haben  ein  ganz  gleiches  Geschick  5  zu  ihrer  Zeit  gefeiert, 
waren  sie  in  späterer  Zeit  fast  vergessen,  im  Mittelalter  unbe- 
kannt; zugleich  wieder  aufgefunden  treten  sie  fast  um  dieselbe 
Zeit  ans  Licht  und  an  die  handschriftliche  Ueberlieferung  beider 
knüpfen  sich,  wie  wir  gleich    sehen  werden,    ähnliche    Fragen. 

Unter  den  jetzt  vorhandenen  Codices  der  Argonautica  ist 
nur  einer  vom  höheren  Alter,  nämlich  der  Vaticanus  3277, 
welcher  dem  neunten  Jahrhunderte  angehört.  Baptista  Pius, 
der  ihn  für  seine  Ausgabe  (Bologna  1519)  benutzte,'-^)  nennt  ihn 
in  der  Widmungsepistel  an  den  Cardinal  Julius  Medici  codex 
Dacicus  suspiclendae  antiquitatis  und  sagt,  dass  er  ihm  van  Ja- 
cobus  Oridryinus,  scriba  Apostolicus,  geliehen  worden  sei ;  V, 
354  bezeichnet  er  ihn  als  ex  nltimis  Gei'maniis  allatns,  I,  441 
und  III,  538  bloss  als  ex  Germania  allatns.  Er  war  einst  im 
Besitze  des  Fulvius  Ursinus,  der  ihm  in  einer  Bemerkung  auf 
dem  ersten  Blatte  ein  tausendjähriges  Alter  zuschreibt-,  so 
mochte  auch  Pius  diese  Handschrift  in  das  sechste  Jahrhundert 
gesetzt  haben.  Wie  die  Nachricht  bei  Pius,  so  weist  auch  die 
ganze  Schreibart  des  Codex  auf  Deutschland  als  die  Heimat 
desselben  hin;  leider  lässt  sich  nichts  näheres  über  die  Her- 
kunft desselben  bestimmen,  da  die  beiden  Verse  am  Ende ,  in 
welchen  sich  der  Schreiber  unter  Angabe  seines  Klosters  genannt 
zu  haben  scheint,  gegenwärtig  nicht  mehr  lesbar  sind  (vgl, 
Thilo  Prolegg.  XL  ff.). 

Der  Sangallensis,  welchen  Poggio  1417  auffand  ist,  wie 
Thilo  (LXIX)  nachgewiesen  hat,  nur  eine  Abschrift  des  Vati- 
canus und  zwar  eine  unvollständige  gewesen ,  da  er  mit  IV, 
317  endigte.  Poggio  hat  wahrscheinlich  nicht  ihn  selbst  nach 
Italien  gebracht,  S(jndern  nur  eine  Abschrift  davon  gemacht, 
j  aus  welcher  die  beiden  Vaticani    1613  und    1014,    der   Ottobo- 

I  *')  Dass  Pius,  wie  dies  schon  Heinsius  erkannte,  den  Vaticanus  und  zwar 
nachdem  er  schon  von  der  zweiten  Hand  corrig'iert  war,  benutzt  liat,  sieht 
man  aus  seiner  Note  zu  I,  178  ,in  anfiqiio  codice  leijilur:  frateinae  eve- 
nietque  adcrexcere j^  evenietque  ist  aber  im  Vat.  von  zweiter  Hand  aiif  einer 
Rasur  gescln-ieben. 


308  Schenkl. 

nianus  1258  und  ein  Oxforder  Codex,  den  Heinsius  verglichen 
hat,  geflossen  sind;  Pogg-io's   Abschrift    ist    verloren    gegangen. 

Der  Vaticanus  3277  wurde  im  15  Jahrhunderte  mehrfach 
abgeschrieben,  dabei  aber,  wie  es  damals  Brauch  war,  der  Text 
sehr  willkürlich  behandelt,  indem  man,  so  gut  es  gieng,  die  Cor- 
ruptelen  durch  Conjecturen  beseitigte  und  die  Lücken  ausfüllte. 
Unter  diesen  Vermuthungen  finden  sich  nicht  wenige,  die  ganz 
sicher  oder  doch  sehr  wahrscheinlich  sind,  aber  auch  viele  ver- 
fehlte und  verkehrte.  Solche  Abschriften  sind  der  Monacensis 
802,  der  Vaticanus  1(353,  Reginensis  1869,  zwei  Codices  in  der 
Chisi'schen  Bibliothek  (H.  V.  172  und  173),  vier  in  der  Lau- 
rentiana  (plut.  XXXIX,  35—38),  je  einer  in  der  Marciana  fll2) 
und  dem  Kloster  des  h.  Erlösers  zu  Bologna,  der  Codex,  welchen 
Heinsius  in  der  k,  Bibliothek  zu  Stockholm  benützte  (cod. 
regius),  der  Erfurter,  dessen  Piccart  in  den  Critica  pericula 
erwähnt,  der  Codex,  welchen  Burmann  benützte,  endlich  der 
des  Thomas  Coke,  aus  welchem  D.  Ferrari  Burmann  eine  An- 
zahl von  Lesearten  mittheilte;  die  vier  Handschriften,  welche 
Maser  nach  den  Schlussworten  seines  Commentares  benützt  zu 
haben  behauptet,  dürften  vielleicht  gar  nicht  existiert  haben. 

Es  entstellt  nun  die  Frage,  ob  im  Mittelalter  vom  9  bis 
zum  15  Jahrhunderte  nur  jener  Vaticanus  3277  vorhanden  war 
oder  neben  ihm  sich  noch  andere  Codices  nachweisen  lassen, 
welche  unabhängig  von  ihm  aus  derselben  oder  einer  anderen 
Quelle  entsprungen  waren.  Hier  kommen  zuerst  die  Excerpte 
in  der  Pariser  Handschrift  7647  aus  dem  13  Jahrhundert  in 
Betracht,  welche  folgende  Stellen  umfassen:  I,  22  f.,  39,  76 
f.,  248  f.,  320—334,  579—581,  584—596,  H,  44—46,  59  f., 
117—122,  263  f.,  HI,  364  f.,  IV,  622  f.,  744,  V,  536,  540,  VI, 
200,  513  f.,  VII,  227—229,  416,  437,  511-513.  Was  die  Aus- 
wahl anbetrifft,  so  ist  dabei  hauptsächlich  auf  Sentenzen  Rück- 
sicht genommen,  daneben  auf  Boschreibungen  und  Gleichnisse; 
einmal  ist  auch  eine  Rede  herausgehoben,  bei  einigen  Stellen 
lässt  sich  ein  bestimmender  Grund  nicht  angeben.  Diese  Ex- 
cerpte rühren  nun  nicht  von  dem  Schreiber  des  Parisinus  her, 
wie  dies  aus  den  zahlreichen  Fehlern  der  Abschrift  hervorgeht; 
so  ist,  um  nur  ein  Beispiel  zu  geben,  der  Vers  III,  365  im 
l'arisinus  also  entstellt :  e(jros  assldue  meAis  crwpifur  ujnl.  Weiter- 
hin ist  der  Excerptor   mit   dem  Texte    sehr  willkürlich    umge- 


Studien  zu  den  Argouautica  des  Valerius  Flaccus.  309 

yaiigcii  und  hat,  um  die  ausg-ewäliltcn  Sätze  selbständiji-  und 
für  sich  verständlich  zu  machen,  vieles  in  denselben  eigen- 
mächtig geändert,  z.  B.  II,  117  quam  pater  omnipotens  in  rex 
superum  famam,  263  quando  in  certe  (vgl.  VI,  513  f.,  VII,  227 
ff.)  So  werden  auch  III,  365  animls  statt  virls  und  V,  540 
qiiippe  statt  namqne  blosse  Aenderungen  desselben  sein,  wie 
sicherlich  I,  586  ahrtimperet  statt  rtmijjeret,  II,  45  mit  statt  noii. 
Schon  aus  dem  Gesagten  geht  hervor,  dass  der  Urheber  jener 
Excerpte  ein  Mann  war,  der  die  lateinische  Sprache  einiger- 
massen  verstand  und  auch  manches  Werk  der  römischen  Lite- 
ratur gelesen  haben  mochte,  wenn  gleich  seine  Kenntnisse  in 
Prosodik  sehr  gering  waren,  wie  er  denn  I,  585,  wenn  dies 
nicht  ein  Fehler  des  Abschreibers  ist,  läcumque  misst.  Es  darf 
daher  nicht  Wunder  nehmen,  wenn  er  eine  Reihe  von  groben 
Fehlern  im  Texte  beseitigte,  z.  B.  I,  76  mentemque,  das  er  in 
mentesque,  327  <imipU,  das  er  annäherungsweise  richtig  iji  lunt 
mihi,  330  paucos,  das  er  in  niucos,  VII,  226  rediitque,  das  er  in 
7-edit  itque,  endlich  VII,  ,513  ducis,  das  er  in  dvlces  freilieh  mit 
der  Umstellung  dulces  totiens  veränderte,  kleinerer  Correcturen 
nicht  zu  gedenken;  aber  nuin  muss  auch,  um  nicht  irre  zu 
gehen,  darauf  hinweisen,  dass  manche  seiner  Vermuthungen 
verkehrt  und  sinnlos  sind,  z.  B.  I,  23  ore  (orae)  statt  omnes, 
249  isdem  statt  istem,  593  coors  (coliors)  tum  statt  colionds.  In 
allem  dem  liegt  nichts,  was  auf  eine  andere  Quelle  als  den 
Vaticanus  zurückgeführt  werden  müsste.  Nur  die  Stelle  I,  331 
erheischt  eine  eingehende.  Besprechung.  Hier  überliefert  näm- 
lich V")  dcjiciamus  cythicum  metuens  pjotumque  cretamque,  \\'ährend 
im  Parisinus  und  in  C  der  Vers  also  lautet :  deßciavi  sc//fhicuni 
metuens  pontamque  polnmqae.  Allerdings  empliehlt  sich  diese 
Fassung,  welche  auch  bei  Statins  Theb.  XI,  67,  Silv.  III,  2, 
10  vorkommt, '•'')  schon  durch  die  bei  Valerius  ungemein  übliche 
Alliteration;'")  indessen  kann  sie  doch  auf  einer  blossen Conjectur 
beruhen,  indem  der  Excerptor  für  das  sinnlose  cretamque  das 
durch  den   Sinn    geforderte  polumque    setzte,    auf   das    ihn    die 


")  Ich  bezeichne  nach  Thilu  den  Vaticanus  ;^'277   mit  V,  den  Monacensis  mit 

M,  den  Codex  des  Carrio  mit  C. 
'^)  Die  Stellen  sind  schon  von  Meynke  (Quacst.  Val.  }).   10)  aiigx'führt. 
16)  Vgl.  hierüber  die  Dissertation  von  Hii'schwälder  S.  16  ff. 


310  Schenkl. 

eben  angeführtcii  Beispiele  aus  Statins,  einem  im  Mittelalter 
vielgelesenen  Dichter,  hinführen  konnten.  Die  Uebereinstim- 
mung  mit  C  beweist  noch  nichts,  da  sie  recht  wol  eine  zu- 
fällige sein  kann.  Warum  soll  nicht  der  Gelehrte,  von  welchem 
die  Textesrecension  in  C  herrührt,  hier,  wie  I,  330,  VII,  229, 
VII,  513,  wo  C  ebenfalls  raucos,  redit  itque  und  didces  bietet, 
auf  dieselbe  Vormuthung  wie  der  ältere  Excerptor  verfallen 
sein?  Natürlich  sehe  ich  in  C,  wie  ich  gleich  nachweisen  werde, 
auch  nur  eine  italiänische  Abschrift  von  V,  Ist  nun  jenes 
polumquG  eine  blosse  Conjectur,  so  ist  es  noch  sehr  fraglich, 
ob  damit  die  richtige  Leseart  hergestellt  ist;  denn  wie  sollte 
folumque ]e  in  cretamqiie  verderbt  worden  sein?  Meynke  (Quaest. 
Val.  p.  10)  vermuthet,  dass  Jemand,  der  sich  au  das  stürmische 
Meer  bei  Kreta  oder  an  die  kretensischen  Seeräuber  erinnerte, 
jenes  Wort  beigeschrieben  und  dies  ])olumque  verdrängt  habe. 
Aber  derartige  Glossen  lassen  sich  in  V  nirgends  nachweisen, 
und  es  wäre  doch  sehr  wunderbar,  wenn  dieser  sciolus  nur  an  einer 
Stelle  seine  Spur  hinterlassen  hätte.  Viel  mehr  Wahrscheinlichkeit 
hat  die  Ansicht  Thilos  (LX),  dass  über  pohmique  die  Glosse 
caelumque  geschrieben  war,  welche  in  cretamqiie  verderbt  das 
echte  Wort  verdrängte.  Doch  noch  näher  liegt  der  Gedanke, 
den  schon  Jacobus  Mycillus  hatte,  cretamque  sei  aus  fretmnque 
entstanden.  Es  ist  nun  möglich,  dass  fretam  als  Glosse  zu 
pontnm  an  die  Stelle  von  polimi  trat,  es  kann  aber  auch  Jemand 
poiitimi  als  Synonymum  von  fretmn  beigeschrieben  und  dies 
sich  später  statt  des  echten  caelum  in  den  Vers  eingeschlichen 
haben;  denn  auch  die  Verbindung  caelimique ß-etumque  i^i  xächi 
ungewöhnlich,  z.  B.  Luc.  V,  413,  Stat.  Theb.  III,  308. 

Es  lassen  sich  aber,  wie  Meynke  (Quaest.  Val.  p.  25) 
zeigt,  wirklich  noch  alte  Handschriften  neben  V  nachweisen, 
und  zwar  zuerst  ein  Codex  in  einem  Kataloge  der  Bibliothek 
von  Bobbio  bei  Muratori  Ant.  Ital.  III,  818  ff.,  welcher  Katalog  ; 
im  10.  Jahrhunderte  geschrieben  ist.  Allerdings  heisst  es  in  j 
diesem  Verzeichnisse  (p.  821)  ,GenernUnm  senteutiartom  Uhrnm 
1,  in  quo  Lucii  Annaei  Senecae,  Vnlerii  Flncci  Über  I,  Araforis 
subdiaconi  de  acübus  apostolortmi  Über  metricus  I,  Phocae  de 
grammatica  librum  imumJ  So  undeutlich  auch  diese  Notiz  ist, 
so  scheint  doch  daraus  hervorzugehen,  dass  die  Sentenzen  aus 
Seneca,  Valerius  nud  Arator  in  einem  Bande  vereinigt  waren. 


Stmliiu  zu  ilcn  Argoiiautioa  des  Valmius  Flaccus.  311 

Darnach  und  dann  nach  der  Bezeichnung'  lüm''  I  bei  Valerius 
und  Arator  ist  wol  der  Gedanke  ausg-eschh)sseu ,  es  seien  im 
diesem  Codex  sänimtliche  Bücher  der  Arg'onautica  enthalten 
gewesen.  Wahrscheinlich  waren  es  bloss  Excerpte,  wie  im 
Parisinus,  und  können  ganz  gut,  wie  jene,  V  zur  Quelle  ge- 
habt haben.  Eine  andere  alte  Handschrift  erwähnt  Auffelus 
Politianus  misc.  cent.  I,  5,  wo  es  heisst :  ,sed  et  codicem  proxime 
nohis  Ärgonanficon  Valerii  Flacci  pervetei^em  Taddaens  Utjo- 
letus    Parmensis,    Matthiae    Pcmnoniorum    srqnenfissimi    et    invic- 

itissimi  regis  mdlcu^,  liomo  Utteratissimus  ostendit,  e  quo  fluxisse 
opinor  et  caeteros,  qui  sunt  in  manihus,  ctdus  in  secimdo  sie  est: 
manet  immotis  nox  durica  fatis.'  Dass  Politianus  eine  Unwahi-- 
heit  berichtet  hat,  ist  gewiss  nicht  anzunehmen,  aber  die  Mög- 
lichkeit einer  Täuschung-  des  Gelehrten  bleibt  noch  offen;  ]a 
es  gibt  sein  Bericht  uns  selbst  den  Anhaltspunct  zu  einer 
solchen  Vermuthung.  Wie  l^ekannt,  wui-deu  damals  in  Florenz 
und  an  anderen  Orten  Italiens  Abschriften  von  Codices  gemacht, 
in  welchen  die  Schriftzüge  des  zehnten  Jahrhunderts  täuschend 
nachgeahmt  waren.'")  Man  nahm  dazu  auch  älteres  Pergament, 
offenbar  um  die  Täuschung,  die  man  beabsichtigte,  noch  zu  er- 
höhen. Nun  Hess  König  Matthias  Corvinus  gerade  um  diese  Zeit 
und  zwar  auch  durch  T.  Ugoletus  Handschriften  für  die  Bil^liothek 
kaufen,  welche  er  in  Ofen  begründete.  Einige  dieser  Codices 
sind  noch  in  der  Wiener  Hofbibliothek,  kenntlich  durch  das 
Wappen,  das  auf  dem  Titelblatte  gemalt  ist.  Alles  dies  spricht 
dafür,  dass  Ugoletus  und  Politianus  jenen  Codex,  der  kurz  vor- 
her in  ihrer  Nähe  gefertigt  worden  war,  durch  die  Schrift  und 
das  Pergament  getäuscht  dem  10.  Jahrhundert  zuschrieben. 
Sehen  wir  weiter,  wie  in  jener  Handschrift  H,  573  lautete. 
Nach  Politianus  stand  dort:  manet  immotis  nox  dnricn  fafls, 
wofür  V  turica  Ivstrls,  M  durica  lustris  bietet;  durica  fatis  hat 
nach  seiner  Ausgabe  auch  Pius  irgendwo  gelesen.  Kann  denn 
dher  fatis  richtig  sein?  Schon  Maser  hat  bemerkt,  dass  Vale- 
rius,  da  fata  qvent  vorhergehe,  unmöglich  das  gleiche  Wort  in 
demselben  Verse  ohne  allen  Grund  doppolt  gebraucht  haben  kein  ne. 
Jenes  fatis  rührt  entweder  von  einein  Abschreiber  her,  der 
gedankenlos  das  fata  am  Eingange  wiederholte,  oder  von  einem 


I     ^")  Man  vergleicho,  w;is  Tliilo  (LXVII)  über  die  Scliriftzüge  dos  Vat.  KUH  sagt. 


312  Schenkl. 

Corrector,  der  sich  lustris  nicht  erklären  konnte  und  es  daher 
unbekümmert  um  das  Vorausgehende  in  fatis  änderte.  Es  wäre 
somit  sehr  gewagt  nach  dieser  Probe  auf  ein  hohes  Alter  oder 
einen  besonderen  Ursprung  dieses  Codex  zu  schliessen. 

Meynke  hat  weiter  die  Frage  aufgeworfen,  ob  nicht  etwa 
Pius  bei  seiner  Ausgabe  neben  dem  Codex  Dacicus,  falls  dieser 
mit  V  identisch  ist,  noch  eine  andere  alte  Handschrift  benützt  hat 
(p.  23  ff.).  Pius  nennt  in  seiner  Widmungsepistel  drei  Codices, 
welche  ihm  bei  Besorgung  seiner  Ausgabe  zu  Geboten  standen; 
es  waren  dies  jener  Daciais,  dessen  schon  oben  gedacht  wurde, 
ein  codex  castigafior,  lima  Pomponii  Laeti  emactdatus  und  ein 
dritter  mnltts  in  locis  manu  Fahricii  Varrani,  episcopi  Camertis, 
emaculatus.  Andere  Handschriften  hat  Pius  nicht  benützt;  denn 
sonst  würde  er  derselben  wol  in  jenem  Vorworte  erwähnt  ha- 
ben. Der  Codex  Daciciis  ist  nun  ohne  Zweifel  identisch  mit 
dem  ex  (nltimis)  Germaniis  aüatus,  welchen  Pius  an  drei  Stellen 
namentlich  anführt  (I,  441,  HI,  538,  V,  354).  Dass  es  unser 
V  ist,  ersieht  man  aus  der  Note  zu  IH,  538  ,Ego  in  codice  illo 
ex  Germania  allato  mirificae  maiestatis  reperio  scriptum  ^pecida', 
mox  ah  eadem.  manu  s^iperscriphmi  r,  ut  exeat  in  percula^',  denn 
in  V  steht  richtig  pecida.  Auch  hat  Pius,  wie  schon  bemerkt 
wurde  (vgl.  Anm.  13),  die  Leseart  I,  178  (in  antiquo  codice  le- 
giüir)  J'raternae  evenietque  adcrescere'  nur  aus  V  genommen, 
wo  evenietque  von  zweiter  Hand  auf  einer  Rasur  steht,  hat  also 
den  Codex  V  erst,  nachdem  er  von  der  zweiten  Hand  corri- 
giert  worden  war,  für  seine  Ausgabe  benützt.  Wenn  er  in  der 
Note  zu  VII,  246  sagt:  ,sic  enim  scrihendum:  redde  diem  noc- 
temque  mihi,  da  preliendere  vestes.  exemplar  litteris  fere  exoles- 
centihus  sie  habet,  quod  cum  Caesar  Statins  Laudensis,  vir  in 
omni  discipÄina  summ.us,  vidisset,  exoscidatus  antiquitatem  valide 
comprohavit,^  so  ist  die  angegebene  Leseart  die  von  V,  nur  dass 
dort  prendere  steht;  prehendere  hat  sich  offenbar  wider  den 
Willen  des  Schreibers  aus  den  alten  Ausgaben,  die  er  vor  sich 
hatte,  eingeschlichen,  wahrscheinlich  aus  der  Veneta  (1501), 
die    er  zum  Abdrucke  verbesserte,  '^)  Auch  VI,  30  und  50,  wo 


'ä)  Dass  diese  Ansicht  richtig  ist,  kann  man  aus  IT,  .314  ersehen,  wo  man 
in  der  ed.  Venota,  die  sicli  auf  die  Bononiensis  II  und  Juntina  stützt, 
dederat  statt  dcrrat.  liest  und  Pius  die  Note  fjiht :  de.derat]  lege  ,deei-at^ ; 
ancli  II,  477  liat  Pius  das  Lemma  venere,  wie  in  der  Veneta  steht. 


Studion  zu  den  Argouautica  des  Valeiius  Flaceus.  313 

Pius  den  Codex  Dacicus  meint,  wenn  er  ihn  aüeh  nieht  nennt, 
stimmen  die  angegebenen  Lesearten  mit  V  überein.  Ob  die 
Schrift  in  V  wirklich  so  verblasst  ist,  wie  Pius  behauptet,  muss 
ich  dahingestellt  sein  lassen,  da  Thilo  hierüber  nichts  berich- 
tet; aber  man  sieht  ja  aus  allem,  dass  es  Pius  besonders  dar- 
auf ankam  der  Handschrift  ein  hohes  Alter  beizulegen;  und 
da  wird  er  es  gewiss  mit  dem  Ausdrucke  nicht  so  genau  ge- 
nommen haben.  Darum  ist  auch  auf  die  Bemerkung  zu  III, 
703  jCodicis  antiqni  litteraa  sunt  adeo  vetustatis  vitio  exolescentes, 
uf  lierciin  non  possint'  kein  Gewicht  zu  legen.  Allerdings  ist  die 
Leseart  indita  vidvi  so  auffällig,  dass  Pius,  der  auf  die  Ent- 
zifferung der  Schrift  nicht  viel  Zeit  verAvenden  mochte,  wol 
über  die  Undeutlichkeit  klagen  konnte;  hat  ja  auch  Langer- 
mann nach  dem,  was  Heinsius  anmerkt,  nicht  so,  sondern  in- 
dita vuHus  gelesen. 

Jede  weitere  Untersuchung  ist  dadurch  erschwert,  wenn 
nicht  unmöglich  gemacht,  dass  Pius  bei  der  Anführung  von 
Lesearten  keine  bestimmten  Bezeichnungen  für  die  Handschrif- 
ten anwendet,  sondern  alles  in  der  buntesten  Weise  dui-ch  ein- 
ander wii-ft.  Singular  und  Plural,  Positiv  und  Superlativ  gelten 
ihm  dabei  gleich ;  V,  354  spricht  er  von  Codices  ex  ultimis  Germa- 
niis  cdlati,  während  doch  nur  von  einer  solchen  Handschrift  die 
Rede  sein  kann;  I,  178  nennt  er  den  V  codex  anfiqvics  und 
spricht  dann  wieder  an  mehreren  Stellen  von  einem  codex  an- 
tiqidssim.us,  der  nach  den  angegebenen  Lesearten  V  nicht  sein 
kann  (z.  B.  I,  23,  III,  48,  V,  641);  daneben  aber  lesen  wir 
wieder  Codices  antiqid,  cmtiqidssvmi,  vetustissimi,  reverendae  ve- 
tustatis u.  dgl.,  als  ol)  Pius  eine  ganze  Sammlung  von  Hand- 
schriften des  Valerius  aus  dem  10.  Jahrhunderte  vor  sich  gehabt 
hätte.  Sehen  Avir  uns  lyin  einmal  an ,  was  Pius  aus  seinem 
codex  antiqidssimiis  berichtet ;  nach  I,  23  las  man  in  demselben 
populum  statt  poprdis,  nach  HI,  48  ah  oris  (eine  Conjectur  des 
Politianus)  statt  ad  oris,  (d.  i.  ad  horas),  V,  611  tantum  (so 
auch  am  Rande  des  Codex  von  Burmann  j  für  tantns,  sicher- 
lich nicht  Lesearten,  welche  uns  auf  eine  unabhängige  Quelle 
schliessen  lassen,  sondern  Vermuthungen  italiänischer  Gelehrten. 
Darnach  muss  Pius  eine  von  den  beiden  corrigieiten  Hand- 
schriften mit  codex  antiqidssinws  bezeichnet  haben.  Charakte- 
ristisfli    für  den  Mann    ist,  dass  er  I,   829  sagt:  in  fidei  sin- 


314  Sclienkl. 

cerae  codicihus  Pomponio  Laeto  ansam  dante  reperi  duos  versus. 
Er  nahm  also  die  willkürlichen  Correcturen  und  Interpolationen 
des  Laetus  ohne  weiteres  an,  '*•)  während  er  sonst  von  dem  Alter 
seines  Dacicus  so  viel  Aufhebens  macht  und  sich  allein  nach 
ihm  richten  will.  Darnach  wird  man  nicht  zweifeln,  dass  V, 
338  ,in  antiquis  exemjjlaribus  sin  cerae  lectionis  apjwret  indi- 
cium.  legitur  enim  :  fratre  tarnen  conante  sequi'  eben  jener  Codex 
mit  den  Emendationen  des  Laetus  zu  verstehen  ist.  Wie  es 
mit  den  Codices  reverendae  vetustatis  bestellt  ist,  mag"  man  aus 
der  Bemerkung  zu  I,  771  ersehen:  ,reverendae  vetustatis  exem- 
jjlaria  hahent  /levumf,  quod  ßgurate  dici  potest,  nupera  recognita 
,rerum' '^  nun  steht  aber  rerum  in  V,  evum  in  der  Bononiensis  I, 
wofür  die  Juntina  wieder  rerum  hei'g-estellt  hat.  Eine  weitere 
Behandlung  dieser  Frage  wäre  ganz  unnütz,  da  sich  schon  aus 
dem  Gesagten  herausstellt,  dass  Pius  über  keine  andere  alte 
Handschrift  als  V  verfügt  hat.  2<') 


''■*)  Man  beachte  in  dieser  Hinsicht  die  Note  zu  VII,  344,  post  hoc  Carmen 
sequehantvr  Jii  versus  vifio  tevqwrvm  deperditi',  worauf  drei  Verse  ans  der 
Fabrik  des  Laetus  folgen.  Pius  nennt  übrigens  den  Codex  des  Laetus 
namentlicli  nur  an  sieben  Stellen:  I,  829,  II,  439,  III,  G7,  V,  s3,  5.03, 
VII,  185,  201.  Daher  ist  es  schwer  mit  Bestimmtheit  zu  entscheiden,  ob 
der  Regius  des  Heinsins,  wie  dieser  vermuthet,  wirklich  von  der  Hand 
des  Laetus  geschrieben  war  oder  auch  nur  vollständig  dessen  Recension 
enthielt,  umsomehr  als  Heinsins  aus  dem  Regius  nur  einzelne  Lesearten 
mitgetheilt  hat.  II,  439  las  man  in  demselben  allerdings  die  vier  Verse, 
welche  Laetus  eingeschoben  hat,  und  ebenso  den  Vers  nach  V,  83  am 
Rande;  zu  I,  829,  III,  67  hat  Heinsins  nichts  bemerkt;  aber  V,  553  stand 
im  Regius  nicht  fare  avidin,  wie  im  Codex  des  Laetus,  sondern /are  omnes. 
Auch  bot  derselbe  II,  464  die  richtige  Leseart  tnrgentia  lumina,  welche 
bei  Pius  gewiss  erwähnt  wäre,  hätte  sie  im  Codex  des  Laetus  gestanden. 
Darnach  scheint  die  Ansicht  von  Heinsins  irrig  und  der  Regius  eine 
eigenthiimliche  Textrecension  unter  Benützung  jener  des  Laetus  zu  sein. 
Auch  Pius  hatte  nicht  die  Originalhandschrift  des  Laetus,  sondern  eine 
Abschrift  derselben  vor  sich,  in  welcher  die  Ergänzungen  des  Laetus  din-ch 
Fehler  der  Abschreiber  entstellt  waren;  so  besonders  jene  vier  Verse  nach 
II,  439,  die  auch  im  Regius  ebenso  verderbt  gelesen  werden. 

2")  "Wenn  Pius  von  Codices  prisci  spricht,  so  versteht  er  nach  dem  Sprach- 
gebrauche jener  Zeit  darunter  gewöhnlich  seine  beiden  jüngeren  Codices 
im  Gegensatze  zu  den  ihm  vorliegenden  Drucken,  z.  B.  I,  130,  389,  IV, 
402,  V,  148.  Das  hindert  ihn  freilich  m'cht  VII,  201  von  defecalis  codi- 
cihus non  priscii,  sed  a  Laeto  emendafis  zu  sprechen. 


Studien  7.11  den  Argouantica  des  Valerius  Flaccus.  olo 

Es  erübrigt   nur  noch,  um  die  Frag'C,  ob  wir  V  als  ein- 
zige Grrundlage    für    den  Text   zu    betrachten    haben,  zum  Ab- 
schkisse  zu  bringen,  noch  einig-es  über  den  Codex  des  Carrion 
zu    sprechen.     Bekanntlich   luit    Ludwig    Cai'i'ion    den  Valerius 
zu  Antwerpen  1565  herausgegeben  und  dabei  eine  Handschrift 
benützt,  welcher   er    in    dem  Vorworte  zu  den  Schollen  hinter 
dem  Texte  ein  Alter  von  600  Jahren  beilegt.     Für  die  zweite 
Ausgabe,  die  schon  nach  einem  Jahre  ebenfalls  zu  Antwerpen 
erschien,  hat  er,  wie  es  in  der  Praefatio  heisst,  diesen  Codex, 
quem   ante    annos    sexcentos  conscri'ptn'ni    mnlta    sunt   qriae  decla- 
rent,  nochmals    genau  verglichen.     Die  Herkunft  desselben  be- 
zeichnet er  nicht  näher ;  nur  aus  der  Stelle   der  Vorrede  ^quos 
(lihros  manu  scrijptos)    certe    in    toto    hoc   nostro    Bßlgico  jpraeter 
illnm    meAim   rejjerire   adJmc  potm.  nuUos'  kann  man  entnehmen, 
dass  er  einem  Kloster   in    den    spanischen  Niederlanden    ange- 
hörte.    Seit  Nicolaus  Heinsius,  der  in  der  Praefatio    zu  seiner 
Ausgabe  diesem  Codex  einen   sehr  hohen  Werth  beilegte,-')  hat 
man  nun  denselben  bis  auf  die  neueste  Zeit  als  wahre  Grund- 
lage   für    die    Texteskritik    der  Argonautica   angesehen.     Noch 
Eyssenhardt  sagt  in  seinen  Emend.  Val.  (Rh.  M.  XVII,  378) : 
Carrionis   codicem  prae   omnibus  lihris  manu   scriptis  jyraestare, 
quorum  quidem  notitia  extat,  quivis  inteUeget,  uhi  jpaticas  edifio- 
nis  Burmannianae  paginas  perlustraverit  und   später  (384)  Car- 
rionis  codex,   quo   si  superesset    solo    Vnle.rius    recensendus  esset. 
Erst  Thilo    hat    sich    in    den    Prolegg.   (LXX  ff.)    gegen    diese 
Ansicht  von    dem    hohen  Werthe  jener  Handschrift  ausgespro- 
chen und  ist  nach  eingehender  Untersuchung  zu  dem  Schlüsse 
gekommen,  dass  dieser  Codex  erst  im  fünfzehnten  Jahrhundert 
geschrieben  war  und  einen  von  italiänischen  Gelehrten  vielfach 
corrigierten  Text  enthielt.     Neuerdings   ist    wieder  Meynke    in 
seinen  Quaest.  Val.  (p.  2  ff.)  für  das  Alter  und  die  Bedeutung 
jener  Handschrift  in  die  Schranken  getreten  und  hat,  wenn  er 
auch    C    nicht    den  Vorzug   vor  V  zuerkennt,    doch    denselben 


^')  Er  nennt,  ihn  notae  jirae^faiifissiviae,  veterrinmm  ojifvnmmqtie  imd  vormn- 
thet,  dass  ihn  Carrion  ans  Köhi  erhalten  habe.  Zn  (lies(>r  Annahme  hat 
ihn  wahrscheinlich  der  Umstand  bestimmt,  dass  Carrion  den  alten  Codex 
des  Silius  Italiens  in  Köln  auffand ;  aber  nach  den  oben  mittg(!theilten 
Worten  kann  man  nur  an  eine  Klosterbil)liothek  in  den  Niederlanden 
denken. 
Sitzb.  d.  phil.-hist.  Cl.  LXVm.   ßd.  UI.  llft.  21 


316  Schenkl. 

als  selbststiindig  und  gleichberechtigt  neben  V  nachzuweisen 
versucht.  --)  Da  ich  nun  dm*ch  die  Gründe  Mejnke's  nicht  über- 
zeugt bin  und  auch  die  Beweisführung  Thilos  meiner  Ansicht 
nach  nicht  vollständig  ausreicht,  so  halte  ich  eine  nochmalige 
Erörterung  dieses  Streitpunctes  nicht  für  überflüssig. 

Es  ist  bekannt,  dass  Carrion  schon  zu  seiner  Zeit  und 
auch  nachher  sich  keines  guten  Rufes  erfreute.  Er  galt  für 
einen  überaus  eitlen  Menschen ,  der  sich  gerne  mit  fremden 
Federn  schmückte.  Schon  Joseph  Scaliger  rügte  an  ihm  neben 
anderen  nicht  sehr  rühmlichen  Eigen schaftenyas^^m  ingentem  (vgl. 
Burm.  Syll.  epist.  I,  p.  238)  und  ebenso  sprechen  andere  Gelehr- 
ten dieser  Zeit  von  seiner  iactantia,  malajides  u.  dgl.  (s.  Burmann 
praef.  ad  Val.  p.  XXV  f.,  Thilo  Sjmb.  phil.  Bonn.  I,  399). 
Späterhin  schenkte  mau  seineu  Angaben  häufig  keinen  Glau- 
ben; der  grosse  Radamonteur  Caspar  Barth,  eine  dem  Carrion 
ähnliche  Xatur,  sagt  von  diesem  und  seinem  belgischen  Codex 
Adv.  XIV,  6  adeo  iit  cum  codice  quoque  sho  viihi  ubique  siis- 
pectzis  Sit  und  in  den  Noten  zu  Stat.  Theb.  V,  200,  ^^1,  229 
zweifelt  er,  ob  es  je  eine  solche  Handschrift  gegeben  hat ;  nicht 
minder  abfällig  lautet  das  Urtheil  von  Brouckhuys  Prop.  HI, 
2,  29,  der  mit  Rücksicht  auf  eine  von  Carrion  angeführte  Lese- 
art sagt:  crederem  si  id  legisset  Cantervs.  Dass  nun  Carrion 
wirklich  einen  Codex  vor  sich  hatte,  untei'liegt  wol  keinem 
Zweifel;  ist  es  doch  undenkbar,  dass  er  alle  die  Lesearten, 
welche  so  häufig  mit  anderen,  damals  nicht  bekannten  Hand- 
schriften stimmen,  erdichtet  hätte.  Eine  andei'e  Frage  freilich 
ist  es,  ob  dieser  Codex  aus  dem  zehnten  Jahrhunderte  stammte. 
Carrion  hat  erwiesener  Maassen  Handschriften  von  bedeutendem 
Alter  bei  seinen  Arbeiten  benützt  und  war  darnach  wol  im 
Stande  alte  und  jimge  Codices  zu  uuterscheiden.  So  hat  er 
den  berühmten  Darmstädter  Codex  des  Censoriuus  aus  dem 
siebenten  Jahrhunderte  gekannt,  den  er  mit  bescheidener 
Schätzung  in  die  Zeit  Carl  des  Grossen  setzte,  ebenso  den; 
alten  Kölner  Codex  des  Silius,    der    ausser  von  ihm  noch  von 


22)  Ebenso  spricht  sich  Eyssenhai-dt  in  der  Anzeige  der  Ausgabe  von  Thilo 
aus  (Lit.  Centralblatt  18G4,  520)  und  erklärt  in  der  Besprechung  der 
Meynke'schen  Quaest.  Val.  (a.  a.  O.  1867,  22)  den  Nachweis  fih-  gelun- 
gen und  damit  die  äusserst  schwierige  Frage  für  endgiltig  entschieden. 


Studien  zu  den  Ajgonautica  dos  Valerins  Flaccns.  317 

Franz  Modius  benützt  wurde,  jetzt  aber  verloren  ist.  Wenn 
er  daher  seinen  Codex  vor  600  Jahren  geschrieben  sein  liess, 
wähi'eud  derselbe  nach  Thilo's  Ansicht  erst  dem  15  Jahrhun- 
derte angehörte,  so  muss  er  entweder  geradezu  gelogen  haben, 
für  welche  Vermuthung  doch  kein  genügender  Anhaltspunct 
vorliegt,  oder  er  Hess  sich  irgendwie  täuschen.  Und  welche 
Annahme  liegt  hier  näher  als  die ,  dass  er ,  wie  wir  es  oben 
von  Angelus  Politianus  vermutheten,  einem  im  fünfzehnten 
Jahrhunderte  geschriebenen  Codex,  in  welchem  die  Schriftzüge 
des  zehnten  getreu  nachgebildet  waren,  irrthümlich  ein  so  hohes 
Alter  beilegte. 

Dass  nun  der  Codex  des  Carrion  nicht  im  zehnten  Jahr- 
hundert geschrieben  sein  kann,  geht  erstlich  aus  den  Schreib- 
weisen in  demselben  hervor.  Nach  dem  Zeugnisse  des  Carrion 
fand  sich  in  demselben  fa'st  durchaus  die  Assimilation  der  Prä- 
positionen in  zusammengesetzten  Verben,  z.  B.  I,  521  annmt, 
II,  189  assunt,  203  asstricto,  378  assH,  399  ammittere,  IV,  132, 
alluit,  731  ai^i^operat  u.  dgl. ;  das  ist  aber  gerade  kein  Kenn- 
zeichen eines  hohen  Alters.  Ebensowenig  sprechen  dafür  Schreib- 
weisen, wie  II,  20  exstruxit,  217  exseqiiar,  230  thoris,  I,  233, 
pennis,  34  clausus,  die  Aspiration  in  arcJiadioy  ckoniscus,  acha- 
stns,  chalpe  u.  s.  w.  (yg^.  I,  108,  481),  was  alles  auf  einen 
jüngeren  Ursprung  schliessen  lässt.  Viel  wichtiger  aber  ist  der 
Umstand ,  dass  d^r  Codex  in  seinen  Lesearten ,  wo  er  von  V 
abweicht,  soviel  mit  den  jüngeren  Handschriften  und  den  älte- 
ren Drucken  übereinstimmt.  So  finden  wir  in  C  eine  grosse 
Zahl  von  Lesearten,  welche  im  Monacensis,  besonders  in  seiner 
zweiten  Hand  vorkommen ;  2:5)  mit  M  stimmen  I,  Vo  j)otes^  so  auch 
B;  82  aethera  (•^.)  ....  imhre,  auch  B;  157  gerit,--^)   256  osfeiide- 


23)  Ziu"  Abkiirziiug  gebrauche  ich  in  dieser  Paiüe  die  Chiffera  M  =  ISIoiia- 
censis,  tj.  =  mamis  altera  Mouaceusis,  P  =  Vaticanus  IG  13,  B  =  Bo- 
noniensis  prior,  B2  =  Bononiensis  altera,  Pi.  =  Piiis,  Ä  =  Aldina. 

2*)  Ohne  Zweifel  ist  (/e7-it  die  richtige  Leseart.  In  V,  wo  jetzt  vegit,  aber 
ve  von  zweiter  Hand  auf  einer  Rasui-  geschrieben  ist,  stand  ursprünglich 
regit,  worauf  auch  die  Schreibweisen  von  M  gerit  {ger  von  erster  Hand 
auf  einer  Rasur)  und  P  i-apif  führen.  Nun  ist  aber  nichts  häufiger  in  den 
Handschriften  als  die  Verwechslung  von  rego  und  gero;  man  vergleiche 
IV,  158  {regens  VMP,  ga-en.i  a  in  mg.),  II.  396  (gerant  VMP,  regant  C), 
VI,  186  {erigit  VM.  egerit  C,  wozu  Carrion  mit  Recht  ,0}}tivie^  bemerkt; 
denn    ei-igil.   ist   unverständlich,    aber   egerit   ganz   passend;    .so    verbindet 

21* 


318  Schenkl. 

hat,  was  dem  ostenderet  in  V  näher  liegt,  als  die  Conjectur  von 
Heinsius  ostentahat,  287  saevae  nequiquam,  337  signiferum  cra- 
tera  minantem  \).,  theilweise  auch  A,  710  humo  [a,  auch  P,  II, 
318  patris  ergänzt,  464  ßuctus,  477  Idaea  [x,  auch  A,  III,  10 
primas,  auch  BA  und  Juntina,  11  ditem,  \}.  dites,  209  ater  ;x, 
274  confertae,  330  gemino  [j.,  455  nostrive  lucmt  ea  \}.,  520  Di- 
temqne  movebo  [).,  595  procimibit,  M  percumhit,  609  compressa 
trahentem,  M  coniprensa  tr.,  610  durae,  661  lassant,  IV,  30 
-pharetrae  [j.,  300  e^eto  [x,  auch  Pi.,  308  ceditque  malis,  396 
quo  sese,  753  tt^iws  [x,  V,  75  Callirhoen  ;j.,  94  atram,  auch  B, 
95  omina,  auch  A,  102  Cohylli,  105  pallentemqtie  \).,  151  Mos- 
sonychi,  385  »ion^  451  domos  \j.,  559  ^t(<a  C  (nach  den  Scholien 
in  der  ersten  Ausgabe),  611  corpora,  VI,  115  aetas,  129  odorato 
spirantes  \i.,  auch  A,  170  Typlioea  \j.,  194  Chremedonis, 
[X  Cremedonis ,  433  saevis ,  M  seris,  648  venistis  [x,  auch 
B,  666  censere,  d.  i.  sensere  ergänzt,  sensere  |x  am  Rande, 
VII,  122  mvplerique  |x,  127  sese  semeZ  (x,  auch  B2,  229  retZ/^ 
i^g'we  [x,  auch  Pi.,  394  6h&  altas  [x,  567  rwia^  579  und  580  beide 
Verse  finden  sich  gleicher  Weise  in  M  und  C,  nur  hat  C  im 
ersten  torto  statt  tovoo,  615  agmina,  VIII,  45  novis  [x.  —  Mit 
P  fallen  die  Lesearten  von  C  an  folgenden  Stellen  zusammen : 
I;  130  insperato  (P  von  zweiter  Hand),  285  descendere,  479  h(ch(, 
849  Peliam,  II,  327  scelerisque  (P  von  zweiter  Hand),  IH,  146 
socios,  IV,  27  inanes,  104  rapidi,  ebenso  mit  dem  Codex  von  Bur- 
mann :  I,  342  ut  dent,  420  caelataque,  III,  638  fiirens  in,  IV, 
242  elechfs,  V,  332  lumina,  V,  518  hahenis,  so  auch  die  editio 
Argentoratensis,  VI,  486  ignara,  VI,  554  Ämastrum,  556  cassa 
ridens,  auch  B  und  wahrscheinlich  M,  VII,  557  stip<(tque  dvcem  tum. 
Mit  der  Bononiensis  I  hatte  C  nach  Carrions  Vergleichung  diese 
Lesearten  gemein:  I,  412  Phlias,  535  haec,  H,  179  agi,  368 
arcet,  369  quem,  376  desertasque,  IH,  670  nst  egomet,  M  et  ego- 
met,  132  flamina,  V,  84:  ferentes,  so  auch  im  Regius,  der  Juutina  1 
und  A,    406  ammovet;    admovet   BA   und   Juntina,    605  manus, 


Lucr.  III.  718  egerere  imimam  und  Plin.  N.  H.  XXXI,  6,  33  eg.  .mvgiii- 
nem).  Darnach  muss  man  sich  nnhedcnklicli  für  gei-it  entsclieiden,  was 
der  einfacliste  und  natürlichste  Ausdruck  ist;  ei-igif  im  Vat.  16ö3  und  B 
ist  gekünstelt  luid  verschroben,  vekit,  was  Heinsius,  und  avehif.,  was  Ph. 
Wap:ner  (Neue  Jalirb.  8i),  405)  vorgeschlagen  liat,  entspricht  nicht  dem 
Buchstaben  der  Ueberlieferung. 


Studien  zu  den  Argonautica  des  Valerius  Flaccus.  319 

VI,  247  Uqtmntnr,  auch  A  und  Juntina,  VII,  291  meis  iam,  357 
ponit'^jmi  dem  Vat.  1653,  der  sonst  meistens  mit  B  übereinstimmt, 
worüber  wir  im  Folgenden  sprechen  werden,  VII,  341  primaevns'^^) 
und  gewiss  noch  an  anderen  Stellen,  wenn  Avir  eine  vollständige 
Collation  dieser  Handschrift  hätten,  mit  Bononiensis  II:  I,  100 
avet^  II,  467  liqiddi^  III,  120  remotae,  IV,  214:  caestus^Y,  410 
per  ergänzt,  520  ignescit,  VI,  166  concentus,  247  tenerae,  265 
fors  ita,  VII,  319  ac  neqne  tani,  478  qiuindo,  546  atmt,  612  quati, 
635  extinmlat-  mit  der  Aldina:  I,  146  Actoi-a,  303  (der  Vers 
steht  in  CA  an  dieser  Stelle,  nach  308  in  VMP),  330  rcmcos, 
735  operti,  827  ahscissa,  11,  11  Amyrin,  A  Amyrnm,  III,  5  dat, 
515  Indecores  (auch  in  den  Varianten  der  ed.  Bonon.  bei  Har- 
les,  vgl.  Praef.  p.  8  ff.),  VI,  96  secimi  Exahatarnas,  A  secnm 
Aeabatarnas,  291  vifwi,  582  q^iot  f wideret ,  583  sterneret,  603 
impidit,  638  necat,  VII,  174  sed  vor  cingtdn  ergänzt,  was  frei- 
lich nicht  sicher  ist;  denn  man  könnte  ebenso  an  nam  den- 
ken; mit  der  älteren  Pariser  Ausgabe  von  1511:  IV,  698 
rhehi,  so  auch  die  Juntina  und  A,  VII,  46  ipsum  me;  mit  der 
jüngeren  Pariser  von  Maser  1517:1,  117  Jmnc,  II,  253  miserae 
retine,  IV,  719  Tyres;  mit  der  Lyoner  von  1545:  VI,  82  vid- 
nere.  Vielfach  sind  auch  die  von  Carrion  aus  seinem  Codex 
angeführten  Lesearten  identisch  mit  Emcndationen,  welche  Pius 
in  seiner  Ausgabe  vorgeschlagen  hat,  wie  III,  207  donat,  337 
longe,  433  novat,  555  pneri  spes  lusa,  auch  A,  V,  125  Massa- 
geten,  269  quoqne,  V,  464p«iv'es,  V,  692  Phlegraeas,  VI,  129  Micelae, 
538  rapinis,  VII,  541  liherne,Wl\,  23  Isthmon  (so  auch  A),  oder 
den  Vermuthungen  anderer  italiänischer  Gelehrten,  welche  Pius 
in  seinem  Commentare  erwähnt,  wie :  I,  38  tvens,  auch  A,  190 
iuvencam,  auch  A,  II,  411  pressit  acu,  auch  A,  III,  333  corpora, 
IV,  275  integer,  402  raptatur,  645  diffugere,  V,  338  fratre  ta- 
rnen conante  sequi,  641  liicus.  Vereinzelt  linden  sich  auch  Ueber- 


-■')  Thilo  hat  richtig  bemerkt  (Prolegg.  LXXV),  dass  primaevus  eine  kecke 
Coiijectiir  eines  italiänischen  Gelehrten  ist,  der  crudelis  als  Nominativ 
tasste,  während  es  otfenbar  Vocativ  ist,  was  schon  der  Schreiber  v(m  M 
durch  das  beigesetzte  o  bezeichnete.  Der  Fehler  liegt  in  imnc  est, 
wofür  nesciis  geschrieben  werden  muss.  Solche  emphatische  Wiederho- 
lungen von  Wörtern  finden  sich  oft  bei  Valerius,  z.  B.  I,  -JOl),  '245,  .344, 
n,  168,   180,  4-2-2,  IV,  565,  570,  V,  287,  551,  VII,  63. 


320  Schenkl. 

einstimmungen  mit  Emendationen  des  Sabellicus,  wie :  IV,  (375 
fallor,  742  eacUm  ira,  V,  210  ferentem,  370  hebet,  438  toto,  VII,  296 
ohstruit-^  die  Leseart  V,  147  inde  Genetaei rupes  JovisiäWi  mit  einer 
Conjectur  des  Ang.  Politiamis,  V,  460  hella  toros  tum  mit  einer 
Besserung  des  Ph.  Engentinus  zusammen,  die  Varianten  V,  273 
regmn  und  VI,  225  Uni  sind  auch  in  der  ed.  Bonon.  bei  Har- 
les  angemerkt. 

Wenn  man  diese  lange  Reihe  übersieht,  so  wird  man  noth- 
wendig  zu  dem  Schhisse  hingedrängt,  dass  wir  es  hier  mit  einer 
Textrecension  zu  thun  haben,  welche  ein  italiänischer  Gelehr- 
ter  im    fünfzehnten  oder  gar    sechszehnten  Jahrhunderte   unter 
Benützung   von    verschiedenen  Codices   emendati  und  vielleicht 
gar  einiger  Drucke  vorgenommen  hat.  Allerdings  mögen  nicht 
alle  diese  Lesearten    im  Codex    des  Carrion    gestanden  haben; 
eine  ganze  Reihe  von  Verdachtsgründen    sprechen    dafür,  dass 
Carrion  vielfach  Emendationen,  welche  er  in  älteren  Ausgaben 
fand,  für  Lesearten  seiner  Handschrift  ausgegeben  hat.  Ich  will 
nicht  ein  Gewicht  darauf  legen,    dass  in  den  Castigationes  (so 
nennt  Carrion    die  Noten ,    welche    er   seiner   zweiten    Ausgabe 
beigefügt  hat),  manche  Varianten  aufgeführt   sind,    die   in  den 
Scholien    (dem  Commentare    der  ersten  Ausgabe)  fehlen,  z.  B. 
I,  619  in  ohllquam  resonat,  637  tota  in  misero,  827  ahcissa  u.  s.  w.; 
denn  diese  können  aus  einer  zweiten,  genaueren  Vergleichung 
des  Codex  herrühren,    welche    Carrion    nach    der  Vorrede    zur 
zweiten  Ausgabe    auch  wirklich    vorgenommen    hat.     Auch  das 
ist  nicht  entscheidend,  dass  die  Castigationes    mitunter   andere 
Lesearten  bieten  als  die  Scholien,  z.  B.  I,  42  aufugerit  Sch.,'^") 
effugerit  Q,    152    num   Seh.    (wie  Sabellicus),    nunc   C,  IV,  580 
exciit  Seh.,    exiit  C,    VI,    1    iisdem   Seh.,    hisdem   C,    VII,    373 
parentem  Seh.,  paventem  C;  denn  Carrion  kann  ja  bei  der  zwei- 
ten   Collation    manches    richtiger    gelesen    haben    und    mancher 
Widerspruch    kann    auch    auf   einen  Druckfehler  zurückgehen; 
so  ist  Typhoides  C  IV,  428,  wofür  die  Scholien  richtig  Tijpho- 
nides   bieten,    wol    auf  Rechnung  des  Setzers  zu  bringen.  Aber 
schlimmer  ist  es,  wenn  Lesearten  der  Scholien  in   der  zweiten 
Ausgabe    ohne  jede    Bemerkung   ausgelassen    sind,    und    nicht 


\ 


26)  Ich  bezeichne  der  Kürze  wegen  die  Scholien   mit   Seh.,  die  Castigationes 
mit  C. 


Studien  zu  den  Argouautica,  des  Valerius  Flaccus.  321 

bloss  Kleinigkeiten^  wie  I^  536  ntque^  sondern  ji^uch  wichtigere, 
z.  B.  V,  648  nee  talia  fossint,  VII,  145  parentes.  An  einigen 
Stellen  aber  tritt  die  SchAvindelei  Carrions  so  klar  hervor,  dass 
eine  Täuschung  wohl  nicht  möglich  ist.  Wer  wird  nicht  an 
der  Ehrlichkeit  des  Mannes  irre  werden,  wenn  er  in  den  bei- 
den Ausgaben  auf  folgende  Widersprüche  stösst:  1,  227  vates 
minias  Seh.  (so  auch  B),  louya  ndnlas  C,^')  IV,  272  Oehalio  .  . . 
astu  Seh.,  Oebalia  ....  arte  C,  VI,  113  ad  aulas  Seh.  (so  auch 
A),  ad  auras  C,  in  azi/ras  cod.  Burni.,  VII^  7  modo  Seh.,  malo  C 
(auch  Fi.),  21  exspectata  cuhili  Seh.,  experta  cidnle  C  Man 
kann  daher  gar  nicht  zweifeln,  dass  Carrion  eine  gute  Anzahl 
von  Lesearten,  die  er  seinem  Codex  zuschreibt,  aus  Drucken 
entlehnt  hat.  -^)  Indessen  ist  dies  für  unsere  Frage  von  keiner 
Bedeutung ;  die  Uebereinstinnuung  der  Lesearten  des  Monacen- 
sis  und  des  Codex  des  Burmann,  welche  Carrion  nicht  gekannt 
hat,  mit  denen  in  der  belgischen  Handschrift  beweist,  dass  die- 
selbe keineswegs  alt,  sondern  sehr  jung  und,  um  mit  Pius  zu 
reden,  ein  codex  emendatus  et  defecatus  war. 

Prüfen  wir  nun  die  Lesearten,  welche  diesem  Codex  eigen- 
thümlich  sind,  näher,  so  ergibt  sich,  dass  die  Zahl  wirklicher 
Emendationen,  welche  er  enthält,  in  keinem  Verhältnisse  zu 
den  vielen  kecken,  ja  abenteuerlichen  und  ganz  verkehrten 
Conjecturen  steht.  Wahre  Verbesserungen,  die  war  dem  codex 
Carrionis  verdanken,  sind  folgende :  I,  49  meque  assiduis  lacera, 
93  ad,  593  cohors  in,  704  or«,  II,  6  fretis,  439  Samothraca 
diemque,  502  passosque  sinus,  595  penates,  III,  1  umhras^  106 
Olenii,   157  Halyn,  162  disslcit,  169  i  nunc,  182  diversa  Sagen, 


-'')  Thilo  hat  Jandiidum  hac  Minyas  vates  geschrieben;  leichter  ist  vielleicht 
Janduduin  tali  Minyas,  da  die  Bezeichnung  des  Subjectes  nicht  noth- 
wendig  ist. 

-S)  Sehr  bezeichnend  für  das  Verfahren  Can-ions  sind  zwei  Stellen,  einmal 
I,  303,  wo  er  sich  rühmt  diesem  Verse,  der  in  VMP  nach  308  steht,  zuerst 
nach  Anleitung  seines  Codex  die  rechte  Stelle  angewiesen  zw  haben,  wäh- 
rend dies  doch  schon  in  der  Aldina,  die  er  recht  gut  keunt  (vgl.  I,  735), 
geschehen  ist;  schon  Zinzerling  hat  daran  mit  Recht  Anstoss  genommen; 
die  zweite  Stelle  ist  IV,  544,  wo  er  in  der  zweiten  Ausgabe  ganz  eigen- 
mächtig, ohne  etwas  in  den  Castigationes  zu  bemerken,  nostra  in  caeca  ver- 
wandelt hat.  Dass  Carrion  Lesearten  alter  Drucke  für  Varianten  seines 
Codex  ausgegeben  hat,  gesteht  übrigens  auch  Eyssenhardt  zu  (Lit.  Centn 
1864,  520). 


322  Scheiikl. 

210  crudesclt,  254  versique,  278  flatus,  341  festina,  367  acer- 
que,  IV,  111  sin,  551  tarn  .  .  .  tarn  mira,  bl2  fuerit,  Q(X)  Ancon, 
676  fumo,  V,  67  vehit  ille,  200  -per  te  veJiar,  203  7nicet,  254 
refusis,  342  aequali  Schytidum,'^'^)  379  ora,  464  re^es,  534  teZt^ 
584    Choaspen,    645   c/aj-a,  .680   orcZo,   VI,    3    tueri^    186    egerit, 

217  Phaleri,  279  magnoque  doloris,  305  inqndt  genitor  (übri- 
g-eiis  noch  sehr  fraglich,  vgl.  S.  293),  458  ^rior  lianc,  474  aZie?«,  516 
feri,  554  Phalcen,  572  a^  Latagum,  638  -47-i;ie?i  Olbumque,  134:faUat, 
748  pmdnmqne,  VII,  187  festinamque,  373  vocemque  Venus  hlan- 
disque  paventem,  442  e«  i(6i  J?t«o ;  B  o  «öi  Juno,  486  ohiho, 
490  ^?me^  501  si  meriti  sim  noctis  et,  541  freto,  566  tenebras, 
587  inque,  590  cornibus,  VIII,  62  ac  i;ocai,  77  me  stante,^^)  von 
denen  Thilo  einige  mit  Unrecht  nicht  in  den  Text  aufg-enom- 
men  hat,  z.  B.  VI,  186  e^^eni^  VII,  587  inque  (statt  rtfg?te, 
denn  wie  sich  mutat,  was  Thilo  aus  dem  Reg'ius  aufnehmen 
Avill  (Prolegg-.  LXXXIII),  mit  dem  folgenden  dein  totis  pro- 
pendens  viribuh-  haeret  zusammenreimt,  begreife  ich  nicht;  auch 
ist  inicit  dextram  und  inque  .  .  .  mittit  nicht  dasselbe ,  sondern  | 
würde  deutsch  etwa  so  lauten :  Nun  greift  der  Aesonide  zu  und 
packt  .  .  .).  Ob  alle  diese  Besserungen  wirklich  im  Codex  stan- 
den, lasse  ich  dahingestellt  sein,  da  es  nicht  bloss  möglich,  son- 
dern sogar  wahrscheinlich  ist,  dass  einige  von  ihnen,  besonders 
die,  welche  Eigennamen  betreffen,  auf  Carrion's  Rechnung-  zu 
setzen  sind.  Doch  mag  dem  sein,  wie  es  will,  so  viel  ist  ge- 
wiss, dass  sich  neben  diesen  Emendationen  eine  bei  weitem  grössere 
Zahl  verkehrter  und  alberner  Conjecturen  findet.  Man  ver- 
gleiche die  Lesearten  an  folgenden  Stelleu:  I,  79  incaeptmn, 
116  invicti,  141  extracta,  144  hac  .  .  .  hac  parte  (worüber  wir 
schon  in  der  Anm.  11  gesprochen  haben),  356  cristatus,  362 
Naubidides,  535  niilii  ut  hinc  varios,  536  iitque,  554  concidere, 
558  movebo,  619  obliquam  resonat,  654  ah  .  .  ,  aequore,  684  in- 
scia,  751  antris,  767  perlacrimans,  II,  26  in  alto,  bl  orbe,  133 
hinc  tibi,  156  scis  sumus  ut  similes  flammis,  159  ingrata,  166 
retraliitque,    176  dedisses,    179  fultnen,  196  pjontum,  214  ductas, 

218  facies,  283  bustis  accendere,  294  miserum  (mit  Unrecht  von 


29)  Carrion  schreibt  auch  immer  Schytae  statt  Scythae. 

•'0;  Da  V   mein  fxmdc,    hat,   so    empfiehlt   sicli   noch   mit   dem  Regius  me  hie 

stallte   herzustellen ;    denkt   man   sich    dies  meic  staute  geschrieben ,  so  ist 

die  Corruptel  in  V  ganz  begreiflich. 


Studien  zu  den  Argüiiautica  des  Valerius  Flaccus.  323 

Thilo  in  den  Text  gesetzt,  vg-1.  Ph.  Wagner  IS^eiic  Jahrb.  89, 
400  fF.),  323  adveniet,  362  tortor,  547  cum  colla  .  .  .  artm,  600 
celeres  hie  prima  fiamda,  III,  34  velo  Proconesson^  35  et  Caeam, 
36  Scyllaceon  unda  (doch  ist  allerdings  das  ah  vor  nnda  be- 
fremdlich nnd  kann  leicht  eingeschwärzt  sein,  wie  gleich  v.  58, 
wo  man  in  V  ab  altis  liest;  daher  empfiehlt  sich. die  Conjectnr 
von  Heinsins  ScylaceioN  unda),  48  ad  ortns,  103  at,  138  Ethe- 
lum,  197  cuspide  cassis,  209  Vemhis,  252  satus,  294  fatis  hoc, 
298  vnlnera,  321  fatales,  350  cum,  359  und  360  agros  ad  pa- 
trios,  362  neque  magnis,  399  EumcMidum,  420  Asopia,  534  ^;oce^ 
(möglicher  Weise,  wie  Thilo  meint,  eine  Glosse  zu  hkmda),  539 
pocida,  566  de  trude,  569  hcmsisse,  623  duhiis  qiübus  anxia  pectora 
ciiris,^^)  709  excussa,  715  sermonihus,  731  astris,  732  sineßatibus, 
(vgl.  Luc.  I,  260),  IV,  64  precantur,  128  /uoi^is,  130  re</es  doliture 
securidos,^-)  175  c^oZor  e^  (i?ij*as  insurgerementes,'-'^)  187  tumentis,  200 
«0«^  242  i(«He  c  (Thilo  richtig  «M>ic  a)^  287  ho^«^  ipse/'^^)  365  «es^?«« 


3')  Meynke  (Quaest.  Val.  p.  11)  hat  mit  Unrecht  an  mjite  et  Anstoss  genom- 
men; denn  Valerius  hat  dies  aus  Verg.  Aen.  V,  58  entlelnit.  Auch  das 
Bedenken  gegen  die  sehr  leichte  Emendation  von  Ileinsius  duhiis  variant 
qnia  (V  hat  variunt  qni)  pectot-a  curia  ist  nicht  gerechtfertigt;  die  Con- 
struction  ist  ähnlich,  wie  Liv.  III,  45,  2  si  nee  causis  nee  personis  variet  (lex). 

2-)  Diese  Stelle,  wo  V  regen  2Ji'enie  dure  secundos  überliefert,  leidet  ohne  Zwei- 
fel an  einem  Verderbnisse;  denn  die  sonst  gani^  richtige  Erklärung,  dass 
mit  dure  Juppiter  angeredet  werde,  ist  deshalb  nicht  haltbar,  weil  unmit- 
telbar die  Ansprache  an  den  Sohn  vorausgeht  und  daher  die  Stelle  ganz 
imdeutlich  wird;  der  grammatischen  Construction  nach  müsste  man  unter 
diu-e  den  Amycus  verstehen.  Daher  wird  wol  der  Fehler  in  diesem 
Worte  liegen;  theilen  wir  die  Wörter  ^jrewte  dure  so  ab:  premed  ure,  so 
kann  dies  wol  aus  lireniif  i/le  entstanden  sein ;  mit  (7/e  würde  ganz  passend 
Juppiter  bezeichnet.  Jedenfalls  hat  diese  Conjectur  den  Vorzug  vor  den 
gewaltsamen  Aenderungen  Schraders  leyes  suhitiire  crnentas  oder  Ph. 
Wagner's  (Neue  Jahrb.  8t),  385)  regi  p>eriture  secundo. 

2-')  Diese  verderbte  Stelle,  bei  deren  Heilung  man  jedenfalls  von  V  ausgehen 
muss,  ist  von  Thilo  (LXXIX)  nicht  glücklich  behandelt  worden.  Offenbar 
bilden  die  Worte  Haec  uhi  ....  mente  den  Vordersatz,  terga  ....  gressus  den 
Nachsatz  und  das  Subject  des  ganzen  Satzes  ist  Dymas.  Dies  vorausgesetzt 
möchte  ich  für  dolet  :  videt  schreiben,  das  durch  eine  im  V  sehr  häufige  Ver- 
setzung der  Buchstaben  in  divet  und  weiter  in  dolet  verderbt  werden  konnte, 
und  dann  das  überlieferte  ei  dura  sicpergere  mente  beibehaltcüi.  Die  Nach- 
stellung des  et  kommt,  wie  wir  noch  sehen  werden,  bei  Valerius  oft  vor. 

^*)  Auch  diese  Stelle  liefert  uns  einen  Beweis,  wie  V  durchaus  die  kritische 

.et 

Grundlage    für   unseren  Text   bildet.      In  V  ist  nämUch  artificuvi,  notata. 


o24:  Sfheukl. 

(übrigens  wird  hier  statt  finxisset  .  .  .  astus^  Avas  Peerlkanip  zu 
Verg.  Aen.  IV,  128  für  das  überlieferte  fimuisset  .  .  .  astus  vor- 
gesclilagen  hat,  Avahrscheiulieh  das  näher  liegende  fendisset  .  .  as- 
tus herzustellen  sein;  fendere  astus  ist  ein  dichterischer  Ausdruck 
für  das  prosaische  tendere  insidias),  314:  Messenides,  426  summo- 
qiie  sid  surgehat,  451  minquam,  573  pafranda,  583  ra/pidi,  595 
ater,  624  sileo  et  (an  der  Kichtigkeit  des  von  Löhbach  S.  9 
hergestellten  sileam,  worauf  auch  ich  verfallen  war,  kann  kein 
Zweifel  obwalten),  633  nani  vere,  641  auditur,  722  glacialibus, 
726  rigat,  V,  25  fnnere,  55  lamherdihus,  69  laetos,  83  fatormn 
(factorumf) ,  84  addictasque  .  .  .  quaque,  94  atram  .  .  .  attuUt, 
9Q  dum,  104:  Enopiae,  lOö  Cijfheram,  114  Äutolitum,  134  vexerit 
amnis  in  aeqrior,^-')   147   inde   Tymanios,  152  Bytheresque  .  .  .  PJd- 

geschrieben,   nun  welchen  Zügen  Heinsiiis  Aetna   und  Thilo  7'otaf.  heraus- 
gefunden haben;  in  dem  Codex,  welcher  dem  Schreiber  von  V  vorlag,  stand 

.et 

rotai.na,  indem  das  vergessene  et  oben  hinzugefügt  war.  Darnach  ist 
zu  schreiben  aitißcum  rotat  Aetna  manv^,  wodurch  alle  Schwierigkeiten  beho- 
ben sind.  Uebrigens  ist  schon  in  der  Note  12  bemerkt  worden,  dass  diese 
Leseart  auch  durch  Claud.  Mar.  Victor  III,  679  bestätigt  wii'd.  Wenn 
Ph.  Wagner  (a.  a.  O.)  gegen  Thilo  bemerkt,  dass  das  Verbum  rotare, 
welches  eine  Kreisbewegung  anzeigt,  zu  dieser  Art  von  Arbeit  nicht  wol 
passen  will,  so  ist  dies  nicht  begründet;  denn  der  Hammer,  mit  welchem 
das  Metall  geschlagen  wird,  muss  doch  bei  seiner  Wucht  im  Schwünge 
gefühi-t  werden  und  daher  einen  Bogen  beschreiben.  So  steht  volare  öfters 
in  der  Bedeutung  , schwingen'  mit  ensem  Verg.  Aen.  IX,  441,  feluvi  Stat. 
Theb.  IX,  802,  .9«.m  Claud.  cons.  Hon.  IV,  329. 
3=)  Wenn  Meynke  (p.  12  f.)  meint,  dass  diese  Stelle  für  unsere  Frage  von 
besonderer  Wichtigkeit  ist,  so  kann  ich  ihm  nicht  beistimmen.  Es  han- 
delt sich  hier  gar  nicht  darum,  dass  der  Thermodon  die  Leichen  der  Ge- 
fallenen in  das  Meer  schwemmt,  sondern  dass  er  die  schwer  Verwimdeten 
in  seinem  Strudel  fortreisst  und  ersäuft.  Auch  die  Stelle  des  Statius  Theb.  XI, 
277  beweist  nichts;  er  hat  jedenfalls  unseren  Vers  vor  Augen  gehabt,  aber 
nur  patrius  ....  amnis  sammt  dem  gleichen  Versausgange  aus  demselben 
entlehnt;  x^elago  detulit  war  durch  den  ganz  anderen  Gedanken,  welchen 
Statius  ausdrücken  wollte,  gegeben.  Daher  erscheint  die  Leseai-t  bei 
Carrion  als  eine  ganz  willkürliche  Conjectur,  die  leider  lange  genug  ihren 
Platz  im  Texte  eingenommen  hat.  Das  verderbte  sanguine  scheint  ein 
Schreiber,  dem  dieses  Wort  noch  aus  v.  126  vorsehwebte,  für  das  echte 
titrhine  gesetzt  zu  haben.  Wir  werden  später  noch  andere  Beispiele  einer 
solchen  gedankenlosen  Wiederholung  vorliergegangener  Wörter  anführen. 
In  den  Versen  125  und  126  scheint  m;ui  mit  .1.  Wagner  nach  propago  j 
inter})ungierrii  zu  müssen,  obwol  die  Wiederholung  des  est  auf  einen 
Beistrich  nach  sanguinis  schliessen  Hesse;  aber  est  vera propago  sanguinis 


Studien  zu  den  Avgouautica  des  Valerius  Flaccus.  320 

'ijreiaque,  220  imagine,  260  saevi,  262  infestum,  277  (auch  VII, 
1 19)  Aethueis,  390  sedet  omnia,  437  ip-sf;,  463  praecipuos^  465  »eiif- 
laque,  (vgl.  Verg.  Aen.  I,  580  erumpere  nuhem)^  466  ejfiihit  Ithaeis 
484  forte,  520  apertis,  540  iamqne,  552  /«'"e  ^«is^  564  decolor, 
586  genitor  sie,  591  unctis,  620  ylee^rte,,  641  tacitns,  651  Bysto- 
nidae,  670  fassaqne  qnae  nequemn  (Avorüber  wir  .schon  oben  S. 
290  gesprochen  haben),  VI,  23  alienae  a  sanguine  {cdieno  a  s. 
cod.  Burm.),  81  Coraletae,  100  Norae,  102  Tarax,  115  Varus, 
118  longaeva,  123  notosque,  140  c?f7»  ^?/f/rf,  143  Ewneda,  165 
quatit  aethera  clamor,   166  agit,''*')  200  Oehrans,  208  graviter  iacit, 

ist,  wie  Meynke  (Quaest.  Val.  42  f.)  richtig  bemerkt,  rein  unverständlich. 
Aber  auch  savijuinis  denn  ii\x  Mars  ist  ein  seltsamer  Ausdruck,  der 
dmx-h  Luc.  II,  80  rfeo«  scelernvi  oder  0\'id.  Met.  VIII,  4:iS0  poenariim  dcae 
noch  nicht  gerechtfertigt  wird.  Es  ist  daher  immerhin  möglich,  dass  in 
sanguinis  est  eine  Corruptcl  steckt  und  urs])rünglich  sanguineusque  ge- 
schi'ieben  stand  (vgl.  sanguhieus  Mavors  Verg.  Aen.  XII,  .332,  Ovid.  Rem. 
Am.  153).  Schliesslich  noch  eine  Bemerkung  über  v.  139,  wo  Thilo  nach 

V  iii  signls  schi'eibt,  wälu-end  M  insignis  bietet.  Wie  soll  aber  der  furor 
in  den  signa  sich  offenbaren?  Das  wilde  Ungestüm  zeigt  sich  ja  nur  im 
Kämpfer,  seinem  Antlitze,  seinen  Bewegungen.  Daher  miiss  insignis  ge- 
schi'ieben  und  nicht  mit  balteAis,  was  die  Anaphora  das  Relativum  verbie- 
tet, sondern  mit  furo7-  verbunden  werden;  qiti  fwor  insignis  ist  so  viel 
als  qnantus  furor.  Natüi'lich  beziehen  sich  die  Worte  qnantus  ....  auro 
nur  auf  die  Königin  der  Amazonen,  HijJjDolyte,  welche  den  berühmten, 
später  von  Herakles  erbeuteten  Gürtel  trägt,  wodurch  allein  schon  die 
Unzulässigkeit  der  Leseart  in  signis  dargethan  wh'd. 

36)  Nimmt  man  die  Leseart  im  Codex  des  Carrion  an,  so  ist  jede  Beziehung 
zwischen  den  Versen  163 — 1(15  und  166  ff.  aufgehoben  und  es  bleibt 
dann  nichts  übrig  als  163 — 165  mit  Meynke  (Quaest.  Val.  13  f.)  nach 
170  zu  stellen,  obwol  sie  auch  da  ohne  rechte  Verbindung  mit  dem  Vor- 
hergehenden und  unpassend  erscheinen  müssten.     Hält  mau  sich  aber  an 

V  und  setzt  man  die  beiden  Wörter  volucinim  damor  um,  woran  auch 
schon  Meynke  dachte,  so  ist  alles  in  der  schönsten  Ordnung.  Versetzun- 
gen von  Wörtern  finden  sich  in  unserem  Texte  mehrmals,  z.  B.  I,  49, 
637  (wo  doch  adspectu  toti  in  miaero  viel  geschmackvoller  ist  als  das 
allerdings  denkbare  adspectii  in  misero  toti,  vgl.  DI,  123,  405,  IV,  183, 
VU,  458),  IV,  428,  651  (wo  es  sich  jedenfalls  empfiehlt  viso  mentes  zu 
schreiben,  da  man  sonst  mentes  mit  Amyci  verbinden  müsste),  VII,  373, 
442,  VIU,  466,  vielleicht  auch  VI,  305,  wo  in  C  die  Worte  genitor  inqnit, 
um  die  Verlängerung  durch  die  Arsis  zu  vermeiden,  umgestellt  sind.  Die 
kleine  Härte,  welche  in  der  Synizesis  volucruvi  aethere  liegt,  weil  nach 
volucrnm  eine,  übrigens  nicht  starke  Interpunction  eintritt,  kann  ducli 
hier  nicht  entscheidend  sein;  man  vergleiche  um-  ähnliche  Fälle,  z.  B. 
I,  150,  II,  133,  478  u.  ö.     Bei  dieser  Gelegenheit  möge   noch  die  Stelle 


326  Sehen  kl. 

225  splendentis  (vielleicht,  wie  Thilo  meint,  bloss  Glosse  zu 
candentis),  227  suhtemine,  230  proturhans  (sicherlich  unrichtig-; 
die  Leseart  in  V  profundis  d.  i.  profundes,  wie  häufig  in  die- 
sem Codex  geschrieben  ist,  z.  B.  V,  61  frondes  statt  frondens, 
führt  auf  das  schon  in  M  hergestellte  proftmdens,  welches  hier 
ganz  passend  ist,  da  das  Schwert  mit  dem  herniederfahrenden 
Blitze  verglichen  wird-,  fimdere  fidmina,  luniina,  radios  ist 
ganz  gewöhnlich),  234  eqv/is  agitur,  261  arhore,  269  en  ait,  335 
relinquanf ,  432  seras,  433  saevis,  441  fremitns  (was  Thilo  wol 
in  den  Text  aufgenommen ,  aber  in  den  Prolegomena  XCVI 
mit  Recht  wieder  verworfen  hat;  cantns,  was  er  vorschlägt, 
liegt  doch  von  der  Ueberlieferung  flatus  zu  weit  ab ;  ich  ver- 
muthe  daher  fatus,  vgl.  v.  646,  wo  das  Particip  fatus  ebenso 
in  ßetus  verderbt  ist.  Allerdings  kommt  dieses  Wort  nur  bei 
Prud.  Apoth.  599  vor ;  aber  dieser  Dichter  hat  es  sicherlich 
nicht  zuerst  gebraucht  und  warum  soll  man  nicht  das  Simplex 
neben  den  Compositis,  wie  adfatus,  lyrofatits,  verwendet  haben?), 
443  igni  (eine  sinnlose  Conjectur,  die  wahrlich  niemals  einen 
Platz  im  Texte  verdient  hat;  M  hat  ignis^  was  auf  urguens 
{iirges  geschrieben,  vgl.  IV,  92,  wo  für  ingenfihus  in  V  einige 
jüngere  Codices  richtig  urguentihus  bieten)  führt;  das  folgende 
recolit,  das  ich  mir  nicht  erklären  kann,  wird  man  wol  in 
recreat  verändern  müssen),  537  nee  spes  (d.  i.  seps,  wie  Salma- 
sius  ad  Spart,  p.  31  ed.  Par.  1620  erkannt  hat),  553  icüi,  559 
laeta  hominum,  571  praereptns  (worüber  schon  oben  S.  293  ge- 
handelt wurde),  594  sanguinis  usquam,  618  sudantem,  651  in 
admoti  Caput  in  fatwnque,  723  fuga  torva,  735  quoqne  et  Jmnc, 
755  faullis'per,  756  iaitn  quocunque,  VII,  84  qui  porttis  Tibenne 
tuos,  85  suiiit^  14:5  parentes,  159  totum,  \Q1  fiiriata,  (die  Schwie- 
rigkeiten dieser  Stelle,  mit  welcher  sich  Burmann  und  Thilo 
LXXV  umsonst  abgemüht  haben ,  lassen  sich  leicht  beheben, 
wenn  man  nunc  vor  decepta  in  non  verwandelt ;  zu  non  decepta 


VII,  514  besprochen  werden,  wo  nitan  allgemein  nach  einer  Conjectur  in 
der  Bon.  deicit  hinc  für  das  überlieferte  nunc  deicit  schreibt.  Dies  ist 
aber,  wenn  man  deicit  zweisylbig  liest,  ganz  richtig,  auch  entspricht  nunc 
vortrefflich  dem  vorhergehenden  nunc  (512).  Wenn  Vergil  Ecl.  UI,  96 
reice  als  Trochäus,  der  Dichter  der  Ciris  v.  11 8  reicere  als  Daktylus,  Statins 
Tlieb.  rV,  574  reicit  als  Spondeus  gebraucht  hat,  warum  konnte  nicht 
Valerius  deicit  ebenfalls  als  Spondeus  messen? 


Shifiieu  zu  den  Argonautic;i  des  Valeriiis  Flarciis.  32  i 

ist  natürlich  ((  me  zii  ergänzon;  Juno  beklagt  sich,  dass  es  ihr 
nicht  gelungen  sei  Medea  bis  zu  jenem  Grade  von  Verblen- 
dung, wie  sie  es  wünschte,  zu  bringen.  Ueber  die  Verwechs- 
lung von  nvjic  und  non  vergleiche  man  VII,  512,  wo  im  Pa- 
risinus non  ora  steht;  dagegen  muss  VII,  447  mit  B.2  nmic 
mea  für  non  mea  geschrieben  werden  müssen,  vgl.  481  nostra 
fateri  munera),  176  ojncs  est,  \1^  letiferae, '['S'^  ne  impediat  nunc 
acta,  186  amplexuque  peti,  202  dh'ae  .  .  .  esse,  206  oris,  229 
düs  nata  malirpiis,  241  qnomam,  291  est  et,  377  s%ds,  379  vo- 
limt,  380  alia  Aeaeae,  394  i2^sa  tremens,  564  attonitis,  587  in- 
citat,  616  adverso  ut  ....  castris,  630  ödere  (steht  mit  Unrecht 
in  allen  Ausgaben ;  iddere  im  V  ist  durch  eine  gewöhnliche 
Versetzung  der  Buchstaben  aus  ad,iere  entstanden,  vgl.  Verg. 
Aen.  V,  379  ndire  mrnm\  VIII,  17  jwofert  (übrigens  ist  auch 
prodit  unhaltbar;  nui"  führt  es  zu  dem  richtigen,  schon  von 
Turnebus  Adv.  XXIX,  4  vorgeschlagenen  promit),  35  icta,  39 
iam  nunc. 

Ich  glaube  kaum,  dass  Jemand,  der  unbefangen  dieses 
Verzeichniss  durchgeht,  an  einen  alten  Codex  des  zehnten  Jahr- 
hundertes  denken  kann.  Jedem  muss  sich  die  Ueberzeugung 
aufdrängen,  es  liege  ihm  ein  von  einem  italiänischen  Gelehrten 
des  fünfzehnten  Jahrhundertes  beai'beiteter  Text  vor.  Die  Haupt- 
sache bei  diesen  Männern  war  einen  lesbaren  Text  und  na- 
mentlich auch  das  Metrum  herzustellen.  Um  dies  zu  erreichen, 
wurde  frischweg  geändert,  ergänzt,  interpoliert;  alles,  was  ihnen 
nicht  recht  verständlich  oder  auffällig  war,  musste  sich  ihren 
kecken  Conjecturen  fügen,  wobei  man  sich  wenig  um  die  Ueber- 
lieferung  kümmerte.  So  wurde  nun  wo!  an  einigen  Stellen 
das  Richtige  getroffen,  aber  in  einer  zehnmahl  grösseren  Zahl 
von  Versen  wurde  der  Text  weiter  verderbt,  entstellt  und  ver- 
wässert. Beispiele  für  das  Gesagte  wird  jeder  leicht  selbst 
im  Vorhergehenden  finden;  auch  sind  nicht  wenige  Stellen  ganz 
entsprechend  in  den  Prolegomenen  von  Thilo  besprochen,  auf 
welche  ich  begreiflicher  Weise  hier  nicht  weiter  eingehe;  eini- 
ges, worin  ich  Thilo  nicht  beistimmen  kann,  ist  gleich  bei  den 
beti-effendcn  Versen  oder,  worin  längei-e  Auseinandersetzung 
,  nothwendig  schien,  in  den  Anmerkungen  erörtcii.  Nui"  auf 
eines  Avili  ich  noch  hinweisen,  weil  es  ganz  geeignet  ist,  über 
die   Beschaffenheit   des    Textes    im   Codex    des    Carrion   aufzu- 


328  Schenkl. 

klären,  nämlich  auf  die  Art  und  Weise,  wie  die  Eigennamen 
behandelt  sind.  Diese  hat  der  Corrector,  wo  sie  ihm  nicht 
bekannt  oder  deutlich  waren,  auf  die  keckste  Weise  umge- 
ändert und  besonders  ihm  bekannte  Namen  dafür  gesetzt,  z.  B. 
V,  105  Cytheram  für  Cytoron  (V  Cytheron),  III,  399  Eimie- 
oiidtim.  für  Cimmerium  (Cummeriimi) ,  III,  420  Asopia  für  Aes&pia, 
oder  auch,  wo  er  überhaupt  nichts  enträthseln  konnte,  durch 
ein  anderes  Wort  überkleistert ;  so  lesen  wir  z.  B.  in  C  I,  141 
für  Atracia  (V  racici) :  extracta,  I,  356  für  Plresius  (V  crestus) : 
cristatus ,  VI,  118  für  Lagea  (V  lagae):  longaeva.  Uebrigens 
mögen  auch  unter  diesen  Varianten  einige  den  Carrion  zum 
Urheber  haben,  der  seine  Vermuthungen  durch  die  Autorität 
seines  alten  Codex  zu  bestätigen  suchte. 

Wenn  dem  also  ist,  so  wird  man  da,  wo  die  Leseart  in 
V  keinen  Anstoss  darbietet,  die  in  C  aber  nicht  minder  be- 
rechtigt wäre,  unbedenklich  für  V  entscheiden  müssen.  So  ist 
z.  B.  I,  271  inde  magis  in  C  ebenso  gut  denkbar  als  inde 
viae,  was  P  und  V  (von  zweiter  Hand)  haben,  aber  das  letztere 
liegt  der  ursprünglichen  Leseart  in  V  indeme  näher;  III,  125 
wird  ah  arce ,  was  C  gibt  (V  hat  ab  urhe) ,  allerdings  durch 
das  Vorbild  Verg.  Aen.  II,  41  empfohlen;  aber  Valerius  pflegt 
in  seinen  Nachahmungen  oft  den  Ausdruck  zu  verändern,  auch 
passt  turbata  besser  zu  urhe  als  zu  a^xe ;  decurrit  ab  urbe  kann 
nicht  befremden,  da  die  Stadt  höher  gelegen  ist  als  der  Platz 
am  Hafen,  wo  gekämpft  wird;  V,  196  ist  passis  in  C,  wenn 
man  es  mit  fave  verbindet,  ebenso  tadellos  wie  passum,  Avas 
in  V  steht,  zu  dem  vorhergehenden  me  bezogen;  natürlicher 
ist  allerdings  die  Interpunction  nach  oris  als  die  nach  passum, 
auch  scheint  es  passender,  wenn  Jason  bei  dieser  Ansprache 
an  Phrixus,  den  er  per  genus  beschwört,  nur  seine  Person  her- 
vortreten lässt;  V;,  515  ist  dextram  in  C  nicht  minder  richtig 
als  dona  in  V;  freilich  ist  letzteres  der  gewähltere  Ausdruck 
und  passt  vortrefflich  zu  dem  Vorhergehenden;  da  nämlich  durch 
die  Annahme  der  Gastgeschenke  von  Seiten  des  Aeetes  Jason  zum 
qv'oq  desselben  wird,  so  schliesst  sich  an  da  lungere  dona:  da 
ScytJiicas  sociare  dovios.  Aehnlich  verhält  es  sich  mit  anderen 
Lesearten,  wie  II,  168  iamqne  oscula  C,  adque  o.  V  —  237  dirn 
C,  dura  V  —  620  fragorem  C,  fragore  V  —  639  dextraque  C,  dex- 
tramque  V    (doch  scheint    dextramique    amplexus    et    haerens   a\i^ 


Studien  zu  do.n  Argouiiutica  iles  Valprius  Flaceus.  329 

Uebersetzung  des  homerischen  iv  t'  äpa  oi  ©u  ysipi  (vgl,  Verg-,  Aen, 
VIII,  124)  auch  ohne  Rücksicht  auf  die  Autorität  des  V  vorzu- 
ziehen) —  IV,  73  auditur  Q,  auditus  V  V,  57  und  58  dividet .... 
conteget  Q,  dividat ....  contegat  V  —  628  querar  C,  queror  V  (viel- 
leicht ist  mit  B.)  non  für  num  herzustellen)  —  VT,  452  neque  quae  C, 
nee  quae  V.  Für  die  Eigennamen,  an  welchen  sich,  wie  oben  bemerkt 
wurde,  der  Corrector  vielfach  versucht  hat,  lässt  sich  ebenfalls  aus 
C  kein  Schluss  ziehen.  So  kommt  z.  B.  VI,  572  Zetemqne^  wie  V, 
und  nicht  Zatenque,  wie  C  liest,  in  Betracht;  IV^,  719  ist  die  Oon- 
jectur  Melasqne  C  aus  dem  Texte  zu  entfernen  und  Novc^qne  V, 
das  allerdings  verderbt  sein  mag,  wieder  herzustellen,  bis  sich  auf 
Grund  dieser  Leseart  eine  entsprechende  Emendation  gefunden  hat. 
Eine  weitere  Thatsache,  welche  keinem  Zweifel  unter- 
liegt, ist  die,  dass  der  Codex  des  Carrion  nur  die  Abschrift 
jener,  von  einem  italiänischen  Gelehrten  gemachten  Textes- 
recension  enthielt,  dass  er  von  einem  unwissenden  und  nach- 
lässigen Menschen  geschrieben  war,  welcher  jene  Textes- 
recension  vielfach  entstellte.  Wenn  z.  B.  in  den  Lesearten, 
wo  C  mit  M  stimmt,  III,  609  und  VI,  666  M  richtig  comprensa 
und  sensere,  C  fälschlich  compressa  und  censere  gibt,  oder  wenn  in 
dem  interpolierten  Verse  VII,  579  in  M  das  passende  torvo,  in 
C  das  sinnlose  torfo  steht,  so  wird  man  compressa,  censere  und 
torto  nur  als  Fehler  jenes  Abschreibers  betrachten  können. 
Ohne  Zweifel  hat  auch  er  V,  83  factorum  in  fatorum,  VI,  537 
seps  in  sjyes  entstellt.  Es  finden  sich  aber  noch  viele  Lese- 
arten, welche  schwerlich  Conjecturen,  sondern  reine  Versehen 
zu  sein  scheinen  und  offenbar  dem  Schreiber  zur  Last  fallen, 
mag  auch  hie  und  da  Carrion  bei  seiner  gewohnten  Leiclit- 
fertigkeit  manches  falsch  gelesen  haben.-'")  Dergleichen  Varian- 

'^  Wie  Carrion  Codices  verglich,  kann  man  aus  seiner  Collation  der  Darm- 
städter Handschrift  des  Censorinus  sehen,  die  allerdings  nichts  weniger 
als  genau  ist  (vgl.  Otto  Jahn  praef.  p.  XVI).  Uebrigens  hat  Thilo  die 
Lesearten  von  C  nicht  immer  richtig  verzeichnet.  So  ist  es  keineswegs 
sicher,  dass  in  C  I,  ()8  curru  uf.,  456  Geraesfo,  812  rjuin  .  .  .  quin  stand, 
weil  Carrion  nichts  davon  sagt;  es  scheinen  dies  Conjecturen  des  Carrion 
zu  sein.  Auch  das  ut  vir/ehir  bei  I,  1.32  corripif.  Ula  sedet  und  242  rjvan- 
doque  ist  nicht  berechtigt.  Dagegen  sind  manclie  Varianten  von  C,  die 
Carrion  ausdrücklich  angibt,  übergangen,  z.  B.  I,  287  nequiquam,  678 
pascei,  II,  620  fragorcm,  oder  nicht  richtig  angegeben,  z.  H.  III,  71  /?«- 
tenti  (vielmehr  paretiti). 


330  Schenkl. 

ten  sind:  I,  385  itna  pedes  (ima  ist  durch  das  vorhergehende 
imos  hervorgerufen),  II,  14  reversum,  64  conditur,  193  occuhat, 
213  meritas,  396  regant,  398  .exclusaque,  431  transihatque,  517 
omina,  518  ille,  611  und  558  vocantis  annuet,  661  efferat,  III, 
71  parenti,  143  oprima,  177  iriVr,  194  venator  hierimo,  251  ceZe- 
hramt,  121  forcus,  IV,  68  ea;i7,  173  gracia,  229  capittir,  452 
/??  ^oto  se?/.,  457  manus,  524  comprimet,  525  laetifera,  601  iAer- 
modoon,  V,  72  diviserat,  80  hoetia,  112  //?/Za.9^  364  dedere,  418 
sesostres ,  443  es^  tantus ,  541  ac^e,  570  potitur,  592  ?^ec^  596 
laxastm  (M  hat  laxartem),  608  arenae,  642  frigentihis,  VI,  65 
datliin  acliimeniae,  66  claraps,  69  fidon  iacesinaque,  336  r/^ro 
suhitam  saevi,  377  e^  henippen,  700  paiWam,  714  ta?«  videt,  VII, 
299  dtrras,  550  ^9cr?'^i  graium.  Bei  dieser  Nachlässigkeit  des 
Schreibers,  der  übrigens  schon  mit  VIII,  105  abschloss,  kann 
es  nicht  befremden,  wenn  in  C  mehrere  Verse  ausgefallen  sind, 
wie  II,  136,  IV,  86,  V,  542,  VI,  195  und  196,  und  V,  83  am 
Rande  steht,  weil  der  Schreiber  seinen  Fehler  bemerkte  und 
den  ausgelassenen  Vers  nachträglich  hinzufügte.  Allerdings 
Hessen  sich  IV,  86  und  V,  83  im  Gedichte  des  Valerius  ent- 
behren, obwol  ohne  IV,  86  die  Stelle  über  das  Lied  des  Or- 
pheus etwas  kahl  erscheinen  würde ;  aber  aus  dem  Umstände, 
dass  in  C  der  eine  ausgefallen  ist  und  der  andere  am  Räude  steht, 
lässt  sich,  wie  schon  die  anderen  Lücken  zeigen,  kein  Schluss 
auf  ihre  Unechtheit  ziehen.  Die  anderen  Verse,  welche  in  C 
fehlen,  sind  unentbehrlich;  V,  142  hat  der  Schreiber  übersehen, 
weil  er  zunächst  das  Verbum  zu  inscius ,  das  eingeschobene 
excipit,  ins  Auge  fasste. 

Ich  habe  absichtlich  die  Stellen,  wo  in  C  Lücken  des  V 
ei'gänzt  sind,  aufgespart,  um  sie  übersichtlich  zusammenzustellen 
und  so  leichter  einen  Schluss  auf  die  Beschaffenheit  dieser 
Handschrift  zu  gewähren.  Sehen  wir  von  den  Ergänzungen 
ab,  welche  C  mit  M,  B  und  A  gemein  hat,  nämlich  V,  410 
per^  VI,  666  sensere,  VII,  579  und  580,  VII,  174  sed,  so  haben 
wir  aus  C  eine  stattliche  Reihe  solcher  Supplemente  zu  er- 
wähnen und  darunter  ganz  treffliche;  doch  über'^'iegen  die  ver- 
fehlten oder  doch  unsicheren  der  Zahl  nach  entschieden.  Zu 
der  ersteren  Classe  gehören:  II,  271  et,  III,  298  potius,  519 
l^er  omnem,  V,  197  lüacidus,  287  ingens,  440  j?er_,  605  qnae 
(signa),  VII,  24  levis,  46  me,  421  me  (jjendere)-,    B2  me  expen- 


Studien  zu  ilen  Argonautica  des  Valerius  Flaccus.  331 

t 

(lere.-^^)  Man  vergleiche  nun  damit  die  verkelirten  (»der  doch 
weniger  wahrscheinlichen  Eri>änzungen ,  wie  I,  227  loni/a, 
worüber  schon  gesprochen  wurde,  II,  227  mann  (sicherlich  rich- 
tig ist  Burmanns  metu),'^'')  322  haec  hospita  (gewiss  unrichtig  und, 
wie  es  scheint,  aus  Ovid.  Trist.  III,  12,  32  genommen;  nicht 
unwahrscheinlich  gibt  B  nobis  haec),  398  amor  mit  kecker 
^Veijderung  von  saeva  in  saevit  (richtig  P  von  zweiter  Hand 
saeva  magis),  III,  462  ce^m-,  ^")  IV,  29  -mos  (fast  sinnlos;  Bur- 
mann richtig  foros),  IV,  388  somno,  (was,  wie  Thilo  LV  richtig 
bemerkt,  wegen  som7ios  am  Schlüsse  des  folgenden  Verses 
unmöglich  ist,*')  V,  72  fristen,  (ebenso  unwahrscheinlich,  da 
tristes  gleich  im  nächsten  Verse  steht  (Thilo  LI);  ich  ver- 
muthe  daher  saevas ,  was  wegen  der  Aehnlichkeit  mit  sedens 
leicht  ausfallen  konnte,  vgl.  IV,  74r)),  V,  645  anne  {eist  B.2, 
ohne  Zweifel  richtig),  VI,  300  q^iiem  quaerit  misqnam.  (mit 
willküi'licher  Veränderung  des  überlieferten  nov   usquam-^  diese 

'^)  Ich  habe  -die  Ergänzuujren  II,    58ö    hellua,  IV,  417  Phnri   nicht  erwähnt, 
■     da  sie    nicht  ausdrücklich   als  Le.searten   des  Codex   l)ezeichnet  sind ,    db- 
wnl     man    es    dem    Zusammenhange    nacli    von    PIku-'i    vermuthen    kann, 
ebenso  IV,  4  te,  das  sicher  nur  eine  Conjectur  des  Carrion  ist. 

3^)  Die  Lücken  in  der  Mitte  von  Versen  sind  meistens  dadurch  eingetreten, 
dass  der  Sclu'eiber  voii  einem  Worte  zw  einem  anderen,  welches  diesem 
ähnlich  war,  abin-te.  Man  vergleiche  III,  398  potins  tiins,  IV,  4  te 
pectore,  V,  197  patrins  placidus,  287  ingen.s-  aef/ida,  VT,  (56(>  minei-ae 
sensere,  VII,  24  lanfpientes  levis. 

*")  Die  tori,  mit  welchen  die  tabulatu ,  d.  i.  der  gegen  das  Verdeck  erhöhte 
Gang,  der  um  das  ganze  Schiff  lief  und  den  Sitzplatz  der  Ruderer  bildete, 
belegt  wurden,  sind  offenbar  die  Ruderkissen  (uTTTipsoia),  die  niedrig  und 
aus  Binsen  gemacht  wai-en.  Wie  daher  hier  reisig  am  Platze  sein  kann, 
ist  mir  unbegreiflich.  Ich  habe  in  meiner  Ausgabe  scirpels  vorgeschlagen, 
freilich  ohne  für  diese  Vermuthnng  irgend  eine  Gewähr  bieten  zu  können. 

")  Tliiln  hat  nachgewiesen,  dass,  wie  dies  i)ft  in  den  Handschriften  geschah, 
cantu  aus  ;^88  in  o87  eindrang,  wodurcli  das  Schlusswort  des  letzte- 
ren verloren  gieng.  Dieses  dürfte  wol  panlor  gewesen  sein.  Ich 
stelle  hier  gleich  die  anderen  IJeispiele  solcher  Störungen  in  unserem 
Texte  zusammen:  III,  9,  wo  Carrion  cui  tradif.  amici  (in  der  zweiten 
Ausgabe  «wtjm)  vorgeschlagen  hat.  das  Supi)lement  der  Aldina  aber 
oneratqxie  stiperMs  (vgl.  Verg.  Aen.  III,  AHb)  nicht  unwahrscheinlich  ist ; 
wenn  Thilo  XLV  dagegen  bemerkt,  dass  dann  keine  Construction  möglich 
sei,  so  scheint  mir  dies  nicht  begründet;  qucifi  privia»  vestex  ist  so  viel  als 
vestihus,  appositioneil  zu  inunei-ilms  gedacht,  quas  2ii'i'>nas  x\.  h.  w.;  III,  öl9, 
VI,  417,  Vn,  244,  VIII,  161  (wo  li/ora  rftmi  mehr  für  sich  liat,  als 
aequora  remi). 
Sitzb.  d.  i.lul.-bist.  Cl.  LXVIH.  Bd.  HI.   litt.  22 


332  Schenkl 

oft  besprochene  Stelle  lässt  sich  leicht  ergänzen  und  ver- 
bessern, wenn  man  schreibt:  agmina  non  nsqvani  Cyrmmi  videt. 
utque  itervm  intrat  vnciferans ,  iterum  helli  diversa  peragrnt, 
lancea  u.  s.  w.);  VI,  417  cura  cavere  (sinnlos,  wie  Thilo  LVI 
nachweist ;  man  erwartet  vielmehr  mittere  cura) ;  VII^  ]  59  totvm 
(von  Thilo  LVII  widerlegt;  am  ansprechendsten  ergänzt  Ph. 
Wagner  ut  mecum  sis  hiinc)-^  VII^  244  ardna  amanti  (wobei  das 
überlieferte  arida  keck  umgeändert  wird;  sehr  ansprechend  ver- 
muthet  Thilo  (LVI)  arida  .  memhra ,  oder  sollte  man  an  ai-ida 
lingua  denken  ?) ;  VII,  452  in  armis,  (wobei  ebenfalls  statt  superis 
gewaltsam  snmptis  hergestellt  wird;  fast  zweifellos  ist  Thilo's 
Ergänzung  in  istis).  Wie  man  sieht,  führen  alle  diese  Supple- 
mente nirgends  auf  eine  alte  handschriftliche  Quelle  zurück; 
sie  sind  blosse  Versuche,  von  denen  allerdings  einige  nicht  übel 
gerathen  sind ,  freilich  nur  an  solchen  Stellen ,  wo  der  Sinn 
offen  da  liegt,  während  an  solchen,  wo  dies  nicht  der  Fall  ist, 
der  Ergänzer  seltsame  und  geradezu  verkehrte  Vermuthungen 
vorgebracht  hat.  Es  offenbart  sich  dabei  ganz  die  Manier  der 
italiänischen  Correctoren,  welche  schnell,  was  ihnen  in  den 
Sinn  kam,  an  den  Rand  ihres  Codex  hinwarfen  oder  auch  gleich 
im  Texte  herstellten,  ohne  zu  fragen,  ob  dieser  Einfall  auch 
bei  genauer  Erwägung  der  ganzen  Stelle,  ihres  Gedanken- 
zusammenhanges und  Ausdruckes  Stand  halten  könnte.  So  hat 
der  Ergänzer  hier  IV,  388  und  V,  72  die  Lücken  mit  som.no 
und  tristes  ausgefüllt,  ohne  sich  darum  zu  kümmern,  dass  diese 
Wörter  gleich  wieder  in  den  folgenden  Versen  vorkommen. 
Wer  möchte  bei  solcher  Bewandtniss  etwa  die  Verse,  welche 
sich  nur  in  C  finden:  I,  830,  III,  77,  IV,  196,  VII,  633,  von 
denen  die  zwei  ersten  am  Rande,  nicht  im  Texte  stehen,  für 
wirkliche  Ergänzungen  der  Lücken  in  V  ansehen?  Sie  sind 
Machwerke  italiänischer  Gelehrten,  einer  davon  (IV,  196) 
nicht  ungeschickt,  die  anderen  aber  recht  plump  und  geist- 
los. Man  beachte  noch ,  dass  sich  in  C,  wie  schon  oben  be- 
merkt wurde,  nach  VII,  578  dieselben  zwei  Verse  wie  in  M 
rinden,  und  man  wird  über  den  Ursprung  aller  dieser  Supple- 
mente gewiss  nicht  mehr  unklar  sein  kiinnen. 

Bedenkt  man  nun  noch,  dass  C  an  einer  grossen  Anzahl 
von  Stellen,  wie  die  von  Thilo  (LXXXIII)  angeführten  Bei- 
spiele zeigen,    in    den  Corruptelen    mit  V  übereinstimmt,    dass 


Studien  zu  den  Argonautica  des  Valerius  Flaccus.  333 

ferner  die  (\nijecturen,  wo  nicht  die  Ueberliet'erung'  allzu  will- 
kürlich iinii>-eiindert  ist,  deutlich  aui  die  I^escarten  in  V  zurück- 
gehen, z.  B.  IV,  426,  V,  114,  VI,  208  u.  di»l.,  so  ist  damit 
wol  der  l^eweis  geliefert,  dass  C  eine  junge  Handschrift  war, 
die  ebenso  wie  alle  anderen  V  zur  Quelle  hatte,  und  einen  v^on 
italiänischen  Gelehrten  stark  überarbeiteten  Text  darbot. 

Ganz    ähnlich    verhält    es    sich    mit    den   anderen   Codices 
des    fünfzehnten    Jahrhunderts,    von    denen   M,    der  Vaticanus 
11)53,  der  Codex  Burmanns '-)  und  der  von  Thomas  Coke  näher 
bekannt  sind.     So  sind  z.  B.  in  M  manche    Lücken    recht  an- 
sprechend ergänzt,  wie  IV,  65,   VIII,  83,  228,   kleinerer  Supph;- 
mente,  wie  iam^  in,  est  I,    l(i,   750,  VIII,  39,   170  nicht  zu  ge- 
denken;   aber  illnm  hcjo  tv  I,   202,    das  in    allen  Texten    steht, 
hat  keine  Wahrscheinlichkeit,    da  den  Zügen    in  V  ille  mi  .  . 
doch  ilh  mihi  (nämlich  poenas  dahit)  viel  näher  liegt,  und  der 
Vers  I,  45  erweist  sich  ebenso,  wie  jener  nach  VIII,  4G2,  auf 
'  den  ersten  Blick  als  unecht.     Ebenso  sind    die  Conjecturen  in 
!  M  bald  recht  gelungen,  bald  willkürlich  oder  geradezu  verkehrt. 
i  Darüber  noch  weiter  zvi  sprechen  vmd  iiachzuweisen,  dass  auch 
I  M  keine  andere  Quelle  als  V  hat,  halte  ich,  trotzdem  Meynke 
!  (Quaest.  Val.  22)  daran  zweifelt,  für  überflüssig.    Ich  bemerke 
i  nur,  dass  M  ebenso  wie  C  bloss  die  Abschrift  eines  verbesserten 
Textes  ist,  und  zwar  eine  sehr  incorrecte,  die  auf  einen  nach- 
lässigen   und    gedankenlosen    8chreiber    schliesseu    lässt.     Der 
Vat.  1653,  der  Vaticanus  II  des  Heinsius,  hat  einiges  Interesse 
dadurch,    dass  aus  einem    ihm  sehr  ähnlichen  Codex  die  editio 
princeps  (Bologna   1474)  geflossen  ist.     Da  Heinsius  imd  Thilo 
.nur  einige  Lesearten  desselben,    und  letztere  meistens   nui'  da, 
Iwo  Blätter  in  V  verloren  sind,    mitgetheilt  halben,    so  gebe  ich 
jhier,  um  eine  genauere  Kenntniss  dieser  Handschrift  zu  ermög- 
lichen, nach  dem  Texte  Thilo's   eine  Collation  von  300  Versen 
des  ersten  Buches,    welche   ich  Hrn.  Dr.  Hugo  Hinck  in  Rom 
verdanke.     Mehr    abdrucken    zu    lassen    lohnt   nicht   die  Mühe. 


I  ■'2)  Ist,  der  Codex  des  Bnrmium,  dessüu  ITcrkuiii't  er  liloss  mit  den  Worten 
andoiitot :  ,'itninn  ndhilnihniis ,  sed  iifjpif  wliixtinn  m'jpir  valtle.  accnratiim, 
ciim.i  iisum  ante  viginti  annod  ipiidam  noJjis  conce-isit  et  ex  quo  varias 
qnasd.am  Ipc.fiones  excei^simv-fi  (Praef.  jt.  XXXI)'  identisch  mit  dem  Vos- 
sianns,  den  er  einigcmalc  erwähnt,  uhne  sciiner  in  der  Vorrede  gedacht 
zu  haben? 

22* 


334  '  Schenkl. 

Die  Varianten ,    wo    der   Codex   mit    der    Bononiensis    überein- 
stimmt, sind  mit  B  bezeichnet  :^3^  5  concita  B.   7  fronde  B.  13 
■potes  B.    15  illa  B.  17   neque  in  B.  23  omnes  B.   27  progenie  B. 
30  aut  B.    38  timens  B.    42  Chreteos  .  .  .  audis  B.  43  oefds  B. 
45  m^e?'  ef  attonite  mactaf  solemnia  mense  B.  49  lacera  asskhds 
namque  B.  53  hahet.  56  nepMlei  B.  58  propriorque  B.  63  externo 
B.   69  g'?to  B.  73  advocaf.  74  /e?'a  B.  82  aethere  (aefheie  B)  .  .  . 
imhrem.    {liimbrem  B),    83  erdjjhea  B.    84  cedere  {coedere  B).    88 
/M7ic  B.  93  fhesjnca  {thespiaca  et  B).  95  undas  B.  96  macednmqite  B. 
100  Äa6e^ .  .  .forma  B.  104  siniulat  (stimidat  B).  105  ^w.95^ .  .  .  limine 
B.  107  tirynthins  B.   108  nrmata  B.   115  hymbrem  B.   117  co^it- 
menqne.   118  nnqruim.  B.    —  es^  (in  mg.  ^s?'/').   120  o>v*5-  B.    123 
desolvere.    —  Inmma   B.    125    moUri   B.    126    veUifero   B.     127 
mtnc  pervia.     130  sperafa  sedens  B.     131    «e/wV  B.    132  coro^iptdt 
silet  haec  B.  134  clotoqim  B.  — iacfataque  B.  137   viridi  totns  B. 
138    chelin  B.     140  Rhoetens  atracia  B.   144    agnoscifur    B.    146 
clarus  antora  B.  147  acclivisque  B.   —   napetis  B.  156  conanti  B. 
161  exonides.    1(32  cmtji    (^rtw,   m.  2).    167    tyndareusque  B.    169 
pelagum  B.   171    iolchon  B.   173    ^?mc  B.   176  patni  sive   B.  178 
sedeatqne  B.   180  /a^^«  (om.  ignarimi).   184  mofnque.    190  iuven- 
cum  B.   192  latifera  B.   193  ^^&as.  203  alvum.  214  maplexus  B. 
223  vellere  B.  228  idomon.  232  omnüi  B.  233  pennis  B.  242  quantis- 
que  B.  243  ajfecto  B.  250  om.  m  B.  254  veruhi(s  B.  256  ostentarat 
B.  265  SIC.  266  vnltus.  270  venatos  B.  271  *rt(ie  w'e  B.  273  redditiira 
B.  275  lectantihns  B.  278  steterat  .  .  .  uiYis  B.  282  yer^or  B.  284 
diricmque  .  .  .  wtssa  B.  285  descendere  .  .  .  abJttjdo  B.  287  nequic- 
q^iam  B.  289  surgenti  B.  Man  sieht,  wie  genau  selbst  in  den  Schreib- 
weisen der  Codex  mit  der  ed.  princeps  stimmt.  Richtig  bietet  er  1 
natis  (B  V  nautis),  1 17  columenque  (B  V  colunieiiva-^  P  columemque)] 
die  anderen  Lesearten,  welche  er  eigenthümlich  hat,    sind  ent- 
weder Versclilechterungen,    wie    134    iactataque    (V  laetataque), 
203  alvtim  (B  V  <dmim)  oder  offenbare  Schreibfehler.  Auffallend 
ist  die  Uebereinstimmung  mit  P  vv.  5,  7,  117,  233,  271,  284.  Man 
kann  daraus  den  Schluss    ziehen,    dass    anfangs    in  Italien  nur 
Abschriften  des  Sangallensis  verbreitet  waren,  welche  späterhin, 


**)  Schreibweisen  luibe  ich  In  der  Regel  iik-lit  beachtet.  Deshalb  bt'iuerke  ich 
hier,  dass  der  Codex  bei  zusammengesetzten  Verben  durchaus  die  Assi- 
milation der  Präpositionen  hat;  für  ai'  steht  fast  immer  e,  ferner  Uttora, 
occeanus,  foloe  u.  dgl. 


Studieu  zu  den  Aifioiiaiitica  des  Valerius  Flaccns. 


335 


als  mall  V  auffand,  aus  demselben  ergänzt  und  verbessert  wurden. 
Zu  dieser  Art  von  Codices  geliören  der  Vat.  1 653  und  die  Hand- 
sebrift,  aus  welcher  die  Bononiensis  geflossen  ist.  Auch  C  gehört 
zu  dieser  Classe,  Avährend  M  direct  aus  V  hergeleitet  ist.  Man  kann 
daliei-j  wenn  man  den  Vaticanus  1653  mit  R,  den  Ottobonianus  mit 
<  >,  den  Vaticanus  1614  mit  8,  den  Oxforder  Codex  mit  T,  den  Pari- 
sinus 7647  mit  L  bezeichnet,  folgendes  Schema  aufstellen: 

V 


POST     ergänzter  Codex 


CR         B 

Von  den  anderen  Codices  lässt  sich  nicht  sagen ,  ob  sie 
direct  oder  indirect  aus  V  hergeleitet  sind ,  da  wir  keine  aus- 
reichende Collation  derselben  besitzen. 

Was  die  Supplemente  in  B  anbelangt,  so  haben  sie  den- 
selben Charakter,  w^ie  die  in  M.  Einige  sind  so  gelungen,  dass 
sie  mit  Recht  in  den  Text  aufgenommen  worden  sind,  wie  IV, 
682  Juno,  V,  1 1  capnt,  VII,  201  casus,  337  et  (auch  R),  VII I, 
214  iam,  andere  sind  verfehlt,  wie  IV,  2^  livects,  V,  12  placidas, 
645  at  {(ist  B^),  VIII,  452  üirldl  (das  Richtige  dürfte  wol 
sacro  sein).  Darum  ist  aucii  auf  den  Vers  VI,  78,  den  Meynke 
im  Rhein.  Mus.  XXII.  370  so  besonders  betont,  kein  Gewicht 
zu  legen.  j\[an  mag  zugeben,  dass  er  recht  geschickt  gemacht 
ist;  aber  einen  solchen  Vers  kann  man  einem  italiänischen  Ge- 
lehrten ganz  gut  zutrauen,  besonders  wen«  er,  was  wol  keinem 
Zweifel  unterliegt,  Verg.  Georg,  II,  J23  f.  als  Vorbild  benützte,") 


III, 

Aus  der  vorhergehenden  Ercirterung  ergibt  sich,  dass  der 
Vaticanus  3277   die  einzige  Quelle  füi-  den   Text  der  Argonau- 


^*)  Der  Text  der  Juntina  von  1517  ist   niflit  aus   der  IJononicnsis  II  (1494), 
sondern  aus  der   ersten  Bon.  (1474)  hergeleitet,    ducli  hat  Bartli.  Foutius 


336  Schenkl 

tica  bildet  und  wir  überall  auf  denselben  zurückstehen  müssen. 
Daher    ist    es    höchst    wichtig    die    Schreibweise    dieses   Codex 


dabei  einen  verbesserten  Codex  benützt;  die  Juntina  von  1503,  sowie  die 
erste  Florentina  (1476  ?)  stand  mir  nicht  zu  Gebote.  Dagegen  stammt 
difr  Veneta  von  15ül  und  wol  auch  die  von  1.500  aus  der  Bon.  II.  Für 
die  Aktina  bildet  der  Text  der  .Juntina  II  die  Grundlage;  freilich  ist  der- 
selbe vielfach,  besonders  nach  der  Ausgabe  des  Pius  verbessert.  Uebrigens 
wii'd  sich  weder  aus  den  alten  Ausgaben ,  noch  aus  den  jüngeren  Hand- 
schriften mehr  eine  nur  irgendwie  erhebliche  Nachlese  von  bisher  unbe- 
kannten Conjecturen  gewinnen  lassen.  Da  Meynke  (Quaest.  VaL  .54)  auf 
ein  Exemplar  der  ed.  princeps  in  der  Magliabecchiana  zu  Florenz  hinge- 
wiesen hat,  wo  im  Texte  und  am  Rande  sich  allerlei  Anmerkungen  von 
der  Hand  des  Thomas  Jnghüami,  genannt  Phädrus,  finden  und  am 
Schlüsse  geschrieben  steht  ,Phoedru.i  duce  Pomponio  Latinae  limjuae  pa- 
rente  optumo  incuüum  cantüjavit  a.  u.  c.  MMCC'XL  VP  (vgl.  Foss,  catal. 
codd.  saee.  XV  impressorum,  qui  in  bibl.  Magliabecchiana  Florentiae  ad- 
sei-vantui',  Florenz  1794,  voL  II,  p.  740),  so  ersuchte  ich  Hm.  Hinck  bei 
seiner  Anwesenheit  in  Florenz  den  Band  dmx-hzusehen  imd  mir  die 
Varianten  zum  ersten  Buche  der  Ai'gonautica  mitzutheilen.  Es  ist  wük- 
lich  die  Bon.  I  (jetzt  in  der  Bibliotheca  nazionale  B,  2,  15)  mit  zahl- 
reichen Verbesserungen  des  Textes,  welche  \ms  deutlich  zeigen,  wie  die 
italiänischeu  Gelehrten  mit  der  Ueberlieferung  verfuhren.  Ich  gebe  hier 
die  vollständigen  Emendationen  von  v.  1 — 100  und  von  da  an  nur  die 
wichtigeren  mit  Uebergchung  aller  Kleinigkeiten.  Die  vor  der  Klammer 
stehende  Leseart  ist  die  der  Bon.,  die  folgende  gibt  die  Emendation  des 
Phädnis:  1  nautis]  vel  natis,  l(i  iamj  tu,  17  neqtie  in]  neque  enini,  23 
populis]  populos  (auch  Bi),  30  autj  haud,  39  ponedra]  pcnidera,  55  ani- 
miquej  vel  annique  (so  die  Bon.  II  bei  Harles),  43  ottas]  eetas,  58  pro- 
priorque]  propiorque.  67  aerii]  aerei.  72  niiseranfes]  miserantis.  H3  eni- 
pheaj  enipea.  90  paler J  vel.  vaiier.  94  deniitterej  vel  cedeie.  100  habet] 
hahit.  heUis]  hello,  lli  fata]  facta.  117  colnmenve]  vel  coluiuenque.  122  docta] 
vel  acuta.  130  sperata  üedensj  sperata  vuijo  (ebenso  Bon.  II.  bei  Harles; 
auch  bei  Pius  erwähnt).  132  coi-ripuit  silef  haec]  corripit  ut  silet  haec 
(auch  bei  Pius  erwähnt).  157  erigit]  vel  exigit.  192  perfringere]  perstrin- 
gere.  208  vitamqne]  vittasque.  277  noctem  dulci]  dulci  noctem.  304  silvis] 
lucis.  310  nieimas]  terran.  342  videam]  video.  345  super]  suhit.  368 
voluitve]  valuilve.  384  puniceo  .  .  .  coturno]  vel  puniceos  .  .  .  cotunws. 
400  tej  ter  (auch  bei  Pius  erwähnt).  404  splendetj  pendet.  405  altis]  aliis 
(auch  im  Regius).  412  phlias  inviisaux]  bumis/tus  phlias.  420  celer  aerea] 
celer  i)tsitu.  430  hie]  hinc.  464  quem]  forte  quos.  491  teneroi]  tenera» 
(aucli  Jiintina  II).  493  adverso]  averso  (auch  Aldina).  521  aras]  od 
oras.  70S  equisj  eques  (auch  bei  Pius  erwähnt).  Nach  700  steht  am  Riindi 
der  Vers  (815):  Sumat  et  heu  cutictas  quas  viii-it  in  aequora  gentin.  770 
puijnataque]  cognataque.  785  tempore]  tempora.  790  fasque]  fas.  800  cla^s- 
■lesque]  claasbs.  821   removentemj  revomenles  (auch  bei  Pius  erwähnt).   822 


Stadien  zu  deu  Argoiiautica  des  Valerius-  Flaccus.  337 

* 

uiiliei-  kennen  zu  lernen ,  weil  mau  durch  ein^  sorgtaltijoe  Be- 
obachtung derselben  im  Stande  sein  dürfte  manche  Fehler,  die 
l)iöher  vcrborg'en  tj^eblieben  sind ,  zu  entdecken  und  manche 
Stellen,  an  deren  Heilung;  man  sich  bisher  umsonst  versucht 
hat,  sicher  zu  verbessern. 

Nun  ist  V  im  neunten  Jahihundert  von  einig-en  ganz  un- 
wissenden Mönchen  geschrieben ,  die  vielleicht  kaum  der  Ele- 
mente des  Lateinischen  kundig  waren.  Darnach  kann  es  nicht 
Wunder  nehmen ,  wenn  der  Text  von  Fehlern  aller  Art  wim- 
melt. Den  Bildungsgrad  dieser  Schreiber  kann  man  am  besten 
aus  III,  76  und  IV,  50  kennen  lernen,  wo  einer  für  galeae  und 
amens  die  ihm  geläutigen  Wörter  gnlüeae  und  amen  gesetzt  hat, 
oder  aus  IV,  129,  wo  einer  den  Namen  eines  scythischen  Volks- 
stammes  in  den  des  Erzengels  Michael  (mycaei)  verwandelte 
und  es  so  wol  für  immer  unmöglich  gemacht  hat  die  Hand 
des  Dichters  zu  errathen.  Die  guten  Mönche  sind  aber  auch 
keine  lleissigen  Schreiber  gewesen;  sie  werden  wol  beim 
Schreiben  dieselben  Emptindungen  verspürt  haben,  wie  jener 
Mönch  zu  St.  Gallen,  der  am  Ende  des  Codex  des  Justinus 
(saec.  IX.  n.  623)  in  zierlicher  Schrift  die  rührende  Klage  bei- 
fügte: chumo  kischreib,  filo  chumor  Icipeit.  Wie  nachlässig  sie 
geschrieben  haben,  kann  man  am  besten  aus  der  Stelle  II, 
213 — 262  ersehen,  wo  der  Schreiber  nach  262  nochmals  die- 
selben 49  Verse  wiederholt  hat.  Bezeichnen  wir  mit  Thilo  die 
Lesearten  der  ersten  Abschrift  mit  Va,  die  der  zweiten  mit  Vb, 
so  kann  man  leicht  an  einigen  Beispielen  die  gänzliche  Sorg- 
losigkeit des  Schreibers  zeigen.  V.  215  hat  Va  in  thalamos, 
Vb  in  thamos,  231  Va  inmanes,  Vb  inmagiiies,  239  Va  fnro- 
rem,  Vb  furoris,  240  fehlt  Va,  241  fehlt  Vb,  251  Va  ne  quere 
quis  auctor,  Vb  ne  queis  auctore.  Man  kann  daraus  den  Schluss 
ziehen,  wie  er  an  anderen  Stellen  den  ihm  vorliegenden  Text 
verunstaltet  haben  mag. 

Ueber  die  Lücken  in  unserem  Texte  habe  ich  schon  im 
zweiten  Abschnitte,  so  viel  als  nöthig,  gesprochen.  Ausser  den 
genannten    Stellen,    wo    meistens    grössere  Wörter    ausgefallen 


(=r  815)    dui-chstrichen.     Nach    829    folgt    der  Vers  Senserit   atijue    ijravi 

totum    conddere    motu    (bei    Pins    mit    iiocli    einem  anderen     ans    einem 

Exemplare  Ibuu  Pomponii  Laeti  elimato  angeführt).  Mau  sieht,  dass  sich 
hier  keine  Ausbeute  macheu  lässt. 


338  Scheukl, 

sind,  linden  sich  in  V  nur  noch  kleinere  Lücken,  welche  durch 
Wörtchen,  wie  per,  tnm,  in  u.  dgl.  auszufüllen  und  längst  in  ^ 
einigen  Handschriften  oder  von  Herausgebern,  besonders  von 
Heinsius  ergänzt  sind.  Eine  einzige  Stelle  dieser  Art  ist  bis-  i 
her  unbemerkt  geblieben,  nämlich  VHI,  232  f.  adsunt  unanimes 
Venus  hortatovque  Cupido  suscitut  adfixain  itiaestis  Aeetida  cnris. 
Dass  diese  Construction,  wornach  Ciipido  einmal  mit  Vemis  als 
Subject  von  adsunt  und  dann  wieder  allein  als  Subject  von 
suscitat  gefasst  werden  müsste ,  unmöglich  ist ,  hat  man  längst 
erkannt.  Aber  der  Versuch  J.  Wagner' s  nach  Ciqjido  stärker 
zu  interpungieren  und  adßxani  in  hie  ßxam  zu  verwandeln  be- 
friedigt nicht  und  Meynke's  Conjectur  admdt  unanimis  (Rhein. 
Mus.  XXII,  374)  wird  man  als  eine  willkürliche  Behandlung 
des  Textes  verwerfen  müssen.  Dagegen  emptiehlt  sich  nach 
maestis  ein  qui  einzuschieben,  wodurch  alle  Bedenken  behoben 
sind.^-^)  Denn  was  Meynke  sonst  gegen  die  Ueberlieferimg  ein- 
wendet, wiegt  nicht  schwer.  Warum  soll  Valerius  nicht  an 
vier  Stellen  die  Form  unaninms  nnd  an  einer  unanimis  ge- 
braucht haben  ?  Sagt  doch  I aicanus  IV,  330  semianimes  .  .  . 
turmas  und  III,  747  (nach  den  besten  Handschriften)  semiani- 
musque  iaces.  Auch  ist  es  nicht  Avalir,  dass  die  älteren  Dichter 
in  solchen  Zusammensetzungen  die  Formen  auf  hs  vorzogen; 
so  ist  semianimis  gerade  bei  den  älteren  Dichtern  üblicher  als 
semianimus.  Und  warmn  soll  nnanimes  nicht  passend  von  dem 
Zusammenwirken  der  Venus  und  des  Cupido  gebraucht  sein? 
unanimis  von  Jason  und  Medea  gesagt  wäre  doch  recht  nüch- 
tern. Wir  schliessen  hieran  gleich  eine  andere  Stelle,  wo  eben-  i 
falls  das  Relativum  herzustellen  ist ,  nämlich  III,  30  f.  adque 
illum  non  ante  sopor  Inctamine  tanto  lenit  agens  divum  imperiis. 
Diese  Worte  können  so,  wie  sie  überliefert  sind,  nicht  richtig 
sein;  denn  non  ante  lässt  sich  mit  lenit  nicht  vereinen.  Ph. 
Wagner  hat  richtig  erkannt,  dass  ein  Relativum  fehlt,  und  ist 
auch  auf  die  UKÜner  Ansicht  nach  richtige  Vermuthung  at  qui 


*'')  Für  die  Synizesis  vcrgleiclic  man  V,  5S4  st  unmigenam.  8ynizesen  ein- 
sylbiger  Längeu  finden  sicli  bei  Valerius  öfters  und  zw;ir  mit  folgenden 
Längen  III,  304,  V,  -490,  517,  VI,  536,  VII,  38,  96,  131,  176,  238,  420, 
VIII,  198,  387,  aber  auch  mit  folgenden  Kürzen,  z.  B.  II,  218  st  aperif, 
IV,  (i2  quem  alium,  V,  o9U  te  (ntinioA:  Es  durfte  daher  Jj.  Müller  (de 
re  metr.  283)  nicht  an  der  Richtigkeit  der  Leseai't  IV,  02  zweifeln. 


Stiiilien  /.a  'leii  Ar;;oii.'iutic;a  4r.v  Valerius  Flaccus.  ob9 

für  (itqi(e  verfallon ,  die  er  aber  der  Elision  von  qni  wegen 
selbst  wieder  uufgibt.  Warum  soll  aber  diese  Synizesis  so  an- 
stössig  sein?  Findet  sich  doch  eine  g-anz  ähnliche  VII-,  (>51 
nee  si  ijJse.  Daher  bedarf  es  nicht  der  Aenderung  quiqtie  illnm 
und  noch  weniger  der  weiteren  Sopor  tum  numine  hlando  oder 
gar  lenis  adit,  wie  Waguer  vorschlägt.  Icli  bemerke  nur  noch, 
dass  agens  hier  nicht  etwa  ,handelnd'  heisst,  sondern  einem 
?«-y?<e»s  gleichkommt;  so  steht  ganz  ähnlich  «//«v^s- IV,  111,  VII, 
151,  Verg.  Aen.  I,  191,  IV,  71. 

Eine  Reihe  von  Stellen,  wo  die  ursprüngliche  Ordnung 
der  Wörter  gestört  worden  ist,  habe  ich  schon  in  Anmerkung 
36  besprochen.  Es  mögen  hier  gleich  zwei  andere  Fälle 
folffen ,  wo  die  Anfane-sworte  von  Versen  vertauscht  worden 
sind.  Das  erste  Beispiel  dieser  Verwechslung  findet  sich  I,  vv. 
10,  20.  Hier  muss  nämlich  v.  20  jedenfalls  mit  Slothouwer 
(Animadv.  crit.,  s.  Acta  lit.  soc.  Kheno  —  Traiect.  III,  1(58) 
statt  ,etf  ,seu'  hergestellt  werden;  denn  mit  J.  F.  Gronov 
(Observ.  I,  IS)  im  vorhergehenden  Verse  u  fv-  s.  d.  si  te  .  .  . 
zu  schreiben,  dazu  wird  sich  W(»l  Niemand  entschliessen.  Da- 
gegen bleibt  es  fraglich,  was  v.  l'J  statt  siui  zu  schreiben  ist. 
Thilo's  Vermuthuug  cum  trifft  sicherlich  nicht  das  Richtige,  da 
bei  ihrer  Annahme  nicht  der  verglichene  Gegenstand  neben 
dem  Bilde  augegeben  wäre,  und  hätte  sie  daher  Wagner  (Neue 
Jahrb.  89,  404)  nicht  billigen  sollen.  Dem  Sinne  nach  ent- 
spricht die  Vermuthung  Slothouwer's  qudm,  welcher  Haupt 
(Hermes  III,  215)  beistimmt;  aber  es  lässt  sich  so  schlechter- 
dings nicht  die  Entstehung  der  Corruptel  erklären  und  der  Be- 
merkung Haupt's  ,neque  litterulis  nimium  inhaerescemus,  prae- 
sertim  cum  fieri  potuerit,  ut  huius  versus  initium  yjropter  ini- 
tium  proximi  depravaretur'  können  wir  erst  dann  bei})flichten, 
wenn  sich  kein  leichteres  jMittel  zur  Heilung  darbietet.  P^in 
solches  ist  aber  unstreitig  vorhanden.  Nimmt  man  nämlich  an, 
I  dass  die  Anfangsworte  der  beiden  Verse  vertauscht  worden 
I  sind,  so  wäre  et  tu  zu  schreiben;  et  aber  kann  recht  wohl  aus 
1  ac  entstanden  sein,  das  sich  ganz  gut  mit  eerfior  verbindet  (\^gl. 
!  Hand  Turs.  I,  472).  Das  zweite  Beispiel  ist  VII,  420  und 
421,  wo,  wie  Ziuzerling  erkannt  hat,  mit  Umstellung  der  Ein- 
gangsworte quid  pater  und  tiec  meritnm  geschrieben  werden 
muss.     Freilich  wird  es  sich  noch  empfehlen  non  statt  aec  her- 


340  Scheukl 

zustellen,  welche  Wörtchen  oft  iu  den  Handschriften  vertauöcht 
sind  (vgl.  Drakeuborch  zu  Liv.  V,  54,  2  und  Kreyssi^  zu  Liv. 
XXXVII,  p.  318).  Eine  Störung  der  Anfangsworte  von  zwei 
Versen  ist  auch  in  der  Stelle  IV,  714  ff.  anzunehmen,  welche 
noch  durch  andere  Verderbnisse  entstellt  ist.  Ich  glaube  dieser 
Stelle  durch  bei  weitem  leichtere  Aenderuugen,  als  man  bisher 
vorgeschlagen  hat,  aufhelfen  zu  können  und  setze  daher  statt 
einer  längeren  Besprechung  diese  Verse  in  der  Foi-m  her,  wie 
sie  in  meiner  Ausgabe  gelesen  werden. 

non  alihi  effnsis  cesserimt  longins  tmdis 
litora,  nee  tenues  quamvis   Tyrrlienus  et  Aegon 
volvat  aqnas,  geniims  vel  desint  Syrtihus  undaa. 
at  super  huc   vastos  telliis  qitoque  congerit  anines. 
num  septemgemini  memorem  quas  exitus  Histri  u.  s.  w. 
Es  ist  hier  tenues  für  tantas,    vel  für  et,    <d    für  nwn    und 
endlich  mit  Slothouwer  (a.  a.  O.  176)  num  für  non  geschrieben 
worden.     Offenbar    hat    num    das    vorhergehende   at    verdrängt, 
wobei    es    im    ersten   Verse   in    nam,    im    zweiten    in    non   ver- 
derbt wurde. 

Auch  in  der  Mitte  von  Versen  haben  ähnliche  Verschie- 
bungen stattgefunden.  Einen  solchen  Vorgang  glaube  ich  VIII, 
285  f.  zu  erkennen,  wo  Folgendes  überliefert  ist:  Dixerat  atque 
ornns  iierum  ventosque  virosque  perqne  ratis  snpplex  et  rei)dgis 
mxilld  imigistris.  In  dem  ersten  Verse  schreibt  man  nun  ge- 
W()hnlich  nach  der  Juntina  II  itque  statt  atque:,  es  bleibt  aber 
sehr  auffällig,  dass  sich  Absyrtus  wieder  flehend  au  die  Winde 
und  Männer  wendet,  während  doch  im  Vorausgehenden  hierüber 
nichts  bemerkt  wird.  Und  wie  komisch  klingt  dies  itque  orans 
mntos  virosque,  zumal  von  einem,  der  sich  auf  einem  Schifte 
befindet.  Wenn  man  dagegen  die  Wörter  iterum  und  supplex 
die  Plätze  tauschen  lässt,  so  erhält  die  dunkle  Stelle  augen- 
blicklich (ün  helles  Licht;  supplex  passt  dem  Sinne  nach  vor- 
trefflich zu  orans,    das  aber  in  orat  verändert  werden  muss.  *'') 


*6)  So  wird  m.in  auch  VIII,  215  für  sitjnificans,  das  nicht  in  die  Construction 
passt,  .f!(j)ii/icat  i)arallcl  ndt  fa/lif.  licrzustcllcn  haben.  Uebrigens  uniss 
auch  mitunter  das  Verbum  fiidtuni  in  ein  Participium  geändert  werden. 
S(j  liat  VI,  62(i  Pcerlkanip  (zu  Verg.  Aen.  X.  4()7)  richtig  maerens  für 
maeret  gos'chricljen ;  nur  niuss  man  auch  die  Interj)unction  verbessern, 
indem  man  nach   rcjuin  ein  Kumma    setzt,  und  fremunt  in  freniant  (nicht 


ritudieu  zu  den  Arsouautica  ilc.--  Valürius  Flaccus.  341 

Im  zweiten  Verse  hat  Ruperti  mizweitelliuft  richtig  statt  vexilLa 
magistri:  vox  alta  magistri  verbessert.  Es  inüsste  nun  ittnim 
eingesetzt  nnd  et  remigis  in  remo.sque  verwandelt  werden,  so 
(hiss  der  ganze  Vers  lauten  würch;:  perqne  rafis  remosque  iterum 
rox  alta  magistri.  Man  muss  sich  denken ,  dass  die  Schiffe 
während  der  Rede  des  Absyrtus  in  der  Fahrt  eingehalten  haben; 
nun  da  er  geendet  hat  und  zugleich  die  Kolcher  auffordert  mit 
allem  Ungestüm  vorzudringen,  ertönt  witsder  das  xsXc'jcjiJ.a. 

Viele  Verderbnisse  in  den  Handschriften  sind  dadurch 
entstanden,  dass  die  Abschreiber,  indem  ihnen  ein  vorher- 
gehendes oder  folgendes  Wort  im  Gedanken  vorschwebte,  die- 
ses statt  desjenigen  setzten,  was  sie  eben  zu  schreiben  hatten, 
wodurch  der  Sinn  ganzer  Verse  erheblich  gestört  wurde.  Ein 
Beispiel  davon  haben  wii-  in  der  Anmerkung  85  nach- 
gewiesen, drei  andere  mögen  hier  besprochen  werden.  VII,  70 
hat  Heinsius  statt  seminis,  was  aus  semina  (74)  entstanden  ist,  '") 
gewiss  richtig  dentihiis  hergestellt.  VII,  KU)  ist  das  doppelte 
solvat  unerträglich  und  wird  auch  durch  die  Fassung,  welche 
Ph.  Wagner  vorschlägt  (Phil.  XX,  644) :  solvaf  ef  i»  somnos 
ingenti  et  solva.t  ah  orno  um  nichts  glaublicher.  J.  Wagner 
hat  richtig  erkannt,  dass  der  Fehler  im  ersten  solvat  liegt,  in- 
dem der  Schreiber  im  Gedanken  auf"  das  folgende  solvat  ab- 
irrte. Aber  weder  der  Vorschlag  Wagner's  sternat,  noch  der 
Thilo's  fundat  scheinen  mir  entsprechend;  ich  möchte  daher 
eher  an  vuicat  denken.  VII,  547  ist  ßammas  ohne  Zweifel 
aus  dem  gleichen  Worte  im  folgenden  Verse  entstanden.  Mau 
hat  nun  gewöhnlich  nach  der  Aldina  glebas  für  ßammas  ge- 
schrieben, ohne  zu  bedenken,  dass  dann  der  Vers  vos  mild  nunc 
primum  in  glehas  invertite  tauri  aequora  nicht  mit  v.  62  ff. 
stimmt.  Durchgepflügt  hat  schon  vor  laugen  Jahren  Aeetes 
jenes  Feld  mit  dem  Gespann  der  Stiere;  nun  soll  aber  das 
Feld  tief  umgepflügt  werden,  damit  die  Saat  der  Gewappneten 
daraus  hervorgehe.  Ich  v(!rniuthe  daher  priniiim  penitns  iani 
vertue  tanri. 


frevient ,   wie  Peerlkamp  will)    verwandelt.     Auch  VI,    591    dürfte    es  sich 
empfehlen  urguenn  statt  nrtjuet  zu  schreibeu;  so  schliesst  sich  reddit  besser 
an  ait  an. 
'^')  So  steht  in  P  III,  U',)  .lomiiia  statt  (em^jora,  durch  das  unmittelbar  darüber 
stehende  somnin  veranlasst.  > 


342  Schenkl 

Ein  in  V  oft  vorkommender  Fehler,  durch  welchen  Wör- 
ter ganz  entstellt  worden  sind ,  besteht  darin ,  dass  die  Conso- 
nanten  odei-  auch  überhaupt  die  Buchstaben  von  zwei  Sylben 
vertauscht  wurden.  Solche  Fälle  sind  z.  B.  II,  154  examinat 
statt  exanimat,  V,  624  >^idi  statt  divi,  öfters  i'egit  statt  gertt 
(vgl.  Anmerkung  24),  auch  nepotes  statt  penates  (1,  721, 
II,  595,  III,  14),  parentes  statt  penates  (VII,  50;  vgl.  die 
Leseart  in  C  v.  145),  parentis  statt  paterni  (III,  346),  spatio- 
que  statt  stipatque  (VII,  557),  genitor  statt  segnior  (V,  586).  Die 
meisten  dieser  Verderbnisse  sind  nun  allerdings  schon  entdeckt 
und  beseitigt;  einige  aber  sind  noch  unbemerkt  geblieben.  So 
jenes  festinaque  statt  fnnestaqne  II,  191,  worüber  ich  schon  in 
Anm.  11  gesprochen  habe,  dann  VIII,  136  inflexit  statt 
infelix,  was  man  seltsamer  Weise  so  lange  im  Texte  ge- 
duldet hat;  infelix  steht  mit  Rücksicht  auf  das  Geschick,  wel- 
ches den  Absyrtus  bei  der  Verfolgung  treffen  sollte  (vgl.  IV, 
118,  VII,  371),  V,  207  fluentis  statt /«i«m-,  was  Ph.  Wagner 
zuerst  mit  Recht  als  sinnlos  bezeichnet  hat,  ohne  aber  mit 
seinem  Vorschlage  Pheraeis  das  Richtige  zu  treffen  (Phil.  XX, 
639  f.),  V,  140  clansis  statt  celsis,  woran  schon  Burmann  An- 
stoss  genommen  hat;  clausa  antra,  könnten  höchstens  unterirdische 
Höhlen  sein,  und  so  erklärt  diese  Worte  auch  J.  Wagner; 
warum  sollen  aber  die  Chalyber  in  Höhlen  unter  der  Erde 
gearbeitet  haben?  Auch  w^ürde  man  den  Schall  der  Häm- 
mer dann  schwerlich  weit  draussen  auf  dem  Meere  vernommen 
haben.  Vielleicht  lässt  sich  auch  so  das  verderbte  externo 
(I,  63  et  dahat  externo  liventia  mella  veneno)  verbessern.  Die  ein- 
zig mögliche  Erklärung  dieses  Wortes  ist  die  schon  von  älteren 
Erklärern  gegebene  und  neuerdings  von  Delamalle  und  Weichert 
(Act.  sem.  reg.  Lips.  II,  1,  329)  vei'theidigte  ,ah  oris  exteruis 
allato'.  Doch  w^ozu  sollte  Medea  diese  venena  aus  der  Fremde 
holen,  da  sie  doch,  w^ie  Pleinsius  treffend  bemerkt,  den  Kau- 
kasus, die  Heimat  solcher  Giftkräuter  (VII,  357),  in  ihrer 
Nähe  hatte  und  die  Colchica  venena  spiichwörtlich  waren.  Die 
Conjectur  hesterno ,  die  zuerst  in  der  Bon.  II  erscheint,  hilft 
den  Schwierigkeiten  nicht  ab;  denn  fasst  man  hesterno  glciuli 
jiridie,  so  ist  dies,  wie  Weichert  mit  Recht  hervorhebt,  ein 
ebenso  matter  als  ungeschickter  Ausdruck  und  das  Auskunfts- 
mittel, welches  Ph.  Wagner  (Phil.  XX,  618)  vorschlägt,  hesterno 


Studien  zu  iIpji  Arf^ouaiitica  des  Valorius  Flaccus.  343 

mit  recenfi  oder  vrdido  zu  (n-klären,  bürdet  dein  Dichter  eine 
Abg-eschniacktheit  auf".  Älferno ,  was  Ileinsius  vermuthet,  ist 
unverständlich,  wenigstens  kann  es  nicht,  wie  er  sag-t,  mella 
oeneiio  commixta  bezeichnen;  das  leere  und  nichtssagende  in- 
ferno,  worauf  Eyssenhardt  (Rhein.  i\Ius.  XVII,  378)  verfaHen 
ist,  wird  wol  Niemand  dem  Valerius  aut(h-ängen-  wollen.  Auch 
Thilo's  insperso  ist  matt  und  liegt  überdies  zu  weit  von  der 
Ueberlieferung  ab.  Daher  möchte  ich  an  arcano  denken,  was 
leicht  in  acarno  und  dann  weiter  in  externo  verderbt  werden 
konnte;  so  steht  VI,  477  freilich  im  anderen  Siime  nrcmiis 
veneais. 

Wir  schliessen  hieran  die  in  V  so  zahlreichen  Verwechs- 
lungen gleich  oder  ähnlich  klingender  Wörter,  die  zuweilen 
auch  durch  die  Uebereinstimmung  der  Schriftzüge  bei  gewissen 
Verkürzungen  unterstützt  wird,  und  beginnen  mit  den  Partikeln, 
welche  in  allen  Handschriften  am  meisten  Verderbnissen  aus- 
gesetzt sind.  So  ist  die  Conjunction  et  in  V  ungemein  häufig 
mit  aty  (ul,  ut,  mit,  ac,  sed,  vel,  It,  in,  an,  auch  mit  te  ver- 
wechselt, wofür  wir  nur  einige  Beispiele  anführen  wollen:  et 
und  nt  vertauscht  III,  113  {et  V,  at  Junt.  II),  VII,  86  (et  V, 
at  Maser),  HO  {et  V,  at  Burmann),  et  und  ad  I,  93  {et  V,  ad 
C;  daneben  <it  in  V  fiü-  ad  P  I,  321),  et  und  ut  II,  164  und 
638  {et  V,  ut  Bon.;  daneben  VI,  300  adqne  V  für  ntque  Bur- 
mann, und  umgekehrt  IV,  181  ut  V  für  at  Heinsius,  VII,  285 
itttamen  V  für  attamen  Junt.  II),  et  und  ant  I,  199  {ant  V,  et 
Slothouwer),  et  und  ac  I,  19,  vgl.  S.  339  (daneben  VI,  683  at 
V  für  ((c  Ileinsius),  et  und  sed  III,  392  {sed  V,  et  Heinsius), 
et  und  vel  IV,  716,  vgl.  S.  340,  et  und  it  II,  111  {et  V,  it  Md.),  3iU 
{et  V,  it  Junt.  II),  et  und  in  VII,  554  {in  V,  et  Bon.;  daneben  VII, 
587  atqne  Vfür  inque  C),  et  und  en  I,  226  (et  V,  en  Aid.), VII,  546  (et  V, 
en  M):  daneben  auch  at  und  an  II,  51  (at  V,  a)i  Baibus),  VHI,  427 
(an  V,  at  sehr  wahrscheinlich  Aid.),  et  ujid  te  I,  611  {et  V,  te  M), 
vgl.  VIII,  437  {qnise  V,  qnis  te  Heinsius).  Man  sieht  schon  aus 
diesen  wenigen  Beispielen,  wie  viele  Stellen  in  unserem  Arche- 
typus berichtigt  werden  mussten;  es  ist  aber  noch  immer  eine 
kleine  Nachlese  übrig  geblieben.  So  muss  VI,  213/4  also  ge- 
sehrieben werden:  himc  age  — -  vel  caeso  comitem  me  reddite 
frntri;  primus  at  (für  et)  Jdc  nostra  u.  s.  w.,  was  wol  keincis 
Beweises  bedarf.    V,  369  empfiehlt  sich  ant  statt  et  schon  durch 


344  Schenkl.  J 

den  Sinn  und  wird  ;iuch  durcli  Verg.  Aeu.  X,  272  f.  bestätig-t.  " 
Allerdings  steht  in  der  Parallelstelle  VI,  G07  irafoqiie,  aber 
jenes  qne  ist  bei  der  ständigen  Verwechslung  von  que  und  ve, 
bedenklich  und  man  wird  wohl  iratove  herstellen  müssen. 
II,  284  habe  ich  in  meiner  Ausgabe  set  für  et  geschrieben,  eine 
Besserung,  die  sich  s(^  zu  sagen  von  selbst  aufdrängt.  VII, 
185^  wo  et  vor  tandem  sinnlos  ist,  habe  ich  ebenfalls  in  meiner  \ 
Ausgabe  nt  geschrieben,  vgl.  v.  534;  o  ntinam.  salfem  mit  Koch 
zu  schreiben  ist  nicht  nothwendig,  da  sich  tandem.  ganz  gut 
erklären  lässt.  III,  13  befremdet  das  Perfectum  nddid.it,  wäh- 
rend sonst  in  der  ganzen  Erzählung  das  Präsens  gebraucht  ist; 
daher  emptiehlt  sich  wol  die  leichte  Aenderung  addit,  at,  wo- 
durch auch  eine  ganz  passende  Verbindung  gewonnen  wird. 
VIII,  434  ist  te  reddere  poscunt  für  das  überlieferte  et  r.  possvnt 
zu  schreiben;  poscunt  ist  schon  in  der  Ausgabe  von  Maser  als 
eine  ältere  Conjectur  erwähnt.  Das  gleiche  Mittel,  die  Ver- 
wandlung von  et  in  te,  ist  bei  einer  anderen  Stelle  anzuwenden, 
nämlich  III,  328  f.,  welche  aber  eine  längere  Erörtei'ung  er- 
fordert. Es  ist  hier  überliefert:  quin  et  thalamis  modo  qvesta 
morari,  heu  talem  tantique  metiis  secvra  recepi.  Thilo  erklärt 
nun  (S.  XXVn)  v.  328  so,  dass  er  te  ergänzt  und  thalamis 
gleich  einem  in  thalamis  mit  mirari  verbindet.  Bei  dieser 
Fassung  stellt  sich  allerdings  ein  Widerspruch  mit  v.  58  ff. 
heraus;  denn  dort  wird  erzählt,  dass  Cyzicus  gleich,  nachdem 
er  den  Waffenlärm  vernommen  hatte,  vom  Lager  autgesprungen 
und  zum  Kampfe  geeilt  sei,  während  Clite  nach  jener  Erklärung 
unserer  Stelle  darüber  klagte,  dass  Cyzicus  so  lange  im  Schlaf- 
gemache gezaudert  habe,  bevor  er  in  den  Streit  gieng.  Ueber- 
dies  passt  eine  solche  Klage  für  Clite  nicht,  wie  denn  auch 
dieser  Gedanke  nicht  dem  folgenden  Satze,  besonders  den  Wor- 
ten tantique  metus  secura  entspricht ,  weshalb  auch  Thil«^  quin 
a  thalamis  m.  q.  m.  vorschlägt.  Wie  aber,  wenn  man  et  in  te 
verwandelt  und  thalamis  mit  qwesta  verbindet.  Cyzicus  ruht 
im  Schlafgemache  an  der  Seite  der  Clite;  da  wird  er  plötzlich 
aus  dem  Schlafe  aufgescheucht  durch  den  Schall  der  Trom- 
peten und  durch  die  ihm  allein  sichtbare  Erscheinung  der 
Bellona.  Er  erhebt  sich  vom  Lager  und  entfernt  sich,  ohne 
dass  Clite  wusste,  wohin  er  sich  begebe.     Nun  klagte  sie  allein 


Stiulipii  zu  den  Arg-onautica  des  ValeüuB  Flaccus.  345 

im  Thalamus,    dass  er  so  lange  ferne  bleibe,    bis  man  ihr  die 
blutige  Leiche  brachte. 

Die  Conjunction  af  ist  bei  Valerius  häufig  nachgestellt, 
z.  B.  I,  461,  11,  53  (wo  natürlich  qn/mta  af  quotiens  zu  ver- 
binden ist,  nicht  wie  Feerlkamp  zu  llor.  Od.  III,  19,  7  will 
et  quotiens  quanta-^  et  quotiem  steht,  wie  man  zu  sagen  pHegt, 
2ia  ;j.i^cj),  74,  III,  44,  IV,  175,  201,  3()(;,  V,  252,  384  u.  ö. 
Ein  solches  nachgestelltes  et  ist  zuweilen  von  Abschreibern 
ausgelassen  worden,  wodurch  auch  weitere  Störungen  entstanden. 
Auf  Grund  dieser  Bemerkung  lassen  sich  zwei  Stelleu  in  Vale- 
rius berichtigen.  In  der  einen  III,  11  qHt(.s  dahat  et  picto  Clyte 
■variaverat  auro  ist  das  Imperfectum  dahat,  besonders  in  Ver- 
bindung mit  vaiiaverat,  nicht  zu  rechtfertigen.  Wenn  es  Va- 
lerius freistand  das  Imperfectum  so  zu  gebrauchen,  dann  war 
der  Willkür  Thür  und  Thor  geöffnet  und  wir  müssen  wieder  auf 
die  Erklärungsweise  mittelst  der  Enallage  temporum  zurück- 
greifen. Thilo  hat  mit  Recht  dahat  verworfen  und  dederat  jylcto 
et  vorgeschlagen,  was  sehr  viel  für  sich  hat;  nachdem  nämlich 
et  nach  picto  ausgefallen  war,  wurde  es  vor  demselben  einge- 
schoben und  dederat  des  Metrum  wegen  in  dahat  verwandelt. 
Die  andere  Stelle  ist  der  vielbesprochene  Vers  I,  13  (namque 
potest)  Solymo  mgrantem  imlvere  fratrem..  Hier  hat  Carrion  er- 
kannt, dass  das  Asyndeton  nicht  zu  halten  ist,  da  ja  keine  Stei- 
gerung, sondern  bloss  eine  einfjxche  Beiordnung  vorliegt.  Aber 
sein  Vorschlag  Soh/moqve  zu  schreiben  ist  ebenso  zu  verwerfen, 
wie  die  weitgehenden  Aenderungen  von  Gronov  und  Heinsius: 
ich  nehme  daher  den  Ausfall  eines  et  nach  Solymo  an,  wodurch 
alle  Schwierigkeiten  behoben  sind. 

Die  Partikel  que,  welche  in  V  blos  durch  q  bezeichnet 
wird,  ist  eben  deshalb  von  den  Schreibern  an  vielen  Stellen 
ausgelassen  und  wieder  an  anderen  ohne  Grund  gesetzt  worden. 
Beispiele  der  ersteren  Art  linden  sich  I,  283,  778,  II,  150,  li)l, 
390,  419,  in,  48,  IV,  194,  638,  762,  VI,  662,  725,  748,  vgl. 
IV,  298,  wo  der  Fehler  caestn  velatus  auf  die  Schreibweise 
caestnqelatKs  zurückzufühi-en  ist.  Fälle,  wo  que  überflüssig 
steht,  sind  I,  342,  IV,  ISC,  VI,  3,  474,  auch  586  (nur  hat  hier 
der  Schrcdber  seinen  Irrthum  bemerkt  und  qve  getilgt).  Dar- 
nach war  es  ganz  berechtigt,  wenn  Heinsius  II,  450  folUsqne 
und  Thilo  VIII,  362  maestasqiie  vorgeschlagen  hat,  da  man  an 


346  scke»ki 

beiden  Stellen  die  Verbindungispivi'tikel  nicht  entbehren  kann; 
auch  in.  2 11  dürfte  sich  hntisquic  statt  lenttjs  empfehlen .  ob- 
wol  das  Asvndeton  nicht  geradezu  verwei-flieh  ist.  ^Vie  be^ 
kannt,  wejrvlen  in  den  Handschriiteu  nicht  selten  neqtie  imd  nee 
verwechselt.  Diese  Bemerkung  kann  ^^elleicht  zur  Emendation 
einer  vervlerbteu  Stelle  tiihreu.  au  welcher  sich  Heinsius,  Bur- 
mann. Thilo,  Ph.  Wagner.  Koch  mit  zieiulieh  weitgehenden 
Aendenmgen  vei-sucht  haben,  niünlich  III,  oo4  tt.  Nimmt  man 
hier  an,  dass  ftmeiyaeque  in  V  aus  funere  irnque  quae  statt 
funert  nee  qua«  entstanden  ist  und  schreibt  man  die  Stelle  also: 

vadit  sottipes  ce:rcice  remissti 

vemitrist  nee  turha  etmum  piicudumque  monoutir 
funeit,.  nee  qiuie  cuique  mtmuSf  quae  cum  suorum, 
quae  foHuna  fuit, 
so  ist  alles  in  Ordnung.  Natürlich  steht  funere  tur  in  funerei  jj 
manus  aber,  was  man  mehrfach  tindera  wollte,  darf  man  nicht  j 
;m tasten;  es  bezeichnet  die  arbeitende,  schallende  Hand,  Ge-j 
werbe,  Kunst,  was  freilieh  eine  ungewöhnliche  Gebrauchsweise  | 
aber  doch  ganz  im  Geiste  von  anderen  Neuerungen  ist.  diej 
sich  Yalerius  erlaubt  hat  (vgl.  Anm.  1)  und  dem  folgendem] 
qiiae  ctfra  suorum  trefflieh  entspricht. 

Ein  in  den  Handschi-it'ten  häutig  wiederkehrender  Felder 
ist  die  Vertanschung  von  P€  und  que.  So  müssen  auch  in  un-«i 
serem  Texte  einige  Stellen  berichtigt  werden,  wie  IL  ÖC>7.  wo 
der  Sinn  patriisvef  nicht  ptitriisque  erforden,  VI,  607,  wo,  wie 
schon  früher  bemerkt  wurde,,  iratove  herzustellen  ist;  YJI.  83 
hat  Bormann  das  in  V  überlieferte  ionius  richtig  zu  JonhtsveJ 
nicht  JimiiLsque.  wie  in  M  von  zweiter  Hand  am  Eiinde  und 
in  C  steht,  ergänzt.  Di^egen  kann  es  I.  117  nicht  columenr«« 
mit  V,  sondern  nur  columenque  mit  P  und  Vat.  lijöS  heissen. 
Ein  Beispiel  der  eben  so  häutigen  Verwechslungen  von  ne  and 
ve  gibt  HI,  295,  wo  Heinsins  das  zweifellos  echte  talisne  fni* 
fah'äve  hergestellt  hat.*^) 

Wir  kommen  nun  zu  den  Paitikeln  euntf  tum,  dum,  welche 
die  Abschreiber  vielfach  dm-ch  einander  geworfen  haben.  Sc 
ist  in.  Y  öfters  cum   überliefert,   wo   die  Kritik   tum   hersteiler 


^)  So   hat   aaeb    schon   ein    itaülmscher   Gelehrter    in    dem     HarlesisdH: 
Exemplare  der  Bon.  11  verbessert. 


« 


Vß  '1"  . 

"»  y-'       A^ 

•v,^     V 

z.  h.  L,  T'-  V,  i««tE  BimlI  IL  47 '  <  V-  imm 

.  IV,  22-  V,  imm'.  S57 

VL  JI;:   so  Jrt  gtsÄt  i«a«  iL  .^17,  h 

,  ■-     üfj  Fejj]fcr    di^e*^  Art  Mst  j_ 
^n,  ;  ii,  90,  w<»  t«  woi  ÄBT  de«  limMr^sK»  Oi«?- 

tfäkTi.    um  die  I*  ' .       t  d&T  Ak:  'imm  m  4mm 

/-  ^,    »j  -1>-^    ,:  *- T;'- -"- • -zj;-   ias»  lawi 

'•^■7»  V,  Mti»  R-..,,^,.  v.f-^.   ^jj.-^  «ry ..,,  z-  B-  V,  K4 

;  ich  *: _.    üe  V  \  .     .._   i  \\,  3 

-te  *??^'  t<  nmh  L,  5»i©' 

::.-■.       "  .'   "  -aäoD    T*:!dbffi»dea   -wt^-:  .m. 

.    .  .^   re.  -los   ist.    Die   gaaz^  ifitdlk:   iM 

■äml:  :^: 

...  .  -  »«»f  rießera  iauidmm 

ii**^ffrvi»rqmt  est  umti^mii  m^ba 

"    -'■?•'    .•---' rochtäi    ■•    :  ^-.:^.    -■-   i_-^t^    t.-..,    ii.rj,f;«"   aadi  aadt^e 

-   :; -h-T  A':'..    "sifc  L  152  iir«cii«?  -~>^    ■■■••■••     — *:>  ^dbefiäc^ss« 

-:.:":    i^-rs-    _-,-:j --.".;_:   bat.    »*?•   sSatt    ...    ._       .,      _-  Z'^r-irif^i 

VEEL  o7\i   za   sc-lireri>ei3i  ist.    **iü*.c  «s^  i^r  -»=.6*?**  ML  54-1.  ''»'s&s 

•.i>5ic  AriTT.-  25  <er»^te3t  "«'"ird'^-  ^ahrs*»::^    .    .   .\  ä&aek  sfte  Mai*  ««usw 

^H-  ?74.  w<f»  die  C<iBjet:  .c  m  der  Boa.  II   S'^fc  Tid  ^är 

j'-isieiß««,  <ias5  sie  wM  iar  «?  ««der  ^Hiaagfekeisirt  setzte»-  X-Lci 
-i^aaer  stieltt  m  dem  Texte  d*s  Vai^siijs  an  zirei  Siöj-er;  «fes- 
^ncrteai  B^--l*es  .5il>7  m*d  ^^  «*r  ««?>»'.  v-^Tr-ji  Tfcäfi.  (<XSXV| 
r'x-Jnög-  erkannte,  däss  l^eä  diese-T  IjeseÄTt  eän-e  Osasfirsaesie»  ^säe^ 
"  -  -  -eL  MäB  .«»i-bTeibe  3J2  b^iea  Swsil^i  mf:m  fSr  **r  «*«. 
--■"^-    .      "  —    erster ^~    — "     '^'''*».   iE  der  letzagreEi  r'"'    —t»* 


äiKi-  c  tiköL-iääSL  OL  "».  tt  jh   ;££_  177  !?&.  äS 


348  Schenkl. 

(denn  so  ist  mit  Friesemann  für  nur  es  zu  schreiben)  einen 
Doppelpunct ,  und  man  wird  an  beiden  Stellen  nichts  mehr 
auszusetzen  finden.  Der  Versuch  Ph.  Wag-ners  (Neue  Jahrb. 
89,  395)  der  ersteren  Stelle  durch  eine  andere  Interpunction 
aufzuhelfen  ist  ganz  verkehrt.  Merkwürdig  ist  die  Corruptel 
IV,  303  enim,  das  freilich  blos  durch  n  bezeichnet  wurde  und 
daher  auch  I,  17  in  in  übergangen  ist^  statt  uhi  oder  ?tii;  sie 
kann  aber  einigermassen  begreiflich  machen,  wie  Vm,  67  ut 
aus  nam,  das  meiner  Ansicht  nach  herzustellen  ist,  entstanden 
sein  kann:  Jason  scliAveigt,  weil  ihn  ein  Entsetzen  vor  der 
Jungfrau  anwandelt,  welche  über  solche  Zauberkräfte  gebietet. 
Ph.  Wagner  hat  mit  Recht  ut  verworfen  (Neue  Jahrb.  89,  404), 
aber  seine  Conjectur  suhiit  discriminis  geht  viel  zu  weit.  Ich 
schliesse  hieran  gleich  einige  Verbesserungen  solcher  Fehler 
in  kleinen  Wörtchen,  die  in  V  nur  vereinzelt  vorkommen,  näm- 
lich vel  statt  et  IV,  716,  worüber  schon  S.  340  gesprochen  wurde, 
IV,  675  nil  fallis  statt  vel  falllt  (gewöhnlich  schreibt  man  nach 
einer  sinnlosen  Conjectur  von  Sabellicus,  die  auch  angeblich  in 
C  gestanden  haben  soll,  vel  fallor;  dem  Sinne  wenigstens  ist 
Peerlkamp  [zu  Verg.  Aen.  II,  701]  mit  seinem  Vorschlage  nee 
fnllor  näher  gekommen),  V,  412  Sol  statt  at  (indem  Sol  in  vel 
und  dann  weiter  in  at  verderbt  wurde),  endlich  VII,  198  o  für 
si  (vgl.  VIII,  10).  Sie  bedürfen  wol  sämmtlich  keiner  weite- 
ren Rechtfertigung. 

Nicht  wenige  Fehler  in  unseren  Handschriften  stammen 
daher,  dass  die  Abschreiber  den  Buchstaben  h,  der  für  sie 
keine  Geltung  hatte,  bald  ausliessen,  bald  wieder  da,  wo  er 
nicht  berechtigt  war,  zusetzten.  Solche  Fehler  linden  sich  auch 
in  V;  nm-  stammen  sie  nicht  von  den  deutschen  Schreibern 
desselben  her,  sondern  fanden  sich  schon  in  dem  alten  Codex, 
der  ihnen  vorlag.  So  steht  VII,  76  in  V  hac  füi'  ac  (in  der 
Bon.  II  verbessert),  VI,  458  ac  in  M  statt  hanc  C,  11,  233  his 
V  statt  if  (von  Sabellicus  hergestellt).  Diese  Bemerkung  ist 
nicht  unwichtig  für  die  Verbesserung  der  verderbten  Stelle  I, 
524  et  generös  vocat  et  innctas  sihi  sangiiine  terras.  Thilo  hat 
hier  dem  Sinne  nach  ganz  entsprechend  vermuthet  et  generi 
vocat  adiunctas  s.  s.  t.-^  nur  vermissen  wir  bei  terras  eine  nähere 
Bezeichnung,  sei  es  durch  ein  Adjectiv  oder  einen  Genetiv  oder 
ein    Pronomen;    denn   yeneri  wird   man   wol    nicht    mit    terras 


Studien  zu  den  Argonautica  des  Valerius  Flaccus.  349 

verbinden  sollen.  Daher  vermuthe  ich  et  genero  vocat  lias  innc- 
tas  s.  s.  t.,  was  der  Ueberlieferimg  noch  näher  liegt  als  Thilo's 
Emeudation.  Ich  füge  hier  gleich  die  Besprechung  zweier 
Stellen  bei,  deren  Verbesserung  sich  einerseits  auf  die  eben 
erwähnte  Beobachtung,  andererseits  auf  den  Umstand  gründet, 
dass  in  den  Codices  die  Präpositionen  ab  und  oh  .so  häufig  ver- 
wechselt werden,  z.  B.  VTI,  328  {ablataque  M,  ohlataque  Bon. 
11),  486  (ahibo  V,  obiho  C).     Die  eine  Stelle  ist  I,   100,  wo  in 

V  habet  überliefert  ist,  was  in  der  Bon.  II  und  angeblich  auch 
in  C  in  avet,  in  M  von  zweiter  Hand  am  Rande  in  adest  ver- 
ändert ist,  welche  Conjectur  man  gegenwärtig  allgemein  in  den 
Text  aufgenommen  hat;  doch  viel  näher  liegt  es,  dass  habet 
aus  hahit,  abit  entstanden  ist,  wornach  dann  das  ganz  passende 
obit  herzustellen  wäre.  Ganz  derselbe  Fall  ist  VIII,  329,  wo 
man  für  das  in  V  überlieferte  habet  nach  der  Bon.  abit  aufge- 
nommen hat,  obwol  dieses  Verbum  seiner  Bedeutung  nach 
hier  nicht  passend  ist;  es  wird  auch  an  dieser  Stelle  obit  ge- 
schrieben werden  müssen. 

Der  beste  Beweis  für  die  Nachlässigkeit,  mit  welcher  die 
Schi-eiber  des  Codex  V  verfahren  sind,  liegt  in  der  ungemein 
häufigen  Verwechslung  von  nominalen  und  verbalen  Endungen. 
Man  braucht   nur   einige  hundert  Verse    mit  den  Varianten    in 

V  durchzugehen,  um  sich  von  der  Richtigkeit  des  Gesagten  zu 
überzeugen;  Beispiele  anzuführen  wäre  bei  der  Massenhaftig- 
keit  der  Fälle  überflüssig.  Obwol  nun  die  meisten  Fehler 
dieser  Art  in  unseren  Texten  bereits  berichtigt  sind,  so  habe 
ich  doch  noch  einige  aufgefunden,  die  entweder  gar  nicht  oder 
nicht  entsprechend  verbessert  sind.  So  ist  VII,  620  für  truncos 
wohl  truncum  zu  schreiben,  da  nur  von  dem  Rumpfe  desjenigen 
Sparten  die  Rede  sein  kann,  welchen  Jason  zunächst  angreift,  II, 
368  m()chte  ich  für  longus,  das  doch  ein  seltsames  Attribut  für 

I  metus  ist,  statt  longe,  was  in  der  Aldina  vorgeschlagen  und  von 
Heinsius    gebilligt  worden    ist,    longuni,    das    mit  arcet   zu  ver- 

i  binden  wäre,    empfehlen.    VII,  230    liegt    es  nahe    für  hoc  iino, 

\  wenn  man  nicht  die  o-eniale,  aber  etwas  willkürliche  Emenda- 
tion  Bentlejs    arctoo    annehmen    will,    hoc    unns    zu  vermuthen, 

,  wobei    dann    das   überlieferte    mensis   beizubehalten    wäre ;    mit 

unus  mensis  würde  das  einförmige  kalte  Klima  bezeichnet  sein. 

!  V,  273  hat  die  Conjectur  Burmanns   multis   statt  magnis  aller- 

23* 


3Ö0  SchPiikl. 

ding-s  t;iniü;t;s  für  sich,  da  miih'Ksi  und  m(upi/)is  in  den  Hand- 
schriften nicht  selten  vertauscht  sind  und  die  Phrase  'multis 
cum  ymlihus  bei  Vergil ,  dem  Vorbilde  unseres  Dichters ,  sich 
findet  (Aen.  V,  75,  289),  obwul  multis  regvm.  cum  mUihus  eine 
sehr  starke  Hyperbel  wäre;  indess  lässt  sich  vielleicht  jeder 
Anstüss  durch  die  Aenderung  von  magnis  in  m.agnus  (mächtig-) 
beheben.  II,  582  lässt  sich  Dardaniumqne  patrem  nicht  er- 
klären; denn  was  soll  das  heissen  iwadahifnr  (nämlich  ratis) 
Dfirdanium  ^^trem  ?  Dazu  kommt,  dass  hmiulos  vorausgeht  und 
somit  Valeriiis  an  zwei  Grabhügel,  des  Ilos  und  Dardanos, 
dachte,  obwol  Homer  nur  den  des  Hos  nennt  II.  X,  415,  XI, 
166,  371.  Dies  hat  auch  Peerlkamp  zu  Verg.  Aen.  VII,  8  be- 
stimmt Dardauiumque  ratis  vorzuschlagen,  wodurch  zu  "praela- 
bitur  das  fehlende  Subject,  nämlich  ratis,  gewonnen  würde.  Da 
sich  dies  aber  von  selbst  versteht,  so  könnte  Valerius  auch 
Dardafiiiique  patris  geschrieben  haben.  Sicherer  sind  einige 
Emeudationen,  die  ich  nur  kurz,  ohne  weitere  Begründung  er- 
wähne: III,  593  viri  statt  viyns,  was  schon  das  vorhergehende 
ferae  andeutet,  VII,  486  natique  für  nataeque  (denn  wariim 
sollte  Medea  gerade  an  Töchter  denken?),  VII,  156  pudore 
statt  imdori  (d.  i,  quando  a^^dor  levior  est  pudore, ;  auf  pudore 
ist  schon  G.  Voss  verfallen,  nur  hat  er  noch  sonst  an  der  Stelh; 
geändert  und  falsch  interpungiert),  VII,  20  huc  statt  liunc,  V, 
660  cui  statt  qui  (vgl.  IV,  758,  wo  V  ebenfalls  qui  bietet,  das 
aber  schon  in  Junt.  II  in  cui  verbessert  ist). ''")  Eine  längere 
Auseinandersetzung  verlangt  I,  39,  wo  das  5:;,C'i-Toj-iv  ß.ctis  .  .  . 
dictis  schon  bei  den  älteren  italiänischen  Kritikern  Anstoss  er- 
regt hat  und  zwar  mit  Recht,  da  es  ebenso  misstönend  als  an 
unserer  Stelle  unberechtigt  ist.  Wenn  Weichert  (Act.  sem. 
Lips.  II,  1,  328),  um  dasselbe  zu  schützen,  auf  V,  ,303  mens 
rwpit  undantem  curis  ac  multa  novantem  vei'weist,  so  ist  diese 
Vergleichung  nicht  berechtigt;  denn  hier  hat  der  Gleichklang 
seine  volle  rhetorische  Bedeutung.  Dazu  kommt  aber  noch  ein 
anderes  Bedenken;  es  fragt  sich  nämlich,  ob  man  überhaupt 
ßcfis  vultum    dare  verbis    sagen    könne.     Die   Stelle    aus  Ovid's 


^")  VI,  48  verstelle  ich  nicht,  wie  Bisalfae  und  Icgio  neben  einander  stehen 
können;  soll  etwji  legio  eine;  Apposition  zu  ßiftaltae  bilden?  Da  dies 
nicht  gut  denkbar  ist,  so  vermiithe  ich  Bisalfis  (statt  BisaUica)  leyio. 


Studien  zn  'Icii  Arg:n!iiiutica  des  VaU'rius  FIuccuk.  3151 

■> 

Fa«ti  V,  503,  welche  man  gewöluilicli  aiiiulirt,  beweist  dies 
iiiclit;  denn  dort  steht  addidit  et  üoltvm  verbis.  Ueberdies 
müsste  man  vulfum  et  ponderd,  durch  eine  etwas  aufFällic^e  Hen- 
diadys  erklären,  su  dass  es  einem  mdtus  pondera  i^'leichkäme. 
Icli  i^laube  daher  nicht,  dass  das  Verderbniss  in  dlctis  lieg't, 
wofür  jene  alten  (lelehrttsn  verhis  hei-stellen  wollten,  sondern 
möchte  lieber  jictu  dat  indtu  jxmdera  dictis  vorsclilifiL>en.  Ninnnt 
mau  nämlicli  an,  dass  statt  mdtn-  talschlich  vidtnin  g'clesen 
wurde,  so  erklären  sich  die  weiteren  Veränderungen,  nändich 
die  Verwandlung-  von  ßcto  in  ßctifi  und  die  Einschiebung  des  et 
von   selbst.     Fiiu/ere  oultus  hlaudon  sagt  Valerius  III,   r)U7. 

Eigeuthihnlich  ist  die  häutige  Verwechslung  der  Endungen 
or  und  ?*s  bei  ( ^)niparativen,  der  wir  in  V  begegnen,  z.  I>. 
VII,  333  u.  ö.  Darnach  wird  mau  wol  auch  V,  47U  das  un- 
verständliche jj/vv^^m^-  in  propin-  ändern  müssen;  proprior  ist 
hier  sehr  bezeichnend;  Jason  als  der  Führer  der  Minyer  tritt 
dem  Könige  näher. 

Wir  kommen  nun  zu  solchen  Stellen,  wo  in  verbalen  En- 
dungen durch  die  Nachlässigkeit  der  Abschreiber  Störungen 
eingetreten  sind.  Die  Zahl  derselben  ist  mn  so  grösser,  je 
üblicher  hier  Abkürzungen  waren.  Fehler  dieser  Art,  die  noch 
nicht  bemerkt  oder  richtig  erkannt  wurden,  sind  folgende :  III, 
409  tendlf  (wofür  tendunt  herzustellen  ist),  VII,  226  repetentvv 
(in  repetnntnr  zu  ändern,  da  es  sich  um  t^inen  allgemeinen  Satz 
handelt),  VI,  398  vldlstis  (dafüi-  muss  videre  v.t  geschrieben  und 
die  Stelle  so  interpungiert"  werden  :  hydris.  (p(,am  aoli  videre  vi 
equi,  pavor  u.  s.  w.).  In  der  Rede  des  Juppiter  an  Juno  IV,  7 
f.  ist  der  Gebrauch  der  dritten  Person  Jniio  ....  fovöt  .... 
ministrat  so  auffällig,  dass  man  dahinter  nur  ein(;n  Fehkü-  ver- 
muthenkänn;  es  wird  wohl /o{;«,s' .  .  .  .  mlnistras  diiii  Richtige  sein. 
Der  vielbesprochenen  Stelle  I,  563  ff.  me  primum  rafjia  mundo 
.  .  i)ij)osidt,  die  trotz  aller  Erklärungsvei-suchc  Thilo's  und  Ph. 
Waguer's  als  entscliieden  verderbt  zu  betrachten  ist,  weiss  icli 
nicht  anders  als  durch  die  Vermuthung  viea  (so  schon  Bon.) 
demimi  regia,  mundo  ....  inposita  est  aufzuhclfcui ;  jedenfalls 
wird  so  ein  passender  Sinn  hergestellt,  den  ich  in  der  Con- 
jectur  Hirschwälder's  (13  f.)  vis  posidt  nicht  finden  kann. 

Sehr  zahlreich  sind  in  V  die  Verwechslung  ähnlich  klin- 
gender Wörter,  z.  B.  ciirnis  und  cursus  (V,   132,  245),  aequnre, 


352  Scheukl 

aethere,  aegide  (III,  54,  500),  tempora  und  coijDora  (II,  324,  III, 
333),  arhore  und  corjjore  (VIII,  82),"'^)  mimen,  nomen,  lumen  (IV, 
161,  667,  V,  4S3,  VI,  480),  höchst  wahrscheinlich  auch  ijuteras, 
2)haretras  und  jjJmleras  (I,  661,  III,  13)  u.  dg-l.  Darnach  möchte 
ich  folg-ende,  bisher  noch  nicht  verbesserte  Stellen  berichtigen: 
II,  395,  wo  das  überlieferte  natorum  fempora  unsinnig  ist;  es 
ist  natorum  corijora  zu  schreiben,  die  gewöhnliche  Umschrei- 
bung des  einfachen  Begriffes,  wie  virum  corpora  Verg.  Aen.  II, 
18  oder  im  Griechischen  isy-saiv  abiixavx  u.  dgl.  Ich  schliesse 
hieran  gleich  die  Stelle  III,   439  f. 

tunc  piceae  mactantur  oves,  ^jvosectaque  'partim 
pectora,  per  medios  partem  gerit  obvius  Idmon, 

welche  zuletzt  Ph.  Wagner  (Neue  Jahrb.  89,  402),  aber  nicht 
glücklich  behandelt  hat.  Nur  darin  hat  er  Recht,  dass  440 
mit  der  Aldina  partim  hergestellt  werden  muss.  Wir  haben 
hier  ein  Reinigungsopfer  vor  uns;  es  werden  schwarze  Schafe 
geschlachtet  und  die  Körper  derselben  theils  nach  religiösem 
Gebrauche  zugeschnitten,  besonders  die  exta  (mscera),  welche 
dann  auf  dem  Altare  verbrannt  werden,  ''2)  theils  trägt  sie,  die 
eigentlichen  Leiber,  Idmon  dreimal  durch  die  Mitte  der  Genossen, 
die  in  tiefem  Schweigen  bei  ihm  vorüberziehen,  und  berührt 
damit  dreimal  die  Waffen  und  Kleider  der  Männer,  welche  mit 
Blut  befleckt   worden  waren,  worauf   dann  diese    Instramina  in 


^')  Man  sieht  hier,  wie  ah  nach  der  Veränderung  von  rorjjore  in  arhore  ein- 
geschweärzt  wm*de;  ähnliche  Fälle  haben  wir  schon  oben  S.  323  besprochen. 
Solche  kleine  Präpositionen  sind  übiügens  auch  oft  ausgefallen  und  dafür 
andere  eingeschoben  worden,  z.  B.  VII,  558,  wo  V  in  agris  überliefert, 
während  die  Bon.  II  richtig  ab  agris  bietet,  auch  VII,  560,  wo  Ph.  Wagner 
(Neue  Jahrb.  89,  397)  treffend  in  oi-hihns  statt  ah  orbibun  geschrieben  hat. 
Nur  bleibt  er  noch  immer  bei  dem  lächerlichen  Gedanken  der  früheren 
Erklärer  stehen,  dass  axis  , Wagen'  bedeute,  während  es  unzweifelhaft  als 
,Pol'  gefasst  werden  muss.  Der  Vergleich  ist  allerdings  etwas  ungeheuer- 
lich ;  aber  das  mag  Valerius  verantworten,  der  sich  mehrfach  in  dieser 
Hinsicht  vergangen  hat  (z.  B.  VIII,  455).  Schrader  scheint  das  Richtige 
erkannt  zu  haben,  indem  er  562  ruraus-  vortreiflich  in  snrsiis  emendierte. 
Uebrigens  kann,  da  die  beiden  Stellen  (558  und  560)  einander  so  nahe 
stehen,  hier  auch  eine  Verwechslimg  der  beiden  Präpositionen  stattge- 
funden haben. 

^-)  Vgl.  Stat.  TIiol).  1,  507  lustraliaque  exta  luvte  novo  perfusiis  edet  Vnlca- 
niuK  igniü. 


Studien  zu  rlcii  Artfoiiautica  fies  Valerius  Flaccus.  3o8 

} 

das  Meer  geworfen  werden  (vg-1.  II.  19,  267).  Dai-nach  wird 
es  wol  Corpora,  nicht  pectora  lieissen  müssen  und  die  Stelle 
also  zu  verstellen  sein:  prosectaqiie  partim  {sunt)  corpora,  par- 
tim per  medios  (corpora)  gerit  obvius  Idmon]  obvius  heisst:  (zu 
Jedermann)  hinzutretend,  indem  er  nämlich  die  au  ihm  Vorbei- 
ziehenden berührt.  —  IV,  681  premit  nmbra  ratem  ist  umbra 
schon  an  und  für  sich  bedenklich,  neben  dem  folgenden  scopulÄ- 
que  ferimtur  com.mmus  aber  nicht  zu  ertragen.  Schreibt  man 
aber  ^mda  statt  umbra,  so  erhält  man  eine  höchst  malerische 
Schilderung;  durch  die  gegen  einander  rückenden  Felsen  wird 
das  Meer  eingeengt  und  somit  das  Schiff  von  den  Wogen  be- 
drängt. Diese  Aenderung  ist  um  so  leichter,  je  Häufiger  in  V 
iinda  und  nmbra  verwechselt  sind ;  man  vergleiche  I,  95,  214/'^) 
III,  1,  525,  VII,  138.  ■ —  VIII,  265  oieque  enim  fugit  aequore 
raptor  ist  offenbar  von  dem  Raube  des  Ganymedes  die  Rede; 
dann  muss  es  aber  aetJiere  und  nicht  aequore  heissen.  VI, 
285  aut  mecum,  mediam,  hivenefi,  agife  ite  per  urbem  hat  Ph. 
Wagner  (Phil.  XX,  642)  richtig  erkannt,  dass  die  überlieferte 
Leseart  unhaltbar  ist,  aber  mit  seinem  Vorschlage  age,  frangite 
turbam  hat  er  nicht  das  Rechte  getroffen ;  es  ist  zu  schreiben : 
medium per  orbemr.  so  werden  v.  299  die  Schlacht- 
haufen gloM  genannt.  —  VI,  451  ff.  haben  sich  Thilo  (XXXVII) 
und  Ph.  Wagner  (Neue  Jahrb.  89,  396)  in  ganz  unmöglichen 
Erklärungen  versucht;  letzterer  deutet  wenigstens  leise  an,  dass 
hier  ein  Verderbniss  stattfinden  könnte.  Das  ist  auch  wirklich 
der  Fall;  und  zwar  liegt  es  in  mente  (453),  wofür  man  nata 
schreiben  muss,  das  eine  vortreffliche  Construction  gibt.  So 
ist  III,  397  umgekehrt  menti  (denn  dies  scheint  richtiger  zu 
sein  als  Bentleys  mente)  in  vati  verderbt  worden.  Auch  mentes 
und  nocfes  werden  mit  einander  verwechselt.  Einen  Beleg  hie- 
für bietet  die  Stelle  II,  219,  wo  sich  die  Ueberlieferung  o  qui 
me  vera  canentem  sistat  et  liac  nostras  exolvat  imagine  noctes 
recht  seltsam  ausnimmt,  fast  so,  als  ob  der  Dichter  in  der  Nacht 
sich  vor  Gespenstern  fürchtete.  l\Ian  muss  daher  mentes  für 
noctes  schreiben.     Umgekehrt  verhält  es  sich  mit  der  Stelle  v. 


*^)  An  dieser  Stelle  nelime  ich  natürlieli  die  Emendation  Peerlkamp's  innhrae 
statt  undae  an,  möchte  aber  das  überlieferte  deduxere  gegen  seinen  Vor- 
schlag ohduxere  festhalten;  die  steigenden  Schatten  machen,  dass  der  Tag 
herabsinkt. 


354  Schei.kl. 

252,  wo  Hypsipyle  zu  ihrem  Vater  sag-t:  iam  fuge,  lani  dubiae 
clonum  rape  »lentis  et  ensem  tu  ijotius,  miserere,  tene.  Hier  lässt 
sich  allerding-s  duhüie  mentis  so  erklären,  dass  Hypsipyle  in 
ihrem  Herzen  g-eg-en  den  Wahnsinn  kcärapft,  mit  welchem  Venus 
die  Lemnischen  Fi'auen  bedrängt,  und  in  diesem  Kampfe  zu 
unterliegen  fürchtet  (vgl.  280).  Aber  der  Ausdruck  donum  rape 
führt,  wie  schon  Peerlkamp  ahnte/'' i)  auf  etwas  anderes,  nämlich 
auf  dubiae  d.  r.  )ioctis,  was  dem  Sinne  und  Zusanmienhange 
nach  V(jllkommen  entspricht.  —  VI,  382  ist  nutuque  carens 
trotz  der  Erklärung  Thilo's  (LXI)  unverständlich;  man  braucht 
aber  nur  nutuque  in  motuque  zu  ändern,  um  das  für  die  Stelle 
entsprechende  Wort  zu  erhalten.  —  IV,  758  haben  alle  Heraus- 
geber bisher  das  verkehrte  iiiviso  unbeanstandet  gelassen,  ol)- 
wol  es  vollkommen  klar  ist,  dass  dafür  invito  hergestellt 
werden  muss.  —  V,  484  totque  illa  cremantia  divos  ojypida  hat 
Ph.  Wagner  (Neue  Jahrb.  89,  404)  mit  seiner  Emendation 
totque  illa  haerentia  clivis  oppida  den  Weg  gebahnt,  jedenfalls 
hat  er  aus  divos  das  Wort  clivus  herausgefunden.  Dagegen 
kann  man  nicht  begreifen,  wie  er  illa,  wofür  ille  geschrieben 
werden  muss,  dulden  konnte;  auch  führt  divos  d.  i.  divos  viel- 
mehr auf  ornantia,  was  dem  cremantia  noch  näher  liegt.  Dem- 
nach wäre  zu  schreiben  totque  ille  ornantia  divos  oppida.  — 
III,  670  et  ego  et  quocumque  voces  qua  tegmina  ferro  plura 
metam  lässt  sich  trotz  der  vielen  Verderbnisse  sicher  herstellen. 
Man  muss  nämlich  unter  Benützung  der  Conjecturen  von  Hein- 
sius  und  Jacobs  und  unter  Umänderung  von  plura  in  prima 
lesen :  en  egomet  quocumque  vocas  sequar,  agmina  ferro  prima 
metam.  —  VII,  483  ist  mdli  stringiuit  tua  lumina  ßetus  doch 
eine  sehr  auffällige  Wendung;  denn  fasst  man  stringere  in  der 
Bedeutung  , zusammenziehen^  oder  , streifen^,  so  bleilit  der  Aus- 
druck in  beiden  Fällen  abgeschmackt.  Nun  hat  Ruhnken  nach 
Santens  Bericht  (zu  Prop.  IV,  11,  79)  nullo  tinguuntur  lumina 
ßetu  vorgeschlagen,  wornach  man  mit  engerem  Anschlüsse  an 
die  Uo])erlieferung  nulli  tingimnt  t.  l.  fletus  herstellen  kann. 
Das  Ver])um  tinguere  ist  auch  VI,  247  von  den  Abschreibern 
verdunkelt  worden,  wo-  Ph.  Wagner  (Neue  Jahrb.  89,  384)  aus 

^^)  Er  hat  in  dem  zehnten  Bande  der   Mnemosyne  p.    129   iam   duhiae   d.   r. 
lucis  vorgeschlagen. 


Studien  zu  den  ArRonautica  dos  Valorius  Flaccus.  .i5i) 

lüjHniitiii'  glücklich  t/iitjauntnr  lici'ciusg-efuiKlcu  hat.  Auch  1,  [){) 
hat  die  Coujcctur  von  Q  .  .  Voss  tinyuent  für  cingent  sehr  viel 
für  sich.  —  VII,  213  ist  ijysa  nicht  zu  rechtfertigen  und  nmss 
daher  in  (IIa  geändert  werden.  Der  umgekehrte  Fall  findet 
sich  VIII,  10,  wo  man  wol  ohne  Bedenken  statt  ille,  das 
j  trotz  des  Versuches  von  Ph.  Wagner  (a.  a.  (3.  -8.  390)  uner- 
klärlich bleibt,  ipse  herstellen  wird.  Wie  ille  und  ipse,  so  sind 
auch  ipsG  und  iste  mehrmals  verwechselt ,  z.  B.  VII ,  247 
(ipsaque  V,  istaque  Ph.  Wagner  Phil.  XX,  645),  507  (i2^sis  V, 
istis  Bon.  II),  VIII,  31)X  (ijjsa  Y,  ista  Bon.  II).  •'•'') 

Eine  eigene  Gattung  von  Fehlern  bilden  diejenigen  Stellen, 
wo  die  Abschreiber  durcli  Einfügung  einer  Öylbe  aus  dem  über- 
lieferten Worte  ein  ganz  anderes  gemacht  haben,  z.  B.  III, 
361,  V,  375,  wo  V  silicet,  in  solito  statt  silef^  in  solo  l)ietet. 
Solche  Störungen  nehme  ich  an  folgenden  Stellen  an:  III,  140 
delicataque  ora  securi  disiecit  cervice  fenus.  Hier  schreibt  man 
gewöhnlich  nach  ciper  Conjectur  von  Heinsius  dtiplicataqim,  was 
höchstens  ,mit  doppeltem  Beilhiebe*  bezeichnen  könnte;  hier 
ist  aber  von  einem  furchtbaren  Streiche  die  Rede,  welcher  den 
Helm  und  den  Kopf  bis  zum  Nacken  spaltet.  Deiectaqtie  (Bon. 


^^)  Einige  Kleinigkeiten  mögen  hier  nicbr  sumniawsch  behandelt  werden.  VI, 
522  ist  nicht  abzusehen,  warum  die  Rosse  des  A])syrtus  gerade  schwarz 
gewesen  sein  sollen;  auch  i)assen  scliwarze  Pferde  schlcclit  für  einen  Son- 
nenwageu,  den  sonst  weisse  ziehen.  Darnach  kann  atriv  nicht  richtig 
sein.  Was  nun  Heinsius  vorgeschlagen  hat,  aclis  ist  matt,  besonders  nach 
dem  vorhergehenden  inpulin;  Thilo's  aa-i  sl.ernU  equ>>  liegt  zu  weit  von 
der  Ueberlieferung  ab,  auch  ist  der  Singular,  den  mau  collectivisch  fassen 
müsste,  autfallend.  Daher  vermuthe  ich  altw  sternit  equis  d.  i.  mit  den 
hochsteigenden  Rossen.  VI,  413  kann  ill.iiic  ai-dis-  tenduntur  erilea  niclit 
richtig  sein,  da  fenduntur  keine  Erklärung  zulässt;  was  J.  Wagner  vor- 
bringt ,nmnen  et,  viri  et  eqni  vires  intendnnt,  ut  contra  iiilantur^,  verdient 
keine  ernstliche  Widerlegung'.  Deshalb  haben  schon  ältere  Gelehrte  cw- 
duntuv  vorgeschlagen,  was  aber  mit  xecant  identisch  wäre.  Ich  vermuthe 
daher  stemuntur,  das  besonders  bei  dem  vorausgehenden  artus  leicht  mit 
tenduntur  verwechselt  werden  konnte.  I,  399  hat  Heinsius  für  das  sinn- 
lose vacuo  gewiss  passend  patuhi  vermuthet;  nur  liegt  dies  Wort  ziemlich 
weit  von  den  Zügen  der  Ueberlieferung  ab.  Könnte  man  dalier  nicht  an 
vasta  denken,  was  doch  oft  einem  ingens  nahe  kommt  (vgl.  VII,  1(59 
incjenti  ab  orno,  519  ingeidi  in  arbore)'^  VII,  49(5  kann  procumbit  nicht 
richtig  sein;  Heinsius  vermuthet  p/-oc?/r;-«/,  doch  vom  diplomatischen  Staud- 
punkte aus  dürfte  sich  procarsat  noch  mehr  empfehlen. 


3Ö6  Sclienkl. 

II)  und  dadnctaqne  (M  von  zweiter  Hand)  entspricht  dem  Sinne 
nach,  aber  nicht  den  ZüsJ-en  der  Ueberlieferung  •,  ersteres  ist 
auch  schon  weg'en  des  folgenden  disiecit  nicht  gut  denkbar. 
Ich  vermuthe  daher  delataqtie,  das  sehr  passend  dem  elatae  •  in 
dem  vorhergehenden  Verse  gegenüber  stehen  würde,  vgl.  Tac. 
Ann.  I,  35  elatumqne  (ferrum)  deferehaf  in  ijectus.  — -  HI,  223 
lesen  wir  totes  audifns,  ea  gaiidia  fingit  ira  deum.  Weder  ha- 
hitus  und  animos,  was  Heiusius  und  J.  Wagner  für  das  ver- 
derbte audittis  vorgeschlagen  haben,  noch  Thilo's  Conjectur  '\ 
redifns  können  irgendwie  entsprechen ;  hahitus  und  aninios  sind 
neben  gaudia  matte ,  nichtssagende  Ausdrücke ,  rediüis  aber 
passt  nicht  in  den  Zusammenhang.  Ich  vermuthe  daher  aestus, 
was  recht  gut  dem  folgenden  gaudia  entsprechen  würde.  —  Es 
ist  übrigens  auch  das  Gregentheil  vorgekommen,  nämlich  dass 
Wörter  durch  den  Ausfall  von  Buchstaben  zu  anderen  umge- 
staltet wurden,  z.  B.  VIII,  287,  wo  in  V  frondibus  statt  fron- 
dentihtis  steht.  So  hat  VII,  8  Heinsius  erkannt,  dass  das  über- 
lieferte patdwm  nicht  zu  halten  ist;  auch  hat  er  mit  seinem 
Vorschlage  pavidum  unzweifelhaft  das  rechte  Wort  getroffen. 
Der  Accusativ  pavidnm  liesse  sich  allerdings  nach  Analogie 
von  Ovid.  Met.  IX,  569  erklären,  obwol  dort  paviduni  mit 
hlandita,  nicht  mit  dixit  zu  verbinden  ist,  aber  bei  viadio  dolore 
vermisst  man  die  Praeposition  in]  deshalb  möchte  ich  hier  eher 
an  pavida  in  denken. 

Was  die  Eigennamen  anbelangt,  so  habe  ich  im  Eingange 
dieses  Abschnittes  darauf  hingewiesen,  dass  dieselben  in  V  ganz 
besonders  entstellt  sind.  So  haben,  um  nur  ein  oder  das  andere 
Beispiel  zu  geben,  die  Abschreiber  aus  Minyae  gewöhnlich 
minsae  oder  mensae  gemacht,  wie  I,  227,  310,  Piresitis  in 
Crestus  verwandelt  I,  356  u.  dgl.  m.;  besonders  häuhg  haben 
sie  die  Eigennamen  in  gewöhnliche  Wörter  verändert,  wie 
Canthus  in  candidus  I,  166,  Jiuio  in  tunc  VII,  186  u.  ö.  Zwei 
dieser  lächerlichen  Verkleisterungen  hat  man  bisher  noch  nicht 
bemerkt.  VI,  438  weiss  man  mit  dem  seltsamen  ante  diem 
nichts  anzufangen;  dazu  kommt,  dass  in  dem  vorhergehenden 
Satze,  dessen  Subject  Äeetes  ist,  dies  eben  nicht  ausgedrückt 
und  auch  nicht  aus  dem  Zusammhange  zu  entnehmen  ist.  Alles 
dies  führt  darauf,  dass  ante  diem  in  Aeetes  emendiert  werden 
muss,  nach   welchem    Worte    man    ein  Komma   zu    setzen    hat. 


Studien  zu  den  Argonantica  den  Valerins  Flaccus.  3o7 

) 

Der  zweite  Fall  rindet  sich  VII,  41.  Aeetes  sa|i<t  dort  im 
Zorne  zu  den  Minyern :  Ihr  seid  Abenteurer  ohne  ein  Heimat- 
land; was  kiünmern  mich  die  hochtönenden  Namen,  mit  welchen 
ihr  herumwerft,  ,quis  ragum  Pelias,  quis  Thesficdus,  mit  quae 
Graecia?  quodnam  kominnm  cerno  genus?  mit  iihi  cmites  CyaneaeP 
Hier  muss  cerno  nicht  bloss  sehr  befremden,  sortdern  geradezu 
unmöglich  erscheinen ;  man  erwartet  dafür  den  Namen  eines 
Volksstammes.  Und  welcher  Name  könnte  hier  mehr  passen 
als  Grai,  das  sich  trefflich  an  Graecia  anschliesst  und  auch  den 
Schriftzüg-en  nach  dem  carno  nahe  lieget.  Man  wird  also  wol 
quodnam.  hominiini  Grai  gemisf'  schreiben  müssen.''") 


IV. 

In  diesem  letzten  Abschnitte  werde  ich  erstlich  noch  eine 
Reihe  von  Stellen,  die  entschieden  verderbt  oder  doch  sehr  ver- 
dächtig sind,  behandeln  und  eigene  Verbesserungsvorschläge 
Ijeibringen,  sodann  werde  ich  über  die  Interpunction ,  welche 
bei  Valerius  zum  Theile  noch  vernachlässigt  ist,  sprechen  und 
nachweisen,  dass  sich  durch  eine  richtige  Interpunction  manche 
dunkle  und  angefochtene  Stelle  befriedigend  erklären  lässt, 
endlich  werde  ich  in  einer  Anzalil  von  Versen  die  überlieferte 
Leseart  gegen  die  Bedenken,  welche  mau  gegen  sie  erhoben 
hat,  rechtfertigen  und  durch  die  notliwendige  Exegese  den  Be- 
weis liefern,  dass  man  die  Ueberlieferung  ohne  Grund  ver- 
dächtigt hat. 


^^)  in,  1  ö8  ht  in  V  proUnus  überliefert,  wofür  ein  italiänischer  Kritiker  in  C 
Prolin  et  geschrieben  hat.  Davon  ist  et  für  vs  wol  richtig,  aber  Prolin 
mehr  als  bedenklich,  da  sich  ein  ITpwTi;  nirgends  nachweisen  lässt  und 
auch  nicht  wahrscheinlich  ist.  Thilo's  Ckromin  el  ist  aus  metrischen 
Gründen  unzulässig  (vgl.  Ovid.  Met.  V,  lOo);  vielleicht  hat  Valerius 
Pollin  et  geschrieben.  I,  141,  III,  65  wird  man  wohl  Rhoecnm  für  das 
überlieferte  Rhoelinn  herstellen  müssen,  vgl.  Bentley  zu  Hör.  Od.  II,  19, 
•23  und  Verg.  Georg.  II,  4.56,  wo  der  Palatinus  Rhoecum  hat.  VI,  750 
führt  die  Leseart  in  V  hiheris  si.doniaeqne  auf  Hilier  I.ssidoniaeque  (nicht 
ItsedoniaequeJ ,  I,  371  ist  die  Form  Caphereu  (so  V,  nicht  Caphareu,  vgl. 
Aen.  XI,  260)  und  V,  573  die  Genitivform  Ccdydonos  (so  V,  nicht  Caly- 
do7iis,  wie  allerdings  IV,  •223  steht,  aufzunehmen  (vgl.  Neue  Formenlehre 
der  lat.  Sprache  I,  305  ff.). 


35S  Seil  0  11  kl 

Die  folgenden  Stellen,  welche  sich  im  dritten  Abschnitte 
nicht  entsprechend  unterbring-en  Hessen  und  daher  hier  nach- 
träglich zusanimeng-estellt  werden,  sind  entweder  von  vielen 
oder  auch  von  allen  Herausg-ebern  als  verderbt  erklärt,  aber  bis- 
her noch  nicht  genügend  verbessert  worden,  weshalb  ich  sie 
einer  erneuten  Behandlung  unterziehe.  I,  83o  hlc  gembiae 
(letermim  portae.  Pli.  Wagner  (Neue  Jahrb.  89,  40('))  wundert 
sich  mit  Kecht  darüber,  dass  bisher  noch  Niemand  an  dem 
Worte  aetermmi  Anstoss  genommen  hat;  es  könnte  bloss  ,tur 
alle  Ewigkeit'  bezeichnen,  was  aber  eine  sehr  überflüssige  Bei- 
fügung wäre,  da  au  dem  ewigen  Bestände  des  Hades  Niemand 
zweifelte.  Wagner  vernuithet  altermmt,  dem  Sinne  nach  gewiss 
lichtig,  aber  ob  idtarunat  neben  gemmac  und  bei  dem  unmit- 
telbar folgenden  ultara  möglich  ist,  steht  sehr  in  Frage.  Ich 
habe  daher  an  mtrors^mt  gedacht,  welches  durch  die  Stellung 
zwischen  (jemimm  und  portae  die  Bedeutung  , hinein  führend' 
erhalten  würde.  Oder  sollte  etwa  antrorum  das  Richtige  sein? 
Mit  grösserer  Bestimmtheit  kann  ich  mich  über  vv.  848  f. 
aussprechen :  tum-  iwrta  quanta  sinistra  poena  docet  maneat 
Pelian  quo  limine  monstrat.  Hier  muss  zu  quo  limine  offenbar 
poena  docet  numeat  Pelian  ergänzt  werden;  das  ist  aber  dem 
Ausdrucke  nach  verkehrt  und  überdies  nur  eine  Wiederholung 
des  vorausgehenden  Satzes.  Dalier  zweifle  ich  nicht,  dass  für 
quo :  ac  geschrieben  werden  muss ;  er  zeigt  ihnen  von  der 
Schwelle  aus,  wie  die  Frevler  gestraft  werden.  Im  folgenden 
bleibt  noch  et  loai  bedenklich;  ist  dies  richtig,  dann  kann  es 
nur  in  Verbindung  mit  et  infernos  rdniae  virtutis  Jionores  durch 
eine  Art  Hendiadys  erklärt  werden ;  wie  seltsam  wäre  aber 
eine  solche  Construction,  auch  kann  wol  ruentem  nicht  ohne 
eine  nähere  Bestimmung  stehen.  Ich  vernmthe  daher  in  loca, 
wornach  mit  tnntos  strepitun  fitrharnque  ruentem  in  loca  die 
Masse  der  Frevler  bezeichnet  wird,  die  unter  den  Geisseihieben 
der  Furien  in  den  Tartarus  stürzen,  während  die  wenigen  Aus- 
erwählteu  im  finerlichen  Zuge  unter  Führung  des  Hermes  oa- 
Eo5/o;  nach  den  elysischen  Gefilden  wallen.  —  II,  58  certnsqim 
ad  talia  Titan  integer  in  ßuctus  et  in.  mto  decidit  euro.  Für 
e\vro  hat  man  fast  allgemein  die  Emendation  eines  italiänischen 
Gelehrten,  welche  Pius  erwähnt,  aum  angenommen,  wornach 
also    hier    der    reine    wolkenlose    Sonnenuntergang    geschildert 


Studien  zu  dou  Argouautica  dos  Valorius  Flaccus.  359 

wird.     Aber    in    nno    auro    lässt    sich    schwerlicu    rechtfcrtig-en, 
wie    dies    schou    die    verschiedenen    Conjeeturen    zeig-en ,    mit 
welchen  man  sich  an  dieser  Stelle  versucht  hat,  so  imindo  anro 
(J.  Columbiis),  nudo  auro  (Hirschwälder),  pleno  orhe  (Koch).  Das 
nächst  liegende  ist  wol  jmro  .  .  auro,  welches  Wort  häuliii;'  vom 
Sonnenuntergänge  gebraucht  wird,  z.  B.  y)ei  Avlenus  Prognost. 
239  f.  indideritque  facem  ijonto    deus    intayer,   atra    mibe    carens 
p^u-usque  comris  et  svlendid.'n^  orhem,  295  puras  'si  Phoebus  condit 
htbenas.    Dass  v.  .56  puraque  vorausgeht,  kann  nicht  befremden, 
da  Valerius  die  Wiederholung  von  Wörtei-n  nicht  ängstlich  ver- 
meidet (vgl.    z.  B.  III,    307    f.  adirem,  ....  irem ,    VI,    351    f. 
corpore  .  .  .  corpore,  704  ff.  tigrin  ....  tifjris-  man  kann  daher 
auch    III;,    61    mit    G.    Voss    imd    Peerlkamp    zu    Verg.    Aen. 
IX,  659  unbedenklich  pulan  für  pnssii  schreiben,  obwoi    gleich 
darauf  prdsans  folgt).  —  II,  337  forsitan    hoc  factum  taceat  tarn 
fuhnen  in  antro  lässt  sich  allerdings  zur  Notli  so  erklären :  viel- 
leicht schweigt  in  dieser  Höhle  der  schon  fertige  Blitz,  oder  mit 
anderen  Worten :  vielleicht  haben  die  Cyclopen  mit  der  Arbeit 
ausgesetzt.  Aber  «warum  sagt  Hypsipylc:  , vielleicht  schweigt',  da 
sie  doch,  wie  die  anderen  Worte  zeigen,  ganz  in  der  Nähe  der 
Höhle  steht  und  somit   selbst  hören  muss,  wenn  die  Feuerkräfte 
in  dem  Vulcane  toben.  Aus  diesem  Grunde  muss  ich  den  Vers  für 
verderbt  halten   und    vermuthe:   forhitan    hoc    fallit,    taceat    cur 
fuhnen  in  aiifro,  d.  i.  , vielleicht  macht  euch  der  Gedanke  irre, 
warum    wol    der  Blitz    in  der  Höhle  schweige*,  wozu  dann  das 
folgende  nox  dabit  ipsa  fideni  vorti'efflich  passen  win-de.   —  II, 
386  ff.  in  dem  schönen  Vergleiche  des  Jason  mit  einem  Rosse, 
wobei  dem  Dichter  11.    VI,  506    ff.    und    Soph.  El.  25  ff.    vor- 
schwebten, lesen  wir  die    verderbte    Stelle    longa    quem  frigida. 
face  terra  iuvat,  brems  in  laevos  piger  angitur  orbes.     Die  ver- 
schiedenen Conjeeturen  aufzuzählen  würde  zu  weit  führen;  ich 
bemerke  daher  bloss,    dass    durch    Thilo's    Vorschlag    vix    statt 
hrevis  zu  lesen    (Prolegg.  LIV)    den    Schwierigkeiten    nicht  ab- 
geholfen wird,  und  auch  Ph.    Wagners    Vorschlag    (Phil.    XX, 
632)  longa   .  .  .  tesca  iuvant,   brems  in  l.  compingitur  orbes    dem 
Sinne  und  Ausdrucke  mu-h    nicht   befri(;digen    kann.     Der  Ge- 
danke,   dass  das  geschulte  Kriegsross,    nachdem    es    im    langen 
Frieden  steif  und  alt   geworden  ist,    schwer    die    früher   so    ge- 


360  Schenkl. 

wohnten  Uebung-en  durchmacht,  dennoch  aber  beim  Klang  der 
Trompete  stolz  sich  hebt  und  wiehert,  führt  vielmehr  auf  die 
Vermuthung-  longa  cum  (oder  cid)  frigida  'pace  torpuerint  crura, 
in  laevos  u.  s.  w.,  wo  dann  frigida  als  proleptisches  Prädicat 
zu  fassen  wäre.  Dass  der  Begriff  crura  im  Vorhergehenden 
nothwendig  ist,  hat  schon  Turnebus  geahnt,  indem  er  in  der  Aldina 
longa  q.  f.  p.  crura  iuvant  geschrieben  hat,  und  ebenso  J.  F. 
Gronov  in  seindr  Diatribe  in  Stat.  c.  4(3,  wo  im  Anschlüsse 
an  die  Aldina  longa  q.  f.  p.  crura  ligant  vorgeschlagen  wird. 
Die  Synizesis  vor  der  Interpunction  kann  nicht  befremden,  da 
wir  ähnliche  Fälle  bei  Valcrius  finden,  z.  B.  III,  600  grata  ru- 
dimenta;  Hercideo  sub  notnine  pendent.  —  Eine  wahrhaft  ver- 
zweifelte Stelle  ist  der  v.  520  des  zweiten  Buches,  wo  die 
furchtbare  Wirkung  des  herannahenden  Meerungethümes  ge- 
schildert wird  5  es  wirft  seinen  ungeheuren  Schatten  weit  voraus, 
der  Ida  bebt  und  durch  den  gewaltigen  Wogendrang  wird  die 
Argo  gegen  das  Ufer  geschleudert.  Hierauf  folgen  die  Worte 
pronaeciue  resurgere  turres,  deren  Sinn  nur  sein  könnte :  die 
Thürme  Troias  neigen  sich  bei  der  furchtbaren  Erderschüt- 
terung und  richten  sich  dann  wieder  auf.  Aber  eine  solche 
Hyperbel  ist  sehr  unwahrscheinlich,  abgesehen  davon,  dass  man 
dem  Dichter  den  Vorwurf  machen  müsste  sich  sehr  dunkel 
ausgedrückt  zu  haben.  Auch  führt  jede  Erwägung  der  Stelle 
zu  dem  Gedanken,  dass  hier  eine  weitere  Ausführung  des  vor- 
hergehenden inlidique  ratis  vorliegen  müsse.  Einen  sehr  glück- 
lichen Griff  machte  Ph.  Wagner  (Phil.  XX,  634),  indem  er  in 
pronaeque  den  Begrifi"  prora  erkannte,  aber  sein  Vorschlag, 
proramque  infligere  terrae  ist  sehr  willkührlich  und  nicht  ein- 
mal dem  Sinne  nach  entsprechend.  Ich  möchte  daher  eher 
proraque  resurgere  tunsa  schreiben.  Die  Argo  wiixl  gegen  das 
felsige  Ufer  geschleudert,  wobei  sie  mit  dem  Vordertheile  tief! 
in  das  Meer  hinabfährt  und  an  den  Klippen  zerstossen  wieder 
auftaucht.  —  III,  524  et  manicae  virides  et  stricta  myrtus  hahena. 
Man  erklärt  gewöhnlich  die  letzten  Worte:  eine  Lanze  aus| 
einein  Myrthenaste  mit  straff  angezogener  Wurfschlinge  (vgl. 
Vei-g.  Aen.  VII,  817);  aber  es  ist  doch  sehr  auffällig-,  dassj 
diese  Waffe  mitten  unter  der  Beschreibung  der  Kleider  erwähnt 
wird,  auch  müsste  man  sich  diese  Nymphen  alle  darnach  ii 
der  Stellung  von  Werfenden  denken,  was  doch  sehr  seltsam  istj 


Studien  zu  den  Argouautiea  des  Valerius  Flaccus.  361 

Deslialb  liat  J.  Wagner  nach  dem  Vorgange  V<jn  Tli.  Reine- 
sius  stricta  et  corytns  habena  vorgeschlagen,  wodurch  allerding-s 
das  letztere  Be<lenken  behoben  wird;  doch  das  erstere  bleibt 
auch  hier  in  Kraft;  es  sollte  nämlich  dieses  Glied  nicht  nach 
manicae  virides,  sondern  unmittelbar  nach  arc}is  stehen.  Ver- 
gleicht man  nun  die  Stelle,  welche  unserem  Dichter  bei  dieser 
Schilderung-  offenbar  vorschwebte,  nämlich  Verg.  Aen.  I,  315 
ff.,  so  erwartet  mau  hier  die  Erwähnung-  der  Jagdstiefel,  deren 
sich  wol  auch  diese  Nymphen  bedienten  (vgl.  Verg-.  Aen.  I, 
337).  Daher  vermuthe  ich  strictaque  coiiirmis  habena^  welches 
sich  g-anz  g-ut  mit  manicae  und  palla  verbindet.  Denkt  man 
sich  cotnrnns  durch  eine  Buchstabenversetzuug  in  coimirtus 
verderbt,  so  bedürfen  die  anderen  Veränderung-en  keiner  wei- 
teren Ei'klärung-.  —  III,  737  f.  non  aliter  gemitu  quondam  lea 
jirolis  ademptae  terga  dedit.  Statt  des  sinnlosen  terga  hat  man  eine 
Reihe  von  Conjecturen  vorgeschlag-en,  wie  aegra  dedit  (genütuni) 
Heinsius,  orba  dedit  (gemitus)  Burmann,  signa  legit  Thilo.  Das 
nächstliegende  ist  wol  torva  dedit  (gemitimi  oder  gemitus), 
indem  torva  und  terg<i  auch  sonst  in  Handscliriften  vertauscht 
zu  werden  pflegen.  Was  den  objectiveu  Grenetiv  proi^is  ademptae 
anbetrifft,  so  vergleiche  man  Verg.  Aen.  I,  462  stmt  lacrimae 
rerum,  II,  784  lacrimas  dilectae  pelle  Creusae,  II,  413  gemitu 
atque  erepdae  virginis  ira.  —  VIII,  62  uneque  pavens  contra  solam 
videt  ac  vocat  idtra.  Hier  lässt  sich  pavens  durchaus  nicht  er- 
klären ;  denn  da  der  Drache,  wie  aus  den  folgenden  Worten  her- 
vorgeht, Medea  allein  sieht  und  mit  schmeichelndem  Zischen  ruft, 
so  hat  er  ja  keinen  Grund  zur  Furcht.  Favens,  was  Heinsius 
vorgeschlagen  hat,  genügt  nicht;  man  verlangt  ein  Verbum,  das 
sich  mit  contra  verbindet,  und    dieses  kann  nur  tuens  sein. 

Ich  habe  schon  im  Vorhergehenden  gelegentlich  über  die 
Interpunction  gehandelt  und  einigen  Stellen,  z.  B.  I,  546  ff., 
durch  Verbesserung  derselben  zu  helfen  gesucht.  Es  mögen 
nun  noch  einige  andere  Stellen  besprochen  werden,  in  welchen 
die  Interpunction  zweifelhaft  ist.  I,  528  ff.  qni  vellera  dono  belli- 
poteus  sihi  ßxa  videt  temptataque  contra  Pallas  et  amhorum  ge- 
mtdt  Satnrnia  qnesttis.  Thilo  ist  hier  wieder  zu  der  älteren 
Abtheilung  zurückgekehrt,  wornach  temptataqtie  zu  dem  Folgeu- 
Iden  gezogen  wird.  Was  soll  denn  aber  dann  der  Satz  qni 
j.  .  .  videt  für  einen  Sinn  haben  ?    Das  Vliess  war  ja  doch  schon 


362  Schenkl. 

längst  im  Haine  des  Mars  aufgehängt.  Auch  ist  die  Verbin- 
dung des  zweiten  Hauptsatzes  mit  dem  ersten  durch  que,  be- 
sonders bei  dem  folgenden  contra  nichts  weniger  als  wahr- 
scheinlich. Es  bleibt  somit  nichts  übrig,  als  wieder  die  luterpunc- 
tion  Burmanns  tiim])tataque,  contra  anzunelunen,  wornach  man  die 
Stelle  so  erklären  muss  ,der  sich  das  Vliess  einmal  als  Geschenk 
geweiht  und  dann  wieder  bestritten  sieht.'  —  II,  515  ff.  hat 
man,  wie  es  scheint,  bisher  nicht  bemerkt,  dass  die  Verse 
515 — 517  das  Bild,  518 — 520  den  verglichenen  Gegenstand  ent- 
halten; wenigstens  muss  die  übliche  Interpunctiou,  wornach 
hinter  caelo  ein  Punkt  steht,  auf  einen  solchen  Schluss  führen. 
Es  ist  aber  jedenfalls  nach  caelo  ein  Doppelpunkt  zu  setzen 
und  aus  qualis  im  folgenden  Satze  ein  talis  zu  ergänzen.  — 
III,  104  setzt  man  fälschlich  nach  optem  einen  Strichpunct  statt 
eines  Komma,  wodurch  der  Sinn  der  Stelle  gestört  wird.  Die 
Minyer  erwarten  in  geschlossener  Stellung  die  heranstürmendeu 
Cyzicenei',  unter  denen  Corythus  in  vorderster  Reihe  ist.  Durch 
seine  glänzende  Rüstung  und  seinen  riesigen  Schatten  fällt  er 
dem  Mopsus  und  Eurytus  in's  Auge,  welche  ihre  Genossen  auf 
ihn  aufmerksam  machen.  Als  Corythus  im  Anstürmen  vor  sich 
die  Reihe  der  feindlichen  Speere  blinken  sieht,  hält  er  im 
Laufe  inne.  Da  ruft  Tydeus:  ,ei  Mann,  obwol  ich  dich  die  Sehneu 
meines  Arms  gespannt  erwarte  und  gerne  mit  dir  im  nahen 
Kampfe  ringen  möchte,  so  sollst  du  doch  dort,  wo  du  stehst, 
sterben.'  —  III,  800  hat  Thilo  für  das  überlieferte  arf/uereni  : 
anpierim  geschrieben,  besonders  mit  Rücksicht  auf  Verg.  Aen. 
XI,  1()4,  wo  allerdings  nee  vos  anjuerim  steht.  ^Vber  die  Ver- 
gilische  Stelle  ist  doch  nicht  entscheidend  für  die  Leseart  in 
unserem  Verse,  zumal  da  nrguerim  keinen  passenden  Sinn  gibt. 
Man  muss  vielmehr  die  Stelle  also  interpungieren : 

nee  Clarii  nunc  antra  der  quercusque  tonantis 

argneo'emf  talesne  acies,  falesne  trhimj)lws 

Sorte  dabantf  tantnmqne  nefas  mens  confteia  vafum 

conttciut,  patriae  exitinm.  crndele  fienectae 

et  tot  acerha  canens ! 

—  III,  598  ff.  ziehe  ich  der  Interpunction  Tliilos  certa.  mnra 
est:  nee  parvns  Hylas,  welche  gar  keine  Construction  zulässt, 
.entschieden    die    Ph.    Wagners    vor,    der    also    sclireibt :  fides. 


Studien  zu  den  Argoiiuutica  des  Valerius  Flaccus.  000 

i 

aiistrisqtie  secmidis  cerfa  mora  est  non  p.  H.  (vgl.  Phil.  XX, 
622).  Warum  soll  man  aber  nicht  die  noch  näher  liegende 
Interpunction  certa,  morae  nee  (oder  mora  est  nee)  jp.  H.  an- 
nelmien,  die  noch  dazu  gar  keine  Aenderung  der  Ueberliefe- 
rung  nöthig  macht?  —  III,  641  ff.  hat  man  ebenfalls  bisher 
die  richtige  Abtheilung  und  Construction  verkannt.  Es  ist 
nämlich  zu  schreiben :  nil   se  super  Hercule  fari,  sed  socio  rpio- 

cmnque,    gemens    cp.iamquani litora   gentes ,    non    alium 

u.  s.  w.  Nur  so  vermag  ich  die  Stelle  zu  erklären;   es  ist  näm- 
lich socio  quoeumqve  gleich  super  s.  q.  se  fari  und  die  folgenden 
Accusative,  so  wie  der   Infinitiv    dari   hängen    von    gemens   ab. 
Nicht  minder  irrig  ist  die    Interpunction  IV,    643  ff.,    wo    man 
also    schreibt :    dumque    ocius    instant  ferre  fugam,    maria    ante 
ratem,     maria    ipsa    repente    diffugere    adversosqne    vident    disee- 
dere  montes.   IMan  setze  das  Komma  nacli  instant  und  verbinde 
ferre  fugam.  mit  vident  (vgl.  656  fugn  ponti).    Daran  dass  ferre 
fugam  nochmals  durch  diffugere   aufgenommen  wird,    darf  man 
keinen  Anstoss  nehmen,  da  dei'lei  Häufungen  bei  Valerius  sehr 
gewöhnlich    sind.    —   V,    282    muss    nach    magna    pariter  quos 
mole  petamus  nicht  ein  Komma,  sondern  ein  Fragezeichen  stehen, 
so  dass  dieser  Satz  dem  folgenden  qnihus  addimur  armis,  wel- 
cher   nur  eine  Wiederaufnahme  desselben  ist,    entspricht.     Die 
spätere  Einschiebung  von    ait   kann    nicht  befremden,    da   sich 
ü-anz  ähnlich  Fälle    I,  266,  V,  543   finden.    —  VI,  62  f.  inter- 
1  pungiei't  man  ganz  verkehrt  nach  nodo,  während,  wie  dies  wol 
'  keines  Beweises  bedarf,    also  abzutheilen  ist:    dat  longior  aetas 
iam  spatium ;  triplici  percurrens  tempora  nodo  demittit  u.  s.  w., 
wornach  percurrens  mit  demittit  verbunden  werden  muss.  Uebri- 
gens  bleibt    es    noch    fraglich,    ob   nicht    statt    longior  vielmehr 
longins   passender  wäre.    —    VI,   721    fasst    man    allgemein  die 
Worte    at   satis    hos    ipsae    gentes    campique    videbant    als    eine 
Parenthese,  bei  welcher  Interpunction    der    folgende    Satz   tern- 
pestate  pari   versis    incumhere    turmis    vollständig    in    der    Luft 
hängt.     Ohne  Zweifel  muss  man  nSich^Acasti  einen  Strichpunct 
setzen  und  nach  Entfernung  der  Parenthesozeichen  v.  721    und 
722   mit    einander    verbinden.     Medea   hängt    mit    ihrem   Auge 
bloss   an  Jason  und  kümmert  sich    nicht  um   die  Heldenthaten 
der  übrigen  Argonauten,    die  doch  die  Völker  und  das  Blach- 
feld  sich  ebenso  im  Kampfe  auszeichnen  sahen.  —  VIII,  443  f. 

Sitzt,  d.  phil.-lüst.  Cl.  LXVni.  Bd.  lU.  litt.  24 


3ß4  Schenkl. 

darf  man  nicht  nach  der  gewöhnlichen  Weise  fas  eratf  haud 
hoc  nunc  genitor  putat  aut  dare  ^^oeuas  iam  sceleris  dominnmque 
jpati,  da  dies  weder  einen  passenden  Sinn,  noch  eine  riclitige 
Construction  zulässt ,  sondern  viehnehr  fas  erat  (haud  .... 
putat)  aut  dare pati'?  schreiben,  wodurch  alle  Schwie- 
rigkeiten beseitigt  sind. 

Zum  Schlüsse  mögen  noch,  wie  schon  oben  bemerkt  wurde, 
einige  Stellen,  die  man  bisher  nicht  richtig  erklärt  und  daher 
meistentheils  für  verderbt  erkLärt  hat,  kurz  behandelt  werden. 
Die  Worte,  welche  Peleus  I,  265  ff.  an  die  Götter  richtet: 
placido  si  currere  ßuctu  Pelea  vidtis,  ait,  ventosque  optare  feren- 
tes,  hoc,  siqyeri,  servate  caput  werden  noch  immer  anrichtig  auf- 
gefasst.  Thilo  (XIX)  gibt  als  Sinn  der  Stelle  an:  Valerius 
Pelea  deos  precantem  fecit,  ut  ijjsum  in  itinere  mallent  perire, 
quam  ita  reverti,  ut  Achilles  in  vivis  non  esset,  was  nun  und 
nimmer  in  diesen  Worten  liegen  kann.  Ph.  Wagner  (Neue 
Jahrb.  89,  385)  will  optare  auch  in  den  ersten  Satz  hinüber- 
ziehen, so  dass  dieser  also  zu  construieren  wäre :  si  vidtis  Pelea 
optare  placido  ß.uctti  ctirrere,  eine  haarsträubende  Construction, 
die  übrigens  nicht  einmal  einen  passenden  Sinn  gibt.  Mau 
muss  bei  der  Erklärung  dieser  Stelle  davon  ausgehen,  dass 
Peleus  als  Enkel  des  Jupiter  und  Gemahl  der  Thetis  von  den 
Göttern  einen  besonderen  Schutz  und  daher  eine  ruhige  Fahrt 
auf  glattem  Meere  und  mit  günstigem  Winde  erwartet.  Daher 
sagt  er  in  seinem  Gebete:  Wenn  ihr,  o  Götter,  wollt,  dass  ich 
wirklich  auf  ruhiger  Fluth  fahre  und  günstigen  Wind  Avünsche, 
so  müsst  ihr  mir  die  Ruhe  meines  Herzens  und  als  die  Grund- 
lage hievon  das  Leben  dieses  meines  Sohnes  erhalten.  — 
1,  445  gebe  ich  das  überlieferte  tuis  nam  pendit  in  arvis  Delius, 
trotzdem  Thilo  den  Vers  als  nondum  emendatus  bezeichnet,  und 
trotz  der  Conjecturen  pascit  (Eyssenhardt  Rh.  Mus.  XVII,  882), 
servit  (Koch  Rh.  Miis.  XVIII,  1G3),  pendet  (Ph.  Wagner  Phil. 
XX,  628)  noch  immer  nicht  Preis.  Man  vorgleiche  nur  damit 
die  Stelle  IV,  477  f.  ^tec  credite  culpam  saevitiae  scelerumvr 
mihi  nunc  crimina  pendi,  und  mau  wird  zugeben,  dass  Valerius 
statt  poenas  pendere  auch  das  einfache  pendere  setzen  konnte, 
gerade  so  wie  im  Griechischen  neben  tcoivy^v  (oi'y.r,v,  ti!J,(op(av,  xiaiv) 
-ivc'.v  auch  -bizvi  absolut  steht  (vgl.  Od.  XXII,  218,  Sol.  fr.  13 
29  Bergk).  —  II,  70  die  Worte  et  parco  c.orpora  Baccho  (resti 


Studien  zu  den  Aigonautica  des  Valei-ius  Flaccus.  365 

) 

tuunt)    sind   in  neuester  Zeit  von  Mcynke  (Obs.  crit.  8.  36   f.) 
verdächtigt  worden,  welcher  dafür   et  amico  rohora  Baccho  vor- 
schlägt.    Hirschwälder  hat  diese  Conjectur   mit  Recht  als  eine 
ganz  willkürliche  zurückgewiesen  (S.  27).  Da  er  aber  auch  an 
parco  Anstoss  nimmt  und  auf  largo  oder  i)ascu.Ht  räth,  so  dürfte 
es  nicht  überflüssig  sein  die  Ueberlieferung  mit  einigen  Worten 
zu    rechtfertigen.      Es    scheint    nämlich,    dass    man    bei    einer 
solchen  Küstenschiffahrt,    wo  man  immer  landen,  Wasser  ein- 
nehmen   und    dann    die  Mahlzeit  bereiten ,    den  Wein    mischen 
konnte,  auf  dem  Schiffe  keine  Wasserfässer,  sondern  bloss  Wein- 
krüge   mitführte.     Hielt    man    daher    eine    Mahlzeit    auf    dem 
Schiffe  selbst  ab,    so  konnte  man    nur  Brod  und  ungemischten 
Wein  geuiessen.     Von  solchem  lauteren  Wein  trank  man  aber 
nur  ein  geringes  Mass,    so  viel  als  eben    hinreichte   den  Durst 
zu  stillen.     Es  ist    somit  parco  an  dieser  Stelle    ganz  passend. 
—    II,    259  f.    voces    chortis    et    trieterica    reddunt    aera    sonmn 
ßxaeqne  frenmnt  in  limine  tigres.     Diese  beiden  Verse,  welche 
noch    in    neuester    Zeit    von    Braun   (S.  38  ff.)  gründlich  miss- 
verstanden   wurden,    hat    schon  Jacobs    (Additam.   animadv.  in 
Athenaei  Deipn.  S.  42)  im  Ganzen  richtig  von  einem  Wunder 
erklärt,  welches  als  Zeichen  dienen  sollte,  dass  Bacchus  die  fromme 
Bitte  der  Hypsipyle  günstig  aufgenommen  habe.     Doch  bedarf 
es  einmal  nicht  seiner  Conjectur  tholus  für  chorns,  sodann  muss 
die  Stelle  noch  etwas   anders   gefasst  werden.     Nachdem  Hyp- 
sipyle   den  Gott    um    seinen  Schutz    angefleht   und  ihren  Vater 
unter  dem  Kleide  desselben  verborgen  hatte,  lässt  sich  ein  un- 
sichtbarer Chor  hören,    die  Klapperbleche    ertönen  von    selbst, 
wie  wenn  das  Bacchusfest  gefeiert  wird,  und  die  ehernen  Tiger 
an    der    Schwelle    brüllen.     So    erfüllt   Bacchus    die    Bitte    der 
treuen  Tochter  und  hindert,  dass  etwa  Weiber  in  den  Tempel 
dringen  und  den  Thoas  aus  demselben  fortschleppen.  —  III,  134 
möchte    ich    die   Leseart   'pectore,    so   wenig   sie    auch    auf   den 
ersten  Blick  zu  entsprechen  scheint,  doch  gegenüber  der  Con- 
ijectur  Ph.  Wagners  ijollice  (Phil.  XX,  (530)    festhalten.     Beim 
}  Bogenschiessen  wird    nämlich    die  rechte  Hand    mit   der  Sehne 
i  bis  zur  Brust  zurückgezogen,  so  dass  also  der  Ausdruck  pectore 
\certa  regens  spicida  wol  denkbar  ist.     Ein  Analogen  bietet  der 
Vers  472    ad<pie   aequora   pectore  tolkoit,    indem    nämlich    beim 
Rudern  eine  ähnliche  BcAvegung  stattfindet,  —  IV,  525  hat  sich 

24* 


366  Scheukl 

Thilo  durch  die  Erörterung  J.  Wagners  bestimmen  lassen, 
dessen  Conjectur  numquam  non  anzunehmen;  es  ist  aber  die 
Ueberlieferung  numqnam  nova  vollkommen  richtig.  Die  Har- 
pyien  werden,  so  ruft  Juppiter  aus  den  Wolken,  nicht  nach 
neuem  Futter  suchen ,  d.  i.  nicht  wieder  Leute  peinigen ,  als 
bis  sich  wieder  Sterbliche  durch  Frevelthaten  den  Zorn  der 
Götter  zugezogen  haben  und  ich  die  Harpyien,  meine  Die- 
nerinen, zur  Vollstreckung  des  Strafgerichtes  aussenden  werde. 
Darum  lasst  ab  dieselben  weiter  zu  verfolgen.  Damit  steht 
Verg.  Aen.  III,  210  ff.  nicht  im  Widerspruche;  denn  die  Ge- 
nossen des  Aeneas  ziehen  sich  die  Rache  der  Harpyien  dadurch 
zu,  dass  sie  ihre  Rinder  tödten  (247),  so  wie  die  Gefährten 
des  Odysseus  auf  Thrinakria  die  heiligen  Sonnenrinder  schlach- 
ten (Od.  XII,  260  ff.).  —  V,  156  verwirft  Ph.  Wagner  (Phil. 
XX,  624)  mit  Recht  die  Conjectur  Eyssenhardts  novantem  für 
morantem,  aber  seine  Erklärung  dieser  Stelle:  , Hercules  hält 
des  Prometheus  Geschicke  auf,  insofern  dieser  nicht  eher  von 
seinen  Banden  befreit  werden  konnte,  als  bis  Hercules  ihn  er- 
löste^ bleibt  mir  ganz  unverständlich.  Die  Worte  Titania  fata 
morantem  bedeuten  vielmehr  nichts  anderes,  als  dass  Hercules 
durch  Erlegung  des  Geiers  und  durch  Lösung  der  Bande  dem 
über  Prometheus  verhängten  Geschicke  ein  Ende  machte.  — 
Die  Verse  V,  187  ff.  fasst  Meynke  (Rh.  Mus.  XXII,  364  f.) 
so  auf,  als  ob  auf  dem  Grabmale  des  Phrixus  dessen  Marmor- 
statue und  daneben  die  der  Helle  mit  dem  Widder  stand.  Ich 
verstehe  aber  nicht,  wie  man  dies  aus  den  Worten  herauslesen 
kann,  besonders  da  hinc  und  inde  nicht  auf  eine  Figur  der 
Helle,  sondern  auf  eine  doppelte  Darstellung  derselben  hin- 
weisen-, denn  daran  zu  denken,  dass  der  Künstler  etwa  in  der 
einen  Hälfte  des  Antlitzes  der  Helle  das  Entsetzen  vor  der 
grausen  Stiefmutter,  in  der  anderen  die  Furcht  vor  der  See 
ausgedrückt  haben  sollte ,  ist  doch  zu  abgeschmackt.  Daher 
möchte  ich  quem  auf  tumuhmi  beziehen  und  die  Stelle  so  er- 
klären: neben  welchem  Grabmale  des  Phrixus  seine  Begleiterin 
auf  der  Flucht,  seine  unglückliche  Schwester  Helle,  aus  Pari- 
schem  Marmor  gebildet,  steht,  auf  der  einen  Seite,  wie  sie  volll 
Entsetzen  vor  der  Stiefmutter  flüchtet,  auf  der  andern  Seitr 
wie  sie  zagend  auf  den  Widder  steigt.  Solche  Grabmälei-,  dii 
auf  beiden  Seiten   nnt  Figuren,  z.  B.  dos  Eros  und  der  Tychc 


Studien  zu  den  Aigonautica  des  Valeiius  Flaccus.  3(07 

verziert  sind ,  sehen  wir  ja  noch  jetzt  in  unst^ren  Museen.  — 
V,  329  muss  natürlich  deuni  mit  monstris  verbunden  werden_, 
wodurch  aber  keineswegs,  wie  Meynke  (Obs.  crit.  S.  45)  meint, 
ein  Widerspruch  zwischen  diesem  Ausdrucke  und  forte  hervor- 
gerufen wird.'  Forte  ist  nämlich  im  Sinne  der  Medea  gesagt;  sie 
war ,  ohne  irgend  eine  Ahnung  zu  haben ,  was  ihr  begegnen 
werde,  in  diese  Gegend  an  den  Phasis  gegangen.  Griechisch 
könnte  man  forte  durch  l-jy^s  wiedergeben,  womit  sich  ein  Aus- 
druck, wie  9jßr,0£T(7a  £v  -:r^  vjx,-:!  TtoixiXoic  twv  Oawv  -ipacn  ganz  gut 
vertragen  würde.  —  VII,  224  t^^ae  oenio  (iam  pridem  iynava) 
iuventae.  Thilo  hat  hier  die  Conjectur  Burmanns  gnara  für 
i</nava  aufgenommen.  Aber  wenn  man  auch  zugeben  muss, 
dass  gnara  einen  passenden  Sinn  gibt  und  dass  ignara  (ignava) 
und  gnara  oft  in  den  Handschriften  verwechselt  werden ,  so 
folgt  doch  daraus  noch  nicht  die  Unzulässigkeit  des  überlieferten 
ignava.  J.  Wagner  hat  richtig  erkannt,  dass  die  Worte  iam 
pridem  ignava  , schon  gar  lange  säumig'  eine  Selbstanklage  der 
Circo  enthalten,  und  ich  sehe  nicht  ein,  was  sich  dagegen  ein- 
wenden lässt.  Diese  Worte  stehen  im  engsten  Zusammenhange 
mit  dem,  was  Medea  v.  220  if.  sagt :  früher  ist  das  Thessalische 
Schiff  zum  Phasis  und  durch  so  viele  Meere  umsonst  der  un- 
selige Jason  gekommen,  ehe  dich  die  Liebe  zum  Heimatlande 
rührte.  In  dieser  Klage,  sowie  in  den  Eingangsworten  o  tan- 
dem,  vix  tandem  reddita  Circe  dura  tuis  liegt  ein  Vorwurf,  den 
die  angebliche  Circe  mit  iam  pridem  ignava  als  begründet  zu- 
gesteht. —  VII,  302  infectis  per  roscida  cornua  vittis.  Hiezu 
bemerkt  Thilo:  dedi  lihrorum  scripturam,  quae  nondnm  emen- 
data  est.  Warum  sollten  aber  diese  Worte  verderbt  sein?  Va- 
lerius  hat  in  der  ganzen  Stelle  die  Scene  aus  Euripides  Bakchen 
vor  Augen  gehabt,  wo  sich  Pentheus  in  weiblicher  Kleidung 
von  Dionysos  geleitet  auf  den  Kithairon  begibt.  Dort  heisst 
es  V.  918  f.  y-x'-  ~xjpc:  r,ij.h  zpisOsv  -riYsTjOa'.  ccv.iXc  v.y}.  jw  v.ipyr.z 
xpa-t  Trps^Trsc-'jy.sva'.,  was  ganz  unserer  Stelle  entspricht;  nur  er- 
höht Valerius  das  Wunder  dadurch ,  dass  er  aus  den  Hörnern 
des  Bacchus  Wein  über  die  Stirnbinde  herabthauen  lässt.  — 
I  VII,  45G  f.  nam  iam  matura  rnebant  sidera  et  extremum  suffixerat 
axe  Bootem.  An  diesem  Verse  haben  viele  ältere  Kritiker  An- 
stoss  genommen  und  neuerdings  auch  Thilo,  der,  so  sehr  er 
sonst   an    der  Ueberlieferuug   festhält,    dennoch    hier    die   Con- 


368  Scheiikl. 

jectur  von  Heinsius  extremo  se  ßexerat  axe  Bootes  in  den  Text 
aufg-enomraen  hat.  Und  doch  ist  die  Leseart  in  V  vollkommen 
richtig,  wie  aus  v.  499  erhellt.  Dort  sagt  Jason  zur  Medea: 
perque  haec,  virgo,  tuo  redeuntia  sidera  mdn,  welche  Worte  für 
sich  unverständlich  sind  und  offenbar  durch  eine  Stelle  im 
Vorhergehenden  ihr  Licht  erhalten  müssen.  Diese  Stelle  ist 
eben  unser  Vers,  der  sich  ganz  gut  erklären  lässt:  denn  schon 
neigten  sich  die  Sterne  zum  Untergange  und  Medea  hatte  den 
schon  hinabsinkenden  Bootes,  durch  ihre  Zaubersprüche  in 
seiner  Bahn  festgehalten,  so  dass  also  die  Nacht  nicht  so  schnell 
entweichen  konnte.  •^') 


^^)  Einige  Kleinigkeiten  mögen  hier  summarisch  abgethan  werden.  I,  150 
ist  nicht  etwa  mit  Burmann,  so  nahe  es  auch  zu  liegen  scheint,  matres- 
quü  für  natosque  zu  schreiben,  vgl.  IV,  89  et  dulces  cedunt  e  pectore 
nati.  —  II,  357  wird  man  nimhoso  astro  mit  volvens  verbinden  müssen; 
denn  sonst  bliebe  nichts  übrig  als  mit  Slotliouwer  (a.  a.  O.  S.  174)  nim- 
bosum  aslrum  zu  schreiben.  —  Die  richtige  Erklärung  von  II,  377  hat 
schon  vor  Hirschwälder  (S.  30  f.)  Wunderlich  in  seiner  Uebersetzung 
(Jahn's  Archiv  XVI,  214  ff.)  gegeben:  ,und  was  er  auch  selbst  den  (besser: 
bei  den)  Zaudernden  solle'?  —  II,  413  ist  refugit  nicht  mit  Ph.  Wagner  (Phil. 
XX,  621)  zu  beanstanden;  Thoas  flüchtet  rückwärts  in  den  tiefen  Wald 
hinein.  —  III,  (313  ist  ausua  nicht  etwa  ein  pluraler  Accusativ,  wie  Thilo 
(XIV)  meint,  denn  da  würde  man  mit  Peerlkamp  zu  Verg.  Aen.  X,  831 
sagen  müssen  ,au.ms  11011  iideUirjo,''  sondern  das  Participium;  in  der  Ver- 
gilischen  Stelle  (Aen.  X,  831),  welche  Valerius  nachgeahmt  hat,  steht  in- 
ciepat  uUro  cunctantis  socios.  —  IV,  275  kann  deducere  cacsttis,  woi'an 
Thilo  und  Ph.  Wagner  (Neue  Jahrb.  89,  403)  Anstoss  nehmen,  doch  ein 
eigenthümlicher  Gebrauch  sein,  wie  z.  B.  ducere  remum,  das  auch  nm" 
einmal  ])ei  Ovid.  Met.  I,  294  vorkommt.  —  V,  246  ist  haec  tibi  ganz 
richtig.  Man  braucht  hier  nur  das  in  solchen  Formeln  häufig  ausgelassene 
dico  zu  ergänzen;  Acetes  erzählt  seinen  Traum  dem  Helios  gerade  so  wie 
Klytämnestra  ihren  in  der  Electra  des  Sophokles  (424),  vgl.  Arg.  V,  331.  — 
VI,  336  ist  die  ursprüngliche  Leseart  tarn  saevo  gegenüber  der  Conjectur  in 
der  Aldina  iani  saevo  beizubehalten,  da  nur  so  die  entsprechende  Anaphora 
mit  dem  folgenden  tanta  hergestellt  wird.  —  Für  spargitque  famem  VI 
614,  das  Meynke  (Quaest.  Val.  48)  verdächtigt  hat,  vergleiche  man  656 
spargitur. 


Studien  zu  den  Argouautica  des  Valerius  Flaccus.  3GU 

Anhang. 

In  diesem  Anhan^-e  will  ich  die  Nachahmungen  einzelner 
Verg'ilischer  Stellen  bei  Valerius  zusammenstellen  und  dadurch 
einen  Beitrag  zur  Kenntniss  des  Stiles  des  Valerius  und  zur  rich- 
tigen Würdigung  des  Dichters  liefern.  Ich  habe  hiefür  die 
Appendix  zur  Ausgabe  des  Verg-il  von  Otto  liibbeck,  in  wel- 
cher dessen  Bruder  Woldemar  Ribbeck  die  Quellen  und  Vor- 
bilder des  Verg-il,  sowie  seine  Nachahmung-en  bei  späteren  Dich- 
tern verzeichnet  hat,  eine  Reihe  von  Commentaren  zu  Vergil  ■'"') 
und  Valerius  und  dann  eigene  Sammlungen  benützt.  Einiges, 
was  mir  noch  unbekannt  war,  bot  das  Programm  von  J.  GreifF 
,de  Ct.  Valeri  Flacci  Argonauticis  cum  Vergili  Maronis  Aeneide 
comparatis'  (Trient  1(S69).  Dasselbe  behandelt  in  seinem  ersten 
Theile  die  Aehnlichkeiten  in  der  Composition,  worauf  ich  hier 
nicht  eingehe,  in  ganz  verdienstlicher  Weise;  der  zweite  Theil, 
welcher  sich  mit  den  einzelnen  Stellen  beschäftigt,  die  im  sprach- 
lichen Ausdrucke  mit  einander  übereinstimmen,  ist  nicht  immer 
genau  gearbeitet  und  enthält  manches  Unsichere  und  Unbe- 
deutende, während  Sicheres  und  Wichtiges  übergangen  ist. 
Daher  wird  eine  neue  Behandlung  der  Sache  nicht  über- 
flüssig sein. 

Valerius  ist  kein  reiches,    schöpferisches  Talent  gewesen. 

Es  fehlt  zwar  in  seinem  Gedichte  nicht  an  Stellen,  welche  für 

seine    dichterische  Begabung  Zeugniss  geben;    im  Grossen  und 

Ganzen  aber  verdankt  er,  was  er  geleistet  hat,  seinen  Studien, 

seiner  unablässigen  Leetüre  der  bedeutendsten  Dichter  seit  der 

Augusteischen  Zeit  und  dem  beharrlichen  Fleisse,  mit  dem  er 

sich  in  der  NachbiMung  derselben  versuchte.  Wenn  man  durch 

eine    längere    Beschäftigung   mit    ihm    einen  Einblick    in    seine 

geistige  Werkstätte    erhalten    hat,    so  sieht   man  deutlich,    \vie 

j  langsam  er  arbeitete,  wie  sorgfältig  er  die  einzelnen  Ausdrücke 

I  abwog  und  sich  bei  der  Wahl  derselben  immer  durch  Vorbilder 

I  leiten  Hess,  welche  er  durch  eine  fleissige  Leetüre  und  ein  gutes 

Gedächtniss    unterstützt    geschickt    zu    linden   und   zu    wählen 


I     *^)  Namentlich   den   von   Hofmanu  -  Pccrlkaaip ,  aus  welchem  auch  Woldemar 
Ribbeck  das  Meiste,  was  er  in  seiner  Sammlung  gibt,  geschöpft  hat. 


370  Scheukl. 

wusste.  Vor  Allem  war  es  Yergil,  dem  er  ein  eingehendes 
Studium  gewidmet  hatte.  Vergil  galt  damals  unbestritten  für 
den  grössten  Dichter,  für  das  Muster  aller  Kunst;  in  Compo- 
sition,  Sprache,  Metrik  galt  er  als  Kanon.  Daher  erklärt  es 
sich,  wie  man  ihn  damals  so  sorgsam  nachbildete;  Peerlkamp 
zu  Verg.  Aen.  I,  81  sagt  ganz  richtig,  und  zwar  gerade  mit 
Beziehung  auf  Valerius:  ,Nam  incredibill  studio  Virgiliana  se- 
quebantur  isti  poetae/  Man  sah  in  einer  solchen  Benützung 
nicht  etwa  ein  Plagiat,  nicht  einmal  ein  Gestcändniss  der  eigenen 
Schwäche  oder  Unselbständigkeit,  sondern  es  galt  geradezu 
für  eine  Schönheit,  wenn  man  durch  diese  Anklänge  bei  der 
Leetüre  au  Vergil  erinnert  wurde.  Auch  konnte  hiebei  der 
Dichter  seine  Kunst  darin  offenbaren,  dass  er  die  benützte 
Stelle  dm'ch  mannigfache  Veränderungen  selbständig  gestaltete 
und  verschönerte.  Wie  sehr  man  sich  gerade  an  solchen  Nach- 
bildungen und  der  Vergleichung  derselben  mit  dem  Originale 
ergötzte,  kann  man  aus  Gellius  und  Macrobius  ersehen.  Was 
Vergil  sich  selbst  in  der  Benützung  des  Homer  gestattet  hatte, 
im  vollen  Bewusstsein  dadurch  die  Schönheit  seines  Gedichtes 
zu  erhöhen,  das  thateu  die  späteren  Dichter  mit  seinen  Werken. 
Man  wird  daher  über  die  grosse  Anzahl  von  Stellen  in  den 
Argonautica,  welche  Nachbildungen  Vergilischer  sind,  nicht  er- 
staunen dürfen.  Es  gibt  aber  gewiss  kein  besseres  Mittel,  um 
den  Dichter  und  die  Art  und  Weise,  wie  er  arbeitete,  kennen 
zu  lernen,  als  ein  möglichst  genaues  Verzeichniss  dieser  Nach- 
ahmungen. Ich  glaubte  daher  ein  solches  am  Ende  dieser 
Studien  beifügen  zu  sollen,  um  so  mehr  als  ich^  wie  schon  be- 
merkt, durch  eigene  Sammlungen  in  den  Stand  gesetzt  bin,  das 
vorhandene  Material  erheblich  zu  erweitern.  Natürlich  mag 
auch  mir  manches  entgangen  sein;  wer  wollte  da  eine  absolute 
Vollständigkeit  verheissen  und  verbürgen?  Möge  ein  Anderer 
diese  Sammlungen  ergänzen  und  uns  überhaupt  eine  erschöpfende 
Darstellung  des  Stiles  des  Valerius  liefern!'''') 


^9)  Ausser  Vergil  hat  Valerius  besonders  Ovid,  auch  Lueau  und  die  Tragödien 
des  Seneca  nachgebildet.  Ich  beschränke  mich  liier  bloss  auf  einige  Bei- 
spiele, indem  ich  die  weitere  Durchfülirung  Anderen  überlasse.  Aus  Ovid 
hat  der  Dichter  ganze  Verstheile  entnommen,  ■/,.  H.  II,  157  (/acte  ferino) 
=  Trist,  m,  11,  3;  IV,  48  (icta  futiscit  aquis)  =  Trist.  I,  10,  8;  IV, 
.517   f.  (imaqiie  stimmis  miscuit)  =  Met.   VII,  278;  V,   125  (vera  propagoj 


Studien  zu  den  Argonautica  des  Valerius  Fliiccus.  371 

Ich  gebe  nun  das  Yorzeicliniss  dieser  Nacluilimungen  in 
der  Weise,  dass  ich  ohne  jede  weitere  Bemerkung  die  Stelle 
aus  Valerius  bezeichne  und  ihr  die  Vergilische  gegenüberstelle. 

Die  Verse  aus  der  Aeneis  sind  einfach  ohne  nähere  An- 
deutung angeführt,  die  aus  den  Georgica  und  EcJogae  durch 
ein  beigesetztes  G  oder  E  kenntlich  gemacht. 

L  34  :  XI,  680 

l   :  I,   1  51   :  V,  397 

3  :  IV,  3G1,  V,  629                    55  :  IX,  311 

4  :  X,  372  56  :  VI,  546 

5  :  VII,  41  62  :  II,  211 
10  :  VI,  365  70  :  G.  I,  8 
13  :  VI,  366  74  :  III,  544 
15  :  I,  416   (IV,  199,    VIII,        77  :  VI,  304 

716)  82  :  III,   194,  V,   10 

18  :  I,   115  u.  ö.  84  :  VI,  463 


=  Met.  II,  38;  VI,  -JOO  {m!x(a  perif  cirtun)  —  Fast.  II,  ^L'?;  VIII,  174 
{fata  ftrchant)  =  Met.  III,  170;  dann  viele  Phrasen  uud  neu  gebraucht« 
Wörter,  z.  B.  I,  390  (fuscat  dievi)  —  Trist.  I,  11,  15;  III,  107  {singul- 
tibus  nxpiilU  haatum)  =  Met.  XIII,  394;  VI,  307  {clippÄ  scplemplicLt)  ^^ 
Met.  XIII,  2  ;  VII,  031  {lela  volanl)  =  Met.  V,  löis  ;  VIII,  47  {nee  iam 
nunc  rerjiiia  loquor)  =  Fast.  II,  790  ;  das  von  Ovid  zuerst  angewendete 
instimnlo  (Fast.  VI,  508,  Met.  XIV,  495  verglichen  mit  Arg.  II,  134,  III, 
045,  IV,  285);  auch  grössere  Stellen,  z.  13.  I,  07,  wobei  Valerius  sichtlich 
Am.  III,  6,  13  ff.  und  Trist.  III,  8,  1  ff.  zum  Vorbilde  hatte.  Was  Lu- 
canus anbetrifft,  so  vergleiche  man  II,  521  {totaque  pliaretvae  nuhe)  — 
Luc.  II,  202;  III,  391  {muduerunt  sanguine  dextrae)  mit  Luc.  I,  95;  VI,  31 
{tiinc  <jens  quaeque  suis  comviisit  proelia  telis)  mit  Luc.  VII,  511;  VI,  751 
(solisque  iuvant  clmnoribus  agmen)  =  Luc.  I,  293;  VII,  335  {nwrit.uraqne 
coUigii  iras)  =  Luc.  I,  207,  II,  93.  Den  Beweis,  dass  Valerius  ein  eifriger 
Leser  der  Tragödien  des  Seneca  war,  wird  die  Uebereinstimmung  in  folgenden 
Stellen  zeigen,  welche  Beispiele  sich  übrigens  leicht  vermehren  Hessen:  I,  70 
(tu  sola  aniinos  vientenque  jjeruris,  GloiiaJ  =  Herc.  Oet.  023;  I,  205  {jjvofnlif 
ut  crinevi  .  .  .  ignis)  =  Oed.  315;  I,  585  {laiumque  profunduin)  =  Herc. 
tiu'.  1110;  IV,  51  (effusisque  genas  lucrimis  rigat)  =  Tro.  419;  bei  dem 
Vergleiche  VI,  103  ff.  ist  sichtlich  Oed.  013  ff.  benützt.  Daneben  kommen 
noch  einzelne  Nachahmungen  aus  anderen  Dichtern  vor,  z.  B.  aus  Iloraz 
Od.  I,  6,  14  Solyvio  nigrantem  ijulvere  fratrem  (I,  13),  aus  Properz  II,  10,  8 
stolidum  jiecus  (VI  ,  537)  ,  vielleicht  auch  IV ,  09  fatigat  Jovem  aus 
Prop.  II,  20,  3.  Bei  dieser  Gelegenheit  möge  noch  eine  verderbte  Stelle 
kurz    besprochen    werden,  nämlich  VI,  344,  wo  propius,    wie  auch  Thilo 


372  Schenkl. 

94  :  m,  6,  I,  424  287  :  III,  711 

100  :  VIII,  151  318  :  IV,  667 

101  :  VII,  162  323  ff.  :  VIII,  574  ff. 
105  :  IV,  358  336  f.  :  VIII,  560  f. 

108  :  X,  140  337  :  G.  II,  457,  A.  X,  196 

126  :  V,  829  350  :  I,  223 

142  :  I,  150  423  :  III,  280 

143  (II,  409)  :  VIT,  248,  IX,  427  ff.  :  IV,  262  ff. 

40  433  :  V,  376 

147  :  X,  835  448  :  E.  II,  8 

148  :  I,  739  481  :  IV,  79 

149  :  I,  494  f.  486  :  V,  37,  II,  470 
151  :  XI,  372  488  :  IV,  580 

156  :  V,  255,  XII,  247,  505  :  I,  234 

vg-1.  I,  102  508  (IV,  42)  :  IV,  553 

186  :  III,  128,  V,  140  509  :  I,  (U 

191  :  X,  319  528  (V,  526)  :  XII,  894 

193  :  V,  77  534  :  I,  382 

196  :  III,  602  539  :  VII,  644 

208  ff.  :  VI,  47  ff.  542  :  II,  324 

217  :  I,  204  559  f.  :  I,  17  f. 

218  :  VIII,  34  568  ff.  :  II,  693  ff\ 

237  :  I,  207  580  f.  :  IV,  445  f.,  G.  II,  291  f. 

249  :  I,  203  583  :  VIII,  425 

252  :  I,  214  586  f.  :  I,  133  f. 

254  :  I,  701  596  :  I,  83 

260  :  E.  V,  67  601  :  I,  66 

262   (V,  376)  :  X,  446  609  ff.  :  I,  81  ff. 

266  (VI,  327)  :  III,  473  613  :  VII,  31   * 

269  f.  :  VIII,  515  f.  618  :  IX,  476 

271  :  II,  355,  IV,  310  625  :  III,  687 


zugibt,  keinen  Sinn  bat.  Dass  dafür  piignis  zu  schreiben  ist,  Hesse  sich 
aus  Pro^J.  III,  14,  18  (Idc  victor  pugnis,  ille  futurus  equisj  schliessen, 
welche  Stelle  Valerius  bei  diesem  Verse  vor  Augen  gehabt  haben  kann. 
Interessant  ist,  was  Barth  zu  Stat.  Tlieb.  I,  415  bemerkt,  dass  unser 
Dichter  für  seine  Schilderung  des  Meleager  (nicht  des  Tydeus ,  wie  j 
Barth  ii-rthiimlich  meint)  III,  645  ff.  und  IV,  32  f.  einige  Züge  aus  des  ' 
Acschylüs  Sieben  gegen  Theben  552  ff.  entlehnt  hat,  wo  erzählt  wird,  wie 
Aniphiaros  gegen  Tydeus  auftrat. 


Studien  zu  den  Argonautica  des  Valerius  Flaccus, 


37a 


(.34  :  VIII,  221 
637  :  I,  111 
641  :  II,  680 
659  :  III,  545 

662  ff.  :  VI,  585  ff. 

663  :  VII,  509,  G.  II,  25 

664  :  G.  I,  332 

667  :  III,  528,  V,  235,  I,  53 

683  :  III,  215 

687  :  VI,  1 

694  :  X,  843 

696  :  VII,  577 

700  f.  :  IX,  420  f. 

715  :  IX,  390  f. 

723  f.  :  I,  401 

725  (VIII,  331)  :  VI,  122 

729  :  II,  528 

733  :  I,  209 

762  :  II,  673 

763  :  IX,  277 
765  :  XII,  883 
770  :  VIII,  629 
779  :  VI,  39 

788  :  VI,  264 

789  :  XI,  338  f. 

817  :  III,  252,  VI,  605 
821  (III,  326  f.)  :  II,  533 
823  :  VI,  427 
836  ff.  :  VI,  660  ff. 
844  f.  :  VI,  638  ff. 
850  :  VI,  305. 

II. 

8  :  III,  72 

13  :  m,  532,  III,  207,  560, 

V,  189 
25  :  I,  44 

30  f.  :  III,  575  ff. 

43  :  II,  737,  IX,  385,  XI,  530 


48  :  II,  777  * 

83  :  I,  563 

93  :  XII,  386 
101  :  II,  229,  585 
103  :  X,  138 
105  :  IV,  643  f. 
107  :  V,  49 

115  :  VIII,  529,  X,  633 
117  :  IV,  190 
122  :  IV,  187,  IX,  008 
137  ff.  :  VIII,  411  ff. 
147  :  II,  662 
165  :  XII,  494 
109  :  IV,  049 
171  :  XII,  457  f. 
174  :  VII,  397 
178  f.  :  IV,  070  f. 
184  :  IX,  186  f. 
188  f.  :  II,  24«  f. 
190  :  I,  700 

193  ff.  :  VI,  018,  vyl.  005  ff. 
195  :  VIII,  487 
203  :  VII,  518 
205  :  XII,  335  f. 

209  :  II,  199 

210  (VIII,  312)  :  VI,  500 
223  :  IX,  345 

227  f.  :  IV,  409 

228  :  V,  042,  VIII,  001,  XU, 

431 
230  :  IX,  340 
242  f.  :  IX,  252  f.,  290,  II, 

535,  XII,  351 
245  f.  :  IX,  440  ff. 
253  :  XU,  777  f. 
258  :  II,  227 
201  :  VII,  20 
203  :  X,  791 
288  :  11,  255 


374 


S  ch  e  ukl. 


327 

345 
34G 
350 
372 
375 
385 
389 
398 
414 
435 
442 
448 
456 
473 
478 
479 
484 
490 
519 

534 
537 
543 


548 
549 
553 
555 
567 
571 
573 
580 
587 
594 
602 
610 
611 


f.  :  VII,  251  f. 
:  III,  324 
:  I,  697  f. 
ff.  :  I,  748  ff. 
:  IV,  562 
:  XI,  269,  II,  780 
:  IV,  203 
:  E.  IX,  53 
f.  :  IV,  550  f. 
:  V,  252 
:  III,  285 
:  III,  289 
ff.  :  I,  174  ff. 
:  II,  745 
:  E.  I,  74 
:  VI,  179 
:  III,  658 
:  II,  129 
:  VI,  365  f. 

(III,  99,  V,  175,  VI,  235, 
VIII,  33)  :  X,  .541 
:  VIII,  220,  XI,  553  f. 
:  IV,  168 

(VI,  551)  :  VI,  5,  (IX, 
736,  XI,  496,  XII, 
327),  II  175 
:  IX,  388,  X,  723 
:  G.  III,  227 
:  III,  291 
:  XI,  716 
:  IV,  563 

:  VII,  120,  VIII,  375  u.  ö. 
f.  :  I,  26  ff. 
:  Vn,  8 
:  VI,  776 
f.  :  VII,  293  f. 

IV,  425 

XII,  952 

VI,  244 


612 

613 
618 
619 
628 
639 
650 
652 
653 
664 


3 

8 
33 

38 
45 
47 

66 

77 
81 

86 

87 

90 

91 

107 

113 

124 

125 
136 
142 
157 

168 
169 
176 

178 


(III,  523)  :  XII,  142,  IX, 

405 
:  VI,  96  f. 
ff.  :  m,  414  ff. 
:  XI,  425 
f.  :  III,  192  f. 
:  VIII,  124 
f.  :  I,  631  f. 
f.  :  VI,  603  ff 
:  X,  345 
f.  :  VI,  535 

III. 

:  IV,  130 

ff.  :  III,  482  ff. 

:  II,  9 

:  VI,  302 

:  II,  290 

:  IV,  378 

:  IV,  470 

:  XII,  270,  VI,  594 

:  VII,  390,  IX,  596, 

XII,  95 
:  II,  498 
:  II,  341 
:  G.  III,  91 
ff.  :  XII,  451  ff. 
:  IX,  349 

:  II,  298,  XII,  620 
(VIII,  262,  276,  278)  :  VI, 


:  II,  41 

:  X,  340 

:  IX,  373 

:  X,  513 

:  XII,  300 

f.  :  X,  829  f. 

:  IX,  50,  XII,  89 

f.  :  XI,  818  f. 


Studien 

zu  Jeu  Ai 

i^'ouautica  des  V 

ilerius  Flancus.                                 o  i  T 

193  ff.  :  IX,  744  tf. 

490 

III,  473 

199  :  III,  467 

-  499 

F.  :  VII,  222  f. 

208  :  VIII,  421 

514 

:  I,  46 

210  :  VII,  788 

520 

VII,  312 

213  :  V,  105 

535 

:  I,  73 

230  ff.  :  XI,  732  ff. 

553 

VII,  568- 

231  f.  :  IX,  617  ff. 

574 

:  IX,  211 

232  :  IV,  301 

576 

f.   :   IX,   812  ff. 

243  f.  :  XI,  610 

587 

ff  :  XII,  4  ff 

252  :  VII,  331 

589 

:  IX,  62  f. 

257  :  IV,  584 

596 

:  E.  VI,  44 

259  :  IX,  375 

599 

:  XI,  157 

270  :  V,  742,  VI,  466,  E. 

II,     609 

:  V,  487                          'v 

60 

613 

:  X,  830  f. 

280  :  IX,  452  f. 

619 

:  II,  339 

281  :  II,  438 

622 

:  X,  510 

287  :  X,  731 

623 

:  V,  58 

290  ff  :  XI,  42  ff 

637 

:  XII,  527,   IV,  532 

294  :  XII,  643 

657 

:  IV,  433 

299  f.  :  XI,  164  f. 

664 

:  ni,  629 

301  ff  :  III,  712  f. 

688 

:  II,  291  (IX,  135) 

304  f.  :  II,  69  f,  I, 

540 

707 

ff  :  XII,  206  ff  (vgl  V 

317  :  IV,  327  f. 

359) 

334  :  IV,   135 

711 

:  XII,  188 

341  :  III,  70, 

716 

:  X,  .S44. 

344  :  VII,  246 

- 

IV. 

346  :  VII,  657 

347  ff.  :  XI,   188  ff 

1 

:  IX,  209,  IV,  372 

351  :  V,  4 

2 

:   V,  296 

365  :  IV,  2 

12 

:  X,   18 

370  :  I,  209 

25 

ff  :  II,  776  ff 

386  (IV,  231)  :  II, 

661 

29 

:  I,   79 

431  :  IX,  627,  VI, 

39 

49 

:  V,  657  (IX,  14) 

455  :  VI,  822 

83 

:  III,  686 

457  :  V,  92 

92 

:   VI,    141 

459  :  III,  289 

144 

:  II,   123  (III,   100) 

485  :  VIII,  221 

163 

:  IX,  277 

486  :  II,  723  f. 

177 

ff.  :  VIII,    193  ff 

488  :  VII,  511 

185 

:   II,  558 

57f) 

Sch 

enkl. 

189  :  XI,  121 

507  (VI,  632)  :  VII,  459 

193  :  XII,  282 

511  :  IX,  432 

199  :  XI,  779 

547  :  VIII,  60 

206  :  IX,  741' 

556  :  IX,  728 

217  :  XII,  892  f. 

593  :  I,  210 

235  :  XII,  670 

608  :  IV,  609  (vgl.  XI,  662  f.) 

243  :  XI,  857 

612  :  VIII,  419 

244  :  V,  376,  422 

615  :  V,  844 

246  :  XI,  231 

624  f.  :  III,  718 

261  :  G.  I,  60 

627  :  XII,  699 

273  :  V,  446 

629  f.  :  XI,  508  f. 

274  :  XII,  902 

649  :  XI,  731 

276  :  VIII,  222,  V, 

431  ff., 

652  :  VII,  498 

IX,  812  S. 

654  :  X,  736 

278  :  XII,  903 

674  :U,   701 

288  :  Vn,  629 

686  ff.  :  VII,  462  ff. 

289  :  X,  810 

735  f.  VIII,  119  f. 

294  :  X,  809 

736  :  VII,  229 

295  :  XI,  812 

746  :  VII,  434 

303  :  VIII,  299 

761  :  XII,  118 

304  :  I,  105 

305  :  VI,  128 

V. 

324  IX,  396 

10  :  VI,  177 

327  VIII,  301 

12  (VI,  628)  :  X,  467 

334  V,  539 

26  :  IX,  212 

386  :  E.X,  51;  vgl. 

den  un- 

28  :  V,  207 

echteD  Ein 

gang  der 

41  :  VI,  429,  XI,  28 

Aeneis. 

60  :  III,  207 

387  (VI,  581)  :  V, 

166,  XI, 

75  :  IV,  12 

855 

76  :  VIII,  645 

389  :  III,  515 

82  :  IV,  298 

393  :  VII,  514,  vgl. 

IV,  667 

91  :  V,  44 

398  :  II,  274 

108  :  III,  700 

431  :  III,  214 

127  :  VI,  620 

439  :  VI,  690 

196  :  V,  628 

453  ff.  :  III,  227  ff. 

198  :  m,  304 

455  :  IX,  667 

254  :  V,  56 

458  :  VI,  882 

259  ff.  :  V,  522  ff. 

467  :  I,  617 

271  :  n,  619 

Studien  zu  den  Argonautica  des  Valerius  Flaccus. 


?ul 


273  :  V,  75;  2>^'^J 
275  :  XI,  2 
288  :  II,  750 
326  :  VII,  274 
329  :  III,  307 
353  :  II,  212  f. 
365  :  I,  590  f. 

367  :  IV,  150 

368  f.  (VI,  607  f.)  :  X, 
272  f. 

417  :  III,  105 

445  :  IV,  473 

447  :  II,  31 

456  :  XI,  36 

458  :  VII,  653 

465  ff.  :  I,  580,  588  ff. 

475  :  V,  627  f.   ■ 

479  :  II,  155 

499  :  VII,  536 

508  :  VI,  66  f. 

519  :  IV,  437,  vg].   3(;2  ff. 

533  :  VI,  80 

535  :  XI,  304 

564  :  VII,  804  (XI,  433) 

578  :  VI,  808 

588  :  G.  IV,  417 

600  :  XI,  380  f. 

601  :  VIII,  94 
605  :  VII,  642 
649  (VI,  725)  :  II,  407 
663  :  VII,  237 

669  :  I,  524 

VI. 

12  :  III,  83 

34  :  VII,  41 

36  f.  :  VI,  (;25  f. 

58  :  XII,  164 

66  :  II,  87 


83  :  Vli,  741 

86  :  IV,  13 

97  :  X,  485 
118  :  VI,  287 
174  :  XII,  88 
178  :  VI,  278  f. 
229  :  XI,  650 
231  (IV,  266)  :  IX,  57 
261  :  G.  II,  123, 
269  :  IX,  208 
274  :  II,  457 
288  :  XI,  158 
329  :  XI,  299 
331  :  G.  III,  343 
336  f.  :  IX,  603  f. 
345  :  X,  261  f. 
353  ff.  :  X,  356  ff.   . 
360  :  III,  626 
371  :  X,  410 

378  :  VIII,  220 

379  :  XI,  698 
420  :  XII,  753 

434  f.  :  VIII,  19S  f. 

460  :  IX,  132 

469  f.  :  I,  385  f. 

471  f.  :  IV,  322  f. 

497  (VII,  181)  :  X,  194 

509  :  XI,  645 

527  f.  :  VIII,  589  1' 

554  :  X,  751 

561  :  XI,  104 

564  :  X,  205 

576  :  X,  146 

583  :  G.  II,  142 

603  :  XII,  424 

022  :   X,  275,  G.  III,  279 

626  ff.  :  X,  467  ff. 

(532,  ff.  :  XII,  684  ff. 

651  :  XI,  372 


378 


Sehen  kl. 


603  f.  :  JX,  698  ff. 
657  ff.  :  I,  717  ff. 
673  :  VII,  356 
680':  VII,  541 
684  f.  :  XII,  283  f. 


695 
716 
726 
737 

745 
756 


3 


XII,  99,  vgl.  IV,  215 
V,  374  (XII,  276) 
IX,  480  (G.  IV,  515) 
XII,  866 

I,  412 

II,  61 

VII. 


VI,  539,  VIII  369 
:  XI,  423 

24  :  XI,  69 

32  :  V,  649 

34  :  11,  651 

49  :  X,  79 

63  :  G.  II,  356 
122  :  I,  713,  VIII,  618 
124  :  VII,  490 
142  ff.  :  IV,  465  ff. 

148  ff  :  IV,  471  ff 

149  :  IX,  55 
155  :  II,  422 
172  f.  :  IV,  22  f. 
177  :  IV,  55 
254  f.  :  I,  687  f. 
256  :  IV,  283 

258  :  XI,  41 

259  :  VI,  128 
273  :  II,  136 
289  :  I,  614 

312  :  III,  217,  VI,  360 

314  :  II,  85 

327  :  E.  VIII,  95 

366  :  III,  637 

405  :  III,  680 


408  :  X,  162 
411  :  XII,  65 
428  :  II,  660 

478  f.  :  E.  IV,  51 

514  :  XI,  480 

555  :  G.  I,  162 

581  ff.  :  XI,  624  ff. 

620  :  XI,  487 

630  :  V,  379 

650  :  XII,  2. 

VIII. 

9  :  IV,  659 

16  :  IV,  35 

21  :  IV,  282 

35  :  X,  63 

55  :  VI,  476 

69  :  IV,  487  ff. 

84  :  V,  854  f. 

90  f.  :  IX,  30  ff. 

113  f.  E.  I,  58 

114  :  XII,  209 

116  :  IX,  5 

117  :  E.  X,  1 
136  :  III,  595 

139  (I,  687,  V,  586)  :  V,  662 

167  f.  :  V,  769 

174  :  II,  34 

178  :  IX,  525 

217  :  III,  210 

254  :  I,  212,  G.  I,  296 

255  :  VIII,  176  f. 
263  :  I,  324 

287  :  IV,  399,  vgl.  G.  IV, 

174 
316  :  IV,  564 

409  ff.  :  IV,  296  ff. 

444  :  IV,  390,  X  554 

445  :  II,  407 


Studii'ii  zu  lU'ii  Artjdii;^!!!^!  iles  Vali-rius  Flaccus.  3  (  9 

Dass  (liosi!  Vcrglciclnuii;-  dd-  Arg(tn;iutiea  Diit   thsn  Vergi- 
liselifm  Godichton  ;vuch  für  die    Tnxtoskritik    des    Valovius  von 
oTossciii   Worllu!  und    zuweilen  o-eeip'uet  ist    manche  schwieria'e 
Frao-en    einer    Lr>sung    zuzufülnxjn,    erhellt    aus    vielen    Stcdlen, 
welche   wir  im   Verlaufe  dieses  Aufsätze;«  behandelt  haben,  wie 
II,   103,   17S,  :}7r),  III,  125,  V,  27)5,  4(;r),  ()3i),    VH,    030,    VIII, 
254.     Wir  fügen  hier  noch  (iinige  bei,  die  sich  in  der  früheren 
Darstellung  nicht  gut  verwerthen  Hessen.    II,  253  hat  man  statt 
des  in  V  überlieferten  mherere.  viele  Conjecturen  voi"g(;schlagen, 
aber  das  Vorbild  unseres  Dichters,  Aen.  XII,  777  f.  ,Famie  precor, 
mifterere/  inquif   ,fiiqi(e  optima  ferv^im  ferra  fane'  zeigt,  uie  Li'ih- 
bach  (ß.  n)  richtig  erkannt  hat,  dass  nichts  zu  ändern   ist.    IV, 
273  wird  das  bestrittene  ejfndit  nvhihus  irm^  durch  Aen.  V,  446 
mre.s  in  vanfum    effndit  gerechtfertigt,    während    umgekehrt    die 
Musterstelle  Aen,  X,   810   sustinef    et  Lansiim    increpitaf  Lanso- 
qua  miuatur  für  das  von  Pius  empfohlene  dextraque    statt    dex- 
Itramqve  IV,  281)  zu  sprechen  scheint.     VIII,    55    will    Meynke 
(Rhein.  ]\tus.  XXII,  374)  miseratur  in  mirafnr  umändern,  welche 
Wörter    allerdings    nicht   selten    verwechselt    werden,    z.  B.  V, 
278.     Man  vergleiche  nun  aber  Aen.  VI,   476  iniserafvr  e,vnte.m 
und  man    wird    sich    für    die    Beibehaltung    der    ursprünglichen 
Leseai't  entscheiden.     Warum  soll  auch  miserafnr  hier  nicht  am 
Platze    sein?     Verdient    etwa    Medea,    die    Heimat,    Vaterhaus, 
allen    Glanz    der    Herrschaft    hingibt,    nicht    ein     inniges    Be- 
dauern?    Dass   inirnfnr  auch  einen    guten    Sinn    gibt,    will    ich 
nicht  leugnen ;  es  wird    aber    dadurch  diese;    Conjectur    ebenso- 
wenig gerechtfertigt  als  I,   281   die  Emendation  Bentleys  miran- 
tibus  statt  iniseranfibvs.  '•") 


*")  Scholl  aus  dem  oben  ii;t!g'el)t'iieii  Verzcicliuissf  g'clit  liervor,  dass  Valerius 
häufig  dieselbou  Ausdrikdie,  Verstheik'  u.  dgd.  gebniucdit  liat.  Nun  ist  es 
wol  natiirlifdi,  dass  ein  Dichter,  der  sich  einen  bestiniuiteii  Stil  gebiklet 
liat,  un\villl\ülirli(di  «H'ters  dicsel))eu  Phrasen,  Cadenzen  u.  s.  av.  gebrauciit. 
Bei  Valerius  aber  sind  solche  Wiedcilinluiigcn  so  zahlreich,  dass  ein  tie- 
ferer Orniid  vorliegen  muss.  Beknuntlich  hat  Vergil  durch  eben  dieses 
Mittel  seiner  Darstellung  ein  ei>isches  Gei)räge  zu  geben  gesucht  und  unser 
Dichter  wird  es  daher  in  Nachahmung  des  Vergil  zum  gleichen  Zwecke 
gebraucht  haben.  Ich  füge  hier  noch  eine  Anzahl  solcher  Wiederholungen 
in  den  Argonantica  bei  und  zwar  Ixm  gleichen  od(!r  ;ihiilicheii  Versaus- 
gängen in  Inmina  pidla  I,  1.32,  VIII,  204,  {roflaj  liiprunt  I,  1!)2,  IV,  337, 
solvfrnt  mnhvas  III,  1,  V.  HOO,  virhitifi  hnnofofi  I  177,  ^öl,  vex/f  xarfrdos 
Sitzb.  d.  phil-hist.  Cl.  LXVUl.  IJd.   UI.   litt.  25 


380 


Schenkt. 


I,  840,  ni,  432  .ipitmanfia  pocula  Baccho  I,  260,  816,  defixun  7iferqye  VII, 
511,  VITT,  369,  (ereptaj  noverrae  I,  287,  IIT,  580,  V,  43,  188,  bei  gleichen 
oder  ähnlichen  Verseingängen  giia-t  dafitr  II,  121,  VII,  270,  mibe  vieri  III, 
66,  573  (vgl.  Vm,  81),  advolaf.  HI,  72,  IV,  300,  VI,  655,  VII,  618,  bei 
gleichen  oder  ähnlichen  Phrasen  u.  dgl.  hand  laeta  viris  V,  1,  I,  30,  17?/«- 
teret  .  .  .  imhrem  I,  82,  11,  22,  caede  madenx  I,  225,  V,  454,  VI,  415,  vgl. 
n,  274,  omnis  in  ununi  if  manus  VI,  371,  380,  684,  loquenti^  iret  in  01a 
deae  VII,  294,  Vm,  151,  fregMxef  .  .  .  iras!  II,  315,  VI,  284,  hhmdos  .  .  . 
icines  II,  354,  IV,  353,  V,  110,  aegro  corde  V,  131,  264,  gemilu.i  .  .  .  /?•«- 
/lenfem  IV,   135,  VIII,  400  u.  ö. 


Verze 

chniss  der  behandelten  Ställen  : 

I. 

563  ff.  . 

.  Seite  351 

337  .  .  .  Seite  359 

13  .  . 

.  Seite  345 

637  .  . 

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357  .  . 

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386  ff. 

.   359 

63  .  . 

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Seite  305 

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.  Seite  331 

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.   .  287 

546  ff.  .  . 

^ 

.347 

.332  .  . 

-   285 

300 

_  36-' 

Studien  zu  den  Argonantica  des  Valerius  Flaccus. 


381 


Seite  344 

V. 

) 
300  . 

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.  287 

3  .  . 

.  Seite  347 

305  . 

293,  325 

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125  f.  . 

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IV. 

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•   „  323 

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515  . 
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.   „  289 

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20 

^ 

ru. 

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.   .  379 

31  f. 

.  Seite  290 

1 69 

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213  f. 

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.   .,  353 

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.  .   „   273 

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.  .   .  293 

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.  .   „   353 

483 

•   r,  354 

-. 

>5* 

382 

S  c  li  e  7 

kl.  Stiulien  zu  den 

Argonautica 

des  Val 

ärius  Placcns. 

486 

.     .  Seite  850 

55 

.     .  Seite  379 

285 

f.     . 

.  Seit 

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VIII. 

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254 

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.338 
283 

463 

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.'500 

10 

.  Seite  S55 

265 

r> 

353 

Hiii'tel.    Homerische  Studien.  383 


Huiuerische  Studien 

VOM 

Dl-.  Wilhelm  Hartel, 

a.  0.  Professor  l'iu  tlass.  riülosopbie  an  der  Uiiiversilal  zu  Wien. 

I. 

JNiemaiidj  der  die  Gescliiehte  Horaerischer  Forschung 
aat'nierksam  verfolgt,  wird  in  Abrede  stellen,  dass  die  alt- 
epische  Sprache  uns  jetzt  in  einem  ganz  anderen  Lichte 
erscheint  als  ehedem,  dass  wir,  gestützt  auf  die  sicheren  Er- 
gebnisse der  vergleichenden  Sprachwissenschaft,  ihre  Erschei- 
nungen, die  man  einer  rein  äusserlichen  Analyse  unterzog,  im 
grossen  Umfange  als  organische  Bildungen  begreifen  lernten. 
Wir  sehen  in  O'jvcij.x  ^'ou^iy.n'.  coupast  tsasuo  r/.c'.c;j,£vcv  nicht  mehr 
durch  metrisches  Bedürfniss  hervorgerufene  Verlängerungen 
der  kurzen  Vocale  oder  in  den  Conjunctivformen  h\i.iv  ßcjXsTa' 
h(v.^z\).z'i  £iGO[j.£v  Kürzungen  der  langen  Vocale  aus  gleichem 
Grunde.  Es  sind  gleichberechtigte  Formen  theils  aus  einander 
entstanden  nach  bestimmten  Lautgesetzen,  theils  Bildungen 
recht  alten  Gepräges,  nicht  von  der  Noth  des  Verses  willkür- 
lich geschaffen,  sondern  für  denselben  vom  Dichter  passend 
verwerthet.  Die  glückliche  Entdeckung  des  Digamma  gab  die 
I  nachhaltigste  Förderung  der  iu  dieser  Richtung  arbeitenden 
Forschung;  sie  berechtigte  bis  zu  einem  gewissen  (:Ti'ade,  nach 
I  volleren  Foiineu  und  älteren  Bildungen  zu  spüren.  Dei'  Aus- 
!  gangspunkt  für  derartige  Untersuchungen  sind  die  Erscheinun- 
I  gen  des  Hiatus  und  der  Längung  kurzer    vocalisch    oder    con- 

!  sonantisch    sehliessender    Silben.     .Je    mehr    die    vero;leichende 
'  .  .      .  .  . 

Sprachwissenschaft  sich  dieser  Erscheinungen  bemächtigt,    um 


384  Hartel. 

weitgehende  Folgerungen  aus  ihnen  abzuleiten,  desto  mehr 
scheint  es  Pflicht  und  Aufgabe  des  Philologen,  den  thatsäch- 
lichen  Umfang  und  die  Bedingungen  derselben  zu  bestimmen. 
Die  folgenden  Untersuchungen  behandeln  nur  den  einen  Punkt, 
die  Verlängerung  kurzer  Schlusssilben  im  Homerischen  Verse, 
welcher,  auf  einen  kleineren  Kreis  von  Fällen  beschränkt,  einige 
sichere  Resultate  zu  liefern  verspricht.  Ob  diese  bedeutend 
genug  erscheinen  und  eine  erneute  Behandlung  des  Gegen- 
standes von  meiner  Seite  entschuldigen,  das  mögen  die  folgen- 
den Blätter  entscheiden.  Dass  aber  eine  erneute  Untersuchung 
durchaus  berechtigt  ist,  das  wird  ein  Blick  auf  die  mir  be- 
kannten Behandlungen  der  Frage  darthun. 

Abgesehen  von  gelegentlichen  Bemerkungen  der  Homer- 
interpreten (z.  B.  Clarke's  zu  A  51)  hat  zuerst  G.  Hermann 
in  seinen  metrischen  Arbeiten  (EDM.  p.  42  ff.)  und  ausführ- 
licher in  der  Schrift  de  aetate  scriptoris  Ärgonauticorum  (Or- 
phica  II.  p.  697  f.)  die  I^ängungen  im  Homerischen  Verse 
besprochen.  In  dem  Capitel  derselben :  de  productlone  brevinm 
sylldharum  oh  caeswnm  ist  es  ihm  hauptsächlich  darum  zu 
thun,  für  ähnliche  Licenzen  späterer  Epiker  die  gleichen  Fälle 
des  altepischen  Verses  zusammenzubringen ,  also  um  Constati- 
rung  des  Thatsächlichen  in  bestimmt  abgegrenztem  Umfang; 
eine  Erklärung  dieser  Erscheinungen  lag  fern.  Die  Elementa 
doctrinae  metricae  deuten  wenigstens  eine  solche  an  (p.  43,  45, 
56,  60);  aber  nicht  in  dem  etymologischen  Ursprünge  der 
Form  und  des  Wortes  wird  dieselbe  gesucht,  sondern  theils 
in  der  leichten  Verdoppelung  der  Liquiden,  besonders  aber  in 
dem  Acccnt,  dem  kraftvollen  Ansetzen  der  Stimme  am  Vers- 
aufang und  in  der  Interpunction.  Dem  metrischen  Bedürfniss 
wird  an  der  Verlängerung  ein  bescheidener  Antheil  einge- 
räumt, nur  in  Wortformen  wie  iOävaTO?  ^-.o^fizG^y.'.^  die  sonst 
für  das  daktylische  Maass  unbrauchbar  waren.  Nichts  als  eine 
nur  etwas  eingehendere  Entwickeluug  dieser  Gesichtspimkte 
ist  es,  welche  F.  Spitzner  (De  versu  Graeconim  heroicOjheiTp- 
zig  1816)  seinem  durch  fleissige  Sammlung  ausgezeichneten, 
noch  heute  brauchbaren  2.  Capitel :  de  sijUaharum  hrevlnm  iu 
Honiericis  cnrmiinhus  productlone  (p.  14  ff.)  vorausschickt.  Was 
Hermann  erlässlich  war,  unter  diese  Gesichtspunkte  die  IMassc 
der  Fälle  einzureihen  und  den  nicht  eben  unbedeutenden  Rest, 


Homerische  Studien.  385 

der  diesei-  Einroihung  sicli  nicht  tuii'to,  wenigstens  zu  vei- 
zeichacii,  hätte  Spitznor  nicht  unversucht  hissen  sollen ;  statt 
dessen  erhalten  wir  ein  nach  den  verlängerten  Endungen  (a 
ZV  %^  £  £v  IC  sp  ;  -v  '.;  o  ov  oz  u  uc  jv)  geordnetes  Verzeichniss 
von  Stellen. 

Schon  die  scharfe  Trennung  der  beiden  grossen  Gruppen, 
ich  meine  die  Verlängerung  der  vocalisch  auslautenden  Silben 
vor  einfachem  consonantischen  Anlaut  und  der  auf  einen  Con- 
sonaiiten  auslautenden  vor  vocalischem  Anlaut,  hätte  iiothwendig 
zu  fruchtbaren  Erwägungen  führen  müssen ,  wie  sich  dies  in 
der  nächsten  Behandlung,  welcher  C.  A.  J.  Hoffmann 
(Qnaestiones  Homericae,  p,  97  ff. ,  Clausthal  1 842)  den  Gegen- 
stand unterzog,  schlagend  zeigt.  Hier  wird  für  die  erste  Gruppe 
die  etymologische  Erklärung  in  ihrer  ausschliesslichen  Geltung 
behauptet.  Die  geringe  Zahl  der  mit  Liquiden  beginnenden 
Wörter,  vor  denen  Längung  kurzer  Silben  eintritt,  muss  zu 
der  Zeit,  als  die  Gedichte  entstanden,  mit  zwei  Consonanten 
angelautet  haben,  oder  wenigstens  der  erste,  im  Schwinden 
begriffen,  muss  eine  damals  noch  fühlbare  Nachwirkung  in  der 
Aussprache  gehabt  haben.  Für  einige  dieser  Wörter  ist  Hoff- 
mann der  Nachweis  gelungen;  die  consequente  Durchführung 
dieses  Principes  führte  aber  zu  etymologischen  Ungeheuerlich- 
keiten ,  die  kein  vorsichtiger  l^orscher  heute  mehr  vertreten 
möchte.  Und  gerade  bei  jenen  Wörtern,  welche  die  Längung 
zumeist  im  Gefolge  haben,  wie  i^iya;,  [j^Yapov,  steht  der  von 
Haus  aus  einfache  consoaiantische  Anlaut  ausser  Frage.  Für 
die  andere  Gruppe  von  Fällen  wird  die  Kraft  der  Arsis 
geltend  gemacht  und  daraus  für  die  in  der  Thesis  erschei- 
nenden Dehnungen  eine  wichtige  Folgerung  gezogen ,  die 
nicht  immer  die  genügende  Beachtung  gefunden  hat,  p.  98: 
(Ifnic  ü/ifin-  vd  in  fhesl  producmitur  terminationes,  luic,  si  vera 
est  lAictio,  Hut  longae  sint  uecesse  est,  aut  ancipites.  Nicht  wohl 
aber  wird  sich,  was  über  das  Stärkeverhältniss  der  einzelnen 
Arsen  gesagt  wird  (p.  102  f.),  vor  der  Gesammtzahl  der  Fälle 
behaupten  kiinnen.  Den  anderen  Erklärungen,  wie  der  Inter- 
punetion,  auf  welche  G.  Hermann  nicht  wenig  Gewicht 
legte,  wird  jeder  Werth  abgesprochen,  p.  103:  nee  interest 
nfrimi  sif  interpunctio  nee  ne.  In  gleichem  Sinne  führt  Ahrens 
im  Rhein.  Mus.  II 108  über  einen  Thcil   der  Frage,    ,die  Ver- 


386  Hartfl. 

doppehuig  des  anlautenden  v',  eine  bereits  von  Hoffmann 
in  den  Quaestloues  (p.  IUI)  angekündigte  Untersuchung,  Nicht 
die  liquide  Natur  des  Lautes  erklärt  ihm  die  Verdoppelungs- 
fähigkeit,  da  diese  nur  bei  einer  kleinen  Zahl  von  Wurzeln 
beobachtet  wird;  diese  oder  vielmehr  ,ein  dickerer  Laut'  ist 
der  Rest  eines  ursprünglich  doppelten  Anlauts.  ,Uebrigens 
führt  die  Untersuchung  über  die  ähnlichen  Erscheinungen  bei 
den  anderen  anlautenden  Liquiden  zu  ähnlichen  Resultaten' 
S.  1  7(>.  Was  Mehlhorn  in  seinem  , Sendschreiben  an  Herrn 
Prof.  Ahrens  üljer  die  Verlängerung  durch  die  Liquiden' 
(Ratibor  1S43)  dagegen  vorgebracht,  kenne  ich  nur  aus 
Ahrens',  seine  früheren  Behauptungen  näher  begründenden 
Excurseu  hn  Phil.  IV  592. 

Die  Unhaltbarkeit  der  von  Hoffmann,  Ahrens  und 
Anderen ,  welche  die  bezüglichen  Erscheinungen  in  gleichem 
Sinne  betrachtet,  aufgestellten  Etymologien  führte  zu  einer 
Reaction  gegen  das  ganze  Princip ,  welche  ihren  schärfsten 
xA-Usdruck  in  H.  Düntzer's  sorgtaltigem  Aufsatze  ,die 
metrische  Verlängerung  bei  Homer'  in  Fleckeisen's  Jahr- 
büchern (1867,  S.  300  ff.)  erhalten  hat.  Er  lässt  keinen  dop- 
pelten consonantischen  Anlaut  gelten ,  keine  ursprünglichen 
Längen,  die  etwa  in  alten  Formeln  sich  erhielten  oder  unter 
günstigen  Umständen  wie  unter  der  Ki'aft  der  Arsis  empor- 
tauchten. vSämmtliche  Verlängerungen  sind  eine  Folge,  nicht 
etwa  metrischen  Zwanges,  nein,  eine  Folge  metrischer  Be- 
quemlichkeit, die  ebenso  wie  in  der  Arsis  auch  in  der  Thesis 
(vergl.  S.  363)  sich  geltend  macht.  Alles  andere  ist  neben- 
sächlich. ,Freilich  waren  nicht  alle  Verlängerungen  gleich 
leicht,  und  eine  folgende  Liquida  nioylite,  wenn  keine  Inter- 
punction  dazwischen  trat,  sie  stützen,  auch  eine  luterpuuction 
sie  weniger  fühlbar  machen,  aber  solche  Beihülfen  waren  nicht 
nöthig  und  auch  bei  ihnen  blieb  es  eine  einmal  angenommene 
dichterische  Freiheit'  S.  356.  Das  Verdienst  der  Arbeit  liegt 
wesentlich  in  dem  negativen  Theil,  der  die  etymologischen 
Versuche  einer  strengen  Prüfung  unterzieht,  sowie  in  der  zum 
Theil  erschöpfenden  Sammlung  und  bequemen  Anordnung  des 
Materials.  Der  positive  Theil  wird  schwerlich  Jene  befriedi- 
gen, welche  in  dem  Versemachen  eine  Kunst,  etwas  mehr  als 
willkürliches   Umspringen     mit    dem     prosodischen    Sprachstoff 


Homerische  Studien.  387 

crkcuiuüi.  Die  altcti  jNIotrikc'r,  welche  luanclierlei  -aOr;  des 
Verses,  wie  den  scheinbaren  Janjhus  (i-i'.o-<^  U'"2)  oder  Trihrachyf* 
(zXssvcc  (7  240)  an  Stelle  eines  Spondcns  und  Daktylus  verzeich- 
neten, sind  nie  auf  eine  solche  Erklärung  vei-talhm.  Wo  wir 
sonst  bei  einem  Volke  eine  quantitirende  Poesie  finden,  be 
([uemt  sich  der  Dichter  den  in  dem  gegebenen  SpraclistofFo 
liegenden  prosodiscben  Eigenthihnlichkeiten  an,  ohne  sie  durch 
Zwang  zu  schädigen.  Düntzer's  Methode  müsste,  wenn  sie 
richtig  wäre,  sich  auch  auf  das  Lateinische  übertragen  lassen  ; 
ich  müsste  sagen  können  :  Plautus  gebraucht  den  kurzen  Vocal 
in  h'(iit,  amat,  docet,  m(dlt,  hu/at,  patar,  verhant  als  Länge,  weil 
es  ihm  im  Metrum  so  eben  bequem  ist.  Das  hiesse  aber  einen 
guten  Theil  der  auf  dem  Gebiete  der  lateinischen  Sprach- 
geschichte gewonnenen  Resultate  cassiren.  Wenn  wir  aber  auf 
dem  Gebiete  der  lateinischen  Metrik  berechtigt  sind,  aus  wieder- 
kehrenden Eigenthümlichkeiten  des  Verses  auf  vollere  F(»rmen 
und  urspi-üugliche  Längen,  die  einmal  allein  in  Geltung  waren, 
zurückzuschliessen,  wai'um  soll  uns  das  im  epischen  Verse,  der 
eine  so  viel  hundert  Jahre  ältere  Sprache  redet,  versagt  sein  ? 
Soll  die  Homerische  Sprache,  die  uns  uralte  und  sehr  junge 
Bildungen  hart  nebeneinander  zeigt,  in  dem  veränderlichsten 
Element,  der  Quantität,  allein  so  abgeschlossen  sein,  das» 
schlechterdings  keine  Koste  eines  älteren  ursprünglicheren  Zu- 
standes  vorhanden  wären?  Diese  und  ähnliche  Bedenken,  die 
noch  eine  weitere  Ausführung  erfahren  sollen,  bleiben  bei 
Düntzer  ohne  Erledigung.-  Er  hätte  sie  um  so  eher  berück- 
sichtigen sollen,  je  entschiedener  dieselben  Westphal  in 
seiner  , Allgemeinen  griechischen  Metrik'  S.  277  ff.  zur  Sprache 
gebracht  hatte. 

Den  Hoffmann-Ahrens'schen  Stand}iunkt  uinnut  Oscar 
Meyer  ein  in  seinen  Quaestiones  Homericae  (Bonn,  18()8) 
oder  geht  vielmehr  über  denselben  hinaus.  Er  zieht  aiu-h  den 
Hiatus  in  Betracht;  dieser  und  die  Längung  kurzer  Silben 
weisen  ihm  den  fest(ui  Weg  qua  ad  nuHqiilorem  limjnac  condi- 
cionerii  adducimur ,  iti  (/im  et  Jlterrw  spirantes  in  Inltlo  vociim 
nondmii,  a  lin</uae  memoriit  evmtuarant,  et  terminationes  finniorem 
natwarti  servnvera)it.  Unter  vielen  kühnen  Behauptungen  finden 
sich  manche  berücksichtigungswerthe  Vernnithungen,  denen  es 
nur  darum  an   der  genügenden  Ueberzeugungskraft  fehlt,  weil 


388  Harte  1. 

Oscar  Meyer  nicht  auf  einei'  vollständig'en  Saniuiluiig'  des 
Materialcs ,  nicht  einmal  auf  den  reichen  ZusammenstelhiDgen 
lSpitznci''s  seine  Untersuchungen  aufgebaut  hat,  sondern  in 
dieser  Hinsicht,  wie  es  scheint,  fast  gänzlich  von  Hoffniann, 
der  die  Odyssee  doch  nur  nebenbei  heranzog,  abhängig  ist. 
Dabei  ist  durch  die  erneute  Confundirung  der  beiden  Gruppen, 
deren  Trennung  Hoffmann  wesentlich  gefördert  hatte ,  nichts 
weniger  als  ein  beruhigender  Abschluss  gewonnen. 

Zuletzt  hat  Jacob  La  Roche  in  seinen  ,Homerischen 
Untersuchungen^  (Leipzig  1869,  S.  47  ff.)  einen  Theil  der 
hieher  gehörenden  Erscheinungen ,  nämlich  die  Verlängerung 
kurzer  Endsilben  vor  einfachen  Consonanten ,  behandelt  und 
neuerdings  eine  durch  Genauigkeit  ausgezeichnete  Sammlung 
der  einschlägigen  Stellen  (ich  vermisste  nur  8)  abdrucken 
lassen.  Neu  ist  in  seinen  Auseinandersetzungen  nichts  als  die 
weiter  unvermittelte  Verbindung  der  etymologischen  und  metri- 
schen Erklärung :  er  nimmt  wiederholt  Bezug  auf  die ,  man 
hatte  geglaubt  überwundenen  Etymologien  Iloffmann's;  aber 
bei  Formen  wie  \j.z'(i\r, ,  .uisYäAoj  und  allen  ähnlichen ,  deren 
Zahl  ja  nicht  gering  ist,  muss  ,das  metrische  Bedürfniss'  den 
Erklärungsgrund  abgeben.  Richtiger  hiesse  es  wohl  die  metrische 
Bequemlichkeit.  Die  Erwägung,  Avarum  der  Dichter  gei'ade 
vor  liquidem  Anlaut  sich  diese  Bequemlichkeit  verstattete, 
kommt  nicht  weiter  in  Betracht. 

Man  sieht  aus  dieser  Darlegung,  dass  eine  Reihe  wichti- 
ger Fragen  nichts  weniger  als  zum  Abschluss  gelangt  ist,  und 
doch  wäre  dies  in  mehrfacher  Beziehung  wünschenswerth,  nicht 
blos  um  für  grammatische  Betrachtungen  schwer  wiegender  Art 
eine  festere  Grundlage  zu  haben,  sondern  auch  für  Fragen  der 
niederen  Kritik.  -Noch  immer  tauchen  Conjecturen  auf,  wie 
die  von  Ahrens  a.  a.  O.  zuerst  aufgestellten ,  von  Oscar 
INIeycr  p.  L'52  und  La  Roche  p.  48  ohne  Kenntniss  ihres 
Vorgängers  wiederholten,  0  626  ävqxou  ok  os'.voc  statt  aviiJ,0'.o  oe 
Octvöc,  (-)13o  ßpovr/jaac  ok  ct'yiv  statt  ßpovif-sac  o'  apa  oeivcv,  jj.203 
w534  ok  C£'.cxvx(ov  statt  clpy.  os'.aavttov,  [ttOi)  '6k  odazii  statt  u7:oo£ia£T£' 
zu  lesen  und  älmliche  mehr.  Die  Verlängerungsfähigkeit  der 
Arsis  bei  jeder  Wortform  gilt  für  etwas  so  ausgemachtes,  dass 
selbst  ein  umsichtiger  Forscher  wie  G.  Curtius  in  seinen 
Studien  I  2  p.  293  die  Form  iev  für  vqv,  in  den  Erläuterungen 


Ilomorischo  Studien.  389 

ZU  seiiiei"  Scliiilgraniinatik  (2.  Aufl.,  S.  70)  ly.z  für  cjr  in  der 
Cacsur  vor  Vocaleii  g'laubt  unl)odcuklit'li  einsetzen  zu  (Uirfcii. 
lliid  docli  ist  das  eine  so  unniög-lieh  wie;  <las  andere,  w'w.  eine 
Betrachtung-  des  gcsammten  Thatbestandes  ergeben  wird.  Die 
Beispiele  Hessen  sich  noch  nanihaft  voruieliren,  einige  konimeii 
später  zur  8praclie.  Bei  der  nun  folgenden  Untersuchung  ist 
es  nicht  meine  Absicht,  bereits  Gesagtes  inid  Gesammeltes  zu 
Aviederholen ;  nur  dort,  wo  es  für  die  zu  machenden  Folgerun- 
gen sich  als  nützlich  herausstellt ;,  die  gesammten  Fälle  anzu- 
führen, oder  wo  die  von  Anderen  gegebenen  Zusanrmenstellun- 
gen  sich  lückenhaft  zeigten ,  werde  ich  mir  davon  abzugehen 
erlauben. 

Was  Zahl  und  Art  der  Verlängerungen  l)etrifft,  so  be- 
trachten wir  zunächst  die  erste  Gruppe  von  Fällen ,  die  Län- 
gung   kurzer    vocalisch    auslautender  Silben    vor    den  Liquiden 

!  !r     ^'  .  .  -.  .  .     . 

;  A  ;x  V  p.     Dieser  kurzen,  auch  wissenschaftlich  zu  rechtfertigen- 
den Bezeichnung  , Liquiden'  (vergl.   Brücke,   Gz.  der  Physio- 
logie   und  Sy.stematik    der    Sprachl.  (31)    bediene    ich    mich    im 
Folgenden.     Diesen  Liquiden  hat  man  8  zugesellt-,    denn    auch 
an    ihm    haften    vielfach    dieselben    Erscheinungen.     Ferner  a; 
doch  die  längende  Kraft,    wenn    sie    in  ihm  liegen  sollte,    er- 
scheint nur  in  einigen  wenigen  Fällen  an  der  Wortgrenze,    so 
dass  man  im  Vorhinein  wenig  geneigt  sein  möchte,  sie  aus  der 
Natur  des  Anlautes  zu  erklären;  häuhg  zeigt  es  im  Innern  der 
Worte  eine  Verdoppelungsfahigkeit,    die    auf   einen  etymologi- 
schen Grund  zurückzuführen  nicht  überall  gelingen  will.     Auf 
diese  Längungen    und  Doppelungen    im  Innern    kann    im  Fol- 
genden nur  nebenbei  Rücksicht  genommen  werden.  Mit  besse- 
rem Rechte    hätte    man    den  Liquiden    das    Digamma    anreihen 
können ;  an  ihm  bemerken  wir  nicht  minder  häufig  und  gerade 
wie  bei  den  Liquiden  zumeist  an  bestimmten  Wurzeln  Position 
bildende    Kraft,    und    zwar:    E302    3;x£poaA£a    ir/cov    {=   (-)3'^1, 
n758,  T41,  r285.  382.  443,  x8l),  '.392  \}.i-(yXx  liyo^ny.  vixx({  \).b(a 
vor  ixywv  Ix/oj^y.  It/zvzzz  A,50(3,  P317,  ^1(50,  Z42i  {=  P213), 
E443  {—  •/.323),  ferner  o4ö4  ri\j.v.z  03  iä/ovT£c,    11373  o\  Zi  h:/T^ 
-ce  9iCi(|)  xc,  A456  ^svexo  b/f^  xt  ^-'(jqc.xz  (=M144,  O  39(),  II3G6), 
0  275  Twv  c£  0' ÜTtb  tay;^c  —  E371   GuyaTipa  r,v  (=  ZI  92,     \  226, 
N37b),  PI96  6  B'  äpa  w  -aiBi,   t:71   -z^v.  <;),  11542  ^OevsV  w,  Ü3G 
T£Xc' w,  y39  zxxipi  (0  {—.  3175),  i92  s-wtxits  rp\  (pp^civ  (=  O240j, 


390  H.rt.l. 

B8o2  obok  i'j;  zaTSac,  oo58  r/ß  oO  -aioc;,  E34o  a-ö  so  und  an  der- 
selben Vcrsstelle,  so  dass  'io  auf  die  Hephtliemimeres  folgt  noch 
N163,  r2(31,  s459,  t398.  461,  9 136.  163,  und  ebenso  gestellt  a-o 
£Ö£vZ62,  K465,  M205,  r278;  <I»507  -poTt  0!  (=  w347),  -X307t6 
Ol  ü-b  Aa7:apr,v  —  p37  'ApT£ij.iot  ly-rA-/;  (=  t54),  A86  ig  o' avopt  v/Akt,, 
■/.246  cuvaTO  i'xoc,  to494 'Oojcs^a  z'-sa,  E576  £v9a  IIjAa'.j^-cvea  IXstt^v, 
;411  Ta:  [/kv  apx  Ep;av  ^axa  v^Osa,  Fl 72  siAs  li^jps,  ;89  otce  od  t; 
•^aasi,  v213  Tt^aiTo  asTr^cT'.oc.  Formen  wie  ZI  yjv.  saxOsv  '.a/-(^.  die 
durch  das  paragogische  v  eine  unbezweifelte  Länge  schaffen 
können,  siiid  hier  und  später  unberücksichtigt  geblieben,  was 
auch  immer  die  Handschriften  bieten  mochten.  Bei  einigen 
Fällen  nun  ist  es  fraglich ,  ob  nicht  vielleicht  ein  Doppel- 
consonant  in  alter  Zeit  gefühlt  wurde,  z.  B.  Oj^xTspa  ar^v,  bei 
anderen  ist  es  möglicher  Weise  noch  etwas  anderes,  was  die 
Längung  erklärt.  Hier  handelt  es  sich  vorerst  um  Zusammen- 
stellung der  nach  äusserlicher  Betrachtung  gleichen  Fälle.  Zu 
beachten  ist  dabei  ein  Umstand,  der  bei  den  Liquiden  und  bei  0 
wiederkehrt,  dass  die  Längung  mit  Zähigkeit  an  festen,  gleich- 
bleibenden oder  leicht  modificirten  Formeln  haftet,  womit  der 
unverrückbare  Sitz  an  bestimmter  Versstelle  zusammenliängt. 
80  findet  zieh  vn  [j.t-(xpM  oder  vn  [j.i^(ipo'.:  lOOmal ,  wovon  24 
Stellen  auf  die  Ilias  kommen,  yjo'  if  li'.  o-^v  7mal  und  r426 
mit  leichter  Modification  nach  Aristarch's  Lesart  ouo'  5v  'ixi 
yr,v^  WC  TS  Ate  3mal ,  sttI  p-^YH-^''-  öaXacrr;;  11  mal  u.  s.  w.  Diese 
formelhafte  Wiederkehr  ist  bei  der  Zählung  genau  berücksich- 


tigt  worden. 

Wir 

finden 

die  meisten 

Vci 

längerungen 

vor  \j.: 

31Ö, 

nach  j 

\bzug 

der 

V\ 

'^iederhohmgen   111, 

n     f  ■ 

123, 

V 

J7 

)i 

91. 

„     A: 

71, 

n 

r 

n 

«                  öl, 

»      ''■ 

.59, 

V 

» 

V 

m 

,,     i": 

59, 

n 

J7 

n 

31, 

„     5: 

44, 

n 

n 

n 

29, 

,,               ^^ 

7, 

r) 

n 

V 

7, 

im  Ganzen:  (hS^  nach  Abzug  der  Wiederholungen  3öO. 

Für  die  i'ichtige  Erklärung  liegen  bedeutsame  Wiidvc  in 
zwei  Bedingungen,  an  welche  die  Erscheinung  geknüpft  ist: 
1.  unter  den  (578  FäHen  steht  die  gelängte  Silbe  (571  mal  in  der 
Arsis,  nur  7mal  in  der  Thesis,  und  zwar  E358  -oaXä  A'.scöjxzvo: 
(=  «|>3()8,  XUl),  v438  -'^y.vi  povxAfov    {=.  pl98,    3109),    inäö 


Hfiinerischfi  StuJion.  391 

rStCkk  pz-xCza-/.v/.  (o2i)ll  liest  man  jetzt  riclitig  ttoj  ca-.  vY;ij;  statt 
des  ehemaligen  ttoj  oe  vy;j;.  Dies  sind ,  wie  sicli  später  zeig-cn 
wii'd,  nur  scheinbare  Ausnalunen.  2.  Unter  den  OTH  Fällen  ist 
tlie  gelängte  Silbe  nur  Unial  (A454  =  112o7,  ri72,  A321, 
Kir,,  Z1S3,  1121  {=  T21(),  X48),  riööG,  M(;02,  t41,  T-^90,  0247) 
von  dem  folgenden  Anlaut  durch  Interpunction  getrennt;  in 
allen  anderen  Fällen  ist  der  Anschluss  ein  mfiglichst  enger, 
Avie  sich  darin  recht  deutlich  zeigt,  dass  die  Längung  409nial 
eine  Präpositi<ni  (darunter  svi  109mal,  v.y-y.  39nial ,  i~i  33mal, 
izz  34mal,  j-c  28mal)  und  es  (Tömal)  und  ts  (OOmal)  trifft. 
Daraus  ergiebt  sich  einerseits  die  Berechtigung,  die  Verlän- 
gerung aus  der  Natur  der  betreffenden  Consonanten  und  aus 
ihr  allein  abzuleiten,  andererseits  die  Verpflichtung,  die  paar 
Ausnahmen  einer  speciellen  Prüfung  zu  unterziehen,  da  eine 
Einwirkung  der  Consoniinten  über  die  Kluft  der  Interpunction 
hinüber  keine  Wahrscheinlichkeit  hat. 

Ganz  anders  stellen  sich  die  Verhältnisse  in  der  anderen 
Gruppe,  bei  der  I^ängung  consonantisch  auslautender  Silben 
vor  vocalischcm  Anlaut.  Hier  alteriren  Wiederholungen  und 
formelhafte  Wendungen  nur  um  ein  Geringes  die  Gesamnitzahl 
der  Fälle ;  es  sind  auf  sie  58  in  Abschlag  zu  bringen.  Aber 
was  dort  äusserst  selten  sich  zeigte,  ist  hier  ungemein  häutig, 
die  Interpunction,  welche  bald  stärker,  bald  schwächer  auf  die 
gelängte  Silbe  folgt.  Doi-t  auf  678  Fälle  ]4mal,  hier  auf  390 
Fälle  155raal.  Um  eine  vorläutige  Uebersicht  über  den  Umfang 
dieser  Erscheinung  zu  gewinnen,  ist  hier  eine  Tabelle  der  ver- 
längerten Endungen  zusammengestellt,  ohne  Rücksicht  auf  die 
mannigfache  Bedeutung  desselben  Ausgangs ,  ob  -./  z.  B.  als 
Accusativ-  oder  Dual-  oder  Verbalendung  fungirt.  Wir  zählen 
also  Verlängerung  des 

oc  ohne  Interpunction  74mal,  mit  Interpunction  ödmal, 
°''       «  „  50  „         „  „  44  „ 

'''  n  n  'J'J     n  n  n  O     „ 

"■:  »  n  -1-4     n  n  n  14     „ 

•c  11  9 

~''  »  »  O     »  n  j>  11     )> 

^''      «  «  6  „         „  „  9  „ 


392  Harte  1. 

7.p  ohne  Interpuuction       8mal,  mit  Interpunction       Imal, 

■'S  ?»  •'  O     >»  jj  )i  1      n 

Aller  ohne  Interpunction  2o5mal,  mit  Interpunction   I55mal. 

Bei  dieser  Zählung  sind  wie  billig  jene  Stellen  über- 
gangen ,  wo  unbezweifelbares  Digamma  mit  im  Spiele  ist ; 
wollte  man  diese  hinzunehmen ,  so  würde  sich  die  Ziffer  um 
über  300  (ich  habe  nur  beiläufig  dafür  gesammelt)  höher 
stellen.  Aus  der  Ilias  sind  reichlich  Beispiele  zusammen- 
getragen von  Hoffmanu  im  2.  Theile  der  Quaestiones  p.  52 — 53, 
aus  der  Odyssee  von  Düntzer  in  dem  genannten  Aufsatze. 

Die  auf  jv  endigenden  Substantiva  hätte  ich  mit  demsel- 
ben Rechte  übergehen  können,  mit  welchem  ich  1323  w;  o' 
op^nc  aTzvqGi  und  das  20mal  in  der  Arsis  lang  erscheinende  ■üpt'v 
nicht  zählte,  würde  nicht  immer  noch  ignorirt,  was  Hoffmann 
a.  a.  O.  §.  70  darüber  richtig  lehrte.  Die  Grundbedingung, 
dass  die  gelängte  Silbe  in  der  Arsis  stehen  müsse,  findet  auch 
hier  ihre  Bestätigung  durch  sämmtliche  390  Fälle ,  so  dass 
man  schon  daraus  unbedenklich  die  Folgerung  ziehen  darf, 
wenn  diese  sich  auch  von  anderer  Seite  nicht  stützen  liesse: 
wo  eine  Silbe  in  der  Thesis  als  Länge  erscheint,  muss  sie  von 
Haus  aus  lang  sein.  Es  trifft  dies  10  Stellen  und  das  häufig 
in  der  Thesis  lang  erscheinende  ~piv^  wir  Vv^erden  später  darauf 
zurückkommen.  Das  bedeutsamste  Moment  der  Tabelle  ist  die 
Häufigkeit  der  Interpunction  an  sich  und  das  Schwanken  ihrer 
Ziffer  bei  den  einzelnen  Endungen.  Um  nicht  der  Untersuchung 
vorzugreifen,  sei  hier  nur  verwiesen  auf  die  , kräftige^  Endung 
'.V,  die  auch  in  der  Thesis  sich  als  Länge  behauptet  und  nur 
ßinal  unter  39mal  von  Interpunction  begleitet  ist,  während  ov 
44mal  mit  und  50mal  ohne  Interpunction  getroffen  wird. 

Ein  den  beiden  Gruppen  gemeinsames  Moment  ist  die 
Arsis.  Al)er  ist  es  die  Arsis  an  sich,  die  jede  kurze  Silbe  zur 
Geltung  einer  metrischen  Länge  erheben  kann?  Oder  müssen 
in  der  afficirten  Silbe  oder  dem  nachbarlichen  Anlaut  liegende 
Eigenschaften  hinzutreten,  damit  die  Arsis  diesen  ihren  Ein- 
fliiss  entfalte V  Auch  auf  dem  Gebiete  der  lateinischen  Metrik 
glaubten  man  einst  der  blossen  Arsis  eine  solche  Wirkung  zu- 
schreiben zu  dürfen;    diese  Meinung    hat  Ritschi  durch  den 


I 


Homerische  Studien.  393 

Nachweis  einerseits,  dass  manche  vocalisch  und  consonantisch 
auslautende  Silben  sich  erst  in  der  Periode  der  altlateinischen 
Verskunst  zu  kürzen  begannen  und  von  einem  Plautus  demnach 
di(!  im  Vers  lang-  gebrauchten  Endungen  auch  lang  gesprochen 
wurden,  andererseits  dass  nie  die  Arsis  allein ,  sondern  eine 
Reihe  mitwirkender  Umstände  das  Geschäft  der  ■  Längung  voll- 
ziehen, erechüttert  und  wohl  für  immer  beseitigt,  wenn  auch 
L.  Müller  zur  alten  Ansicht  G.  Hermanu's  zurückkehrte.  Auf 
dem  Gebiete  griechischer  Metrik  erfreut  sich  der  längende 
Einfluss  der  Arsis  allgemeinster  Anerkennung,  aber  in  dem 
geglaubten  Umfange  doch  nicht  mit  hinreichender  Berechtigung. 
Indem  wir  daran  gehen  die  Sphäre  dieses  Einflusses  durch  den 
Nachweis  mitwirkender  Umstände  und  Eigenschaften  näher  zu 
umgrenzen  und  zu  bestimmen,  zeigen  die  vorstehenden  Tabellen 
den  Weg,  welchen  die  Untersuchung  zu  nehmen  habe. 

Bei  dem  innigen,  jede  Interpunction  verschmähenden  An- 
schlüsse der  gelängten  Silbe  an  den  consonantischen  Anlaut, 
welcher  die  Fälle  der  ersten  Gruppe  charakterisirt ,  gilt  es  in 
erster  Reihe  bei  der  Natur  dieses  Anlautes  anzufragen,  üies 
in  erfolgreicher  Weise  gethan  zu  haben,  ist,  wie  früher  bemerkt 
wurde,  das  grosse  Verdienst  der  IToffmann'schen  Quaestiones, 
das  nicht  geschmälert  wird  durch  die  Berichtigungen,  welche 
bei  dem  vorgeschrittenen  Stande  der  griechischen  Etymologie 
heute  zu  geben  ein  Leichtes  ist.  Iloffmann  glaubte  bei 
sämmtlichen  hier  in  Betracht  kommenden  mit  Liquiden  und  o 
anlautenden  Wurzeln  annehmen  und  erweisen  zu  können,  dass 
vor  denselben  ein  Consonant  abgefallen  und  ehedem  von  dem 
epischen  Dichter  oder  seinem  Muster  wenn  auch  nicht  ein 
doppelter  Consonant  gesprochen,  so  doch  als  zurückbleibende 
Folge  seiner  ehemaligen  Existenz  ein  dickerer  Laut  gefühlt 
wurde,  dem  dieselbe  Position  bildende  Kraft  innewohnte  wie 
einst  dem  volleren  Anlaut.  Die  neuere  Forschung  hat  dies  bei 
sämmtlichen  mit  o  beginnenden  Wurzeln  bestätigt.  Bei  den  mit 
W.  $'.  zusammenhängenden  Wörtern:  oioz,  os-.vi;,  o£iooj,  osiAoc, 
AeT[j.o;,  Azic/^vcop,  vor  denen  21mal  Längung  sich  zeigt,  ist  hinter 
S  entweder  ein  Digamma  (vergl.  Fulda,  Untersuchungen  über 
die  Sprache  der  TTom.  Gedichte,  Duisburg  1865,  S.  DS)  oder 
wie  Curtius  (in  seinen  Gruudzügen  der  griechischen  Etymo- 
logie,   2.  Aufl.,    S.  585)    mit    besserem    Rechte  annimuit,    ein  j 


394  Hartel. 

ausg'efallen,  oy^v,  welches  an  14  Stellen,  und  or,piv,  welches  an 
nur  2  Stellen  Position  bildet,  führte,  wie  ich  aus  Curtius  a. 
a.  0.  401  entnehme,  Mehlhorn  in  seinem  Sendschreiben  an 
Ahrens  S.  U  auf  ojr^■') ,  Buttmann  aber  Ausf.  Gr.  I  44  mit  Ver- 
werthung  der  für  Alkman  bezeug-teu  (Bekker  Anecd.  949,  20) 
Form  osxv  überzeugender  auf  oFav ,  or'/jv  zurück.  Ueber 
das  Gmal  verlängernde  os  und  das  einmal  Position  bildende 
O£io{!j-/.o;j.a'.  (y  411)  vergl.  Curtius  a.  a.  O.  561,  ö88.  Bei  den 
in  dem  Hymn.  V  283  einmal  vorkommenden  hzo  oaTceocj  liegt 
es  nahe  an  oya-iSov  (d.  i.  das  für  Xenophanes  bezeugte  'Ci~toz'i^ 
vergl.  Hesych.  II  253)  wie  bei  spiorjuacOai  '1792  au  ip'.By-r^crajOai 
zu  denken.  Damit  wären  alle  Position  bildenden  Wörter  dieses 
Anlauts  erledigt.  Aber  es  gilt  hier  gleich  einem  bei  Düntzer 
öfter  wiederkehrenden  Argumente  zu  begegnen.  Er  führt  Fälle 
an,  die  sich  für  die  Wurzel  ot  noch  um  zwei  (062(),  0)534),  von 
den  Hymnen  und  Hesiod  abgesehen ,  vermehren  lassen ,  in 
welchen  vor  den  betreffenden  Wörtern  der  kurze  Vocal  sich 
beiiauptet,  um  daraus  zu  folgern,  dass  die  Verlängerungen  ein- 
fach als  geläufige  Freiheiten  des  Dichters  zu  betrachten  seien? 
Niemand  betrachtet  die  Doppelconsonanten  als  etwas  anderes 
denn  als  Reste  einer  im  Schwinden  begriffenen  älteren  For- 
mation. Ausnahmslose  Wirksamkeit  des  vollen  Anlauts  sind 
wir  hier  ebenso  wenig  zu  erwarten  berechtigt  als  wir  sie  beim 
Digamma  in  ein  und  demselben  Worte  finden.  Dies  fordern 
heisst  den  Charakter  der  homerischen  Sprache  verkennen, 
welche  den  Dichter  nach  dem  Bedarf  des  Augenblicks  über 
alte  Formen  neben  den  jüngsten  verfügen  lässt,  und  führt 
folgerecht  dazu  in  ouvoj-ia,  -ojXüc,  ocjpacj'.v  und  ähnlichen  die  or- 
ganische Dehnung  zu  leugnen.  Wer  ein  süvo[j.a  neben  ivo[JLa 
als  gleichberechtigt  anerkennt,  dei'  hat  sich  des  Rechtes  be- 
geben ,  in  aoosr^;  oder  nach  Aristarch's  Schreibung  aosv^;  eine 
Bequemlichkeitsverlängerung  aus  xo£-/;c  (vergl.  siirsp  ao£i'/^c  t'scti 
Hl  17)  oder  etwas  ähnliches  in  l'i  or,pz'j  x2()3  neben  hi  o-/;pöv 
B435  zu  erblicken.  Und  wie  steht  es  mit  Nebenformen  wie 
3  146  afOo'JT/);  sp'.cou-cj  und  ol80  ipiyoc'JTioc  ttöcc  "Hpr^c,  co6- 
TüTjCcV  ik  Ksatov  und  dem  einmaligen  A  45  a«|ji,-'.  iizl  o'  i-ßoö-TiCX'i^ 
11375  ayJ.ovJf  O-b  -nfior^  und  U'22()  ÜTislp  äXa  y.tova-at,  B39S  opsovxo 
xsSaaOsv-sc  und  P649  qipx  [xsv  T/.ioaa£v,  5153  ~vApb-'f  6::'  ocpp6!7t 
oax,pjcv    iißcv    und    i84    B£px,£T/.£TC  5ay,pua    Xstßwv,    B1G2    oCkr,:    i~o 


Homerische  Stadien.  395 

-a-pi'ooc  Ä'/r^;  und  T  244  (fCkri  sv  -arpiSi  yaiY),  cööG  r^cav  'd^q  [j.aAa 
p-up-x'.  und  ':439  y.a-s7.£tT0  [ji^ac  cuc,  ZI 20  a[X2/C-spo)v  cJVirrjv  und 
A44r)  /öipov  i'va  Euviv-sc,  E801  Tjcs'j;  ts-.  [j-'.7.p5;  und  P757  /.''py.ov 
ÖT£  7[j.'.7.pY;7',  7130  rfp'.x[j.O'.o  'TTOAiv  oi£'::£p!7a[j-cv  und  o384  ots-irpiöeTO 
zt6X'.;  ctvcpoJv  oder  'A/iAA-^a  TUToXi'-opOov,  A371  oTci'nsueig  zc/A£[j-o'.o 
Yoojpac  und  V427  ava  7r:oX£[j(.0'.o  ^(eo'jpoLC,  A12  ahr,y~zv  TroAep-itciv 
und  N223  £-ir:ä[j.£6a  -toX£jj.(^£iv  ,  XI 98  auxb?  oh  -otI  tttcXigc  und 
rilC)  "Ey.Twp  0£  Trpo-l  acjrj?  —  epiocjiroc,  xiovafj.ai,  /.£cävvj[j,'.,  sißo),  aia, 
•jc,  7JV,  p.'.7.pcc  u.  s.  w.  sind  offenbar  die  aus  volleren  Formen 
hervorgeg-angenen  jüngeren  Bildungen  und  stehen  durchaus  in 
einer  Reihe  mit  jenen  Ausnahmen.  Wie  nun  bei  diesen  bald 
die  jüngere  bald  die  ältere  in  überwiegender  Zahl  vorkommt, 
so  haben  einzelne  »Stämme,  die  mit  doppelten  Consonanten  be- 
gannen, fast  immer,  andere  nur  einige  Mal  Position  im  Gefolge. 
An  die  eine  Reihe  von  Fällen  nicht  glauben,  während  man  die 
anderen  anerkennen  muss,  das  wäre  Incousequenz  oder  rein 
äusserlicher  Buchstabenglaube. 

Nach    den    mit    c  beginnenden    Wurzeln  lautet  die  Frage 
nach  doppeltem  Anlaut  am  günstigsten  bei  denen    mit  p.     Die 
verwandten    Sprachen    und    dialektische    Nebenformen    zeigen 
bei  den    meisten    ein    a    oder  r  vor    dem  p:    so    stellt    sich    die 
Wurzel  von  p-/^YVj[j,i  p'^Yi^iv   pw;    por/aAioc,  welche  27mal    Position 
bilden,  als   Fpay  (vergl.  lat.  franfjo,  goth.  hrikaii)  dar,  von    p'.voc 
ptv£;  mit  17  Längungen    als    Fp'.v    (vergl.    TaAaup'.vc;  =  Ta/.arpivo; 
und    vielleicht   ^(^v)oz   bei    Hesychius),    von    pi^w    mit    16    Län- 
gungen als    rp£Y  (r£p7,  vergl.    Werk),  von  p£0)    poo;  mit   12  Läu- 
gungen  als  crpj    (vergl.    skt.    srcwumi)  ^    von    pr/.o;    mit   5  L.  als 
fpaT.    (vergl.    aeol.    ßpa7.c?) ,    von    '^r^v(■^^    P'l"-;    mit    4   Ij.    als   rp£ 
(vergl.  aeol.  ßpr,TO)p),    von   pcBov    mit  2  L.  als    rpoc  (vergl.  aeol. 
,:::Bov),  von  pözaAcv  mit  2  L.  als  rp£-  (vergl.  ySkx'jp'h  =  7.aAxrp2'i/, 
||  Doederlein  Gloss.  2104,    Curtius  Gz.'^  314),    von    pi'^a    als    rp'.o 
ll  (vergl.  lesb.  ßp-Icoa  =:   rpiota);  und  auch  bei  päßoci;  mit  3  L.,  bei 
:'-y;  mit  7  L.  und  bei  pia  mit  2  L.    ist    der  Ausfall    eines    Di- 
L:;amma  immerhin  wahi"sch(;inlich.     Es  bleiben   mithin  nur  pv;Yc; 
ivoi-gl.  Cui'tius  Gz.-  1()9)  pr^ssw    (daneben    apx^jw  il571),  pjop-xi, 
P'!ov,  pio-r/.iv,  pj-:o),  pa,  po/Oio)  ohne  einen  nachweisbaren  Doppel- 
consonauten,  d.  h.  auf  99  etymologisch    begründete  Längungeu 
kommen  24,  die  solcher  Begründung  bis  jetzt  ermangeln.     Mit 
Vorliebe  zieht    man  die  Formation    der    augmentirten    und    re- 

Sitzb.  d.  phU.  -bist.  Cl.LXVUI.  Bd.  III.  Uft.  26 


396  Hartel. 

duplicirten  Tempora  heran,   deren   pp  für  ursprüngliche  Doppel- 
consonanten    zeugen    soü.     So  sagt    Curtius   in  den    Er!.-  0(3: 
,die  Verdoppeking  des  p  nach  dem  Augment   hat    ihren  Grund 
darin,  dass  vor  diesem    in    der   Regel    ein    Consonant   ausge- 
fallen ist/     Dagegen  würden  vereinzelte  Bildungen  wie  pspu-to- 
[jiva  J^59,  ipip'.-TC  H15  (vergl.  psptoöai  bei  Find.  fr.   281    Bückh, 
p£pa7:'.5[jiva  Anacreon    fr.    105.    1G3    Bergk,    und    die   aus    spä- 
teren   Autoren    von    Lobeck   Par.  p.   13   gesammelten  Perfecta) 
wenig    zu    bedeuten    haben.     Auch   begreift    man    leicht,    wie 
aus  einem   fifpr,-([xy.'.  icpsFov   die  Formen  sppr,Y[xa'.    'ippzo^f    hervor- 
giengen,  indem  unter    dem    Einfluss    des    Hochtones    die    Assi- 
milation von  rp    Gp  zu  pp  stattfand.  Ob  aber  eine  so  bedeutende 
Zahl  von  Wurzeln  mit  ursprünglichen   Doppelconsonanten  sich 
nachweisen  lasse,    dass    diese    den    Rest    durch    die  Macht  der 
Analogie  in  ihre  Bahnen  zwang,    und    ob    nicht    vielmehr    die 
Doppelung  beim  Augment,  welche  in  älterer  Zeit  mehr  weniger 
bei  allen  Liquiden  sich  einstellte  und  erst  nach  und  nach  ihre 
Beschi-änkung  erfuhr,  von  einer  anderen  Erscheinung  her  Licht 
empfangt,  in  der  man  allerdings    auch   wieder    eine  Spur    dop- 
pelten   Anlautes    zu    erkennen    vermeinte?    Ich    denke    an    die 
Doppelung  der  Licpiiden  in  der  Zusammensetzung,  wie  iuppooc, 
s'jppsToc,  e'jppzivqCj  ßaOuppooc,  ßaO'jppsir/jC,  TcaAi'ppooc,  äY^pp^^c,  Trspi'pp'JTic, 
y.ppr,x-oc^  i'jppasiT/C,  app*/;TO?,  ajj.s'.pp£7:Y^?,  /putroppa-iric,  xoAupp-/;v,  TzpippiCaq^ 
'/.y.-ä.p'y^T^'j.    v22S,    ~zp'.ppTfl^^^c   "/83,   — £'j[X[ji,sXiy)?  ,  a[j,[ji,opoc ,  «[xi^.opi-/;, 
o'J!7ajj-[v.c»poc,  —  avvsssXcc,  avavvtsoc ,   £uvvy;toc,   —  oXXosoc,  zoA'jaX'.utoc, 
TpfAX'.aTo;,  yXKr,Yj:oc.  Auch  diese  ist,  wenngleich  um  vieles  fester, 
doch  nicht  stetig,  nur  unter  dem  Einfluss    der  Arsis    behauptet 
sie    sich,    in    der    Thesis     erscheint    einfacher    Consonant    Avie 
wy.upoo)  E598,  H133,  -mW'.pboio  £441,    p206,    ä'p£XTov    T,510,    aivo- 
\}.opoc  '.53,  ?7S[/opoc  o209.    Man  nimmt  nun  hier  an,  dass  in  dem 
Innern  der  Worte  sich  der  vollere  Anlaut  besser  erhalten,  und 
bei  einigen    wie    ^Cko\i.\>.^\ör^z^   ocyoiTnooq    und    sämmtlicheu    mit   p| 
beginnenden  Wurzeln  ist  durch  die    verwandten    Sprachen  dei' 
Doppelconsonant    crjj-,    cp    oder    rp    sattsam    verbürgt.     Es  kann 
dagegen  nicht  entscheiden,  dass  Aristarch  (vergl.    La  Roche, 
hom.  Textkr.  389  ff.)  in  den    meisten   Fällen,    wie    es   scheint, 
den    einfachen    Consonanton    schrieb.      Wissen     wir    doch    von 
Aristophanes  das  Gegtmtheil,   und  damit  ist  wohl  das  Schwan-' 
keu    der   voralexandrinischen  Quollen,    welches    unsere    FTand- 


Homerische  Studien.  397 

) 

Schriften  widerspiegeln,  verbürgt.     Aristarch    schrieb    einfaches 
p  A  [j.  V  c ,    nicht  weil  er  sah ,    dass    auch    sonst    diese    einfachen 
Consonanten  Position  bilden,  sondern  weil  er  in  der  Doppelung 
eine    vorübergehende,     unter    dem    Einflüsse    der    Arsis    statt- 
habende  AfFection    erkannte,    während    ausserhalb  dieses  Ein- 
flusses das  Wort  in  seiner  gewöhnlichen  Gestalt  -  auftrat.    Aber 
man  wird  diese    Afi"ection    der    Liquida   nicht    trennen    können 
von  derjenigen,  welcher  kurze  Vocale  in  der  Composition  unter- 
liegen, wie  flcvr/AeiQ?,  av^xscxoc,  avr,v£[xia,  avwvufjLO?,  Tuav/^Y'Jp'-?,  £Ür/V£[;.o;, 
'jzr,y.o;;,  ojcv^psT[j.o;  (die  homerischen    Beispiele    und    Ausnalunen 
verzeichnet    Bekker    ITom.    Bl.    278).      Die     Dehnung    erklärt 
sich,  wie  a[j.c;Y^y.-^c,  vs-r^xr^c,  avT^xecTCV,   £^-^[j,o'.ßsc,  eTi-qy.o'.^oq.  avr)[;,cAxx6;, 
äYY7^o)p,  £u-/^vo[)p,  p-^^r^vwp  zeigen,  nicht  durchaus  aus  der  entschie- 
denen   Abneigung    der    Sprache    gegen     eine    Abfolge    kurzer 
Silben,  der  allerdings  dadurch  genügt  wird,  sondern  ist  in  der 
Composition  ein  organisches  Bindemittel  der  Theile,    wie  etwa 
der  Accent    im   Deutschen.     Wie    nun    bei    vocalischem  Anlaut 
der  Vocal,  so  wird  bei  liquidem  Anlaut  der  verlängerungsfähige 
Dauerlaut    gedehnt,    und   Ausdruck    der    vollzogenen    Dehnung 
ist    die    Doppelung.     Als    Zusammensetzung    aber     meine    ich 
wurde  auch  die  Augmentirung  gefühlt.  Die  hiebei  stattfindende 
Verdoppelung  unterscheidet  wesentlich  das,    dass  sie  sich  auch 
und  nicht  selten  in  der  Thesis  behauptet. 

Weit  weniger  will  es  gelingen  bei  den  mit  v  anlautenden 

Wurzeln  den  Verlust  eines  zweiten   Consonanten  nachzuweisen. 

Von   11   in  Betracht    kommenden  Stämmen    haben    nur  4  ein  c 

eingebüsst:    yzjpr,    (ahd.   snara,   snuor),    wioocq    vwoaic;    (ahd.    s^ec, 

lit.  snü/ti)^  vj6;  (skt.  sriuslid^  ahd.  snur\  v^sc;  vau;   (skt.  snatmii 

i  fluo,  vergl.  Curtius  Gz.^  nr.  443).     Für    letztere  Wurzel    kann 

nach  dem  eben  Bemerkten    die    Form    svvsov   9 11,    auf   welche 

(Jurtius    sich    stützt,    wenig    beweisen.     Bei  vsxog    votio;    so    Avie 

bei  vico;  vsssX-/;    ist  ein  Doppelconsonant    kaum    wahrscheinlich. 

Die  andern    Wörter,    bei    denen    der   Nachweis    eines    solchen 

^•änzlich  raisslang,    sind  't'j\).or^^  vjs^x,  vCCo),  vijv,  vr,t:c.     Allerdings 

verbindet    sich  mit    diesen  nur    ITmal    Längung,    während    mit 

den  4  Wurzeln,   welche  die  verwandten  Sprachen  mit  vollercüu 

Anlaut  zeigen,  dies  42mal  der  Fall  ist.  Es  bleibt  aber  immerhin 

•  ■ine    P-cnvagte    Annahme,    dass    ein    c;    vor  v  sich   hiei-  wirksam 

gezeigt    hat,    da    die    gleiche  Abneigung    der    lateinischen    und 


1 


26* 


398  Hartel. 

griechischen  Sprache  gegen  diese  Lautgruppe  eine  Vernichtung 
derselben  auf  einer  früheren  Sprachstufe  zu    beweisen    scheint. 
Ist  aber  die  verfolgte  Methode   die    richtige ,    dann    muss 
sie  sich  vor  allen  bei  [x  bewähren,  welchem  nahezu  die  Hälfte 
aller    Längungen    zufällt;    und   da    an  dem   Position    bildenden 
oiKixpöq  (P757  oxi  cp-ixpfjc)  und  [x'./.p6?  sich  ein  Formenpaar,    wie 
wir  es  brauchen,  erhalten  hat  (vergl,  c7[j,jxT7^p  bei  Hesych.  neben 
[i.u7.Trip,    aiJ.oyzpöq    neben    [/.oyspoc    und    andere     bei    Leo    Meyer 
VG.  I  197)  und   das    Griechische    keine   Abneigung    gegen  die 
Lautgruppe    c[x   zeigt,    so    sind    müt   auf   eine    reiche    Ausbeute 
wenigstens    an    dialektischen     Nebenformen    gespannt.      Darin 
finden  wir  uns  getäuscht.  Und  auch  der  vergleichenden  Sprach- 
forschung,   welche    in    einigen  Wurzeln    mit  [x   volleren  Anlaut 
(T[x  nachwies  (vergl.  in  Curtius'  Gz.  nr.  287  [j-saSo^,  nr.  463  [j-sio'.ao), 
nr.  466  [jApiJ.zpy.    (j.sp'.[j.va,    nr.   479    [J.'jooc),    ist  bei  keiner  der  20 
Position  bildenden  Wurzeln   dieser  Nachweis  seluno-en.    Wenn 
die  eigenthümliche  Perfectform  £r[ji,ap-at  sich  aus    G£-a[xapTa'.  und 
nur  daraus  erklärte,  was  nicht  über  jeden  Zweifel  erhaben  ist, 
dann  wäre  das  12mal  längende  (xoTpa  und  das  wohl  zu  demsel- 
ben Stamm    gehörende   iJ.opöziq  (Hl 83,    c^298)  erledigt.  Aber  wir 
hätten   wenig   gewonnen  ;    300   Fälle ,    die    an    den    19    andern 
Wurzeln  haften  —  es  sind    ij.t(0(.c    und   seine  Composita  so  wie 
[j.£Y£Oo;,  {Xf^ciki'QoiJ.oci ,  ij.zi'C^ndv  ,    ferner  [xs^apov ,    [j.sXiV^ ,    [J-^th;  ,  [jAgv.^, 
[xzkoq^  [j,aAay,6c,  [j(.ap7UT£iv,    [iek<:qo-riq^    ijAXx^    [j.svsat'vw,    [j^sOtsvai,    [j;jpiy.Y;, 
fjLÖOoc,  \)A7.p6q^  \J'y■'C^i^  [j-suov  (und  [xivuSs'.v),  p/^^r/jp,  \x-q  —  blieben  im- 
berührt.  Und  nicht  anders  steht  es  bei  den  20  mit  a  beginnen- 
den   W()rtern:    AiTrapö?,    Xraa,    XiaatcBxi^    A'.-ai,    Xiiaveueiv,    Xr,"jpo?, 
AiY'jq,  Xairap-^,  Xiapöc,    Aoq/cc,    /a'c,    Ai'Ooc,  A'/^yw,  XwTOt;,    Ar,TU),  Xstiisiv, 
A£7,~pov.     Allerdinffs    sind    auch    hier  die    gewagtesten   Versuche 
gemacht  worden,    dem  X  einen    Consonanten    anzuheften,    aber 
sie  sind,    da  sie  sich    nur    auf    die    prosodische    Thatsache  der 
Längung  stützen,  ohne  methodische  Berechtigung,  und  so  weiti 
ich  dies  verfolgen  kann,    ohne  Bestätigung   von  Seite  der  ver- 
wandten Sprachen ,    mit    Ausnahme    der   von  Curtius    (Gz.  nr. 
543)  vermuthcten  Grundform  von  Xtc,  nemlich  "hriq,  welche  dem 
ahd.     hwon  und  dem  ksl.  livü  gerecht  werden  will. 

Die  Seltenheit,  mit  welcher  vor  o  Längung  eintritt,  gegen- 
über der  Häufigkeit  dieses  Anlautes,  lässt  vorerst  daran  zwei- 
feln,    ob  in    d(!ssen    Natur    der   Grund    d(:v  Position  zu  suchen 


lloraorische  Studien.  399 

sei.     Wir  werden  an    einer    späteren    Stelle    die!    Fälle    prüfen. 
Anders  steht  es  mit  F.  In  27  früher  vcrzeiehneten  Versen  stehen 
Formen  des  Pronomens  3.  P.     Fast  alle  verwandten   Sprachen 
haben  Spuren  des  volleren  Anlauts  ar   (verg-1.    Curtius  Gz.    nr. 
GOl,  E.  Windisch,  Ueber  den   Ursprung   des  Relativpronomens 
in  Curtius'  Stud.  II  333,    Christ,  Gr.  Lautlehre    258),   der  auf 
griechischem  Boden,  indem  das  a  seinen  verhärtenden  Einfluss 
auf  die  labiale  Spirans   ausübte,  zu  dem  in  zahlreichen  Formen 
vorliegenden  acf  wurde,   wie  er    andererseits    nach  einem  geläu- 
figen Lautprocess  zu  '  sich  abschwächte.    Es  hat  demnach  alle 
Wahrscheinlichkeit  anzunehmen,  dass  der  epische  Sänger  Oxj'a- 
T£pa  jr^v,  zöjcV   7ro)  u.  s.  w.  gesprochen  habe.     Diesen  Formen 
'lässt  sich  anreihen  das  einmalige  cpiAs  £/,'jp£  5  auch  hier  erkannte 
Hoff  mann    (§.     lOß),    dass    der    Spiritus    asper   Vertreter   eines 
ursprünglichen   -F   sei,  das  sich  als  sv  in  der  Mehrzahl  der  ver- 
wandten   Sprachen     zeigt    (vergl.    Curtius    Gz.    nr.    20).      Die 
übrigen  Fälle  spotten  einer  solchen  Erklärung,    und  der    Laut 
des  F  lässt  sich  auch  nicht  leicht  in  eine  Reihe  stellen  mit  den 
Liquiden ,    deren    ehemalige   Beschaffenheit   uns    die    an    ihnen 
haftenden  Erscheinungen  erklären  wird.     Allerdings    ist   F  eine 
mit  tönender  Stimme  gesprochene  Media    und    deshalb  an  sich 
verläugerungsfähig.    Aber  die  beiden  anderen,   5  und  vielleicht 
j  auch  7    (natürlich    nicht    die   gewöhnliche    Teuuis    ist    gemeint) 
j  zeigen  sich    nicht    so   geartet,    und  es    wäre    kühn    diese  Kraft 
j  gerade  dem  seiner   Auflösung  entgegengehenden  Digamma  an- 
!  zumuthen.      Dies    zwingt    nach     einer    anderen    Erklärung    zu 
j  suchen,  deren  Sonderbarkeit  eine  vorurtheilsfreie  Prüfung  nicht 
,  behindern    möge.     Dass    im    Innern    des    Wortes    r    gern    in    u 
j  übergeht^  ist  eine  mit  zuverlässigen    und    vielen  Beispielen  be- 
I  legbare     Thatsache     (vergl.     die    Zusammenstellung     derselben 
,  in    Curtius'    Gz.-    494    ff.),    und    wenn    Bekker    neben    sÜA-^pa, 
I  xaXajp'i;  vor  Vocalen    aripuc:av ,  äria/oi ,   sFacöv    schrieb ,    so    wird 
j  dies    Niemanden    hindern,    in    dem    einen    wie    in    dem  andei'u 
I  Falle  ej  und  xj  zu  sprechen,    wie   es  dem  Metrum    gemäss  ist. 
;  Dieser  Uebergang  des   F  in  u  wurde  wohl  kaum    als  eine  Ent- 
:  Stellung  des  Wortes  gefühlt,   v\ie  denn  auch  ebenso  leicht  u  zu 
r  wird,    z.  B.    in    dem   Pindarischon    (P.    II   28,   III   24)    xuaxa 
oder  dem  Alcaeischen  (Fr.  4L  B)  h[yjJt  (vergl.    Ahrens    Aeol. 
D.  39)  oder  im    lateinischen   gelegentlich    ein  ahieti   zu   ahjett. 


400  Hartel. 

Nun  finden  sich  mit  Ausnahme  von  2  Stellen  ('Apxep-ioi  und 
avBpi  ly.iXr,) ,  wo  die  Dative  keiner  weiteren  Stütze  bedürfen, 
nur  harte  Vocale  und  zwar  in  der  überwiegenden  Mehrzahl 
a  voi'  dem  f.  Ein  i'asch  zusammengesprochenes  [j.syaF'.äyojv 
mochte  einem  ari'ayoi  nahe  genug  anklingen,  um  sein  xf  oder 
a'j  dem  Vers  als  Lcänge  einzureihen.  Der  homerische  Vers  zeigt 
übrigens  noch  manche  Eigenthümlichkeiten,  die  in  der  veränder- 
lichen Natur  der  Spiranten  ihren  Sitz  haben,  lieber  den  Ein- 
fluss  der  vocalisirten  Spiranten  auf  die  Quantitätsverhältnisse 
der  benachbarten  Silben  finden  sich  werthvolle  Andeutungen  in 
Leo  Meyer's  V.  Gr.  I  308  und  besonders  bei  Delbrück  in 
Curtius'  Stud.  II  195  ff. ;  wir  werden  darauf  noch  zurück 
kommen. 

Ziehen  wir  aus  den  gemachten  Betrachtvmgen    das  Facit, 
so  muss    man    zugestehen,    dass    für   eine    Anzahl    der    hier  in 
Frage  kommenden  Wurzeln  ein    doppelconsonantischer   Anlaut 
erwiesen    worden    ist    und    dass    dieser   geeignet   war,    voraus- 
gehende Kürze  zu  längen.  Dagegen  hat  es  nichts  zu  bedeuten, 
dass  in  vielen  Fällen,  oft  in  der  Mehrzahl  bei  denselben  Wur- 
zeln die  Längung  unterbleibt,  noch  dass  Stämme,  die,  wie    aus 
den  verwandten  Sprachen    hervorgeht,    einmal    einen   doppelten 
Anlaut  hatten,    au    nicht    einer  Stelle   Position    bilden.     Es  ist 
hierin  nicht  ein    willkürliches,   regelloses    Gebahren  des  seiner 
Bequemlichkeit  fröhnenden  Dichters  zu  sehen  oder  anzunehmen, 
dass   liquider    Anlaut   nach   Belieben    dünner   oder   dicker   ge- 
sprochen wurde,  sondern  die  Sprache  war  an  alten  Formationen 
reicher  und  diese  vermochten  sich  zäher  in  festen  Formeln  der 
epischen  Dichtung  zu  erhalten.     Und  feste  Verbindungen   sind 
es  ja,  wie  aus    der    ersten    Tabelle   hervorgeht,    vor    allen,    in 
denen  sich  die  Reste  volleren  Anlautes  zeigen.     Daneben  ver- 
wendete der  Dichter  nach    Bedarf  jüngere   Bildungen,    die  im 
allgemeinen    Gebrauche    bereits    durchgedrungen    waren.     Eine 
spätere  Zeit,  in  welcher  diese  zu   ausschliesslicher  Geltung  ge- 
langt   sind,    hat   in    ihren    metrischen    Producten    den    Schein 
grösserer  Regelmässigkeit,    ihr    Verhalten   zum    Sprachstoff  ist 
im  Ganzen  dasselbe    wie  das    der   alten    epischen    Zeit.     Aber 
wird  die  etymologische  Erklärung  der  Längung  vor    einfachen 
Consonanten  nicht  erschüttert   durch  die  Thatsache,    dass    weit 
mehr  als  die  Hälfte  der  Fälle  bei  ihr  unerledigt  bleibt?  Können 


Homerische  Studien.  4Ü1 

diese  durch  die  Macht  Mschcr  Anah)gic  erzei^g-t  wcn'den  sein, 
oder  hissen  sich  sämniüiche  Fülle  vielleicht  uiif  eine  Qualität, 
die  einst  dem  liquiden  Anlaut  auf  griechischem  Gebiet  eigen 
war,  zurückführen  V 

Ein  durch  seine  Umsicht  und  Sorgfalt  ausgezeichneter 
Forscher  wie  G.  Curtius  steht  mit  unserer  Auffassung  in  voll- 
kommener Uebereinstimmung ;  er  verwirft  eben  so  entschieden 
,die  platte  Ansicht,  dass  zu  Gunsten  des  Metrums  alles  ge- 
stattet sei',  wie  die  gewagten  etymologischen  Annahmen,  die 
auch  dort  Verluste  an  Consouanten  erblicken,  wo  die  ver- 
gleichende Sprachbetrachtung  für  die  unversehrte  Erhaltung 
des  Anlauts  entschieden  hat.  Er  glaubt  einer  befriedigenden 
Erklärung  näher  zu  kommen,  , durch  eine  richtige  Einsicht  in 
die  eigenthümliche  Beschaffenheit  des  gesammten  homerischen 
Dialects.  Dieser  Dialect  erweist  sich,  je  weiter  die  Forschung 
vordrinfft,  um  so  mehr  als  das  Froduct  eines  conventioneilen 
Sängerbrauches,  welcher  eine  Menge  uralter  Formen  und 
manche  im  Erlöschen  begriffene  Laute  bewahrte,  aber  daneben 
sich  auch  viel  jüngerer,  damals  offenbar  im  Leben  schon  üblich 
gewordener  Gebilde  bediente  und  eben  dadurch  jenes  Gepräge 
deir  Buntheit,  des  Formenreichthums,  der  schwankenden  Regel 
erhielt,  welches  bei  einer  wirklichen  gesprochenen  Sprache 
kaum  denkbar  wäre,  der  Sängersprache  aber  bei  dem  Baue 
der  Verse  die  allergrössten  Vortheile  darbot.  Zur  Zeit,  da  sich 
dieser  Dialect  der  epischen  Sängerschulen  —  wie  wir  wohl 
sagen  dürfen  —  constituirte,  erschien  schon  vieles  als  Licenz, 
was  in  Wirklichkeit  Antiquität  war.  Nichts  lag  daher  näher, 
als  dass  das  Gebiet  epischer  Licenzen  auch  über  den  Bereich 
der  Antiquitäten  hinaus  —  also  nach  falscher  Analogie  — 
erweitert  ward.  In  dem  Glauben,  dass  ({likoii.iJ.eio-qc,  sein  doppel- 
tes [j.  einer  blossen  wenn  auch  altherkömmlichen  Doppelsetzung 
verdankte,  wagte  man  qj.jj.aOs,  ja  selbst  iiJ.iJ.evy.'.  (1'3()5),  fügte 
man  zu  iizl  Vijprj  (vergl.  d.  Sch)iur,  snar  Grundz.  ^  21)5),  ein  ÜTzb 
veifco;.  Immer  blieben  auch  diese  Neuerungen  durch  die  Auto- 
rität derer,  die  sie  mit  grosser  Mässigung  einführten,  auf  einen 
gewissen  Kreis  von  Wörtern  beschränkt.  Aber  natürlich  war 
zu  solcher  Neuerung  bei  sehr  viel  gebrauchten,  wie  [J^iyac  mit 
seinen  Ableitungen,  am  meisten  Anlass  u.  s.  w.'  Erläuterungen 
z.  griech.   Schulgr.  2.  Aufl.  S.  42. 


402  Hartel. 

) 

Oft  hat  eine  scheinbare,  rein  äusserliche  Aehnlichkeit 
unorganische  j\rissljildLmg-en  in  der  Sprache  hervorgerufen. 
Aber  die  x4u nähme  einer  Bildung  uacli  falscher  Analogie  hat 
doch  nur  dort  eine  methodische  Berechtigung,  wo  alle  Versuche 
einer  rationellen  Auffassung  erschöpft  sind  (vergl.  Ritschi, 
Opusc.  II  542)  oder,  wie  Curtius  selbst  sich  ausdrückt  (Stud. 
III  o82),  wo  ,unsere  Forschung  aus  allen  übrigen  Positionen 
herausgetrieben  ist^  Und  überzeugend  wirkt  sie  doch  nur 
da,  wo  eine  entschiedene  Mehrheit  organischer  Bildungen 
einer  Minderzahl  anderer  gegenüber  tritt,  und  wo  wir  den 
Process  der  Anziehung  durch  eine  kräftig  genug  in  die  Ohren 
fallende  Aehnlichkeit  ich  möchte  sagen  nachfühlen  können. 
Es  begreift  sich  wie  ein  75mal  vor  Liquiden  als  Länge  vor- 
kommendes §£  (seine  organische  Berechtigung  vorausgesetzt) 
einmal  0478  ein  ol  to^ov  (P4(33,  ^''198  ist  die  Lesart  unsicher) 
erzeugen  konnte,  es  begreift  sich  wie  die  mit  p  und  allenfalls 
auch  die  mit  v  beginnenden  Wurzeln  vor  einigen  anderen 
gleichen  Anlauts  Längung  auftreten  Hessen.  Was  hat  aber 
p  im  Anlaut  für  eine  Aehnlichkeit  mit  X  und  |j.,  welche  noch 
dazu  in  so  überwiegender  Mehrheit  kurze  Silben  längen? 
Warum  hat  sich  diese  Licenz  nicht  auf  jeglichen  explosiven 
Anlaut  übertragen?  Man  kann  nicht  wohl  darauf  erwiedern : 
A  und  p.  wurden  wegen  ihrer  liquiden  Natur  nach  dem  Muster 
von  V  und  p  behandelt,  oder  man  muss  zugeben,  was  allerdings 
meine  Meinung  ist,  dass  die  Dauerlaute  in  der  Aussprache  in 
bestimmtester  Weise  von  den  Explosivlauten  unterschieden 
waren.  Damit  aber  bricht  die  Nothwendigkeit  der  Annahme 
falscher  Analogie  in  sich  zusammen. 

Bevor  wir  jedoch  diesen  Gedanken  weiter  verfolgen, 
dürfte  es  sich  empfehlen,  auf  zwei  Dichtungsarten  einen  Blick 
zu  werfen,  welche  mit  den  sprachlichen  Mitteln  der  epischen 
Poesie  arbeiten,  und  die  bis  zu  einem  gewissen  Grad  als 
selbständige  Entwickelungeu  am  ehesten  geeignet  sind,  uns 
zu  sagen,  ob  der  Kreis  metrischer  Eigenthümlichkeiten  ihrer 
Muster  —  mochten  diese  nun  als  Antiquitäten  oder  Licenzen 
empfunden  werden  —  sich  mit  der  Zeit  erweiterte  oder  be- 
schränkte. Ich  meine  die  Hymnenpoesie  und  die  Hesiodischcn 
Gedichte.  Den  einzelnen  Stellen  sind  in  Klammern  die  Verse 
der  Ilias  und  Odyssee    oder  kurz  die  Zahl  der  Längungen  bei 


Homerische  Sludieu.  40d 

den  betreffenden  Wörtern  in  beiden  Gedichten  angefügt,  -[x: 
bn  [j.eyipom  Hymn.  IV  231,  V  252,  lies.  fr.  CXLII  3  (M.),  £vi 
\j.f(ipM  Hymn.  V   164  (lOOmal  mit  l^osition),  hx  [jiyapa    Ilymn. 

V  115  (6mal);  ociv/]v  ts  [xsYiX-rjv  -s  Tlieog.  320  (r221  und  il  vor 
[).t^(-  12mal),  jixsTq  ok  [i.cYäXY;v  Th.  649,  oia  Se  [jAyoi  aoi.pY.6q  Scut. 
364.461,  2e  j^.rj'av  spy.sv  Hymn.  IV  26,  Bs  [^-sya  Oau[j.a.  Hymn.  V  240 
(o£  vor  |X£Y-  24nial),  £lo£i  xe  [^.cysOsi  Scut.  5(B58,  "a337,  o374,  ^249), 
siSc?  T£  tjiYcÖc;  Hymn.  IV  <S5,  i^^aXa  [j^sväA-r;  Hymn.  I  198  (K172, 
0659,  P723  und  ähnlich  6mal),  xooi  ixeva  Hymn.  I  156  (B274), 
Y£V£-s  \j.i^{y.c  Th.  931  (y£V£to  [AeY«  9  412  und  ähnlich  3746,  i330, 
?247,  \307,  <1>256),  iv-^^  Tjp\  [j.z^^iV  -laizzxzc  'Äv]  Th.  694  (vergl. 
acysV  \>.z.'{£/M  19,  ■/.247  und  andere  Dative  E146,  V459,  M224, 
N193,  11115,  P739),  c!Xf.€(  \).z-;£/m  Sc.  455  (A572),  i-b  [j.i-'yloj 
Sc.  437  (eine  ähnliche  Verbindung  fehlt),  CaTpesea  \j.t^(yXr,'/ 
Hymn.  1302  (vergl.  cususa  [xv^yX-q^i  *^243);  a'-ppw  vn  ij.aXay.w  Hymn. 

V  5  (vergl.  süvr^  vr.  [i.yXy:/.ri  1618,  K75,  X504,  •/196),  Xsti.;,wv'. 
(jLaXay.o)  Hymn.  1118,  /Xxtvxv  is  [jSKT/:r,v  Hos.  Op.  537  (vergl. 
a56);  Y.xzk  (xsOov  Sc.  158  (:i:  159,  «1»310).  Also  von  allen  20 
Stämmen  auf  [x  kehren  nur  4  wieder  und  zumeist  in  festgefügten 
Verbindungen.  Neu  ist  nur  die  Längung  vor  ;x£po;  in  dem 
dreimal  begegnenden  %kriY-pM  ir.v.pr,~(C,t  y.axa  [xipoq  Hymn.  Merc. 
53.  419.  501,  in  welchem  Niemand  die  alterthümliche  Formel 
verkennen  wird.  [JÄpaq  selbst,  das  ebenso  wenig  wie  [/spiuiv  bei 
Homer  vorkommt  (vergl.  Curtius  im  Philologus  III  738),  hat 
mit  den  W.  smar,  von  der  [}.ip\[}:iy.  [uipixT^piCb)  stammen,  nichts 
zu  thun,  und  darf,  wie  wir  früher  sahen,  ein  gleicher  Anlaut 
aus  der  Perfectbildung  ii\).ypxy.\  nicht  für  \xipoc  und  seine  Sippe 
erschlossen  werden.  —  p :  ~z  'Vv.Tt  ~t  Th.  135,  te  'Pctr^  t;  Hymn. 
I  93,  [rrivr^p  t£  T£i'^  Hymn.  IV  43  (0  187  T£y.£TO  'Pda);  o-.a  p-.vsu  lies. 
Op.  515,  r.tpl  pivoTo  Hes.  Sc.  152  (9mal) ;  'i-t  t£  pbv  Plymn.  I  139, 
xal  £Tic  p(ov  Hymn.  1382  ('191,  625,  S154);  £-1  p-r;Yl^-Tvt  OaXä^cY;; 
Hymn.  490.  505.  508  (o430  und  lOmal) ;  i£pä  -£  pä'Ccu^i  Hymn. 
I  391  (£  102  und  in  anderen  Verbindungen  14mal);  \\xtXXr,a 
prj^vivopa  Th.  1007  (11228,  1146,  N324,  11575);  o\  oh  pr^sjovis; 
Hymn.  I  516  (E571);  a-b  pi'Qr^q  Hymn.  V  12  (A846);  O-äb  p-.::-?-; 
Hymn,  I  447  (M462,  Z414,  0171,  T|358,  tl»12,  6192);  'Ikb  t£ 
poS6Tur(-/jv  Hymn.  XXXI  6  (£l21);  o'.x  po)--(^'.a  7:uy.va  Hymn.  XIX 
8  (U'122);  iNiccov  -£  'Pöotov  Th.  341  (M20).  Wir  sehen  mithin 
die  Hälfte  der  homerischen  Wurzeln  an  Stellen,  die  meist  auf 


404  H  a  r  t  e  1. 

unverkeunbarer  Nachahmung  beruhen.  Neu  mit  Position  er- 
scheinen nur  zwei  Wörter.  Davon  ist  das  eine  ein  Eigenname 
Oäai'v  TZ  T-^c7cv  T£  Th.  341 ,  und  findet  sich  nur  M20  'Pr;acc  6' 
'Eizm-opöq  T£  KäpYjaoc  ts  Tsotoc  ts  ,  ein  Vers  der  dem  Dichter 
der  Theogonie,  wie  v.  341  zeigt,  recht  geläufig  war  und  ein  tI 
T^cov  durch  sein  -£  Tcobc  bestens  erklärt.  Das  andere  zocratv 
•jTcb  paoivoTaiv  ae^sTo  Th.  195  ist  vollkommen  gerechtfertigt;  denn 
noch  Sapplio  singt  ttcöw  oajj.£iaa  TcaTos?  ßpaoi'vav  o-.'  'Aspooi'-cav  fr. 
90  (B)  und  SpTray.i  ßpasivw  se  /,x>a(rt'  sVy.aaoo)  fr.  104,  und  viel- 
leicht hiess  es  U'583;  wie  die  Handschriften  bieten,  /,£p<j'w 
iye  paoiviQv,  nicht  mit  der  Vulgata  'iy^v.  Doch  ist  dies  wie  alles, 
wo  das  paragogische  v  mitspielt,  höchst  unsicher  und  unbrauch- 
bar. —  a:  Ol  A'.Yswc  Hymn.  III  425  (y.  201,  Tr216);  iüostto-s 
M^ouai  Th.  221  (1191,  687);  -OTavcTo  X-.Tuapv^v  Th.  901  (12mal); 
•JTO  X'.Yupwv  Sc.  278  (N590,  ^^215).  Mithin  von  20  nur  4  Wörter, 
aber  dafür  zwei  neue:  KXwOw  ts  Aa-/£C7'.v  Th.  218.  905;  Ay;Oy;v  7£ 
Ai[jiv  T£  Th.  227.  —  v:  a%o  v£jp^c  Sc.  409  (A476.  664,  Ö300. 
309,  N585,  0313,  0773,  •M13);  [j.izx  vz^.izo^'.  Hymn.  IV  67 
(vergl.  y.xTa  v£^££(7(Jt  P594,  sonst  längt  viooc  19mal);  0£  vü[j.cpai 
Hymn.  IV  119  (-.154,  v355);  £Sp£  o'  £vl  vr;o)  statt  des  hand- 
schriftlichen £up£  o'  £v  vr,w.  Hymn.  V  319  ist  eine  Verbesserung 
Ruhnken's,  die  nicht  evident  ist,  weil  auch  £yp£v  o'h  möglich. 
Neu  ist  mithin  nur  £ps(i)v  itpy.  y.xXy.  y^y-Tx  v:;xov  '<Xiay:rp:!x\  Th.  417. 
Der  einfache  Anlaut  der  Wm-zel  steht  durch  die  verwandten 
Sprachen  ausser  Frage  (vergl.  Curtius  Gz.  nr.  431).  Herkunft 
aus  alter  religiöser  Formel  ist  möglich.  Vor  den  anderen  8 
Stämmen,  welche  bei  Homer  Position  bilden,  findet  sich  nir- 
gend Läugung.  —  B :  [xsva  t£  c£ivdv  -z  Hymn.  I  401  (A 10, 
t322);  B£  oöivoTr.  Sc.  236  (vergl.  Vz  3£isavx£c  -.236.  396);  ca 
\v.\).bq  T£fpsßo;  t£  Sc.  195  (A37).  Neu  ist  nur  dcTub  oaxiocu  Hymn. 
V  283,  welches  durch  die  früher  genannte  Nebenform  ua7:£00V 
seine  etymologische  Begründung  findet.  —  r:  \}.z-{£Ky.  -.ä/iJjav 
Hymn.  V81,  h.£Y^  •^7/'^'''  ^c.  451  (hingegen  \j.z-(iV  \x/y>  382, 
vergl.  ß428,  7[A£poaA£cv  liyrpz  Hymn.  XXVIII  11  und  6  ^h 
•ay;?)  Sc.  441j;  a-b  zo  0-^y.£  ^£oovo£  Hymn.  V  253;  Oj-.'aTipa  -J^v  Th. 
819;  y-al  zatipa  5v  ^'Xp-^v  Sc.  59.  Die  Stelleu,  deren  Nach- 
ahmimg hier  vorliegt,  sind  früher  ausgeschrieben  worden.  Ver- 
hältnissmässig  noch  häufiger  findet  sich  die  Verdoppelung  der 
Consonanten  in  der  Composition  der  betreffenden  Wurzeln,  wie 


Homerische  Studien.  405 

ßaGyppsi-rao    Th.    265,   ßaöjppioj    Ilymn.    111    185;   aväppsov    Hymu. 

V  34,  -Ept?p6T(o  Th.  290,  euppstr^v  Th.  US,  at/sippÜTw  Th.  983, 
c'.appY;or;v   Hymn.  III  313,    y^p^ipp^rj.z    Hymu.  III  539,    IV    117, 

V  355,  XXIX  8.  13,  appr^y-TStsi  Hes.  Op.  9G,  avsTcippsy-xcov  Op. 
748,  -cavüpp'.i^oi  Sc.  377,  X'.Ocpptvoto  Hymu.  III  48  (Pierson's 
CoDJectur  für  das  hdsch.  ota  p'.voTo),  azcppaiisiv  Th.  -393,  a-oppi'i/cvT-. 
Sc.  215,  c;'.Ao[x[j.£'.orj?  Th.  256.  989  und  sonst,  y.\j.\j.opoc,  Hymn.  V 
481,  ti)\i\it/dr,q  Sc.  368,  -KoK'jXkiGToiai  Hymn.  I  347,  V  28, 
v£iXA2JToc  Hymn.  III  241,  'AixstACYi'ac;  Th.  229  (ist  unsichere 
Lesart),  'jr^ooo^hxq  Sc.  98  (neben  u-aiBct'Scasv  Hymn.  III  165), 
aYxvv'.scv  Hymn.  III  325.  505.  Diese  Fälle  haben  zum  ^^rössten 
Theil  ihre  Vorbilder  in  Ilias  und  Odyssee,  kommen  aber  über- 
haupt nach  dem  früher  Bemerkten  für  unsere  Frag-e  nicht  in 
Betracht. 

Aus  diesen  Thatsachen  lassen  sicli  zwei  nicht  unerheb- 
liche Bemerkungen  ableiten.  Die  eine  trifft  die  Vertreter  der 
Ansicht,  welche  die  vermeintlichen  Freiheiten  des  homerischen 
Verses  g-lauben  aus  dem  Gesichtspunkte  des  metrischen  Be- 
dürfnisses oder  der  metrischen  Bequemlichkeit  rechtfertigen  zu 
können.  Bequendichkeit  und  Bedürfuiss  trifft  so  gut  zu  bei 
den  älteren  Epikern  wie  bei  den  jüng-ercn,  ja  bei  der  didakti- 
schen Epik  mit  ihrer  widerspenstigen  Namenmenge  und  einem 
Objeet,  das  die  Behandlung-  in  hergebrachten  und  abgeschlif- 
fenen Formen  am  wenigsten  vortrug,  in  noch  höherem  Masse. 
Und  schöpften  die  Dichter  ja  nicht  ihre  Kunst  aus  einem  gra- 
dus  ad  Parnassum,  dessen-  strenge  Regeln  gleichmässige  Cor- 
rectheit  bezweckten  und  erreichten,  sondern  sie  leitete  der  In- 
stinet,  der  was  bequem  ist  nicht  meidet.  Aber  gerade  die 
Hesiodischen  Werke  gestatten  sich  in  828  Versen  nur  3inal 
diese  Bequemlichkeit,  und  dies  in  überkommenen  Fügungen. 
Die  andere  Bemerkung  geht  gegen  Curtius.  In  den  durch- 
suchten Dichtungen  fanden  wir  nm-  jene  Verlängerungen  vor 
Liquiden,  die  in  vielfachem  Gebrauch  zu  abgegriffcnei-  IMüuze 
geworden  waren,  die  man  weiter  cursieren  lässt,  ohne  ihr  Ge- 
präge zu  prüfen,  und  diese  in  höchst  dürftiger  Vertretung. 
Darunter  nur  (>  neue  Fälle,  von  denen  zwei  (a~b  caTriooj,  b-o 
paB'.voTsi)  sich  begründen  Hessen.  Die  anderen  4  können  Wie- 
derholungen aus  alten  verlorenen  Formeln  sein,  und  wenn  sie 
es  nicht  sind ,    so  bleibt  zu  erwägen ,    dass   drei    von  ihnen  an 


406  H  a  r  t  e  1. 

Eigennamen  haften,  also  Erweiterung  einer  Licenz,  wenn  auch 
nicht  aus  zwingendem,  so  doch  aus  verlockendem  Grunde  vor- 
liegt (Theog.  218  =  911.  227.  341).  Von  den  Eigennamen 
heisst  es  bei  Bekk.  Anecd.  1176:  öl  h-'S)ei).v^y.  -ävrw;  x,ojAbv 
-O'.ojat  TTOAAaxtc  ibv  jt-z/ov  -/.x:  oCx  tojtg  5  r^o':r,-r,z  /.a-sspöv^ae  xb 
yipvM^eq  xou  [lixpo'j  cc3c  Tr;v  ävav'/.viv  tv;;  evvci'ac.  Wir  sehen  mit- 
hin nicht  ein  Gebiet  epischer  I^icenzen  über  den  Bereich  der 
Antiquitäten  sich  erweitern,  sondern  das  Gebiet  der  Antiqui- 
täten sich  verengen ;  die  Antiquität  kann  nur  dort  ihre  Exi- 
stenz behaupten,  wo  sie  der  Damm  einer  festen  Formel  gegen 
Vernichtung  schützt.  Allerdings  setzt  Curtius  die  Vermeh- 
rung dieser  Licenzen  in  die  Zeit,  da  sich  der  Dialect  der 
epischen  Sängerschulen  constituirte ,  das  ist  erlieblich  früher 
als  die  muthmassliche  Zeit  der  Hesiodischen  und  Hymnen- 
poesie. Aber  hat  es  etwas  Wahrscheinlicbes ,  gleichsam  eine 
doppelte  Strömung  in  der  Verstechnik  anzunehmen,  indem 
anfangs  der  Kreis  metrischer  Licenzen  in  entschiedener  Aus- 
breitung begriffen  wäre,  und  gegen  Ende  ebenso  entschieden 
zurückgedämmt  würde?  Derartiges  erftiliren  wir  auf  dem  Ge- 
biete der  Kunstpoesie.  In  der  älteren  epischen  Poesie  ist 
dafür  kein  Boden,  hier  gehen  prosodiscbe  Wandlungen  mit 
den  Wandlungen  des  Sprachlebens  Hand  in  Hand.  Auf  die 
späteren  griechischen  Kunstepiker,  bei  denen  zahlreiche  Ver- 
längerungen getroffen  werden,  denen  es  an  vollkommen  pas- 
senden Mustern  in  den  homerischen  Gedichten  mangelt ,  wird 
man  sich  nicht  berufen  und  etwa  annehmen  können,  dass  die 
fehlenden  Muster  mit  der  nachhomerischen  Epik  untergingen; 
denn  diese  Freiheiten  haben  ihren  Grund  vielmehr  darin,  dass 
die  Dichter  sich  aus  den  homerischen  Fällen  Regeln  abstra- 
hirten,  die  noth wendig  zu  Anwendungen  über  den  Kreis  der 
vorliegenden  Induction  hinaus  führen  mussten,  z.  B.  dass  vor 
Liquiden  überliaupt  geläugt  werden  könne.  Es  würde  zu 
weit  führen  und  für  diese  Untersuchung  ohne  Nutzen  sein, 
dies  durch  Herzählung  der  von  Hermann  (Orph.  699  ff.)  ge- 
sammelten Beispiele,  die  sich  leicht  vermehren  lassen,  näher 
zu  begründen. 

Warum  aber  Hessen  die  Hymnendichter  und  Hesiod  Frei- 
heiten fallen,  die  den  Bau  des  Verses  nur  zu  erleichtern  im 
Stande    waren    und  die  in  so  namhafter   Zahl  in  den  Homeri- 


Homerische  Stndifin.  407 

sehen  Gedichten    vorliegend   zu  .ausgedehnter  Anwendung  auf- 
forderten? Ich  glaube,  darauf  giebt  es  nur  eine  befriedigende 
Antwort.     Die  Sprache  war   zum  Theil  eine  andere  geworden, 
und  was  ehedem  ein  treues  Abbild  der  wirklichen  Aussprache 
wai",  das  stellte  sich  nun  als  etwas  Fremdartiges  dar,  das  man 
ohne  die  Autorität  vorliegender  Muster  zu   wiederholen  oder  zu 
erneuern  sich  scheute.  Also  was  ich  annehme  ist  eine  so  volle 
Articulation  der  Liquiden  X  [x  v  p,  dass  diese  dem  Werthe  von 
Consonantengruppen    nahezu    gleichkamen     und     wie     diese 
Position    bilden    konnten.     Und    das    muss    einmal    allgemeine 
Eigenschaft  der  griechischen  Liquida  gewesen  sein,    wie    sich 
aus  anderen  Erscheinungen  noch  zeigen  wird.  Sie  sanken  aber 
von  dieser  Lautstufe  herab,    indem  sie  demselben  Process  der 
Verwittei'ung   unterlagen,    der    als    ein    allgemein  giltiges  Ent- 
wickelungsgesetz  der  Sprache,  nach  welchem  die  Veränderung 
der    Laute    sich    vollzieht,    erkannt    ist    (vergl.   Curtius,    Gz. 2 
?>C)5,  Scherer,    Zur  Gesch.  d.  d.  Spr.,  S.   86).     Man  wird  dies 
befremdlich    finden,    dass    ein    Consonant    in    der    Aussprache 
solle  nahezu  die  Geltung  zweier  gehabt  haben.  Man  wird  viel- 
leicht in  diesem  .nahezu'  eine  halbe  Zurücknahme  der  sewas:- 
ten  Behauptung  vermuthen.  Mit  Unrecht.  Die  Physiologie  lehrt 
uns,    dass    ein    wesentlicher  Unterschied    zwischen    den  Mutae 
und   Liquidae    bestehe.     Bei    der  Erzeugung  der  ersteren  wird 
irgendwo  im  Mundkanal    ein  Verschluss    gebildet,    bei    dessen 
Lösung  die  Luft  mit  stärkerem    oder    schwächerem  Geräusche 
hervorbricht.     Der  p]indruck  dieser  Explosion  auf  das  Ohr  ist 
ein    augenblicklicher,    wesshalb    man    auch    passend  diese  Ex- 
plosivlaute   momentane    Laute    genannt    hat    zum   Unterschied 
von  den  Liquidae   oder  Dauerlauten.  Bei  der  Erzeugung  dieser 
wird  an  bestimmten  Stellen  des  Articulationsgebietes  eine  Ver- 
engung gebildet,    durch  welche  die  Luft  bei  tönender  Stimme 
sich  hindurchpresst  und  wobei  durch  die  Reibung  ndcr  Viljra- 
tion  des  Organes  die  Laute  sich  bilden  (r.  g,  X,  p),  oder  indem 
der  Mundkanal  für  die  Luft  versperrt  ist,  nimmt  sie  den  AVeg 
durch  die  Nase    und   hier  erzeugen  sich  eine  Art  Vocale ,    die 
Semivocales  oder  Resonanten  [x  und  v.     Diese  Laute  dauern, 
man  kann  ein  Ansetzen,    Klingen    und    Austönen    der    Stimme 
unterscheiden    und    sie    haben    dadurch,    sowie    durch    die  Art 
ihrer  Erzeugung  eine  gewisse  Verwandtschaft  mit  den  Vocaleu 


408  H  a  r  t  e  1 

(vergl.  Brücke,  Grundzüge  der  Physiologie  und  Systematik 
der  Spraclilaute,  S.  30).  Nun  aber  setzt  sich  der  prosodische 
Werth  einer  Silbe  aus  dem  Vocal-  und  Consonantengehalt 
derselben  zusammen ;  denn  jeder  Consonant  beansprucht  zu 
seiner  Bildung  einige  Zeit  und  verlängert  die  Dauer  des 
Vocals,  auf  welchen  er  folgt,  um  eben  diese  Zeit.  Da  nun  die 
verschiedenen  Arten  der  Consonanten  und  vor  allen  die  Con- 
sonantengruppen  nicht  eine  gleiche  Zeit,  um  gebildet  zu  werden, 
erfordern,  ist  es  von  wesentlicher  Bedeutung,  ob  auf  einen 
Vocal  ein  oder  zwei  Consonanten  folgen  und  welche ,  und  es 
ist  leicht  denkbar,  dass  ein  kurzer  Vocal  mit  einem  voller 
articulirten  Dauerlaut  eine  Silbendauer  ergab,  die  über  das 
Normalmass  der  kurzen  Silbe  hinausging  und  die  metrische 
Verwendung  als  Länge  unter  besonderen  Umständen,  z.  B. 
wenn  die  Arsis  nachhalf,  gestattete. 

Um  dies  glaubhaft  zu  finden ,  muss  man  eine  Grund- 
ausicht,  welche  die  Theorie  der  quantitirenden  Metrik  auf- 
stellt, nicht  unrichtig  deuten.  Diese  glaubt  die  Silbe  aus  dem 
festen  Bau  des  Verses  loslösen  und  je  in  einem  der  mit  ,lang' 
und  ,kurz^  überschriebenen  uniformen  Fächer  unterbringen  zu 
dürfen.  In  das  eine  Fach  e-ehören  die  Silben  mit  naturkurzem 
Vocal  und  einem  oder  höchstens  zwei  Consonanten,  von  denen 
der  zweite  ein  liquider  ist;  in  das  andere  jene  mit  naturlangem 
Vocal  oder  mit  naturkurzem  Vocal,  auf  welchen  zwei  in  der 
Regel  nichtliquide  Consonanten  folgen,  und  die  \>.x/,^i  GuXXaßi^ 
hat  die  doppelte  Dauer  der  ßpa/sTa.  Die  Zeitverschiedenheiten 
der  natürlichen  Silben  sind  hiedurch  nicht  erschöpft  noch 
fixirt,  wie  schon  daraus  hervorgeht,  dass  kurzer  Vocal  mit 
gewissen  Consonantengruppen  bald  in  die  eine,  bald  in  die 
andere  Kategorie  hinüberspielt.  Die  alten  Rhythmiker  ver- 
niuthlich,  welche  den  prosodischen  Lautwerth  der  Silben,  wie 
er  in  der  Sprache  zur  Erscheinung  kam ,  ohne  Rücksicht  auf 
das  rhythmische  Maass  untersuchten,  hörten  mit  feinem  Sinne, 
ob  auf  den  von  Natur  kurzen  oder  langen  Vocal  ein  Conso- 
nant oder  zwei  oder  mehrere  folgten,  und  stuften  so  die  Silben 
nach  ihrer  1-,  l'/.^-»  2-,  2'/2-  ^^"^1  3-zeitigen  Dauer  ab.  .Wer 
möchte  in  Abrede  stellen ,  dass  sich  in  dieser  Doctrin  der 
alten  Rhythmiker  eine  liebevolle  und  (nngeheude  Betrachtung 
der  Sprache  kundgibt?'  bemerkt  Westphal  (A.  G.  M.  283), 


HomeriscliP  Studien.  409 

und  Avir  können   hinznfügen,    eine    (hircliaus  richtis^c ,    boi    der 
wii-  ntir    über  die  Feinheit  der,  wie    es    scheint,    durch  Instru- 
mente niclit  unterstützten  Wahrnehmung  staunen  müssen.  Diese 
Thatsachen    haben    erst  jüngst   durcli    die    sinnreichen    Experi- 
mente,   welche    Professor    Brücke    an    deutschem    SprachstofF 
vornahm,    eine  nicht  unwichtige  Bestätigung   erfahren.     ,Jeder 
Consonant  verlangt  seine  Zeit,    um   gebildet    zu    werden,    und 
jeder  Consonant,  der  einer  Silbe  ein-  oder  angefügt  wird,  ver- 
längert ihre  Dauer,    Wenn  man  in  die  erste  Silbe  des  Wortes 
hachman  ein  Uvular-i?  einschaltet,  so  dass  das  Wort  hrachnan 
lautet,    so  wird  sie  dadurch  nach  meinen  Messungen  etwa  um 
ein  Zehntheil  verlängert,    und  eine  ähnliche  Verlängerung  be- 
wirkt   die    Einschiebung    eines    Uvular-i?    oder    eines  L  hinter 
den  Vocal    der    ersten    Silbe  (harchmmi ,   halchman).     Die  Ver- 
wandlung von  hahnan  in  haxmon  (baksman)  bewirkt  eine  Ver- 
längerung   der    ersten    Silbe    um    ein    Sechstheil    und    darüber. 
Die  Einschiebung    eines  Consonanten    kann    in    Rücksiclit    auf 
den  Zeitverbrauch    der    Umwandlung    eines    kurzen  Vocals    in 
einen  langen  gleichwerthig  sein.     So  haben  nach  meinen  Mes- 
sungen   die     ersten     Silben     in     hercpncm    und     härman    nahezu 
gleiche  Dauer'  (Brücke,  Die  physiologischen  Grundlagen  der 
neuhochdeutschen  Verskunst,  Wien   1S71  ,  S.  70).     Diese  vom 
Consonantengehalt  bedingten  Zeitunterschiede  sind  natürlich  in 
allen  Sprachen   vorhanden ,    weil    in    allen  Sprachen  Zeit   ver- 
braucht wnrd,  nicht  blos  um  dieVocale,  sondern  auch   um  die 
Consonanten    zxt    sprechen,    aber    sie  sind  nach  der  Natur  der 
einzelnen    Sprachen     graduell    verschieden    (Brücke    a.    a.    O. 
79) ;    für  das  Griechische  mit  seiner  rein  quantitirenden  Metrik 
sind  sie  um  ein  Namhaftes  bedeutender  anzusetzen,  als  für  das 
Lateinische  und  vollends  für  eine  der  modernen  Sprachen,  von 
einigen    slavischen    Sprachzweigen    abgesehen    (vergl.    Corssen 
IP  618). 

Die  von  mir  aufgestellte  Hypothese  läuft  also  auf  die 
Frage  hinaus,  ol)  wir  uns  das  Gehör  der  Griechen  fein  genug 
organisirt  denken  dürfen ,  dass  sie  einen  Unterschied  fühlten 
zwischen  Silben  mit  kurzen  Vocalen,  auf  die  ein  Explosivlaut 
folgte,  itnd  solchen,  die  sich  aus  kurzem  Vocal  und  Daucrlaut 
zusammensetzten,  einen  Unterschied,  der  unter  Umständen 
S^rnss  genug  war,   um  die  letzteren  auch   als  rliythmische   Lau- 


410  Harte). 

gen  verwerthen  zii  dürfen.  Indem  Avir  die  Frage  bejahen, 
legen  wir  den  Griechen  eine  sie  vor  Anderen  auszeichnende 
Eigenschaft  bei.  Aber  ist  es  nicht  eine  Thatsache,  dass  die 
romanischen  und  slavischen  Nationen  uns  Deutschen  mit  dem- 
selben Vorzuge  eines  emphndlicheren  Organes  gegenüberstehen? 
Und  ist  es  nicht  gerade  das  Gehör,  das  sich  bei  Völkern  auf 
früheren  Culturstufen  der  feinsten  Entwickelung  erfreut? 
(vergl.  Scherer  a.  a.  O.  K<S).  Uebrigens  sind  wir  hier  in 
der  günstigen  Lage,  Argumente  nicht  blos  aus  solchen  Allge- 
meinheiten herholen  zu  müssen.  Wir  können  noch  das  griechi- 
sche und  lateinische  Gehör  vergleichend  prüfen  an  der  ver- 
schiedenen Behandlung  der  Consonantengruppen.  Ich  habe 
natürlich  einerseits  Homer,  andererseits  die  von  fremden  Ein- 
flüssen verhältnissmässig  noch  wenig  berührte  Plautinische 
Prosodie  im  Auge,  die,  je  weiter  die  Forschung  vordringt,  um 
so  deutlicher  als  treuestes  Abbild  der  volksmässigen  Aus- 
sprache erkannt  wird;  im  Laufe  der  Zeit  und  in  verschiede- 
nen Dichtungsarten  treten  in  griechischer  und  lateinischer 
Sprache  wesentliche  Veränderungen  ein. 

Mit  der  Bewältigung  zweier  Consonanten  ist  ein  merk- 
licher Zeitaufwand  verbunden;  je  schwieriger  sich  der  Ueber- 
gang  von  dem  einen  zum  anderen  gestaltet,  desto  mehr  Zeit 
wird  verbraucht  und  diese  kommt  dem  vorausgehenden  Vocal 
zugute.  Nun  ist  das  grösste  Quantum  an  Zeit  erforderlich,  um 
zwei  Verschlusslaute  nacheinander  oder  eine  Muta  hinter  einer 
Liquida  zu  sprechen.  Dies  scheint  auf  den  ersten  Blick  auf- 
fällig ,  da  ja  den  Verschlusslauten ,  namentlich  den  tonlosen  p 
t  k,  bei  ihrer  momentanen  Explosion  fast  gar  keine  Dauer 
innewohnt.  Aber  nicht  die  Zeit,  welche  der  Eindruck  auf  das 
Ohr  andauert,  ist  entscheidend  für  das  Ausmass,  sondern  jene, 
welche  zur  Bildung  des  Verschlusses  beansprucht  wird  (Brücke 
a.  a.  O.  71).  Naturkurze  Vocale,  auf  welche  solche  Gruppen 
folgen ,  sind  im  Griechischen  durchweg  als  iJingen  gefühlt 
und  behandelt  worden.  Allerdings  finden  sich  bei  Homer  einige 
Ausnahmen;  so  s2o7,  t391  Kürze  vor  cxszapvsv,  E77  und  Khnal 
vor  I-/.äi/avopo?  (auch  Hes.  Th.  345),  B()34  und  r)mal  in  der 
Odyssee  vor  ZayjJvOoc  (auch  Hymn.  I  420,  vergl.  vemorosa  Za- 
cynthus  Aen.  III  270),   Ii824,  AK).",.    121   vor  ZiXs-.a;   bei   'lattata 


Homerische  Studien.  411 

l'>4r)7  1111(1  (lern  Gmaligen  AI-^ü-kv.oc  ist  dreisilbige  Lesung  mög- 
lich (vergl.  Thierseh,  Gr.  §.   146,  8). 

Ich  will  nicht  zu  viel  Gewiclit  leaen  auf  die  vielfach 
bezeugte  Lesart  KaiJ.avopo;  (vergl.  La  Koclie  Hom.  Unters.  4,-J, 
Anm.),  in  der  nach  dem  früher  über  c:xtova[j,at  und  /.iova[j.ai, 
x.£oavv'jp,t  und  c:z.eoavv'j[^,i  Bemerkten  recht  wohl  eine  Nebenform 
erhalten  sein  kann ,  und  darnach  ein  xs-apvov  voraussetzen 
(vergl.  die  reiche  Sammlung  solcher  Nebenformen  bei  Lobeck 
Elem.  T  125),  noch  erinnern,  dass  ZaxjvOo;  möglicher  Weise 
auf  oiay.avOoc  zurückgeht  (Curtius,  Gz.'  544)  und  AaxuvOo; 
Averden  konnte,  wie  aus  La-socv  caxsoov,  aus  ZY;va  (H,2()5)  A-^va 
(auf  einer  Kretischen  Inschrift),  oder,  was  schlagender  ist,  dass 
uns  neben  YA^r/Xr,  auf  Münzen  Aa^y-Xv)  begegnet  (vergl.  Ahrens 
Dor.  d.  90);  denn  Eigennamen  geniessen  eine  privilegirte 
Stellung  und  schlimmer  ist  jedenfalls  der  4malige  Versausgang 
in  TTesiod.  Sc.  Q}.  1(3.  ,35.  H2.)  'MAsy-Tputovcc  und  o  ok  TcpwTOv 
|;,£[xap-oisv  Sc.  252.  Ganz  anders  steht  es  im  älteren  Latein. 
In  wie  grossem  Umfange  diese  Positionsvernachlässigung  hier 
zur  Erscheinung  kommt,  zeigen  die  Zusammenstellungen 
Corssen's  11^  624  —  666.  Corssen  allerdings  sieht  den  Grund 
hiefür  in  dem  verkümmerten  Gehalt  einzelner  Consonanten. 
Aber  wie  hätte  das  herabgekommene  Consonantensystem  sich 
so  rasch  erholen,  das  Schwache  zum  Starken  werden  können, 
dass  Ennius  doch  wohl  ohne  der  Sprache  Gewalt  anzuthun 
die  Consonantengruppen  nach  griechischer  Art  behandeln 
konnte?  Sollen  wir  nicht  vielmehr  annehmen  dürfen,  dass  der 
grosse  Reformator  das  römische  Gehör  in  bessere  Zuclit  nahm 
und  in  der  strengen  Schule  griechischen  Masses  zu  feiner 
Empfindung  erzog?  Uebrigens  zeugt  auch  die  vedische  Metrik 
Positi(»nsvernachlässigung  vor  mehreren  Consonanten,  deren 
lautliche  Festigkeit  nicht  in  Frage  zu  stehen  scheint  (vergl. 
Kuhn    in    den    Beitr.    z.    vergl.    Spraclif.  III  124,  455  S). 

Nicht  anders  steht  es  bei  der  zweiten  Cousonantengrupj)e, 
in  welcher  auf  die  Muta.  eine  Liquida  folgt.  Bei  Hervorbrin- 
gung  dieser  Gruppe  geht  das  Organ  unmittelbar  aus  der  Lösung 
des  Verschlusses  in  die  Verengung  liber.  Zwischen  das  Ex- 
plosivgeräusch und  die  Ai-ticulation  des  Dauerlautes  Iritl  eine 
nicht    messbare  Unterbrechung,    währcüid    die  Pause    zwischen 

Sitzli.  ,1.  pliil.-liist.  Cl.  LXVIH.  !!(].  III.  llft.  27 


412  Hartel. 

zwei  Explosivgeräusclien  selbst  für  gewöhnliche  Ohren  fühlbar 
ist.  Das  ist  der  eine  Gewinn;  der  andere  resultirt  daraus^  dass 
das  Anklingen ,  welches  die  Dauerlaute  begleitet ,  auf  ein 
Minimum  beschränkt  wird,  so  dass  der  Dauerlaut  allein  (in 
den  Fällen  wo  nur  er  Position  bildet)  mehr  Bedeutung  haben 
konnte  als  mit  dem  Explosivlaut  zusammen.  Das  Sprachorgan 
vermag  daher  die  ihm  zugemuthete  Arbeit  in  weit  kürzerer 
Zeit  mühelos  zu  bewältigen,  so  dass  selbst  auf  das  feine  grie- 
chische Ohr  kurzer  Vocal  und  Muta  mit  Liquida  vielfach 
keinen  anderen  Eindruck  machte,  als  kurzer  Vocal  mit  einem 
einfachen  Consonariten,  d.  h.  dass  solche  Vocale  als  Kürzen 
im  Metrum  verwendet  wurden.  Bei  Homer  nun  linden  wir  in 
der  überwiegenden  Mehrzahl  der  Fälle,  wie  aus  der  fleissigen 
Zusammenstellung  des  Materials  in  lia  Roche's  Hom.  Unters. 
1—41  hervorgeht,  Position;  aber  wie  schwach  die  auf  diesem 
Wege  erzeugte  Länge  war,  erhellt  daraus,  dass  sie  zumeist 
der  untei'stützenden  Kraft  der  Arsis  bedurfte,  um  sich  zu 
behaupten.  Dieser  Gesichtspunkt  findet  sich  bei  La  Roche 
nicht,  verlohnte  aber  eine  erneute,  zifFernmässige  Unter- 
suchung. Während  so  das  griechische  Ohr  den  Lautgehalt 
solcher  Complexe  noch  als  liänge,  wenn  auch  nicht  immer 
und  nicht  als  entschiedene  Länge  herauszufühlen  vermag,  ver- 
hält sich  das  plautinische  vollständig  stumpf  dagegen.  Denn 
es  ist  als  unverbrüchliche  Regel  der  scenischen  Versmessung 
von  Ritschi  erwiesen,  dass  Muta  mit  Liquida  niemals  Posi- 
tion bildet  (vergl.  Ritschi,  Opusc.  II  470.  477  ff.  4<S7.  515. 
585  ff.,  Fleckeisen,  Krit.  Mise.  S.  .3.5).  Erst  Ennius  be- 
ginnt mit  der  Einführung  der  griechischen  Regel;  doch  findet 
man  bei  ihm  noch  .ömal  so  oft  Positionsvernachlässigung  als 
Positionslänge  fCorssen  II'-  617),  so  dass  also  unsere  Betrach- 
tung bestehen  könnte ,  wenn  man  den  Vergleich  Homerischer 
und  Plautiuischer  Prosodie  mit  dem  Unterschiede  der  poeti- 
schen Gattung  anfechten  wollte. 

Ich  meine  nun,  dass,  wenn  diese  vergleichenden  Bemer- 
kungen richtig  sind,  in  ihnen  eine  nicht  ganz  unerhebliche 
Bestätigung  der  aufgestellten  Vermuthung  enthalten  sei.  Denn 
wenn  das  griechische  Ohr  bei  den  Consonantengruppcn  in  so 
eminenter  Weise  seine  feinere  Entwicklung  bewährt,  so  wird 
auch  jener  Unterschied  nicht  ohne;  Eindruck    an   ihm  vorüber- 


Homerische  Studien.  413 

gegang-en  sein,  der  thatsächlicli  zwischen  Explosiv-  und  Dauer- 
laut  hinsichtlich  des  Zeitverbrauches  vorhanden  ist.  Eine  wei- 
tere Unterstützung  wird  darin  liegen,  dass  eine  der  griechischen 
analoge  Verlängerungs-  oder  Verdoppelungsfahigkeit  der  Dauer- 
laute  auch  anderwärts  zum  Vorschein  kommt,  wenn  auch  die- 
selbe zumeist  nicht  dui'ch  metrische  Thatsachen  constatirt 
werden  kann.  Dies  ist  der  Fall  im  Ijatein,  nur  hat  hier  die 
Doppelung  einen  weiteren  Bereich,  indem  zwar  vor  Allen  von 
ihr  die  Dauerlaute  l  n,  aber  in  Folge  der  geschärften  Aus- 
sprache, welche  den  lateinischen  Consonanten  im  Anlaute  und 
Inlaute  des  Wortes  im  Vergleich  zu  den  ß-riechischen  eiffen 
war  (Corssen  I^  22S),  auch  andere  Consonanten  betroffen 
werden.  So  finden  wir,  ohne  dass  ein  zuverlässiger  etymologi- 
scher Grund  bisher  erkannt  w^orden  wäre,  die  Doppelung  in 
miUe  milUa  —  letzteres  auf  dem  Monum.  Ancyr.  lOmal 
(Mommsen,  p.  152),  Avährend  sich  die  Grammatikerdoctrin 
im  Plural  ein  /  zu  schreiben  fvergl,  Brambach,  Neugestal- 
tung d.  1.  Orth.  201)  erst  später^  aber  hie  und  da  mit  merk- 
würdiger Con Sequenz  durchsetzte  —  medella,  qnerella,  cvlhvft 
(y-okzic),  SicüUus  (Corssen  I-  226),  Sahinna,  Munnins,  Vinnins 
neben  Snhiiia ,  Munin s ,  Vinivs  (a.  a.  O.  249),  qnaUnor ,  qnot- 
fklie,  littera,  futtüis  (a.  a.  O.  175.  177),  Jnppiter  (a.  a.  O.  211 
Anm.),  mnccidvs ,  hnccina  fa.  a.  O.  227,  Bergk,  Beitr.  7G 
Anm.  1,  und  Corssen  II^  665)  und  sonst.  Die  Schreibweise 
der  Daucrlaute  (II,  nii,jj)  bedeutet  nicht  etwa,  dass  sie  hörbar 
getrennt  gesprochen  wurden,  so  dass  hinter  dem  ersten  ein 
Absetzen  und  neues  Ansetzen  der  Stimme  stattgefunden  hätte. 
, Vielmehr  zeigen  die  Schreibweisen  II,  LL ,  NN  nur  an,  dass 
die  Dauerlaute  j,  l,  v  an  den  betreffenden  Stellen  im  Inlaute 
der  Wörter  die  doppelte  Lautdauer  haben,  wne  da,  wo 
sie  durch  einfaches  J,  L,  N  bezeichnet  sind'  (Corssen  I'^ 
301,  C.  F.  W.  Müller,  Plaut.  Pros.  254,  Anm.  2).  Es  ist 
also  auf  die  Consonanten  angewandt  die  Methode  des  Attius, 
«7,  e,  ü  durch  aa ,  ee,  im  auszudrücken,  die  sich  seit  den 
Gracchen  bis  zum  Anfange  des  dritten  mithridatischen  Krieges 
auf  Inschriften  findet  (Ritschi,  Mon.  epigr.  tr.  22  ff.).  Die 
Consonantenvcrdoppelung  in  der  Schrift  kam  erst  nach  Ennius 
auf  (Ritschi,  a.  a.  0.4  und  PLME  123),  vermuthlich  wohl, 
weil  der  Unterschied    zwischen    einfachen    und    doppelten   Con- 

27* 


414  Harte!. 

sonanten  dem  römischen  Ohre  nicht  viel  vernehmlicher  war 
als  zwischen  km'zem  Vocal  mit  einem  und  kurzem  Vocal  mit 
zwei  Consonanten;  und  es  ist  erklärlich,  wie  der  durch  die 
Schrift  nicht  fixirte  Laut  in  einigen  Fällen  auch  in  der  Aus- 
sprache zu  entschieden  geringer  Geltung  herabsank.  Von  der 
hiedurch  gegebenen  Mannigfaltigkeit  der  Quantitätsverhältnisse 
machten  nun  die  Dichter  ebenso  Gebrauch  nach  Bedürfniss 
und  Laune  wie  Homer.  Wir  finden  neben  dem  gewöhnlichen 
simiUumns  ^  satellites ,  sagittn  gelegentlich  ein  simUumae  (Asin. 
215) ,  sätelifes  (Trin.  833) ,  sttgitd  Cripido  (Pers.  25)  und  ähn- 
liches, wie  Fleckeisen  in  den  Krit.  Mise.  ^1—4:2  näher  ge- 
zeigt; relirjio,  reliqrdae,  relicuos  ist  die  bei  den  scenischen 
Dichtern  übliche  Messung,  hernach  bei  Lucretius  religio 
relligio ,  reliqniae  relliqidae,  relicuo ,  aber  reUatnm  (II  1001) 
neben  relatus  (V  686),  sowie  reicere  neben  reicere;  letzteres 
allerdings  hat  gegenüber  den  anderen  Formen ,  die  nicht  mit 
red  componirt  sind,  seine  etymologische  Berechtigung  (Corssen 
12  227). 

Noch  viel  ausgebreiteter  tritt  die  Consonantenverdoppe- 
lung  in  der  neapolitanischen  Mundart  auf.  F.  Wentrup  hebt 
in  seiner  diesen  Dialekt  behandelnden  Schrift  (Wittenberger 
Progr.  1855)  als  charakteristisches  Mei'kmal  desselben  hervor 
(S.  18):  ,Am  auifallendsten  erscheint  die  häufige  Verdoppelung 
der  Consonanten  im  In-  und  Anlaut  nach  Vocalen  zur  stärke- 
ren Hervorhebung  der  Tonsilbe.  Besonders  häufig  tritt 
dieselbe  bei  den  Liquiden  ein.'  Dort  finden  wir  delle- 
cata  (delicuta),  le  llacrime,  ammare,  rammo  —  jennero  (gener), 
a  Nnapoli,  pe  nmdlo,  —  jerremo  (£pY][j.cc),  amarraggio  (und  so 
durchwegs  verdoppeltes  Infinitiv- jß  im  Futurum,  vergl.  Wen- 
trup 21),  —  che  ssano,  lo  ssiijo ;  aber  auch  comeddia,  Copiddo, 
addorare  und  dappo  (de  post),  duppio  (vergl.  die  Schreibung 
dufplex).  lieber  die  Neigung  der  Liquiden  und  besonders  des 
n  im  Umbrischeu,  sich  zu  verdoppeln ,  vergl.  Savelsberg  im 
Rhein.  Mus.  1871,  S.  134  Anra.  Dass  auch  im  Arabischen 
besonders  im  Anlaute  eine  merklich  vollere  Articulation  dieser 
Laute  vorkommt,  muss  ich  Kennern  dieser  Sprache  zur  näheren 
Entwicklung  überlassen. 

Niemand  wird  in  Abrede  stellen ,  dass  diese  parallelen 
Erscheinungen    in    anderen  Sprachen  unserer  Ansicht  über  die 


Homerische  8tudieii.  415 

Natur  der  g-riechischcn  Daucrlaute  eine  niächtif^c  Stütze  ge- 
währen. Niclits,  was  nielit  schon  durch  das  bisher  Gesagte  khir 
wäre,  lässt  sieh  aus  der  vor-  und  naehalexandrinischen  Ueber- 
lieferung  gewinnen,  die  hier  wenigstens  mit  einem  Worte  be- 
riilirt  sein  mag.  Aristarch  schrieb  in  den  Fällen,  wo  ein 
einfacher  Consouant  Position  bildete,  denselben  nur  einmal,  im 
Anlaute  wie  es  scheint  ausnahmslos,  im  Innern  des  Wortes  in 
den  meisten  Fällen,  so  0  123  zepiocbacja,  1299  jxsTäX-fj^av-'.,  178 
o'.äpat'ss'. ,  aber  cp'.Xcy.ij.cio-/}; ,  /pj^oppa-'.c ,  suppocc  u.  a.  (vergl.  La 
Roche,  Honi.  Textkr.  391  ff.).  Für  Aristophanes  ist  uns 
durch  Didymus  (zu  ß94)  die  Schreibweise  h'.\j.iJ.i^;ipo:z'.  bezeugt, 
die  sich  in  dem  Bankes'schen  Papyrus  -Imal  (12  219.  427.  603. 
664)  und  gelegentlich  in  anderen  Handschriften  findet,  und 
ebenso  =0ivvr,-5?  ß388  (Merkel,  Prol.  zu  Apollon.  Arg.  p.  CIV.). 
Es  ist  nicht  wahrscheinlich ,  dass  in  dem  Aristophanischen 
Texte  diese  Schreib  weise  nur  auf  die  paar  Stellen  be- 
schränkt war,  aber  auch  durch  nichts  zu  erweisen,  dass  die- 
selbe consequent  überall  eingeführt  wurde.  Vielmehr  dürfte 
Aristophanes  hier  wie  in  anderen  Dingen  ein  Bild  der  ihm 
vorliegenden  schwankenden  Tradition  geboten  haben.  Auf  alter 
Leberlieferung  und  nicht  auf  Conjectur  beruhte  die  Setzung 
von  Doppelconsonanten  5  auf  ^aXa-i  äv-fvpxsx  beruft  sich  für 
TpfA/ajTo;  (0  488)  und  avappwvac  (y^  143)  Eustathius ,  und  die 
■/.zvrr,  unserer  Handschriften  wird  auch  in  diesem  Punkte  Reste 
der  voraristarehischen  Recension  erhalten  haben  (vergl.  die 
Stellen  bei  La  Roche  a.  a.  O.  389  und  Hom.  Unters.  47  ff.). 
Nur  kann  daraus  für  eine  ehemals  übliche  wirkliche  Verdoppe- 
lung der  Liquiden  nichts  gefolgert  werden,  so  wenig  aus  dem 
auf  nicht  attischen  Inschriften  häufigen  za  vor  -  ('Ap{77-wv, 
"Ap '.77705 avr,c)  etwas  anderes  als  die  geschärfte  Aussprache  des 
7  erschlossen  werden  darf  (vergl.  K.  Keil,  Spee.  Onomat.  gr. 
104  ff.).  Es  gilt  hier  das  früher  über  die  Aussprache  und 
Schreibung  der  lateinischen  Dauerlaute  Bemerkte.  Aristarch's 
Verfahren  hat  abgesehen  vcni  der  besseren  Ueberlieferung, 
die  wir  dem  Manne  zu  Ehren  überall  gerne  voraussetzen ,  für 
den  Anlaut,  wie  früher  bemerkt  wurde,  auch  die  ratio  für  sich, 
und  bringt  uns  mit  unseren  Handschriften  in  geringe  Collision ; 
für  den  Inlaut  componirter  Wurzeln  ist  es  zweifelhafter  und 
eine  consequente  Durchführung  misslich,   ja  unmöglich,  da  die 


416  Harte). 

Plandschriften  die  Doppelung  theils  treu  bewahren  und  diese 
sich  vielfach  in  der  Thesis  behauptet.  Doch  ist  dies  keine 
Sache,  die  sich  so  nebenbei  entscheiden  lässt. 

Ist  es  durch  die  bisherige  Untersuchung  wahrscheinlich 
gemacht  worden,  dass  die  Positionslänge  der  Liquiden  aus  dem 
volleren  Gehalte  dieser  I^aute  abzuleiten  sei  und  konnte  doch 
nicht  in  Abrede  gestellt  werden ,  dass  vor  nicht  wenigen  der 
betreffenden  Wurzeln  ein  anderer  Consonant  abgefallen,  der 
ehedem  mit  seinem  Nachbar  auf  durchaus  rechtmässigem  und 
gewöhnlichem  Wege  vorausgehende  Kürze  längte,  so  scheinen 
wir  von  einem  beruhigenden  Abschluss  aller  Fragen  noch  recht 
weit  entfernt  zu  sein;  denn  welche  Fälle  sich  unter  dem  einen, 
welche  unter  dem  anderen  Gesichtspunkte  erledigen,  ist  damit 
nicht  im  entferntesten  entschieden.  Wenn  es  auch  nicht 
weiter  gelänge ,  die  beiden  Gesichtspunkte  zu  vereinigen. 
Einiges  wäre  immer  erreicht,  z.  B.  dass  nun  einmal  die  Ety- 
mologen aufhören  müssten,  aus  blosser  Positionslänge  ohne 
weiters  auf  den  Verlust  eines  Consonanten  zu  schliesseu.  Aber 
vielleicht  ist  doch  eine  Vereinigung  möglich,  die  selbst  wieder 
auf  eine  Reihe  anderer  Thatsachen  der  griechischen  Sprach- 
entwicklung ein  Licht  zu  werfen  geeignet  sein  möchte.  Wir 
fanden ,  als  wir  früher  die  Wurzeln  musterten ,  die  ursprüng- 
lich mit  Doppelconsonanten  begannen,  dass  f  vor  p  (Fpay,  Fpa>t, 
Fpc,  rpöv,  FpcTu,  Fpio),  c  vor  v  (cva,  cvap,  cvio/,  avuao  woher  vuoi;), 
und  a  vor  p  (crpu)  verloren  ging.  Das  sind  gerade  einige  jener 
gleichartigen  Consonantengruppen,  welche,  wie  die  vergleichen- 
den Zusammenstellungen  von  Stämmen  beweisen  (bei  Leo 
Meyer  VG.  I  182—222,  Curtius  Gz.2_  621  ff.,  Pott  EF. 
II  297),  im  Lateinischen  und  Griechischen  die  grössten  Ver- 
luste erfahren  haben,  v  ist  im  Latein  überall  abgefallen,  selbst 
da,  wo  sich  im  Griechischen,  wenn  auch  meist  nur  in  dialekti- 
schen Formen,  ein  ß  erhielt  {rosa  ßpooov,  ragio  ßp'J/ao[j-a'.,  vergl. 
Corsseu  I-  311),  so  dass  also  die  Combinationen  vi,  vr,  vn 
beiden  Sprachen  fehlen.  Ebenso  verlor  das  Latein  die  Gruppen 
sl,  sm,  sn,  sr,  während  sich  im  Griechischen  j'x  wenigstens  in 
einer  Anzahl  von  Wurzeln  erhielt.  Wenden  wir  aber  unseru 
Blick  über  diese  Sprachen  hinaus,  so  begegnen  wir  allenthalben 
diesen  Combinationen,  so  dass  man  eine  erst  späte  Auflösung 
und  Erleichterung   anzunehmen    genöthigt    ist.     Leo  Meyer  be- 


Homerische  Studien.  417 

liauptct  demuach  für  die  Zeit  des  Griccliiscli-Iatciuisclien  die 
Existenz  von  sv,  sin,  sn,  sv,  or,  vi  (a.  a.  O.  199.  78).  Conso- 
nauteiioruppen  im  Anlaut  haben  die  Neigiini^,  sich  durch  Er- 
leichterung und  Abschwächung  dem  Organe  gefügiger  zu 
machen ;  das  enthebt  uns  nicht  der  Frage,  warum  gerade  diese 
Gruppen  und  gerade  an  dem  anlautenden  Elemente  eine  Ein- 
busse  erlitten.  Für  die  eine  Hälfte ,  die  mit  F  beginnenden 
Wurzeln ,  konnte  man  den  Grund  in  dem  später  auf  griechi- 
schem Boden  so  herabgekommenen  labialen  lS})irantcn  erblicken, 
und  das  möchte  bestätigt  werden  durch  die  Behandlung  der 
Gruppe  cF  (sv),  welche  durch  die  Zwischenstufen  cF,  7,  '  (pfy.o^ 
ffa§,  ao  in  avoävoj,  r;o6c,  vergl.  suafdjvts ;  aFcX'jpö?,  GVA'jpoq^  r/.jpd?, 
vergl.  socer  socrus ;  cjF'jtcvo;,  ctutcvoc,  'jzvoc,  vergl.  skt.  svcvpnas^ 
somnns),  sich  entlastet,  nicht  wie  Leo  Meyer  annimmt  durch 
(jr,  'F,  F5  denn  im  Lateinischen  schwindet  in  solchem  Falle 
zunächst  v,  nachdem  es  folgendes  ursprüngliche  a  zu  o  umge- 
lautet hat  (Corssen  I^  313),  und  ein  'F,  d.  i.  Iw  wird  durch 
gothisches  hvas  hveila  nicht  für  das  Griechische  erwiesen. 
Unter  dieser  Annahme  würde  man  auch  die  Kräftigung  des 
rückbleibenden  Consonantcn  recht  wohl  begreifen;  wir  hätten 
es  mit  einer  Art  von  , Ersatzdehnung'  zu  thun,  die  sich  an  der 
elastischen  Natur  der  Liquiden  in  derselben  Art  nur  nach 
anderer  Richtung  vollzöge,  wie  dies  Delbrilck's  feine  Be- 
merkungen bei  den  Vocalen  nachgewiesen  haben  (Curtius' 
Stud.  I.  2,  13s  ff.).  Aber  es  bliebe  immer  noch  die  Frage: 
wie  kommt  es,  dass  F  und  besonders  lateinisches  v  sich  so 
lange  und  so  fest  vor  Vocalen  zu  conserviren  wusste,  vor  Con- 
sonantcn so  bald  und  so  vollständig  unterging?  Weist  das 
nicht  darauf  hin,  den  Grund  dafür  nicht  blos  in  der  Natur  des 
Spiranten,  sondern  vor  allem  in  der  des  Nachbarlautes  zu  ver- 
muthen?  Diese  Annahme  ist  gar  nicht  zu  umgehen  bei  den 
anderen  Gruppen  sl,  sm.,  sn,  sr.  Allerdings  bemerkt  Corssen 
L-  277):  ,Das  anlautende  scharfe  s  ist  nun  abei'  im  Lateini- 
schen in  Folge  einer  Erschlaffung  der  Articulation ,  eines 
Hanges  zur  Bequemlichkeit  bei  der  Aussprache  des  Anlautes 
der  Wörter,  nicht  selten  geschwunden^  Dadurch  wird  aber 
kaum  das  Charakteristische  der  ganzen  Erscheinung  erklärt, 
dass  nämlich  cie  Gruppen  af,  .sm,  sr,  sl,  sn  dem  Lateinischen, 
die  Gruppen  7\  up,  zX  dem  Griechischen  vollständig  abhanden 


418  Hartel. 

kamen,  während  die  Abschleifung  der  Verbindungen  7/.,  7-,  at 
zu  X,  TC,  T  auf  einen  kleinen  Kreis  von  Wurzeln  beschränkt 
blieb  (vergl.  Corssen  a.  a.  0.  und  S.  810,  Curtius  Gz.- 
623  ff.,  Leo  Meyer  VG.  I  189  ff.).  Das  drängt  mich  zu  dem 
Schlüsse,  den  ich  mit  jener  Sicherheit,  die  auf  diesem  Gebiete 
der  Forschung  erreichbar  ist,  hinstellen  zu  dürfen  meine,  dass 
die  Dauerlaute  in  einer  früheren ,  der  Homerischen  Zeit  nicht 
gar  zu  fern  liegenden  Periode  mit  vollerem  Gehalt  und  stär- 
kerer Articulation  gesprochen  wurden,  wodurch  sie  zum  Theil 
noch  später  befähigt  waren,  einem  kurzen  Vocal  so  viel  an 
Dauer  beizulegen ,  dass  dieser  dem  Normalmass  der  langen 
Silbe  im  Hexameter  nahe  kam,  andererseits  aber  einen  voraus- 
gehenden Consonanten  vollständig  zu  vernichten  im  Stande 
waren.  Der  Vorgang  dabei  war  derselbe,  durch  welchen  im 
Innern  des  Wortes  der  kräftigere  Consonant  dem  minder  kräf- 
tigen sich  angleicht.  Es  ist  nicht  eine  individuelle  spätere 
Entwicklung,  sondern  eine  hohe  Alterthümlichkeit  des  aeoli- 
schen  Dialccts ,  wenn  dieser  mit  solcher  Regelmässigkeit  die 
Gruppen  atj-  und  cv  in  [xix  und  vv ,  vi  und  pt  in  w  und  pp ,  /.F 
und  vr  in  aX  und  vv  verwandelte  (Ahrens,  Aeol.  dial.  49 — 65); 
denn  diese  Bildungen  müssen  sich  zu  einer  Zeit  vollzogen 
haben,  als  noch  ein  älteres  Accentuationsprincip  in  Geltung 
war,  als  man  noch  oOspioj ,  (j^ip'.o) ,  xtevico ,  xpiviw  sprach ,  da  gar 
nicht  abzusehen  ist,  wie  aus  ^Öspito,  c-£puo,  /.tsvioj,  xp'.vüo  je  hätte 
c-Öippo) ,  areppio ,  xtivvto ,  /.pivv(.)  werden  können.  Es  liegt  hierin 
vielmehr  ein  wichtiges  Zeugniss  für  die  behauptete  Geltung 
der  Liquiden  in  einer  früheren  Periode. 

Ich  fasse  kurz  die  Resultate  der  bisherigen  Untersuchung 
zusammen : 

1.  Die  Längung  kurzer  Silben  im  Homerischen  Verse 
vor  den  mit  a,  [j.,  v,  p,  0,  r  beginnenden  Wörtern  hat  ihren 
Grund  lucht  in  der  Bequemlichkeit  der  Dichter  oder  dem  Be- 
(lürfniss  des  Verses,  noch  in  der  Natur  dieser  Silben,  sondern 
in  der  Beschaffenheit  des  Anlautes. 

2.  Diese  J5eschaffenheit  lässt  sich  bei  einigen  Wurzeln 
aus  dem  Verluste  eines  anderen  Consonanten  erklären ,  aber 
es  geht  nicht  an  zu  behaupten,  dass  von  diesen  Wurzeln  aus 
durch  falsche  Analogie  die  gleiche  Behandlung  auf  eine  Reihe 
anderer ,    denen    doppelconsonantischer   Anlaut   von    Haus    aus 


llomorischo  Studien.  419 

fremd  war,  sich  verbreitete ;  denn  soweit  sich  über  die  Wand- 
lungou  des  Gebrauches  etwas  aus  den  Hymnen  und  Ilesiod  er- 
kennen lässt,  finden  wir  die  Positionslänge  hinsichtlich  der 
Zahl  der  Wurzeln  und  Fälle  in  Abnahme  begriffen  und  nur 
in  üblichen  Formeln  sich  behaupten. 

3.  Diese  Erscheinungen  haben  vielmehr-  ihren  Grund 
sowohl  in  der  Natur  der  Dauerlaute,  die  einst  mit  einem 
besseren  Lautgehalt  ausgestattet  waren ,  der  auch  die  Aufsau- 
gung oder  Vernichtung  eines  voraus  anlautenden  Gonsonanten 
sattsam  erklärt,  als  auch  in  der  Feinheit  des  griechischen 
Ohres ,  welches  kurzen  Vocal  mit  Dauerlaut  noch  als  Länge 
zu  empfinden  vermochte,  wie  es  auch  sonst  gegenüber  dem 
Lateinischen  seine  Schärfe  bewährt. 

4.  Aber  immerhin  muss  dieser  Lautgehalt  der  Dauerlaute  zur 
Zeit  der  Entstehung  der  Homerischen  Gedichte  schon  im  Schwin- 
den begriffen  gewesen  sein,  denn  er  ist  nur  einer  kleinen  Zahl 
von  Stämmen  und  nicht  jedem  Stamme  an  allen  Stellen  eigen, 
wie  auch  sonst  derselbe  Stamm  in  älterer  und  jüngerer 
Formation  begegnet;  ferner  bedarf  er  zumeist  des  Schutzes 
fester  Formel  und  ausnahmslos  der  unterstützenden  Hilfe  der 
Arsis,  um  sich  noch  entfalten  zu  können. 

Die  gewonnenen  Resultate  wjlren  um  nichts  weniger 
sicher ,  wenn  sich  eine  kleine  Anzahl  von  Ausnahmen ,  d.  i. 
Verlängerungen  vor  nichtliquidem  Anlaut,  nicht  auf  anderem 
Wege  beseitigen  Hessen  •,  denn  was  Hesse  sich  erhebliches  da- 
gegen einwenden,  dass  die  Längung  in  38  oder  mit  Einschhiss 
der  Wiederholungen  48  Fällen  nach  falscher  Analogie  bei 
jenen  Endungen,  welche  vor  liquidem  xVnlaut  häufig  sind,  auch 
wenn  sie  vor  explosivem  Anlaut  zu  stehen  kamen,  eintrat? 
Wir  sind  aber  nur  bei  einigen  wenigen  von  ihnen  auf  diese 
Ausflucht  angewiesen.  Die  Mehrzahl  findet  ihre  befriedigende 
Erklärung  in  der  Natur  der  Endungen,  nach  denen  geordnet 
wir  die  bezüglichen  Beispiele  durchmustern  wollen.  Voran 
stehen  die  Dative  auf  t: 

M  244    Oebfj.sv,  zlq  o  /,£v   a'j-b?  svwv  "Aioi  /.a'jOwiJ.a'. 
H 142     ~3v  AuxöopYO?  iKSove  ocXo),  cj  -'.  v.py~z'i  y^ 
s  415     li-ri  TCw?  {j'  S7.ßa{vcvTa  ßaXrj   /.iOay,'.  -^otl  Trs-p-/^ 

*t241        (oOil    O'    £V    7ä7.£V    Zl-TtOV   .   ,    . 


t  194 

0)  309 

P152 

O108 

B116 

0119 

Man 

könnte 

420  [lartel. 

autou  Tcap  vr,i  xs  jj.svs'.v  .  .  .   =  5^444 

aUTOtp    'Oo'JCT/jl    TOOS  .  .   . 

'6c  toi  TCÖXX'   :&£Ao;  y-VcTC,  TiTcXct  zz  xat  auTW 
7,äpTct  Tc  abivd  T£  oiay.pioiv  .  .  . 

O'ko)    T.O'J     All     [J.SAAcl     ■J7t£p[JI,£V£l    ^lAcv    £lvai    (=    1 23, 

i69;  vergl.  N226) 
o&poi  o'  'A/j.aX-v.  9£p£ix£v  .  .  .  (=  147.  176.  19G). 
noch  das  häufige  Aii  ^fAoi^  hiehorziehcn,  wenn 
man  die  Schreibung  als  Compositum  nicht  vorzieht.  Wie  die 
Stellen  zeigen,  ist  es  ebenso  gleiehgiltig ,  vor  welchem  Couso- 
uanten  als  in  welcher  Caesur  die  Dativendung  zu  stehen 
komme. 

Verlässlichen  Aufschluss    über    die    Natur    dieses  i  geben 
folgende  Stellen : 

::  206     v)X'j6ov  cixoaxo)  £T£i  iq  Traxpi'Sa  ya^av  =  t  484,  'f  208, 

'il02.  170,  0)322 
0  224      o'jiy  'Hpay.X'^i  out'  Eupütw  Oi/aXi^i 
!;248      7ua?  §'  ä'p'  'OSuacrv-  £0£cav  .  .  . 
T259     ^,  pa,  7,ai  £v  0£iv(7)   säy.ii  sXas'  ößpip-ov   zy/^oc. 
Dieselben  mit  anderen    nichts    beweisenden    verbunden    linden 
sich  zuerst  gesammelt  bei  Spitzner  de  versu  Graecorum  lierolco, 
p.    44   ff.,    dann    wieder    abgedruckt   bei    Hoffmann    §.    94.  95, 
Düntzer    359 ,    Ameis    zu    'C  248 ,    und    zweimal    in    demselben 
Buche  in  La  Roche's  Hom.  Unters.  49,    Anm.    26    und  111  ff. 
Nichtssagend    aber    sind    die    Fälle    mit    dazwischen   tretender 
Interpunction,  wie : 

>^520     tb    ipiTcv    aüO'    uBati,    £TCt    o'    aXcpiTa    X£'j/.a   7caX6v£iv 

0  285  7.p'J^^<:>  ^">  oi~yX^  öcppa  Xct'j^avTc  xioi'tyjv. 
Wenn  La  Roche  an  beiden  Stellen  seines  Buches  o  144  (soll 
beidemal  heissen  o  149)  hinzufügt,  hat  er  seine  eigene  Odyssee- 
ausgabe einzusehen  vergessen.  Nichtssagend  darum,  weil  wir 
die  Längung  unzweifelhafter  Kürze  in  der  Ilauptcacsur  vor 
Interpunction  noch  in  einem  sicheren  Beispiele  erhalten  haben : 

l366         OÜTl?    £[J,Ol    y'    2V0[J.a.    OuilV    oi    [;.£    Xf/.X7^C7/,0J!7l. 

Nichtssagend     sind    Verse     wie     ApT£[j,ioi    ixiXr;    p37    und    die 
früher    zusammengestellten    wie  t£X£i  o)  c  175  oder    auch  Aii  wc  ' 
U781,    weil  hier    ehemals    nicht  Vocal  an  Yocal    stiess,    nicht 


Homerische  Studien.  421 

'miudcr  die  auf  Contraction  beruhenden  Dative  irf,T'.  '/29\),  U'"315. 
316.  31S;  /.vTQOTi  A640;  ij.x'tii  H'"500,  welche  in  der  Thesis  lang 
'erscheinen  (v£[j-E(;cri  Z  335  findet  sich  am  Versschluss,  Biti  111407 
in  der  Arsis  vor  /.).  Was  aber  folgt  daraus,  dass  diese  Dative 
ihr  '.  nicht  blos  in  der  Hauptcaesur  vor  folgendem  Vocal   lang 
behaupten?    ,Litellujitur   ßrmiorew    esse   dativi   Utteram    i'    be- 
merkt Hoffmann    I   1G4,    und    Festigkeit  bewährt  sich  in  dem 
Widej'stande    gegen    die  Elision  (vergl.  Lehrs,    Quaest.  ep,  47 
;j0f.)    und    der    häufigen    Zulassung    des  Hiatus   (Hoffmann  I  83, 
La  Roche    a.    a.   O.   111  ff.).     Aber   wir    dürfen    diese    Festig- 
keit, wie  wir  es  für  unsere  Fälle  brauchen,    näher  charakteri- 
jsiren  als  Länge.     So    lange    man    nicht    ähnliche    Stellen    bei- 
bringen kann,  wo  anerkannt  kurzer  Vocal  vor  folgendem  Vocal 
lang   gebraucht    wird  —  und    das    ist    unmöglich   — ,  folgt  mit 
[zwingender    Noth wendigkeit    aus    den    angeführten  Versen   die 
'ursprüngliche  Länge   des  dativischen  i.     Dieser  Schluss  würde 
■gar   nichts  von    seiner  Sicherheit    verlieren,    wenn   wahr   wäre, 
was  Düntzer  a.  a.  0.  350  behauptet,    dass    ,die    vergleichende 
; Sprachwissenschaft  gerade  die  Kürze    nachweist'  (vergl.  Dünt- 
zer   iu    der    Zeitsch.    f.    vergl.    Spr.    XVII    46    ff.,    Schleicher, 
Comp.2   567.    572,    Gerland,    Altgriech.  Dativ  61).     Aber    die 
Sache  ist  nicht  ausgemacht,    es    ist   durchaus    nicht  unzweifel- 
haft, dass  im  Griechischen    der  Locativ    mit    seinem    kurzen  •. 
so    durchgängig   als    Dativ    fuugire.    Corssen    bemerkt   I-  733: 
,Der    italischen    Dativendung     -ei    von    consonantischon     und 
/-Stämmen,  die  sich  im  Lateinischen  zu  einläufigem  -ei,  zu  -c 
und  später  zu  -i  trübt,  im  Oskischen  zu  -ei,  einmal  auch  zu  -i, 
das    heisst    ebenfalls    zum    Mittellaut    zwischen  -e   und  -i,    im 
Umbrischcn  zu  -e    und  -t  (A.  K.    Umbr.    Sprd.    L,    122.    127) 
entspricht  im  Sanskrit  die  Endung  -e,  zunächst  entstanden  aus 
i-ai  ....     Wenn  andere  indogermanische  Sprachen,  namentlich 
|die  griechische,    diese  Dativform  nicht  kennen,    so   kann    das 
unmöglich  ein  zureichender  Grund  sein,  jene  italischen  Dativ- 
formen von  den    lautlich    ihnen   genau    entsprechenden    altiudi- 
schcn  und  altbaktrischen  loszureissen,  den  consonantischen  und 
den  /-Stämmen  der  italischen  Sprachen  alle  echten  Dativformen 
labzusprechen,   für  die  /-Stämme  derselben  anstatt  einer  echten 
'iDativfurm  eine  Locativform  auf  -aj-l,  -ej-l  anzusetzen,  von  der, 
labgesehen  von  der  iu  Rede  stehenden  Dativendung  ei,  nirgends 


422  Hartel. 

eine  sichere  Spur  erweislich  ist,  und  weiter  den  italischen 
Sprachen  aufzubürden,  sie  hätten  diese  angebliche  Locativforni 
von  den  /-Stämmen  auch  auf  die  consonantischen  und  die  U- 
Stämme  missbräuchlich  übertragen'.  Diese  Bedenken  Cor- 
ssen's  erhalten  durch  die  nun  auf  griechischem  Boden  erkannte 
Thatsache  eine  bedeutende  Unterstützung.  Wir  werden  also 
in  Uebereinstimmung  mit  anderen  Forschern  vielmehr  annehmen, 
dass  Dativ  und  liOcativ  in  einer  früheren  Periode  der  griechi- 
schen Sprache  eben  so  genau  unterschieden  wurden,  wie  in 
den  italischen  Sprachen ,  und  dass  erst  mit  der  Verkürzung 
des  auslautenden  i  der  Dative  consonantischer  Stämpie  die 
Confundirung  beider  sich  durchsetzen  konnte  (vergl.  (Jurtius 
Gz.2  647.  Anm.). 

Gleichartig  sind  ferner  eine  Anzahl  Neutra  auf  a: 

^  .352    Ta  TTspt  xaAa  pssOpa  .  .  . 

s  343      pwyaXea,  ta  xai  (xoxoz,  ....  (vergl.  v  435) 

,a396     OTCxaXea  iz  /.ai  w[xa  .  .  . 

x353     Ttopcp'jpsa  -/.aO'jzspö' 

ü  7  Tfi'    b-KÖllX    TOXlITTcUai  .   .   . 

T255    TiiXX'  £T£a  xt  xal  ou/,i  .... 

il09       aAAa  xi  y'  acj-apxa  /.ai  av/^pota 

E  745     £?  o'  oyj-ci.  (fki'-fza  xocl  ßr/ceTo  .  .  .  =  6  389 

'i^225     vijv  §',  sTrei  f,o-q    ar^iJ.xx''    ap'.C'paos«    /.aTeXe^ac    (vergl. 
W240) 

'.  147       o'uo'  ojv  xJiJ.aTa  jj.axpa  ■/.'jA'.voi[j.Eva  zotI  yjpaov  (vergl. 
X64). 
Man  sieht    dass    auch   hier  Arsis  und    Consonant   ganz    gleich-' 
giltig   sind;    Tnterpunction    hndet    sich    nur    einmal    hinter    der! 
Endung  ^  343    und  in  dem    unsichern    Verse    'C  269   T.ziaiJ.2X2  xaii 
GTceipä,  xat,  wo  jetzt  Giziipxc  hergestellt  ist.     Wir    sind    nun    hier! 
nicht  in  dem  glücklichen  Falle,  die  Endung  als  lang  selbst  voij 
vocalischem  Anlaut  nachweisen   zu  können ;    denn  0  556   oaivei 
apnrpc-aä,    zxt   wirkt    die    Interpunction,    und    nur  scheinbar    isl 
dies  der  Fall  in    dem    besprochenen    cfj-spoaXia    ?ä//ov    und  ahn 
liehen.     Aber  eine  ebenso  wichtige  Unterstützung    liegt  in  der 
Versen,  welche  das  y.  in  der  Thesis  lang  zeigen.    Es  sind: 

E358     TToXXa  X'.crc7S[;.£voc   ....   (=   «I>3()(S,   \91) 

ü  755    "oXXa  pufjTz'Csay.sv  .  .  . 

v438      ::u-/.va  porfaXe-^jv  .  .   (=:   p  198,   c;  109), 


Ilomprisclie  Studien.  423 

und  vielleicht  darf  man  '.242  i^OXol  T£Tp^y.'jy.AO'.  az'  sij5co;  (gegen 
öo42  "Tpaxu/.)vOv  a-K-z^v^v)  hinzufügen.  Ich  sage  vielleicht,  nicht 
weil  Barnes'  von  einigen  recipirte  Conjectur  T£(;Gapäx'jy.Xcv 
irgend  eine  Wahrscheinlichkeit  hat,  sondern  weil  Eigenthüni- 
lichkeiten  im  Innern  des  Wortes  für  s'ch  betrachtet  sein 
wollen.  Wenn  durch  mehrere  hundert  Fälle  als  ausnahmlose 
Bedingung  der  Positionslänge  vor  Liquiden  Stellung  in  der 
Arsis  erkannt  worden  ist,  stellt  sich  in  den  paar  Fällen ,  wo 
diese  Regel  nicht  beachtet  ist,  die  Annahme  nicht  als  wahr- 
scheinlich, sondern  als  nothwendig  heraus,  dass  hier  die  Be- 
schaffenheit der  Endung  mitwirken  müsse ,  dass  also  das  neu- 
trale -a  nicht  minder  wie  das  dativische  -i  ursprünglich  lang 
gewesen.     Dies  bestätigt  das  Latein. 

Für  die  Länge  des  a  sind  aus  der  handschriftlichen  Ueber- 
iieferung    altrömischer    Dichter,    vorwiegend  des    Plautus,    eine 
lAnzahl  von  Beispielen  von  neutralen  Nominalstämmen,  die  auf 
0,  i  und  auf  einen    Consonanten  auslauten,    zu  Tage   gefördert 
worden,  auf  welche  wohl  nicht  das  ablehnende  Wort   Ritschl's 
fOpusc.    TT    444  ff.)    zu    beziehen    sein    möchte,    so    Men.    OTö 
Kerberä,    cmnpedes^    Rud.    033    oppidä    circüm    vectahor    und  die 
Reminiscenz  in  dem  Vergil'schen  Hexameter  Aen.  464  R.    (/ra- 
riii  sectoque  u.  a.    (vergl.  Bücheier,    Grundr.    d.    1.    Declin.    19, 
Wagner  Rh.    Mus.    XXII.    120   ff.,    425  ff.,    Corssen    T!.^   4ß() 
ind  in  der  Zs.  f.  v.    Spr.    XVI    297).    Ohne    Kenntniss   dieser 
Thatsache  sind  auf  dem  Wege  vergleichender  Sprachbetrachtung 
>elilcicher   (Comp.2  541    und  237)    und   Bopp  (VG.  I  458)   zu 
lorselben    Ansicht  von    der  ursprünglichen  Länge  des   griechi- 
•chen    X    gelangt    (vergl.     Curtius    Erl.-     57).     Nun     vindiciert 
'.war    Schleicher    a.    a.  O.    237    auch     dem    a    des    Acc.    Sing. 
lif  Länge,  aber  es  wäre  zu  kühn,    eine  Reminiscenz  an  diese 
Dessere  Tondauer  in  folgenden  Fällen  zu  erkennen : 
Z,320     r,  "iy.c  Ilepa^a  -av-o)v  .  .  . 
E827     F/^"  g'jY  "Ap-^a  Tdvs  .  .  . 
A  45       TÖq'  öiiJ.o'.g'.v   r/cov   iiJ/yr,pzoi'x  ts  oy-pi-pr,'/ 
i  7-141       vajAo/ov   i:  X[[X£vx,  y.at  t-.c  Osoc  -/jyöiaovsusv 

^der   eine    gleiche  Annahme  Schleicher's  (Comp.'-  004)    in    dem 
finmaligen 
'  y.  42        s"y.xO£  v.j'qxsOa  y.sv^a;  7'jv   /sTpa;  iyovze 


424  Hartel. 

bestätigt  zu  finden  (so  Oscar  Meyer  Quaest.  Hom.  122).  Viel- 
mehr ist  zu  beachten ,  dass  an  4  Stellen  die  Kürze  in  die 
Hauptcäsur  fällt^  einmal  die  Längung-  durch  die  Sinnespause 
("/.141)  kaum  fühlbar  wurde  und  an  den  ersten  beiden  Stellen 
eine  Bildung  nach  falscher  Analogie  vorliegen  könnte ;  denn 
Ospc-^a  •äavTo)v  und  ''Ap-^a  -covs  klingen  deutlich  an  Fälle  an  wie 
'Oojir^a  [ji,£YaX"(^-copa  £81.  149,  'l>]53,  "Aiavxa  [i.e-^a\r,-Lopo(.  PG2G, 
OlvCkfjix  \).eyd%iJ.o^f  und  ähnliche  (E  547,  M379,  no94.  818.  488). 
Der  eigentliche  Grund  aber  scheint  im  Stamme  selbst  zu  liegen, 
wie  später  gezeigt  werden  wird.  Auf  dem  einen  Fall  x42 
gestützt  ein  -/.H'^eäq  anzunehmen  mit  Leo  Meyer  (Zs.  f.  vergl. 
Spr.  VII  219  und  VG.  I  79)  entbehrt  jeglicher  Berechtigung. 
Hier  wie  A45  ist  das  die  Längung  wenn  nicht  bewirkende  so 
doch  entschuldigende,  wie  sich  später  zeigen  wird,  die  Wortform. 

Verwandt    sind    ferner    folgende    Verlängerungen    kurzer 
Endsilben  t 

0  88  opao,  Oexr  xaXssi  .  .  . 

2385  TiTiTs  GsTi  xavu-eTcXc  .  .  .  (=:  424) 

<j)  192  oXßis  Aaspxao  zdi,   izo)^i)[j:fiyc/y^  ''OouGGäu 

A  15.5  ©tXe  xaciYvy]T£,  Oava-ov  .... 

E  .359  cpt'Xs  •/.aci'Yv/jTs,  Y.6[).iGai  .  .  . 

A  338  Si  ulk  nsTswo 

T400  SavOe  TS  xat  BaAt's,  vr^BxXum  .  .  . 

'1^474      V/jTlUTtS,    -üt    VJ    TO^OV    .... 

Y  230     T-^Xqj.a'/c,  TioTcv  .... 

Es  wird  keinem  Widerspruche  begegnen,  wenn  wir  den  Grundi 
der  Längung  in  dem  Vocativ  erkennen ,    nicht    in    seiner   ehe- 
maligen Länge,    obgleich  diese   für  die  ersten  3  Fälle,    die  L| 
Stämmen  angehören,  später  wahrscheinlich  werden  wird ,    son 
dorn  in  der  interjectionellen  Natur  desselben,    welche  ein  Aus- 
halten oder  Absetzen  der    Stimme    auch    da  gestattet,    wo  dies 
dem    Auge    durch     Jntei'punction    nicht     angezeigt    wird.     Wiij 
finden  demnach  auch  H,357   IIo7£icaöv  S7iä[xuv£  und  was  mehr  bc 
deuten  will  W493    Alav    'Icop-svEu  t£,    da  man  ja  so  ohneweiter; 
dem  'Too[X£V£u  ein  Digamma  nicht  beilegen  kann. 

Es  bleiben  somit  nur    einige    vereinzelte  Fälle,    die    ein* 
genauere  Besprechung  eriordern.     Zunächst 

E887      r,  y.£  Uii^  a[/£vr;vbc  £«  yoCkv.olo  Tur/fiau 


Homerische  Studien.  425 

i  . 

Dehnung-  in  einem  zweisilbigen,  überall  leicht  unt(;rzubrin<;cii(U;n 
Worte  wie  aulfällig!  Und  wie  launenhaft  willkülirlich  zugleich, 
da  ja  durch  Benützung  der  anderen  guten  Form  sov  (A7G2, 
'I  (343;  eine  dritte  iV,v,  die  noch  Ahrens,  Ueber  die  Conjng. 
auf  [j.i  S.  30  gegen  Buttmann  AG.  I  530  Anm.  ansetzt, 
existirt  nur  als  Variante  zu  A  762  w?  sov  i(~o-:'  e-v;v  y^)  für  den 
Vers  auf's  beste  gesorgt  werden  konnte.  In  der  That,  wenn  die 
Aufklärung  dieses  Falles  nicht  vollständig  gelingt,  liegt  hier 
eine  Thatsache  vor,  welche  das  Vertrauen  in  unsere  Deduc- 
tionen  ernstlich  zu  erschüttern  geeignet  ist  und  den  Glauben 
an  ein  schrankenloses  Belieben  des  Dichters  kräftigen  muss. 
Man  könnte  auch  hier  zunächst  an  den  Anlaut  erinnern.  Vor 
der  Aspirata  findet  sich  ein  kurzer  Vocal,  wenigstens  im  Innern 
des  Wortes  lang  gemessen.  So  in  dem  trochaeischen  c©iv  M208 
und  ebenfalls  mit  langer  ersten  steht  oa».?  bei  Hipponax  49  (B) 
und  bei  Antimach.  im  Schob  zu  Arist.  Plut.  718  (vergl.  Ovid. 
Met.  VII  383  OpMas  cffufpf  naforvm  vulnera  Comhe).  zisauGza) 
K  478.  502,  2  500  ist  minder  sicher,  weil  i  recht  wohl  die  ur- 
sprüngliche Quantität  des  Vocals  sein  kann  Aber  y;119  bildet 
Zsfjpr/;  einen  Choriambus  und  -.  ist  lang  in  iKtO'jo'j7i  S  17.5  (doch 
vergl.  (1^103).  Anderwärts  finden  wir  o'.Xösö'fov  in  Aristoph. 
Eccles.  571,  ßp5/c;  bei  Theogn.  1099,  und  für  Hesiod  wird  von 
Athenaeus  498  a  zweimal  die  Form  ^xuirsoc  bezeugt.  Röscher 
hat  bereits  in  seiner  trefflichen  Abhandlung  de  nsplratione  vtd- 
gari  ajmd  Graecofi  in  Curtius'  Stud.  I  2,  124  auf  die  doppel- 
consonantische  Natur  der  griechischen  Aspiraten  aufmerksam 
jgemacht,  ohne  dieselben  für  die  Erklärung  der  vorliegenden 
Fälle  verwerthen  zu  wollen,  weil  saepiun  eivsmodi  (?)  yrodnc- 
fiones  efiam.  ante  rdias  consonas  apud  Homerum  reperkmtnr.  Ich 
wäre  begierig  ein  Beispiel  einer  emsmodi  productio  des  c  zu 
erfahren.  Daran  dass  Avirklich  die  doppelconsonantische  Natiu' 
(des  9  die  Verlängerung  erkläre,  lässt  die  Form  t/Jj-kooz  (vergl. 
IZaTccoj  =  zz'^r^  Curtius  Gz.^  029,  Hermann  Elem.  354)  und 
jvor  allem  der  Umstand  nicht  zweifeln,  dass  die  gleiche  Er- 
scheinung in  der  vedischen  Metrik  ])egegnet,  wo  bisweilen 
blosse  Aspirata  Position  bilden  (Kuhn  in  den  Beitr.  z.  vergl. 
ftprachf.  III  472  ff.).  Es  verdient  hier  ])emerkt  zu  werden, 
!flass  die  mit  o  gebildete  Gruppe  c-p  mit  Ausnahtne  zweier  Fälle 
im  Inlaut  ('A^poot'-r,  und  o444  zizX'^^'j.z'^zt)  überall  vorausgehende 


426  Ilartel. 

Kürze  vorlilng-ei't.  Doch  fände  es  wenig-  Glauben,  wollte  man 
eine  Eigentliümlichkeit,  die  im  Inlaut  und  doch  nur  bei  9  hin- 
länglich feststeht,  und  im  Inlaut  auch  nur  und  vielleicht  nur 
in  dialektischer  Aussprache  sich  zäher  halten  konnte,  auf  den 
Anlaut  eines  so  häufig  gebia.uchten  Wortes  wie  /a/aoc,  über- 
tragen. Dies  weist  uns  darauf,  in  der  Form  i'a  den  Grund  der 
Verlängerung  zu  suchen. 

Der  vStamm    es,  über  dessen  Bildungen  jüngst  Leo  Meyer 
(Zs.    f.    V.    Spr.    IX   373—389,    423   ff.);    Corssen    (I^    59(3), 
Curtius  (Stud.  I  2,    290)    ausführlich    handelten,  entwickelt  im 
Praeteritum  eine  mehrfache  Formenreihe,  indem  die  Endungen 
an  dem  einfachen  (£?)  oder  thematisch  erweiterten  (^^^t)  Stamm 
angefügt    werden    und   Augmentirung    eintritt    oder    nicht    ein- 
tritt.     Das    Lateinische    bildet    von    dem    erweiterten    Stamm, 
dessen  a  sich  in    eräs,   erämns,    erätis,    erant    seine    Ijänge    be- 
wahrte, in  eräm,    erat    gemäss  der   Neigung    der  Sprache,  tief- 
tonige  auf  m  und  t  auslautende  Silben  zu  kürzen,  sie  einbüsste. 
So    sind  im  Griechischen    und  Lateinischen    die    Formen    er<l-s< 
und  sa-c  d.  i.  zia-q    oder  Ir^-ai^j.    d.  i.  £cry;-(jOa,    erat    urspr.  erat 
(Hör.   S.  II,   2,  47)    und   -^e-v    d.    i.    -^crs-v,    -^-r^v,    £V,v    d.    i.    vjrf^-v, 
izr-v  XX.   s.  w.  vollkommen  parallel.     Es  lag  nahe  in  dem  r^  der 
griechischen    Formen    den    Stellvertreter    des    ursprünglicheren 
lateinischen  ä  zu  erkennen.     Ahrens    (Gr.    Formenl.^  98)    fasst 
es  als  eine  Verstärkung,   welche  die  Sprache   dem  Singular  im 
Unterschiede  von  Plural  gegeben  hat,  so  dass  sich  -J^-^v  zu   'iyr.i 
wie  hxr^-)  zu  hxaiz  verhielte.     Curtius    erinnert    an    die    Formen 
hä\}.'.  IzoL-.i  (vergl.  Stud.  I  2,  245)    und   die  auffälligen  auf  äsds, 
dsdt  zurückführenden  Sanskritbildungen  dsis  (eräs),  äsit  (erat) ; 
aber  trotz    dieser   analogen    Formation    glaubt    er   nicht  an  die 
Existenz  des  griechischen  Ir^v  y;-/;v,  er  sieht  in  diesen  nur  Miss- 
bildungen der  Abschreiber.     ,Wir  müssen  uns    hier    wieder  an 
die    bei    der   Ueberlieferung    der    homerischen     Gedichte    noch 
nicht  ffenuff  beachtete  Umschrift    aus   dem    alten    in    das    neue 
Alphabet  erinnern.     Erwägen  wir,  dass  im  alten  Alphabet  EEN 
sowohl  späterem  -^sv  als  iVjV,  fjVjv  und    £cv  entsprach,    so  beruht 
die  Länge    der   zweiten    Silbe    offenbar    nur   da   auf  etwas  au- 
derem  als  der  Autorität   der  Umschreiber,    wo    der  Vers  diese 
Länge  bezeugt,    und  das    Misstrauen    gegen    £-/;v,  y;y;v    ist  um  so 
gerechtfertigter,  weil  die  früh  einreissende  Unsitte  alle  homeri- 


Homerische  Studien.  427 

1 

sehen  Formen  durch  die  attische  Brille   zu  betrachten,   das  dem 
attischen    ^v    näher   liegende    i'Y;v,    •/;-/;v    weit    mehr    begünstig-en 
musste,  als  i'sv,  das,  obgleich  es  zu  'ia  imd  i'ov    die   regelrechte 
dritte  Person  wäre,  doch  nirgend  vorkommt'  (a.  a.  O.  292).  Es 
ist  interessant,    hier   zwei    Forscher,     die    nicht    oft    dieselben 
Wege  wandeln ,    lland  in    Hand    durch    dieselben    Erwägungen 
zu  einem  Ziele    gelangen    zu  sehen;    denn    Leo    Meyer   hatte 
bereits  8  Jahre  vor  Curtius  auf  Grund  einer  sorgfältigen  Stellen- 
sammlung (Curtius    benützte    den    für    feinere  Untersuchungen 
der  Art  doch  nicht  ganz  ausreichenden  Seber),  die  Formen  er^v 
■r/r;v  u.  s.   w.  für  aus  der  Umschrift  des    Alphabets    entstandene 
Irrthümer  erklärt,  die  sämmtlich  aus  dem  Text  entfernt  werden 
müssten.     Betrachten  Avir  das  zusammengestellte   Material,    um 
zu  sehen,  ob,  wenn  auch  nicht  ül)erall,  so  doch  nahezu  überall 
sich  Eiv  für  r^v  und  r,-/;v  einsetzen  lasse.    Anstandslos  geht    das 
Go  (nicht  59)  mal,  wo  r^v  vor  Consonanten  begegnet  und  auch 
an  5  (nicht  4)  Stellen  vor  F,  wie  OIK")  xpi—oz  Ir^-i  sicoc  ts  oi\}.y.c. 
TS,  0499,  r,201,  X469  =  wlT.     ,Seehsmal  steht  das  Wort  vor 
der  Hauptcäsur  des  dritten  Fusses ,    wo  i'sv  auch    vor  Vocalen 
nichts  aufMendes  hatte  (K35],  X410,  y180,  o3G],t53,  a)104' 
(Curtius    293).     Davon    muss   gleich  eine   Stelle    ausgeschieden 
werden,  wo   k'r,v  nicht  in  die  Hauptcäsur  fällt    oBGl    Hspx  \}.vi  cOv 
0-})  7.£tv/;   £-^v  a/jcjca;  hinzuzufügen  ist    yJ2v)   ouos  ~•^^   y.zr}.z  Ir^'t  ouo' 
a)a';j.ov  und  für  "53  ist  7,530  zu  schreiben.  Dass  an  den  drei  übrig 
bleibenden  Stellen  (B687  oü  vap  |-r;v  C7~'.c,  Ü630   0770;  r^v  o'.ogTs, 
5  248  -y.tz  zr,v  i^t)  die  Dehnung  befremden  würde,  gibt   Curtius 
selbst  zu:    ob   sie    in    der  Hauptcäsur   schlechterdings   statthaft 
sei,    werden  wir  im  weiteren  Verlauf    dieser  Untersuchung    zu 
prüfen    haben.     Aber,    fährt    Curtius    fort,    ,der     Schiffskatalog 
und  das  letzte  Buch  der  Blas  enthalten  viel  singuläres  und  die 
dritte  Stelle  ist  nicht  ohne  die    gewichtigsten    anderen    Gründe 
von  J.  Bekker  als  Einschiebsel  unter  den  Text  gesetzt.'    Soll 
I  das  ,singulär'  so  viel  bedeuten,    dass   man    diesen   Abschnitten 
1  auch  wohl  die  Dehnung  eines  e'sv  an  unerlaubter  Stelle  zutrauen 

[dürfe  oder  dass  die    Dichter    das    nach    vorf>;enommener   Resti- 

t       .  .  . 

i  tution  so  geläufige  ssv  durch  eine  verbildete  Form  'ir,v  ersetzten  ? 

iFast  scheint  das  letztere  gemeint  zu  sein,    da  an  3  Stellen  die 

Form  vr,v  (t283  •/;-r;v  aXV  apa,  (L31G  w'  aXXx  [j.'.v,  0)343  W-Mx) 

unmöglich  durch  -^sv  verdrängt  werden   kann.  Beides  ist  gleicli 

Sitzl).  (1.  pliil.-liist.  Cl.  LXVIII.  Bd.  III.  lUt.  28 


428  Hnrtel. 

misslich.  Was  3  248  betrifft,  besagen  die  Gründe,  aus  welchen 
Friedländer  (Phil.  IV  580)  nicht  diesen  Vers,  sondern 
eupuccYutav  246  —  ^oXtv  249  als  eine  andere  Recension  ans  dem 
Texte  ausschied,  gegen  das  Alter  der  Stelle  —  und  darauf 
käme  es  doch  wohl  an  —  nichts.  Leo  Meyer  nimmt  für 
seine  kühnen  Restitutionsversuche  noch  weniger  Anstoss  an 
den  widerspenstigen  Stellen.  ,Theils  können  hier  Fehler  vor- 
liegen, theils  aber  ist  ja  auch  zu  erwägen,  dass  die  homerische 
Dichtung  mehrfach  auch  an  und  für  sich  kurze  Silben  in  die 
Hebung  des  Verses  stellt,  und  sie  so  gleichsam  zu  langen 
macht^  a.  a.  O.  388.  Aber  in  der  Thesis  enthält  sie  sich  doch 
wohl  solcher  Freiheit.  Wie  steht  es  also  mit  der  Form  r^r^v 
vor  Vocalen  (w  aXX'T283,  d;316  und  «343)?  ,Da  der  Schluss- 
gesang der  Odyssee  nicht  schwer  in's  Gewicht  fallen  kann, 
würden  eigentlich  nur  2  Stellen  übrig  bleiben,  die  nicht  wohl 
ausreichen,  um  der  ganzen  obigen  Auseinandersetzung  gegen- 
über diese  undenkbare  Form  zu  schützen,  um  nicht  vielmehr 
den  Glauben  aufkommen  zu  lassen,  dass  in  den  wenigen  an- 
scheinend störenden  Versen  alte  Irrthümer  stecken^  a.  a.  O. 
424.  Wir  anderen  etwas  zäher  an  der  Scholle  der  Ueber- 
lieferung  klebenden  Philologen  werden  so  kühnem  Fluge  kaum 
zu  folgen  wagen  und  aus  den  bezüglichen  Versen  etwas  an- 
deres herauslesen.  Die  Stellen,  wo  s'-rjv  und  v^-/)v  vor  Consonanten  zu 
stehen  kommen,  können  Aveder  für  noch  gegen  entscheiden 
und  müssen  aus  dem  Spiele  bleiben;  nur  die  13  anderen  kom- 
men in  Betracht.  Von  diesen  gestatten  6  nach  der  jetzt  übli- 
chen ,  später  als  unhaltbar  zu  erweisenden  Meinung  die  Um- 
wandlung, 7  also  die  Mehrzahl  verbieten  sie,  nicht  eine  macht 
sie  nothwendig.  Dass  je  eine  in  den  Büchern  B  il  m  7a\  linden  ist, 
bleibt  gleichgiltig ;  ja  es  würde  nichts  daraus  folgen,  wenn  nur 
in  diesen  , späten^  Büchern  allein  die  Formen  erhalten  wären. 
Solchen  Thatsachen  gegenüber  muss  sich  die  vergleichende 
Sprachforschung  bescheiden  und  ihrer  Grenzen  bewusst  bleiben; 
sie  muss  sie  anerkennen,  wenn  sie  dieselben  auch  nicht  zu  er- 
klären vermöchte.  Sobald  sie  anfängt  überlieferte  Spracher- 
scheinungen zu  negiren  und  selbsterfundeue  Gebilde  an  ihre 
Stelle  zu  setzen,  hört  ihre  Glaubwürdigkeit  auf. 

Mit  einem  Worte    sei    dabei    noch    der   Meinung  gedacht, 
dass  bei  der  Umschrift  der  homerischen  Gedichte  in  das  joni- 


Homorischo  Stmlion.  429 

sehe  Alphabet  sich  Irrthümcr  in  solchem  Umfange  festsetzten ; 
eine  Annahme,  die,  so  oft  und  so  gerne  man  nach  ihr  greift, 
durch  die  bisher  gewonnenen  sicheren  Resultate  der  rationellen 
Grammatik  auf  einen  immer  kleineren  Kreis  beschränkt  worden 
ist  und  nur  als  letzte  Zufluchtsstätte  dienen  sollte.  So  erklärt 
Curtius  auch  in  den  Gz.-  507  die  homerischen,  durch  si  aus- 
gedrückten Längungen  in  Osiew  luAeistv  als  bei  der  Umschrift  aus 
0EEN  nAEEN  entstanden,  in  welchen  man  doch  wohl  mit  dem- 
selben Rechte  eine  erweiterte  Präsensbildung  zXer-'.-w  OsF-'-w 
erkennen  kann,  mit  welchem  eine  solche  in  y.Aai'o)  (urspr.  xXaF- 
i-(i)),  -/.ato)  (y.aF-t-w  5  vergl.  Gerth  in  Curtius'  Stud.  I  2,  20(5) 
oder  in  tzXsIm  (islsd-i-o)),  ay.cio[j.a'.  (ay.s^-'.-op-ai;  vergl.  Leskien 
in  Curtius'  Stud.  II  94  ff.)  und  anderen  erkannt  worden  ist. 
Die  beste  Widerlegung  der  ganzen  Annahme  liegt  darin,  dass 
sie  an  Worten  wie  tivoi-/^  neben  t^vc-*^  scheitern  muss ;  denn  für 
IINOH  hätte  der  rein  äusserlich  das  todte  Wort  tractirende 
Umschreiber  irvw/^  oder  tuvoü-<^  schreiben  müssen ,  da  im  älteren 
Alphabet  0  wohl  oj  und  w,  nicht  aber  ot  vertrat.  Viel  vor- 
sichtiger beschränkt  J.  Bekker  die  bei  der  Umschrift  in's  neue 
Alphabet  naheliegenden  IiTungen  auf  den  Wechsel  der  I^aute 
£1  und  r,.  ,0b  die  Verlängerung  (des  s)  durch  ei  oder  -^  aus- 
zudrücken sei,  hätte  sich  noch  ermitteln  lassen,  als  die  uran- 
ßingliche  Schrift  in  das  jonische  Alphabet  umgesetzt  wurde: 
aber  damals  dachte  wohl  Niemand  daran,  dass  es  Nutzen  und 
Werth  haben  könne,  die  Töne  in  ihrer  Ursprünglichkeit  so  zu 
bewahren,  sondern  allein  -um  Verständlichkeit  bemüht,  folgte 
jeder  seiner  Gewohnheit  oder,  wo  sie  ausging,  seinem  Be- 
dünken' (Homer.  Bl.  136;  vergl.  Stier  in  Curtius'  Stud.  II 
130).  Ist  dies  richtig  und  hat  sich  mehr  mit  Hilfe  des  doch 
wohl  auch  an  eine  feste  Tradition  des  Vortrages  gewöhnten 
Ohres  als  unter  grammatischer  Speculation  die  Umschreibung 
in's  neue  Alphabet  vollzogen,  so  liegt  in  der  völlig  überein- 
stimmenden Ueberlieferung  unserer  Formen  tr^v  r;r^v  ein  unum- 
stössliches  Zeugniss,  dass  man  in  ihnen  deutlich  den  -/j-Laut 
vernahm,  wie  es  der  nicht  blos  quantitative,  sondern  qualitative 
Unterschied  vom  e-Laut  nicht  anders  erwarten  lässt.  Eine  er- 
schöpfende Behandlung  der  hier  berührten  Frage,  welche  den 
Eiufluss  des  Alphabetwechsels  an  allen  Spuren  vor-  und  nach- 


430  Hartel. 

alexandrinischer  Ueberlieferung   verfolgte    und    delinirte,    wäre 
eine  höchst  dankenswerthe  Arbeit. 

Aber  was  hat  Curtius  vermocht  -Jj-^jv  l-rjv  als  organische 
Bildungen  zu  leugnen  und  sich  dadurch  so  weiter  Perspectiven, 
wie  sie  sich  von  diesen  Formen  aus  auf  die  Erscheinungen 
verwandter  Sprachen  eröffnen,  zu  berauben?  —  Das  v.  ,Nach 
langen  Vocalen  pflegt  sich  doch  accessorisches  v  nicht  einzu- 
stellen/ Nicht  anders  Leo  Meyer  a.  a.  O.  386:  ,Es  giebt 
kein  einziges  sicheres  Beispiel,  wo  das  nachklingende  v,  mag 
es  nun  rein  lautlich  hinter  ursprünglich  auslautende  Vocale  ge- 
treten sein  oder  an  die  Stelle  eines  früheren  Consonanten  (wie 
es  doch  z.  B.  deutlich  in  s^spsv  im  Verhältniss  zum  altind. 
dhharat  der  Fall  war),  sich  an  einen  langen  Vocal  anschliesse; 
und  doch  würde  in  einer  dritten  Singularperson  des  Imperfects, 
wie  es  l'/^v  ist,  das  v  nicht  wohl  anders  stehen  können,  als 
nachklingend  statt  des  alten  f.^  Kann  das  von  solcher  Bedeu- 
tung sein?  Ist  nicht  neben  der  Macht  der  Analogie  der  Diffe- 
renzirungstrieb  ein  die  gesammte  Sprachentwicklung  tief  durch- 
dringendes und  bestimmendes  Moment?  Weshalb  im  Aeolischen 
cpiXY;[Ai  aber  nicht  (piX-r^  in  1.  P.,  in  3.  P.  aber  o\k'(\  für  fiXYjffi 
begegnet,  beantwortet  Curtius  (Stud.  III  395)  treffend  dahin, 
dass  man  dann  zwischen  oi'X-r)  ich  liebe  und  (piX-r^  ei-  liebt  hätte 
gar  nicht  unterscheiden  können.  Welches  sind  nun  aber  die 
auf  langen  Vocal  auslautenden  Verbalformen,  wo  v  sich  hätte 
einstellen  können,  ohne  dass  sofort  die  erste  und  dritte  Person 
(sTiO-^v-iTiö*/;,  £cr^v-sGT-^)  zusammenfielen?  Und  nimmt  der  St.  sa 
mit  seinem  alterthümlichen  und  durch  bunte  Manuio:falti2:keit 
ausgezeichneten  Formenbestand  nicht  eine  ganz  exceptionelle 
Stellung  ein?  Hat  man  mit  dieser  einen  Singularität  auch  alle 
anderen  hinweggeräumt?  Ist  es  von  keiner  Bedeutung,  dass  das 
V  in  -^v,  -^cv,  -fjYjv,  s'r,v  sich  von  dem  v  in  kurzauslautender  Form 
ganz  bestimmt  dadurch  imterscheidet,  dass  es  unabtrennbar  mit 
der  Länge  verwachsen  ist,  wie  das  v  in  £[jt.fv,  leiv  gegenüber  von 
a[ji.jji,'.(v),  '^\>.\i.'.{'t)  '!*  Könnte  man  nicht  gerade  in  dieser  zähen  Er- 
haltung in  diesen  Formen  eine  Bestätigung  von  Ahrens'  An- 
sicht (Formcnl.-  100)  erblicken,  ,dass  das  Nicp  im  Sing.  3.  Praet. 
nicht  willkührlich  zugesetzt,  sondern  vielmehr  die  eigentliche 
Flexionsendung  ist  statt  der  ursprünglichen  Endung  -t,  vergl. 
amaha-t,  ern-t',  und  demnach  die  mit  v  versehenen  Formen  als 


Homerische  Stinlion.  431 

die  älteren  zu  betrachten  sind,  wie  Deventer  De  liffera  v 
Graecorum  parafiogica  (^Monast.  1863j  in  tlieilweiser  Ueberein- 
stimmung  mit  Fr.  Müller  näher  ausführte?  Wie  dein  auch 
sei,  die  Formen  £-/;v,  T^r^-)  sind  so  wohl  bezeugt  und  sicher,  wie 
nur  irgend  welche  im  ganzen  Homer,*  und  das  r^  entspricht 
augenscheinlich  dem  langen  a  der  lateinischen  Bildung. 

Was  aber  folgt  aus  dem  allen  für  die  in  Rede  stehende 
Form  s'a  ?  Ausser  in  dem  bereits  mitgetheilten  Vers  E887  finden 
wir  dieselbe  noch  3mal : 

A321      V.  -oxi  Y-oiipzc.   ly.^  vOv  auT£  .  .  . 

^222      "sTo;   ly.   h)  r^o'kiiJM 

H  352  vr,/C[j,evsc,  \jSky.  o'wxa  Oüp'rjG'  sa  y.\}.':,\z  exti-my. 
Man  sieht,  a  kann  an  allen  Stellen  lang  sein,  und  Herodian 
(II  53,  37  ed.  l^entz)  wäre  vielleicht  nicht  darauf  verfallen, 
das  y.  als  Kürze  zu  messen  und  mit  a[j/yf,pez>ioc  -£  (A45)  zu  ent- 
schuldigen, wenn  sich  nicht  auch  die  Nebenform  r^y  erhalten 
hätte.  Nach  Kühner  (AG.2  669)  und  Westphal  (Meth.  Gr. 
I  2,  100),  der  Kühner  gläubig  folgt,  stünde  es  freilich  schlimm 
um  dies  f,a,  indem  es  sich  nur  in  dem  von  Aristarch  athc- 
tirten  Verse  E808  finden  soll.  Herodian  z.  d.  Öt.  und  sonst 
wiederholt  verweist  auf  ein  zweites  Beispiel  ?212  (Herod.  H 
53,  37 ;  156,  27 ;  835,  39  ed.  Lentz).  Ausserdem  findet  sich 
r,y  A620,  ^549,  in  fester  Stelle  am  Versschluss  ß  313,  ^229,^  19, 
|u3]0,  9 95,  im  Anfang  •::472  r,y  x'.wv  und  y.  156,  [-1.368  in  der 
Mitte  aAA'  sxc  o"/^  ayeoyj  r^y  -/.'.wv  5  h  \'y.p  toutoic,  sagt  das  Schob  zu 
1E533,  TXJTcv  V.  XsYS'-  ^M  r,ij:r^t.  Krüger  Di.  38,  2,  8  bemerkt 
kurz:  ,-^a  in  der  Od.  zwölf  Mal^.  Niemand  wird  sich  auf  ^  222 
für  die  Kürze  des  a  berufen ;  denn  diesen  Vers  mit  Synizese 
'und  Verkürzung  des  £a  zu  lesen,  empfiehlt  sich  nicht  durch 
die  gleiche  Behandlung  des  im  A45,  F  152,  Hes.  Op.  583  oder 
des  sai  (vergl.  Lobeck  Elem.  I  272)  ß202,  5  811,  t314,  Hes. 
Op.  640 ,  schon  wegen  der  verschiedenen  Woi'tform  nicht.  Wer 
wollte  aber  lieber  s'  h  und  nicht  vielmehr  nach  t(T>  \xm^  xrj  '[;,?) 
JA 608,  1654  auch  sa  'v  schreiben,  d.  h.  bei  dem  Zusammen- 
jlosen  das  £  in  dem  langen  a-Laut  aufgehen  lassen.  Leo  ]\feyer 
k  a.  0.  383  möchte  £v  streichen.  Das  ist  unmöglich,  weil  sich 
fewar  einigemal  [J-y'/Sd,  O'ixivr,  gegenüber  dem  häufigeren  £v  [/a/v;, 
iv  ücixivYj,  niemals  aber  tcoAej/o)  für  h  ~c,\i[j.u)  findet  (P376,  £224, 
5  285    sind    anders).     Nur    indem    wir    dem     'ix    die   von   Haus 


432  Ha  viel. 

aus  zukommende  Länge  anerkennen ,  verhält  sich  diese  Form 
zu  -^a,  wie  sV/V  zu  '^ev,  wie  cuav  (w3Il  i^OXit  scav  opvMq  iövxt, 
worüber  später  mehreres)  zu  '^aav  und  wie  die  Gleichungen  in 
Bekker's  Hom.  Bl.  95  weiter  heissen.  In  ist  hat  also  das 
Griechische  die  ursprüfigliche  Qualität  und  Quantität  des  Vo- 
cals  gewahrt,  welch  letztere  das  Lateinische  und  das  Sanskrit 
(ermn,  äsam)  einbüssten.  In  der  2.  und  3.  Person  erhielt  sich 
um  vieles  fester  der  aus  ä  hervorgegangene  -/j-Laut,  während 
das  Latein  mit  seinem  ä  (erq,s,  erat)  ursprünglicher  dasteht, 
das  Sanskrit  nur  einen  Rest  der  volleren  Bildung  in  der  Länge 
des  '.  (asis,  asU)  behauptet. 

Es  bleiben  uns  von  sämmtlichen  Fällen,  wo  vor  nicht- 
liquidem Anlaut  kurze  Silbe  lang  erscheint,  nur  zwei  übrig,  wo 
es  nicht  gelingt,  die  Dehnung  aus  der  Natur  der  Silbe  zu  er- 
klären, nämlich  0  478  &c,  ©aO'-  6  ok  to^ov  und  o  249  Mavxicq  au 
Tsy.sTO  QoX'Jcpsiosa.  Was  die  Länge  des  M  betrifft,  so  ist  bereits 
früher  erinnert  worden,  dass  oi  75mal  vor  Dauerlauten  gelängt 
erscheint,  und  kann  demnach  eine  einmalige  Ausnahme  nicht 
befremden.  Dieselbe  ist  auch  nicht  durch  Dindorfs  Vermuthung 
(o'  au)  zu  beseitigen.  Im  andern  Falle  trifft  das  an  dieser  Vers- 
stelle feste  T£7.£T0  in  die  Penthemimeres  und  hat  an  dem  20nial 
rechtmässig  gelängten  o  des  Mediums  einen  Anhalt. 

Erst  jetzt,  nachdem  sich  so  vollkommen  herausgestellt,  • 
dass,  wo  vor  explosivem  Anlaut  eine  Silbe  als  lang  gemessen  j 
erscheint,  eine  Reminiscenz  an  den  bessern  Lautgehalt  dieser 
Silbe  zu  erkennen  ist,  wird  man  begreifen  und  zugeben,  dass 
wie  den  Dauerlauten,  so  auch  dem  a  eine  Position  bildende 
Kraft  innewohne;  denn  kaum  zwei  Fälle  Hessen  eine  andere 
Erklärung  zu.  Wir  finden  aber  9mal  Längung  vor  c :  '(^  151 
'ApT£[JMoi  ff£,  >t238  xa-a  aucpeoicjiv,  2)219  i^-s  au<;,  a219  'iv.  adp%ot,<;, 
i293  T£  azpxac,  u  77  SeiBioxa'  aapxac,  V434  oloa,  S'oti  gIi  [;,£v,  und  nach 
Aristarch's  Lesung  P463  ots  cEuaito,  H'"198  üA-/j  xc  aaüai-o.  Unter 
diesen  bedarf 'Apisp^iST  keiner  Stütze;  xaii  und  ts,  welche  sonst 
oft  vor  liiquiden  als  Längen  stehen,  können  nach  falscher  Ana- 
logie gelängt  sein.  Derartiges  gilt  niclit  von  den  übrigen  Fällen, 
auch  ist  Verlust  eines  an-  oder  nachlautenden  Consonanten  bei 
keiner  der  Wurzeln  sicher  erweisbar.  Wir  werden  also  acj 
eine  geschärfte  oder  (wie  bei  den  Liquiden)  dauernde  Aus- 
sprache des  a  —    je  nachdem    wir    in    ihm    den    tonlosen  odeij 


Ilomeiisi'hc  Studieu.  433 

tüjicmicni  kSpiraiiteu  orkeimcii  —  zu  denken  haben ,  dii;  ihre 
eig-entliehe  Ueltuug  im  Innern  der  Worte  hat,  und  da  auch 
wenigstens  an  einer  der  in  Rede  stehenden  Wurzehi  (vergh 
^399  i-iaasuac,  0  347  STiiacsuscOat  nnd  E^asua,  zaa'JiJ.y.'.)  liäuHg 
genug  getroffen  wird.  Sollte  man  in  dem  a  das  tonlose  und 
folglich  in  der  Position  oder  Verdoppelung  einen"  Ansdruck  ge- 
schärfter Aussprache  sehen  wollen,  was  bei  crü  nicht  gerade 
durch  den  Ursprung  (aus  t),  bei  a'jq  nicht  durch  die  nächste 
Weiterbildung  (ut;)  empfohlen  wird ,  so  liegt  die  physiologische 
Erklärung  dafür  in  der  Energie ,  mit  welcher  der  Verschluss 
I  oder  Verengung  gebildet  wird;  denn  daraus  ergibt  sich  der 
grössere  Zeitverbrauch. 

Werfen  wir  noch  einen  Blick  auf  die  Dichter  der  Hym- 
nen und  der  hesiodischen  Poesie.  Wir  finden  sie  in  der  Zu- 
lassung der  Kürze  vor  nichtliquidem  Anlaut  zu  noch  grösserer 
Sparsamkeit  hinneigen,  und  nur  an  der  Hand  fester  Analogie 
über  die  homerischen  Beispiele  einen  Schi'itt  hinausthun.  Man 
liest  Hes.  Th.  803  evvssc  Tcav:'  sxsa-  Sszato),  ()p.  130  ^Tsä  izapa, 
[rr,T£p'.  (verg'l.  Y  255  hi^  ts)  ;  Tnial  Dative  auf  langes  i  aus- 
lautend:  Th.  49  -/.pixd  T;  [jÄ-^iaxoc  (vergl.  H  142),  Op.  599  yßp^*} 
ev  z.'jy.i\  y.ai  (doch  suas'  nach  Friedemann,  de  pentam.  p.  364 
bei  Goettling),  Hymn.  I  117  50ivr/.'.  ßaXs,  V  99  ^psaxi,  cOev, 
V  101  'ü:a)va'.Y£V£t  svaXiYX'.oc,  V  248  irupl  ev.  zoA/.o)  (von  Schneide- 
win  Phil.  IV  764  verbessert),  XXXIV  2  [rqxpl  Seij.sXy].  Verein- 
zelt steht  Th.  656  ro;x£v  oTt  xspl ;  Sc.  398  ist  o-q  /.rf/po'.^t ,  nicht 
§£  überliefert.  In  dem  v.  '656  der  Theogonie  l'Sixev,  c~<.  •7ü£p;  [;.£v 
Tcpa-iOc?,  •;i£pl  o'  £gt1  v6-r][/a  sollte  man,  wenn  man  ihn  zu  bessern 
unternimmt,  an  dem  ctt  nicht  rütteln ;  ich  sehe  darin  eine  wenn 
auch  leise  Nachbildung  von  V43)4  oXox  c'  cv.   crl»  [j.h   iaOXz;,   h{M 

1   B£    ff£0£V    TiOA'J    "/£(p(OV. 

Ich  glaubte    in    der    bisherigen    Untersuchung  jene    Fälle 

\  bei  Seite  lassen  zu  sollen,  wo  der  vor  [x,    v,  X,  o   gelängte  Vo- 

lal  eine  Interpunction    hinter    sich   hat;     hier    können    wir  dvv 

I  Position    bildenden    Kraft    dieser  Laute    entbehi'en.     Es  findet 

j  dies  14 mal  statt : 

ri72       aiocTic   T£    \j.O'.    icrcji,    i'.'Ai    £/.'jp£,    0£tv6ü   T£ 

II  21       oj  'A/iXsu  IIy]X£o?  ul£,  iJ.v(oc  ...  =-  T216,  X  478 
n  55(3    Aravt£,  vuv  cc.{i)tv  .... 
H'602    'AvTtXox£,  vjv  ... 


434  Hartel. 

K  16       utj^oö'  eovTi  All,  [).i^(x  .  .  . 

y41        xpuffci'w  SsTTai-  Cci3ia7.6jj.£voc  .  .  . 

Ao21      ^'''  T^STE  xoupoc  s'a,  vuv  .  .  . 

y290      sspaaaTO,  ^lyeiov  .  .  . 

9  247      £VTav6(jai  ouvaTO,   iJ-Eya  .  .  . 

A  454  Ti'j.vjcac  ;a£v  ei^i,  [j.iyy.  .  .  .  z=  U  237. 
Die  Mehrzahl  der  Wörter  könnte  in  g-leicher  Messung  an- 
standslos voi'  jedem  andern  Anlaut  gebraucht  werden  nach 
dem,  was  über  den  Vocativ,  den  Dativ  und  über  ix  bemerkt 
wurde.  escäcaTO  fände  g-enüg-eude  Entschuldigung  durch  die 
Wortform  und  SuvaTO  durch  die  Penthemimeres.  Für  das  letzte 
reichte  der  rhetorische  Nachdruck  und  die  Sinnespause  hin. 
Aber  nicht,  weil  wir  die  Position  bildende  Kraft  des  Anlautes 
hier  entbehren  können,  sehen  wir  davon  ab.  Die  Nöthip-una: 
dazu  liegt  in  einem  Umstand,  dessen  nähere  Beleuchtung  eine 
Seite  der  früheren  Untersuchung  abschliessen  und  für  weitere 
Erwägungen  den  Weg  zeigen  soll.  Wir  entnahmen  aus  sämnit- 
lichen  Fällen,  wo  einfache  Consonanten  kurze  Silben  längen, 
als  unumgängliche  Bedingung,  dass  diese  in  die  Arsis  zu  stehen 
kommen.  Wie  dieser  sprachliche  Vorgang  zu  denken  sei,  was 
die  Arsis  bewirke  und  wie  sie  es  bewirke,  davon  sahen  wir 
ganz  ab.  Der  Versaccent  ist  seinem  Wesen  nach  identisch 
mit  dem  Wortaccent.  Er  besteht  in  einer  Verstärkung  des 
Ausathmuugsdruckes ,  der  durch  die  mit  ihm  nothwendig  im 
Kehlkopf  eintretenden  Veränderungen,  d.  i.  durch  die  stärkere 
Spannung  der  Stimmbänder  von  einer  Tonerliöhung  begleitet 
ist  (das  Nähere  bei  Brücke  a.  a.  O.  2  ff.).  Die  Tondauer  ist 
daneben  etwas  durchaus  anderes,  selbständiges.  Die  Vorstel- 
lung, als  ob  jede  kurze  Silbe  durch  den  verstärkten  Ausathmungs- 
druck  wie  eine  elastische  Blase  zu  beliebiger  Grösse  aufge- 
bläht werden  könnte,  muss  man  durchaus  fern  halten.  Die 
Arsis  geht  vielmehr  neben  der  Länge  und  Kürze  einher.  Der 
acustische  Höhepunkt  derselben,  nach  Brücke's  Terminologie 
der  Arsengipfel  trifft  den  langen  Vocal  irgend  wo  in  seinem 
Verlauf,  den  kurzen  Vocal,  auf  welchen  ein  Consonant  folgt, 
dort  wo  für  diesen  Verschluss  oder  Enge  gebildet  wird,  wäh- 
rend das  Maximum  des  Au^athnumgsdruckes  etwas  später  in 
den  Verlauf  des  Consonanten  fällt  (Brücke  a.  a.  O.  25).  Wir 
werden  nun  begreifen,  wie  bei  solchen  Lautcomplexen,  die  sich 


nomerische  Studien.  43ö 

aus  kurzem  Vocal  und  Dauerlaut  zu  einer  metrischen  Länge 
zusammensetzen,  die  Arsis  über  den  kurzen  Vocal  hinweg 
den  Consonanten  erfasst  und  wenn  er  dazu  fähig  ist  durch  ihre 
Tonstärke  zu  vollerer  Entfaltung  seiner  Lautdauer  ani-egt,  wie 
durch  die  Arsis  nun  z.  B.  £V'.[j.a|cYapo'.c  und  nicht  hX\iJ.e-(ipz'.c, 
articulirt  wird.  Etwas  neues  schafft  sie  nicht.,  sie  vermag 
kein  evnr;u,oAeiJ.w,  ja  nicht  einmal  ein  £V'.[j,[xaA£pto  zu  erzeugen, 
gerade  wie  auch  sonst  wo  im  lateinischen  und  griechischen 
Verse  kurze  Silben  unter  ihr  lang  erscheinen,  diese  Länge  nicht 
geschaffen,  sondern  nur  ermöglicht  wird.  Für  den  betreffenden 
consonantischen  Anlaut  gilt  dasselbe,  was  sich  von  dem  dati- 
vischen -'.,  dem  -a  der  Neutra  und  den  vielen  lateinischen  No- 
minal- und  Verbalendungen,  welche  in  der  Arsis  als  Längen 
gemessen  werden,  sagen  lässt.  Man  fasst  diese  Silben  unter 
dem  Namen  , mittelzeitiger'  zusammen  (vergl.  Corssen  II.^ 
442).  Diesen  Begriff  sollte  man  nicht  ein  , Unding^  nennen, 
,wie  nie  wäre  ersonnen  worden,  hätte  es  nicht  au  deutschen 
Hexametern  die  Trochaeen  beschönigen  sollen'  (Bekker,  Hom. 
Bl.  135).  Er  ist  unentbehrlich,  will  man  begreifen,  wie  ge- 
wisse Silben  bald  als  Längen  bald  als  Kürzen  fimgieren,  wie 
die  Arsis  Vocale,  die  einmal  lang  gCAvesen,  nachdem  sie  diese 
Eigenschaft  in  der  Aussprache  verloren ,  noch  als  solche  er- 
halten kann ;  aber  er  ist  auch  in  der  Natur  der  Sache  be- 
gründet. Wir  machten  bereits  früher,  da  wir  den  Einfluss  der 
Consonanten  auf  die  Quantität  zu  betrachten  hatten,  aufmerk- 
sam, dass  dem  Längcnverhältniss  der  einzelnen  Silben  die 
Zahlen  1  und  2  nicht  rein  zu  Grunde  liegen,  dass  die  Silben 
ihrer  natürlichen  Dauer  nach  sehr  verschieden  sind.  Die  Unter- 
schiede, welche  Brücke  nach  directen  Messungen  am  Kymo- 
graphion  im  Deutschen  gefunden,  dürften  im  Griechischen  dem 
ganzen  Charakter  der  Sprache  gemäss  in  noch  höherem  Grade 
gegolten  haben.  Im  Deutschen  aber  werden  ,die  kürzesten 
Silben  von  den  längsten  weit  mehr  als  bis  zum  doppelten  über- 
troffen, während  sich  andererseits  zwischen  langen  und  kurzen 
keine  bestimmte  Grenze  ziehen  lässt'.  In  einem  Zustande  nun 
meine  ich,  wo  ein  Vocal  noch  lang  und  kurz  gebraucht  wird, 
kann  er  auf  dem  Wege  der  Verwitterung  noch  nicht  völlig 
bis  auf  das  Normalmass  der  Kürze  herabgesunken  sein,  er 
muss  vielmehr  auf  einer  der    thatsächlich    vorhandenen    Mittel- 


436  U  a  r  t  e  1. 

stufen  schwebend  gedacht  werden,  von  dei*  er  sich  unter  Um- 
ständen zu  einem  volleren  ■  Werthe  erhebe.  Und  die  Zahl 
solcher  Vocale  ist  im  Griechischen  nicht  gering-,  aber  in  be- 
deutsamer Weise  auf  bestimmte  Qualitäten  beschränkt;  es  sind 
die  weichen  Vocale  t  und  j  und  in  wenigen  Fällen  a  (vergl. 
die  Zusammenstellungen  bei  Bekker,  Hom.  Bl.  140.  279, 
Düntzer  a.  a.  O.  355,  und  über  a  Leskien  in  Curtius'  Stud. 
II  72),  das  sind  dieselben,  deren  Quantitätsverhältnisse  durch 
besondere  Zeichen  auszudrücken  die  Griechen  kein  Bedürfniss 
fühlten.  Was  uns  durch  directes  Messen  zu  erfahren  versagt 
ist,  können  wir  nur  vermuthen,  dass  die  Tondauer  zwischen 
0  und  (i) ,  £  und  r,  merklicher  in  das  Ohr  fiel  als  die  zmscheu 
ö  und  ü,  t  und  f,  a  und  ä.  Diese  Quantitätsbe schaff enheiteu  in 
Abrede  stellen  hiesse  so  viel,  als  die  im  deutschen  Vers  in  das 
Gebiet  des  Hochtones  und  des  Nebentones  hinübergreifenden 
Mitteltöne  leugnen.  Natürlich  ist  die  Sache  eine  andere,  wenn 
späte  Epiker  Vocale ,  die  in  jener  Zeit  zu  unzweifelhaften 
Kürzen  geworden  waren,  lang  gebrauchen.  Das  ist  eine  künst- 
liche Imitation,  die  in  der  wirklichen  Aussprache  keinen  Rück- 
halt hatte;  es  gilt  dies  von  Vergil  so  gut  wie  von  Apollonius 
dem  Rhodier.  Aber  die  Möglichkeit  solcher  Imitation  muss, 
wenn  auch  in  beschränktem  Masse ,  für  die  Homerischen  Ge- 
dichte offen  gelassen  werden.  Warum  sollten  sich  nicht,  be- 
sonders in  bestimmten  Formeln,  Reste  alter  Hymnen  oder 
Nachbildungen  solcher  erhalten  haben? 

Mit  diesen  also  einst  langen  und  später  nur  in  der  Arsis 
lang  gebrauchten  Endungen  vergleiche  ich  die  Fälle,  wo  der 
Dauerlaut  mit  vorhergehender  Kürze  eine  metrische  Länge 
bildet.  Die  Dauerlaute  sind  in  einigen  Stämmen  wenigstens 
noch  nicht  ganz  verkümmert;  wie  die  Endungen  kurz  und 
lang,  können  sie  bald  Position,  bald  nicht  Position  bildend 
gebraucht  werden,  aber  ohne  die  Arsis  ist  weder  das  eine  noch 
das  andere  der  Fall;  nur  diese  verräth  uns  etwas  vom  besseren 
Lautgehalt.  Ist  die  gegebene  Darstellung  dieses  Vorganges 
richtig,  so  ist  das  V^crfahreu,  die  Fälle,  wo  Interpunction  den 
Dauerlaut  von  der  kurzen  Silbe  trennt,  von  den  anderen  ab- 
gesondert zu  haben,  gerechtfertigt;  denn  die  Interpunction  hebt 
die  Möglichkeit  des  Zusanimensprechcns,  das  für  die  Einwir- 
kung der  Arsis  als  nothwendig  erkannt  wurde,  auf;  über  eine 


Homerische  Stadion.  4ö7 

l'tuise  hinweg  kann  diese  nicht  mehr  den  Consonanten  errei- 
clien.  Lieg-t  nicht  eine  gute  Bestätigung  dieser  Auffassung  in 
dem  Umstände,  dass  die  betreffenden  Fälle  wie  Avir  sahen  von 
anderer  Seite  her  ihre  vollständige  Erklärung  fanden? 

Wir  sehen  dabei  die  Interpunction  durch  eine  wenn  auch 
vielleicht  kleine,  so  doch  merkliclie  Pause  sich  geltend  machen. 
Die    Bedeutung    der  Interpunction    im  Verse    müssen    wir    uns 
hier  klar  machen,  um  einen    festen  Punkt    zu    gewinnen,    von 
dem    aus    wir   in    die    andere    grosse  Gruppe    von   Fällen    (die 
Längung  consouantisch  auslautender  Silben)  einzudringen    ver- 
möchten.    Es  ist  gewiss  nicht  ohne  Bedeutung,    dass   sich  die 
Interpunction   so  gerne  mit  den  beiden  Haupt-    und  den  wich- 
tigsten   Nebencaesuren    zusammenündet.     Der    Dichter   ist   be- 
strebt, die  mit  dem  Satzabschluss  nothwendige,  vom  Sinne  ge- 
forderte Pause  mit  dem  rhythmischen  Gange  nicht  in  fühlbare 
Collision    zu    bringen,    Sinn    und    Rhythmus    vielmehr    auszu- 
gleichen und  durch  einander  zu    kräftigen.     So   scbliesst   auf's 
natürlichste    und   bequemste  die  Mehrzahl  der  Sätze    mit    dem 
Vers ,  entsprechend  dem  einfachen  Satzbau,  der  nicht  ein  um- 
fangreiches   und    künstliches    Gefüge    benöthigt,    das  Einfache 
einfach    zu    sagen.     Geht    das  nicht  an  und  greift  die  Periode 
über    den  Umfang   eines  Verses    hinaus,    dann  strebt    sie,    mit 
ihrem  Ende  bei  den  natürlichen  Ruhepunkten  des  Verses,  den 
Caesuren,  anzulangen.  Ein  paar  statistische  Daten  werden  das 
klar  machen.     Wir    zählen    Interpunction    in    der   Pentlie mi- 
nieres: in  A  unter  den  298  Versen  von  611,  wo  diese  Caesur 
begegnet,    stärkere  14mal,    schwächere  75mal;    in  f  unter  den 
231  Versen    von   461    stärkere    lo-,    schwächere    olmal;    in  1 
unter  den  262  Versen  von  544  stärkere  17-,  schwächere  42mal; 
in  K  stärkere  25-,  schwächere  50mal ;  in  a  stärkere  10-,  schwä- 
chere 31mal;  in  ß  stärkere    11-,  schwächere  42-mal;  in  'Q  stär- 
kere     13-,     schwächere     26mal.      In     der     trochaeisc  he  n 
Caesur:    in    A    unter    308  Versen    mit    dieser    Caesur    lOmal 
stärkere,    47mai    schwächere    Interpunction;    in.    T    unter    222 
5mal  stärkere,    32mal    schwächere,    in  A  unter  274  7mal  stär- 
kere, o5nial  schwächere,   in  K,  x,  ß,  'C  7-,  8-,   14-,   13mal  stär- 
kere, 37-,  43-,  29-,  26mal  schwächere.    Wenn  auf  eine  Caesur 
im  3.  Fusse  die  Hephthemimeres  folgt,  so  hat  diese  wenig  zu 
bedeuten,    und  es  fällt  in  sie  selten  eine    stärkere,    wie  A174 


438  Hartel. 

Xi(7ao[;.ai  stvix'  qj-sTo  [j,£V£iv  •  zap'  sactys  xal  aXXoi  und  in  den  ge- 
nannten Büchern  lömal,  eher  eine  schwächere,  wie  ß29  rfi-q 
yocp  xptTov  £C7t1v  £TOc,  laya  o'  zlai  xstapiov  und  in  den  genannten 
Büchern  94maL  Ob  in  solchem  Falle  die  Caesur  des  3.  Fusses 
ihre  Bedeutung*  an  die  Hephthemimeres  abtritt,  wie  Hoffroann 
(Quaest.  Hom.  I  28)  im  Anschluss  an  Hermann  behauptet, 
dürfte  zweifelhaft  sein,  wenn  die  den  Rhythmus  gliedernde 
Caesur  in  etwas  mehr  als  einem  blossen  Absetzen  der  Stimme 
bestand  (Lehrs,  De  Arist.  stud.'-  im  Anhang  409).  Wenn  aber 
die  Penthemimeres  fehlt,  was  unter  den  27795  Versen  der 
llias  und  Odyssee  mit  Einreclmung  der  wiederholten  Verse 
329mal  der  Fall  ist  (die  Stellen  genauer  gesammelt  von  Lehrs 
a.  a.  O.  39ß,  als  von  Bekker  Hom.  Bl.  143  Anm.) ,  dann 
gewinnt  die  Hephthemimeres  an  Bedeutung,  und  das  spricht 
sich  darin  aus ,  dass  in  den  329  Fällen  77mal  sich  Interpunc- 
tion  einstellt.  Stärker  ist  der  Einschnitt  nach  dem  4.  Fuss  in 
der  bukolischen  Caesur 5  hier  beginnt  gerne  ein  Satz,  der  in 
den  folgenden  Vers  übergreift,  was  das  gewöhnliche  ist,  oder 
mit  dem  Vers  kraftvoll  gehoben  abschliesst,  wie  A217  &<;  "^ap 
aV'Sivov.  Wir  zählen  demnach  in  den  Büchern  A,  f,  A,  K,  a,  ß, 
'C  88mal  stärkere,  299mal  schwächere  Interpunction.  Die  Vor- 
liebe, das  Satzende  in  die  erste  Hälfte  des  Hexameters  zu 
verlegen,  erklärt,  dass  die  Trithemimeres  häufig,  in  den  ge- 
nannten Büchern  7Gmal  von  stärkerer,  lG9mal  von  schwächerer 
Interpunction  getroffen  wird;  sie  erklärt,  dass  das  gleiche  ganz 
bedeutungslosen  Fusscaesurcn ,  wie  der  nach  dem  ersten  Dak- 
tylus, wo  in  den  genannten  Büchern  stärkere  Interpunction 
44mal,  schwächere  IGOmal  begegnet,  oder  der  nach  dem  ersten 
Trochaeus,  13mal  mit  stärkerer,  48mal  mit  schwächerer,  wider- 
fährt. Ja  sogar  nach  der  Arsis  des  1.  Fusses  findet  sich  Satz- 
ende mit  schwacher  Interpunction  18-,  mit  starker  3mal;  aus 
dem  Umstände,  dass  bei  letzterer  jedesmal  (A52,  A29,  K289, 
vergl.  A  45) ,  bei  ersterer  meistens ,  auch  an  den  von  Hoff- 
manu  I  29  namhaft  gemachten  Fällen,  Elision  hinzutritt,  mag 
njan  entnehmen,  wie  man  an  solcher  Stelle  die  Kluft  nicht  zu 
erweitern,  sondern  zu  überbrücken  bemüht  war.  Mit  dem 
Trochaeus  des  2.  Fusses  endet  ein  Satz  in  den  durchsuchten 
Büchern  nur  7mal  (vergl.  Schol.  zu  \356),  A  356  =  507, 
K49()    mit    merklicher  Pause,    nicht  so  A53,  K99.   164,  al23, 


Homerische  Studien.  439 

w285,  und  will  man  vor  dem  Vocativ  interpungiren,   nix'li   a214 
und  ^  141).     Darf   man    das    nicht    (vergl.    Bekker,    Hom.     Bl. 
268  ff.),  so  entfallen  auch  2  Verse  (al.  214,  vergl.  A218),    in 
welchen  manche  Ausgaben  nach  dem  2.  Daktyhis  ein  Komma 
schreiben.     Spärlich    ist  dagegen  die  Ausbeute  in  der  anderen 
Vershälfte:    nach    dem    3.    Daktylus    2mal    ri85,    1134    ohne 
merkliche  Pause  und  3mal  mit  lautverbindender  Elision  E580, 
A154,    P459;    nach    der    trochaeischen    Caesur    des  4.    Fusses 
nirgend;    nach    der    Arsis    des  5.  A 125,  T 172,  A112,  ZHG,    zu 
denen  aus  anderen  Büchern  Z  323,  A397,  0  3(;0,  0  449  =  P291, 
*I>3G5,  X 143    und   wohl    nicht    viel    mehr    hinzugefügt    werden 
können,  ausser  wir  wollten  die  Fälle  in  Betracht  ziehen,  wo  nach 
Nicanor's  Grundsätzen  irgend  eine  seiner  schwachen  Stigmen 
am    Platze    wäre;    was    dann    noch    hinzukäme,     zeigt    Fried- 
länder   (Nicanoris     rell.     131     ff.).      Nicanor    hielt    die     Inter- 
punction  an  dieser  Caesur    für   gestattet,    nur    bemerkt    er    zu 
0  300 :  iXrj'a'.  o'  elal  -ap'  'OirqpM  TO'.aO-a'.  (sc.  GV.--(iJ.o(.i).  Eine  gehal- 
tene Pause  ist  hier  verpönt.    Noch  mehr  nach    dem  Trochaeus 
des  5.  Fusses ;    oüts  ykp  suxaipoc  i-\    to3  svvsa7,a'.o£y,axo'j  y.xA ,    sagt 
Nicanor    zu    M49    und    verwirft   mithin    die    Interpunction    an 
dieser    Stelle    nicht,    wie    man    aus    dem  Schol.  BL  zu  M434 
entnehmen    wollte.     Wir    finden  'C  189  scOXoTc   -riok   v.y.y.ol'zv)^  otmz 
lOeX'/jaiv,   £y.a<7T(o,   A  159  MsvsXaw  gsi  ts,    y.'JVü)7ra,    und    ähnlich   vor 
Vocativen  K  IGT.  280,  in  anderen  Büchern  El  17,  1195,  A  172, 
1129,  <r»409,  X258,  M''G9.  83.  Die  Zahl  der  Stellen  wächst  ein 
wenig,    wenn    wir    freigebig    wie  Nicanor  interpungiren  (vergl. 
Friedländer    a.  a.  (),    135),    sie    schwindet    auf    ein    Winziges 
zusammen,  wenn  wir,  was  der  Natur  des  Vocatives  nicht  un- 
angemessen wäre,  nicht  vor  und  nach,  sondern  nach  demselben 
das    Zeichen    der    Pause    machten    oder    überhaupt    weder    vor 
noch    nach ,   wofür  Bekker  (Hom.  Bl.  2G9)    seine  Gründe   bei- 
bringt.    Nur  Vocative  wären  es   endlich,    die    sich    gegen    die 
Regel    des    Grammatikers    im    Schol.    Harl.    zu    ß77  suos-ots  6 
Eaoj-bc    yjpö-'ioz    tou    -ripoj'.y.cO    ^--.yirl^v    i'rr'.osyaxai ,     welche    römische 
Hexametriker    wie    Silius    Italicus    durch    Verlegung    eines 
vollen    Satzendes    verletzen,    anführen    Hessen,     nemlich    A  8G, 
K41G,  B  7G1,  ü  14,  von  dem   von   Hoffmann  angeführton    A  102 
abgesehen.  Und  ein  Vocativ  folgt  auch  nur  auf  die  Arsis  des  G. 
Fusses  « ()2  (oousxo  Zs'j.  Zu  den  angeführten  Ziffern  noch  ein  Wort. 


1 


440  Harte!. 

Wenn  jemand  in  einem  nach  Nicanor's  Regeln  interpungirten 
oder  auch  in  dem  an  solchen  angeblichen  Constructions-Er- 
leichterungszeichen  strotzenden  Clarke-Ernestischen  oder  Wolfi- 
schen Texte  nachprüfend  zählte,  möchte  er  auf  eine  bedeutend 
höhere  Zahl  kommen ;  ich  glaubte  mich  Bekker's  wohl- 
erwogenem Verfahren  (vergl.  Hom.  Bl.  233.  293.  268),  das  in 
den  Altsgaben  allerdings  an  kleinen  Inconsequenzen  leidet, 
anschliessen  zu  sollen.  In  der  Unterscheidung  stärkerer  und 
schwächerer  Interpunction  weiss  ich  nicht,  wie  man  nicht 
subjectiv  voi'gehen  könnte.  Doch  ist  dies  sowie  etwaige 
Zahlendifferenzen  für  unsere  weiteren  Erwägungen  unerheblich. 
Die  gegebenen  Ziffern  bestätigen  in  bester  Weise,  dass 
die  Interpunction  im  gesprochenen  oder  gesungenen  Vers  ein 
wenn  auch  kleines,  so  doch  merkliches  Innehalten  der  Stimme 
erforderte ,  dass  durch  sie  ein  Zeitverlust  gegeben  war ,  den 
man  dadurch  am  wenigsten  fühlbar  zu  machen  suchte,  dass 
man  die  Satz-  oder  Satzabschuitts-Enden  mit  den  Caesuren 
zusammenfallen  Hess.  Denn  warum  in  aller  Welt  hätte  man 
sonst  von  16  möglichen  Stellen  gerade  so  gerne  die  Haupt- 
caesureu  (die  des  3.  Fusses  713mal,  die  bukolische  387-,  die 
Trithemimeres  245mal)  aufgesucht?  Darauf  führt  noch  ein 
anderer  Umstand.  Wir  sehen,  dass  in  der  ersten  Vershälfte 
nach  jeder  Silbe  mit  einziger  Ausnahme  jener,  mit  welcher 
der  2.  Daktylus  schliesst,  Satzende  möglich  ist,  nicht  so  in 
der  andern,  ja  dass  in  dieser  ein  Durchschneiden  der  Thesis 
geradezu  als  verpönt  bezeichnet  werden  kann.  Vielleicht  darf 
man  zur  Erklärung  eine  Beobachtung  Brücke's  heranziehen. 
,Ich  habe  ferner  beobachtet^,  heisst  es  a.  a.  O.  52,  ,dass  im 
Pentameter  und  in  der  ersten  Hälfte  des  Hexameters  die 
zweite  Kürze  der  Daktylen  eine  Neigung  hat,  sich  auf  Kosten 
der  ersten  zu  verlängern.  Es  zeigte  sich  dies  ganz  deutlich, 
wenn  ich  beiden  Kürzen  dieselbe  Silbe  unterlegte,  so  dass  die 
Natur  der  Silben  keinen  Unterschied  bedingen  konnte  .... 
Weniger  war  dies  in  der  zAveiten  Hälfte  des  Hexameters  der 
P^all,  die,  wenji  ich  mich  so  ausdrücken  darf,  mehr  anapaestisch 
gesprochen  wird.  Da  die  Arsen  im  Hexameter  gleicliabständig 
sind,  so  werden  durch  den  Zeitverlust,  den  die  Caesur  bedingt, 
die  folgenden  zwei  Küi'zen  etwas  gegen  die  nächste  Länge 
zusammengeschoben,    und    dieser    veränderte  Tact    bleibt    für 


Homerische  Studien.  441 

den  Rest  des  Hexameters  massg■ebend^  Jedenfalls  begreift  man 
es  als  eine  Störung  dieses  Tactes,  wenn  einmal  eine  Thesis 
durch  die  zwischentretende  Interpunction  auseinander  gerissen 
würde.  Wäre  aber  mit  der  Interpunction  kein  Zeitverbrauch 
verbunden,  müsste  es  doch  als  ein  recht  arger  Zufall  erschei- 
nen, dass  nicht  wenigstens  einige  Male  Satzende  in  diese 
Regionen  falle.  Mau  könnte  allerdings  dagegen  einwenden, 
dass  die  Abneigung  natürlich  sei,  gegen  Ende  des  Verses 
einen  neuen  Satz  zu  beginnen ,  und  mithin  die  Partie  nach 
der  bukolischen  Caesur  gar  nicht  in  Betracht  komme,  und  der 
vorheiliegende  Einschnitt  nach  dem  Trochaeus  des  4.  Fusses 
erkläre  durch  die  Nähe  der  Caesuren  seine  exceptionelle  Stel- 
lung. Das  kommt  gewiss  mit  in  Rechnung.  Aber  es  bleibt 
immer  noch  die  Frage:  warum  sind  gerade  die  Caesuren 
Hauptanziehungspunkte  der  Interpunction  ?  Und  darauf  giebt 
es  nm'  eine  befriedigende  Antwort:  weil  diese  eine  Pause  be- 
dingen und  die  häufigere  Unterbrechung  dem  ruhigen  Flusse 
des  griechischen  Hexam.eters  nichts  Aveniger  als  angemessen 
war.  Hoffmann  formulirt  den  Satz  so  I  27:  accedenfe  inter- 
•punctione  consentaneum  est  inultn  vehement tor es  fieri  caesuras, 
qttam.  qnae  efficiuntur  solo  vocum  fine.  Nur  werden  wir  die 
Vehemenz  darin  erblicken ,  dass  eine  mit  dem  Satzende  zu- 
sammentreffende Hauptcaesur  eine  merklicher  in  das  Ohr 
fallende  Unterbreciumg  erzeugt  als  das  Zeitintervall  der  Caesur 
an  sich  ist.  Ist  das  richtig,  so  müssen  sich  Spuren  davon 
im  Bau  der  Verse  nachweisen  lassen. 

Die  zeitlichen  Abstände  der  Versicten  sind ,  wie  Jeder 
fühlt,  nach  ganz  bestimmten  Gesetzen  geregelt.  Brücke  hat 
auch  hier  nach  directen  Messungen  an  deutschen  Versen  ge- 
funden, ,dass  in  jambischen  und  trochäischen  Maassen  die  vom 
Ictus  getroffenen  Arsen  (z.  B.  im  Trimeter  1.  3.  o)  und  die 
nicht  vom  Ictus  getroffenen  Arsen  unter  sich  gleichabständig 
waren,  und  weiter,  dass  im  Hexameter,  im  alcäischen  und  im 
sapphischen  Verse  alle  Arsen  unter  sich  gleiche  Abstände 
hatten',  a.  a.  O.  24.  Obwohl  wir  den  lebendigen  Vortrag  des 
griechischen  Hexameters  nicht  mehr  einer  Messung  unterwerfen 
können,  wei'den  wir  unbedenklich  das  Gesetz  von  der  Gleicli- 
abständigkeit  der  Arsengipfcl  ihm  vindiciren  und  die  sich 
daraus    ergebende  Folge.     ,Aus    der  Gleichmässigkeit  der  Ab- 


442  Hartel. 

stände  geht  nun  mit  Nothwendigkeit  hervor,  dass  das,  was 
zwischen  je  zwei  Arsen  auszusprechen  ist,  auch  g-leich  viel 
Zeit  in  Anspruch  nehmen  muss,  wenn  nicht  üebereilungen 
oder  Verschleppungen ,  beziehungsweise  Pausen  eintreten 
sollen^.  Brücke  a.  a.  0.  24.  Wegen  mangelnder  Empirie 
können  wir  die  sich  hier  anknüpfenden  Fragen  allerdings 
nicht  so  fein  ausarbeiten,  wie  Brücke  dies  in  so  muster- 
giltiger  Weise  für  die  Verse  unserer  Sprache  gethan.  Aber 
einige  Punkte  dürften  auch  so  sich  klar  machen  lassen  und 
das  Zugeständniss  erhalten,  dass  die  Dichter  mit  feinem  Ohr 
instinctiv  manches  beachtet,  was  sich  der  theoretischen  Be- 
trachtung bisher  entzogen  hat.  Wir  messen  den  Abstand  von 
einer  Arsis  zur  anderen,  indem  wir  den  wie  früher  bemerkt 
sehr  rohen  Massstab  zweier  Lcäugeu  zu  vier  Moren  anlegen. 
Die  mannigfachen  Unterschiede  zwischen  den  kurzen  und 
langen  Silben  unter  sich  sind  für  uns  unwahrnehmbar  gewor- 
den. Die  Consonanten  berücksichtigen  wir  nur  insofern,  als 
gewisse  Gruppen  Position  bilden  oder  nicht,  also  nur  in  ihrem 
Verhältniss  zu  einer  vorausgehenden  Kürze.  Dass  sie  auch 
nach  vorausgehender  Länge  mächtig  in's  Ohr  fielen,  zeigen 
die  kyklischen  Hexameter,  z.  B.  X59S  aüOit;  sTisixa  ttsoovos  xuAtv- 
o£TO  Xäaq  avatov]?,  über  dessen  Messung  Dionysius  de  comp, 
verb.  17  berichtet  (anderes  bei  Hoffmann  I  35),  wo  Conso- 
nantenhäufung  nach  uaturlanger  Silbe  sichtlich  gemieden  wird. 
Wie  aber,  wenn  in  der  Caesur  auf  naturlangen  Vocal  ein 
Schlussconsonant,  dann  Interpunction ,  dann  eine  Consonanten- 
gruppe  folgte,  summirten  sich  nicht  da  Zeitaufwände,  deren 
Bewältigung  innerhalb  eines  in  demselben  Verse  streng  be- 
messenen Zeitraumes  dem  Organe  ernstliche  Schwierigkeiten 
bereiten  mussten,  denen  man  auszuweichen  bemüht  war?  Be- 
trachten wir  die  durch  Interpunction  verstärkten  Caesuren.  In 
H  haben  wir  den  einzig  dastehenden  Fall,  dass  dies  in  ('»  auf- 
einander folgenden   Versen  statthat. 

10  x£(p-£vov  £v  vAiatY],  6pa(ju[j/(]S£0(;  l7:7:oSa[/.oi6, 
'/ßky.M  TrajxcpaTvov  6  c'   'iy'  aazioa.  -atpoc  £oTo' 
£tX£TO  o'  aA/.i[AOv   £YX°??  aY.oiyiJ.ivov  o^£'.  yaXyS<), 

TO'j?  [ikv  c)pivo[X£voyc,  tob?  Se  ■/.Xoviovxa?  otcisOsv, 
15  Tpwac  uTTEpOufJLOUi;'  ipepiTcto  Sl  '^€iy^oq  'A/auov. 


Homerische  Studien.  443 

Nur  eine   Art  jener   Consonantenhäufung- ,    die    uns   hier  inter- 
essirt,  fehlt  5  wir  finden  ein  Beispiel  351 : 

Die  trochaeische  Caesur,  von  der  wir  ausgehen  wollen, 
ist  entweder  so  gestaltet,  wie  sie  v.  12  zeigt,  oder  es  folgt  auf 
vocalisch  auslautende  kurze  Silbe  consonantisch  anlautende 
kurze  wie  H48  xsTvo?  xw?  a-^ope'jv  ix  3iq,  oder  es  gerathen  zwei 
Vocale  aneinander  wie  S  6  £??  ö  y.s  0£p[^.x  Xos-pa  £ü-A6y.a[xo;  (die 
reichste  Sammlung  hiefür  g-iebt  La  Roche  in  der  Zeitschi-.  f,  öst. 
Gymn.  1860,  749  ff.).  Da  letzteres  nirgends  so  oft  als  in 
dieser  Caesur  der  Fall  ist,  kann  man  hierin  eine  für  die  Pause 
ebenso  beweisende  Thatsache  erkennen,  wie  in  der  Häufigkeit 
der  Interpunction  an  dieser  Stelle.  Denn  der  Hiatus  oder  die 
Lücke  hat  fast  einen  etwas  grösseren  Zeitwerth  als  ein  ein- 
zelner Consonant,  indem  vor  dem  anlautenden  Vocal  vollkom- 
mener Kehlkopfverschluss ,  den  das  Griechische  mit  dem 
Spiritus  lenis  andeutet,  gebildet  VN'ird;  dafür  bietet  die  Caesur 
hier  und  nach  dem  4.  Fuss  die  beste  Zeit.  Diese  verschiede- 
nen Lautcomplexe  liegen  uns  hier  fern,  wo  wir  den  Einfluss 
der  Consimantengruppen  in  der  Thesis  untersuchen.  Es  kann 
nur  ein  Fall  von  Consonanteuhäufung  in  Betracht  kommen, 
Muta  mit  Liquida,  die,  wie  früher  bemerkt  wurde,  in  weit 
überwiegender  Zahl  Position  bilden.  An  welchen  Stellen  des 
Verses  bilden  sie  nicht  Position?  Diese  Frage  haben  sich  jene 
nicht  vorgelegt,  welche  in  fleissiger  Sammlung  die  Wörter 
zusammenbrachten,  an  denen  Muta  mit  Liquida  nicht  Position 
bilden  (Spitzner,  De  versu  Gr.  heroico  88  ff.,  La  Roche  Hom. 
Unters.  10  ff);  und  doch  giebt  es  auf  die  nicht  unnütze 
Frage  eine  bestimmte  Antwort.  Die  Positionsvernachlässigung 
ist  an  zwei* Thesen  geknüpft,  an  die  erste  Kürze  des  dritten 
und  die  erste  Kürze  des  fünften  Fusses  5  z.  B.  wc  ol  y-h  -oiaü-y. 
i:poq  ot.XA:^\GJq  «Ycps'jov  und  v.xi  [j.'.y  otov/^ia?  zzzx  7:~z.pivnx  r.poarpoa. 
Die  erste  Form  findet  sich  in  den  beiden  Gedichten  202-,  die 
andere  278mal.  In  anderen  Regionen  des  Verses  begegnet  das 
vereinzelt,  nämlich  je  25mal  nach  der  ersten  Thesis  des  ersten 
und  zweiten  Fusses  (s292  "/spct  -pi'atvav  eXwv  und  3  50(3  aü-iy.' 
exc'.Ta  Tpfaivav  sXwv),  I8mal  nach  der  zweiten  Thesis  des  ei'sten 
Fusses  ("Ey.Topa  llpiaiJ.io-^v) ,  4mal  nach  der  zweiten  Thesis  des 
zweiten  Fusses  (1382,  0  127,  0  92,  v  324),  2mal  nach  der  zweiten 

Sitzb.  d.  pliil.-hist.  Cl.  LXYIII.  Bd.  III.  Uft.  29 


444  Hartel. 

Thesis  des  fünften  Fusses  (E462,  /.234),  je  Imal  nach  der 
zweiten  Thesis  des  dritten  Fusses  (A69)  und,  was  merkwürdig 
genug  ist,  nach  der  bukolischen  Caesur  (W186  os  XP^^'O-  Dazu 
biklet  xp  bis  auf  zwei  Fälle  (6  353,  0  795)  immer  Position. 
Freilich  bemerkt  La  Roche  a.  a.  O.  41:  ,070110  xpeoc  6  353 
ist  mit  DEPSVxpswc  zu  schreiben,  welches  analog  mit  tuAswv 
einsilbig  zu  sprechen  ist/  Aber  ich  fürchte,  dass  der  Heraus- 
geber der  Odyssee  mit  seiner  Ansicht  und  seinen  halbirten 
Versen  (6  353  z(  y.v/  "Apr^q  oi^oito  ||  xpäw;  xal  oza\j.hv  aXu^a?,  c474 
aY]v  eq  Tca'pio'  Txc.o  ||  TrXeojv  em  olvoira  tovtov,  vergl.  H8<S,  um  von 
der  Entstellung  in  \xlO,  1360  nichts  zu  sagen)  allein  bleiben 
werde.  Den  Standpunkt,  sonst  wohl  überlieferte  sprachliche 
Einzelnheiten  der  Gleichförmigkeit  zu  Liebe  anzutasten,  haben 
wir ,  glaube  ich ,  glücklich  hinter  uns  oder  sollten  ihn  haben. 
Addirt  man  die  angegebenen  Ziffern,  so  erhält  man  556  Fälle 
der  Positionsvernachlässigung,  in  welche  sich  Ilias  und  Odyssee 
ziemlich  gleich  theilen  (267  gegen  289).  Der  kleine  Ueber- 
schuss  der  Odyssee  kommt  auf  Rechnung  von  Formeln ,  die 
in  ihr  besonders  häufig  begegnen,  wie  loiauta  'r:pQq  oi.AXr,kQ\jq^  hdlija 
ripzY.d[ievx  und  dergleichen.  Desto  interessantere  Zahlenunter- 
schiede bieten  die  einzelnen  Bücher.  K  hat  kein  Beispiel; 
denn  Niemand  wird  verkennen,  welche  Lesung  des  Verses  252 
ä'axpa  OS  oyj  -poßsß'/^xs,  Tuapcoy'rjxev  oh  tc'kzmv  wq  der  Rhythmus  be- 
günstigt. Ein  Beispiel  zeigt  ß  im  Vers  216,  von  zwei  formel- 
haften 269.  362  abgesehen;  zwei  y  in  den  Versen  41.  320,  die 
anderen  stehen  in  festen  Formeln  119.  266.  389.  Dieselbe 
gleichmässige  Sparsamkeit  durchzieht  'C  mit  4,  "/)  mit  4  (von 
den  Formeln  abgesehen  2),  i  mit  4  Fällen.  Eine  weitere  Ver- 
folgung dieses  Gesichtspunktes,  den  ich  ebenso  für  berechtigt 
wie  für  nicht  ganz  unergiebig  halte,  liegt  ausserhalb  der 
Grenzen  dieser  Abhandlung  und  ist  auch  nur,  wenn  man  andere 
Eigenthümlichkeiten  der  Verstechnik  miterwägt,  die  nicht 
gerade  an  der  Oberfläche  liegen,  in  den  Resultaten  Vertrauen 
erweckend.  Aber  warum  begegnet  die  Positionsvernach- 
lässigung so  ausschliesslich  an  den  beiden  Stellen?  Darauf 
weiss  ich  keine  befriedigende  Antwort.  Dass  die  Caesur  nur 
die  Hälfte  der  Fälle  erklärt,  also  nichts  erklärt,  sieht  Jeder. 
Aber  vielleicht  giebt  der  Umstand  einen  Fingerzeig,  dass  die 
bukolische  Caesur  so  hartnäcldg  einer  Muta  mit  Liquida  hinter 


Homerischo  Studien.  445 

sich  den  Platz  verweigert,  und  können  wir  die  Frage  so  for- 
muliren :  warum  verträgt  die  zweite  Kürze  des  Daktylus ,  von 
dem  auch  hierin  exceptionellen  ersten  Fuss  abgesehen,  so  durch- 
aus nicht  eine  lautliche  Verstärkung,  wie  sie  nun  einmal  in 
nicht  abzuleugnender  Weise  durch  gehäufte  Consonanten  gege- 
ben ist?  Es  spräche  sich  hierin  eine  Neigung  des  griechischen 
Hexameters  aus,  welche  der  des  deutschen  entgegenstünde. 
Bei  diesem  ist  durch  Messungen  constatirt,  dass  in  der  ersten 
Hälfte  ,die  zweite  Kürze  des  Daktylus  eine  Neigung  hat,  sich 
auf  Kosten  der  ersten  zu  verlängern'  (Brücke  52). 

Wie  dem  nun  auch  sei,  die  Consonautenhäufung  in  der 
Thcsis  muss  sehr  fühlbar  gewesen  sein,  wie  daraus  hervorgeht, 
dass  dieselbe  an  beiden  Stellen  eines  und  desselben  Verses 
nur  zweimal  sich  findet  (•/-354  rj  o'  hipTf  TtpsTripoiO;  Opivov  £t(- 
xaivc  Tpx-ivac  und  x43H  ^  452  cx^J'ap  zTzz'.-za  öpivouc  ■rzep'.Y.ot.Xkeoi.c 
•q^k  -zpa-iZs-c) ,  und  noch  mehr  daraus ,  dass  man  es  sichtlich 
vermied,  den  durch  die  Consonanten  bedingten  grösseren  Zeit- 
verbrauch  noch  durch  Interpunction  zu  steigern,  so  gerne  diese, 
wie  wir  sahen,  gerade  mit  der  trochäischen  Caesur  des  dritten 
Fusses  sich  verbindet.  Nur  12  Verse  dieser  Art  begegnen, 
darunter  9  mit  schwacher,  zum  Theil  sehr  schwacher  Inter- 
punction (T214,  A119,  N799,  P598,  a476,  X527,  7  85  =116 
=  9  308,  -ÖGI,  'J>301),  2  mit  stärkerer  (M95  uTs  ojui  Updixoio- 
-pt-o?  3'  ■^v  "Aj'.c;  r,pMC  und  P  545  cupavcösv  /.a-raßasa-  r.pzrf/.z  väp 
cup'joza  Zi'jc) ;  ganz  vereinzelt  stünde  der  Vers  A  G97  zCkz-zz.  y.p:- 
vä[j.$voc  -pi-qv^b-jC  rfiz  vop/^ac,  wenn  das  Komma  nicht  besser  fehlte. 

Die  Caesur  des  dritten  Fusses  nach  der  Arsis  und  wie 
sie  die  Caesuren  nach  den  Arsen  der  anderen  Füsse  verti'ao-en 
jede  Consonautenhäufung.  Wenn  aber  Interpunction  hinzutritt, 
ist  die  Neigung  vorhanden ,  die  Umgebung  möglichst  zu  er- 
leichtern. Die  früher  ausgeschriebenen  Verse  Z13.  15  (xAtci'^c, 
Tr/Ä  und  j-spöüp.ojc-  kpipvr-.o)  repräsentireu  die  gewöhnliche  Ge- 
staltung, mit  Avelcher  ein  Fall  wie  N121  t-f,o£  [j.£0-/;;aoc?jv/;-  aXX' 
gleichwerthig  ist.  Eine  grössere  Belastung  zeigt  uns  1  10  vJ.'.z'.r^, 
0pa{:'j[r/;c?cc  und  die  grösste  351  y^p-JGzir,-r  sT-.A-vat,  indem  zu  dei- 
an  sich  zur  Ausfüllung  der  Arsissilbe  genügenden  Länge  im 
ersten  Falle  zwei  leichter  sprechbare  und  darum  manchmal 
nicht  Position  bildende,  im  anderen  Falle  zwei  schwere  regel- 
mässig Position  bildende  Consonanten  hinzutreten.     Die  Stimme 

•29* 


446  Harte  1. 

musste  dieses  grössere  Pensum  innerhalb  desselben  Zeitraumes 
bewältigen,  wenn  das  Grundgesetz  des  Hexameters,  die  Gleich- 
abständig'keit  der  Arsengipfel,  nicht  verletzt  werden  sollte; 
solcher  Arbeit  entzieht  man  sich  gerne  und  der  schwierigsten 
am  liebsten.  Ich  suchte  für  dieses  Verhalten  den  ziffermässigen 
Ausdruck  zu  finden  und  durchsah  säimntliche  Bücher  der 
Odyssee.  Da  Consonantengruppen  verhältnissmässig  selten 
jene  Wörter  beginnen,  mit  denen  die  Sätze  anzuheben  pflegen, 
kann  die  geringe  Ziffer  der  Fälle,  wo  hinter  der  von  Inter- 
punction  gefolgten  Caesur  ein  neuer  Satz  oder  Satzabschnitt 
mit  schwereren  oder  leichteren  Consonantengruppen  anhebt,  an 
sich  wenig  besagen ;  aber  doch  etwas ,  wenn  man  daneben  die 
Ziffer  der  Fälle  hält,  wo  solche  Consonantengruppen  mit  dem 
Versanfang  den  Satz  beginnen.  Nun  findet  man,  dass,  wähi'end 
Muta  mit  Liquida  etwas  über  200mal  an  Vers-  und  Satzanfang 
steht,  im  Innern  des  Verses  diese  Consonanten  nur  etliche  80mal, 
also  nicht  einmal  an  der  Hälfte  der  Fälle,  nach  der  Arsis 
einen  neuen  Satz  beginnen,  und,  während  die  Position  bilden- 
den Consonantengruppen  etwas  über  200mal,  also  gleich  häufig 
mit  den  anderen ,  an  Vers-  und  Satzanfang  getroffen  werden, 
nur  ein  halbes  Hundert  Verse  gezählt  wird,  in  denen  mit  ihnen 
nach  der  Arsis  ein  Satz  oder  Satztheil  anhebt.  Ich  fand  nicht, 
dass  dies  Verhältniss  durch  Vergleichung  einzelner  Abschnitte 
der  Ilias  erheblich  alterirt  werde.  Ich  glaube  also  hierin  eine 
Bestätigung  des  Satzes  erblicken  zu  dürfen ,  dass  die  Dichter 
mit  feinem  Instincte  dort,  wo  durch  die  Interpunction  nach 
den  Arsen  ein  Zeitverlust  geschaffen  war,  die  Umgebung  zu 
entlasten  suchten ,  Avie  sie  dies  nur  um  so  viel  entschiedener 
nach  der  ersten  Kürze  der  Thesis  durchführten. 

Wenn  dies  richtig  ist,  so  wird  nun  die  Erscheinung,  dass 
auch  entschieden  kurze  Silbe  bei  folgender  Interpunction  in 
die  Arsis  gestellt  werden  und  mit  der  Interpunction  die  zur 
Aufrechthaltung  der  Gleichabständigkeit  der  Arsen  erforder- 
liche Zeit  einer  Länge  ausfüllen  könne,  in  einem  etwas  anderen 
Lichte  erscheinen.  Fälle  wie  der  aus  H 12  mitgetheilte  '/aAxo) 
^a[xiaTvov  o  o'  r/'  aa7:(ca ,  finden  sich  in  der  Odyssee  70,  eine 
Zahl  ,  die  nur  um  etwas  durch  die  folgenden  Betrachtungen 
ermässigt  werden  wird.  Also  eine  Entlastung  der  um  die 
Interpunctionsstellc  liegenden  Umgebung,    welche,    wenn    man 


Homerische  Studien.  447 

} 

die  Ziffern  im  Auge  behält,  einer  Entseluikliguug  so  wenig- 
oder  so  sehr  bedarf,  Avie  die  durch  Consonautengruppen  be- 
wirkte Belastung.  Auch  ersieht  man,  dass  die  Ansicht,  als  ob 
die  Arsis  die  kurze  Silbe  zur  Länge  dehne,  also  aus  -aixisxtvov 
TZT^oxi-mi  mache,  gar  wohl  entbehrt  werden  kann,  eine  Ansicht 
übrigens  an  sich  ebenso  absurd,  als  wenn  man  sagte,  jede  un- 
betonte Silbe  kann  im  deutschen  Verse  in  die  Hebung  gestellt 
zur  betonten  werden,  was  bekanntlich  nur  in  beschränktem 
Umfange  von  den  mit  secundären  Accenten  ausgestatteten 
Silben  gilt  (Brücke  a.  a.  O.  7),  wie  wir  es  im  Homerischen 
Verse  für  einige  mittelzeitige  Silben  glauben  erwiesen  zu  haben. 
Die  Kürze  bleibt  Kürze  und  fungirt  nur  scheinbar  für  eine 
Länge ,  die  sich  in  der  That  aus  ihrer  natürlichen  Dauer  und 
dem  Zeittheilchen  der  Sinnespause  zusammensetzt.  Von  den 
390  Fällen,  die  ich  zählte,  wo  kurze  Silben  in  der  Arsis  als 
Längen  stehen,  sind  es  io5,  welche  sich  auf  die  angegebene 
Weise  erklären.  Bei  einigen  derselben  kommt  allerdings  noch 
besserer  Lautgehalt  oder  Mittelzeitigkeit  unterstützend  hinzu. 
Wir  finden  so  am  häufigsten  die  Endung  oc,  gleichgiltig  ob  sie 
Endung  des  Nominativs  oder  Genitivs,  ob  des  Masculinums 
oder  Neutrmns.  Da  nun  dies  zumeist  in  der  3.  Arsis  der  Fall 
ist,  so  ist  hier  und  im  Folgenden  eine  Abweichung  davon 
durch  die  in  Klammern  beigesetzte  Arsennummer  bezeichnet. 
Zu  beachten  ist,  dass  wo  eine  andere  als  die  3.  Arsis  im  Spiele 
ist,  meistens  stärkere  Interpunction  sich  findet. 

0?  mit  folgender  Intei'punction  als  metrische  Länge :  A  153. 
244  (2),  B71.  696.  736.  745  (2),  r329.  381,  Z76,  11416  (2), 
ei44,  KÖ40  (4),  A547.  674,  M270,  H405,  0  736,  P42,  a>361, 
X513,  W137  (2).  51L  603  (2).  756  (2).  779,  Ü467.  736  (2), 
—  «226,  ßll  (2),  5  566,  '(294,  6  238  (2),  -.201.  302.  339.429. 
xl70.  172  (4),  A103  (2).  172.  257,  ij.294.  336.  352,  v  343  (2 j, 
U74,  olOO  (2).  175,  -11  (4).  64(2).  471,  -507(2),  ^246.  275, 
X49  (2),  (1/342  (4). 

Fast  gleich  häufig  begegnet  so  ;v,  einerlei  ob  es  Endung 
des  Accusativs  oder  Imperativs,  eines  Adjectivs  oder  Sub- 
stantivs ist:  A85  (5).  491.  527.  5^5,  Ii734,  r]03(4),  W  158, 
K7,  A630,  N587.  766,  Hll.  349.  357.  466,  IM96,  ^224.  238 
(2).  493  (2).  591  (2),  T367,  r472,  X  198  (2j,  Ü192,  -  al31, 
3264.  531(2).  701,  sl9.  266(2),  (330,  -rj  131.  180,  0277  (■/.204 


448  Hartel. 

%iOixscv  ist  dreisilbig),  ä602  (2).  530,  [jASö,  v51.  157.  U  13, 
0  104  (2),  T.Sd,  p20G. 

Nur  der  vierte  Tlieil  der  Stellen  kommt  auf  die  Endun- 
gen £v  und  tq.  Auf  £?:  B449.  789,  E287,  H232(2),  A40,  M52, 
n269(2).  592  (4),  P135,  *I'118,  —  a326,  y.6.  64  (2),  [j.  22  (2). 
Auf  sv:  B228,  r35,  H389  (2).  418,  W731,  ß  269.  470  (4),  — 
>'.269  (2),  Al48,  er  99.  447.  Ganz  unbedeutend  ist  die  Ziffer 
bei  den  kurzen  Silben  ac,  xv,  xp,  ip.  Bei  aq:  E485,  Z240  (2), 
M288,  T45  (2),  76.  Bei  av:  B780  (2),  H206  (2),  t490,  3  301, 
054.  436,  >t47,  0I88,  ^75  (2).  Bei  ap:  B126  (4).  Bei  ep:  P104. 
Nicht  zufällig-  scheint  es ,  dass  die  Silben  ic,  tv,  uc,  uv,  welche 
sonst  sehr  häufig  lang  gemessen  vorkommen,  nur  in  einigen 
Fällen  die  Stütze  der  Intei'punction  neben  sich  haben  Wir  finden 
'.q:Z299(2),  A711  (4);  vr.  A19(4),  E13,  Z495(2),  H31,  N309, 
t422(2);  uc:  B278;  -jv.  B143,  N731,  r239,  Tr294  (2),  t13(2). 
Liegt  nicht  hierin,  zumal  wir  es  mit  Formen  zu  thun  haben, 
die  überall  leicht  ein  Unterkommen  fanden ,  wie  -kö'kv/  ,  [r^xiv, 
o'.v,  TcaX'.v,  Tupi'v,  ein  deutlicher  Hinweis,  dass  wir  den  Grund  der 
Längung  in  der  Natur  der  Silbe  zu  suchen  haben?  Sehen  wir, 
was  sich  auf  diesem  Wege  erledigen  lässt. 

Ich  hätte  von  den  Endungen  uc,  uv  der  oxytonirten  Sub- 
stantiva  ganz  absehen  können,  wenn  es  nicht  noch  immer 
vorkäme,  dass  dieselben  unter  die  willkürlichen  Dehnungen 
gerechnet  würden  (erst  neulich  wieder  von  La  Roche,  Einl, 
zur  Ilias  XXX.),  und  doch  giebt  es  nicht  eine  Stelle,  wo  sie 
sich  kurz  gemessen  finden.  Das  aber  ist  eben  der  Unterschied 
in  der  Behandlung  griechischer  und  lateinischer  Quantitäts- 
verhältnisse. Dort  ist  man,  so  oft  in  der  alten  Latinität  lange 
Endungen  begegnen,  welche  die  spätere  Prosodie  nur  als 
Kürzen  kennt,  geneigt  und  bemüht,  die  Länge  als  den  der 
Kürze  vorausgehenden  Zustand  nachzuw^eisen.  Hier  ist  die 
erste  Voraussetzung,  dass  die  Dauer  der  Laute  durch  Jahr- 
hunderte unverändert  geblieben,  dass  die  Endungen  allesammt 
zur  Zeit  der  Entstehung  der  Homerischen  Gedichte  dieselbe 
Quantität  hatten  wie  in  der  späteren  Gräeität.  Bei  den  Sub- 
stantiven auf  uc  beruft  man  sich  auf  die  Kürze  des  u  im  Ge- 
nitiv, aber  man  gedenkt  des  Genitivs  nicht  bei  opv.c  (öpviOo;) 
und  sieht  z.  B.  M218  op^/ic  r,XQz  für  gedehnt  an  {zpv.c  stu-^aGs 
schrieb     Wolf),     weil     auch     einmal    ti219    opvX:     hl    [iz-^ipo'.a: 


Homerische  Stadien.  449 

begeg-net.  Gerade  dieses  opviq  ist  ein  recht  evidentes  Beispiel 
füi-  das  Herabsinken  der  Quantität,  welclies  gleich  in  grossem 
Umfange  sich  zeigen  wird.  j\Iöchte  nun  auch  die  Quantität 
der  genannten  oxytonirten  Endungen  schwanken,  ihre  ursprüng- 
liche Länge  ergäbe  sich  daraus,  dass  sie  in  beliebigen  Thesen 
mit  und  ohne  Interpunction  die  lange  Endung  -bewahren;  so 
ohne  Interpunction  in  erster  Thesis  ßpwtuv  !:4()7,  in  zweiter 
•Ojv  Z  79,  mit  Interpunction  in  erster  lyßjq  *PV21,  TrX-rjÖüv  A305, 
in  vierter  a/A6c  T421,  lOüv  <I>303.  In  der  Arsis  findet  mau 
zArfijz  0  305  (2),  P31  (2),  V197  (2),  ßpco-üv  T205,  ay.ovTiaxüv 
^'622,  -/.XtT'jv  i470.  An  diese  reihen  sich  zwei  Adjectiva:  rS/^jc 
xix/.r^yJ.v.  lopwc  N  705  und  ßapliv  autov  ts  TiiXojpov  -.257.  Hier  hat 
wohl  der  Accent  zur  Erhaltung  der  Quantität  der  Endung  bei- 
getragen, die  sonst  überall  zerrüttet  ist  bis  auf  eine  Ausnahme 
an  dem  einen  Worte  vr/.j;.  Wir  finden  vivJjc  Zl^O  (4),  X384 
(4),  v£-/,uv  A492  (2),  ^IMIO  (2),  H84  (4),  P394  (4).  692  (4). 
724  (4);  sonst  ist  bei  vi-/:jz^  vr/.jv  die  Quantität  wiegen  Position 
nicht  erkennbar,  aber  in  keinem  Verse  stehen  sie  als  Pyrrhi- 
chien  in  der  Thesis.  Das  Gleiche  gilt  von  [xsjsyjy'j;,  denn  wo 
eine  Kürze  benöthigt  wird,  steht  die  Form  \j.z.a(jTijj  zu  Gebote 
(0  560,  A573,  N568,  r370).  Doch  kann  der  Grund  der  Län- 
gung 0  845  |j.£Sfr/]Yl)c  'JOf/.-/;::  in  dem  Anlaut  des  folgenden 
Wortes,  das,  wie  bereits  bemerkt  wurde,  einen  Consonauten 
verloren  zu  haben  scheint,  liegen ,  wie  dies  in  F  60  x£Xsx,jc;  w; 
sicherlich  der  Fall  ist,  worüber  später.  Doch  findet  sich  ein- 
mal -jrar/.jv   airv.cr  P520  (4). 

Ein  gleiches  Bewandtniss  hat  es  mit  den  Endungen  Kq 
und  '.V  der  Substantiva.  Wir  finden  rSk'.c  L  152  (2),  11  69  (4), 
xzK':,  1157  (4),  B329;  i^/^xiv  axaXavToc  B  169.  407.  636,  H47,  K  137, 
A200,  ix-^T'.v  £[j,ßaXAco  e'JiJ.(;)  >r3i;5,  ~^>  y72,  t253,  ö-.v  y.524, 
Ooup'.v  £k'.£iij.£vo'.  aXy.-z^v  H  164,  0  262,  IS  157,  "/apiv  E874  (4)  doch 
las  Aristarch  xäp-.v  o',  "Epic  A  440  (4),  rJ'.c  X492  (4),  X494 
(4),  Tix'.^  w?  0  32  (4),  OUT'.?  H  423.  Der  früher  berührte  Vocativ 
Z385.  424  0£-:'.  xavu7i;£7rA£  (vergl,  0  88  und  (.)192)  gehört  gleich- 
falls hieher.  Das  zur  Bildung  des  persönlichen  Femininums 
dienende  Suffix  t  ist  in  seiner  Identität  mit  dem  gleich  func- 
tionirenden  %  des  Sanskrit  erkannt  worden  und  Curtius  hat 
in  überzeugender  Weise  erklärt,  dass  das  s  dieser  Wörter  einem 
aus    dem  %  sich    entwickelnden    /    seine    Entstehung    verdanke 


450  Hartel. 

(0£Ti-o;,    0af.-j-;r,    OsTi-cj-o;,    Hsti-gc;,    vergl.    Gz.2   564).     Die 
Länge  tritt  unverkennbar  noch  hervor  in  der  Thesis:  ßXsTjpw-ic 
eoreoxvtoTO  A  36,  "^viv  i'jpjpiTWTiov  K  292,  -{ 382 ;  zweifelhaft  ist  die 
Lesart  0420  ^Aauxw-'.,  '6t    i'v,  :i:357  ßowTui  (0471,  0  49).  Ferner 
in  £U7uA07.a[j.ic£;  "Ayaia:  ßll9,  "542,  üLer  dessen  Betonung  Herod. 
11  32,   15;  134,  14;  761,  24  (ed.  Lentz).  Damit  wäre  allerdings 
zunächst  mir  die  Quantität  der  im  Genitiv  u.  s.  w.    ein  c   ent- 
wickelnden weiblichen  »Substantiva  erklärt,  denen  Tuaiq  angereiht 
werden  kann.     Aber  da  neben  den  Formen   mit  o  solche  ohne 
diesen    parasitischen    Laut   von    demselben    Stamm    sich   bilden 
(0£ti-c<;,  \iri'n-oq  neben  0£-'.c-oc,  [jl-/]vio-oc),  so  hat  man  kein  Recht 
aus  dem  Mangel  des  o   auf  eine    verschiedene  Quantität,  z.  B. 
in  Ol?,  izsMc  zu  schliessen.     Dann  steht  der  ,gesteigerte'  Stamm 
TCoXst,    aus    welchem  die    einzelnen   Endungen    sich    entwickeln, 
einem  xoXi  viel    näher    als    einem    7:oXX.     Fth*    Hig   verweise    ich 
nicht  auf  die  Aristarchische  Lesart  in  '.425  äpa-£V£(;  zihz  r,7T/ 
statt  o'.£c,  in  welcher  man  eine  dem  Daktylus  zu  Liebe  erfundene 
>«t[uform  erkennt,  obwohl  es  sonst  Aristarch's    Art    nicht   ist, 
die  Erfordernisse  des  Verses  durch  die   Schrift   auszudrücken; 
denn,  wenn  sie  wirklich  überliefert  war,  was  ich  annehme,  ist 
nicht  an  eine  Zerdehnung  zu  denken,    sondern  aus  crieq  wurde 
dlpitq  wie  aus  Ir.'KC-fv/  (urspr.  '.--jio-^iv),   iTiTro'.-F-.v,  t'jrTto'.'.v  durch  das 
nicht    seltene  Vorklingen    des  i  über    vorausgehende    Spii'anten 
und  Liquiden  (vergl.  Scherer,  Zur  Gesch.  d.  d.  Spr.  144.  278). 
Lang  gebraucht  erscheinen  ferner  einige  Advei'bien  auf  '.?: 
xX'.c  avaߣßpox£v  P54(4),   'il'.q  i'cav  (!>  236  =  344(4),  aX-.c  r,o'  a-6o::x 
•^295(4),    't'-^T-^   s'xov    X412(4).     iJ.ö-('.q    mit    aX-.q    gleichgebildet, 
kommt    vor    dem  ursprünglich    consonantisch    anlautenden    r/:v 
wenig  in  Betracht.     äXi;  findet  sich  eben  so  häufig  als  Pyrrhi- 
chius ,    wie  vor   folgenden  Consonanteu   als  Jambus.     Dass  der 
blosse  Gleichklang  mit  TzoX'.q    die   Längung    erkläre,    wird  Nie- 
mand annehmen  wollen.     Wie  steht  es  mit  der  Form?   Li  den 
Adverbien  i'/.'.q,  \J.i'/dq,    [j-iy'.?,    den    Multiplicativis   auf   -x/.i;    hat 
man  längst  pluralische  l^ocative  erkannt.     Das  c.  wäre  also  in 
denselben  durch    die  Mittelstufen  £-.,    i  zu  i  herabgesunken.    Bei 
den  singularischen  I.,ocativen  kann  man  den   Uebergang  des  et 
zu  T,    X  deutlich    vei-folgen.     Für    solche    hat    Curtius    (Ber.    d. 
Sachs.    Ges.    d.  W.    1864,    230  ff".)    die    Modaladverbien    ai^r/si, 
r,x/yqj.zi,  y.Oeei  (i  353)  erklärt,  die  sich  den  dorischen  Locativen 


i 


Homerische  Studien.  451 

otceT,  auTcT,  Tstos,  tg'j—T  (Ahrcns  Dial.  dor.  361j  ii,lciclistellen.  Für 
die  Waudlung  des  st  zu  £t  bietet  einen  Beleg-  ilas  Menandrische 
ol'xct  (vergl.  Herodian  I  504,  IG,  II  463,  31  ed.  Lentz).     Anders 
j   iVeilich  Usener  in  Fleckeiseu's  Jahrb.  1865,  255  ff.     Das  •  finden 
1   wir  in  folgenden :  iixo^qv.  A  637,  ava'.[Aa)-(  P  363,  ^  149,  avoux-rjTi  X371, 
av'.spwT-;  0  228,  avo)'.-Tt   $92,    ac-sjc-:    6  512,  0  476,  ■X304,    aÜTovu/j 
6  197,  sYpr^Y'^P'^''  K182,  [>.ZTaaxo'.yJ  W358,  Tpiaxo-x-:  K473    (dagegen 
TpioTOf/e-'  Hes.  Theog.   727);  letzteres  f'reilieh   vor  starker  Inter- 
punction  in  der  zweiten,  vorletztes  vor  schwacher  in  der  dritten 
Cäsur  und    noch    dazu  vor  a.     Kurzes  t    hingegen    erscheint  in 
;    iv.-q-:  o319,  t86,  ^42,  \j.e^(x/M^xi  0  776,  :i2(),  (o  40,  ixsAs-.cjt-:  Ü409, 
c'.a[>.EX£'7T{  '291,  7  339  ohne   Ausnahme.     Hieher    stellt    Röscher 
(in  Curtius'  Stud.  III   143  ff.)  die  Formen  [r*]/i,    vai'/t,  cü/t,  f,-/'.. 
;   Wie  nun  hier  langes  und  kxu'zes  t  nebeneinander  aber  an  ver- 
1   schiedenen  Wörtern  erscheint,  so  könnte  es  nichts   auffallendes 
[   haben,  dass  gerade  aX-.c  seine    ursprüngliche  Quantität   in  eini- 
gen Fällen  gewahrt,  und  es  wäre  somit  eine  Zwischenstufe  ge- 
funden,   welche    der    Deutung    dieser    Formen    als  pluralischer 
Locative    eine   recht    erwünschte    Bestätigung    brächte.     Somit 
sind  sämmtliche  Verlängerungen  der  Endung   ic  erledigt.     Von 
IV  bleibt  noch  eine  nicht  geringe  Anzahl  übrig. 

Zunächst  das  iv  des  Duals :  I-zstiv  avopojaev  T  396  (5)  vergl. 
E 13,  a)[J.oi'.v  assAicjÖai  N  51 1(2),  ("öy.O'iv  aosAsiiAsOa  11560,  o);j.c;'.'.v 
a.T.Qlo-jao\j.x:  '(219,  a-aO[j,oTiv  r/.xTSpOe  ^9(2),  vw-.v  ayacavTO  -i/ 211(2), 
cow'.v  'iacy.xi  t:  n  \ .  ,Das  Suffix  des  Duals  ist  in  seiner  Grund- 
form hhjäms  und  für  eine  ältere  Sprachperiode  des  Griechisclien 
-tpiv,  ,einG  Verkürzung  und  Veränderung  einer  älteren  Form, 
die  etwa  -oio)v  gelautet  hat^  (Schleicher  Comp.-  590).  Dies 
(piv  muss  sein  o,  ehe  es  dasselbe  gänzlich  einbüsste,  in  r  ver- 
wandelt haben  (Leo  Meyer  Lat.  u.  Griech.  Declin.  63).  Und 
hätte  die  Endung  tv  ihre  ursprüngliche  Länge  nicht  mehr  be- 
hauptet, so  könnte  das  Schwinden  des  r  ihm  dieselbe  wieder 
zurückgegeben  haben,  nach  dein  von  Ebel  (Zs.  f.  vergl.  Spr. 
IV  171)  erkannten  Gesetz,  dass  die  Spiranten  F  und  /  einen 
der  Nachbarvocale  im  Ausfall  vei-längern,  oder  vielmehr  eine 
Ai't  Contraction  mit  ihnen  eingehen  (vergl.  Leo  Meyer  VG. 
I  307  und  Delbrück  in  Curtius'  Stud.  II  194  ff.).  Wer  in 
den  angeführten  Dualendungen  eine  Reminiscenz  an  diese  ur- 
sprüngliche Quantität  in  Abrede  stellt,    wird  den  argen  Zufall 


452  Haitel. 

ZU  erklären  haben,  dass  die  so  sehr  viel  liüiitigere  Dativ-  und 
Verbaleudung'  w  in  recht  unbequemen  Wortfurmen  sich  solcher 
Bequemlichkeitsdehnung  zu  entziehen  wusste ;  denn  was  man 
dafür  beigebracht  hat,  Gay.sciv  s?Xu[j,£VO'.  ^479  und  eXauvwfjtv  avSpiq 
A68,  'jfpaivouff'.v  (zAnröpcpupa  vlOS,  asiOYjstv  sapo?  "519,  £TreX6o)ff'.v 
lOaxv^ato'.  0)354,  ist  nicht  anders  beschaffen  als  -/.opwvYjatv  l'xsAo'. 
s308j  -/oAcoToTatv  sTuscaii  0  210  und  derartiges  mehr.  Bei  ctXüo) 
und  eap  weist  die  Etymologie  den  Verlust  eines  r  (vergl.  Cur- 
tius  Gz.  nr.  527  und  nr.  589),  bei  aXtiripcpopa  den  Verlust  eines 
G  nach.  Bei  av(^p  ist  der  Verlust  eines  Consonanten  mindestens 
sehr  wahrscheinlich,  und  wenn  mau  das  Wort  nur  nicht  mit 
Curtius  (Gz.  nr.  422  und  nr.  128)  von  jjrq  (urspr.  Y^3^^a) 
trennt,  noch  ein  Rest  in  dem  boeotischen  ßavoc,  ßav^y.oc  (Ahrens 
Aeol.  dial.  172),  entstanden  aus  ^tx/a.,  erkennbar  (vergl.  Leger- 
lotz  Zs.  f.  vergl.  iSpr.  X374),  so  wie  in  der  aspirirten  Form 
avBpa  (vergl.  Keil  Schedae  epigr.  6  ff.).  Dazu  bezeugt  Diony- 
sius  Plal.  I.  20  ausdrücklich  das  F  von  Favv^p,  freilich  soll  er 
,in  dem  Wahn  begriffen,  F  könne  beliebig  vortreten',  ein  durch- 
aus verdächtiger  Zeuge  sein.  Die  anderen  von  ihm  beige- 
brachten Beispiele  FsAsvy),  Fava^,  FoIy.o?  sind  aber  solcher  Mei- 
nung nicht  günstig.  Endlich  kommen  noch  andere  Spuren  in 
den  Gedichten  selbst  hinzu ,  die  Oscar  Meyer  (Quaest.  Hom. 
37)  namhaft  macht.  Dieselben  begegnen  bei  'I6axr,  und  seinen 
Ableitungen. 

Sehr  auffällig  wäre  die  fünfmalige  Dehnung  des  \}.v> ,  öt£ 
[j.tv  'ÜTOt;  E385,  äpa  [xw  ocAiov  A876,  oü  ^(i^  \v:>  eV  s'^avTO  Z501(2), 
«?£i  [x'.v  iizX  rqcLc,  K  347(2),  yuxe  8i  [xiv  ixaTspOö  X578(2),  wenn 
hier  nicht  eine  Nachwirkung  ehemaliger  Länge  stattfände.  Die 
von  Doederlein  (Reden  und  Aufsätze  II  144)  aufgestellte  Erklä- 
rung, dass  die  Form  \v:>  aus  l\).-'.\).  (vergl.  das  altlat.  aynem  d.  i. 
eandem  in  Pauli  Ep.  p.  79)  entstanden,  welche  Curtius  (Gz.'-^ 
477)  für  evident  hält,  würde  nicht  dagegen  sprechen  (vergl. 
Scherer  a.  a.  O.  235).  Das  häufige  Vorkommen  des  [j.'.v  vor 
digammirten  Wörtern  soll  nicht  unerwähnt  bleiben:  r386,  E845, 
Z176,  15(54,  11502.  855,  PlBl,  X361;  doch  wäre  Annahme 
einer  falschen  Analogie  von  einem  häufigen  (o;  ä'pa  [/-.v  skivia 
aus  die  letzte,  hier  kaum   nöthige  Zuflucht. 

Es  erübrigen  noch  zwei  Wörter  zptv  und  -iXiv.  r.pvj  wird 
in  der  Arsis  lang  gebraucht  B348,  11390,   6  474,  11S39,  «1>179. 


Homerische  Studien.  453 

oM»,  Li 245.  764,  c!>54.  081,  v  !!):>,  ; 334  =  x'J\}\,o2\().  393,  p  105, 
cf401,  t475  (vergl.  Hermann  Orph.  II  700~);  tJ.'av/  nur  K281 
5c;  Ol  KaXiv  £71:1  vyjac.  Die  ursprüng-lichc  Länge  von  zpiv  ei'hellt 
daraus,  dass  es  auch  in  der  Thesis  so  geraessen  erscheint 
1403  =  X  156  (~b  ~ptv  £-' «stp-^v^c,  Tiptv  iXOcTv  ula;  'A/^aiwv),  Z81, 
N172,  n  322.840,  3  660.  rS/jy  dürfte  hinsichüich-  seiner  Quan- 
tität eine  Stütze  finden,  wenn  es  gelingt  für  r.ih:/  und  -p(v, 
was  auf  den  ersten  Blick  befremden  v/ird,  einen  geraeinsamen 
Ursprung  nachzuweisen.  Hoffmann  (I  09)  hält  ~piv  für  eine 
C(mtrahirte  Comparativform,  aus  Trpo-'.cv  entstanden,  und  ihm 
stimmt  Curtius  (Gz.  nr.  380)  bei,  indem  er  sich  auf  lateini- 
sches 7:>ri.s'  =  priiis  für  pro-ios,  primus  für  pro-imns  beruft. 
Das  ist  ein  nicht  eben  sehr  zuverlässiger  Beleg  für  jene  sin- 
gulare Contraction  (vergl.  Corssen  I-  781  Anm.),  die  über- 
dies zu  einer  auf  griechischen  Boden  geläufigeren  Verstüm- 
melung des  vollen  Suffixes  lovc  nicht  stimmt.  Nun  decken  sich 
lautlich  und  der  Bedeutung  nach  die  Formen  7iapo'.0£v ,  -izäAai 
(vergl.  7:aAa{T£po;,  -apct-öpoc),  im  Zend  parc  soviel  wie  ,vor'  in 
örtlicher  Bedeutung  nach  Justi  p.    186,  und  wie  jüngst  (Rhein. 

I  Mus.  1871,  S.  144)  Savelsberg  nachwfes,  tJj.-j.'.  or^  und  pri-dem, 
worin  er  nach  Usener's  Vorgang  (Flockeisen's  Jahrb.  1865, 
254)  eine  masculine  Locativform  (urspr.  prä-i,  dann  proi,  prei, 
prt)  erkennt,  r.y.^  und  rSk  sind  die  wechsebiden  Formen  eines 
Stammes,  zu  denen  sich  durch  Metathesis  der  ersten  eine  dritte 
^pa  oder  nach  der  Vocalspaltung  7:pc  gesellt.  Mit  demselben 
Suffix  iv  werden  -po-iv  Trpi'v  und  -iX-'.v  weiter  gebildet  und  zur 
Differenzirung  der  Bedeutung  in  der  Art  verwendet,  dass  -piv 
das  ,von  weg'  oder  früher  in  der  Zeit,  TcaXiv  das  ,von  \ng^^  oder 
zurück  im  Orte  bezeichnet,  eine  Bedeutung,  die  Aristarch 
an  den  homerischen  Stellen  durchzuführen  suchte  (vergl.  Lehr's 
Arist.'^  91).  Demselben  Stamm  wie  Tcpiv  gehört  der  erstarrte 
Genitiv  7:apo;  an  mit  gleicher  Bedeutung.  Was  aber  ist  das  iv 
in  -zi'i  und  ~iX-<:/?  Ich  möchte  hierin  nicht  sowohl  die  vedischc 

1  Verstärkungs])artikel  tru,  i  erkennen,  über  welche  das  Peters- 
burger Wörterbuch  bemerkt,  dass  sie  unter  andern  auch  häufig 
nach  Präpositionen  und  Partikeln  eintritt,  und  mit  welcher 
das  demonstj-ative,  stets  lange  und  betonte,  vor  sich  kurze  Vo- 
cale  verschluckende  t  im  Griechischen  verwandt  ist  (vergl. 
Scherer    a.    a.  O.  38.5),    sondern    vielmehr    au    (Ui-s    lateinische 


454  Hartel. 

Suffix  -im  erinnern,  welches  sich  mit  Präpositionen  wie  deim, 
exiin  =  de  eo,  ex  eo  und  Pronominalstänimen  ülim,  istim  zu- 
sammensetzt, über  dessen  Bedeutung  Kitschi  (Op.  II.  452)  be- 
merkt: ,Es  ist  eine  Thatsache  der  lateinischen  Sprache,  tue 
dadurch,  dass  wir  ihre  tiefere  Bewandtniss  nicht  nachzuweisen  1 
vermög-en,  nicht  beseitigt  wird :  dass  in  den  Adverbialbildimgen 
von  Pronominalstämmen  durch  die  Endung  im  die  Richtung 
von  einem  Orte  her  ausgedrückt  wird."  Ist  der  gemein- 
schaftliche Ursprung  des  Tupiv  und  ■::aXiv  wahrscheinlich  geworden, 
so  hat  die  Quantität  des  letzteren  an  der  erwiesenen  Länge 
des  ersten  einen  Ideineu  Halt.  rJjsi  muss  aber  früh  gekürzt 
worden  sein  und  trat  dann  in  Analogie  mit  den  ihr  v  abwer- 
fenden Endungen  auf  iv,  indem  TzoCki  und  sjA-iraAi  gebildet  wurde 
(vergl.  Lobeck  Path.  I  386).  In  der  ganzen  Ilias  und  Odyssee 
findet  sich  w^eiter  keine  Spur  von  besserer  Quantität.  Dazu 
kommt,  dass  der  Dichter  der  Doloneia  sich  mit  einer  Spar- 
samkeit die  Längung  dubioser  Silben  erlaubte,  die  ich  sonst 
nur  in  den  Büchern  a,  ß,  9,  ■/,  'i,  oj  getroffen  habe ;  denn  ausser 
v.  281  finden  sich  solche  Läugungen  nur  noch  5mal,  worunter 
drei  (137,  347,  547)  nach  vorliegendem  Muster.  Bei  dieser 
Sachlage  gewinnt  der  Umstand  einige  Bedeutung,  dass  rSkvi 
häufig  vor  digammirten  Wörtern  (vergl.  das  nicht  seltene  tmK'm 
oI/.6vo£  und  £896,  156)  als  Jambus  verwendet  wird,  mithin 
eine  Bildung  nach  falscher  Analogie  nicht  ferne  lag. 

Die  Endungen  auf  iv  sind  hiemit  erschöpft.  Nicht  so 
leicht  ist  der  Nachweis,  dass  andere  lang  gemessene  Endungen 
die  Berechtigung  dazu  in  sich  tragen.  Nur  für  sämmtliche 
auf  -av  und  einige  auf  -cv  dürfte  er  gelingen,  av  findet  sich 
als  Länge  in:  i'^av  aTriovxcC  '.413(2),  ecpav  epi'-^ps;  •/.47l(4),  sßav 
hd  öTva  7:358(4),  e'aäcv  c'pviös;  tovTi  o)311(4),  TiOe-av  z-je^xioz  xSkr^c,  | 
7,449(4).  Verbalendungcn  sind  es  auch  nur,  welche  das  av 
vor  der  Interpunction  lang  gebrauchen  (scpav,  Xjcav,  laav,  lyt«-"*-, 
äeaa'/,  saTopsaav):  von  den  8  früher  mitgetheiltcn  Beispielen  ge- 
hören nur  zwei  (ß780,  H206)  der  Ilias.  Sonst  findet  sich  av 
nur  einmal  lang  in  IJS41  \ap17av  ipißwAay.a  unter  der  dritten 
Arsis  und  ebenso  vor  stärkerer  Interpunction  jj-sTpav  0  54.  Von 
den  Verbalformen  auf  av  sind  jene  auf  ov  nicht  zu  trennen. 
Wir  finden :  /.al  xüvcov  h(y.~ccCo[j.vfix<.  (2)  p  35^  x  -199,  9  224,  ÖTpjvsv 
'Oc'jT?;a  Y]341   (La  Roche  hat  öip'jvov  0'   aus  einigen    Hdsch.    auf- 


Homerische  Stadien.  455 

genommen),  v/z-)  s-.r/.a  rrfiyi  T43(4)  und  merkwürdig  häufig  in  der 
Boiotia  MCaswv'  er/cv  rfi  B500,  llAaTaiav  'iyyi  rfi  504,  Käpusrov 
lyov  rto'  539,  n£AA7ivr;v  T^er/ov  -^c'  574,  ferner  noch  586.  634. 
635.  Nun  wissen  wir,  dass  in  der  3.  P.  PI.  Praet.  der 
dorische  Dialekt  paroxytonirte,  eAsyov,  eXjjav,  i^i/aÖEv  (vergl. 
Herod.  I  6,  13;  460,  13  und  die  Zeugnisse  bei  Ahrens  28). 
Diese  Erscheinung  wurde  von  Ahrens  dahin  erklärt,  dass  hier 
eine  Nachwirkung  des  vollen  Suffixes  zu  Tage  trete :  ,Et  fnit 
longa  (sc.  ultima  syllaha)  positione  antiquissimis  temporihus, 
prinsquam  escfremvm  ~  ahjectiim  est,  quod  Latint  servarunt, 
eXsYOVT,  sAusavT,  sof/^aOcVT.'  Da  aber  zwischen  eAsvcv-  und  iXz-(ow 
nothwendig  die  Mittelstufe  eAsycvv  liegen  muss ,  fasst  Curtius 
(Stud.  II  166)  im  Anschluss  an  Misteli  den  Voi-gang  so  auf, 
dass  in  der  dorischen  Accentuation  sich  nicht  die  ui'alte  volle 
Endung  vt,  sondern  die  nächste  Erweichung  w  geltend  mache 
oder  mit  andern  Worten,  dass  wir  ,voller  klingendes  und  des- 
halb Position  machendes  v  anzuerkennen  habend  Nicht  anders 
ist  der  Vorgang  in  den  angeführten  Versen,  wo  also  nicht  isav 
cp'n^BCj  sondern  ssavv  cpv.ösc  u.  s.  w.  gehört  wurde.  Dieses  icxtv 
steht  aber  nicht  vereinzelt.  Auch  im  Skt.  ist  die  Mittelstufe 
äsaiin  (vor  Vocalen,  z.  B.  in  äsann  afra)  erhalten  (vergl.  Mi- 
steli Zs.  f.  vergl.  Spr.  XVII  112,  Delbrück  Zs.  f.  deutsche  Phil. 
I  127,  Curtius  a.  a.  O.  165). 

Ein  voller  tönendes  und  darum  Position  bildendes  v  und 
p  müssen  wir  in  einigen  einsilbigen  Wörtchen  anerkennen  5  ob 
der  vollere  Ton  die  Einsilbigkeit  begünstigte  oder  noch  etwas 
anderes,  weiss  ich  nicht  zu  sagen.  Aber  ohne  ihn  wäre  doch 
der  Misston  zu  grell  in's  Ohr  gefallen,  und  dies  zu  vermeiden 
war  ein  leichtes.  So  steht  s?  [iv'  y.sv  i[).t  Y.ivfzq  H  77  (2) ,  oicKutq 
Xcv  ideXr^z'.  r243(2),  -OTOt  ;j,sv  =>'  ir.xjGOic  A442(2),  wo  Bekker 
[jL£v  p'  schreibt,  tx  [X£v  z'.y.f,zz  p533(4),  wo  alle  Handschriften 
\t.vf  t'  bieten,  vuv  oh.  C7u  [j.sv  Wioxo  \482(2),  wo  |j.sv  durch  fol- 
gendes rj-ap  i[j.e  bestens  geschützt  wird,  H  389  folgt  eine  schwache 
Interpunction.  yy.p  findet  sich  lang:  rj  yap  c  Y  A  ,"542  (2),  focp 
£x'  sVcAAsv  B39(2),  T«?  ä-ivsjOc  P520(2),  ^="9  V^y-r.zz  (oder  viel- 
mehr rfAx-^cs?)  a580(2),  yy.p  Ixcv  T49(4).  Nur  der  letzte  Fall 
Hesse  sich  durch  den  Anlaut  des  folgenden  Wortes  entschul- 
digen und  vergleichen  mit  KöLpiyr^  t113  und  dem,  was  Ameis  im 
Anhang  zu  dieser  Stelle  beibringt.     In  einem  Falle  liefern  die 


456  Hartel. 

Handschriften  selbst  ein  Zeugniss  für  die  postulirte  Aussprache 
des  p,  x242'Ä;ap  äxuAcv  ßxXavcv  ts,  indem  sie  r.OLpp  bieten  und  die 
Ausgaben  izip  p'  schreiben.  Was  die  Einsilbigkeit  in  v.sv,  [j.£v, 
yap  bewirkt,  vermag  in  den  zweimal  gelängten  a-rap:  öcTap  sv 
vssTo)  £l08(2),  aTocp  £pi-/)pac  t27o(4),  der  Accent.  Ganz  vereinzelt 
stehen  oä;j.ap  'AXsYr,vopioas  E503(4)  —  c  126  folgt  Interpunction 
auf  oajxäp  —  und  Tca-sp  in  der  Formel  /aTps  TraTcp  w  ^sTvs  0  4O8, 
CT  122,  ul99.  Da  $aiJ,ap  nur  an  den  beiden  Stellen  vorkommt, 
ist  es  erlaubt  die  auch  hier  für  den  Nominativ  nothwendige 
Mittelstufe  oa[j,app  vorauszusetzen,  um  so  mehr  als  Herodiau 
(I  246,  7)  der  Form  oa,aapc7  neben  sXp,'.v;,  p.äy.apc,  ^aXap?  ge- 
denkt. Wenn  aber  TraTsp  als  Vocativ  sich  nicht  rechtfertigte, 
läge  es  nahe  nach  dem  etwas  moditicirten  Muster  (ciXoc  &  Me- 
vsXas  ein  tzoltViP  w  csTvc  zu  wagen. 

Ausser  den  behandelten  Endungen  wüsste  ich  keine 
unter  denen,  die  lange  Messung  gestatten,  namhaft  zu  machen, 
bei  welcher  die  Länge  als  Reminiscenz  an  eine  bessere  ur- 
sprüngliche Quantität  sich  ei-klären  Hesse.  Es  ist  also  zuzu- 
sehen, ob  nicht  aus  dem  Verluste  eines  anlautenden  Conso- 
nanten  eine  Reihe  von  Längungen  sich  rechtfertigen  lasse,  wie 
ja  anerkanntermassen  hierin  ungemein  häufig  eine  Wirkung 
des  Digamma  vorliegt.  Hier  ist  zunächst  die  Längung  kurzer 
Silben  vor  wc  zu,  erwähnen,  überall  in  sechster  Arsis  wo  nicht 
das  Gegentheil  durch  die  eingeklammerte  Arsennummer  be- 
merkt wird:  aOavaxo;  wc  C309,  oCi-^zipoq  A482,  a'.vj-ib;  N  531, 
v^sAioc  H185,  t234,  Osb;  r230,  A58,  ^205,  -Ar/:;  Z443(2), 
[xsX'jßo;  A237(4),  g'Soc  c29(4),  —  r.a-.cv  w;  7  296,  0£bv  1155(4), 
1302,  1  297  (4),  M  176(4),  X434,  ^I'339,  £36(4),  r,  71  (4),  0  173(4), 
t280,  6  339,  ■/.r/.bv  (4)B190,  0196,  v/jt^ut-ov  Y  200.  431,  tvojystov 
N470,  'fJTbv  (4)  Z 57.  438  —  ßie;  üc  AI 72  (neben  ßbs;  w; 
a^sAaTai  x299),  v.'Jvs?  E478(4),  opvcOec  T2,  cu£c  a413(4),  — 
opviOac  WC  B764;  vergl.  die  früher  genannten  Stellen  ~iiq  w; 
3  32(4),  "TziKexjc  wc  r60(4).  Das  sind  im  Ganzen  37  Stellen 
(bei  Bekker  Hom.  Bl.  204  fehlen  6,  eine  x299  ist  ungehörig 
und  A  58  doppelt  gezählt)  und  zum  Theil  in  Arsen  ohne  Cäsur- 
pausen.  Consonantischen  Anfang  vertragen  18  Stellen  nicht, 
wie  S'  fix;  E78  und  llmal,  xaxb;  wc  iv  oijiAw  094,  xtiXo;  ri96,  i 
XeovO'  M293,  11756,  okzoi'pcyoc  N137,  -a-.c  0  271  (bei  Bekker 
sind  Z443,  5  32  falsche  Stellen.  E78,  II 605.  756   fehlen),   also, 


Homerische  Studien.  45  i 

wenn  nuiu  von  einem  halben  Dutzend  niclits  entsclieiclendei- 
Stellen  wie  y.aTlr,p  wc  absieht,  nur  die  ILälfte.  Die  feste  post- 
positive Stellung  rechtfertigt  Hoffmann's  Bemerkung:  tarn  cum. 
in  antiqidore  poesi  talis  'prodnctio  in  icsii  esset,  accepif  eam, 
etiam  Homerns,  quem  constat  raro  a  formulis  qtdb^isdam  recedere, 
und  muss  uns  abmahmen,  was  sich  etwa  von  dem  Anlaut  des 
WC  sagen  lässt,  sofort  der  ganzen  Sippe  zu  vindiciren.  Mit 
Berufung  auf  die  von  Ross  (Alte  lokr.  Inschrift  von  Cha- 
leion  oder  Oeanthea,  Leipzig  1854)  edirte  lokrische  Inschrift, 
welche  Z.  6  rz~t  bietet,  glaubt  man  bei  dem  Pronominalstamm 
und  demnach  bei  wc  den  Verlust  eines  Digamma  annehmen  zu 
dürfen.  Dies  Zeugniss  aber  verliert  jeglichen  Werth  durch 
die  Kirchhoff'sche  Datirung  dieser  Urkunde ,  wonach  sie 
nicht  lange  vor,  vielleicht  sogar  nach  dem  Anfang  des  pelo- 
ponuesischen  Krieges  zu  setzen  ist  (Studien  zur  Gesch.  des 
gr.  Alph.  2.  xVufl.  9,3).  Das  aus  dem  lebendigen  Sprachgefühl 
entschwindende  Dio'amma  hat  sich  nicht  blos  dies  eine  ]\Ial 
irrthümlich  eingeschlichen.  Alle  Wahrscheinlichkeit  hat  die 
von  Curtius  zuerst  (Philol.  III  8)  aufgestellte  Ansicht,  dass 
d)?  einmal  mit  j  angelautet  habe,  so  dass  also  dieses  dem  sanskri- 
tischen jd-t  (wie)  genau  entspricht  (vergl.  Gz.  nr.  616,  Christ. 
Griech.  Lautl.  15.3  ff.,   Scherer  a.  a.  0.  383). 

Nicht  so  häutig  wie  vor  wc  finden  wir  kurze  Silbe  lang 
gemessen  vor  e//o,  das  sein  anlautendes  c:  tlieils  unversehrt  er- 
halten (i^ov)  theils  in  deutlichen  Spuren  erkennen  lässt  (sl/ov). 
Wir  gedachten  des  anlautenden  Consonanten  bereits  bei  -'itp 
E/sv  T49  und  \}.i>-('.z  r/cv  X412.  Hieher  gehören:  Oaij.ssc  i'/ov 
K264,  x£v-pv;vsx£ac  r/cv  E  752  =  6  396(4),  lph^\j:r).o^)  v/j^q> 
2580,  ß^Xo;  £X£-cT/.£c  A51  ^  A129  (und  doch  lag  nahe  ßzXo; 
xepnreoxs;  A  845).  Auch  in  -yvr/i;  M26,  '-74  (Hes.  Th.  636) 
und  r.y.piyr^  t113  macht  sich  das  z  fühlbar. 

Wenn  die  früher  entwickelte  Ansicht  richtig  ist,  dass 
aviQp  digammirt  war ,  so  erledigt  sich  /.jv;;  hlpiz  -z  P  65  (4), 
xey.X'.;j,3vo;  avcpoy.ir/^Tw  A371  und  bei  dem  in  hohem  Grade  wahr- 
scheinlichen Zusammenhange  zwischen  -h-qp  und  ä'vOpo)-3c  (vergl. 
Curtius  Gz.  nr.  422  und  S.  456)  auch  -£p'.y.Tiovac  avOpü>-ouc 
ß  65  (.5),  -0A'j7-£p£ac  avOpw-o'JC  X  365  (5)  und  [jApo-zz  avOpwz;-.  i  288 
(5),  drei  Kürzen ,  die  an  dieser  Versstelle  ziemlich  vereinzelt 
wären. 


458  Hartel. 

Zu  den  Wörtern  mit  labialem  Anlaut  gehört  auch  äpvec;. 
Die  verwandten  Sprachen  (vergl.  Curtius  Gz.  nr.  496),  ßapvbv 
=  apv{;v  bei  Hesychius,  der  inschriftlich  erhaltene  Eigenname 
Fapviov  (Ahreus  dial.  aeol.  170,  dor.  45)  und  von  Hoffmann 
(II  39)  bemerkte  Indicien  in  den  Gedichten  sprechen  dafür. 
Wenn  aber  Hoffmanu  seine  Bedenken  dagegen  damit  motivirt, 
etenim.  jper  fotam  Odysseam  ne  iinum  quidem  digammi  indicmm 
invenitnr,  so  müssen  wir  hier  wieder  betonen ,  dass  in  Urkun- 
den, wie  die  Homerischen  Gedichte  nun  einmal  sind,  auch 
seltene  sprachliche  Thatsachen,  namentlich  wenn  sie  sich 
durch  Ursprünglichkeit  und  Alter  empfehlen,  nicht  anzutasten 
sondern  vor  allem  anzuerkennen  sind.  Zu  der  Annahme 
eines  Digamma  stimmen  sc  oiopov  äpva?  TSIO  und  rSkJaziffko'/ 
"Apvr)v  B61. 

Sonst  sind  es  nur    vereinzelte   Wörter,    deren    Endungen, 
wenn  in  alter  Zeit  noch  ein  Consonant  im  Anlaut  des  folgenden 
Wortes  wirksam  war,  als  rechtmässige  Positionslängen  sich  dar- 
stellen.    Aber  eine  solche  Annahme  hat,    wenn    sie    sich    blos 
auf  die  wenn    auch   noch    so    evidente  Etymologie    des  Wortes 
stützen    kann,    und    durch    andere   prosodische    Eigenthümlich- 
keiten  nicht  begünstigt    wird,    keine    überzeugende    Kraft.     So 
werden  wir  etwa  an  die  Nachwirkung    des   Digamma   bei    eiva- 
Tcps?    aX'.Q   X473(5)    denken,    weil    noch    andere    Spuren    dafür 
vorliegen,  worüber  Hoffmann  II   42,  eben    so    bei  vsxpbv  'EXtü*/^- 
vopa  \j.  10  (vergl.  Hoffmann  II  45),    an    die  Nachwirkung    eines 
G  bei  vvjac  aXaS'    B165    und  bei  ■::0TaiJ.bv  aAi[j(.up'/^£VTa  £460.     Aber 
wer   wollte    ein    Bpw  0'  ov  loptoaa    A27(2),  Tpwsc    eloq   P7oO(2), 
ohr^xq  akoyov  Z  366  (2)  mit  den    sanskritischen  Formen  svidjämi 
(sudo),  jdvat  (quamdiu)    und  der  volleren  Gestalt    des  Präfixes 
sa  entschuldigen?     Schon  darin,    dass  in  den   Fällen,    die  uns 
noch    übrig   bleiben,     kaum    zweimal    vor    demselben    Stamme 
Verlängerungen  begegnen,  liegt  eine  Mahnung,  in  dem  Anlaut 
der    einzelnen  Wörter    nicht   weiter    den    Grund    der   Längung 
aufzusuchen.     Wenn  nun    ab(>r    weder    die    Natur    der  Endimg  r 
noch  die  des  Anlautes  den  Gebrauch    kurzer  Silben    als  Arsis-  ' 
längen  rechtfertigen,  wo  bleibt  uns  noch  eine  Ausflucht?   Auch  i 
in    der    besonderen   Kraft    einer  Arsis    vor    der   anderen    liegt ' 
kein  erschöpfender  Erkläruugsgrund ;  denn  wir  linden  Längung, 
in  der  5.  Arsis,  noch  einmal  so  häufig  in  der  2»  und  4.,  wenn  I 


Homerisclio  Studien.  459 

auch  liäutig-er  als  in  allen  anderen  zusammen  Mu  der  dritten. 
Den  ganzen  Rest  der  Längungen  für  ein  Product  falscher 
Analogie  anzusehen,  hat  auch  sein  Bedenkliches ;  allerdings  lag 
hier  eine  Erweiterung  des  Gebrauches  durch  falsche  Analogie 
bei  der  äusseren  Gleichheit  der  Endungen  und  der  liäufigen 
Verwendung  derselben  vor  schwachen  Inter})unctiunen  näher 
als  anderswo.  Vermöchten  wir  auch  eine  genügende  Erklärung 
nicht  zu  finden,  so  hätte  es  immer  einen  Ww'th,  die  Grenzen 
des'  erweiterten  Gebrauches  durch  eine  vollstäntlige  Sammlung 
näher  zu  umschreiben. 

Es  kommen  hier  zunächst  eine  Reihe  von  Wortformen  in 
Betracht,  die,  wenn  nicht  der  günstige  Fall  consonantischen 
Anlautes  des  folgenden  Wortes  hinzutrat,  schwer  anders  im 
Verse  zu  verwenden  waren.  Daran  ist  der  daktylische  Strom  der 
homerischen  Rede  besonders  reich.  Es  sind  ava-f/^aToi  7:oX£[A'.ci-ai, 
die  für  ihren  Platz  kämpfen.  Der  Odyssee  gehört  die  Formel 
an,  die  nicht  deshalb  etwa  eine  jüngere  Erfindung  zu  sein 
braucht :  xbv  o'  auT'  Waxivoo;  ct.-y.\}.d^z-.o  ^o'jvyjssv  ts  -q  298.  308, 
a347.  362,  V  3,  welche  für  gleichgebaute  Namensformen  dient, 
wie  'AvTivoo;  p405.  445,  Eup6Xc-/o;  0  140.  158.  400,  Au-öa-j/.;;;  t405. 
Verwandt  ist  die  Formel  toTo-'.v  o'  \K\yhzQz,  cr^o^i^ixio  y,at  [j.z-izvzz 
t\  185,  V  171,  mit  gleicher  Verwendbarkeit  füi*  die  Namen  \Kv-[- 
voo;  c773,  'kii.wioiioc,  7:394,5  412,  u244;  der  ersten  nachgebildet 
ist  1r^  o'  äOt'  EüpjaAoq  aTisy.aivurj  0  127.  Auch  vor  Interpunction 
sind  diese  Namensformen  nicht  selten  ([v.  294.  352,  ^275.  2G7, 
X49),  doch  nie  in  der  Ilias.  Die  gleiche  Silbenabfolge  haben: 
£'.oc[j.£vo:  \K'/.i\xy.vv.  E462(2),  \xxpy.[j.z'izc,  oapor;  1327  (über  den  di- 
gammirten  Stamm  vergl.  Curtius  Gz.  nr.  493),  iv.b]}.v)Qq  sXsA'.y.-o 
N558(2)  vergl.  Iloffmann  II  22,  stca[j.£vc?  y^^r^M  11716,  lataij.svc; 
WTp'JViv  P582(4),  ooDp\xf)oc,  ixapov  T345,  £Ay.5[j,svo;  'EX'.y.a)viov 
Y404  (vergl.  das  arkad.  z\<.y:q  =  snlix),  [a£Aoc[A£Vo;  a^aAo-:p£9£o; 
*I*  363,  o£;ä[jt,£voc  £V  BoJjxas'.  '1''89,  aiJ.fy.''(y.T.oi.'Ci[j.v/oz  mz  ei  11192, 
c£uäiJ.£vo;  wsO^  X  22  (2),  £VTpc7:aAt'C5[;.£vo?  wc  t£  Xic  P  109  (5)  -  denn 
consonantisch  verhält  sich  nur  das  nachgesetzte  w:;  in  der 
'  Formel,  —  6£oy.A6;^.£vo;  sTxpcov  o  529,  T-r^AsiJ.ayo;  •q'n'üX'KS.  j  303  (4), 
-j.lJ.zvbxij.zvoz  a-£-£;j.d/£  10  285  (5),  \K^(y.ai)vizo:;  .\h^(T,'.o<.03.o  B624  -  ';:av- 
v'j/j.ov  £'JO£'.v  B  24.  61 ,  a-aivj[x£vov  Wizigölzvo^  A  582,  z-k'.^zöij.zvzv  zc. 
N495(5)  vergl.  Iloffmann  II  44,  xiJ.oiyy-ov  'npay.A-^s;  V  145, 
T)Z'^yi\j.zvov  hzr^r:y.  i^  163  (5),  TT^d\j.T/zv  i^zi){'ChYi  u374(2),  —  £upu- 
sitzb.  a.  viiü.-iiist.  ci.  Lxvni.  Bd.  ni.  lieft.  30 


460 


Ha  r  t  el. 


TTuXe?  "Aiäos;  S(I)W74(5),  «utostsc  or/vsuai  y  322  (2).  Diesen  Wort- 
formen  kommen  einige  längere  auf  einen  Trochaeus  auslautende 
nahe:  /.aaiYvr^tot;  'Avx/^vopoc  H473,  auTOxxciYv/]TOv  suyjysvso?  A  427, 
Y.a.aiyTr}TOv  ojjLCYacTptov  0  47,  lepsutjavTsc  sv.au^wv  tu  454.  Es  scheint 
hier  auf  den  ersten  Blick  beachteuswerth,  dass  32-  oder  viel- 
mehr, da  in  den  beiden  Versen  P  582,  u  303  (vergl.  */267)  die 
Hephthemimeres  die  Penthemimeres  vertritt,  34mal  die  Län- 
gung in  die  Hauptcäsur  fällt,  nur  5mal  in  die  Trithemiraeres 
und  5mal  in  die  Arsis  des  fünften  Fusses.  Aber  bei  der  Mehr- 
zahl ist  dies  doch  wohl  eine  Folge  davon,  dass  diese  umfang- 
reichen Silbencomplexe  nicht  leicht  anders  unterzubringen 
waren ,  ohne  fühlbare  Störungen  des  Rhythmus  hervor  zu 
rufen  wie  z.  B.  P582  und  u303.  Das  würde  indessen  nicht 
ausschliessen ,  dass  diese  Verse  dadurch  auch  erträglicher 
wurden,  indem  durch  die  Cäsurpause  der  Stimme  ein  natür- 
licher Anlass  geboten  war,  so  lange  auszuhalten,  bis  die  Gleich- 
abständigkeit  der  Arsen  gerettet  war.  Man  hat  auch  die  Kürze 
an  dieser  Versstelle  auf  historischem  Wege  zu  erklären  ver- 
sucht, indem  man  in  ihr  die  syllaha  anceps  sieht,  welche  am 
Ende  der  kleineren  Reihen,  aus  denen  sich  der  Hexameter 
zusammensetzte,  mochten  dies  nun  daktylische  Tripodien  (West- 
phal  Gr.  Metr.  12)  oder,  wobei  die  syllaha  anceps  jedenfalls 
einleuchtender  wäre,  eine  anapästische  akatalektische  Tripodie 
mit  Abwurf  der  anlautenden  Kürzen  und  der  Paroemiacus  sein 
(Bergk,  Griech.  Literatur  318  col.  1),  am  Platze  wäre.  Es 
bliebe  auch  hier  die  Frage  übrig,  warum  diese  Antiquität  sich 
gerade  bei  solchen  Wortformen  am  liebsten  erhielt  und  wie 
die  Uebertragung  derselben  auf  andere  Versstellen  erklärlich 
ist.  Da  wir  nun  einmal  recht  minutiöse  Zeittheilchen  abzu- 
wägen haben,  nuiss  man  in  Anschlag  bringen,  dass  die  Stimme 
nach  längeren  Wörtern  um  ein  merkliches  mehr  innehält  als 
nach  kurzen,  und  was  wichtiger  ist,  QuantitätsdifFereuzen  zwi- 
schen den  kurzen  Silben  selbst,  die  wir  deshalb ,  weil  wir  sie 
nicht  mehr  wahrzunehmen  im  Stande  sind,  noch  nicht  läugnen 
dürfen.  Ein  Grammatiker,  der  die  deutsche  Sprache  als  todte 
vor  sich  hätte,  würde,  wenn  er  bei  Platen  Verse  wie 

,Im  Wasser  wogt  die  Lilie  die  blanke  hin  und  her, 

llu'  TIaupt  nur  wiegt  ein  lieblicher  Gedanke  hin  und  her', 


Homerische  Studien.  4G1 

)  _ 

die  an  Zahl  die  Länti;iuigeii  im  Hexameter  um  ein  erhebliches 
übertreffen  dürften,  träfe,  unschwer  zu  der  Einsicht  gelangen, 
dass  kurze  und  tonlose  Silben  unter  der  Arsis  das  Recht  langer 
und  betonter  haben.  Und  doch  wäre  diese  Einsicht  nur  eine 
halbe.  Wir  hören  deutlich,  dass  in  einem  drei-  oder  mehr- 
silbigen Worte  die  übrigen  Silben,  wenn  man  von  der  mit  dem 
Accente  erster  Ordnung  ausgezeichneten  absieht,  an  Rang  und 
Gewicht  nicht  ganz  gleich  sind,  und  wissen,  dass  nur  die  bes- 
seren von  ihnen  solch'  bevorzugte  Verwendung  im  Verse  ge- 
statten. Dass  dies  auch  im  Griechischen  der  Fall  war,  dafür 
spricht,  dass  eine  Abfolge  kurzer  Silben  auf  mannigfache  Art 
gemieden  wurde,  und  das  Streben  solche  Silben  der  Quantität 
nach  abzustufen,  sogar  bis  zum  buchstäblichen  Ausdi'uck  ge- 
langte. Oder  worauf  anders  beruhen  Bildungen  wie  cro^co-spoc, 
osow-oij.at  (vergl.  Curtius  Erl.-  115)  und  die  häufige  Synkope 
in  Fällen  wie  scxcv,  £3-c[j.yiv?  Hieher  gehören  auch  die  homeri- 
ischen  Längungen  in  aOävaTcc,  a/.äiv.a-c.;,  avessAsc,  TavaT:£Ao)  v  223, 
aTTOviovTC  Bllo.  283  und  sonst,  a-oBiwjxa:  E  763,  aTrczesYjfj'.v  w  7, 
ir(opy.xzbt  B  337,  sTiiTovo;  \).  423,  und  die  mehr  beweisen  dürften, 
in  rjväOso;,  y;XtT6[JLr//0£;  T118,  v^ixaOiet?,  r,vep.c£'.c,  -^YspsOcvTa-,  Y^spsOcvta'., 
fl'^opi-q.  Demselben  Zweck  dient  die  Doppelform  in  d-TcXsij.o;, 
jLSvsTCTcXcpLOc,  ffiUYOTtTOAsfj.oc,  (siAo-TSAsixo;  ncbcu  TA-^zcAep.o;  B  653. 
)arin  dass  regelmässig  die  erste  Silbe  in  äOävxtsc  und  den 
mdern  gelängt  erscheint,  liegt  doch  etwas,  was,  wenn  es  nur 
auf  die  Willkür  des  Dichters  ankam,  recht  zufällig  sein 
nüsste. 

Dem  zuletzt  angeführten  Beispiele  (•/.asr/vr^tiv)  am  ähnlich- 
iten  ist  die  Längung  bei  trochäischen  oder  trochäisch  auslau- 
;enden  Wortformen :  s'.y.v;a;  äXi/ov  Z  366  (2),  [j.d'fvr,cc  aAacO  v.  493 
ft=  lJi.267(2),  Mcvwo;  cAcicppovo;  a321,  vf,xz  alp-^aijjLSv  1260  (vergl. 
haq  akao'  B 165),  vr/c;  s^s^B-.to  ij.329,  Axbv  r^^zipo^  ß  41  (2),  Tpwsc 
^9?  P730(2),  cij.o)s;  evl  clxo)  a]90(5),  xpsTor  O-aXu^a  0  355(5), 
iber  CDEHLR  haben  /psio);,  TrpÖJToc  W-^a'^.v^.vcjz:  A219,  c&v.oq, 
;piouv'.o;  V  72(4),  6  ^slvo;  ey-idir  iOt/M  t99(2);  autbc  aKoycc  -.207(2) 
st  von  La  Roche  durch  das  bessere  auTcc  t'  ersetzt.  Nicht 
venig  auffällig  ist  es,  dass  nur  4mal  die  Pause  der  llauptcäsur 
fie  Dehnung  erträglicher  machen  hilft,  zweimal  sogar  die 
i^urze  Silbe  auf  die  fünfte  Arsis  trifft.  Sollte  es  zufällig  sein, 
iass  in  acht  der  angeführten  Wörter  ein  Spirant  vor  der 
'  30* 


462  Hartel. 

betreffenden  Endung    ausgefallen    ist?     Lieber   Tpw;  o[j,a);  Mivw; 
vergl.    Curtius ,    Erläut.  '^    53.     Ein    Spirant    ist    nenilich    auch 
da  im  Spiele  ,    wo    das    sogenannte  Umspringen    der  Quantität 
stattfindet.  Kpovt'oäo  und  Kpovicsco  setzen  ein  Kpovtoajo  oder  älteres 
Kpovi'oacyo ,    rSkcfiz,    und  TröXewi;  ein  'Kokzjoz ,    [iaaCkr^y.   und    ßaciXsä 
ein   ßaciXeF«,  \a.bc  und  Aswq  ein  Xaröc  voraus.     Und    da    sichere 
Fälle    anderer   Art,    wo    dieser    Quantitätswechsel    ohne   Hilfe 
eines  Spiranten  sich  vollzieht,  nicht  vorliegen,  bin  ich  geneigt, 
das  r  und  j  mit  Delbrück  (Stud.  11  193  ff.)  lieber  als  einen  wesent- 
lichen   Factor    in    diesem  Process    anzusehen,    als    mit   Curtius 
(Stud.  III  398)    hierin  ein  gleichgiltiges  Element  zu  erblicken. 
Die  Spiranten  verlängern,  indem  sie  sich  vocalisiren,  entweder 
den  vorausgehenden  oder  den  nachfolgenden  Vocal,  je  nachdem 
sie  vocalisirt  mit  dem   ersteren  oder  letzteren  Contraction  ein- 
gehen, d.  h.  die  Vocalfarbe  dieses  oder  jenes  annehmen.    Nur 
im  Anlaut  der  Wörter  waltet  die  Neigung  vor^  den  folgenden 
Vocal  zu  verlängern,  so  in  isXojv,  £-/]voavov,  icoptov,  iwATreiv,  stop- 
^s'.v,  £(ox£'.v,  iif)0'/bv.  aus  s-FaXwv,  e-aFavoavov  u.  s.  w. ,    selbst  wo 
dieser  folgende  Vocal  lang  war.     Hier  überall  eine  ältere  Bil- 
dung, yjöpwv  -/jaAojv,  aus  welcher  durch  Metathesis  die  Quantität 
swpojv  saAiov    geworden    wäre,    vorauszusetzen,    ist,    da    in    der 
Ueb erlief erung  keine  sichere  Spur  derselben  erhalten  ist,  kühn 
und    kann    dafür    sdjpxaLOv,    worauf   sich    Curtius    stützt,    kaum 
beweisen.     ,Wie  soll  man  z.  B.  scop-a^ov    anders    erklären,    als 
durch  Umspringen  aus  '^op-ua^cv  ?  Das  Augment  ist  ein  Element 
des  Anlautes,    es  muss  ursprünglich  in  diesem  seinen  Sitz  ge- 
habt haben.  Wer  swptaJ^ov  direct  aus  *£ropTaLOv  erklärt,  bezeichnel 
damit    den    Unterschied    zwischen    dem  co  des    Imperfects   uul 
dem  0  des  Präsens  als  einen  rein   zufälligen,    während    er   be 
jener    Annahme    ein    bedeutsamer   ist',    Curtius    a.    a.    O.    399 
Aber  wissen  wir  denn  so  sicher^  dass  das  Präsens  nur  sopial^oj 
nicht  auch  opTdcw  gelautet   habe,    wie  ja  neben  iopTY^  die  Foi-n 
6pr(^,    woraus  jenes    doch   wohl  durch  Fs-Fopri^  geworden  (vergl 
Sonne,  Zeitschr.  f.  vergl.  Spr.  XIII.  442),  vorliegt?     Und  wem 
wir  von  sFopTÜ^w  ausgehen,  ist  nicht  die  Nichtdehnung  im  Prä 
sens    und    die    Dehnung    im   Imperfect    für    die  Differenzirun! 
der    Bedeutung    mit    bezeichnend?     Gegen    unsere    Annahm 
sprechen  die    Formen    v-axov  <^I^332,    3  247    (neben    st(jxov   i321 
X363),  -oiy.to  c79G  (neben  etxTO  ^F  107),  -^sioei?  X  280,  -^si'Ssi '.20( 


\ 


Homerische  Studien.  463 

mit  wechselnder  Quantität  also  des  r,,  wie  t.'j.i/Xo-i  bei  Hes. 
Theog.  478.  888.  89S  (4G8  nui-  Conjectur  Mützeirs)  neben 
dem  häiil^gern  s'.xsaXsv  (Th.  468.  490.  552.  8c.  126).  Ich  trage 
demnach  kein  Bedenken,  das  Augment  dieser  für  identisch  zu 
halten  mit  dem  in  v;;/£X>>ov  und  in  dem  spät  bezeugten  -^ßojXcixYjV, 
•^ojvaixTjv,  and  hieher  auch  v-sipsv  K499;  v-a  ■qio^i  f,[/.sv  (=  ■;^-'.-;^,sv) 
zu  ziehen.  (Mit  gewöhnlichem  Augment  findet  sich  nur  -/.xtsTsv, 
d.  i.  y.y~-i-<-vi  Hes.  Sc.  254,  eine  Form,  die  man  durch  Con- 
jectur entlernt.)  Denn  was  soll  in  •/;-£'.p£v  die  Längung  bewirkt 
haben?  Doch  nicht  der  Schwund  des  s  (vergl.  asipa,  sero)? 
Oder  wie  will  man  anders  das  Augment  des  St.  -.  erklären,  da 
ja  hier  überhaupt  nichts  ausgefallen  istV  Das  Augment  ist 
bekanntlich  a  --  so  in  dialektischen  Formen,  die  Ahrens 
Dial.  aeol.  229  zusammenstellte  und  zu  denen  Curtius  Erl. 
96  noch  i'crßscrOs  =  o'.s^Osips  aus  Hesychius  hinzufügt,  erhalten, 
—  auf  einer  früheren  Stufe  ä  (vergl.  Benfey  Skt.  Gr.  f.  Anf. 
85,  Scherer  a.  a.  0.  231).  Benfey  hat  zuerst  in  den 
griechischen  Formen  -J^^/.caXov,  -rjouvair^v ,  -^ßojXoir^v  Reste  dieser 
ältesten  Gestalt  erkannt.  Ihnen  stellen  sich  die  Formationen 
der  Stämme  rio  und  -.,  an  denen  manches  Alterthümliche  haftet, 
bestätigend  zur  Seite.  Wenn  also  hiermit  die  Einwirkung  der 
Spiranten  auf  die  Quantität  der  Nachbarvocale  und  im  Auslaut 
eine  schwankende  Einwirkung  gesichert  ist,  was  folgt  daraus 
für  die  in  Rede  stehenden  Verlängerungen?  rqoiz  Hesse  sich 
ganz  glatt  auf  v/;äc,  geworden  aus  rr^aq  zurückführen,  indem  bei 
diesem  Stamm  die  Ursprünglichkeit  der  Länge  durch  nävl 
constatirt  werden  kann,  und  ähnlich  verhält  es  sich  vielleicht 
mit  Xaov.  Dieses  Mittel  versagt  bei  den  andern.  Es  bleibt  nur 
die  Vermuthung  übrig,  dass  der  Ausfall  des  Spiranten  bisweilen 
beide  Vocale  in  ihrer  Quantität  gehoben  oder  eine  Unsicher- 
heit der  Dauer  erzeugt,  welche  eine  Verwerthung  derselben 
in  der  vorliegenden  Weise  erleichterte.  Dafür  lässt  sich  ein 
von  Usener  (Fleckeisen's  Jahrb.  1865,  234  Anm.)  beigebrachtes 
Beispiel  anführen:  neben  rSke^z  und  TzoKrfic,  begegnet  in  einem 
Epigramm  von  Prione  (Ross,  Arch.  Aufs.  II  582,  vergl.  584) 
die  Form.  nOAEIÜ}:,  Das  von  Usener  damit  veiglichene  slw; 
wäre  nach  dem,  was  Curtius  (Rhein.  Mus.  IV  242  ff.),  A. 
Nauck  (Melanges  gi'ecoromains ,  bulletin  de  racadcmie  de 
Petersbourg  t.    II  399)    und    Delbrück    (Stud.  II  193  ff.)    dar- 


464  Hartel. 

über  gesHg't,  ein  sehr  imsicherer  Beleg.  Nun  fällt  auch  auf  die 
früher  kaum  erklärbaren  Fälle  S  320  ilspc^a  tcocvtwv  und  E  227 
"Ap-/;a  t6  ys  ein  Licht,  denn  einen  Stamm  Äpiu  fordert  die 
Homerische  und  bietet  die  Aeolische  ("Apeuc,  'Apeüoq,  "Apeui", 
"Apsua,  'Ap£u  Ahrens   121)  Declination. 

Hat  diese  Darlegung  Anspruch  auf  einige  Wahrschein- 
lichkeit, so  bleiben  nur  o  Fälle  A219,  T72,  t99,  die  einer 
Entschuldigung  entbehren.  Einzig  in  seiner  Art  ist  t99,  indem 
dieser  Vers  sich  zweimal  die  Kürze  hinter  einander  gestattet 
(^zhoq  qjiOcV   iOsXo)). 

In  tribi'achyschen  Wortformen  linden  wir  die  auslautende 
kurze  Silbe  in  folgenden  Versen  in  der  Arsis :  TzcXzit-c^/  ap.a 
A226,  aXoxou  'AvTv^vopc?  Z299,  Op-Voc  uttc  N368,  'icsoiov  'lov.ov 
<I*  358  (der  Fall  ist  unsicher  wegen  der  Variante  'IX-i^iov),  %6\ioq 
i7ctߣtoi^.ev  ;:262,  av£ixoc  xyvac  E499  (2),  'itjvo?  eizi  ü  295  (2), 
ooeXeq  ayovo?  r40  (2),  [jivcO?  aXx%  X  282  (4),  Maxapoc;  eSo?  Q544 
(4),  'jox-oq  ava  i209  (4),  svOev  Ss  Trpoxspto  tcXso.UcV  ay,a)(Y][;-£Vot  -^xop 
i62.  105.  565,  x77.  133,  XiV-svcc  su5p[j.ou  «I>23  (5),  'I>542  las 
Aristarcli  jcpsoavwv.  Die  3.  Arsis  ist  vor  den  anderen  kaum 
begünstigt. 

Pyrrliichische    Wortformen    in    gleicher   Messung   begeg- 
nen :    v^  vauTYjffi  xepa?  rik  atpaxw   supet  Xa<5v  A  76,   xixoc  eXa^oio  6  248 
(4),  xp'jßoa   ^ibc  ä'XXwv  S  1G8  (2),  y^''°?  aTOXtoXe  5  62(4).  Ja  sogar 
einsilbige:  =;  h\r,c  X  236(1),  o?  i'^si  0154(1),  '.Spw  6'  3v  Bpwca 
A27  (2).    Es  ist  aber  hinsichtlich  dieser  gewiss  höchst  auffälli- 
gen Längungen,  deren  geringe  Zahl  unsere  Anschauungen  doch 
eher  zu  bekräftigen  als  zu  erschüttern  im  Stande  ist,  im  Ein- 
zelnen   zu    bemerken :    bei   lipac    vor  r,i    ist    eine  Siunespause 
zwar    nicht    uothwendig,    aber  möglich,    und    da   vor  v;£  noch 
zweimal  gleiche  Messung  zu  beobachten  ist  (xspabv  v^  r24,  Y^l-*'" 
ßpb?  r,  0582  (vergl.  vouaoc,  ri  X172),  recht  wahrscheinlich.     Aiö?  j 
^  168  geht  auf  AiPo?  und  kann  hier  das  Digamma  in  der  früher  j 
angegebenen  Art  seinen  längenden  Einfluss  üben.  3c  fängt  zwei-  ' 
mal    den  Vers    an ,    geniesst    also    von   dem  Rechte  der  ersten 
Arsis,    in    welcher  bisweilen  Silben  stehen,  die  für  keine  der 
anderen  Arsen    hinreichend    schwer    wären ,    wie   tpiXe  xaGi'yvyjxe 
A155,  0Tar357,  sxs'.ov^  X379,  M-2,  cl3,  0  452,  ?  25,  «482,  liJ«.£vai 
V365  (vergl.  dazu    die    früher    besprochenen  ettitovoc    und  xi  ot  j 
•jub   AaTCapTjV    X307).      Auch    diese    Freiheiten    sind    nicht    vom 


Homerische  Studien.  465 

metrischen  Staudpunkte    aufzufassen,    als    ob ,  ^  ^  _   statt 

j   _  ^^  den  Vers  begännen,    indem  eine  Abweichung    des 

Rhythmus  am  leichtesten  im  Anfange  des  Verses  ertragen 
würde.  So  fasst  die  Sache  A.  Spengel  (T.  Ma,ccius  Plautus 
107),  und  auf  alle  Versfüsse  dehnt  diese  metrische  Freiheit 
Leskieu  (Curtius'  Stud.  II  72)  aus,  wodurch,  sollte  man  meinen, 
wir  jeder  weiteren  Untersuchung  ü))er  Quantität  der  Vocale  und 
Verdoppelung  der  Consonanten  und  anderer  Mühsal  überhoben 
wären.  Dieselbe  Theorie  für  den  deutschen  Vers  vertreten 
Koberstein,  Gesch.  d.  deutschen  Nationallit.  II  1125  Anmerk. 
und  Brücke  a.  a.  0.  19.  Was  weiter  6  248  -ixoc  ikdzoio  betrifft, 
so  gehört  dieser  Vers  jener  Partie  an,  , welche  schon  Hermann 
in  der  Vorrede  zu  den  Hynmen  S.  VII.  als  ein  auffallendes 
Beispiel  des  elendesten  Nachahmerstyls  aufgestellt  hat'  (Lach- 
mann, Betrachtungen  24).  o  62  y^voc  i.r.c'koiXe  steht  unter  den 
Versen  62 — 64,  zu  welchen  wir  in  den  Schollen  HM.  lesen: 
TiporjOsTCuvTO  TCapa  Zyjvoooxw  v.al  ^apa  'AptcTOcpavci-  'Aptcxap/o;  a.Qs.xo'j[JÄvMv 
a-'z/wv  ä'vc'j  Toü  i  c''a(7£  ty^v  Ypac-v]v,  und  in  denen  es  um  das  Sprach- 
liche noch  schlimmer  steht  als  um  das  Prosodische  (vergl.  Bern- 
hardy,  Syntax  162).  Als  charakteristische  Merkmale  nicht 
eben  des  besten  Versbaues  werden  wir  auch  die  anderen  zu 
betrachten  haben  und  uns  schliesslich  nur  wundern ,  dass  der- 
artiges so  spärlich  begegnet. 

Der  Vollständigkeit  halber  stelle  ich  noch  die  Ver- 
längerungen kurzer  Endsilben,  die  ich  in  den  Hesiodischen 
Gedichten  und  den  Hymnen  angemerkt  habe,  zusammen.  Die 
fast  durchgängige  Abhängigkeit  von  Homerischen  Stellen  und 
die  verhältnissmässige  Seltenheit  verdienen  auch  hier  alle  Be- 
achtung. >.c  und  iv:  -xic  (ops^axo  Th.  17<S  (4),  scptv,  5?  Th.  834 
(2),  -äai;  i'/sx'  Th.  746  (4)  verderbte  Stelle,  toic  err^  Op.  376, 
Xapiv  suepvsataojv  Th.  503  (4),  xaxa  -cpv^^iv  -J;  Hymn.  I  453,  r.ÖK'.v 
£paxs'.v(^v  Hynm.  I  477  (2);  -/.öv-.;  -hi^^Tuvi  Hymn.  III  345  (4), 
iTiTioicv ;  o'j  Hymn.  I  213;  —  -»?,  jv:  W/Xuq,  zIgt^-az'.  Scut.  264 
(2),  /Jauc  opsai  Hymn.  III  33  (4)  und  in  der  Thesis  'O'.vliv  aX- 
•yivscaaav  Th.  214;  -  av.  EÖßctav  t-  Op.  651  (2)  vergl.  15  841;  — 
£v:  xp£9£[Acv  axtxaXXqxcva'!  x£  Th.  480  (4),  7.axc/£v  bzioey.  Th.  844 
(4)  vielleicht  wegen  des  Digamma,  vergl.  Curtius,  Gz.  nr. 
590,    Op£'f;£v    £v!    Fr.    XXIV  2,    ä'^aY-/ .  ipia^xx   Hymn.  III  12, 


466  H  ^rt>i\. 

i'OsXcV,  aAAä  Hynin.  IV  25;  —  £?:  \rK<)6ij.e'/oq  'd-/.izq  'AC^aviox  üymn. 
I  209  (4),  £T:i/,aiovT£c,  sm  Hymn.  I  491.  509,  y.uvoe;  o  t£  Hymn. 
III  196  (2);  --  ap:  'ftov^?  y«?  W^'  Hymn.  V  57  (2);  —  ov:  Osbv 
i6?  Th.  91  (4),  toXwv  ixp  Op.  477  (4),  «(o-.ov  r/ov  Sc.  210  ver- 
derbte Stelle,  cixspoaXeov  'iizr.o'.ai  Sc.  341  (2),  veov  sTLttsXXojxevo'.o 
Hymn.  III  371  (4),  suaipwiov,  oOt  Hymn.  IV  157,  di'otov  s'Xa/c 
Hymn.  XXIX  3  (2),  üzaTov  spo?  Hymn.  XXXIV  8  (4);  —  o?: 
TTupbi;  dcTCÖ  (doch  in  den  besten  Handsch.  -Jüjpoc  x')  Th.  845,  "/.aact- 
xepoq  wi;  Th.  862  (5) ,  oiJMcq  sv  sXufxaTt  Op.  430  (4),  avicTa[A£voc, 
tva  Op.  577,  £7ri7U£'.66[A£V2(;  ey^iixvi  epuadpixoi.Txq  Sc.  369,  avTtO£0?,  rfi' 
Fr.  CXXIX  4,  £Opi[j.£voq  rA£wv  Fr.  CXXXVI  3,  SaiJ.o?  "Ior<? 
Hymn.  I  34,  Maxapoc  Bo?  H.  I  37  (=  0  544),  xpaxb?  aX6?  H. 
I  74  (5),  £'.o5[j.£vo;  ocllrfi)  H.  I  449,  ixvtoc[j.£voc  £xt£(;  H.  I  209, 
ä)^oc,  £V£xa  H.  IV  199  (2).  Häufig  sind  Lcängungen  vor  digam- 
mirten  Wörtern,  doch  auch  hier  meist  nach  Homerischem 
Muster,  so  Th.  56,  Op.  173.  455.  570.  673.  721,  Sc.  20  in  der 
Thesis,  54.  69.  100.  244.  330,  vor  loXao;  77.  102.  323.  .340. 
467,  Hymn.  I  56.  157.  534,  V117.  323.  333,  XXVIII  11 
und  sonst. 

Ist  in  der  That  in  der  Position  bildenden  Kraft  der 
Liquiden  und  in  der  Verwendung  von  später  gekürzten  Silben 
als  Arsislängen  eine  hohe  Alterthümlichkeit  erhalten ,  wie  wir 
uns  zu  zeigen  bemühten,  und  hat  im  Laufe  der  Zeit  sich  die- 
selbe nicht  auf  dem  Wege  falscher  Analogie  ein  weiteres  Ge- 
biet erobert,  sondern  von  ihrem  ursprünglichen  Gebiete  ver- 
loren :  so  rauss  aus  den  Ziffern  der  Fälle  in  den  einzelnen 
Partien  der  Gedichte  nicht  etwa  die  Entstehungszeit,  das  höhere 
oder  mindere  Alter  derselben  sofort  bestimmt  werden  können, 
aber  wohl  dürfen  dieselben  mit  auf  anderem  Wege  gewonnenen 
Resultaten  nicht  in  Widerspruch  stehen,  ja  der  Einklang  darf 
als  eine  erfreuliche  Bestätigung  nach  beiden  Seiten  hin  erachtet 
werden.  Eine  gründliche  Durchführung  dieses  Gesichtspunktes 
ist  nicht  mit  Wenigem  zu  geben  und  möchte  sich  doch  erst 
lohnen,  wenn  die  Resultate  der  vorliegenden  Untersuchung 
Zustimmung  von  anderen  Seiton  gefunden.  Eine  kleine  Probe 
möge  aber  doch  hier  Platz  finden.  Ich  wähle  zu  diesem  Zwecke 
die  Verlängerung  kurzer  consonantisch  auslautender  Endsilben 
in  der  Arsis,  und  stelle  die  Bücher  der  Odyssee,  denen  links 


Homerische  Studien. 


467 


die  Verszahl  beigescliricLen  ist,  in  folgender  nach  der  Häufig- 
keit der  Beispiele  geordneten  Tabelle  zusammen. 


G40 

X 

16 

566 

i 

12 

586 

0 

12 

574 

y. 

11 

347 

'n 

8 

331 

i 

7 

481 

Tv 

9 

453 

V' 

8 

604 

T 

10 

394 

U 

6 

440 

V 

6 

493 

£ 

6 

497 

T 

6 

847 

0 

10 

428 

a 

-  5 

557 

0 

5 

606 

9 

4 

372 

'^ 

*> 
o 

434 

ß 

3 

444 

a 

3 

501 

Z 

3 

533 

3 

548 

W 

3 

434 

'P 

1 

Bei  den  einzelnen  Zahlen  werde  folgendes  beachtet. 
Obenan  stehen  die  Bücher,  welche  theils  den  Grundstock  der 
Odyssee  bilden  (Q,  -q,  0,  i  und  vielleicht  a),  theils  (x,  [i),  wenn 
auch  ursprünglich  für  einen  anderen  Zusammenhang  gedichtet, 
doch  unzweifelhaft  älter  sind  als  die  selbst  in  ihren  ursprüng- 
lichen Theilen  von  der  Hand  der  Ueberarbeiter  schwer  ge- 
troffenen 4  ersten  und  12  letzten  Bücher,  In  die  ältesten 
Bücher,  namentlich  in  r^  sind  umfangreiche  Interpolationen 
hineingerathen ,  von  denen  eine  -0  103—131,  die  Beschreibung 
der  Alkinousgärtcn,  alte  Arbeit,  die  andere  -q  185—232,  298— 
347  von  der  Hand  des  Bearbeiters  herrührt.  Auf  erstere 
kommt  ein  Fall  •/]131  u'Kaov,  HOsv,  auf  letztere  drei,  185.  298. 
308,  aber  nur  in  der  Formel  A/atvooc  aYopr^Gaxo,  a7ra[x£{;3cTo;  denn 
341  ist  die  Lesart  unsicher.  In  0  sind  die  unzweifelhaft  vor- 
handenen alten  Elemente  von  den  jüngeren  Zuthaten  nicht 
mehr  auszuscheiden;  von  den  12  Versen  fallen  7  (127.  140. 
158.  173.  238.  400.  408)  wegen  der  Formel  weniger  in's  Ge- 
wicht. Nicht  ohne  Bedeutung  ist  es,  dass  in  t,  einem  der 
ältesten  Theile  neben  den  12  Längungen  consonantisch  aus- 
lautender Silben  die  alten  Lautwerthe  in  vr/t  t£  1 94,  äcTrapiä  xat 
109, 'xj/avo5[X£vä  -OTi  147  (TcpOTi  ist  schlecht  bezeugt),  xsTpäy.uy.Aci 
242  erhalten  sind  und  darin  der  einzige  Fall  cvo[/ä-  O'jxiv  mC^ 
sich  findet.  Solches  begegnet  in  anderen  Büchern  nur  je  ein- 
mal, von  'I  und  w  abgesehen,  wo  aber  je  2  Fälle  in  wiederholten 


4:68  Hartel.    Homerische  Studien. 

und  formelhaften  Versen  ('|  102.  174.  225,  w  192.  309.  322)^ 
stehen.  Buch  9  hat  nur  eine  Längung  224  xat  /.uvsov  aya- 
r.y.'Qz\i--vo'.  und  nicht  einmal  darauf  einen  eigentlichen  Anspruch. 
Manchmal  drängen  sich  die  Beispiele  auf  eine  kleine  Partie 
von  Versen  zusammen,  so  o)285.  311.  354.  Bezeichnend  ist 
endlich  noch  die  gleichmässige  Sparsamkeit,  welche  die  der  f 
Telemachie  angehörenden ,  jedenfalls  späteren  Bücher  a,  ß,  y, 
0,  0  durchzieht. 


XVI.  SITZUNG  VOM  14.  JUNI  1871, 


Herr  Prof.  Dr.  Aug'.  Reiff  er  scheid  in  Breslau  sendet 
eine  weitere  Fortsetzung  seiner  Bibliotheca  patrum  Lati- 
norum  italica  (II.  Bandes  2.  Heft.  ,IV.  Die  Bibliotheken 
Piemonts'). 

Herr  Dr.  Aurel.  Mayr  in  Wien  ersucht  um  Aufnahme 
seiner  Abhandlung  ^Sprachliche  Resultate  der  Silben- 
zählung aus  den  Gäthä's'  in  die  Sitzungsberichte. 


Herr  Prof.  Dr.  Krön  es  in  Graz  sendet  ein  (für  die 
Schriften  der  historischen  Commission  bestimmtes)  Manuscript 
,Die  österreichische  Chronik  Jacobs  Unrest.  I.  Abtheiluug^ 


Der  Secretär  theilt  ein  Schreiben  des  Verfassers  der 
gekrönten  Preisschrift  über  Ottfrieds  Syntax  Dr.  Oscar  Erd- 
mann in  Graudenz  in  Westpreussen  mit. 


An  Druckschriften  wurde  vorgelegt : 

Akademie  der  Wissenschaften,  Ungarische:  Ertesitüjc.  IV.  Kvfolyam.  1 — 12. 
szani.  Pest,  1870;  8"  —  Nyelvtud.  Ertekezesek.  VII.— X.  es  uj  I.— II.  szärn. 
Törtenettud.  Ertekez.  XII.  sz.  —  Törvenytud.  Ertekez.  XI.  —  XII  sz.  — 
Termeszettud.   Ertekez.    I  — III.    sz.    —   Tärsadahni  tud.  Ertekez.  XIII.   sz. 

Pest,   1870;  8». 


470 

Heidelberg,  Universität:  Akademische  Gelegenheitssclmften  aus  dem  Jahre 

1870—71.  40  u.  8". 
Istituto,   R.,   Lombardo    di   Scienze  e  Lettere:    Memorie:   Classe    di   Lettere 

e  Scienze  morali  e  politiche,  Vol.  XI  (II  della  serie  III.)  Fase.  3  e  ultimo; 

Vol.  XII  (III  della  serie  III'.  Fase.  I.  Milano,  1870.  —  Classe  di  Scienze 

matematiche   e   naturali,    Vol.  XI    (II  della    serie  III).    Fase.    3    e   ultimo; 

Vol.    XII    (III   della   serie  III).  Fase.    I.  Milano,    1870;    4".   —  Rendiconti. 

Serie  II.  Vol.  II.  Fase.   17—20.  1869;   Vol.  III,  Fase.   1—15.   1870.  8^  — 

Rapporti  sui  progressi  delle  Scienze.  I.  Milano,  1870,   8". 


J 


Reifferscheid.  Die  Bibliotheken  Pieinoiits.  471 


Biljüotlieea  Patriim  Latinoriiin  Ttaliea. 

Von 

August    Reifferscheid. 
IV. 

Die  Bibliotheken  Piemonts. 

Bei  meinen  Untersuchungen  in  den  Piemontesischen 
Bibliotheken  hal^e  ich  in  vollstem  Maasse  erfahren,  wie  ver- 
dient das  Lob  ist,  welches  Amedeo  Peyron  in  seiner  Notlzia 
deir  arcMvio  dd  rev.  cajntolo  d'lvrea  S.  4  den  Bibliotheks- 
und Archivs  vorständen  seines  engeren  Vaterlandes  spendet,  wenn 
er  auf  sie  bezüglich  sagt  4a  fama  della  cortesia  Piemontese  suona 
altissima  in  Europa'.  Zu  ganz  besonderem  Danke  aber  fühle  ich 
mich  Amedeo  Peyron  selbst,  dem  nunmehr  verewigten  Nestor 
der  italienischen  Gelehrten,  sowie  dem  Bibliothekar  des  Königs, 
Commend.  Promis,  verpflichtet,  deren  wirksame  Empfehlun- 
gen mir  überall  den  Weg  bahnten.  Gorresio,  Präfect  der 
Turiner  Universitätsbibliothek,  gestattete  mir  während  der 
Ferien  dort  zu  arbeiten,  und  jederzeit  fand  ich  bei  ihm  wie 
bei  Bernardino  Peyron,  dessen  kundiger  Sorgfalt  der 
Handschriftenschatz  der  Bibliothek  anvertraut  ist,  die  gewünschte 
Auskunft.  Gleich  freundliche  Aufnahme  wurde  mir  in  Ivrea, 
Novara  luid  namentlich  in  Vei'celli  zu  Theil,  wo  ich  in  dem 
■Archivar  des  Domkapitels,  meinem  ehrwürdigen  Freunde,  drin 
Canonicus  Giovanni  Barberis  den  liebenswürdigsten  Biblio- 
thekar Piemonts  und  Italiens  überhaupt,  was  viel  bedeuten 
will,  kennen  lernte. 


472  Eeifferscheid. 


I 


1.  Die  Universitätsbibliothek  in  Turin. 

Üljer  den  Bestfind  der  Turiner  Universitätsbibliothek 
im  vorig'en  Jahrhundert  erfälirt  man  das  Nähere  in  dem  be-, 
kannten  Catalog-  von  Pasini ,  Rivautella  mid  Berta  (Codices 
Ttiamiscripfi  regiae  hihliothecae  Taurinensis  Atlienaei  1749).  Nach 
mannigfachen  Schicksalen  erhielt  die  Bibliothek  einen  werth- 
vollen  Zuwachs  durch  Am.  Peyron,  der  die  letzten  Reste  der 
]^il)liothek  von  Bobio  dorthin  rettete.  Vgl.  seine  Abhandlung 
de  bibliotheca  Bobiensi  (s.  o.  S.  3),  in  der  er  über  einige 
der  Bobienser  Handschriften,  die  jetzt  in  Turin  sich  befinden, 
genaue  Mittheilungen  gibt  ^. 


Ambrosii  expositio  evangelu  secimdum  Lucam. 

G.  V.  15.  membr.  4.  foliorum  48.  saec.  VII.  * 

f.  1  -^  ita  "•  ergo  et  tu  ad  ea  quae  difficile  cre|duntur 
auctoritatem  diuini  sermonis  adscisce.  et  promissum  eins  ad- 
uenjtum.  prophetarum  uoce  — 

f.  2''  et  bene  liber  qui  seruitutüm  cupiditatum  reppulit. 
mortis  |  uincla  nesciuit '-'  dico  autem  uobis  in  mg.  m.  s.  IX:  hie 
finit  Liber  v.  |  uere  sunt  aliqui  hie  stantes  qui  non  |  gusta- 
bunt  — 

f.  48''  nolite  soUiciti  esse  animae  quid  |  manducetis  neque 
corpori  quid  |  uestiamini  aninia  plus  est  quam  esca''|| 


'  Nur  .seine  Angaben  über  das  Alter  der  Handschriften  sind  häufig  un- 
richtig —  2  Gehi)rt  zu  Ambrosianus  H.  78.  Sup.  S.  oben  S.  !^.  Zwischen 
der  Maih'inder  Ilandscluift  nnd  der  Turiner  felden  zwei  Quaternionen  — 
•■'  Oben  m.  rec.  Cai)sa  G2  —  '  6,  lOG  XV  1097  1)  —  ^  Ende  des  seclisten 
Buches  —  G  7,   123  1.  c.   1730  d 


Die  Bibliotheken  l'iemonts.  473 

i 

Augustinus  de  auimae  quantitate. 

1.  VI.  48.  inemlir.  4.  toliorum  öl.  sii'^c.  X.' 

1".  1  a.  XV  lib  s'  andree  VccttDsis  j  In  istu  uoluie  st' 
iscpta  op'chi  b.  Aug-.  s.  |  de  q^titate  aic  |  de  imortalitate  aie  | 
de  ma^'o  |  de  cura  j)  mortuis  ||  f.  1"  Incp  reträctatio  sei  auj 
gustini  de  animae  quantitate  |  reträctatio  ]  In  eadem  -  urbe  scripsi 
dialogum  |  in  quo  de  anima  multa  quaeruntur  ac  disse'runtur.  — 

f.  2*^  C&eris  quam'uis  do  magis  quae  •'  mihi  |  Explicit 
reträctatio.  ]  Inc]5t  lib  de  animo  quan'titate.  ^  |  Quoniam  uideo 
te  abundare  otio  |  quaeso  ut  mihi  respondeas  de  his  quae  |  me 
mouent  (u  ex  b).  non  ut  opinor  inportune  |  — 

f.  1 4''  ■'  animam  non  ipsü  uentü  sed  tale  aliquid  esse  dixi. ''  || 
f.  4  longe "  absit.  fJta  &  hoc  memini  r'Uides  itaq:  j  animo  &iä 
i])sam  locorum  distantiam.  r"  uideo.  |  — 

f.  51''  Non  eam  tarnen  quod  cum  corpore  anima  concidi 
potuerit  quam  si  repperire  |  non  possumus  quaerenda  non  ^  est 
po  tius  uera  quam  falsa  credenda.  |  deinde  quare''  abs  te  utrum 
putcs  in  I  uerbis  nostris  alium  '"  esse  ipsum  sonü  j  aliud  quod 
sono  significatur;  |   f"  ergo  "    uti'umque  idem  puto|| 

Augustini  coUatio  cum  Maximino,  contra  Maximinum  lihri  duo. 

a.  II.  2'.  membr.  8.  folionim  113.  saec.  VIII.'- 

f.  1  '^  In  hoc  codice  ///////////  |  Sei  Augustini.  Ubi  cu  Maxi- 
mino I  arriano?(  epo  concertatus  e  |  Liber  scti  columbani  de 
bobio  I  et '  *  raaxim'  yppone  regio  unvi  in  locü  cG  uenissent  '■'  | 
psentibi  multis  ta  clericis  qua  laicis.  maximin'  dix.  |  —  Maxi- 


I  »  Bei  Pasini  ii  228  unter  der  Nummer  DCCXX  d.  II.  40  —  2  Retract.  1, 
j  8  XXXII  594  —  ^  quam  —  *  de  quantitate  animae  1.  c.  1035.  In  der 
I  Handschrift  findet  sich  keine  nähere  Bezeichnung  der  Interlocutores  — 
"  f.  4—11  gehören  nach  f.  14  —  e  4,  6  1.  c.  1030  —  "  5,  8  1.  c.  1040. 
Ein  Blatt  feldt  —  ^  nonne  —  ^  quaero  —  '"  aliud  —  "  ego  —  '2  Y^r^. 
limpsest  Ciceronianischer  und  Livnanischer  Fragmente.  Erstere  hat  Peyron 
1.  c.  ediii;.  Über  die  in  Deutschland  unbekannten  Liviana  vgl.  die  Bemerkung 
von  Baudi  di  Vesme  in  den  Memorie  doli' accad.  di  Torino  tom.  vni  (184fi) 
S.  181  n.  44  —  '3  f.  1.  2  saec.  xii.  Peyron  setzt  die  ganze  Ilandsciirift  irrtliüm- 
lich  ins  zwölfte  Jalirhundert  —  **  Cum  Augustinus  et  XLII  709  —  '^  con- 
venissent 


474  Eeifferscheid 

min'  resp.  Si  fide  mea  postulas  ///  simi' '  &  |  parati  ad  respon- 
dendü  üiTii  poscenti  nobis  ratione  |  — 

f.  2  recurrit.  q  est  fons  bonitatis.  a  q  csecutus  &  ^  siue 
beatus.  |  Eg'o  -^  illa  teneo  fide.  que  ariniino  ^  ab  octing'entis  ■' 
&  XXX  I  epis  n  solü  exposita.  —  cfessio  sit ''  |  ad  salute.  instrueti 
p '  spm  '*  sps  scs  effusus  e  in  omis  credentes.  |  »Sic  eui  legimus 
beatü  petrü  dixisse;  — 

f.  2''  ista  satisti  sie  factü.  '■'  Apis  '"  siue  etia  |  oins  sei  illumi- 
nant  qde  credentes.  —  sed  sedm  suam  miam  saluos  nos  fecit. 
p  lauacrum  |  reg-enerationis  et  renouationis  sps  sei ' '  || 

f.  .3  quem  '^  effudit  abunde  in  nos  per  ilim  xpm  sahia- 
tore  I  nostrum  iam  dedi  responsum  qiim  siue  paulus  inlu|minat  — 

f.  o*"  quae  diximus  addimus  testimonia  quia  tum  '•'  per  '^ 
isse.  '■"'  Augustinus  dixit.  dixistis  spm  scm.  |  inluminare  an  non 
dixisti.  — 

f.  4*"  protulisti  quidem  testimonium  diuinarü  sci-iptu  '^  || 
f.  6  ''  filius  '^-  quando  enim  sps  scs  contraria  xj5o  aut  patri  | 
ti'adidit  mandata   constat  '"    secundum  saluatoris  senjtentiam  — 

f.  7  gignendo  eum  uitam  gignendo  eni  uitam  dedit  ei 
uitä  I  — 

f.  .SP  inueniri  discipuli  maximinus.  eps.  |  subscripsi.  et 
post  conlationem  prae  sentium  Augustinus  ista  dictauit  — 

f.  33  uelis  nolis  j  ostendam  Augustinus  eps.  suscripsi  et 
ad  I  me  transmiseris  si  non  ad  omnia  responsum  dedejro  tune 
ero  culpabilis.  expli.  -"  |  hinc  iam  osteuditur  qu  ae  acta  sunt 
cum    maximiuo  |1    f.    33''    arrianorum    episco    quibus    maximinus 


'  Lücke  —  -  om.  —  •'  Hier  folgt  das  vorher  tibergangene  —  ^  Ariraini  — 
•''  treceiitis  —  *>  fit  —  '  Lücke  —  *  lesiim  Christum  —  ^  satisfactum  (8 
1.  c.  713)  —  '»  Wie  oben  —  "6  1.  c.  712  —  '2  Es  fehlt:  quem  effudit 
in  nos  abunde,  per  lesum  Christum  salvatorem  nostrum.  Secundiim  lianc 
regulain  dico  spiritum  sanetum  et  profiteor  illuminatorem  per  filiuni,  nt  ante 
dictum  est.  Von  der  alten  Handschrift  fehlt  das  erste  Blatt  —  '^  oin.  — 
14  per  7  1.  c.  712  —  '^  fmsse  9  1.  c.  713.  In  der  alten  Handschrift  fand 
sich  also  dieselbe  Transposition,  wie  wir  sie  in  der  Ergänzung  walir- 
nehmen  —  '"  11  1.  c.  715  —  ''f.  ö  ist  nicht  mehr  vorhanden.  Peyi'Oii 
hatte  es  nocli  —  i»  12  1.  c.  716  —  '»  et  constat  —  20  ostendam.  Et  alia 
manu:  Augustinus  episcopus  subscrii)si.  Itom  alia  manu,  Ma.Kiminus:  Cum 
expiicueris  Innu;  libclluni  et  ad  ine  ti'ansinisei'is,  si  non  ad  omnia  respon- 
dero,  tunc  ero  culpabilis.  Explicucrc  gesta.    Contuli. 


Die  Bibliotheken  Piemonts.  475 

non  respondit  '  |  +  disputatio  -  maxiiiiini  arrianorum  epi  cuius 
prolixitate  |  spatium  diei  quo  pracsentos  coiifcrebamus  ab- 
siimpjsit  — 

f.  45''  •''  moysen  |  commemoraui  ei  dicente  '  ||  f.  47  ''  per 
quem''  facta  sunt  oimiia;  deinde  addidisti  cijto"  — 

f.  49  rejfutarc  non  posse  ut  ea  rp  mal'is  "^  surmmo  silentio  | 
pvaeterire.  |  Contra  ultimam  prosecutionem  raaximini  |  arrianorum 
epi  i^.  sei  aug-ustini  •'  |  Res  iam  postulat.  ut  in  eo  quod  |  reli- 
quum  est.  opitulante  diio  |  — 

f.  50  debeo  non  redarguere  dispotando.  |  Vorba  maximini 
de  ultima  prosecutione  conlata  |  Loqueris  quasi  auxilio^  prin- 
cipum  —  respondisti  |  quod  placuit.  Responditur  (i  ex  e)  '•'  |  +  dicis 
nie  auxilio^  (o  ex  um)  principum  munitum  — 

f.  67  si  semper  |  alter  ex  altero  nasceretur;  nee  eam^' 
pos|sider.t  uirginem '-  mariam.  ac  deinde  uejniret  uirtus  altis- 
simi  hoc  est.  sapienjtia  di  quod  est  xps.  et  ipsa  sibi  '■'  sicut 
sc|riptum  est  aedificaret  domum.  '^  — 

f.  112  diuinarum  scripturarum  discipulus  ut  de  tua  fra| 
ternitate  g'audeamus.  || 

f.  113'''  aut'^'  ist  ultus  est  ("J)  quam  necessaria  quam  be- 
üigna  est  diuina  clemenjtia  quae  cum  sciat  non  deesse  sanatis 
quaedam  postmod  uulnera  |  dedit  curandis  denuo  sanandis- 
quae  uulnoribus  remedia  sahitaria  nüjquam  deniq"c  fratres  dilmi 
admonitio  diuina  cessabit  (b  in.  al.  in  u)  et  tacuit  — 

f.  113''  quod  item  in  psalmis  sps  scs  declarat  et  |  probat 
dicens  beatus  qui  intellegit  super  egenü  j  et  pauperem  in  die 
malo  liberabit  illü  ds.  11 


I  '  Augnstini  contra  Maxiniinnm  liLri  flno  1.  c.  743  —  2  Dispntationi  — 
3  Tm  Vorhergohcndcn  die  Niimmcrirnng  falscli;  dio  richtige  Reilienfolge  f.  38. 
41.  42.  39.43  —  ^  15  1.  c.  75.5  —  •'  f.  4G  ist  nicht  mehr  vorhanden.  Peyron 
hatte  es  noch  —  ''  17  1.  e.  750)  —  '  fiddidi:  Seite  —  ^malles  —  ^  Liber 
secnndns  —  '"  In  der  Ausgal)e  fehlen  die  Worte  des  Maximimis:  im  Fol- 
gendon ebenso  —  "  12,  3  1.  c.  709  —  12  17^  2  1.  c.  784  (Lücke)  sanctifi- 
caret  ^^rginem  Mariam  —   '^'  om-  —    "  sibi  domnm  —   '^  saec.  ix  —     ""'  ? 


Sitzl).  a.  phil.-liist.  Cl.  LXVIU.  Bd.  III.  llft.  31 


476  Eeiffersobeid. 


Augustini   tracfatus  adversns  quinqne  liaereses,  collatio  cum 
PascentiOf   ej^istulae    ad  Pascentium,   de   symholo   contra  ludaeos 

paganos  et  Arianos. 

G.  V.  26.  membr.  8.  folioruiu  Ißl.  saec.  VlI.' 

f.  7  -  age  ^  si  mecum  est  ^  in  omuibus  |  qiiare  litigamus. 
si  una  no  bis  est  hereditas.  simul  pos  sideamus  - — 

f.  5  siluas  errares  quesiui  te.  ||  f.  ö*"  f.  credimus "'  unü 
diTi  omnipoten|tem.  uisibilium  omniü  &  inuisibiliü  factore.  et 
in  unü  dnm  nni  |  ihifi  xpm  filiü  di.  natu  de  patre  |  unig-enitü. 
hoc  est  de  subsjtantia  patris.  —  chatholica  &  apostoliea  eccle| 
sia.  explt.  |l  f.  6  +    inter  lapides  et  ligna  inuejni  te  — 

f.  1''  er'go  fuit  tempiis  quod  non  |  fecit  lilius.  nun  omnia 
per  I  ipsum  facta  sunt.  lam  eni "  ||  f.  8  caeluni  '  aderam  illi. 
et  post  (  pauca  eram  '^  aput  illum  |  — 

f.  21''  an  qui  praeparat.  Cui  ex "  ||  f.  15  est'"  genitus. 
sed  hoc  est  quod  |  iugenitus  genitus.  utpote  de  |  do.  ds.  non 
enim  quia  adam  |  ingenitus  — - 

f.  27  iniuria  temere  trinitati  |  Laurentius.  iic.  liic  (bis  i 
corr.  m.  post.)  gestis  aput  me  ba  bitis  ippone  regio,  in  domo  | 
anicia    propria  |  manu    subsc'ibsi   (sub    ex  sus)  "  ||  f.   27*"    Ober  j 

der  Zeile    Ine  prima   epistula  sei  aug  ad  eun  dem  pascentium  | 

t 

Uolueram  i-  quidem  petenjte.  te  adrque    instante    ut    mejminisse 
dignaris.  immo  |  uero  '-^  pro  merito  — 

f.  b'd^  hoc  non  rec**"  faci  et  hinc  da  uejniam  huic  scribturae 
a  me  |  dictatae  et  relectae.  augus  tinus  "  subscribsi.  |  Expl  prima, 
ine  I  secunda  eiusde  |  ad  eundem  pascetiü  ||  f.  54  Si  '"'  dicis  tej 


^  Im  Inventar  der  Bobiensis  vom  Jahre  14ßl  unter  der  Nummer  26  verzeicli- 
net.  Damals  war  die  Handschrift  noch  vollständiger  —  2  Blätter  verheftet. 
Die  richtige  Reilienfolge :  7.  2—6.  1.  8—13.  21.  15—20.  14.  22.  28  u.  s.w. 
Zu  Anfang  fehlen  drei  Quatemionen  und  zwei  Blätter  —  •''  Aug.  (?)  tracta- 
tus  adv.  V  haereses  6,  8  XLII  11 06  —  *  es  —  ^  Dies  Symbolum  von  oinoi' 
etwas  jüngeren  Hand  auf  der  von  der  ältesten  Hand  freigelassenen  Seitr 
eingetragen  —  c  6,  8  1.  c.  1110  —  "  1.  c.  Ein  Blatt  fehlt  —  ^  eram  eg" 
—  9  exhibetur  7,  9  1.  c.  1112  —  "'  Aug.  (?)  collatio  cum  Pascentio  l.'i 
XXXIII  1158.  Zwei  Quatemionen  und  ein  Blatt  fehlen  —  '•  Lam-entiiis - 
subscripsi  om.  ~  '2  Aug.  ep.  238  XXXHI  1038  —  '^  om.  —  '^  ego  Augu- 
stinus —   '5  239  1.  c.   1049 


Die  Bibliotheken   Picmonts.  4<  < 

mi'lii  dixisse  üde  j  tuam  et  me  tibi  noluisse  di  cere  fidem  meam 
quod  et '  au!dio  te  -  non  tacere  — 

f.  öC)*"  ad  quod  iiolueris  responde|re,  huic  scribturae  meae''  | 
a  me  dictate  et  relectae  |  augaistinus^  su'^scribsi  (b  in  p  m,  posf.)  \ 
Expl.  epistula  secun  da  sei  augustini  ad  pascentium.  ine.  eius- 
dem  I  pascenti  ad  sein  aug  ||  f.  57  Optaueram  "'  te  frater  |  dile- 
ctissime  pristini  er|roris  tui  consilium  depo|nere  — 

f.  öT**  rescribere  |  quod  nos  uon  edificat  |  Expl  epistula 
pascenti  |  Inc.  in.  sei  aug.  ad  eumde  ||  f.  58  Liferae ''  tuae  nee 
ad  redjdenda  conuicia  me  pro  uocare  nee  a^  reddendis  |  litteris 
reuocare  potuelrunt  — 

f.  60''  impendamus.  et  ad  id  quod  |  agitur  inter  nos  po- 
tius  ad  uertamus.  |  Expl.  epistula  |  sei  aug-us  tini  tertia  do  j 
gratias  |  Oratio  '  de  absida  |  ds  lux  eterna  gloria  sempiterna 
lumen  |  — 

f.  Gl  hoc  totum  inpleret  xps  ||  f.  Gl''  benedictio  übe  bene- 
die  diie  hune  fructum  nobum  ubae  quem  |  —  pollutionibus 
gentiü  barbarum  ^  || 

f.  62  ilher  der  Zeile  in.  post.  Ine  eiusdem  de  sinbolo "  j  p 

Inter  pi-aessuras  adrque  angus  tias  praesentis  temporis.  |  et  no- 
stra  '"  ofiicia  seruitutis.  |  cogimur  dilectissimi  non  ta  eere.  cum 
potius  expediat  |  - — - 

f.  104  exliibet  sui  sponsi.  expectans  ■ '  |  auras  libertatis. 
ut  uindi  cetur  ab  eo  huius  '-  humilitas.  |  quoniam  ea'"  iiiri  sui 
obtinet  |  Caritas,  ipse  est  enim  qui  ui  uit  et  regnat.  cum  dö  | 
patre  et  cum  sprl  sco  {m.  poftt.  ex  spm  scm)  in  |  saecula  saecu- 
lorum  I  amen  |  Expl.  Inc.  expo  situm  symbo  li  sei.  ruüni  ||  f.  104'' 
leer  ||  f.  105  Mihi  '^  quidem  fidelissime  j  papa  laurenti  ad  scri- 
bendü  |  animus  tam  non  est  eupidus.  j  quam  nee  idoneus.  scien- 
tia  '^  I  non  esse  absque  periculo  niul  torimi  iudieiis.  — 

f.  127''  tum  deiude  etiam  |  illud  '"'  aduerte.  nos  homijnem  a  do 
creatum  deter^^  (überklebt)  limo  "'H  f.  128  nos  '^  autem  praedicamus 


*  ego  Auofustimis  —  •''  240  1.  c.  1051  — 
''  241  1.  c.  —  "  Von  hier  an  bis  zum  Ende  von  f.  ßl''  Cursivschrift  des 
^;.  Jahrbunderts  —  ^  Folgen  noch  einige  unleserliche  Worte  —  ^  Aug. 
(?)  contra  ludaeos.  paganos  et  Ai'ianos  sermo  de  symbolo  —  '"  nostrae  — 
"  et  exspeetat  —  '2  gius  —  '^  XXI  335  ^  '<  scienti  —  '^  ad  illnd  — 
16  13  1.  c.  351   b  —   1"  10  1.  c.  35fi  b.  Ein  Quatemio  fehlt 

31* 


478  Rpifferscheid. 

xpm  1  I  crncifixum.  ludaeis  quidem  |  scandalum.  ge"tibus  autem  | 
stultitiam.  ipsis  uero  ^  uocatis  |  iudeis  et  grecis,  xpm  di  iiirtu| 
tem  et  di  sapientiam,  et  ali  bi  ^  — 

f.  15o^  sed  ad*  suum  quod  habuerat  |  reparetur.  iit  con- 
sequenter  possit-^||  f.  160**  certum '^  est  quod  et  Corpora  eorum. 
in  spiritalis  ^  corjporis  g-loriam  uertat-'.  — 

f.  IGO*"  Sacra  mento  diis  ü  ihs  xps  unicus  |  eius  filius  ha- 
beatur  et  qua  i"  (in  mg.  m.  s.  XV  deest)  || 

Augustinus  de  j^salinis. 

Theca  F.  IV.  1.  Fragm.  n.  membr.  4.  foliorum  2.  saec.  VII — VIII. '' 

f.  1  etiam  ^~  in  lauoribus  iustorum  contra  iniquojrura  feli- 
citates  patientiam  docet.  patie  tiain  — 

f.  2''  in  mudo.  ueruuni  uite  habeutes.  quodammodo '^  || 

Benedicti  regula. 

(i.  VII.  18.  membr.  8.  foliorum  99.  saec.  X." 

f.  ]  Liber  scti  131  columbani  de  bobio  |  In  nomine  scae  | 
atque  indiuidue  unicae  trinitatis  |  Qui  leni  iugo  xpi  —  in  eum || 
f.  l**  In  nomine  dni  nri  ]  ihü  xpi.  Incipit  prologus  regu  lae  pa- 
tris  eximii  beatissimi  |  benedicti  abbatis.  |  Ausculta  •'  6  fili  prae- 
cepta  magistri.  |  — 

f.  5''  esse  consortes.  am.  ""  |  Incipit  capitula  |  regulae  '"  | 
I  De  generibus  uel  uita  monachorum.  — 

f.  8  L  XXIII  De  hoc  quod  non  omnis  obseruan  tia  iustitiae  in 
hac  sit  regula  constituta  |  Incipit  regula  sei  j  benedicti  abbatis  | 
I  De  generibus  '*  monachorü  |  Monachorum.  quattuor  |  ee  ge- 
nera  manifestü.  e.  1  — 


^  Christum  praedicamus  —  2  ^j,  —  3  ibidem  —  *  om.  —  ^  4;^  ]_  (._  ßgg  b 
—  6  Blätter  verheftet.  Die  richtige  Eeihenfolge:  152.  154.  155—159.  161. 
153.  IGO  —  7  46  1.  c.  385  c.  Sech.s  Blätter  fehlen  —  »  spiritnalis  — 
9  vertet  —  '"  48  1.  e.  386  b  —  >'  Vgl.  Peyron  1.  e.  126.  Die.se  Fragmente 
gehören  derselben  Zeit  an  vde  Vaticanns  5757.  S.  i  448  —  '2  patientiam 
Aug.  enarr.  in  ps.  xciri  3  XXXVII  1192  —  '3  5  1.  c.  1193  —  '^  Vgl, 
Peyron  1.  c.  211  '^  LXVI  215    —     '«  ovi.  —    '•  Capitulation  fehlt  — 

'8  generibu.s  vel  vita 


Die  Bibliothtilien  Piemonts.  479 

t.    71    ilo   j)teg-uiitc    pcriic  '  j  Expli    |   a    scTj  B   |  do  gra- 

tiasi  II  f.  72'^  Incipiunt  |  hymi  sie  uel  canjtici  secuudu  regulä  |  sei 
bencdicti  abbatis  —  f.  99. 


BoETHius    de  institutione  arithnetica. 

Tlieca  F.  IV.   1.  Fragra.  m.  membr.   1.  2  col.  foliorum  2.  saflc.  VI— VII.  ^ 

f.  1  medietatem  ^  nolunnis  |  inuenire.  latera  eo  rum  multi- 
plicanda  |  sunt,  et  qui    ex    bis    pro  creabitur    medietas  |  est.  — 

f.  P  redeundum  est.  |  in  mg.  xlvii  de  armonica  medie- 
täte  '  I  armonica  autem  |  medietas  est  quae  |  — 

ihid.  sie  diffejrentia  maximi  et'^||  f.  2  extremitatib. ''  ab^ 
qui  fit  ex  multipbcata  medietate    — 

ihid.  XX.  constituam^  statim  geometr,^  medietas  cum  si  "|| 
f.  2''    tates  "^  redigantur;  et  medietatis  quan-titate  concrescant  |  — 

ihid.    cu  toditur    sed    si    xv  iumerum    mediü  <onam    ut  sint 

UXÜXLD  ^  II 

Cäesaeii  Arelatensis  homiliae. 

G.  V.  7.  membr.  8.  foliorum  126.  saec.  IX— X. 

Vorsetzhlatt  m.  s.  XFIn  hoc  uolumie  ifrascpta  cotinct'.  u^;.  | 
Cesarii  arelaten  epiOmelie  (eras.)  ad  monachos  |  omelienüo.  viiii.  | 
Effrem  tractat'  de  peitentia.  |  Effrcm  diacoui  tractat'  de  iudicio 
dei.  I  et  reBrectioe.  et  regno  celo%.  |  Eiusde:^  de  btitudie  aie  | 
Eiusde^  de  die  iudicij.  |  Eiusde^  sentetia  I  iSentetie  aug'  et 
gregorii  |  Exortatio  pannutii  abbatis  j  Taulini  epi  libelhis.  de 
passioib'4  aie.  |  Aug'  smo  de  regia  monastej  |  Epla  patris  eu- 
tropij  abbatis  ad  petrG  j  papaz,.  de  districtione  nionacboj(  |  et 
ruina  monast'io%.  ||  f.  1  Liber  scvti  45.  cohmibani  de  bobio  |  Inci- 
pint  sie  homeliae  |  caesarii  (i  alteram  add.  m.  al.)  epi  |  Sicut '"  a 

•  pervenies  —  -  Vgl.  Peyron  1.  c.  137.  Vom  zweiten  Blatte  nur  eine  Co- 
lumne  erhalten  —  3  -2^  4ß  p.  150,  20  ed.  Friedl.  Peyron  g-iht  irrtliümlich 
'2,  35  und  38  an;  oder  sollte  ihm  ein  anderes,  seitdem  verloren  gegangenes 
Fragment  vorgelegen  haben?  —  *  eiusque  proprietatibus  add.  —  ^  2,  47 
p.  152,  15  —  6  2,  50  p.  161,  14  —  •  suis  1.  c.  p.  161,  24  —  «  1.  c.  162, 
14  —  9  1.  c.  162,  24  —  1"  Caesarii  hom.  6  LXVII  1056  Euoherii  hom.  4 
L  841 


480  Reifferscheid.  £ 


nobis  dns  pro  suscepti  '  |  ofticii  necessitate  loquendi  deposcit  | 
ofticium.    Ita  uobis-  kmi  audiendi  |  — 

f.  b^  in  no'lb  inueniat  iudicaturus.  ^  |  n  Itein  homilia  eiusdem  | 
Ad  locum  ^  hunc.  kmi  ■">.  non  ad  qui&em.  |  iion  ad  seciiritatem. 
sed  ad  pugnam.  |  — 

f.  0**  in  tiliis  merita ''.  iam  resurgat  "^  \  in  Item  alia  eius- 
dem I  Seimus  ^  quidem  spiritalis  '-^  milicie  |  — 

f.  16''  consumationis  pseueranjdum '"  puenerit  ".  iii  |  Item 
alia  homelia  eiusdem  |  Ad  hoc  '-  ad  '-^  istum  locum  conuenimus.  '^ 
ut  diio  I  nro  uacare  possimus.  — 

f.  19  ipso  ^■'  inuitante  ueniamus.  |  Praestante  dno  etc.  '^ 
Amen;  v  |  Item  alia  homelia  eiusdem  |  Uid&e  ^^  uocationcm 
uram  frs  kiiii  |  uenire  quidem  ^^  ad  heremum  |  — 

f.  22  ornamentum  ''•'  &  in  |  futuro  '^'^  praesidium.  Adiuuante 
dno  nro'-'  ||  f.  22''  sormo  simplex  ad  monachos  |  Quod --  suppli- 
cante^'^  |  &  quod  admodum"-'  cari[tate'-''  iubente  — 

f.  27  pec;catorum  ueniam.  '^*'  tribuatur.  "^^  amen.  |  Item  ho- 
melia sei  caesarii  vii  ||  f.  27"  Scs.^^  ac  uenera|bilis.  pater  uester 
religiosa.  j  quidem  humilitate  sed  j)pe  j  indiscr&a  — 

f.  34''  supplicantibus  uobis.  adiuuanjte  xpo  diio  puenire.  | 
Regnaute  diio  etc.  amen.  ||  f.  35  vii.  omelia  eiusdem.  j  Miror  '^"  frs 
dilecjtissimi.  domnum  meum  |  patrem  ufm  tanta  se  |  humilitate 
deicere  |  — 

f.  40  uenia  concedatur.  ||  f.  40''  praestante  dno  etc.  amen.  | 
villi.  Item  homelia  eiusdem  |  SS'"'  ac  uenerajbilis  pater  uester 
dum  se  ut  cum  |  ucnia.  sui  dixerim  prope  ]  indiscr&am   — 


I 


'  suscepta  Eucherins  —  2  ^  vobis  —  3  iudicaturus  lesus  etc.  Caesarius  — 
■i  Caesarii  hom.  7  1.  c.  1059  Fausti  Rheg.  sermo  1  LVIII  869  —  &  prope- 
rantes  add.  Caesarivs  —  ^  per  merita  Faiistiis  —  ''  adiuvante  etc.  add. 
Caen.  —  8  Caes.  hom.  8  1.  c.  1U62  Eucher.  hom.  5  1.  c.  844  —  9  spiri- 
tali  —  ^^  perseverando  —  ^^  adiuvante  etc.  add.  Caes.  —  '2  Caes.  hom.  9 
1.  c.  1066  Eucher.  hom.  6  1.  c.  848  —  Fratres  charissimi,  ad  hoc  Caes.  — 
'3  in  Caes,  —  '^  fratres  add.  Eucher.  —  '^  ipso  om.  Caes.  —  i"  praestante 
etc.  om.  Eucher.  —    '^  Caes.  hom.   10  1.  c.  1067    Eucher.  hom.  9  I.  c.  855 

—  18  om.  Eucher.  —  '9  sitis  add.  Eiicher.  —  ^o  futura  Eucher.  —  21  nostro 
lesu  etc.  Caes.  adiuvante  etc.  om.  Eucher.  —  22  Caes.  hom.  11  1.  c.  1069 
Fausti  Rheg.  sermo  2  LVIII  872  —  23  suppleute  Faust.  —  24  quodammodo 

—  25  cum  caritate  —    26  venia  —   27  tribuatur,  praestante   Caes.   —  2s  y  _ 

29   ?    30   51 


Die  Ribliotliokeii  I'iemonfs.  4-81 

f.  48*"  Icctionem^do  insinuante  cog-noscitis.  |  Amen  do  ij^ra- 
tias  Unit  ||  f.  44  Incipiunt  opus  cula  sei  effreiu  |  de  paenitentia  | 
haec  est  tertia  |  DSs,  nostcr  |  ilis  xps  qui  desccndit  |  de  siiiu 
patris  &  ef|fectus  est  nobis  iiia  |  salutis.  — 

f.  49''  qiii  tibi  deb&ur  omnis  adoratio  |  S:  gloria  in  saeeula 
sclorum.  amen.  ||  f.  50  Incipit  liber  sei  ef  frem  diaeoni  di;  |  iu- 
ditio  di  et  resurjrectione  et  de  |  reg'no  eaelorü  |  (it  munditia. 
animae  |  haec  est  prima  |  Gloria  omnipotenti  do  |  qui  os  nfiu  | 
supno  iiutu  aperuit  |  — 

f.  5U  Impii  auteni  |  intirniabuntur  ab  eos.  corr.  Explicit  | 
Incipit  eiusdem  |  de  beatitudincni  corr.  |  animae.  sei  effrom.  | 
Beatus  qui  |  odio  habuerit  liunc  |  mundum  &  solummo  do  me- 
ditatio  eins.  |  — 

f.  ()(]''  ad  patrem  luminum  puenire  |  amen;  Explicit.  ||  f.  07 
Incipit  eiusdem  sei  efl^re  |  diaeoni  de  diem  iudicii.  li<;e.  e.  v  | 
Venite  dilmi  j  fr^  exortationem  meam  |  suscipite.  &  semp  me- 
mentote  j  — ■ 

f.  78''  tralia  tur  ad  uitam  a&nam.  amen.  |  Sentententia  cu)t. 
sei  effrem  |  diaeoni  (sequitur  add.  m.  al.)  |  — 

f.  82  prius  quam  quereremus  eum.  |  Öententia  sequitur  | 
Facit  euim  hostis  |  securos  quos  cupit  esse  captiuos.  ]  — 

f.  82''  scriptum  est.  |  Greg'orii  |  Cunctis  ergo  cog-itatione 
tumentib;  j  — 

f.  83  exortatiouib;  llectitu)-.  lohannis  j  Supba  iioluntas 
facit  di  praecepta  contemni,  |  — 

f.  84  fou&  ut  pdat.  |  -Sententia.  sequitur  |  DuS  dixit.  qui  | 
non  accx-pit  cruce  sua.  |  &  sequitur  me.  — 

f.  86  p  pacientia  |  expectamus.  Sei  agustini  |  Uisibilium 
omnium  proxim'.  |  niundus  est.  —  &  suggestionib;  prauis.  |  8cs 
petrus  dixit  |  Resistite  autem  tliabulo.  &  fugi^-  a  uob  j  — 

f.  8G"  &  rcquies  uera.  Sei  agustini  |  Ibi  requiescit  sps  xpi 
ubi  est  i)uritas  cordis  1  — 

^  '  un 

f.  89''  non  succurrunt  ga'sindi.  ad  (ifiiciü.  nee  qucrit  ho- 
uores.  I  Sententia  sequitur.  |  Non  sequamur  malai-um  exenqila 
qui  I  male  fecerunt  — 

t".  92''  ad^ipinquate  do  &  ad  plpinquabit  uobis.  Explicit.  | 
Inept  exortatio  |  ^y  panu^lii  abbatis.  |  Ad  roeipienduni  |  eum. 
(pü  pro  foi'ilj;  liabitabat;  |  Nosti  ait  frater  quod  dieb;  |  p  forib; 
excubans  hodie  |  sis  receptus  — 


482  Reifferscheid. 

f.  dd^  apostolice  caritatis  pfectio.  |  possid&iir.  Expl  exor- 
tatio.  I  lucpt  Libellus  paulini  de  pasjsionibus  anime  |  Frequen- 
ter  '  I  diximus.  -  semper  ^  xpianiis. '  |  psecutiouem  patitur.  ■'  mun- 
dus.  I  istc  in  maligno  positus  est,  Aduersa  |  —  1 

f.  lOB""  diaboli  liberare.  Cui  est  gloria  in  scla  |  saeculo- 
rum  amen. ''  |  Maxima "  pars  reg-ulae  [  monachorum.  mortificajtio 
est;  — 

f.  105^  &  omnem  sie  fastidinm  |  corporis  nutrit.  |  Ideo  tu 
lector  lente  folia  uersa.  manus  |  laua  &  si  (lies  sie)  librum  tene. 
et  ei  aliquid  j)  uestitu|ra.  prosterne.  |  Expliciunt  |  onieliae  |  sei 
caesari  epi  |  et  sei  effem  di  aconi  ||  f.  10()  Incipit.  sermo.  sei 
agustini  |  epi  de  regula  monastlierii  ad  mo  naehus  haec  ^  sunt 
quae  ut  obseruetis  |  Praeeipimus  in  monast^erio  constitu|tis  pri- 
mum  propter  quod  in  unum  |  — 

f.  114''  &  in  temtatione  n  iudueat.  |  qui  uiuit  &  regnat  etc. 
am.  I  lucpt  institutio  sei  ac  beatisjsixmi  ca^siani  ad  monachus 
cori'.  711.  al.  II  f.  115  Sicut  namq:  in  mensa  dni  gloria  &  a&|na 
uita  fideliter  seruientib:  — 

f.  IIQ**  fructificant  atq;  subcres|cunt.  p  dnm  nrm  etc.  ain.  j 
Incipit  epistola  patri  sie  eutropii  |  abbatis  ad  petrü  papä  de  di- 
strictiojne  monaeliorü  &  ruina  monasthe  riü  directa  in  roma.  | 
Omnipotens ''  dns  pro  sua  misericordia  humanus  corr.  m.  <d. 
miseratus  errores.  p  moysen.  |  — 

f.  125''  Ideo  &  multi  uocati.  pauci  uero  electi.  i.-  |  jnisillus 
estgrex.  cui  conplacuit  patre  //  '"  ||  f.  126  "  illo  '-  male  uoluntatis 
siue  uitio  ofFendat  et  cadat  |  —  protegat  &  coniirmet.  '•'  |  Expli- 
cit  epla  eutropii  abbatis  |  vi.  s.  XV  Iste  liber  est  monaeho*  — 
scriptus  ab  nüo  49  (49  in  ras.).  I 

Cassiani  conlationes. 

Die  Turiner  Universitätsbibliothek  besass  drei  Blätter 
derselben  Bobienser  Handschrift  von  Cassians  conlationes,  von 


'  Aug.  (?)  ad  fratros  in  eremo  sormo  60  XL  1342  Caes.  hom.  20  1.  c.  1083 
—  2  fratres  chaiissinii  add.  Anrj.  —  '  quod  semper  Avg.  quod  Caes.  - 
■1  Christiani  —  ^  patiuntur  —  *>  Cats.  liat  einen  anderen  Schluss.  liberare 
totos,  cui  est  lionor  et  gloria  per  omnia  s.  s.  A.  Aug.  —  '^  ?  —  *  ?  — 
9  LXXX  15  —  '"  patri  1.  c.  17  d  —  i»  m.  s.  xv  —  >2  i.  e.  20  —  "^  pro- 
tegit  et  confortat 


Die  Bibliotheken  Pieinouts.  483 

i 

wclclici-  sich  auf  der  Vaticana  in  cod.  57()()  (vij;-l.  i  474)  hun- 
dort  Blätter  finden.  Die  Turiner  Blätter  waren,  wie  A.  Pcyi'on 
sah,  ebenfalls  palimpsest  und  enthielten  Fragmente  des  Codex 
Theodosianus.  Vgl.  Peyron  1.  c.  155  luid  seine  Ausgabe  CocU- 
L'is  Theodosiani  fra<jriienta  inedita  lS2o  p.  18.  Wie  mir  die 
Bibliothekare  versicherten,  sind  dieselben  verloren  gegangen. 
Aus  Peyrons  Angabe  'recens  scriptura  refert  collationes  pa- 
truni,  sie  conlationes  Ab.  Fafnntii,  tum  illas  Ab.  Danihells,  in 
quibus  sormo  est  de  tribia^  abrenuntiationibus  de  concupiscentia 
carnis  et  s'piritus'  geht  hervor,  dass  die  Turiner  Blätter  Bruch- 
stücke der  dritten  und  vierten  conlatio  enthielten  und  demnach 
in  der  Cassianushandschrift  vor  die  Vaticanischen  Blatte*',  die 
mit  conl.  4,    12  beginnen,  gehörten. 


CASsiODOmi  (!)  panetjyvici. 

a.  U.**  membr.  4.  t'oliorura  7.  saec.  VII  — VKI. 

Angelo  Mai  fand  in  einer  Bobienser  Handschrift,  dem 
Ambrosianus  G.  58.  Sup.  (siehe  oben  S.  88),  zwei  Blätter, 
Fragmente  von  Panegyrici  enthaltend,  als  deren  Verfasser  er 
zuerst  iSymmachus,  dann  Cassiodorius  annahm.  Zwei  andere 
Blätter  desselben  alten  Codex  entdeckte  A.  Peyron  in  Turin 
und  veröffentlichte  sie  1.  c.  182  s(iq.  Ebendaselbst  fand  Baudi 
di  Vesme  noch  fünf  dazu  gehörige  Blätter  und  vereinigte 
alle  bis  dahin  gefundenen  "Fragmente  in  der  Abhandlung  Fvani- 
menti  di  orazioni  paiuujtricM  di  Magno  Äurelio  Cassiodovo  Se- 
natore  (Memorie  della  K.  accad.  delle  scienze  di  Torino,  scrie 
II  Tom.  VIII  scienze  mor.  stör,  e  tilolol.  Torino  1846.  S.  160  tf.). 
Eine  Revision  der  Vesmischen  Lesung  w'wd  noch  manches  Neue 
zu  Tage  fördern,  wie  sich  mir  bei  einer  flüchtigen  Vergleichung 
ergab.  So  steht  Ö.  lijü  Z.  2  imdieresqm  ociosas  S.  202  Z.  17 
glaubte  ich  nach  eiiisdem  zu  lesen  seuatoris:  auf  jeden  Fall 
enthielt  die  Zeile  den  Titel  eines  neuen  Panegyricus,  wie  die 
Schnörkel  am  Ende  derselben  und  die  Initiale  am  Anfang  dei- 
folgenden  zeigen  '.  8.  2()o  Z.  (j  am  Ende  liest  man  deutlich 
futuris  sae. 


'  Am  Schlüsse  von  Z.   IG  ist  wohl  ine    tlictio  (incdic  .  .  .    Vesme)  zu  lesen 


484  Eeifferscheid. 

Cerealis     contra    Maximinumi. 

E.  IV.  43.  memhr.  4.  foliorum  8.  saec.  VII— VIII. » 

I.  1  liicipit  altercatio  iiiter  catnolicus  et  enticus  j  i  quia  - 
aequalis  pater  -^  et  filius  —  xviiii  Contra  id  qnod  dicunt  quia  ' 
pater  Uli  sub  iecit '  omnia  |  qualis ''  patri  filius  sie  dicetur  ^. 
apostolus  I  paulus  dixit  '^  oc  sentite  de "  uobis  quod  et  in  |  xpo 
iliu  qui  cum  in  forma  di  esset  non  rapina  '"  |  arbitratus  est  esse 
sc  uellem  "  dö  — 

f.  1""  (xviiii  '-)  patriarcliae  et  profaete  |  iideliter  tenuerunt  '''H 
f.  8  XX  In  libro  sapientiae  sicut^-'  di  '•''  sapieutia  qs  |  est  filius  di 
sie  et  sps   scs  noui '•'  consilia  patris  |  — 

f.  8'*  XXXV  ''  I  In  eodeni  libro  qsa  filius  di  de  substantia 
est  patris  |  pro  q^bus  ang-elorum  '^sca  cibasti  populum  |  tuum  et 
paratum  panem  de  caelo  praesti!tisti  illis  sine  laborem  omne 
delectamentum  in  se  |  habentem  et  saporis  suauitanitem  sub- 
stantia'"^  I  enim  tuam  dulcidinem  tuam  '■'  —  magnus  diis  ds'-" 
noster  et  magna  uertus  eins  et  sapientiae  tue-'  |  non  est  no- 
merus  '^'^  || 

CoNCiLiORUM    acta. 

Tlieca  F.  IV.  1.  l'ragm.  iv.  meiiibr.  4.  foliorum  0.  saec.  VII— VIII. 

f.  1  Uher  der  Zeile  m.  rec.  Capsa  62  |  natiuitates  sed^>-  ut 
et  ip'um  essentiae  nostrae  |  bcnedicat.  initium.  |  —  subiecta  sunt, 
liuic  nostrae  epistolae  |  unter  der Zeilem.  al.  «eg^a/i anathematismus 
primus  |  i  si  quis  non  confitctur.  dm  esse  secundum  ueri  tatem  — 


1  Bildete  früher  mit  E.  IV.  A'2  eine  Handschrift.  Vgl.  Pasini  1.  c.  244  ff., 
Peyron  1.  c.  216,  der  irrthümlich  die  Handschrift  mit  Bob.  141  identificirt. 
Siehe  unten  Sedulius  —  2  LVIH  757  b.  Die  Einleitung  fehlt  in  der  Hand- 
schrift —  3  est  pater  —  ^  quod  —  ^  subiecit  illi  —  ^  Cerealis.  Quia  aequa- 
lis est  —  ''  docet  —  ^  dicens  —  ^  in  —  >"  rapinam  —  "  aequalcm  — 
'2  XX  —  '3  cecinerunt.  Propositionibus  tuis  iuvante  patre  et  filio  et  spi- 
ritu  sancto  de  novo  et  veteri  testamcnto  respf)ndi,  nunc  vero  pro  cathoUca, 
qnae  ubique  est  fide,  alia  testimonia  proposui,  quibus  respondere  debeas. 
In  lil)ro  sapientiae  —  '*  quia  sicut  —  ^^  deus  —  '^  novit  —  '"  om.  — 
'^  substantiam  —  '9  oin.  —  -'^  om.  —  '-'  eins  —  22  Schluss  fehlt  in  der 
Handschrift 


Die  Bibliotheke?i  Pieraonts.  485 

i 

f.  2''  (xii)  et  uiui  ticans  ut  ds  aiuithema  sit  |  data  niciiso 
noeiiibr''  (j.  xxx,  indicf  xiiii.  |  incip'  epistula  scripta  ad  clonun 
et  populum  I  constautinopoleos.  in  qua  scribit  —  resistentes 
eins  doctrinae  ||  f.  3  dilectissimis  —  aeg-yptiaca  diocesi  in  dno 
sal.  I  villi  (data  —  viiii  m.  al.  nequali)  \  Uix  quideni  ali({uando 
perueninius  ad  quod  fu  erat  — 

f.  4  uirtutis  et  di  sps.  in  uobis  requiescit  |  Expl.  epist 
vim  ine  epist  x.  |  suscipiens  auteni  et  archiepcs  roniae  caelesj 
tinus  quaterniones  expositionum  ipsius  nesto  rii.  per  antiochum. 
et  inueniens  eos  plenos  blas  phemiis.  insuper  etiam  ammonitus 
ab  arcbill  f.  4''  episcopo  Cyrillo  —  est  enim  haec.  (Expl.  — 
haec.  m.  al.  aequali)  \  x  dilectissimo  fratri  nestorio  caelestiuiis  | 
aliquantis  diebus  iiitae  nostrae  post  nefanjdnm  — 

f.  6''  uitia  maiore  sempcr  dolore  sanari.  Inter  iiiul  ta  quac 
et  a  te  impie  praedicata.  uniuersalis  |  recusat  ecclesia.  symbolo 
ab  apostolis  tradito  ||  ^ 


Cypriani  episttdae. 

F.  IV.  27.  membr.  4.  'i  cul.  foliorum  21.  saec.  VI.' 

f.   1    obtemperantcs  2    iu'dicii    sui    si    tempus  co'stituit  non 
oboedi  entibus  •'  et  tunc  quijdem  gladio  occide  bantur  — 

f.  P  prae  cepta  eins  seruantes  '  |  placeanius.  |  Opto  te  fra- 
;er  carissime  ac  desiderä  tissime  in  dm  ^  semper ''  bcne  ualere|| 
F.  2  ad  stephanum '  ]  expl  iiicip  j  ad  lucium  de  |  exilio  reuersii  | 
in  m(j.  in.  s.  XV  xliii  |  Cypriauus  '^  cum  colle  gis  lucio  fratri 
Salute  I  et  nuper  quidem  tibi  |  frater  carissime  gra  tulati  sumus 
3um  I  — 

f.  2''  quem  co  lebant  quemquem  |  et  nos  colimus  po  tentem 
sse  Lit  quos^^ll   f.  3  quoq. '"    caperemus.  |  quae    illic    exaltatio  | 
jmnium  fratrum  |  qui  concursus  adq.  |  couplcxus   — 


'  Vgl.  Peyron  1.  c.  löti  ft'.  Fragmente  derselben  Handschrift  entdeckte  ich 
in  Ambros.  D.  519.  Inf.  S.  o.  S.  '22  und  jetzt  Ilartel  in  .seiner  Ausgabe  prolcg- 
p.  ^xvm  —  2  IV  .371  a.  f.  2  hat  das  Quatornionenzeichen  .wii  — ^  et  iudi- 
cibus  a  se  ad  tempns  constitutis  non  obaiidicntes  —  '*  servandn  —  ^  Do- 
mino —  '-■  f)i)i.  —  '^  ad  Pomponium  de  virginibus.  So  lautet  auch  in  der 
Handschrift  der  Seitentitel  —  HI  972  —  ^  (ad  Lucium  papam  Konianum 
reversura  ab  exilio)   —   '•*  eos  1.  c.  97.3  b  —   '"  1.  c.  974  b.   Ein  Blatt  fehl* 


486  Reiifurscheid. 

f.  3"  pro  seilte  plebe  possit  |  celebrari  '  |  optamus  te  frater 
carissi|me  semper  bene  ualere  |  Ad  lucium  de  exijlio  reuersum  | 
exp  incp  |  de  uictore  ^  qui  fau'stiimm  pr  tutolrem  nominaiiit  || 
f.  4  m.  s.  XV  (sie  semper)  xliiii  |  Cyprianiis  ^  praesby!teris  et 
diaconibiis  |  et  plebi  furuis  con  sisteutibus  salutem  |  Grauiter 
commoti  sumus  ego   et  colleg-ae  |  mei  — 

f.  5''  quod  nunc  fac  tum  est  fuerit  uin|dicatum.  |  Opto  uos 
fratres  carissimi  |  semper  bene  ualere  |  Ad  clerum  et  plejbem 
de  uictore  |  qui  faustinum  |  pr  tutorem  nojminauit  exp  |  incp 
ad  maximü  |  et  nicostratum^  ||  f.  6  xlv  Cyprianus''  maximo  |  et 
nicostrato  et  ceteris  confessoribus  sa|lutem  |  Cum  frequenter 
cajrissimi  cognoueri|tis  ex  litteris  meis  |  — 

f.  6**  liortamentis  petijmus  et  rogamus.  |  opto  uos  fratres 
carissimi  |  semper  bene  ualere  ||  f.  7  ad  maximum  et  j  nicos- 
tratum  |  exp.  incp.  |  ad  fortunatum  |  et  ceteros  de  bis  '^  |  qui 
per  tormenta  |  superantur  |  xlvi  Cyprianus  fortunato  |  haummo  ^ 
optato  pri'uatiano  donatulo  |  et  felici  fratribus  sajlutem  |  Scripsis- 
tis*^  mihi  ff.  kk.  |  quod  cum  in  capsenisi  ciuitatis''  propter  |  Or- 
dinationen! — 

f.  8^  sa'cerdotum  consilio  |  ponderata  |  Opto  uos  fratres 
karissimi  |  semper  bene  ualere  |  Ad  fortunatum  |  et  ceteros  de 
bis  qui  |  per  tormenta  supejrantur  explicit  j  incp  ad  maximü  | 
pr  II  f.  9  dig-nitas  ^"  uidebatur  |  quando  milites  xpi  |  non  ad 
ecclesiam  |  de  carcere  redirent  |  —  i 

f.  10  cari.tatis  ac  pacis  unitate  |  remeabunt  "  |  Opto  uos 
fratres  carissimi  '^  |  semper  bene  ualere  |  Ad  maximum  pr  |  et 
urbanum  et  si|donium  et  maca|rium  exp  incip  j  ad  clerum  ro- 
mae  ^'■^  ||  f.  10''  xlviii  Cyprianus  '*  ppfr  et  dd  |  romae  consi- 
stenti|bus  fratribus  salute  |  quoniam  comperi  fra|tres  carissimi. 
minus  |  simpliciter  et  minus  |  lideliter  — 

f.  12  consilio  disponejre  singula  uel '-^  reformare  possi-l 
mus  I  Optamus  "'   uos    fratres    caris'simi    semper  bene   ualere  | 


'  praesentibus  debet  fratribus  inunolari  —  ^  ad  clerum  et  plebem  Furnis  consis 
tentem  de  Victore  —  ^  jy  397  —  ^  ad  confessores  Romanos  ut  ad  unitaten 
rcdeant  —  ^  i  ^  349  —  6  et  alios  coUegas  de  bis  —  "  Ahymmo  -^ 
^  1.  c.  34ti  —  3  civitate  —  '"  (ad  confessores  de  reditu  ex  schismate  con! 
gratulatoria)  1.  c.  344  a.  Ein  Blatt  fehlt  —  i'  remeatis  —  '^  ac  dcsidc 
rantissimi  add.  —  '3  .^i  presbyteros  et  diaconos  Romae  consistentes  - 
'•»  1.  c.  -201   —   1^  et  —    "^  opto 


Dip  BiMintholcpn  Pipmonts.  487 

^  _        ) 

f.  12''  ad  clerum  ro  mae  expl  |  incp  cypi-iano  |  papae  ppfr 
et  I  diacon.  romae  |  consistentes  '  |  xlviiii  Cypriano '-  papae  pr 
et  I  dd  romae  consistejte^  salutem  |  — 

f.  19  quasi  duram  crudelitatem.  optamus  |  te  beatissime 
ac  gloriosissimc  j  papa  semper  in  dno  ■'  bene  ualejre  et  nostn 
meminisse  |  Cypriano  papae  |  pp  rr  et  dd  romae]  consistentes 
exp  I  incp  cypriano  pa'pae  moyses  et  ma|ximus  pp  ir  ]  l  Cy- 
priano papae  ^  moses  •'  |  et  maximus  pf  et  nicostratus  et  rufi- 
nus  I  et  ceteri  qui  cum  eis  |  confessores ''  salute  |  Inter  uarios 
et  multijplices  frater  dolores  nobis  constitutis  |  — 

f.  24"  quae  xpm  |  potuit '  confiteri  potuif"  a  xpo  in  com- 
mufnicationem  ■'  retineri  |  Optamus  te  beatissime  ac  gloriosis- 
simc papa  in  dno  semper  be  ne  ualere  et  nostri  meminisse  | 
Cypriano  papae  mojses  et  maximus  pr  |  exp  incp  pprr  |  et 
diaconibus  fraltribus  ^"  11 


Cyprianus  de  opere  et  elemosynis ,  de  sacramento  calicis. 

G.  V.  37.  mpmbr.  Kleinquart.  2  col.  loliorum  30.  saec.  VI—VIT. 

f.  1  multa  ' '  et  magna  |  sunt  fratres  |  carissimi  be  neficia 
diuina  |  quibus  in  salujtem  nostram  |  — 

f.  3''  Si  autem  nemo  |  esse  sine  peclcato  potest  et  |  quisque 
se  in|culpatum '"-  dixerit  aut  superbus '■'■  ||  f.  4  in  die '^  mala 
libejrauit  (u  m.  cd.  in  b)  illum  |  deus  '"'  |  quorum  prae  ceptorum 
me'mor  daniel  |  — 

f.  28*"  in  persecutio'ne  purpuream  |  pro  passione  |  gemi- 
nabit.  |  Caecili.  cypriani.  |  de   opere    et   |   elemosynis  |  explicit  | 


1  cleri    Romani  ad  Cypriannm    —    "^  ].  c.  2CA    —    3  in   Domino   semper    — 
*  1.  c.  290  Caecilio  Cypriano,  episcopo  ecclosiae  Carthaginensinm  —  ^  Moyses 

—  ß  ceteri  confessores  in  fide  veritatis  perseverantes  in  deo  patre  et  filio 
eins   Jesu  Christo  domino  nostro  et  in  sjuritn  sancto  —   "  potuit  Cliristum 

—  8  potuit  et  —  9  communicatione  —  '"  Seitentitel  in  der  Handschrift: 
ad  pomponium  de  iiirginibus.  ad  lucium  de  exilio  reuersn.  de  uictorc  qui 
faustinü  j)?  tutorem  nominauit.  ad  niaximu  et  nicostratii.  Ad  fortunatfi  et 
ceteros  qui.  ad  maximu  praebyteru  et  urbanum.  ad  cleruni  romae.  cypriano 
pai)e  ])r  et  Ü  romae.  cypriano  papc.  moyses  et  maximus  pr  —  "  IV  601. 
Es  fehlen  zu  Anfang  eilf  Quateniionen    —   ^-  quisquis   inculpatum    se  esse 

—  13  1.  c.  ()04  b  —    'M.  c.  606  a.  Zwei  Blätter  fehlen  —   '-■  cum  dominus 


488  Eeifferscheid. 

Incipit  de  j  sacramento  |  calicis  |  Cyprianus '  cae|cilio  fratri 
sa  lutem.  |  Quamquam  sciam  |  frater  carissime  |  episcopos  plu- 
rijmos  ''  {in  mg.  m.  s.  IX  */•  ecclesis  dominicis)  in  toto  müjdo  — 
f.  30''  quod  nuditas  |  illa  patris  a  me|dio  filio  denoltata 
est  et  foras  |  nuntiata.  a  duo  -  )|  ■ 


ExposiTio    evangelii  secundum  Marcum. 

Tlieca  F.  IV.  1.  trasm.  vir.  merabr.  fol.  2  col.  foliorum  2.  saec.  VIII— IX.  ^ 


i 


f.  1  '  tantes  caritatis  manipulos  cum  gau'dio  metamus  in 
caelo.  Explicit  j)logus.  |  Initium  euangeli  ihü  xpi  filii  di  us  q^ 
semittis  9.  euangelium  gce  dr  latine  |  bona  adnontiatio  — 

f.  l*"  Indicat  austani  uita  pdicantium  ex  t'as  gentes  ad 
gratiä  di  q  -^  iohannis  inltus  et  foris  ee  coniungendus.  pilis  || 
f.  2  sie  et  iosepli  i'elicto  pallio  nudus  de  mauib:^  inpudice  do- 
minae  effugit.  qui  uult  |  efugire  manus  iniq^orum  relinquens  | 
inente  q  mundi  st  fugiat  — 

f.  "2^  species  crucis  q'd  ,^  n'  forma  quadrati  |  mondi :  oriens 
di  uertice  fulget.  arctor|| 


ExposiTio  psalmorum. 

Theca  F.  IV.   1.  frag™,  v.  nipmlir.  8.  2  col.  fuliorum  8.  saec.  VIII— IX.  ^ 

f.  1  Incipit.  XVII.  psal.  |  xvii  |  Hunc  septimiim  dec.  psal.  ni- 
demus  |  secuudi  regnm  libri  etsi  comniutajtis  quib.dä  uerbis 
historia  Dtineri.  —  snscipei'unt.  lucip.  xviii.  |  xvi  In  psenti  psal. 
beatus  dd.  institutae  a  do  ]  creaturae  — 

f.  8''  (xl)  exhibere  |  die  letzte  Columne  (zur  Hälfte  her) 
fast  ausgegangen  || 


'   1.   c.   ;)7.'!    (.'id  Ciiociliuni    de    sacramento    doniinici  calicis)   —    ^  duobus  1.  C.  j 
;57.'')  n  —    ^  Vgl.   über   diese   Fragmente   Peyron    1.  c.   192.    Viele  gälische 
Glossen.    Der  Schreiber  ist,  wenn  niicli    meine  Erinnernng   nicht   tcänschte, 
derselbe  wie  in  dem  Psalmtmcommentar  der  Ambrosiana   (C.  ;501.    Inf.)  — j 
'  Tinten    m.    ree. :     In    Registro.    I    —    ■'  Vgl.    über    dies    Fragment   Peyron  j 

\.  e.  irti 


Die  Bibliotheken  Piemonts.  4-89 


Theca  F.  IV.  1.  fragm.  vi.  meiiibr.  Grossquart.  l'oliornni  0.  saec.  VIII~IX.' 

f.  1  die  beiden  ersten  Zeilen  erloschen  \  /////////  qui  deuorant 
plebem  meam.  quo  dicto  |  ostendit  ec  plebem  ad  diii  Jjpi'ie  perti- 
nentem  qua  |  opprimere  aduersariorura  laborct  intentio  |  —  sed 
fabulas  in  suis  expossitionibus  j  adtulerunt,  Incip.  xiiii.  |  Hie  psal. 
pcedenti  S  solum  ordine  qiiu  subjiectus  est  sed  etia  — 

f.  6  postulauerat  ostendit  ee  iustissima.  expl.  xvi.  |  Est. 
XXXVII.  psahnus  confessio  —  uerecundiae  et  |  pudoris  ocurre. 
diie  ne  in  furore  tuo  .s.  — 

_.         f-  6*^  /////////////  I  ///////////// 1  /////////  alia  aperta  de  occul//////////  dr 
in    psabno.    sicut   caesa|/////   ferentur    id    ^    ab    occulto/////////lae 

//  fniem   iiicilki 

concupiscentiae  q  in  eis  |  —    qui  fi   uult  modo    habere  :)puneti 
nalem.  habebit  postea  poenale  |  —  ////  peccati.  et  eor 


Gregorii   Maoni     Iwmiliae  in  EzecMelem. 

Theca  F.  IV.  1.    Iragm.  x.   ineiubr.  4.    t'oliorum  4.    saec.    VIII.  ^ 

f.  1  neque  ^  enim  ego  ab  liomine  accipi  ^  iUud  neque  | 
dedici "'  — 

f.  2''  perciississes  syriani.  usque  ad  eonsummationem.  ^' 
nunc  autem  tribus  uicibus  percuties  eam "  ||  f.  3  omnipotenti  * 
dno  ad  cor  iter  paratur  |  "ut  intente  menti  — 

f.  4''  seruiebat  cum  quo  tarnen  ezechiel  pro])heta  |  in 
captiuitatem  mittitur.  quem  diuina  g-ratia  ■'  || 


'  Vgl.  über  dies  Fragment  Pejron  1.  c.  192.  Die  Schrift  hat  sehr  grosse  Aehn- 
lichkeit  mit  der  in  den  vorhergehenden  Fragmenten  —  -  Gehört  zu  Ambro- 
sianus S.  .36.  Sup.  und  enthält  gleich  dieser  Handschrift,  wie  von  mir  zuerst 
bemerkt  wm-de,  einen  Ulfilaspalimpsest.  Als  'fragmentum  traetatus  de  prophc- 
tis'  ist  es  im  Turiner  Handschriftencatalog  bezeichnet,  f.  1  (zum  Theil  radirt) 
fand  später  als  Titelblatt  einer  anderen  Handschrift  (Regula  scti  pris  Uenedicti) 
seine  Verwendung  —  ^11,  9  LXXVI  790  b  —  ''  accepi  —  ^  didici  — 
•^  consumptionem  —  '  12  1.  c.  791  c  —  ^  lö  1.  c.  793  a.  Vier  Blätter 
fehlen  —  ^  18  1.  c.  794  b.  Diese  vier  Blätter  bildeten  ehemals  das  erste, 
zweite,  siebente  und  achte  Blatt  des  zweiten  Quatemio  der  .alten  Hand- 
sciirift.     Au   f.    4'^  schliesst    sich    unmittelbar    der   Ambrosianus  an 


490  Reifferschoid. 

HiEEONTMi  commentarii  in  Danielem,  epishdae. 

Ct.  V.  3.  membr.  8.  folionim  103.  saec.  X.  > 

Vorsetzhlaft  m.  s.  XV  In  hoc  uoluniie  ifrascta  continet.  vz-  \ 
hyeronimi  pt)ri  tractat'  explanationü  i  daniele  |  propheta.  v?,.  dece^ 
uisionu^  ei'de:^  prophcte.  |  Eiusde:^  explaiiatio  i  libro  apoca- 
lipsis  ioh'is  apli  |  Eiusde^  epla  de  melchisedech  sac''dote.  | 
luliani  toletan  epi,  j)g-nostico^  futi  scH  libri.  in.  || 

f.  1 2  Liber  scti  88  columbani  de  bobio  ]  Incipit  praefatio 
id  est  prologus  sei  hye'ronimi  de  explanatione.  danilielis  pro- 
phte  j  Contra  -^  propli*am  danihelem  duodecimum  porphyiiius 
scribit  librum  ^.  Nolens  eiim  ab  ipso  cui ""  inscriptus  |  — 

f.  2  aliarum  gentium  litte [ris  contineri.  Finit  praefatio. 
sei  hieronimi  de  exjplanatione  sei  danilielis  prophetae.  incipit.  | 
liber  primus.  de  explanationis  beati  hieronimi.  |  prime  uisionis. 
danilielis  prophetae".  Anno  tertio  regni  ioachim  regis  iudae' 
uenit  nabochodonosor  j  rex  babyloniae  "^  hyerusalem  — 

f.  4  fuisse  memoretur.  Explicit  explanatio  uisijonis  primae 
danihelis  prophetae.  incipit  explana|tio  uisionis  secundae  in 
eodem.  |  In  anno  secundo  regni  nabochodonosor  somuium  et 
rlq.  3  si  post  tres  |  — 

f.  8  a  regis  latere  n  recedit.  |  Explicit  explanatio.  uisionis. 
secundae.  incipit  |  explanatio.  uisionis  tertiae  eiusde  prophetae.  | 
Nabochodonosor  rex  fecit  statuam  — 

f.  14^  quia  contra  dm  |  supbierit.  Explicit  explanatio 
uisionis  tertiae  |  danilielis  prophetae.  Incipit  explanatio  uisionis  | 
quartae  eiusdem  prophetae'".  |  Balthasar  rex  fecit  grande  con- 
uiuium.   — 

f.  20  in  medos  translatus  sit.  Explicit  explanatio  uisionis  | 
quartae  danihelis.  Incipit  explanatio  uisionis  |  quintae.  eiusdem 
prophetae.  "  |  Anno  primo  balthasar  regis  babylonis.  — 

1  Vgl.  Peyron  1.  c.   188  —   ~  Unten  m.  .?.  A'l':  Istc  liber  est   monnclioru  — 
sub  I  nuo.  88  (88  in  ras.)  —   ^  XXV  491    —    ■•  librum   scripsit  Por])hyrius 

—  •''  cuius  —  ^  Statt  der  Bucheintlieilnng  in  der  Ausgabe  Capiteleintheilung 

—  "  Inda  —  *^  Babylonis  —  "  Nabuclmdonosor,  vidit  Nabuclindonosor 
somninm  et  conterritus  est  Spiritus  eixis  et  soninium  eins  lugit  ab  eo  — ■ 
1"  Cap.  V  —   11  Cap.  VII 


Die  Bililiotheken  Piemonts.  49 1 

i 

f.  24  uüluminis  hebreicae '  logimus.  |  Explieit  explanatio 
uisionis  quintae.  Incipit  |  eiusrlem  scxta.  -  |  Aiino  tcrtio  regni 
balthasar  regis.  |  — 

f.  2G''  neo-leg-cntia  parcr&  olfcnsain.  ||  t".  27  Explieit  expla- 
natio sextae  uisionis.  danihclis  j  prophctae.  Ineipit  explanatio. 
septimae.  uisionis.  eiusdeni  prophetae.  ■'  |  Diie'ds  niagnae  & 
terribilis  aduersum  •''  eos   — 

f.  .33  usq.  ad  solum  diruta  .e.  Explieit  explan  septimae.  | 

uisionis  danihelis  prophetae  atque  eiusdeni  oratio  ad  dm.  j 
Incipit  ex])lanatio  octabae  uisionis  ei'de  prophetae.''  |  Anno 
tertio  eyri  regis  persarum  — 

f.  40'"  Hebrei  ita'  uolunt  intelligere '^  atq.  romanos. 
Explieit  explanatio  uisiojnis.  oetabae  danihelis  prophetae.  In- 
cipit explanatio  none  |  uisionis  eiusdem  prophetae  |  Et''  inipii 
in  testanientum  simulabunt  — 

f.  45''  in  ipsorum  libris  poterit  inuenire.  '"  Explieit  expla- 
natio 1  nonae  uisionis.  danihelis  prophetae  hucusque  in  hebreo  | 
habentur.  Incipit  explanatio  decimae  uisionis  eins  dorn,  prophetae. 
De  susannae  et  Baelis  fabulosisniii  sie  gestü  "  |  Exposui ''-  ut  potui 
quae  in  danihelis  libro  iuxta  hebreicum  '^  continentur.  Ponji.  |  — 

f.  47  quid  ei  respondere  debeamus.  Explieit  explanatio. 
decimae  uisionis.  danihelis  prophetae  |  de  susannae  historia 
Baelisque.  qne  in  hebreo  minimao  in|uenitur.  Finit  liber  in 
danihelem  pro})hetam  expost  ]  siue  commentum.  sei  hyeroninii. 
i'X  hebreica  ueritate  clats.  |  Incipit  praefatio  siue  prolog.  sei 
hieronymy  bprtri  |  in  apocalipsi  iil)ro  ad  anatolium.  |  Diuersi  " 
niarina  discriniina.  tran^uadantes.  inueniunt  casus,  si    turbo  |  — 

f.  47"^  sudauit  ingeniuni.  Anat(jli  carissime.  Exp.  pi'aefatio  | 
Incp  111).  principium  '■''  libri.  beatitudinem  legenti  "'  audi!enti.  et 
S(n-u;inti  promittit.  ut  lectioni  studens.  exinde  |  operam  ''  discat. 
et  precepta  eustodiat.  |  Gra  uobis  (st  pax  do.  '""  qui  est  et  qui 
erat  et  uenturus  .c.  |  — 

f.  58  qui  cimi  cherento  heretico  sentint  sieJ'*  Expli  |  Expla- 
natio.   scdm  hieronimum  prby.  in  libro  |  apocalypsin.    iohannis. 


'  TTebraice  —  -  Cap.  vin  —  ^  Cap.  ix  v.  2  —  *  Obsccro,  Domino  — 
•''  adversus  —  •"'  Cap.  x  —  "  Italos  —  ^  intclligi  —  ^  Cap.  xi  v.  32  — 
'0  invenirc.  Iliicnsqnc  —  tra.nslata  .sunt  —  >i  Cap.  xni  —  '2  Et  erat 
vir  —  Dominum.  Expositis  —  '•'  Ilebraienni  —  '"•  '?  —  '^  Victorini  scholia 
in  apoc.  V  317  |  ">  legenti  atque  —  ''  opera  —  ^^  ab  eo  —  '^  ? 
Sitzb.  (1.  phil.-hist.  Cl.  LXVni.  fi.I.  ni.  Ilft.  32 


492  Reifferscheid. 

amen.  incp.  epla.  ||  f.  58^  sei  hieronimi  presbyteri  de  melclii- 
sedeeh.  |  a''  eiluang-elium  presbyteruni.  |  Misisti  '  m  iiolniTi. 
AAecrO'l'O.  -  &  nescio  utrü  de  titulo  nom  subtrajxeris  — 

f.  60''  nocuerit  |  corporis  ualitudiiii.  Explicit  epistola  sei 
hieronimi  |  presbyteri  in  melchisedeeh.  ad  aeuuangelum  |  prby  de 
questione.  incp  epla  hiero  ad  uirg  hemonnses '^  |  Carthae ' 
exiguitas  indiciü.  solitudinis  est.  et  idcir|co  — 

ibid.  quare  ocukis  tuus  neqnam."  Explicit  epla  sei  ||  f.  Gl 
hieronimi  ad  uirgines  haemoneuses,  incipit  oml.  |  sei  hieronimi 
prby.  in  die  epiphaniorum.  |  hodie ''  uerus  sol.  ortus  .e.  mundo, 
hodie  in  tenebris  scli  lumen  egreS|Sum  '  .e.  — 

f.  Gl''  sup  aspideni  &  basijliscum.  in  xpo  ihü.  Cui  e.  etc. 
Amen.  |  Incipit  uita  beati  ambrosi  epi  mediolanensis  quam  per- 
sci'ipsit  I  paulinus  notarius.  |  hortaris  "^  uenerabilis  pater.  augu- 
stine, ut  sicut  I  — 

ibid.  prouinciis  post  obitum. "  |  Incp  passio  scorum  mar- 
tyrum  geruasi  et  protasi.  |  Ambrosius  '"  seruus  xpi  fratribus 
per  omnem  Italiam  |  in  diio  aeternam  salutem.  In  |  diuinis  uolu- 
minib.  reus  adscribitur^'    |  — 

f.  63  consequi  |  miam  dni  nri.  etc.  amen.  |  Passi  sunt 
autem  sei  martyres.  sub  |  asta  tio  sie  comite. '- ||  f.  63''''^  Inci- 
piunt  cap.  lib.  prognostico%.  iuliani.  de  origine  mortis  nom.  | 
I  Qmo  mors  subintrauit  in  mundü.  |  —  xxii  De  oblationib; 
quo  pro  defunctis  fidelib;  offerunt  |  Incipit  lib  prognostieo%  futuri 
scli  iiiliani  toletano  ciuitajtis  epi  de  origine  ciuitatis  expimctum 
mortis  humane  |  Qinb.  mors  —  mundum.  |  Peccato  primi  homi- 
nis actü  ee  ut  mors  in  mundü  intrar*.  Paulus  apls  |  — 

f.  71  ipsa  dampnatio  ||  f.  71''  Explic  lib.  prim'.  Incipiunt 
capitula  libri  ,ii.  de  oiiiib;  |  defuncto^  Quomodo  se  habeant 
ante  ultima  corjpo^  resurrectio.  |  .i.  De  difFcrentia  paradiso^.  |  — 
XXXVII.  Qd  etia  modo  sco^  animo  ia  eü  xpo  in  celis  regnant.  | 
Explic  capitula.  Incipiunt  Hb.  secundus.  De  animab;  |  defun- 
etor^  quomd  se  habeant  ante  ultima  corpo%  resurrec  de  difFeren. 


1  ep.  7.S  XXII  G7fi  —  ^  avt'ivuaov  ioiGr.oiov  —  ^  Aomonenses  —  ^  pp.  10  1.  c. 
344  —  ■>  noquuni  est  —  ''  Hioronymi  (?)  sermo  de  nativitate  Domini  XXX 
220  Maximi  Tanr.  soriiio  7  LVII  r)4r)  —  "  ingressum  Hie7:  —  ^  XIV 
27:  die  ITan<lschrift  ciitli.ält  nur  den  Anfang  der  vita  —  "  1.  c.  —  '"  X^TI 
748  —  1'  subscn))itnr  —  '2  Passi —  comite  07n.  —  '^  f.  (i3''  —  100''  m.  9.  xi 


Dio  Bibliotlioken  Piemonts.  403 

) 

panuliso^.  |  Unus  G  trcm'  pnr;ulisus  ul)i  jH'inio^^  hominu  corpo- 
nilitor  uito  extitit.  |  — 

f.  83'^'  ad  oclani  q<t  |  v.  ctia  reg-nü  xpi;  Ex])lic  lib  .11. 
Incip.  cap.  lib  .111.  |  de  ultima  corpo^^  resiirrectio;  ||  f.  84  i  Qd 
tepus  &  die  iudicii.  nullus.  homiiiü  noucrit.  |  -  lxi.  Do  fine 
sine  fine  in  qua  dm  laudabim'  infinite.  Exp.  eäp.  |  Incip  lib. 
ni.  d(!  ultima  corpo*  resurrectione.  Q,d  tem|pus  et  dicni  iudicii. 
nullns  honiinü  nonerit.  i.  I  Iudicii  tepus  1  die  ineog-nitü  nob 
diis  itoluit  ee.  sie    eni.  |  — 

f.  IOC'  nisi  puenire  ad  reg-jnvi  cuins  nullus  e  finis.  Ex])li- 
cat  felicit  do  p-ras.  amen.  11   f.  101   leer  11   f.  101''  -   10.3''  BohieMfiia 


Origenis  homeliae  in  genesi  etc. 

F.  n.  17.  membr.  fol.  2  col.  folioium  257.  saec.  IX— S. ' 

Vorsetzhlntf :  Index 

f.  1  Liber  scti  .111.  columbani  de  Ixjbio  |  ^  In  nomine 
scac  tiinitajtis  incipiunt  oml  |  origenis  in  genesi.  |  In  prineipio 
fecit  ds  caejlum  &  terram.  Non  in  aliquo  temporale  })nneipio  — 

f.  3''  debemus  existere  etc.  amen.  |  incipit.  de  arca.  noe.  | 
Area  secundum  mandatum  di  de  lignis  |  -- 

f.  W  ee  uiuificanda  etc.  amen.  |  Incipit  <le  circumcisione 
abraliae  |  Multa  quidem   responsa  dantur  a  dö  ad  |  abraham.  — 

f.  7  qui  caelis  est  |  etc.  amen.  |  Incipit  de  co  quod  scriptu  | 
est  uisus  est  ds  abraham  |  Uisus  est  inquid  ds  ad  abrjdiam 
cum  I  sederi'  — 

f.  8  agnosccre  reuelante  etc.  amen.  |  Incipit  de  Lotli  & 
filiab;  eins  |  Missi  angeli  ad  '"uersionem   sodomorum  |  — 

f.  10  spiritales  efficiamur  in  iliu  etc.  \  amen.  |  Incipit  de 
nati  uitate  isaac  *  quod  a  lactate  sie  \  expulsus.  j  MoysciS  n(jbis  le- 
gitur  in  ecclesia.  deplcemur  — 

f.  11''  tabcrnaculum  do  iacob  |  Ipsi  gloria  in  scia  sclornra 
[amen.  |  Incipit  de  "o  quod  scriptum  |  est.  obtulit  abraha  filiü  | 
|Adhib*c  liuc  aures  qui  accessisjtis  — 

f.  13  sanguis  uidelici-  sal!uatoris  etc.  amen,  j  Incipit  de 
iresponsorib;  |  secundis  ad  abraha  factis  j  Et  uocauit  ang(dus 
dni  abraha 


I 


Vgl.  Peyron  1.  c.  207 

.32* 


494  Reifferscheid. 

f.  14  accipere  possimus  per  dnm  |  etc.  amen.  |  Incipit  de 
rebeeca  cum  |  exisset  ad  auriendam  aqua  |  &  occuriss&  ei  puer 
ajbraham.  |  Isaac  inquid  scriptura  crescebat  |  — 

f.  lö''  cum  eo  unus  xps  in  xpo  etc.  amen  |  Tncipit  de  eo 
quod  abi'aliam  |  duxerit  cetburam  uxorem  |  &  quod  isaac  babita- 
bat  apud  puteum  uisionis.  |  Scriptura  refert  diuina  quod  |  — 

f.  Iß**  die  ac  nocte  uerjsentur.  etc.  amen  |  Incipit  de  con- 
ceptu  rebecjcae  &  partu.  |  Refert  praesens  lectio  quod  isaac 
ora|bat  — 

f.  IT""  inuitaiu  &ernä.  |  etc.  amen.  |  Incipit  deputeis  quos  fo[dit 
isaac  &  repl&i  sunt  |  a  pbilistiuis.  |  Coepit  isaac  fodere  puteos  |  — 

f.  19  iumenta  saluabit  diis  &  sakxator  noster  |  etc.  amen. 
Incipit  de  eo  quod  apjparuit.  diis  isaac  ad  puteü  |  iuramenti 
&  de  pactu  quod  |  conposuit  abimelecb.  |  Cum  unus  sit  diis 
noster  ihs  xps  per  |  substantiam  — 

f.  19""  sapientiae  copulomur  etc.  amen.  Incipit  |  de  ascen- 
sione.  &  discensio|ne  &  de  abis  capitulis.  |  Ascenderunt  ex  Aegy})to 
&  ue|nerunt  — 

f.  20^  quod  I  ds  uid&m-  in  spü  etc.  amen.  |  Incipit  de  eo. 
qd  sci'iptiun  e.  |  et  adquaesivit  iosepb  omne  |  terra  aegyptiorü 
faraoni  |  Uendidcrunt  enim  aegyptii  terra  |  — 

f.  22  ds  erit  semper  |  uobiscum  etc.  amen.  |  ExpHcit  iu 
gene  si.  Incipit  tractatus  |  exodi  de  initis.  |  Uidetur  mihi  unus- 
quisque  |  sermo  diuinae  scriptui-ae.  simi|bs  ee  alicui  semini.  — 

f.  24  ad  imaginem  eins  |  qui  fecit  eius  etc.  am  |  ExpHcit 
tractatus  )  exodi  pax  legentibus  |  Multa  quidem  aduersum 
gentem  |  — 

f,  25*"  per  scm  spm  j  reuel&.  etc.  amen  |  ExpHcit  omeHa. 
II  I  Incipit  tortia.  |  Ego  autem  quod  dicit  gracili  uoce.  |  — 

f.  28  inter  soHdum  eua  demus  etc.  amen.  |  ExpHcit  omelia  | 
Incipit  aHa  de  decim  ]  plagis  quibus  percussus  |  est  aegyptus.  | 
Ilistoria  quidem  famosissi|ma  — 

f.  30''  honorificatus  est  |  etc.  amen.  |  ExpHcit  omeHa  | 
quarta  incipit  .v.  |  de  profectione  fiHorü  |  isrl  de  terra  aegypti  | 
Doctor  gentium  in  fide  1  &  ueritate  — 

f.  32  nris  uelociter  etc.  amen.  |  ExpHcit  omeHa  .v.  |  Incipit 
.VI.  de  cantico  ]  quod  cantauit  inoyscs  |  cum  pop  *  mari  ul 
ie  I  tone  sie  in  xpo  feHx  domitia|na.  Multa  quidem  canitica  fieri 
legim-,    — 


Die  Bibliotheken  Pieinonts.  495 

f,  35''  lionoriHcatiis  est  etc.  uiucii.  |  Explicit  .vi.  unie;lia. 
incipit  VII.  |  Pos  transitiim  majris  rubri  &  luagnitici  — 

f.  38''  suauis  est  dns.  ipse  ds  ac  saluator  ]  nf  —  amen.  | 
Explicit  .VII  I  oinelia  de  amaritudiiie  sine  murra.  inci  pit  viii 
de  initio  decalogi  |  Oiiiuis  qui  dicit  se  conteinpnere  |  praesens 
saeculuni  — 

f,  41''  miseribitur  dsin  xpo  e^c.  amen.  [  Explicit  omclia  .vii'i  | 
Incipit  vuii.  de  ta  bernaculo  legi  felilciter  cum  pace  xpi  |  si  quis 
digne  inteljlegat  uel  ex  aeg-ypto  liebreorum  |  — 

f.  44  aquam  refeccionis  etc.  amen.  Explicit.  |  omclia  viiii. 
Incipit  .X.  de  nmlieri  prignanti  q;  du|obus  uiris  litigantes  perj 
cussa  est.  Quod  si  litigant  |  duo  uiri  &  percucient   muliere  |  — 

f.  45*^  reuelare  dign&ur  etc.  amen.  Explicit.  |  omelia  .x. 
Incipit  .XI.  de  sitpojpü  in  raphidin  &  dcbel  anialcclii  tai\fc  prae- 
sentia  iotlior  [  Qirni  omnis  qui  uult  pie  uiuere  in  xpo  |  — 

f.  47''  ueniat  &  a&ernum  etc.  amen.  Explicit  |  omelia  .xi. 
Incipit  XII.  de  uultu  luoysi  &  g-loriücato  ]  &  de  uclamine  quod 
ponebat  |  in  tacie  sua.  |  Lectio  nobis  exodi  recitata  e  |  — 

f.  51  de  auro  non  dixit  neque  de  argen|tü.  |  Zwischenraum  \ 
Credo  in  dm  oninipoten|tem.  Bcne  incipit  a  credulitate  |  con- 
fessio  — 

f.  SP  tabernaculuin  do  iacob  etc.  amen.  |  Expliciunt  in 
exodum  omeliac  origenis.  pax  legenti  uita  &  prosperitas  j  Gene- 
"^'silus  maurelio  |  bodelane  suscitaus  quasi  ds.  u  trumquc  ergo 
crcdendus  est  |  — 

f.  52''  tradiderunt  dicentes.  credo  in  dm.  |  Incipiunt.  capi- 
tula  in  leuit  expositio.  |  i  De  initiis  leuitici  j    - 

f.  53  XVI  de  benedictionib;  leuitici  |  Sicut  in  nouissimis 
dieb;  j  uerbum  di  ex  maria  uirginc  car;ne  ucstitum  — 

f.  54"  conformari  mereamur.  |  etc.  amen.  |  Finit  libcr  pri- 
mus  I  Incipit  lib  sccund  |  De  sacrificio  ritu  hoc  est  |  — 

f.  100''  (xvi)  iugum  fidei.  k  caritatis  &  spei,  ac  totius  | 
scitatis  inposuit.  etc.  amen.  ||  f.  101  Incipit  prologus  |  Ut  uerbis 
tibi  frat  beati  martyris  |  loquar  bene  admones  donato  ca  rissime 
nam  &  promisisse  nie  me|mini  ut  si  (pia  sint  adamaiiti  senis  | 
in  lege  moysi  dicta  collegerem.  atq;  ea  la|tino  sennono  nris 
1  legeuda  transferrem.  |  —  in  profectum  legentium  ponat.  |  Ex- 
I  plicit  prologus.  |  Incipit  de  princi])io  |  numerorum  |  Diuinis 
numuris  corr.  m.  al.  non  |  onmes  digni  sunt,  — 


496  Reiff  erscheid. 

f.  102  cog-ni|tor  coi'idis  est.  etc.  amen.  Expl.  hojinclia  prima  || 
f.  102''  lucipit  homelia  .ii".  |  de  ordine  et  couloca[tioue  castiu- 
rum.  I  Frima  numerorum  lectio  docuit.  |  — 

f.  103''  refulgcbimus  in  reg'iio  xpi  etc.  am  |  Explicit  ho- 
melia. secnnda  |  Iiicip.  tertia  |  de  eo  quod  scriptum  est  &  ego  | 
adsmiipsi  leuitas  de  medio  |  filier  isrl  &  ^^p  omni  primog-euito  | 
qui  aperit  imlua  &  reliqua.  |  Scriptum  est  de  manna  quia  dum 
tepus  I  - — 

f.  105  adjiuti  misericordiam  ipsius  dni.  etc.  aiii  |  Explicit 
homelia  .in.  |  lucipit  quarta  |  de  eo  quod  scriptum  est.  uigin  ti 
duo  milia  iuueutos  esse  leuijtas.  primogenitus  autem  iili0|rum 
israhel  uiginti  duo  mijlia.  oclxxiii.  |  Numerorum  liber  est  qui 
legitur  I  — 

f.  106''  prestabit  dns  noster  etc.  ameu.  |  Expliciuut  homl 
im.  I  lucipit  quiuta  |  Responsa  dans  dSi  ad  moysen  |  — 

f.  108  repromissionis  scorü.  etc.  ameu.  |  Explicit  homelia. 
quiuta  |  lucipit.  sexta  |  de  eo  quod  scriptum  est.  exiit  moyses 
ad  populum.  &  de  .lxx.  prbs  |  &  de  aethiopissam  quam  moiyses 
acciperat  uxo'rem.  |  Plura  uobis  simul  recitata  sunt,  de  |  Om- 
nibus — 

f.  109''  omuibus  misereatur  etc.  am  |  Explicit  homelia 
.sexta.  I  lucipit  .septima.  |  rursus  de  aethiopissa  et  de  |  Icpra 
mariae  q  supfuerant  |  Sicut  apostolus  dicit  haec  omuia  |  — 

f.  112  Celeste  conicedat.  etc.  am  |  Explicit  homi.  vii"  | 
Incipit.  octaua  |  de  his  quae  ab  exploratoribus  |  renuutiautur 
&  de  indignatio||  f.  112''  ue  dni  ac  supplicatioue  moysi  &  aaron  | 
Duodocim  missi  sunt  inspectores  ex  |  liliis  — 

f.  113''  pro  peccatis  uostris.  etc.  am  |  Explicit  homelia 
VIII.  I  Incipit  .villi  I  De  uatelliscore  et  seditione  |  populi  aduersu 
moysen  &  de  |  uergis  iu  quibus  uirga  a[aron  germinauit  |  Apud 
dniii  ut  intellegi  datur  niliil  |  — 

f.  117  reliqua.  uirtutes  etc.  aili  |  Explicit  omelia  viiii.  | 
Incipit  decima  |  de  eo  quod  scriptum  (jst.  et  dijxit  diis  ad  aaron. 
tu  *  filii  tui  I  et  domus  patris  tui.  tecum  sume^tis  peccata  sco- 
rum.  I  Qui  meliores  sunt  inferiorem  sep  |  — 

f.  118"  adferent  in  nobis  etc.  ameu.  Expl.  omelia  .x.  | 
lucipit  homelia  undecima  |  de  primitiis  offereudis  |  Frimitias 
omnium  |  frugum  — 


Die  ßililiotheken  Piemonts.  [{)  i 

f.  128  pontilici  luagno  i:  \  iicru  etc.  am  |  Explicit  uiiielia. 
uiulcciuia  I  iucip  xii.  de  putco  .i;  cantico  |  Lectionibiis  putei  & 
cautici  quüd  apud  |  puteum   — 

f.  126  ihü  xpi  serucinus.  am  |  Explicit  oml  xii  |  Incipit 
tertiodecima  |  de  eis  (pii  sviperfuerant  priori  |  tractatui  &  de 
balaatn  atq.  asina  ei'.  |  Hesterno  die  dixeramus.  quox  mojdo 
seon  rex  amorreorum.  |  — 

f.  129  ex  gentibiis  ere|dentis  in  xpti  ihü  etc.  am.  |  Expli- 
cit oml  .XIII  I  lucipit  xiiii  |  Plui'a  sunt  q.  |  nobis  resederunt.  — 

f.  131  dojnare  dignetur  etc.  amen.  |  Explicit  oml  .siiii  | 
Incipit  XV.  I  de  prophetia  balaam  |  LicA-  nobis  (trdo  lectionum 
quae  reci|tantur  — 

f.  133  secimdiim  opera  sua  in  xpo  diio  |  nostro ;  etc.  amen.  | 
Explicit  omelia  xv.  |  incipit  xvi  |  Friere  tractajtum  quantum 
possibile  — 

f.  137  quae  scripjta  sunt  explicemus  etc.  amen.  I  Explicit 
oml  XVI  I  Incipit  xvii.  |  Tertia  nunc  profe|tiam  ex  bis   — 

f.  14(J  participes  esse  me|reamur.  etc.  aiii.  |  Explicit  oml 
XVII  j  Incipit  x.viii.  |  Quarta  nunc  ^plph&ia.  ex  bis  — 

f.  142''  absconjdita  est  cum  xpo  in  dö.  etc.  amun.  |  Ex- 
plicit. omel  .xviii  I  Incipit  .xviiii  |  Quinta  baec  in  raa.  vi.  e<xd.  | 
nobis  eademque  ultima  |  — 

f.  144''  ad  I  gloriam  dni  tiant,  etc.  amen.  |  Explicit  oml 
xvmi  I  Incipit  xx  |  de  eo  qui  tbrnicatus  est  in  ma  dianitem  et 
quod  consecratus  |  est  populus  belphegor  j  Lectio  bodie  recita  ta 
est  prima  quidem  historiam  — 

f.  148  p  uerü  |  Hniem.  sie  etc.  amen.  |  Explicit  omel  xx  | 
Incip  omi  xxi  |  de  eo  quod  secundo  |  populus  numeratus  e  ( 
Numerati  qd  |  legimus  &  in  priore  |  (juidem  lectione  — 

f.  149*'  dig[n&ur  adducere.  etc.  amen.  |  Explicit  oml  .xxi  | 
Incipit  xxii  I  de  iiliabus  salphaat  et  de  successore  |  Quincpie 
fami^liae  fuer  quorum  ejtiam  nomina  — 

f.  151  recuperaue|r,fe  sie  carnis  ac  sps.  etc.  amen.  |  Explicit 
oml  .xxii  I  lucipit  xxiii.  |  De  eo  quod  scriptü.  c.  |  —  Munera 
mea  data  |  raea  et  de  diuersitate  festiuitajtiü  |  Si  obseruajtio 
sacriüciorum  k  ins  tituta  — 

f.  154  sponsus  |  et  dm^  crit  i})se  ibs  xps  etc.  am.  |  Ex])li- 
cit    omelia    xxiii.  ||  f.    154''    Incipit    xxnii.  |  de    sacriliciis    quae  | 


498  Eeiff  erscheid. 

p  imamquaque  festiuitatem  iu|bentui-  offerri  i-  de  uotiö  que  | 
uoiieutur  dnu  |  OuTs   qui  inbu|endi  sunt  emiuentiO|iibus  — 

f.  156''  dilig'it  uos.  etc.  am.  |  Explc  omelia  xxiiii  |  lucipit 
.XXV  I  de  ultione  q  |  in  madiauitis  factü.  est  |  In  superibus  sie 
forni|Cati  sunt,  iilii  isrl  cuni  mulieribus  |  niadianitarum.  — 

f.  158''  ciuitatis  di.  etc.  amen  |  Explicit  omel  xxv  |  Inci- 
pit  XXVI  I  de  süma  numeri  filio^  isrl  |  Difforentias  |  esse  profectus 
&  meri'ti  — 

f.  löQ''  quod  qui  adquisierit  dicat  (Lücke)  ergo  aliquis  cum  | 
haec  ita  scripta  sint.   — 

f.  160  tp  (Ergänzung  der  Lücke  m.  cd.  aequali)  eam.  torque 
am-eü  ponat  circa  Collum  j  suum.  Yiriola  &  auulus  ornamenta 
sunt  I  —  conscripta  sunt  moysen  ea  nominauit  halbe  Columne  leer  ||  — 

f.   162  dig-n&ur.  dux  et  dS  iir  etc.  Amen  |  Explicit    omel 

.XXVI  I  Incip.  oml  xxv  j  De  mausionib:  filio%  isrl  1  Cum  couderit 

n 
ds  I  innumeras  creauitaborü  |  difFereutias  — 

f.  164  conuersatione  suscipiuut;  .i.  |  Exeunt  ergo  exaegypto 
ülii  israbel  |  — 

f.  167  (xLii)  principatum  i-  |  potestatem.  etc.  amen.  |  Ex- 
plicit oml.  xxvii  I  Incipit  xxvi  |  quae  sit  terre  |  scae  descriptio 
terminorum|que  eins  et  finium  quos  dns  |  describit.  j  Ultima  in  | 
libro  nimierormn  bis  toria  — 

f.  168''  capüli  capitis  numerati  s.  |  etc.  Am.  |  Ztoischenraum  \ 
In  hoc  corpore  continen[tur  adamantis  senis  de  gre'co  in  lati- 
num  translatf;  |  omeliae  siue  orationes.  |  ü  xxv  |  i.  oratio  in  iluTi 
tilium  naue  |  —  xxvi.  de  eo  quod  saepultae  sunt  p&ri!nae  ma- 
cherac  &  de  ara  quam  extruxe  itint  duae  semis  tribus  quae 
sunt  trans  |  iordanen.  praefatio  |  In  diuinis  uolu'minibus  refertur 
quod  I  ad  constructionem  tabernaculi  |  — 

f.  169  {oben  Liber  scti  columbani  de  bobio)  exp&is  ab 
in|doctis.  Explicit  |  Incipit  in  ihm  iiliura  naue  ort  .i.  |  i  Do- 
nauit  ds  nomen  quod  est  super  |  — 

f.  171  accipies.  per  uerum  ihm  xpiii  etc.  am.  \  Explc.  In- 
cipit Liber  .Ji.  j  de  eo  quod  scriptum  est  moy|ses  famulus  di 
defuuctus  est.  |  ii.  Et  moysi  obitum  oportet  j  — 

f.  195''  (Incp.  de  initio  diuisionis  terrr  |  quae  deuisa  est 
ab  ihü  et  quomO|do  accessit  ad  ihm  c''aleb  et  pe|tit  ab  eo  ce- 
bron.  xviii.  |)    ds    iacob    in    xpo  |  ihü    düo    nro    cui   e.   gloria  in 


Dio  Bibliotlieken  Piemontb.  499 

sola  sclorum.  ||  f.  19()  De  eo  quod  scriptum  est  iu  libro  |  iudi- 
cuiii  et  seruiuit  populus  duo  |  umuibus  diebus  ihn  qui  idderunt  | 
]  oinnia  opera  dni  magna  quo  fecit  cum  israhel  |  Lector  quidem 
pracseutis  lectiouis  ita  legebat,  |  — 

f.  197  mereamur  accipere.  etc.  \  Finit  oml  prima,  incipit 
oml  II.  I  De  eo  quod  scriptum  est  &  defunctus  est  |  ihs  tilius 
naue  seruus  dni;  Recitatus  |  est  nobis  et  ille  quidem  tilius 
naue  |  — 

f.  197"  in  nomine  di  faci"mus.  etc.  amen.  |  Finit  oml.  ii. 
Incipit  omelia  .iii.  |  De  eo  quod  traditi  sunt  tilii.  isrlTT  |  in  manus 
inimicorum.  et  de  gothoniel  et  aoth.  |  Quaudo  fecerunt  tilii 
israhel  malig|num  — 

f.  199  ueritas  &  uita  etc.  am.  |  Finit  oml  iii.  Incipit  ome- 
lia .IUI.  I  De  semegad.  et  gabin.  et  sisara;  |  Coniungitur  princi- 
patus.  aut  ambi  |  dextri  principatus  semegad;    sed  |  — 

f.  200  animae  regatur  etc.  amen.  Finit  omelia  im.  |  Inci- 
pit oml  .V.  debbora  et  |  barac  et  iahel.  et  sisara.  |  De  questio- 
nibus  ad  questiones.  &  de  sa'cramcntis  — 

f.  ,201  j5miü  I  dabitur.  etc.  am.  |  Finit  omelia  .v.  Incipit 
oml.  I  VI  de  cantico  quod  cantaliit  debbora.  ||  f.  20P  Sisara 
cum  exercitu  suo  &  curribus  |  — 

f.  202"  omnium  fortior.  etc.  amen;  |  Finit  oml  vi.  Incipit 
omelia  vii  |  de  eo  quod  translati  sunt  tilii.  isrl  |  in  manu  ma- 
dian.  1  Qui  seit  peccatum.  moueri  autem  dicitur  tra.  I  — 

f.  203''  futurü  bonorü;  |  etc.  amen;  |  Finit  omelia  vii  Inci- 
pit omelia  viii.  |  De  filios  orientis  et  de  gedeon  ex  parte.  |  Esto 
cum  uenerint  aduersü  isrl  |  — 

f.  204"  consequi  mereamur  etc.  am.  |  Explicit  omelia  viii. 
in  iudicü  |  Incipit  omelia  viiii  in  reg||  f.  205  uorum  de  ''el- 
chana  et  |  fenenna  et  anna.  et  sa  muhel.  et  de  lieli  et  |  ofni.  et 
finees;  |  Non  tunc  tantumodo  ds  plantauit  paradysum  — 

f.  210"  in  nouitate  |  uitae  ambulem  etc.  amen  |  Finit  oml 
in  reg.  Incp.  canta  |  canti.  in  exordiü  cantici  canjticorü  —  usque 
ad  eü  locü  |  in  quo  ait  |  Quo  ad  usque  rex  ueniat  in  recubitu 
suo;  I  quomodo  diciniur  p  moysen  ee  quo|dam  — 

f.  211  qui  cü  sint  |  tidelis  non  sunt  |  Incip.  in  esaio.  oml 
•1.  I  Qua  diu  ozias  rex  uixit.  uidere  nun  |  potuit  — 


500  Reifferscheid. 

1.  212  pro  peccatis  nos  tris  etc.  amen.  |  Uisi"  prima  esaie 
explic  .1.  j  Iiicipit  .ii.  Ecce  uirs^o  iu  u|tero  accipit.  |  Quantum  ad 
dictum  adtijn&  uerecunde  — 

f.  213*'  quae  est  in  xpo  ilm.  etc.  amen.  P^init  omel  \  se- 
cunda.  Incipit  omel  |  tertia  de  septe  mulierib;  |  Septein  umlieres. 
patiunt  I  obprobrium.  — 

f.  215  animam  nosträ  atc.  amen.  |  Finit  omel  .in.  rursum  | 
in  uisione.  Incipit  omel  |  quarta  aliter  |  Inpossil)ilc  est  inuenire 
prinjcipium  di.  — 

f.  217  omnipotenjti  dö  etc.  amen,  j  Finit  omt  quarta  Inci- 
pit I  oml.  quinta.  de  eo  quod  dicjtum  est  fjuis  eleuauit  ab  ori| 
ente  iustitiam  et  diuisione  |  iterum  aliter.  haec  adloeutio  |  in 
greco  perperam  ualde  fujit  Ideo  iuxta  sensum  et  ordi  sie  \  non 
etiam  iuxta  uerba  transjlata  est.  |  Ait  prophetis.  esse  &  uiuen- 
tem.  iusititiam  - — 

1".  218''  cü  I  usuris  exs(jluatis.  amen.  |  Finit  omel  .v.  Inci- 
pit oml.  I  sexta  rursum  in  eo  quod  |  scribe  ([uem  mitto.  et  qui 
suladit  usque  ad  eum  locum  in  |  quo  ait  et  conuertentur  in  \  sa- 
nabo  eos  |  Uidens  esaias  dum  sa|baotli  — 

f.  222  qui  uolunt  curari  etc.  amen.  |  Finit  omel  .vi.  Inci- 
pit I  omelia.  vii  |  De  sapienti  oc|casionem  &  sapientior  |  erit. 
dixit  sermo  diui|nus.  |  — 

f.  223''  apud  diii  ds  uerbum.  etc.  \  Finit  oml.  vii.  Incipit  | 
oml  VIII.  ex  esaia.  in  eo  |  quod  scribetur.  ululate  |  sculptilia.  in 
hierusalem  |  et  in   samaria.    usque    ad    cü  |  locum  in  quo  ait  &  1 
com|mouebo  ciuitatis  quae  |  inhabitantur.  |  Olim  quidem  |  quando  j 
peccauit  po|pulus  — 

f.  224"  sup  terram  ihm  xpm.  etc.  amen.  |  Finit  oml  viii. 
InciJD.  oml  |  viiii.  In  eo  quod  scribitur  |  et  audiui  uocem  dni. 
dicon|tes  quem  mittara  k  quis  ibit  |  ad  populum  istud  et  trans[ 
i>rediens  modica  pucü.  usq;  |  ad  locum  in  quo  scribitur  pe|te 
tibi  Signum  a  dSo  tue  in  ^p|fundum  aut  in  excelsum  |  Et  cxau- 
diui  uocem  dni  dicenjtis.  — 

f.  225  efüceris  lilius  di  etc.  am,  |  Finierunt.  in  esaiam.  oml  | 
nouem  feliciter.  in  xpo  j  ihn  diio  nostro.  |  Ds  ad  benefaciendos. 
prompjtus  est.  &  ad  puniendos  |  — 

f.  229  ubi  tenq)lum  |  di  sit.  etc.  am  |  In  eo  quod  scriptum 
est  Fu|gite  de  mcdio  babylonis  |  usque  ad  eum  locum  in  quo  ( 


Die  Bibliotheken  Piemonts.  501 

i 

cuiitiuctHJ-  udpi'oximuuit  |  usquc  ad  caulLun  iudiciuiii  |  et  clc- 
luiuit  usq;  ad  sidera.  |  Quoinudo  corpus  nostrü  |  iii  ali(|uo  terrae 
lüco  I  — 

f.  232  dig-na  uitae  eius  etc.  amen.  |  Explicit  omelia  ii  | 
Incip  III.  in  eo  qd  serbiii  |  Quumodo  conf'racitus  est  —  restitit 
scm  isrl.  Quomodo  |  ait  confructuiii  est.  &  contritus  — 

f.  235  ciuitateiu  di  atc.  amen  |  Finit.  omelia.  in  |  lucipit 
ond  im  I  clamauit  p  dix.  sie  ||  f.  235''  congreo-auit  quae  non  pepe| 
rit  —  thronus  gloriae  exaltatus,  |  Ab  iuitio  locus  scificati  onuni 
su's.'tatio  israhel;  — 

f.  237  in  xpo  est  efficiamur.  etc.  amen  |  Finit  omel  im. 
Incip  oml  v.  |  Tres  (|uudamniodo  uirtutes  ad  sumens  —  pru| 
dentiae  caelum  |  Audi    quippe  scripturae  ordiuem.  diis  ]  — 

f.  238''  uirtutem  di  etc.  am  |  Finit  omelia  .v  |  Incip.  oml 
VI.  ser  mo  (jui  i'actus  est  ad  liiere|miam.  a  diio  dicens.  audi  ( 
uerba  testamenti  huius.  usjque  ad  eum  locum  in  quo  dr  |  coii- 
uersi  s  ad  iniquitates  pa|trum  suorum.  ||  f.  239  luxta  ^^^^  liisto] 
riae  quidem  ueritatem  non  nejg-amus.  — 

f.  240"  effici:eris  filius  di  etc.  am.  |  Finit  onieh  vi.  Incipit 
oml  I  VII.  ab  eo  quod  scriptum  |  est.  ppt  ine  exterminata  |  —  quod 
nullo   ess&  usui.  |  Quis  est  iste.  qui  dicit  propt  |  nie  — 

f.  242  unus  sps  fuerit  |  etc.  amen.  |  Finit  oml  vii.  Incipit  | 
oml  viii.  Ab  eo  quod  s|criptum  est.  N(jtum  fac  mihi  |  —  man- 
dujcent  eam  |  Si  di  eloquia  sunt  in  leg-e  &  pro|phetis.  euan- 
gcliis.  — 

f.  243''  conlocÄ:  aeternitatem  etc.  amen.  |  Finit  omelia  vm. 
Incipit  I  oml  viiii.  de  eo  quod  scrip'tum  est  omnis  uter  iinple| 
bitur  uinum  usque  ad  eum  |  locum  in  ([uo  ait.  Et  dedulcent 
oculi  uri  lacrimas  quia  |  contritus  est  grox  dni  \  Quod  a  dö  pro- 
ph&ia  iubetur  |  ut  dicat.   — 

f.  247''  rece|dente  efliciamur  etc.  \  amen.  |  Finit  oml  viiii. 
Incipit  1  ond  .x.  ea  que  ad  hieru  salem  cum  iugenti  commijuua- 
tionem  dicuntur  uolumus  iu|tellcgerc  et  ita  se  habentia  |  Qui 
parc&  super  te  liierusa|lcm    aut  quis    contristabit  |  — 

f.  24<S''  montem  |  diim  ihm.  etc.  Amen.  |  Finit  omelia  x. 
Incipit  oml  |  xi.  ab  eo  loco  in  quo  scriptum  |  est  eu  mihi  ego 
mat.  sie  usque  |  ad  eum  locum  in  quo  ait  si  |  conuersus  fueris  k 
restitua  te  |  Medici  cor}»orum  egrotaiitib;  |  adsistentibus  — 


502  Reifferscheid. 

f.  251''  Si  autein  dereliquerit  |  Studium  leligionis.  &  uacua- 
uerit.  I  lusibus  muudi  istius  qui  ueniunt  a  |  pruuitate  fit  consi- 
liuin  ludciitiü.  ||  f.  252  Ihs  loquitur  uidcbam  satanau  quajsi 
fulg-or  de  caelo  cadontem;  In  quod  |  diifert  dicere  fulgor  &  lu- 
ciferum  |  — 

f.  255''  totius  uuiuersitatis  ds.  |  etc.  \  Finit  oml  i.  Inci]5 
oiul  I  II  I  Nullam  |  speciem  peccatorü  |  &  scriptuia  recit&  |  — 

f.  257  &  coiisuiTe|ximus  ei;  Non  orgo-^--es«i4*'cxcruut-hoccst. 
m.  s.  XV:  Iste  liber  est  mouacho%  —  sub  nuo.  111.  (111  in  ras.)  \\ 


Sedulius. 

E.  IV.  42.  membr.  4.  foliorum  28.  saec.  Vn-VIII. ' 

f.  1  Liber  scti  .139.  columbani  de  bobio  |  "cribturis  -  cel- 
sioribus  uacant  -^  humilioribus  t^  |  quoque  liberator  iiipertias  uon 
semper  aquila  |  supra  '  nubes  elata ''  — 

f.  2  quia  pacha  sie  nostram  ''  immolatus  est  xps  cui  |  honor 
et  gloria  cum  patre  et  sco  spu '  per  |  omnia  secula  seculorum 
amen  ]  Explicet  epistola  sedoli///  |  ad  macedoueo  pbe  felicij 
ter^ll  f.  2''  Pasca  der  Rest  der  Zeile  leer'^  f.  3  a"geutilis  stu- 
deant  tig-menta  poetae  |  — 

f.  7''  Portantes  nostro"  xpo,  uenieut.  emanipolos  "^  Contidi^^  \ 
Expl.  liber.  primus.  neris.  testamenti  |  Incp  liber.  primus,  ^- 
noui,  testamenti  [  legeuti.  uila  perpetua  |  Expulerat  primogeni- 
tum  seuissimu'  ang-uis  |  — 

f.  1 1''  ora  lupi  uita  ^^  f'rui  per  pascua  xpi  Conhdi  \  /////// 
er  primus  nuui  testamenti  |  Incp.  liber  secundus  legenti  uita. 
pertua  |  Prima  suae  dSs  tlialamis  dignatus  adesse  |  — 


1  Vgl.  über  diese  Handschrift,  zu  der  früher  auch  E.  IV.  43  (Cerealix)  ge- 
hörte, Pasiiii  1.  c.  21-1  ft'.,  Peyron  1.  c.  214  if.  Die  Handschrift  im  Anfang 
sehr  beschädigt  —  2  J)\q  Ergänzungen  und  Corrceturen  rühren  vuu  einer 
Hand  des  cS.  Jalirhunderts  her.  XIX  5ä9  —  ^  vacan.s  —  ^  super  — 
'•'  elevata  —  ^  nostrum  —  ^  spiritu  sancto  —  ^  Der  zweite  Bric^f  an  Ma- 
cedonius  fehlt,  ebenso  der  metrische  Prolog,  der  indcss  f.  27  nachfolgt  — 
0  nostros  —  'f'  veniente  maniplos  —  "  Das  Cursivgcdruckte  hier  und  im 
Folgenden  von  der  Hand  des  Correctors  —  '2  In  der  Ausgabe  die  Bücher 
dui'chgezählt  —    '^  vitaque 


Die  Bililiothelien  Piemonts.  o03 

f.  IG '  et  speciale  bonum  cum  sit  g-enerale  reuoluam  | 
Expl.  lib.  secimdus.  iuc  lib.  iii  Eg-o  abundnntius  |  istiim.  librum 
contuli.  felicit  |  lam  placidas  iordanis  item  transgressus  hare- 
nas  I  — 

f.  20''  qui  reg-it  aetherium  princeps  in  principe  regnum  | 
Expl.  lib.  III  ine.  lib.  qnartus  ego  abundantius  ■  hunc  lib  con- 
tuli I  Has  inter  nirtutis  opis  (e  corr.  m.  (d.)  iam  proxinia  pa- 
schae  |  — 

f.  26  suffeceret  densis  (i  ex  o  in.  al.)  -  per  tanta  uolu- 
mina  libros  |  Expl.  liber  quintus  noui  testamenti  feliciter.  || 
f.  26''  Cantemus  ^  socii  dominum  *  cantemus  honorem  |  dulcis 
amor.  xpi  (vi.  al.  in   ras.)  ti  sie  resonet'  ore  pio  |  — 

f.  27**  gloria  magna  patri.  semper  tibi  gloria  nate  (ate  in 
ras.)  I  cum  sco  spo  gloria  magna  patri  amen''  ||  f.  2S  Robeo 
prefatio.  operis.  sacri  librorum  |  noui  et  ueteris  testamenti.  |  pa- 
scales ''  quicumqe  dapes  conuiua  requiris  |  —  rubra  quodam 
positum ""  est-'  ministrat  oliis '"  //  |  Explicit  |  llobeo  incipet 
atrum  opus  id  est  ex  uester  |  testamenti  liber  primus  et  ex 
nouo  quattuor  |  qu//  sedulius  intei-  cartolas  suas  sparsas  re  li- 
quid et  recolliti  adunatique  sunt  a  tuscio  rufo  |  asterio.  iic  ex- 
conso}.  ords  patricio  suprascriptoru  |  -meditore  librorum  || 


ViTAE    Patrum. 

F.  IV.  25.  meml)i-.  4.  2  col.  folionim  Itfi.  saec.  X— XI. " 

f.  1  Liber  scti  148  columbani  de  bobio  |  I)ik)  '-  sco  ac 
merito  uenerabili  |  pascasio  diacono,  eug-epius  '■'  |  in  diio  salute. 
Ante  hoc  ferme  |  bienniu  consulatu  scilic*  inportujni  — 

f.  2^  poscere  |  non  desistas.  |  Incipiunt  capitula  |  de  bis 
quae    in    cömemorajtorio    continentur  |  Id    est    quib;    uite    uel 


'  f.  11''  untor  der  Seite,  wo  sonst  die  Qnatcrnioiicnnnininern  zu  stelievi  pfleg-en. 
das  Zahlzeichen  xxxvii.  Es  gibt  die  Zahl  der  Ztülcn  auf  der  Seite  an  — 
~  densos  —  ^  ].  c.  TöS  —  ^  domino  —  ■•  personet  —  *>  om.  —  '1.  c.  549 
—  ^  qnod  aj)])ositiim  —  ^  testa  —  '"  olus  —  "  Vgl.  l'eyroii  1.  e.  "2-J(j  — 
'•^  LXIl  11()7   —    !•'  Eugippius 


504  Reifferscheid. 

gestorum  sei  scuerijni  paiicluntur  indicia.  |  i  Quomodo  primü 
seueriniis  in  |  oppido  — 

f.  4"  (xLVi.)  uirginis  |  sanatio  menioratur.  |  Explicinnt  ca- 
pitula  '  I  Incipit  uita.  sei  seueri|iii  abbatis  |  Tempore  quo  attila 
rox  huniKjrum  |  — 

f.  23''  operante  di  gratia  saiiitatera  |  Cui  est  —  am;  |  Ha- 
bes-  egregi  xpo  minister  |  commemoratium.  sie  \  de  quo  opus  effi- 
cias  I  tuo  magistei-io  fructuosG  |  Explicat  commemorato|rium.  in 
quo  sei  seueriiii  |  uitae  eontinentur  |  indieia.  |  Incipit  |  rescrip- 
tum  I  sancti  |  pascasii  |  diaconi.  |  Domino^  sco  semperque  kmo.  | 
eugepio  '  pbro  pascasius  diaconus.  |  Frater  in  xpo  knie.  '  dum 
nos''  peritie  |  — 

f.  24*"  suc|cessibus  eatenus  ampliatur.  |  Explicat  epla  pas- 
casii diac  I  ad  eugipiü  prbfm  directa.  |  Incipiunt  capitula  |  libri 
qui  appella|tur  paradisus.  |  i  De  beato  isidoro  presbitero  — 

f.  25  {ilbeo^  der  Seite  Liber  scti  cohimbani  de  bobio)  lviii 
De  quodä  ffe  cum  quo  se  scriptor  |  huius  operis  dixit  uixissc. 
Expliciu"t  capitula.  |  Praefatio  |  uitae  scorum  patrum.  |  In  hoc' 
libro  que  de  uita  scorü  pa|trum  — 

f.  26  uite  nobilio|ris  reuersos.  "^  Explicat  |  praefatio  de 
uita  scorü  |  patrü  ad  lausü  prae|positum  palatii.  ab  heraclide 
directa.  |  Incipit  ad  eundem.  |  laasum.  liber  qui  |  appellatur  | 
paradisus  |  Multi "  quidem  multos  uari|osque  libros  — 

f.  29"  praedicabiles  mores.  '"  Caj)  .i.  |  Cum  primum  ale- 
xandriara  attigi  |  ciuitatem.  in  secundo  senioris  impera|toris 
theodosii  consulatu.  —  ' ' 

f.  98''  (lx  ^-)  si  me  j)nus  uolueris  |  adorare  '^.  |  Explicit 
liber  qui  appeljlatur  paradisus.  |  uersus  suprascripti  |  libri 
qui  app  paradisus  |  hoc  '^  sacer  horaclides  limato  |  famine  pro- 
sul  I  — 

f.  99  marmoree  ceruix  statuo  uertatur  |  ad  instar  |  ZioiscJien- 
rcmm.  \  Beuedictus  '•'^  ds  qui  uult  oms  |  homines  ""'  saluos  fieri.  ^ 
in  ''  agnijtionem  — 


1  Capitulation  felilt  in  der  Ausg<il)P,  in  welcher  dir  vita  in  zwölf  Cnpitel  ein- 
getheilt  ist  —  -  ?  —  ^  1.  c.  39  —  ''  Eugippio  —  ■'  carissimus  —  "  sanctos 
—  '  LXXIII  243  —  8  Valo  n<hJ.  -  "  1.  c.  245  —  '"  1.  c.  251  —  >'  f.  fi'.t 
ist  das  über  Hioronymus  Gosag:tc'  ansradirt:  h  m;j.  botrnm  cari)o  |  spinam 
cauc  —  '2  i^vTii  —  "  Stimmt  nicht  _  "  ?  —  i5  Rufini  vitae  patnuii 
XXI  387   -   i<^  ovi.  —   "  ad 


Die  BiViliothoken  Pipiunnts.  50«'^ 


f.  100''  &  perf(!ctf;  paticüitio  '  j)alma'-  rc|qniraiit.  Fiiiit 
piolüji^us  uitae  |  patrum,  Incipiunt  cap  üb  eiusclem.  |  i  De  iu- 
hanno  hercniita  scissimo  uiro  — 

f.  102''  c'V  De  octo  periculis  k  uariis  adiiersitatil).  |  qiK; 
in  itinere  sustinuimus.  |  Expliciunt  |  caj)itula  |  incipit  lib  |  uitae 
scoi^  I  patrum.  |  i  Primum  igit  tanqua  |  uere  fundainentum  nri 
operis  I  — 

f.  140''  (xcvii.)  Et  eil  mora  fiei\t-  nee  |  celer  sequeret  effect'. 
quas  '  infan  ^  || 


'  sapiontiae     -    -  vel  jiatientiae  <iil.iJ.   —    -^  quasi  —  "i  1.  c.  459  1) 


506  Reifferscheid. 


2.  Die  Bibliothek  der  Ilofarchive  in  Turin. 

Lactantii   ejnfome  divinarum  iustitntiommi. 

I.  1j.  vi.  2R.  membr.  4    foliorum  152.  saec.  VII.' 

f.  1  w.  s.  XV  firmiani  lactanti.  de  opificio  dei.  |  Scti  Colum- 
bani  ||  f.  V'  In  hoc  iiohimie  ifrasta  ctinet.  V7,  |  m.  s.  vii  Libros 
rag-napto  sie  prsbt  ex  suo  ing'enio  |  de  arca  dorn  uorf^usti  abbi.  | 
Continent.  in  hoc  corp.  diuer,  id  |  de  opificio  di  epitomae  firmiani  | 
lactanti.  de  fine.  saeculi.  de  diui|!identia.  de  origo"^  (m.  nl.)  hu- 
mani  Btione  pascho  et,  mens,  l'/de  Hb  exodi  id  de  |5aem//|?tio  11  f.  2 

1  l  j  I  -^  I  ^  /  /  I  II 

m.  s.  XV  Liber  scti  67.  cohimbani  de  hobio  |  Quamqnam  '^  dinina- 
rum  institutionum  |  Hbri  quos  iam  pridem  ad  inhistrandain  ue| 
ritatem  regionemque -^  conscribsimus  ita  |  — 

f.  42'*  ut  illos  defensores  eins  ostenderet  nihil  |  certi  nihil 
lirmi  de  iustitia  disputare.  |  Expl.  de  opilicio  di.  ine  epitomae  | 
Nam  ^  si  iustitia  est  ueri  di  cultus  quid  enim  |  tarn  iustum  ad 
aequitatem  tarn  pium  ad  honore  |  — 

f.  61  meri|tis  uel  coronam  fidei  uel  praemium  inmortali| 
tatis  adipisci.  j  Firmiani.  lactanti.  de  fine^  saeculi  explicit.  | 
Epitoma  de  diuina  prouidentia  |  Scitianus  ■'  quidam  fuit  ex  £^e- 
nere    sarracenorum    a  qo    |    heresis    nianicheorum    orta    est   qui 


'  Vgl.  über  diese  Handschrift,  die  früher  in  der  Turiner  Universitätsbiblio- 
thek war  Pasini  1.  c.  208  ff.,  Peyron  1.  c.  1 77.  Das  erste  Blatt  in  sehr 
defectem  Zustand  —  ^  Lactantii  divinarum  institutionum  epitome  von 
Pfaff  zuerst  nach  dieser  (der  einzigen)  Handschrift  herausgegeben.  VI  1017. 
Den  Umfang  der  Lücke  in  cap.  xiv  kann  ich  leider  nicht  angeben,  da 
ich  kein  Exenii)lar  zur  Hand  hatte  und  bei  der  Art  des  Einbandes  die 
Lücke  äusserlich  nicht  erkennen  konnte  —  ^  rcligioncmque  —  ^  Diese 
Capitel  der  Epitome  auch  in  andern  Handschriften  und  schon  früher  be- 
kannt. I.  c.   10G3  —   '•  ? 


Die  riililiothelcen  Piemonts.  507 

aduersns  ucram  rectamq.  üdc  |  quattuor  libros  cbnscribsit  qiio- 
nun  unuin  uocauit  mysterifi  |  secuiuluni  capituloruni  tertium 
cuang-eliuiii  quartnm  uero  |  lil)i-um  thcnsauruiii  appellauit.  et 
habuit  (liscipulum  nomine  |  terelnutus  qui  disci})ukis  mortuo 
seitiano  snniens  memora|tüs  quattuor  libros  nee  non  et  peeuniam 
iion  paruani  quoniam  |  fuit  scitianus  uakle  ditissinms  erat,  ergo 
iit  memorabimus  |  terebintus  deuenit  in  persida  et  a  quadani 
iiidua  solitaria  |  susceptus  est  quo  sola  secta  eins  scire  potuit 
liie  elatione  tujmidus  dicebat  se  de  uirgine  natum  et  ab  angelo 
in  montibus  |  enutritum.  qui  etiam  mutato  sibi  nomine  baiddam 
sc  pro  te|rebintho  appellauit.  sed  cum  quadam  die  in  solario 
ascenderet  ab  inraundo  spü  exinde  deiectus  repente  spiTi  reddi- 
(lit.  tum  uidua  quae  eum  susceperat  pro  morte  eins  pecuniae 
lupiditajte  g-auisa  puerum  sibi  pro  senectutis  solacio  conparabit  | 
nomine  curbicius  quem  et  litteris  non  mediocribus  |  erudiuit 
post  cuius  mortem  non  solum  libros  quos  terebin]  f.  62  tbus 
reliquerat  sed  et  peeuniam  curbicis  sumens.  tres  sibi  discipu- 
los  adquisiuit  quorura  unus  thomas.  alius  abda  |  tertius  hermas 
lios  ad  predicandum  libros  quos  scitia|nus  conscribserat  ^mitte- 
l)at  per  quil)us  plui'imae  prouin'ciae  in  memorata  secta  inretitae 
sunt,  tarnen  et  ipse  cur|bicius  post  mortem  uiduae  inmutato  sibi 
iKnnine  manen  |  se  pro  curbicium  nuncupauit  qui  aliquando  a 
la^o-e  persarü  |  conprehensus  tali  sententia  damnatus  est  ut  hir- 
corü  I  mortem  (m..  ead.)  discoi-iatus  uter  eins  ad  portam  penderet 
earnes  |  uero  eius  uolucribus  caeli  ad  escam  proficerent  haec  ita  | 
esse  melius  nosse  cupi^ntes  archelaum  leg-ant.  |  liTc  orig-o  hu- 
mani  generis.  |  Unde  '  homo  §i  natus  est  habet  genitorem  |  si 
faetus  est  habet  auctorem.  di  omnipotentis  sa  pientia.  limum  ter- 
rae sumens  hominem  facere  j  cogitauit.  — 

f.  71''  inter|pretatur  seruans  diio  secundum  aegyptiajca 
de  aqua  susceptus.  Expl  de  göjnerationibus.  ine  annorum  metas.  | 
Ab  adam  usq.  ad  diluuium  ann  sunt,  iiccxlii  |  —  fieri  siniul 
ab  adam  us(j.  ad  })assionem  dni  xpi  |  sunt  ann  v  inii'  a/.  | 
Ine  expositum  quinti  |  iuli  hilariani  de  ratione  paschae  (;t  men- 
sis'  II  f.  72    In  unum    fratres    nonuulli    ae  serui  di  de  diuinis  | 


'  ?   —   2  Ebenfalls    znorst    von  Pfaff   iiacli    dies«'  Handschrift    (der    einzig'en) 
herausgegeben.  XITT   1105 
Sitzb.  d.  iihil.-liist.  Cl.  LXVUI.  Hd.  Ul.   Kit.  .38 


508  Reifferscheid. 

scribturis    ut   aliqua    tractareinus.  saepe  conue|nimus  ibiq.  desi- 
derantibus  eis  de  pase''ali  cirlculo  pauca  Interim  locuti.  — 

f.  Sl**  ideoq,  et  diem  |  et  consules  quod  non  posiiimus 
primo  nunc  |  liuic  rationi  infiximus.  ut  exliinc  sciat  quis  |  emen- 
datum  hoc  esse  opus.  |  quintus  iulius.  hilarianus  explicuit  emen- 
dauit  die  iii  non  |  martiar  caesario  et  attico  consulibus.  |  Inci 
omelyae.  origenis.  presb  ii  im  explanatae  ]  de  libro  exodi  id 
de  gantico  sie  de  aniaritudine  aquae.  |  myrrae  de  decalogo.  de 
construetione  ta|bernaculi  do  gratias  amen.  ||  f.  82  Multa  quiden 
cantica  ferri  legimus  in  scrib|turis  diuinis  horum  tamen  omniun 
primum  illud  |  — 

f.  9P  gloriose  enim  honuinücatus  est.  per  iiim  xpm  ||  f.  9^ 
dnm  imi  cui  |  est  gloria  in  saecula  saeculorum,  |  Expl.  de  can- 
tico  ine.  de  ama  ritudine  aquae  myrrae  et  de  manna  |  Post  tran^ 
situm  maris  rubri  et  magnifici  se|cretÄ  mysterii.  post  c''oros  et 
timpana.  post  triumlfales  liymnos  — 

f.   102  quoniä  |  suauis  est   diis.  ipse  ds  et  saluator    nostei 
its  xps  cui  I  est  gloria  in  saecula  saeculorum.  amen.  |  Expl.  de 
amaritudine    aquae    myrrae    et    de   |   manna.   Ine    de   decalogo 
Omnis  qui  didicit  contemnere  praesens  saecujlum  quod  figura- 
fiter  aegyptus  a^'pellatur  et  per  uer  bum  di  — 

f.   113''   Beati  ait  mundi    corde  quia  ipsis  miseribitur  ds  (| 
1.  114  in  xpo  iliu  dno  nÖ.  |  Expl  de  decalogo  ine   de  |  constru-j 
ctione    tauernae   |   lam     quidem    et   prius    de    tauernaculo    prc 
uirib.  I  dixeramus  uerum  quoniam  saepe  in   exodi  li^bro  reppe^ 
x'itur  ipsa  describtio  — 

f.  122''  conponere  adq.  ex  'his  adornare  tauernaculü  {  d( 
iacob  per  xpm  ilim  diim  imi  |  Ine  serm  aügüs.  epis.  de  emeritc 
donat.  epis.  '  |  Alacritate//////////////////////////////  2 1  suscipiamus  agnos-i 
citis  dilectissimi  ■'•  ff".  '^  exulta|mus  enim  in  diio  dö  uo  de  quc 
apostolj  '  I  est  pax  nostra  qui  fecit  utraq.  unum;^  || 

'  Aug.  sernit)  ad  Capsaroensis  occlesiae  plebem  Emerito  jjraesente  liabitus 
XLTII  0.S9  —  -  Alacritatoni  vestrae  charitatis  qnanto  gandici  —  ^  om.  — 
''  apostohis  ait :  Ipse :   überklebt,  ebenso  im  Folgenden 


r>i('  P.iblintlipken  Pienioiits.  509 


8.  Die   IJibliotliek  des  Domcapitels    in   ^'orcelli. 

Über  die  Dombibliotliek  von  Ve reell i  vgl.  Giov.  Andi'es, 
Lettere  al  Sig.  Ab.  Giae.  Morelli  sopra  aleuni  eudiei  delle  biblio- 
teche  Capitolai-i  di  Novara  e  di  Vercelli,  l*arma  1802,  und  Nei- 
gebanr  im  Serapeum  1857  8.  177,  dessen  Mittbeilungmi  das 
in  der  Bibliothek  selbst  beündliehe  höehst  dürftige  und  fehler- 
hafte Verzeichniss  zu   Grunde  liegt. 


Augustinus  da  civitafe  dci. 

LXXI.  52.  raembr.  tbl.  loliorura  MSfi.  saec.  X. ' 

f.  1  -  In  noni  dni  nri  ihn  |  incipit  über  de  ciuitate  di  sei  | 
aug  epi  miritice  disputatus  |  aduersus  paganos  et  demones  |  eof 
daeos  a]j  exordio  niundi  |  uscpic  in  finem  sreuli.  ||  f.  2  Glorio- 
sissimam  ■'  ciuitatem  di  siue  in  mporü  ^.  cursii  cum  inter 

impios    peregrinatur    ex    fide    uiu  iue  "'    in  illa  |  stabilitate 

sedis  aeterno  quam  nune  expectat  per  patientiani  |  — 

f.  lö  ut  deinceps  disputata ''  ab  alio  sumamus  exordio.  | 
Explicit  libr  primus  de  ciuitat(!  di  eontra  paga|nos  aurolii 
augustini.  |  Incipit  liber  secundus  eiusdem.  |  Si  rationi  perspi- 
cuae  ueritatis  infirmus  humane  consuetudinis  sensus  non  |  au- 
deret  obsistere.    — 

f.  27''  coli  oportere  contendunt.  deinceps  uidebimus.  ut 
hie  sit  hui'  uoluininis  modus.  |  Explicit  liber  secundus  |  Incipit 
liber  tertius  ]  lam  satis  dictu  arbitror  de  niorü  nialis  etiaui- 
morü"  quo  pcipue  cauenda  sunt.  Nihil  deos.  |  — 


^  Der  obere  Rand  der  TTandselirift  durch  Fenchtig:keit  verdorben  —  2  Von 
f.  1  ist  mu-  ein  Fetzen  übrig-  —  ^  XLI  12  —  '  liue  tenipornni  (Loch)  — 
^  ^ivens  sive  (Loch)  —  *<  dispositn  —   'et  .inimonnn 

33' 


510  Reifferscheid. 

f.  40''  cü  ea  maiora  pertixlerint  a  quibus  |  antea  coleban- 
tur.  Explicit  liber  tertius  sei  augustini  de  ciuitajte  di.  contra 
pag-anos.  Incip  liber  quartus.  |  De  ciuitate  di  dicere  exorsus  ' 
respondendü  putaui  eius  iuimicis  qui  terrexna  gaudia  |, — 

f.  52''  et  hie  dandus  |  liuius  prolixitatis  modus.  Explicit 
lib.  IUI.  Incipit  liber  v.  |  Qiii  constat  oinium  rerü  optandaru 
plenitiidine  esse  felicitate.  quae  non    est  dea  sed   donü  |  di.  — 

f.  66  consiillit  amica  dispntatione  honeste  grauiter  libere 
quod  oportet  audire.  |  Explicit  liber  .v.  Incipit  liber  sextus.  | 
Quinq,  superioribus  libris  satis  mihi  aduersus  eos  uideor  dispu- 
tasse.  qui  multos  deos  et  faVsos  — 

f.  74  in  aliud  uolum  quod  huic  opitulante  dioo  -  cöiung'endü 
e  animum  intendat.  Exp  Hb  .vi.  |  Incipit  liber  septimus  |  Dili- 
g'entius  me  prauas  et  ueteres  opiniones.  ueritati  pietatis  inimi- 
cas  quas  tenebrosis  anijmis  — 

f.  86  sed  uera  religione  qua  produntur  *  ex^tinguntur  ■'  | 
agnoscat.  Explicit  liber  vii.  Incipit  liber.  viii.  |  Nunc  intentiore 
(r  ex  n)  nobis  opus  e  animo  multo  qua  erat  in  supei-iorü  solu- 
tione  questionu  et  |  explicatione  librorü.  — 

f.  100  opinanjtur.  quod  quales.  sit  iam  in  uolumine  se- 
quenti  uidendum  est.  |  Explicit  liber.  viii.  Incipit  liber.  viiii.  | 
Et  bonos  et  malos  deos  ee  quidam  opinati  sunt,  quidam  uero 
de  diis  meliora  sentientes.  |  — 

f.  lOS""  adiuuante  ipso  in  sequen|ti  libro  diligentius  disse- 
remus.  Explicit  liber.  viiii.  Incipit  liber  decimus.  |  Omnium  certe^ 
sententia  e.  qua  (a  in  i  m.  cd.)  ratione.  quoquomodo  uti  possunt 
beatos.  ee.  oms  homi|nes  uelle.  — 

f.  126''  quantum  diuinitus  adiu|uabo'"  expedia.  Explicit 
liber  decimus.  |  Incipit  liber  undecimus.  |  Ciuitatem  di  dicimus 
cuius  ea  scriptura  testis  e  quae  non  fortuitis  motib;  |  — 

f.  141  liunc  quoq.  librum  aliquando  claudamus.  Explicit 
liber  undecim.  |  Incipit  liber  duodecimus.  de  ciuitate  di.  |  Ante- 
quam  de  institutione  hominis  dicam  ubi  duarum  ciuitatü  quantü 
ad  rajtionalium  mortalium  genus  adtinet  — 

f.  153''  Nee  iniusta  eius  gratia  nee  crudelis  potest  |  esse 
iustitia.    Explicit    liber    duodecimus.  |  Incipit   liber  tertius  deci- 


prius 


add.  —  2  j)eo  —  ^  vincuntur   —   *  certa 


Die  Bibliotheken  Piemonts.  f)  1  1 

mus.  I  Expeditis  de  nri  scH  oxortu.  ot  de  initio  |2:cneris  hniiiuni 
diflicillimis  questionibus.  |  — 

f.  166"  in  eum  qui  sequitui-  cunmodiore  diöpu  Uitionc  ' 
diflfertur.  |  Explicit  über  tertius  decimus.  |  Incipit  über  quartus 
decimus.  ||  f.  167  die  erste  Zeile  zerstört  \  sociandü.  ueruni  otia 
qiiadani  cog-uitionis  necessitudiiie  in  unitate  concorde  pacis  uin- 
culo  I  — 

f.  180''  Zwei  Zeilen  zerstört  \  omnibus.  Explicit  liber  |  quartus 
decimus.  Incipit  eiusdera  quintus  decimus.  j  De  felicitate  para- 
dysi  uel  de  ipso  paradyso  et  de  uita-  primorum  bominü  eorüq. 
peccata  (a  in  o  m.  cd.)  atque  |  supplicio.  — 

f.  196''  diluuium  et  deinceps  in  reb,  consequentibus  con- 
quiratur.  ^  \  Explicit  liber  sei  augustini  quintus  decimus.  || 
f.  197  Incipit  liber  eiusde/////////////  |  Post  diluuium  procur- 
rentis  scae  uestigia  ciuitatis  — 

f.  215''  quorum  in  turture  et  C(dumba  liguratü  est.  sacra- 
mentü.  feliciter.  amen.  |  Explicit  liber  sextus  decimus.  Incipit 
liber  |  scptimus  decimus  |  Promissiones  di  quae  factae  sunt  ad 
abraham  cuius  semini  et  gentem  isralieliticä  j  — 

f.  232''  ulte  rius  honoremus.  '  Explicit  liber  ///////  decimus.  | 
lucipiunt  capitula  libi'i  xviii  |  i  Recapitulatio  liuius  operis  et 
origo   procursusquäe  uniuersorü  in  tra  regnoru  |  — 

i.  233  XX.  De  prophetia  zacharie  (m.  al.)  —  dicunt  gen- 
tibus  esse  persuasum  (m.  al.).  Expliciunt  capitula.  |  Inci})it  lil)er 
sei  augustini  octauus  decimus.  ||  f.  233''  die  Leiden  ersten  Zeilen 
zerstört]  ista  pereigrina  exortu  et  progressu '■  et  debitis  tinibus 
me  scripturü  ee  promisi.  |  — 

f.  258''  de  quibus  ambobus ''  finibus  deinceps  descrendum 
(diss  corr.  in.  ead.)  est  Explicit  liber  |  xviii.  Incipit  liber  nonus 
deciujus.  j  Qm  de  ciuitatis  utriusq,  terreno  scilicet  et  caelestis 
debitis  tinibus  deinceps  mihi  |  — 

t".  276''  deus  donauerit  in  consequeuti  uolmnine  disputabo.  | 
Explicit  liber  x^^^^^^  non'0  decim'«f.  ||  f.  277  Explicit  der  Rest 
zerstört  \  De  die  ultimi  iudicii  llllll'llll//H/llll/  |  locuturi  eumque 
adsortjri  (m.  al.)  aduersos  impios  &  incredulos  tamqua  in  acdi- 
ficii  fundamto  prius  |  — 


^  dispositione  —   -  vita  ibi    —   ^  requiratur         ^  oneremus  —   ^  prociu'sii  — 
^  ambarum 


512  Eeifferscheid. 

f.  298''  habent.  Nullo  modo  eis  '  potuisse  mentiri  et  posse 
facere  quod  inpossibile  est  iuüdeli.  |  Explieit  über  xx.  de  ci- 
uitate  di.  Incip  Hb  xxi.  eiusdem.  |  Cum  p  ihm  xpm  dnm  nriu 
iiidice  iiiuo4  atq,  mortuo%  ad  debitos  fines  ambe  piieneii'iut 
ciuitates  — 

f.  315  haec  itaq.  responsione  re'^dita  (m.  al.)  libiü  sicut 
promisiiiius  |  terminauimus.  Explieit  Liber  .xxi.  Incipit  Liber 
xxii.  I  Sicut  in  proximo  libro  superiore  promisi-  iste  huius  totius 
operis  ultimus  disputatione  |  — 

f.  SSß""  die  vorhergeJwnden  drei  Zeilen  fast  gänzlich  zerstört  | 
sed  dÖ  mecum  gratias  congi-atulantes  agaut.  Amen.  || 


Augustinus  de  trinitate. 

t'lV.  47.  membr.  fol.  2  col.  foliorum  224.  saec.  X. 

f.  1  oben  am  Rande  libri  sei  augustini  d.trinitate  numero 
.XV.  I  Libri  sei  |  augustini  |  de  trinitate  |  numero  |  xv  ||  f.  P  Do| 
mi|no  ^  be  atis  simo  et  sin  cerissima  caritate  |  ueuerando  sco  fratri  | 
et  consacerdoti  pape  |  aurelio  augustiuus  |  in  diio  salutem.  |  De 
trinitate  quae  ds  |  summus  et  uerus  est  j  libros  iuueuis  ineho- 
aui  I  senex  ^edidi.  — 

f.  2  ante  poni.  ora  pro  nobis  '  amen. ''  |  Explieit  epistola  | 
aureli  augustini  |  ad  epm  aiu'elium  |  chartaginensem.  |  Incipiuut 
tituli  •'  libri  primi  |  i  De  tiüplici  causa  erroris  |  falsa  de  dö  opi- 
nantium.  j  — xiii  De  unitate  persouae  iilii  di  \  et  tilii  hominis 
siue  in  gloria  |  sine  in  humilitate;  |  Expliciunt  capitl  |  libi'i 
primi.  ||  f.  2''  Incipit  |  de  trini  täte  lib  |  primus  |  Lecturus  |  haec 
quae  |  de  |  trinitate.  |  disserimus  prius  opor  tet  — 

f.  21''  ab  alio  iam  pejtamus  exordio.  |  Explieit  lib  .i.  |  lu- 
ci^iunt  capitula  |  lib>-/  secundi  ^  ^  |  i.  De  regulis  secundum  quas 
scripltura^  de  patre  et  lilio  loquitur  |  — 

f.  22  xvm  De  uisione  dauihelis  —  corporali  |  Expliciunt 
capitula  j  ex  libro  secundo  j  Incipit  liber  secundus  |  Cum  ho- 
mines  dm  quaerunt  |  — 


in  eis  —  2  promisimus  —  3  XLII  817  —  ^  me  —  ^  o«t.  —  ^  Die  Capitula-  ] 
tion  der  Bücher  de  trinitate  zuerst  vou  Mai  PNß  i  2,  163  ff.  heraus-  1 
gegeben.    Siehe  i  244   —   ''  Das  Cursivgedruckte  in  ras.  { 


Die  Bibliotheken  Piemonts.  513 

f.  22'"  uuii  iupinguahit  ciiput  mcuni  '  i  Quamobrein  qiiiT- 
qiiam  linuis  sime  — 

f.  39^  conseqiieutibus  uidcam'.  |  Explicil  libci-  secun  dus.[ 
Incipiunt  capitula  \  libri  tertii.  |  i  Utriim  cum  ds  honiinibus  — 
locuti  —  Viru  p]t  sentiam  (et  in  es  ?».  al.)  '  trinitatis  num  nuam  — 
iKtkiit  I  Explicit  capitula  |  über.  in.  |  Inc.  liber:  in.  |  Credant 
qui  uolunt  |  — 

f.  öS""  cÖmodius  ordiemur  amen  |  Explicit  liber  tertius ;  | 
Incipit  liber  quartus  |  .i.  De  gratia  di  —  perierat  |  — 

f.  54  XXI  De  sensibili  demoustratione  |  —  trinitati.s.  |  Expl 
capitula  lib.  im.  |  Incipit  liber  .im.  j  Scientiam  terrestrium  caej 
lestiumque  — 

f.  73  redarguantur  |  uidebimus.  Amen-  |  Expl  Hb  iin  | 
Incp  capitula  |  libri  v  |  i  Quam  inodeste  ac  so|brie  debeat  homo 

—  cog-itare  |  — 

f.  73''  De  appellationibus  —  nihil  |  accedit  (e  in  i  m.  al.)  "*  | 
Exp  capitula  j  ex  libro  (o  in  i  in.  al.)  v.  }  Incipit  liber  v.  |  i 
hinc  iam  exordiens  ea  |  dicere  — 

f.  85  scilicA'  mutatione  |  noii  sua:  |  Expl  liber.  v  |  Incipiunt 
capitula  lib  vi  j  i  De  eo  quod  apostolus  j  ait  xpm  di  uirtutc  j  & 
di  sapientiam.  |  — 

f.  88''  X  de  seutentia  sei  hijlarii  —  demonsjtrasse ;  |  Expl 
capitu}la  libri  .vi.  j  Incip  lib  .vi.  |  i  Aequalitatem  pa|tris  &  lilii  — 

f.  92''  sed  ipsi  gla  in  s«;cla  s(;clo^  amen  |  Expl  lib  vi  |  In- 
cp capitula  lib  vii  j  i  Utrum  quidquid  (ic  m.  al.)  de  do  — 
conueniat.  |  — 

f.  93  VI  Di-ribus  personis  unius  essen  tiae.  |  Expl  capitula 
lilj.  VII  I  Incipit  liber  vii.  |  Iam  nunc  quaeramus  |  diligentius  — 

f.  103''  credide  ritis  non  intellegetur  '  (li  m.  al.).  |  Explicit 
lib  VII  II   f.   104  Incipiunt  capitula  |  libri  viii  |  i  De  indifFerentia 

—  perjsona^  |  —    viii  Quod  ex  ea  forma   —    Caritas   est;  |  Di- 
ximus  alibi  ea  dici  j  proprio  — 

1".  114  exordii.  c&era  |  contexamus;  |  Exp  lib  viii  |  Incipit 
capitula  |  libri  viiii.  |  i  De  do  semper  quercndo  |  — 

f.  114''  XII  Cur  sicut  notitia  —  sit  |  Incp  lib  .viin  |  i  Tri- 
nita;tem  certe  quaejrimus.  non  quam  libi-.  — 


'  Substantiam   —    -  om.  —   3  accedit  —    '  iiitelligetis 


qJ4  R  ei  f  ferscheid. 

f.  123  dum  tautum  sc  diiigit  quan|tuin  nouit  ic  qiianta 
est.  j  Expl  lib  villi  de  tri|uitate  [  Incp  lib  x.  cap  de  \  trinitate  | 
I  De  studiis  discere  amauti|um  —  ignorarent  —  xu  De  querenda 
imagine  |  —  concepit; '  |  Exj5  caj5  lib.  x.  ||  f.  123*'  Incp  lib  x  | 
I  Nunc  ad  ea  ipsa  |  consequenter  e  nodatius  — 

f.  132''  propter  huius  |  libelli  modum  j  Expl  lib  x.  de  | 
trinitate  |  Incipit  liber  xi  |  de  trinitate  |  capitula  ||  f.  133  i  De 
imagine  trinitatis  —  quae|renda;  —  xi  De  mensura  —  &  uolun- 
tate.  I  Expl  cap  lib  xi  j  Incipit  lib  .xi.  |  Nemini  du;bium  "i^^ 
sicut  I  interiorem  |  hominem  — 

f.  143''  disposuiss&es  tatur;  |  Amen  |  Explicit  liber  |  xi  de 
trinita|tem  (m.  cd.)  inc]5  lib  .xii  |  de  trinitate  |  capitula  ||  f.  144 
i  Quid  sit.  quod  &iam  i"  -  animo  j  nro  intelleg-endum  sit  ad  |  ex- 
teriorem  hominem  per|tinere;  —  xv  de  opinionc  platonis.  qua 
crejdidit  animas  aliam  uitam  |  priusquam  corporibus  indei'entur 
habuisse.  |  Exp  cap  lib.  xii  |  Incipit  lib.  xu  |  i  Age  nunc  uide| 
amus  ubi  sit  quajsi  quoddam  homijnis  exterioris  |  iuteriorisque 
con|finium  quidquid  ||  — 

f.  155  quod  inuentum  fuerit  cx'plicari;  Explicit  Liber  j 
XII.  de  trinitate  amen;  |  Incipit  liber  |  xiii.  capitula  |  De  gimiuo 
(corr.  m.  cd.)  rationalis  men|tis  officio  —  ad  aeterna;  |  —  f.  löö*" 
XX.  Neminem  posse  sine  fide  ad  |  ucram  beatitudinem  |  perue- 
nire;  |  Explicit  liber  |  xii,  capitula  |  Incipit  liber  xiii;  |  In  libro 
superiore  j  hui'  operis  duodccirao  — 

f.  173''  in  futuro  uolumine  lec|tor  expect&.  |  Explicit  li|ber 
de  trinijtate  xni.  |  Incip  cap  lib.  xiiii.  |  i  Quae  sit  hominis  |  uera 
sapientia;  |  — 

f.  1 74  xviiii  Quo  (qua  corr.  m.  cd.)  sui  parte  homo  —  reno- 
uatur;  |  Expl  caj5  lib  xni  {ex  xim)  |  incjS  lib.  xiiii  {ex  xiii)  j  i 
Nunc  de   sapi^entia   nobis    est  |  disserendum    non  |  illa^'    dei  — 

f.  191  potui  demonstrare  |  curauit;^  amen.  |  Explicit  lijber. 
xiiii  I  Incipit  liber  |  xv  capitula  j  i  De  exccllentia  di''  —  con- 
diti;"  — 

f.  192  xxvii  Quid  quodam  sermonem  "^  ad  |  populum  dispu- 
tatum  I  sit  de  differentia  genera|tionis  filii  .t  processionis  |  sps 
sei;  I  Explicit  capitula  Hb;    xv^    |    gratias    |    dno  nro  ihü  |  xiTo 


1 


concipit  —  2  o„j,  _  3  ^p  in^  _  4  curavi    —    ^  animae   —    ^  coudiUc   — 
">  in  quudam  sermone 


Die  Bibliotheken  Piemoiits.  515 

) 

amen,   j   Ine    üb.   xv;   |   Uolentcs  in  |  rebus    qiuic  j  factac   sunt  | 
ad  cognoscenldum  eum  — 

f.  224"  de  tuo.  agnoscant  '  .v-  tui  si  qua  \  de  incu  &  tu 
ig-noscc  &  tui  5  ||  unten  m.  s.  xm  Samuel.  Raiueri'  primu  de- 
posuef. 


BoETHius   de  musica. 

CCXni.  208.  membr.  1.  folioruiii  28.  saec.  X. 

f.  1  Incipit  iuxta  sanctum  isidorum  eps  musicae  artis  ethij 
mologiae  |  Musica  -  est  pericia  modulationis  — 

f.  2  in  arsis"  &  tliesis^  id  est  eleuatione  &  positione  ^'.  | 
Explicit  de  musica  scdm  isidorum  |  Nemo  inscimn''  —  f.  2'' 
non  posaunt.  Montes  rome  inclusi.  j  Palatinus ''.  —  sabinorum.  | 


agnoscam  —  ^  Isid.  etymol.  3,  15  —  ^  arsi  —  ■*  thesi  —  ^  1.  c.  3,  23  — 
•^  arbitretur  augiistinum  antiqorcm  senioremq.  isidoro  |  esse  tarn  aetate 
quam  doctriua.  e«  ideo  dicta  iuiiioris  dictis  inagistri.  antelferre.  sed  sciat 
lector  ideo  ita  nos  ordinasse.  ut  sliiinnlugias  nondniim  atq.  j  reniiii  )ii-his 
sedulus  discat.  quam  pelagum  j>fundi  gurgitis  nauigandi  uiuacitate  |  igua- 
rus  ingrcdiat.  qa  si  priora  summo  cum  studio  lectitauerit.  t'acilius  abscj. 
nau  fragio  ad  portum  trauquillitatis  xpii  pducente  ueui&.  amen.  |  Omuil), 
tarnen  humanis  motib;  a"tiq  auctores  musicam  iuee  dixere.  Deq;  quo  t'aci- 
lius I  sutFei'eraut  laborem  siuc  iu  proelio  siue  mesticia.  didorem  sedat.  Oh 
quam  rem  phitajj  f.  2^  goras  ut  auimü  sua  sep  diuiuitate  inbuiu-.t.  j)rius- 
quam  se  somno  dar&  &  cum  ce  cxjjcrgit'  |  cithara  ut  fert  cantare  cousue- 
uerat;  Et  Asclepiades  medicus  frenetico^  mentes  mormo  |  turbatmii  s(,'pe  p 
syniplionia  suae  naturae  reddidit.  lerophilus  aut  mortis  eiusdem  jifessor  | 
ueuarum  pulsus  rithmus  musicis  ait  moueri.  Itaq;  si  &  iu  corporis  &  in 
animo  tu&  arjmonia  (pcul  dubio  a  natalib^  uris  musica  non  '-«-  aliena.  Ad 
liaec  accidit  quod  phitagoras  |  didit  luinc  totum  mundum  misica  .lic  factum 
ratione  .vii.  Stellas  int  caelum  &  terraiii  uagas.  |  (juae  mortalium  gcueses 
moderani  motum  habere  &  rithmon  *  iuterualla  musicis  diaste  matis  con- 
grua  sonitusij;  uarios  reddcre  ,p  sua  (piaeq;  altitudiuc  ita  concnrdcs  ut  dul- 
eis  simam  quide  coucinant  melodian  sed  nobis  inaudibilem  j'tcr  uocis  j  magui- 
tudinem  qua  |  carpere  aui'ium  lirTirum  angustiae  =  sie  —  ^  quirinalis.  aueu- 
tiuus.  cclius.  uiminalis.  squilinus.  lanicularis.  Re|ges  romanoz^  priiiii  septe  fue- 
niiit.  lionuüus.  Numa  po]iilius.  Tullus  liostilius.  |  Aucus  marcus.  Taripiiiiius 
priscus.  Scruius  tullius.  Tarquus  supb^.  Deiudc  conjsules  habuert  usq.  ad 
cesarem.  scpties  autem  gesta  sunt  bella  ciuilia  ter  a  cesare  contra  pom] 
jicium  in  tessalia.  contra  eius  marcuin  Hliiim  in  liisjjania.  contra  iubem  cor)-.  & 
catonom.  mortuo  cesare  ab  augusto  contra  cassium  &  brutum.  in  philijjpi  ciui- 
tatc  thesalice.  |  Contra  luciuni  imjirrii  siatusciae  ciuitate.  contra  scxtum  pon- 


51G  Reif  f  erscheid. 

De  hoi'ologii  iustitutione.  Mnlta  uariaq.  gnra  s  horologio^. 
sed  peligui  et  euycicli  magis  apta  &  seqiien|da  ratio  uidet.  Pe- 
lignü  eni  horologiü  dr  q  ex  duab.  tabulis  marmoreis  1  lapideis 
superiore  parte  latiorib;  inferiore  angustiorib;  |  cöpouit.  '  — 

peium  in  sicilia.  cuntra  |  aiitoiiiuni  &  cleopatrain  in  epiru.  Nam  de  romanis 
dr.  Tu  regere  iniperiu  popiilcs  |  roniaue  menienti>.  He  tibi  erunt  artes  pacis- 
que  imponere  morem.  Parcere  subiectis  |  &  debellare  supbu.s.  Fabricius 
ydam  respondit  legatis  samnitimi  au^  sibi  offerentibu.s.  |  Romanos  non 
aurum  habere  uellein  sed  aurum  habentib;  imperare.  Roniani  e<jtes  pri  mum. 
ccc.  fueruut.  de  siugiilis  enim  curiis  deuidabant  quae  xxx  fuert  iuxta  nu- 
me|i-um  feminarü  sabinarum  quae  a  romanis  rapte  sunt,  qiiibns  iam  ex 
romae  nixis  pacem  |  fecerunt  romani  &  sabini  titu  scilic&  tacius  &  romulus 
&  ex  earum  numero  xxx  |  cuiüae  coustitutae  sunt  &  dicte  a  curib;  ciuitate 
=:  sie 
1  Sed  he  tabub;  aequali  liisura  liunt.  &  qnis  liueis  directis  notant.  ut  angulü 
faciat  q  sexta  hor;T  signauit.  |  Semis  go  ante  prim;T  &  semis  p  undecimä 
supplebt  XII  numeros  horarü.  sed  iunctis  aequalit  ante  extensis  tabulis.  in 
anigulo  sümo  iunctiu'^  cincinnü  figes.  &  angulo  <pximü  circulü  facies.  A 
<luo  primü  line^.  horarü  partitt;  aequalit  notant:  !  Ite  aliü  maiore  circulü 
ab  eode  iJimcto  angulari  facies  q  jjrupe  boras  tabularü  attiugat.  ad  que 
aestiuis  temporib^  gnomo'nis  umbra  puenit.  subtilitas  g  disparis  lusur^  de 
spacio  horarü  expectanda  non  -^.  qndo  aliud  malus  &  alind  minus  horo- 
logiü I  peues  solitü  uideat  &  non  amplius  poene  ab  omibs.  nisi  quota  sit 
solü  inqri  festiuet  gnomon.  Itaq;  in  angulo  sümo  iuncture  |  paululü  inclinis 
ponitiu-  q  umbra  sua  horas  designa.  constitues  aut  horologü  parte  qua  de- 
clinem  hora  notauit  contra  Oriente  |  aeqnoctiale  sicut  de  exemplis  multi- 
t'aria  cognoscit.  Horologiü  aü  ^  emicyclion  ai'pellat.  simili  m  de  lapidc  ul 
de  marmore  uno  |  quattuor  partib-  susxi  latiorib>  iufra  angustiorib  copouat. 
ita  ut  ab  ante  &  a  tergo  latiores  partes  habeat.  sed  frons  aliquantü  j>mi| 
neat  atq;  umbra  faciat  maiore.  sub  hac  fronte  rotimditas  ad  ch'cinü  notat. 
q  cauata  introrsus  emiciclio  faciat  scema  in  hac  |  cauatura.  Tres  circuli 
fiunt.  unus  jipe  sümitate  horologü.  alius  p  mediii  cauatura.  tcius  j>pe 
hora  signet.  A  minore  g  |  cüx-ulo  usq;  ad  maiore  circulü  horalem.  una  & 
X  line^  direct(,^  aequali  partitione  ducant  q  horas  demonstrent.  p  mediü 
li  I  semicicliü  sup  minore  circulü  jjlanicia  aequal  subtiliori  grassitudine 
Hat.  ut  p  apta  rotunditate  dignitali  facilius  solis  |  i-adius  infusus  p  nume- 
ros linearü  horas  demonstret.  Hiemis  g  tempore  p  minore  cii'culü  horarü 
numeros  seruabit.  (  eqnoctiali  tempre  mediü  cü'culü  seqt.  aestiuo  tempre 
p  maioris  circuli  spacia  gradiet.  sed  ne  eiTor  in  consti-uendo  jj  f.  3  horologio 
cuiqua  uideat  libcro  loco  alto  ul  piano  sie  ponat  ut  angulos  hui'  q  hocciduas 
corr.  horas  notauit  j  contra  aeqnoctiale  iinü  spect&  und  sol  nono  kl  aprl  oriat.  Fit  J 
&ia  uno  horologio  duplex  elegancio  |  subtilitas.  na  dcxtra  ac  sinistra  extrin- 
secus  in  lateribs  ei'  que  linee  directe  notant.  et  terciy  partes  circulo%  \ 
aequali  intuallo  sie  fiant.  ut  una  ^xima  sit  angulis  posteriorib>  ubi  stili 
poncnt  q  umbra  sua  horas  desigent.  |  alt*-'"   media    planicie    dctinoat.    Ter- 


Die  Bibliotheken  Piemonts.  517 

i  .  .  .  *  .  . 

t.  3''  quantü  gö  ad  priuatü  usü  exspectat  necessaria  huic 
libuUo  ordiuauiin'.  ciuitatü  sanc  et  ccta*  rcruin  j  institutiones 
pstaiiti  sapicncie  meniorandas  rcliqm'.  ||  f.  4  Prooeiniuin  inusicum  ' 
natiualitcr  uobis  ee  |  coniuuctü  -  et  mores  ul  li(jiiestare  ul  euer- 
tere.  |  Omnium  quide  perceptio  sensuum  ita  sponte  ac  na|tura- 
lit  quibusdam  uiuentib  ade  ut  sine  bis  anilmal  nou  possit  iu- 
I   tellegi.  — 

f.  8*"  sed  totieus  aer  ferit  qiKjcieiis  eü  curda  treiiiehuiida 
pcus|sent.  sed  qm  iuucte  s  uelucitates  sunu^.  nulla  iiiteapedo-'  || 
f.  9  que  *  inter  lxxv  et  lxxiiii.  int  a.  igit  atq;  B.  maior  propor- 
cio  est  quam  int.  |  lxxv  et  lxxiiii.  a.  '  atq;  B.  cöma  continent.  — 

f.  12''  dispositione  censum  transferendum '\  Explieit  j  über 

tcrtius  de  musica  &  armonica  institutio  ne.    Incipit  Hb    im.    qui 

;   habet  titulos  xvii.  uocum  |  differentias  iu  qualitate  '  consistere  | 

I   Etsi  omia  que  demonstranda  erant  superioris  libri  acltione"*  — 

f.  29''  appusitum  triplae  ^pportionis  dissonantia  •'  rcddit  | 
Fiißir  I  Explicitus  de  musica  idem  armonica  iustitutione  lib  im.  | 
Incip  liber  v.  Premiü  j  Post  monocordi  regularis  diuisione.  | 
adiciendä  ee  arbitror  ea  in  qbs  musicae  ueteris  i*^'  doctorcs  I  — 

f.  30  subieeta  cernatur.  De  vi  armonicae  et  quo  sint  eins 
instrumenta  iu  dicii  et  quonam  usq  sensibus  oporteat  credi.  | 
Sed  de  bis  paulo  post  loquent ' '  — 

f.  37''  Que  ad  modum  ptolomeus  tetracordo^  diuisione  | 
tieri  dicat  oportere.  Ptolomeus  eni  tetracorda  diuisa  '-  |  — 

f.  38  Non  spissis  uero  ut  in  diatonicos  ^'^  |  generil);  num- 
quä  '^  una.  |  lusta  era  eratostenem  sie  totius  trae  ambit  cclii  stad. 


cia  jipe  hora  ctingat.  has  eni  partes  cireLili  in  liienie  uere  &  i;statc  |  .sicut 
uiterms  gnomonis  umbra  scqt.  In  angnlis  g  jjosteriorib^  stilus  modice  oblieos 
figes.  q  umbra  sua  horas  |  demonstrent.  oricn.s  eni  sol  in  priuio  bilcre  sex 
horas  uotauit.  occidens  alias  sex  in  sinistro  latere  pcinrit.  i  legat  &ia  horas 
comparari  debere  pzdma  sexta  septima  &  duodecima  unu  spaeio  mensuraq; 
dispouendas.  |  scda  qnta  oetaua  &  xi  pari  aequalitate  ordinaudas.  terc-ia 
quarta  noua  simili  ratione  dedendas  ee.  |  est  &  alia  de  domo  &  insuris  ho- 
rarQ  coparatio  qua  j)lixitatis  causa  ptereunda  estiinaui.  qiu  }i  diligen  cia 
ad  paucos  prudentes  ptinet.  na  ofiis  fere  sicut  sup  memoratü  -J-  quota  sit 
gnomon  solü  rcqrunt.  |  =  sie 
*  musicam  —  2  coniunctani  —  3  1,  3  p.  190,  12  cd.  Friedl.  —  ^  3,  12  p.  289, 
17  —  ^  at.  A.  —  '6  disputationem  censuimus  transferendani  —  "  (jnanti- 
tate  —  ^  tractatione  —  '■•  dissonantiam  et  consoiiantiam  —  '"  vcteres  mu- 
sicae —    "  loquemur    —    '2  divorsa    —    '^  diatonicis  —    "  nustpiani 


518  Reifferscheid. 

singulae  |  u  partes  septiugenta  stadiis.  partes  aut  sunt  ccclx  to- 
cius  [  circuli  uicesima  quarta  pars  .  d.  stad  qua  una  hora  j)aoit  | 
sol.  Ite.  X.  d.  stad  habent  quindecies  dec.  stad.  ind  üt  ut  sol  | 
XV  parte  unius  höre  dcc  stad  transcurrat.  |  Figur  |  diametrum  tocius 
frae  colligit  in  milibs  cciiii  stadio%.  |  bis  enim  nmnis  t  in  tercia 
&  septiina  terciae  parte  tocius  |  ambitus  id  cclii  stadii  || 


Cassiaot  conlationes  I — X. 

CSXXVII.  44.  membr.  8.  foliorum  220.  saec.  IX— X. 

f.  1  "^ '  ruut  2.  Unde  monentur  stipendia  pacientiae  j  &  cari- 
tatis.  adquirere  — 

f.  23  (xxi  •^)  disputationis  expectatione  suspensi.  |  Explicit 
prima  conlatio  |  abbatis  mosi  de  monacbi  |  destinatione  ui  ünc '  || 
f.  23''  Incip  eiusdem  seuis  j  secunda  "^^  discretione  |  Degustato 
itaq.  matutino  |  sopore  cum  ortum  lucis  tandem  nobis  cla|ruisse  — 

f.  48*"  (xxvi)  certi  iinis  adtingi  omnino  non  |  possit;  j  Ex- 
plicit abbatis  mosi  |  conlatio  secunda  de  |  discretione  j  Incip 
conlatio  abbatis  |  pafnutii  de  tribus  abre'nuntiationibus  |  In  illo 
scorü  clioro  ■'  qui  uelut  j  astra  purissima  in  noctc  inundi  istius 
re|fulgebant.  — 

f.  70"  (xxii)  ne  auditu  |  quidem  nos  antea  pcoepisse  nos- 
semus;  j  Explic  conlatio  aljbatis  pafnutii  |  de  tribus  abrenuntia- 
tionibus  j  Incip  conlatio  abbatis  danihelis  ||  f.  71  de  concupi- 
scentia  carnis  ac  |  spiritus;  |  Inter  ceteros  christianae  |  pLiloso- 
phiae  uiros.  abbatem  quoque  uidimus  danilielem  — 

f.  89''  (xxi)  non  |  abiecit ''  diuitis  uoluntate ;  \  Explicit  con- 
latio abba  tis  danihelis.  de  con  eras.  concu|piscentia  carnis  ac 
sps  I  incipit  conlatio  abbatis  |  sarapionis  "  de  octo  ui  tiis  priu- 
cipalibus.  ||  f.  90  .i.  In  illo  coctu  antiquissimo  rü  scnü  fuit  uir 
nomine  serapion  |  — 

f.  115  (xxvii)  intueri  nobis  uelut  in  spe'culo  uideremur;  | 
Explic  conlatio  abbatis  sa|rapionis  de  octo  uitiis  |  principalibus  | 


1  f.  1  erloschen;  ebenso  die  drei  ersten  Zeilen  von  f.  l*».  Vorher  fehlen  ein 
Quateniio  und  ein  Blatt  —21,6  XLIX  488  b  —  3  xxiii  -  ^  de  inf- 
nachi  intentione  et  fine  —  ^  choro  sanctoriim  —  ^  abiieit   —  '^  Serapionis 


Die  Bibliothekpn  Piemonts.  519 

Incipit  conhitiü  abbatis  j  lluMjdori  de  necc  scorü,  |  In  pahjstiiir 
partibus  iuxta  thaecuc  '  uicimi  qiii  amos  j^ph&a  mcruit  j)creare  — 

f.  137  (xvi2)  uel  illius  quacstionis  interjrogatione  cog-no- 
uimus ;  |  Explicit  conlatio  |  abbatis  thcodori  |  de  nece  scorum  || 
t".  137''  in  mg.  m.  s.  xiv  Hb  iste  sei  eusebii  .e.  |  Incip  con- 
latio. abbatis  |  sereni.  prima,  de  animae.  mobilitate.  et  spirita- 
libus.  nequitiis.  |  i  Summae  scitatis  |  &  continentiae  uiru  Ho- 
minis -^  I  sui  speculü  abbate  serenü  — 

f.   168*'  (xxxin-*)   duplicato  gaudio   conferemvis ; ''  |  Explicit 

conlatio  abba  tis  sereni  prima,  de  anime  |  mobilitate  et  spiibus. 
ne||  f.  169  quitiis;  Incipit  eiusdem  senis  |  conlatio  secunda  de 
principatibus; ''  j  i  Consuinmatis  quae  |  diei  sollemnitas  exigebat. 
et  ecclesiae  |  congregatione  demissa  (di  corr.).  reuersi  ad  cella.  — 

f.  197  (xxvi ')  doctrino  |  eins  plenitudinem  sitiremus.  |  Ex- 
plicit secunda  conl  j  abbatis  sereni  de  initio  prin  cipatmim.  | 
Incip  conlatio  prima,  abbatis  |  isaac  de  oratione  j  De  perpetua 
orationis  instantia '^  ||  f.  197''  adqu^e  incessabili  iugitate;  .i.  | 
Quod  in  secundo  institutioniim  libro  |  j)missum  est.  conlationes 
senis  hu  |  ins  — 

f.  216  (xxxv)  necdü  nos  integre  pcepis|se  illis  disputatio- 
nibus  senseramus;  |  Expl  conlatio  prima.  abba|tis  isaac  de  ora- 
tione II  f.  216'*  Incipit  eiusdem  senis  conl  secunjda  de  oratione 
I  I  Inter  •'  anachoretarü  institu  ta  sublimia  quae  utcumque  do- 
nanjte  do  licet  imperito   digesta  sunt  stilo  |  — 

f.  220  efi  latores  tantas  sie  quos  p  quinquaginta  '"  ||  f.  220'' 
unleserlich 


Cassiodorii  expositiones  in  psalvioi^-. 

XXXVm.   lOf),  iiK-inbr.   fol.  2  col.  folidniiii  277.  saec.  X." 

f.  1  falio  cassiodori  |  oxpositionum  |  in  psalteriu  |  Repuisis  '^ 
,  aliquando  in  rauennati    urbe    sollici  tudinib.  dignitatum.  &  curis 
saecularib.  |  noxio  sapore.  conditis  — 


*  Thecue  —  ^  xvii  —  3  norainisqiie  —  *  xxxiv  —  ^  conferamus  — 
*  aeu  potestatibns  add.  —  ^  xxv  —  *  om.  —  ^  haec  add.  —  "'  10,  4 
1.  c.  824  b  —  "  Die  oberen  Ränder  der  Handschrift  zerstört,  besonders 
gegen  Ende  —    '^  lxX  Vt 


520  Rpifferscheid. 

f.  1''  magni  nectaris  potus  suauissimis  delecta'tionib. 
auriatur.  1 1  Priinum  '  de  prophetiae  diuersis  specieb.  nihilominus  | 
est  dicendiim.  ut  quae  sit  ista  dauidica  possiin'  distinctius  edo] 
ceri  I  —  XVII  Septimo  decimo  laus  eck.  |  Nunc  ad  pmissü  ordine 
dno  pstante  ueniamus.  ]  De  prophetia.  |  i  Prophetia  ^  aspiratio 
diuina  quae  euentus  |  — 

f.  5  (xvii)  Nunc  minujtati  ad  exponenda  psalterii  uerba 
ueniamus.  |  Explicit  praefatio  psalmorum  |  Incipit.  diuersas  '^ 
notas  more  maiorum  |  certis  locis  aestimabimus  affigendas.  | 
lias  cum  explicationib.  |  — 

f.  5''  astronomia.  Explicit.  |  Magni  aurelii  cassiodori  sena- 
toris  I  iam  diio  praestante  conuersi.  incipit  |  Expositio  digesta 
psalmorum.  |  *  Quarc  priinus  psalmus  nou  habet  titulum.  |  Psal- 
mus  hie  ideo  non  habet  titulum.  quia  capiti  ni\)  |  diiü  saluatori 
de  (|U(>  absolute  dictus  ^  est  nihil  debuit  ]  proponi  —  orationis 
textus.  ante  nobis  ei'  relucere  possit  intentio.  |  Diuisio  psalmi.  | 
Uniuersus  textus  psalmi  huius.  propheta  referente  |  — 

f.  6  quasi  in  quibusdam  nucleis  |  fructus  dulcissimus  in- 
uenitur  |  Beatus  uir  j  Nimis  pulchrum  commodumq.  principiü  |  — 

f.  7"  psalmi  pulcher|rima  facies  elucescat.  Conclusio.  |  Totus 
hie  psalmus  ad  moralem  ptin&  disciplina  |  — 

f.  S  noscuntui".  cuius  haec  causa  suscepta  sunt.  [  Explicit 
psalmus  primus  |  Incipit  psalmus  secundus.  psal.  dd.  |  — 

f.  97''  (l)  Ar  nos  a  debitis  •'  tamquam  reniissionis  |  anuus 
praestante  diio  reddit  inmunes.  |  Explicit  pars  prima  |  cassiodori 
senatojris.  qua  continent  ]  psalmi  quinquaginta  |  Incipit  eins- 
dem  pars  scda  |  a  psalmo  quinquagesimo  usq.  centesimo  |  In 
fine ''  intellectus  dd  cü  uenit  doech  |  idumeus  et  adnuntiauit 
saul  et  dix. '  uenit  dd  |  in  domum  achimelech.  "^  ||  f.  98  Ut  ti- 
tulum  nobis  aperiat  causa  breuit  intimata  •'  ]  — 

f.  183''  qui  liberare  |  solus  praeual*  conlitcntes.  |  Feliciter 
do  gratias.  amen.  ||  f.  184'"  cassiodori  senatoris  exigui  serui 
di  iam  diio  pstante  couersi.  |  incipit  expositio  psalmo%  a  centü 
usq;  in  fine.  Oro  paupis  cri  anxi'  |  fuit.  t-  cora  dno  effudit  pee 
sua.  I  Vauis  aliq  psente  psalmü  diio  saluatori  aptandü  ee — ^pbant 
expliciti.  |  aup  "  iste  mundanis    diuiciis  egens.  s;  supnis    uirtu- 

1  l)rimo  —  2  est  add.  —  ^  Siehe  i  268  ii  21 :  im  Texte  überall  notae  —  ''  dictu- 
nis  —  ''  (lelictonim  add.  —  '''  finom  —  "'  illi :  Ecee  add.  —  *  Abimolech  — 
'■'  intimanda  —   '"  f.  S14  (eingesetzt)  saec.  xiii — xiv  —  "  Divisio  psalmi.  Pauper 


Hie  Bibliotheken  Piemonts.  o2l 

.    ~        .  .  .* 

tib;  I  —  finut  j  in  <;'aiiclio.  |  ne  '  exaiuli  oratiuucin  iiicani.  t- 
clamor  ad  te  p|ueniat.  —  f.  1(S4''  plurinia  |  deberc  cognoscunt.  ||  — 

f.  273''  (cxLviiii)  &  rerü  ipsai^  |  proprietatc  diuisus  est.  cl. 
alleluia.  |  Ecce  iterü  salutaris  illc  pco  rcmittit.  Non  do  uictu 
carnali  |  —  qui  nullis  limi|tib.  tenninatur.  Continentia  psahni.  | 
Psalmus  iste  leiiatus  ad  illam  concorde  scorum  omniü  |  unitatem. 
—  inmaculati  coram  ipso.  |  Laudatc  dSm  in  scis  cius  Laudate 
eum.  I  — 

f.  274''  &  qui  adhuc  rüdes  sunt  planissime  dicta  |  sine 
offensione  pcipiant.  conclusio  psalmoi'ü  |  Explicitus  est  decorus 
&  mirabilis  ordo  psahnorum.  |  — 

f.  275  tendere  &  laboris  terminiun-  pucnire.  [  Oratio,  j 
j  Tu  dne  uerus  doctor  &  praestitor  aduocatus  &  iudex  |  —  Nunc 
salomonis  dictü  uideamus  quae  proprios  |  expositores  habere 
noscuntur.  |  Finit.  feliciter.  |  Ine  passio  sei  apollinaris  epi.  | 
In  dieb.  claudii  cesaris  ueniens  petinis  apls  |  ihü  xpi  nazareni 
ab  antiochia  in  urbem  roma  |  — 

f.  277''  expletis  eloquiis  defunctus  e  |  Zweite  Columne 
unleserlieh :  am  8chluss  m.  nl.  Bericht  ül)er  eine  Devnstatio 
eusebianae  ecclae  durch  Uherfus  Ritfus  heresiarcha  et  mmus  ch- 
monicola  und  Excommunication  desselben. 

Cod.  XCII.  12.  (membr.  Grossquart.  2  col.  foliorum  213. 
saec.  X.)  enthält  die  pars  prima  desselben  Psalmencoramentars 
(i  —  l)  in  gleicher  Form.  Am  Schluss  f.  213  m.  aequali  die 
Verse :  Nocte  pluit  tota  redeunt  spectacula  mane  |  diuisum 
imperium.  cum  ioue  cesar-habes  |  Sic  vos  non  vobis  mellificatis 
apes  I  Sic  uos  non  uobis  uellera  fertis  oues.  f.  213''  finden  sich 
folgende  Anfänge :  Nouimus  quantas  dederit  ruinas  urbe  flamata 
patribusq;  |  Nubibus  atris  condita  nulluni  |  Quisquis  composito 
serenus  euo.  —  Die  secunda  pars  (li  —  c)  ist  in  Cod.  XCIII.  54. 
(membr.  Grossquart.  2  col.  foliorum  171.  saec.  x.)  enthalten, 
gleichfalls  ohne  bemerkenswerthe  Abweichungen. 

CAssiODOEn  hisforia  trqxirtita. 

Ol.  158.  membr.  Grossquart.  2  col.  foliorum  205.  saec.  IX— X. 

f.  1  m.  s.  AT  Hb  eccstice  ystorie  epiphanius  |  Vtiliter'' 
nimis    in    capite    libri  j5fatio  |  ponitur    ulii   futuri    operis    quali- 

'  Expositio  ps.ilmi.  Doniine  —  2  terminus    -    ^  LXIX  879 


522  Reifferscheid. 

tas  I  —  sub  numero  |  conpetenti  ]5dictü  ee  cognoscit.  |  Explicit 
prologus,  I  Perlegi  p  cassiodori  |  senatoris  iam  dno  pstante 
cuersi.  '  j  i  Allocutio  sozomeni  ad  imperatorem  |  theodosium '-.  |  — 

f.  16  XX  Quia  tä  pro  arriana  questione  qua  |  pro  pasche 
definienda  festiuitate  |  nicea  •'  fecit  constantinus  |  celebrari '  con- 
ciliura.  I  Expliciuut  capitula  |  Incipit  liber  piiin  |  oratio  allocu- 
toria  sozomeni  iu  |  theodosium  im]5rem  aiunt  anti|quis  principib. 
diligentiae  studiü-''  |  — 

f.  27''  (xx)  et  qui  cum  eis  erant  ad  synodum  |  uenire 
]jraecipiens.  |  Explicit  über  primus  |  Incip  liber  secuud  |  incip 
liber  tituli  j  i  De  presulis ''  eclarum  ^ic  qui  interfuer  |  niceno 
concilio.  |  — 

f.  28  XXVI ''  De  diuisioue  antioceui  populi  |  propter  eusta- 
thium.  j  Explicit  capitula.  |  Incip  Hb  secundus  nomina  |  epi- 
scoporum  uiceni  concilii  [  sozomeuus  ^  |  Communicabant  igitur 
niceno  |  concilio  ex  apostolicis  quidem  |  sedib;  macharius  hyero- 
solimütanus.  eustachius  ^  iam  j5sidens  |  antiocheue  apud  .  orantem 
eclae  |  et  alexander  alexandriae  quae  j  est  apud  stag-num  mariä: 
lulijus  aut  romanus  eps  — 

f.  42"  ut  sequentis  libri  ordimus  '"  initiü  |  Expliciunt  histo- 
riae  aeclesiasti  |  Hb  .ii.  |  Incipiunt  tituli  Hb.  in  |  i  De  conuer- 
sione  gentis  indorum  |  atque  persarum.  —  xii  Quomodo  et  ubi 
constantinus  ixnpejratores  tres  suos  ^^  filios  ordinauit  •'-  |  et  pcepto 
baptismate  sit  defunctus.  |  sozomenus  '^  |  In  temporib;  religiosi 
principis  |  constantini.  &  indorum  gentes.  |  et  hiberorum  — 

f.  öP  annus  secundus  dujcentesime  octauae  olimpiadis.  | 
Explicit  historiae  oclesi|asticae  Hb  .in.  |  Incip  eiusdem  histo- 
riae  j  liber  im.  |  Incipiunt  capitula  |  i  Quomodo  p  quendam 
pbrm  dogma  j  arrii  pullulauerit.  |  —  f.  52  xxxvini  De  macedonio 
eiusq:  crudelitate.  |  Sozomenus'^:  1 1  Igitur  sub  imperio  constantini  | 
p  eclas  talia  ^puenef.   — 

f.  08''  (xxxviiii)  ciuitate  syllirci  '"■  nee  ii  et  hesperiae  | 
partes  nianebant  in  monte  "'  |  Historiae  occlesiastice.  Hb  .nii.  | 
Incip  eiusdem  Hb  .v.  |  Incipiunt  tituli.  Hb  .v.  |  i  Quia  defuncto 


'  Perlegi  etc.  om.  —  ^  Oratio  allocutoria  SozoirnMii  .ul  Theodosiniii  imixTa- 
torem  —  '  in  Nicea  —  ■•  celebrare  —  '->  diligcntiani  stndiumque  —  ''  prae- 
sulibus  —  '  XXV  —  *  nomina  etc.  om.  Vgl.  i  2G2  —  ^  Eustathius  —  '"  or- 
dinetnr    (ordiamur  cd.)   —    "   om.    —    '-    reliquerit  '3    om.   —    '''    ovi.   — 

1^  civitates  Illyrici  —    "^  immotae 


Die  Bibliotheken  Piemonts.  523 

constante  nirsus  urria  ni  constantium  aduersns  alliana  siuii)  inci- 
tanint.  |  — 

f.  (39  xi.viii  ^  QuoiiitKlo  iullanus  nei^-ata  xpiana  |  i'cli^ione 
bellu  contra  constantiü  |  praeparabat  -  et  de  morte  constautii.  | 
breui  quidem -^  tempore  ptereimte  |  defuncto  theodoritus  ^.  |  i 
Occidentis  Imperator  &•'  constante  |  coiistaütiunr  fautores  arri' 
m.  (i/.  com|pulerunt  — 

f.  94  (xLviiii)  et  ü  post  mul  tu  constantinopolim  ueniens  | 
appellatus  e  Imperator.  |  Explicit  liber  v.  ||  f.  94''  i  De  iuliani 
genere  ac  disciplinis  et  quo  modo  pnenerit  ad  imperium  |  — 

f.  95  XLViii  Que  magie  post  morte  eins  in|iientp  sunt,  •' 
Explic  titu|li  libri  .vi.  Incipit  lijbri  vi  Socrates "  |  Nunc  igitur 
de  iuliano  pauca  dicen|da   sunt  eiusq:  g-enere  ac  disciplina  |  — 

f.  114''  (xLViii)  Uerum  in  antiocliia  |  plurimas  arcas  in 
palatio  huius ; ""  |  Tlistoriae  eclesice  Hb  sextus  |  explicit  feliciter  | 
Incipit  eiusdem  libri  |  septimi.  |  i  De  iouiani  inqjiis  aus])iciis 
*  que|admodum  pside  ■'  tinib.  sit  egressus.  |  — 

t.  115''  XL  Littere  petri  alexandrini  pon  tiücis  in  quibus 
lucii  mala  re  feruntur  [  Expliciunt  tituli  li|bri  septimi.  |  Incipit 
liber  .vii,  |  Socrates"^.  |  Milites  igitur  in  maxima  estimajtione  " 
uenieutes  omissa  omni  dijlatione  — 

f.  148''  (xl)  bellum  sine  ullo  foede're  susceperunt:  ||  f.  149 
Incipiuut  capitula  |  libri  .viii  j  i  De  conuersatione  miraculis  a  | 
responsiouib;  1  seriptis  diuersorü  |  monachoru  nee  non  '-  epb- 
rum.  I  —  XV  Quomodo  ualens  contra  gotlios  |  pugnando  sit 
deuictus  ac  ''^  mortuus  |  lucip  liber,  viii  |  Socrates  '^  |  Eo  tempore 
fuit  arsius  i^  monas  terii  psuli.  "^  Is  enim  ''  delinquenjtes  noii 
excommunicabat.  — 

f.  IGO  Defunctus  e  '"^  j  anno  uitae  quinquagesimo.  qui  cii  | 
fratre  regnauit  annis  xiii '«  on.  al.  post  |  fratre  uero  tres.  Taliq; 
Sorte  dejfunctus  est.  |  Finit  Lib  .viii.  |  Incipiuut  capitula  | 
libri  .villi  I  Quia  mortuo  ualente  constantinopolim  barbari  de- 
uastabant.  |   — 

f.  IGO''  L  De  line  theodosii  principis.  |  Expliciiint  capitula  | 
j    Incipit    liber    .viiii  |  i    Igitur    defuncto    ualente.    denuo  |  barbari 

'  L  —  2    parabat   —    ^    siquidem  —  ■•    om.    —    ^  iniporaturi-    —    ^   sint     - 
I  "  07».  --  ^  hunianis  aiunt  capitibus   —   potenfia  copuletur  adrl.  —  ^  a  Per- 

sidis    —    1"   om.  —    n   aestuatione    —    '-    et    add.  —    i3    et   —    '^    om.   — 
'^  Arsenius   —    ic  praesul   —    ''^  om.   —    '"^  aiitciu  add.  —    '9  tredeciiii 
Sitzb.  d.  plüL-hist.  Cl.  LXVUI.  lid.  III.  IHt.  ;U 


524  Reiffersclieid. 

usq:  ad  murus  cstantinopoleos  |  ueuieutes  ei'    suburbana   uasta- 
bant.  I  — 

f.   1 75''  post  hoc  I  aiit  prior  surgit  eps  &  eleuat    iacentes  '  || 

2 

f.   176  tantmnmodo^    pane    uescunt.  Alii  neq:  hoc.  |  — 

i.  180  Vixit  aut  impr  theodosius  |  annis'^  xl^  ex  quib: 
sedecini  iinperauit.  |  Exph  Hb  .viiii.  Ine  .x.  |  Incipiunt  capitida  | 
I  De  successione  arcadii  &  honorii.  |  —  xxxv  De  fine  impfis 
arcadii.  Socrates  ^  |  Defuncto  •*  theodosio  ei' '  imperio  lilii  j 
successef.  arcadius  in  Oriente  honojrius  aut  in  occidente.  hoc  tem- 
pore I  in  roniana  damasus  psidebat  ecchi  |  in  alexandrla  theo- 
philus.  ierosolimis  |  iohannes.  flauianus  antiocena  tenebat  | 
sedem.  coustantinopolitanamq:  nectarius.  ||  — 

f.  lOP  (xxxv)  post  morte  |  uero  patris  quattuordecim. 
uixit  I  annis  xxx  &  uno.  |  Finit  liber  .x,  Incip  .xi.  |  i  Quia  theo- 
dosii    iunioris  imperiü  regebat  pfectus "»  anthe|mius.  |  — 

1.  192  XVIII  Quomodo  iohannes  tyi'annus  in  occidente 
fuerit  I  superatus.  |  i.  Igitur  arcadio  ^  impi-e  defuncto.  houorius  | 
quidem  ei'  ff  regebat  '"  hesperiae.  |  Orieutales  ante  j)uinciae 
sub  ditione  manejbant  theodosii  iunioris  — 

f.  198  (xviii)  uenientesq:  ad  |  locü  orationis  iugi  die  gratias 
diio  retider.  |  Finit  lib  .xi.  Incipimit  cap  |  i  De  ortu  ualeuti- 
niani  principis  lilii  placidiae  |  —  xvi  Quia"  jjchis  thessaliü '- 
senatore  auctoritate  |  sua  caesariae  cappadociae  fecit '"*  epni.|| 
f.  198''  i  Igitur  occiso  tyranuo  cogitabat  theojdosius  impr  cui 
deberet  hesperiarum  |  — 

f.  204*"  haec  equidem  "  |  in  eccla  illo  tempore  gerebantur,  | 
Nos  ante  hie  terminü  faciani'  histo  riae.  in  pace  gubernari 
cunctas  |  ecclas  gubernautes.  ^°  Nos  ergo  j  o  sacratissime  homo 
di  theodore  |  tua  compleuimus  iussionem.  |  finein  facientes  histo- 
riae  in  anno  j  scdo  tricesimae  "^  quintae  olyinpia|dis  consulatu 
septies  decies  ''  impT'is  |  theodosii.  percoutuli.  '^  |  Finit  || 


>  9,  35  1.  c.  1151  c  —  2  9,  38  1.  c.  1155  c.  Zwei  Blätter  fehlen  —  3  annos 
—  4  scxagintu  —  ^  om.  —  <■  igitur  add.  —  ■*  iu  eins  —  *»  praefectus 
regebat  —  ^  Arcadio  igitur  —  '"  partes  regebat  —  "  Quod  —  '-  TJia- 
lassium  —  '■*  fecerit  —  '^  (juidern  —  '^  exorantes  —  '''  trecentesimae  — 
1''  decimo  septimo  —   '*"  ovi. 


Die  Bibliotheken  Piemoiits.  525 

) 
CXLVlr.  IG.  membr.  8.  Ibliorum  aGS.  saec.  IX— X. 

f.  1  Incipit  glosani.  fulg-cntii  epi  ad  Cal|ciduin  gramnia- 
ticum.  I  Incipiunt  capitula  |  i   Quid  sit  sandapila.   — 

f.  P  Lxv  Quid  sit  I  aumatium  |  Quid  sit  dejlcnificus.  |  Ex- 
pliciunt  capitula  I  Incipit  textus.||  f.  2  Ne  de  tuorü  domiuc 
praeceptörii  scric.  ni^m  |  quisquam  —  mani|festati()nibus  dantes 
operam  lucidandis.  |  i  Sandapilara,  dici  antiqui  uoluerunt.  feretrü  | 
mortuorü.  — 

f.  6  Lxii  Deleneficus  dicitur  Llandiloquus.  Undc  &  lucre- 
tius.  I  comicus.  in  nunimvdai'ia  ait.  nescio  quorsü  mihi  ue  niant 
tua  uerba  tarn  delenifica.  Explicit  liber  |  Fulgcntii.  Incipit  sermu 
uenerabilis  |  uiri  ambrosii  mediolanensis  cpiscopi  ||  f.  6''  qui  pasto- 
ralis  '  dicitur.  |  Si  -  quis  fi^  oraculü  reminiscatur.  quo  ■'  frugi 
famulü  deseruata  |  sibi  pecunia  qua^  j5rüg'andü  susceperat  in- 
crepauit  diccns.  tu  ]  dedisses  pecimia  mea.  et  cgo  ueniens  cü 
usuris  exegisse  eam.  |  — 

f.  13  Ut  eis  una  raecü  |  tribuas  caclorvi  regna.  quae  scis 
in  regnu  celorü  ■'  dare  j  promisisti.  ^  Amen  |  Explicit  liber 
pastoralis  beatissimi  amjbrosii.  Incipit  Scissimi  liieroninii  lib 
de  septies  pcussa.  |  Sepe  ^  a  me  innocenti  carissiiue  postulasti. 
ut  de  eius  milraculo  rei. '^  quae  in  nrani  aetate  inciderat''  fi 
tacerem.  {  — 

f.  15''  pro|meretur.  ut  reddita '"  uitae  redderet.  "  liber- 
tati.  I  Finit  de  septies  percussa  liber  sei  liiero|nimi||  f.  W^'- iihcr 
der  ersten  Zeile  m.  post.  Incipit  liber  ecclesiasticae  isturiae  j 
Utiliter  '•'  nimis  — 

f.  151''  Confitentes  ee  dm  qui  ab  eorü  progejnitoribus  liguo 
probat  appensus.  quod  audiens  iulianus  ' '  ||  hinter  der  Zeile  m.  s. 
XIII.  Nota  h'  qterniones  plcres  sie  \  deesse;  |[  i".  152  scripta'"' 
est  et  quantura  errent  q  extra  eam  uolunt  aliquid  |  edocere. 
Cognosce  dö  ammabilis  impr  qiTi  hocquidem  prejdicatur  a  sclo  — 


'  Do  dignitate  sacerdotali  —  ^  XVII  öG7  —  ^  quo  Dominns  —  ^  qufini  ad  — 
•"'  tine  saceulorum  —  f»  promisisti  perpetua  —  '>  op.  1  XXII  325  —  '^  eins 
loi  miraciilo  —  9  nostra  aetate  aceiderat  —  i"  redditaui  —  "  redderet  m.  I  — 
'-  Von  liier  au  vi.  s.  x  —  '•'  LXIX  879.  Der  Text  in  dieser  und  in  der  vur- 
hcrgehcndeii  Handschrift  selbst  in  Kleiuig-keiten  fast  überall  übereinstinimc  nd 
—  !•>  (5,  43  1.  e.  1059  c   —   i-'  7,  3  1.  c.  lOGö  c.  Ein  Quaternio  fehlt 

34* 


526  Eeiffeisclieid. 

f.  265  haec  equide  '  |  in  ecla  illo  tepore  gerebautiir.  Nos 
aut  hie  tenniniim  |  faciamus  historiae  in  pace  gubernari  cunetas 
ecclesias  -  I 


Clementis  rexognitiones. 

CVTII.  1.  mpinbr.  4.  foliorum  374.  saec.  VII. 

f.   1   huius  dominus    ipse    omnipotens    ds  |  gubernator^  — 

f.  ö**  praedicationis  petri.  sed  et  nune  expoinere  iani  quae 
precepit  incipiam.  |  araeu^  |  Explicit  epistula  |  iacobi.  ■''  legenti 
uita  II  f.  6  priniu  sie  eapitulmn  in  quo  continetnr  |  Studium  saneti 
clementis  a  pueritia  |  sua  usque  ad  aduentum  barnabae  |  apostoli 
romae  |  et  profectio  eius  ad  iudaeam  discendi  |  apostolum 
petrum  i  — 

f.  V  (xvii)  et  maxime  per  |  septimanas  annorum  |  Expl. 
elencus.  primi  libri  '•  ||  f.  8  üher  der  Seite  m.  s.  riii — ix  Incipit 
prologus.  ad  papa  gaudentio.  j  (unter  der  Seite  m.  ead.  rugatus 
quidam  doctor.  a  gaudentio  papa  |  lioc  opus,  ex  greca  lingua  in 
latinum  conuertit)  Tibi "  quidem  papa  gaudenti  nostrorum  de- 
cus  I  insigne  ductormn  tantus  ingenii  uigor  est  ■=*  |  immo  tanta 
sps  gratia  —  f.  10  quod  sumat  narrationis  initium.  (Explicit  pro- 
logus stip.  üers.  m.  s.  viii — ix)  Ego  clemes  j  in  urbe  roma 
natus  ex  prima  aetate  pudi'citiae  Studium  gessi  — 

f.  50^  pollicerer  cibo  sumpto  quiescere  iussit"  |  sibique 
ipsi  "'  quietem  dedit.  |  Liber  primus.  expl.  |  Inc.  liber  secundus  | 
amen  II  f.  51  .i.  In  quo  continetur  inquisitio  petri  de  morib.  |  et 
actibus  Simonis  et  relatio  nicete.  |  et  aquile  de  sceleribus  eius 
qui  fuerant  |  quandam  sie  discipuli  ipsius  j  — 

f.  51''  ut  possit  mundus  effici^'.  ||f.  52  cum  autem  dies 
quae  ad  disceptandum  |  — 


'  quidem.  In  der  Capitulatio  des  zwölften  Buches  (f.  256'^):  i  De  ortu  ualen- 
tiniani  principis  percontuli  filii  placidiae  —  '^  12,  16  1.  c.  1214  c.  Zwei 
Blätter  fehlen  —  '^  Cotelerii  patres  a])C)stolici  i  615  (sit  ergo  vohis  navis 
dominus  deus  et  assimilentnr  gubemator  quidem  Christo).  Eine  sehr  wich- 
tige Handschrift,  die  manches  Abweichende  und  Unbekannte  enthält  — 
^  (praedicationum  Petri  in  iieregrinationibus.  Caeterum  exponere  ut  iussns 
suni  incipiam)  —  "  epistola  Clementis  ad  lacobum  —  ^  unedii't?  —  "  1.  c. 
AiM    —  ^  om.    —   9  nos  iussit  —   "'  ipse  —   ^'  In  quo  —  effici  unedirtV 


Die  Bibliotheken  Piemoutt.  Ö27 

t".  94  similiter  autem  et  nos  oni  ucs.  erat  eiiiiu  iam  iiox.  | 
.amen.  |  Explicit.  über  .11.  |  Incipit.  liber  .m.  ||  f.  94''  Interca 
petrus  gallorum  cantib.  surg-es  |  — 

f.  133  cum  aliquantis.  qui  |  pctrum  sequi  decreuerant. 
lideli  bus  uiris  caesarea  proficisciniur  |  Explicit.  clementis  |  liber 
tertius  |  Inc.  liber  quartus  ||  f.  133''  Profe'ti  m.  al.  a  ^  caesarea 
ut  tripolim  pergeremus  apud  doram  breue  oppidura  |  — 

f.  151''  nobiscum  uesperc  facto  ingressus  |  cubiculum- 
quieuit.  |  Explicit.  clementis  \  liber  quartus  |  Inc.  liber  quintus|| 
f.  152  Sequenti  autem  die  paulo  citius  qua  |  solebat.  consurgens 
petrus  inuenit  nos  |  — 

f.  174  suis  quisquc  '  locis  requieuimus^  |  Explicit  cle- 
mentis I  liber  quintus  j  Incipit  liber  sextus||f.  174''  Ubi  uero 
rarescentibus  tenebris  |  primum  dies  coepit  proferre  crepusj 
culum  I  — 

f.  185  bis  qui  erant  aput  tripolim  |  antiochiam  proticis- 
cimur.  |  Explicit  clementis  |  liber  sextus  |  Incipit  liber  septimus|| 
f.  185''  Egressi  tandem  etiam  tripolim  |  foenicis  '  m'bem  pri- 
mani  in  liortosia|de  ■'  aut  procul  a  ti'ipolim "  facimus  |  man- 
sionem.  — 

f.  207  dixisset.  uespere  facto  requieuimus.  ||  f.  207*'  In  libro 
septimo  cognobit.  clemens.  et  faustus.  et  faustinus  matrem  suam.  | 
set  amore  legentium.  et  ipsum  sepius  |  reuolbentium.  oblitteratus 
est.  set  mo  ris  aquile.  renobate  iubentute  eins.  '  m.  s.  viii — ix  \ 
Explicit.  clementis  |  liber  septimus  j  Incipit.  liber  octauus  |  felix 
legas.  II  f.  208  Postera  autem  die  petrus  mane  j  adsumptis  fra- 
trib.  meis  et  me  des  cendit.  — 

f.  253"  ima  cum  petro  |  ingressi  hospitium  cibo  et  quiete  | 
solito  utimur.  |  Explicit.  clementis  |  liber.  octauus  |  Incipit  liber 
nonus  II  f.  254  Sequenti  die  petrus  uana  ^  nobiS|Cum  maturae 
ad  locum  in  quo  die  '^  |  habita  — 

f.  305"  possit.  nam  de  uenere  hoc  mo|do  allegoriam  tra- 
dunt  ubi  aiunt  i"||  f.  306  culari  '^  dum  cogitat  quomodo  dis  penset 
abundantiam  frugum  |  — 


om.  —  -  in  cubiculum  —  ^  quiquc  —  '  Phoenices  —  ^  Ortosiado  — 
6  Tripoli  —  "  In  libro  —  eins  oiti.  —  *  un.i  —  'J  pridie  —  '"  10,  'M  1.  c, 
596  —    11   10,  45  1.  c.  508.  Ein  Qimteniio  fehlt 


528  Reifferscheid. 

f.  325  ualeidicens  eis  proliciscitur  a  laudicia  miiltum 
desiderabilis '  j  Clementis  |  recognitionum  |  explicit  liber  decimiis  | 
ine  .XI.  trauslatus  |  de  graeco  in  latinum  |  a  turanio  rufino  | 
aquiliensi.  ora  pro  me  ||  f.  325''  Proficiscenti  autem  petro  |  eadem 
diem  occurrunt  qui  mislsi  fuerant  cum  faustiuiano  -  |  — 

f.  330  exposuit  ita  ut  omnis  ciuitas  quasi  angelum  eum 
aspiceret  et  non  minorem  ei  |  gratiam  quam  apostolo  exhiberet  -^  | 
amen.  |  Sei  clementis  explicit  |  Hb  .xi.  quae  aput  latinos  |  diffi- 
cile  inueniri  potest  |  qui  legis,  ora  pro  mc||  f.  330''  leer  \\  f.  331  ' 
Pauli '"  tempus  demorantis  romae  |  et  multos  conlirmantis  in 
fide  I  contigit.  etiam  quendam  nomine  |  candidum.  uxorem  quarti 
a  praeclu|sionibus  audire  paulum.  et  intueri  |  sermonibus 
illius  et  credere.  cumque  et  ipsa  maritum  suum  docuisset  |  et 
credidisset.  quartus  permansit  |  paulo.  ut  ubi  uellet  iret  ab  urbe  | 
cui  dixit  paulus.  si  fuerit  uolumtas  |  — 

f.  364'' ''  in  mu"jditia  et  concupiscentia  percipite  |  com- 
muuicationem  xpi  credentes  ||  f.  365  ex  utroque  perfectus  de  tali 
enim  dicejbat  dns  noster  uiro  diuiti  qui  profert  |  de  thensauris 
suis  noua  et  uetera.  — 

f.  365''  interea  |  dmn  haec  aguntur  plurima  multitudo  co|| 
f.  366  nit  quos  non  solum  desiderium  |  petri  sed  et  sanitatum  — 

f.  366''  sudore  diuinae  amoenitatis  deiliciis  perfruinai" 
ac  debitum  et  non  di  ||  f.  367  in  aeternum  uitam  non  sequa- 
mini  |  ex  eadem  hora  adorabant  eum  tarn] quam  diTi  pedibus 
eins  deuoluti  et  quos  |  — 

f.  367''  et  obsetrix  quaedam  honesta  fe||  f.  368  autem 
magnificabat  diim  quoniam  pau'peres  refrigeratur  ieraut  quidani  ] 
autem  de  fratrib.  dicebant  petro.  uide  |  frater  ne  non  bene 
acceperis  paecuni^am  — 

f.  368''  filii  tui  ego  ad  te  ideo  re  ||  f.  369  uersus  sum  alia 
autem  die  turba  mag  na  conuenit  ad  platea  quae  dicitur  |  sacra 
uia  ut  uiderent  eum  uolantem  |  — 

f.  369''  romae  morabatur  |  cum  fratribus  gloriosus  in  diio  || 
f.  370  et  gratias  agens  die  ac  nocte.  turjba  adueniente  credeu- 
tiura  in  nomine  xpi  — 

>  10,  68  1.  c.  G02.  f.  320  unten  m.  n.  x  florencius  presbiter  uiua  in  — 
■^  Völlig  abweichend;  vgl.  10,  (j8  —  -'In  der  Ausgabe  Schluss  des  zehnten 
Buches  —  ^  Unten  m.  v.  xi  puto  quod  iste.  hactus.  petri.  et  pauli.  & 
Simonis  apocrifus  —   ^  ?  —   f"  Von  hier  an  die  Blätter  versetzt 


Die  Bibliotheken  Piemonts.  529 

f.  o70^  liaec  et  |  omnes  tVatres  (3i  dicebaiA.  quibus||f.  371 
iie  te  itaque  adiieniente  et  retribuente  unicuique  secunduin 
taCjta  sua  et  nunc  nolite  tiirere   — 

f.  371''  et  dus  ipse  dixit.  si  non  feceritis  de  //||  f.  372  dex- 
tram  tuam  quam  sine  tua  — 

f.  372"  ut  quae  didicistis  possint  perma[uere  in  uobis  ut 
possitis  ad  ea  per||  f,  373  uenire  quae  promisit.  sc  datu^  [  quae 
neque  oculus  uidit  — 

f.  373"  factus  est  fax  omni||  f.  374  bus  et  qui  legunt  et 
qui  I  audiuut  actus  petri  apostoli  ex|plicuerunt  cum  pace  et 
Simone  |  amen  |  Expl.  epistula  sei  petri  |  cum  simone  mago  | 
quemadmodum  |  uaute  portus  |  ita  scribtori.  nouissimus  |  uersus  || 


CoNCiLiORUM  acta. 

LXXVI.  \<o.  membr.  Grossquavt.  2  col.  folionnu  292.  saiiC.  IX— X.' 

f.  1  Canonistische  Excerpte  m.  s.  x — xi  \\  f.  1"  Sermo  de 
uita  et  actib;  beatissimi  eusebi'  m.  al.  et  martyris  xpi.  | 
De  pcipuis-  frs  kmi  sollepnitatib.  semper  \  nobis  aliqd  dicen- 
dimi  est  uulgaribus  (guilgaribus  cor?-,  vi.  ead.)  —  de  carnis  erep- 
tus  e  ergastuIo.||  f.  2  In  nom  dni  nri  |  ihii  xpi  in  hoc  codijce 
continetur  |  haec  inprimis  |  i  Pretacio  crescouii  de  ccordia 
canonü  j  ii  Dehinc  succedunt  capla  concordie  |  canonum.  |  in 
Nomina  praesulü  romanorum  |  im  Nomina  cstantinopoIitauo% 
ep5*  j  V  Prefatio  canonü.  j  vi  Capitula  canonum  conciliorü.  <t 
praesulum  romanorum.  |  vii  Canon  aplo?t  titulorü  .l.  j  —  xvi  Con- 
cilii  mundani.  hoc  e  uniuersalis  |  apud  chalcedona  cgregati  |  cap 
.xxviii.  I  —  Lxxviiii  Lex  lata  Constantini  Augustini  |  de  arrii 
dapnatione  atq;  omni  |  scriptura  ab  eo  igni  tradenda.  |  lxxx  In- 
cipit  de  liberio  j  lxxxi  Epla  uniformis  liberii  ej)i  ante|qua 
exsiliaretur  confessoribus  [  scribsit.  id  est  eusebio  &  dionisio  j 
&  lucifero  in  exsilio  cstitutis.  1  lxxxii  Quae  dixit  idem  liberius 
ante|qua  ad  exsiliü  iret.  uincentio  cappuensis.  et  heliano  spo- 
letano.  [  lxxxiii  Eiusde  scripta  ad  orientales  epos.  |  lxxxiiii  Item 
liberius    de    exsilio    scribit  |  ursatio    ualenti    &    gemino   |   lxxxv 


'  Vgl.  Maassen   Sitzuugsber.    der   philos.-histor.    Classe    der    kais.    Akademie 
d.  W.  Bd.  53  Jahrg.  18ß6  Heft  i— m  S.   411  sq.  —  2  ? 


530  Keif  feisclieid. 

Item  de  exsilio  scribit  uincentio.  |  lxxxvi  Confessio  fidei  catho- 
lice  qua  |  papa  damasus  iiiisit  ad  paulinü||  f.  3''  anthiocenü 
epm.  I  Lxxxvii  Explanatio  beati  liyeronimi  |  pt)ri  ad  daniasum 
papa  de  trijbus  hypostasis.  ]  lxxxviii  Rescriptü  damasi  papae  ad 
peititus  liieronimi  ad  paulinum  |  epTii  anthiocenü.  |  lxxxviiii 
Conciliü  urbis  rome  sub  dama|so  papa  de  explanatione  fidei.  j 
xc  Epla  papae  syricii  p  uniuersos  |  epus  missa  |  xci  Res- 
criptü epo^f  atq.  ffiim  ad  sylriciuni  pap.  |  xcii  Epla  concilii  kar- 
taginense  ad  innocentiü  papa  urbis  rome.  |  xcni  Rescriptio  sei 
papae  innocentii.  |  ad  conciliü  Kartagenense  (gi  corr.).  |  xciiii  Epla 
imperialis  ad  aui-elium  Karjtaginense  epm.  j  xcv  Epla  aurelii  epi 
ad  onis  epos  p  |  bizacena  &  arbutiana  j^)uinciä  |  constitutos. 
de  damnatione  pe  lagii  atq.  caelestii.  |  xovi  Capitula  excerpta 
de  gestis  habitis  contra  pelagiü  hereticü  |  &  alia  de  libellis 
eins,  quae  in  pajlestina  synodo  sibi  obiecta  ipjse  damnare  com- 
pulsus  e.  I  xcvii  Epla  celestini  pape  ecclae  romano.  |  data  ad 
synodü  in  epheso  constituta  |  xcviii  Item  alia  epla  celestini  pape. 
ad  nestorium.  |  xcviiri  Epla  exhortatoria  eiusde  sei  celestini  | 
constantinopoli  clero  &  plebib;  missa.  |  c  Excerpta  antistitü  que 
recitata  sunt  |  contra  nestoriü  in  synodo  ephesio^.  |  oi  Nestorii 
blaspliemiarü  capitula  qb;  |  epHs  ad  se  missis  a  scis  celestino 
romajnae  urbis.  &  cyrino  alexandrino  epis  |  contradicit.  &  dis- 
putatione  breuissi'ma  resoluendo  duodeci  capitula  tidei  |  quae 
a  se  missa  fuerant  repellit.  |  cii  Exemplar  eplae  synodi  serdi- 
censis  facjtae  ad  iuliü  urbis  rome  epm.  |  cm  Accusatio  syxti 
papae.  |  ciiii  De  polyclironio  hierosolomitano  epo  |  cv  De  sacer- 
dotü  uel  leuitarü  ordinatione  |  leo  eps  dioscoro  alexandrine 
ecclae.  |  cvi  Ite  statuta  leonis  ad  torobiü  asturicen|Sem  epm. 
tituli  .XV.  I  cvii  Eiusdem  papae  leonis.  ad  aqlense  epm.  |  cviii 
Ite  ad  septimü  epifi.  ei'de  papae  leonis.  |  oviiii  Ite  epla  sei 
leonis  papae  de  penitentia.  |  ad  tlieodorü  epm  galliense.  de 
ciuita|te  foro  iuliensi.  |  ex  Ite  decreta  sei  leonis  papae  urb  romae  j 
uniuersis  epis  p  sicilia  cstitutis.  |  cxi  Epla  eiusde  ad  eutheehete 
pt)rm  I  atque  hereticum.  |  cxii  Exempla  gestorum  ubi  in  con- 
stantino||  f.  4  politano  synodo.  a  sco  flauiano  confessore  euti- 
clies  hereticus  auditus  atq;  |  damnatus  c.  |  cxni  E  sie  Leonis  papae 
urbis  rome  ad  flauia  nü  epni  constantinopolis  urbis.  |  cxiiii  Res- 
cripta  flauiani  ad  Icone  papji.  |  cxv  Epla  papae.  leonis  uenera- 
libiter  susci|pienda  ad  flauianü  epm  constantinojpolitanü  contra 


Die  r.ibliotlipl<cii  Pifmonts.  Ool 

) 

eutichen.  |  cxvi  Eiusdem  leonls  papao  ad  iiuuuialciu  |  epin  hyero- 
solomitanü.  |  v\v\i  Eiusdom  ad  maxiniü  cpm  antliioccnü  |  p  manu 
pferiii.  &  olimpiü  diaeonum,  |  cxviii  Item  ciiisdc  papac  ad  ana- 
toliü  epni  |  constantinopolitaiiü.  |  cxviiii  Eiusdem  sei  leonis  papa 
scripta,  ad  lejonem  augustum.  |  cxx  Ite  alia.  epla  leonis  papae. 
ad  eunde  |  leone  augustum.  |  cxxi  Capitula  quae"  recitata  sunt 
in  syno|do  trecenti  dece  &  octo  patrü.  cum  |  exemplis  papae 
leonis.  ad  leone  au'gustum.  uidelic&  sei  liilarii  picta|uiensis. 
capitula  im.  |  kSci  ambrosii  epi  &  confessoris  mcdio  lensis 
ecclae.  capitula.  quinque.  |  Io£.  epi  constantinopolitane  urbis.  | 
capitula  .im.  |  Greg-orii  epi  nanzianzeni.  cap.  duo.  |  Theophili 
epi  alexandrini.  cap.  duo.  |  Sei  augustini  epi  ypponiensis.  | 
capitula  iiiior.  |  Item  sei  basilii  cappadociae  epi.  capitul.  .i.  j 
Ite  sei  cyrilli  epi  alexandrini  |  ad  nestoriii  constantinopoli|tanum 
epni.  I  Ite  eiusde  inter  cetera.  |  Ite  in  libro  eiusde  qui  dicit  colia.  | 
de  incarnatione  unigeniti.  |  Ite  sei  athanasii  alexandrino  |  ecclae. 
epi  &  confessoris  ad  epicltatü  corintliio*  ejSm.  |  cxxii  Ite  üdes 
sei  hilarii  pictauiensis  epi.  |  cxxiii  Ite  tides  sei  augustini  ep 
yp  poniens  antistes  |  cxxiiii  Ite  lides  catholico  ecclae  romane  j 
cxxv  Confessio  pbro%  seu  diacono^  |  ecclae  constantinopolitanae.  | 
cxxvi  Epla  simplicii  epi  urbis  romae  ad  |  acaciü  cstantinopoli- 
tanvi  epm.  |  cxxvii  Exemplar  eplae  qua  misit  acacius  |  ad  sim- 
pliciü  archiepm  urbis  |  romo.  ubi  damnatü  retulit  pe|trum  ale- 
xandrinü  epni.  |  cxxviii  Exemplü  eplaru  beatissimi  pape  |  felicis 
urbis  rome  ad  Zenonem  |  augustum.  p  uitale  &  mysenü  epos.  | 
cxxviiii  Ite  eiusde  papae  felicis  ad  acaciü  I  epm  p  uitale  &  my- 
senü epos.  II  f.  4^  cxxx  Item  ad  imprm  zenone  ad  libelllü  epi 
ioliis  ecclae  alexandrine  |  cxxxi  Item  exempla  felicis  epi  ad 
a'catiü  supradictü  constantinopolitane  urbis  epm.  ]  cxxxii  Item 
eiusde  pape  ad  acacium  |  alia.  |  cxxxiii  Decretalis  de  recipien- 
dis  sr  n  rejcipiendis  libris  qui  scriptus  e  |  a  gelasio  papa  romano 
cü  sep'tuaginta  uiris  eruditissimis  |  epis  in  sede  aplica  urbe 
roma.  |  cxxxiiii  Sententia  papae  gelasii  qd  sie  seldes  aplica  omniü 
j  ligata  disjsoluere  possit.  ad  epos  per  |  dardaniam.  |  cxxxv  Item 
j  ad  eosdem  dardanos  epo  |  sententia  eiusde  atq;  p  exepla  |  j^batio 
!  qd  sedes  aplica  facul  täte  habeat  sine  synodo  &  dis  soluendi  <t- 
danmandi.  |  cxxxvi  Item  exempla  beati  papae  gelasii  ad  orien- 
tales  epos  de  euitanda  comunione  acacii  ubi  j  datur  intelligi. 
nullü    ee    uin  culü    insoluibile.    nisi    circa  illos  I  qui  in  errore  l 


532  Reiffpischeid. 

crimine  pma  nent  ul  etiä  moriunt.  |  Zicischenrniim  einer  Zeile  \ 
cxxxviii  Sei  greg-orii  papae  romani  decre  toi'um  capitulari.  cü 
snbscriptione  |  eins.  &  epo*  atq;  p!)ro%.  |  cxxxviiii  Eiusdem  beatis- 
simi  gregorii  papae.  |  epla  ad  serenü  epm  massiliensem  |  j»  ima- 
ginibus.  |  cxl  Syuodus  zachariae  papae  cü  subdiltis  capitiilis 
suis.  &  snbscriptione  ei-  |  atq;  epo^^  k.  pbrorü  q  interfuerunt.  | 
Primo  capitulo  ut   epi  cü  mulierib;  |  omnino  non  habitent.  |  — ■ 

f.  5  Quinto  decimo  capitulo  continet  recajpitulatio  de  gra- 
dib;  cognationü.  uel  |  quomodo  se  debeat  quislib&  legiti|mo 
coniugio  copulare.  ]  cxli  Liber  sei  augustini  epi  de  ecclasticis  | 
regulis  capitula  |  lv.  primo  capitulo  |  de  trinitate.  ||  f.  5^  lv 
Contra  pelagium.  |  Do  gratias.  | 

f,  6  Haec  habetur  praefatio  |  cresconii.  de  concordia  |  ca- 
nouuni  I  Item  concordia  cano  num  conciliorum  |  Infra  scriptorum 
et  presulum  romanorum  ]  id  est  canon  apostolorum  |  —  leonis 
et  gelasii.  |  Explicit  notatio  canojnum  scorum  patrum.  |  Incipit 
prefatio  cresconii  |  de  concordia  canonum  |  ad  liberium.  |  Diio 
uere  sc5  sempqne  beato  |  pontiiici  liberino  cresconius  |  xpi 
famulorü  exiguus.  aeterna  |  in  diio  nix)  salute.  Uri  sacerdojtii 
incoparabile  decus.  — 

f.  7  ueniä  dones.  Ora  |  ^  me  meique  semp  menito  pontijfex 
dö  digne.  |  Finit  praefatio.  deinceps.  |  succedunt  capitula.  | 
I  De  ordinatione  epi  in  cauonib;  apto*  |  titulo  .i.  ccilio  niceno. 
titul  .IUI.  —  ccilio  carthag  |  titulo  .xvii.  |  — 

f.  15''  ccxcvii  Ut  epi  &  clerici  S  ordinent  nisi  oiiTs  |  suos 
fecerint  xpianos.  ccil  cartag.  ti  .iii.  |  Expliciuut  capitula  de 
concordia  |  canonü.  incipiunt  nomina  epo%  |  qui  fuerunt  in  sca 
romana  ecla  |  per  ordinem.  |  i  Domnus  petrus  sedit  annos 
XXV.  I  mense  .ii  dies  vm.  |  — 

f.  16''  cv  Nicolaus,  annos  .viiii.  meß  vi  dies  xx.  |  cvi 
Adriai)/  annos.  v.  \  cvii  Johannes  annos.  x.  m.  i.  dies,  x  \  Ma- 
rinus  anno  ./.  menses.  im.  dies  xx.ii.  |  Adnanus  anno  .i.  men- 
ses  .IUI.  dies  .xx. '  |  Incipit  praefacio  canonum  |  Domino  uene- 
rabili  mihi  pa|tri  stephano  epo.  dionisius  |  exiguus  in  dm 
salutem.  |  Quamuis  carissimus  frater  nf  |  laurentius  assidua  et 
famiri  sie  cohor'tatione  — 


'  Das  Cursivgedi'uckte  m.  •».  i 


Die  Bibliotheken  Piemonts.  533 

f.  17  alifjcl  attulissc  iiideamur.  |  Explicit  praefacio.  |  Inci- 
piunt  titiili  canonü  apostolorü.  ]  — 

f.  286''  anno  secunjdo  ardabasti  iinpris  nee  fi  .t  leutprandi 
i-eg'is  anno  xxxii  |  indic.  xii.  feliciter.  |  Ineip  Hb  sei  augustini 
epi  de  |  ecclesiastici  regulis.  eap  .lv.  |  Credinms  unü  ee  dm  patre 
&  ti  liü  &  spin  scm  patre.  eo  qd  ha  beat  filiü  etc. ' 

f.  291  Contra  Pelag-iuni  .lv.  |  Nä  tria  &  ut  scitis  quae  | 
maxirae  —  contrahit  regeneratio  |  soluat.  |  Explicit  do  gratias. 
amen.  ||  f.  291''  m.  .s.  x — xi  Epos  non  leuit  accusandos.  scorü 
statuta  patrü.  plenit  intdicunt.  |  — 

f.  292  se  &iä  uictor  abscedit.  ]  Folgen  andere  Excerpte  mit 
Marcjinalnoten  von  verscJiiedenen  Händen  derselben  Zeit 

f.  292''  sicut  in  dialogo%  libris  repperim'  de  quoda  sculo 
^^^^^  &  legit  de  iuuene  benedicto  nomine  — 

f.  293  nee  dedit  illi  intellegentia.  |  Buchstabenverhin- 
dungen,  die  nach  den  Beischriften  ausdrücken  sollen  dö  n'  atto 
uenerabil  eps  üeri  pcepit.  j  atto  gra  di  eps  a  me  facto  ssT.  || 


CXI.  17.  membr.  Grossquart.  2  cul.  folioruui  239.  saec.  X.' 

f.  1  Ineipit  ordo  |  de  celebrando  |  concilio  [  Hora  diei  |  prima  | 
ante  solis  |  ortü.  eici  |  ant  |  oins'  ab  eccla.  obseratis  |  — 

f.  2'*  negotia  terminentur  |  De  tumultu  concilii  diftinitio  | 
patrum  |  In  loco  benedictionis  considentes  |  — 

f.  3  sententia  p  ferat;  Ineipit  de  |  quatuor  synodis  |  prin- 
cipalibus  |  Canon,  grece;  latine.  regula  [  nimcupatur;  Regula 
ante  |  dicta  — 

f.  4  a  societate  multorü  in  unum.  |  Item  i-atio  de  canoj 
uibus  apostoloi^  |  et  de  sex  synodis  |  principalibus  [  Apostolorü 
canones  qui  per  |  dementem  romanuni  — 

f.  4''  Agatlionis  pape  |  romani.  ge"rgii  constantino'politani. 
Qui  condepnata  here|si.  prefata  anatliematizando  |  scripscr  .viiii. 
capil  interius  I  anexa.  j  Item  breuis  |  annotatio  de  reli  quis  sy- 
nodis I  Prima  annotatio.   anquira  ne  synodi.  quae  ante  nice|na  — 

f.  6  Uicesima  quarta  ite  |  lugdu  in  qua  patres  xx.  statuer.  | 
Canon.    quo%  auctor  maxime    ite  |  priscus    lugdu  eps    extit   sie  \ 


I      '  Vgl.  Maassen  1.  c.  412  sqq. 

I 


534  Reif  f  erschein 

Item  annotatio  de  {  decretalibus  aposto  lico^  |  Siluester  papa 
a  petro  trigi;sim'  quart',  congregatis  cü  |  consilio  constantini 
aiigusti.  in  |  urbe  roma.  — 

f,  6''  Gregorius  secundus.  a  pctro  xci  |  scripsit  cap  xvii. 
omi  eccle  saeriuanda  cü  patrib;  xxxiii.  ca  que  |  sub  anatheniatis 
uiuculo  alligauit.  In  hoc  corpore  ctinentur  cann  ecclesi.  |  di- 
uerso*  sco%  ccilio-^.  id  est  |  i  Beato^^  apostolo*  p  demente  | 
prolate  regule.  numero  l.  |  ii  Concilio  niceni  regule  nmnero 
XX.  I  II  sie  Concilii  anquiritani.  Regulo  |  numero  xxiiii.  |  im 
Concilii  neocaesariensis.  Regule  |  numero  .xiiii.  |  v  Concilii 
sardicensis.  Regule  |  numero.  xxi.  |  vi  Concilii  gangrensis.  Re- 
gule I  numero  .xx.  |  vii  Concilii  antliioceni.  Regule  |  numero  xxv  | 
VIII  Cocilii  laodotie  frigie  Regujle  numero  .lviiii.  |  viiii  Concilii 
constantinopolitaui.  |  Regule  numero.  .vi.  |  x  Concilii  ephesini. 
Regule  nume'ro  villi.  Sed  primö  xii.  cap  |  beati  cyrilli  |  xi  Con- 
cilii calcedonensi  Regule  ]  numero  xxvii.  |  xii  Concilii  constan- 
tinopolitaui. I  Regule  numero  xiiii.  j  xiii  Conciliorü  diuerso^ 
africanojrü  sub  uno  redacte  regule  nu|mero  cxxxviii.  |  Incipit 
prefatio.  |  Domino  uenerando  mihi  |  patri  Stephane  archiepo  | 
dyonisius  exiguus  in  diio  |  sal.  Quäuis  carissim'  ff  nf  |  Lauren- 
tius  assidua  &  familiari  cohortatione  — 

f.  7"  attulis;se  uideamur.  |  Explic  pref  incipit  cäpiitulares 
sie  canonü  sco%  j  apostolorum.  \  Folgen  die  Capitida  der  übrigen 
Canones  und  der  Text  ^ 

f.  47''  Incipit  ephesenum  j  concilium.  inprimis.  |  xii.  capi- 
tula  synodijca  beati  cyrilli  |  i  Si  quis  non  confitet  dm  ee  | 
sdm  ueritate  emmanuhel.  &  ^pter  hoc  di  genetrice  j  — 

f.  48''  (xii)  scdm  quod  uita  est  |  &  uiui"cus  ut  ds.  anathema 
sit;  I  Explicit  capitula  syjnodica  sei  cyrilli.  |  Incipit  regulae 
epheiseni  concil  numef  j  viii  ||  f.  49  De  epis  qui  in  sco  con| 
cilio  minime  fuerunt  et  de  his  qui  de;stiterunt  et  se  he|reticis 
applicue  runt.  |  i  Qm  oportet  etiä  absen^tes  — 

f.  50"  (viii)  Sin  ante  |  laici  eos  sine  communione  |  esse. 
Expliciunt  re|gule  epheseni  conicilii  numero  viii.  |  — 


'   Viele    Scholien    von    einer    anderen    Hand    derselben    Zeit.     Ebenso    im 
Ambros.  S.  38.  Siij). 


Die  Bibliotheljeii  Pieiuonts.  ö35 

f.  öö""  subscriptio.  |  Bonefacius    ptjrt  scTie    (;cclae  |  romaiie 
statuit  &  subscripsit  ]  &  c&avi.  epi  diuersaiiini    pro  uintiarum  uel 
ciuitatü  sub|scripserunt.  Uersus.  |  Pontificuni  ueneranda  coliors  ||  — 
1  f.  56  pro  dogmate   ueru;  Conueniens  |  sco    induere    spira- 

mine  plena.  |  Militibus  sacris  pi'aefixit  iura  |  salutis;  Incipiit  sie 
capitu|Ia  xiiii.  scoruni  patrü  |  sab  iustiniano  impT-  |  babita  in  con- 
stantinopoli  congreju-a  torum  centuin  quin  quag-inta.  (  i.  Si  quis  iion 
confitetur  paitris  *  filii  &  sjui    sei  una  j  natura  — 

f.  58"  Cum  igitur  hiwx-  ita  recte  |  confessi  suraus  —  sub- 
scripserunt  omnes.  |  Expliciunt  capi|tula  xiiii.  Scorum  |  patiuni 
.CL  I   — 

f.  103  Expliciunt  canones  |  diuersoruni  cunri|lionim  afri- 
cane  |  prouintio  numerü  |  cvrii.  lucipit  conjstitutio  et  lides  j 
caleedonensis  ccilii  |  Diis  et  sakiator  nf  ibs  xps  |  notitia  fidei 
con  firm  ans  |  — 

f.  103''  catbolicp  et  apostolice  fidei.  |  Symbobun  fidei  | 
coneilii  constanti|nopolitani  xh  \  patrum.  |  Credimus  unum  dm  | 
dm  patrem  omnipotente  |  factorem  celi  et  terre  |  uisibiHü  omniü 
&  inuisi  biliü.  Et  in  unü  dnni  ilim  j  xpiu  filiü  di  unigenitü.    )  — 

t".  105  aut  laici  fuerint  anathema|tizari.  ||  f.  lOo""  m.  s.  x 
Anno  incarnationis  dominicae  dccccLxiiii  Indict.  vii  nonos  nouet) 
resedit  |  domnus  ingo  eps  ut  moris  ee  priscorum  patrü  eogno- 
scit  suorum  uercellis  |  ante  altare  beatissimi  eusebii  martyris 
xpi  causa  synodalis  coneilii  in  quo  |  diuino  conpulsus  amore 
pene  oiiis  clericos  suo  regimini  subiectos  decentissime  |  do- 
cuit.  maxime  de  fidei  &  caritatis  obseruaxtione  ut  canonica 
toto  orbe  |  tenet  institutio.  Preterea  summo  quesiuit  studio 
ut  res  aeclasticae  piae  regerent  |  &  destituto  instaurarent.  Insup 

ammouitione  suorum  clericorü  sanciuit  ut  |  antiquus  exiit  usus 
pessima  ungrorum  incursione  uastatus  aecclae  cai'dinales  |  de- 
bitum  preberent  baptisterio  ''ac  in  ciuitate  celebrato  decenter 
obsequium.  ita  ut  |  ipsis  ex  ecclesiis  quae  sunt  constitute  ' 
in  uillis  uidelicet.  paetiana.  petroriolo.  quinto  |  caluiniasco. 
casale  atq;  autesingo  (si  ex  ni  coro\  m.  cd.)  presbiteri  ueniant 
sie  expediti  suis  uestimtis  |  qui  hie  uercellis  pueros  ualeant 
baptismatis  tingere  aqua.  &  ne  intentio  oriretur  |  inde.  subiun- 
xit.  plaeet  nobis  &  rectü  uidet.  ut  duo  tantü  presbiteri  de  pfatis 
ecclesiis  |  studiosae  ueniant.  ad  lioe  mysteiiü  pagendü.  id  est. 
de  paetiana  &  petroriolo  simul  duo.  |  de  quinto  &  caluiniasco.  de 


536  R  eiff  erscheid. 

casale  &  auzesingo  (si  ex  ni  m.  al.)  simili  statuimus  ratioue. 
quo  usq;  |  uicissim  uices  impleant  suas  &  impl&e  amiuati  iterü 
inclioent.  ||  f.  106  In  hoc  corpore  continentur  |  decreta.  |  Pape 
syricii  titl  xv  |  Pape  innocentii  titl  lvii  |  Pape  zosimi  titl  v  | 
Pape  Bonifatii  Titl  numero  .im  |  Pape  Celestini  Titl  xxii  |  Papo 
leonis  Titl  xlviii  |  Pape  Gelasii  Titl  xxviii  ]  Pape  Anastasii  Titl 
VIII  j  Pape  Simachi  Titl  xii  |  Pape  gregorii  minoris  decreto%  T 
VI  I  Et  capitula  x  ad  aug  primü  anglo*  epui  |  Pape  Bouifacii 
eple  .II  I  Pape  Hilarii  Titl  vi  |  Pape  Simplicii  Titl  ii  |  Pape 
Felicis  Titl  i  ]  Pape  Hormisde  Titl  uum  im  |  Pape  Gregorii 
iunioris  Tit  num  xvi  |  Pape  Eugenii  Titl  xxviii  j  Pape  Zacha- 
rie Titl  XIII  II  f.  106"  Prefatio.  |  Domino  ueuerabili  mijhi  iuliano 
phro  tituli  I  sce  anastasie  dionisius  exigims.  j  Scitatis  ure  piis 
excitatus  j  studiis.  qviib;  nihil  j)rsus  |  — 

f.  107''  magnus  uocabit  in  regno  celorum;  — 

f.  112*'  Expliciunt  tituli  dejcretorum  Incipijunt  epistol  de- 
crejtorum  inprimis  |  sei  papae  siricii  urbis  |  roinae  ||  — 

f.  206''  lucipit  decretum  I  gregorii  papae  |  ad  clerum.  in 
ba[silica  beati  pejtri  apli  j  i  |  Regnante  in  perpetuuni  |  dm»  nvb 
ihü  xpo.  temjporibus  dorani  mauricii  |  — 

f.  208  (vi)  subire  app&it.  seruittutem;  Finit  decreitum,  h\- 
cipit  subjscriptiones  epojrum;  j  Gregorius  gra  di  ej^.  his  |  decr.tis 
subscripsit.  |  ma'rian'    eps  ciuitatis  rauenna^  |  — 

f.  208''  Fortunat'  prbt  tt  scoruni  j  iiiio^  coronatoruni.  |  Ex- 
plicit  feliciter  |  Item  scripta  gre^gorii  papae  ad  au|gustinuni  ejnil 
quem  |  in  saxoniam  dire|xerat  et  britannia.  |  V  dilectissimos 
lilios  me!os.  Laurentium  prbriim  ||  — 

f.  209  respondere  non  ualui;  |  i  Primo  ^enim  capitulo 
rejquisisti.  ut  tibi  liber  unus  |  — 

f.  217  (x)  po|pulo  certum  deserere  et  injcerta  uenerari. 
Explicit  I  epla  sei  gregorii  pape  j  Incip  epla  Bonifacii  \  ])ape 
directa.  de  Roma  |  ad  archiepm  arala|tensem  in  prouin|cia.  ubi 
genesius  martyr  iacet.  — 

f.  235  Incipiimt  cünstijtuta  papa  grcgo|rii  minori.  j  In  no- 
mine dni  di  saluatoris  nri  j  ilui  xpi.  impcrante  domno  |  piissinio 
augusto  leone  a  dÖ  |  coronato  — 

t".  236  in|ferendo  senteutia  dix.  |  i.  Si  quis  prl^rani  duxe 
rit  —  f.  237  xvii  8i  quis  ex  clericis  laxauerit  |  —  anatheina 
sit.  I  Sicque  subscripsejrunt  oins  tarn   epi  |  quam  pbri  et  dim;; 


Die  Bibliothekon  Piemonts.  537 

Gregorius  —  indict  quarta.  Expl  |  cuustituta  papac  |  gregorii 
sub  ana|tliematc  inter|dicta.  Incipit  cun|ciliuin  habitiiiu  sub  | 
papa  Eugenio;  |  i  Eps  bono  opere  approbat  |  ordinctur ;  — 

i".  238''  (xxxviii)  ut  I  sacerdüs  loci  consideraucrit ;  |  Indic 
XII.  Imperante  |  adargasto  e'usq;  lilio  |  nicifcro  zacharias  |  ter 
beatissimvis  |  papa  in  conciliu  ait;  |  Nou  e  sileiuliUH   t'i^  (|U()d  |  — 

f".  239  preccpta  |  direxiinus;  |  i  Ut  opi.  cum  iniib'cribus 
oin|nino  uon  habiteut  |  — 

f.  239''  (xiii)  missarum  sollem|nia;  || 


CLXV.  (i.  membr.  8.  tblionuii  222.  saec.  IX -X.^ 

f.   5''-    lucp    capitula    cauonuin    oiiiniuui    coTicilifoi'uiu    uel 
epistularum.  decretalium  |  qualiter  sccuntur; 
I  Scorum  apolo^t  nuinero;  l, 
II  Niceni  coucilii  numero.  xx 


1  Vgl.  Maassen  1.  c.  418  sq.  —  -'  f.  2 — 5  Federzeiclinuugen.  f.  1  Kaiserin 
Helena,  hinter  ihr  ein  Kaiser  auf  dem  Thron.  Vnr  ihr  ein  Mann  (ül)(>r  ihm 
Indof:)  mit  dem  Kreuze,  nach  dem  sie  mit  beiden  Händen  greift.  Darunter 
ein  Anderer,  der  beim  Graben  drei  Kreuze  findet.  Folgt  die  Beischrift  vhi 
iuda  I  s.  r.rnce  |  inue\iiif, ;  f.  2''  Kaiser  mit  Kriegern,  dann  Bischöfe  mit  Biiclicrn 
und  Federn.  Darüber  Sinodus  niceni  nhi  fwit  wnucvas  scÖn  patip.  cccxvm.  d 
omnes  \  suhscripsernnt  \ ;  unter  dem  Throne  des  Kaisers  imp  confttanfi^ms-. 
Auf  der  unteren  Hälfte  des  Blattes  Männer  von  beiden  Seiten  herbeieilend, 
die  Bücher  ins  Feuer  werfen;  darüber  Ileretici  \  arriavi  \  davivafi.  f.  '.i 
Links  Paulus  mit  dem  Buch,  rechts  Petrus  mit  den  zwei  Schlüsseln,  beide 
mit  Nimbus.  Hinter  jedem  eine  Basilika,  die  grössere  hinter  Petrus.  Dar- 
über Vhi  j)et.ru.s  et iJMiluii  |  de  hoc  concilio  con\ferunt;  f.  .^''  Kaiser  auf  dem 
Thron,  mit  einem  Buche  in  der  Linken,  die  Rechte  erhoben,  hinter  ilnn 
Lanzenträger.  Darübei"  hvnc  fiiiwdii  nctu  es-t  consfantino\poli  sidt  flieodo.no 
maiore  .cl.  \2)af.}ih;  conqregaH.  \  condencUione  \  vuicedoidi  he\retim.  |  et  \  qualit  | 
satueT  I  ivipc\ra\tor.  An  dcim  Schemel  vor  dem  Throne  domnus  theodo.n\ns 
maior  imperut  \  crintiaiiissiinins.  f.  4  Versammlung  von  Vätern ;  Bücher,  Fe  • 
dern  und  Dintenfass  sichtbar.  Unter  ihr  links  ein  Mann,  rechts  zwei  Männer, 
die  mit  dem  Ausdruck  des  Entsetzens  Bücher  ins  Feuer  werfen.  ITber 
der  Seite  et  omnes  s^thscriper^ ;  tert,iii.i  hie.  sinodH  actus  effesus  snh  theodo- 
xio  iuniore  congrae\(]atis.  cc.  |  2^0'(rib;  \  ad,  conda\natione  \  nes\forii.  f.  4''  Kaiser 
sitzend  mit  einem  Buche,  hinter  ihm  Bischöfe.  Neben  ihm  zwei  Cleriker 
mit  Büchern  und  Griffeln.  Darunter  theodosius  iunio7'  ivipr  sinodus  effesin.  ( 
que.  cc.  sei  patris  cm  imperatore  c.onfirma\uerunt  et  snhscripsermit ;  f.  5  ITber 
der    Seite    ////    di  ßlivs.    iienit    fniosq-    redewif    vicit    vwrte    moriens.  |  uicior 


538  Reifferscheid. 

III  Anquiriani  concilii  numero.  xxiiii 

IUI  Niucaesarieiisium  numero  xxiiii 

V  Gang-rensis  concilii  numero.  xx. 

VI  Anthioceni  concilii  numero  xxv 

VII  Laudicensis  concilii  numero.  lviiii 
vni  Constantinopolitani  num.   iii. 

villi   Calcidonensis  concilii  nuiii  xxvii 
X  Serdicensis  concilii  num  xxi 
XI  Carthaginensis  numero  xxxiii 
XII  diuersoi^  concilioi^  afrig-anov  nü;  cv. 
Epistle    decretaliö  pape  sirici  |  pape  innocenti.  papae.  zo- 
simi  I  pape.  celestini.  pape.  Leonis  |  pape  gelasii  ||   — 

f.  12''  Incipiuut  capitula  |  uiceui  concilii  |  Concilium  sacrum 
uenerandi  culmina  iuris  — 

f.  13  Hoc  sale  conditus.  dulcia  mella  flu&.  |  Incip  tituli 
canonum  niceni  |  concilii.  |  — 

f.  25  Dominis  honorabilibus  consacerdotibus  in  arminia 
conistitutis  epis  salutem.  qm  conueni*  etc. 

f.  113  Expl  africanum  concilium;  Incip  ex  dejcreto  pape 
g-elasii  titulo  xxvii  |  — 

f.   113''  Ex  decreto  pape  leonis  j  titulo  xxxv 

f.   114  Ex  decreto  pape  leonis  titulo.  xviii 

f.   114''  Ex  decretis  pape  leonis  titulo  xviiii 

ibid.  Ex  decretis  pape  g'elasii  titulo.  vii 

f.   115''  Ex  decretis  pp  in"ocentis  titulo  xxii 

f.   117    Incpt    canonis  sei  siluesti'i  |  Canonem    constitutum 

gradus  uel  — 

f.  122  domno  con  stantino  aug'usto  iii  prisco  consolis,  expl  || 

f.    122^^    Formata     quemammodum    üeri    debeat:   j   Grega     ele- 

menta  litterarum  numeros  &ia  |  expremere  — 

f.   123    elementa    significantur,  j  amen.    vi.    al.    acUL:  Teo- 

dulfus    1    Folgen     canonische     Vorschriften     aber     das     Begrabe)i 


adiil  caelus.  Darunter  Christus  fihs  xpis)  auf  dem  Throne,  mit  einem  Buche 
in  der  Linken,  die  Rechte  erhoben.  Der  Nimbus  bekränzt ;  auf  dem  Thruue 
das  pulvinar  sichtbar.  Hinter  ilim  ein  grosser  Bogen  mit  IMnikten.  Rechts  und 
links  Engel  mit  Fliigelu  imd  Nimbus.  Darunter  links  ein  Manu  mit  Krone 
und  Nimbus,  Beisehrift  lj//sfan  |  ///.v;  rechts  eine  Frau  mit  Stephane  und 
Nimbus,  Beischrift  helena  regina.  Beide  erheben  die  Hände  zum  Gebet. 


Die  Bibliotheken  Pieinonts.  539 

i)i  den  Kirche)),  die  Kirche)) gefässe,  das  Lehen  der  Geistlichen, 
z.  B.  f.  124  Prbi  p  uillas.  &  uicos.  scolas.  luiheant.  &  si  qui 
lil).v;  lidelium  suos  paruulos  ad  discendas  |  litteras  ci  coiumen- 
tlare  uoluerit.  cos  suscipere  |  &  docere  nun  rennuant.  sed  cü 
summa  caritate  |  cos  doceant;  adtendentes  illud  quod  scriptum 
est.  I  qui  aut  docti  fuorint.  fulgebunt  quasi  spleudor  |  lirma- 
menti.  Et  qui  iusticiam  erudiuut  multos.  |  fulgebunt  quasi  stelle 
in  perp&ua  &ernitates.  |  Cum  erg-o  eos  doc&.  nihil  ab  eis  precii 
pro  liac  re  ]  exigant.  nee  aliquid  liab  eis  accipiant.  excepto  | 
quod  eis  parentes  karitatis  studio    sua    uolunta  te  opptulerint ;  || 

f.  124^'  liic  habetur  concordia  canonum  con  ciliorum  infra- 
scriptorum  &  presulum  ro:mauorum  id  est  canonum  aplo%.  — 
gelasii.  expl  adnotatio  canonü  |  scorum  patrum.  |  Concili^um 
sacri  ueuerandi  culmina  (u  ex  o)  iuris  |  —  hoc  sale  condi^^tus 
dulcia  mella  f'uit.  Expliciunt  ue'sus  do  grati  |  Incip  prefacio 
Diio  uere  sco  sempque  beato;  |  pontitici  liberino.  crisconius  xpi 
famulo%  j  exiguus  uri  saceidotii  inconparabile  decus  quo  fi  dei 
puritate  hac  uitae  prouitate  amodü  resplinditis  ||  — 

f.  126  genuine  insciaenciae  |  ueniam  dones  ora  ^  nie  mei- 
que  semp  mem'o  pontifex  |  do  digne.  Finit  praefacio  deinceps 
succedunt  capitula  j  i  De  ordinatione  epi  in  canonibus  aplo%  |  — 

f.  126''  titl  .1.  concl  niceno  titl  im  concl  anthioceno  titl  xviiii  | 
concl  laudoceno  titl  xii  concl  carthag  titl  xiii.  Item  |  carthg  titl 
XVI.  qd  si  de  ordinatione  ei'  fuerit  contradictü  |  qd  alii  debeant 
adici.  concl  carthag  titl  xvii.  j  — 

f.  142  ccc  Ut  epi  &  cli  non  ordinentur  nisi  eins  suos  fe- 
cejrint  xpianos  concl  cartft  titl  .iii.  |  Incip  ex  decre  pape  sirici 
titl  viii  I  Didicimus  etiam  licenter  hac  libere  j  inexplorate  uitae 
hominis,  quibus  &iam  |  — 

f.  141''  generali  pi'o'nuntiatione  decernin>.  ex  decre  pape 
sir  t  viui  I  Quicumque  itaque  se  aecclae  uou&  obsequi|is  etc. 

f.  146''  (xv)  jpmendam  ee  |  sententiam.  expl  ex  decr  pape 
sirici  j  Incpt  ex  decre  pape  innocenti  t  xxxii  |  Ita  sane  ut  in 
eos  tempora  a  minoribus  constituta  \  — 

f.  146  Ex  dec  pape  sir  t  xv  |  in  mg.  ccxv  |  Et  fpiia  bis 
Omnibus  que  in  rephiusione  ueni  unt  — ; 

f.  192''  (xxv)  pseuerans  &  inentis  i.-  corporis  Ex  dec  papae 
leonis  t  .xxxiiii.  ,  Nam  cum    extra    clerico?^    ordinem    constitutis 

Sit7.li.  (1.  phil.-hist.  Cl.  L.Wm.  Bd.  III.  Hft.  35 


ll 


540  Reifferschei  d. 

iiupti  aruiu  —  necdum    frenasse   d*egit.  ||  f.  193  Incip  bieuiatio 
cauonü  fulg'entii  ferraujcli  ecclesiae  carthagiuensi  diacuui  |  i  U 
ueophiti  ii  ordinentur   conl    niceno   tl  ir  concl    serd  |  til  in  {  — 

f.  201''  ccxxxii  Ut  nulliis  ordinetur  nisi  prouatus  ul  epo% 
examine  ul  populi  testimonio  concl  anth  titl  .xxviiii.  {  Incip  con- 
cilio  africanum  [  Aurelius  eps  dixit  sane  fF  epi  coniepi  no  sug-- 
gestio  ple|naixi  sollicitudinem  ad  diligentiam  oportet  incutilat 
ut  omnis  omnino  cabillatio  amputetur  cunc|tisque  excusationiljiis 
aditus  omnino  claudatur  |  — 

f.  202'*  Ab  uniuersis  epis  —  passiones  martii^  sui  cuius- 
que  locis  in  ecclsiis  predicentur.  |  Incip  cartliag  habitum  a 
grato  epo  sco  j  Martirum  dignitatcm  nemo  profjmus  infame 
neq;  — 

f.  203  apte|carios  nl  rati^ociatores  Incip  ccmcl  sufetu- 
lenjsem  |  Dilectissimo  fratri  anrelio  innocentius  qua  |  indigni- 
tate  — 

f.  203''  p  uiros  ucnerabiles  |  consecuta  ||  f.  204  Incip  ca- 
nones  sce  sinodi  habite  in  ciui  aralat  aput  |  ma^rianü  epin  |  De 
liis  qiii  coniuge  suas  in  adulterium  dephendunt  |  eidem  sunt 
adulescentes  —  uoluerint  deponantur  |  — 

ibid.  Incip  statuta  eccle  antiqua.  |  Ut  eps  quolib&  loci  sedens 
Stare  prbm  ü  pateatur.  |  Ut  in  sacerdotibus  ordiuandis  .tiam 
etas  requiiratur  [  — 

f.  206  cuius  I  paenitentiae  communio  multo  tempore  diffe- 
ratur  |  Inci]5  sinodus  gallicana  aput  agathe  |  facta  sub  alarico 
rege  gothorum  in  qua  j  sinodo  ordinatio  de  clis  q\)0%  urbis  ro- 
mae  si  ricii  &  innocenti  supra  scripta  in  hoc  oetu  cöme|moran- 
tur  I  Si  quis  chn  furtum  eccle  fecerit  perecrna  eis  comimunio 
tribuatur  — 

f.  208    eins    indaemnitatibus    eccle    consolutur    (u    ex  a).'| 
Incip  epist  mansueti  mediolanensis  epi  ad  cons  j  epiii  ||   f.  208"  I 
Domino    serenissimo    atque   tranquil'isjsimo^    et   a    do    coronato  I 
religiosissimo   con  stantino  iraperatori.  mansuetus  mediolanensis 
metrupolitane  eccle  indignus  eps  ul  |  uniuers  sca  coepo?  nroi'nni 
fraternitas  quae  in  j  hac  magna  regia  urbe  conueuit  — 

f.  212  bis  dclibatis  opere  pretium  dnximns.  luxic  nre  sug 
g(!Stiuni  fidei  formulam  ut  se  nra  lides  contini-  ad|nectere.  | 
Domino     sco     meritisque    beato    fratri    masso'ne   epo    hisidorns. 


Die  Bibliotheken  Piemouts.  541 

) 

eps;  I  Ueiiientc  '  ad  nos  famuL»  uestro  iiiro   religio  so  nicetio  lit- 
teras  honoriticentiae  uestre  nobis  j  — 

f.  217  quicumque  ple  ueni  suani  contra  sacrilicae  psua- 
sionis  aiictores  nolu^erit  custodire -;  expl.  |  Incip  cxpositio  sei 
augustiiii  I  v/er  Zeilen  ausradirt  \\  f.  217''  gmiz  aiisradirt  ||  f.  218 
Incip  epistula  sei  augustini  ad  |  auxilium  epin  pro  causa  iniuste 
I  excommunicationis  |  Domino  ■'  dilcctissinio  &  uenerabili  |  f'ratri 
&  consacerdoti  auxilio  |  augaistinus  in  diio  salutem.  Uir  |  specta- 
bilis  lilius  nrt  comes  classicianus  |  grauitcr  aput  me  littcris 
questus  est.  |  — 

f.  220''  senectutem  nieam.  |  Item  ex  epla  csp  ad  eundem 
classicianü  }  qui    excommuuicatus    fuerat  |  Ego    propter    eos   — 

f.  221  que  corr.  m,  al.  non  ait  pperam.  |  Item  in  libro 
de  summo  bono.  |  Secundum  catholicam  fidem  &  sana  doc|tri- 
nam  —  id  qod  nocuit.  |  Item  de  libro  tercio  de  baptismo  |  Pax 
eccle  dimittit  peccata.  —  ligare  ant  soluere  |  Item  csp  de  ser- 
mone  dni  in  monte  j  Temerariuni  iudicium  plerüque  nihil  |  nocit 
corr.  m.  al.  —  ut  noceat.  It  ex  epla  csp  ad  clerü  hi})pns  ( 
Quid  enim  obest  homini  — 

t".  221''  iniqua  |  conscientia.  It  csp  contra  secundinii 
mannch///  sie  \  Senti  de  augustino  quidquid  lib*  —  accusit.  corr. 
m.  al.  I  Csp  in  expositione  psalmo  corr.  m.  al.  xxxvii  in 
ras.  j  Etsi  ad  tempus  dam^nari  —  iudicabitur  illi.  Item  in 
cii  j  Qiii^  iustus  e  ¥:^  iniuste  maledicitur,  —  illi  red  ditur.  ex 
sermone  sei  ioli  crisostomi]  Qui  semetipsum  non  nocit  corr. 
m.  al.  —  nihil  magnum  lucrilaciit.  co7'r.  vi.  al.  |  Item  lil)ro 
tercio  sei  hieronimi  |  In  matheo  euangelista  ubi  dieit  que  le| 
f.  222  gaberitis  corr.  m.  al.  super  terram  &  citera.  istum  lojcum  epi 
&  prbi  non  intellegentes  —  uita  queratur;  It  in  |  salomone  |  Sicut 
jauis  in  contrariü  uolans  —  illud  |  eueniet  Item  il)i  Anima 
jque  benedicit  —  adducens  ]  gloriä.  Item  in  deuteronomio  |  Con- 
duxit  contra  te  balaae  balaam.  filiü  j  —  dilegerit  corr.  m.  <il. 
te  I  Item  ex  libi-o  ad  ualentinü  abbm  sei  j  aug  de  correctione 
&  gratia.  Ipsa  que  corr.  vi.  al.  \  damnatio  nominatur  — 

1".  222''  ut  omjnis  (i  in  e  m.  al.)  uelimus  saluos  fieri.  || 


»  LXXXIII  809     -  2  stiniiiit  niclit  --    •«  Aug.  ep.  250  XXXIII  lOtiG 

35* 


542  Reifferscheid. 

CLXXV.  186.  menihr.  8.  foliorum  87.  saec.  IX.' 

f.  1  Incipiunt  capitula  canonü  grecorü  1 1  Canones  niceni  epo- 
rum  cccxviii  |  —  xii  Can  yppone  regen sis  epo%  |  xiii  Can  mili- 
uitanus  epo%  |  It  canones  Latinorum  |  xiiii  Can  Carthaginensis 
epo%  ccxiiii  I  XV  It  eiusdem  carthaginensis  secimdus.  ||  — 

f.  2  XL  Caii  tol*ani  eporum  x.  ]  xli  Caii  agustodinensiiim 
sei  leodegarii  epi ;  |  harü  canonum  epistolarü  nnmerus  incer;tus 
hab&ur.  quia  diiiersis  temporib;  in|niiinera  de  fide  &  stabilitate  sce 
di  eccl  j  conscripseriint  sei  patres  nri;  j  Canon  aut  grece  latine 
regula  nuncupat.  |  quod  recte  ducat  &  normä  recte  iiiuendi  pbeat:  | 
Canones  aut  ut  scs  isidorus  memin&  corr.  m.  al.  generaliü  |  — 

f.  3''  dns  nf  ihs  xps  unus  de  sca  trinitate.  si  q  ita  non 
confi  t&ur  &  credet  anathema  sit.  confirmatio  .v  sinodi  corr.  \  Defi- 
nitio  capitularü  sca  synodo  |  urbis  rome  sub  martino  papa  | 
Martiniis  scissinius  papa  congreganit  romae  |  .cv.  epis  in  ecclesia 
saluatoris  &  dixit.  Secd  |  probabilem  posttMatione  huic  nobiscü 
—  eps  dixit,  |  cp  xvii  in  mg.  \  Si  q  non  confit&ur  ea  quae  a 
scis  patrib;  in  |  quinq;  conciliis  —  condenatur.  it  cap  xx  |  Si 
quis  calünians  scae  qiiintae  sinodi  ut  supra:  sie  fere  semper  ul 
scor  I  patres  —  condemnatus.  |  Sexta  sinodus  quae  acta  e  p  dii 
prouidentiä  |  in  regia  urbe  — 

f.  4  beat'  leo  papa  successor  agathonis  j  temporib;  supra- 
dicti  principis  constantini.  |  In  libro  ysidori.  Sed  &  si  qua  sunt 
alia  I  qua  plura  concilia  —  discripari  (ep  corr.  m.  al.).  Incip 
symbolü  a,pol^  \\  f,  4''  Can  agathen  .hf  xiii.  |  —  Isidorus  in  scd 
libro  officio^  |  in  mg.  hf  xxi  |  ^ — 

f.  5  Fides  niceni  concilii  .cccxviii.  epor 

Isidorus  in  primo  libro  officio^t  hf  xvi. 

f.  5**  Simbolum  apud  constantinopolim:  cl.  scorü  patr 

f.  n  Fides  sei  athanasii  epi  alexandrini 

f.  7  de  anima  xpi  rationabili  in  sinodo  romano  die.  , 

in  sinodo  calcedonense 
sei  cirilli  ad  nestorium 

f.  7''  Inter  c&era.  aujrili.  augustini.  in  engl  scdm.  iohan 

f.  8  de  spü  *  aninia  hieroni|nius  ad  hydibiani 

Item  I  dicta    sei   isidori    de    sca  trinitate  &  qd  |  am  plins  < 
nihil  ((uä  Creator  &  creatura  || 

'  Vgl.  Maassen  1.  c.  419  ! 


Die  Bibliotheken  Piemunts.  543 

f.  9  de  .inima  xpi 

agustinus    in  libris  |  questionuiii.    Intcr, 

f.  9''  Scs  isidorus  de  spii  sco 
It  sei  isidori 

f.  10  It  eiusde  |  de  spü  &  animax^  quod  unü  sit. 
It    eiusde    sei    isidori    de   sca    trinitate. 

f.  10''  Fides  aput  (tin  d  m.al.)  grecos  de  trinitate  hoc  modo  -i- 
de  creatura  j| 

f.  IP  De  adam  primnm.  |  oafi.  cartagineiis.  hr.  i  Quicuq; 
dicit  I  adam  primum  hominem  mortalem  factum  ita  si|ue  peccar* 
siue  non  peccaret  moreriur  in  corpore  |  non  peccati  merito  scd 
necessitate  nature.  anathe]ma  sit.  |  Incipiunt  capitula  canonum.  | 
I  De  fide   catholica.  &  symbolo.  |  — 

f.   13  Lxxi  Canones  sei  gregorii  papae;  || 

f.  13''  Incipit  collectvi  ex  libris  canonum  |  de  tide  catho- 
lica et  simbolum.  |  i  Caii  agustüdinensis.  hf  .i.  Siquis  prbt  | 
diaconus  subdiac.  ul  clericus.  simbulü  apostolo%  |  &  fidem  sei 
athanasi  corr.  m.  aL  epi  inrepraehensibilit  non  re[censi  —  erit. 
ab  epij  condempnatur  (a  in  e  ri?..  «/.).  — 

f.  79''  LXXI.  Rescripta  beati  gre|gorii  papae.  ad  agustinü 
epm  que  pro  j  se  ad  praedicandü  misit.  1  i  Qualit  eps  suis  cle- 
ricis  debeat  conuersari.  \  —  xii  De  inlusione  que  corr.  m.  <il. 
in  somnis  accedit  (ce  in  ci  m.  al.)  xiii.  |  i  Qualit  eps  —  conuer- 
sari. Beati  pauli  apostoli  ad  ti||  f.  80  motheü  epistola  in  quib; 
eü  erudire  studu|it  — 

f.  So  (xii)  nutri|nientü.  in  consensu  pfectio.  Decr&um  |  sei 
gregorii  papae.  |  i.  De  ministris  ecclesiae.  &  cantoribus.  |  — 

f.  83''  VI.  De  familia  eceh  quae  ad  relegiosa  corr.  rn.  al. 
uitä  ueni|re  cupiunt.  |  i.  Gregorius  papa  cora  beati  p&ri  corpus  | 
resedens.  cü  epis  xxiii.  prbis  xxxiii  dixit.  \  In  hac  sca  romana 
ecclesia.  dudü.  con&tu|do  sie  est  — 

f.  84  (vi)  in  monasterio  serui|re  diio  Ite  cafi  sei  gregorii 
papae  |  Gregorius  scissimiis  papa.  ante  corpus  j  beatissimi  petri 
apostoli  sinodo  rese||  f.  84''  dens.  dixit.  Si  quis  pres))iterum 
duxerit  i  —  eetere  corr.  vi.  al.  subscripserunt;  Epis|tola  sei  gregorii 
ad  bruliilde  |  regina  |  Domina  corr.  ni.  al.  gloriosissimae.  atque 
precellenjtissimo  filiae.  brunichilde  reginae.  ||  f.  85  gregorius 
seruus  seruorum  dl.  Post  ex|cellentia(!  uestre  corr.  m.  al.  solli- 
citudo.   regia  est  |  — 


544  Reil'f  er  scheid. 

f.  86  pia  }  esse  uiderit.  deuotione  sollicita.  |  vier  Zeilen 
leer  \\  f.  86"  m.  al.  Can  niceni  concilii.  xii  |  Siquis  pri?  — 
ammittat  gradü.  |  m.  al.  Ex  capitulare  domni  hlotarii  qd  | 
constitutum  est  bolonna;  |  cap  x.  de  precariis  quoque  —  sed 
sur»  prouidentie  sit  ||  drei  Blätter  ausyeschnitten  ||  f.  87  Atticus 
eps  constantinopolitaue  dixit;  ededi  ]  cannones  —  a  me  .amen. 
g;reca  elementa  litterarum  nu|merus  etiam  expremere  corr.  uullus  — 

f.  87''  greca  elementa  |  sig'nificant;  amhn.  i.  xlviii.  l.  || 


EUGIPPIUS. 
XXX.  94.  meiiil)!-.  fol.  2  col.  foliorum  236.  saec.  X.' 

f.  1  ///////  se|quentis  |  operis  \  Dominae  -  |  merito  uenerabili  | 
&  fructu  sacrae  |  uirginitatis  in  xpi  i  gratia  semper  illu|stri.  ac 
per  omnia  j)be  |  eugippius  omnium  seruorum  di  famulus  |  in 
dSo  saluteni  dicit.  |  Excerptorum  |  codicem,  quem  de  uonnullis 
opcrib.  sei  au|gustini.  cohortante  domno  meo  marino  j  — 

f.  1''  ut  predicti  duo  de  caritate  |  tituli.  iinem  semper  tc- 
neant  excerpto^^.  |  Explicit  praefatio  |  Incipiunt  capitula  |  ex- 
cerptorum. de  quijbusdam  opusculis  |  sei  augustini  |  episcopi.  | 
.1.  Liber  ad  iherouimü  prbm  |  prbrm.  sie  de  sentia  iacobi  apli. 
qua  di|cit.  si  totam  quis  legem  seruauerit.  offendat  aü  |  in  uno. 
factus  e  omniü  reus.  cum  idem  dicat  |  in  multis  enim  offeudimus 
oms,  Idcirco  integer  |  in  hoc  corpore  lib  prelatus  e  excerptis. 
quia  I  in  eo  de  caritate  iiiiorq.  uirtutib.  prudentia  |  temperantia 
fortitudine  &  iustitia  diligen|tissime  disputauit.  |  — 

f.  9  ccc.LX.i  •■'  Sermo  de  caritate  |  Expliciunt  capitula  sub- 
scquentis  operis  ^  |  Incipit  liber  excerptorum  de  non  nullis 
opusculis  sei  augustini  episcopi  |  Quod  ad  te  |  scripsi  honorande 
mihi  in  xpo  ff  ldero|nime  querens  de  anima  Immana  si  nasceu] 
tibus  singulis  neue  singule  nunc  usq^  fiunt  |  — 

f.  236"  ccc.L.vii  •'  De  magis  pharajonis.  '^  Ex  libro  questio- 
num  .Lxxx.iiii. "  |  Non  oportet  mouere  "•  cü   magis "  ar|tib>  —  si- 


1  Die  oberen  Ränder  durch  Feuchtigkeit  und  Mäusefrass  beschädigt  — 
-  LXII  559  —  ^  cccLii  —  '  Die  Capituhition  von  Angeln  Mai  nach  Vatic. 
3375  hcrau.sgegebe«  PNß  i  -*  \).  131  ff.  —  '■'  uccxl  —  6  et  cur  quaedam  niira- 
cula  fecerunt,  .sicut  Moyses  famulus  Dei  —  ''  om.  —  ^  moveri  —  ^  magicis 


Die  Bibliotheken  Piemonts  54Ö 

iiiiliu  in  maniis  siias  dautui-  cum  |  exaudiuntur  a  demonib,  Digiii 
sunt '  II 


EusEBii  Jiisforia  ecclesiastica. 

CLXVn.  205.  merabr.  -1.  t'olionim   181.  saec.  X.     , 

f.  1''  Ineipit  prolugus  sei  |  hieruninii  -  prbsri  de  |  libro 
storiarü  sei  eusebii  |  episcopi  |  Periturü  •'  dieunt  esse  medicoru  |  — 

t".  2"  usq.  ad  obitü  |  tbeodosii  auj>;usti;  Hniuit  pfaeio.  |  haec 
contin*  ecclesiasticae  historiae  Liber  prinms ;  praefa|tatiunem  sie 
de  deitate  xpi.  1 1  Quod  ds  k  diis  k  creator  omnium  ae  dispensator 
uniuersorü  ||  f.  3  ipse  sit  sedni  ea  quae  in  lege  &  ^ih&is  scripta 
sunt.  I  —  xvi  Exemplü  epistole  abgari  ad  dnm.  &  diii  ad  ipsum. 
&  eorü  I  qu(;  cousequentur  de  syrorum  lingua  trauslata  sit.  |  Ex- 
pliciunt  capitula  lib  primi.  Incip  eusebii  |  eaesariensis  liber 
primus  lege  in  xjxi  iliü  duu  uru.  ||  f.  H''  Successioues  sanctorü 
aptorü.  et  tempura  quae  |  — 

f.  4''  autiquitas  &  nobilitas  pariter  ostend&ur.  |  i  in  mr/.  \  Genus 
igitur  xpi  et  ipsani  substautiae  eius  natujram  — 

f.  24''  (xvui)  lingua  interptata.  hunc  in  nris  libris  tenebaut 
locuni.  I  Eusebi  eaesariensis  liistoriarii  |  liber  primus  explicit.  | 
Ineipit  liber  secundus  feliciter  |  lege  in  xpo  ihü.  |  Quae  etiam 
secundus  ecclesiasticae  historie  con|tinet  liber.  |  .i.  De  uita  i- 
institutione  aplo%  post  ascensionem  xpi.  |  — 

f.  25  XXVI.  Ut  innumeris  iudois  malis  adflicti  sunt  ac  nouis- 
simo  I  contra  romanos  arma  mouerunt.  j  Expliciunt  capitula 
libri  secundi,  |  Ineipit  liber  secundus.  feliciter  |  Quecumque  | 
oportuit  uelut  in  prineipiis  |  ecclesiastice  historiae  designari.  \  — 

f.  45  liaec  ad  uerbum  iose^p''us  refert;  uerum  de  iudaeis 
ista  sufliciant;  j  Eusebi  cesariensis  historiarü  lib  .ii.  explicit.  | 
Ineipit  liber  tertius  lege  feliciter  |  Haec  etiam  liber  tertius  cou- 
tini;.  I  I.  In  quib;  locis  x}5m  apostoli  praedicaruut.  |  — 

f.  46  xxxviiii  De  libris  papiae.  |  Expliciunt  capitula  libi'i 
tertii.  |  Ineipit  liber  tertius.  |  i  in  my.  \  Igitur  iudri  debitis  | 
cladibus  |  perurgebantur.  — 

f.  (J8''  scripta  ista  parabola.  |  sed  iani  ista  sufliciant.  j 
Historia  eusebi.    eaesariensis    episcopi   I  liber    tertius    explicit.  j 


*  1.  c.  1064  b  —  2  Euäui  —  J  XXI  4Ü1 


546  Reifferscli  eid. 

Incipit  über  quartus  telicitt'-r.  |  Quartus  quu(j[;  ecclesiastJcp  liisto- 
riae  liber  liaec  coDtin&.  j  i.  qui  sub  imperio  traiani  romanorum 
ul  alexandrino^f  |  episcopi  fuerint.  |  — 

f,  (39  XXXII.  De  bardesano  syro  til  scriptis  ei'dem.  j  Ex- 
pliciuut  capitula  |  i  |  Duodecinio  anno.  prmcipa|tus  traiani  cae- 
saris.  cum  cerdo  — 

f.  90''  etiam  romane  j  eccle  soter  eps  uiuendi  fineni  fecit.  | 
Explicit  liber  quartus.  |  Incipit  liber  quintus.  |  Haec  etiam  liber 
contin&  quintus.  |  i  Quanti  &  queadmodü  sub  seuei'o  apud  galliam 
jipri&ate  subierint  |  — 

f.  91  xxviiii.  Qualis  morib;  fuerit  quuq;  pacto  sacro  scos 
libros  1  temerare  ausus  sit.  |  Expliciunt  tituli  libri  quiuti.  am.  | 
Igitur  soteri  episcopo  |  octo  annis  in  urbe  roma  — 

f.  101''  (vii)  nos  ergo  periculum  incurrim'  si  uolum'.  de 
antichristi  noraine  |  dfyr  vierte  TJieil  der  Seite  zerstört  ||  f.  102 
populo  spectanti  lauiari  usq:  quo  fine  uite  in  ipsis  uerberib; 
po|uerent ;   — 

f.  lOö*"  copi(jsissimam  materiam  dereli^quid.  corr.  m.  p.  \ 
Historia.  eusebi.  caesariensis  |  liber  .vi.  explicit.  i  Incipiunt  tituli 
libri  septirai  |  Haec  insunt  in  septimo  libro  ecclesiastice  histo- 
riae.  |  i  De  decii  &  g-alli  male  gestis  rebus,  j  — 

f.  106  xxvim.  De  ecclesiasticis  uiris  nobilib;  quorü  ali- 
quanti  |  &iam  usq;  ad  ni^m  memoria  pdurarunt.  |  Expliciunt 
tituli  libri  .vii.  ||  f.  106''  Incipit  eiusdem  libri  septimi.  |  i  ]  Sep- 
timum  nobis  ecclesiastice  |  historiae  librü  scriptorum  suorum.  — 

f.  123''  posteris  ad  memoria  reliuquamus.  |  Explicit  liber 
septijnus  |  Incipiunt  tituli  libri  (jctaui.  |  Haec  insunt  in  octauo 
libro  ccclesiasticae  historiae.  |  i  De  nris  teporis  id  est  diocle- 
tiani  maximiani  Ss  maximini  psecutione.  |  — 

f.  124  xviiii  De  edictis  maximini.  Explicuerunt  tituli.  |  i 
Apostoloi'um  suc)cessionib;'iutra  septe  libros  a  not)  |  conclusis.  — 

f.  139  sed  posthaec  quid  |  consecutü  sit  uideamus.  Ex- 
plicit lib.  octauus.  |  Incipit  liber  nonus.  |  Haec  insunt  in  nono 
libro  ecclesiastice  historiae.  |  i  De  simulata  indulgentia.  I  —  x 
De  pditione  ultima  inimico^  nforum.  |  Expliciunt  tituli  libri 
noni  feliciter.  |  i  |  Huiuscemodi  edictis  iin])crialibus  per  omne  | 
locuni  asiae  pontiq;  ^ppositis.   — 

f.    151"  supra  orns  qui  prius  fuerant  |  procurabat.  |  p]usebi 
caesariensis  episcopi  lib  nonus  explic  |  Incipit   liber    decimus  j 


Uir  lüUliiithi'kou  Pienioiits.  547 

Huc  '  iis(j.  noib.  eusebius  rcrn  in  eccla  g-ostaruni  jucnioriri  ||  f. 
152  ti-adidit;  c&era  uo  quac  iiö(^.  ad  psens  tcinp'  p  ordine  subse| 
futa  sunt,  quae  ul  in  maiorum  litteris  ro])pcrini'.  ul  ni^  me| 
iiioria  adtigit.  patris  reliog-i  -  pceptis  &  in  hoe  parentes.  qua  | 
poterini'  breuitor  addemus  5  |  haec  &iam  decirao  libro  occlesiasticae 
historiae  continentur.  |  i  de  arrii  herese  |  — 

f.  152''  XL.  De  sio-nis  &  uirtutib;  terriücis  (pu;  in  exitium 
conjuersa  sunt  iudeorum.  |  Tituli  iibri  decirai  explicuerunt 
feliciter  |  Incipit  liber  decimus.  ||  f.  153  1  |  Cum  apud  alexan- 
driam  post  acliilla  qui  petro  |  martyri  successerat.  alexander  |  — 

f.  172''  adq.  gentiles.  locum  siinul  &  inaniter  coepta  reli- 
quere.  |  Historiae  eusebi  caesariensis  lib  .x.  explicit.  |  Incipiunt 
capitula  Iibri  .xi.  Lege  feliciter.  |  Haec  contin*  ecclesiastice 
historiae  lib  xi.  |  i  De  ortu  .t-  religiosa  monte  principis  iouiani  '* 
&  de  line  eins  |  — 

f.  173''  xxxiiii.  De  tinc  theodosii  post  uictoriani  &  arcadio 
adq;  hono|rio  liberis  ei'  adq.-*  Iieredib;  regni  |  Expliciunt  tituli. 
Incipit  liber  xi.  amen.  |  Post  iuliani  necem.  tandem  |  ciuile  nobis 
iouiani "'  praeparatur "  Imperium ;  |  — 

f.  181''  (xxxiiii)  feliciter  gubernato.  ad  meliora  migrauit. 
cum  piissimis  |  principib;  percepturus  praemia  meritorum.  |  His- 
toria  eusebi  caesariensis  epi  |  liber  undecimus  explicit  |  feli- 
citer du  gratias.  amen.  |  Gisus  eps  fieri  rogauit  uiuat  |  in  diio 
seinper  j  Bebe  presbiter  scripsit.  || 


Gregoku   Magni   hojiuliae  in  ev<m<jeUa. 

C'XLVIII.  8.  membr.  4.  2  col.  füliorum  268.  saec.  IX— X. 

f .  1 "  Incipit  epistula  |  beati  gregorii  |  papae  ad  epis|copum 
tauro|menitanum  |  Reueren|tissimo  ^  &  |  sancitissimo  |  fratri  |  se- 
cundijno  co|episcopo  ^  gregojrius  ser|uus  ser|uoruni  di  Inter  |  — 

f.  1''  Ins  que  emendatfi  sunt  |  certiores  fiant.  |  Expl  epi- 
stula I  incipiunt  ca|pitula  Iibri  |  huius  ||  f.  2  .i.  Omelia  sei  euan| 
gelii  secundum  mat|theum.  In  illo  tempo|re  dixit  itis  discipulis  | 
suis.  Erunt  signa  in  [  sole  &  luna  &  stel|lis  &  in  teri-is  pressura  [ 
gentium  pr^  confusione  |  sonitus  maris  &  fluctuü;  |  — 

'  1.  c.  4:63  ■ —   -  religiosi  —  ^  loviniani  —  ^  et  —   ■''  loviniani  —  ^  reparatur 
—   "In  mg.  m.  s.  xv  :  liTj  g-g'".  l*"  omelia-^  —  ^  LXXVI   1075  —  9  episcopo 


548  Keifferscheid. 

f.  4  XL.  (Jml  sei  euang  |  secct  lue;  lu  illo  tempo|i-e  dixit 
iRs  diseipulis  |  suis,  homo  quidam  erat  [  diues  &  induebatur 
pur|pura  &  bisso  &  epulaba|tur  cotidie  splendide  &  \  erat  quidam 
mendicus  nojmine  lazarus ;  |  Expliciunt  |  capitula  feli|citer  amen  | 
Oport&  '  I  fratres  |  kmi  |  ut  flagel|la  di  |  que  metuejre  uentura  | 
debuinius.  saltim  presenjtia  &  experta  timeamus  |  — 

t".  4'"  nanique  uiiieuitan  (nini  corr.  in.  al.)  \  culpas  tri- 
duana  -  ||  f.  5  m.  <iL.  aeq.  Quam  exhortatioue  beati  gregorii.  | 
ideo  liuic  liopusculo  inserendam  puta|uimus.  ut  a  quanta 
pfectiones  pdicaltionis  initium  sumpserit  moiistrajremus  || 

f.  S  '  In  illo  I  tempore  |  dixit  iiis  etc.  uerba  autem  niea 
non  I  transient ;  '  j  Expl.  lee  |  sei  engt  inc^  |  oml  lectionis  | 
eiusdem  liabita  j  ad  populum  |  in  basilica  beajti-^  petri  apos| 
toli ; "  II  f.  S""  Diis  I  ac  |  re|deni|tor  nos|ter  ^  parajtos  nos  in|uenire 
desiderans.  seneseen|tem 

f.  12  illius  timendo  preuenitis;  Explicit  ome|lia  prima.  | 
Ineipit  leetio  |  sei  euangelii  |  secundum  |  lueam  |  In  illo  tem|pore 
adsumsit  ilis  — 

f.  42''  dedit  lau|dem  do;  |  Expl  lec  sei  |  eugl  incp  lee|tionis 
eiusdem  |  ad  populum  \  in  basilica  |  beati  |  petri  |  apos|to|li.  "^  || 
f.    13  Kedem|tor  |  nos|ter  |  proui|dens  ex  |  passione  |  sua  — 

f.  17''  dedit  laudem  do ;  |  Explicit  omejlia  secunda  |  x 
Iucj5 "  I  omi  lectionis  |  eiusdem  habi|ta  ad  populü  |  in  basilica 
scae  ]  felicitatis  '"  die  |  natalis  eins.  |  Sei  euan|gelii  frajtres 
cariö|simi  breuis  |  est  leetio  reeijtata.  sed  |  magnis  mysjteriorum  | 
ponderibus  ||   — 

f.  20''  iu  mente  truci|damus. "  Expt  1  oml.  tertia  ||  f.  21 
Incp  oml  lec|tionis  eiusdem  |  iTab  ad  populü  |  in  basilica  be|ati 


Gregorii  Magni  oratio  ad  plebem  de  mortalitatc  1.  c.  l.'^ll  —  -  I.e.  lolH. 
Ein  Blatt  ausgeschnitten  —  ^  f.  5^.  6.  7i>  mit  Bildern  geschmückt.  Auf 
f.  5''  reicht  ein  Cleriker  ein  Buch  einem  Heiligen;  neben  jenem  steht  <lauid 
pertus  diacoiwü,  neben  diesem  .sc*  putrun.  Anf  f.  ß  ist  Christus  dargestellt, 
auf  dem  Thron  sitzend,  das  Haupt  mit  dem  Nimbus  geschmückt,  mit  er- 
hobener Keehten,  mit  der  Linken  das  Gewand  aufnehmend,  im  Schooss 
eine!  Rolle.  Auf  f.  7''  ein  Heiliger  in  reichem  Priestergewand  mit  einem 
Buche  —  '  transibunt  —  '•'  sancti.  So  auch  im  Folgendon  —  ^  dominica 
secunda  adventus  Domini  add.  Dann  folgt  die  leetio.  sie  semper  —  ^  fratres 
charissimi  add.  —  '^  dominica  in  quinquagesima  add.  —  ^  VdU  liier  an 
habe  ich  die  leetio  nicht  mehr  verzeichnet  —  "^  martyris  in  add.  —  ' '  ipso 
adiuvante  etc.  add. 


Die  Bililiothokeii  riemoiits.  540 

i 

stcplmni.  '    |    rum   |   consü-    |   onmihus  |  traltrcs   |   carissinii    quia 
rcdemjptor  nostcr  in  mundo  -  }  — 

f.  24''  cum  festina|tione  pi-oparemur;  •'  |  Expl Uml  (|uar|ta.  || 
f.  25  Incp  I  ome\  lect  eius|dem  liabita  ad  |  populuin  in  ba|silica 
beati  an|dree  apostoli  j  die*  uatalis  eins  |  Audistis  |  fratres  ca! 
rissimi.  quia  ad  uuius  |  iussionis  |  uocem.  |  petrus"  |  *  an|dreas  — 

f.  27''  ad  propria  |  contemnenda  perdu|catur  "';  |  Expt  oiuolia  | 
quiuta  ||  f.  28  Inc[)  |  omolia  habita  |  ad  pupuhim  in  |  basilica 
scom  I  marcelbni  et  |  petriJ'  ||  f.  28''  Qu(;|ren|du  no|bis  |  est  | 
fra|tres  |  caris|sinii  |  Iühan|nes  |  [)i-o|pheta  |  \-  plus  |  quam  pro| 
pheta.  — 

f.  33  iohanne  ua|leatis-,  |  Expl  omel'sexita.  ||  f.  33"  iucipit  | 
onielia  lectionis  |  eiusdem  habita  |  ad  populum  in  l);i|silica  beati 
pctri  I  apostoli.  '^  |  Ex  huius  |  nobis  lectio|uiö  uia'l)is  |  fratres 
cans|sinn  iühan|nis  humi  litas  com|mendatur.  |  — 

f.  38  ex  hu|militate  ualeatis;  j  Explicit  omelia  |  septima.  || 
f.  38''  Incp  I  oml  lect  eius|dem  liabita  ad  |  populum  in  ba|silica 
beato  I  marie  "^  die  na|talis  dni  ||  f.  39  Quia  lar|oiente  diio.  | 
niissarü  |  sollemnia  |  ter  liodie  |  celebraturi  |  su|muö.  |  lo|qui  | 
diu  de  euan|gelica  lectione  !  uou  possumus.  sed  |  — 

t".  40"  propter  |  te  factus  est  ^^^^  j  ds  homo  |  Explicit 
onielia  |  octaua.  ||  f.  41''  Incp  oml  |  lectionis  eius|dem  liabita  ad  | 
populum  in  ba|silica  beati  sil|uestri  conf "  die  ^"  |  natalis  eins.  | 
Lectio  sei  euang-e|lii  fratfes  carissimi  |  sollicite  considerare  |  nos 
ammon&.  nc  nos  |  qui  plus  ceteris  |  — 

f.  46  fecimus  excuset ;  |  Expl  onielia  nona  ||  f.  46"  Inci})it  | 
omelia  lectio|nis  eiusdem  lia|bita  ad  populfl  |  in  basilica  beajti 
petri  aposto|li  die  sancto  "  |  theophanie '-  ||  f.  47  Sicut  ex '■' | 
lectionex  |  euangelica  |  fratres  "  au|distis  c(;|li  rege  nato  |  rex 
terre  |  turbatus  |  est;  — 

f.  51  ad  eara  inalis  amarica|ti  redeamus;  |  Explicit  omelia  | 
dccima.  ||  f.  51"  incipit  onie|lia  lectionis  |  eiusdem  habita  |  ad 
populum  in  |  basilica  sanctr  |  agno  '•''    die    natajlis    eins.  |!  f.    52 


•  martyris  de  apostolis  add.   —    -  minuliim  —   ^  donante  etc.  ndd.  —    '  in  die 

—  ^  adiuvaiite  etc.  add.  Dergleielicii  vini  liier  an  niclit  mehr  notirt  — 
^  dominica  tcrtia  adventiis  Doniini  adil.  —  "  doniinica  quarta  in  adveutu 
Domini  add.  —  §  virginis  in  (idd.  —  ^  ovi.  —    '"  in  die  nie  semper  —  "  ojh. 

—  12  epiphaniae  —    '^  in  —  "  carissimi  add.   —    '^  Agnetis  s.  s. 


550  Reifferscheid 

Ce|lo|rum   regiiü  j  tratres    carislsimi    idcircu   |   terrenis  |  rejbus  | 
simile  dicitur.  ut  |  — 

f.  6b^  sine  labore  capiatis ;  |  Explicit  omelia  |  uudecima.  || 
f.  56  Incp  ofTTel'  lec|tionis  emsdem  |  liabila  ad  popullum  in  ba- 
silica  ]  sce  agne  martyris  '  ]  die  natalis  eins  secundo  -  |  Saepe  | 
uos  fra|tres  calrissimi  |  ammo|neo.  pra|ua  opera  fugire  sie  \  — 

f.  61  die  I  neque  horani;  |  Explicit  omelia  |  diiodeciraa.  || 
f.  61"  Inc}5  oiiit  I  lectionis  eiusde  |  habita  ad  popu|lum  in  basi- 
lica  I  beati  felicis  con|fessoris  die  najtalis  eins,  |  Sei  euan|gelii 
fraltres  caris|simi  aper]ta  uobis  |  est  lectio  |  recita|ta,  sed  \  ne^ 
aliqui|bus  ipsa  eins  |  — 

f.  65  semper  |  timeatur;  I  Explicit  omelia  j  tertia  decima|| 
f.  65"  incp  omT  lectio|nis  eiusdem  liabi|ta  ad  populum  |  in  ba- 
silica  beati  |  petri  apostoli  -^  |  Audistis  |  fratres  ^  ex  lec|tione 
euangejlica  eruditione  j  nostram.  ■'  |  — 

f.  69"  in  peruen|tione  satiemur,  |  Expl  oml  quar|tadecima.  || 
f.  70  incipit  omel  j  lectionis  eius|dem  habita  |  ad  popukim  | 
in  basilica  bea|ti  pauli  apos|toli ''  ]  Lec|tio  j  sei  |  euangelii  quam 
modo  I  fratres  carissimi  audistis  |  expositionem "  non  indigx-.  | 
sed  ammonitionem ;  *  qua  |  — 

f.  73"  consorjtes  esse -^  ualeatis;  |  Expt.  onTSl'  xv  ||  f,  74 
incipit  I  omelia  lectionis  |  eiusdem  habita  ad  |  populum  in  basi| 
lica  sancti  iohan|nis  quae  appella|tur '"  constantini|ana ' •  |  Dubi- 
tari  I  a  quibusdä  |  sok-  a  q^'o  |  spü  sit  |  ihs  ducjtus  in  de|sertü  — 

f.  78  competit  relaxamus;  ""-  |  Expl  omelia  xvi  |  Incipit 
omelia  |  lectionis  eiusde  |  habita  ad  episco|pos  in  consist  |  late- 
ranense  '^.  ||  f.  78"  Diis  et  salua|tor  noster  j  fratres  |  carissijmi 
ali|quan|do  |  nos  |  sermo|nibus  alijquando  uero  operibus  |  am- 
mon&;  — 

f.  89"  in  tuis  oculis  esse  ualeamus;  |  Per  diim  nostrum 
etc.  amen;  \  Explicit  omelia  sepitima  decima.  ||  f.  90  incp  |  omelia 
lectionis  |  eiusdem  habita  |  ad  populum  in  ba|silica  beati  petri  | 
apostoli.  '^  [  Pensate  |  fratres  |  carissi|mi  man|suetu|dinem  di.  I 
relaxare  |  peccata  uenerat.  — 


om.  —  2  om.  —  •*  dominica  secimda  post  pascha  add.  ^  car.  <idd.  — 
■''  vestram  —  ^  dominica  in  sexagesima  (idd.  —  ''  expositione  —  ^  ad- 
monitione  —  ^  tunc  esse  —  "'  dicitui'  —  "  dominica  prima  in  qnadra- 
gesima  add.  —  '^  relaxemiis  ~  '^  in  fontes  Lateranensiiim  —  '*  dominica 
in  passione  add. 


Die  Bihliothpk-Pn  Piemonts.  Ö51 

f.  94  euadere  nequa|quam  '  possit;  |  Expt  omelia  ocjtaua 
decima.  ||  f.  94''  In|cipit  omelia  |  lectionis  eius|dem  liabita  ad  | 
populum.  -  j  In  explauatione  |  siia  multa  ad  lojquendum  sei 
euaiig-ellii  lectio  postolat  |  — 

f.  100''  misericor|dia  mea;  |  Expi"  omelia  nona  |  decima.  || 
f.  101  incipit  |  ome|lia  lectionis  eiusdem  habita  |-ad  populum.-'  | 
Redem|toris  ^  |  prejcursor  |  quo  tem|pore  uerbü  |  predicatio|nis  •'' 
acce|perit.  |  — 

f.  IIP  piguus  tene|mus;  |  Expt"  omelia  ui|cesima.  ||  f.  112 
incipit''  I  omelia  lectio|nis  eiusdem  hajbita  ad  populü  |  in  basi- 
lica  beate  |  mario '  die  sco  |  pasclio  |  Multis  |  uobis  |  lectio|nibus  | 
fratres  |  caris|simi  |  per  |  dicitatü  |  ioq'i  |  con|sue|ui.  |  Sed  |  quia 
lassiscente  (esc  corr.  m.  al.)  sto|macho  — 

f.  124'^  dejdit  in  mortem''  unicum  |  filium  suum  x^x^^^^^  | 
ilim  xpin  diim  '•'  etc.  amen;  ||  f.  124''  Explicit  omelia  |  uicesima 
prima.  ||  f.  125  Incp  ome|lia  lectionis  eius|dem  habita  ad  |  po- 
pulum in  basillica  beati  iohan|nis  que  appella|tur  constantij 
niaua  'i.  |  Fracjtus  lon|ga  |  mollesjtia  |  stolmachus  diu  nie  cari| 
tati  uestre  — 

f.  116''  pigri  non  sunius.  |  adiuuat  ipse  quem  ama|mus. 
ihs  xps  etc.  amen;  [  Expl  omelia  uice|sima  secunda.  ||  f.  117 
Incipit  omelia  |  lectionis  eius|dem  habita  ad  |  populum  in  baj 
silica  beati  pe|tri  apostoli "-.  ||  f.  117''  In  cottidijana  nobis '^ 
sollen! |nitate  labolrantibus  pauca  j  loquenda  sunt.  — 

f.  118''  proprios  recipiat  ad  regnum.  ||  f.  119  Explicit  ome- 
lia I  uicesima  tertia  ||  f.  119''  Incp  omelia  lecjtionis  eiusdem  | 
habita  ad  populum  |  in  basilica  beati  |  laurentii  mar|tyris.  "  | 
Lec|tio  I  sei  |  euangelii  que  modo  |  in  uestris  auribus  i''  lecjta 
est  fratres  mei  |  questione  animum  |  pulsat.  — 

f.  132''  ad  perfec|tionem  roborat.  per  |  ihm  xpm  dnm  — 
amen;  j  Explicit  omelia  |  uicesima    quar|ta.  ||  f.    loo    Incp    oml 


'  nequainquam  evadere  —  ^  jn  basilica  beati  Laurentii  martyris,  dominica 
iu  sexagesima  add.  —  3  jn  basilica  sancti  lohaunis  Baptistae,  sabbato 
quattnor  temporum  ante  natalem  Christi  add.  —  ■>  r.  nostri  —  ^  praed.  ver- 
bmn  —  ^'  Hier  beginnt  in  der  Ausgabe  das  zweite  Buch  —  "  virginis  add.  — 
8  Verheftet,  f.  115- 12-2  =  Quat.  xvi,  f.  12:5—130  =  Quat.  xv  —  «  iu 
mortem  dedit  —  i»  dominum  nostrum  lesum  Clu-istum  —  '•  sabbato  post 
pascha  add.  —  i2  in  crastino  paschae  add.  -  '^  vobis  —  "  foris  muros 
urbis,  feria  quarta  paschae  add.  —   '"'  amibus  vestris 


552  Reifferscheid. 

lectionis  |  eiusdem  habita  ad  |  popiilum  in  basilica  |  beati  iohan- 
nis  que  |  appellatur  cons|tantiniana.  '  ||  f.  133''  Maria  Magida- 
lene  |  quo  fae|rat  in  ci|uitate  |  peccatrix.  |  amando  |  ueritate.  | 
lauit  I  lacrimis  |  — 

f.  142  Cünsü|labitiir  g-aiidio;  qui  |  uiuit  etc.  amen;  |  Explicit 
onielia  |  iiicesima  quinta  |j  f.  142''  Incipit  [  omelia  lec|tionis  eiiisde  | 
habita  ad  ||  f.  143  populum  in  ba|silica  beati  |  iohannis  quae 
appellatur  "^  |  constantiniana.  ■'  |  Prima  |  lectio|nis  j  huius  |  euan- 
ge|lice  questio  |  animum  pulsat.  |  — 

f.  150''  singulariter  ^  amatis.  |  qui  uiuit  etc.  amen ;  |  Explicit 
omelia  |  uicesima  sexta  ||  f.  151  Inci|pit  omelia  lec|tionis  eius- 
dem  I  habita  ad  popu|lum  in  basilica  |  sei  pancrati  ■'  die  |  natalis 
eins.  I  Cum  cuncjta  sacra  elo|quia  domiuicis  \  plena  sint  pre| 
ceptis.  — 

f.  157  nunc  j  decertantes  iuuat;  j  per  ihih  xpm  dimi  etc. 
amen;  |  Explicit  omelia  |  uicesima  septima  ||  f.  157''  incipit  ome- 
lia I  lectionis  eius|dem  habita  |  ad  populum  in  |  cymite|rio ''  sco! 
rum  uerei  et  |  achijlei  die  |  natalis  eorum.  ||  f.  158  Le|c|ti|o  |  sei 
euang-elii  qua  |  modo  fratres  audis|tis.  expositione  non  |  indig*. 
sed  ne  hanc  |  taciti  — 

f.  IßO''  per  lidem  tene|tis.  per  ihih  xpm  dnm  |  etc.  amen;  | 
Explicit  omelia  |  uicesima  octa|ua.  ||  f.  IGI  Incipit  omelia  |  lec- 
tionis eius|dem  habita  ad  |  populum  in  ba[silica  beati  pe|tri 
apostoli  I  die  ascensionis"  |  dni.  |  Quod  re|surrectio|nem  do  mi- 
nicä  I  discipu|li  tarde  j  crediderunt.  |  — 

f.  168  desijderium  nostrum  ipso  q'i  |  dedit  ihs  xps  dSs 
etc.  amen;  |  Explicit  omejlia  uicesima  |  nona.  ||  f.  168''  incp  ome- 
lia lec|tionis  eiusdem  |  habita  ad  popujlum  in  basilica  ||  f.  169 
beati  petri  apos|toli  die  sco  pcn|tecosten.  ^  |  Li|b|e|t  fratres  ca- 
risjsimi  euangelice  uer|ba  lectionis  sub  breui|tate  transcurrere  |  — 

f.  177  non  relinquitur  sed  da|tur  per  diuTi  nostrum  |  etc. 
amen;  |  Explicit  ome|lia  tricesima.  ||  f.  177''  incipit  |  omelia  lec- 
tio|nis  eiusdem  j  habita  ad  polpulum  in  basijlica  beati  lau|renti 
marty|ris."  ||  f.  178DiTs  et  |  redem|tor  |  nosjter  |  per  |  euan|gelium 
suiun  aliquan|do  uerbis  loquitur.  |  aliquando  rebus   |  — 


'  fcrin  quinta  i)ascliao  add.  —  -  dicitnr  —  ^  j^  octavis  i)aschae  add.  — 
^  siugularius  —  ■'  martyris  add..  —  ^  basilica  —  ''  in  asccnsiono  —  *  Peu- 
tecostes   —  '■*  sabbato  quattiK^r  tempürum  .salvatoris  add. 


Die  RiViliiitheken  PiPiiioiit?.  5o3 

f.  1H2''  gaudia  mansura  '  |  per  diini  etc.  amen;  |  Explicit 
omelia  |  triccsima  pri|ina,  |1  f.  183  ineipit  ()me|lia  lectionis  eius- 
dem  habita  |  ad  populum  in  |  basilica  scorü  |  processi  et  |  mar- 
tiniani  |  die  natalis  eo|ruin.  |  Qiiia  |  diiS  |  ac  |  re|demp]toi-  | 
noster  |  nonus  hojmo  uenit  |  in  niun|d() -.  |  noua  precepta  edi- 
dit  ^'  I  — 

f.  ISO""  citius  I  adepturi  sumus  per  euni  j  qui  uinit  etc. 
amen;  |  Explicit  omelia  |  tricesinia  secun|da.  ||  f.  190  incijnt 
omelia  |  lectionis  eius|dem  habita  ad  |  popidum  in  balsilica  beati 
cle|mentis;^  |  Cogitanti  mihi  |  de  mario  ppniten|tia  flere  magis  | 
übet  — 

f.  197  que  fletibus  |  labatur  in  ihn  xpo  dSo  |  etc.  amen;  | 
Explicit  omeHa  |  tricesima  terjtia.  ||  f.  197''  incp  |  olnetllecf  einsd'  | 
hab  ad  pop  in  |  basilica  scorü  |  iohanni  et  pauli  |  die  dominico;''|| 
f.  198  Aestiuü  |  tempus  |  quod  cor|pori  meo  |  ualde  i  contra|rium  | 
est.  I  loq^'i  |  me  |  de  |  ex|po|si|tione  euangelii  longa  j  — 

f.  202''  factus  I  est  iudex  noster  qui  j  uiuit  eic.  amen ;  | 
Explicit  omelia  |  tricesima  quarjta.  ||  f.  203  ineipit  omelia  |  lec- 
tionis eius|dem  habita  ad  |  populum  in  ba|silica  sei  menne".  || 
f.  203''  Quia  lon|gius  ab  |  urbe  |  digressi  |  sumus.  |  ne  ad  rejuer- 
tendü  I  nos  |  tardior  |  hora  pre|pediat.  |  necesse  est  |  ut  exposi- 
tionem  sei  euangellii  — 

f.  218  opi|tulatur  in  temtatio|ne;  per  ihm  xpm  |  diiiii  etc. 
amen;  |  Explicit  ome|lia  tricesima  |  quinta.  ||  f.  218''  ineipit 
omelia  |  lectionis  eius|dem  habita  ad  |  popvüum  in  ba|silica  bea- 
torü  I  apostolorum  |  philippi  et  |  iaeobi ; "  |  Hlo|c  |  dis|ta|re  |  fra| 
tjres  j  ca|ris|si|mi  in|ter  delicias  corporis  |  &  cordis  sol.t-.  — 

f.  228''  amore  |  flagramus:  qui  uiuit  |  etc.  amen;  j  Explicit 
omelia  |  tricesima  sex|ta.  ||  f.  229  ineipit  omelia  |  lectionis  eiusde  | 
habita  ad  popujlum  in  basilica  |  sei  scibastiani  "^  |  die  natalis 
eius;  ]  Si  [  con|si|de|ra|mus"  |  ff  |  c|a|r|is|simi  |  que  |  &  quanta  sunt  | 
que  nobis  promittun|tur   — 

f.  237  remedia  contulit  |  ihs  xps  dns  etc.  amen;  |  Explicit 
ome|lia  tricesima  |  septima.  ||  f.  237''  ineipit  |  omelia  lec|tionis 
eiusde  |  habita  ad  pojpulum  in  ba|silica  beati  |  clementis;'"  |  Tex| 

'  m.-uisiira  gaudia  —  ^  niundiim  —  3  dedit  —  i  foria  soxta  qiiatuor  tempo- 
nim  sejjteiiiltris  add.  —  ■'■  flominica  tertia  post  Peutecosten  —  ''  martyris 
die  nntali  eins  ndd.  —  ''  dorainica  secunda  post  Penteoosten  add.  —  "^  mar- 
tjT-i?;  (idd.  —  '■>  consideremus  —    '"  martyris  add,. 


554  Reifferscheid. 

tum  leC|tionis  euan|g-elice  fra|tres  ca|rissimi  |  uolo  si  |  possum  | 
sab  breui|tate  trans|cuiTere.  |  ut  in  fine  |j  — 

f.  250''  ad|suinere  naturam  |  nostram  qui  uiuit  j  eJc.  ameu;  | 
Explicit  omejlia  tricesima  |  octaua.  ||  f.  251  iucipit  |  onielia 
lectiojnis  eiusdein;  ^  ||  f.  251''  Lec|tio|nem  breuem  sei  |  euan- 
gelii.  breue  (i  corr.  m.  al.)  si  |  possum  uolo  sermone  |  percur- 
rere.  — 

f.  260  ipse  de  quo  loquimur  [  qui  uiuit  etc.  amen;  |  Ex- 
plicit omellia  tricesima  |  nona.  ||  f.  260''  incipit  |  omelia  lecjtionis 
eiusde  ||  f,  261  liabita  ad  po|pulum;-  |  Uer|bis '^  |  sa|cri  e|lo|quii  | 
fratres  |  ca|rissimi  prius  serjuanda  est  ueritas  |  historie.  — 

f.  268''  ut  iam  |  tunc  etiam  suos  spiri|taliter  diligaut  qui  | 
hie  dum  peecata  dilijg'ant^  nee  se  amabant;-^|| 


Gregorii  Magni   moralia. 

XLIX.  51.  membr.  ßrossquart.  2  col.  foliorum  492.  saec.  X. 

f.  1  '^  In  nomine  scae  trinijtatis  moralia  g-reg-orii  |  pape 
in  expositione  j  beati  iob.  per  contem|plationem  sumptam.  |  liberi 
SIC  XI  pars  in  |  Quauis "'  in  prolixo  |  opere  esse  culpabiles  m.  cd. 
stili  I  mutabilitas  uon  deb&.  |  — 

f.  22  nee  per  carnale  huc  delectatione  uenit;  |  Explicit 
lib  .XI.  Do  g'racias.  am  |  Incipit.  duodecimus  ]  de  moralibus  iob.  | 
Mos  iustorum  est  tanto  solli|citius  — 

f.  43''  que  testis  ueritas  de  cordis  siplicitate  i  laudauit;  || 
f.  44  Explicit.  lib.  xii.  do  g-racias.  |' Incipit  tertius  decimus  | 
Esse  hoc  peruersorum  propri|um  sol&.  quod  mala  sua  '^  per  con| 
uitium  bonis  ing-erunt.  ■'  — 

f.  58  de  retributione  iudicii  in  suis  uocib;  |  securus  non 
est;  Explicit.  j  Incipit  lib.  xiiii.  ex  par|te  .in.  |  Superiori  liuius 
operis  parte  |  tractauimus.  quod  omnipo|tens  ds  — 


'  habita  ad  poiiuhini  in  ba.silifa  beati  loaiuiis  quao  dicitur  Constaiitiniana  add, 
—  -  in  Ijasilica  .saucti  Lam'entii  niartyri.s  dominica  sccnnda  post  Penteco.sten 
add.  —  ^  In  verbis  —  ''  diligerent  —  ^  1.  c.  1808  c.  Drei  Blätter  fehlen 
an  der  letzten  Lage  —  '"'  Zwei  Vorsotzblätter  saec.  x  enthalten  Excerpte 
ex  libro  nonel.  ex  reg  paF  (ad  godiscalenm  duce  campanie.  ad  leontium 
exconsule.  ad  manrentiu  magistru  militii,'.  ad  leontinm  exconsulem.)  — 
"  LXXV  953  —  '^  sua  mala  —  ^  ingerant 


Die  Bibliotheken  I'icmonts.  555 

f.  82  qiiaiito  ante  iudiciü  |  diucius  expettauit.  |  Explicit 
.xiiii.  lucipit.  I  Hb  .XV.  Pa's  .111.  |  Quia  aniici  beati  |  iob  nequa- 
((ua  puersi.  ee  j  potuerint '.  sopliar  naalmatitis- (es  coot.  rii.  cd.) 
iierba   testantur  |  — 

f.  ]05''  tauto  hoc  u  solü  in  se  sed  &\ii  in  aliis  |  oderunt; 
Explicit  lib.  xv.  |  Incipit  .xvi.  i  Qui  contra  ueritatis  |  uerba  in 
alligatione  deficiunt  |  — 

f.  128'^  Opitulante  dö  latius  disserantnr.  |  Explicit.  ||  f.  129 
In  xpi  nomine  |  incipit  in  exlplanatione;  |  beati  iob;  de  |  moralia. 
pape  I  gregorii.  |  pars  quarta;  |  libri;  xvii.  |  Quotiens  ^  in  sei 
iiiri.  I  historia  per  nouum  uohilmen  enodare  misterium  |  typice  — 

f.  144  Quis  poterit  |  tonitruu  magnitudinis  illius  intueri;  ^  )| 
f.  144''  Explicit  liber  .xvii  |  Incipit  liber  .xviii.  |  Plerumque  in 
sacro  I  eloqnio  sie  nonnnlla  inystica  j  discribuntur.  — 

f.  174''  fluniina  suminius.  |  in  ipso  suo  fönte  biberimus ;  | 
Explicit  liber  xvm  |  Incipit  liber  xviiii  |  Sei  gregorii  papae  |  in 
SCO  iob  prophetae.  ||  f.  175  Quid  mirum  si  aelterna  di  sapientia 
conspici  |  — 

t".  195  restaurari  semp  p  studio  subse|quentiü  credebat.  | 
Explicit  liber  xviiii  |  Incipit  liber  xx.  |  Quamuis  omneni  scientiä  ( 
adqiie  doctrina  scriptura  Sacra  sine  aliqua  con|paratioue  — 

t".  220  fortasse  operis  uacuari  (re  corr:  m.  al.)  uideaniur,  | 
Explicit  liber  |  xx,  Incipit.  |  liber  .xx.i.  j  Intellectus  sacri  eloquii. 
inter  |  textum  &  misteriö  tanta  est  — 

f.  231''  uix  uak'  |  eins  ira  ;];  purgat  |  Explicit  liber.  xxi  j 
Incipit  liber  xxii  |  Quod  .a  me  sepe  iam  dictü  |  est  hoc  nie 
crebro  repetere  |  — 

f.  250''  p  iuueutu|tis  audatiii  spü  feruentiore  ,pferuntur; 
amen.  |  111.  ead.  Qui  cognoscis  omniu  occulta  a  delicto  me 
mu.Mia  I  ^gpyg  mihi  concede  ut  repenitear.  et  cla|me  peccaui  mi- 
serere  mei  ds;||  f.  251  lucipit  lib  xxiii.  in  ex|positione  beati 
iob  I  moralia  gregorii.  j  per  coutemplatio|nem  sumpta  libri  |  quinq. 
pars  quinta.  j  Praefationem  huius  operis   tojtiens  — 

t.  2(i9  fortiter  egerit  ad  diuinae  spei  mu|nimen  iugiens 
solidiuö  uiuat  |  Explicit  liber  xxiii.  |  Incipit  liber  xxnu.  |  lleliu 
uim  supernae  dispensatiojnis  insinuaus  de  eiecti  u^iuscu- 
ius|que  — 


'  potueruiit  —  2  Naamathitis  —   3  LXXVI   9 
Sitzb    a    i.hil-hist.  (.1.  LXVril    Bil    ui.  Hit.  ■  36 


556  Reifferscheid. 

f.  284"  unde  nunc  ad  ministerium  pacienter  (  grauis  inno- 
tiscit  (es  corr.  m.  al.)-^  Explicit.  liber  |  xxiiii.  Incipit  üb.  xxv.  | 
Ipsa  huma^nae  conditio] nis  qualitas  indicat  quam  longe  reb;  | 
cetei'is  praestat  — 

f.  298  de  quo  tribulatio  orit  exorjdia  honoris  ig-norat.  | 
Explicit  liber  .xxv.  |  Incipit  liber  .xxvi  |  In  loquutionibus  suis  lioc 
arro|gantes  uiri  habere  inter  alia  J»priü  solent  — 

f.  322  istum  libellum  hunc '  iine  constrin|gemus  -  ne  in- 
moderatius  extendamus;  |  Explicit  liber  .xxvi.  |  Incipit  liber  .xxvii.  | 
Quisquis  de  magnis  dictis  arro|gantium  sumere  scientiam  ni| 
titur  — 

f.  342*'  adhuc  sicomorum  •'  non  inuenerunt.  |  Explicit  liber 
uigesimus  |  septimus  do  gratias.  |  semper  amen  ||  f.  343  Incipit 
liber.  xx.viii.  |  in  ex|positione  beati  iob.  moralia  |  gregorii  per 
contemplati|onem  sumpta  libi-i.  viri.  |  pars  sexta.  |  Post  damna 
rerum.  |  post  funera  pignorum.  |  post  uulnera  coi-poris.  |  post 
uerba  male  suadentis  uxoris.  |  — 

f.  359**  qui  fluctus  |  frango  temptationis  in  corde.  |  Ex- 
plicit lib.  xxviii.  I  Incip  lib  xxvira.  |  Diis  ds  nr  ihs  xps  in  eo 
quod  uir|tus  &  sapientia  di  est  — 

f.  383''  caelestiü  ignarus  quur  haec  pateris  |  nescis.  |  Ex- 
plicit lib.  xxxx^^  4  II  f.  384  Incipit  liber  .xxx.i  |  In  paradiso  sano. 
homini  |  diabolus  inuidens  super|biae  uulnus  inilixit.  |  — 

f.  416"'  considerat.  ei  qui  singularit  summus  |  est  se  hu- 
milit  subdat  ||  f.  417  Incipit  liber  .xxx.ii.  |  Sei  uiri  quo  apud 
dm  altius  uirtu|tum  dignitate  proficiunt.  |  — 

f.  436  &  terra  |  humilis  sine  termino  sup  caelos  |  regn&.  | 
Incipit  liber  xxx.iii.  |  Antiquo  hosti  qui  sub  uehemoth  j  nomine 
dominica  uoce  describit.  |  — 

f.  462  fläma  ^  \  quippe  suggestionü ''  extinguit  j  citius  unda 
lacrimarü.  |  Incipit  liber  xxx.rai.  j  Quia  ex  hoc  mundo  corpus  | 
gerimus  uniuersitatis  — 

f.  479  du  in  se|mfr  ipsis  prineipaliter  humilitate  |  tuentur.  j 
Incipit  liber  .xxx.v.  |  Quia  iste  ultimus  huius  |  operis  liber.  est. 
et  locis  I  difficilioribus  pertractatis  |  — 

f.  492''  Öi  cum  p  me  |  uerba  audit "  pro  me  lacri|mas  reddit.  || 

^  hoc  —  2  coiistriiigimus  —  •'  sycomori  nrborem  —  ''  A^'iclniclir,  wie  aucli 
ohne  Zweifel  vor  der  Rasur  gelesen  wm-de,  xxvuii.  Das  dreissigste  Buch 
fehlt    —    •'  flammani    —   *"  suggestionuni  illius  —  "  accipit 


Die  BiWiothekeii  Piemonts.  ö57 


LXXIV    60    fol.  2  eol    f.ilioruiu  350.  saec.  X.' 

f.  1  Incipit  über  xvii  |  Quuties  -  in  sei  iiiii  historia.  |) 
nniiü  j  — ■ 

f.  13''  tonitruum  magnitudinis  illius  intueri.  |.Explicit  liber 
XVII.  I  Incipit  liber  xviii.  |  Pleruinq:    in  sacro  eloquio.  sie  |  — 

f.  39  in  ipso  suo  fönte  bibe]rimus;  |  Explieit  liber  xvtii  | 
Incipit  liber  xvnii.  |  Qiiid  mirnm  si  a&erna  di  sapicuitia  conspici  — 

f.  5<j  p  Studium  subse|quentium  credebat;  |  Explieit  liber 
xvHii.  I  Incipit  liber  xx.  |  Quamuis  omne  scientia  atq;  doctri|nain  — 

f.  TS''  for|tasse  operis  uaeuare  uideamur ;  |  Explieit  liber 
XX.  I  Incipit  liber  xxi.  |  Intellectus  saeri  eloquii,  inter  textü  |  & 
my  Sterin  — 

f.  89''  ira  quae  |  purgat.  j  Explieit  liber  xxi.  |  Incipit  liber 
XXII.  I  Qiiod  a  uae  saepe  iani  dictü  est.  hoc  ■'  |  crebro  — 

f.  IOC)''  s]tu  feruentiore  |  proferuntur.  |  Explieit  liber  xxii.  || 
f.  107  In  expositione  beati  iob  |  nioralia  beati  g-regorii  |  papae 
per  conteniplatiolnem  sumpta  libri  quinque  pars  quinta  |  Prae- 
fatione  liuius  opei'is  |  toties  — 

f.  123*'  spei  munimem  nie  fugiens  solid'us  m.  al.  uiuat.  | 
Explieit  liber  xxiii.  j  Incipit  lil)er  xxiiii.  |  lieliu  uini  supno  dispen- 
sationis  |  insinuans  — 

f.  139  ad  inilnisteriü  patienter  o-rauig  inuoteseitur.  '  1  Ex- 
plicit  liber  xxiiii.  |  Incipit  liber  xxv.  |  Ipsa  luunane  eonditionis 
qualitas  indi|eat.  qua  longe  rebus  — 

f.    152''    exor|dia    honoris     ignorat;   |    Explieit    liber     xxv.  | 
Incipit  liber  xxvi  ]  In  loeutionib:    suis  hoc  arrogantes  |  uiri    ha- 
j  bere  |  inter  alia  propriü  solent.  |  — 

f.  175  libellü  hoc  fine  constringimus  |  ne  inmoderatius 
extendamus;  |  Explieit  liber  xxvi.  |  Incipit  liber  xxvii.  |  (^uis- 
quis  de  magnis  dictis  |  arrogantiü  sumere  scientiain  (sei  1)1 
ras.).  I  — 

f.  197  adhuc  sicomori  arbore  non  inuener;  [  Explieit  liber 
xxvii.  I  Incipitliber  xxviii.  j  Post  damna  rei-uin.  postf'unera  |  pignoru. 
post   iiulnera    eorjioris.  |  post  uerba  niah;  suadentis  uxoris.  |  — 


Von  f.  2-12  an  die  (iheren  Ränder  der  TTainlsclnil't  stark  bescliädigt,  gegen 
Ende  nur  ein  Dritt. 1  drr  T.lätter  vorliMudeii  —  ■*  LXXVI  9  —  ^  hoc  me  — 
''  inuotescit 

36* 


558  Reifferscheid. 

f.  211''  Üuctus  l'rango  |  temptntiünis  m  corde.  !  Explicit 
über  XXVIII.  |  Incipit  liber  xxviiii  |  Dns  ds  nf  ihs  xps  in  eo 
qiiod  I  lürtus  &  sapientia  di  est  |  — 

f.  232"  quanto  secretorü  caelestium  ignarus  cur  |  haec 
pateris  nescis.  |  Explicit  liber  xxviiii.  |  in  expositione  iob  mo- 
ra|lia  |  beati  gregorii  papae.  |  urbis  rome  pars  quinta.  |  Incipit 
liber  .xxx.  |  Beatus  iob  talia  utrunine  fecerit  1  diio  interrogante 
requiritur.  |  — 

f.  254''  hnmilius  trepidat  |  tanto  in  illo  robustius  stat,  | 
Explicit  liber  xxx.  |  Incipit  liber  xxxi.  |  In  paradyso  sano  ho- 
111  ini  diabolus  j  inuidens.  supbiae  uulnus  inflixit  |  — 

i\  282"  ei  qni  singulariter  sum|mns  est  se  humiliter  sub- 
dat;  !  Explicit  liber  xxxi.  j  Incipit  liber  xxxii.  [  Sei  uiri  quo 
apud  din  altiiis  uirtujtum  dignitate  j)±iciuut.    — 

f.  299  &  terra  humilis  sine  |  termino  snp  caelos  regnet ;  | 
Explicit  liber  xxxii.  ||  f.  299"  Anfavg  zerstört  driica  |  uoce  de- 
scribitur.  supbi  quiq.  tanjto  fainiliarius  seruiunt.   — 

f.  321"  extinguit  citius  |  unda  lacriniarnm;  |  Explicit  über 
xxxiii  I  Incipit  liber  xxxini  |  Quia  ex  hoc  mundo  corpus  gerimus.  ||  — 

f.  336"  du  in  sem&ipsis  prin|cipaliter  humilitatem  tuentur;  | 
Explicit  liber  xxxiiii.  |  Incipit  liber  xxxv.  |  Quia  iste  ultinius 
huius  operis  liber  |  est  &  locis  difficiliorib;  ptractatis  |  — 

f.  350"  si  cum  p  me  uerba  |  accipit  pro  me  lacrimas 
reddit.  || 

Gregorii  Magni    regula  pastoralis. 

CCK.  d8.  iiiembr.  Kleinoctav.  folioruni  180    saec.  X. ' 

f.  1"  ^dni  incipiunt  capij  <regule  pastoralis  |  re  '^  inperiti. 
ad  magisteriü  audeant.  — 

f.  5"  Lxv  peractis  rite  omnibus  qualit  pdicator  -^  ad  |  semet- 
ipsuin  redeat  ne  hunc  1  uita  uel  p|dicatio  extollat.  ■*  ||  f.  6  Pasto- 
ralis ^  curae  me  pon  dera  fugere  delitiscendo  uoluisse   — 


*  Vom  zwei  Blätter  aus  Beda  de  teniijoiibns,  ausserdein  die  Copie  einer 
Urkunde  über  einen  Vertrag  zwischen  Wilielmus  nepos  Arnald'  filius  pagaiii 
und  albtus  monachus  sei  silani  —  -  Ne  venire  —  •'  Qnaliter  praedicator 
umnibus  rite  peractis  —  •*  Die  Eiiitheibing  in  vier  partes  ist  aiieli  dieser 
Haiidsclirift  tVeiiid  —   -  LXXVH   IS 


Die  Bibliotheken  Piemonts.  059 

i       _  .■        .    . 

f.  7  iaiiua  rcpcllantur.  |  .i.  Nulla  ars  düccri  psuuiit  nisi 
intenta  pn|iis  — 

f.  64  uectes  a  circulis  nuqua  rccedant.  |  xxiii  m.  s.  xii 
Incip  Hb  scds  |  Quia  igitur  qualis  esse  debeat  |  — 

f.  105''  (xxxviii)  Vir  lin|g-uüsus  non  dinget  siip  tram ;  hinc  ' 
salomon  iterü  -  ||  f.  106  soporem  •'  4'imittere  dicit.  quia  paulis- 
p  etiä  reete  |  — 

f.  166''  (lv)  qd  j)fecto  acceperant  iit  possint  (ent  corr. 
m.  al.)  delere  peccata.  quo%  neqtia  '  |1  f.  167  qiiia-^  discreta 
eok  j)uidentia  ita  in  alto  sita  e.  ut  teptaltionü  — 

f.  180''  ut  q>;  pondus  ,ppriü  |  deprimit  tui  ^^  meriti  man' 
leuet".  !  ;Lib  regulo  pastoralis.  sei  gregorii.  || 


HiEROinrMus  contra  lovinianum,  in  ecclesiasten. 

ClU.  5(>.  meiubr.  Grossquart.  2  col.  loliorum  1(>3.  saec.  X—XI. 

f.  1''  Contra  louinianum  |  sei  hieronimi  j  Pauci"^  admodniii 
dies  sunt  quod  |  sei  ex  urbe  "^  frs  cuiusdani  mihi  ioui|niani  com- 
mentariolos  trausniiserunt  |  rogantes  ut  eorum  ineptiis  respon- 
derem.  |  et  epicurum  xpianorum  euaugelico  atq;  ]  apHeo  rigore 
contererem  ■'.  — 

f.  31  hieropantas  quoq.  atheni|ensium  usq.  hodie  cieutae 
sorbicione  cas|trari.  et  postquam  in  pontiticatimi  fue|rint.  allecti. 
uiros  esse  desinere.  (  Eusebii  hieronimi.  |  sei  contra  iouini|anum 
de  uirgini|tate  et  monogajmia  explicit  lib.  i  j  Incipit  eiusdem  | 
contra  eunde  de  baptismate  |  et  paenitentia  j  über  secundus.  | 
Secunda  propositio  |  est.  eos  qui  fuerint  baptizati.  a  dia  bolo 
non  posse  temptari.  Et  ne  hoc  j  stulte  dicere  uideretur.  ad- 
iecit.  I  — 

f.  54"  Facilius  maiores  tui  pytagorae  contünentia.  qua  sub 
consulib.  epicuri  hixuiriam  susceperunt.  :  f.  55  '"'  //*  mg.  Jero- 
nim'.  ad  innocetiü  pbfm  d'  septies  pcussa  |  Epe  i'  a  me  inocenti 
kine  postulasti  j  — 


'  hinc  qnoque  —   ^  1.  c.   T6  d   —    '■'•  1.   c   74  b.   p:iu  Blatt  fehlt    -     '   niiniruni 
neqiiitia  1.   c.    113  a   —    ^  1.  c.    11-1  c.  Zwei   Hlätter  fehlen  '"'  me  levet  — 

"  XXni  211    —   ^  nrbe  Koma  —  ^  vigore  contenerem   —    'f  f.  öö— 56''  saec. 
XII  —    11  ep.   1  XXII  326 


560  Rei  ff  erscheid. 

f.  56''  ut  reddita  iiite  redduceret  |  libertati.  Finit  d'  sep- 
ties  I  pcussa  liber  sei  hieronimi.  ||  f.  57  Incipit  praesjbyteri  hie- 
roni|mi  explanatio|num  in  eccle|siasten  |  Memini  '  me  ante  |  hoc 
ferme  quinlquenuium  cum  [  adhuc  romae  essem  et  ecclesias] 
ten  scae  blesillc  legerem  —  riimlos  consectarer;  |  Verba  eccle- 
siastes  filii  dauid  re|gis  hierusa|lem.  Tribus  nominib.  |  uoeatum 
fuisse  salomoneni  ]  scripturae  manifestissime  docent.  ]  — 

f.  99''  et  dicta  senserunt  sine  in  hanc  |  partem  siue  in  illam 
uae  quippe  |  his  qui  dicunt  malum  bonum  et  |  bonum  malnm.  der 
Rest  von  f.  99'%  f.  100 — lOP'  leer  \\  f.  102  Incipit  liber  scT  anibro|sii 
de  rebus  g-estis  in  ec|clesia  naediolanensi.  |  Qiii^  omnibus  epistulis 
fere  '^  sollijcite  quaeris  de  ccclesia  accipe  |  quid  agatur  Postridie 
qua  acce|pi  litteras  tuas  quibiis  signilica|ueras  quod  ^  exagita- 
rent  somnia  |  tua  moles  inquietudinuni  grauijum  coepi  •''  moucri  | 
Nee  iani  porciana.  hoc  est  cxtra|murana  basilica  petebatur. 
sed  I  et^'  basilica  noua  hoc  est  intramurajna  quae  maior  est. 
Conuenerunt  j  — 

f.  109  cum  conjsilium  di  spernat  et  contempnat  |  baptis- 
mum  quod  xps  nobis  ad  redi[menda  nra  peccata  donauit ".  | 
Explicit  tractatus  |  sei  ambrosii.  |  Incipit  contra  auxenitium  | 
Clementissimo  '^  imperatori  et  bea[tissimo  augusto  ualentiniano 
am|brosius  episcopus.  Dalmatius  me  |  tribunus  et  notarius  man- 
dato  ut  I  alligauit  clementiae  — 

f.  109''  quod  cü  prescripsisti  |  aJiis  prescripsisti  et  tibi 
leges "  [I  f.  110  Incipit  prefatio  "'.  |  De  natura  rerü  &  ratione 
temporü  duos  quondam  stricto  sermone  libellos  |  —  iura  custo- 
diat.  I  Explicit  ]5facio.  incipiunt  |  i  De  compux^to  uel  ioquella 
digitorum.  |  — 

f.  110"  Lxvii.  De  cursus  aetatum  earundem.  |  Explicit  ca- 
pitula  !  De  computo  uel  loquejla  digitorum.  j  f.  111  temporum 
i'acione  dno  iuuante  dicturi  necessarium  ""  duximus  |  — 

f.    löo**    Ut    p'    temporales    caelestium    actionü    sudores. 

gaudia 

aeterna  cuncti  hereti  caelestium  pmiorü  a  meream'  accipere.  Amen.  | 
Explicit.  II  f.  154 — 161  Kalender  tind  Comp utustaf ein  ||  f.  162—163 
Fragment  einer  Grammatik;  Probe:  f.  162  &  de  omnib;  similibus; 


'  XXIII  lOüO  —  2  ep.  1,  20  XVI  994  —  ^  in  omnibus  fere  epistolis  —  ^  quod 
.  te  —  ■>  coepit  —  6  om.    —  7  ?   _   s  op.  1,  21   1.  c.   1003    —    ^  1.  c.  1004 
lö  Beda 


Die  Bibliotheken  Piemonts.  561 

Anomala  qiioq;  uerborü  id  possunt  ostendcrc.  (juae  |  sine  tliibio 
p  sini;iilci  tepora  —  conünuat  apollonius  suminus  artis  auctor 
griiinaticae.  |  docens  in  .r.  de  uerbo  immobilem  fii>urationis  iunc- 
turani  nianere  &  separatim  |  conlirnians  conponi.  OKATArPA<i'Oj ; 
KAI  KATA  rPA<]>G)NENirPA<i>oj  |  KAT.  ENirPA«i>wN.  &   his    similia. 


HiEKONYMi   explanatlones  in  Hleremia. 

CLIV.  50.  membr.    1.  l'oliorum  209.  sacc.  X. 

{'.  1  In  hoc  codice  sunt  ex|planationum  in  hieremia  |  liie- 
ronimi  libri  .vi.  |  a  primo  usque  in  sexto.  |  Hieroniiuus  ad  pau- 
liimni.  de  studio  |  scribturarum.  hieremias  uirg-am  |  nuceain.  et 
ollam  succensam  a  facie  ]  aquilonis.  et  pauum  spoliatü  suis  colo- 
i-ibus.  I  Post '  cxplanationes  duodecini  |  proph&aruni  isaiae  dani- 
lielis  &  I  ezecliiel  -.  ad  extremum  hieremiam  -^  |  manum  mittimus. 
tibi  trater  eusebi^  eiusdem  com|mentariolos  dedicantes.  — 

f,  2  sed  iam  propositum  opus  adgTe|diendum  est.  hl)  [ 
Verba  hieremiae  tilii  helchiae  de  sacerdotibus  (pn  |  fiiorunt  in 
anathot  in  terra  beniamin.  — - 

f.  36  ut  foris  j  cohmt  quod  intus  prius  uenorabantur.  &  ' 
paleae  sepa|rentur  a  tritico.  ||  f.  So""  Explicit  in  liieremiä  pro- 
phetam  comnientario|rum  liber  primus.  do  gratias.  amen.  |  In 
nomine,  patris.  |  et  filii.  et  sps  sei  |  Incipit  commentariorum  |  liber 
secundus  |  Secundum  frater  eusebi  in  hieremiam  |  librum  celeri 
sermone  dictamus.  — 

f.  37  alterum  JDcedit''  studiosorum  desiderium,  Adnun|tiate  — 

f.  69''  compl&um  sit  in  hieremia.  hoc  in  fiitui'O ''  de  diio 
proph&ari.  |  Finit  in  hieremiam  prophetam.  explanationum  j  liber 
secundus.  |  Incipit  eiusdem  liber  tertius.  do  gratias.  amen.  ( 
Lerneum  ang-uem.  fabulae  ferunt  multis  ex  medio  |  capite.  pullu- 
lasse  serpentibus.  et  scyllam  siculi  |  monstrum  freti.  — 

f.  70  ang'usta  com|mentariorum  semita  coarctare.  Uerum- 
tamen  "'  iudicia  |  loquar  ad  te.  quid  est  quod  uia  impiorum  pros- 
peratur  |  — 


*  XXIV  679  -  -  ezechielis  —  ^  in  leremiam  —  '  ut  —  ^  praepedit  — 
*>  futurum  —  ■'  lustus  quidem  es  tu  domine,  si  disputem  tecum  sivc  quia 
satisfaciam  tibi:  verumtamen 


562  Reiffersclieid. 


f|uia 


f.  110"  sed  &  patrem  •  suum  dicebat.  m.  al.  aequalem 
se  faciens  do.  |  Explicit  in  Hieremiain  liber  tertiiis.  j  Incipit 
liber  quart'  |  Semper  diabolus  |  bono  opere  "^  imininet.  iibique " 
gradientibus  \  ponit  loqueos.  — 

f.  IIP  in  bis  tan|tum  quae  obscnra  fuerint  immoremur. 
Uerbmn  quod  |  factum  ad  hieremiam  a  duo  dicens.  Surg-e  & 
descendc  in  domu  ||  — 

f.  143"  fPiprie  mysteriü  signiticat  trinitatis.  Explicit.  in 
hieremia.  |  propbetä.  commentariorum,  Hber.  quartus.  ||  f.  144 
*  Incipit  liber  |  quintus  |  Quintus  coni)nientarioruni  in  hieremiam 
li|ber  a  duobus,  frater  eusebi  calathis  |  liabebit  exordium  quo- 
rum  alter  rectae  fidei  dulcedine.  |  —  comed&  panem  qui  in 
b&lehem  nfo  natus  est  ||  f.  144"  uiculo.  Ostendit  mihi  diis.  i- 
ecce  duo  calathi  siue  iuxta  |  symmachum  '  cophini  — 

f.  177"  &  utinani  |  regnar&is  ut  &  nos  reg-naremus  uobis- 
cum.  I  Explicit  in  hieremiam  prophetam  com|mentariürmn  quin- 
tus I  Incipit  liber  sextus  (|  f.  178  Prolixitas  uüluminis  hiercmiae 
pro|ph&ae  uincit  nfiii  propositum.  ut  quamuis  bre|uiter.  tamen 
multa  dicamus.  — 

f.  178"  in  maiestate  sensuum  profundis|simus  e.  hoc  uerbum 
quod  factum  e  ad  hieremiam  a  dno  |  dicens.  Haec  dicit  diis  — 

f.  209  Ascendens  |  in  altuni  captiuam  duxit.  captiuitate 
accepit.  Siue  ut  |  apostolus  ait.  Dedit  dona  hondnibus.  j  Explicit 
commentariorum  in  hieremiam  |  liber  sextus.  felicitcr  amen|| 


HiERONYMüs  in  Isaianij  in  Hieremiam. 

VIX.  56.  membr.  Grossquart.  2  col.  foliorum  353.  saec.  X. ' 

f.  1  ////////  explanationum ''  libris  et  in  |  danihelem  com- 
mentariis  cog-is  me  |  uirgo  xpi  eustochiCi  transire  ad  esaiam  j  et 
quod  scae  mati'i  tuae  paule  dum  uiue|ret  pollicitus  sum  tibi 
reddere.  — 

f.  '2  modumquc '  brejuitatis  excedunt  sed  etiam  '^  ])ropo- 
situm  pscquar  |  Explicit  prologus  |  Incipit   liber  explanaltionuni 

'  quia  om.  —  2  operi  —  ^  et  nbiqiie  —  '  iuxta  .symmachum  om.  —  ^  Die 
obereu  Ränder,  gsinz  besonders  im  Anfang  und  am  Ende  der  Haud.sfhritt, 
durch  Feuchtigkeit  verdorben  —  ^  XXIV  17.  Die  vorhergehenden  Zeilen 
zerstört  —  ^  modura  —  *  iam 


Die  Bihliothokon  rieiiKmts.  563 

i 

sei  ieronimi  pbri  |  in  esaiani  prophctam :  |  Visio  esaiae  ülii  amos. 
quam  iiidit  sup  |  iudam  et  icnisalcni  in  dicbus  oziao  |  ioathani. 
acliac.  et  ezeehiae  regü  iuda  |  Priuda  '  in  quo  sigiiifi^-niticantur 
sie  duae  j  tribus.  Öeptuaginta  et  teudocio-  po|siicre  iudoam.   — 

f.  14  et  spiramen  habere  in  narib.  sicut  ceteri '^  |  spirant 
homines.  |  Explieit.  Hb  prinius  |  Incip  lib.  secundus  |  Finito  in 
esaiam  primo  uolumine.  quod  |  — digi|tos  meos  ad  bellum.  | 
Ecce  '  dominator  dils  ■>  anferst  ab  ierusa|lem  — 

f.  29  sed  nescio  quomodo  liuic  sensui  j  possint  congmere 
quae  seeuntur.  |  Fiiiit  liber  secundus.  |  Incip.  lib.  tertius.  1  Suf- 
licit  mihi  uoluminum  maguitudo  qu(;  |  in  cxplanatione  esaie  — 
hoc  habebif'  |  exordium.  j  Anno  quo  mortuus  est  ozias '.  uidi 
diuii  se|dentem  — 

f.  43"  nunc  ad  reliqua  transeanuis.  |  Finit  liber  tertius.  | 
Incipit  liber  quartus  ]  Inequales  dietamus  libros.  et  pro  diuer| 
sitate  uisionum  ac  sensuü.  alius  contrahitur  |  alius  extenditur.  — 
spiraute  diio  susciteutur.  |  Uerbum  misit  diis  in  iacob.  et  cecidit 
in  isrl.  &  j  sciii  populus  omnes  efiraim  — 

f.  53''  quem  filio  penitenti  pater  clemen]tissimus  immo- 
lauit.  I  Finit  esaiae  liber  quart'  |  Incipit.  liber.  quint'.  |  Flures 
anni  sunt,  quod  a  scae  memoriae  |  uiro  araabili  epÖ  rog-atus. 
ut  in  decem  esaie  |  scriberem  uisiones.  —  culmina  psequemur.  | 
Hucusq.  papa  amabilis.  columen  (»i.  cd.  corr.  solamen)  caritatis 
et  lum.  ^1  —  f.  54  sed  scientiam  quaerimus  scripturarum.  |  Inci- 
pimus -J  ergo  a  babilone  |  — 

f.  74  quaesita  dictarem.  qui  quaesita  uix  scripsi  |  Explieit 
liber  quintus  |  esaiae  prophetae  incipit  |  liber  explanationum 
sex|tus  sei  hieronimi  pbri  |  in  esaiam  prophetam  |  Quod  in  pre- 
.>enti  uolumine  |  pollicitus  sum  ut  sup  tundamenta  his|toriae  — 
ANArcöfHN  I"  non  omnia  disserere  "  |  ne  multa  fiant  uolumine 
(na  CO)')-,  m.  end.)  |  sed  qui '"-  ecclesias|tici  uiri  ante  nos  senserint. 
breuiter  indi|cantes.  Onus  seu  uisio  contra  babilonem.  qua  |  — 

f.  86''  post  I  penitentiam  paruus  et  pauper  sit  in  malitia  | 
Finitus    liber    vi    in    esaiam  |  prophetam    Incipit    Hb    septimus ) 


'  Pro  Iuda  —  -  Theodotio  —  ^  et  ceteri  —  ^  Ecce  enim  —  ^  exercituiiin 
add.  —  f'  habet  —  "^  rex  Ozias  —  ^  nomen  —  ^  incipiamus  —  '"  ana- 
gogen  sie  etiam  iii/ra  —   ''  disserentes  —    '^  quid 


564  Reifferscheid. 

Öeptiaius  libor  id  est '  iuxta  ÄNÄfööflS  |  secundus  e  inmo  ex- 
tremus  in  hoc  enim  decem  |  uisionum  tropolog-iae  explanatio 
terminatur.  |  —  ne  tantum  iudaicis  |  fabulis  adquiescamus  |  Ecce 
damascus  desinet  eo  ciuitas  et  erit  sicut  aceruus  ]  — 

f.  lOl**  Comedet  &  bibct  &  saturabitur  |  Aiidiat  nouatianus 
et  ta|ceat.  Explicit  über  vii  |  Incipit  liber  viii.  |  Sextus  et  sep- 
timiis  superio|res  libri  allegoriam  quin|ti  uoluminis  continent.  j  — 
legant  Tullium  |  Quintilianum  gallionem  gabinianum  &  ut  ||  f.  102 
ad  nfos  ueuiam  tertullianum  cyprian//  munit///-  |  arnobium. 
lactantium.  liylarium  nobis  propositü  |  est  esaiam  pro  nobis  ^ 
iiitelligi  &  nequaquain  sub  j  osaiae  occasione  nostra  uerba 
laiidari.  lx  •*  |  Ecce  dus  dissipabit  tcrram  et  nudauit  (bit  corr.  m. 
al.)  eam  &  adfli|get  — 

f.  114  Transeamus  ad  nonü  qd  altarius  corr.  j)phet'e  | 
habet  ^  exordium  |  Fiiiit  liber  octauus  |  Incipit  liber  nonns  | 
Variis  molestiis  occupati  exp]ana|tiones  in  esaiam  prophetam  — 

f.  126''  littere  medullatc  (ta  corr.  m.  cd.)  eclae  sacramenta 
conterecre  (ti  m.  cd.) "  |  Explicit  liber  nono  |  Incipit  lib  dccim.  | 
Decimus  liber  que  corr.  nunc  habemus  |  in  manibus  nono  et 
undecimo  minor  erit  numero  |  —  habebunt  iuitium.  Ecce  nomen 
dni  uenit  de  1  longe  — 

f.  136  uxorem  pulchritudinem  desiderantes.  ||  f.  136''  Ex- 
plicit liber  decim'  j  Incipit  liber  undecim'  |  Difficile  immo  iu- 
possibile  est  pla|cere  omnibus.  nee  tanta  uultuum  quanta  |  sen- 
tentiarum  diuersitas.  —  ut  nulluni  damnum  faciat  ^  intellegcn- 
tie  I  Et  factü  s  e  in  quarto  decimo  anno  regis  ezechiae.  |  — 

f.  148  cursus  creatoris  maiestate  |  cognoscit.  |  Explicit. 
liber.  undecim'  |  Incipit  lib  duodecimus  |  in  isaiam  |  Nullus  tam 
inperitus  scriptor  est   quin  lectorem  "*    inueniat    similem    sui   — 

f.  161  meri|torum  unus  ds  idemque  condiderit.  |  Finitus 
explanatio|num  in  isaiam  lib  xii.  |  Incip  lib  tertius  decim'  j  Multi 
casus  opprimuut  nauigantes  |  —  lectori'  m.  cd.  iudicio  reser- 
uetur.  I  Rorate    caeli    desuper  et  nubes   pluant  iustum  |  — 

f.  175"  et  scos  quoq.  indigere  |  mia  di:  |  Explicit  Hb  tertius  | 
decimus  incipit  |  lib  quartus  decimus.  |  Diis  qui  respicit  terram 
et  facit  eä  |  tremere  —  cupio  principium  est.  |  Diis  dedit  mihi 
linguam  eruditam  ut  |  sciam  — 

•  idem  —   ^  Minutium  —   ^  per  nos  —    '  om.  —  ^  habebit  —  ^  contexere  — 
"^  tiat  —  ^  qui  leetorcm  iion 


Dio  HiMioflirVen  Piemonts.  ^G^ 

i".  191  quod  enim  faciimt  nesciunt.  ||  f.  191''  Zeile  zerstört  |tus 
deciinus.  incip  |  üb  quiutus  decim'  |  Crcbro  eustoch'vira  dixisse 
mc  I  noiii  —  quinti  (ti  in.  ras.)  '  post  |  d(!ciinü  in  isaiam  lil)cr 
incipit.  cxLVJii  -  |  Lauda  sterilis  quac  iioii  paris  dccanta  |  — 

f.  205''  seiTati  sunt  ad  osaiac  rcfer  passionc  |  Explicit  lih 
quillt'  X  I  Incipit  lib  sextus  x.  |  Egrcgia  discrtissirai  oratoris  sen- 
tentia  est  Felices  essent  artes  si  |  de  illis  soli  artiiices  iudicarcnt.  — 

f.  20()  ut  coepto  incü|bamiis  opeii  et  reliqua  psequaniur.  | 
CLV.  •'  Uos  autem  accedite  huc  tilii  aug-ura|tricis.  — 

f.  222''  et  apostoli  '  electi  sunt  ex  isrL  |  Explicit  Hb  scxt'  | 
decimus  incipit  |  septim'  dccim'.  |  Quanta  mysteria  sc})tinius  |  post 
dccimum  numerus  — 

f.  240  de  cuius  uentre  fluunt  aquae  |  uiucntis  flumina.  | 
Explicit  lib  scp  timus  decimus  |  Incip  liber  octa  uus  decimus  | 
Duodeuicesimus  in  isaiam  immo  |  cxtreraus  liber  tuo  lilia^ 
custochifi  I  &  scae  matris  tuae  paulae  nomini — 

f.  241  nolui  ne  librorum  numerus  augerctur.  |  clxxii  '•. 
Quaesierunt  me  qui  ante  me  nun  interjrogabant  — 

f.  2G0''  et  mixtam  |  clementiae  sententiam  iudicis  |  Do 
gratias.  ||  f.  26P  Heronimi  commentum  in  hieremiä  ||  f.  262 
Post  explanationem "  duodecim  prophejtarum.  esaie  daniliel  et 
ezechiel  '^  ad  ex  tremum  in  hieremiam  manum  mittimus.  |  tibi 
eosdem  frater  eusebi  '•'  commentariolos  dedijcantes.  —  opus 
adgrediendum  est.  |  Explicit  pracfatio  incipit  |  tractatus  ||  f.  2()2'' 
Verba  Rest  der  Zeile  zerstört  |tibus  qui  t'uerunt  in  ana///tli  in 
terra  |  beniamin.  quod  factum  e  uerbfi  dni  ad  eü  |  — 

f.  270''  et '"  paleae  separentur  a  tritico.  |  Explicit  liber  .i.  | 
Incipit  liber  .u.  in  hyeremia  |  Secundum  frat  eusebi  |  in  liye- 
remia  librü  celeri  sermone  (  dictamus  —  precedit  "  studiosorum 
desideriü  |  Adnuntiate  hoc  domui  iacob  et  auditum  ||    — 

f.  293  hoc  in  futuro  '-  |  de  domino  prophetari.  |  Zeih  zer- 
stört I  Incipit  eiusdem  liber  m  |  prefatio  sei  hieronimi  |  prcs- 
biteri  |  Lerneum  anguem  fabula.  '•'  |  ferunt  multis  ex  medio  capite 
pullulas[se  serpentibus  et  scylla  siculi  monstrü  [  freti  — 

f.  293^  angusta  commentariorum  semita  coartare  |  lustus 
quidem  es  '*  dne  si  disputem  tecii  siue  |  — 

^  quintus  —  2  gm.  —  •'  om.  —  ^  per  apostolos  —  ^  o  filia  —  ^  om.  — 
"  explanationes  —  s  Daiiielis  et  Ezechieli.s  —  "^  frater  Eusebi,  eiusdem  — 
"•  ut  —  "  praepedit  —  '2  futurum    —    '^  fjihulac    -    "  es  tu 


566  Reif  f ersuche  id. 

f.  309  dicebat  dm  equalem  se  faciens  dö  |  Explicit  über 
III  I  Incipit  IUI.  prolug-us  |  Semper  diabolus  bono  operi  [  inuidet ' 
ibiq.  2  gradientib.  ponit  la  qneos  — 

f.  309''  in  bis  tantum  quae  obscura  |  fuerint  immoremur,  | 
Verbum  quod  factum  e  ad  hieremiam  a  dno  |  — 

f.  325''  quod  propriae  misterium  signi  ficat  trinitatis.  ]  Ex- 
plicit in  hiereraia  com|mentariorum  liber  quart'  |  Incipit.  lib. 
quint'.  I  Quintus  coramentariorü  |  in  hieremia'^  liber  a  duob.  fr 
eusebi  calathis  habet  ^  exordium  —  natus  e  uiculo  cvi  |  Osten- 
dit  mihi  diis  et  ecce  duo  calathi  |  — 

f.  340''  ut  &  nos  regnaremus  |  uobiscum  |  Explicit.  in  liiere' 
mia  propheta.  |  commentariorum  |  ////v  Incip  liber  vi  |  Prolixitas 
uoluminis  hieremiae  prophelte  uincit  nriii  propositum  ut  quam- 
uis  breluiter  tamen  multa  dicamus  —  et  facilis  tantum  in 
maiestate  sensuum  ||  f.  341  profundissimus  est///  |  Hoc  uerbum 
quod  factum  e  ad  hierem//  |  a  diio  — 

f.  353  ascendens  in  altum  captiuam  |  duxit  captiuitatem 
accepit  siiic  ut  |  apostolus  ait  dedit  dona  hominibus  |  Explicit 
lib  VI.  I  in  hieremia.  ■'  || 

HiEEONYMUs  de  üiris  mlustrihus. 

CLXXXIII.  3.  membr.  4.  Colioruiu  ll)9.  saec.  VIII— IX. 


pretorii  • 


f .  1  *'  cxxxii  '^  Dexter  pacani  "^  nunc  praefectus  |  cxxxiii  am- 
philocius  pf  1^'  I  cxxxiiii  sofronius  |  cxxxv  hyeronimiis  prb.  "  i  hinc 
sequnt  ca^  sei  g-ennadii  |  cxxxvi.  iacobus  eognomento  sapiens  — 
f.  '2  ccxxxii.  Gennadius  prb.  ||  f.  2''  Simon    petrus  iilius.  iohan- 

'  imminet  —  -  et  ubique  —  ■"  leremiam  —  ^  habebit  —  *  Vorn  ein  Blatt 
saec.  X  eingeklebt,  dessen  Format  ursprünglich  Grossquart  (in  drei  Col.) 
war:  jetzt  ist  der  linke  Seitenrand  stai-k  beschädigt.  Es  enthält  Verse,  von 
denen  ich  aus  der  zweiten  Columne  folgende  hiehersetze:  k  ii  Nan+que 
parens  primus  uitae  plasmatus  in  horto  !  ad  hoc  quo  dni  faciem  sine  fide 
uider&  j  uijoereis  morsus  sed  sponte  est  dentibus  olim.  |  perdidit  et  fusis 
oculos  peccando  uenenis.  i  k  iii  Hinc  bona  crux  homini  dederat  bonitate 
medeUam.  |  —  k  viiii  Spiritus  hi;c  uitae  est  quo  primus  uixerat  adam  | 
Spiritus  &  Hummus  quo  animatur  uirginis  aluo  |  der  Rest  abgeschnitten. 
In  der  dritten  Columne  Inliallsverzeichniss  der  k  z.  B.  k  ii  Qualit  cor- 
ruptio  n  uidendi  dm  ut  |  tum-  uidendus  e.  nobis  acciderit.  —  *>  Drei  Blätter 
fehlen  —  ''  XXIII  608  —  ^  Paciani  Iilius  —  »  praetorio  —  '"  episcopiis 
—   "  om. 


Die  Bibliotlieken  Piemouts.  567 

uis.  prouinciae  |  galileae  uico  '  bethsaida  iVater  andreae  apostoli. 
priuceps-  apostoloi^  |  —  ' 

t".  27''  (cxxxv)  In  sophoniam  |  libi^  iinum.  in  aggeiim  libi^ 
unum.  in  nauin  libi^  unum.  ■'  niultaqs  alia  |  de  opere  proplielali. 
quae  nunc  habeo  in  mauibv  et  necdum  expleta,  sunt;  '  |  cxxxvi. 
lacobus  ^'*  cognomentu  sapiens,  nizebenae ''  nobilis.  per|sai^  iiiodcj 
ciuitatis  eps.  unus  ex  numero  sub  maximino  persecutorum  ^ 
cunfessoi^  |  et  eoi^  qui  nicenae  ^  synodo  arrianam  peruersitateni 
communi  '•  oppo  sitione  damnarunt.  — 

f.  35  cLXXiii.  Augustinus  affer.  yppouo  regiensi  "'  |  oppito 
eps,  uir  eruditioue  diuina  et  humana  ||  f.  35''  uerbis  ' '  clarus. 
fide  integer,  uita  '^  purus.  scripsit  quanta  nee  inueniri  |  possunt. 
Quis  enira  glorietur  omnia  se'''  illius  habere,  aut  quis  tantu 
studio  leget.  "  quanto  ille  scripsit.  ^^  et  dedit  iam  •"  senix  quod '^ 
iuuenis  ceperat  |  de  trinitate  libros  quindecim  in  quibus  scrip- 
tura  '^  ait  introductus  in  |  cubicolum  regis.  et  decoratus  ueste 
inultifaria  sapientiae  di.  exhibuit  |  ecclesiam  non  habenteni  ma- 
culam  aut  rugam.  aut  ^'^  aliquid  eius|modi.  -"  de  incaruatione 
quuq^  dni-'  idoneam  ededit  pietatem.  de  re|surrectione  etiam 
mortuoruni  simili  cucurrit  sinceritate  licet  minus  |  capacibus. 
dubitationem  de  abortiuis  fecerit.  hie  catholiciis  permansit.  |  et 
in  eodeni  oppito  "biit  quod  usqs  hodie    appellatur   hyppono  re- 

gio.  -^2   i   _ 

t.  45  (ccxxxii.)  de  apocalypsin  -3  iohannis.  et  hoc  opus,  et 
epistolam  de  fide  |  mea  missam  '-•  ad  beatum  gelasium  epm  urbis. 
romae. '-''  |  Expliciunt  uiroi^  inlustriuni  libri  duo.  |  hyeronimi. 
siue  gennadii.  |  dö  gratias.  ]  Incipiunt.  retractationuni  opusculoi^ 
suoi^  sei  I  augustini  epi.  libri  duo.  j  f.  45''  lani  -''  diu  est.  ut 
facere  cogito  atq^  dispono.  quod  nunc  |  adiuuante  diib.  adgre- 
dior    qui-^    differendum    esse     non    arbitror    ut  j  opuscula    mea 

'  e  vico  —  2  pf,  princeps  —  ^  in  Sophoniam  librnm  nnuni,  in  Nahuni  li- 
brum  nimm,  in  Habiicue  libros  duos,  in  Ag'gaeuni  libruni  unum  —  ^  Ad- 
versus  lovinianum  —  epitaphium  add.  —  ^  Gennadius  de  viris  inlustribiis 
LVIII  1059.  Die  Vorrede  über  Hieronyraus  fehlt  auch  in  dicsci-  Hand 
Schrift  —  c  Nisibenae  —  '^  pei'secutore  —  *  in  Nicaena  —  -'  homousii  — 
1"  Hipponeusis  —  i'  orbi  —  '2  gt  yjta  —  i3  se  omnia  -  '''  legat  — 
*^  Uude  et  multa  —  peccato  add.  —  i*^  edidit  tarnen  —  '^  tptos  —  '*>  ut 
scriptura  —  '^  vel  —  20  huiusniodi  —  -'i  (Jei  —  22  hie  —  regio  o7)i.  Error  — 
dedit  add.  Vgl.  i  S.  Dl  —  23  apocalyijsi  beati  —  24  ,„;c.j  —  r,  urbis  Ro- 
uiae  episcopum  —  26  XXXII  583  —  27  q^^ij^ 


568  Keifferscheid. 

sine  in  libris.  siue  in    epistulis.    siue    in    tractatibus.    cum    quaj 
dam  iudiciaria  seueritate  recenseam.   — 

f.  46  qiiod  ut  possit.  hoc  opere  quantum  |  potej'O  curabo 
ut  eundem  ordinem  nouerit;  expj/  prolog-us.  |  i  de  acbademicis. 
lib  .III  I  II.  de  beata  uita  Hb  .i.    !  f.  46''  m  de  ordine.  lib  ii.  — 

f.  48  xciii '  ad  quos  supra  de  correptione.  et  gratia  lib 
1.  1  exp)'  capitiil-  j  i  De  achademicis.  -  libri  .in.  |  Cum  ego  •' 
reliquissem.  uel  quae  adeptus  fueram  in  cupiditatibus  huius  | 
mundi.  uel  quae  adhipisci  uolebam.  et  me  ad  xpianae  uitae  otium 
contulis|sem.  — 

f.  77  uterque  diregitur.  hie  liber  sie  incipit.  magna  questio  | 
est  de  mendatio.  expl  liber  prior  |  Incipit  liber  secundus.  |  xxvii. 
ad  simplicianum  libri  duo,  |  Librorum.  quos  episcopus  elaboraui. 
piimi  duo  sunt  ad  simplicianum  |  ecclesiae  mediolanensis  anti- 
stitem  qui  beatissimo  successit  ambrosio.  de  diuersis  quaestio- 
nib<  quai^  — 

f.  94  (xciii)  ipsam  nieoi^  retractationem  in  libris  duobus 
ededi.  urguentibs  |  tVatribv  antequam  epistulas.  atqs  sermones  ad 
populum  alios  |  dictatos.  alios  a  me  dictos.  retractare  coepissem.  | 
Expliciunt  retractationum  sei  augustini  epi.  libri  duo.  jj 

f.  94''  Dictum  ^  est  enim.  prius  agendum  est  de  spü  sep- 
temformi  qui  in  xpb  |  requiescit.  |  Sps  sapientiae  — 

f.  95  &  adnuntia|bit  uobis.  Item  dictum  est.  j  Nunc  uero  de 
scripturis  diuinis  —  debeat.  |  ordo  ueteris  testamenti.  |  genesis. 
liber  unus.  |  —  Item  ordo.  hystoriarum.  Item  ordo  scripturaR 
noui  testa|menti   — 

f.  96  iudae  zelotes  apostoli.  epistula  una.  |  Item  dictum 
est.  post  has.  omnis  proph&icas.  &  euangelicas  |  — 

f.  96''  non  prohibet  scripturas;  |  de  synodis.  |  Scam  syno- 
dum  nycenam.  secundum  trecentos  decem  et  octo  patres.  |  — 
damnatae  sunt.  |  de  singulis  catholicis  doctoribus.  |  Item,  opus- 
cula  beati.  cicili  cipriani  martyris.    et  carthaginensis  epi,  |  — 

f.  97''  Item  iubenci  nihilominus  laboriosum  opus,  non 
spernimus.  sed  miraimur^  |  Cetera  quae  ab  hereticis.  —  subjdenda; 
Notitia  apocrifoi^.  libroi^,  jl  f.  98  Inprimis  ariminensem  synodum  — 


1  Auch  in  dieser  Handscliriff  I;inft  abweichend  von  der  Ausgabe  die  Capitel- 
zälilnnc:   diircli    beide  I»iiclier  —   -  Contra   aeadeinicos  —  ^  ergo  —  •"  ? 


Die  Bibliotlieken  Pipmonts.  569 

f.  99''  confitemur  esse  damnata.  |  In  noili  diii  iiotitia  li- 
broi^  catliolicoruin  doctonim.  (jui  in  diiiinis  j  tioluniinibus.  expo- 
sitionera  fecerunt.  (Jassiodori  senatoris.  [  Priinus '  diuinaruni 
scripturai^  cudcx  octatheucus.  qui  initiuin  inlunii|nationis  no- 
strae.  — 

f.  100  quibs  titulur.i  inposuit  exhyineron.  |  Item  scs  ambro- 
sius  de  patriarchis  septem  libros  ededit  —  In  in|di('uni  noueni. 
De  libris.  reguni.  ]  Primi  siqnidem  nftliiininis  rej^'um.  ('(Miluni 
qiiattuor.  omeliae  sunt  origenis.  j  — 

f.  100''  In  pa|ralypominon.  unam  tantum  omeliara  pi-olixam 
origenis  inueni.  |  De  prophetis.  |  Ex  omni  igitur  pi-ophetaK  eu- 
dice  scs  hyeronimus  annotationes  faciens.  |  —  solidi  eloquii 
dulcidine  confecisse.  |  De  psalterio.  |  Sequitur  psalterii  cudex 
quartus.  quem  in  quibusdam  quidem  |  — 

f.  101  qui  inscribitur  dt;  libro  psahnoi^  |  De  salomone.  | 
Quintus  cudex  est  salomonis.  cuius  primum  librum  t[ui  appel- 
latur.  pro  uerbia.  —  poterit  latino  sermone  uocitari.  De  agio- 
grafa.  |  Sequitur  agiograforum  cudex  sextus.  habens  libros 
octo.  I  —  curiosijtate  tractauit.  De  euangeliis.  |  »Septimus  cudex 
scriptui'ae  diuinae  qui  est  noui  testamenti  |  — 

f.  lOP  conpendiosa  breuitate  collegit;  |  De  epistolis  apostu- 
lorum.  I  Octauus  cudex  epistulas  canonicas  continet  apostulorum. 
sed  in  epistolis  |  — 

f.  102  ad  I  colosenses  (sen  e,x  ren)  unnni  ad  timotheum 
"■  diligentissime  dr  explanasse.  |  De  apostulorum  actib^  et  apo- 
chalypsin.  |  Nonus  igitur  cudex  actus  apostuloi^  et  apochalypsin 
continet,  sed  in  actibus  j  —  quinq-  libris  exposita  est.  |  In 
noin  diii  Incp  ordo.  catholicoi^  libroR  qui  ponunt  anni  circulo. 
in  ecc}'  romaua  |  Inprimis  -  in  septuagesima  ponam  eptatheu- 
cum.   usqs  ad    quint^^  decimum  diem  |  ante  pasclia  — 

f.  102''  In  natali  sei  pauli.  legant  sermones  sei  augustini  | 
i  iohannis.  os  aurei.  expl  |j  f.  103''  Whar  dar  ZeAle  Prudentii 
elementis  |  Incp  hymnus  in  honore  beatissimi;  eulalie  mart.  | 
< Termine^  nobilis  eulalia;  mortis  &  indole  nobilior  — 

f.  104  Sic  uenerarier  ossa  libi  ossibus  altar  &  impositun) 
lUa  di  sita  |  sub  pedibus  prospicit  hec  populosq;  suos  enrmine 

'  Vgl.  Cassiodoriiis  de  institutioiir"  (livi)i;iniiii  litteramm  LXX  1110  -  2?  — 
^  f.  103— 1Ü4  saec.  ix,  f.  104"— lOö  saoc.  x,  f.  lOn"— 100''  saec.  ix  — 
^  Prudentii  peristeph.  3  LX  340 


570  Reifferscheid. 

propitiata  |  fou&:  finit.  dö  gratias,  |}  f,  104''  m.  saec.  x  Ite  disci- 
pulus  interrogat  iiiagist.  partes  horatiunis  sie  qt  st.  ide  cui'  numeri 
s.  Mag-ister  respondit.   ucto.  |  certü   k   ünitü  numerü  ostend.  — 

f.  105  Suplatiuus  df.  q<  supfert  liis  duub.  gradib.  positiuo 
&  coparatiuo  ||  f.  105''  m.  s.  ix — .y  In  illo  temp.  exiit  edictü  a 
cesare  |  augusto.  —  iixore  pregnanjtt'x^ ;  Et  cetera;  j[  f.  lOG 
Quia  '  largiente  diio  missarum  solleninia  ter  hodie  cplebra|turi 
sumus.  loqui  diu  de  euange|lica  lectione  non  possumus.   — 

f.  lOi)""  non  elatio  inflet.  non  auaritia  -  |  p  ten^ena  oblecta- 
menta  dilalniet  ^  :, 


IsiDOEi   etymologiae. 

CIL  membr.  Grossqnart.  2  col.  l'olioiura  14G.  saec.  X. 

f.  1  Ec  tibi  lector  pagina  nionstrat  |  de  quibus  rebus  iu 
libris  singulis  |  conditor  huius  codicis  disputat;  |  De  grämatica 
&  partibus  eius;  |  —  de  lectis  sellis  et  ueiculis  rusticis.  &  orto- 
rum  siue  |  de  instrumentis  equorum;  |  Incipit  lib'^r  hetiniologiaruni 
hisidori  epi  j  Domino  ^  meo  &  di  servo  braulioni  epo.  Hisido- 
rus.  I  omni  desiderio  desideraui  —  coneedat.  &  manu  sua.  |  ora 
j)  bonis  '-'  beatissime  domne  &  frat ;  |  Domino  meo  &  uere  domino 
xpiq;  electo  hisidoro  |  episcoporü  sumo  sic-^  braulioni*'  seruus  in- 
utilis  sco|rü  di.  o  pie  domne  — 

f.  V  &  non  marcescens.  diio  meo  &  di  |  seruo  braulioni 
epo  isidorus.  Quia  te  inco|lomem  —  recipiam  j  &  manu  sua.  Ora 
j)  nobis  beatissime  j  domine;  domino  meo  &  uere  nomino'  |  xpiq; 
electo  isidoro  episcoporum  sümo  |  braulio  seruus  seorum  di 
inutilis"';  |  Sol&  repleri  leticia  —  Quamobrem  jj  f,  2  der  Inhalt 
vo)t  f.  1  tviederliolt  von  einer  andern  Hand  derselben  Zeit  nvit 
Initialen  |j  f.  3  accipe  clamores  cahminie,  cur  rogo  taleu[torü  — 

f.  3^  elo|quio  uro  per  eum  inlustrari  mereamur;  |  Domino 
meo  &  di  seruo  braulioni  epo  |  isidorus;  |  Tue   scitatis    epistolei 
me  in  urbe  toletana  |  —  remittantiir  la|ciiiora;  j  Item  manu  sua 
ora  pro  nobis  be|atissime  domne  etfrater;'^  |  Domino'"  meo  etj 

'  Gregüi-ii  Magni  liom.  in  evaiig.  1,  8  LXXVl  IIO:^  -  -  arabitio  --  •'  Schills- 
fehlt  in  der  Handschrift  —  "  LXXXIII  908  —  ^  nobis  —  ß  Braulio  - 
'  domino —  ^  iuutilis  sanctonuu  Dei  —  '■*  egregie  frater  —    "'  LXXXII  7.1 


Dio  Bibliotlifkon  Piemonts.  5<  1 

di  seruo  braujlioni  epo  isidoriis ;  |  En  tibi  sicut  ^ollicitus  sinn  — 
stilo  maiorü ;  |  Incipiunt  capitula  libri  pi-iini  |  i  De  disciplina 
&  arte   — 

f.  4  XXV.  de  fabula ;  |  De  disciplina  et  arte ;  |  i  Disciplina 
a  discendo  nomen  accepit  unde  |  — 

f.  4''  (xxv  de  historia;  |  i  de  uocabulo  liistorio  —  im  de 
generibus  istorie;  |  historia  e  narratio^  re^i  i;este  p  qua  ea  que 
in  pteritü  1  fac|ta  — )  qui|a  contra  natura  s;  De  retorica;^  |  j 
De  retorica  ei;q;  nomine  —  xx  de  iuncturis  uerborü  xxi  de 
fig-uris  uerborü  &  sententiarü.  \  Rethorica  e.  bene  dicendi  scientia 
in  ciuilib;  questionib;  ad  p|suadenda-'  — 

f.  J7  (xxr)  liinc  |  constantia  illinc  furor '.  |i  f.  17''  i  De 
dilectica  sie  —  x  de  oppositis;  De  dialectica  |  i  Dialectica "'  e 
disciplina  ad  disserendas ''  rerü  cau|sas.  inuenta  — 

f.  22  hie"  erg'o  leget  5  leget"*  tciü  nihil  |  habet.  Explicit 
liber  seeundus.  |  Incipit  liber  tertius.  |  capitula  lil)ri  tertii  id 
est  j  de  niathematica  cuius  pa'rtes  sie  s  |  arithmetica  et  auctro- 
nomia  sie.  \  i  De  uocabulo  aritmetice  discipline.  |  — 

f.  22''  De  nominib;  stellarü  qb;  ex  eausis  uocabula  ac- 
ceper  |  id  sol  luna  stello  sidera  signa  art'  artotilax  j  arcturus 
orion  iades  pliades  canicula  cometes  |  lucifer  uesperus  &  reliqua. 
Incipit  textus  |  libri  tertii  Lege  felicit.  prefatio  |  de  quattuor 
sequentibus.  disciplinis  |  De  niathematica.  |  Mathematica  latine 
dicit  doCjtrinalis  scientia  —  possint  ostendi.  [  De  arithmetica  | 
I  Arithmetica  -^  disciplina  numero^  |  — 

f.  29''  *  in  supna  cteplatione  clocarjt;  j  "i  De  medicina  — 
XIII  De  iiiitio  medicino.  |  i  De  medicina  |  Medicina  e  quo 
corporis  ul  tuet  ul  restau|rat  salute  — 

f.  32''  p  illä  anima  ita  p  hanc  corpus  curatur ;  |  Incipit 
liber  de  legibus'"  |  i  De  autorib;  legü  |  —  xxii  De  poenis  in 
legib;  constitutis  |  i  De  auctoribus  legum  |  Moyses  genti'  hebree  ' ' 
primu'  omniü  diuinas  |  leges  sacris  litteris  explicauit.  Foroneus  |  — 

f.  36  qd  oninib;  p  naturara  concessum  est;  |  i  De  cronice 
uocabulo  —  XIII  de  teporibus.  |  i  Cronica  grece  dicit.  quo  la- 
tine teporü  series  |  — 


'  praeterito  —  ^  Liber  seeundus  —  ^  oloquenti.ie  oopi.-i  ;\<\  ])ersuaflenflum  — 
^  2,  21,  6  1.  c.  135  c  —  •'  2,  22  1.  c.  140  a  —  '■  discenicndas  —  •  Iioe  — 
®  legit  non  legit  —  "  Liber  quartus  —  'o  Liber  quintus  —  "  Hebraicae 

Sitzb.  a.  pliil.-hist.  Cl.  LXVIII.  Pul.  III.  litt.  37 


572  Reit'terscheid. 

1".  39  residuü  sexte  &atis  |  tepus  do  soli '  e  cognitum ;  | 
De  scis  scripturis  '^  |  i  De  nouo  &  ueteri  testamento.  |  —  vnii 
De  officiis  |  i  De  nouo  et  ueteri  testamento  |  Vetus  testaiTitü 
ideo  dr.  quia  ueniente  nouo  cessauit;  |  — 

f.  41  dilii^enjti  examinatione  remota  sunt ;  |  De  bibliotecis.  | 
I  De  bibliotecis  —  vi  De  geuerib;  opusculorum.  |  i  Biblioteca 
a  grecis-^  noiii  aceepit.  eo  qd  ibi  recon|dant  libri;  — 

f.  42  tabellarios  uocauere^;  |  De  ceris  cartis  &  pergame- 
nis  I  I  De  ceris  —  vi  De  librariis  &  eorii  instrumtis  |  i  Cere 
litterarG  inateries  paruulorü  nutrices  \  — 

f.  42*^  sie  &  thomus ;  |  De  canouibus  euangeliorum.  |  i  De 
canonib;  euangeliorü  q  s  imo^  |  —  v  De  officiis.  |  i  Canones  eu- 
uangeliorü  ämonius  alexandrie  j  — 

f.  46"  sacre  eni  res  de  rebus  execrandorum  fiebant;  |  Ex- 
plicit  liber  secundus  |  Incipit  über  tertius'  (  i  De  do  —  xxxiii 
De  reliquis  nominib;  ||  f.  47  Beatissimus  hieronimus  uir  heru- 
ditissimus  — 

f.  58**  tain  here|ticus  appellari  potesf".  |  m  mg.  Explicit 
&hin)ologia|rü  Hb  nonus  |  Incipit  lib  .x.  |  i  De  pliilosopliis 
gentiü.  —  XV  De  agnatis  &  cognatis.  De  philosophis  gentiü  | 
Philosoplii'  greca  appellatione  uocant  q  latine  |  — 

f.  71  ille  a|uus  ille  agnatus  &  cognatus  i-  c&eri;'^  |  Ex  libro 
sententiarum  pa"ii  iurisconsulti  |  de  vii  gradibus  generationum. 
Prinio  gradu  supe|ri  linea  ctinent.  pat.  mat.  inseriori  sie  tilius; 
filia  quib;  |  nulle  alle  psone  iungit;  —  nee  uita  succedentib; 
jirogari  potest.  |  in  bis  septe  gradib;  —  amplius  propagari ; "  || 
f.  71"  ßtemma,  damnter  aspice  pendentes  ex  iuris  arbore  uatos  | 
Hominü  p  pulelira  genus  indagine  lucra  |  Rectaq;  linea  inmo- 
biles mauere  j:)pinquos  |  A  latere  sep  masculino  cedere  gradu  | 
Et  femino  longius  p  lege  mauere  heredes  |  Decr&a  p»  euü  ces- 
sabuut  hominu  lites.  ||  f.  72  Hec  i"  consauguinitas  du  se  pau- 
latim  —  tot  gradib;  termina|r&ur;  xxii  De  coniugiis  |  Vir  sexü 
significat.  — 


'  soli  Deo  —  2  Liber  sextus  —  3  Graeco  —  *  vocaverunt  —  ^  Liber  sep- 
tinuis  —  •>  8,  5,  70  1.  c.  305  a  —  '  8,  6  1.  c.  —  *  cetcri,  (jnunini  fignrae 
hae  sunt  9,  G,  28  I.  c.  360  —  9  lulii  Pauli  sentent.  4,  1 1  p.  425  Husclik. 
Vgl.  1.  c.  749  —   10  9,  6,  29  1.  c.  363 


Die  Bibliotheken  Piemonts  073 

i 

f.  72''  in  tutelä  '  consisterc;  xxiii  |  De  i'clicjuis  noininibus-  | 
Origü-5    qiiorüda    nomiim    ide    euener '  n  pene  üm|nib;  patt.  — 

f.  78'*  iudaga'torcs.  alatores.  pressores;  |  i  De  liomine  & 
partib;  eins  y'  \  — 

f.  79  XI  de  ininutis  uolatilib;  |  i  Natura  dicta.  ab  eo  qd 
nasci    aliquid    faciat.    g-ig-jnendi    enim  &  faciendi "  potens  est.  — 

t.  85  Ouidius.  ccaua  litorei  scindanius  ''  brachia  [  cancri. 
scorpiü  7)1.  cd.  exibit  caudaq:  minabit  uuca;  |  Incipit  Hb  xii. 
Capitula  j  libii  liuius.  in  libro  superiori  continentur  i  v  De  pe- 
coribus  &  iumentis.  |  Omnibus  auiniantib;  ada  primü  uocabula 
inldidit  — 

f.  94  (xii)  Curgulio '  dicitur.  quia  pene  ni|hil  aest  aliud  * 
nisi  guttur;  Explicit  lib.  xii;  |  Incipit  liber  .xiii.  j  i  De  mundo 
—  xiiii  De  diluuiis.  j|  f.  94''  In  hoc  uero  ■'  libello  quasi  in  quadä 
bre|ue  corr.  tabella.  —  causasq;  agnoscat'";  i.  De  mundo  |  Mun- 
dus  est.  celii.  tra.  mare.  &  que  |  in  is  opera  di.  — 

f.  101  sed  &iam  &  aliqna  significare  |  futura.  Incipit  ca- 
pitula "bri  xiiii  I  De  terra  —  De  inferioribus  |  Terra  est  in 
medio  '^  mundi  regione  posita  j  — 

f.  108''  pliilosophi  aü  di|cunt  qd  inferi  j)  eo  dicuut  '-.  qd 
animae  hinc  ibi  inferant  '^  "''■  {in  mg.  .B.)  Explic  lib  quarto- 
deciinu\  |  Incipiunt  capitula  libri  quinto|decimi  id  est  de 
ciuitatib;  de  edificiis  i  urbauis  et  rusticis  de  agris  de  tinib;  |  et 
msuris  agrorü  de  itinerib;  |  i  De  ciuitatib;  —  xvi  De  itinerib;  | 
Expliciunt  capitula  |  De  ciuitatib us  |  De  auctorib;  cditarG  urbiii 
pleriiq;  dissensio  |  — 

f.  114  (xvi)  uiae  pcurreiitiü  inuestigent  id  e  agnoscant.  "  | 
Explic  lib  vx  Incipiunt  cap  lib  |  xvi.  id  e.  de  gleuis  ex  terra 
ul  I  aqua  de  omi  genere  gemarü  \  ul  lapidü  pciosoru  et  uiliü  | 
de  ebore  quoq;  inter  marmora  |  notat  de  uitro  de  nietallis.  omib; 
de  pon|derib;  et  mensuris  |  i  De  puluerib;  &  gleui"  terrae.  — 
XXVI.  De  signis  ponderü.  |  Expliciunt  capitula.  |  Incipit  ipse  liber. 
de  pulue|ribus  et  gleuis  terrae.  ]  Puluis  dic'tur  (jd  ui  uenti 
pellat.  Tollit  enl  |  — 


'  tutela  —  2  Liber  dfcinms  —  ^  10,  1  n.  a  —  ^  unde  veniant  — 
^  Liber  imdecimus  —  ''  si  demas  —  ''  gurgulio  —  *  aliud  est  —  ^  ovi. 
—   '"  cognoscat —   "media  —   '2  (iic;,ntur  —   '3  ferantur —  '*  coguoscantur 

37* 


574  Reifforscheid. 

f".  121''  (xxvi)  .0.  littera  con|inncta  cenix '  .e.  Explicit  Hb 
XVI.  Inci|pit  cap  lib  xviiii.  2  id  .e.  de  culturis  |  agrorü  de  frugib; 
uniüsi  ge|neris  de  uitib;  et  arborib;  oni|ni  sie  generis  de  herbis  et 
olerib;  |  uniüsis.  |  i  De  auctorib;  rerü  rusticaru.  —  xii  De  odo- 
ratis  oleribus.  |  Explicit  cap.  lucipit  ipse  lib.  |  De  auctorib; 
rerü  rusticarü.  |  Rerü  rusticarü  scribendi  solerciam  aput  grecos  | 
prim'  esiodus  boeciu'  -^  liiimanis  studiis  contiilit.  |  — 

f.  129''  cü  leui  a|crimonia.  Menta  huiiis  genera  .sex.  Ex- 
pli|cit  Hb  septimo  decimus.  |  Incipiunt  cap  Hb  xviii.  id.  e.  |  de 
bellis  et  triüphis  ac  instrujmentis  bellicis.  de  foro.  de  expecjta- 
culis.  alea  et  pila.  Incipiunt  capitula  |  i  De  bellis  —  lxx  De 
pila.  Explici[unt  capitula.  incipit  |  ipse  liber.  de  bellis  |  Primus 
bella  intulit  ninus  assirio*  rex.  j  — 

f.  134''  (lxx)  feriendam  conlusorib;  pre|bent.  Explicit  liber 
octauodecim'  |  Incipiunt  cap  Hb  xviiii.  id  .e.  de  |  nauib;  funibus 
retib;  de  fabris  |  ferrariis  et  fabricis  parietü  |  et  cunctis  instru- 
mentis  aedifici|o^  de  laneficiis.  quoque  orna|mentis.  et  uestib; 
uniüsis.  I  I  De  nauib;  —  f.  1.3.5  xxxini  De  calciamtis.  |  Explicit 
cap.  lucipit  I  ipse  Hb.  de  nauibus.  |  Ai'tiü  quorunda  ^  uocabula 
qb;  aliqd  fajbricat  — 

c 

f.  142''  Corrigie  a  coriis  uocant  ul  a  qüolligatioue  quasi  | 
coUigie.  Explicit  liber  nonodec'mus  j  Incipiunt  cap  libri  uice- 
simi  I  id  .e.  de  mensis  et  aescis.  et  potis  j  et  uasculis  eorü  de 
uasis  uina|riis  coleariis  cocorum  pistoirum  et  luniinariorum  de 
lectis  I  sellis  et  uehiculis  rusticis  et  |  ortorum  siue  de  instru- 
mentis  j  equorum  |  i  De  mensis  et  escis  —  xv  De  instrumentis 
equo%.  I  Expliciunt  cap.  |  Incipit  ipse  liber  de  msis  et  aescis.  | 
I  Prin)/  dedalus  mensa  &  sella  fecit.  Coqne  ad|paratü  apicis 
(s  in  ras.)  '^  prin)/  — 

f.  146''  ut  uis  morbi  ignis  ardore  sicc&ur.  |  Explicit  liber 
uicesimus.  1  Do  gratias  am  aiTi  am  |  mif  derselben  Seite  noch 
verschiedene  Actenstücke,  die  sich  auf  die  Ardoinischen  Händel 
beziehen,  in  zum  T7/pH  ausgegangener  Schrift  || 


'  choenix  —  2  xvn  —  ^  Boeotius  —  ^  quanmdam  —   •'  Apicius  quidam 


Die  Bibliotheken  Piemoiits.  Ö76 

} 
LVIII.  39.  incmhr.  fol.  2  col.  f'olionim  21!».  saec.  X. 

f.  1  1  Dno  -  nieo  et  di  seruo  braulioni  epo  ysidorus  |  sieben 
Zeile)!,  fast  ganz  durch  Fetichtigkeit  zerstört  \  diaconem  tiuun.  ^ 
cum  cloquia  tiia  suscipi|ens  amplexus  siuu  &  legi.  — 

ibid.  reniittantur  facinora.  Item  manu  sua-  ora  |  pro  nobis 
j  beatissime  dne  frater.  |  lucipiunt  libri  ysidori  iunioris  |  spalensis 
j  (s  primam  add.  m.  post.)  epi.  ad  branlionem  cesa|r^^^^g'ust.  um. 
;  epm  uel  ad  sisibutü  |  scilicet  dnm  et  filium  scripti.  |  En  •''  tibi 
i  sicut  pollicitus  sum  —  Ende  zerstört  \  Haec  ista  capit  libri 
i  primi.  |  i  De  disciplina  &  arte.  ]  —  xxxi  De  g-enerib.  historiae.  || 
j  f.  P  De  disciplina  et  arte.  Disciplina  a  diseendo  nomen  ac- 
'      cepit.  I  — 

f.  17''  quia  contra  natu[ram  sunt.  |  Exp  lib  primus:  j  lucip 
cap  libi  seci  |  i  De  rethorica  &  eins  nomina.  sie  \  —  xxx  De  oppo- 

sccs. 

sitis  contrariorü  geneb.  |  Expliciunt  caj5  |  Incipit  liber  -feertius-  m. 
al.  I  de  rethorica  et  eins  nomine.  |i  f.  18  R&liorica  est  bene  dicendi 
sententia.  |  —  f.  28  (xxxn)  non  leget  •*  tertium  nihil  hab&.  | 
Ex]5  Hb  secundv  |  Incip  lib  tertius :  |  capitula  libri  tertii  |  id  est 
de  mathematica.  cuius  |  partes  sunt  arithmetica  |  et  auctronomia. 
sie  II  f.  28''  I  de  uocabulo  arithmeticae  disciplinae.  — 

f.  29  Lxx  De  nominib.  stellarum  quib.  ex  causis  uoca|bula 
acceperint.  id  est  sol  luna  stellae  si|dera  signa  artus  artofilax 
arcturus  orion  |  lades  pliadas  canicula  conmetes  lucifer  |  uespe- 
rus  &  reliqua.  |  Expliciunt  capitida.  |  Incip  textus  libri  |  tertii. 
lege  fe  j  Praefatio  de  quattuor  sequenjtibus  disciplinis  de  ma- 
thematica. I  Mathematica  latine  dicitur  doctrinalis  |  scientia.  — 
possint  ostendi.  i  |  De  arithmetica  |  Arithm&ica  c  disciplina 
numerorum.  |  — 

f.  oi)  (lxx)  -et  in  superna  contcmplatione  j  conlocar&.  !| 
f.  39^  Exp  lib  tertius :  |  Incipiunt  capitula  |  libri  quarti.  |  i  De 
medicina  —  xiii.  De  initio  medicinae.  |  Medicina  est  quae  corj 
poris  uel  tuetur  uel  re|staurat  salutem.  — 

f,  44  (xiii)  aliis  quae  ad|miscentur  incertum  odorem  du- 
cnnt.  I  cerotum.  calasticuni.  martiatum  ■'.  |  Exp  lib  quartus:  j  In- 
cipiu"t  m.  a/.  capitula  I  libri  quinti:  I  id  est  de  legibus   uel  instru 


>  Ein  Blatt  fehlt  —  2  LXXXKI  914         3  LXXII  i:i     -   '  legit  ■  4,    12, 

11  1.  c.  196.  Cap.  13  fehlt  in  der  Handschrift 


576  Reif  f  orscheid. 

mentis  iudicum.  ac  temporibus.  j  i  De  auctorib.  legum.  |  — 
xxxviiii.  De  discriptione  temporum,  j  Explicinnt  capitula  |  In- 
cipit  über  qu'ntus.  m.  al.  |{  f.  44*"  Moyses  gentis  hebree  ^  pri- 
nius  om|nium  diuirias  leges  sacris  lit|teris  explicauit,  foroneus  — 

f.  54  (xxxviiii)  Residuum  |  sexto  a&atis  tempus  dö  soll  -  e 
cog-nitu.  I  Exjp  Hb  quintus:  |  Incipiunt  capitula  |  libri  sexti:  | 
id  est  de  ordine  scripturarü  de  ciclis  et  caconibus  sie  de  fes|tiui- 
tatibus  et  officiis  de  scis  |  scripturis:  |  i  De  nouo  &  uetere  tes- 
tamento.  |  —  xx  de  officiis.  |;  f.  54*^  Uetus  testamentum  ideo  | 
dicitur  quia  ueniente.  nouo  1  cessauit.  — 

f.  60*'  (xviiii)  Sacra  •'  enim  rese  de  rebus  |  execrando^t 
fiebant.  |  Incipiunt  capitula  libri  vii.  i.  De  do.  |  —  xiiii  De  ce- 
tcris  fideliü  nominib;  \  Incipit  liber  septimus  .i.  De  do  |  Bea- 
tissimus  hyeronim'  uir  eruditissira'   — 

f.  80  (xiiii)  qui  miscebatur  populo  di  grecü  e.  ||  f.  80"  Exp 
Hb  septim :  |  Incipiunt  capitula  |  libri  octaui :  |  id  est  de  ecclesia 
et  sinagoga  !  de  religione  et  fide  heresib.  I  et  pliilosopliis  poetis 
sibilli  I  et  magis  paganis  ac  diis  |  gentium.  |  i  De  ecclesia  & 
sinagoga.  |  —  xi  De  diis  gentium.  |  i.  De  ecclesia  &  sinagoga.  | 
Ecclesia  grecum  est  quod  '  la|tinum  uertitur  conuocatio.  j  — 

f.  92  (xi)  hunc  alii  |  satirum  uocant  '•.  |  Exp  Hb  octauus  | 
Incipiunt  capitula  [  libri  noni :  |  id  est  de  linguis  gentium  |  de 
regum  nubtum  ciuiumq.  |  uocabulis  uel  adfinitum.  sie  \  i  De  un- 
guis gentium.  |  —  vii  De  coniugiis.  |  De  linguis  gentium  |  Lin- 
guarum  diuersitas  exorta  |  est  in  aedificatione  turris  — 

f.  104  ille  auus.  ille  ag|natus  &  cetera''.  |  Item  de  libi-o 
institutionum  |  iustiniani.  ni  capitulo  .vi  |  de  gradibus  cognationis.  | 
hoc  loco  necessarium  e  exponere  quemam|modum  — 

f.  105*'  in  tutela  consistere.  |  Exp  Hb  nonus  |  Incipiunt 
capitula  |  libri  decimi:  |  id  est  de  quadam  nomina  per  |  alfa- 
betum  distincta.  |  i  De  reliquis  nominib.  iuxta  ordinem  elemen| 
torum  litterarum.  |  ii  De  quibusdam  uocabulis  hominum  per 
no|minationem.  lic&.  origo  nominum  ''  \  — 

f.  115^  alatores.  pressores.  |  Incipiunt  capitula  |  libri  un- 
decimi  |  id  est  de  homine  et  partibus  eins.  |  i  De  aetatib.  ho* 
minum    &   poi-tentis  |  et   transformatis.  ||  f.   116  —  v    de    trans- 

'  Hebraicae  —  2  soli  Deo  —  3  sacrae  —  ■*  quod  in  —  '•>  om.  —  ^  ceteri, 
qnorum  figurae  hao  sunt  9,  6,  28  1.  c.  360.  Folgen  die  Stcmmata  —  ''  10, 
1  n.  a 


Die  Hibliotlieken  Piomont.-.  ;)  <  i 

) 

funnatis.    |    Natura    dicta    ab    co    quod    nasci    |    aliquid    faeiat. 
Gignenjdi  — 

f.  125''  (im)  oui'^us  m.  al.  \  concaua  litorc  liis  idem  lias  ' 
brachia  cangri-.  \  scorpio  '  exiuit  caudaq.  niinabitur.  unca.  | 
Incip  capitü  |  li})ri  duodeci  |  id  est  de  quatrupedi|bus  de  ropti- 
libus  piscijbus  ac  uolatilibus.  |  i  De  pecori])us  k  iünientis  —  viii 
De  minutis  uolatilibus.  |  i.  De  pecoribus  et  iumen"".  |  Omnib. 
animantibus.  adaui  |  primuni  uocabuluui  '  iudidit  |  — 

f.  140  (viii)  gui'lg-ulio  dicitur  quia  poene  nihil  |  est  aliud'' 
nisi  guttor :  m.  al.  [i  f.  140"  Incipiiiut  capitula  |  libri  tertii  de- 
cimi  I  id  est  de  eleinentis  id  est  de  eelo  de  ''ere  |  de  aquis  de 
luari  I  flumiuibus  ae  diluuiis  |  i  De  mundo  —  xvnn  De  diluuiis  | 
In  hoc  uero  "  libello  quasi  in  quadain  |  brevi  tabella  —  causasq. 
eoglnoscat.  i  De  mundo  |  Mundus  est  celum  m.  al.  corr.  *'' 
m.  al.  terra  |  mare  &  quo  in  bis  |  opera  di.   — 

f.    141    (ii    De    athomis)    In    tempore    uero    sie   intelligitur 
athomus    annü  tul    7n.    al.   |   Philosophie    consolationis    insignis 
auctor  j  boecius  xxvii.  uarietatibus  carminum  |  respexit.  ut  opus  , 
bis  gracilius  lieret  — 

f.  142''  Dimejtrü  uo  1  trimetru  1  tetrametnl  in  me|tris  iä- 
bicis  trocheicis  &  anapaestieis  per  |  duplices  in  reliqs  p  simplices 
cÖputatur  \  li  f.  143  bp  vi.  al.  uerbi  gratia  diuides ''  in  menses.  j  — 

f.  151  (xviiii)  &  aliqua  significare  futura.  |  Incipit  eapitula  j 
libri:  xmi:  id  est  |  de  terra  et  pa^disii  |  et  prouinciis  |  totiis  sie  or- 
bis  I  de  insolis  montibus  |  ceterisque  locoru  |  uocabulis  ac  de  in|fe- 
rioribus  terre  |  i  De  terra  —  vini  de  infe"''ribus  terre.  |  i 
De  terra  |  Terra  est  in  media  m.  al.  '"  mundi  |  regione  posita  — 

f.  ]()?}  quod  inferi  pro  eo  dicuntur  "  quod  |  anime  hinc 
ibi  referantur.  i  Finit.  m.  al.  |  +  Conflictus  ueris  et  hiemis.  | 
Conueniunt  subito  cuncti  de  montib;  altis  |  — 

f.  1(33''  Ni  tibi  q  ueni&  cuculus  alimonia  prcst.t;  |  i^al  |  Tu 
respondit  ouans  sublimi  e  sede  palemon  |  —  Salue  dulcis  dc- 
cus  cuculis  per  sola  salue;  |  Alcuini  iu;rsus  |  IMtuis  tenebrosa 
tum&  mortis  obscura  tenebi'is  |  —  Aula  ten&  xpm  si  pectoris  aula;  | 
Versus  Sybyllc  de  xpo  ]  luditii  signii  tellus  sudorc  madesci-  |  — 


•  littorei  si  demas  —  -  cancri  —  ^  scorpius  —  *  vocabula  —  -  ^>  alind  est  — 
^  ovi.  —  ■J  om.  —  s  j)as  Einscltiebsel  IMiilosopliii,'  —  coputatur  vi.  al.  — 
"  dividis  —  lo  media  —   "  dicautur 


578  Reifferscheid. 

decid&  e  celo  ignisq;  &  sulphnris  amnis;  |  RtmmvTs  sie  sei  hylari  | 
Öaphico  '  cantü  modulante  plectro  |  — 

f.  164'' Spm  scm  moduletiir  hymno.  Annua  dulci,  |  Finit  | 
Potio  ad  caluü  j)batissima  |  Tres  nimiü  ('})  cimas  dura  de  rupe 
rauulsas  sie  |  totque  saltus  caprae  tot  sibila  milui  |  tot  sonitus 
laticixm.  rane  tot  fronte  capillos  |  virginis.  &  fastos  ternos  co- 
pone  maniplos  |  hec  una  vitreo  calici  cong-esta  terantur  |  Vase 
rudi  pilo  bachi  commista  licore  |  Solls  in  exortu  turbato  por- 
rige  caluo  |  mox  teneros  capiti  cernes  concrescere  crines;  |  f.  165 
augusti  2    cesarea   //////// |nelii  domus  '^  xpi  — 

f.   174  (xvi)  nie  precurrentium  inuesti|gentur  id  est  agnos- 

XVI. 

cantur^.  |  Incipiunt  capi|tula  libri  quiD|ti  docimi  m.post.  id  est  de 
glebis  1  ex  terra  ue  sie  aquis  de  omni  |  genere  gemmarum  et  la| 
pidum  pretiosorum  et  ui|lium  de  ebure  quoque  |  inter  marmor 
notat  I  de  nitro  de  metallis'  |  omnibus  de  ponderibns  |  et  men- 
suris.  I  I  De  puluerib.  &  glebis  terre.  i  —  f.  174''  xxvi.  De  signis 
ponderum.  |  i.  De  pulnerib.  et  globis.  |  terrae.  |  Puluis  dictus 
quod  ui  pnlse|tur  nenti  ■"'  — 

f.  187''  (xxvi.)  in  una  dragnia''  j  sex  neniant  qd  e  pondus 
denarii  argenti ''.  I  f.  188  relicnm '^  planum  &  plenis  cabrosum '■' | 
minus  Optimum  adulteratur  ante  |  — 

f.   1 93''    (xi)    Menta    huius    genera  ^".   |j    f.   1 94    Incipi    cap 

libri  I  XVIII.    id  est  |  de  bellis.  et  triumphis.  j  hac    instrumentis  | 

bellicis.  de   foro.  de  ex|pectaculis  alea  et  pila:  |  i  De  bellis  — 

f.   194''  Lxxii  De  pila.  |  i  De  bellis.  |  Primus  bella  intulit  ninus 

assi|riorum  rex  — 

f.  202''  ferieudam  conlusoribus  prebent.  |  Inci]5   capit  |  lib 
xviin 
octaui  de-  m.  cd.  |  id  est  de  nauibus.  fu|nibus.  retibus.  de  fa|bris 

ferrariis  et  fa|bricis  parietum.  et  |  cunetis  instrumenti  |  aedificio- 

rum.  de  la|neliciis   quoque    or|namentis  et  uestibus  |  uniuersis.  | 

I  De    nauibus  —    f.  203    xxxii    De    calciamentis  |  i.    id    est   de 

nauibus.    |  Artium    quarundani    uocabula   |    quib.    aliquid    fabri- 

catur  I  —  i 

f.  215''    (xxxiii)    Corrigie  a  coris  "    uocantur.    uel  a  conli-! 

gati|one    quasi    collegie  '-,  |  Incipiunt    ca|pitula    libri   |   uigesimi. 


1  ?  —  -  15,  1,  \H  \.  c.  529  —  2  douinm  —  '  cognoscantur  —  ^  vi  venti 
pellatur  —  6  drachma  —  '^  argentei  1<3,  27,  .1  1.  c.  59(5  —  ^17,  8,  2i 
1.  c.  620  — -  ■'  j)leue  scabrosuiii  —    'O  genera  sex  —   "  coriis  —  '^  colligiae 


Die  Bililiotliekeii  Pioiiiouts  Ö70 

id  est  de  |  mensis  et  escis  et  po|tis  et  uasculis  eorü  |  de 
uasis  uinariis  et  |  oleariis  quonnn  j  pistorum  et  Iumina]riorum 
de  lectis  sel|lis  et  uehiculis  rusticis  |  et  tortorum  sine  de  |  in- 
strumentis  equorü.  |  i  De  mensis  &  escis  i  —  xv  De  instrumentis 
equonim.  |  i  De  mensis  et  escis  |  De  monsis  &  oscis  primus 
de|dalus  mensam  &  sellam  j  fecit.  Coquino  adpa|paratiim  (ap 
corr.)  apicius  — 

f.  210*'   (villi.)  aliud  in  quo  ignis  foue|tur.  Lucerna  a  lici- 
nio  '  dicta  est.  '^  ii 


CXXVIII.  167.  membr.  Grossoctav.  folioruni  153.  saec.  IX  — X. 

f.  1  '■'  Commodum  ^  temporis  quam  diu  aput  eum  sit,  unde 
&  commodum  '•  dictum  est  |  praecarium  est  dum  prece  creditus  '• 
rogatus  — 

f,  o''  quod  Omnibus  p  naturam  concessum  est'.  )  Explicit 
über  quiutus  Incipit  liber  sextus  |  i  De  medicina  —  xii  de 
odorib.  &  uucquentis  |  xiii  de  medicina  |  De  medicina  |  Medicina  "^ 
est  uel  '•'  corporis  ul  tu&tur  ul  restaurat  salute  — 

f.  8  (xiii)  Na  sie  p  illa  "^  |  ita  p  ista^^  corpus  curatur. 
Expl  de  medicina  liber  sextus  •"-.  |  Incip  de  temporibus  liber 
Vilnius  I  I  De  cronicae  vocabulam  fum  covr.)  —  xii  De  di- 
scriptione  temporis.  De  cronicae  uocabulum.  |  Chronica  ^^  dicit 
graecae  ^^  quae  latinae  series  temporü  '•''  |  — 

f.  12  (xvii)  Residuum  sextae  |  aetatis  tempus  dö  soli"'  est 
cognitum.  Explic  liber  vii  •''.  |  f.  12"  Incipit  Hb  octauus  '^  amen  | 
I  De  scis  scripturis.  |  —  xvi  de  ot'ticiis.  |  i  V&us  testamtü  ideo 
dicitur.  q<  ueniente  nouo  cessauit.  |  — 

f.  22''  (xvii)  sacrae  eni  res  de  reb;  exetrando^  fiebant.  | 
Explicit  lib  octauus.  Incipit  Hb  nonus  '■'.  |  i  De  do  —  xviii  De 
heresibus  \  xpianorum  ]  i  De  dÖ.  Beatus  hieronim'  uir  erudi- 
tissim'  I  — 


1  lyclmo  —  2  20,  10.  2  1.  c.  720.  Von  fol.  208  an  der  obere  Rand  stark 
beschädigt;  von  dem  letzten  Blatt  blo,s  zwei  Drittel  erlialten  —  ^  Vier 
Quateniionen  fehlen  —  ^  5,  25,  16  LXXXII  207  —  cum  modo  —  '"  com- 
modatum  —  6  creditor  —  "^  5,  27,  38  1.  c.  2U  —  »  4,  1  1.  c.  183  — 
9  quae  —  10  illam  anima  —  "  hanc  —  '-  quartus  —  '3  5^  28  1.  c.  214 
—  »  Graece  dicitur  —  's  temporum  series  -—  "^  soli  Deo  ^  ''  quintus  — 
'^  sextus  —   '9  septimus 


580  Reifferscheid. 

f.  34''  De  heresibus  iu|d.aeoruin  xviii  '  |  i  Efiiei  —  x  lu;- 
inerobaptiste  |  i  Prima,  efnei  -  dicunt  xpni  docuisse  illos 
omnem  abstinentiain.  Galilei'^  dicunt  xpm  |  iicnisse  &  docuisse 
eos  ne  dicerent  dniii  caesarem.  neue  ei'  monitis  u&erentur. 
Marbonei  '  j  —  Hemerobaptiste  qui  cotidie  |  &  corpora  sua  & 
doraum  &  suppellectilem  lauant.  |  Item  alias  ■'  heresis  dog-matum 
diuersorum.  |  i  Simonitae  — 

f.  35  XLvnii  Timothiaui  |  i  Simon  quida  magu'  qui  in- 
dux  lieresim  nouam "  dicens  se  ee  uirtute  caeleste.  et  uniüsa "  — 

f.  38''  xxxviii  Eunomiani.  Eunomins  j  artilicio  diaboli  sub- 
tilior  arrio  —  aliquid  quod  e  ipsa  substantiae  cfiteantur '".  De 
heresib;  iudeorü  |  ludaci  confessores  intptant.  — 

f.  41  tarn  lier&tic' appol|lari  potest'l  Explic  ethymolog-iarü 
Hb  nonü.  |  Incip  Hb  x  |  i  Do  pliilosophis  gentiü  |  —  xv  De 
ag-natis  |  &  cognatis  ||  f.  41"  i  De  philosophis  gentium  j  Philo- 
sophi  '"  graeca  appellatione  uocant,  q  latinae  amatores  sapien- 
tiae  intptant  |  — 

f.  58''  ille  auus  ille  agnatus  &  c&era  ".  jj  f.  59  lee7'  '2  [|  f.  59»' 
xiiii  De  coniugiis.  Vir  sexum  significat  —  xv  De  quibusdam 
uocabulis  hominum.  |  Lic&  '-^  ergo  ''  nominum  unde  ueniat  a 
phylosophis  eä  teneat  ratione  —  unde  propriae  homo  ~  appel- 
latü.  I  ex  quib;  exempli  gratia  quaedam  in  hoc  opere  posuimus.  | 
Aeros  uir  fortis  &  sapiens.  — 

f.  64''  indagatores.  alatores.  praessores.  Incip  Hb  xi  ysi- 
dori  I  I  De  liomine  &  partib;  ei'.  —  ini.  De  transformatis.  |  i  De 
homine  et  partibus  ei'.  Natura  dicta  eo  '"•  quod  nasci  aliquid 
faciat.  I  — 

f.  75"  (nii)  Ouidius.  |  Concaua  Htorei  si  demas  bracliia 
cancri  scurpi  "'  exhib&  '"  cauda  qua  '^  minabitur  unca.  Explicit  | 


'  Dieses  in  Isidor  eingelegte  Häresienverzeichniss  ( —  f.  38^)  ist  von  Menardus 
unter  dem  Titel  S.  Ilieroiiyvii  imlicv/ns  etc.  Lutetiae  Paris.  1617  lieraus- 
gegeben.  Vgl.  Areval.  Isidor.  86,  22  sqq.,  append.  x.  ad  etymol.  Isidori  — 
2  Essaei  —  ^  Secunda  Galilaei  —  ^  Tertia  Masbothei  —  '•'  aliae  —  '^  novam 
haercsim  —  "  universas  -  ^  snbstantia  confitetur.  Damnat  ipsam  qnani  a  sua 
minore  vult  esse  substantiani.  Nach  dem  in  dieser  Hatulschrift  vorgesetzten 
Index  sollten  noch  folgende  haereses  folgen:  Audiani.  tesseres.  caedecatitac. 
Eeu&hianii%Origenistae.  Nistages.  Pelagiani.  Nestariani.  Eiithecitae.  Tiuio- 
tlijani  —  3  8,  5,  70  1.  c.  305  —  "'  8,  6  1.  c.  —  n  9,  6,  28  1.  c.  SCO  — 
'2  die  Stemmata  fehlen  —  i^  10,  1  1.  c.  367  —  '^  origo  —  '^  ab  eo  — 
16  scorpius  —   "  exibit  —    '*  caudaque 


Die  Bibliothckoii  Pioraonts.  581 

Über    undcchnus    ysidori    epi  ||  f.   7G    Incipit  über  duodecimus  | 
!    I  De  aniinantib,  —  viiii  De  minutis  uolatilil)us  |  i  De  aiiiman- 
tibus  Omni]),  aniniantib.  adaiii   })i'iniü  uocabuhl  '  iiulidit.  — 

f.  89  Guri>'ilio  -  dicit  q>.-  pene  nihil  est  |  aliud  '  nisi  jf^'uttur.  | 
Zeile  leer  \  i  De  mundo  —  viiii  De  uentis  |  In  hoc  ucro  '  li- 
l)oll()  (juasi  in  quodä'^  breui  tauella  —  causasq.  cognoscat.  |  i  De 
mundo.  Älundu'  -i--  celü  & ''  terra  mare  et  quae  in  eis  opera  di.  |  — 

f.  91''  (vini)  peto  ut  alatis  ^  austri;  '•  de  aquis:  ii.  de  diuerj 
sitate  aq"arum.  |  —  xi  De  diluuiis.  i.  de  aquis.  |  i.  Aqua  dicitur 
quod  superficies  eins  equalis  sit  |  — 

f.  95  (xi)  sed  etiam  in  "^  aliqua  sig-nificare  futura.  Explic 
Hb  xni.  j  Incipit  lib  xmi.  i  De  tei-ra.  —  vnii  De  inferioribus. 
I  de  terra.  \  Terra  est  in  media  mundi  reg'ione  posita.  |  — 

t".  103"  (viiu)  qd  inferi  p  eo  dicantur  qd  animae  hinc 
feruntur  '•.  |  Explicit  lib  xiiiimus.  Incipit  xvmus,  |  i  De  ciuita- 
tibus.  —  xvi  De  itineribus.  |  i  De  ciuitatibus.  De  auctorib; 
coudito^  urbium  plerumq:  dissensio  — 

f.    IIP    (xvi)    uiae    pcurrentiü   |   inuestigentur '".    Explicit 
über    quiutus    decimus  |  i  De  puluerib.  &  glebis  terrae  —   xxvi 
De   signis    ponderum.    Expliciunt    capitula.    |   i    De    pulucribus 
I    et  glebis  terrae.  Puluis   dicit  qd  ui  uenti  pellatur.  |  — 

j  f.   121"  0.  littera  iuncta  "  cenix '-  est.  Explicit    über   xvi. 

!    Inc]5  über  xvii.  |  i  De  auctorib;  rerü  rusticanorü  —  xi  De  odo- 
'    ratis  oleribus.  |{  f.   122  i  De  auctorib;  rerii   rusticanorü.    Herum 
rusticano^  '•'  scribcndi  solertia  "  |  — 

f.  132"  (xi)  cum  leui  acrimonia.  Menta  hui'  genera  sex.  | 
I  Explic  lib  XVII.  I  Incipit  lib  xviiii.  i  De  bellis.  ii  De  triumphis.  | 
'    I  De  bellis,  Prim'  bella  intulit  ninus  assyriormn  rcx.  |  — 

f.    133"    uictis    enim    d&rahunt  |  De    instrumentis  belücis.  | 

I  De    signis  —  xii  de  galeis  xiiii.  Item    ([uid    sit  forus  |  causa  | 

iudicium.  negotium.  |  iurgium.  lis.  iudex  |  accusator.   reu.  testis.  | 

I    I  De  signis.  Signa  hello*  dicunt   qd  ex    bis  '"'    exercitü  '"    &  ui- 

ctoriae  1  — 


'  vocabula  —  2  gm-gulio  —  3  aliud  est  —  '  otn.  —  ^  quadam  —  ^  om.  — 
^  alitis  —  ^  et  —  '■'  ibi  foraiitiir  —  '"  id  est  cogiioscautur  achl.  —  "  con- 
iuiicta  —  '2  choenix  —  '3  rusticarum  —  "  solcrtiaiii  —  '^  iis  —  '^  et 
puguandi  add. 


5(S2  Rcifferscheid  ' 

f.  136  cum  aiit  falsa  ^mimt  aut  uera  silentio  oppmnnt'.  | 
De  speculis"^.  i  De  ludo  gimnico.  —  x  De  generib;  agonü  j  Spe- 
cula'^  ut  opinor  generalit  nominautur  uoluntates^  — 

f.  136''  (x)  suppliciorum  certamina.  |  De  ludo  circensi.  i 
De  ludis  circensibus.  —  xiin  De  colorib;  aequorum.  i  Ludi 
circenses.  |  Sacrorum  causa  — 

f.  138  (xv)  angli  eius  repleuerunt.  |  De  ludo  scenico  |  i 
De  theatro  |  —  x  De  quid  quo  patrono  agatur  |  i  Theatruiu 
est.  Quo  scena  includitur  —  (x)  cuius''  |  odisti  auctores.  De 
ludo  gladiario  |  i  De  ampliitheatro  —  viii  De  horü  execratione 
ludo%  I  I  Ampliitlieatrü  locus  est  spectaculi.  Ubi  pugnant  — 

f.  139  (vm)  diabolo  et  pompis^'  eius.  De  alea  |  i  De  ta- 
bula I  —  villi  De  intdictione  alee  x  De  pila  ]  i  Alea  id  est. 
usus  tabule.  i|  f.  139"  inuenta  —  (x)  ferienda".  clusorib;  pbent\ 
Explicit  liber  xviii.  Incipit  liber  xviiii.  |  i  De  navib;  |  ii  de 
partib;  uauiü.  et  armamentis  capitula.  |  in  De  fabrorü  fornace.  | 
IUI  De  inst'uihtis  aedilitio*.  |  vi.  De  lanificiis  capitula  xiiii.  |  i. 
De  nauibus.  Quorundä  ■'  uocabula.  qb;  aliquid  fabricat  — 

f.  149  (xiiii)  Corrio  "'  a  coriis  uocant.  1  a  cligatione.  quasi 
collegie  ".  |  Explicit  Hb  xviiii.  etliymologiarium.  Incip  liber  .xx  | 
I  De  mensis  &  escis.  —  xv  De  instrumtis  |  aequorü.  |  i  Primus 
detalus  mensa  et  sella  fecit.  Quoquine  apparatu^^  g^picig  i;5  q^ifjä 
priraus  — 

f.   153''  ignis  ]  ardore  siccetur.  || 


CCII.  29.  membr.  4.  foliorum  126.  saec.  IX— X. 

f.  1  Über  der  Zeile  m.  s.  xv  Hb  deffinicionü  sciencia%  | 
Inchoatiua'^  post  meditationem  ab  inchoantis  [  indicio  ut  calesco. 
Frequentatiua  a  sepius  |  agendo.  ut  lectito  — 

f.  3  facile  transferuntur '  \  |  vi.  De  syllabis,  ]  Syllaba  grece 
latina  &  "'  conceptio.  |  — 

f.  34  quia  contra  natura  |  sunt ;  Explicit  Liber.  prim^'s  | 
incip.  capitula.  Libri.  sec^'ndi  id  est  inprimis  [j  f.  34"  i  De  retho- 


1  obtegunt  —  2  .spectaculis  —  3  Spectacula  —  ^  voluptates  —  ^  quorum  — 
ß  pompis  et  operibus  —  '  feriendam  —  '^  praebet  —  '■>  Artium  quanmdam 
—  10  Corrigiae  —  "  colligiae  —  '2  coquinae  apparatum  —  ^^  Apicius  — 
"  1,  9,  3  LXXXII  86.  Drei  Quaternionen  fehlen  —  '^  Cap.  15  de  voce 
fehlt  in  der  Handschrift  —    '"  Latine 


Dif  Bililiiithekcn  Pipiiinnts.  ö83 

rica  eiusq;  iioinine  |  —  xxxii  do  ()j)p(jsitis.  |  P^xplici.  capituhi  | 
incipit  textus  libri.  f.  of)''  i  de  retlioricn  |  Rcthorica  est  |  bene 
dicendi  scientia.  |  in  ciuilibus    (|U(;stionibiis    ad    psua|dendo '  — 

f.  64  nee  cecitas  nee  iiisio  sed  lippitudo.  hie-  erg'o  leget  | 

non  leget -^  tertium  nihil  liab&;  |  Explicit  über  secundus  |  Incipit 

liber  tertius  |  Capitula  libri  tertii  id  est  de  majthematica.  cuius 

patres  sie  sunt  arilit|metica.  et  aiictronomia.  sie  \  i  De  voeabulo 

aritbmetice  discipline  |  — 

[  f.  65  Lxx  de  noniinib;  stellaruni  quib;  ex  causis  uocabula 

I    acceper  |  id  sol  luna  stelle  sidera  signa  artus.  artofilax  arcturus 

I    orion  |  iades  pliades  canicula  commetes    lucifer    uesperns  &  re- 

i    liqua.  {,  f.  65''  Incipit  |  textus  ]  libri  |  tertii  j  lege  feliciter  |i  f.  66 

i    Prefatio    de    quattuor    sequentib;  |  disciplinis  de   mathenia|tica.  | 

1    Matliemaltica.  latine  |  dicitui-  doctrilnalis  scientia.  — 

j  f.  66''    conpetenter  possint.    ostendi;  |  i^    De    arithmetica.  | 

Aritlmietica  est  disciplina  numerorum.  groci  |  — 

V 

f,  83"  ima  iac&  qua  solae  niuales^  ppetueq;  pmint  liie- 
mes\  II  f.  84  ea'"  quae  sunt  in  bumidis  incocta  feruefacta  mites- 
cant.  I  — 

f.  91  in  supna  contemplatione  |  conlocar&;  explicit  liber  ter- 
tius I  incipiunt  capitula  libri  quarti.  |  i  De  medicina  —  f.  91'' 
xm  De  initio  medicinae.  |  Darunter  unter  einem  Bogen  auf  einem. 
Thron  Äjiollo  mit  viereckigem  Nimbus,  in  hiamceisser  Tunica, 
darüber  ein  braunrothes  Pallium,  beide  mit  Gold  besetzt,  an 
den  Füssen  Schuhe,  die  Rechte  erhoben,  die  Linke  auf  ein  Buch 
gestützt.  Links  apollo^  rechts  medicvs"  ||  —  f.  108  quae  admiscentur 
incertum  odoreni  dueunt,  |  cerotuni.  calasticum.  inartiatuiu''.  | 
Explic.  liber  quartus  |  Incipiunt  capitula  liljri  quinti  j  id  est  de 
legib;  uel  instrumentis  iudicü  ac  temporibus.  |  i  De  auctoribus 


1  cloquentiae  copia  ad  persuadendiim  —  ^  ],„(:  —  :'  Ipg-it  nun  leji^it  — 
^  zona  nivalis  —  -^  3,  41  1.  o.  IT'i  —  *'  3,  50  1.  e.  175  (zwei  Blätter 
fehlen)  —  et  —  '^  Dies  Bild  hat  den  Titel  veranlasst,  der  vorn  auf  dem 
Deckel  der  Handschrift  steht:  See  IX  Ai)i)rillinis  Mcdici  opa  de  VI  mnndi 
aetatib.  ita  nos  erndientes  sie  celeberrimus  Bianchini.  Für  Neigebaur  ist  es 
charakteristisch,  dass  er  dieser  Angabe  folgt,  obgleich  unter  jener  wunder- 
lichen Bezeichnung  sich  die  Anmerkung  findet:  Questo  manoscritto  con- 
preude  i  primi  sei  Libri  di  Isidoro  originuni  e  questi  mancauti  in  aicunu 
parte.  L.  Gazzera.  —  *  4,  12,   11   1.  e.  19(5.  Cap.   l."5  fehlt  auch  hier 


o84  Keif f erschei  d. 

legum.  I  —  f.  103"  xxxviiii  De  discriptione  temporum.  ||  f.  104 
Moyses  |  gentis  }  hebree  '  |  primus  ora|nmm  diuiuas  |  leges  sacris 
litteris  explicauit.  Foroneus  — 

f.  llO''  p  instrumentü  eflicitur  est  ut  baculus  codex  tabula-^  | 
f.  111  et  -^  iuniorum  diuisus  erat.  lulius  uero  et  agustus  de 
hono[ribus  — 

f.  116''  Residuum  sextae  etatis  |  tempus  do  soli^  est  cog-- 
nitum.  Explicit  f.  117  Inci]5  capitula  libri  sexti  id  est  j  de 
urdine  scripturaruni  de  ciclis  et  canonibus.  |  de  festiuitatibus 
&  officiis,  de  scis  scripturis.  |  i  de  nouo  et  uetere  testainento  — 
XXX  de  officiis.  1|  f.  117''  Uetus  testa|mentum  ideo  dicitur  |  quia 
uenieute  nouo  cessauit.  — 

f.  126''  (x)  prima  et  precipua  agustea  regia  et  maioris 
forme  in  ho|norem  octaui  agusti  appellata. ''  ||  Vo7m  und  hinten 
je  zioei  Blätter  saec.  x  mit  grammatischen  Fragmenten 


Orosh    chronica. 

CLIX.  19.  membr.  4.  foliorum  20-1.  saec.  X. 

f.  1  Incipit  brebris.  lib.  primi.  de  historia  sei  horosii.  |  i. 
hie  dicit  ninü  beli  filiü  assyriorü  rege  ut  pareat  semp  regnü  | 
ab  assyriis  demonstrari.  qm  saluator  in  syria  natus  sion  in  | 
syria  unde  lex  prodit;  |  — 

f.  1''  xxvni.  Annis  .l.  pugnauef  athenienses  &  spartani.  j 
Brebris.  libri  secundi.  |  Primü  regnü  babylouü,  scdm.  macedo- 
nicü.  Tertiü  afFrü.  quartü  romauü,  ]  i.  üiiis  liistorie  romane  a 
proca  exoriunt  &  patre  amidi  &  minutori,  sie  |  — 

f.  3  XLii.  Hie  sex  mensibus  roma  a  gafl"  deuastata  &  tribus  | 
diebus  &  incensa  &  ad  pulueres  redaeta.  Brebris.  i  i  Quando 
roma  incensa  Liber  tertius  ,  &  desolata  e.  tunc  greci  pacem 
acceperunt.  |  — 

f.  4''  XL  hie  pugna  macedonica  finitur.  ]  Brebis  libri  quarti.  | 
I.  Hie  anuibal  in  apennino  fluuio  niui  eoopt'  obriguit.  |  exercitü 
elefantos  aequos  qua  plurimos  amisit.  ]  — 


1  Ilebraicac  —  2  5,  25,  27  1.  c.  20<S  —  »  5,  33,   11  1.  c.   219.   Ein  Quaternio 
felilt  —  ^  soll  loo  —   5  r,,   10,  2  1.  c.  240 


Dif  Bibliotholcoii  Piemnnts.  Ö85 

t.  7  LXii,  xxii.  passuu  carthago  imuo  erat  cincta.  q  iiiurus 
XXX  i  pedibus  latus  fuit.  alt'  cubitis  xl.  saxo  quadrato  instruc- 
tiis.  I  Brebis  libri  quiiiti.  |  i.  hie  spania  sanguine  agTOS  rigabat 
siio.  p  aim  .cc.  iu  bello  posi''"'  |  — 

f.  8  xxviii.  hie  claudius  inaehedonieü  bellü  sortitus  eru- 
delia  exereuit.  j  adq?  in  eapita  huiuana  euulso  cerebro  bibi  prae- 
cepit.  I  I  Hie  bellu  initridaticü  iueipit.  Brebis  li})ri  sexti.  |  — 

f.  9  XXX.  Qiiaudo  uatus  .e.  dus  xps.  |  i.  Babylon  urbs  assy- 
riorum.  Brebris.  libri  septinii.  |  — 

f.  1 1  Lxv.  Anni  .v.  dcxviii.  sunt  exacto  historie.  usq?  in  dio 
qua  iiuiuit.  j  Explieit  brebis  libri  septinii.  liistoriac  horosii  | 
prbi '.  Incipit  prologus  eiusdem.  |  Praeeeptis  -  tuis  parui  beatis- 
sime  pater  augustinae.  |  atq^  utina  tarn  efficacit  qua  libenter. 
quäquä  ego  in  utrauis  parte  |  — 

f.  1 1**  Opus  •'  meü  hoc  solo  meo  cuniulatius  reddidi  qd  | 
libens  feci.  |  Explieit  prolog.  Incip  Hb  primus  sei  horosii.  | 
Praeeeperas  mi'^hi.  ut '  aduersus  uaniloqua  prauita|teni  eorü.  (pü 
alieni  a  ciuitate  di  ex  locorü  agrestiü  eoupitis  |  — 

f.  l^*"  ob  diuturnji  memoria  uerb  ^.ppagauer.  |  i.  |  Hie  die 
ninü  —  prodit.  [  Initiii  scribeudi  a  nino  beli  filio.  rege  assyriorü 
facere  (fecere  m.  ed.).  (pii  cü  opinione  |  — 

f.  32''  exercita|tioribns.  quippe  ad  neqtia  adque  erudi- 
tiorib;  hominib;  ctinebit.  ]  Explieit  lib  prim'.  aduer.  paga.  incip 
üb  secund.  i  Neminem  iam  esse  hominü  arbitror  quem  la|tere  — 

t.  33  uniuersa  subicit  .i.  |  Primü  regnü  —  romanü.  Quäle 
a  prineipio  babyloniü.  &  deiude  |  — 

f.  51  hie  presenti-^  uoluminis  finis  sit.  ut  in  subscqutii- 
tibus  e&era  j  persequamur.  Explieit  liber  secundus.  |  Incipit 
über  tertius.  |  Et  superiore  iam   libro  contestatus  sü  et  nunc  — 

f.  51''  nee  multü  constricta  uideantur  [in  mg.  i.).  Quando  — 
acceperunt.  Anno  ab  urbe  eondita  tre|ceutesimo  sexagesimo 
quarto.  quem  aunü  — 


1  Auch  in  einer  Berner  Haudsclirift  (16'J)  finden  sich  Inhaltsangaben  der 
Cai^itel.  Vgl.  Halm  Verz.  der  alt.  Handsehr.  lat.  Kirchenväter  iu  den 
Bibliotheken  der  Schweiz  S.  49  —  2  XXXI  GG3  —  ='  1.  c.  GOß.  Während 
im  Ambrosianus  D.  -Jo.  Sup.  der  grösste  Theil  des  ersten  Capitels  zum 
Prolog  gezogen  wird,  bildet  hier  die  grössere  Hälfte  des  allgemeinen 
Prologs  einen  besonderen  Prolog  zum  ersten  Buche  —  '  ut  scribercm  — 
''  praescntis 


586  Rpiffpi-soheirl. 

f.  73*'  &  mox  punica  consequantur,  Explicit  liber  tertius.  | 
Incipit  liber  quartus.  |  Dixisse  Aeneam  uirgilius  refert  cü  post 
pericula  sua  |  — 

f.  74  nee  in  appennino  aliquando  fuerit.  Cum  annibal 
aelefantos.  aequos  plurimaq;  (wi  mg.  i)  |  — 

f.  98  si  interioris  spem  acuminis  inuenirem.  Explicit  liber. 
quart'.  |  Incipit  liber  quintus.  |  Scio  aliquantes  post  haec  dein- 
ceps  permoueri  posse  quod  uictoriae.  ||  — 

f.  99  pars  miseriarum  est  audire  quid  fuerit.  Edat  spania 
sententiä  sua.  |  — 

f.  125  libri  saltim  termino  separentur.  |  Explicit  liber  quin- 
tus. Incipit  I  liber  sextus.  |  Oins  homines  cuiuslibet.  ul  secte. 
uel  uito.  uel  patriae.  |  — 

f.  127''  Sicut  ipso  quo  caepta  s  ordine  j)babuntur.  Bellü 
mitridaticü.  |  uel  ut  uerius  dicam  belli  mitridatiei  clades  — 

f.  157''  singillatim  corripiuntur  expediam.  Explicit  |  liber 
sextus.  Incipit  über  septimus.  |  Sufficientia  ut  arbitror  docu- 
menta  collecta  sunt.  |  — 

f.  158''  adliuc  supplere  conabor.  Babilon  urbis  assyrioi^ 
in  mg.  i.  |j  f.  159  Principio  secundi  belli '.  cum  tempora  roman^ 
conditionis  stili  |  tenore  prestring-ere  ^   — 

f.  204''  (lxv)  de  qualitate  autem  opusculorum  tu  uideris 
qui  praecelpisti  tibi  adiudicanda  si  aedas  p  te  iudicata  si  deleas  | 
Amen  1  m.  s.  xiv  liber  de  thesa'ro  bati  eusebii.  Ip 


libelli  —  2  perstringerem  —  3  Diese  Handschrift  wird  von  du  Rieu  auf 
einem  in  die  Handschrift  eingeklebten  Zettel  bezeichnet  als  uno  dei  piü 
esatti  ed  eraendati  fra  i  cinquanta  e  piü  da  lui  consultati  in  vai-ie  biblio- 
teche  d'Italia 


Die  BililiotliPlten  Piemonts.  587 


4.  Die  Bibliothek  des  Donicapitels  in  Ivrea. 

Von  dem  Archiv  und  der  Bibliothek  des  Domcapitels  von 
Ivrea  gab  zuerst  Kunde  Am.  Peyron  in  der  Notizia  delF  archi- 
vio  del  reverendissimo  capitolo  d'Ivrea,  Torino  1843. 


Augustinus  de  musica. 

LXXXIV.  membr.  Grossquart,  foliorum  88.  saec.  XI. 

f.  1  iiAOKfi'.  Ex^ANTHATiKON  2  autcm  ad  expositione  pertinere 
uidetur.  &  |  habet  partes  tres  oitianikon^.  o>aikon.  rnoKPiTiKoN 
Que  interius  ^  |  rerü  ordo  disponet.  Nunc  de  pma  uoce  uelut  de 
sonitus  parente  tocius''  dicein'.  |  — 

f.  6''  magna  cunctorü  uoluntate'^  puenit.  |  habes  seuille 
martiane  fabulam  |  — 

f.  7  Secute  nugis  nate  ignosce  lectitans.  |  sie   felix  falsus 

FINIVIT  FALSA  CAl'ELLA    |    CORPOEE  QVl  MEßUIT  MISEßAM  NUNC  DUCERE  VITA  ^  | 

f.  7''  Aurei  Augustini  Liber  |  primus  de  arte  musica  que 
id  I  Scolaris  uocat  Quia  sub  interrog  et  responsione  mafgistri 
et  discipuli  |  Modus  "^  qui  pes  est  A  Pirrichi  |  M  Quot  tcmpo- 
rum  ~  .''  A  Duum  M'   Bonus  qui  pes  -^  "^  A  ide  |  qui  et  mudus 


'  Martiann.s  Capella  viiii  9;^6  —  2  £fayYs)vTiy.ov  —  ^  opyavtxbv  —  *  infcrius  — 
''  totius  parente  —  ''^  voluptate  —  '^  Der  Text  überall  glossirt.  Als  Probe 
theile  ich  das  letzte  Scliolion  mit:  Hi  uersus  (pjauis  ad  oiTis  libros  vn,  libe- 
ralifi  artiu  |  referri  possiiit.  maxinie  taiTi  ad  pdictos  duos  nnpti'arfi  philo- 
l<if,ä.;  in  illis  eni  habundant  plus  fabulc,'  |  qua  in  illis  vii.  quauis  principio 
&  fine.  istorvi  st  |  Dido  intptat  niraijo  qnia  iiirgo  pmansit  lic&  |  uirgilins 
alit  sentit  |  Ad  nuptias  pliilologie  neriert  oms  dii  &  oms  dee  |  omsq.  artes' 
artes  in  formas  uirginfi  qiias  delius  |  in  superu  dorn  coetfi  introducebat. 
Philologia  amor  rationis  intptatur.  Mercurius  [  niediiis  eurrens  .i.  sermn  int 
deos.  t  homines  |  deeet  eni  sermone  ratione  iixore  habere  —  ^  XXXII  1081 
Sitzb.  d.  phil-liist.  Gl.  LXVm.  Bil.  III.  Ilft.  38 


588  Reiffeisclieid. 

M^  hoc -r  ergo  modus  -r '  bonus  A  '  non  M'  Cur  e'"g'0  | 
idem  A^    Quia  idem  in  sono.  in  significatione  aliud  — 

f.  13  reb;  quas  ualemus  sentire  lianc  disciplina  potuisse''^ 
pdictü  ^  A^  Nullo  m  alit  puto.  |  Aurei  Aug  de  arte  musica 
Primus  libe  sie  ex]5.  Incip  v  Scds  |  O)  Attende  g  diligent.  &  nc 
demü  accipe  quasi  alterü  ni^e  disputationis  exordiü.  ac  pmü 
sponde''  utrü  |  — 

f.  18  reb;  ageudis  decent  intenta.  A^"  Placet  sane  ac  libent 
obtepero  Aurei  Aug  Finit  lib  scds  |  Incipit  über  tertius  |  O) 
Tertius  hie  sermo  p'tulat  quo^  de  pedü  amiti"a  quada  ccordiaq? 
satis  dictü  5.  uideam'  qd  ex  his    ctextis    ctinuatisq.    gignat  |  — 

f.  21''  fpbo  atq?  se-^  habere  istam  concordia  csentio  neq/' 
delector  |  Aurei  Aug  Lib  tertius  expli|cit  Incipit  quartus  de  mu- 
sica dialogice  |  )-(  |  Eedeamus  ergo  ad  metri  csideratione  jipt 
cui'  jigressum  ac  longitudine  de  üsu  tecü  alqd  agere  coactus 
sum  I  — 

f.  27"  s>  qui|escam'  aliqntü'  et  de  üsu  deinceps  disse- 
ram'.  A^  Ita  hat.  Aurelii  Augustini  Liber  ]  quartus  Explicit  In- 
cipit Quintus  do  musica  dialogice  |  )-(  |  Quid  sit  üs'  int  doctos 
ueteres  n  parua  luctatione  qsitü  e  nee  frct'  defuit:  Nä  iuuenta 
res  e  &  ad  notitia  p'sterio^  (i  eras.)  mauda|ta  litteris.  — 

f.  32  alieua  e  qnta  ualem'  sagatitate  ueniam'.  Aur  Aug 
Explicit  lib.  quintus   Incip  |  sextus    de    nuisica    arte    dialogice  | 

Satis '^  diu  peue  atq,  adeo  plane  puerilit  in"  quinq?  breuis '"  in 
uestigiis  numero^t  ad  moras  tepo^  ptinentiü  morati  sunuis  qua  |  — 

f.  40''  opitime  filios  qui  puerilib;  studiis  loqndi  ac  disse- 
rendi  facultate  quantü  satis  est  consecuti  eent  eadem  relellen- 
dorum  hereti|corum  necessitate  fuisse  uideremus.  ||  f.  41  Anitii. 
Manlii.  Scuorini.  Boetii.  liber  prim*  |  de  musica  arte  |  Oninium  " 
quidem  pceptio  sensuü.  |  ita  sponte  ac  naturaliter  quibusdä 
uiuentibus  adest.  |  — 

f.  f)!  (xxxiiii)  ex})licandum  ->-.  ac  de  poetarnm  carminib? 
diiudicandi.  '-  Explicit  liber  |  prinuis  lnci])it  über  tertius  '^  | 
Superius  uolunien  cuncta,  digessit.  (jue  nunc    diligontius  demon- 


(|iiii(l  —  2  posnisse  —  3  responde  —  ^  iit  (juoni.-nn  —  ■"'  \Ui  se  —  ">  con- 
seiisioTiPiiKjue  -r-  '  aliqiinntnlnm  —  ^  M.  Satis  —  '■>  per  —  '"  libros  — 
"  Die  C';i}iitul;i   fclilen  —     '-  iudicniKli  ciJ.   Fiipdl.   -      '•'  spcnudus 


Die  Bibliotheken  Piemonts.  589 

_  .  .    .  .  .      *  r 

slnuula  uc^jjpo.sui.  |^—  accipiuiida  ^piicniat.  |  Priinus  oniiuni  pytlia- 
goras  — 

f.  00'*  (xxxi)  Nunc  uoluiuiiiis  soriT-  fastidii  nitalor  ad- 
stringa.  |  Explic  lib  .11.  De  musica  et  arithnietiea  '  institiitione. 
Ineip  .111.  I  cPemiü  etra  aristoxenü-  Siip  partic.  in  oq  diiiidi  n 
posse''  I  Superiore  uolnmino  dinnonstratum  -i-  diätesseron  '  cso- 
iiantia   ex  duob?  toiiis  ac  semi|t()nio.  — 

f.  69  (xv"")  in  posto|rions  comentarii  dispntatione  censuim' 
Iransferendam.  \\  f.  69''  Explicit  lih  in.  Incip.  Quartus.  |  Voeü 
differentias  in  qnantitatc  csistere  |  Etsi  omia  quae  demonstranda 
erant  superioris  libri  tractatione  |  — 

f.  82  (xviii)  triplo  j)portionis  dissonantia  |  &  consonantiä 
i-eddat. ''  |  Explic  lib  .1111.  Incip  lil).  quintiis  |  Post  inonochordi 
reg'ularis  diuisione.  adicicnda  ee  arbitror  ea  in  (|iiib'  lu^teres 
musico  doc)tores  — 

f.  86  (Queadniodü  ptolomeus  tetracordoi'ü  diuisione  face- 
rit  sie'')  Ptolomeus  eni  tetracliorda  diuersa  rutione  partii  illud 
in  princi})io  statuens  ut  int  duo"^  altrin|sec'  sonos  tales  uocule 
aptont  —  In  cons]dssis''  uero  ut  in  diatonieis  generibus  nus- 
quani   una.     f.   .S7.   88  Allerlei  von  späteren   Hf'uulen 


Augustinus  de  trinitate. 

LXXVII.  luembr.  (ii-ossiinart.  'J  col.  lolioruiii   187.  saec.  X. 

1".  1  Domino'"  beatissimo  |  et  sincerissimo  "  cai-i[tat('  uene- 
rando  sco  fra|tri  et  consacerdoti  papae  |  aui-elio  augustinus  in  |  dno 
salutem  |  De  trinitate  quae  ds  summus  &  uerus  |  e.  libros. 
iuuenis  inclioaui  senex  edidi.  |  —  anteponi.  \  Ora  pro  me  |  Ex- 
plicit epistola  |  augustini  ad  aure|liuni  episcopuni.  |  Incipiunt 
capitula  |  trinitatis  ]  libi-i  primi  ;  f.  l''  i  De  triplici  causa  (uroiis 
fal|sa  de  dö  opinantium.  —  xni  De  unitate  psonae  Hlii  di  & 
•   filii  i  hominis,  siue  in  gloria  siue  in  humilitate.  |  Expliciunt  ca- 

'  Für  armonica  vorschrieben  —  ^  demoiiRtratio  atld.  —  3  siiperparticulareni 
liroportioiioni  dividi  in  aeqna  nnii  posse  atque  iileo  nee  toninn  —  ''  diates- 
s;iron  —  •"■  XVI  —  ^'  Für  die  Fignr  ist  R-iuni  gelassen  -  '•  fieri  dicat 
n])ortere   -     **  dnos  —  '■*  nnn  spissis  "^'  XLTI   817   —   i'    sincerissinia   - 


590  Reifferscheid. 

pitula  I  libri  primi  •  |'  f.  2  in  mg.  de  triplici  causa  erroris  de 
do  opinantium  |  Lecturus  haec  |  quae  de  trinitate  disserimus.  j 
prius  oport&  — 

f.  100  quantü  |  nouit  &  quanta  est;  |  Exp.  lib.  viiii  Ine 
cap  Ibr  X.  |  i  De  stiidiis  discere  amantiuni  |  —  ignorarent  |  — 
f.  lOO*"  XII  De  quereiida  |  imagine  —  concepit ;  |  Explicit  capl  | 
In  hoc  2  libro  decimo  hoc  ipsud  |  diligentius  subtiliusq;  trac|ta- 
tum  est.  atque  ad  id  pducitum.  ut  inueniretur  in  men|te  eui- 
dentior  trinitas  eins;  |  in  memoria  scilic&  et  intel|legentia  & 
uoluntate ;  sed  j  qm  &  in  hoc  comptum  est  qd  j  mens  numquam 
esse  ita  potue|rit.  ut  non  sui  meminiss&.  |  non  se  intellegeret  & 
dilige|r& ;  Cum  autem  se  cogitaret  |  non  se  a  corporalibus  rebus  | 
eadem  cogitatione  discer|ner&  dilata  e  de  trinitate  |  cuius  haec 
imago  est  disputatio  |  ut  in  ipsis  etiani  corporalibus  uisis  |  in- 
ueniretur trinitas  &  distincltio  in  ea.  et  lectoris  exerceretur  | 
intentio;  |  Incpt  Ibr  .x  j  i  |  Nunc  ad  ea  ipsa  consequenter  |  eno- 
datius  — 

f.  109  propter  huius  |  b'belli  modum;  |  explicit  liber  x;  | 
Incp  cap  Ib  xi  |  i  De  imagine  trinitatis  —  exteriore  que- 
renda  |  —  xi  de  msura  et  numero  |  &  pondere  quo^^  similitudo 
sit  in  I  memoria  &  uisione  &  uoluntate;  |  Expli  capitula  |  In  hoc^ 
undecimo  libro  electus  |  e  sensus  — 

f.  109''  quae  sentiuntur  extrin|secus  ;  |  i  |  Nemini  dubium 
est  sicut  I  interiorem  hominem  — 

f.  119  disposuisse  testat:  Expli  lib.  xi  |  Incp  cp  Ibr  xii  | 
I  Quid  sit  quod  &iä  in^  animo  nro  |  intollegendü  sit  ad  exterio| 
rem  homine  ptinere  |  — 

f.  1 19''  XV  De  opinione  pactionis  '"^  —  uiderent  '•  habuisse  j 
In  hoc"  duodecimo  libro  \  discerneuda  uisa  e  sapientia  |  ab 
scientia  —  ul  putanda.  |  Incjpt  libr    xii  |  i   Age   nunc    uideamus 


'  Auch  diese  Handschrift  hat  die  von  Ang.  Mai  herausgegebenen  Capitula. 
Ausserdem  aber  finden  sich  in  ihr  nocli  beim  zehnten,  eilften,  zwölften 
und  vierzehnten  Buche  Summarien,  aus  denen  hervorgeht,  dass  die  den 
einzelnen  Bücliern  in  den  Ausgaben  vorangeschickten  Inhaltsangaben  auf 
liandschriftlicher  Grundlage  berulien  —  2  j^  q^jQ  trinitatem  aliaai  in 
hominis  raente  ostenditur  eamque  longe  evidentioreni  apparere  in  memoria 
intelligentia  et  voluntate  —  ^  Trinitatis  imago  quaedam  —  quae  sentiuntur 
oxtrinsecus  —  ■•  nin.  —  ^  Platonis  —  ''  inderentur  —  '  In  <|U(i  praemissa 
distinctione  sapientiae  scientia  —  putanda 


Die  Bibliotheken  riomoiits.  591 

ubi  öit  quasi  [  quodda  hominis  exterioris  interiorisquc  con- 
finiü;  — 

f.  128''  quod  inucntü  fuerit  explicari.  |  ExpT  libr  xii  | 
Incpt  captl  I  I  De  geniino  rationalis  mentis  officio  —  ad  &na  |  — 
XX  Neminem  posse  sine  lide  ad  |  uerani  beatitudine  puenire  j 
Incp    libr    xiii  |  In    libro    superiore  huius  operis  .|  duodecimo  — 

f.  144''  leetor  ex|pect& ;  |  Expli  libr  xjii  |  Incpt  libr  xiiii  | 
I  Quae  sit  hominis  uera  sapientia  |  — 

f.  145  xviiii  Qua  sui  pai-te  homo  —  renouatur  |  Expl  capt  | 
In  quarto  '  decirao  libro  de  sapientia  I  hominis  uera  —  contem- 
platio  est  \  &norum;  |  Aurelii  Ag  Ib  xiiii"""  |  i  |  Nunc  de  sapientia 
nobis  est  dis|serendum.   — 

t".  159  quantum  potui  demonstrare  |  curaui ;  |  Expl  libr 
XIIII  I  Incpiunt  catula  sie  |  i  De  excellentia  x^  animi-  ad  imagi|nem 
creatoris  sui  conditi  •'.  |  — 

f.  159''  XXVII  Quid  quodam  sermone  disputatü  |  ad  pnpu- 
lum  '  sit  de  difFerentia  ge|nerationis  tilii  &  processionis  sps  sei.  | 
Incipt  über  xv  |  Volentes  in  rebus  quae  faclta"'  s  ad  cognoscen- 
dum  euni  —  , 

f.  187''  &  tu  ignosce''  |  Expl  lib  xv  || 


CoNciLioKUM  acta. 

XLII.  membr.  8.  folioruin  111.  saec.  IX— X.' 

f.  1  solem"^  terra  ee  maiorem  quamuis  ob  inmensam 
longin quita|tem  modicus  uideatur ;  — 

f.   1''  VIII  I  Ebdomada  grecae  a  septenario  nuniero  nom  — 

f.  49''  (lxii)  Muliere  cuius  adiutorio  gelnus  propagar& 
humanum ;  |  Incpt  epistla  sei  cyrilli  epi  |  alexandrini ;  |  Sem 
paschae  mysterium  eins  quae  clara  solenitas  sicut  .e.  |  — 

f.  50''  tminos  nascitur  &  impU- ;  |  Incipit  expositio  bissexti 
uel  anni  communis  |  seu  embolismi  de  Ixlv  annis  circuli  pasch- 
lis  I  —  Scire  bis  unde  fit  bissextus  uel  annus  comunis  seu 
cmbolismus  breuit  |  tibi  domine  mi  amator  sapientiae  disserebo 
haec  ^  ratio  bissexti.  — 

'  De  sapientia  hominis  vera  —  contemplatio  est  aeternorum  —  2  animae  — 
^  conditae  —  ^  in  quodam  sormone  ad  popiiliim  disputatiim  —  ^  factae  — 
6  et  tili  add.  —   '^  Vgl.  Maassen  1.  c.  378  —  *  Bedit 


592  Keiffersclieid. 

f.  51''  inuenies  ueritate;  |  Incpt  ratio  limae  qiiomodo  pasclia 
conputaes  |  Lima  quae  martio  iiieuse  nata  fiierit  — 

f.  52  &  nihil  dubiteris;  \  Pasclialae  cyclü.  Yppolitus  eps 
teporib;  alejxandri  imperatoris  primus  conscripsit.  p  quji  ,pba- 
tissimi  auctores  |  eusebius  caesariensis  prosp  quoq:  natione  aqui- 
taiius  atq:  uictorilnus  amplificatis  eiusdein  festiuitatib;  multi- 
plices  circulos  edider ;  |  Deinde  tlieophilus  —  xpiaiioru  ueuire ;  | 
Ordo  mensuum  xii.  !|  f.  52"  mar  mai  etc.  \  lucipit  coputatio  episco- 
porum  .cccxviii.  |  quod  fecerunt  in  nicea  cinitate.  ex  kl  |  ianuarias 
.1.  in  nonas  dies  .v.  in  idus  dies  xiii.  |  etc. 

f.  54"    Ab    incarnatione    saluatoris   |   usq:     nunc    oetogenti 

XIII,   I    — 

f.  55"  oratio  beati  greg  pp  |  Dominator  diie  ds  omps  q  es 
trinitas  inseparabilis  etc.   —   &  simon.   — 

f.  56  Ab  alexandro  usque  nicena  synodum  ann  .i.  xxxvi.  | 
Incipiimt  capitla  canon.  |  grecorn  atq:   latinorü  | 

I  CaSones  niceni  episcopornm  .ccc.xvm. 

II  Canones  ancyritani    eporü  xii.  hos  can  ante  nicenos 
fuisse :  traduntm' 

III  Canoii  effisiana  prima  eporum  cc. 

IUI  Canones  neocesariensis  eporum  xvii. 

V  Cannones  gangrensis  eporum  xv. 

VI  Canones  anteocheni  eporum  xxxn. 
vn  Canones  laudicensis  eporum  xxii. 

VIII  Canones  constantinopolitanus  epo%  cl. 
villi  Canones  calcedonensis  epo*  dcxxx. 

X  Canones  apostolorum    quos   dyonisius  eps    de    greco 
in  latino  transtulit  rogante  Stephane  epo. 
XI.  It    can     niceni    epü%     xx.    hie    can    apud    Grecos   fi 

•/ .  hcrtUctuös  uoct. 

liabeut  a  quib;dä  ■/• 
XII  Can  miliuitanus  epo%  Ite  canones  latinorü 
XIII  Cartaginensis  eporum  ccxviii. 
xiiii  Item  eiusdem  cartaginensis  secundus; 
XV  Canones  thelensis  episcopornm  xxxiii. 
xvi  Canones  romanorum.  Item  eiusdem  .ii. 
xvii  Item  romanorum  sei  siluestri  pape. 
xviii  Item  romanorum  sei  gregorii  primo  .ii.  &  m. 
xviiH  Canones  agensis  episcopornm  xxx.iii. 


Die  Bibliotheken  Piemonts.  593 

XX  Canones  aurelianensis  cpiscoporuili  xxxi. 

XXI  Itcni  canones  aureliancnsis  eporiim  xxxv. 

XXII  Item  aureliancnsis  .111.  &  .1111. 

xxiii  Itoin  arelatensis  episcoponnn  de. 

XXIIII 

f.  [)6''  XXV  Canones  aiirasicani  episcoporura  xvii. 
XXVI  Canones  ualentiani  episcoporum  xviiii. 
xxvii  Canones  regensis  episcoporum  xii. 
xxvni  Canones  uasensis  episcoporum 
xxviiii  Canones  arelatensis  epö%  xv.  prt)i  .v.  diaco  xvi. 
XXX  Canones  aruernensis  episcoporum  xv. 
XXXI  Canones  maticensis  episcoporum  xxi. 
xxxii  Canones  lugdonensis  episcoporum  viiii. 
XXXIII  Canones  epaonensis  episcoporum  xxvu. 
xxxiiii  Canones  aurasica  episcoporum 
xxxv  Canonones  sie  cesariensis  episcoporum    ■ 
xxxvi  Canones  taurinatium  episcoporum 
XXXVII  Canones  agatensis  episcoporum  xxii. 
xxxviii  Canones  uieunensis  episcoporum  xv. 
xxxviiii  Canones  urbicauensis  episcoporum 
XL  Canones  tokani  episcoporum  x 
XLi  Canones  agustodincnsium  sei  leodegarii    epi. 
Harü   canonü    cpistolar    numerus  |  incertus    habetur    quia 
diuersis  teporib:  |  innumor   de  Me  et  stabilitate  scae  di  |  aecclo 
conscripsef  sei  patres  nostri :  |  Canon  ^^^  grecae  latinae  regulae 
nuncupat;  |  eo  qd  rcctae  dueat  et  normam  recte  uiuendi  pbeat.  | 
Canones  autem  ut  scs  hysidorus  — 

f.  57''  Siquis  ita  S  conti  tetur  &  credit  anathema  sit. 
Conlirmatio  .v.  synod.  |  Definitio  capitularü  sca  synodo  |  urbis 
romae  sub  martino  papa  i  Martinus  scissimus  papa  congregauit 
romae.  cu  epis  j  in  ecclesia  saluatoris  &  dixit;  Öecundü  pröl'"- 
bilem  |  — 

f.  58  sex  syno|dis  discrcpari.  Incpt  symbohl  apostolorum  | 
Ci-cdo   in  diii  patrem  omnipotentem,  creatorem  caeli  \  etc. 
f.  58"  Caii  agathens.  lir  .xiii. 

Ysidorus  in  libro  .11.  of|ticiorum :  hr  xxii. 
Fides  niceni  concilii 

Ysidorus  in  primo  li|l)ro  officioru  hr  .xvi. 
f.  59  Simbohl  aput  constantinopolim  il.  sco*  patru 


r^M 


Reif  f  erscheid. 


Fides  sei  athanasi  epi  alexandrini 
f.  60    de  anima  xpi  rationabili  in  synodo  romana  dix 
in  sinodo  calcedonense 
Sei  eyrilli  ad  nestorium 
f.  60''  Aureli  agustini.  in  euglo  sei  ioli  int  eetera. 

De  spü  et  anima  hieronim'  ad  hydibia. 
f.  61    Item    dicta    sei  j  ysidori    de    sca    trinitate    et    quod 
amplius  j  nihil  est  quam  ereator  et  creatura. 
de  anima  xpi. 
f.  6P  Agtinus  in  libro  questionii 
Scs  ysidorus  de  spü  sco 
It  sei  ysidori 
f.  62    It  eiusde  de  spii  et  anima  qd  unü  sit. 

It  eiusde  sei  ysidori  de  sca  trinitate 
f.  62''  Fides  aput  grecos  de  trinitate 

De  ereatura 
f.  63  De  adä  primü.  ean.  cartagineios.  hf.  i.  |  Praefatio 
orationis  dominicae  |  Diis  &  saluator  nf  ihs  xps  int  c&era  sacra 
peepta  discipulis  |  —  haue  oratione  nobis  docuit.  ut  ita  ore- 
mus;  I  Pater  noster  qui  es  in  caelis.  |  haec  libertatis  uox.  e.  & 
plena  fidueia  — 

f.  63"  Sed  libera  nos  a  malo  |  hoe  ideo  ait  quia  dixit 
aplis.  Nescitis  quid  uobis  oporteat  |  orare;  Unde  ds  oranps  ita 
a  nobis  orandus  est  ut  quiequid  liumana  fragilitas  eauere  & 
uita"  m.  cd.  n  potest ;  hoc  ille  ut  posemus  sie  |  j)pitius  nobis  con- 
ferre  dign&ur  ihs  xps  dii^  iir.  qui  uiuit  &  regjnat  cmn  patre 
&  spü  SCO  ^^x^^^^^^^^^  p  oina  scia  sclorü  amen;  j  f.  64  lueipit 
capitulatio  canonum.  | 

I  De  iide  catholiea  &  symbolum. 
II  de  eo  quod  sit  scriptura  eanonica. 
III  Sententia  pape  leonis  de  apoeripha  scriptura. 
IUI  Deer&alis  de  reeipiendis.  &  ii  reeipiendis  libris; 
V  Ut  p  singulüs  ann  synodus  bis  üat.  &   qualit    denuii- 

ti&ur ; 
VI  Quales  ad  sacros  ordines  uenire  ii  possuut. 
VII  Quales  uel  qualiter  ad  sacros  ordines  aeccdant; 
VIII  Ne  in  una  ciuitate  duo  sint  epi  &  de  uicariis  eporum 
villi  De  ordinando  epo  intra  tres  menses 
X  De  ordinatis  epis  nee  receptis 


Die  Bibliotlioken  Picmouts.  59«5 

XI  De  epo  inuitus  ordinatum  * 

XU  Quod  ü  oport&at  absolutuni  ordinäre  qucinquam. 
XIII  De  seruo  aut  liberto  ordinato. 

xiiii  Quod  non  liceat  clericü  in  duas  ciuitates  ministrare. 
XV  Ut  de  uno  loco  ad  aliü  ii  transeant  cleri  sine  iussioii ; 

XVI  De    peregrinis    epis    &    de  clericis.  &   ad    comitatü 

p  g-ent. 

XVII  De    formatis  &  clericis    sine   litteris  ambulantibus. 
xviii  Qual  uel  ^  quib;  culpis  quisq:    degrad&ur. 

xviiii.  De  expulso  ab  eccle  &  de    excömunicato  1  danato 
ab  officio. 

XX  de  ordine  ecclesiastico  &  officio  misse. 

XXI  De  reliquis  scorum  &  oratoriis. 

XXII  Altaria  ii  sacranda  nisi  lapidea. 
XXIII  de  baptismo. 

xxiiii  De  iterato  baptismo. 
XXV  De  conlirmatione  &  prandia  in  eccla  n  fieri.  &  qd 

2 

•/.  genu  non  flectat 

die  domco'/. 

XXVI  De  pascha  &  die    dominico  &  reliquis  festiuitatib;. 
xxvii  De  ieiunio  &  quadrgmo  ul  la&anias. 
XXVIII  Ut    festi    dies    in    ciuitatib;    aut    in    uicis    publicis 

teneant. 
xxviiii  De  hoc  qd  offeruntur  ad  altario  1  quac   ad    domii 
sacerdotis  |  &  de  oblatione.  !| 
f.  64**  XXX.  De  communione  &  ut  inissas  populus  p  spect&. 
XXXI  De  praedicatione. 

XXXII  De  hospitalitate. 

XXXIII  De  decimis. 

•i,  &  de  lapsis* 

xxxiiii  De  uiduis  pupillis  &  pauperes  infirmis  &  carccrariis*/. 
XXXV  Qualit  res  eccle  eps  dispens&  1  regat  &  de  hoc  quae 
in  altajre  dant  &  basilic  p  par~"  | 

XXXVI  De  reb;  quae  sacerdos  suis  clericis  dedit. 

XXXVII  De  reb;  quae  ecclesiis  dantur. 

XXXVIII  De  reb;  ecclae  abstractis  aut  contra  dictis. 
xxxvini  De  causantib;  &  iudicibus. 

XL  De  epo  ul  clericis  accusatis  &  accusatorib;  eorum. 

XLi  De  clericis  usurariis  &  hebriosis. 


o9f)  llei  fferschei  d 

XLii   IJt  cleri  ü  sint  contiuviaces  &  n    neg-legaut    ut'iiciü 

&  n  siut  conductores  seculares  &  e&era. 
XLiii  Ut  5  liabit&  clericus    cü    extraneis   inulierib;  &  de 

relicta  sacerdotis. 
XLiiii  De    epis    &    ordines    ul    regulis    clerico*    &    uestib; 
eorü  &  c&era  qua  plura; 
XLV  De  uenationibus; 

XLVi  Ut  peccantes  fidelibus  non  liceat  uerberare. 
XLVii  De  parrochiis  &  oratoriis  construendis. 
XLViii  De  natalitia  martyrum. 

XLViiii  De  üctos  martyres  &  loca  quac  inaniter  uenerantur. 
L  De  sortibus  &  auguriis. 
LI  de  clericis  monacliis  uel  abbatibus. 
LH  De  do  sacratis  &  monasteriis  puellaruni ; 
Liii  de  raptis. 

Lim  de  incestis  &  adulteriis  &  qui    uxores    snas  diinitt. 
LV  De  reuertentes  ad  sclra  p  depositü  luilitiae  cingulü 

&  de  bis  qui  p  bap  tismü  adminis"'"""'  \ 
Lvi  De    falsariis    &    piuriis    &    bomic'dis    &    captiutc    & 

diseordia ; 
Lvii  De  expositi. 
Lvm  De  libertis. 

LViiii  De  bis  qui  ad  ecclesiam  confugiunt. 
LX  de  iudaeis;  ] 
f.  65  Lxi  De  clericis  qui  a  carne  abstinent. 
Lxn  De  her&icis  &  gentilibus. 
LXiii  De  catbecuminirf. 
LXiiii  De  coniurationibus. 
Lxv  De  inergumenis. 
Lxvi  De  chrisma 
Lxvii  De    exequiis  defunctorum    &   ne    pallae    sup    corp' 

ponantur ; 
Lxviii  De  lectionem  ad  mensam. 
Lxviiii  De  elapsis  &  paenitentibus. 

Lxx  De  bis  qui  contra  canones  faciunt. 
Lxxi  De  epis  qui  hos  supradictos  canones  firnuiuonint. 
Lxxii  Canones  sei  gregorii  pape  cap  xii. 
Lxxni  Item  eiusdem  sei  gregorii  cap.  vi. 
Lxxiiii  Item  eiusdem  cap  xiiii. 


Pio  Bililiötliikou  Piemonts.  597 

L.x.xv  pjpistola  ciusdcni  sei  greii>orii  ad  a&herium  opTii, 
Lxxvi  Item  eiusdeni  epistola  ad  bruniliildc  regiua.  |  [^ro 
lierese  symoniaca  dcstruenda.  |  Iir  jjt  eulleelu  ex  libris  canonfi  | 
De  fide  eatliolica  et  syniholiiin  |  .i.  Can  augustidunensis,  lir  .1.  | 
Si  (jiiis  pi-sbt  diaeonus  subdiaeomis  iiel  elerieiis.  siin])olü  |  — 
f.  111"  (Epistola  sei  gregorii  papae  ad  etherio  epo  hig- 
donensis;)  Sic  autem  liis  qui  inuitatus  rciiiiuit.  quaesitus  re- 
fueit.  li 


LXXIV.  memhr.  Clrossquart.  ü  col.  foliorum  IUI.  saec.  X.' 

f.  2  Incipiunt  tituli  canonum  apostolorü.  ]  i  De  ordinatione 
episcopi.  I  — 

f.  2^  L  quod  non  debeat  una  mersio  in  baptis|matc  quasi 
in  niorte  dni^pucnire  |  Regula  apostolor.  |  Incipiunt  eeelesiasticao 
regulae  —  cauonibus  assunipta  esse.  |  Incipiunt  eanones  |  aposto- 
loruni, 

f.  6  Incipiunt  titidi  cano|nuni  niceni  concilii  |  numero  .xxii.  | 
I  De  eunuchis  &  qui  se  ipsos  al^sciderunt.  |  — 

t",  6"  xxii  De  flectendo  geuua.  }  Expliciunt  capitula.  |  luci- 
pit  constitutio  et  tildes  niceni  concilii.  sul)|ditiö  capitulis  suis.  | 
Facta  est  autem  haec  synodus  apud  |  —  urbis  rome  siluestrü.  | 
Fides  eiusdem  concilii  |  Credimus  in  unum  dm  pati'cm  om|ni- 
potentem  uisibilium  nee  non  &  |  — 

f.  7  apostollica  aecclesia.  |  Incipit  prefatio  supra|scripti 
concilii  |  Conciliu  sacrü  uenerandi  culmina  iuris  |  —  PIoc  sale 
conditus  duleia  niella  fluit.  |  — 

f.  Ü''  Expliciunt  eanones  |  et  subscripserunt  cccxviii  |  epi- 
scopi qui  in  eodem  con  cilio  conuenerunt  ,| 

f.  1 1*'  Expliciunt  nomina  episcopoi^  |  Conuentio  episcoporü  | 
in  generosa  urbe  roma  |  Post  coneilium  nicenum  in  urbe  roma  | 
concilium  congregatum  est.  a  ca]  f.  12  tliolicis  epis.  et  ad- 
diderunt  de  spu  |  sco.  — 

f.  lo  sine  dubio  credamus.  j  Incipiunt  tituli  canonü  |  an- 
cyrani  concilii   numero.  xxnii.  | 

f.  16  Incipiunt  tituli  canojnum  caesariensium  |  concilii 
num.  XI 111  I 


'  Vgl.  Maassen  1.  c.  378  pq. 


598  Reif  f  ersclieid. 

f.  17''  Incipit  sinodi  g-an^renlsis  prefatio.  |  Dominis  hono- 
rabilibus  consacer|dotibus  in  armoenia  constitu|tis  epis.  qiiorum 
nomina  supe|nus  sunt  scripta.  — 

f.   18  susceperit  obseruandü.  | 

f.  20  Incipiunt  tituli  canonü. 

f.  20''  Sca  &  pacta  synodus  in  unü  congre|gata  bis  qui  p 
prouintias  singnlas  |  sunt  unanimis  scis  &  consacerdo|tibus  in  diu» 
salutem.  Gratia  &  uejritas  — 

f.  21  in|fra  scripta  sunt.  |  Incipiunt  reg-ulae  an|tioceni 
concilii  reg-ulae  expositae  apud  an|tiochiam  nengensis.  ul  |  in- 
enceniis  nuniero  xxv.  j 

f.  24''  Incipiunt  tituli  canonü  |  apud  laoditiam  congre|gati 
numero.  lviiii.  | 

f.  28''  Incipit  expositio  lidei  |  catholice  secundum  centum  | 
quinquaginta  patres  pos*qua  euti|ciana  siue  nestoriana  heresis. 
plu|rimorü  xpianorü  animos  pulluerat  ]  f.  29  Credimus  in  die 
fünf  ersten  Zeilen  grössfentheüs  durch  Feuchtigkeit  zerstört  \  esse 
conlitemur.  non  sicut  unü  dm  |  quasi  solitariü.  nee  eundem  qui 
ip|se  sibi  pater.  sit  ipse  &  filius.  —  aeterni  supplicii  accepturi.  || 

f.  29''  Incipiunt  tituli  cano|nuni  concilii  apud  con|stantino- 
polim  con|gregati.  numero  |  centum  quinquaginta  | 

f.  30''  Expotio  fidei  centum  quinqua|ginta  sanctorum  qui 
conjstantinopolim  congre|gati  sunt.  | 

f.  32  Tituli  canonum  calcedonensis  |  concilii.  numero  xxvii.  | 
f.  35"  Incipit  constitutio  |  et  fides  eiusdem  concilii.  |  Aethius  — 
f.  37  anatliematizari.  ] 

f.  40''  Incipiunt  tituli  cano|num  serdicensis  concilii  |  nu- 
mero uiginti  unmn  |  — 

f.  41  Sunt  etiam  regulae  ecclesias  ticae  quae  in  africanis 
regi|onibus.  frequentissimo  |  synodali  concilio  |  conscriptae  | 
sunt.  I  Quae  qm  multipliciter.  &  diuersis  |  modis  inueniuntur.  si 
ad  manus  cuius|cumque  — 

f.  42''  discrepfi.  sequi  debebit.  |  Incipiunt  canones  |  serdi- 
censis numero  xxi.  | 

f.  45''  Tituli  canonum  cüngre|gati  apud  carthagi|ncm  nu- 
mero  XXXIII.   I 

f.  52*'  Tituli  canonum  diuersorii  |  conciliorum  africa|nae 
prouintiae.  |  numero  |  centum  |  quinquae.  |  , 


nii-  BiWinflickoii  Pieraonts.  599 

f.  78"  P]xplicit  AfVicjini  concilii  |  Incipiunt  tituli  decreto| 
ruin  papae  syrici  numero  .xv.  |  — 

f.  83  Tituli  decretorum  |  papae  innoceuti  |  nuracro  .lvii.  |  — 

f.  102  Tituli  decretorum.  |  papae  zosiini  nu|mero  quat- 
tuor.  I  — 

f.   103''  Tituli  decretorum  papae  |  bonifacii  numero  im.  |  — 

f.  106''  Tituli  decretolrum  papae  cae|lestini  numero  |  ui- 
ginti  duo.  |  — 

f.  114  Tituli  decretorum  pa|pae  leonis  numero  |  quadra- 
ginta  octo  — 

f.  133  Incpnt  regulae  pap  liila.  |  Tituli  decretorvi  papae 
hilari.  | 

f.   137  Tituli  decretorü  |  papae  simplicii.  | 

f.  138''  Tituli  decretorü.  pp  felicis.  |  i  |  Constitutio  papae 
felicis  africane  |  prouinciae  de  non  rebaptizandis.  \  Incipit  con- 
stituta  I  papae  felicis.  Exemplaria  |  gestorü.  quib.  allegatü  est  | 
praecepta  papae  felicis.  |  — 

f.  141"  Tituli  decretorü  papae  |  gelasii.  numero  .xxviii.  | 
f.  149  Tituli  decretorü  |  papae  anastasii.  |  numero  octo.  j 
f.   152  Tituli    decretorum    papae  |  simmachi.  | 

f.  155  Exeplar  constituti  facti  domlno  symmacho  pp  de 
reb.  ecclae  |  conseruandas. 

f.  160  Ruüo  magno,  fausto  auieno.  |  uiris  clarissimis.  sub 
die  I  kalendarü  nouembrium  |  quarta.  synodus  habita.  |  ronuu; 
pahnaris.  |  Sca  synodus  apud  urbem  romam  |  ex  praecepto  glo- 
riosissimi  regis  |  theodorici  — 

f.  162''  sincere  |  pertulisse.  |  Subscriptiones  episcoporü.  | 
Laurentius  eps  ecclae  mediolanen|si  — 

f.  163  Dulcitius  Santiatini.  |  Incipit  ad  '"orniisdam  papa  | 
iustini  imperatoris  |  sacra.  |  — 

f.  164  Exemplar  precum 

f.   165  Hormisda  iustino  augusto 

f.  167''  Item  hormisdae  ad  archimandrites.  —  que  consi- 
dcruns  propheta.  |  zwölf  Zeilen  leer  \  Vigilius  eps  scae  ecclesiae 
catliolilcae  urbis  romae  dixit.  Res  es  sie  quide  |  diuinae  con- 
ueniens  iussioni   — 

1.  169''  pos  consolatu  uasili  |  uiri  clarissimi  anno  x.  Expli- 
cit.  j  Incipit  ad  populum  |  oiusdem  papae  |  uigilii  |  Vigilius  eps 


600  Reifferscheid. 

aecclae  catholicae  j  uniuerso  populo  di.  Dum  in  scae  |  eufemiae 
Lasilica  graeci  laboran|tes  — 

f.  171  ablata  pariter  sig-naret.  |  Incipiunt  tituli  canoiiis  | 
slluestri  episcopi  urbis  |  romae.  | 

f.   174  Incpiit  tituli  caiTs  liberii  |  epo  urbis  romae.  | 

f.   176''  Incpfit  tituli  canonü  papae  Xyxti.  | 

f.  184''  Tituli  decretorü  pp  |  gregorii  iunioris  |  numero 
XVII  I   — 

f.  186''  Explicit  constituta  papae  |  gregorii  sub  anathemate  | 
interdictam.  Ij  f.  187  Hie  continet  prouinciae.  |  galllcauis  quae 
ciuitajtos  sunt  gallicani.  |  Prouincia  iugdunensis  Prima  |  Metro- 
polis ciuitas  lugdunensium.  |  — 

f.  188  (Prouinciae  nouepopulana  |  aquitaniae  .iii,  |) 
Ciuitas  Flusatium.  |  cajj  viii.  De  clericis  qui  s  in  ptocliicis  mo- 
nasteriis  |  atq.  mar  quae  sub  potestate  epi  unius|cuiusque 
ciuitatis  existunt.  |  — 

f.  189  In  canone  aplornm  cap.  xlviii.  |  De  laicum  pellentem 
suJi.  coniugera  |  In  uiceni  eoncilio  cap  .iii.  |  De  subintroductis 
mulieribus  |  &  cap  xx.  de  diaconissis.  |  — 

f.   191   In  decretum  syxti.  cap  .i.  |1 

LXXV.  menibr.  Grossoctav.  l'olioruin  183.  saec.  X.' 

f.   1  Incipiunt  ca|nones  aplorum  |  — 

f.  84''  Expl  africani  concilii  |  Incpt  epl  decretalis  papae  | 
siricii  siriciiis  liimerio  epo  |  — 

f.   180''  Incpt  I  constituta  papae  gregorii  |   - 

f.  183''  Explici""t  m.  al.  constitujta  papae  gregojrii  sub 
auatliemate  iuterdicta  |  Cafi  Africana,  cap  i.  |  Qui  eps  ordinan- 
dus  e  ante  examin^uV  |  —  id  e  liomo  &  ds.  unus  Hlius.  unus  xps.  !| 

Gregorii  Maoni  moralid. 

\V..  iiicnilir.  I'ol.  2  col.  folionini  20'2.  suoc.   X. 

1'.  1  -r-  lib(!r  iste  ecce  sce mariae  yporieii  |i  f.  1''  Incip 
üb  XVII  I  iiKiralia  grego|rii  papae  in  iuh  |  Quoties"^  in  sei  uii-i 
historia  p   n()|uuni   uolunien  eno'tare  misteriü  |  t^'pice  — 

1  Vgl.    MfiMSsen   1.    c-.   S.    :>79  —   -'  LXXVI    9.  !<tiiiiiiit    bis    ;iiif   Kiiizcllu'it.'u 
mit  Vercell.  i.xxiv 


Die  Hibliotlickon  Piemonts.  601 

i 

f.  292''  (lih.  xxxv)  si  cü  p  mo  uorl)ji  |  acei^pit  pro  nie 
lucrimas  reddit.  |  h>  der  anderen  leer  gehliehenen  Cnlnmne  in  der 
il//^te  Depositus  est  |  cnuintildus:  sei  .s?!c  menioriae  |  mediolaneii- 
sis:  eccle  pbr  |  tertio.  die.  mensis.  iunii  11 


Epitome  Moralium. 

LXV.  iTiPml«-.  Grossoctav.  loüin-um  i71.  saec.  X. 

f.  1  k '  repleuit  cum  sps  timoris  diii.  Incarnatus  unim 
!  diis  in  sem&ipso  orane  quod  nobis  inspirauit  ostendit.  — 

f.   12  rnentem  subleuat.  a  ueneratio|ne  liistoriae  nun  rece- 

(lat    Explicit  Itb    I    Incipit  lit)    ii  |  Veritatis    intelleg-entia.    cimi 

!  p  cordis  humilitatem  queritur  legendi  assiduitate  penetra|tur.  — 

f.  26  quia  nimirum  dicta  quae  discretionis  pondus  nun 
I  soli|dat.  aiira  leuitatis  portal.  |  Explicit  IH)  ii  Incipit  tib  in  | 
Beatus  iob  uim  nol)i.s  suae  humilitatis  innotescit  dicens.  super 
pupilluni   irruitis  &  subuertere  niti|mini  — 

f.  37''  in  augmto  |  suae  dainnationis  affligat.  Explicit  Ib 
.III.  incipit  Ib  im  ||  f.  3S  Quotiens  in  harcno  spectaculuni  ioi-tis 
at''leta  descende|rit  hi  qui  impares  uirtutibus  |  — 

f.  52''  de  cordis  simplicitate  laudauit.  |  Explicit  Hb  .im. 
incipit  lib  .v  |  Esse  hoc  peruersorum  proprium  sol&  quo  mala 
sua  p  conuicium  bonis  inge|rant.  — 

f.  78''  hoc  qd  uiuü  .  diligit  quäle  sit  mortu"m  pens&.  | 
Explicit  lib  .V.  Incipit  Hb  .vi.  |  Verbis  procedentibus  beatus 
iob  p  disertas  prudentie  arte  sententias  inVjui  j  — 

f.  99''  iuxta  solius  historin  textü  tenomnS;  |  Explicit  Hlicr 
VI  Incipit  liber  vii  |  InteUectus  sacri  eloquii.  inter  textum  * 
iiiisteriiim  tanta  est  libratione  pensandus.  |  — 

f.  114''  patijenter  grauis  innotescitui-.  |  Explicit  liber  vii. 
incipit  lib.  viii  |  Ipsa  humane  couditionis  qualitas  indicat.  (jiiam 
limge  rebus  ceteris  prostat.  |  — 

t.  loO''  suis  se  nocib;  danmatos  clamant.  |  Explicit  lili  viii. 
incipit  lib  viiii  |  Post  (hvm"''  i-ei'uni  post  funei-a  pigno%  post 
üulncra  cor])oris.  post  ueiba  |  male  suadentis  uxoris.  — 


'    1,    17   LXXV   h?A.   Drei    P,l;ftt..r   f.lilcii 


602  Reifferscheid. 

f.  151  sed  (d  eras.)  humiliter  subdat.  |  f.  151"  explicit  tib, 
villi  Incipit  iib  .X.  I  Beatus  iob  humanuni  genus  uirtutibus  trans- 
iens.  amicos  ioquendo  superauit.  |  — 

f.  171''  quasi  in  quodam  medio  constituto  &  erga  |  futura 
spes  &  erga  preterita  fides  ligat;  |  Expli.  liber.  x.  || 


Gregorii  Magni  recjula  pastoralis. 

I.  rnembr.  8.  foliorum  145.  saec.  VIII— IX. 

f.  2 '  Incipiunt  |  capitula  libri  |  regulae  pasto|ralis  grego|rii 
papae  |j  f.  2"  i  |  Ne  ueuire  inperi|ti  ad  magisteri|um  audeant  ]  — 

f.  3"  XXIII  Quanta  debeat  esse  diuersitas  |  in  arte  prae- 
dicationis  |  Expliciunt  ca|pitula  |  Incipit  liber  pas|toralis  gre- 
go|rii  papae  ||  f.  4  i  |  Pastora|lis"^  curae  nie  |  pondera  fugire  corr. 
dejlitiscendo  uoluisse  benigna  frater  karissime  |  atque  humil- 
lima^  intentione  repraehendis.  |  quae  ne  quibusdam  leuia  esse 
uideantur  |  — - 

f.  ÖO*"  (xxiii)  exhortatione  tangere  corda  audientiura  deb*'*  | 
Explicit  liber  primus  ||  f.  51  Incipiunt  capitula  de  libro  se- 
cundo  I  I  Aliter''  namque  uiri  aliter  ammonendi  |  sunt*^*  fae- 
niinae  |  — 

f.  52"  xxxviiii  Sed  quid  utilitatis  est  quod  cuncta  liaec 
collectae'^  |  numeratione  transcurrimus  Si  non  etiani  animo|ni- 
tionis  modus  per  singula  quanta  possumus  breuitajte  pandamus  | 
Expliciunt  capitula  libri  |  secundi  ||  f.  53  Incipit  liber  secundus  | 
Aliter  igitur  ani|monendi  sunt  |  uiri.  atque  aliter  fae|minae  quia 
illis  grauia^  istis  uero  sunt  j  iniungenda  leuiora  ut  illos  magna 
exercant  sie  istas  autem  leuia  |  demulcendo  conuertant  |  — 

f.  144"  (lxvi)  ut  quia  pondus  proprium  deprimit  tui  meriti 
manus  |  leu&''  ||  f.  145  Expl  liber  regulae  pas|toralis  gloria  in- 
diui|duae  trinitati  amen  |  Fulgis  astra  clarior  j  tuis  in  dictis 
magister  urbis  cunctae  |  presul  ahne  papa  gregorii  |  sie  secreta 

'  f.  1.  1''.  "2  mit  Oniiiineiiti'ii.  f.  1'^  Dcsidcrius  papa  uiuat  in  mannigfacher 
Buch.stabenvorsclilingung  mohrfach  wieder] lolt.  f.  2''  in  mg.  s.  xi:  hunc 
diem  multos  anno.'<  p&rone  diacone  d.s  conseru&  amen  —  2  LXXVII  13  — 
^  linmili  —  '  Scliln.ss  de.s  Prologs  der  tertia  pars  —  ^  Pars  iii  cap.  i  — 
"  admonendi  snnt  viri  atque  aliter  —  "^  collecta  —  ^  graAnora  —  "  nie  levet 


Die  Bibliotheken  Pioinoiits.  ßQ3 

) 

.  tibi  patuerunt  |  ciibicula  rogis  nee  prioiem  siinilem  ui|sus  es 
nee  liabere  sequentem  |  m.  t,-.  xi  Gaduraniinisag-  Cognoui 
diie  quia  || 


XXI.  memlir.  8.  foliorum  122.  saec.  X. 

f.  ]'■  Ineipit,  sermo  uenerabilis  uiri  |  auibrosii  medida  epi. 
qui  pasjtoralis  dicitur.  |  Si '  qiiis  fr  -  oraeuliim  )h.  r^/.  ■' reminiseat. 
quo  fruge  '  femukü  |  desemata  sibi  pecunia  quam  ad  praero- 
gatiuum  •>  |  susceperat  increpauit  dicens.  Tu  dedisses  pecunia  |  — 

f.  8  inspirasti.  ut  eis  una  mecuni  ti-il)uas  saeculorum '• 
regna  |  quae  scis  in  regna'  scloriim  dare  promisisti  \  ah.  ||  f.  H^ 
Ineipit  liber  beati  augustini  de  pastoribus  |  Spes"  tuta  nfa  quia 
in  xpo  &  quia  oninis  uera  &  salu|bris  gloria  ura  ipse  est.  iicm 
nunc  discit'"  Caritas  ura.  |  est"  enim  in  eins  grege  qui  inteii- 
dit  &  pascit  isrJ.  sed  qni  |  — 

f.  2G''  imperatores  catholici  qui  uus  cogunt  ad  unitatem,-| 
Ineipit  decritura  ad  clerü  in  basilica  beati  petri  apli ;  |  Re- 
gnante  1-  in  pp&uu  diiu  do'^  uro  itiu  xjx)  temporib;  piissimi  ac 
se|renissinu  domni  niauritii  tiberii  &  theodosii  augustorum  |  — 
Gregorius  papa  —  dixit.  In  seit  ac  "  romana  eccia  cui  diuina 
dispensatione  '"'  praeee  me  uoluit  |  — 

f.  28  subire  "'  app&it  seruitutem.  |  Explieit  decretum  gre- 
gorii  papae  dogratias:  |  Suscriptio  episeoporü.  |  Gregorius  gratia 
di  eps  bis  decretis  suscripsi.  |  Marianus  eps  eiuitatis  raucnnae.  |  — 

f.  2M'^  Fortunatus  pb '"  tituli  i''  scorü  quattuor  eoronato^ '■' | 
Expliciunt  omeliae.  |  Ineip  indi|cuhim  li|brorum  (»iii|iiiiiiii  sri 
augus|tini  episcopi  ecciae  |  catholi  hip|ponien|siuin  re|giorum  | 
Contra  paganos  |  de  academicis  libr  .111.  |  de  ordiiie  Wh  .11.  |  de 
animae  iinmortalita|te.  lib  .1.  de  utilitate  ere|(U;ndi.  üb  .1.  |  de 
uera  religione.   lib  .1.  |  questio  utrum  anima  a  sc  || 

f.  29-^'  über  der  Zeile  Sabiianus  landericuin  ut  niagistru  j 
Ineipiunt  capitula  |  libri  regulae  pastorli  |  gregorii  [tapae.  |  .1.  Ne 
uenire  inperiti  ad  magisteriuin   audeant.  |  — 


'  XVII  ."iG?  (de  dignit.'vto  s.npordotali)  —  -  frjitrcs  —  3  oracnlnm  —  ■*  do- 
iiiiuns  friigi  —  •"'  ])r;u'roo-andiun  —  '■  c-icldnini  —  '  fine  —  ^  jicrpetii;!,  add. 
—  9  sermo  4G  XXXVIII  270  —  I"  |,iiiiimii  didicit  "  pstis  -  i^  LXXVII 
1''i-^+  —  '■*  ovi.  —  "  am.  —  '"■  disjK'Hsatio  -  "'  om.  -  '"  om.  —  '^  om. 
'■'  1.  c.   lSo9  —  -"  Von  liier  an  eine  etwas  spätere   liaiid  , 

Sitzb.  d.  pLil.-hi,st.  Cl.  LXVlll.  Bd.  Hl.  litt.  3'J 


604  Keiffersi-liPid. 

f.  29''  XXIII.  Quanta  debeat  ee  diuersitas  in  arte  praedi- 
cationis.  Expli  capi.  incip  über  |  pastoral,  gregorii  papae  |  Pa- 
storalis '  — 

f.  12  P  (lxvi)  Ut  qiiia  pondus  |  proprium  deprimit  tui 
meriti  manus  leii&  |  Expli  Hb  regulae  pastora  |  gloria  indiuiduae 
trinitati  |  am  ||  f.  122  Disciplinarvorschriften  ||  f.  122''  m.  s. 
XI — XII  Bischöfliches  Ausschreiben  einer  Synode,  loorin  es  heisst 
haec  autem  epistola  more  solito  de  loco  ad  locum  dirigatur 
scilicet  de  cupiano  ad  suave  et  cetera  hiis  similia 


HiERONTMUS  in  duodecim  minores  prophetas. 

XCVII.  membr.  Grossquart.  2  col.  foliorum  270.  saec.  X. 

f.  1  Incipit  beati  hieronimi  j  pbri  tractatus  in  osee  |  pro- 
pheta  I  Si-  in  explanationib;  omnium  |  prophetarum  sei  sps  | 
indigemus  aduentu  j  — 

f.  2  ponentes.  ea  quae  scripta  sunt  disseramus.  |  Finit 
praefatio.  ||  f.  2''  Uerbum  dni  qd  factum  est  ad  oseae  iilium  | 
beeri.  lxx  similiter  |  Verbum  dni  qd  in  principio  erat  apud 
diii  I  — 

f.  18  cleri  eorum  ii  proderunt  eis.  |  Finit  liber  primus  | 
Incipit  secundus  ad  pammacliium  ||  f.  18''  Qui  saepe  nauigat 
aliquando  patitur  |  —  sed  operum  merito  |  iudicabitur.  |  Clangite 
bucina  in  gabaa  tuba  in  rama.  ulu|late   — 

f.  36  qui  habueruut  conso|latione]n  lugeant.  |  Finit  lib  .n. 
Incij5.  lib.  iii.  |  Non  ignoro  pammachi.  diffieillimum  |  —  ad 
portus  tutissiuios  |  pferamus.  |  Vaccas  bethaben-'  coluerunt  ha- 
bitatores  |  — 

f.  52''  resurrectionem  multoruin  |  in  isrl.  |  Explanationimi 
in  (isoae  Finit  lib  .in.  |  In  lohel  proplia,  ine  lib  .i.  |  Non  idem 
urdu  est  duodecim  propbetaruni  |  apud  lxx  interptes  — 

f.  53  consideres  |  sed  iiuluntatem.  |  Verbum  dni  qiiod 
factum  e  ad  ioliel  filiuni  (  phatuel  (h  eras.) '.  |  lxx  interptes  pro 
hpatuel  (h  eras.)  ^  — 


'    1.    f.    115.    Stiinint  |VÖlliii'    mit   der   viirliergeherulcn    Hnndselint't  —    -    XXV 
815  —   ^  bethaven  —  ^  Pli.itiifl 


Die  Hililiotlickcn  riciiniiits.  605 

f.  ()U  omiiia  tubeniuciiLi  iucub.  |  Finil  (ixplaiuitiuiuiin  in  | 
idlic'l  proplieta  nd  paina|chiuin  über  .i.  |  Incipit  ad  oundein  in 
aujos  I  proptia  lil)cr  pn'mus  |  Arnos  proph&a  qui  sequitur  ioliele. 
&  I  est  tertius  — 

f".  70  in  sing-ulis  disseram  '.  |  Et  dixit.  dns  de  siou  rug-i& 
&  de  ienisale  |  — 

f.  82^"  ad  mag'|nitudineiu  fVio-oris  repollendani.  j  Finit  in 
aiuos  libcr  ■.!.  |  Incipit  liber  .11.  |  Legi  in  quadain  eontrouersia 
inbeeillitas  |  corporis  animae  quoq.  uires  secü  traliit.  |  — 

f.  So  possim  discernere  ■-.  |  Audito  uerbuin  lioc  uaccae 
])ingues  quae  cstis  |  — 

t".  !)()''  in  fine  liuius  quod  exposuim.  |  Finit  in  amos  liber 
.11.  j  Incipit  in  eodem  lib  .111.  |  Praepostero  ordine  at(j.  confusu 
duodecim  |  — 

f.  97  sinipliciter  quaeritur  |  ueritatis.  |  Transite  in  clialanne '' 
&  uidete.  &  inde  ite  in  eiuatli  |  — 

i".  111'*  cnins  promissi(j  lex  naturo  e.  j  Finit  in  amos  lib 
.ni.  I  ad  pamniachinni.  |  Incipit  ad  eundem  in  abdia  |  proplieta. 
lib  .1.  I  Dum'  essem  paruulus  ut  paruulus  loquebar  |  — 

t".  112  spcnli  recur|sos  •''  guri>ites  transfretare.  |  Visio  ab- 
diae.  |  Hunc  esse  aiunt''  hebrei.  qui  sub  reg-e  samai'ie  i  achab 
et  impiissima  hiezabel  pauit  |  — 

1.  1 18''  possidebit  ciuitates  austri  id  est  eclas  ueri  |  &  pfecti 
luminis.  dicetq.  cum  sponsa  penitens'^  ||  f.  119  Trienniuni  "^  cir- 
eitei'  fluxit.  postqua  |  quinq.   proph&as  — 

f.  119''  xps  di  filius  soluitur.  |  Et  factum  est  uc;rbuiii  dni 
ad  iona  Hlium  |  — 

f.  131''  insipientib.  &  assimilantur  eis.  |  Finit  in  ionam 
proplieta  |  ad  cLromatifl  epfn.  aquile|iensem. ''  |  Incip  prol  in 
niicheam.  p.  |  Teraporib.  '*'  ionathae  acliiae  ((j  in  z  Jti.  al.)  oze- 
chiae  regü  |  iuda  micheii  — 

f.  182''  miseriam  uenire  desiderat.  AI  p  |  Miclieas  "  in  cpiem 
nunc  coramentarios  dictajre  cupio.  —  a  parentib.  iujponuntur.  || 
f.  133  über  der  Seife  ad  paiüam  &  eustocliium '-  |  Verbum 
igitur  <lni  (juod  factum   est  ad  niichea.  |  morastithen  '•'.  — 


'  edisseram  —  ~  disserorc  —  ^  Cliul;inc  —  '  Cniu  —  ■'  rccnrvus  -  f'  aiunt 
esse  —  '  1.  c.  111('>  c.  Kill  Blatt,  t'elilt  —  "^  (!<>mniciitari<iniiii  in  lonaiu 
pröphetain  prulogus  1.  c.  1117  —  '•'  om.  —  '"  o»».  —  "  1.  c.  Hol  -  '-  om. 
—    '3  Mnrastliiton 

39* 


GOG  Keif  ferse  lieid. 

f.  147  sed  argu&  condemnatos.  |  Explicit  Hb  .i.  in  micheii 
pr  I  ad  paulain  et  eustochium  '  j  Ine  lib  .11.  ad  easdem  [  Semp 
inuidis  respondemus.  quia  11  eessat  |  inuidia  &  librorum  nrtirum 
exordia  —  ydi'f'  capita  ropa|lo-  contundere  prophetali.  |  Et 
*"tuiTis  gregis  nebulosa  filiae  •'  sion  usq.  ad  te  |  — 

f.  1G2^  aegyptias  |  extruat  ciuitates.  |  Finit  in  mieheä  pro- 
pra I  Ine  in  naum  propbetam.  |  ad  paulam  et  eustoehiuni  ^.  j  luxta 
Lxx  interpretes.  in  ordinatione''  duo|decim  — 

f.  163  argentum.  |  Uleiscens  dns  &  habens  lurorem.  ul- 
eiseens  |  — 

f.  178  irruit  quidem  sed  ingredi  non  potest.  |  Fiuit  in 
naum  prophetam.  |  eusebii  hieronimi  pbri.  |  lucipit  eiusdem  in 
abba|euc  prophetam.  lib  .1.  ||  f.  178^  Priraum  chromati  episco- 
porü  doctissime.  |  scire  nos  conuenit  — 

f.  179  quae  uentu|ra  cognoscit.  |  Usque  quo  diie  clamabo 
et  n  exaudies.  uocife|i'abor  — 

t".  191  sponte  mea  rursü  adsumo  eara.  |  Finit  lib  .1.  Ineij5. 
Hb  .11.  I  Alterum  mi  chromati  papa  uenerabilis  in  |  abacuc  — 
numero  disseramus.  |  Oratio  abacuc  prophetae  pro  ignorantib. "  | 
LXX.  Oratio  ambacum^  prophetae  cü  cantico.  |  Aquila  &  syui- 
machus  &  quinta  editio.  sicut  |  nos  pro  ignorationib.  (ratio  in  ras.) 
transtulerunt  solus  |  theodotio.  rnepeoNeKÖiciACHON  ^  |  — ■ 

f.  202  cantores  ceteros  meo  carmine  superabo.  ||  f.  202'' 
Eusebii  Hieronimi  in  abacuc  |  propheta  trac  ad  cromatiii  |  epiii 
expl.  lib  .11.  I  Incip  pr.  eiusdem  in  Sophoh.  pro  |  Tradunt"  hebrei 
cuiuscumq.  J)phe  |  pater  —  lectionis  denuntiauit.  |  Verbum  dni 
quod  factum  e  ad  sophonia  filium  |  chusi.  filii  godoliae  — 

1".  20G''  psens  extremum  capitulü.  "*  |  Finit  sophouiae  tract.  | 
Frologus  in  aggeum,  prof.  |  Hieremias ' '  propha  ob  causam  p- 
iurii  sedeciae  |  — 

f.  207  exte|rarum  signiticant.  Finit  praef'atio.  |  Incipit  trac.  in 
aggeu  pru})hä  |  In  anno  secundo  darii  lilii '-  histaspis '"-  regis  |  — 

f.  210  quasi  auulo  consign&ur  '■'.  |  Fiuit  in  aggeum  propham  | 
Incipit  praef  in  zacharia.  p.  |  Secundo'^  aniu)  darii  regis  nic- 
dorü.  aggeü  |  — 

'  o/ti.   —    -    poTcaXto   —    3  filia   —    ''    oon.  —   ^   ordine  —  *'  ignor.itlonibns  — 
"  Abacuc  —   S  U7:£p   twv   r/.ouaiaa[jLwv  —  s?  Bei  Vallarsi  ein  anderer  Prolog 
—    '"   Stimmt  nicht     -     "V   Wie   oben   —    ■'-   011 .   —    "   Stinmit    iiii-lif    - 
»?  Wie  oben 


Pie  liililiotliekeii  Pieniimts.  HOT 

f.  210"  prophetae  e  reuehita.  |  Ad  exupcriü  tolosanu  ojTin  | 
ex])lan.  in  zaeharia  proplia  |  (iuscidi  liicroiiinii  lih  .111.  |  Vltimo 
iaiii  aiituiuui  tempore  fr  nr  fi|liiis  tiiiis  sisinnius  inonachus.  tuae 
mihi  I  (lia'nationis  — 

f.  211  iiiterptationis  ucla  pandamiis.  j  In  iiiense  octaiio 
in   anno  scdo  darii.  factu  est  |  — 

f.  224  tradita  gloriatus  sit.  |  Exj)licit  in  /aeharia  p  lib 
.1  I  Incipit  in  eodeni  lil)  .11.  |  AI)  obscui-is  ad  (iKsciira'  transinius. 
&  cnni  I  — 

f.  224''  aquis  |  rigentur  arua  scientias  (vi.  al.  corr.  sicien- 
[  tia)  I  Et  factnni  est  nerbnm  dni  ad  nie  dicens.  |  Sunie  a  trans- 
migrationc  abboldai-  &  a  tobia  |  &  ab  idaia.  — 

f.  241"  i-  translatus  est.  |  Explanationuni  in  /.aeliaria  pr  | 
j  finit  über  sccundus.  ine  tcrtius.  |  Vrg&  me  frater  sisinnlus  •'  in- 
I  compta  &  im|polita  — 

f.  242  uerboriun  rabie  consolentur.  |  Aperi  libane  portas 
'  tuas.  &  ignis  comedat-*  ce|di"os  tuas.  — 

f.  257  de  domo  dni^  asseiunt  auferenduin.  |  Exp]  in  za- 
charia.  propli  |  ineip  profe  nialachiae.  |  Ds''  p  moysen  popnlo 
ilil  praeceperat.  sacer|dotes  —  coluerint.  signitieant.  |  Explana- 
tioniira.  in  malaehi  |  propli  ad  minerniuni  et  ale|xandruni.  Lil)er 
.1.  I  Ultimum  diiodecini  proph&aiu  imdachi  |  interptai'i  nohmnis. 
cuiiis  nom  lxx  |  — 

f.  257"  puneta  dicenda  sunt.  |  Onus  n(;rbi  dni  ad  ilil.  in 
manu  malaehi.  |  — 

f.  270"  helias  quidem  ueniet.  k  si  |  ereditis  iam  uenit.  in 
helia  iohanne  intellegens  j  Finit  in  malaehia  prophetani.  |  'Peo- 
deratus  peccator  incoauit  I  et  perfecit  inl.  SS  -9)-"  ||  ' 

'  obscTirif)ra  —  -'   ab    Holdai  —   ^   Sisinins  —  ^  cnmpflat    ignis  —   •""   Dei  — 
^  ?  —   "in  laiidem  sanctissimao  Mariac 


608  Reiffeischeid. 


5.   Die  Bibliothek  des  Domcapitels  in  Novara. 

Über  die  Dombibliothek  von  Novara  vgl.  Andres  in  der 
oben  angeführten  Schrift. 

Augustinus  de  genesi  ad  littertcni. 

LXXXIII.  49.  membr.  4.  foHonim  l-l.^.  saec.  X. 

f.  1  Axireli  Augnstini  epi  de  genesi  libri  duodecim.  '  |  Dmnis- 
diuina  scriptura  bipertita  est,  scdm  j  id  quod  dS  signiücat^ 
dicens  eribä  '  eruditü  j  — 

f.  10  non  inutile  est  eruisse  sententiam.  |  Explicit.  Hb 
priraus  Incipit  liber  secundiis  j  Et  dixit  ds;  fiat  lirmamentum 
in  medio  aquarum.   — 

f.  20*^  (xiii  •'')  nunc  ad  librum  operis  nri  iam  tertium 
transeamus  ||  f.  21  Explicit  lib  .11.  Incipit  liber  tertius  |  Et  dixit 
ds;  educant  aque  reptilia  animarum  uiuarum.  — 

f.  26^  quoque  minima  instituta  credamus.  an  postea  con- 
sequentib;  corruptibilium ''  f.  27  datamq;  ^  illi  potestatem  uel 
dominandi  uel  edendi.  subintulit  de  om|nibus;  — 

f.  27"  quae  secuntur  in  sequaenti  uolmninae  ptractemus  | 
Explicit  lib  in  Incipit  lib  quartus.  ||  f.  28  Et  consummata  sunt 
caelum  et  terra.  &  oms  ornatus  eorum ;  — 

f.  41''  (xxvi '')  ipso  requiescere  nullo  eorü  egente  quo  sit 
beatior.  Explc  lib  im.  !  Incip  lib  quiutus  |  hie  e.  liber  crcaturae 
caeli  et  terrae  ^  cum  factus  est  dies.  — 


'  Capitclzahlcn  und  Indices  in  W17.  —  -  XXXIV  245  —  ^  sigrnificavit  — 
4  scribam  —  '■>  xviii  —  6  3,  23  1.  c.  288  —  ^  3,  3ß  1.  c.  295.  Vier 
Blätter  fehlen         ^  xxxv 


Die  Bibliotheken  Piemoiits.  f)09 

f.  52''  (xxviii  '  conparatio  sicut  i  se|mine  arboris  semen  | 
in  ipso  g-rano  fuerunt  |  ea  &  in  ipso  mundo  po|tcntialit  &  cau- 
salit  I  fuerant  omia  que  *  |  tepora  exorta  sunt'-^;  |)  ea  quae  se- 
cuntur  ab  alio  consideremus  exordio ;  |  Expl.  lib.  v;  Tncipit  Hb 
vi;  I  Et  linxit  ds  honiinem  piüuereni  de  terra  et  insuf'flauit  in 
faciem  eins  j  — 

f.  63  (xxxiii  ■')  si  "conatuni  nieuni  diis  adiuucrit  sequcnti 
uoliimine  cxplicarc  ciirabo  |  Explc  lib  vi.  Incip  lib  vii.  |  Et 
tin''xit  deus  hominem  puluereni  de  terra  et  flauit  — 

f.  72''  (xxxiiii  ^)  a  quo  anibo  discamus  raecii  ;  requirat;  Ex- 
plicit  Hb  vii  Incipit  lib  viii;  |  Et  plantauit  ds  paradisuni  in 
e^den  ad  orieutem.      - 

f.  8(5  (xviiii  ■"')  ex  uiri  sui  latere  ereata  in  consequenti 
sperandum  est  ]  Explicit  Hb  octauus  Incipit  liber  nonus.  j  Et 
dixit    dns    ds  non  bonum    est    ee  hominem    solum    faciamus  — 

f.  96  ut  ea  quae  secuntur  ab  alio  exordio  renouent  |  in- 
tentionem  leg-entium  Explicit  libei'  viiii  Incipit  lib  decimus  | 
lam  quidem  ordo  ipse  uidetur  exposcere  ut  de  peccato  primi 
hominis  — 

f.  lO'S''  (xxxvini'')  concludatur  ut  que  secuntur  deinde  ui- 
deamus;  Explicit  liber  decimus  Incipit  liber  undecimus:  |  Et 
erant  nudi '  adam  et  muH  er  eins  et  h^  pudebat  illos  Serpens 
autem  |  — 

t".  110'^  tiam''.  Quid  ergo  mirü  si  suo  iustinctu  diabohis 
iam  implens  —  f.  1 10^'  uideant  uniuersmn  i>-enus  |  humanuni  | 
diaboli  i" 

f.  124  (XLiiii'i)  etsi  a  paucis  haec  intellegerentur  sicut 
oporteret;  |  Explicit  liber  xi.mus.  Incipit  liber  duodeciinus.  | 
Ab  exordio  scripturae  scae  quae  inscribitur  genesis  donec  liomo 
primus  de  parajdiso   — 

f.  145''  adiuuante  spvi  sco  aliquid  ei  '-  ista  lectione  ,pficiet. 
sed  iam  uniuersum  hoc  opus  |  quod  duodecim  uoluminib;  con- 
tinetur.  isto  tandem  fine  concludimus.  |  Explicit  liber  do  gratias 
amen ;  |  m.  cd.  aequali  legenti  Salus  scribeuti  pax.  || 


»  XXIII  —  2  die  Capitula  andere  als  bei  Mai  PNB  i  2,  123.  Die  Zahlen 
stimmen  überein  —  ^  xxix  —  »  xxviii  —  '"  xxvii  —  •"'  xxvi  —  '^  nudi 
ambo  —  ^  f.  110.  110»  m.  s.  xi  ergänzt  —  '•*  11,  4  1.  c.  431  —  '»  H, 
8  1.  c.  432  —   11  xLii  —   12  ex 


610  Beifferscheid. 

Augustinus  in  lohannis  evavgelhcm. 

XLVI.  öS.  incmbr.  fol.  ü  col.  foliorum  2(i7.  saec.  X.  • 

f.  1"  Incipit  sei  augustin///  \  euangelio  secimduni  |  iohan- 
nem.  incifj  capit  |  ab  eo  (juod  scriptum  e.  iu  principio  |  — 
VI  De  eadem  rem  |  vii  ab  eo  quod  scriptum  e.  &  ego  uidi  et  testi] 
moniü  phibui  quia  hie  e  tilius  di   — 

f.  2  Liii  Ab  eo  quod  ait  ihs  qui  credit  in  me  non  crejdit 
in  me  sed  in  cum  qui  misit  mo.  |  liiii  Incipit  sermones  sei 
augustini  epi  a  cena  |  dni  usq:  in  Hne  sermones  euangeliü  |  se- 
cundü  iohanne  |  — 

f.  2''  cxx  De  eo  quidem  et  haec  cum  dixisset  |  dicit '  eis 
sequere  me  usq:  in  finem  ||  f.  8  Intuentes^  quomodo  ^  audiui- 
mus  j  ex  lectione  aplica  quod  animalif^  |  homo  non  percipit 
ea  quae  sunt  sps  di.  et  cogitantes  '  in  hac  pre|senti  turba  cari- 
ritatis  urae  haec  |  esse  est  ■'  ut  multi  sint  animales  |  quia  hunc  "^ 
secundu  carnem  sapiant  |  nondum  quae  possunt "  ad  spirital  | 
intellectum  erigere  haestito  '^  ]  uehementer  quomodo  ut  diis  |  de- 
derit  possim  dicere  uel  pro  |  modubj  meo  explicare  quod  |  lectum 
est  ex  euang  |  In  principio  erat  uerbum.  &  uerbum  erat  |  — 

f.  6*'  et  dictum  e.  beati  mundo  corde  qm  |  ipsi  dm  uide- 
bunt.  I  Explicit  sermo  primus  |  Incipit  eiusdera  secund  |  ii  De 
eo  quod  scriptum  e  fuit  bomo  mis|sus  a  do  cui  nomen  erat 
iohannes  '■'  usque  |  ad  id  quod  ait  plenum  gratia  et  ueritate.  '"  | 
Bonum  e  frs  kmi  '  •  ut  textü  diuinai'vi  |  scripturarü  et  ma- 
xime  sei  euan|gelii  in  iUum  '^  locum  ptermittentes  |  — 

f.   10  p  quod  possitis  mare  |  transire.  Omelia  in.  |  — 

f.  185"  (liv)  ut  puenire  |  possim us;  |  Incipiunt  sermones 
sei  I  augustini  epi  a  cena  dni.  usque  |  ad  finem  sermones  euan- 
gelii  I  secundum  iohannem.  |  Caena  '^  dni  secundum  iobannem 
adiubau|te  corr.  m.  al.  ipso  debitis  e  explicanda  tractatibus.  |  — 

f.  263*^  ut  pro  omjnib:  pateretur  oues  corr.  vi.  (d.  est  factus 
cxx  I  De  eo  quod  dicit  &  hoc  cum  "  dixisset  |  dicit  ei  sequere 
me  '■''  usque  in  finem  "'  {in  mg.  m.  posf.  In  natl  |  sei  iohis  |  apli  |) 

1  Diese  Handschrift,  deren  Beschreibung  durch  ein  Versehen  hieher  gerathen 
ist,  befindet  sicli  in  Vercelli  —  2  XXXV  i:i7'.>  —  Intuens  —  3  quod 
modo  —  4  cogJtuns  —  &  necesse  esse  —  ''  adhuc  —  ''  se  possint  — 
s  haesito  —  ^  Joannes  etc.  —  '"  gratiae  et  veritatis  —  "  oin.  —  '^  nul- 
luni —  '5  Tractatus  lv  —  '^  cum  hoc  —  '^  nie  etc.  -  "^  finem  evan- 
gelii.    Tract.  cxxiv 


Die  Bibliothokeu  Piemonts.  '  (J]  ] 

Non    parua    quaestio    c.    cur    apostolo    pctro  |  qilando    se  tertio 
manifestauit  discipulis  |  — 

f.  2(i7  nisi  euang-elista  tcni)inaii|te  cuang-elium  suum  etiam 
i])so  c(Mipol|lci'cr  lucum  tenuinare  sermonem ;  ||  f.  2()7''  Terrea 
iuiii)iintiir  superis  —  Vt  dignus  faciat  ^^^^^  &  satiat  |  Conpo- 
suit  stiellos  rij)randus  e\)H  istos  || 


AuGUSTiNi    qtinestiones  et  locntioiies  tu  heptateuclmm. 

LXXXII.  -IS.   iiieiiiltr.   1.   folioi-urn   1  IS.  sanr.  X. 

f.  1  Ex  libro  i-ctractatioiiü  sei  au^'ustini  sp,cun|do  titulo 
Lxxx  '  I  Septe  libros  diiiinarü  scripturarü  itl  (!st  inoysi  quinq. 
et  uno   iTiii  naue  &  altcro  iu|dicü  — 

f.  T'  cum  scrip|turas  scas  quo  appellantur  canonic*;.  |  Cum -^ 
scripturas  scas  que  appcllautur  canonicao  leg-endo  k  cü  aliis 
codicib;  |  — 

f.  25''  p  quem  factum  est  ut  ingredcret.  Explicite  suut 
questiones  gelnesis  incipiunt  quaestioiies  exodi  i.  ■'  |  De  obset]-i- 
cum  '  mciulacio  quo  fefellerunt  pliaraonem  ne  occidorent  mas- 
culos  I  — 

f.  r)o''  nubes  |  p  diem  flamma  p  noctem ;  •'  Explicit  ques- 
tiones exodi.  I  Incipit  locutiones  de  genesi.  |  Locutiones '*  scrip- 
turarum  (piae  uiderit  secunduui  ^>prietates  quae  &  '  idiomata  | 
greee  uocant  lingue  hebreicae  ul  grece  .i.  |  Et  diuidant^^  inter 
medium  — 

f.  nO''  (ccvi.)  solct  1  hoc  facere  scriptura.  Explicit.  Expli- 
cite sunt  lo|cutiones  genesis.  Incipiunt  locutiones  exodi.  ■"  |  Quid'' 
est  quod  dictum  est  de  obsetricib;  |  — 

f.  66''  (cxLvi.)  similiter  ut  |  dictum  est  et '"  fiiiis  isrl.  Ex- 
lilicit  locutiones  exdi  sie  feliciter  |  Incipit  locutiones  libri  leuitici ;  | 
.1.  De  leproso  i'  cum  loquer&ur  ait  "^  immundus.  Immundus  uo- 
cabit  quasi  non  satis  esset  semel  1  dicere  inmundus  — 


■-',  54.  ö.T  —  2  Aug.  quaestionuni  in  lieptatcucliuin  lilier  i  XXXIV  547  — 
^  Quaestionum  liber  ii  —  '  obstetriciun  —  ^1.  e.  657.  Qiiaest.  olxxvu 
'de  tabernaculo'  fehlt  in  der  Handschrift  —  ^  Loeutionum  in  heptateuchuni 
über  I  1.  c.  485  —  ^  ovi.  —  s  Lncntioniiin  über  n  —  ^  Et  invalescebant 
vaide  valde.  Quid  —  i"  de  —  •'  Loeutionum  lib.  ii  med,  1.  c.  519  — 
'2  ait  et 


612  *  Reifferscheid. 

1".  67''  septiens  pro  |  omni  numero  accipiendum  est.  Ex- 
plicit  locutioues  libri  leuitici.  |  Incipit  qiiestiones  leuitici.  j  .t. 
Peccauerit '  &  audierit  uocem  iurationis  et  ipse  testis  fuerit 
aut  uiderit  aut  conscius  |  — 

f.  87"  ut  &  leuissima  |  quaeque  formident  '^.  Explicit  ques- 
tiones  libri  leuitici  |  Incipit  locutiones  numerorum  •^;  i.  et 
uobiscü  I  erunt  unusqiiisque  secundum  caput  unius|cuiusque 
principum,  |  ii.  Filiis  simeon  — 

f.  Ol"  (cxxiii)  in  lingua  I  latina  quam  in  greca;  Explicit 
locutiones  nume|rorum.  Incipi  sie  questiones  ^  j  Quid  est  quod  sin- 
gulos  de  singulis  ■'  eligi  iubet  principes  eosquae  appellat  |  chi- 
liarcos  •>  — 

f.  105"  ^ppterea  de  illis  ciuitatib. '^  ]  deuteronomii  "^  |  i.  Vsq. 
ad  fluin  magnü.  flumen  eufraten  — 

f.  108  Lxxv  Letamini  coli  simul  cu  eo  &  adorent  —  non 
facele  sie  in  scripturis  scis  r  inuenit.  ]  Explicit  loquutiones  deute- 
ronomii.  |  Incipit  questiones  eiusdem.  libri. ''  |  i.  In  eo  quod  co- 
memorat  moyses  dixisse  se  populo.  — 

f.  121  (lvii)  de  diio  intellegit  |  liguratum.  |  Finiunt  quae- 
stiones.  de  deuteronomio.  |  Inc.  locutiones.  de  iesu  naue  '".  j 
1.  Vos  aut  transibitis  expeditiores  — 

f.  122"  (xxxi)  qua  crebro  intcurruut.  |  Explicit.  loquutiones. 
de  iesu  naue.  |  Incip.  quaestiones  eiusdem  libri  ".  i  i  Diisdicitad 
ihiTi  naue  &  sicut  eram  cu  moyse  ita  ero  &  tecum.  non  solü  |  — 

f.  130"  sed  oiiis  derelinq:|runt  ^'^  non  illis  imputetur.  |  Expl. 
quaestiones  de  libro.  iü.  naue.  |  Incp.  locutiones  de  libro.  iudi- 
cum.  I  I.  Et '-^  factü  e  qua."  postqua  defunt'ius '•''  e.  ibs  intro- 
gabant  — 

f.  132"  (lxhi)  colünas  super  quas  !  domus.  coniirmata  e. 
super  eas.  |  Explc.  loquutiones.  iudicum.  |  Inc.  quaestiones  eius- 
dem libri  '".  I  1.  In  finem  '^  libri  ihü  naue  breuiter  narrator  por- 
rexit  istoriam  — 


'  Locutionum  lih.  n  gleich  im  Anfang  1.  c.  516.  Si  autem  anima  peccaverit 

—  2  Schluss  von  qnaestiomim  lih.  iii  1.  c.  716  —  ^  Locutionum  lib.  iv 
1.  c.  521  —  *  Qnaest.  lib.  iv  1.  c.  717  —  ■'  singulis  tribuhus  —  '^  y.Xiäp- 
yoy;  —  "  pulsns  Sit  add.  —  ^  Locut.  lib.  v  1.  c.  5.S1  —  "  Quaest.  lib.  v 
1.  c.  747  —  1"  Locut.  lib.  vi  1.  c.  537  —  n  Quaest.  lib.  vi  1.  c.  775  — 
'2  me  dereliquerunt  —   '^  Locut.  lib.  vii  1  c.  541   —   »  om.  —   ^^  dcfunctus 

—  16  Quaest.  lib.  vii  1.  c.  791    —    '''  fine 


Die  Bibliotheken  Piemonts.  613 


f.  148"  (i-vii)  nisi  audiendo.  intelleg-cndo. '  discant.  Amen.  | 
Expl.  quaestiones.  iudicura.  do  s^ratias  |  Lege  feliciter  et  ora 
pro  me"^.  || 

CoNCiLiORUM  acta. 

XXX.  66.  membr.  fol.  t'oliorum  290.  saec.  X— XI.'  _ 

f.  1''  Ordo  hebraicaf  littcraf  cu  intptationib.  et  intellectu 
ear:  secundü.  ieron.  |  Doctrina  Alepli  |  —  sio-na  Tau  |  Voca- 
t'one  epi  littis  debe  fieri.  |  Ca]5  .xviiii.  con.  cartag.  —  xi.  Da- 
masi  pp  II  f.  2  Beatissirao.  siluestro  in  urbe  roma  apostolice 
sedis  antestite  |  constantino.  aiig.  &  licinio  caesare.  consolatu 
paulini.  &  iuliani  uucc.  anno  |  ab  alexandro  millesimo  tricesinio 
sexto.    msc  iunio.  xiii  kl  iul.  Propt  insurgentcs  |  — 

f.  2*"  in  exilio  se  j)testat  I  uicturiim.  P^pistola  aureli.  et 
mizoni.  ad  epos  numidiae.  et  mauritanie  j  Dilcctissimis  fratrib. 
&  coepis  diuersarü  prouinciaru  niiniidie  mauretaniae  utrijusq. 
tripolis  &  prouincia  consolaris  Aurelius  mizonius.  &  ceteri.  epi ; 
ecclesiastice  uti|litatis  causa  — 

f.  3**  praecamur  ut  recte  accipi&  |  uiuendo  illi  placeant.  || 
f.  4  Haec  ista  continent  |  i.  Canones  aplorü  tituli.  l  —  xliih. 
Epla  zosinii  pape  esicio  epo  j  solitano  salutem  |  Hie  tencntur 
prouintiae  gallica  |  neq:  ciuitate  s  gallicaui  metropolis.  |  Pro- 
uintia  lugdonensis  prima.  |  M&ropolis  ciuitas   lugduuensium  |  — 

f.  4''  (Proü  noue  populano  cquitanie  .in.)  Ciü  elusatiü  || 
f.  5'  Incipit  gregorii  epi  de  lide  nicena  fides  I  conscripta  aput 
niceam  a  recte  credentib.-|  epis  cccxyiii.  |  Credimus  —  aposto- 
lica  aeccla.  Amen  dÖ.  |  Amore  catholicae  fidei  inductus  iam 
pridem  aduersus  arrianos  libellü  \  cdideram.  — 

f.  10''  ds  dicatur  j)pt  diu.  |  et  Homo  ,ppt  hominem.  Con- 
fessio  tidaei  catholicae  qua  |  papa  damasus  misit  ad  paulinu 
antiochaenum  epm,  j  Post  concilium  nicaenum  in  concilio  quod 
in  urbe  roma  postea  congrega|tum  e  a  catholicis  epis.  addidc- 
runt  de  spii  sco.  quia  postea  hie  error  inoleuit.  |  ut  quidain 
ore  sacrilego  auderent  dicere  spm  scili  factum,  ee.  p  filimn.  | 
Anathematizaraus  cos   — 


'  vel  legendo  —  -  Die  eigenthümliche  Verbindung  der  Quaestiones  mit  den 
Loentiones  blos  in  dieser  Handschrift  V  —  ^  Vgl.  Maassen  1.  c.  S.  '^^1 
sqq.  —  ''  Vorher  ein  Blatt  ausgeschnitten,  das  erste  des  ersten  (uummcrirten) 
Quaternio 


(314:  Kei  ffers  ch  eid. 

f.  1 1  liaec  sine  |  dubio  credauius.  |  Dilectissimo  fratri  pauliin » 
damasus.  p  filiuin  meiim  uitale  ad  te  rescriptam  |  direxeram  — 

f.  11''  tribiiat  exemplo.  |  OiiTs  quos  legere  potiu  qui  ante 
me  scripsei'uut  de  trinitate  quae  ds  e.    diuiuo|rum    librorum  — 

f.  16^  nee  initium  habet  nee  finem.  Cuius  .e  liouor  et  e-loria 
in  scla  sclorum  amen.  |  Haec  qui  leg-is  per  dSin  ne  simplicitate 
sensns  in  ambiguum  torqueas.  aut  |  —  Nicaeni  aut  sinodi  trac- 
tatum  omni  animi  nisu  ex  tota  üde  seruantes  amplecta|mur. 
hunc  enim  tractatü  scimus  contra  oiiTs  hercses  inuicta  ueritate 
oppositii.  Incipit  textus.  expositio  iidei  nicaene  |  Credimus  — 
apostolica  aecclesia.  |  Haec  est  fides  quam  exposuerunt  patres.  | 
Primum  quidem    aduersus    arrium    blaspliemantem  —  Biton    et 

•  .'•  I      •  •     I  1    •!•  papa     ^         ^  ,  , 

nmcentius  pori  romaui  |  pro  uenerabili  uero  epo  nro  subscnp- 
simus.  ita  credentes  sicut  supra  scriptu  .e.  ||  f.  17  Incipit  dam- 
natio  arrii  ex  libro  decimo  historiae  |  aecclesiasticae  eusebi  caesa- 
riensis  initium  et  exi|tum  arrii  in  concilio  nicaeno  in  quo  sederunt 
epi  .cccxviii.  I  Cum  aput  alexandriam  post  achillan  qui  petro 
martyri  successerat.  — 

f.  19  Quib.  ita  gestis  de  causa  iidei  ut  coperant  projse- 
cimtur  interitus  arrii.  |  Incipit  expositio  fidaei  catholicae  sei 
ambrosii  epi.  |  Secundum  sacramentum  sei  symboli  di.  de  quod 
nobis  puro  laetc  doctrinae  |  — 

f.  19''  omnib.  liaeresibus  quae  p  doctrina  saue  aecle  catho- 
licae docebit.  |  Explicit  expositio  fidei  catholicae  sei  ambrosii 
epi  I  calchedonensis  ||  f.  20  Initium  synodi  calcaedonensis.  exem- 
plü  sacrajrum  litterarum  quae  misse  sunt  a  xpianissimo  |  imp, 
marciano  ad  oms  epos  ut  ad  niciam  |  conueniaut.  |  Victor  ualen- 
tinianus  —  leoni  papac.  et  anatholio  ej5s.  Omnibus  negotiis  — 
et  qui  fuerit  nuntiatus.  |  Item  exempla  epistole  sacre  secünde 
quae  ^  missa  e  |  scae  synodo  quem  (m  eras.)  ad  nicaea  conuenit 
de  transeundo  |  ad  calcedonam.  uictor  ualentiniafi  et  marc  aug.  | 
Festinantes  nos  — 

f.  20''  confidimus.  Impr  caesares  ualentinianus  —  scae 
synodo  —  est  congregata  |  Et  quidem  per  sacras  litteras  —  remeare 
felices.  ||  f.  21  Ordo  gestorum  habitorü  calchcdona  praesentibus  | 
marciano  et  pulceria  augustorum.  |  Pascasino  lybitano  —  sub- 
scripseruut;  Cum  per|uenisset  — 

f.  23''  dioscoro  |  anathema.  Adlocutio  imperatoris.  —  Ad- 
clamatio.  —  Adlocutio  imp  |  — 


Dio  Bibliotheken  Piemonts.  (515 

} 

f.  24  Incipit  quue  his  pi-aesentibus  cpis  acta  snnt  (  in  cal- 
chedonensi  concilio.  I  — 

f.  25"  Explicit  oxpusitio  iidei  concilii  |  calclicdonensis. 
Incipit  actus  synodi  calchedonen|sis.  quae  congregata  est  .in. 
id  octobrs.  |  Residentib.  lepis  suprascriptis.  — 

f.  26"  sententiain.  Item  calchedoncnses  .viii  kl  |  noiiemb 
gesta  hoc  contineut.  |  Residet  inipr  — 

f.  29  supra  scripti  sunt.  |  Explicit  quae  acta  sunt  ante- 
quam  aliqua  iu  calcedonensi  |  concilio  statueret.  adlocutio  iinp 
marciani.  |  Cum  in  sca  — 

f.  29"  custodire.  Expl  allocutio  imperatoris  marciani.  |  In- 
cipit constitutio  ad  synodum  calcliedonense.  \  Impr  marcianus   — 

f.  30  cohercebitur.  Data  —  Sporagi(j  consule.  |  Incipit  alia 
constitutio  diuae  memoriae  martiniani  |  in  svnodo  calcliae- 
donensi.  |  Impr  marcianus  — 

f.  30''  sperace  |  uc  consule.  Leo  papa  ad  synodum  cal- 
chedonensem.  |  Omnem  quidem  — 

f.  31  opilione  uic  consule  |  Leo  papa  anatholio  ep6  pro 
synodo  calchedonensex  |  Ad  declinandain  —  adelfio  uic  con- 
sule. I  Leo  papa  marciano  aug  pro  concilio  calehedonensi.  || 
f.  31"  Credebamus  —  adelfio.  ug.  sie  cous.  |  Leo  papa  scae 
synodo  calehedonensi.  (  Optaueram  — 

f.  32  adelfio.  uc  cons.  |  Leo  marciano  aug  j)ro  synodo 
calehedonensi.  |  Sein  clementiae  — 

f.  32"  uc  cons.  |  Impr  marcianus  aug  palladio  praef  prae- 
torii  I  Licet  ^  iam  sacratissima  — 

f.  .34  anthemio  uc  cons.  |  Exemplum  libelli  eusebii  ^^  epi 
^¥:  dorslitani  qui  datus  j  est  synodo  a^  quod  a  synodo  constan- 
tinopolitano.  et  sco  j  flauiano  epo  constantinopl.  ubi  eutiches  dam- 
natus  est.  |  Domino  —  fiauiano  —  Optaueram  non  ita  —  sub- 
scripsi.  I  Gesta  contra  Eatyclien  pbrm.  |  Inter  cetera  gestorum  — 

f.  41''  Callenius  monachus  et  archimandrita  subscripsi.  | 
Explicit  nomina  episcoporiim.  |  Incipit  relatio  fiauiani  epi  enn- 
stantinopolitani  (i  nJiima  in  ras.)  |  ad  papam  leonem  de  dam- 
natione  eutychis.  |  Beatissimo  etc.  Nulla  res  (  — 

f.  42  clerü  saluto.  Incipit  alia  epistola  |  flauiani  epi  ad 
papam  leonem  de  eutychem.  |  Sco  ffr.   piae  &  recte  — 

f.  4.3  conturbaetur  ecclae.  |  Explicit  alia  epistola  fiauiani 
epi  constantinopl  |  ad    j)apani  leonem  ntniauuni.  [  Incipit  epistola 


616  Reifterscliei.l. 

papae  leonis  ad  flauianiim  epiTi  |  constantinopolitanum  de  eu- 
tyclicm.  I  Lectis  — 

f.  40  damnatur.  et  alia  manu.  |  Tiburtius  notarius  iussu 
domni  mei  uenerabilis  [  papae  leonis  edidi.  libellu^  appellationis 
eutylches  ad  papam  leonem.  |  Domino  etc.  lidei  et  |  spei  raeae  — 

f.  46''  manu  mea.  ||  f.  47  Hanc  sequitur  libeilus  quem 
dedit  eusebius  eps  in  accusa|tione  eutiches  flauiano  qui  iam 
supra  in  capite  releua|tus  est  calchedonensis  concilii.  exemplum 
libelli  I  quem  dedit  eutyches  pbr  flauiano  epo.  uel  syuodo.  | 
Contestor  uos  per  dm  —  subscripsi.  Exeplum  contestationis 
catholico  et  amore  (amatori  corr.^  \  xpi  populo  constantinopoli- 
tano  eutyches  pbrt.  j  — 

f.  47''  Ex  patrum  testimoniis  quae  pro  se  proposuit  eu- 
tyches I  iuli  epi  romani  ad  presbiterum  dionysium.  |  — 

f.  48  Que  pro  se  optulit  eutyches  ad  eos  qui  scdm  diuiua 
e  incarna|tionem   uerbi    disputant  sub    oecansione  indiuidui  |  — 

f.  4(S''  Sei  athanasi  epi  alexandrini  tractatus  siue  praecepta  | 
de  iide  quae  pro  se  protulit  eutychis.  prolatum  ad  tes|timonium  a  bea- 
tissimo  epo  eiusdem  ciuitatis  cyi'illo  |  contra  libellum  theodori.  |  — 

f.  49  Sei  greg'orii  epi  maioris  pars  dictorum  quae  pro  se  | 
protulit  eutyches.  |  Epi  g-reg-orii  nanzanzeni  ad  cledoniuin  ex 
his  I  quae  pro  se  protulit  eutyches.  |  — 

f.  49''  Iuli  epi  romani  ad  uniuersos  epos  catholicis  |  quae 
pro  se  protulit  eutiches.  |  — 

ihid.  Iuli  epi  ad  prosdocium  quae  pro  se  pi'otulit  eutyclies  — 

f.  50  Petri  epi  et  martyris  de  doitate  |  libelli  (juae  ex 
his  pro  se  protulit  eutyches.  — 

ihid.  Felicis  romani  eps  et  martyris  ex  epist  (juam  ad  ma- 
xi luü  epTii  uel  clerum  alexandriae  ciuijtatis  misit  quae  ex  his 
pru  se  protulit  eutyches  — 

ihid.  Exemplum  epistole  synodi  habite  ruma  |  quae  ex  his 
pro  se  allif^'aiieri  eutyches.  |  — 

f.  öO''  vSci  caelestini  epi  romani  |  missa  nestorio  quae  ex 
ea  protulit  eutyches.  — 

ihid.  Sei  caelestini  epi  romani  ad  ehu-um  constantinopl  j 
quae  ex  ea  pro  se  protulit  eutiches.    — 

f.  öl  Statuta,  synodus  ephesene  contra  eos  |  qui  praesu- 
munt  docere  aliut  aut  scribere  contra  statutü  |  synodus  nichciu? 
(juae  ex  his  pro  se   protulit  eutiches.  |  — 


Die  Hilpliotliokcn  I'icinouts.  (317 

) 

ibid.  P^pistola  thoodosi  impr  ad  dioscoi'uin  epm  |  pro  con- 
greg-auda  synodo  epliesena.  ||  f.  51''  Incipit  post  episcoponnu 
nomina  initiuin  synodi.  !  — 

f.  52  Constitutio  imperatorum  |  theodosii  et  ualcntiniaiii 
dioscoro  eps.  |  — 

f.  53  Sacra  imp  theodosi  et  ualentiniani  ad  proclum  |  pro- 
consulem.  |  etc.  int  cetera  et  ad  locn  propterea  et  helpidiü  j  — 
f.  53^  praecipimus ;  helpidius  us  com  dix.  Nunc  iubete  — 
f.  64''  Et  eusebius  eps  dix,  etc.  \  Et  urchieps  ei  interro- 
gatione  sie  dicit.  haec  quae  illi  obicit  accusator  ||  f.  65  Niliil 
me  conting-it  actorum  propter  dm  —  dicorus  eps  dix.  mani- 
festatis  |  quae  lecta  sunt.  — 

f.  67  Thalassius  eps  &  c&eri  similia  pronuntiarunt.  Incipit 

libellus  I  appellationis  flaniani  epi  const  ad  papam  leonem.  |  — 

f.  68''  Explicit  libellus  appellationis  flaniani  epi  constanp  | 

Incipit  libellus    appellationis    ad    leone    papam    eusebi    dorsjleo- 

rum  accusatoris  eutychen  archiniandrite.  |  — ■ 

f.  69''  Expositio  fidei  |  sei  calcliedonensi  concilii  facta  a 
patribus.  |  — 

f.  70  Incipit  responsio  sine  adlocutio  sei  et  uniuersalis  | 
calchedonensis  concilii  habita  aput  marcianum  |  uenerabilcin 
principem.  |  — 

f.  72''  Incipit  testinionia  scorum  patniin  cpii  duas  natu|ras 
in  xpo  proiessi  sunt. 

ibid.  Sei  Basilii  ex  bis  quae  contra  Eunomiuni   scripsit 
ibid.  Beati  Ambrosi  ex  bis  quae  scripsit    ad    i;r:itiaiinin.  | 
iiujx'ratorem. 

ibid.  Sei  gregorii  ex  epla  ad  cledonium 

Eiusdem  gregorii  ex  secundo  sernionc^  de   tilio 

kSci  atbanasii    ex  bis  quae   scripsit    aduersus    liereses 

Ampbilocbrii    epi   iconii  |  de  explanatione     euangelii 

scdm  iohanneni. 
Antiocbi  epi  optolomaidis. 
Flauiani  epi  antiocheni  in  epipbani_a 
Sei  iohannis  epi  constantinopolitani  de  explanatione  || 

f.  73  euangelii  scdm  iobannein.  | 
Attici  constantinopolitani  epi  ex  epla  ad  eupsycbium. 
Beati  procli  ex  sermone.  puer  natus  est  |  nubis  filius 
et  datus  est  nobis. 


618  Reifferscheia. 

Beati  cyrilli  ex  epistola  ad  nestorium. 

Eiusdem  ex  epla  ad  iohanne  |  antychenum    epiTi    de- 

stinata. 
Item   eiusdem  j  epistola    ad    successum    dioeaesarien- 

sis  epiTi. 
Eiusdem  ex  epistola  ad  beatum  iohannem  directa 
f.  73''  Sei  iuliannis  de  explanatione  euang-elii  scdm  ma- 
theü.  I  Explicit  adlocutio  seu  responsio  |  sei  calchedonensis  con- 
cilii  )  cü  subiectis  testimoniis  patrü.  |  Incipit  epistola  sei  procli 
constantinopolitani  epi  |  directa  uniformis  ad  singulos  occidentis 
episcopos.  !  — 

f.  75'*  Explic  epistola  sei  procli  constantinopolitane  urbis 
archiepi.  |  Incipit  sei  innocentii  epi  maroniae  de  his  qiii  uiium 
ex  I  triuitate  uel  unam  subsistentiam  seu  personam  dnin  |  nrili 
ihm  xpm  dubitant  coniiteri.  | 

f.  76^  Ex  sermone    theodori    mampsuestene  ciuitatis  epi.  | 
f.  77  Ex  sermone  nestorii  quondam   constantinopolitani  epi 

Item  eiusdem  nestorii 
f.  77'*  Eiusdem  nestorii. 

Ex  epla  iolis  antiocheni  epi  nestorio  destinata 
et  haec  quide  epla  ioliis  antiocheni  epi  nestorio  directa  testat. 

Theodori  mswnpseustini  epi. 
f.  78  Item  in  aliis. 

Sei  procli  ex  epla  prima  ad  armenios  destinata 
f.  78''  Eiusde  sei  procli  ex  epla  ad  armenios  destinata 
It  eiusdem  ex  libro  tertio  de  fide. 
It  eiusdem  sei  procli  ex  sermone  de  lide 
f.  79  Beatissimae  corr.  papae  leonis  ex  epla  ad  iulianü  epm. 
f.   79'*  Explc  sei  innocentii  epi.  |  Incipit  exempla  (r  add.) 
scbrum  patrum  quod  unum  quem|libet  ex  beata  trinitate  dicere. 
Sei    aug-ustini    epi  |  de    libro    imdecimo    expositionis 

p-enesis  ad  littera. 
Eiusde  sei  aug'ustini  ex  libro  secudo  sie  de   trinitate 
Item  ex  eodem  libro 
It  ex  eode  libro  secundtK 
Tt  ex  eode   liltro   .ii. 
1.   80  Eiusde  ex  libro  ttio  de  trinitate. 

Eiusdem  ex  libro  (|uarto  d«-  trinifntt; 
Itfiu  ex  eodem  libro 


Die  Bibliothckfii  Piemonts.  619 

Eiusclem  ex  libro  sexto  de  trinitate 

Eiusdem   ex  libro  sextu  dv.  trinitate 

Eiusdem  ex  libro  septimo  de  trinitate. 

Eiusdem  ex  libro  octauo  de  trinitate. 

Eiusdem  ex  libro  duodecimo  de  trinitate. 
1".  80''  Eiusde  ex  libro  quarto  decinuj  de  trinitate. 

eiusdem  ex  libro  quarto  decimo  de  trinitate. 

eiusdem  ex  eodem  libro 

eiusdem  ex  eodem  libro 

eiusdem  ex  eodem  libro 

eiusdem  ex  eodem  libro 

eiusdem    sei    augustini  |  ex  libro  enchiridion  ad   lau- 
rentium  destinato. 

eiusdem  ex  libro  de  perseuejrautia    uel    praedestina- 
tione  seeundo. 

Eiusdem  ex  libro  decimo  de  ciuitate  di 
1".  81   Eiusdem  ex  libro  .xi.  de  ciuitate  di. 

It  eiusdem  ex  eodem  libro  .xi.  de  ciuitate  di. 

Ite  eiusdem  ex  eodem  libro  .xi.  de  ciuitate  di.- 

Ex  libro  .n.  sei    aug-ustini  contra  nuiximinü  arriano- 
rum  epni 
f.  81''  Item  ibi  post  paululum. 

Item  eiusdem  ex  eodem  libro. 

Sei  ambrosii  epi  mediolanensis  |  ex  sermone  luitalis  dni 
inter  cetera. 

Item  eiusdem  deexpositione  euangl  scdm  luca. 

item  ex  eodem  opere. 
f.  82  Item  eiusdem  ex  eodem  opere  libii  si-cundi. 

Et  post  aliquanta 

Item  post  aliquanta 

Et  post  paululum 
f.  82^^  It  eiusde  ex  eode  libro  .11. 

Et  post  aliquanta 

Ex  eodem  libro  circa  fine 

Item  ex  libro  quarto  ipsius  operis 
f.  83  Ite  eiusdem  sei  ambrosii  ex  libro  de  iucaniatione  dni 

Item  ex  eodem  libro 

Item  eiusdem  ex  primo  libro  |  de  fide  ad    gratianum 
imperatorem 

Sitzl).  d.  iihil.-hist.  (1.  LXVIII.  B.l.  Ul.  Hit.  40 


620  Eeifferscheid. 

Eiuscle  ex  libro  secundo  de  fide 
f.  83''  Et  post  pauca 

Eiusde  ex  libro  tertio  de  fide 

Eiusdem  ex  libro  qiiarto  de  fide 

eiusde  ex  libro  quinto  de  fide. 

It  eiusde  sie  ex  hymno  uespertino 
t".  84  Sei  hilarii  pictauiensis    epi    ex    libro    priiiio  de  fide 
contra  arrianos. 

Eiusdem  ex  eodem  libro 

Eiusdem  ex  eodem  libro 
f.  84*^  Eiusdem  ex  eodem  libro 

Eiusdem  ex  eodem  libro 

Eiusdem  ex  libro  secundo  de  fide 

Item  eiusdem  ex  eodem  libro. 

Eiusdem  ex  eodem  libro  secundo 
f.  85  Eiusdem  ex  libro  secundo 

Eiusdem  ex  libro  secundo 

Eiusde  ex  libro  tertio  de  fide 

Ex  eodem  libro 

Eiusdem  ex  libro  quarto  de  fide. 
f.  So""  Item  ex  libro  quinto  de  fide 

It  ex  libro  sexto  de  fide. 

It  eiusdem  ex  libro  septirao  de  fide. 

Ex  eodem  libro. 

It  ex  eodem  libro. 

Item  eiusdem  ex  libro  octauo  de  fide. 
f.  86  Ex  eodem  libro 

It  ex  eode  libro 

It  eiusde  ex  libro  nono  de  fide. 

Eiusdem  ex  libro  decimo  de  fide. 

Ex  eodem  libro  decimo  de  fide. 
f.  86^^  Ex  eodem  libro 

ex  eodem  libro 

ex  eodem  libro 

eiusdem  ex  eodem  libro 

Item  eiusdem  ex  libro  undecimo  dt;   Hde 

Item  eiusdem  ex  libro  duodecinio  de  fide 

Eiusdem  ex  eodem  libro 

Eiusdem  ex  eodem  libro 


Die  Bililiothekpu  Pipuinnts.  621 

Sei  cypriani  epi  cartluigiiKinsis  et  iiiMrlyris  du  cpla  | 
qujio  praenotatur  de  patientia. 
t".  ST''  Et  post  paululuin 
f.  88  Et  circa  finem  ipsius  epistolae  ])ouit  et  dicit. 

Sei    athanasii    epi   |    alexandrini    ex    epla     adhelphio 

epo  destinata. 
Eiusdeni  sei  athanasii. 

f.  SS""  Eiiisdem  ex  sermone  contra  arrianos 

Sei  greg-orii  nanzazeni  epi  ex  libro  aj)<>logetiei. 

Ite  eiusde  ex  eodem  libro 

Eiusdem  ex  sermone  natalis  dni. 
t".  89  Eiusdem  ex  eodem  sermone 

Eiusdem  sei  gTe°°rii  ex  sermone  euius  |  titulus  et  de 
luminibus.  id  est  de  epiphania.  | 

Et  post  paululum. 

Sei  basilii  epi  caesareae  cappadotiao  ex  opuseulo  j  ad 
amphilochium  epm. 

f.  89''  Eiusdem  ex  epistola  ad  fratrem  suum 

Eiusde  sei  basilii  ex  sermone  de  fide. 

Item  eiusdem  ex  sermone  de  incarnationo  dui. 

Sei  gTegorii  niseni  epi  ex  epla  ad  ablabiuiu. 

Eiusdem  ex  libro  catechetiei. 

Eiusdem  ex  eodem  libro. 
ihid.  lam  non  uerebimur  —  f.  90  c^adem  inueniamus  &  in 
uort)o.  quod  et  haec  re|gulae  posteas  .s-i^V,  quidem  probantur  ee. 
quae  aput  ancyrä  uel  cesarea  exposite  st.  |  Scd  nicacnis  anteriores 
re]jperiuntur.  |  Incipiunt  nomiua  aepÖrum  coneilii  eangrensis  | 
Eusebius  —  Ypagius  |  et  eieri  qui  eonuencrunt  in  cangrense 
coneiliii  in  diio  salutem.  |  Qm  conueniens  — 

f.  90*"  susceperit  obseruandü.  |  Haee  autcm  seripsimus  — 

fieri   exoptamus.  ||  f.  91    Explicit    synodus    eangrensis.    |    Inciiiit 

concilium   anthioeenum.  |  Sca  &  paeatissinia  synodus  —  bis  (pii  | 

p  singulas  prouineias  sunt.  —  salt  |  Gratiae  ucritas  —  Sunt  aut 

j  pfiniti  canones  aecclastici  qui  intVa  seripti  sunt  in  qua  sy|nodo 

j  fuerint   |   Eusebius.    j  —  Eustasius   |    Incij)it    praeeeptum    papae 

felieis  |  Praeeeptum  pap(;  felieis  morientis  p  quod    sibi    l)onifa- 

cium  arehidiaeonuni  |  suum  poste  subsistuere  sie  eupiobat.  Dilee- 

tissimis  cAc.  De^  q^ete  ura  &  paee  — 

1(1* 


622  Reifferscheid. 

f.  91"  conuenit  ,amoueri.  ExpHc  contestatio  senatus.  |  In- 
cipit  libellus  quem  dederunt  pbri  .lx.  |  post  mortem  dioscoi'i 
bonifatio  papae  |  —  Quales  libellos  dederunt  epi  greci  pro  excessu 
acacii.  |  — 

f.  92  Explieit  exemplum  libellorum  a  g-x'aecis  |  datorum. 
propter  excessus  aeaci  j  Incipit  nomina  concilii.  uniuscuiusq. 
I  Inprimis.  eoncilium.  apostolorum.  —  x.  Conciliu.  car*"gi"euse  || 
f.  92''  Post  paululum  uero  tempus  imperator  constantiiiopolim 
uenieus.  indi|gnatur  ob  ordinationem  facta  arrianorü  episcopo- 
rü.  Constituto  eoncilio  |  —  uesaniam  |  repedaret.  |  Epistola 
concilii  antiocheui  de  fide.  nos  neq.  sequaces  arrii  fuimus.  quo- 
mo|do  — 

f.  93  iugit.  e.  comota.  |  Quae  uero  sardicae  gesta  sunt 
concilii  littere  clarius  edocebunt.  |  quas  j)pt  — 

1".  96''  sed  &iä  eruditionem  dispensationis  explajnaiierunt  || 
f.  97  Item  caelestini  pape  ecclae  |  romane  data  ad  sinodü  in 
helfeso  constitutam.  |  Sps  sei  testatur  praesentia  congregatio  | 
sacerdotum.   Certü.  e    eni  qd  legim'.  — 

f.  97''  securitat  decretum.  |  Explc.  |  Item  alia  epla  cae- 
lestini I  pape  ad  nestorium.  |  Dilectissimo  fri  nestorio  celesti- 
nos  I  aliquantis  dieb.  uite  nrae.  post  nefandu  |  — 

f.  99''  testatur.  Et  alia  manu  ds  te  incolumem  custodiat 
trat  knie  |  Data  .im  idus  augustas  theodosio  ||  f.  100  xiii.  et 
ualentiniano  .ui.  |  aug  conss.  explieit.  It  incipit  |  alia  epla  exor- 
natoria  eiusde  |  sei  epi  caelestini  ad  constan|tinopoli  clero  et 
plebi  missa.  i  Caelestinus  etc.  Ad  eos  mihi  |  qui  faciunt  — 

f.  102''  communione  deiectum.  ||  f.  103  In  nomine  dni  |  liic 
habcntur  concordia  canonum  conciliorü  |  infra  scriptorü  et  pro- 
sulü  romanorum.  id  est  |  Canonü  apostolorii  |  —  Et  gelasi  |  Ex- 
plieit adnotatiü  canonum  scorü  patrum  |  Incipit  praefatiij  |  Diio 
uere  sco  semperque  beato  ponti|tici  libcrino.  Crisconius  xpi 
famulorum  exiguus ;  Uri  sacerdotii  incomparabile  decus  quo 
fidei  puritate.  ac  uite  j  — 

f.  103''  uenia  dones.  |  Ora  pro  me  meiq.  semp  memento 
pontifex  do  digne.  |  Finit  prefatio  j  Deinceps  succedunt  capi- 
tula.  I  I.  De  ordinatione  epi  |  in  canonibus  apostolorum.  caj}  .i.  |) 
f.  104  Concilio  niceno.  titulo  .im.  |  —  Concilio  cartaginense. 
titulo  .XVII.  I  — 


Die  BibliothpVpii  Piomonts.  623 

f.    11;')''    (■(•<■.    ut    opi    o\    clci-iei    nnn    oi-diniMitiii-    nisi    oms 

suos  focorint  xpi|anos  |  Concilio  carta£>-im'ii.si.   litulo.  iii.  |  Expli- 

ciiint  capitula.  ||  f.    116  Domino  uencrando  mihi  patri  stephano 

archiepo.  dionisius  |  cxiguus.  in  dno   salutcm.  !  Qnaniuis   carissi- 

nins  fratcr  nr  laurentiiis  assidiia  &  familiai-i   —  facilc    inueniat. 

Ora  pro  nobis   uenerabilis  pater.    Explicit  ])raefatio  .i.  j  Incipit 

I  praefatio  .11.  |  Diio  beatissimo  papao  hormisdo  dionysius  exigims 

scorum  pontiiicü  |  regulas    quas  ad  uerbuni  digei-ere    iifa  beati- 

tiido  de  greco  me  conpellit  eloqnio.  ||   — 

i  f.  11(1''  orientales  quaesiuit  agno.scere.  Explicit  praefatio.  | 

t  Incipit    praefatio    nicaeni    conc    alia.  |  Concilium    sacrura    uene- 

1  randi    culminis   —  dulcia   melk   flu&.    Incipit   tides  niceni  con- 

I  cilii.   I   Quae    facta    est  apiid  uiceam    —   alexandri.  dcxxxvi.  ah 

I  uniuersis    epis    dictum    e.    Credimus     -    aecchi.    haec    est    fides 

1  quam  exposuerunt  sei  patres.  ||   f.  117  Primum  quidem  aduersus 

j  arrium  blasphemantem  &  dicentem  creaturara  [  ee.  filium  di.  — 

propterea  quod  occidentales  non  similiter  quaestiouem  de  here- 

sibus  I  habuissent.  | 

+  Nouariae'   natus.  papiae  inoenibus  altus. 

Vrbe  uelut  potui  doctor  utraque  fui. 
Me  rex  otto  potens  franco*   duxit  in  urbe 

Qua  legi  multos  mente  uigente  libros 
Hinc  me  digressü  propriü  suscepit  alünum 

Virgo  Salus  mundi.  mater  et  alma  dei. 
Protinus  amissa  studiu  sie  reparare  sophia 

Erudiens  pucros  instituensq;  uiros. 
His  igitur  cunctis  xpo  tribucnte  peractis. 

vSum  puluis  modicus  iussit  ut  ipse  deus. 
Quisquis  hac  graderis  stephani  memor  esto  iacentis 

Ac  sihi  posce  poli  regna  heata  dari. 

Zeile  leer 
Insuper  adde  die  quae  contulit  ultima  tinem, 

Zeile  leer  \  Zeile  ausrndirt 
Haec  -  si  scruteris  hinc  mage  cautus  eris. 

Dictus  uoce  leo  pectore  niitis  homo. 
Extitit  ipse  meus  genitor  sat  corde  benignus 

Custos  atq;  sui  ualde  tidclis  heri. 


•  Nouariae  —  dari  m.  cd.  —  -  Haec  —  quiem  wieder  von  einer  anderen  Hand 


624  Keifferscheid. 

lani  süle  nouas  ritu  perag'ente  kalendas. 
Annosae  carnis  mole  solutus  obit 

Qui  leg'is  liunc  elegü  rege  deposce  supmu 
Quo  sibi  caelestem  douet  habere  quiem.  || 

f.  118*Incipiunt  tituli  canonum  apostoloruin.  |  i  De  ordi- 
natione  episcopi  | 

f.  118''  Incipiunt  tituli  canon.  niceni  concilii.  |  .numero.  xx. 

f.   119  Incipiunt  tituli  canonii  ancyrani  concilii  num  xxini 

Tituli  canonum  neocaesariensiii  concilii.  numero  xiiu 

f.   119''  Tituli  canouii  cang-rensis  concilii.  numero  xx. 

Tituli  canonii  anthioceni  concilii  numero  xxv 

f.  120  Tituli  canonü  apud  laoditiam  phrigiae  consecrati  | 
numero  Lvmi 

f.  121  Incipit  canonü  concilii  apud  constautinopolim  con| 
gregati  numero.  in  | 

Tituli  canonum  calcedonensis  concilii  numero  xxvn 

f.  121''  Tituli  canonum  serdicensis  concilii  numero  xxi. 

f.  122  Tituli  canonum  congregati  apud  cartag  |  numero  xxxiu 

f.   122''  Tituli  canonü  diuersorü  conc  afric  prouinc  num.  cv 

f.  124  Incipiunt  tituli  decretorü  papae  siricii  num.  xv. 

Tituli  decretorü  papae  innocenti.  numero.  lvu. 

f.   125  Tituli  decretorü  papae  zosimi  numero.  nii. 

Tituli  decretorü  papae  bonifatii  num.  im. 

Tit  decretorü  papae  celestini   num.  xxii 

f.   125''  Tituli  decretorum  papae  leonis  numer  xlvuii. 

f.   126''  Tituli  decretorum  papae  liilari. 

Tituli  decretorum  papae  simplicii. 

Tit  decretorum  papae  felicis 

Tituli  decretorum  papae  gelasii.  numero  .xxvni. 

f.  127''  Titul  decretorum  j^apae  anastasii.  numf  .vni. 

Titul  decretorum.  suramachi.  corr.  numef  .v. 

Item  tituli  eiusdem  concilii. 

f.   128  Tituli  decretorum  papae  hormisdae. 

Tituli  decretorum  papae  gregorii  iunioris. 

—  XVII  de  coma  clericis^x  relaxanda^  ||  f.  128''  Primus 
npHca  canon  documenta  ministrat.  |  —  Ultimus  angelico  te 
psonat  afFrica  sistro.  j|  f.  129  Incipit  canones  apostolorum 
de  ordinatione  cpi.  |  i  EfS  a  duobus.  aut  tribus  epis  ordi- 
netur,  |  — 


Dio  Bibüutlieljeii  Pieiiumts.  625 


i.  175  (fvii)  pro  nut)  custodiut  (lue  trat.  |  Kxplit-it  atVi- 
cani  concilii.  Iiicip  cpla  decretalis  papau  siricii.  \  Siricius  liiine- 
rio  epo  taraconensi  salnte.  Directa  ad  decessorc    — 

f.  218''  (xxviii)  haec  piitauorit  8uppreiiionda  j  Dat.  id  mar 
astcrio.  et  pracsidio.  tiu  css.  Explicit  decre|ta  papc  anastasii. 
urbis  runiu  ad  iinp  anastasiü  pro  paco  |  ecclosinrum  |  Glorio- 
sissiino  etc.  Exordiü   poiititicatus  — 

f.  232''  anno  secundo  indictionc  .im.  |  Expliciunt  coustituta 

papae    g-rogorii.    sub   |   anathemate    intcrdicta.   ||    f.  23,'3    In    xpi 

nom  incip  textus  canoü  penitentiae  qualit  in  ancyra  et  ccsarea.  | 

seu  et  per  plures  prouincias  per  scs  patres  instituta  st.  lxxxiiii.  | 

Incip    coucilivi    eorü.    qui    in  ancyra  et  caesarea  expositi  st.  ni- 

chenis  priores  |  inueninntiir.  caj5.  primo.  |  Pbr  si  uxore  duxerit  — 

f.  275''  constantino    aug-usto    .in.  pi-isco  eonsulis  ||  f.  276  ' 

Capitulo  primo  j  Ds  omps  hominem  sine  peccato  rectum  |  cum 

libero    arbitrio    condidit   et  in  pa|radiso   ])osuit  —  (im)  sed  si  | 

non    bibitur    non    medetur.  |  Reg'nante  diTo  uro    ihn  xpo.  anno  | 

dcccLv.    ab    incarnatione    eins.   |   gloriosissimo    hlothario    impere 

I  XV.  I  indictione  .ni.  mse.  iaii.  vi.  id  ei'de    [    mensis    apud  urbem 

j  ualentianä    in    domo  |  basylicae    sei  ioli    adiacente.    —  piaetate. 

i  adnotare.  |  k.  i  quia  doctorem  gentiii    — 

;  f.  279''   (xxii)    Operarius    cibo    |  suo.    placA.-    firmatü.  |  Per- 

{  uenit  etiam  ad  nos  nimis  dolenda  |  et  lugubris  querella  ecclc 
I  uienneusis  [  p  uenerabilem  fratrem  et  coejTm  nrm  |  agihnarum.  — 
i  f.  280  auctoritate  mujniri.  Exemplum  legis  de  contir|ma"do 

i  iudicio  episcoporü  |  Imperator  constantinus  augustus  ||  f.  280'' 
i  ablauio  prefato  sie  pretorio,  |  Religionis  —  sententia  deciderit.  Cap 
;  legis  gondo|rade.  |  OiTTs  omnino  cause  que  infra  .xxx  annos  (  — 
j  subnotare  credidimus.  |  Cap.  i  |  Sicut  frequentibus  sinodis 
auctoritate  |  — 

f.  281''  (im)  tenere  eligat.  \  Hie  desunt  cap.  tria.  viii.  | 
Item  quia  parrochales  pbri  grauissime  |  —  ullo  modo  psuman- 
tur.  He''  uero  q  secunjtur  domnus  apostolicus  nobis  rescri|bere 
curauit.  Nosq.  lothario  regi  cü  |  aliis  quam  plurimis  capitulis  de 
pseuti  I  sinodo  dirige'""  curauimus.  Cap.  i  |  Requiritis  enim  si 
dimissa  uxore  — 


'  f.  27C^  —  2S2  (ein  Qvxaternio,  dessen  letztes  Hl;itt  f'clilt)  in  die  Mitte  eines 
anderen  Quaternio  (f.  272—275.  28.3— iSG)  eingeheftet,  f.  283  u.  s.  w. 
sollte    nach  f.  27 h  folgen 


626 


Rei  ff  erb  che  id. 


f.  282  (n)    omni    modo  se  abstineant  |  Cap    ii.   Inseruntur 
in  cang  concil.  |  JStatuimus  ideo  ut  nulhis    de    ordinib;   cleri|co- 
rum  —  penitus  maneat.  ]  m.  al.  Incipit  synodus  habita  fancia.  | 
tempore    doni  hlotharii.  impi's.    |   pro  edificatione    noue    rome 
Cap  .1.  Quia  diuina  pietas   uos  &  karissimii  filiü  nfm  |  — 

f.  282''  (xiii)  j)  nris  peccatis  exorandum  censemus. 
haec  st  nomina  eo^  qui  in  italia  beneficia  liabent 


rataldus 

Isti  nihil  habent  in  italia. 

In  p'ma  scara  st  missi 

reinboldus 

harduicus 

Aqn' 

Ebrardus 

eber'^ardus 

amolo 

Sigericus 

Uuito. 

Beringarius 

agilraarus 

heribt' 

Liutfrid 

liutfridus 

audax 

heimeric' 

^  adalgisus 

humfridus 

lieirainus 

Milo 

signiferi. 

hrotfridus 

Boso 

Imcbold 

bernardus 

teotboldus 

uuilelmus 

De  comitib; 

Albericus 

fulcradus 

ioseph. 

Gerardus. 

&  bebbo. 

Cunibtus 

erlardus 

Aldricus 

lu  scda  scara  st  missi 

bodradus 

dauid 

Fulcrad 

Uuito. 

hilpericus 

ebo 

Ottran' 

et  adalbtus 

bebo 

hartbert' 

Erraenoldus 

Signiferi. 

grozmannus 

riconsind. 

Albei-ic'  filius     Unicfredus 

meinardus 

remigius 

beieri 

Et  auträn'    comts 

teotgaudus 

Arnulf  US 

lieribrandus 

.  eicardus 

Odolricus 

farulfus 

engilränus 

hilperigus 
et  tresegius 
In  scara  francisca  sunt  mis 
gerardus 
fulcradus 
et  ermenoldus. 
Signiferi. 
beieri 
Arnulf  US 
hucboldus. 
Aqn' 
et  sigiricus. 

f.  283    vier  Zeilen   ausradirt      Incip  de  lib    regulo    pasto- 

ral is  sei 

gregorii  pape 

urbis    rome  scripta  ad  iohm  ei5m     Pasto- 

ralis  cura  me  pondcra 

fugire  delitiscendo  uoluisse  |  —                 j 

Dio  BililioHifkcn  PieinoiÜK.  (»27 

f.  285''  paiilu  hitiu.s  rc|)l'u'aii(l()  discrani'.  |  liKvij)it  dv 
baptismi  ofHo  corr.  m.  cd.  \  \  mistici'  scnsib;  coruin  qui 
auctorib.  noniinatis^  desig-natis  &  de  ordinc  ucni|cntiiim  ad 
tide.  oi'deq.  mistciii.  |  De  caticuinenis  ysidori.  in  libro  ofticioru,  | 
Caticuininis.  qui  priiuü  de  gciitilitate  ucniuut.  habentes  uolun- 
tatc  in  xpo  &  qa  |  — 

f.  288  (Cyprian'.)  Abrcnunci*.  abalien*.  ul  aucrtat  aucr- 
tit  excludit.  Explicit.  |  de  über  officiorum.  |  Saccnlotes  et  pon- 
tifices  unde  et  romani  imperatores   ponti|fices  dicebantur    uates 

^     uisione  7«.  nl.  ^ 

aut  mentis  appellat.  cui'.  sio'nificatio  multiplex  .e.  j  na  iikmIo 
sacerdote.  modo  ,pphctani  modo  poetam  sig-nificat.  antestis  sacei'| 
dos.  X  dict'.  ab  eo  qd  antestat.  |  Cerus  sie  &  clericos  hinc  appel- 
lat'. quia  *  mathia  sorte  electus  .e.  quo  primu  ab  |  — 

f.  288''  Antea  li  pontifices.  &  reges  erant.  ||  f.  280  Ilace 
sunt  capitula  constituta  in  synodo  quae  per  di  gram  apud  |  me- 
diolanum  in  domo  episcopii  residente  beatissimo.  tadone  arclii- 
epo  I  cü  reliquis  coepis  caelebrata  est  anno  domni  hludouuici 
serenisjsimi  impfis  sini.  mense  octobrio.  indietione  .xii.  |  Cap.  i. 
Sepe  constitu  e  ut  plebes  per  idoneos  rectores  iierent.  Ordi- 
nate I  — 

f.  289''  (xiiii)  ,pprio  epo  nunciare  procurent.  |  Tado  gra 
di  raediolanensis  primas  pfui.  &  sb.  Agano  berg-ainsis  eps.  sb. 
Benedict'.  |  cremonensis  eps.  sb.  Egilulfus  astensis  cps.  sb. 
Adalgaud  uercellensis  cps.  sb.  |  Druetemirus  nouariensis  c]^ 
intfui.  Igidulfus  albingancnsis  eps.  sb.  ||  f.  290  Stadclbcrt' 
uadensis  eps.  sb.  Rapt'  laudensis  eps  sb.  P&rus  ianuensis  eps  sb  | 
Ragauo  eps    aquensis  intfui.  Antonius  brixcnsis  cps  conscnsi.  || 

4 

LX5I.  131.  luembr.  4.  foliorum  212.  »aec.  X.' 

f.  1  m.  s.  XIV  de  utilitate  peneccac  |  In  nomine  dni  |  Ke- 
uerentissimo  in  xpo  fratri  ac  filio  lialitgario  |  cpo.  cbo  indignus 
eps  salutem.  Non  dubito  tue  |  ignotum  .ec.  caritati.  — 

f.  P  resplendeat  pectora.  |  carissime  fratei'.  ualete.  |  Do- 
mino &  uenerabili  patri  in  xpo.  eboni  archiepo  |  halitgarius 
minimus  xpi  famulus  salutem.  |  Postquam  uenerande  pater  di- 
rectas  bcatitudinis  1  — 


1  Vgl.  Maassen  1.  c.  391 


628  ■  Keifferscheid. 

f.  2  meae  ignorantiae  difticultas.  uul&c.  |  lucip  praefat. 
de  peniteiitis  utilitate  j  Quamuis  origiualia  iu  baptisinatis  mii- 
nere  gra|tia  — 

f.  6  non  ualent  capere  potent  prodesse.  |  Incip  Hb  primus 
feliciter  de  octo  prin|cipalib;  uitiis  et  unde  oriuntur.  |  A  para- 
disi  gaudiis  postquam  expulsiim  est  gen'  |  — 

f.  1^  siibsequens  meror  pascit.  |  Tristitia  quoque  ad  auaritia 
diriuatur  |  i  Quia  dum  confusiim  — 

f.  17  (xvii)  donante  dno  plenius  disputemus.  |  Incipit  liber 
secundus  |  Superiore  libro  rationeni  —  colligere  |  curaui.  Inci- 
piunt  capitula  libri  secimdi  |  i  De  uita  actiua  —  x  de  tempe- 
rantia.  ||  f.  17''  De  uita  actiua  |  i.  Actiualis  est  uita  conuersatio 
religiosa  quae  do|c&    — 

f.  23''  insequentis  operis  libcllü  insereudu.  |  Explic.  lib 
secundus  de  uirtutib;  IncijS  lib  |  de  ordine  penitentum.  capla 
lib.  tertii,  |  i  Ut  penitentiae  tempora  iuxta  qualitate  peccati  de- 
cernant.  1  — 

f.  24  XVI  De  epistola  sei  iacobi.  iu  qua  pro  intirmis  orare 
pcipitur  j  &  unguere  oleo.  ex  concilio  africano.  cap  .x.  ut  peni- 
tentiae I  tempora  —  decernantur  |  i  Penitentibus  scdm  diffe- 
rentiam   — ■ 

f.  26^  (xvi)  putatur  pos|se  concedi.  Explicit  liber  de  or- 
dine penitentis  |  Incip  liber  quartus  de  iuditio  peniten||  f.  27 
tiura  laicorum  |  Saue  quia  liuore  inuidiae.  —  capitulis  inuenia- 
tur.  I  I  De  homicidiis  sponte  commissis,  |  —  f.  27''  xxxii  Q.uod 
usuram  laici  xpiani.  exigere  non  debeut,  {in  mg.  ex  eoncl  anci- 
rani  cap  xxi)  |  de  homicidiis  sponte  commissis.  |  i  Qui  uoluutariae 
homicidium  |  fecerunt.  — 

f.  32  (xxv)  ut  omnis  peccandi  opportuni|tas  adimatur.  huc 
usque  de  criminibus  laicorum  |  quemadmodum  in  canonibus 
contine^t  collectvi  .e.  |  nunc  uero  a  iudicia  clerico*  est.  trans- 
eundü.  |  Explicit  libellus  de  penitentia  laicorum  felijciter.  Inci- 
piunt  regule  de  ministris  eccle|sie  si  deuiauerint  canonice  pro- 
late.  I  Capitula  libri  qünti.  |  i  De  pbris  qui  uxores  acceperunt 
uel  fornicati  sunt.  |  — 

f.  32''  xvnu  Luctuosa  disscriptio  carnaliter  uiuentiü  sacer- 
dotum.  I  I  De  pbris  qui  uxores  acceperunt  —  sunt.  |  i  Praes- 
biter  si  uxorem  acceperit  ab  ordine  deponatur.  (in  mg.  ex 
concil  neocesarense)  — 


Die  Bibliotliekeu  Piemonts.  029 

f.  o7^  (xviiii)  &  ab  ipsa  intolerabiliu  mihi  sollicitudinü 
tempestate.  |  Addidimus  x-iani  operi  excerptiouis  iirac  peuitcn- 
tiale  I  romanu  altcrum  quem  de  scrinio  romanü  ecclesiae  |  ad- 
sumpsim'.   —  adtamen  a  quo  sit  editus.  ignoraui',   — 

f.  38  in|ueni&  explicata.  |  Quotienscumc^;  xpiaui  ad  pcni- 
tentiä  accedunt  — 

f.  40''  pi&atis  absoluat  p  [  Si  quis  ejTs  aut  aliquis  ordi- 
natus  homicidiii  fecerit.  |  — 

f.  47  egit  pcnitentiam  potestate  habet.  |  Incipit  intcMTOi^-atio 
ad  confession  danda.  |  Frinuun  interrog-es  ei  — 

f.  48''  adhere  maudatis.  p  |  Reconciliatio  penitentis.  ad 
morteui  !  Maiestatem  tuam  diie  suppliciter  — 

f.  49  pfec|ta  reparentur.  p  diim.  nrm.  ihm.  xpTii.  etc.  amen.  || 
f.  49''  In  nomine  dui  j  hie  habetur  eonlcordia  canonum  |  con- 
ciliorum  infra  scriptom  &  praesulum  romano|nim.  id  est  canonum 
apostolorum.  —  gelasii  |  Explicit  adnota|cio  canonum  scorii  patrü  | 
Concilium  sacri  uenerandi.  culmiua  iuris.  |  — 

f.  50  hoc  sale  conditus.  dulcia  mella  fluit  j  Expliciuut 
uersi  do  gratias  |  Incipit  pi-efatio  Diio  uero  sco  semperque 
beato  pontiiici  liberino.  |  crisconius  xpi  famulorum  exiguus.  uri 
sajcerdotii  incomparabile  decus  quo  fidoi  purijtato    — 

f.  öP  ueniam  do|nes.  ora  pro  me  meiquae  serap  me- 
mento  pontifex  do  digne.  |  Finit  prefatio  |  deinceps  succedunt 
capitula  |  i  Do  ordinatione  epi  in  canonibus  apostohjrü  titulo  .i. 
—  concilio  carthag.  titulo  xvii  |  — 

f.  67''  ccc.  Ut  epi  &-clenci  non  ordinentur  uisi  oms  suos 
fe|cerint  xpianos.  concilio  cartliaginensi.  titulo  .in.  [  Expliciunt 
capitula.  Incipit  über  canon  africana.  |  Qui  eps  ordinandus 
est.  ante  examiu&ur.  si  |  natura  prudens  est.  si  docibilis.  si  mo- 
ribus  I  — 

f.  68''  diffinitionibus  adjquiescat.  |  i.  De  (jrdinatione  epi 
in  canonibus  apostolorü  |  titulo  .i.  eps  a  duobus  — 

f.  98''  (xLiin  ex  decretis  pape  leonis.  tit  .in.  et  nu  [)  ut 
quod  hie  misericorditer  tribuimus  al)  eo  dno  ||  f.  99  (i^ni)  lio- 
noribus  arbitremur.  quorum  laicos  inperfectos  ut  dixi  |  — 

f.  169  ccc.  concil.  carthag.  tit  .ni.  ]  Ut  epi.  &  pbri.  &  dia- 
coni  nun  ordinentur  prius|quam  oiiis  qui  sunt  in  domo  eorum 
xpianos  ca|tholicos  fecerint.  Explic.  Incip  termin'  tidci.  |  Cimcilii 
calcedonensis.     Dns  noster.  &  saluator  ihs  xps  noticiam  lidei  j  — 


630  ■  Rpifferscheid. 

f.  169''  quae  apiid  cfesuin  i)lini  |  facta  est  sca  synodtis 
cuius  praesicles  fuerant  scae.  |  Breuis  adnotatio  capitiüorum  in 
quibus  consti|tutiones  conciliom  magociacense  &  remis  &  |  ca- 
billione  &  turonis  &  arelato  g-estorum  con|cordant.  &  in  quibus 
unumquodq;  proprias  consti|tutiones  habeat.  Quomira  nomina 
propter  compe|diura  scribendi  tnis  litteris  notata  sunt  ut  ex 
illis  nomi||  f.  170  nibus  et  numero  eapitulorü  qui  eis  adiunctus 
est  faci|le  inueri  possit.  In  quibus  locis  comunia  in  quibus  | 
propria  statuerint.  &  magontiacense  concilium.  |  Per  inog  re- 
mense.  per  rem.  gabilli|onensp.  per  gab.  turonense.  per  tu?  | 
aralatense.  per  arab  desciptur.  |  De  iide  catholica.  mog.  cap  .i. 
rem  .i.  gab.  xxxvii.  tur.  xviii.  arl  .i.  |  — 

f.  173''  Ut  unusquisq;  eporum  semel  in  anno  circumeat 
par|rochiara  suam.  arel.  caj5  .xii.  |  Praefatio  concilii  eporum.  | 
mogontiae  liabito.  |  In  nomine  patris.  et  filii  et  sps  ]  sei.  glorio- 
sissimo  &  xpianissimo  imperatori  Karo|lo.  augusto   — 

f.  175  p|maneat  in  oins  aeternitates  saeculi.  amen.  |  de 
Iide  catholica  tirmiter  retinenda.  |  i  Initium  enim  actionis  nrae 
de  fide  esse  decreuimus  quae  |  — 

f.  184  (lvi)  districtiono  fieri.  |  Facta  est  aut  haec  synodus 
in  ciuitate  mogoncia  in  |  claustro  basilice  sei  albani  martyris. 
Anno  dni.  |  dccc.xiii.  Indictione.  v.iii.  id.  iun.  1  Ubi  sederunt  epi 
.XXX.  abbates  uero  .xxv.  |  i  De  scrutinio  faciendo  decreuim'.  ut  in 
episcopiis  &  \  ubi  cuent'  .e.  populi.  &  cleri.  &  possibilitas  permitj 
tit  ibi  celebr&ur.  |  — 

f.  186''  xxxiiii  Ut  mensura  &  pondere  iusta  liant  —  ob- 
seruare  plac&.  ||  f.  187  i  Hie  est  ordo  capitulorum  breuiter  ad- 
notatus  quae  |  anno  dominice  incarnationis.  dcccxiii,  nota|ta  s  in 
conuentu  nii-ropolitanae  sedis  remensis  ecjclae  a  domno  carolo 
—  resident!  b;  |  ii.  Primo  omniü  mediante  mense  madio  dö  in- 
spirante  ab  eis|de  —  ordinari  merereut.  |  i  Est  fidei  rationc  ut 
imusquisq;  iuxta  intellectvi  suae  ca|pacitatis  — 

f.  190  tantoq.  iniustitiae  oriantur.  |  Auxiliante  diio  nro 
ihü  xpo  &  imperante  serenissimo  |  atq.  inclito  augusto  karolo 
conuenimus  epi.  &  !  abbates  totius  galliae  lugdu^uensis  in  orbeni 
cauallo|neiisem  &  de  quibusdam  rebus    - 

f.  190"  illius  sapijentia  suppleatur.  cap  i  |  Decreuimus 
iuxta  scurum   canonü  constitutiouom.    — 


Die  Bililiutlickon  Pieiuonts.  631 
_                                              5 

f.  200""  (lxvii.)  scarum  scriptururu  })ruta  j  percurrcrc.  nun 
dusistat.  !  Quantum  piissimi  impfis  nri  excellens  anini'  diuinae  | 
sapientiae  fiilgore  sit  inradiatus  ad  gubernan||  f.  20 1  duiu  psen- 
tum  rerum  statuin  ipsius  imperii  sibi  a  do  dati.  |  —  ad  sta- 
tuta loca  conjuenimus  siquideni  urhc  turonis  —  serenissimo 
iniperat()|ri  nfo  ostendenda.  [  i  Primo  omuiuin  ammonuim'  gcne- 
raliter  cunctos  qui  |  — 

f.  208  (li)  ad  nutü  &  uoluntatem  eias  parati  sunius.  |  Dum 
anno  xl^.vi.  incliti  &  orthüdoxi  dorani  &  prinlcipis  nri.  Karoli 
imperatoris.  sub  die  sexto.  id.  mai.  |  dcccLi.  unanimitatis  nrae 
conuentus  in  aleratensiii  |  urbe  basilica  sei  stephani  martyris 
primi  adgregatus  |  consistei-&.   — 

f.  209  in  pcnetralibus  nri  pectoris  inlibata  seru&ur.  I  cap  .i. 
Secundum   enim  diuinas  seripturas  &  doctrinam  qua  a  scis  j  — 

f.  212''  (xxii)  eius  adiutorio  |  diuiua  opitulaute  dementia 
pticiatur.  || 


LXXXIV.  54.  memhr.  8.  foliornm  82.  saec.  IX. ' 

t*.  2  Lxxxiin.  Incip  concilium  eorum  qui  |  in  ancyra  et 
cesarea  expositi  sunt.  |  nichenis  priores  inueniuntur.  |  i  Pbr  si 
uxorem  duxerit  ab  ordine  n  deponi  1  debere.  — 

f.  3  (xmi)  erit  actuum  apostolorum,  |  Ex])l.  kanones  aiu-y- 
romaci.  ||  f.  3''  lxxxv  Incip  concilium  ai-elatense  tempo|ro  marini 
actum  a  cxxni.  epis.  qui  |  et  papa  siluestro  scripsorunt.  |  Do- 
mino scissimo  Hri  siluestro  papa  coetus  eps  |  eorü  qui  adunati 
fuerunt  |  in  oppido  arelatensi  |  quid  decreuerimus  —  placui  ab- 
stineri  eos,  |  i  Primo  in  loco  de  obseruatione  pasche  dnice  ut 
uno  I  diae  — 

f.  ö"  XXX  Sinodus  episcoporii  qui  in  ciuitate  arelatensifi  — ■ 
t".   (j    ciuitatis    arelatensiii    eps    suprascriptus,  |  Expl.    con- 
cilium arclatensae.  |  -f  Constitutiones  sco  sinodi  habite  in  |  ter- 
i'itorio    arausico  vi.    id.  nouemb.  |  ciro    in  ccclesia  iustinianen.  | 
I  hereticos  in  morte  discrimine  positus  si  catlu)|lici  — 
f.   8''  XXX  Post  üima  occurrit  de  inbecillitatil)us  — 
t".  1)  inponat,    Ego    hilarus  ef^,  —  claudio    süsser! pserunt, 
expl.  coDstitution(!s  sei  sinodi,  |  i>xxxvu.   Incip  constitutiones  scT' 


'    ^  Vgl.  Maassen  1.  c.  38.5  sqci. 


632  E  Piff  ersehe  id. 

synodi.  |  habite  apud  legias.  |  Cum  in  uoluntatem  dni  apud 
regiensem  ecclesia  |  — 

f.  9""  se  nota  calcasse,  |  i  De  multo  duorü  qui  ordinatione 
presumpserunt^  |  Itaq;  cos  qiii  ta  incondita  acta  — 

f.  12''  (vii)  interfuit  |  uita  ipsius.  et  ss  -dr  et  l,  expl.  \  lxxxviii. 
Incip.  synodus,  habita  in  ciuitate  agaten"'  |  Regnante  dorn  es- 
sala  uiro  clarissirao  consl.  |  cü  in  noraine  dui  — 

f.  13  ntilitatib;  tractatur,  |  i  In  primo  id  placiiit  ut  canones 
et  statuta  patrii  |  — 

f.  20''  (l)  Optiny  diacoi)  missus  a  domno  |  meo  leonio  eps 
-SS-  explicit  |  Incip.  constitutiones  sce  synodi  habito  |  in  ciuitate 
uasensi.  |  i  Apud  auspicius  eps  eccle  catholicae  sub  d  idus 
nouemb  |  dioscoro  uc.  If,  —  placuit  ergo  tractatu  habitu  eps  || 
f.  21  denotatione  deprauatos,  |  ■ — 

f.  22''  (x.)  ut  horaicida  habeatur,  expl,  |  Inci]5.  constitu- 
tiones. sce  synodi.  habite.  |  ualentia.  ciuitate.  sub  d  .iin.  idus 
iul.  gratiano  .mi.  |  et  equitio  conslfe,  quales  debeant  ordinari 
sacerdotes  |  secundum  statuta  eccle  antiqua,  |  i  Qui  eps  ordi- 
nandus  est  antea  examinetur  si  natu|ra  prudens.  si  docilis.  si 
morib;  temperatus.  si  uita  castus.  |  — 

f.  23''  definitioni|bus  adquiescat,  |  i  Ut  eps  non  longe  ab 
eccla  liospitiolü  habeat,  |  — 

f.  28''  (*''n.)  orationib;  suis  ecclam  iuuent,  |  Expl.  statuta 
synodi  apud  eccla.  ualen|tina  liabita  die  et  cosl  qsp,  Sequitur  | 
epistula  episcoporum  supra  scripjti  ualentina  concilii,  |  Dilectis- 
simis  fratrib;  p  gallias  et  quiq;  ^puinjcias  constitutis  epis.  phe- 
gadius.    comedius.  j  —  salutem  ||   f.  29    transactis   ualentiae    — 

f.  29''  protegat  f  rs  kmi,  j  Incip.  synodus.  habita  tarracona. 
sub  d.  I  VIII.  id.  nouerab,  consolatu  petri  uc  osl.  |  Antiqua  patr5 
statuta  de  his  censuisso  uidentur  |  —  conscripsiu}  obseruanda,  | 
1  De  bis  quib;  cura  ^p  parentele  j)ximitatem  commititur  s-ic  | 
ut  ea  cautelearum  sie  necessitate  sustentent.  — 

f.  31''  (xiii)  constitutiones  scom  canonü  eccle  aegarens  sie 
minister,  expl  ]  Incip.  synodus  habita  geruda.  sub  die  j  vi.  idus 
iunias.  agapeto  uc  consu^,  ||  f.  32  i  De  institutione  missarü 
ut  quomodo  in  metro|politana  — 

f.  32''  (x)  nullatenus  |  admittatui-,  expl.  |  loliannes  in  xpi 
nomine   — 


Die  BibliftthelvPii  Pipmnuts.  033 

f.  33  horontius  cps  ^  \  Incip  synodus  h.tbita  in  ciuitMte 
tule|taiia.  apud  scrii  nii^  montanü  cps  sub  dio  |  xvni.  kl  iunias. 
anno  v.  rei^-ni  donini  nostri,  ]  alarici  regis.  |  Oü  in  uoluntate 
dni  apud  tuletana  urbe  scorü  |  —  facilius  impctremus;  |  i  De 
his  quos  uokiutas  parentü  a  priniis  infantiao  |  annis  clericatus 
officio  nianciparint.  id  statu|innis   — 

f.  35''  tcniporis  ad|uenissem  ,pbaui  et  ss-,  expl,  |  Incip  sy- 
nodus habita  in  conuentu  Ivelerdensi  ad  ba|silica  sce  eulaliae. 
anno  xv.  reg.  dorn,  ni  thiudi  regis.  sub  |  diae.  viii.  idus  augus,  | 
I  De  his  clericis  qui  in  obsessionis  necessitate  positi  |  fnerint. 
id  statutü  est  — 

f.  38''  (xvi)  constitutionib;  interfui  et  subscripsi,  expl, 
xcvi.  I  Incij5  definitiones  lidei  uel  regule  exposite  ab  epis  .cl.  | 
qui  in  uniT  constantinopolim  conuenerunt  achiersus  |  hereticos. 
qui  psonä  sps  sei  minore  in  ditate  dif |ferebant.  quando  ordi- 
natus  est  beatus  nectarius  |  eps  ratio  fidei  secundü  nichena 
expositione  a  suprajdictis  epis  digesta,  [  Crediiiv  in  unu  dm 
patre  oniptem  foctore  celi  et  terrae  |  —  niortuorü  uitä  futuri 
scli.  amen,  |  Öequuntur  regulae  in  eade  synodo  exposyte ;  |  i  Non 
spernendü  esse  fidem  patrii.  eccxvni.  qui  in  |  nichea  — 

f.  40''  (x)  ad  destru|endunrtante  dedeforis  sie]  explecit:  | 
Incpt  capitola  concilii  toletani  |  editum  a  beato  esydoro  spalensis.  | 
urbes  epco  iniperante;  |  gb)rioso  atque  xpianissimo.  |  sesenando 
principe;  |  i.  De  lide;  |  — 

f.  43  (i;Xxv)  et  stabiHtatem  gentis  gotorum;  j  Expliciunt 
capitula.  feliciter;  |  Incpt.  gesta.  sinotalia.  |  in  toletanam.  urbeni:  | 
apud  consilium  sexagenta  vi.  |  epcorum  hispaniae  et  galliae  | 
prouincias  edita  anno  tertio ;  |  i'cgnante  donino  nosti'o  glorio- 
sissimo  I  principes  sesenandc  diac:  |  nonas  decembres.  era.  | 
d.c.LXXi ;  II  f.  43''  Dum  studio  honoris  xpi  hac  |  diligentia  reli- 
i  giosissimi.  sise|nandi.  regis  hyspaniae  at|que  galliae  — 

f.  44  hr|missimum  disponatur.  |  i  Secundum  diuinas  scrip- 
turas  I  — 

f.  07  (lxxv)  etia  ,ppria  suscriptitine  ut  pmaneant  roborant^,  | 
Ego  esidorus  in  xpi  nomine  occlesie  spalensis  |  — 

f.  08''  Egila  in  xpi  nrnTi.  occl  exoniensis  c^ps.  hoc  statuta,  ss. 
explic.  I  Incip  capitula.  concilii.  toletani;  j  i  De  tide —  xviii.  Ut 
nemo  intendat  in  interitum  regis;  ||  f.  (59  Incip.  conciliuin;  tole- 
tanuni :  editum,    |   sub  cintiliaue,  principes,    ab  epis,  lx„  |  Con- 


634  Reifferscheid. 

uenientibus  not)  hispaniarum  galüp  que  ponti|licibus  summis 
ortodoxi.  et  gloriosissimi  chintilianis  |  —  foras  effundat ;  |  i  Ita- 
que  credimus  et  j)fitemur  sacratissimä  et  omni|potentissimä 
trinitatem  — 

f.  77  (xviii)  et  diuine  dextere  j)tectione  ubique  muniatur,  | 
Ego  sclua  etsi  indignus  ecclesiae  narbonensis  eps,  |  — 

f.  78  Braulio  inmerito  eccl  cesaragustane  eps  iu  bis 
constitutionib;  a  nob  e(J  ss.  |  Incip  canones.  sei  sikiestri.  epi. 
pape  urbis  romo,  |  Canones  constitutum  gradus  uel  religio  qua- 
liter  I  custodiatur  a  sikiestro  eps  urbis  rome  domno  constan|tino 
augusto  — 

f.  78''  ]5sens  uideretur,  |  Nomina  autem  episcoporum  hec 
sunt.  Cantus.  Ciprus,  |  petrus.  habundantius.  — 

f.  79  anas""""    |  Dum  hi  hominis,  uenissent.  — 

f.  82''  iudex  iudicabitur  et  suscripserunt  .cc.LXXxini.  |  epi 
et  XLV.^  pbri.  et  .v.  diac.  et  duo  sequentes  et  au|gustus  et  con- 
stantinus  et  mater  eius  elena,  et  fincxit  |  cauonem  hunc  sihiester 
eps  et  in  urbe  roma  et  in  om|nibus  epis  aspersit  actum  in 
traianas  termas,  |  in.  kl.  lun.  domno.  constantino.  augusto.  | 
.HI.  prisco.  consolis;  explicit  || 


EusEBU  historta  ecclesüistica. 

LXXVI.  22.  membr.  8.  lolionini  11t.  saec.  X. 

f.  2  baec  continet  eeclesiasticae  bistoriae  '  |  Hber  primus 
praefatione  de  ditate  xpi  |  i  Quod  ds  &  diis  &  ci-eator  omniii 
ac  dispensator  uniuer|sorum  ipse  sit  secundum  ea  qu<;  in  lege 
&  pro})b&is  scripta  sunt,  j  — 

f.  2''  XVI  Exemplum  epistolae  abagari  ad  dorn  &  dni  ad 
ipsum  &  eorii  |  quo  consequenter  de  syrorum  lingua  translata 
sit.  I  Explicit  capitula  libri  primi  ousebii  caesarien|sis  epi- 
scopi  do  gratias  amen  |  Successione  scorum  apiorum.  et  tcmpora 

q"<;  I  -  ^        . 

f.  21''  luinc  in  nris  libris  tene|bunt  lucü.  Explicit  üb  pri- 
mus I  Incipit  liber  sccundus  |  Quae  &iä  secundus  eeclesiasticae 
historio  contineat  liber.  |  i  De  uita  &  institutione  aploru  p'  as- 
censionem  xpi.  |  — 


'  Die  Vorrede  Riifins   frlilt 


Die  Bibliotheken  Pieiiioiits.  G3Ö 

) 

f.  S7  (xxytO  soter  |  episcopxis  etiaiii  uiiuMidi.  tinein  t'ecit.  | 
Finit  libc^r  lui  ]  liaec  iiani  über  oontinet  quiiitnö.  |  i  Quanti  et 
(liK-njadnioduni  sab  uero  aput  galliani.  |  pro  pietate  subiei'int 
iiiurteni.  |  — 

f.  87''  XXX  Qualis  moribus  fuerit  cjuoqiu;  pacto  sacroscos 
libros  I  teraerare  aiisus  sit.  |  Iii;itui"  soteri  episcopo  octo  annis  in 
urbe  roma  saceixlotio  |  ministrato.  — 

f.  114  Et  illi  oins  ante  soterem  presbyteri  (|iü  |  ecclesiae 
Olli  tu  nunc  praees  sacerdotium  tenuerunt.  a  nice|tuni  dico  a  piuni 
yginum  que  &  telesforum  &  xystum  |  neque  ipsi  ita  tenuerunt 
neque  hi  qui  cum.  ||  f.    114^  leer  || 


Gregorii  Magni  liomiliae  hi  Ezechielem. 

LI.  33.  ineiiilir.  CirnsKoctav.  roliorum   KM.  saec.  X. 

f.  2  III.  piisf.  Onnd  .1.  1  Di'  omptis  asspiratione  de  eze| 
cliiel-  propheta  locutui'us  prius  debeo  tem|pora  &  modos  aperire 
propliete.  ut  dum  |  ^ccessus  eins  ostenditur.  iiiitus  melius  cog-- 
uoscat.  j  Propli&iae  tempi'a  tria  sunt,  scilic*  pr^'teritum  |  praesens 
4  futurum.  — 

i".  10''  dabit  uerba  utilia  |  omnipotens.  uerbum  qnod  pro 
nubis  incarna|tum  uiuit  &  regnat  cum  patre  in  unitate  sps  sei  | 
ds  per  omnia  saecula  saeculorum*.  |  Explicit.  liomelia  prima  in 
hiezeehiel  |  propheta.  Incip  |  propheta.  Incip  ciusdem  secunda  || 
f.  1 1  Vsu  I  propheticf;  loeutionis  est.  ut  pi'ius  psonam  ÜMiipus  | 
locumque  describat  &  postmodum  — 

f.  21  quia  ipsura  de  quo  loquimnr  habemus  |  adiutorem. 
qui  uiuit  &  regnat  etc.  Explicit  |  homelia  secunda  Incipit  tertia.  | 
Scä  quattuor  animalia  qup  p  prophetiac;  spü  futura  pre|uidentur. 
subtil i  nari'atione  describuntiir  — 

f.  ,'i()  sit  laus  acterne  sapienti(;.  |  (|iii  iiiult  etc.  aiiifu.  Ex- 
|ilic  I  homelia  tcirtia  Inci})it  quarta.  |  Per  scrTFi  prophetiae  spTii 
i  pennata  animalia  sub|tiliter  describuntur.  — 

f.  ?>1  liabentes  adiutorem  unicum  patris  |  ilini  xjTni  diim 
nfni  qui  cum  eo  uiuit  efc.  amen  |  Explicit  homelia  <puirta 
!  Incip  quiiita  |  O  quam  niira  est  profunditas  elo(|ni(»rum  di.  lib&  | 
huic  intendere  — 

'  LXXVI  786.  Die  Vorrede  au  Marianns  fehlt  —  2  Ezechiele  —  '  Amen  add. 

Sitxb.  d.  iiUil.-hist.  U.  LXVni.   H.l    IM,   Uft.  41 


636  Reif  ferse  hei  d. 

f.  44  (lemus  ei  g-loria '  demiis  laudem.  qui  uiuit  &  regnat  | 
etc.  amen.  Explicit  homelia  quinta  |  Incipit  sexta  ||  f.  44*^  Tene- 
brosa  aqua  in  uubibus  aeris.  quia  obscura  est  |  scientia  in 
prophetis  — 

f.  55  In  auctore  omnium  dÖ'^  dno  nro  ihü  xpo  |  confidentes. 
qui  uiuit  etc.  amen  Expl  homelia  |  sexta.  Incipit  septima.  |  Sicut 
nostis  frs  kmi  consuetudo  prophetiae  est.  nunc  ista  |  nunc  illa 
aspicere. — 

f.  C)l^  sed  in  aduocati  nri  alliga|tione  confidamus.  Qui 
uiuit  etc.  amen  Explicit  |  homelia  septima  Incipit  octaua.  |  Quod 
p  exempla  iustorum  multi  proticiant'l  superius^  lücu|tionis  line  — 

f.  82^  descendit  de  caelo  &  dat  uitä  mundo.  Qui  uiuit  etc. 
amen.  |  Explicit  homilia  octaua  |  Incipit  homelia  nona.  |  Initium 
libri  in  hiezechiel  propheta  magnis  obscuri^tatib;  |  clausum. 
&  quibusdam  mysteriorü  nodis  ligatü  (i  ex  e).  — 

f.  97''  Unigenitus  quippe  est  omnipti  patri  coaeteri)/  |  Qui 
cum  eo  uiuit  etc.  amen  Explicit  humelia  |  nona.  Incipit  humelia 
decima.  ||  f.  98  Solent  quidam  scripta  sacri  aeloquii  legeutes 
cum  I  sublimiores  — 

f.  113''  aspirante  cogitemus.  &  ipsum^  adiu|uante  faciainus. 
Qui  uiuit  etc.  amen  Explicit  |  humelia.  decima.  Incipit  undecima.  ( 
[nter  cetera  prophetiae  miracula  hoc  quoque  mirandum  |  — 

f.  123  ex  sua  nos  lirmitate  roboraret.  ihs  xps  diis  '•  qui  uiuit  |  — 
amen  Explicit  humelia  |  undecima.  Incipit  dnodecima.  |  Seruata 
ueritatem  cai^r.  hystorie  diuina  eloquiä  |  aliquando  ex  teinpr.  — 

f.  134  etiam  super  spiritus  qui  sunt  sine  carne  roborare.  | 
ihs  xps  diis^'  qui  uiuit  etc.  amen  |  Explicit  homelie  )  exposite  ( 
super  hiezechihel  j  propheta  numero  |  duodecim  pars  pri|ma. 
paulus  diaco  |  hunc  librum  scri|bere  rogauit.  uiuat  |  in  diio 
seniper  cum  j  omnibus  amicis  suis  |  amen.  Leo  ds  hunc  libiann 
conscripsit  do  gras  ||  f.  134''  Labor  scribentis.  refectio  legentis. 
haec  deficit  corpore,  ille  pi'oficit  |  mente  Quisquis  in  eo  pro- 
ficeris.  mihi  fratri.  leone  meminisse  digneris.  |  Qui  hunc  propriis 
manibus  exaraui  librum  hiezechielis  propheta''  |  ut  diis  inuocatus 
inmemor  sit  iniquitatibus  meis.  et  pro  uoce  oratio|nis  mercedem 
accipi^es  in  die  iudicii  quando  scis  suis  tribuere  iusserit  |  re- 
munerationem  O  (piando  dulcis  est  nauigantib;  portus.  ita  scrip| 
tori  nouissimus  uersus.    Tria  digita  scribunt.  totus  corpus  labo- 

1  gloriam  —    '^  Deo  et  —  ^  proticiunt  —  *  superioris  —  ^  ipso  —  ^  uoster  add. 


Die  Bibliotheken  Pieiuoiits.  ß37 

} 

rat  I  Dorsuin  inclinnt  costas  in  ucntrem  nierj^it.  &  omne  fasti- 
dium  I  corporis  nutrit.  Idcu  tu  lector  leiiiter  tolia  uersa  manns 
laua  et  I  Sic  libruin  tenc.  &  ei  aliquid  pro  uestitura  constej-ne.  || 

Gregorii   Maoni  moraiia. 

LXV.  71.  ineiiibr.  4.  foliorum   112.  sanc.  X. 

f.  1  Incipiunt  capi|tu]a  '  libi'i  inora|lia  pars  iiiita  in  iob  j  expo- 
situm  a  sco  |  greg-orio  papa  |  Pauit  oii  sterilem  &  quae  non 
parit  I  &  uiduae  bene  non  facit.  |  —  Ecce  haec  ex  parte  dicta 
sunt  uiarti  eins  —  illius  mag-nitudinis  intueri.  || 

i.  1''  Quotiens-  in  sei  uiri  |  liistoriani'^  per  ni)uuni  uuluni  | 
enodare  mysteriuni  typicae  |  — 

f.  14  (xxxiii)  quis  poterit  tonitruum  magnitudinis  illius 
intueri  y  finit  amen.  |  Addidit  quoq;  iob  adsumens  parabolam  | 
suani  &  ait.  |  — 

f.  14"'  Nee  eummutabuntur  pro  ea  uasa  auri  |  exeellentia 
^  &  eminentia  ^  |  Plerumq;  in  sacro  elo|quiu  sie  nonnuUa 
invstica  de|scribuntur.   — 

t.  40  (piasi  per  discurrentia ^  tlumiua  sumimus.  in  ipso 
suo  fönte  biberimus  (in  ras.)  \  Finit  liber  xvii.  ■'  ||  f.  40''  Vulu- 
cres  quoque  caeli  lati;  |  —  Gloria  mea  semper  innouabitui-.  | 
Quid  niirum  si  aeterna  di  sapientia  conspiei  non  ualet  quando  |  — 

f.  öS""  restaurari  semper  Studium^'  subsequentiuni  |  eredebat. 

Explicit  liber  xviii.  |  Qui  me  audiebant  expectabant  sententia  |  — 

'  Hersa    est    in    luctu    cythara  mea  |  &  Organum    meum  |  in    iioce 

j  Üentiuni.  |  Quamuis  omnem  scientiam  atq;  doctrinam  scriptum    | 

'  Sacra  sine  aliqua  coparatione  transcendat.  — 

f.  83  mysteria  traliimus  ueritatem  fortasse  uacare  uideanjus. ' 
Finit  amen  |  Pepigi  feduscum  oculis  meis.  —  semp  (juasi  tumentes 
sup  me.  I  lutellectus   sacri  eloquii  inter  textum  et  miste|riujn  — 

f.  94  si  ferri  modo  uix  ual&  eins  ira  quae  purgat.  |  Si 
putaui  aurum  rubur  meum  —  Si  fruetus  eins  comedi  abs(][; 
pecunia.  |  Quod  a  me  sepe  iani  dictum  est  hoc  me  crebro  rep&ere 
honerosum  n  e  |  — 

1".  112''  quanto  &  per  iuuentutis  auditiam'^  spü  feruen- 
tiore  proferuntur. ''  |  Fax  legentibus.  credulitas  audientibus  ;  uita 

1  Die  Capitula  leMen  sonst  —  2  Liber  xvii  LXXVI  9  —  »  historia  — 
^  deciirrentia  —  ^  xvni  —  "  per  stiidiiuii  —  ''  vaciiare  videaniur  —  ^  ;m_ 
daciam   —  '*  8clduss  von  lib.  xxii 

41* 


638  Re  if  fers  cheitl.   Die  Bibliotheken  Piemonts. 

facientibus  ]  sicut  naiiigantib;  dulcis  est  portus.  sie  et  scriptori 

nouissim'  uersus  |  tres  nempe  digiti  scribunt.  sed  totum  corpus 
laborat.  |  aw^a  nAOPi.  aw^a  *iai(i).  awJa  cnor.  citw,  11 

Zum  Einband  der  Handschrift   sind    zwei  Blätter  saec.  x 

2  col.    verwendet,    von    denen    das    eine    beginnt:    sicut   umbra 

pretereunt.  "  Non|ne  domus  tua   haec    puhierem   |   et  ruinam.  ~ 

Nonne    haec    oma  |  fabulam.  ~  und  schliesst:    alienos  pedes  re- 

quirunt  ^  |  uti    nesciunt.    Denique  J   |   eis    preeeduntur    a    plur  ; 

das  andere  (hinten)  enthält  ein  Fragment  aus  dem  Hexaemeron 

des  Ambrosius  6,  ,23.  24:  Nonne  totos  dies  con|h'unt  philosophi 

—  creatori  cuius  eibo  pa|scimur.  ~  &  dissimulamus  || 

IsrooEi  sententiarum  libri. 

XLIII.  1.  membr.  Grossoctav.  foliorum  146.  saec.  X. 

f.  3  In  nomine  dni  |  incipi|unt  eapitula  senten|tiaru  beati 
isidori  |  de  libro  primo  |  i  Quud  ds  summus  &  incommutabilis 
Sit.  I  — 

f.  3''  XXXI '  De  gloria  seorum.  |  Incipiunt  eapitula  libri 
secundi  |  i  De  sapientia  —  f.  4^  xliiii  De  abstinentia  siue 
ieiunio. '^  |   Ineipiunt  eapitula  libri  tertii  |  i  De  flagellis  di  — 

f.  6  Lxvi^  De  uitae^  exitu.  |  Explieiunt  eapitula  dö  gra- 
tias  I  Quod  ds  sümus  et  ineommuta|bilis  sit  |  i  Sumnnnn 
bonum  ds  est.  quia  incomniu|tabilis  est  &  eorrumpi  omnino 
non  I  potest.  — 

f.  41  utiq:  ubi  aseendit  ipse.  •'•  &  nos  aseensuri  suu);  |  Ex- 
plicit  liber  primus  I  Ineipit  liber  seeundus  |  De  sapientia  i  | 
Omnis  qui  scdm  diu  sapiens  .e.  beatus  est;  |  — 

f.  85  (xLin)  nullü  usum  adhib&.  sed  &iä  periculü  exhib*.  | 
Explicit  liber  se|eundus.  |  Ineipit  liber  terjtius.  |  De  flagellis 
di.  I  I  Diuine  sapientie  subtilitas  sicut  interius  ut  testis  |  seru- 
tator  yn.  al.  eonscientias.  ita'^  exterius  |  — 

f.  146  Uli  enim  deplorandi  sunt  i  in  niorte. "  quos  miseros 
iiifernus  ex  luic  n/'ia  recipit.'^  \  non  quos  eelestis  aula  letiiieandos 
concludit.  ■'  finit ;  || 

'  XXX  —  -  sive  ieiunin  ovi.  —  '•'  lxii  — •  ^  oni.  —  •'  ipse  usceiidii  —  ''  sie  — 
^  morte  —  ^  p.ig  Cursivgedruckte  an  freigelassener  Stelle  von  Milderer 
Hand  liiiizngefügt  —   "  incliidit 


XVII.  SITZUNG  VOM  21.  JUNI  1871. 


Der  Secretär  legt  eine  Zuschrift  des  Curatoriums  vor, 
womit  eine  Anzeige  des  k.  k.  Generalconsuls  in  Barcellona 
über  die  im  Werk  begriffene  photographische  Ausgabe  der 
Ispanischen  Original-Edition  des  Don  Quixote  de  la  Mancha 
zur  Kenntniss  der  k.  Akademie  gebracht  \v4i"d, 

und  ferner  eine  von  A.  v.  Münchhausen  in  Hannover 
eingesendete  Aufzeichnung  über  die  Glockeninschrift  in  Feld- 
bach in  Steiermark. 


Das    wirkl.  Mitglied    flerr  Dr.   Pfizmaier    legt  eine  Ab- 
handlung vor  ,Ueber  den  Geisterglauben  im  alten  China'. 


An  Druckschriften  wvirde  vorgelegt: 

Jesellschaft,  anthropologische,  in  Wien:  Mittheihingen.  I.  Band.  Nr.  8  —  9. 

Wien,   1871;  8". 
-  geographische,   in  Wien:   Mittheilungen.    N.    F.    1.    1871.    Nr.  6.    Wien,  8^ 
stitnto,  R.,  Veneto  di  scienze,  Lcttere  ed  Arti:  Atti.  Tomo  XVI",  Serie  Illa, 

Disp.  6a.  Venezia,   1870—71;  8". 


640 

Mittlieilungen  rler  k.  k.  Central-Commission  zur  Erforschung  und  Erhal- 
tung der  Baudenkniale.  XVI.  Jahrgang.  Mai       Juni   1871.  Wien;  4". 

Revue  des»  cours  scientifiques  et  litteraires  de  la  France  et  de  l'etranger. 
VII.  Aunee,  Nrs.  51  et  52.  Paris  et  Bruxelles,  1871 ;   4". 

Vecchia,  Salvatore  della,  La  terza  Roma,  armonia  tra  chiesa  e  stato. 
Bojano,   1871;  S". 

Verein,  siebenbürgischer,  für  romanische  Literatur  und  Cultur  des  romani- 
schen Volkes.     Anulu  IV,  Nr.   10  —  12.  Kronstadt,   1871;  4". 


Pfizmaier.    Der  Geisterglaube  in  ilem  alten  C'liina  041 

5 


Dpi"  CTpistprglaiil)o  in  dem  alten  China. 

Von 

Dr.  A.   Pfizmaier, 

wirkl    Mitglied  der   k.  Akademie  der  Wisseuschaften 

J_/ie  vorliegende  Abhandlung  enthält  vorerst  eine  Reihe 
Aufzeichnungen  über  altchinesische  Göttei-  und  Geister,  mit 
Ausschluss  der  einer  späteren  Zeit  angehörenden  budhistischen 
Gottheiten.  Das  Gelieferte  gibt  Nachricht  von  diesen  auf  die 
verschiedenartigsten  Urspi'ünge  zurückzuführenden  Wesen,  deren 
Eigenschaften  und  Beziehungen  zu  den  Mensclien. 

Die  Dämonen,  von  denen  zunächst  gehandelt  wird,  sind 
grösstentheils  Geister  verstorbener  Personen,  bisweilen  Wesen 
untergeordneter  Art,  die  nach  Umständen  für  den  Menschen 
wohlthätig  oder  verderl)lich  sind.  In  grosser  Ausdehnung  wird 
von  Geistererscheinungen  und  der  Rückkehi"  Verstoi-bener  be- 
richtet, wobei  nicht  unerwähnt  gelassen  wird,  dass  es,  beson- 
ders unter  den  Gelehrten,  auch  Ungläubige  gab,  die  das  Da- 
sein der  Dämonen  läugneten. 

In  einem  Anhange  werden  noch  beglaubigte  Beispiele  von 
Scheintod  mitgetheilt.  Die  bezüglichen  Nachi'ichten  sind  zum 
Theil  historisch,  enthalten  jedoch  Manches,  das  an  sich  schwer 
erklärbai-  und  kaum  glaublich  ist.  Andere,  namentlich  die  aus 
idem  Seu-schin-ki  (die  Geschichte  des  Suchens  der  Götter), 
einem  nur  mit  Wunderdingen  sich  befassenden  Werke  ge- 
schöpften, sind  von  der  Art,  dass  sie,  ungeachtet  eines  gewissen, 
ihnen  verliehenen  historischen  Anstriches,  als  reine  Ausflüsse 
des  Geisterglaubens  betrachtet  werden  müssen. 

Von  einigem  Interesse  dürfte  es  ferner  sein,  dass  das  von 
den  katholischen  Missionären  für  ,Gott^  gebi'auchte  ^  ^  thien- 
tschü    ,der  Vorgesetzte  des  Himmels',  ein  Ausdruck,    den  man 


(342  Pfizinaier. 

für  eine  Erfindung'  der  Väter  von  der  Gesellschaft  Jesu  hielt, 
zum  erstenmale  in  diesen  Aufzeichnungen  angetroffen  wurde. 
Derselbe  bezeichnet  den  ersten  der  in  dem  Buche  der  Han, 
in  den  Denkwürdigkeiten  von  dem  Erdopfer  in  den  Vorwerken 
erwähnten  acht  Grötter  oder  acht  göttlichen  Anführer.  Der 
zweite  dieser  göttlichen  Anführer  heisst  qp  j^  ti-tschü  ,der 
Vorgesetzte  der  Erde',  der  dritte  ^  JS;  jiiug-tschü  ,der  Vor- 
gesetzte  der  Angriffswaffen'  u.  s.  f. 


Der  Grundriss  des  Flusses  sagt: 

Der  Gott,  der  grasgrüne  Kaiser  der  östlichen  Gegend, 
heisst  mit  Namen  Ling-wei-yang  (das  Emporblicken  der  rein 
geistigen  Furchtbarkeit  der  Macht).  Sein  Gespenst  ist  ein 
grüner  Drache.  Der  Gott,  der  rothe  Kaiser  der  südlichen 
Gegend,  heisst  mit  Namen  Tschi-piao-nu  (der  Zürnende  des 
aufflackernden  Feuers).  Sein  Gespenst  ist  ein  hellrother  Vogel. 
Der  Gott,  der  gelbe  Kaiser  der  mittleren  Gegend,  heisst  mit 
Namen  Han-khiü-nieu  (der  das  Band  der  Thürangel  in  dem 
Munde  Haltende).  Sein  Gespenst  ist  ein  Einhorn.  Der  Gott. 
der  weisse  Kaiser  der  westlichen  Gegend,  heisst  mit  Namen 
Pe-tschao-khiü  ( das  weisse  herbeirufende  Winkelmass).  Sein  Ge- 
spenst ist  ein  weisser  Tiger.  Der  Gott,  der  schwarze  Kaiser 
der  nördlichen  Gegend,  heisst  mit  Namen  Hiä-kuang-ki  (die 
Erwähnung  des  übereinstimmenden  Lichtes).  Sein  Gespenst 
ist  der  ursprüngliche  Kriegerische. 

Der  Grundriss  des  Flusses  der  Drachen  und  Fische  sagt: 

Der  Jahresstern  des  Himmels  (Jupiter)  ist  der  Tugend 
und  Beglückwünschung  vorgesetzt.  Sein  Gespenst  kommt  herab 
und  ist  der  Gott  des  grossen  Altares.  Der  Stern,  das  grosse 
Weiss  des  Himmels  (Venus)  ist  dem  Unheil  durch  die  Waffen 
voi'gesetzt.  Sein  Gespenst  kommt  herab  und  ist  der  Gott  des 
Meisters  des  Regens.  Der  Stern  der  Verirrung  des  Lichtes  des 
Himmels  (Mars)  ist  dem  Vorsteher  des  Unrechts  vorgesetzt. 
Sein  Gespenst  kommt  herab  und  ist  der  Gott,  der  Aelteste  des  | 
Windes,  Der  erschütternde  Stern  des  Himmels  (Mercur)  ist  dem 
Vorsteher  der  Wetterschäden  der  Luft  vorgesetzt.  Sein  Ge- 
spenst kommt  licrab  und  ist  der  dem  Ackerbaue  vorangehende 


Der  Geisterglaube  in  dem  alten  China.  u4o 

Gott.  Der  niederdrückende  Stern  des  TTimniels  (Saturn)  ist 
der  Beglückwünschun^-  des  Erlangens  der  vnrzüfiliclien  Männer 
vorg-esetzt.  Sein  Gespenst  steigt  herab  und  ist  der  Gott  des 
reingeistigen  Stei-nes. 


Der  Gott^  der  Gebieter  des  grossen  Berges  der  östlichen 
Gegend  führt  den  Geschlechtsnamen  Yuen  (rund).  Sein  Name 
ist  Tschang-lung  (der  beständige  Drache).  Der  Gott,  der  Ge- 
bieter des  Berges  Heng  der  südlichen  Gegend  führt  den  Ge- 
schlechtsnamen Tan  (Mennig).  Sein  Name  ist  Ling-tsch'hi  (der 
reingeistige  schroffe  Berg).  Der  Gott,  der  Gebiete)-  des  ])lii- 
migen  Berges  der  westlichen  Gegend  führt  den  Geschlechts- 
namen PTao  (Wasserfluth).  Sein  Name  ist  Yo-scheu  (die  düstere 
Winterjagd).  Der  Gott,  der  Gebieter  des  Berges  Heng  der 
nördlichen  Gegend  führt  den  Geschlechtsnamen  Teng  (empor- 
steigen). Sein  Name  ist  Seng  (Bonze).  Der  Gott,  der  Gebieter 
des  Berges  Suug  der  mittleren  Gegend  führt  den  Geschlechts- 
namen Scheu  (Langjährig-kcit).  Sein  Name  ist  Yi  (müssig). 
Wenn  man  ihn  in  Scharen  anruft,  bewirkt  man,  dass  der 
Mensch  nicht  erkrankt. 

Der  Heerführer  des  grossen  Berges  der  östlichen  Gegend 
führt  den  Geschlechtsnamen  Thang  (grosssprcchcrisch).  Sein 
Name  ist  Tschin  (Diener).  Der  Heerführer  des  Berges  Hu  der 
südlichen  Gegend  führt  den  Geschlechtsnamen  Tschü  (hellroth). 
Sein  Name  ist  Tan  (Mennig).  Der  Heerführei-  von  lloa-yin, 
der  westlichen  Berghöhe,  führt  den  Geschlechtsnamen  (das 
Reich)  Tseu.  Sein  Name  ist  Schang  (schätzen).  Der  Heer- 
führer des  Berges  Heng,  der  nördlichen  Berghohe,  führt  den 
Geschlechtsnamen  Mo  (Niemand).  Sein  Name  ist  Hoei  (Güte). 
Der  Heerführer  des  hohen  Berges  ISung,  der  mittlercsn  Berg- 
höhe, führt  den  Geschlechtsnamen  Schi  (Stein).  Sein  Name  ist 
Yuen  (Ursprung).  Wenn  man  ihm  immer  das  Dasein  gibt, 
wirft  man  die  hundert  unrechten  Dinge  zurück. 

Der  Gebieter  des  östlichen  JMeeres  führt  den  Geschlechts- 
namen Ping  (sich  verlassen).  Sein  Name  ist  Sieu-tsing  (das 
Grüne  ordnend).  Seine  Gemahlin  führt  den  Geschlechtsnamen 
Tschü  (hellroth).     Ihr  Name  ist  Yin-ngo  (das  unsichtbare  Gute). 


ß4:4  Pfizmaier. 

Der  Gebieter  des  südlichen  Meeres  führt  den  Geschlechtsnamen 
Schi  (sehen).  Sein  Name  ist  Tschi  (roth).  Seine  Gemahlin 
führt  den  Geschlechtsnamen  I  (Federfächer).  Ihr  Name  ist 
Yi-liao  (müssig  und  leer).  Der  Gebieter  des  westliches  Meeres 
führt  den  Geschlechtsnamen  Keu-ta  (Grösse  des  Abschnittes). 
Sein  Name  ist  Khieu-pe  (das  Hundert  der  Erdhügel).  Seine 
Gemahlin  führt  den  Geschlechtsnamen  Liug  (reingeistig).  Ihr 
Name  ist  Su-kien  (die  ungeschmückte  Schreibtafel).  Der  Ge- 
bieter des  nördlichen  Meeres  führt  den  Geschlechtsnamen  Schi 
(recht).  Seine  Name  ist  Yü-tschang  li  (Gasse  des  Vorhangs  des 
Königs  Yü).  Seine  Gemahlin  führt  den  Geschlechtsnamen  Ke 
(knüpfen).     Ihr  Name  ist  (Pflanze)  Lien-kiao. 

Der  Fürst,  der  Aelteste  des  Flusses,  führt  den  Namen 
Tse  (Sohn).  Seine  Gemahlin  führt  den  Geschlechtsnamen  Ping 
(sich  verlassen),  Ihr  Name  ist  I-kiün  (gemächlicher  Gebieter). 
Die  Namen  der  Götter  der  vier  Meere  und  des  Flusses  kann 
man  zugleich  erbitten.  Wenn  man  sie  ruft,  wirft  man  die  Luft 
der  Dämonen  zurück. 

Der  Gott  des  Haupthaares  führt  den  Namen  Scheu-tschang 
(der  Aelteste  der  Langjähi-igkeit).  Der  Gott  des  Ohres  führt 
den  Namen  Kiao-niü  (die  zarte  Tochter).  Der  Gott  des  Auges 
führt  den  Namen  Tschü-yang  (der  Perlenglanz).  Der  Gott  der 
Nase  führt  den  Namen  Yung-lu  (Ofen  der  Tapferkeit).  Der 
Gott  der  Zähne  führt  den  Namen  Tau-tschü  (das  Hellroth  des 
]\Iennigs).  Wenn  man  sich  in  der  Nacht  niederlegt  und  ihn 
ruft,  hat  man  Kümmerniss.  Auch  wenn  man  ihn  sogleich  ruft, 
geht  man  neunmal  hinüber  zu  bösen  Dämonen  und  wird  zurück- 
geworfen. 

Das  Buch  der  Han  sagt: 

Kao-tsu  wandelte  nächtlich  in  einem  Sumpfe.  Er  sah 
eine  grosse  Schlange  auf  dem  Fusswege.  Er  trat  vor,  zog  das 
Schwert  und  zerhieb  die  Schlange.  Später  kamen  Menschen 
und  gelangten  zu  dem  Orte,  wo  die  Schlange  sich  befunden 
hatte.  Sie  sahen  ein  altes  Mütterchen,  das  in  der  Nacht  weh- 
klagte. Die  Menschen  fragten  sie,  wai-um  sie  wehklage.  Das 
Mütterchen  sprach:  Ein  Mensch  hat  meinen  Sohn  getödtet.  — 
Die  Menschen  sprachen:  Wie  kam  es,  dass  der  Sohn  des 
Mütterchens  getödtet  ward?  —  Sie  sprach:  Mein  Sohn  ist  der 
Sohn  des  weissen  Kaisers.   Er  verwandelte  sich  in  eine  Schlange 


Der  Geisterglaube  in  dem  alten  Cliina.  64J) 

auf   (km   We^e.     Jetzt    hat    dcM'    Sohn    des    rothcn   Kaisers    ihn 
zerhauen.  —  Dabei  wurde  sie  j)l(Jtzlieh  uusiehtbar. 


Tschaug-lianp;  lustwandelte  einst  auf  der  Erdbrückc  von 
Hia-pei.  Ein  alter  Vater  kam  zu  dein  Orte,  wo  Liang  sieh  be- 
fand. Er  Hess  seine  Schuhe  g-erade  unter  den  Weg  fallen  und 
sagte  zu  Liang:  Knabe,  gehe  hinab  und  hole  die  Sehuhe.  — 
Liang  holte  sie  demgcinäss.  Der  Vater  blickte  ihn  lächelnd 
an  und  entfernte  sich.  Liang  gerieth  in  ungowcihnlich  grossen 
Schrecken.  Der  Vater  hatte  sich  eine  Weglänge  entfernt,  als 
er  wieder  zurückkehrte.  Er  sprach:  Knabe,  du  kannst  belehrt 
werden.  Nach  fünf  Tagen,  beim  Anbruch  des  Tages,  tritt"  mit 
mir  zusammen.  —  Liang  war  verwundert.  Er  kniete  nieder 
und  sagte:  Ja.  —  Nach  fünf  Tagen,  beim  Anbruch  des  Tages 
ging  er  hin.  Der  Vater  befand  sich  schon  früher  dort  und 
sprach  zürnend:  Warum  bist  du  bei  einem  alten  Menschen  zu 
spät  gekommen?  Nach  fünf  Tagen  trifl*  wieder  mit  mii'  zu- 
sammen und  komm  fiiihzcitig.  —  Liang  ging  um  IMitternacht 
hin.  Nach  einer  Weile  kam  der  Vater  ebenfalls  und  sprach 
freudevoll:  So  soll  es  sein.  —  Er  nahm  ein  Heft  Geschriebenes 
hei-vor  und  sprach:  Wenn  du  dieses  liesest^  wirst  du  ein  Lehr- 
meister der  Könige  werden.  Nach  dreizehn  Jahren  möge  der 
Knal)e  mich  besuchen.  Ich  bin  dei-  gelbe  Stein  unter  den 
Älauern  von  Kö-tsching  in  Thsi-pe.  —  Jener  blickte  in  das 
Geschriebene.     Es  war  die  Kriegskunst  des  grossen  Eüi-sten. 

Die  in  dem  Buche  der  Han  enthaltenen  Denkwüi'digkeitcn 
von  dem  Erdopfer  in  den  Vorwerken  sagen: 

Ln  neunten  Jahre  des  Fürsten  Wen  von  Thsin  sagte 
Hoe-jü-schi:  Der  Tempel  der  Feste  der  nöi-dlichen  Bergwand 
von  Tschin-thsang,  sein  Gott  kommt  manchmal  durch  ein  Jahr 
nicht  herbei.  Manchmal  kommt  ei-  in  einem  Jahre  mehrmals. 
Wenn  er  kam,  glänzte  er  in  der  Nacht  wie  Sternschnuppen. 
Er  kam  aus  der  östlichen  Gegend  und  setzte  sich  auf  die  Feste 
des  Tempels  wie  männliche  Fasanen.  Seine  Stimme  war  voll- 
tönend und  sagte:  Das  Feldhuhn   singt  in  der  Nacht. 


B46  P  f  i  z  in  ii  i  e  r. 

Der  Kaiser  des  Anfangs  lustwandelte  an  den  Ufern  des 
Meeres,  übte  die  Gebräuche,  opferte  den  berühmten  Bergen, 
den  grossen  Rinnsälen  und  den  acht  göttlichen  Anführern.  Die- 
ses ist  seit  dem  Alterthum  gewesen.  Einige  sagen,  man  habe 
es  seit  den  Zeiten  des  grossen  Fürsten  gethan.  Von  den  acht 
Göttern  heisst  der  erste:  der  Vorgesetzte  des  Himmels  (thien- 
tschü).  Der  zweite  heisst:  der  Vorgesetzte  der  Erde.  Der 
dritte  heisst:  der  Vorgesetzte  der  Angriffswaffen.  Der  vierte 
heisst:  der  Vorgesetzte  des  Yin.  Der  fünfte  heisst:  der  Vor- 
gesetzte des  Yang.  Der  sechste  heisst:  der  Vorgesetzte  der 
Sonne.  Der  siebente  heisst:  der  Vorgesetzte  des  Mondes.  Der 
achte  heisst:  der  Vorgesetzte  der  vier  Zeiten. 


Als  Kaiser  Wu  zu  seiner  Würde  gelangt  war ,  ehrte  er 
überaus  das  Opfer  für  die  Götter  und  Geister.  Der  Kaiser 
suchte  die  göttliche  Gebieterin  und  beherbergte  sie  in  Schang- 
lin,  in  dem  Gastgebäude  des  Geschlechtes  Si.  Die  göttliche 
Gebieterin  ist  ein  junges  Weib  aus  Tschang-ling.  Dieselbe 
starb  an  der  Milch  und  erschien  ihrer  Schwägerin  Wan-jö  als 
Geist.  Wan-jö  opferte  ihr  in  ihrem  inneren  Hause.  Die  Ge- 
bieterin von  Ping-yuen  ging  ebenfalls  hin  und  opferte  ihr. 
Später  waren  Söhne  und  Enkel  geehrt  und  berühmt. ' 


Mö-ki,  ein  Mensch  von  Pö,  meldete  an  dem  Hofe:  Der 
vornehmste  Gott  des  Himmels  ist  das  grosse  Einzige.  Die  Ge- 
hilfen des  grossen  Einzigen  heissen:  die  fünf  Kaiser. - 


Fä-ken  von  Yeu-schui  sagte:  In  der  oberen  Landschaft 
lebt  ein  Zauberer.  —  Wenn  er  krank  ist,  steigen  die  Geister 
zu  ilira  herab.  —  Der  Kaiser  berief  ihn  zu  sich  und  setzte 
ihn   nach  Kan-tsiuen.     Als  er  (der  Kaiser)  erkrankte,  schickte 

'  Die  Gebieterin    von  Ping-yuen   ist   die    Grossmutter   des   Kaisers  Wu  von 

mütterlicher  Seite. 
-  Der    grüne  Kaiser    Ling-wei-yang,    der  rothe   Kaiser    Tschi-pian-nu ,   der 

gelbe  Kaiser  llan-kbiü-nieu,  der  weisse  Kaiser  Pe-tschao-khiü,  der  schwarze 

Kaiser  Ilia-kuang-ki. 


l>fr  Geistergliuilio  in  ileni  alten  Cliina.  G47 

) 

er  Leute  aus,    welelie  die  g(Jttliche  Gebietei-iii   befVas^ten.     Die 
g-üttliche  Gebieterin    sprach:    Der  Hiirnnelss(jhn    sei  we<;-en   der 
:  Krankheit    unbesorgt.     Die    Krankheit    wird    bald   geheilt  sein. 
I  Möge    er  trachten,    mit    mir    in  Kan-tsiuen    zusammenzutreffen. 
I  —  Hierauf   war  der  Kaiser  von   seiner  Ki'ankheit  geheilt,  und 
I  er  besuchte  sofort  Kan-tsiuen.     Als  seine  Krankheit  bereits  ge- 
j  hoben    war ,    Hess    er    allgemeine  Verzeihung    angedeihen    und 
setzte  die  göttliche  Gebieterin  des  Palastes   der  Langjährigkeit 
ein.     Die  göttliche  Gebieterin  war    die  Vornehmste   und  hiess: 
j  das   grosse    Einzige.      Ihre    Gehilfen    hiessen :    die    gi-osse  Ver- 
i  wehrung.     Gottheiten ,    wie  der  Vorsteher    des  Lebensloses  ge- 
I  hörten  zu  ihrem  Gefolge.     Man  konnte    sie  nicht  zu  sehen  be- 
[  kommen ,    sondern    hörte    ihre  Worte.     Ihre  Worte    waren   von 
;  derselben  Art,  wie  die  Laute  der  Menschen.    Sie  entfernte  sich 
I  zu  Zeiten,  kam  zu  Zeiten,  und  dann  erhob  sich  rasch  ein  Wind. 
Sie    wohnte    in    einem    Zelte    des    inneren    Hauses.     Zu  Zeiten 
sprach  sie  am  Tage,  gewöhnlich  aber  in  der  Nacht.   Der  Him- 
melssohn trat  erst  ein,  nachdem  er  die  bösen  Einflüsse  gebannt 
hatte.    El-  machte  den  Zauberer  zu  ihrem  Wirthe  und  Hess  ihn 
von    Speise    und  Trank  verabreichen,  was    sie  wünschte.     Eire 
Worte  gelangten  herab  und  gingen  umher.     Er   erbaute  ferner 
den  Palast  der  Langjährigkeit,  den  nördlichen  Palast,    spannte 
Flügelfahnen  und  Hess  Geräthschaften  der  Darreichung  aufstellen, 
um    die    Gebräuche    zu    üben.     Was    die    göttliche    Gebieterin 
sprach,  Hess  der  Kaiser  in  ein  Buch  eintragen.     Dasselbe  hiess 
mit  Namen :    Die  vollständigen  Vorschi-iften.     Was   sie   sprach, 
waren  Dinge,  die  man  in  der  Welt  allgemein  wusste.      Es  war 
:in  ihnen  nichts  überaus  Besonderes,  und  dei-  Himmelssohn  Avar 
I allein  im  Herzen  darüber  erfreut.     Die  Sachen  blieben  geheim, 
iund  die  Welt  erfuhr  von  ihnen  nichts. 


Kung-sün-king  sagte:  Ich  sah  einen  göttlichen  Menschen 
auf  den  Bergen  von  Tung-lai.  Es  war,  als  sagte  er,  er  wol!(; 
den  Himmelssohn  sehen.  —  Der  Himmcdssohn  besuchte  jetzt 
die  Feste  von  Keu-schi  und  ei-nannte  King  zu  einrm  Grossen 
der  Mitte.  Hierauf  gelangte  er  nach  Tung-lai.  Er  übernachtete, 
verweilte  mehreren  Tage  und  s.-di  nichls.  Er  sah,  wie  man 
sagt,  die  Fussspuren  eines  grossen  Menschen. 


G48  Pfizmaier. 

Man  braclite  das  Opfer  den  göttlichen  Menschen  in  dem 
Palaste  des  Thores  der  Verbindung,  als  ob  man  sich  zu  dem 
Sitze  *  kehrte  und  anbetete.  Einige  sagten :  In  Yi-tscheu  be- 
iluden sich  Götter  des  goldenen  Pferdes  und  des  lasurblauen 
Huhnes.  Man  kann  ihnen  opfern  und  sie  zur  Stelle  schaffen. 
—  Hierauf  entsandte  man  den  tadelnden  Grossen  Wang-piao. 
Man  liess  ihn  eine  Beglaubigungsmarke  in  den  Händen  halten 
und  jene  Götter  suchen. 


Kö-yung  hielt  eine  Rede  vor  dem  Kaiser  Tsching,  wurin 
er  sagte:  Einst  wollte  Tschang-hung,  der  Vermerker  von  Tscheu, 
durch  die  Kunst  der  Götter  und  Geister  stützen  und  leiten  den 
König  Ling.  Man  versammelte  an  dem  PTofe  die  Lehensfürsten, 
aber  Tsclieu  ward  immer  unbedeutender,  die  Lehensfürsteu 
iielen  ab.  Hoai,  König  von  Tsu,  opferte  i'eichlich,  diente  den 
Göttern  und  Geistern.  Er  wollte  dadurch  Segen  erlangen  und 
Hilfe  beim  Zurückwerfen  des  Heeres  von  Thsin.  Aber  seine 
Streitmacht  wurde  erdrückt,  Land  wurde  abgeschnitten,  er  selbst 
hatte  Schande,  das  Reich  gerieth  in  Gefahr.  Der  Kaiser  des  An- 
fangs aus  dem  Hause  Thsin  einverleibte  die  Welt,  hatte  Freude 
an  dem  Wege  der  göttlichen  Unstei'blichen.  Er  entsandte  Leute, 
wie  Siü-fö  und  Han-tschung,  schickte  viele  Jünglinge  und  Mäd- 
chen, die  sich  begeben  sollten  auf  das  Meer,  suchen  die  Götter, 
ptlücken  die  Arzneipflanzen.  Sie  entliefen  dabei  und  kehrten 
nicht  zurück.     Die  Welt  empfand  Groll  und  Hass. 


Das  Buch  der  Han  sagt: 

Kaiser  Wen  sehnte  sich  nach  Ku-I  und  lud  ihn  vor.  Als 
dieser  ankam,  trat  er  ein  und  erschien  zum  Besuche.  Der 
Kaiser  empting  eben  das  übriggebliebene  Opferfleisch  und  sass 
in  seinem  inneren  Hause.  Er  war  dabei  von  den  Dingen  der 
Götter  und  Geister  eingenommen  und  fragte  nach  der  Eigen- 
heit der  Götter  und  Geister.  1  sagte  ihm,  inwiefern  er  ihm 
Recht  gebe,  und  er  sei  desswegen  gekommen.  Um  Mitternacht 
trat  Kaisei'  Wen  zu  dem  Teppiche. 

'   Der   Sitz    ist    der    Ort.    wt)    sicli    das    ]{il(l    desjenigen    befindet,    dem   ge- 
opfert wird. 


Der  Geisterglaube  in  «Jeiii  alten  China.  649 


Das  Buch   dur  späteren    Hau   sagt: 

Pi-kau,  der  Grossvater  iro-sehang's,  führte  den  Jünglings- 
namen Schao-king,  Seine  Wege  waren  erleuchtet,  sein  Wandel 
geordnet.  Er  war  ein  Angestellter  bei  dem  (Jetangnisse  des 
Districtes  Hoai-yin  und  dem  entscheidenden  Richter  zugesellt. 
Er  rettete  auf  sehlichte  Weise  mehreren  tausend  Menschen  das 
Lehen.  In  Hoai-yin  und  Jü-yin  gab  man  ihm  den  Ehrennamen : 
Fürst  des  Geschlechtes  Ho.  Im  dritten  Monate  des  dritten 
Jahres  des  Zeitraumes  Tsching-ho  (90  v.  Chr.)  war  der  Himmel 
in  grosser  Ausdehnung  verfinstert.  Pi-kan  befand  sich  zu  Hause 
und  träumte  am  Tage.  Er  sah,  wie  vornehme  Gäste  mit  Wagen 
I  und  Reitern  sein  Thor  erfüllten.  Als  er  erwachte,  sagte  er  es 
'  seiner  Gattin.  Er  hatte  noch  nicht  ausgeredet ,  als  an  dem 
Thore  achtzig  alte  Mütterchen  erschienen.  Ihre  Häupter  waren 
weiss,  und  sie  begehrten  ein  Obcjach,  um  dem  Regen  zu  ent- 
kommen. So  heftig  es  regnete,  waren  ihre  Kleider  und  Schuhe 
nicht  benetzt.  Als  der  Regen  aufhörte,  sagten  sie  zu  Pi-kan: 
Du  besitzest  die  verborgene  Tugend.  Jetzt  schenkt  dir  der 
'Himmel  Tafeln,  um  zu  verherrlichen  deine  Söhne  und  Enkel. 
—  Dabei  nahmen  sie  aus  ihren  Busen  Beglaubigungsmarken 
und  Tafeln.  Dieselben  waren  wie  Schreibtafeln  gestaltet  und 
neun  Zoll  lang.  Es  waren  im  Ganzen  neunhundert  neunzig 
Stück.  —  Sie  übergaben  sie  Pi-kan  und  sprachen:  Deine  Söhne 
und  Enkel,  welche  den  Gürtel  mit  dem  Siegel  und  dem  breiten 
Bande  behängen,  sind  wie  in  dieser  Rechnung.  —  Pi-kan  hatte 
mit  achtundfünfzig  Jahren  sechs  Söhne,  und  ihm  wurden  noch 
drei  Söhne  geboren.  Im  ersten  Jahre  des  Zeitraumes  Pen-schi 
(73  V.  Chr.)  übersiedelte  er  von  Jü-yin  nach  Ping-ling  und 
wurde  durch  Wechslung  ein  berühmtes  Seitengeschlecht. 


Zu  den  Zeiten  des  Kaisers  Siuen  war  ein  gewisser  Viii- 
tse-fang  äusserst  elternliebend  und  besass  Menschlichkeit  niid 
Güte.  An  einem  Schalttage  kochte  er  einst  am  fViilien  Morgen 
jund    sah,    wie    der  Gott  des  Herdes    ihm    erschien.'     Tse-fang 

'  Das  Buch  der  «-enieiiu-ten  riiiif  (iniiidsti.fiV  s.-iu't:  Der  Gott  des  Herdes  liat 
ein  langes  gelbes  Kleid.  In  der  Naclit  kdiiimt  er  mit  getlieiltein  Haupt- 
haare aus  dem  Herde  hervor.  Wenn  mau  seineu  Nauieu  weiss  und  ihn 
nift,  kann  mau  das  Unheil  bannen. 


650  Pt'izin;iiPr. 

verbeugte  sich  zweimal  und  enipting  die  Beglückwünsclmng. 
In  dem  Hause  befand  sich  ein  g-elbes  Schaf  and  dieses  opferte 
er  ihm.  Seit  dieser  Zeit  gelangte  er  phitzlich  zu  grossem  Reich- 
thum.  Er  besass  siebenhundertmal  hundert  Morgen  Felder, 
seine  Sänften,  Pferde  und  Knechte  waren  mit  denjenigen  der 
Gebieter  der  Länder  zu  vergleichen.  Tse-fang  pflegte  zu  sagen : 
Meine  Söhne  luid  Enkel  werden  gewiss  gross  und  mächtig  sein. 
—  Mit  dem  Enkel  Tsche  war  endlich  das  dritte  Geschlechts- 
alter gekommen,  und  dasselbe  erfreute  sich  mannigfachen 
Glanzes.  Desswegen  pflegte  man  später  an  einem  Schalttage 
dem  Herde  zu  opfern  und  dabei  ein  gelbes  Schaf  darzubieten. 


Puan-tschao  kam  nach  Yü-tien.  Kuang-te,  der  König 
des  Landes,  war  mit  den  Ehrenbezeigungen  sehr  zurückhaltend. 
Auch  war  es  Sitte,  den  Zauberern  zu  glauben.  Der  Zauberer 
sagte:  Die  Götter  zürnen.  Warum  will  man  sich  zu  Han 
wenden?  Der  Gesandte  von  Han  besitzt  blassgelbe  Pfei'de. 
Möge  man  sie  schnell  begehren,  sie  nehmen  und  mich  sie  opfern 
lassen.  —  Kuang  schickte  jetzt  einen  Abgesandten ,  der  sich 
zu  Tschao  begab  und  um  die  Pferde  bat.  Tschao  hatte  im 
Geheimen  erfahren ,  wie  es  sich  verhalte.  Er  Hess  melden, 
dass  er  es  gewähre,  verlangte  aber,  dass  der  Zauberer  selbst 
komme  und  die  Pferde;  nehme.  Nach  einer  Weile  kam  der 
Zauberer.  Tschao  schlug  ihm  das  Haupt  ab  und  überschickte 
es  Kuang-te. 

Die  Denkwürdigkeiten  von   U  sagen: 

In  dem  Districte  Lo-yang  in  Lin-hai  befand  sich  ein  Gott, 
der  sich  Wang-piao  nannte.  Derselbe  war  in  Bezug  auf  Sprache, 
Essen  und  Trinken  von  den  Menschen  nicht  verschieden.  Dessen 
imgeachtet  war  seine  Gestalt  unsichtbar.  Ferner  war  eine 
Sclavin,  deren  Namen  Tsi-fang.  Dieselbe  entsandte  den  Leib- 
wächter und  Buchführer  der  Mitte:  Li-thsung,  damit  ei-  Piao 
das  Siegel  und  das  breite  Band  eines  das  Reich  stützenden 
Heerführers  und  Kfinigs  von  Tj(j-yaug  übei'bringe  und  ihn  ab- 
hdlc  Piao  folgte  Tbsuiig  und  ti'at  mit  ihm  zugleich  aus.  Auf 
<l(;n  Bergen  und  an  den  Flüssen,  wo  sie  vorbeizogen,  schickte 
man  soghjich  die  Sclavin,  damit  sie  mit  dem  Gotte  sich  ver- 
ständige.    Als  Piao  kam,  errichtete  Kiuen  vor  dem  Tliore  des 


Der  Geisterglaube  in  dem  alten  Cliiiut.  6'^1 

i 

gnisgTÜueu  Drachen  für  ihn  einen  Wohnsitz.  Die  kleinen  Dinj^e, 
wie  Ueberschwemmungen  und  Dürre,  von  denen  Fiao  sprach, 
trafen  hin  und  wieder  zu. 

Das  Buch  der  Tsin  sagt: 

Fu-kien  drang  ein  und  ])lünderte.  Tao-tse,  König  von 
Kuei-ki,  liess  mit  Schaustelhmg  der  Macht  trommeln  und  blasen, 
indem  er  den  Gott  des  Glockenber^es  suchte.  Er  bot  ihm  den 
Ehrennamen  eines  Reichs<>;ehilfen.  Als  Kien  nach  Scheu-tschün 
gelangte,  sah  er,  dass  die  Bäume  und  Pflanzen  des  Berges  der 
acht  Fürsten  Aehnlichkeit  mit  menschliciien  Gestalten  hatten. 
Es  war,  als  ob  sie  g'öttliche  Kraft  besässen. 

Das  Buch  der  späteren  Wei  sagt: 

Kaiser  Sching-wu  jagte  einst  an  der  Spitze  von  mehreren 
zehntausend  Reitern  in  den  Gebirgen  und  Sümpfen.  Plötzlich 
sah  er  Lastwagen  und  leichte  Wagen  von  dem  Himmel  herab- 
kommen. Als  sie  angelangt  waren ,  sah  er  eine  Schöne ,  die 
von  sehr  zahlreichen  Aufwärtern  und  einer  Schutzwache  be- 
gleitet war.  Der  Kaiser  staunte  und  fragte  sie.  Sie  antwortete: 
Ich  bin  die  Tochter  des  Himmelskaisers.  Ich  habe  den  höch- 
sten Befehl  erhalten,  mich  zu  dir  zu  gesellen,  dir  zu  folgen 
i  und  die  Nacht  in  einem  gemeinschaftlichen  Schlafgemache  zu- 
I  zubringen.  —  Als  sie  bitten  wollte ,  zurückkehren  zu  dürfen, 
[sprach  sie:  Das  nächste  Jahr,  wenn  die  Zeit  um  ist,  triff  wieder 
i  mit  mir  hier  zusammen.  —  Als  sie  ausgeredet  hatte,  trennte 
i  sie  sich  und  entfernte  sich  ü;leich  Wind  und  Reö-en.  Sobald 
■  das  Jahr  um  war,  trat  der  Kaiser  zu  dem  Orte,  wo  er  gejagt 
j  hatte,  und  sah  sie  wirklich  wieder.  Die  Himmelstochter  über- 
!gab  dem  Kaiser  den  Knaben,  den  sie  geboren  hatte,  und  sprach: 
I  Dieses  ist  dein  Sohn.  Mögest  du  ihn  gut  erziehen  und  auf  ihn 
I  sehen.  Söhne  und  Enkel  werden  einander  beistehen  und  in 
i  ihren  Geschlechtsaltern  Kaiser  sein.  — Als  sie  ausgeredet  hatte, 
jwar  sie  verscliM'unden.  Der  Sohn  ist  Schi-tsu  (der  Ahnherr 
j  des  Gescldechtsalters). 


Tuan-hoei  diente  Ngeu-yang-thang  als  seinem  Lehrer. 
Thang  erwog  dess(!n  Begabung  und  liebte  ihn  sehr.  Er  war 
ein  Jüngling,  der  mit  Hoei  gleiches  Vorhaben  hatte.  Nach 
zwei  Jahren  verabschiedete  sich  der  Jüngling  und  kehrte  heim. 

sit/.b.  (1.  phii.-iiist.  ci.  Lxvni.  Bd.  m.  nft.  42 


652  Pfizmaier. 

Er  bat  Hoei  um  ein  Pferd.  Hoei  verfertigte  scherzweise  ein 
hölzernes  Pferd  und  gab  es  ihm.  Der  Jüngling  war  sehr  er- 
freut. Er  bedankte  sich  bei  Hoei  und  sprach:  Ich  bin  der 
Gebieter  des  Versammlungshauses  des  Tai-schan.  Du  ermun- 
tertest mich,  lustwandelnd  zu  lernen.  Jetzt  möchte  ich  gern 
hei)nkehren.  Ich  belästigte  dich  und  du  beschenktest  mich 
reichlich.  Ich  kann  dir  das  Gute  nicht  vergelten.  Später  wirst 
du  zu  der  Rangstufe  eines  Lehensfürsten  von  Tschang-pe  ge- 
langen. Es  ist  dieses  keine  Vergeltungj  ich  halte  es  einstweilen 
für  gut.  —  Als  er  ausgeredet  hatte,  bestieg  er  das  hölzerne  Pferd, 
erhob  sich  in  den  leeren  Raum  und  verschwand.  Hoei  er- 
kannte jetzt,  dass  Jener  es  gewiss  annehmen  werde. 

Das  Buch  der  nördlichen  Tsi  sagt: 

Schin-wu  ernannte  Kao-ngang  zum  Beaufsichtiger  von 
Ta-tu  auf  dem  Wege  von  Yün-nan  und  hiess  ihn  auf  Fuss- 
wegen  nach  Schang-lö  eilen.  Ngang  übersetzte  den  Fluss.  Er 
opferte  dem  Ael testen  des  Flusses  und  sprach:  Der  Aelteste 
des  Flusses  ist  der  Gott  in  dem  Wasser.  Kao-ngao-tsao  ist  der 
Tiger  auf  der  Erde. 

Das  Buch  der  Tsi  sagt: 

Der  Gott  des  Ahnentempels  Tschang-fung  in  dem  Districte 
I-hiang  führt  den  Geschlechtsnamen  Teng.  Derselbe  kam  früher 
vorbei  und  wurde  der  Befehlshaber  des  Districtes.  Gleich  nach 
seinem  Tode  brachte  er  die  Reingeistigkeit  zum  Vorschein.  Als 
die  Abbildungen  von  Tscheu-schan  kundgegeben  wurden^  bat 
man,  dass  man  dem  Gotte  die  Rangstufe  eines  das  Reich 
stützenden  Heerführers  verleihe.  Der  Kaiser  sprach:  Er  be- 
gnügt sich  mit  Hundefleisch  und  besorgt  die  Geschäfte,  als  ob 
er  sich  der  Rangstufe  bediente. 


Li-ngan-jin  war  Statthalter  von  U-hing.  In  der  Provinz 
befand  sich  der  Geist  Hiang-yü's.  Derselbe  beschützte  die 
Provinz  und  hörte  die  Angelegenheiten.  Als  der  Statthalter  in 
der  Provinz  ankam,  lag  es  ihm  ob,  ein  unter  der  Wagenstaiigc 
beiindliches  Rind  zu  opfern.  Ngan-jin  huldigte  der  Vorschrift 
Fö's  und  gab  dem  Gotte  nicht  das  Rind.  Er  zog  die  Schuhe 
an,  stieg  in  das  Amtsgebäude  und  verrichtete  die  Geschäfte. 
Ferner    legte    er    oben    das    Gebet    der   acht   Engpässe    nieder. 


Der  Geisterglaube  in  dem  alten  China.  653 

) 

Plötzlich  verendete  das  Rind,   und  Ni<'an-jin   starb  unvennuthet. 
Das  Zeitalter  glaubte,  dass  der  Gott  ihn  g-estraft  habe. , 
Das  Buch  der  Liang  sagt: 

Siao-yeu  wurde  Leheusfürst  von  Lin-jü  und  Statthalter 
der  Provinz  U-hing.  Derselbe  war  von  Gemüth  zügellos.  Er 
verband  sich  mit  dem  Gotte  des  Ahnentempels  des  Königs  von 
Tsu  zum  Trinken  und  brachte  es  bis  zu  einem  Scheffel.  So 
oft  er  Wein  einschenkte  und  das  Opfer  zu  Ende  war,  war  er 
fröhlich  und  im  höchsten  Grade  betrunken.  Der  Gott  hatte 
ebenfalls  die  Farbe  des  Weines.  Wenn  mau  betete,  wurde .  es 
sicher  gewährt.  Später  wurde  Jener  stechender  Verraerker  von 
Yi-tscheu. 

Um  die  Zeit  empörte  sich  Tsi-keu-ni,  ein  Mensch  von 
Kiang-yang.  Yen  betete  in  der  Ferne  und  bat  um  Hilfe.  An 
diesem  Tage  begegnete  ein  Alter  des  Feldes  einem  einzelnen 
Reiter,  der  ein  schwarzrothes  Pferd  anband.  Derselbe  kam 
aus  der  östlichen  Gegend  und  fragte,  \sne  viele  Weglängen  es 
bis  zur  Feste  wären.  Jener  sprach:  Einhundert  vierzig.  — 
Um  die  Zeit  war  es  bereits  die  neunte  Stunde  des  Tages  (drei 
Uhr  Nachmittags).     Der  Reiter    erhob  die  Lanze    und    sprach: 

1  Wenn  die  nachfolgenden  Menschen  kommen,  kannst  du  sie 
heissen  die  Pferde  antreiben.  Wir  wollen  noch  den  Tag  er- 
reichen und  die  Räuber  schlagen.  —  Plötzlich  erschienen  einige 
hundert  Reiter  gleich  dem  Winde.  Ein  einzelner  Reiter  ging 
hin  und  begehrte  zu  trinken.  Der  Alte  des  Feldes  fragte,  wer 
sie  seien.  Jener  sprach:  Der  König  von  Tsu  in  U-hing  kommt, 
um  dem  Lehensfürsten  von  Lin-jü  zu  helfen.  —  Um  diese  Zeit 
stellte  man  in  dem  Ahnentempel  die  Bitte,  opfern  zu  dürfen 
und  hatte  keine  Bestätigung.  Nach  zehn  Tagen  sah  man^  dass 
die  Aufwärter,  die  Leibwache  und  die  irdenen  Bildsäiden  kotliig 
und    feucht   Avaren,    als    ob    sie    schwitzten.     An    diesem   Tage 

;  brachte  Ypu  dem  Räuber  Keu-ni  eine  grosse  Niederlage  bei. 
Das  Buch  der  Thang  sagt: 
Das  gerechte  Heer  Kao-tsu's  hielt  in  dem  Districte  Ling- 

I  sohl.  Sung-lao-seng,  Heerführer  von  Sui,  lagerte  in  Hö-yi  und 
stellte  sich  dem  gerechten  Heere  entgegen.  Da  häufte  sich 
langwieriger  Regen  dui'ch  Decaden,  die  Umführung  der  1  Lebens- 
mittel setzte  sich  nicht  fort.  Ein  weissgekleideter  alter  Vater 
begab    sich  zu    dem  Thore    des  Kriegsheeres    und  sprach:    Ich 

42*    • 


654  Pfizmaier. 

bin  der  A  bg-esanclte  des  Gottes  des  Berg-es  Hö.  Ich  melde  mich 
bei  dem  Kaiser  von  Thang-  und  lasse  ihm  sagen:  Im  achten 
Monate  wird  der  Reg-eu  aufhören.  Wenn  man  auf  den  Wegen 
nach  dem  Südosten  von  Hö-yi  auszieht,  werde  ich  dem  Heere 
beistehen.  —  Kao-tsu  sprach:  Diese  Menschen  haben  Tschao- 
wu-su  nicht  betrogen.'   Wie  sollten  sie  mir  den  Rücken  kehren? 


Als  Si^-yen-tho  geschlagen  werden  sollte,  war  ein  Gast, 
der  einen  Wirth  um  Speise  bat.  Der  Wirth  führte  ihn  in  ein 
Zelt  und  hiess  die  Gattin  Speisen  herrichten.  Als  die  Gattin 
sich  nach  dem  Gaste  umsah ,  war  es  ein  Mensch  mit  einem 
Wolfshaupte.  Die  Gattin  meldete  es  den  Nachbarn,  und  diese 
sahen  ihn  zugleich  an.  Der  Mensch  mit  dem  Wolfshaupte 
hatte  bereits  den  Wirth  verzehrt  und  entfernte  sich.  Sie  ver- 
folgten ihn  in  Gemeinschaft  und  blieben  auf  dem  Berge  Yö- 
tü-kiün  stehen.  Daselbst  sahen  sie  zwei  Menschen.  Die  Ver- 
folger sagten,  was  die  Ursache  sei.  Die  zwei  Menschen  sprachen: 
Wir  sind  göttliche  Menschen.  Sie-yen-tho  soll  so  eben  vernichtet 
werden.  Wir  kommen,  ihn  mitzunehmen.  —  Die  Verfolger 
fürchteten  sich  und  liefen  zurück.  Yen-tho  ward  endlich  auf 
dem  Berge  Yö-tü-kiün  geschlagen. 

Das  Buch  Tschuang-tse  sagt: 

Auf  dem  fernen  Berge  Ku-yi  wohnen  göttliche  Menschen. 
Ihre  Haut  und  ihr  Fleisch  sind  wie  Eis  und  Schnee,  weich  und 
zart  wie  bei  Mädchen.  .  Sie  verzehren  nicht  die  fünf  Getreide- 
arten, sie  athmen  den  Wind,  trinken  den  Thau,  besteigen  die 
Wolkenluft,  lenken  die  fliegenden  Drachen  und  lustwandeln 
jenseits  der  vier  Meere. 

Das  Buch  Kuan-tse  sagt: 

Fürst  Hoan  untei-nahm  im  Norden  den  Eroberungszug 
gegen  Ku-tschö.  Er  wai*  noch  nicht  bis  zu  dem  Bache  von 
Fi-ni  gekommen.  Zehn  Weglängen  von  ihm  entfernt,  blieb  er 
fest  stehen,    blickte    starr  vor  sich  hin,    crgrifT  den  Bogen  und 


'  Drei  g'öttliche  MensclicMi,  Abgesandte  des  Leiiensfiirsteu  dos  Nordens  ilos 
grossen  Berges  TIö,  luxtten  einst  Tseli;io-si;ing-tso,  Leliensfürsten  \-on  Tselian, 
Sieg  versproclieii.     Wn-sü   ist  der  Name  Tseliao-siang-tse's. 


I 


Der  Geititergliiulie  in  (ieni  :ilton  Cliina.  005 

wollte  schlössen,  g-etraute  sich  aber  lun-h  iiiclit,  ahzudrücken.  Kr 
sagte  zu  seiner  Umg-ebung:  kSehl  ihi-  diesen  Menschen  vor  uns? 

—  Die  Leute  der  Umg-ebung  sprachen :  Wir  sehen  ihn  nicht.  — 
Der  Fürst  sprach:  Wird  die  Sache  nicht  voUendet  werden? 
Ich  bin  in  grosser  Verlegenheit.  In  diesem  Augenblicke  sehe 
ich  einen  Menschen.  Derselbe  ist  einen  Schuh  laug,  und  die 
Dinge    der  Menschen    sind  bei    ihm  vorhanden.     p]r  trägt  eine 

[j  Mütze  und  ein  Kleid  mit  einem  Aermel  zur  Rechten.  Er  lässt 
die  Pferde  laufen  und  kommt  schnell  vorwärts.  Wird  die  Sache 
nicht  vollendet  werden?  Ich  bin  in  grosser  Verlegenheit.  Wie 
sollte  es  hier  einen  Gebieter  der  Menschen  geben?  —  Kuan- 
tschung  sprach:  Ich  habe  gehört,  unter  den  Göttern  des  Bcirges 

I  Teng  ist  einer,  dessen  Name  Yü-ni.     Derselbe  ist  einen  Schuh 

ilang,  und  die  Dinge  der  Menschen  sind  bei  ihm  vorhanden. 
Die  Gebieter,  die  oberherrlichen  Könige  erheben  sich,  und  der 
Gott  des  Berges  Teng  erscheint.  Auch  lässt  er  die  Pferde 
laufen  und  kommt  schnell  vorwärts.  Durch  das  Aermclldeid 
zeigt  er  an,  dass  vor  uns  sich  ein  Wasser  befindet.   Durch  das 

i  Kleid  mit  einen}  Aermel  zur  Rechten  zeigt  er  an,  dass  wir  von 
der  rechten  Seite  durchwaten  müssen.  —  Als  man  zu  dem  Bache 
von  Pi-ui  gelangte,  war  Jemand,  der  zu  dem  Wasser  trat  und 
sprach:  Wenn  man  von  der  linken  Seite  durchwatet,  ist  es  so 
tief,  dass  es  bis  zm-  Mütze  reicht.  W^enn  man  von  der  rechten 
Seite  durchwatet,  ist  es  so  tief,  dass  es  bis  zu  den  Knien  reicht. 

—  Man  war  durchgewatet,  und  es  war  im  Ganzen  vollendet. 
Fürst  Iloan  sass.  Er  verbeugte  sich  vor  den  Pferden  Kuan- 
tschung's  und  sprach:  Die  höchste  Weisheit  des  Oheims  ist  von 
solcher  äussersten  Grösse.  Meine,  des  unbedeutenden  Menschen 
Schidd  stammt  schon  von  lange  her. 

Das  Buch  Me-tse  sagt: 

Mö,  Fürst    von  Tsching,  verweilte  in  den)   Ahnentempel, 

als  ein  Gott  bei  dem  Thore  eintrat.     Derselbe  hatte   den  Leib 

eines  Vogels  und  trug  ein  ungeschmücktes  Kleid.     Er   sprach: 

jDer   Kaiser   wendet    sich    deiner    glänzenden    Tugend    zu.     Er 

jheisst  mich  dir  neunzehn  Jahre  Leben  schenken.    —  Der  Fürst 

'sprach:  Ich  wage  es,  um  den  Namen  des  Gottes  zu  fragen. — 

Der  Gott  sprach:  Ich  bin  Keu-mang. ' 


^  Keu-mang  (die  gekrümmten  Aehrenspitzeu)  ist  der  Gott  des  Frühlings. 


656  Pfizmaier. 


Das  Buch  Han-tse  sagt : 


Die  Menschen  von  Tsi  sagten  zu  dem  Könige  von  Tsi : 
Der  Aelteste  des  Flusses  ist  der  Gott  der  Wasser.  Der  König 
kennt  ihn  nicht.  Möchte  er  mit  ihm  zusammentreffen.  Wir 
bitten,  bewirken  zu  dürfen,  dass  der  König  mit  ihm  zusammen- 
trifft. —  Man  errichtete  jetzt  die  Bühne  eines  Erdaltars  an  dem 
Ufer  des  grossen  Wassers  und  stand  daselbst  mit  dem  Könige. 
Nach  einer  Weile  regte  sich  ein  grosser  Fisch.  Hierbei  sagte 
man:  Dieser  ist  der  Aelteste  des  Flusses: 

Das  Buch  der  Berge  und  Meere  sagt: 

Tschi-yeu  verfertigte  Waffen  und  machte  Uebergriffe.  Der 
gelbe  Kaiser  hiess  Ying-lung  ihn  überfallen  in  der  Wildniss 
des  Landstriches  Ki.  Tschi-yeu  bat  den  Aeltesten  des  Windes 
und  den  Vorsteher  des  Regens,  dass  sie  loslassen  Sturmwind 
und  Regen.  Der  gelbe  Kaiser  hiess  die  Himmelstochter,  die 
Dämonin  der  Dürre,  herabkommen  und  dem  Regen  ein  Ende 
machen.  Hierauf  tödtete  er  Tschi-yeu.  Die  Dämonin  der  Dürre 
konnte  nicht  mehr  emporsteigen.  An  den  Orten,  wo  sie  weilt, 
ist  daher  kein  Regen. 

Das  Buch  der  inneren  Schatten  des  gelben  Vorhofes  sagt: 

Der  äusserste  Weg  wird  nicht  belästigt  durch  Entschei- 
dungen, er  gibt  Fortbestand  den  Schlammkugeln.  Die  hundert 
Gelenke  haben  ihre  Götter.  Thsang-hoa  (die  grasgrüne  Blume), 
der  Gott  des  Haupthaares,  führt  den  Jünglingsnamen  Tai-yuen 
(der  grosse  Ursprung).  Tsing-ken  (die  geistige  Wurzel),  der 
Gott  des  Gehirns,  führt  den  Jünglingsnamen  Ni-hoan  (die 
Schlammkugeln).  Ming-schang  (das  glänzende  Obere),  der  Gott 
des  Auges,  führt  den  Jünglingsnamen  Ying-yuen  (das  blühende 
Ursprüngliche).  Yö-lung  (der  Erdhügel  der  Edelsteine),  der 
Gott  der  Nase,  führt  den  Jünglingsnamen  Ling-kien  (das  rein- 
geistige Feste).  Khung-hien  (die  hohle  Schranke),  der  Gott  des 
Ohres,  führt  den  Jünglingsnamen  Yeu-tien  (das  versteckte  Feld). 
Thung-ming  (der  verkehrende  Befehl),  der  Gott  der  Zunge,  führt 
den  Jünglingsnamen  Tsching-lün  (die  richtige  Ordnung).  Ngö- 
fung  (die  Spitze  der  Uferhöhe),  der  Gott  der  Zähne,  führt  den 
Jünglingsnamen  Lo-tsien  (das  Tausend  der  Reihe).  Die  Götter 
des  ganzen  Angesichts  huldigen  den  Schlammkugeln. 


Der  Goistcrpflaulip  in  dem  alten  Hiina.  Hf)? 

Ta.n-yucn  (das  mennigrothc  UrsprüiiiJ-liclu!),  der  Gott  des 
Herzens,  führt  den  Jünglingsnamen  Sclieu-ling  (das  Reingeistige 
bewachend).  Hao-hoa  (die  reinweisse  Bkime),  der  Gott  der 
Lunge,  führt  den  Jünglingsnamen  Hiü-tsching  ((his  hierc  Vol- 
lenden). Lung-yen  (der  Drachenrauch) ,  der  Gott  der  lieber, 
führt  den  Jünglingsnamen  Han-ming  (Licht  enthaltend).  Yuen- 
ming  (das  ursprüngliche  Dunkel),  der  Gott  der  Nieren,  führt 
den  Jünglingsnamen  Yö-ying  (Kinder  aufziehend).  Tschang- 
tsai  (einst  dagewesen) ,  der  Gott  der  Milz ,  führt  den  Jüng- 
lingsnamen Hoen-ting  (das  Stillstehen  der  lichten  Seele).  Lung- 
yao  (das  Sonnenlicht  des  Drachen) ,  der  Gott  der  Galle,  führt 
den  Jünglingsnamen  Wei-ming  (das  Licht  der  Macht).  Sie  be- 
finden sich  in  dem  Inneren  des  Herzens,  bringen  in  Umlauf 
!  die  Ordnungen  des  Himmels,  geben  ihnen  Tag  und  Nacht  Fort- 
bestand, vermitteln  das  lange  Leben. 

Die  goldene  Kiste  des  grossen  Fürsten  sagt: 

König  Wu  machte  zur  Hauptstadt  die  Stadt  Lö  und  hatte 

sie  noch    nicht  vollendet.     Es    trat  Dunkelheit   und  Kälte    ein, 

und  es  fiel  Schnee  durch  zehn  Tage,  Derselbe  war  eine  Klafter 

tief.     Am  Morgen  des  Tages  Kiä-tse  (1)  erschienen  fünf  Männer, 

die  auf  Wagen  mit  Pferden  fuhren.     Sie  waren  von  zwei  liei- 

tern  gefolgt  und  hielten  vor  dem  Thore  des  Königs.    Sie  wollten 

sich    bei    dem   Könige  Wu    zum    Besuche   melden.     König  Wu 

war  nicht  gesonnen,  herauszutreten  und  sie  zu  empfangen.   Der 

grosse  Fürst  sprach:    Es  kann  nicht  sein.   Der  Schnee  ist  eine 

)  Klafter  tief,    und  Wagen    und  Reiter    hinterlassen    keine  Spur. 

j  Ich  fürchte,  es  sind  höchstweise  Menschen.  —  Der  grosse  Fürst 

1  nahm  ein  Gefäss  mit  Grütze,  ging  hinaus,  öffnete  das  Thor  und 

j  trat  vor  die  fünf  Wagen  und  die  zwei  Reiter,  indem  er  sprach : 

j  Der  König    befindet    sich    im  Inneren,    er   ist   noch    nicht    ge- 

j  sonnen,  herauszukommen.     Um  diese  Zeit  ist  das  Wetter  kalt. 

i  Desswegen  reiche    ich    heisse  Grütze    und    lasse   euch    dadurch 

i  der  Kälte  widerstehen.     Ich  kenne  noch  nicht  die  Aeltereu  und 

I  Jüngeren.     Von  wo    soll    ich  beginnen?   —    Die  beiden   Reiter 

!  sprachen:    Zuerst   reiche    man    es  dem  Gebieter    des    südlichen 

'  Meeres,  hierauf  dem  Gebieter  des  östlichen  Meeres,  hierauf  (bim 

i  Gebieter  des  westlichen  Meeres,  hierauf  dem  Gebieter  des  nörd- 

I  Heben  Meeres ,    hierauf   dem  Aeltesten    des  Flusses ,    dem  Vor- 

I  Steher  des  Regens.    —  Als  die  Grütze  zu  Ende  war,   brachten 


658  Pfizmaier. 

die  Gesandten  ihre  Meldung  dem  grossen  Fürsten.  Der  grosse 
Fürst  sagte  zu  dem  Könige  Wu:  Die  Vorschreitenden  können 
empfangen  werden.  Die  fünf  Wagen  mit  den  zwei  Reitern 
sind  die  Götter  der  vier  Meere  und  der  Aelteste  des  Flusses, 
der  Vorsteher  des  Regens.  Der  Gott  des  südlichen  Meeres 
heisst  Tschö-yung  (der  Glänzende  der  Anrufung).  Der  Gott 
des  östlichen  Meeres  heisst  Keu-mang  (die  gekrümmten  Aehren- 
stacheln).  Der  Gott  des  nördlichen  Meeres  heisst  Yuen-ming 
(das  ursprüngliche  Dunkel).  Der  Gott  des  westlichen  Meeres 
heisst  Jö-scheu  (der  Sammler  der  Streu).  Ich  bitte,  dass  ich 
einen  Jeden  der  zum  Besuche  sich  Meldenden  bei  seinem 
Namen  herbeirufen  dürfe.  —  König  Wu  stand  jetzt  oben  in 
der  Vorhalle,  die  zum  Besuche  sich  Meldenden  standen  unter 
der  Vorhalle  vor  dem  Thore.  Man  führte  Tschö-yung  herbei 
und  Hess  ihn  vortreten.  Die  fünf  Götter  waren  erschrocken, 
sie  blickten  einander  an  und  seufzten.  Tschö-yung  verbeugte 
sich.  König  Wu  sprach:  Der  Himmel  ist  dunkel,  und  ihr 
kommt  aus  weiter  Ferne.  Wodurch  werdet  ihr  mich  belehren? 
—  Sie  sprachen:  Der  Himmel  hat  Yin  gestraft  und  Tscheu 
eingesetzt.  Wir  kommen  ehrerbietig,  z]i  empfangen  den  Be- 
fehl. Es  ist  unser  Wunsch,  aufzufordern  den  Aeltesteu  des 
Windes,  den  Vorsteher  des  Regens,  und  einen  Jeden  bieten  zu 
lassen,  was  seines  Amtes  ist. 

Das  Durchdringen  der  Sitten  und  Gewohnheiten  sagt: 
Tschao,  König  von  Thsin,  richtete  einen  Angriff  gegen 
Schö.  Er  hiess  Li-ping  die  Wasser  des  Stromes  bewachen.  An 
den  Wassern  des  Stromes  war  ein  Gott,  der  alljährlich  zwei 
Jungfrauen  zu  Weibern  nahm.  Der  Vorgesetzte  verabfolgte 
liundertmal  zehntausend  Kupfermünzen  und  betrieb  die  Braut- 
werbung. Fing  sprach:  Es  ist  nicht  nothwendig.  Ich  habe 
selbst  Töchter.  —  Zur  Zeit  als  Jener  ankam,  schmückte  er  seine 
Töchter.  Als  man  sie  in  den  Strom  versenken  wollte ,  ging 
Fing  auf  einem  Fusswege  zu  dem  Sitze  des  Gottes  hinauf,  er- 
hob den  Wein,  schenkte  ein  und  sprach:  Jetzt  ward  es  mir 
möglich,  die  neun  Verwandtschaften  zu  übergeben.  Der  Ge- 
bieter des  Stromes,  der  gi'osse  Gott,  zeigt  eben  sein  geehrtes 
Antlitz.  Ich  werde  ihm  den  Wein  reichen.  ' —  Fing  warf  zu- 
erst den  Becher  hinein.  Es  war  blos  ein  Gewoge  der  Wasser, 
das  nicht  nachliess.  Er  schrie  mit  geller  Stimme:  Der  Gebieter 


Der  GeistPiglaubp  in  rlem  alten  China  659 

i 

des  Stromes  schätzt  mich  gering.    Ich   werde  ihn  angreifen.  — 
Er  zog  das  Schwert,  und  Jener  ward  phitzlich  unsielitbar.   Nach 
längerer  Zeit    erschienen    zw(!i   grasgrüne  Rinder,    die    auf  der 
Uferhöhe  kämpften.  Er  kehrte  zurück  und  sagte  zu  (hin  Obrig- 
keiten,   dass  sie    ihm  helfen    möchten.     Er  sprach:    Das  echte 
Weiss  an  der  Lende  desjenigen,   der  sich  nach  Süden  wendet, 
(  ist   mein    breites   Band.    —   Als    er    zurückkam ,    kämpften    sie 
I  wieder.     Der  den  Registern  Vorgesetzte  erstach  denjenigen,  der 
i  nach  Norden    gekehrt    war.     Der  Gott    des  Stromes    war    todt, 
j  und  man  hatte  nichts  mehr  zu  besorgen. 

Die  kurz  gefasste  Geschichte  der  drei  Tsi  sagt: 
Der  Kaiser  des  Anfangs  baute  eine  steinerne  Brücke.  Er 
wollte  in  das  Meer  hinüber  ziehen  und  den  Ort  sehen,  wo  die 
Sonne  aufgeht.  Um  die  Zeit  war  ein  göttlicher  Mensch,  der 
es  verstand,  die  Steine  zu  treiben  und  zu  dem  Meere  hcrab- 
zubringeu.  Die  Steine  des  ganzen  Berges  von  Tsching-yang 
erhoben  sich  iusgesamnit.  Hoehgetliürmt  neigten  sie  sich  nach 
Osten,  schienen  einander  zu  folgen  und  zu  wandeln.  Man  sagt, 
die  Steine  entfernten  sich  nicht  schnell.  Der  göttliche  Mensch 
peitschte  sie  sofort.  Sie  vergossen  Blut,  und  es  war  kein  Stein, 
der  nicht  gänzlich  rutli  war.  Bis  zu  dem  heutigen  Tage  sind 
sie  es  noch  immer. 

Man  sagt  ferner:    Der  Kaiser  des  Anfangs  baute   in  dem 

Meere  eine   steinerne  Brücke.     Der  Meei-gott    stellte  dabei    die 

Pfeiler    auf.     Der   Kaiser   des  Anfangs    war    von    dessen   Güte 

gerührt  und  verlangte  ihn  zu  sehen.    Der  Meergott  antwortete: 

jlch    bin    von  Gestalt   liässlich.     Versprich   mir,    dass  Niemand 

j  mich  abzeichnet.  —  Dreissig  Weglängen  von  dem  Steindammc 

j  sahen  sie  sich  jetzt  von  Angesicht.     Ein   kunstfertiger  Mensch 

jdes    Gefolges    zeichnete    mit    dem    Fusse   dessen    Gestalt.     Der 

jGott  zürnte  und  sprach:    Der  Kaiser  hat  mir  das  Versprechen 

! nicht  gehalten.  —  Er  entfernte  sich  schnell.    Der  Kaiser  wen- 

jdete  die  Pferde  und  kehrte  zurück.     Früher  war   er  allein  auf 

Iden  Füssen  gestanden.  Später  brachen  Beine  undFüsse  zusammen. 

Es  war  ihm  kaum  möglich,  das  Ufer  zu  ersteigen.     Derjenige, 

der  mit  dem  Fusse  gezeichnet  hatte,  ertrank  in  dem  Meere. 

Die  Denkwürdigkeiten  des  Reiches  Hoa-yang  sagen: 

Tscheu  vernichtete   das   spätere    Thsin.     König   lliao-wen 

ernannte  Li-ping   zum    Statthalter  von  Schö.     Ping  war  fähig, 


660  rfizraaier. 

den  Schmuck  des  Himmels_,  die  Ordnung-  der  Erde  zu  erkennen. 
Er  nannte    den  Berg-  Jü  das  Thor    der  Trommeltöne  des  Him- 
mels. Dasselbe  sei  zweifelhaft,  als  ob  man  Götter  sehe.   Hierauf 
errichtete  er   an  dem  Ufer   des  Flusses   drei  Tempel.     Er  ver- 
stopfte den  Strom  und  baute  einen  Damm.     Er  grub  das  Bett 
des  Stromes  von  Pi  und  Hess  Schiffe  laufen.  Ferner  bewässerte 
er    die    drei  Provinzen.     Das    bewässerte    freie  Feld   von  Schö 
mass    dadurch    tausend  Wegläng-en,    und    man   nannte    es    das 
Meer    des    trockenen    Bodens.      Die  Welt    nannte    es    das  Ver- 
sammlungshaus   des  Himmels.     Ping   verfertigte    überdies    fünf 
steinerne    Nashörner    und    hielt    dadurch    die    Gespenster    des 
Wassers  nieder.   Damals  befand  sich  in  Tsing-tsching  ein  tiefes 
Wasser.     Dasselbe    kam    unter   dem  Berge    Mung   hervor,    lief 
versteckt  unter  der  Erde  und  vereinigte   sich  mit  dem  Strome,    i 
Bei  Nan-ngan  stiess    es  an  die  Bergufer,    die  Wasseradern  ge- 
riethen    in    Bewegung,     zertrümmerten    und    beschädigten    die    | 
Schiffe.     Ping-  sandte  Leute  aus  und  liess  die  flachen  Bergufer    j 
durchstechen.    Da  zürnte  der  Gott  des  Wassers,     Ping  erfasste    ; 
ein  Messer,    ging  in  das  Wasser  und  kämpfte  mit  dem  Gotte. 
Bis  zu  der  gegenwärtigen  Zeit  empfängt  man   den  Segen. 

Die  alten  Angelegenheiten  des  Kaisers  Wu  von  Han  sagen: 
Der  Kaiser  opferte  dem  grossen  Fussgestell.  Der  be- 
ständige Glanz  des  Opfers  erleuchtete  die  Stadtmauern  von 
Tschang-ngan  gleich  dem  Glänze  des  Mondes.  Der  Kaiser 
fragte  Tung-fang-sö,  was  für  ein  Gott  dieses  sei.  So  sprach: 
Dieses  ist  der  Gott,  der  Vorsteher  des  Lebenslooses,  derselbe, 
der  die  Götter  und  Geister  leitet.  —  Der  Kaiser  sprach :  Wenn 
ich  ihm  opfere,  kann  ich  ihn  heissen  die  Langjährigkeit  ver- 
mehren? —  Jener  antwortete:  Bei  Kaisern  hängen  die  Lang- 
jährigkeit und  das  Lebensloos  ab  von  dem  Himmel.  Der  Vor- 
steher des  Lebenslooses  kann  nichts  thun. 

Die  Denkwürdigkeiten  der  Provinzen  und  Reiche  sagen: 
In  dem  Districte  Jin-scheu  in  Ling-tscheu  befindet  sich  | 
der  Brunnen  von  Ling.  Derselbe  gibt  Salz  von  sich.  Neben 
dem  Brunnen  ist  der  Tempel  der  Edclsteintochter.  Die  Edel- 
steintochter hatte  ursprünglich  keinen  Mann.  Später  nahm  man 
jedes  Jahr  einen  Jüngling  und  warf  ihn  in  den  Brunnen.  Wenn 
man  ihn  nicht  brachte,  blieb  das  Wasser  aus.  Ferner  befand 
sich  in  dem  westlichen  Gebirge    der  Provinz  Schö   eine  grosse 


Der  GeisterglauTie  in  dem  alten  China.  fiOl 

) 

Boa,  die  Menschen  verzehrte.  Ueber  ihr  befand  sich  ein  Tempel. 
,  Man  nannte  sie  den  Gott  des  westlichen  Gebirg-es.  Jedes  Jahr 
t  stellten  die  Menschen  der  Gegend  mit  Gewalt  ein  Mädchen 
j  neben  den  Tempel  und  bestimmten  sie  zur  Gattin  des  Gottes. 
I  Die  Schlang-e  verzehrte  es  sogleich  und  schickte  sich  an,  sich 
zu  entfernen.  Wenn  man  nicht  so  that,  so  störte "  und  verletzte 
I  sie  die  Menschen.  Als  das  Geschlecht  Tscheu  das  Land  Schö 
1  beruhigte,  ward  Yü-wen-kuei,  Fürst  des  Reiches  Hiü,  der  Leiter 
I  von  Yi-tscheu.  Er  verfasste  eine  Schrift ,  in  welcher  er  sich 
i  zum  Brautwerber  des  Gottes  erklärte  und  eine  Vermählung  zu 
I  Stande  brachte.  Nachdem  er  den  Tag  gewählt  und  die  Musik 
I  aufgestellt ,  brachte  er  das  Bild  der  Edelsteintochter  und  gab 
sie  dem  Gotte  zur  Gefährtin.  Nachdem  es  so  geschelien,  war 
j  man  von  diesem  Uebel  befreit. 
!  Die  Geschichte  des  Suchens  der  Götter  sagt: 

Tsiang-tse-wen    stammte    aus  Kuaug-ling.     Er    liebte    den 
!  Wein    und    das  Vergnügen.     Er    sagte    immer ,    seine  Knochen 
I  seien  grün  und    er  werde  nach  seinem  Tode   ein  Gott  werden. 
Gegen  das  Ende  der  Han  ward  er  Beruhiger  von  Mö-ling.  Er 
verfolgte  Räuber    und   gelangte    an    den   Fuss    des    Berges    der 
I  Weingefässe.     Die    Räuber   griffen    an ,    und    er   ward    an    der 
I  Stirne  verwundet.     Sie  lösten  das  breite  Band  und  banden  ihn 
damit.     Nach  einer  Weile  starb  er.     Zu  den  ersten  Zeiten  des 
früheren  Vorgesetzten  von  U  sahen  dessen  Angestellte  Tse-wen 
I  auf  dem  Wege.     Derselbe    ritt  ein  weisses  Pferd ,  hielt  in  der 
Hand    weisse  Flügelfedern ,    seine  Aufwärter   und  sein  Gefolge 
waren  so  wie    sie  es    bei    seinen  Lebzeiten  gewesen.     Tse-wen 
I  sprach:    Ich    soll    der  Gott   dieses   Gebietes   werden.     Errichtet 
für   mich    einen  Tempel.     Wo  nicht,    so    lasse   ich  Insecten  in 
die  Ohren  kriechen  und  richte  Unheil  au.  —  Der  Vorgesetzte 
von  U   nannte   dieses    ungeheuerliche  Worte.     Später    drangen 
wirklich  Insecten  den  Menschen  in  die  Ohren.     Die  Menschen 
starben,  der  Arzt  konnte  sie  nicht  heilen.  Tse-wen  sagte  ferncu- : 
Wenn  man  mir  nicht  opfert,   werden  Feuersbrnnste  entstehen, 
j  —  Dieses  Jahr  entstanden  mehrmals  Feuersbrünste.     Der  Vor- 
'  gesetzte    von  U  gerieth    darüber   in  Besorgniss.     Er  setzte  ihn 
I  zum  Lehensfürsten  von  Tschung-tu  ein,  gab  ihm  das  Siegel  mit 
!  dem  breiten  Bande  und  errichtete  einen  Ahnentempel.  Er  ver- 
änderte   den   Namen    des  Berges   der  Weingefässe    und  nannte 


(lß2  Pfizmaier. 

ihn  ,Berg-    des  Geschlechtes  Tsiang-',    wodurch    er  tlessen  Rein- 
geistigkeit  kundgab. 

Die  Verzeichnisse  des  Duukehi  und  Hellen  sag-en: 
Kaiser  Hiao-wu  von  Tsin  suchte  unter  dem  Fenster  der 
nördlichen  Vorhalle  Schutz  vor  der  Hitze.  Plötzlich  sah  er 
einen  Menschen  ,  der  ein  weisses  gefüttertes  Kleid  und 
ein  Hemd  von  g-elbem  gereinigtem  Taffet  trug.  Dessen  ganzer 
Leib  war  benetzt  und  feucht.  Er  nannte  sich  den  Gott  des 
Wassers  in  dem  Teiche  von  Hoa-lin.  Sein  Name  sei  Lin-tsin. 
Wenn  er  gut  behandelt  würde,  wollte  er  Glück  und  Segen 
spenden.  Um  die  Zeit  hatte  der  Kaiser  getrunken  und  war 
schon  berauscht.  Er  nahm  das  Messer,  mit  dem  er  gewöhnlich 
den  Gürtel  behängte,  und  warf  es  nach  ihm.  Das  Messer  flog 
durch  die  Luft,  ohne  auf  Widerstand  zu  stossen.  Der  Gott 
zürnte  und  sprach:  Du  bist  mir  mit  nichts  Gutem  begegnet. 
Ich  werde  dich  wissen  lassen,  warum  ich  hier  weile.  —  Nach 
kurzer  Zeit  starb  der  Kaiser  eines  plötzlichen  Todes.  Alle 
riefen:  Hier  hat  das  Reing-eistige  Unheil  angerichtet. 

Die  Ueb erlief erungen  von  i\Ierk Würdigkeiten  sagen: 
Fei-tschang-fang"  war  im  Stande,  die  Götter  zu  bewegen. 
Später  besuchte  der  Gebieter  des  östlichen  Meeres  den  Gebieter 
des  (Flusses)  Kö-po  und  trieb  mit  dessen  Gemahlin  Unzucht. 
Fang  rieth  ihm.  Jenen  zu  binden.  Durch  drei  Jahre  hei-rschte 
in  dem  Lande  des  östlichen  Meeres  grosse  Dürre.  Tschang-fang- 
kam  in  das  Land  des  östlichen  Meeres  und  sah,  dass  man  mn 
Regen  bat.  Er  rieth  dem  Gebieter  des  Kö-po,  Jenen  zu  ent- 
lassen. Sofort  erfolgten  starke  Regengüsse. 
Der  Garten  der  Merkwüixligkeiten  sagt: 
Tao-kan  ging  auf  den  Abort.  Er  sah  etliche  zehn  Men- 
schen, die  sämmtlich  in  den  Händen  grosse  Stäbe  hielten.  Einer 
unter  ihnen  trug-  ein  einfaches  Kleid  und  ein  flaches  Kopftuch. 
Er  nannte  sich  den  späteren  Kaiser  und  sagte:  Der  Gebieter 
und  Aelteste  ist  eig-ens  herausgekommen ,  um  mich  zu  sehen. 
Wird  man  nach  drei  Jahren  von  deinem  vornehmen  Stand  und 
Reichthum  reden,  so  kann  Niemand  es  aussprechen.  —  Kau 
erhob  sich  und  setzte  ihnen  nach,  aber  er  verfehlte  die  Stelle, 
wo  sie  waren.  Er  entdeckte  ein  grosses  Siegel.  Dasselbe 
bildete  das  Wort  ,Füi-sf  und  fand  sich  an  dem  unreinen  Orte. 


Der  Geisterglaube  in  üem  alteu  China.  663 

Die  Gespräclio  dos  Zeitalters  sagen  : 

Siü-tselumg'-sü  von  U-hing;  hatte  mit  Fao-iiuii-liai  eine  Ver- 
bindung- des  göttlichen  Lichtes.  Dieser  wollte  ihn  die  geheime 
I  Kunst  mittheilen.  Früher  sagte  er  zu  dem  Mahne  des  Geschlechtes 
I  Siü:  Du  sollst  ein  Versprechen  g-eben  und  einen  Schwur  leisten. 
-  Der  Mann  von  dem  Geschlechte  Siü  schwur,  dass  er  in 
I  keine  Dienste  treten  werde.  Hierauf  empting  er  die  Verzeich- 
nisse. Er  sah  immer  acht  g-rosse  Götter,  die  sich  zu  seiner 
Seite  befanden.  Er  war  fähig,  zu  wissen,  wann  sie  kamen  und 
sah  sie  fortg-ehen.  Seine  Begabung-  und  seine  Kenntnisse  er- 
schienen täglich  wunderbarer.  In  den  Districten  und  Bezirken 
sprach  man  von  ihm  lauter  Gutes,  und  man  wollte  ihn  als  Vorsteher 
der  Register  des  Districtes  anstellen.  Der  Mann  von  dem  Ge- 
schlechte Siü  freute  sich  im  Herzen  darüber.  Die  acht  Göttei- 
waren  eines  Morgens  nicht  zu  sehen.  P^iner,  der  von  den  Acht 
noch  geblieben  war,  benahm  sich  stolz  und  nicht  wie  gewöhnlich. 
Der  Mann  vom  Geschlechte  Siü  fragte  ihn  um  die  Ursache. 
Jener  antwortete:  Du  hast  dem  Schwur  zuwider  gehandelt. 
Sie  werden  nicht  mehr  bei  dir  sein.  Sie  hiessen  mich  einziir 
zurückbleiben,  um  die  Verzeichnisse  zu  beschützen.  —  Der 
Mann  von  dem  Geschlechte  Siü  stellte  die  Verzeichnisse  zurück 
und  leistete  Verzicht. 

In  dem  bilderlosen  Gedichte  Suug-yö's  auf  das  göttliche 
Mädchen  wird  gesagt: 

Siang,  König  von  Tsu,  lustwandelte  mit  Sung-yo  an  der 
Bucht  des  (Sees)  Yün-mung.  Er  hiess  Yö  ein  bilderloses  Gedicht 
auf  die  Dinge  von  Kao-thang  verfertigeij.  In  diesi;r  Nacht  traf 
Yü  in  dem  Schlafgemache  mit  einem  göttlichen  Mädchen  zu- 
sammen, das  von  Gestalt  sehr  reizend  war.  Yö  hielt  sie  für 
sehr  wunderbar.  Den  nächsten  Tag  meldete  er  es  dem  Könige. 
Der  König  sprach:  Wie  sah  sie  aus?  —  Jener  sprach:  Am 
Abende  der  neunten  Stunde  war  ich  im  Geiste  ganz  verloren, 
als  ob  ich  etwas  hätte,  worüber  ich  mich  freute.  Ich  sah  ein 
Weib,  das  sehr  wunderbar  war.  —  Der  König  sprach :  Wie 
sah  sie  aus?  —  Yö  sprach :  Blühend !  lieblich!  Sämintliche  Vor- 
züge waren  l)(;i  der  11,1  iid  !  Vnjlkommen!  reizend!  Es  war  schwer 
zu  ergründen!  Ich  kann  sie  nicht  genug  preisen.  Als  sie  an- 
fänglich kam,  erglühte  sie  wie  die  weisse  »Sonne,  wenn  sie  erst 
aufgegangen    ist  und    die  Balken    der    Dächer    erleuchtet.     Als 


664  Pf  izmaier. 

4 

sie  ein  wenig  vortrat,  war  sie  rein  weiss  gleich  dem  glänzenden 
Monde,  wenn  er  sein  Licht  verbreitet.  In  einem  Augenblicke 
entstand  ihr  lieblicher  Anblick  querüber.  Was  ihren  vollen 
Schmuck  betrifft,  so  war  es  Feuerglanz  des  Flors,  Fransen  von 
füniFärbiger  Seide ,  glänzende  Reine ,  bunter  Schimmer  der 
Streifen.  —  Der  König  sprach :  Wenn  es  so  ist,  so  versuche 
es,  sie  für  mich  in  einem  bilderlosen  Gredichte  zu  besingen. 

Die  Erörterungen  über  die  Beglaubigungsmarken  der  Kö- 
nige sagen : 

Jetzt  üben  die  Weiber  nicht  die  Darreichung  von  Speise 
im  Inneren.  Sie  lassen  ruhen  Seidenbau  und  Weberei,  aber 
sie  beginnen  zu  lernen  Zauberei  und  Beschwörung.  Sie  trom- 
meln, tanzen,  dienen  den  Göttern,  betrügen  und  belügen  da- 
durch die  unbedeutenden  Menschen.  Sie  führen  irre  die  hun- 
dert Geschlechter.  Gattinnen  und  Töchter  sind  abgezehrt  und 
schwach.  Die  Häuser,  die  krank  sind,  tragen  in  dem  Busen 
Kummer,  sind  von  Betrübniss  erfüllt.  Sie  empfinden  leicht 
Furcht  und  Baugen,  so  dass  sie  selbst  bewogen  werden  zu  ent- 
laufen. In  späterer  Zeit  trennen  sie  sich  von  den  richtigen 
Wohnhäusern,  mehren  und  verdoppeln  göttliche  Strafen  und 
gelangen  dadurch  zu  Untergang  und  Tod.  Aber  sie  wissen 
nicht ,  dass  sie  durch  die  Zauberer  zu  Grunde  gerichtet 
wurden  und  betrogen.  Sie  hassen  dann  wieder  den  Dienst  der 
Götter,  aber  zu  spät. 

In  dem  bilderlosen  Gedichte  des  Königs  von  Tschin-sse 
auf  die  Göttin  des  Lö  wird  gesagt : 

Ich  sah  ein  reizendes    Wesen  an  der  Grenze  der  Felsen. 
Ich  zog  den  Wagenführer  heran    und  sagte    zu    ihm:    Hast   du 
dort  hingesehen?     Was  ist  dort  für  ein  Wesen,    das    so    schön 
und  gross  ist?  —  Der  Wagenführer  antwortete :    Ich  habe  ge-,  | 
hört,    die   Göttin    des  Flusses  und    des  Lö    heisst   mit   Namen: 
Königin  Fö.     Sollte  es    nicht  sie    sein,    die    der    Gebieter   und  i 
König  gesehen  hat?    Wie  sieht  sie  aus?     Ich  möchte  es  gerne  i 
hören?  —  Ich  sprach:  Von    Gestalt   war    sie^,   als  sie    wegflog,  ! 
wie  eine  erschrockene  Wildgans,  als  sie  sichtbar  blieb,  wie  ein  \ 
wandernder  Drache.     Blüthe    und  Sonnenlicht,  eine  Goldblume  j 
des  Herbstes,  Blumen  und  Blätterfülle,  eine  Fichte    des    Früh- 
lings.    Undeutlich  schwebend!  Wie  die  leichte  Wolke,  die  den 
Mond  verdeckt.     Wirbelnd  und  sich    erhebend!  Wie   der    strö- 


Der  Geisterglaulio  in  dem  alten  China.  6ß5 

mende  Wind,  der  den  Sclinee  zurücktreibt.    Ich  blickte  auf  sie 

aus  der  Ferne:    sie  war  reinweiss  wie    das  grosse    Yang:,  wenn 

es  den  rothen  Wolkendunst  ersteigt.     Ich  erforschte   sie,    mich 

I  hinzudrängend:  sie  war  feurig  wie  die  Wasserlilie,  die  aus  den 

I  grüngelben  Wellen  hervorkommt.     Voll  Leidenschaft   finde   ich 

I  Gefallen  an  ihrer  Schöne.    Mein  Herz  zittert,  ist  aufgeregt  und 

j  lässt  nicht  ab.     Ich  habe  keinen  trefflichen  Vermittler,  der  mich 

zu  ihr  brächte.    Freudig  vertraue  ich  mich  den  kleinen  Wellen 

j  und  lasse  das  Wort  zu  ihr  dringen.     Ich  möchte    in   Wahrheit 

I  mich  ihr    zuwenden,    mich   früher    verständigen.     Ich    löse    das 

.  Gürtelgehänge  der   Edelsteine  und  gebe    ihr    das    Versprechen. 

I  Die  Aufzeichnungen  von  dem  Kaiser  des  Anfangs  in  den 

!  Erwähnungen  der  Geschichtsschreiber  sagen: 

Ein  Gesandter    kam    aus    Kuau-tung   in    der   Nacht    nach 

i  Hoa-yin.     Auf  dem  Wege  des  flachen  Feldes  war  ein  Mensch, 

j  der  in  der  Hand  eine  Rundtafel  hielt.    Derselbe  verstellte  dem 

I  Gesandten  den  Weg  und  sprach :  Uebersende  dieses  in  meinem 

Namen    dem    Gebieter    des   Teiches    von    Hao.  —  Dabei    saate 

er  noch:  In  diesem  Jahre    stirbt   der   ahnherrliche    Drache.  — 

Der  Gesandte  fragte,  was  die  Ursache  sei.    Jener  war  plötzlich 

unsichtbar.    Hierauf  legte  er  die  Rundtafel  nieder  und  entfernte 

I  sich.     Der    Gesandte    nahm    die    Rundtafel    in    Empfang    und 

i  brachte  es  dem  Kaiser  zu  Ohren.    Der  Kaiser  schwieg.     Nach 

i  längerer  Zeit  sprach  er:  Dei'  Dämon  des   Berges    weiss  sicher" 

nicht  mehr  als  die  Sachen  eines  Jahres. 

Die  in  dem  Buche  der  Han  enthalteneu  Denkwürdigkeiten 
von  den  Erdopfern  in  den  Vorwerken  sagen: 

Nachdem  man  die  beiden  Yue  vernichtet  hatte,  hielten  die 

Menschen  von    Yue  dieses  für   eine  kühne   That.     Man    sagte: 

Bei  den  Menschen  von  Yue  ist  es  Sitte,  auf  Dämonen  zu  halten 

und  deren    Tempel    sind    zu    sehen.     Die    Dämonen    haben    sie 

;  mehrmals  aufgefordert.     Einst    ehrte    der   König    des    östlichen 

1  Ngeu   die  Dämonen,    und  er  ward  einhundertsechzig  Jahre  alt. 

i  Die  späteren  Geschlechtsalter  vernachlässigten  sie.    Desswegen 

I  war    Abnahme    und    Verringei-uug.    —    Man    befahl    jetzt    den 

i  Zauberern  von  Yue,  Tempel  von   Yue  mit    bequemen  Erdstufen 

i  ohne  Erdaltäre  zu    errichten.     Alan    opferte    auch    den    Göttern 

!  des  Himmels,  den  Kaisern  und  den  hundert  Dämonen. 


66G  Pfizraaier. 

Das  Buch  der  Plan  sagt: 

Tien-fen  war  erkrankt.  Sein  ganzer  Körper  sehmerzte,  als 
ob  Jemand  ihn  stiesse.  Er  rief,  dass  er  bekenne  und  entschul- 
digte sich  wegen  seiner  Verbrechen.  Der  Kaiser  hiess  einen 
Besichtiger  der  Dämonen  ihn  ansehen.  Dieser  sprach :  Der 
Lehensfürst  von  Wei-khi  bewacht  zugleich  mit  Hoan-fu.  Dieser 
peitscht  ihn  und  will  ihn  tödten,  —  Zuletzt  starb  Tien-fen. 

Das  Buch  der  späteren  Hau  sagt: 

Ti-U-lün  war  Statthalter  von  Kuei-ki.  Zu  den  Sitten 
dieses  Landes  gehörte  es,  dass  man  gerne  übermässig  opferte. 
Die  Menschen  opferten  gewöhnlich  Rinder  den  Göttern.  Die 
Güter  und  die  Erzeugnisse  der  hundert  Geschlechter  wurden 
dadurch  erschöpft  und  verringert.  Diejenigen,  die  das  Fleisch 
der  Rinder  selbst  assen  und  es  nicht  den  Tempeln  darreichten, 
wurden  krank.  Wenn  sie  sterben  wollten ,  Hessen  sie  früher 
die  Stimme  der  Rinder  ertönen.  Als  Lün  sein  Amt  antrat, 
schickte  er  Schreiben  aus,  Hess  sie  den  Districten  zukommen 
und  gab  den  hundert  Geschlechtern  kund,  dass  Zauberer  und 
Beschwörer  die  Götter  und  Geister  zum  Vorwand  nehmen  und 
das  dumme  Volk  durch  Lügen  ängstigen.  Er  beschloss  über 
sie  das  Urtheil  zu  fällen.    Später  war  alles  sofort  abgeschnitten. 


Sung-kiün  war  Aeltester  von  Schin-yang.  In  diesem  Lande 
war  es  Sitte,  dass  man  wenig  lernte,  abei*  man  glaubte  an  Zau- 
berer und  Dämonen.  Kiün  errichtete  daselbst  Schulen  und  ver- 
bot die  übermässigen  Opfer.  Die  Menschen  waren  hiermit 
zufrieden. 


Lieu-ken  besass  die  Kunst  der  Geister.  Der  Statthalter 
Sse-khi  hielt  dieses  für  eine  Ungeheuerlichkeit.  Er  Hess  ihn 
festnehmen  und  stellte  ihn  zur  Rede,  indem  er  sprach:  Wenn 
es  Geister  gibt,  kannst  du  mir  eine  Probe  zeigen.  —  Ken  sprach: 
Ich  bin  ziemlich  im  Stande,  die  Geister  zum  Plandeln  zu  be-  i 
wegen.  —  Hier  sah  er  sich  nach  links  um,  nach  rechts  pfiff 
er.  Der  verstorbene  Vater  und  dit;  nahen  Verwandten  Khi's, 
etliche  zehn  an  der  Zahl,  befanden  sich  auf-  und  abwandelnd  j 
vor  Khi.     Sie    wandten  sich  zu  Ken,  schlugen  die  Häupter  an 


Der  Geisterglaiibo  in  dem  alten  China.  ßf)7 

i 

den    Boden    und    sprachen:  Wir    kleinen    Kinder    liuben    nichts 
geleistet.     Unser    Loos    wird    zehntausendtacher    Tod.    • —    Sie 
schrien  Khi  an  und  sprachen :  Deine  Söhne  und  Enkel  können 
den  Vorfahr  nicht  verherrlichen,    und  du   beschimpfest  ihn  auf 
diese  Weise.    Warum  schlugst  du  nicht  das  Haupt  an  den  Boden 
und  entschuldigst   dich   bei  ihm?  —  Khi    war   traurig    und  er- 
schrocken.    Er  weinte  kummervoll,  senkte  das  Haupt  und  bat 
wegen    seiner   Verbrechen.     Ken    schwieg.     Plötzlich    entfernte 
er  sich,  und  man  wusste  nicht,  wohin  er  gekommen. 
Das  von  Wang-yin  verfasste  Buch  der  Tsin  sagt : 
Lieu-hung  von    Tschin-nan    liess  durch    Khiü,    Statthalter 
I  von  Heng-yang,  den  Sohn  des  ehemaligen  stechenden  Vermerkers 
iWang-I,    das    Land    von    Kuang-tscheu    verwalten.      Als    Khiü 
;  nach  Tschang-tscha  gelangte,  sah  er  einen  Menschen,  der  gross 
1  gewachsen  und  in  ein  einfaches  Kleid  von  weissem  Tuche  ge- 
I  kleidet  war.    Derselbe  hielt  in  der  Hand  eine  Tafel  und  stand 
!  auf  der  Uferhöhe.    Khiü  besichtigte  die  Tafel,  die  besagte :  Tu- 
jling-tschi  aus  dem  Kreise  der    Mutterstadt.     Er  liess  ihn  dess- 
ihalb  in  das  Schiff  treten  und    sprach    mit    ihm.     Derselbe   gab 
Jan,  dass  er  das  Weitstehende  und    Ferne    ordne.     Khiü    fragte 
jihn:    Du    bist    ein    Mensch  des  Kreises  der   Mutterstadt.,    Um 

! welche   Zeit  bist  du    abs-ereist'?  —  Jener   antwortete:    Ich    bin 
'   .  .  . 

diesen  Morgen  abgereist.  —  Khiü  verwunderte  sich  und  fragte: 

jDer  Kreis  der  Mutterstadt  ist  von  hier  mehrere  tausend  Weg- 
jlängen  entfernt.  Wie  konntest  du  diesen  Morgen  abreisen  und 
jetzt  ankommen?  —  Der  Mann  von  dem  Geschlechte  Tu  ant- 
wortete: Ich  befinde  mich  jetzt  in  dem  Himmel.  Der  Kreis 
jder  Mutterstadt  ist  von  diesem  mehrere  zehntausend  Weglängen 
|entfernt.    Wie  sollte  ich  bei  mehreren  tausend  mich  aufhalten? 

Das  Buch  der  Tsin  sagt: 

Tseu-tschen  führte  den  Jünglingsnamen  Jün-fu.  Derselbe 
jsah  einst  einen  Menschen,  der  sich  Ken-tschung-schü  nannte. 
[Sonst  sagte  er  nichts.  Dieses  geschah  öfter  als  einmal.  Nach 
{längerer  Zeit  besann  er  sich  und  sprach :  Im  Westen  des  Wohn- 
ihauses  befinden  sich  geliäufte  Erde  und  zerschlagene  Dachziegel. 
iUnter  ihnen  ist  ein  Todter,  Namens  Ken-tsehung-schü.  Ich  bin 
|der  Mensch  unter  der  Erde  und  den  Dachziegeln  im  Westen 
jdes  Hauses.  —  Als  Jener  nachsah,  verhielt  es  sich  wirklich  so. 
:Er  liess  ihn  feierlich  auffassen  und  begraben.    Als  das  Begräb- 

Sitzb.  (1.  iihil.-hist.  Cl.  LXVm.  Bd.  111.  Ilft.  4;-} 


668  Pfizmaier. 


niss  zu  Ende  war,  träumte  ihm,   dass  dieser  Mensch    kam  und 
sich  bedankte. 


Su-schao  führte  den  Jüng-lingsnamen  Hiao-sien  und  stammte 
aus  Ngan-ping'.  Im  Dienste  brachte  er  es  bis  zu  einem  Befehls- 
haber von  Tschung-meu.  Als  er  gestorben  war,  befand  sich 
Tsie,  der  neunte  Sohn  des  Oheims  Schao's,  auf  einem  Wagen. 
Er  sah  Schao  am  Tage.  Derselbe  trat  von  aussen  ein  und 
fuhr  mit  Pferden,  die  weiss  und  schwarz  waren.  Er  trug  ferner 
ein  enges  Kopftuch,  ein  gelbes  auseinanderstehendes  Hemd, 
weisse  Strümpfe  und  seidene  Schuhe.  Er  hielt  sich  an  das 
Vordach  des  Wagens  Tsie's.  Tsie  sagte  zu  seinen  Brüdern: 
Der  Tschung-meu  ist  da.  —  Sie  waren  erschrocken,  blickten 
hin  und  sahen  nichts.  Er  fragte  Schao,  wie  er  herkomme. 
Schao  sprach :  Ich  will  anderswo  begraben  werden.  Ich  ver- 
langte, dass  ich  mich  auf  einige  Tage  entfernen  dürfe.  —  Er 
Hess  ferner  die  Brüder  kommen,  und  diese  setzten  sich  zu 
Schao.  Tsie  sprach:  Wenn  ich  dich  nicht  anderswo  begraben 
lasse,  so  ermahne  ich  ausserdem  die  Kinder.  —  Schao  sprach: 
Ich  werde  eine  Schrift  aufsetzen.  —  Tsie  übergab  ihm  einen 
Pinsel.  Schao  mochte  ihn  nicht  und  sprach:  Die  Schrift  der 
Todten  ist  von  derjenigen  der  Lebenden  verschieden.  —  Er 
zeichnete  für  Tsie  die  Bilder  der  Schriftzeichen.  Es  war  die 
Schrift  von  Hu.  <. 

Er  lachte  hierauf,  rief  Tsie  mit  lautei-  Stimme  und  schrieb : 
Einst  schiffte  Wu,  Lehensfürst  von  W^ei,  auf  dem  west- 
lichen Flusse  und  fuhr  abwärts  in  der  Mitte  der  Strömung. 
Er  blickte  zurück  und  sagte  zu  U-khi :  Wie  herrlich  die  Feste 
des  Flusses  und  der  Berge!  Dieses  ist  die  Kostbarkeit  des 
Reiches  Wei.  —  Ich  liebte  nach  meiner  Gemüthsart  die  Haupt- 
stadt Lö.  So  oft  ich  ging,  kam,  austrat  und  eintrat,  blickte 
ich  auf  den  Berg  Meng.'  Welch'  eine  Freude!  Er  ist  das 
Fussgestell  von  zehntausend  Geschlechtsaltern.  Nordwärts  hatte 
ich  im  Rücken  die  Ueberfahrt  von  Meng-,  den  wasserreichen  Fluss.  j 

'  Ein  Berg  auf  dem  uördlicheii  Gebiete  der  alten  Hauptstadt  Lö-yaug  in  j 
Ho-nan.  Die  Grabstätten  vornehmer  Mensclieu  befinden  sieb  häufig  auf  I 
diesem  Berge. 

2  Die  Ueberfahrt  von  Meng  ist  als  die  Stelle   berühmt,    wo   König  Wu  von 
Tscheu  mit  seinem  Heere   übersetzte. 


Der  GM  steril  aflbo  in  dorn  ;iltPn  Chin;i.  6G9 

) 

Im  Süden  blickte  ich  von  fernem  auf"  die  Stadt  des  Himmels, 
eine  hoclianselin liehe  Fülle.  Wurde  hier  mein  Vorsatz  auch 
nicht  ausgespi'ochen,  s;rnh  ich  ihn  doch  in  mein  Herz.  Ich  er- 
wäg'e  nicht,  was  plötzlich  im  Busen  g'ctragi'en  wird.  Es  war 
noch  nicht  entschieden,  und  ich  ging'  früher  fort.  Im  zehnten 
Monate  mögest  du  mich  schnell  anderswo  begraben.  Wenn  du 
einige  Morgen  Landes  kaufst,  so  ist  dieses  genügend. 

Tsie  führte  Schao  in  das  innere  Haus.  Er  stellte  einen 
Sitz  und  opferte  ihm.  Jener  mochte  nicht  sitzen,  er  nahm  auch 
das  Opfer  nicht  an.  Er  sagte  zu  Tsie :  Der  Tschung-meu 
liebte  bei  seinen  Lebzeiten  den  W^ein.  Ich  kann  ein  wenig 
jti'inken.  —  Schao  ergriff  mit  der  Hand  den  Becher  und  trank. 
'Als  er  ausgetrunken  hatte,  sagte  er:  Es  ist  guter  Wein.  — 
Tsie  betrachtete  den  Becher,  derselbe  war  leer.  Nachdem 
Schao  fortgegangen,  war  der  Wein  in  dem  Becher  so  wie 
früher. 

j  Er  kam  zu  verschiedenen  Zeiten,  im  Ganzen  dreissigmal. 

jDie  Binider  wurden  mit  ihm  vertraut.  Tsie  fragte  nach  Dingen, 
,n  denen  er  zweifelte.  vSchao  sagte:  Die  Dinge  im  Himmel 
nd  unter  der  Erde  kann  man  ebenfalls  nicht  insgesammt 
jwissen.  Yen-yuen  und  Pö-schang'  sind  gegenwärtig  schrift- 
l^chmuckordnende  Leibwächter.  Der  Weiseste  der  Höchstweisen 
janter  allen  Geistern  der  Menschen,  die  eintraten,  ist  Liang- 
tsching.     Der  einfach  Weiseste  ist  U-li-tse. 

Tsie  fragte :  Wie  kommt  es,  dass  der  Todte  lebt  ?  — 
Schao  sprach:  Es  ist  kein  Unterschied.  Der  Todte  ist  leer, 
der  Lebende  ist  voll.  Dieses  ist  der  Unterschied.  —  Tsie 
»prach:  Warum  kehrt  der  Todte  nicht  zu  dem  Leichnam 
^urück?  —  Schao  sprach:  Es  ist,  als  ob  man  dir  einen  Arm 
,ibhiebe  und  ihn  auf  die  Erde  würfe.  INIan  geht  liin ,  schält 
,hn  und  zerspaltet  ihn.  Widerfährt  dir  dadurch  ein  Leid? 
Per  Todte  entfernt  sich  von  dem  Leichnam  auf  die  nämliche 
^Veise.  —  Tsie  sprach:  Ein  herrliches  Begräbniss,  ein  schöner 
ß-rabhügel,  hat  der  Todte  hieran  Freude?  —  Schao  sprach: 
^s  ist  ihm  nichts  daran  gelegen.  —  Tsie  sprach:  Wenn  ilmi 
lichts  daran  gelegen  ist,  warum  lassest  du  dich  anderswo  be- 
graben?   —  Schao    sprach:    Jetzt    ist    mir    in    Wahrheit    nichts 


'  Yen-VTien  und  Pü-schang  sind  Schüler  Kliung-tse's. 

4.3* 


670  Pfizmaier. 

daran  gelegen.    Ich  wollte  blos    den    Willen,    den  ich  bei  Leb- 
zeiten hatte,  verkünden. 

Schao  wollte  sich  entfernen.  Tsie  hielt  ihn  zurück.  Er 
verschluss  das  Thor  und  Hess  Kette  und  Riegel  herab.  Schao 
hielt  sich  ihm  zu  Liebe  ein  wenig  auf.  Als  er  sich  entfernt 
hatte,  sah  Tsie,  dass  das  Thor  so  wie  früher  verschlossen  war, 
aber  Schao  war  bereits  fortgegangen. 

Beim  Abschiede  sagte  Schao  zu  Tsie:  Ich  bin  gegenwärtig 
ein  schriftschmuckordnender  Leibwächter.  Ich  bewahre  mein 
Amt  und  habe  nicht  Zeit,  dass  ich  kommen  könnte.  —  Tsi^ 
fasste  ihn  bei  der  Hand  und  trennte  sich.  Seit  der  Zeit  war 
die  Sache  abgeschnitten. 

Der  Frühling  und  Herbst  der  fortgesetzten  Tsin  sagt: 

Lo-yeu  von  Siang-yang  befand  sich  in  dem  Versammlungs- 
hause Hoan-wen's.  Er  bat  oft  seiner  Armuth  wegen  um  einen  Erker. 
Wen  gewährte  es  in  seiner  Falschheit,  aber  er  verwendete  ihn 
nicht.  Unter  den  Menschen  desselben  Versammlungshauses  war 
einer,  der  eine  Provinz  erhielt.  Wen  gab  Gesellschaft  und 
nahm  von  ihm  Abschied.  Yeu  war  ebenfalls  dazu  befohlen. 
Als  er  kam,  war  es  sehr  spät  am  Abend.  Wen  fragte  ihn. 
Jener  sprach :  Als  ich  von  dem  Thore  auf  den  mittleren  Weg 
hinaus  trat,  begegnete  mir  ein  Dämon.  Ich  wurde  arg  mit  den 
Händen  verspottet,  und  er  sagte :  Ich  sehe,  dass  du  Menschen 
begleitest,  indem  sie  eine  Provinz  verwalten.  Ich  sehe  nicht, 
dass  die  Menschen  dich  begleiten,  indem  du  eine  Provinz  ver- 
waltest. —  Yeu  war  anfänglich  geängstigt.  Zuletzt  schämte  er 
sich.  Er  bemerkte  nicht,  dass  die  Sache  sich  in  die  Länge 
zog.     Wen  lachte  und  verwendete  ihn. 

Das  Buch  der  Tsin  sagt: 

Tscheu-fang  übernachtete    in    dem    Einkehrhause    des  Pa-  j 
lastes,  dem  Ahnentempel    des  Sees.     Am   frühen  Morgen  stand  j 
er  auf  und  ging  auf  den  Abort.     Daselbst    sah    er   einen    alten 
Vater.     Fang  nahm  ihn  fest.     Jener  verwandelte  sich  in  einen 
Enterich. 

Der  Frühling  und  Her])st  von  Tsin  sagt: 

Als  Fu-kien  noch  nicht  geschlagen  war,  wehklagte  auf 
dem  Markte  von  Tschang-ngan  ein  Dämon  in  der  Nacht.  In 
einem  Monate  hörte  er  auf. 


Der  Geisterglauhe  in  dem  alton  Thina.  HYl 

Die  Verzeichnisse  des  früheren  Tschao  sagen : 

Im  dritten  Jahre  des  Zeitraumes  Lin-kia  (318  n.  Chr.) 
war  Heuschreckenplage.  Sofort  entstand  in  den  hundert  Hallen 
Unheil.  Seit  dieser  Zeit  wehklagte  ein  Dämon  in  den  zwei 
Palästen.     Von  einer  Nacht  zur  anderen  hcirte  er  nicht  auf. 

Die  Verzeichnisse  des  späteren  Tschao  in    dem    Frülding 
j.md  Herbst  der  sechzehn  Reiche  von  Thsui-hung  sagen  : 
I  Wei-piao  führte  den  Jünglingsnamen  Schö-hu  und  stammte 

aus  Fan-yang.  Er  wurde  versetzt  und  zum  Statthalter  von 
iFschung-schan  ernannt.  Wo  er  sich  befand,  erwarb  er  sich 
•3inen  Namen.  Piao  hatte  eine  geliebte  Nebengemahlin ,  die 
rüher  starb.  Später  bewachte  er  den  Süden  von  Pin-khiou. 
Jie  Nebengemahlin  erschien  ihm  und  sprach  mit  ihm.  Den 
olgenden  Tag  starb  er. 

Das  Buch  der  Sung  sagt: 

Lieu-pe-lung  war  in  seiner  Jugend  arm  und  bedrängt. 
Ws  er  älter  wurde,  gelangte  er  zu  der  Würde  eines  Gehilfen 
les  obersten  Buchführers  zur  Linken  und  eines  Statthalters  von 
jvVu-ling.  Seine  Armuth  und  Dürftigkeit  war  ungemein  gross, 
j^ls  er  sich  einst  zu  Hause  befand,  rief  er  wehmüthig  die  Leute 
feiner  Umgebung  zu  sich  und  wollte  eilf  Doppelschiffe  bauen 
lassen.  Plötzlich  sah  er  einen  Dämon,  der  neben  ihm  stand, 
liich  die  Hände  hielt  und  laut  lachte.  Pe-lung  sprach  seufzend: 
l^rmuth  und  Elend  haben  sicher  ein  Schicksal.  Ich  werde  jetzt 
vieder  von  einem  Dämon  verlacht.  —  Hierauf  stand  er  ab. 

Das  Buch  Tschuang-tse  sagt: 

Hoan,  Fürst  von  Tsi,  jagte  in  den  Sümpfen,  und  Kuan- 
schung  lenkte  den  Wagen.  Er  sah  einen  Dämon.  Der  Fürst 
iasste  die  Hand  Kuan-tschung's  und  sprach:  Was  sieht  der 
H)heim?  —  Jener  antwortete:  Ich  sehe  nichts.  —  Als  der  Fürst 
Surückkehrte,  erkrankte  er  vor  Mattigkeit  und  ging  mehrere 
Fage  nicht  aus.  Unter  den  vorzüglichen  Männern  von  Tsi 
ivar  ein  gewisser  Hoang-tse,  der  ohne  angefragt  zu  hab(ai  mel- 
dete: Der  Fürst  hat  sich  selbst  verletzt,  wie  könnte  der  Dämon 
len  Fürsten  verletzen?  Wenn  diese  aufbrausende  Luft  sich 
•.erstreut  und  nicht  zurückkehrt,  so  bewirkt  sie  Mangclhaftig- 
ceit.  Wenn  sie  aufsteigt,  aber  nicht  herabsteigt,  so  macht  sie 
len  Menschen  zum  Zorne  geneigt.  Wenn  sie  herabsteigt,  aber 
licht  aufsteigt,  so   macht  sie  den   Menschen  vergesslich.     Die- 


672  Pfizmaier. 

jonig-e,  die  nicht  autsteigt  und  nicht  herabsteigt,  wenn  sie  den 
Leib  trifft,  sich  an  das  Herz  legt,  so  bewirkt  sie  Krankheit. 

Fürst  Hoan  sprach:  Also  gibt  es  Dämonen? 

Jener  sprach :  Es  gibt  Schlamm  des  Wassers,  es  gibt  einen 
Boden,  auf  den  man  tritt.  In  dem  Herde  gibt  es  das  geknüpfte 
Haupthaar.'  Der  Kehrichthaufen  innerhalb  der  Thüre,  in  ihnen 
wohnt  der  Donner  und  der  Donnerschlag.  Im  Wasser  gibt  es 
den  Wang-siang.2  Auf  den  Erdhügeln  gibt  es  den  Sin.-*  Auf 
den  Bergen  gibt  es  den  Kuei.^  Im  freien  Felde  gibt  es  den 
Fang-hoang.5     In  den  Sümpfen  gibt  es  den  Wei-sche.'' 

Der  Fürst  sprach :  Ich  bitte  fragen  zu  dürfen,  wie  der  Wei- 
sche  aussieht.  —  Jener  sprach :  Der  Wei-sche  ist  so  gross  wie 
eine  Nabe,  so  lang  wie  die  Querstange  des  Wagens.  Er  trägt 
ein  purpurnes  Kleid  und  eine  hellrothe  Mütze.  Er  ist  ein  böses 
Wesen.  Wenn  er  den  Ton  des  Donners  oder  eines  Wagens 
hört,  so  hält  er  mit  den  Händen  das  Haupt  und  bleibt  stehen. 
Wer  ihn  sieht,  ist  nahe  daran,  zur  Oberherrlichkeit  zu  ge- 
langen. —  Fürst  Hoan  lachte  herzlich  und  sprach:  Dieser  ist 
es,  den  ich  gesehen  habe. 

Der  Frühling  und  Herbst  des  Geschlechtes  Liü  sagt: 

Im  Norden  von  Liang  liegt  der  Erdhügel  von  Li.  In  der 
Abtheilung  befindet  sich  ein  wunderbarer  Dämon.  Derselbe 
hat  Freude  daran,  die  Gestalt  der  Söhne,  Neffen  und  Brüder 
der  Menschen  nachzuahmen.  In  der  Stadt  war  ein  Mensch  des 
Stabes  (ein  Greis),  der  in  seiner  Zerstreuung  auf  den  Markt 
ging,  sich  betrank  und  heiinkehrte.  Der  Dämon  des  Erdhügels 
von    Li    ahmte    die    Gestalt    des    Sohnes    desselben    nach.     Er 


'    3^    Ke  ,das  geknüpfte  Haupthaar'  ist  die  Gottheit  des  Herdes.  Dieselbe 
trägt  ein  rothes   Kleid  und  hat  die  Gestalt  eines  schönen  Mädchens. 

2  Wang-siang    (der    Elephant    des    Jagdnetzes),    ein    Wasserungethüm,    das 
Menschen  verzehrt. 

3  Der    Tfic.    Sin  hat  die  Gestalt  eines  Hundes  und  ist    gehörnt.     Sein  Leib 
besitzt  buntglänzende  Streifen. 

*  Der   ^m   Kuei  ist  ein  Ungethüm  der  Bäume  und  Steine.  Derselbe  gleicht 

einem  Drachen  und  ist  einfüssig. 
'"  Der  Fang-hoang  (auf-  und  abgehend)  gleicht  einer  Schlange  und  hat  zwei  ' 

Köpfe.     Er  besitzt  Streifen  von  fünf  glänzenden  Farben. 
^  Wei-sche    (sich  windend    wie    eine    Schlange)    ist    sonst    auch  der    Name  j 

eines  Fisches. 


Der  Geiste r^'liiiilip  in  i\om  alton  (Jhiua.  ()73 

stützte  ihn  und  quälte  ihn  auf  dem  Wege.  Der  ]\[eiiscli  des 
Stabes  kehrte  heim,  ernüchterte  sich  von  dem  Weine  und  stellte 
iseinen  Sohn  zur  Rede,  indem  er  sprach :  Ich  bin  dein  Vater. 
iBin  ich  etwa  g'Cg-en  dich  nicht  zärtlich?  Was  ist  die  Ursache^ 
jdass  du  mich  auf  dem  Weg-e  quältest,  als  ich  berauscht  war? 
iDer  Sohn  warf  sich  nieder  und  stiess  an  den  Boden,  indem  er 
I sprach:  Ich  habe  dieses  nicht  gethan.  —  Der  Vater  glaubte 
jes  und  sprach:  Leider!  Es  muss  der  wunderbare  Dämon  sein. 
(Ich  habe  von  ihm  sichere  Kunde.  Moi-gcn  werde  ich  wieder 
lauf  dem  Markte  trinken.  Ich  will  mit  ihm  zusammentrefien  und 
■  ihn  erstechen.  —  Am  nächsten  Morgen  ging  er  auf  den  Markt 
lund  betrank  sich.  Sein  wirklicher  Sohn  fürchtete,  dass  der 
iVater  nicht  im  Stande  sein  werde,  zurückzukehren.  Er  ging 
iSofort  hin,  um  ihn  abzuholen.  Als  der  Mensch  des  Stabes  ihn 
erblickte,  zog  er  das  Schwert  und  erstach  ihn. 

Die  äusseren  Ueberlieferungen  von  Han-schi  sagen: 
Wenn  der  Mensch  stirbt,  so  heisst  er  ein  Dämon.  JB 
Kuei  (ein  Dämon)  ist  so  viel  als  ^  Kuei  (zurückkehren.) 
'Die  geistige  Luft  kehrt  zurück  zu  dem  Himmel.  Das 
[Fleisch  kehrt  zurück  zu  der  Erde.  Das  Blut  kehrt  zurück  zu 
idem  Wasser.  Die  Adern  kehren  zurück  zu  den  Sümpfen.  Die 
jStimme  kehrt  zurück  zu  dem  Donner.  Regt  sie  sich,  so  kehrt 
isie  zurück  zu  dem  Winde.  Die  Augen  kehren  zurück  zu  Sonne 
bnd  Mond.  Die  Knochen  kehren  zurück  zu  d(3n  Bäumen.  Die 
iSehnen  kehren  zurück  zu  den  Bergen.  Die  Zähne  kehren 
izurück  zu  den  Steinen.  Das  Haupthaar  kehrt  zurück  zu  dem 
jLeder.  Die  Luft  des  Athems  kehrt  wieder  zurück  zu  dem 
Menschen. 

Das  Durchdringen  der  Sitten  und  tiewohnheiten  sagt: 
Tscheu-ung-tschung  von  Jü-nan  war  anfänglich  der  Zuge- 
sellte des  grossen  Beruhigers.  Sein  Weib  gebar  einen  Knaben. 
Als  er  der  Reichsgehilfe  von  Pe-hai  wurde,  war  der  Angestellte 
iTscheu-kuang  im  Stande,  Dämonen  zu  sehen.  Derselbe  wurde 
Vorgesetzter  der  Register  in  dem  Durchsichtsamte  der  Bücher. 
Jener  Hess  ihn  zurückkehren,  damit  er  die  heimathliche  Provinz 
und  den  District  ehre.  Dabei  sagte  er  zu  ihm:  Wenn  die 
iSache  beendet  ist,  kannst  du  an  einem  Schalttage  zugleich  mit 
jdem  kleinen  Sohne  in  dem  Tempel  aufwarten.  —  Der  Vorge- 
isetzte  der  Register  verrichtete    die   Sache   und   kehrte   zurück. 


^7-4  Pfizmaier. 

Ung-tschimg-  fragte  ihn.  Jener  antwortete :  Ich  sah  blos 
einen  Metzg-er  in  abgenützten  Kleidern  und  mit  einem  getheilten 
Haarschopf  an  dem  göttlichen  Sitze  kauern.  Derselbe  hielt  in 
der  Hand  ein  Messer  und  hackte  Fleisch.  Einige  Menschen 
mit  grünen  Kleidern  und  Mützen,  mit  dunklen  breiten  Bändern 
gingen  auf  und  ab  im  Osten  und  Westen  der  verborgenen 
Halle.  Sie  traten  nicht  vorwärts,  ich  weiss  nicht,  aus  welcher 
Ursache. 

Ung-tschung  fragte  die  Gattin:  Warum  hast  du  diesen 
Sohn  aufgezogen?  —  Das  Weib  gerieth  in  grossen  Zorn  und 
sprach:  Du  sagtest  immer,  dass  das  Kind,  was  den  Körper, 
die  Stimme  und  die  Freude  am  Lernen  betrifft,  dir  ähnlich  ist. 
Du  willst,  es  sei  gestorben  und  bringst  wahnsinnige  Reden 
vor.  —  Ung-tschung  sagte  ihr,  dass  es  bei  dem  Opfer  so  ge- 
wesen. Wenn  sie  es  ihm  nicht  gestehe,  so  würden  Sohn  und 
Mutter  auf  der  Stelle  getrennt.  Das  Weib  sagte  weinend: 
Einst,  weil  ich  in  Jahren  vorgeschritten  war  und  keinen  Sohn 
hatte,  war  ich  nicht  zufrieden.  Ich  vertauschte  wirklich  die 
Tochter  gegen  den  Sohn  eines  Metzgers.  Ich  gab  für  ihn 
zehntausend  Kupfermünzen, 

Dieser  Sohn  war  bereits  achtzehn  Jahre  alt.  Man  schickte 
ihn  in  sein  Haus  zurück  und  holte  die  Tochter  ab.  Die  Tochter 
war  mit  einem  Kuchenverkäufer  vermählt.  Später  vermählte 
man  sie  an  Li-wen-sse  von  Lung-si.  Wen-sse  brachte  es  im 
Amte  bis  zu  einem  Statthalter  von  Nan-yang. 

Das  Buch  Pao-pö-tse  sagt: 

Die  Geschichte  der  neun  Dreifüsse  und  das  Buch  des 
grünen  Reingeistigen  sagen,  dass  es  sowohl  bei  Menschen  als 
bei  lebendigen  Wesen,  wenn  sie  sterben,  einen  Geist  gibt.  Der 
Geist  des  Pferdes  wandert  gewöhnlicli  in  dunkler  Nacht  hinaus. 
Seine  Gestalt  ist  gleich  einem  flammenden  Feuer. 

Die  Geschichte  der  ursprünglichen  Mitte  sagt: 

Der  Vogel  von  Ku-hoe  fliegt  in  der  Nacht  und  verbirgt 
sich  am  Tage.  Er  ist  nämlich  eine  Art  Dämon  und  Geist.  Er 
bekleidet  sich  mit  Federn  und  ist  ein  fliegender  Vogel.  Wenn 
er  die  Federn  ablegt,  ist  er  ein  Mädchen.  Er  heisst  mit  Namen : 
die  junge  Tochter  des  Kaisers.  Er  heisst  auch :  der  in  der 
Nacht  Lustwandelnde.  Er  heisst  auch:  der  Hakenstern.  Er 
heisst    auch :    der    verborgen    fliegende    Vogel.      Er   hat   keine 


Der  GeisterfflauVio  in  dem  ;iUen  China.  675 

Kinder.     Es  ist  seine  Freude,  die  Kinder   der    IMenselien  weg-- 
I  zunehmen    und    sie   als    Kinder    uufzuziehen.     Wenn  Menschen 

kleine  Kinder  aufziehen,  dürfen  sie  nicht  deren  Kleider  sehen 
I  lassen.  Dieser  Vogel  ermisst  es  und  nimmt  sog-leich  die  Kinder. 
!  In  King'-tscheu  gibt  es  deren  viele.  Einst  sah  ein  jung-er  Mann 
[  von  Yü-tschang-  sechs  bis  sieben  Mädchen  auf  einem  Felde. 
j  Er  wusste  nicht,  dass  es  Vögel  seien.  Er  ging  auf  den  Knien 
j  hin  und  fand  zuerst  ihre  Federn,  die  er  verbarg.  Als  er  hinauf 
!  zu  den  Vögeln  gelangte,  entlief  ein  jeder  und  begab  sich  zu 
I  seinem  Federkleide.    Sie  bekleideten  sich  damit   und   entfloiren. 

Nur    ein    einziger    Vogel    konnte    nicht    fortkommen,    und    der 

junge  IMann  machte  ihn  zu  seinem    Weibe.     Dieses  gebar  drei 

Töchter.  Deren  Mutter  hiess  später  die  Töchter  den  Vater 
I  fragen  und  erfuhr,  dass  die  Kleider  sich  unter  einem  Haufen 
{  Reisähren  befinden.  Sie  erlangte  die  Kleider  und  entflog. 
[  Später  brachte  sie  Kleider  den  drei  Töchtern.  Als  die  drei 
[  Töchter  die  Kleider  erlangten,  entflogen  sie  ebenfalls. 
j  Das  Buch  der  göttlichen  Merkwürdigkeiten  sagt : 

I  In  den  nordöstlichen  Gegenden  gibt  es  dreihundert  Tliürcn 

j  der    Felsenhäuser    der    Dämonensterne.      Dieselben    haben    ein 

einziges  gemeinschaftliches  Thor.    Die  Inschrift  einer  Steintafel 
}  besagt :  Thor  der   Dämonen.     Am    Tage    öflfnet    es    sich    nicht. 

Wenn  der  Abend  kommt,  hört    man  daselbst    Menschen    reden 

und  sieht  Feuer  mit  grüner  Farbe  brennen. 


In  den  südlichen  Gegenden  gibt  es  Menschen,  die  dreimal 
!  zwei  Schuhe  lang  sind.     Sie    sind  nackt,    und  ihre   Augen    be- 
j  finden  sich  auf  dem  Scheitel.    Sie  laufen  umher  wie  der  Wind. 
i  Ihr  Name  ist  Dämon.     In  den  Reichen,  wo  sie  erscheinen,  ent- 
steht grosse  Dürre,  die  rothe  Erde  zeigt  sich  auf  einer  Strecke 
von  tausend  Weglängen.     Sie    heissen  auch   Mütter  der  Dürre. 
Sie  heissen  auch    ^    Ho  (Dachse).  Wenn  derjenige,  der  ihnen 
1  begegnet,  sie  in  einen  Abort  werfen  kann,  so  sterben  sie,  und  die 
Dürre  ist  vergangen. 


In  den  tiefen  Gebirgen  der    westliclicn    Gegenden    gibt  es 
eine  Art  Menschen.     Dieselben  sind  einen    Schuh  lang,    haben 


67ß  Pfizmaier. 

entblösste  Schultern  und  fang-en  Hummern  und  Krabben.  Sie 
haben  jedoch  keine  Furcht  vor  den  Menschen.  Sie  halten  vor 
den  Nachtlag-ern  und  lehnen  sich  an  das  Feuer  daselbst,  wo 
sie  Hummern  und  Krabben  braten.  Sie  warten  den  Aug-enblick 
ab,  wo  die  Menschen  nicht  da  sind,  worauf  sie  das  Salz  der 
Menschen  stehlen  und  damit  die  Krabben  verzehren.  Sie 
heissen  mit  Namen  ^  |_|j  Schan-sao  (Sao  des  Berges.)  Mit  ihren 
Stimmen  rufen  sie  sich  selbst.  Die  Menschen  legen  g-ewöhnlich 
Bambus  in  das  Feuer.  Sobald  dieses  Hitze  verbreitet,  er- 
schrecken die  Schan-sao.  Ihnen  etwas  zu  I^eide  thun,  bewirkt, 
dass  die  Menschen  Kälte  und  Hitze  empfinden. 

Die  Geschichte  der  g-leichförmigen  Herrichtung-en  sagt: 
Wang-kiung-tschi  von  Kuang-ling-  war  Befehlshaber  von 
Sin-ngan.  Als  er  sich  in  dem  Districte  befand,  sah  er  plötzlich 
einen  Dämon,  der  sagte,  dass  sein  Geschlechtsname  Tsai,  sein 
Name  Pe-kiai.  Zuweilen  bespi'ach  er  sich  wieder,  ging  zu 
Ratlie  und  sagte  Gedichte  und  Bücher  her.  Er  kannte  Alter- 
thum  und  Gegenwart,  es  war  nichts,  worin  er  nicht  gründlich 
bewandert  war.  Jener  fragte  ihn,  ob  er  der  ehemalige  Tsai- 
yung  sei.  Er  antwortete,  er  sei  es  nicht,  er  habe  nur  mit  ihm 
den  gleichen  Geschlechtsnamen.  Jener  fragte:  Wo  hat  jetzt 
dieser  Pe-kiai  seinen  Aufenthalt?  —  Er  sagte,  er  befinde  sich 
in  dem  Himmel.  Zuweilen  komme  er  herab  und  trete  als  Un- 
sterblicher auf.  Indem  er  herfliege  und  fortfliege,  empfange  er 
Segen  und  sei  sehr  fröhlich.  Es  seien  nicht  mehr  die  frü- 
heren Tage. 

Der  Wagebalken  der  Erörterungen  sagt : 
Unter  den   Menschen    des  hohen    Alterthmns    waren   zwei 
Brüder,    Namens  Schin-tu   und   Yö-lui.      So    lange    sie    lebten, 
nahmen  sie  die  Dämonen  fest.     Sie  wohnten  an  dem    östlichen 
Meere,  auf  dem  Berge    Tö-sö  unter  einem    Pfirsichbaume.     Sie 
überwachten  die  hundert  Dämonen.    Die  Dämonen  waren  ohne 
Weg  und  Ordnung,    sie  brachten  nach  Willkür  den  Menschen 
Unheil.     Schin-tu    und    Yö-lui    banden    sie    mit    Stricken    von 
Schilfrohr,  ergriffen  sie  und  speisten  mit  ihnen  die  Tiger. 
Die  Verzeichnisse  des  Dunklen  und  Hellen  sagen : 
Yuen-tschen    veröffentlichte    gewfihnlich    Erörterungen,    iu 
denen    er    sagte,    dass    es  keine    Dämonen    gebe.     Ein    Dämon 
übermittelte  ihm  den    Geschlechtsnamen    und    Namen,    trat   als 


Der  Geisterglauhe  in  dem  alten  Cliiua.  677 

i  .  .  .       * 

i  Gast  auf  und  begab  sich  zu  ihm.  Nachdem  die  Kälte  in  Wärme 

'  übergegangen ,     sprach    man    vorläufig    von     dem    Glänze    des 

Namens.    Der  Gast  zeigte  sehr  viele  Begabung  und  Scharfsinn. 

1  Er  redete  mit  ihm  lange  Zeit.    Als  man  auf  Götter  und  Geister 

!  zu  sprechen  kam,  wurde  er  roth  und  sagte:  Götter  und  Geister 

I  sind  etwas,  das  die  Weisen  und    Höchstweisen  des  Alterthums 

(  und    der    Gegenwart    in    Gemeinschaft    mit    Worten    überliefert 

I  haben.     Warum  sagst  du  allein,  dass  es  keine  gebe?     Da  bin 

I  ich   gleich    ein    Dämon.    —    Hierauf  verwandelte    er    sich    und 

I  nahm  eine  seltsaine  Gestalt  an.     Nach  einer  Weile    war    diese 

sofort  vernichtet.  Der  Mann  von  dem  Geschlechte  Yuen  schwieg, 

I  und  die  Sache  war  ihm  sehr  zuwider.  In  einem  Jahre  starb  er. 


Wang-fu-sse  verfasste  weitere  Erklärungen  der  Verwand- 
lungen. Er  verlachte  ohne  weiteres  Tsching-yuen  als  Gelehrten 
und  sagte,  der  alte  Sclave  habe  keine  Gedanken.  Um  die  Zeit 
war  es  Nacht.  Plötzlich  hörte  er  an  der  äusseren  Seitenthüre 
ein  Geräusch,  als  ob  man  Holzschuhe    angezogen  hätte.     Nach 

]  einer  Weile  trat  Jemand  vor  und  meldete  sich  als  Tsching-yuen. 

i  Dieser  stellte  ihn  zur  Rede  und  sprach :  Du  bist  von  Jahren  jung. 

!  Warum  durchstichst  und  zermeisselst  du  die  Abschnitte  der  Schrift 
und  tadelst  und  setzest  unbegründeter  Weise  herab  Lao-tse?  — 
Er  hatte  eine  äusserst  zornige  Miene.  Sobald  er  ausgeredet 
hatte,  zog  er  sich  zurück.  Fu-sse  bekam  im  Herzen  Scheu 
und  hasste  die  richtschnurmässigen  Bücher.  In  kurzer  Zeit 
ward  er  von  einer  schweren  Krankheit  befallen  und  starb. 


Yuen-te-jü  sah  gewöhnlich  auf  dem   Abort  einen    Dämon. ' 
Derselbe  war  eine  Klafter  lajig,  von  Farbe  schwarz,  und  seine 

i  Augen  waren  gross.  Er  trug  ein  schwarzes  Hemd,  und  ein 
flaches  oberes  Kopftuch.     Er    war  von    ihm    einen    Schuh    ent- 

1  fernt.  Te-jü  war  im  Herzen  ruhig.  Er  lachte  unbefangen, 
sprach  mit  ihm  und  sagte:  Die  Menschen  sagen,  dass  die  Dä- 
monen verabscheuungswürdig  sind.     Dieses  ist  wirklich  so.  — 

'  Der  Dämon  schämte  sich  sogleich  und  zog  sich  zurück. 


678  Pfizraaier. 

In  dem  Zeitalter  der  Tsin  war  Wang-pieu-tschi  jung'  und 
hatte  noch  kein  Amt.  Er  sass  einst  allein  und  betete.  Vor 
ihm  befand  sich  Bambusg-esträuch.  Plötzlich  hörte  er  Seufzer- 
laute. Pieu-tschi  empfand  Furcht  und  wunderte  sich,  dass  die 
Stimme  derjenigen  seiner  Mutter  glich.  Er  ging  daher  hin  und 
sah  nach.  .Er  sah  seine  Mutter,  die  so  wie  ehemals  gekleidet 
war.  Pieu-tschi  kniete  nieder,  verbeugte  sich  und  weinte  kum- 
mervoll. Die  Mutter  sprach :  Du  schwebst  eben  in  einer  selt- 
samen Gefahr.  Von  jetzt  an,  wenn  ich  weggegangen  sein  werde, 
wirst  du  einen  weissen  Hund  sehen.  Wenn  du  im  Stande  bist, 
über  tausend  Weglängen  hinaus  nach  Osten  zu  ziehen,  so  kannst 
du  nach  drei  Jahren  dem  Unheil  entkommen.  —  Hier  war  sie 
plötzlich  nicht  mehr  zu  sehen.  Pieu-tschi  war  schmerzlich  be- 
wegt. Als  der  Morgen  kam  und  der  Tag  angebrochen  war, 
sah  er  blos  einen  weissen  Hund,  der  ihm  beständig  folgte, 
einherging  und  stehen  blieb.  Er  richtete  sich  sogleich  her, 
packte  ein  und  gedachte,  sich  nach  Kuei-ki  zu  begeben.  Er 
zog  dann  über  tausend  Weglängen  hinaus  und  kehrte  nach  drei 
Jahren  zurück.  Im  Gebete  hörte  er  wieder  die  frühere  Stimme. 
Er  ging  hin  und  sah  seine  Mutter  wie  ehemals.  Sie  sagte  zu 
ihm :  Weil  du  meine  Worte  beherzigt  hast ,  komme  ich  und 
wünsche  dir  Glück.  Du  wirst  von  jetzt  an  achtzig  Jahre  über- 
schreiten, und  deine  Rangstufe  wird  diejenige  eines  Vorstehers 
des  Beginnes  sein.  —  Später  gingen  die  Worte  der  Mutter  in 
Erfüllung. 


Yang-khi  von  Ho-nan  führte  den  Jünglingsnamen  Sching- 
king.  In  seiner  Jugend  erkrankte  er  an  einem  Wechseltieber. 
Er  nahm  seine  Zuflucht  in  den  Tempel  und  fand  ein  aus  einer 
einzigen  Rolle  bestehendes  ungeschmücktes  Buch.  Es  waren 
Vorschriften,  wie  man  die  hundert  Dämonen  anstrengen  könne, 
so  dass  alles,  wobei  man  sie  anstrengt,  ohne  weiteres  ausge- 
führt wird.  Er  wurde  Statthalter  von  Ji-nan.  So  oft  man  zu 
dem  Abort  gelangte,  sah  man  in  der  Höhe  das  Haupt  eines 
Dämons,  das  mehrere  Schuhe  lang  war.  Man  meldete  es  Sching- 
king.  Dieser  sprach:  Dieses  ist  der  Gott  des  strengen  Reif- 
frostes. Ich  habe  ihn  angestrengt,  damit  er  austrete,  komme 
und  seine  Gestalt  vei-ändere  wie  ein  Sclave.    Ich  schicke  Briefe 


Der  Geistprglaulip  in  ilem  alten  China.  •  079 

in  die  Mutterstadt.  Am  Morg-en  bricht  er  auf,  am  Abend  kehrt 
er  zurück.     Er  unterzieht    sich    Aufträg-en    mit    der    Kraft    von 
j  tausend  Menschen. 


In    dem    Gebirg-e    des    Districtes    Tung--tschang-    lebt    ein 
Wesen,    das    wie    ein    Menscli  gestaltet  ist.     Dasselbe    ist   vier 
bis  fünf  Schuh  hoch,  nackt  und  von  seinem  Haupthaar  bedeckt. 
Das  Haupthaar  ist  fünf  bis  sechs  Zoll  lang-.     Es    lebt  gewöhn- 
lich auf  liohen  Berg-en,  zwischen  Felsenwänden.     Wo  es  weilt, 
schickt    es    eine    laute    Stimme    hervor,    aber    es    bringt    keine 
Sprache    zu    Weg;e.     Es    kann    pfeifen    und    sich    g^egenseitig 
rufen.     Es  ist    gewöhnlich  in   Dunkelheit    verborgen,    und   man 
kann    es  nicht   immer    sehen.     Es    waren    Menschen,    die   Holz 
fällten  und  in  dem  Gebirge  übernachteten.     Mit   Einbruch    der 
Nacht    schliefen     sie    ein.      Dieses    Wesen    nahm    das    Junge 
in    die   Arme,    kam  aus    dem    von   Bergen    eingeengten    Flusse 
hervor  und  fing  zwischen  den  Steinen  Krebse.  Es  näherte  sich 
dem  Feuer  der  Menschen,  röstete  die  Krebse  und  speiste  damit 
j  das  Kind.    Um  die  Zeit  befand  sich  unter  den  Menschen  Einer, 
j  der  nicht  schlief.    Er  weckte  die  Anderen  in  der  Stille  auf  und 
I  sagte    es    ihnen.     Sie    erhoben    sich    schnell    und   grifien    es    in 
i  Gemeinschaft   plötzlich   an.     Es    entlief   und    Hess    sein    Junges 
i  zurück.      Die    Stimme    desselben    glich    dem    Geschrei    eines 
I  Menschen.     Dieses    Wesen    hiess  eine  Schaar    männlicher    und 
!  weiblicher  anderer  Wesen  Steine  herbeischleppen  und  die  Menschen 
j  heftig    angreifen.      Erst   nachdem    sie    hingelaufen    waren    und 
I  das  Junge  gefunden  hatten,  standen  sie  ab. 

Der  Garten  der  Merkwürdigkeiten  sagt: 

An  den  Orten  der  Verwaltung  von    Kuang-tscheu  gab  es 

einen  gelbgekleideten  Dämon.    Derselbe  zog  aus  und  verhängte 

Strafe.     Die  Kleider   und    die    Seitentheile    der   Mütze,    die    er 

I  trug,  waren    gelb.     Wenn    er    zu    den    Häusern    der    Menschen 

1  gelangte,   sperrte  er    den    Mund    auf  und   lachte.     Man    bekam 

!  dort  sicher  die  Pest.    Länge  und  Kürze  waren  nicht  beistimmt, 

!  er  folgte  und    trennte  sich  auf  den    Höhen    und    in    dov    Tiefe. 

j  Dass  er  nicht  auszog,  sind  bereits  zehn  Jahre.    In  dem  Lande 

ist  das  Entsetzen  allgemein  und  die  Furcht  nimmt  kein  Ende. 


680  Pfizmaier. 

Als  Lö-ki  zum  ersten  Male  in  Lö  drang-,  hielt  er  in 
Yen-sse,  einem  Districte  von  Ho-nan.  Um  die  Zeit  war  es 
Abend,  und  er  sah  von  ferne  zur  Linken  des  Weg-es  etwas 
gleich  Wohnsitzen  des  Volkes.  Er  ging-  daher  hin  und  bezog 
ein  Nachtlager.  Er  sah  einen  Jüngling  von  göttlicher  Gestalt 
und  richtigem  Ebenmasse.  Derselbe  sprach  mit  Ki  und  Hess 
sich  mit  ihm  in  Eriirterungen  ein.  Er  fand  auf  wundervolle 
Weise  das  ursprüngliche  Unscheinbare.  Ki  beugte  sich  im 
Herzen  vor  dessen  Fähigkeiten  und  hatte  nichts,  um  den 
Widerspruch  ins  Licht  zu  setzen.  Ki  erfasste  das  Alterthum 
und  die  Gegenwart,  prüfte  die  Wirklichkeit  des  Namens.  Der 
Jüngling  war  hierüber  nicht  sehr  erfreut.  Nachdem  er  die  Aus- 
einandersetzungen verstanden,  entfernte  er  sich  sogleich.  Ki 
kehrte  mit  dem  Dreigespanne  in  einer  Herberge  ein.  Ein  altes 
Weib  aus  der  Herberge  sagte :  Hier  im  Osten  befindet  sich  auf 
einer  Strecke  von  mehreren  zehn  Weglängen  kein  Dorf  und 
keine  Niederlassung.  Es  sind  daselbst  blos  die  Grabhügel  des 
Hauses  des  Königs  von  Schan-yang.  —  Ki  verwunderte  sich. 
Er  kehrte  missmuthig  zurück  und  blickte  auf  den  gestrigen 
Weg.  Es  war  eine  leere  Wildniss.  Staubwirbel,  Wolken  und 
zusammengedrängte  Bäume  verfinsterten  die  Sonne.  Er  Avusste 
jetzt,  dass  derjenige,  mit  dem  er  zusammengetroffen,  der  König 
Pi  von  Sin  gewesen. 


Yuen,  Lehensfürst  von  Hia,  wurde  auf  Befehl  des  Königs 
King  von  dem  Geschlechte  Sse-ma  hingerichtet.  Die  Menschen 
des  Stammhauses  veranstalteten  für  ihn  ein  Opfer.  Sie  sahen 
Yuen  kommen.  Auf  dem  reingeistigen  Sitze  nahm  er  sein  Haupt 
herunter  und  legte  es  auf  die  Kniee.  Er  nahm  die  Speisen, 
Dinge  wie  Wein,  Gehacktes,  und  steckte  sie  in  den  Hals.  Als 
er  damit  zu  Ende  war,  kehrte  er  zurück.  Er  befestigte 
das  Haupt  und  sprach :  Ich  habe  meine  Bitte  durchgesetzt 
bei  dem  Kaiser.  Der  Sohn  Yuen  wird  keine  Nachkommen 
haben. 


Der  GnisterprhvHlip  in  ilom  alten  China.  HSl 

Sie-Hng-yün  sah  im  fünften  Jahre  des  Zeitraumes  Yuen- 
kia  (428  n.  Chr.)  plötzlich  Sie-hoei. '  Derselbe  hielt  sein  Haupt 
hoch  in  den  Händen,  kam  und  setzte  sich  auf  ein  besonderes 
Bett.  Das  Blut  träufelte  und  hei  herab  auf  eine  Weise,  dass 
man  den  Anblick  nicht  ertragen  konnte.  Auch  das  Pelzkleid 
aus  Leopardenfell,  in  das  sich  Jener  kleidete,,  war  in  Blut 
getränkt,  das  den  Koffer  erfüllte.  Als  er  die  Provinz  Lin- 
tschuen  verwaltete,  fanden  sich  in  seiner  Speise  mehrmals  grosse 
Insekten.  Der  Mann  von  dem  Geschlechte  Sie  wurde  hierauf 
hingerichtet. 


In  dem  Zeitalter  hatte  man  die  purpurne  Muhme,  Von 
jeher  erzählte  man  sich  gegenseitig  in  Ueberlieferungen,  sie  sei 
das  Kebsweib  eines  Menschen  gewesen.  Sie  sei  von  dem 
grossen  Weibe  im  Umgange  belogen  worden  und  dieses  habe 
sie  zu  Dienstleistungen  bei  schmutzigen  Dingen  verwendet.  Am 
fünfzehnten  Tage  des  ersten  Monates  des  Jahres  ärgerte  sie 
sich  und  starb.  Dessw^egen  verfertigten  die  späteren  Menschen 
au  diesem  Tage  ihr  Bild  und  zogen  in  der  Nacht  an  Seiten- 
orten  oder  neben  einer  Schweinshürde  entgegen.  Sie  riefen  sie 
mit  den  Worten  an:  Tse-siü  ist  nicht  da,  der  Mann  der  Tsao 
kehrt  auch  heim.  (Tsao  ist  das  grosse  Weib.)  Die  kleine  Muhme 
kann  austreten  und  spielen.  —  Wenn  man  warf  und  eine  Schwere 
bemerkte,  so  kam  die  Göttin  alsbald.  Man  trug  ihr  Wein  und 
Früchte  auf.  Man  bemerkte  auch,  dass  ihr  Angesicht  in  heller 
Farbe  glühte.  Sie  sprang  und  hüpfte  dann  ohne  Aufhören. 
Sie  konnte  über  alle  Dinge  wahrsagen,  ihre  Wahrsagung  er- 
streckte sich  jedoch  niclit  auf  Seidenraujjen  und  Maulbeerbäume. 
Sie  war  ferner  geschickt  im  Pfeilschiessen  und  Angeln.  Wenn 
sie  gut  aufgelegt  war,  so  tanzte  sie  stark.  Wenn  sie  schlecht 
aufgelegt  war,  so  legte  sie  sich  zurück  und  schlief.  Der  Mann 
von  dem  Geschlechte  Meng  aus  Ping-tschang  glaubte  dieses 
niemals.  Er  prüfte  es  selbst,  ging  hin  und  erfasste  sie.  Sie 
sprang  in  die  Höhe,  durchlöcherte  den  Obertheil  des  Zeltes 
und  verschwand.     Man  verlor  ihre  Spur  für  immer. 


1  Sie-hoei  hatte  sich  im  dritten  Jahre  des  Zeitraumes  Yuen-kia  (426  n.  Chr.) 
in  Kiaiig-liiig  empört.  Er  wurde  iu  demselben  Jahre  durch  ein  von  dem 
Kaiser  bofeldigtes  Kriegsheer  geschhxgen  und  hingerichtet. 


682  Pfizmaier. 

Yuen-sieu  führte  den  Jünglingsnamen  Siuen-tse.  Er  erör- 
terte, ob  es  Dämonen  gebe  oder  keine.  Einig-e  meinten,  dass 
der  Mensch,  wenn  er  stirbt,  einen  Dämon  hat.  Siuen-tse  allein 
war  der  Meinung-,  dass  er  keinen  habe.  Er  sprach :  Jetzt  sagen 
diejenigen,  die  einen  Dämon  sahen ,  er  sei  mit  den  Kleidern 
bekleidet  gewesen,  die  er  bei  seinen  Lebzeiten  getragen.  Wenn 
der  Mensch  stirbt  und  einen  Dämon  hat,  haben  da  die  Kleider 
einen  Dämon  ?  —  Die  Erörternden  bekannten  sich  für  überwunden. 

Die  Ueberlieferungen  der  gereihten  Merkwürdigkeiten 
sagen : 

Tsung-ting-pe  von  Nan-yang  wandelte  zur  Zeit  seiner  Ju- 
gend in  der  Nacht  und  begegnete  einem  Dämon.  Er  fragte 
ihn:  Wer  bist  du?  —  Der  Dämon  sprach:  Ich  bin  ein 
Dämon.  —  Der  Dämon  sprach:  Wer  bist  denn  du?  Ting-pe 
täuschte  ihn  und  sagte:  Ich  bin  ebenfalls  ein  Dämon.  Ich  will 
auf  den  Markt  von  Wan  gelangen.  —  Der  Dämon  sagte:  Ich 
will  ebenfalls  auf  den  Markt  von  Wan  gelangen.  —  Sie  gingen 
mit  einander  mehrere  Weglängen.  Der  Dämon  sagte:  Wir 
schreiten  mit  grosser  Schnelligkeit  einher.  Wir  können  ein- 
ander abwechselnd  auf  den  Schultern  tragen.  —  Ting-pe  war 
sehr  erfreut.  Der  Dämon  trug  zuerst  Ting-pe  mehrere  Weg- 
längen weit  auf  den  Schultern.  Der  Dämon  sagte:  Du  bist 
sehr  schwer.  —  Ting-pe  sagte:  Ich  bin  erst  kürzlich  gestorben, 
desswegen  bin  ich  schwer.  —  Ting-pe  trug  jetzt  wieder  den 
Dämon  auf  den  Schultern.  Der  Dämon  hatte  gar  keine  Schwere. 
Auf  diese  Weise  geschah  es  zwei-  bis  dreimal.  Ting-pe  sagte 
wieder:  Ich  bin  erst  kürzlich  gestorben.  Ich  weiss  nicht, 
wovor  die  Dämonen  insgesammt  Scheu  haben.  —  Der  Dämon 
antwortete:  Sie  haben  nur  keine  Freude,  wenn  der  Mensch 
ausspuckt. 

Hierauf  stiessen  sie  auf  ihrem  gemeinschaftlichen  Wege 
auf  einen  Fluss.  Ting-pe  hiess  jetzt  den  Dämon  zuerst  durch- 
setzen. Er  horchte  und  hörte  durchaus  kein  Geräusch.  Ting- 
pe  setzte  mit  einem  starken  Geräusche  durch.  Der  Dämon  | 
sagte  wieder:  Warum  machst  du  ein  Geräusch?  —  Ting-pe j 
sprach:  Ich  bin  erst  kürzlich  gestorben  und  nicht  gewohnt, 
einen  Fluss  zu  durchsetzen.  Mögest  du  dich  nicht  wundern. 

Im    Gehen    wollten    sie    nach    Wan    gelangen.     Ting-peJ 
nahm  sogleich  den  Dämon  auf  die  Schultern.    Als  er  ihm  übel 


Per  Geisterglaulie  in  flem  alten  China.  TiSS 

iem  Kopfe  war,  hielt  er  iliu  schnell  fest.  Der  Dämon  schrie 
aut,  lärmte  mid  suchte  herabzukommen.  Jener  g-ab  ihm  kein 
jrehör  mehr.  Er  gelang-te  unverzüglich  auf  den  Markt  von  Wan. 
Ms  er  ihn  auf  die  Erde  setzte,  verwandelte  sich  der  Dämon 
u  ein  Schaf.  Jener  verkaufte  ihn  sofort.  Da  er  fürchtete,  dass 
3r  sich  wieder  verwandeln  könne,  spuckte  er  auf  ihn.  Er  erhielt 
eintausend  fünfhundert  Kupfermünzen  und  entfernte  sich.  Um 
iie  Zeit  bezeichnete  man  Ting-pe  als  einen  Mann,  der  einen 
Dämon  verkauft  und  für  ihn  eintausend  fünfhundert  Kupfer- 
nünzen  erhalten  hatte. 


Zu  Ying-ling  in  Pe-hai  war  ein  Wegmeusch,  der  im  Stande 
A'ar,  Zusammenkünfte  der  Menschen  mit  den  Todten  zu  veran- 
stalten. In  der  nämlichen  Provinz  war  ein  Mensch,  dessen 
Weih  bereits  vor  mehreren  Jahren  gestorben  war.  Derselbe 
lörte  von  dem  Wegmenschen,  ging  hin,  besuchte  ihn  und  sprach : 
i'Iöchtest  du  mich  ein  einziges  Mal  sie  sehen  lassen.  Wenn 
eh  dann  stürbe,  wäre  es  mir  ebenfalls  nicht  leid.  —  Der 
\lensch  des  Weges  belehrte  ihn,  wie  er  sie  sehen  könne.  Hier- 
luf  bewirkte  er,  dass  er  mit  ihr  zusammentraf.  In  ihren  Worten 
var  Schmerz  und  Freude.  Ihre  Güte  und  die  Eigenschaften 
hrer  Seele  waren  wie  zur  Zeit  ihres  Lebens.  Nach  längerer 
^eit  h()rte  man  den  Ton  einer  Trommel.  Sie  nahm  alsbald 
abschied  und  entfernte  sich. 

Die  Geschichte  des  Suchens  der  Götter  sagt: 
Ho-schang  von  Kieu-kiang  wurde  zu  den  Zeiten  der  Ilan 
stechender  Vermerker  von  Kiao-tschi.  Seine  wandernden  Ab- 
iheilungen gelangten  nach  Thsang-wu.  Am  Abend  bezog  er 
iin  Nachtlager  in  dem  Einkehrhause  des  Laufes  der  Schwäne. 
Es  war  noch  nicht  Mitternacht,  als  ein  junges  Weil)  von  dem 
Pusse  des  Stockwerkes  ihm  zurief  und  sprach  :  Ich  wohne  ur- 
spiünglich  in  dem  Districte  Kuang-sin  und  bin  zu  Hause  in 
1er  Gasse  Sieu.  Ich  verlor  frühzeitig  meine  Eltern,  ich  hatte 
i^eine  Brüder  und  vermählte  mich  mit  einem  in  demselben  Di- 
stricte wohnenden  Manne  von  dem  Geschlechte  Schi.  Dem- 
selben war  ein  kurzes  Leben  beschieden.  Als  mein  Mann  starb, 
besass  er  einhundert  zwanzig  Stücke  verschiedenartigen  TafFets 
und  eine  Sclavin,  Namens  Tschi-fu.     Ich  war  verwaist,  elend, 

Sitzb.  d.  pliil.-hist.  Cl.  LXVni.  Bd.  Hl.  Hft.  44 


684  Pfizmaier. 

abgezehrt  und  schwach.  Ich  war  nicht  im  Stande,  mir  zu 
helfen.  Ich  wollte  mich  in  den  nebenanliegenden  District  be- 
geben und  den  TafFet  verkaufen.  Ich  miethete  von  einem  in 
demselben  Districte  wohnenden  jungen  Manne,  dessen  Name 
Wang-pe,  einen  Wagen  und  ein  Gespann  Rinder.  Ich  lud  den 
Taffet  auf  und  bestieg  den  Wagen.  Tschi-fu  erfasste  die  Zügel. 
Wir  gelangten  im  vierten  Monate  des  vorigen  Jahres  vor  das 
Einkehrhaus.  Es  war  um  die  Zeit  Abend,  die  des  Weges 
ziehenden  Menschen  waren  verschwunden,  und  ich  getraute 
mich  nicht,  wieder  vorwärts  zu  gehen.  Ich  hielt  daher  an. 
Tschi-fu  bekam  plötzlich  Bauchschmerzen.  Ich  begab  mich 
daher  zu  dem  Gebäude  des  Aeltesten  des  Einkehrhauses  und 
bat  um  zubereiteten  Trank  und  Feuer.  Allein  der  Aelteste 
des  Einkehrhauses,  ein  Mann,  dessen  Name  Si-scheu,  erfasste 
ein  Messer  und  eine  Hakenlanze,  kam  an  die  Seite  des  Wagens 
und  fragte  mich:  Woher  kommt  die  vornehme  Frau?  Was  für 
Gegenstände  sind  es,  die  auf  den  Wagen  geladen  wurden?  Wo 
ist  der  Mann?  Warum  reist  man  allein?  —  Ich  erwiderte: 
Warum  fragst  du?  —  Scheu  ergriff  meinen  Arm  und  sprach: 
Die  jungen  Leute  lieben  es,  wenn  man  Schönheit  besitzt.  Es 
ist  zu  hoffen,  man  kann  sich  dessen  erfreuen.  —  Ich  ward  von 
Furcht  befallen  und  erwiderte  nichts.  Scheu  ergriff  sofort  das 
Messer  und  brachte  mir  unter  den  Rippen  eine  Stichwunde 
bei,  an  der  ich  auf  der  Stelle  starb.  Er  stach  ferner  Tschi-fu 
und  auch  dieser  starb.  Scheu  ffrub  die  Erde  unter  dem  Stock- 
werke  auf  und  begrub  uns  gemeinschaftlich ,  mich  unten ,  die 
Sclavin  oben.  Er  nahm  die  kostbaren  Gegenstände  und  ent- 
fernte sich.  Er  tödtete  die  Rinder  und  verbrannte  den  Wagen. 
Die  Naben  des  Wagens  und  die  Knochen  der  Rinder  befinden  | 
sich  aufgehäuft  in  dem  östlichen  Brunnen  des  Einkehrhauses. 
Ich  bin  bereits  gebrochen  und  gestorben,  mein  Schmerz  rührt) 
den  erhabenen  Himmel,  ich  habe  nichts,  wo  ich  es  anzeigen 
könnte.  Desswegen  komme  ich  und  wende  selbst  mich  zu  dem 
Gebieter,  dem  erleuchteten  Gesandten. 

Schang  sprach:  Wenn  ich  jetzt  hervortreten  wollte,  wie 
würdest  du  es  beweisen?  —  Das  junge  Weib  sprach:  Ich  trugi 
obere  und  untere  weisse  Kleider,  Schuhe  von  grünen  Seiden-' 
fäden,  was  alles  noch  nicht  verfault  ist.  Mein  Geschlechtsnara«' 
ist  Su,  mein  Name  Ngo.     Ich  wünschte,  dass  mau  sich  in  der 


Der  Geisterglaube  in  ileni  alten  China.  ßHf) 

(xusse  des  Bezirkes  erkundige  und  die   zerstreuten  Gebeine  zu 
meinem  verstorbenen  Manne  zurückbringe. 

Schang  kehrte  jetzt  in  schnellem  Laufe  zurück  und  hiess 

jdie  Angestellten  Scheu  festnehmen.     Sie  verhörten  ihn   und  er 

j  gestand.     Man  schickte  zu  dem  Districte  Kuang-sin  herab  und 

die  Sache  stimmte  mit  den  Worten  Ngo's  überein.    Die  Eltern 

und   Geschwister    Scheu's    wurden   festgenommen    und    in    dem 

Gefängnisse  gebunden.    Schang  gab  folgendes  kund:  Scheu  ist 

;nach  dem  gewöhnlichen  Gesetze  ein  Mörder,    und  hier  bleiben 

jdie  Verwandtschaften  unbei'ührt.    Allein  Scheu  that  Böses  und 

verheimlichte    es  über    ein  Jahr.     Dieses    ist   etwas ,    was  nach 

dem    Gesetze    der    Könige    nicht    verziehen    wird.     Dass    aber 

Dämonen  und  Geister  die  Anzeige  machen,  davon  hat  man  in 

tausend  Jahren  kein  einziges  Beispiel.    Ich  bitte,  dass  man  sie 

alle  enthaupte,  um  ins  Licht  zu  stellen  die  Dämonen  und  Geister, 

zu  befördern  die  verborgene  Lehre. 


Lu-tschung  war  ein  Eingeborner  von  Fan-yang,  Dreissig 
Weglängen  westlich  von  seinem  Hause  befand  sich  das  Grab- 
mal des  kleinen  Vorrathshauses  '  von  dem  Geschlechte  Thsui. 
Tschung  war  zwanzig  Jahre  alt  und  verliess  an  dem  Tage  vor 
der  Ankunft  des  Winters  das  Wohnhaus,  um  im  Westen  zu 
jagen  und  zu  spielen.  Er  sah  ein  Reh,  nach  dem  er  schoss 
und  das  er  traf.  Das  Reh  entzog  sich  und  entlief.  Tschui^g 
verfolgte  es,  ohne  die  Entfernung  zu  bemerken.  Plötzlich  sah 
er  an  dem  Wege  in  dei*  Entfernung  einer  Weglänge  ein  hohes 
Thor  und  ein  Ziegeldach.  Im  Umkreise  befanden  sich  nach 
allen  vier  Gegenden  Gebäude,  die  den  Gebäuden  eines  Vor- 
rathshauses gleichen.  Er  band  daselbst  das  Reh  unter  dem 
Glöckchen  in  dem  Tliore.  Vor  dem  Wegweiser  der  Gäste  war  ein 
•  Mensch,  der  ihm  ein  neues  Kleid  zuwarf  und  sprach:  Der  Ge- 
I  bieter  des  Vorrathshauses  schickt  dieses  dem  Jüngling.  — 
I  Tschung  zog  es  sogleich  an.  Nachdem  er  vorgetreten,  sah  er 
den  Angestellten    des    kleinen   Vorrathshauses.     Dieser    spi^ach 


*  Das  kleine  Vorratlishaus  (Scliao-fu)  ist  ein  Angestellter,  der  sich  mit  den 
Abgaben  von  dem  Meere,  den  Bergen,  dem  Boden  und  den  Sümpfen 
befasst. 

44* 


ß8ß  Pfizmaier. 

ZU  ihm:  Der  Gebieter  des  geehrten  Vorrathshauses  hielt  mein 
Thor  nicht  für  niedrig".  Vor  Kurzem  erhielt  ich  ein  Schreiben, 
worin  gesagt  wird,  dass  ich  für  dicli  ein  kleines  Mädchen  suchen 
solle,  um  sie  mit  dir  zu  vermählen.  Desswegen  ging  ich  dir 
entgegen.  —  Sofort  zeigte  er  Tschung  das  Schreiben.  Obgleich 
Tschung  zur  Zeit,  als  sein  Vater  starb,  noch  klein  war,  er- 
kannte er  doch  die  Handschrift  des  Vaters.  Er  schluchzte 
sofort  und  weigerte  sich  nicht  mehr.  Jener  forderte  sogleich 
das  Innere  mit  den  Worten  auf:  Der  Jüngling  von  dem  Ge- 
schlechte Lu  ist  gekommen.  Man  kann  dem  jungen  Mädchen 
auftragen,  dass  es  sich  schmücke.  —  Als  der  Abend  dämmerte, 
meldete  das  Innere,  dass  das  junge  Mädchen  geschmückt  sei. 
Endlich  sagte  der  Mann  des  Geschlechtes  Tlisui  zu  Tschung : 
Du  kannst  zu  dem  Osten  hinkommen.  —  Das  Weib  des  Man- 
nes von  dem  Geschlechte  Thsui  stieg  von  dem  Wagen ,  stand 
an  dem  Ende  des  Teppichs  und  verbeugte  sich. 

Hierauf  waren  drei  Tage  zu  Ende.  Der  Mann  von  dem 
Geschlechte  Thsui  sagte  zu  Tschung:  Du  kannst  heimkehren 
und  dich  entfernen.  Wenn  die  Tochter  einen  Knaben  gebärt, 
so  werde  ich  ihn  dir  zurückschicken.  Wenn  sie  ein  Mädchen 
gebärt,  so  werde  ich  es  behalten  und  aufziehen.  —  Er  forderte 
das  Aeussere  auf,  in  einem  geschmückten  Wagen  den  Gast  zu 
begleiten.  Tschung  verabschiedete  sich  jetzt  und  trat  aus.  Als 
er  zu  Hause  ankam,  sah  ihn  seine  Mutter  und  fragte  ihn  um 
die  Ursache  seines  Ausbleibens.  Tschung  legte  in  seiner  Ant- 
wort den   ganzen  Sachverhalt  dar. 

Vier  Jahre  später,  im  dritten  Monate  des  Jahres,  blickte 
Tschung  auf  das  Wasser  herab  und  spielte.  Plötzlich  sah  er 
einen  Kälberwagen,  der  bald  untersank,  bald  schwamm.  Hierauf 
erreichte  er  die  Ilferhöhe.  Die  vier  Sitze  waren  sichtbar,  und 
Tschung  ging  hin  und  öffnete  ihn.  An  der  rückwärtigen  Thüre 
des  Wagens  sah  er  die  Tochter  des  Geschlechtes  Thsui,  die 
mit  einem  dreijährigen  Knaben  spielte.  Die  Tochter  nahm  das 
Kind  in  die  Arme  und  gab  es  Tschung  zurück.  Ferner  gab 
sie  ihm  eine  goldene  Schale.  Sie  ward  dann  plötzlich  unsichtbar. 

Tschung  bestieg  später  einen  Wagen  und  fuhr  auf  den 
Markt,  um  die  Schale  zu  verkaufen.  Erhoffte,  dass  sie  Jemand 
erkennen  wcsrde.  Eine  Sclavin  erkannte  diese  Schale.  Sie  kehrte 
zurück  und  meldete  in  einem  grossen  Hause :  Auf  dem  Markte 


Der  GeistergUiulie  in  dorn  alten  Cliiua.  (jö  i 

sali  ich  einen  IMenschen^  der  in  einem  Wag-cn  tulir  und  die 
goldene  Schale  in  dem  Sarg'c  des  jung'cn  Mädchens  von  dem 
Geschlechte  Thsui  verkaufte.  —  Das  grosse  Haus  war  die 
eigene  Mutter  der  Mutterschwesteru  des  Mannes  von  dem  Ge- 
schlechte Thsui.  Dieselbe  schickte  eines  ihrer  Kinder,  damit 
es  nachsehe.  Es  Avar  wirklich,  wie  die  Öclavin,  gesagt  hatte. 
Jenes  sagte  zu  Tschung:  Einst  vermählte  sich  meine  Mutter- 
schwester mit  dem  kleinen  Vorrathshausc.  Sie  gebar  eine  Tochter, 
die  noch  unvermählt  starb.  Die  Verwandten  des  Hauses 
empfanden  darüber  Schmerz.  Sie  schenkten  eine  goldene  Schale 
und  legten  sie  in  den  Sarg.  Du  kannst  mir  umständlich  er- 
zählen, wie  du  die  Schale  erlangt  hast.  —  Tschung  erzählte, 
wie  die  Sache  sich  verhielt.  Dieses  Kind  war  ebenfalls  schmerz- 
lich gerührt  und  schluchzte  laut.  Es  kehrte  zurück  und  mel- 
dete es  der  Mutter.  Die  Mutter  befahl  sogleich,  dass  man  sich 
in  das  Haus  Tschuug's  begebe  und  das  Kind  zurückbringe. 
Sämmtliche  Verwandte  waren  versammelt.  Das  Kind  hatte  das 
Aussehen  des  Mannes  von  dem  Geschlechte  Thsui,  es  hatte 
aber  auch  Aehnlichkeit  mit  Tschung.  Das  Kind  und  die  Schale 
gaben  zugleich  Zeugniss. 

Die  Mutter  der  Mutterschwestern  sprach:  Es  ist  ausser- 
halb unseres  Wohnsitzes  geboren.  Somit  sei  sein  Jünglings- 
name Wen-hieu  (mild  und  trefflich).  Mild  und  trefflich  ist  der 
verborgene  Eidam.  —  Es  bildete  hierauf  seine  edlen  Gaben 
aus  und  gelangte  allmälig  bis  zu  der  Würde  eines  Statthalters 
der  Provinz.  Später  wurde  der  eingesetzte  Sohn  Yö  in  der 
Welt  berühmt. 


Zwischen  den  Bergen  von  Lin-tschuen  gibt  es  ungeheuer- 
liche Wesen.  Dieselben  kommen  gewöhnlich  mit  Sturm  und 
Regen.  Sie  haben  eine  Stimme  wie  ein  Pfeifen  und  sind  im 
Stande,  die  Menschen  mit  Pfeilen  zu  schiessen.  Nach  einer 
Weile  schwillt  die  Wunde  von  dem  starken  Gifte.  Es  gibt 
Männchen  und  Weibchen.  Das  Männchen  ist  schnell,  jedoch 
das  Weibchen  ist  langsam.  Das  Schnelle  bleibt  nicht  länger 
als  einen  halben  Tag.  Das  Langsame  bleibt  über  Nacht.  Die 
Menschen  jener  Gegenden  haben  gewöhnlich  etwas,  um  sie  auf- 
zusuchen.    Wenn   es   ein  wenig   spät  ist,    sterben   sie.     Es  ist 


ß38  Pfizmaier. 

Sitte,    sie   aufzusuchen.     Ihr    Name    ist:    die    mit    dem   Messer 
arbeitenden  Dämonen. 


In  der  Provinz  Yung-tschang ,  District  Pü-wei,  g-ibt  es 
das  verbotene  Wasser.  Dieses  Wasser  hat  den  Hauch  des 
Giftes.  Bios  in  dem  eilften  und  zwölften  Monate  des  Jahres 
kann  man  übersetzen.  Vom  ersten  bis  zum  zehnten  Monate 
des  Jahres  kann  man  nicht  übersetzen.  Setzt  man  über,  so 
macht  es  ohne  weiteres  den  Menschen  erkranken  und  tödtet 
ihn.  In  diesem  Hauche  befindet  sich  ein  böses  Wesen,  dessen 
Gestalt  man  nicht  sieht.  Es  gibt  einen  Ton  von  sich,  als  ob 
man  etwas  würfe.  Trifft  es  einen  Baum,  so  bricht  es  ihn. 
Trifft  es  einen  Menschen,  so  verdirbt  es  den  Menschen.  Man 
nennt  es  insgemein:  die  Kug-elarmbrust  der  Dämonen. 


Die  Ueberlieferungen  von  Männern  der  Schrift  sagen: 
Als  Tso-sse  das  bilderlose  Gedicht  auf  die  Hauptstadt  von 
Schö  verfertigte,  sagte  er  in  ihm:  Durch  die  fliegenden  Kugeln 
der  Kugelarmbrust  der  Dämonen  ist  der  Boden  steinig  und 
schlecht.  —  Später  veränderte  er  wieder  das  Gedicht  und  Hess 
diese  Worte  aus. 


Die  Denkwürdigkeiten  der  acht  Abtheilungen  im  Süden 
sagen :  In  der  Provinz  Yung-tschang  gibt  es  das  verbotene 
Wasser.  Dieses  Wasser  hat  einen  bösen  Gifthauch.  Das  da- 
selbst befindliche  Wesen  gibt  einen  Ton  von  sich.  Wenn  es 
Bäume  trifft,  so  zerbricht  es  sie.  Es  heisst  mit  Namen:  die 
Kugelarmbrust  der  Dämonen.  Wenn  es  Menschen  trifft,  so  sind 
diese  plötzlich  grün  und  verbrannt. 


Tscheu-schi  von  Hia-pei  gelangte  einst  nach  Tung-hai. 
Auf  dem  Wege  begegnete  ihm  ein  Abgesandter,  der  in  der 
Hand  ein  aus  einer  Rolle  bestehendes  Buch  hielt.  Derselbe 
verlangte  von  Schi,  dass  er  ihn  in  das  Fahrzeug  aufnehme. 
Nachdem  sie  etliche  zehn  Weglängen  fortgezogen,  sagte  er  zu 


Der  Geisterglinil't'  in  ilom  alten  China.  U«^.' 

Schi:  Ich  muss  für  einen  Augenblick  an  einen  Ort  g-chen.  Ich 
lasse  das  Buch  in  dem  Schiffe  zurück.  Hüte  dich,  dass  du  es 
nicht  öffnest.  —  Sobald  er  sich  entfernt  hatte,  öffnete  Schi 
verstohlen  das  Buch  und  blickte  hinein.  Es  enthielt  lauter 
Verzeichnisse  todter  Menschen.  In  dem  untersten  Absätze  be- 
fand sich  der  Name  Schi's.  Nach  einer  Weile  kehrte  der  An- 
gestellte zurück.  Schi  sagte  ihm  sogleich,  dass  er  in  das  Buch 
ücblickt  habe.  Der  Angestellte  ward  zornig  und  sprach:  Ich 
habe  dir  eigens  gesagt,  dass  du  nicht  hineinsehen  sollest.  — 
Schi  schlug  das  Haupt  gegen  den  Boden,  bis  das  Blut  hervor- 
floss.  Der  Angestellte  sprach  nach  langer  Zeit:  Ich  bin  dank- 
bar, dass  du  mich  auf  einer  weiten  Strecke  in  das  Fahrzeug 
aufgenommen  hast.  Dieses  Buch  lässt  sich  nicht  wegschaffen. 
Wenn  du  heute  weggegangen  bist,  kehre  nach  Hause  zurück 
und  tritt  durch  drei  Jahre  nicht  aus  dem  Thore.  Es  lässt  sich 
dann  erwägen.  Sage  nicht,  dass  du  mein  Buch  gesehen  hast. 
Schi  kehrte  zurück  und  war  bereits  zwei  Jahre  nicht  aus- 
gegangen. Die  übrigen  Hausbewohner  wunderten  sich  hierüber. 
Die  Nachbarn,  die  Leute  und  der  Vater  zürnten  und  Hessen 
um  ihn  wie  um  einen  Todten  klagen.  Schi  wusste  sich  nicht 
zu  helfen  und  er  trat  vor  das  Thor.  Sogleich  sah  er 
diesen  Angestellten.  Der  Augestellte  sprach:  Ich  hiess  dich 
drei  Jahre  nicht  ausgehen.  Was  ist  jetzt  zu  thun?  Ich  suchte 
dich  und  sah  dich  nicht.  Jahr  um  Jahr  habe  ich  dafür  die 
Peitsche  und  den  Stock  bekommen.  Jetzt  habe  ich  dich  ge- 
sehen, es  lässt  sich  nichts  thun.  In  drei  Tagen  werde  ich  dich 
wegnehmen.  —  SchT  kehrte  zurück  und  weinte.  Er  erzählte 
die  Sache,  wie  sie  hier  erzählt  worden.  Der  Vater  glaubte  es 
durchaus  nicht.  Die  Mutter  bewachte  ihn  Tag  und  Nacht  unter 
Thränen.  In  drei  Tagen,  zur  Stunde  des  Mittags,  starb  er. 
Die  fortgesetzte  Geschichte  des  Suchens  der  Götter  sagt: 
Hu-meu-hoei  von  Hoai-man  besass  die  Gabe,  Dämonen 
zu  sehen.  Obgleich  er  keine  Freude  hatte,  sie  zu  sehen,  konnte 
er  diesem  kein  Ende  machen.  Später  unternahm  er  eine  Reise 
nach  Yang-tscheu.  Auf  dem  Rückwege  kam  er  an  Yang-tsching 
vorbei.  Im  Osten  dieser  Stadt  befand  sich  ein  göttlicher 
Tempel,  in  dessen  Mitte  das  Volk  eben  durch  einen  Zauberer 
die  Anrufung  bewerkstelligen  und  opfern  lassen  wollte.  In 
einein  Augenblicke  schrieen  sämmtliclu;  Dämonen:    Die  höchste 


690  Pfizmaier. 

Obrigkeit  ist  gekommen.  —  Sie  entliefen  zugleich,  traten  aus 
dem  Tempel  und  entfernten  sich.  Hoei  blickte  nach  rückwärts 
und  sah  zwei  Schamanen ,  welche  kamen  und  in  den  Tempel 
traten.  Die  Dämonen  nahmen  sich  zu  Zweien  und  Dreien 
gegenseitig  in  die  Arme,  hielten  sich  fest  und  befanden  sich  in 
den  Gräsern  zur  Seite  des  Tempels.  Der  Anblick  der  Scha- 
manen erfüllte  sie  mit  Furcht  und  Bangen.  Nach  einer  Weile 
entfernten  sich  die  Schamanen ,  und  die  Dämonen  kehrten  in 
den  Tempel  zurück.  Hoei  reichte  hierauf  ein  kleines  Geschenk 
für  Buddha. 


Das  Haus  Wang-pe-yang's  befand  sich  an  den  Ausgängen 
der  Mutterstadt.  Im  Osten  des  Hauses  befand  sich  ein  grosser 
Grabhügel.  Die  Ueberlieferung  sagte,  es  sei  das  Grab  Lu-sü's, 
Das  Weib  Pe-yang's  starb.  Er  ebnete  die  Erdhöhe  und  begrub 
sie  daselbst.  Einige  Jahre  später  befand  sich  Pe-yang  am 
hellen  Tage  in  dem  Gerichtssaale.  Er  sah  einen  vornehmen 
Menschen,  der  in  einer  Sänfte  der  flachen  Schultern  sass  und 
ein  Gefolge  von  mehreren  hundert  Menschen  hatte.  Derselbe 
kam  daher,  setzte  sich  und  sagte  zu  Pe-yang:  Ich  bin  Lu-tse- 
king.  Mein  ruhiges  Haus  befindet  sich  hier  seit  zweihundert 
Jahren.  Wie  konntest  du  es  wagen,  mein  ruhiges  Haus  zu 
zerstören?  —  Er  blickte  auf  sein  Gefolge:  Warum  erhebt  ihr 
nicht  die  Hand?  -  Das  Gefolge  zerrte  Pe-yang  von  dem  Bette 
herab,  versetzte  ihm  mit  den  Ringen  der  Schwerter  mehrere 
hundert  Schläge  und  entfernte  sich.  Er  war  eine  Zeitlang 
todt.  Nach  längerer  Zeit  ward  er  wieder  lebendig.  An  den 
Stellen  brachen  Geschwüre  hervor.    Er  starb  hierauf  plötzlich. 


Ein  Mensch  aus  Keu-tschang  in  Kuei-ki  kehrte  von  der 
östlichen  Wildniss  zurück.  Am  Abend  erreichte  er  nicht  das 
Thor.  Er  sah  zur  Seite  des  Weges  ein  kleines  Dach.  Er 
zündete  Feuer  an  und  bereitete  sich  ein  Nachtlager.  Es  befand 
sich  daselbst  nur  ein  junges  Mädchen.  Dasselbe  wollte  nicht 
in  der  Gesellschaft  eines  Mannes  die  Nacht  zubringen.  Sie 
rief  die  Tochter  des  Hauses  eines  Nachbarn  und  nahm  sie  zur 
Gefährtin.    —    In    der   Nacht    spielte    sie    mit    ihr    die  Harfe, 


Der  Geisterglaube  in  dem  alten  (,'hina.  691 

scherzte  und  sang:  In  Reihen  fortlaufend  die  Wicke,  die  auf- 
steigende Schminkbohne !  t^inmal  langsam  und  wieder  einmal 
langsam!  AA^illst  du  wissen  meinen  Geschlechtsnamcn?  Mein 
Geschlechtsnarae  ist  Tschin,  mein  Name  0-teng.  —  Als  der 
]\[orgen  kam,  befand  sich  ausserhalb  der  östlichen  Vorstadt  in 
einer  Bude  eine  Mutter,  welche  Speisen  verkaufte.  Dieser 
Mensch  setzte  sich  zu  ihr  hin  und  erzählte  ihr  dabei,  was  er 
in  der  vergangenen  Nacht  gesehen.  Als  die  Mutter  den  Namen 
0-teng  hörte,  erschrack  sie  und  sprach:  Dieses  ist  meine  Toch- 
ter.    Sie  wurde  unlängst  ausserhalb  der  Vorstadt  begraben. 


Schi-tü  war  Beaufsichtiger  von  Tsin-yang  und  im  Stande, 
mit  Worten  zu  erörtern.  Er  hatte  einen  Schüler,  der  ebenfalls 
geordnete  Gedanken  besass.  Derselbe  erfasste  einst  als  Gegen- 
stand der  Erörterung,  dass  es  keine  Dämonen  gebe.  Plötzlich 
erschien  ein  Mensch,  der  ein  schwarzes  Kleid  mit  weissen 
Aermeln  trug.  Als  die  Rede  auf  die  Dämonen  kam,  gab  ihm 
der  Gast  Unrecht  und  sprach:  Ich  bin  gleich  ein  Dämon. 
Warum  sagst  du,  dass  es  keine  gebe.  Man  hiess  mich  kommen, 
damit  ich  dich  wegnehme.  —  Dem  Schüler  ward  übel  zu  ]\Iuthe, 
und  er  ersuchte  ihn.  Der  Dämon  fragte:  Ist  Jemand,  der  dir 
ähnlich  sieht?  —  Der  Schüler  sagte :  Schi-tü,  der  unter  dem  Zelte 
betindliche  Beaufsichtiger  der  Hauptstadt,  sieht  mir  ähnlich.  — 
Der  Dämon  Hess  es  gelten.  In  einem  Augenblicke  war  der 
Beaufsichtiger   todt. 

Der  Wald  der  Worte  sagt: 

Tsung-tai  war  stechender  Vermerker  von  Tsing-tscheu. 
Er  veröffentlichte  Erörterungen ,  in  denen  er  sagte ,  dass  es 
keine  Dämonen  gebe.  Dieselben  waren  sehr  geistreich,  und 
Niemand  konnte  ihm  Unrecht  geben.  Später  begab  sich  ein 
Schüler  der  Schrift  zu^ai.  Im  Gespräche  kamen  sie  zunächst 
auf  die  Erörterungen ,  in  welchen  gesagt  wird ,  dass  es  keine 
Dämonen  gebe.  Der  Schüler  der  Schrift  wischte  die  Kleider 
ab  und  entfernte  sich.  Dabei  sprach  er :  Du  hast  unterbrochen 
unsere  Speisung  mit  Blut  durch  zwanzig  Jahre.  Weil  du  grüne 
Rinder  und  bärtige  Sclaven  besitzest,  durften  wir  dich  noch 
nicht  elend  machen.  Jetzt  aber  sind  die  Sclaven  entlaufen,  die 
Rinder    sind    todt.     Jetzt    dürfen    wir    dich    zurechtbringen.  — 


692  Pfizmaier. 

Als  diese  Worte  verklungen  waren,  entschwand  er.  Am  kom- 
menden Tage  war  Tai  gestorben. 

Die  von  Teng-te-ming  verfasste  Geschichte  von  Nan- 
khang  sagt: 

Der  Schan-tu  (die  Hauptstadt  der  Berge)  gleicht  von  Ge- 
stalt den  Menschen  des  Kuen-lun.  An  seinem  ganzen  Leibe 
wachsen  Haare.  Wenn  er  Menschen  sieht,  schliesst  er  ohne 
weiteres  die  Augen  und  sperrt  den  Mund  auf,  als  ob  er  lachte. 
Er  verweilt  gern  in  tiefen  von  Bergen  eingeengten  Flüssen. 
Er  stürzt  daselbst  die  Steine  um  und  fängt  Krebse,  die  er 
verzehrt. 


Die  Baumgäste  sind  von  Haupt,  Angesicht,  Sprache  und 
Stimme  ebenfalls  nicht  gänzlich  von  den  Menschen  verschieden. 
Nur  sind  die  Nägel  ihrer  Hände  und  Füsse  gleich  Haken.  Sie 
machen  es  sich  auf  hohen  Felsenwänden  und  abgerissenen  Berg- 
gipfeln bequem,  und  dann  erst  schlagen  sie  daselbst  ihren 
Wohnsitz  auf.  Sie  verstehen  es,  Holztafeln  zu  hauen.  Sie  ziehen 
dieselben  fort,  legen  sie  auf  die  Bäume  und  sammeln  sie.  Ehe- 
mals waren  Menschen,  welche  sich  zu  ihnen  begeben  wollten. 
Für  die  Holztafeln,  welche  sie  kauften,  legten  sie  früher  Gegen- 
stände unter  die  Bäume,  und  Jene  nahmen  sie,  indem  sie  die 
grössere  oder  kleinere  Menge  berechneten.  Wenn  es  ihnen 
recht  war,  schickten  sie  sich  sogleich  an,  wegzugehen.  Sie 
thaten  ihnen  auch  nichts  zu  Leide.  Nur  traten  sie  durchaus 
nicht  den  Menschen  vor  das  Angesicht,  sie  wechselten  mit  ihnen 
keine  Worte,  hielten  keinen  ]\Iarkt  und  erscliienen  nicht  ,an 
den  Brunnen. 

Bei  Todesfällen  kennen  sie  die  Aufbahrung,  und  lassen 
die  Menschen  ihre  Gestalt  nicht  sehen.  Was  das  Begräbniss 
und  den  Sarg  betrifft,  so  Averden,  wenn  sie  sich  auf  hohen 
Uferbänken  befinden.  Bäume  genommen.  Bisweilen  verbergen 
sie  die  Todten  in  Felsennestern.  Die  Krieger,  welche  in  den 
drei  Lagern  von  Nau-khang  Schiffe  zimmerten,  gingen  hin,  um 
mit  ihnen  zu  sprechen.  Sie  sahen  mit  eigenen  Augen  die  Be- 
grilbnissstätten.  Die  Weise  des  Tanzes  und  der  Musik  jener 
Wesen  ist  zwar  von  derjenigen  des  Zeitalters  verschieden,  allein 
man  hört    etwas   gleich    dem  Rauschen    eines    vom  Winde   be- 


Der  Geisterglaube  in  dem  alten  China.  oOö 

wegten  Waldes ,  und  die  Töne  liabcn  Aehnlichkeit  mit  dem 
Einklang  des  Gesanges  und  des  lilaseus  der  Musikwerkzeuge. 
In  dem  Zeiträume  I-lio  (405  bis  418  n.  Chr.)  zog  Siü-tao-fö 
nach  dem  Süden  aus.  Er  entsandte  Menschen  mit  dem  Auf- 
trage, Holztafeln  zur  Ausrüstung  der  Kriegsschiffe  abzuhauen. 
Die  Baumgäste  machten  diese  Holztafeln  zum  Geschenk ,  aber 
Hessen  sich  nicht  sehen. 

Die  Geschichte  der  erzählten  Merkwürdiarkeiten  sagt: 
In  Nan-khang  gibt  es  Geister,  deren  Name  Schan-tu  (die 
Hauptstadt  des  Berges).  Dieselben  sind  gestaltet  wie  Men- 
schen. Sie  sind  zwei  Schuh  lang,  von  schwarzer  Farbe,  roth- 
äugig,  ihr  Haupthaar  ist  gelb  und  bedeckt  den  Leib.  In  dem 
tiefen  Gebirge  bauen  sie  auf  Bäumen  ihr  Nest.  Das  Nest  ist 
von  Gestalt  gleich  den  Eiern  des  harten  Vogels.  Es  ist  drei 
Schuh  hoch,  innerlich  sehr  prächtig  und  von  einem  frischen 
Glänze  der  fünf  Farben.  Sie  fügen  zwei  Stücke  an  einander, 
so  dass  sie  in  der  Mitte  zusammenhängen.  Die  Menschen  des 
Gebietes  sagen ,  das  obere  sei  das  Wohnhaus  des  Männchens, 
das  untere  sei  das  innere  Haus  des  Weibchens.  Seitwärts 
bringen  sie  immer  eine  Oeffnung  an,  von  wo  sie  spähen.  Der 
Stoff  ist  leer  und  leicht,  und  sie  verfertigen  einigermassen  eine 
hölzerne  Röhre.  In  der  Mitte  bereiten  sie  aus  Vogelfedern 
einen  Teppich.  Diese  Geister  sind  im  Stande ,  sich  zu  ver- 
wandeln, und  man  sieht  selten  ihre  Gestalt.  Sie  sind  nämlich 
eine  Art  Baumgäste  und  Sao  des  Berges. 

Fünfzehn  Weglängen  nordwestlich  von  dem  Districte 
Kung  befand  sich  ein  alter  Damm,  der  den  Namen  Damm  des 
Fürsten  von  Yö  führte.  Auf  dem  Damme  war  ein  grosser  harter 
Baum,  der  zwanzig  Spannen  messen  uKjchte.  Dieser  Baum  war 
alt  und  inwendig  hohl.  Er  besass  ein  Nest  der  Schan-tu.  Im 
ei'sten  Jahre  des  Zeitraumes  Yuen-kia  (424  n.  Chr.)  fällten 
Ngai-tao-hiün  und  Tao-hiü,  zwei  Brüder  aus  dem  zur  Ordnung 
gebrachten  Volke  des  Districtes ,  diesen  Baum.  Sie  nahmen 
das  Nest  und  kehrten  nach  Hause  zurück.  Die  Schan-tu  zeigten 
sich  und  sagten  zu  den  zwei  Menschen :  Wir  wohnten  auf  dem 
wüsten  Felde,  was  sollten  wir  uns  um  eure  Angelegenheiten 
bekümmern?  Grosse  Bäume,  die  man  brauchen  kann,  wie  könn- 
ten sie  zählbar  sein?  Weil  sich  auf  dem  Baume  unser  Nest 
befand,  desswegen  fälltet  ihr  ihn.    Wir  werden  jetzt  euej'  Haus 


ß94  Püizmaier. 

verbrennen  und  euch  eure  Ruchlosig'keit  vergelten.  —  Als  die 
zweite  Nachtwache  kam,  brach  innerlich  und  äusserlich  auf  dem 
Dache  gleichzeitig  Feuer  aus.  Das  ganze  Wohnhaus  wurde 
vollständig  verzehrt. 

Die  Wunder  der  Denkwürdigkeiten  sagen: 
In  der  Provinz  Kuei-ki  befand  sich  gewöhnlich  ein  grosser 
Dämon.  Derselbe  war  mehrere  Klafter  lang,  seine  Lende  mass 
mehrere  zehn  Spannen.  Er  trug  eine  hohe  Mütze  und  ein  ur- 
sprüngliches Kleid.  Wenn  die  Provinz  Glück  oder  Unglück 
haben  sollte,  schritt  er  zu  der  Donnerpforte  und  zeigte  eine 
traurige  oder  freudige  Miene.  Die  Trauer  und  die  Freude  des 
Geschlechtes  Sie  und  des  ganzen  Seitengeschlechtes  verkündete 
er  mit  Bestimmtheit.  Als  Hung-tao  noch  nicht  das  Unglück 
der  Mutter  hatte,  kam  der  Dämon  mehrere  Monate  hindurch 
am  frühen  Morgen  und  am  Abend  und  blickte  herab.  Später, 
als  Jener  im  Umwenden  der  oberste  Buchführer  bei  der  Ab- 
theilung der  Angestellten  geworden,  schlug  der  Dämon  in  die 
Hände,  tanzte  drei  Absätze  und  gelangte  von  dem  grossen 
Thore  bis  zu  dem  Vorhofe.  Wider  Vermuthen  ward  Jener 
versetzt  und  scharf  zur  Rede  gestellt. 


Hung,  Lehensfürst  von  Hia,  reiste  plötzlich  nach  Kiang- 
ling.  Er  begegnete  einem  grossen  Dämon,  der  in  der  Hand 
Bogen  und  Hakenlanze  hielt  und  schnell  lief.  Mehrere  hundert 
kleine  Dämonen  folgten  ihm.  Hung  fürchtete  sich.  Er  verliess 
den  Weg  und  wich  ihnen  aus.  Als  der  grosse  Dämon  vorüber 
war,  folgte  Jener,  packte  einen  kleinen  Dämon  und  fragte  ihn, 
was  für  ein  Wesen  dieses  sei.  Der  Dämon  sprach :  Es  ist  der 
grosse  Tödtende  von  Kuang- tscheu.  —  Hung  sprach:  Was  thut 
er  mit  dieser  Hakenlanze?  —  Der  Dämon  sprach:  Mit  dieser 
tödtet  er  die  Menschen.  Wenn  er  sie  in  das  Herz  oder  in  den 
Bauch  trifft,  so  sterben  sie  ohne  weiteres.  Trifft  er  andere 
Orte,  so  gelangen  sie  nicht  zu  dem  Tode.  —  Hung  sprach: 
Gibt  es  ein  Mittel,  um  diese  Krankheiten  zu  heilen?  — '  Der 
Dämon  sprach:  Wenn  man  ein  schwarzes  Huhn  tödtet  und 
damit  das  Herz  bedeckt,  so  wird  man  hergestellt.  —  Hung 
sprach:  Wohin  wollt  ihr  jetzt  gehen?  —  Der  Dämon  sprach: 
In   die   zwei   Landstriche  King   und   Yang.    —    Um    die   Zeit 


Der  ©eistorglanbe  iu  dorn  alton  China.  695 

herrschten  in  diesen  zwei  Landstrichen  Krankheiten  des  Her- 
zens und  des  Bauches,  an  denen  alles  ohne  Ausnahme  starb. 
Als  Hung  sich  in  King-tscheu  befand ,  lehrte  er  die  Menschen 
ein  schwarzes  Huhn  tödten  und  sieh  damit  bedecken.  In  zehn 
Fällen  erreichte  man  acht-  oder  neunmal  seinen  Zweck.  Dass 
man  jetzt,  vom  Uebel  betroffen,  sich  eines  schwarzen  Huhnes 
bedient,  ist  durch  Hung-  in  Gebrauch  gekommen. 

Die  Pflanzen  des  Stammes  sagen  : 

Der  Eulenpfirsichbaum  gehört  zu  den  Bräumen ,  deren 
Blätter  nicht  abfallen.     Er  tödtet  die  hundert  Dämonen. 

Das  von  Tschang-hung  verfasste  bilderlose  Gedicht  auf 
die  östliche  Hauptstadt  sagt: 

Auf  dem  Sö-tö  erfand  man  die  Abwehr  des  Unheils.  Man 
liess  Wache  halten  durch  Yö-lui.  Schin-tu  war  als  Gehilfe  der 
Zweite.  Gegenüber  ergriffen  sie  fest  das  Schilfrohr  der  Stricke.  ^ 


Anhang. 

Beispiele    von    Scheintod. 

Die  Ueberlieferungen  Tso's,  in  dem  ersten  Theile  des 
Fürsten  Siuen,  sagen: 

Die  Menschen  von  Tsin  fingen  einen  Kundschafter  von 
Thsin  und  tödteten  ihn  auf  dem  Markte  von  Kiang.  In  sechs 
Tagen  ward  er  wieder  lebendig. 

Das  Buch  der  fortgesetzten  Han  sagt : 

Zu  den  Zeiten  des  Kaisers  Hien,  in  dem  Zeiträume  Thsu- 
ping  (190  bis  19.3  n.  Chr.),  starb  ein  aus  Tschang-scha  stam- 
mender Mensch  von  dem  Geschlechte  Hoan.  Nach  einem 
Monat(!  Inirte  seine  Mutter  in  dem  Sarge  ein  Geräusch.  Sie 
itffnete  ihn  und  Jener  ward  hierauf  lebendig.  In  der  Wahr- 
sagung hiess  es :  Das  äusserste  Yin  wird  das  Yang.    Der  unten 


^  In  dem  hohen  Alterthiim  lebten  zwei  Brüder,  N.imens  Scliin-fu  und  Vö- 
hii.  Dieselben  waren  im  Stande,  die  Dämonen  festzunehmen  und  sie  mit 
Stricken  von  Schilfrohr  zu  binden.  Der  Berg  So-tü  ist  der  Ort,  wo  die 
Dämonen  aus-  und  eintraten. 


nfjf)  Pfizmiiier. 

belindliclie  Mensch  wird   ein  Oberer.     Später    erhob  sich  Yeu- 
pi-schü,  Fürst  von   Tsao. 


Im  vierten  Jahre  des  Zeitraumes  Wn-ng'an  '  war  Li-ngo, 
ein  sechzehnjähriges  Mädchen  aus  Wu-ling,  erki-ankt  und  ge- 
storben. Sie  wurde  mehrere  Weglängen  ausserhalb  der  Stadt- 
mauern begraben.  Es  waren  bereits  vierzehn  Tage,  als  wan- 
dernde Menschen  in  ihrem  Grabhügel  eine  Menschenstimme 
hörten.  Sie  sagten  es  sogleich  in  ihrem  Hause.  Die  Leute 
des  Hauses  gingen  hin,  sahen  nach  und  hörten  die  Stimme 
Ngo's.     Als  sie    das  Mädchen    hei'ausnahmen,   war  es  lebendig. 

Die  Denkwürdigkeiten  von  U  sagen : 

Zu  den  Zeiten  Sün-hieu's,  im  vierten  Jahre  des  Zeit- 
raumes Yung-ngan  (261  n.  Chr.),  starb  Tschin-tsiao,  ein  Mensch 
des  Volkes  von  U,  und  wurde  prunklos  begraben.  In  sechs 
Tagen  ward  er  wieder  lebendig.  Er  durchbohrte  die  Erde 
und  kam  aus  ihr  hervor. 

Die  Verzeichnisse  der  früheren  Tschao  sagen :        ■» 

Im  ersten  Jahre  des  Zeitraumes  Lin-kia  (316  n.  Chr.) 
starb  der  grosse  Heerführer  Yö,  König  von  Tung-ping.  Einer 
seiner  Finger  war  noch  warm,  und  man  bahrte  den  Todten 
nicht  auf.  An  dem  Tage  Kiä-sö  (11)  ward  er  wieder  lebendig. 
Er  erzählte,  er  habe  den  Abgrund  der  Wasser  auf  dem  Berge 
Pü-tscheu  gesellen.  Nach  fünf  Tagen  habe  er  sich  wieder  an- 
geschlossen und  sei  zu  dem  Berge  Kuen-lün  gelangt.  Nach 
drei  Tagen  sei  er  wieder  zurückgekehrt. 

Das  Buch  der  Thang  sagt: 

In  dem  Zeiträume  Tsching-yuen  (785  bis  805  n.  Chr.) 
warteten  die  Han-lin  auf  die  höchste  Verkündung.  Tai-schao- 
ping  starb.     In  sechzehn  Tagen  ward  er  wieder  lebehdig. 

Die  vollen  Verzeichnisse  von  Kien-khang  sagen: 

Tai-yang,  ein  Heilkünstler  zu  den  Zeiten  der  Tsin,  führte 
den  Jünglingsnamen  Kue-lieu.  Er  stammte  aus  Tschang-tsching 
in  U-hing.    In  dem  Alter  von  zwölf  Jahren  wurde  er  von  einer 


1  Der  Zeitraum  Wu-ngan  ist  in  der  Geschichte  der  sjjätercn  Han  nicht  ent- 
halten. Es  soll  offcuhar  heisscn:  im  vierten  Jahre  des  Zeitraumes  Kieu- 
ngan  (199  n.  Chr.). 


Der  Geister^laulie  iii  dein  alten  Cliiiui.  697 

Krankheit  befallen  und  starb.  In  fünf  Tag-en  ward  er  wieder 
Icbendi"'.  Er  erzählte,  er  habe  eine  Federnfalme  erg-riffen  und 
sei  an  der  Spitze  von  Kriegsmännern  gestanden.  Er  sei  im 
Begriffe  gewesen^  sich  nach  Fung-lai,  zu  dem  Kuen-lün,  zu  den 
gehäuften  Steinen,  zu  dem  grossen  inneren  Hause,  dem  Heng, 
Lu,  Hung  und  andei-en  Bergen  zu  begeben.  Da  habe  man  ihn 
fortgeschickt  und  er  sei  heimgekehrt. 

Die  von  Kö-hung  verfassten  Uebeiliefernngen  von  gött- 
lichen Unsterblichen  sagen : 

Sse-si  erkrankte  einst  und  starb.  Der  unsterbliche  Mensch 
Tung-fung  gab  ihm  eine  Kugel  Arznei  und  brachte  sie  ihm 
mit  Wasser  in  den  Mund.  Er  hielt  sein  Haupt,  bewegte  es 
und  Hess  die  Kugel  zergehen.  Beim  Verzehren  öffnete  Jener 
die  Augen,  bewegte  die  Hand,  und  sein  Aussehen  war,  wie  es 
früher  gewesen.  Nach  und  nach  erholte  er  sich.  In  einem 
halben  Tage  war  er  fähig,  aufzustehen  und  zu  sitzen.  Nach 
vier  Tagen  war  er  im  Stande,  zu  sprechen.  Hierauf  befand 
er  sich  wieder  wie  gewöhnlich. 

Die  Geschichte  des  Suchens  der  Götter  sagt: 

In  dem  Zeitalter  des  Kaisers  Wu  von  Tsin  lebten  in  der 
Provinz  Ho-kien  ein  junger  Mann  und  ein  Mädchen.  Dieselben 
fanden  an  einander  Gefallen,  und  man  erlaubte  ihnen,  sich  zu 
verbinden.  Da  folgte  der  junge  Mann  dem  Kriegsheere.  Nach 
Jahren  verbanden  die  Aeltern  ihre  Tochter  mit  einem  Menschen. 
Es  währte  nicht  lange,  so  starb  sie  aus  Kränkung.  Der  junge 
Mann  kehrte  zurück  und  empfand  tiefen  Schmerz.  Er  ging 
zu  dem  Grabhügel  und  wollte  um  sie  wehklagen.  Er  war  nur 
äusserst  traurig  und  seiner  Gefühle  nicht  Meister.  Er  dui-ch- 
brach  den  Grabhügel  und  öffnete  den  Sarg.  In  diesem  Augen- 
blicke ward  sie  lebendig.  Er  nahm  sie  auf  den  Rücken  und 
trug  sie  nach  Hause.  Daselbst  pflegte  er  sie  durch  mehrere 
Tage,  und  sie  ward  wieder  hergestellt.  Ihr  Mann  ging  liin 
und  begehrte  sie.  Jener  Mensch  gab  sie  nicht  zurück  und 
sagte:  Dein  Weib  ist  gestorben.  Hat  man  in  der  Welt  gehört, 
dass  ein  Todter  wieder  lebendig  wird?  Diese  hat  mir  der  Him- 
mel geschenkt,  es  ist  nicht  dein  Weib.  —  Hierauf  führten  sie 
gegen  einander  Klage.  In  der  Provinz  und  in  dem  Districte 
konnte  man  die  Sache  nicht  entscheiden,  und  man  brachte  sie 
vor   den    Beruhiger  des  Vorliofes.     Dieser   erstattete  folgenden 


698  Pfizmaier. 

Bericht :  Die  äusserste  Wahrhaftigkeit  des  reinen  Geistes  rührte 
den  Himmel  und  die  Erde.  Dess wegen  ist  der  Todte  wieder 
lebendig  geworden.  Was  ausserhalb  der  gewöhnlichen  Ordnung, 
wird  von  den  Gebräuchen  nicht  eingenommen,  durch  die  Strafe 
nicht  zugeschnitten.  Es  wird  entschieden,  dass  man  sie  dem- 
jenigen zurückgebe,  der  den  Grabhügel  geöffnet  hat. 


Zu  den  Zeiten  des  Kaisers  Fing  von  Han,  im  zweiten 
Monate  des  ersten  Jahres  des  Zeitraumes  Yuen-schi  (]  n.  Chr.) 
erkrankte  Tschao-tschün,  ein  junges  Weib  aus  Kuang-mö  in 
Sö-fang,  und  starb.  Sie  war  bereits  in  den  Sarg  gelegt.  Am 
sechsten  Tage  stieg  sie  aus  dem  Sarge  heraus  und  erzählte,  sie 
habe  die  Todten  und  ihren  Vater  gesehen.  Dieser  habe  ihr 
gesagt :  Mit  sieben  und  zwanzig  Jahren  sollst  du  nicht  sterben.  — ■ 
Der  Statthalter  Tan,  der  dieses  hörte,  äusserte  sich  darüber: 
Das  äusserste  Yin  wird  das  Yang.  Der  unten  befindliche  Mensch 
wird  ein  Oberer.  —  Später  erfolgte  die  Anmassung  der  Rang- 
stufe durch  Wang-mang. 


In  dem  Zeiträume  Hien-ning  von  Tsin  (275  bis  279  n. 
Chr.)  zog  sich  Yen-khi  von  Lang'-ye  eine  Krankheit  zu  und 
begab  sich  zu  dem  Arzte  Tschang-thso,  um  sich  heilen  zu  lassen. 
Er  starb  in  dem  Hause  Thso's.  Die  Menschen  seines  Hauses 
holten  den  Leichnam  ab.  So  oft  sie  bei  der  Wahrsagung  den 
Baum  umwickelten,  konnten  sie  es  nicht  lösen.  Einer  der  Be- 
gleiter des  Todten  lehnte  sich  desswegen  an  ihn.  Der  Todte 
sprach  jetzt:  Mein  Lebensloos  entspricht  noch  nicht  dem  Tode. 
Ich  habe  blos  zu  viele  Arzneimittel  gebraucht,  und  dieses  hat  mir 
die  fünf  Eingeweide  verletzt.  Jetzt  werde  ich  wieder  lebendig. 
Hütet  euch,  dass  ihr  mich  nicht  begrabet.  —  Sein  Vater  legte 
die  Hand  an,  betete  laut  und  sprach :  Wenn  es  dein  Loos  ist,  wieder 
lebendig  zu  werden,  warum  sollte  dieses  nicht  der  Wunsch  deiner 
Blutsverwandten  sein?  Jetzt  wollen  wir  nur  nach  Hause  zurück- 
kehren, wir  begraben  dich  nicht.  —  Die  Wahrsagung  wurde 
jetzt  gelöst,  und  man  kehrte  nach  Hause  zurück. 

Als  man  den  Sarg  öffnete,  war  die  Gestalt  des  Todten, 
wie  sie  früher  gewesen.     Er  hatte  ein   wenig   das    jueuschliche 


Der  Geisterglaube  in  dem  alten  China.  699 

Aussehen,  allein  die  Nägel  seiner  Hände  waren  an  den  Stellen, 
wo  sie  das  Holz  des  Sarges  gekratzt  und   berührt  hatten,  ver- 
letzt.    Hierauf  breiteten    sich    Luft    und    Farbe    allmälig   mehr 
aus.     Das  Getränk  wurde  ihm  in  den  Mund  getröpfelt,  und  er 
konnte  schlingen.    Hierauf  half  man  ihm  aus  dem  Sarge  heraus. 
Es  währte  sehr  lange  Zeit,  und  er  ass  und  trank  allmälig  mehr. 
1  Er    konnte    die    Augen    öffnen,    hinblicken,    Hände    und    Füsse 
i  biegen  und  ausstrecken.     Gleichwohl  war  er  nicht   wie    andere 
;  Menschen.     Er  konnte  nicht  sprechen,  und    Speise    und  Trank 
i  Hess  er  sich  noch  immer  von  Anderen  yeben.    Auf  diese  Weise 
vergingen  zehn  Jahre.     Die  Menschen  des   Hauses  beschützten 
ihn  und  konnten  sich  nicht  mehr  ernstlich  mit  ihren  Geschäften 
befassen.     Seine   jüngeren    Brüder    Hung    und    Tu    gaben    ihre 
Geschäfte  auf,    warteten    und    pflegten    ihn    in    eigener   Person. 
Er  wusste  die  Genossen  des  Landstrichs  beim  Namen  zu  nennen. 
Aber  allmälig  nahm  er  wieder  ab,  sein  Belinden  verschlechterte 
sich,  und  zuletzt  starb   er  noch  einmal. 


In  dem  Zeiträume  Kien-ngan  (196  bis  220  n.  Chr.)  wurde 
Ku-ngeu  von  Nan-yang,  dessen  Jünglingsname  Wen-hö,  von 
einer  Krankheit  befallen  und  starb  zuletzt.  Zur  Zeit  seines 
Todes  erschien  ein  Angestellter,  der  sich  mit  ihiu  auf  den  Tai- 
schan  begab.  Daselbst  waren  tausend  Männer  und  Weiber, 
die  mit  ihm  den  gleichen  Namen  führten.  Der  Vorsteher  des 
Lebensloses  untersuchte  und  berichtigte.  Er  sagte  zu  dem 
wandernden  Angestellten:  Du  hättest  den  Wen-hö  einer  gewissen 
Provinz  vorladen  sollen.  Warum  hast  du  diesen  Menschen  vor- 
geladen? —  Er  schickte  Jenen  eilig  fort  und  hiess  ihn  sich 
entfernen. 

Um  die  Zeit  war  es  Abend.  Das  Betreten  der  unter  der 
Verwaltung  stehenden  Orte  war  verboten,  und  ei'  durfte  nicht 
einkehren.  Er  gelangte  hierauf  unter  einen  ausserhalb  des 
Thores  der  Vorstadt  stehenden  grossen  Baum,  wo  er  über- 
nachtete. Daselbst  befand  sich  ein  wohlgestaltetes  Mädchen, 
das  allein  ohne  Gefährten  wandelte.  Wen-hö  fragte  sie  und 
sprach :  Du  scheinst  aus  einem  Hause  der  Kleider  und  Mützen 
zu  sein.  Wie  kommt  es,  dass  du  zu  Fusse  gehst?  Wie  ist 
dein  Geschlcchtsname  und  dein  Mädchenname?  —  Das  Mädchen 

Sitzb.  ,1.  i.liil.-hist.  Cl.  LXVin.  P.(l.  UI.  litt.  45 


700  Pfizmaier. 

sprach :  Ich  stamme  aus  San-ho.  INIein  Vater  ist  gegenwärtig 
Befehlshaber  von  Yi-yang.  Gestern  wurde  ich  irrthümlich  vor- 
geladen. Ich  kam,  und  jetzt  erlangte  ich,  dass  man  mich  fort- 
schickte. Ich  wurde  hierauf  von  dem  Abend  überfallen.  Ich 
fürchtete,  mir  den  Tadel  des  Verweilens  auf  dem  Melonenfelde 
und  unter  den  Damascenerpflaumenbäumen  zuzuzielien.  Ich  sah, 
dass  dein  Aeusseres  dasjenige  eines  Weisen  zu  sein  scheint. 
Desswegen  bleibe  ich  hier  stehen  und  verlasse  mich  auf  meine 
Umgebung.  —  Hö  sprach :  Mir  gefällt  dein  dem  Schriftschmucke 
zugewendeter  Sinn.  Mögen  wir  deshalb  in  Fröhlichkeit  an 
diesem  Abende  verkehren.  —  Das  Mädchen  sprach:  Ich  habe 
von  den  IVIuhmen  Folgendes  gehört.  Das  Weib  macht  aus- 
schliesslich die  Lauterkeit  zu  ihrer  Tugend,  das  Reinweisse  macht 
sie  zu  ihrer  Benennung.  —  Wen-hö  ging  mit  ihr  auf  und  ab 
und  hatte  durchaus  keine  Gedanken  an  ein  Unternehmen.  Als 
es  Tag  wurde,  trennten  sie  sich. 

Wen-hö  war  bereits  zwei  Nächte  todt.  Man  blieb  bei 
ihm  stehen  und  sollte  ihn  aufbahren.  Man  betrachtete  sein 
Angesicht,  —  es  hatte  Farbe.  Man  befühlte  seine  Herzgegend, 
—  sie  war  warm.  Um  Mittag  hörte  man,  dass  er  wieder 
lebendig  geworden. 

Wen-hö  wollte  sich  von  der  Sache  überzeugen.  Er  traf 
sofort  in  Yi-yang  ein  und  fragte  nach  dem  Befehlshaber.  Es 
war  der  Vater  des  Mädchens.  Er  schloss  sich  au  ihn  und 
fragte  ihn  bei  der  Gelegenheit,  ob  in  einem  gewissen  Monate 
die  Tochter  eines  gewissen  Gebieters  etwa  plötzlich  gestorben 
und  wieder  lebendig  geworden  sei.  Zugleich  beschrieb  er  das 
Aussehen  und  die  Züge  des  Mädchens,  die  Farbe  ihrer  Kleider, 
ihre  Sprache  und  wie  er  mit  ihr  auf-  und  abgegangen.  Der 
Befehlshaber  ging  hinein  und  fragte  seine  Tochter.  Sie  war 
dieselbe,  mit  der  Wen-hö  gesprochen.  Er  Avar  sehr  erschrocken 
und  gab  Wen-hö  seine  Tochter  zur  Gattin. 


Lieu-ying,  ein  Mensch  aus  Sung-yang  in  Lin-hai,  schloss 
sich  an  Tschang-ti  und  kämpfte  gegen  das  Kriegsheer  von  Tsin. 
Er  ei-krankto  und  starb  in  dem  Schiffe.  In  zwei  Tagen  landete 
das  Kricgsheor,  und  es  war  Niemand,  der  ihn  l)cgrub.  Pliitzlich 
rief  er  mit  lauter    Stimme,    dass    die    Mensclien    den    Anfühi-er 


Der  Geibterglaulie  in  dem  alten  China.  701 

von  dem  CTeschlechtc  Tschan <;■  binden.  Die  Stimme  sclilus;-  sicli 
zuiiick  und  breitete  sich  aus.  Hierauf  ward  er  lebendij^;.  Die 
Menschen  fragten  ihn,  und  er  sagte:  Ich  erstieg-  das  nördliche 
Nössel  des  Himmels.  Unter  dem  Thore  sah  ich  Kiiegsleute, 
welche  den  Mann  von  dem  Geschlechte  Tschang-,  den  Anführer 
des  Kriegsheeres,  banden.  Die  Menschen  unter  dem  Thore 
zürnten  mir.  Sie  schrieen  mich  an,  verjag-ten  mich  und  Messen 
mich  fortgehen.  Ich  ward  von  Furcht  erfasst,  und  die  in  dem 
IMunde  zurückgebliebene  Stimme  kam  hervor  und  breitete  sich 
aus.  —  An  diesem  Tage  liel  Ti  in  der  Schlacht. 

Die  fortgesetzte  Geschichte  des  Suchens  der  Gött(;r  sagt: 
Als  Li-tschung-wen,  Statthalter  von  Wu-tu,  sich  in  der 
Provinz  befand,  verlor  er  durch  den  Tod  eine  achtzehnjährige 
Tochter.  Dieselbe  wurde  vorläufig  im  Norden  der  Feste  der 
Proviuz  begraben.  Später  verwaltete  Tschang-schi-tschi  an 
dessen  Stelle  die  Provinz.  Tse-tschang,  der  Sohn  Schi-tschi's, 
war  zwanzig  Jahre  alt.  Er  war  ein  Aufwartender  in  dem  Ge- 
folge und  befand  sich  in  der  Provinz.  Er  träumte,  dass  ein 
Mädchen,  welches  siebzehn  bis  achtzehn  Jahre  alt  sein  mochte 
und  von  Angesicht  und  Miene  ungewöhnlich  war,  zu  ihm  sagte: 
Ich  bin  die  Tochter  des  früheren  Gebieters  des  Versammlungs- 
hauses, Ich  war  nicht  glücklich  und  bin  frühzeitig  vcrst(jrben. 
Es  trifft  sich,  dass  ich  jetzt  wieder  lebendig  werden  soll.  In 
meinem  Herzen  liebe  ich  dich  und  habe  an  dir  Freude.  Dess- 
wegen  komme  ich  und  begebe  mich  zu  dir.  —  Dieses  ereignete 
sich  fünf  bis  sechs  Nächte.  Plötzlich  erschien  sie  am  Tage. 
Sie  legte  ihre  Kleider  ab  und  verbreitete  ausnehmende  Wohl- 
gerüche. Hierauf  wurden  sie  Mann  und  Weib.  Die  Nacht- 
kleider waren  gefärbt  wie  bei  Jungfrauen, 

Später  schickte  das  Weib  Tschung-wen's  ihre  Sclavin, 
damit  sie  an  dem  Grabe  des  Mädchens  nachsehe.  Bei  dieser 
Gelegenheit  ging  sie  zu  dem  Weibe  Schi-tschi's  und  gab  es 
ihr  kund.  Als  sie  in  das  innere  Haus  trat,  sah  sie,  dass  ein 
Schuh  dieses  Mädchens  noch  unter  dem  Bette  Tse-tschang' s 
vorhanden  war.  Sie  nahm  ihn  und  rief  weinend,  dass  man  den 
Grabhügel  öffnen  solle.  Sie  kehrte  mit  dem  Schuhe  heim  und 
zeigte  ihn  Tsclmng-wen.  Dieser  war  erschrocken.  Er  schickte 
zu  Schi-tschi  und  liess  ihn  fragen:  Wie  kommt  dein  Kind  zu 
dem   Schuhe    meiner   verstorbenen    Tochter  V  —  Schi-tschi   rief 

45* 


702  Pfizmaier. 

sein  Kind,  und  dieses  legte  ihm  die  ganze  Sache  dar.  Die 
Männer  der  Geschlechter  Li  und  Tschang  meinten,  dass  dieses 
wunderbar  sei.  Sie  öffneten  den  Sarg  und  sahen  nach.  Der 
Leib  des  Mädchens  war  lebendiges  Fleisch.  Ihr  Angesicht  und 
ihre  Züge  waren  wie  sie  früher  gewesen.  Ihr  rechter  Fuss 
hatte  einen  Schuh,  der  linke  hatte  keinen.  Von  nun  an  war 
sie  sofort  todt.  Ihr  Fleisch  verdarb,  und  sie  wurde  nicht  wieder 
lebendig. 

An  dem  nachfolgenden  Abende  kam  das  Mädchen  und 
sprach :  Die  äusserste  Neigung  zwischen  Mann  und  Weib  be- 
deutet :  Wir  werden  zugleich  alt,  aber  haben  keine  Gestaltung. 
Ich  vergass  den  Schuh,  um  dich  aufmerksam  zu  machen.  Ich 
zeigte,  dass  ich  nicht  wieder  lebendig  werden  darf.  Das  Herz 
des  zehntausendfachen  Widerwillens,  was  sollte  es  sprechen 
können?  —  Sie  trennte  sich  weinend. 


Fung-hiao-tsiang  von  Tung-ping  war  Statthalter  von  Kuang- 
ling.  Sein  Kind  hiess  mit  Namen  Ma-tse  und  war  zwanzig 
Jahre  alt.  Dasselbe  lag  allein  in  der  Vorhalle.  Im  Traume 
sah  es  in  der  Nacht  ein  Mädchen,  das  achtzehn  bis  neunzehn 
Jahre  alt  war.  Dasselbe  sagte:  Ich  bin  die  Tochter  des  frü- 
heren Statthalters  Siü-yuen-fang  und  stamme  aus  Pe-hai.  Ich 
war  nicht  glücklich  und  bin  frühzeitig  verstorben,  es  sind  ge- 
genwärtig vier  Jahre.  Ich  wurde  durch  einen  Dämon  mit  Un- 
recht getödtet.  Zufolge  den  Verzeichnissen  sollte  ich  achtzig 
Jahre  alt  werden.  Man  erhörte  mich  und  Hess  mich  wieder 
leben.  ]\Ian  machte  zur  Bedingung,  dass  ich  etwas  haben  sollte, 
worauf  ich  mich  stützte,  dann  dürfte  ich  lebendig  werden.  Es 
sei  ferner  angemessen,  dass  ich  deine  Gattin  werde.  Kannst 
du  befolgen,  was  ich  dir  auseinandersetze,  und  mich  lebendig 
niachen?  —  Ma-tse  antwortete:  Du  kannst  es  darthun.  —  Sie 
verabredete  mit  Ma-tse  die  Zeit,    wo    sie   hervorkommen    solle. 

Als  der  verabredete  Tag  kam,  zeigten  sich  auf  dem  Boden 
vor  dem  Bette  undeutliche  Umrisse,  als  ob  ein  Mensch  gerade 
mit  dem  Boden  gleich  wäre.  Er  hiess  die  Leute  es  wegfegen, 
aber  es  ward  immer  deutlicher.  Jetzt  erst  erinnerte  er  sich, 
dass  es  die  Gestalt  sei,  die  er  im  Traume  gesehen.  Er  ent- 
fernte hierauf  die  Menschen  der  Umgebitng.    Sofort  kam  nach 


Der  Geisterglaulie  in  liem  alten  Cliina.  70o 

,    und  nacli  die  Stirne  hervor.    Zunächst  kam  wieder  das  Anffe- 

I   siclit  hervor.     In    einem    Augenblicke    kam    die    ganze    Gestalt 

hervor.     Ma-tse  hiess  sie  sogleich  gegenüber  auf  das  Bett  sich 

I   setzen.     Die  Worte^  die  sie  sprach,  waren  wundervoll  und  un- 

i   gewöhnlich.    Hierauf  übernachtete  sie  mit  Ma-tse.  Sie  erinnerte 

ihn  (ifters  und  sprach:  Ich  bin  noch  leer.     Du    sollst   dich  zu- 

I   rückhalten.  —  Er  fragte,  wie  es  ihr  gelingen  könne,  hervorzu- 

!   kommen.  Sie  antwortete:  Das  Hervorkommen  soll  mir  an  meinem 

I   Geburtstage  gelingen.     Mein  Geburtstag   ist    noch  nicht    da.  — 

I  Hierauf  erklang    hier  und  dort    in    der    Vorhalle    der   Ton    der 

Rede.     Die  Menschen  hörten,  dass  das    Mädchen    die    Zeit  bis 

I   ihrem  Geburtstage   berechnete.     Sie    belehrte    zugleich    Ma-tse, 

auf  welche  Art  er  ihr  hervorhelfen  und  sie  pflegen  kchine.  Als 

sie  ausgeredet  hatte,  verbeugte  sie  sich  und  entfernte  sich. 

!  Als  der  Tag  kam,  opferte  er  einen  menningrothen  Hahn, 

eine  Schüssel  gekochten    Roggen  und  ein    Nössel  klaren   Wein 

vor  dem  Orte  der  Trauer  und  zehn  Schritte  von  der    Vorhalle 

!   entfernt.    Als  das  Opfer  zu  Ende  war,  grub  er  sie  aus,  öffnete 

I   die  Stelle  und  blickte  auf  den   Leib    des    Mädchens.     Derselbe 

war  unversehrt  wie  früher.    Er  nahm  sie  bedächtig  in  die  Arme, 

I  zog  sie  hervor  und  legte  sie  auf  einen  Teppich  in  einem  Zelte. 

I  Sie  war  unter  dem  Herzen  etwas  warm,  mit  dem  ]\Iunde  holte 

!  sie    Athem.      Er    hiess    vier    Sclavinnen    sie     bewachen     und 

I  sie    pflegen.     Er   tröpfelte    beständig    die    Milch    eines    grünen 

I  Schafes    in    ihre    Augen.     Sie    öffnete    den    Mund    und    konnte 

Grütze  und  klare  Flüssigkeit  schlingen.    Nach  und  nach  konnte 

.  sie  reden.    In  zweihundert  Tagen  erhob  sie  sich  mit  Hilfe  eines 

I  Stockes.     Nach  einer  gewissen  Zeit  waren  ihr  Angesicht ,  ihre 

I  Farbe,  ihr  Fleisch,  ihr  Geist  und  ihre  Kraft  vollkommen  wieder 

hergestellt. 

Man  schickte  jetzt  zu  dem  Geschlechte  Siü  und  meldete 
es.  Die  Höheren  und  die  Niederen  kamen  sämmtlich.  Man 
wählte  einen  glücklichen  Tag,  Hess  die  Gebräuche  herab  ge- 
langen und  bewerkstelligte  die  Brautwerbung.  Am  dritten  Tage 
waren  sie  Mann  und  Weib.  Sie  gebar  zwei  Söhne  und  eine 
Tochter.  Der  älteste  Sohn  fühi-te  den  Jünglingsnamen  Yuen- 
tö  und  wurde  im  Anfange  des  Zeitraumes  Yung-kia  (307  bis 
311  n.  Chr.)  Leibwächter  der  geheimen  Bücher.  Der  jüngste 
Sohn  King-tö  bekleidete    das  Amt  eines    Gehilfen    des    grossen 


<04  Pfizmaier. 

Zug-ctheilten.  Die  Tochter  wurde  an  Lieu-tse-yen  von  Thsi- 
nan,  einen  Enkel  des  vorg-eladenen  vorzüglichen  Mannes  Yen- 
schi, vermählt. 


Li-tschü  von  Siang-yang-  erkrankte  und  starb  zu  seiner 
Zeit.  Sein  Weib  bewachte  den  Leichnam.  Um  die  dritte  Nacht- 
wache erhob  er  sich  mit  Ileftig-keit,  setzte  sich  und  zog-  das 
goldene  Armband  an  dem  Arme  des  Weibes  ab.  Er  hatte  da- 
bei sehr  grosse  Eile.  Das  Weib  half  ihm  dabei  es  abziehen. 
Es  gelang-  ihni;  es  mit  der  Hand  zu  erfassen,  und  er  legte  sich 
dann  wieder  nieder.  Sie  beobachtete  ihn.  Zuletzt  bemerkte  sie, 
dass  er  unter  dem  Herzen  wieder  warm  wurde.  Hierauf  kam  er 
allmählig-  zum  Leihen  zurück.  Als  er  lebendig-  geworden  war, 
sagte  er,  ein  Angestellter  habe  ihn  mit  sich  genommen.  Seiner 
Gefährten  seien  sehr  viele  gewesen.  Er  habe  gesehen,  dass 
einige  derselben  einen  Tausch  machten  ,  wodurch  sie  ihre  Ent- 
lassung- erhielten  und  heimkehren  konnten.  Er  habe  sogleich 
dem  Angestellten  ein  goldenes  Armband  zugesagt.  Der  Ange- 
stellte habe  ihn  zurückkehren  und  es  nehmen  lassen.  Dess- 
wegen  habe  er  es  von  dem  Weibe  genommen  und  dem  Ange- 
stellten gegeben.  Als  der  Angestellte  das  Armband  erhielt,  habe 
er  ihn  sogleich  losgelassen  und  ihm  geboten,  zurückzukehren. 
Er  habe  gesehen,  wie  er  das  Armband  nahm  und  sich  entfernte. 
Er  wisse  nicht,  wie  es  kommt,  dass  es  noch  da  ist.  Das  Weib 
getraute  sich  ebenfalls  nicht,  es  wieder  über  den  Kleidern  zu 
tragen.  Sie  sagte  Worte  der  Beschwörung  und  vergrub  es. 
Die  Verzeichnisse  des  Dunklen  und  Hellen  sagen: 
Ein  Mensch  aus  Lang-ye,  dessen  Geschlechtsname  Wang 
und  dessen  Namen  man  vergessen  hat,  lebte  in  Tsien-thang. 
Seine  Gattin  von  dem  Geschlechte  Tschü  starb  im  neunten 
Jahre  des  Zeitraumes  Ta-yuen  (8(84  n.  Chr.)  an  einer  Krankheit. 
Sie  hatte  zwei  verwaiste  Kinder.  Der  Mann  von  dem  Geschlechte 
Wang  starb  wieder  im  vierten  Monate  desselben  Jahres  plötzlich. 
Am  dritten  Tage  war  di(;  Gegend  unter  seinem  Herzen  noch 
warm.  Nach  sieben  Tagen  ward  er  wieder  lebendig.  Er  er- 
zählte, zur  Zeit  seines  Todes  seien  ihm  zwanzig  Menschen  er- 
schienen. Dieselben  trugen  schwarze  Kleider  und  blickten  in 
die  Verzeichnisse.  Als  die  Verzeichnisse  entfernt  waren,  gelangte 


Der  Geisterglaube  in  dem  iiltcn  Oliina.  705 

) 

man  zu  einein  hellrutivon  Tliorc  uiul  weissen  Mauern,  die  ji;Kneli 
den  Vorliallen  der  Paläste  i»'estaltet  waren.  Die  Angestellten 
trugen  hellrothe  Kleider,  purpurne  Gürtel,  ursprüngliclic  Mützen 
und  enge  Kopftücher.  Die  Kleidung  Einiger  bestand  gänzlich 
aus  aneinanderliegenden  und  geknüpften  Perlen  und  Edelsteinen, 
Es  waren  Trachten,  die  in  dem  Zeitalter  nicht  Sitte  sind.  Er 
sah  wieder  im  Vortreten  einen  Menschen.  Derselbe  war  hoch- 
gewachsen und  gross,  und  die  Kleider,  die  er  trug,  waren  ge- 
staltet wie  Wolkendunst.  Der  Mann  von  dem  Geschlechte 
Wang  wandte  sich  an  ihn,  schlug  das  Haupt  gegen  den  Boden 
und  erklärte  ihm,  sein  Weib  sei  gestorben,  die  zurückgeblie- 
benen verwaisten  Kinder  seien  noch  klein,  und  er  wüsste  sich 
nicht  zu  helfen.  Er  vergoss  sogleich  Thränen.  Dieser  Mensch 
zeigte  sich  dadurch  gerührt  und  sagte :  Dein  Schicksal  fortlert, 
dass  du  kommst.  Einzig  deiner  verwaisten  Kinder  willen  gebe 
ich  dir  eine  Frist  von  drei  Jahren,  —  Der  Mann  von  dem  Ge- 
schlechte Wang  sprach  ferner:  Drei  Jahre  reichen  nicht  hin, 
um  die  Kinder  am  Leben  zu  erhalten.  —  Einer  von  den  Leuten 
der  Umgebung  redete  und  sagte:  Die  übliche  Dai'legung,  wie 
sollte  sie  albern  sein?  Drei  Jahre  an  diesem  Orte  sind  in  dem 
Zeitalter  dreissig  Jahre,  —  Man  schickte  ihn  jetzt  sogleich  fort. 
Es  vergingen  noch  dreissig  Jahre,  und  der  Mann  von  dem 
Geschlechte  Wang  starb  wirklich. 


Zu  disn  Zeiten  Hoan-yuen's   war    eine   grosse    Rindm'pest, 
Ein  Mensch  ass  das  Fleisch  eines  todten  Rindes.    Er  erkrankte 
desshalb  und  starb.  Zur  Zeit  seines  Todes  sah  or  einen  Menschen, 
der  die  Verzeichnisse    ergriff   und    mit    ihm    zu    der    ILjhe    des 
Himmels  gelangte.     Daselbst  war  ein    vornehmer   Mensch,    der 
fragte:   Was  hat  dieser    Mensch  verbi-ochenV  —  Jener  antwor- 
tete :  Dieser  Mensch  ist  angeklagt,  das  Fleisch  eines  pestkranken 
i  Rindes  gegessen  zti  haben.  —  «Der    vornehme    Mensch    sprach: 
j  Jetzt    ist  es    nothwendig,    dass    man    mit   Rindern    Gegenstände 
j  umherführt.     Da  man  dieses  nicht  kann,  so  ist  das  Fleisch  da, 
j  um  den  hundert  Geschlechtern  als  Speise    zu    dienen.     Warum 
tödtet  man  die  Menschen  wieder  V  —  Er  drängten  ihn  zur  Rück- 
kehr.    Als  Jener  wieder  loliendiü:  wMr(l(!.   erzählte  er,  was  mnii 


70ß  Pfizmaier. 

gesagt.    Von  nun  an  blieben  diejenigen,  welche  Rindfleisch  ver- 
zehrten, von  Leiden  verschont. 


Yü-king  hatte  keine  Krankheit  und  starb.  U-meug  sprach 
mit  dem  Sohne  King's  und  sagte:  Die  Rechnung  des  Leheus- 
fürsteu  von  dem  Geschlechte  Yü  ist  noch  nicht  zu  Ende.  Ich 
bitte  eben  um  sein  Lebenslos.  Man  darf  ihn  noch  nicht  auf- 
bahren. —  Der  Leichnam  lag  in  einem  reinen  Hause,  war  aber 
unter  dem  Herzen  noch  w^arm.  In  sieben  Tagen  trat  starke 
Hitze  ein,  der  Leib  King's  neigte  sich  zur  Verderbniss.  Meng 
hiess  seine  Leute  die  Luft  beobachten  und  fortwährend  Wasser 
herbeischaffen.  Er  gebot  ihnen,  ihn  damit  zu  waschen  und  es 
ihm  zu  trinken  zu  geben.  Als  dieses  geschehen,  zog  er  sich 
zurück.  Um  Mittag  öffnete  King  nur  die  Augen  und  den  Mund, 
konnte  aber  keinen  Laut  hervorbringen.  Das  ganze  Thor  war 
jetzt  voll  Fi-eude.  Man  wendete  sich  ihm  zu,  wusch  ihn  mit 
Wasser  und  gab  es  ihm  in  den  Mund.  Er  brach  mehrere 
Gantang  faules  Blut.  Nach  und  nach  konnte  er  sprechen.  In 
drei  Tagen  war  er  wieder  hergestellt  und  befand  sich  wie 
gewöhnlich. 

Er  erzählte,  er  habe  etliche  zehn  Menschen  gesehen,  welche 
kamen,  ihn  ergriffen,  banden,  ihm  Angeln  anlegten  und  ihn  in 
das  Gefängniss  führten.  Seine  Gefiihrten  waren  zehn  Menschen, 
die  nach  der  Reihe  sprachen  und  antworteten.  Die  Reihe  war 
an  ihn  noch  nicht  gekommen.  Plötzlich  sah  er  den  Gebieter 
von  dem  Geschlechte  U.  Derselbe  wendete  sich  mit  dem  An- 
gesichte nach  Norden ,  erklärte  und  entschied  es.  AVang-tsi 
nahm  die  Angeln  ab  und  hiess  ihn  heimkehren.  In  den  Ver- 
sammlungshäusern der  Obrigkeiten,  wo  er  vorbeikam,  zog  ihm 
Alles  ohne  Ausnahme  entgegen  und  bat,  sich  zum  Besuche  bei 
dem  Gebieter  von  dem  Geschlechte  U  melden  zu  dürfen.  Alle 
nahten  mit  Ehrenbezeugungen  und  untersuchten  nicht,  was  für 
ein  Vorgesetzter  es  sei. 

Die  Denkwürdigkeiten  von  vielseitigen  Dingen  sagen: 

Gegen  das  Ende  der  Han  war  grosse  Unordnung.  Es  gab 
Leute,  welche  den  Grabhügel  einer  Palastbewohnerin  aus  den 
Zeiten  der  früheren  Han  öffneten.  Die  Palastbewohnerin  war 
noch  lebendig.    Als  man  sie  herausgenommen  hatte,  erholte  sie 


Der  Geisterglaube  in  dem  alten  China.  707 

sich  und  war  wie  sie  ehemals  gewesen.  Die  Kaiserin  von  dem 
Geschlechte  Ko  von  Wei  liebte  sie  und  jj-edachte  ihrer.  Sie 
Hess  sie  in  die  Verzeichnisse  eintragen  und  in  den  Palast  bringen. 
Sie  setzte  sie  immer  unter  die  Leute  ihrer  Umgebung  und 
fragte  sie,  was  sich  zu  den  Zeiten  der  Han  in  dem  Palaste  zu- 
getragen. Jene  sprach  darüber  mit  grosser  Klarheit,  und  alles 
hatte  Ordnung  und  Ende.  Als  die  Kaiserin  von  dem  Geschlechte 
Kö  starb,  wehklagte  und  weinte  Jene  über  die  Massen  unfl 
starb  hierauf. 


Die  Tochter  Hi-nung's,  des  bei  der  Abtheilung  Sie-tschang's, 
des  Anfülu-ers  der  Leibw<ächter  der  Mitte,  befindlichen  Kriegers 
der  gerechten  Waffen,  von  dem  der  grosse  Vorsteher  der  Pferde, 
Tsao-hieu  von  Wei  gesprochen,  erkrankte  in  dem  Alter  von 
vier  Jahren  und  starb.  Sie  wurde  absichtlich  vergraben  und 
versteckt.  In  fünf  Tagen  wurde  sie  wieder  lebendig.  Im  sie- 
benten Monate  des  dritten  Jahres  des  Zeitraumes  Tai-ho  (229 
n.  Chr.)  hiess  eine  höchste  Verkündung  Hieu  die  Aeltern  ver- 
anlassen, die  Tochter  zu  bringen,  damit  man  sie  sehe.  Die- 
selbe war  am  dritten  Tage  des  vierten  Monates  dieses  Jahres 
an  einer  Krankheit  gestorben.  Nach  vier  Tagen  wurde  sie  ver- 
graben und  versteckt.  Im  achten  Monate  des  Jahres'  pflückte 
ein  Anwohner  desselben  Hügels  Maulbeerblätter  und  hörte  das 
Weinen  eines  Kindes.  Er  sagte  es  sogleich  der  Gattin  Nung's. 
Diese  ging  hin  und  sah,  dass  ihr  Kind  wieder  lebendig  geworden 
war.     Es  konnte  jetzt  essen  und  trinken  wie  gewöhnlich. 

Der  von  dem  Geschlechte  Lö  verfasste  Wald  der  Merk- 
würdigkeiten sagt : 

Tschung-yao  war  durch  mehrere  Monate  nicht  bei  den  Zu- 
sammenkünften an  dem  Hofe  erschienen.  Seine  Gedanken  und 
seine  Gemüthsart  waren  anders  als  gewöhnlich.  Jemand  fragte 
ihn  um  die  Ursache.  Er  sagte,  dass  immer  ein  wohlgestaltetes 
Weib  Su  ilyjn  komme.  Sie  sei  zierlich,  reizend  und  keine  ge- 
wöhnliche Erscheinung.  Der  ihn  gefragt  hatte,  sprach :  Es  ist 
gewiss  ein  dämonenartiges  Wesen.  Du  kannst  sie  tödten.  — 
Als  später  das  Weib  hinging,  trat  sie  nicht  sogleich  vor,  sondern 

'  Dieses    stimmt  mit    der  obigen    Angabo,    dass    im    siebenten    Monate  des 
Jahres  eine  höchste  Verkündiing  erschienen,  nicht  genau  überein. 


iOo  P  fi  ziiiaier.     Der  Geisterglaube  iu  dem  alten  China. 

blieb  ausserhalb  der  Thüre  stehen.  Yao  frag"te  sie,  warum  sie 
dieses  thue.  Sie  sprach :  Du  hast  die  Absicht,  mich  zu  tödten.  — 
Yao  sprach:  Ich  habe  diese  nicht.  —  Er  rief  sie  inständig, 
worauf  sie  eintrat.  Yao  war  in  Gedanken  unwirsch,  doch  bei 
seiner  Unwirschheit  konnte  er  es  im  Herzen  nicht  über  sich 
bringen.  Gleichwohl  hackte  er  nach  ihr  und  verletzte  ihren 
Schenkel.  Das  Weib  ging  sogleich  hinaus  und  trocknete  mit 
neuen  Seidenfäden  das  Blut  ab.  Als  es  auf  den  Wegen  endlich 
hell  wurde,  Hess  er  sie  durch  Menschen  aufsuchen  und  ihi-e 
Spur  verfolgen.  Man  gelangte  zu  einem  grossen  Grabhügel. 
Zwischen  den  Bäumen  befand  sich  ein  stattliches  Weib,  das  von 
Gestalt  einer  Lebenden  glich.  Sie  trug  ein  Hemd  von  grünem 
Atlas  und  ein  zweitheiliges  Kleid  aus  mennigrothem  Brocat.  Sie 
hatte  einen  Schenkel  verletzt  und  trocknete  mit  den  in  dem  zwei- 
theiligen Kleide  enthaltenen  neuen  Seidenfäden  das  Blut  ab. 


SITZUNGSBERICHTE 


DER 


KAISERLICHEN  AKADEMIE  DER  WISSENSCIIAETEN 


PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE  CLASSE. 


LXVIII.  BAND.  IV.  HEFT. 


JAHRGANG   1871.   —  JULL 


öitzl).  d.  pbil.-hist.  Cl.  LXVIIJ.  b.l.  IV.ilft.        '  46 


711 


XYIII.   SITZUNG  VOM  5.  JULI  1871 


Das  w.  ]\[.  Herr  Regierimg-sratli  Zimmermann  legt  eine 
Abhandlung  vor  .über  Kant's  Widerlegung  des  Berkeley'schen 
Idealismus'. 


Die  Aufnahme  der  Abhandlung  des  Herrn  Dr.  Aurelius 
Mayr  ^Resultate  der  Silbenzählung  aus  den  vier  ersten  Gäthä's' 
in  die  Sitzungsberichte  wird  genehmigt. 


An  Druckschriften  wurde  vorgelegt: 

Accademia,  R.,  di  Scienze.  Lettere  ed  Arti  in  Modena:  Memorio.  Tomi  X. 
u.  XI.  Modena,  18G9  n.  1870;  4«.  —  Gropelli,  Emilio  Serra,  Le  finauze 
dei  comnni  e  delle  provincie.  (Memoria  premiata  dell'  anno  l.^fJB.)  8^  — 
Mantegazza,  Emilio,  L'articolo  53  del  regolaniento  di  disciplina.  Com- 
media  in  cinque  atti  (premiata  dell'  anno  1808).  80. 

Akademie,  Südslavische,  der  Künste  und  Wissenschaften:  Rad.  Knjiga  XV. 
U  Zagrebu,  1871,  8".  —  Historija  dubrovacke  drame.  Najiisao  Profesor 
Ai-min  Pavic.  U  Zagrebu,  1871;  8". 

^Acland,  Henry  W.,  National  Health.  Oxford  und  London,   1871;  kl.  8". 

'Anzeiger    für  Kunde   der  deutschen  Vorzeit.    N.  F.  XVH.   Jahrgang.    1870 
No.  1—12.  Nürnberg;  4». 

Gesellschaft  der  Wissenschaften,  Oberlausitzische:  Neues  Lausitzisches 
Magazin.  XLVIH.  Band,  L  Heft.  Görlitz,  1871;  H'\ 

Instituto  di  corrispondenza  archeologica:  Annali.  Volume  XLH.  Roma  1870; 
8".  —  Bullettino  per  l'anno  1870.  Roma;  8^ 

46* 


712 

Mittheiliingen  ans  J.  Perthes  geographischer  Anstalt.  17.  Band,  1871.  VI. 
Heft.  Gotha;  4^». 

Revue  des  cours  seientifiques  et  litteraires  de  la  France  et  de  l'etranger. 
(,  Revue  politique  et  litteraire'  et  ,La  Revue  scientifique  de  la  France  et 
de  l'etranger' j,  I«''^  Annee  (2«  Serie)    No.    1.    Paris  et  Bruxelles,   1871;  4«- 

Szaraniewicz,  Isidor,  Kritische  Blicke  in  die  Geschichte  der  Karpaten- 
Völker  im  Alterthum  und  im  Mittelalter,  Lemberg,   1871  ;  8". 


Z  immerra  ii  IUI.  Ueber    Kaiit'.s  WulerUgung   des  liifiili.^iiiui  vuu  Berkeley.  713 


lieber    Kant's    Widerlegung    des    Idealismus 


von  Berkeley. 


Von    Dr.    Robert    Zimmermann, 

■wirklichem    MitglioJe    der    kais.  Akadnniie    der    Wissensfliaften. 


JN  achstehende  Untersuchung  hat  neben  dem  allgemein 
wissenschaftlichen,  in  diesem  Augenblicke  ein  besonderes  Zeit- 
iuteresse  für  sich,  da  die  Lehre  Berkeley 's,  des  unter  der  eng- 

'  lischen  Philosophie  vereinzelt  dastehenden  Vertreters  einer 
durchaus  immaterialistischen  und  idealistischen  Weltanschauung, 
nach  langer  Vernachlässigung  in  England  selbst  neuerdings 
begeisterte  Anhänger  und  eifrige  Verthcidiger  gefunden  hat. 
\'(jn  der  neuen,  von  Wright  (London  1843,  2  voll.)  veranstal- 
teten Gesammtausgabe  seiner  Werke  abgesehen,  ist  dieselbe 
von  namhaften  Denkern  und  Schriftstellern  des  heutigen  Eng- 
lands, wie  Collyns  Simon  (On  the  nature  and  P]lements  of  the 
oxternal  World  or  universal  Immaterialism  fully  cxplained, 
London  18G2;  On  the  thinking  substance  in  Man,  Anthropolo- 
gical  review  Mai  1865),  Shadworth  H.  Hodgson  (Time  and 
Space,  London  1865;  Theory  of  Practice,  Lond,  1870,  2  voll.), 
^[(jntgomery,  Prof.  Fräser  in  Edinburgh  u.  A.  wiederholt  dar- 
i;('stellt,  fortgebildet  und  gegen  inner-  und  ausserhalb  Englands 
erhobene  alte  und  neue  Einwände  in  Schutz  genommen  worden. 

'  Mag  diese  Wiedererweckung  in  England,  wie  es  Avahrscheinlich 
ist,  durch  die  xVehnlichkeit    der  gegenwärtig    mit    der  zu  Ber- 

i  keley's  Zeit  daselbst  herrschenden  Culturströmung,  in  welcher, 
wie  heutzutage,  der  Materialismus  und  Realismus  mit  dem 
Spiritualismus  und    Idealismus    im  Kampfe   lag,     licrbeigeführt 


714  Zimmermann. 

sein,  jedenfalls  ist  durch  die  unleugbare  Verwandtschaft  des 
englischen  mit  dem  deutschen  Idealismus  durch  und  seit  Kant 
eine  instinktmässige  Annäherung  der  Jünger  des  irischen 
Bischofs,  der  nach  Pope  alle  Tugenden,  deren  der  Mensch 
fähig  ist,  besessen  haben  soll,  an  deutsche  Philosophie  vermit- 
telt worden.  Dieselbe  hat  nicht  nur  hüben  und  drüben  des 
Canals  zu  eingehendem  Studium  der  beiderseitigen  Systeme 
geführt,  sondern  zu  lebhaften  wissenschaftlichen  Discussionen 
in  philosophischen  deutschen  und  englischen  Fachzeitschriften 
(vgl,  oben  Anthrop.  rev.  und  Fichte's  Zeitschr.  f.  Philos.  u.  phil. 
Krit.  LV. Band,  I.Heft  und  LVII.  Band,  I.Heft)  Veranlassung 
gegeben.  Wie  sich  erwarten  lässt,  bildet  die  von  Anhängern 
beider  Schulen  sehr  verschieden  beurtheilte  Differenz  des 
englischen  von  dem  deutschen  Idealismus  dabei  eine  Hauptfrage. 
Für  die  Entscheidung  derselben  ist  es  als  günstiger  Umstand 
anzusehen,  dass  der  Spätere  der  Beiden  über  die  Lehre  des 
Früheren  an  verschiedenen  Stellen  ausdrücklich  sich  erklärt, 
ja  eine  besondere  Widerlegung  des  Idealismus  von  Berkeley 
seiner  Kritik  einverleibt  hat.  Es  schien  umsoweniger  über- 
flüssig, diese  letztere  neuerdings  an's  Licht  zu  ziehen,  als  eine 
umständliche  Prüfung  derselben  zu  zeigen  geeignet  ist,  dass 
obige  Differenz  von  Kant  weder  dort,  wo  sie  wirklich  liegt, 
gesucht,  noch  dort,  wo  er  sie  suchte,  genügend  gehoben 
worden  sei. 


Der  zweiten  Ausgabe  der  Kritik  und  zwar  dem  Abschnitt 
der  Elementarlehre,  welcher  die  systematische  Darstellung  aller 
synthetischen  Grundsätze  enthält,  hat  Kant  einen  Zusatz  ein- 
gefügt, den  er  selbst  als  , Widerlegung  des  Idealismus^  über- 
schrieben hat.  (W.  W.  her.  v.  Hartenstein,  IL  S.  223.)  Nach- 
dem nämlich  ein  , flüchtiger^  Eecensent  (Garve)  den  Inhalt  der 
ersten  Ausgabe  als  , höheren'  Idealismus  bezeichnet  hatte,  was 
Kant  ungefähr  schien ,  als  wenn  jemand ,  der  nie  von  Geo- 
metrie    etwas    gehört     oder    gesehen    hätte,    den    Euklid    eine 


lieber  Kanf.s  Widurli'guiig  des  Idealismus  von  Berkeley.  7  1  O 

, systematische  Anleitung  zum  Zeichnen^  nennen  wollte,  glaubte  es 
dieser  sich  und  der  Lese  weit  scliuldig  zu  sein,  nicht  nur  gegen 
diese  Bezeichnung,  sondern  gegen  die  Verwechslung  seines 
mit  allem  bisher  sogenannten  Idealismus  ,von  der  eleatischen 
Schule  an  bis  zum  Bischof  Berkeley^  Protest  einzulegen. 
Dass  er  den  Letzteren  ausdrücklich  nennt,  beweist,  dass  er 
unter  den  , echten  Idealisten'  ihn  besonders  im  Auge  hatte, 
wie  zum  Ueberfluss  durch  die  auf  derselben  Seite  weiterfol- 
gende Stelle,  wo  er  unter  den  Anhängern  des  Idealismus  ihn 
neuerdings  mit  dem  Beisatze  , vornehmlich'  namhaft  macht, 
erhärtet  wird.  Während  nämlich  in  der  ersten  Ausgabe  der 
Kritik  der  Name  Berkeley's  gar  nicht  vorkommt,  erscheint  er 
in  der  zweiten,  sowie  in  den  zur  Erläuterung  der  Kritik  be- 
stimmten ,Prülegomenen',  bei  jeder  sich  darbietenden  Gelegen- 
heit in  erster  Reihe,  und  zwar  von  so  lebhaften,  mitunter  fast 
wegwerfenden  Ausdrücken  begleitet,  dass  man  deutlich  sieht, 
es  habe  Kant  vor  allem  daran  gelegen,  jede  Verwechslung  des 
seinen  mit  Berkeley's  Idealismus  hintanzuhalten. 

Der  Grund  davon  ist  nicht  allzuschwer  zu  finden. 
Berkeley  war  ein  Gegner  Newton's  und  der  mathematischen 
Naturwissenschaft,  die  beide  Kant's  höchster  Verehrung  genossen. 
Sein  ganzes  Philosophiren  war  auf  die  radicale  Ausrottung 
des  Materialismus,  insbesondere  der  Ilobbes'schen  Lehre  und 
Locke'schen  Vermuthung  von  der  Körperlichkeit  der  Seele  ge- 
richtet, über  welch'  letzteren  Punkt  Kant  eine  vorsichtige  Zu- 
rückhaltung zu  beobachten-  liebte.  Der  , eigentliche'  Idealismus, 
und  der  war  für  Kant  eben  der  Berkeley's,  stand  ferner,  wie 
man  aus  der  geharnischten  Anmerkung  im  Anhang  der  Prole- 
gomena  sieht,  bei  ihm  in  dem  schlimmen  Verdacht  einer 
, schwärmerischen  Absicht',  und  Kant  war  geneigt,  eine  solche 
als  mit  jener  AVeltanschauung  unabtrennbar  verbunden  zu 
betrachten. 

Dessenungeachtet  ist  obige  Widerlegung  des  Idealismus 
keineswegs,  wie  Kuno  Fischer  (Gesch.  d.n.  Philos.  1.  Aufl. III. 
S.  428)  meint,  ausschliesslich  gegen  Berkeley  gerichtet.  Die 
ganze  Demonstration,  die  darauf  hinausläuft,  dass  erst  das 
Dasein  der  Dinge  ausser  uns  die  Wahrnehmung  unserer  selbst 
möglich  mache,  geht,  auch  wenn  sie  schlagend  sein  sollte, 
Berkeley  nichts  an.    Sie  sollte   ihn  auch    nichts  angehen,  denn 


716  Z  im  mer  mann. 

für  ihn  hat  sie  Kant  gar  nicht  bestimmt.  Dem  Geschichtschrei- 
ber Kant's  ist  hier  ein  kleines  Versehen  begegnet,  das  der  Verfolg 
unserer  Darstelhmg  aufhellen  wird.  Diese  hat  den  Zweck,  das 
Urtheil  Kant's  über  den  speciellen  Idealismus  Berkeley's  klar- 
zustellen und  darzuthun,  inwiefern  derselbe  durch  jenes  ge- 
troffen werde  oder  nicht. 

Dabei  wird  sich  zeigen,  dass  der  Idealismus  Kant's  dem- 
jenigen des  Engländers  näherstand  als  irgend  einer,  ja  dass  er 
in  seinem  wesentlichsten  Punkte  gar  nicht  von  demselben  ver- 
schieden war;  zugleich  aber  auch,  dass  Kant  von  der  Lehre 
Berkeley's  eine  ganz  unrichtige  Vorstellung  besass,  und  die  von 
ihm  als  angeblich  Berkeley's  bestrittenen  Argumentationen 
diesem  gar  nicht  angehören. 

Der  Idealismus  Berkeley's  steht  unter  seinen  Landsleuten 
und  Zeitgenossen  vereinzelt  da.  Eine  Lehre,  welche  die  Reali- 
tät der  Körperwelt  leugnet,  in  einem  Lande  und  in  einem 
Zeitalter,  dessen  erfolgreichste  Anstrengungen  auf  die  Erkenntniss 
und  Beherrschung  der  materiellen  Dinge  gerichtet  sind,  kann 
kein  anderes  Loos  haben.  Solchen  muss  eine  Lehre,  welche  wie 
der  Materialismus  weder  an  der  Realität  noch  der  Erkennbar- 
keit der  materiellen  Körperwelt  den  mindesten  Zweifel  hegt, 
und 'selbst  die  den  physikalischen  heterogensten  Vorgänge,  die 
EmptinduDgen,  als  blosse  Bewegungen  der  Hirntheile  betrachtet, 
natürlicherweise  die  willkommenste  sein,  weil  sie  in  ihre  auf 
materielle  Zwecke  durch  materielle  Mittel  gerichteten  Bestre- 
bungen die  schwer  entbehrliche  Einheit  bringt.  Eine  Lehre,  die, 
wie  der  Cartesianismus,  Geist  und  Materie  als  qualitativ  unter- 
schiedene Substanzen  trennt,  scheint  dadurch  zwar  den  Ein- 
druck der  unmittelbaren  Beobachtung,  die  uns  Geistiges  und 
Körperliches  mit  verschiedenen  Eigenschaften,  jenes  als  Empfin- 
dung, dieses  als  Bewegung  zeigt,  näher  zu  stehen.  Aber  sie 
reisst  nicht  nur  die  eng  verbunden  scheinende  Erfahrungswelt, 
das  menschliche  Wesen  voran,  in  zwei  toto  genere  entgegenge- 
setzte Wesenreiche  auseinander,  sondern  sie  verwickelt  die  Frage, 
wie  diese  demungeachtet  für  einander  zugänglich  bleiben  oder 
gemacht  werden  sollen,  in  die  äussersten  Schwierigkeiten.  Will 
man  nicht  zu  der  Unbegreiflichkeit  einer  göttlichen  Assistenz 
oder  zu  der  Unwürdigkeit  gelegentlicher  Ursachen  seine  Zuflucht 
nehmen,     so    bleibt    nichts     übrig,     als    jene    qualitative    Ver- 


Ueber  Kaut's  Widerli>j;uiig  dea  Idealibuiut.  von  Berkeley.  717 

sc'liiedeiiheit  füllen  zu  lassen,  entweder  zu  Gunsten  der  den- 
kenden oder  der  ausgedehnten,  (jder  einer  dritten  Substanz,  die 
keines  von  beiden  ist.  Spiritualismus,  Materialismus  und  Spino- 
zisnius  sind  die  drei  daraus  entspringenden  metaphysischen 
Grundansichten,  deren  gemeinsamer  Charakter,  dem  Dualismus 
gegenüber,  qualitativer  Monismus  ist. 

Dass  von  diesen  in  England  neben  dem  vorherrschenden 
Einflüsse  der  Physik,  welche  am  Hofe,  ja  in  König  Karl  II. 
persönliche  Liebhaber  zählte,  der  Materialismus  zuerst  Boden 
fasste,  ist  nicht  zu  verwundern.  Die  Bacon'sche  Lehre,  dass 
alle  Erkenntniss  aus  den  Sinnen  stamme,  hatte  dem  Hobbes'schen 
Satze,  dass,  was  durch  die  Sinne  erkannt  werde,  Körper  sei, 
reichlich  vorgearbeitet.  Dass  alles,  was  ist,  das  wahrnehmende 
Subject,  die  Seele  selbst  eingeschlossen,  nur  Körper,  natür- 
licher oder  künstlicher,  sein  könne,  war  die  folgerichtige  Con- 
sequenz  aus  beiden  obigen  Sätzen.  Der  naive  Selbstbetrug,  der 
in  der  unbefangenen  Voraussetzung  mit  unterlief,  dass  das  Object 
der  sinnlichen  Wahrnehmung  ausser  der  letzteren  an  sich 
nicht  nur  sei,  sondern  so  sei,  wie  es  wahrgenommen  werde, 
blieb  so  lange  uncntdeckt,  bis  Locke  bemerkte,  dass  die  so- 
genannten secundäreu  Eigenschaften  der  Körper :  Farbe,  Geruch, 
Geschmack  u.  s.  w.,  nicht  sowohl  von  diesen  als  von  der  Be- 
schafienheit  der  wahrnehmenden  Sinnesorgane  gemacht  würden. 
Dass  wir  ohne  Auge  keine  Farben  sehen,  ohne  Ohr  keinen 
Schall  hören  würden,  war  eine  Einsicht  von  so  einleuchtender 
Wahrheit,  dass  sie  sofort  zum  Axiom  erhoben  wurde.  Dieselbe 
konnte  darin  nur  erreicht,  aber  nicht  übertroffen  werden  von 
der  sofort  folgenden  weiteren,  dass  auch  die  sogenannten  p  r  i- 
mären  Eigenschaften  der  Körperwelt :  Ausdehnung  und  Ge- 
stalt, also  räumliche  Bestimmtheit,  nicht  unmittelbar  wahrge- 
nommen, also  nicht  erkannt,  sondern  als  i  n  n  e  r  e  Vor- 
gänge auf  das,  was  aiissen  ist,  vom  Subject  übertragen  würden. 
Von  der  objectiven  Welt  der  mit  primären  und  secundären 
Eigenschaften  ausgestatteten  Dinge,  blieb  in  dessen  Folge 
nichts,  als  die  nach  Abzug  aller  primären  und  secundären 
Qualitäten  nackt  ausgezogene  Substanz,  die  Trägerin  der 
Eigenschaften,  ein  seinem  eigenen  Wesen  nach  dem  Subject 
durchaus  unbekannt  bleibendes  X  oder  Ding  an  sich,  von  dem 
weder  Farbe    noch  Klang,  Geruch,  Geschmack,  Plärte,  Weich- 


718  Ziramermann. 

heit,  Glätte  u.  s.  w.,  noch  Gestalt,  Grösse,  Ausdehnung,  prädi- 
cirt  werden  darf,  ohne  die  Grenze  des  nur  dem  wahrnehmenden 
Subject  Angehörenden  zu  überschreiten. 

Bis  hieher  hat  der  Gedankengang  der  englischen  Philo- 
sophie sich  consequent  entwickelt.  Sämmtliche  Eigenschaften 
der  Körper,  secundäre  und  primäre,  mit  den  letzteren  die 
Körperlichkeit  selbst,  insoferne  sie  in  Gestalt  und  räumlicher 
Ausdehnung  besteht,  haben  sich  in  subjective  Vorstellungen 
umgewandelt ,  die  Locke  mit  seinen  Nachfolgern  Ideen 
nannte.  Es  kam  nun  darauf  an,  zu  entscheiden,  ob  er  mit  der 
Behauptung  Recht  habe,  dass  nach  Abzug  sämmtlicher  Quali- 
täten noch  etwas  übrig  bleibe,  das  nach  Entfernung  alles 
dessen,  was  nicht  das  Ding  ist,  nun  als  das  Ding  selbst, 
als  das  nicht  wegzunehmende  Seiende  gelten  könne.  In  dem 
entgegengesetzten  Falle  wäre  mit  der  Hin  wegnähme  sämmt- 
licher (secundärer  und  primärer)  Eigenschaften  das  Ding 
selbst  hin  weggenommen  und  als  Summe  der  nur  als 
Ideen  existirenden  Qualitäten,  selbst  in  eine  Idee  verwandelt. 

Dies  nun  ist  Berkeley's  Ansicht^  dessen  scheinbar  so  ab- 
struser Idealismus  als  eine  natürliche  Weiterbildung  der  Locke'- 
schen  Lehre  sich  kundgibt.  ,Nimra',  sagt  er,  (Works.  Ausg.  von 
1784,  nach  welcher  ich  citire,  vol.  I.  p.  201.  Three  dialogues) 
,die  Empfindungen  von  Weichheit,  Saft,  Röthe,  Säure  weg,  und 
du  hast  die  Kirsche  selbst  hinweggenommen. ^  An  dieser 
Stelle  nennt  er  zwar  nur  secundäre  Eigenschaften,  und  pri- 
märe, wie  Ausdehnung,  Figur,  Consistenz,  nicht  ausdrücklich. 
Dass  er  aber  zwischen  ihnen  und  obigen  Empfindungen  des 
Gesichts  u.  s.  w.,  keinen  Unterschied  macht,  geht  klar  hervor 
nicht  nur  aus  der  Stelle  (ebendas.  S.  130\*  dass  dieselben 
Argumente,  die  gegen  die  secundäreu  Eigenschaften  sprechen, 
auch  gegen  die  primären  gelten,  sondern  auch  aus  der  weitern 
Aeiisserung  (Hum.  knowl.  Nr.  49,  I.  p.  47):  Ausdehnung  und 
Figur  sind  im  Geiste  nur,  wie  sie  von  ihm  wahrgenommen 
Averden,  d.  h.  nicht  in  der  Weise  von  Modus  und  Attribut, 
sondern  allein  in  der  Weise  der  Ideen,  wie  Roth  und  Blau, 
weil  diese  Farben  allüberall  als  in  ihm  und  nirgends  anders 
existirend  anerkannt  sind.  In  dem  Satze,  fährt  er  fort,  ein 
Würfel  ist  hart,  ausgedehnt,  viereckig,  soll  nach  der 
Schulphilosophie  das  Wort  Würfel  bedeuten:  ein  Subject  oder 


Ueber  Kaufs  Widerlegung  dos  Idealismus  von  Berkeley.  719 

eine  Substanz,  welche    unterschieden    ist  von    der  Härte,   Aus- 
dehnung und  Figur,  die  von  ihr   prädicirt    werden,  und  in  der 
:    sie  existiren.    Mir  scheint    ein    Würfel  nichts  von  den 
I   Dingen,    die    als    seine  Termini    oder    Accidcnticn 
i   bezeichnet  werden,  Verschiedenes    zu    sein.    Sagen: 
1   ein  Würfel  ist    hart,    ausgedehnt    und    viereckig-^    heisst  nicht, 
diese  Eigenschaften  einem  davon  verschiedenen  und  sie  tragen- 
den Subject  zuschreiben,  sondern  ist  nur   eine    Erklärung  über 
den  Sinn  des  Wortes. 
1  Berkeley  selbst  deutet  den  Weg,  den  wir    oben  verzeich- 

'  net  haben,  kenntlich  als  denjenigen  an,  auf  dem  er  zu  seinen 
I  Ansichten  gekommen  sei  (vgl.  Three  dial.  L  S.  129.).  Zuerst, 
i  sagt  er  (Hum.  knowl.  Nr.  73,  I.  p.  60.),  glaubte  mau,  es  existirten 
alle  sinnlichen  Qualitäten  real,  und  weil  nicht  für  sich,  bedürf- 
ten sie  einer  Unterlage;  nachher,  die  secundären  Qualitäten 
I  existirten  nur  im  Geist,  daher  nur  die  primären  in  der  Materie ; 
'  da  aber  diese  auch  nur  im  Geist  sind,  so  bleibt  nichts  zu  unter- 
I  stützen,  also  keine  Materie.  Der  Träger  ist  überflüssig, 
;  wenn  er  nichts  zu  tragen  hat.  Die  ganze  Last,  welche  der 
I  Materialismus  auf  dem  Objecte  vereinigte  und  der  Sensualis- 
!  mus  diesem  theilweise  erleichterte,  fiillt  nun  dem  Subjecte  aus- 
I  schliesslich  zu,  ist  aber  zugleich  keine  Last  mehr.  Der  prin- 
I  cipielle  Gegensatz  zwischen  der  geistigen  und  materiellen 
!  Substanz  hört  auf,  weil  die  Materie  als  Summe  von  Eigen- 
schaften, die  durchgehends  Emplindungen,  also  Ideen,  sind, 
selbst  eine  Summe  von  Emplindungen  d.  i.  Ideen  im  Geiste, 
geworden  ist,  und  daher  als  ausser  dem  Geiste  befindlicher 
sogenannter  realer  Stoff  zu  existiren  aufgehört  hat.  Der  quali- 
tative Dualismus,  aber  auch  der  materialistische  Monismus  hat 
seine  Basis  eingebüsst,  die  Materie  und  mit  ihr  die  gesammte 
materielle  Körperwelt  sich  in  ein  Phänomen  im  Geiste  ver- 
wandelt. 

Zugleich  aber  ist  dafür  gesorgt,  dass  sich  dieser  letztere  nicht 
etwa  selbst  als  ein  blosses  Phänomen  der  Materie  auffassen 
lasse.  Die  Locke'sche  Vermuthung,  dass  die  Seele  körperlich 
sei,  ist  eine  Inconsequenz,  sobald  die  Ausdehnung,  also  die 
Körperlichkeit,  eine  primäre  Eigenschaft  und  somit  nur  als 
Idee  im  Geiste  vorhanden  ist.  In  diesem  Falle  wäre  höchstens 
gestattet  zu  behaupten,  dass  das  Subject  auch  sich  selbst  nicht 


720  Z  i  m  me  1  mann. 

anders  als  mit  der  Eigenschaft  der  Ausdehinmg  vorstelle, 
d.  h.  die  Ausdehnung  auf  das  Object  seiner  eigenen  Vorstel- 
lung seiner  selbst  übertrage,  aber  es  wäre  durchaus  die  M<)glich- 
keit  ausgeschlossen,  dass  die  Seele  ein  Körper  sei.  Da  alle 
JNIaterie  schlechterdings  nur  Vorstellung  sein  kann,  so  kann, 
wenn  etwas    überhaupt  ist,    es   wenigstens  nicht  Materie  sein. 

Es  verdient  nun  herv^orgehobeu  zu  werden;  dass  die  obige 
Berkeley'sche  Deduction  keineswegs  leugnet,  dass  etwas  sei, 
sondern  ausschliesslich  nur,  dass  Materie  und  Körper  seien. 
Das  ganze  Gewicht  seiner  Argumentation  liegt  in  dem  für  ihn 
unlöslichen  Widerspruch ,  dass  Ausdehnung ,  i.  e.  die  den 
Körper  constituirende  Eigenschaft,  eine  blosse  Idee  sei  und 
nichtsdestoweniger  ein  Ausgedehntes,  Materie  oder  Körper, 
real  existiren  solle.  Ich  denke,  mau  wird  zugeben  müssen,  dass 
dies  nicht  blos  für  ihn  einen  unlöslichen  Widerspruch  einschliesst. 
Wenn  Ausdehnung  eine  blosse  Vorstellung  wie  die  rein  subjec- 
tive  Empfindung  des  Koth,  Blau  u.  s.  w.  ist,  so  kann  sie  nicht 
zugleich  etwas  von  ihr  Verschiedenes  sein.  Und  so  gut  wie  die 
Empfindung  Blau  nur  im  und  für  den  Sehenden,  so  gut 
existirt  die  Ausdehnung,  die  ja  eben  nichts  als  eine  Vorstellung 
ist,  nur  in  und  für  den  Vorstellenden. 

Mit  gutem  Gewissen,  wie  mir  scheint,  kann  daher  Berkeley 
behaupten,  dass  an  sich  weder  Körper  noch  Materie 
existiren.  Sollten  sie  an  sich  existiren,  so  müsste  auch  die 
constituirende  Eigenschaft  des  Körpers,  die  Ausdehnung,  exi- 
stiren, d.  h.  sie  dürfte  keine  blosse  Idee  sein.  Da  ihr  nichts 
au  sich  entsprechen  soll,  so  kann  auch  der  nur  mittels  ihrer 
möglichen  Idee  des  Körpers  nichts  an  sich  entsprechen. 

Dasselbe,  sollte  man  meinen,  müsste  jede  Lehre  behaup- 
ten, für  Avelche  Räumlichkeit  und  Ausdehnung  keine  Eigen- 
schaft der  Dinge  an  sich,  sondern  ausschliesslich  in  der  Vor- 
stellung des  anschauenden  Subjectes  vorhanden  wären.  Denn 
mit  dem  letzteren  wäre  schon  ausgesprochen,  dass  zwar  das 
Subject  das  von  ihm  als  existirend  Vorgestellte  auch  als  aus- 
gedehnt vorzustellen  gcnöthigt  sein  könnte,  daraus  aber,  weil 
dieses  Ausgedelmtvorstellen  lediglich  eine  Anschauungsweise 
des  Subjectes  wäre,  auf  die  ausgedehnte  Beschaffenheit  des  als 
seiend  Vorgestellten  schlechterdings  kein  Schluss  zu  machen  sei. 


Ueber  Kaut's  Widerlegung  iles  Idealismu-;  von  Berkeley.  j21 

,  i 

Dass  Kant's  transcendentalc  Aesthetik  eine  solclio  Lehre 
sei,  wird  wol  keines  Beweises  bedürfen.  In  diesem  Punkte 
also,  scheint  es,  wäre  zwischen  Berkeley's  und  Kant's  Lehre 
kein  Widerspruch  und  könnte  die  eine  so  gut  wie  die  andere 
Idealismus  heissen.  Dessenung-eachtet  nennt  er  den  seinen  das 
jgerade  Gegentheil'  von  jenem,  dem  , eigentlichen^  Idealismus 
(Proleg.  Anh.  S.  305)  oder  dem  ,echten',  woraus  denn  wohl 
gefolgert  werden  müsste,  dass  er  den  seinen  als  einen  , un- 
eigentlichen' und  jUnechten'  angesehen  wissen  wollte. 

Die  Prolegomena  sammt  dem  Anhang,  dem  obige  Be- 
zeichnung entnommen  ist,  erschienen  1783;  die  zweite  Ausgabe 
der  Kritik,  in  welcher  die  Zusätze  über  den  Idealismus  Ber- 
keley's mit  Nennung  seines  Namens  vorkommen  (vgl.  IL  S.  85  u. 
223),  erst  1787.  Die  ,Widerlegung  des  Idealismus'  gehört  also 
einem  späteren  Stadium  an,  als  die  auf  Berkeley's  Kosten  und 
mit  dessen  Namensnennung  erfolgte  Zurückweisung  des  dem 
Verf.  der  Kritik  von  seinem  Göttinger  Recensenten  imputirten 
jhöheren'  Idealismus,  wozu  auch  die  weitere  abfällige  Nam- 
haftmachung  desselben  (Proleg.  S.  210)  zu  rechnen  ist.  Man 
erfährt  aus  denselben,  wie  Kant  nach  dem  Erscheinen  der 
ersten  Ausgabe  über  denjenigen  Idealismus,  den  er  für  Berkeley's 
Eigenthum  wenigstens  hielt,  sowohl  1783  als  1787  dachte,  wäh- 
rend sich  nicht  zweifellos  bestimmen  lässt,  ob  er  bei  einem  der 
Idealismen,  deren  er  in  der  ersten  Ausgabe  gedenkt  (vgl.  die 
Nachträge  aus  der  ersten  Ausgabe  bei  Hartenstein  IL  S.  074 
u.  s.  f.),  eben  Berkeley  im  Sinne  hatte.  Wir  werden  im  Nach- 
stehenden diese  zu  verschiedenen  Zeiten  (1781,  1783,  17S7) 
erfolgten  Aussprüche  Kant's  über  den  Idealismus  nach  einandei- 
gesondert  anführen,  um  unser  Urtheil,  welcher  davon  und  ob 
irgend  einer  derselben  den  Idealismus  Berkeley's  wirklich 
treffe,  dadurch  zu  begründen. 

So  heisst  es  in  der  ersten  Ausgabe  (1781):  ,Unter  einem 
Idealisten  muss  man  also  nicht  denjenigen  verstehen,  der  das 
Dasein  äusserer  Gegenstände  der  Sinne  leugnet,  sondern  der 
nur  nicht  einräumt,  dass  es  durch  unmittelbare  Wahrnelimung 
erkannt  werde,  daraus  aber  schliesst,  dass  wir  ihrer  Wirklich- 
keit durch  alle  mögliche  Erfahrung  niemals  völlig  gewiss  wer- 
den können'  (IL  S.  674).  Vergh^icht  man  damit  die  Stelle  in 
der   zweiten    Ausgabe    (,Widerlegung   des   Idealismus',    IL    223 


722  Zimmermann. 

V.  J.  1787),  wo  er  von  einem  Idealismus  redet,  den  er  den 
, problematischen'  nennt,  so  findet  man  beide  ganz  gleichlau- 
tend. ,Der  problematische  Idealismus  ist  derjenige,  der  nichts 
hierüber  (nämlich,  ob  die  Dinge  im  Räume  blosse  Einbildungen 
sind)  behauptet,  sondern  nur  das  Unvermögen,  ein  Dasein  ausser 
dem  unsrigen  durch  unmittelbare  Erfahrung  zu  beweisen  vor- 
gibt/ Diesen  problematischen  Idealismus  schreibt  er  dem  C  ar- 
te sius  (im  Gegensatz  zu  dem  dort  von  ihm  , dogmatisch'  ge- 
nannten des  Berkeley)  zu  (a.  a.  O.  223);  folglich  hat  er  auch 
in  obiger  Stelle  der  ersten  Ausgabe  nur  den  Cartesius  (und 
nicht  Berkeley)  im  Auge  gehabt.  Ja,  wenn  man  sein  Verbot, 
unter  einem  Idealisten  denjenigen  zu  verstehen,  der  das  Dasein 
äusserer  Gegenstände  der  Sinne  leugnet,  ernst  nehmen  und  mit 
der  Stelle  in  der  zweiten  Ausgabe  (a.  a.  O.  223),  wo  er  die 
Lehre  Berkeley's  als  diejenige  charakterisirt,  welche  die  Dinge 
im  Raum  für  blosse  Einbildungen  erklärt,  zusammenhalten 
wollte,  so  käme  die  sonderbare  Folgerung  zum  Vorschein,  dass 
Berkeley,  den  die  zweite  Ausgabe  einen  Idealisten  nennt,  im 
Sinne  der  ersten  Ausgabe    eigentlich  gar  keiner  sei. 

Auf  dieselbe  werden  wir  später  wieder  zurückkommen 
müssen.  Ist  nun  derjenige  ein  Idealist,  der  nicht  einräumt,  dass 
das  Dasein  äusserer  Gegenstände  der  Sinne  durch  unmittelbare 
Wahrnehmung  erkannt  werde,  so  darf  nothwendigerweise  der- 
jenige, welcher  dies  einräumt,  keiner  sein.  Die  , Widerlegung 
des  Idealismus'  in  der  zw^eiten  Ausgabe,  die  darauf  ausgeht, 
zu  beweisen,  dass  der  Verfasser  der  Kritik  ,kein'  Idealist  sei, 
wirft  sich  daher  auf  diesen  Punkt  und  beweist  oder  wall  be- 
weisen, dass  ,äussere  Erfahrung  eigentlich  unmittelbar  sei' 
(a.  a.  0.  S.  224).  Und  wäre  dieser  Beweis  richtig  und  gäbe 
es  keinen  andern  Idealismus  als  jenen,  den  Kant  in  der  zweiten 
Ausgabe  den  problematischen  nennt  und  dem  Cartesius  zu- 
schreibt, so  wäre  damit  der  Idealismus  allerdings  widerlegt. 
Aber  nach  der  zweiten  Ausgabe  (a.  a.  O.  S.  223)  kennt  Kant 
selbst  noch  einen  andern,  den  dogmatischen  des  Berkeley,  und 
dieser  ist  durch  die  Widerlegung  des  Cartesianischen  selbstver- 
ständlich nicht  widerlegt.  Der  Verfasser  der  Kritik  könnte, 
selbst  wenn  er  im  Sinne  der  ersten  Ausgabe  sich  von  dem 
Verdacht,  ein  Idealist  zu  sein,  gründlich  gereinigt  hätte,  im 
Sinne  Berkeley's,  von  dem  die  erste  Ausgabe  keine  Erwähnung 


Ueter  Kant's  Widerlegung  des  Idealisinos  von  Berkeley.  723 

thut,  und  den  die  Widerlegung  des  Cartesianischen  Idealismus 
in  der  zweiten  nicht  trifft,  immer  noch  ein  Idealist  heissen 
müssen. 

Wir  kommen  hier  auf  das  oben  erwähnte  Versehen  Kuno 
Fischer's  zu  sprechen.  Dieser  bemerkt  sehr  richtig,  dass  die 
ganze  Demonstration  (a.  a.  0.  S.  224),  die  darauf  hinausläuft, 
dass  erst  das  Dasein  der  Dinge  ausser  uns  die  Wahrnehmung 
unserer  selbst  möglich  mache,  , keine  Widerlegung  Berkeley's 
sei'  (a.  a.  0.  S.  428).  Aber  er  hat  übersehen,  dass  sie  es  auch 
gar  nicht  sein  sollte.  Dieselbe  ist  nämlich  in  dem  Zusatz  der 
zweiten  Ausgabe  ausdrücklich  nicht  gegen  den  dogmatischen, 
sondern  gegen  den  problematischen  Idealismus,  folglich  gegen 
Cartesius  statt  gegen  Berkeley  gerichtet;  ganz  ebenso  wie  die 
entsprechende  in  der  ersten  Ausgabe  (Nachtr.  IL  S.  (379  ,Alle 
äussere  Wahrnehmung  bedingt  unmittelbar  etwas  W^irkliches 
im  Räume')  auf  den  dort  definirten  Idealismus  (denselben,  der 
in  der  zweiten  Ausgabe  der  , problematische'  heisst)  gemünzt 
erscheint. 

Wesshalb  aber  die  erste  Ausgabe  unter  einem  Idealisten 
nicht  denjenigen  verstanden  wissen  Avill,  der  das  Dasein  äusserer 
Gegenstände  der  Sinne  leugnet,  sondern  nur  den,  der  nicht 
einräumt,  dass  es  durch  unmittelbare  Wahrnehmung  erkannt 
werde,  d.  h.  nur  Cartesius  (keineswegs  aber  Berkeley)  als 
solchen  betrachtet,  geht  aus  der  gleichfolgenden  Unterscheidung 
eines , zweifachen',  des  transcendentalen  und  des  empirischen  Idea- 
lismus hervor,  für  deren  ersten  sich  Kant , schon  im  Anfange  er- 
klärt' hat  (S.  675  a.  a.  O.).  Dieser  nämlich,  d.  i.  ,der  Lehrbegriff, 
nach  welchem  wir  alle  Erscheinungen  als  blosse  Vorstellungen 
und  nicht  als  Dinge  an  sich  selbst  ansehen',  kann  zugleich 
empirischer  Realismus  sein,  d.  h.  die  Existenz  der  Materie  ein- 
räumen, weil  er  dieselbe  ,blos  für  Erscheinung,  die  von  unserer 
Sinnlichkeit  abgetrennt  nichts  ist,  d.  i.  für  eine  Art  Vor- 
stellungen (Anschauung)  gelten  lässt,  welche  äusserlich  heissen, 
nicht  als  ob  sie  sich  auf  an  sich  selbst  äussere  Gegenstände 
bezögen,  sondern  weil  sie  Wahrnehmungen  auf  den  Raum  be- 
ziehen, in  welchem  alles  ausser  einander,  er  selbst  aber,  der 
Raum,  in  uns  ist'  (S.  615.  IL). 

Und  nun  leuchtet  ein,  wienach  Berkeley  im  Sinne  der 
<-;rsten.  Ausgabe  eigentlich  gar  kein  Idealist  heissen  darf.  Er  ist 


724  Zimmermann. 

Transcendental-Idealist,  so  gut  wie  Kant  selbst,  also  nach  der 
Terminologie  der  ersten  Ausgabe  kein  Idealist,  sondern  empi- 
rischer Realist.  Denn  die  Existenz  der  Materie,  die  nur  eine 
,Art  Vorstellungen,  welche  äusserlich  heissen,  nicht  als  ob 
sie  sich  auf  an  sich  selbst  äussere  Gegenstände  bezögen,  son- 
dern weil  sie  Wahrnehmungen  auf  den  Raum  beziehen,  in 
welchem  alles  ausser  einander,  er  selbst,  der  Raum,  aber 
in  uns  ist',  kann  auch  Berkeley  einräumen,  ,ohne  aus  dem 
blossen  Selbstbewusstsein  hinauszugehen'.  Was  er  leugnet,  ist 
nicht,  dass  Materie  und  Körper  als  Ideen  im  Geiste,  son- 
dern nur,  dass  sie  an  sich  ausser  demselben  existiren. 
Nach  dem  von  ihm  aufgestellten  Fundamental satz :  esse  =  per- 
cipi,  besteht  die  Existenz  der  Materie  eben  in  ihrem  Percipirt, 
d.  i.  im  Geiste  vorgestellt  werden,  so  dass  im  strengsten  Wort- 
sinn von  ihr  gesagt  werden  kann,  was  Kant  von  dem  transcen- 
dentalen  Idealisten  als  empirischen  Realisten  fordert,  dieselbe 
besitze  als  Erscheinung  eine  Wirklichkeit,  die  nicht  geschlossen, 
sondern  unmittelbar  (vom  Geiste  im  Geiste)  wahrgenommen 
wird.  (A.  a.  O.  S.  676.) 

Berkeley  behauptet  nun  nicht  nur  dasselbe,  was  der 
Transcendental-Idealist  einräumt,  er  bestreitet  auch  das  Nämliche, 
was  dieser  bekämpft.  Als  den  wahren  Gegensatz  desjenigen 
Idealismus,  zu  dem  er  sich  selbst  bekennt,  stellt  nämlich  Kant 
an  obiger  Stelle  nicht  den  Realismus  schlechtweg,  sondern  den 
tianscendentalen  Realismus  auf,  der  Zeit  und  Raum  als  etwas 
an  sich  (unabhängig  von  unserer  Sinnlichkeit)  Gegebenes  ansieht. 
Der  transcendentale  Realist  stellt  sich  äussere  Erscheinungen  (wenn 
man  ihnen  Wirklichkeit  einräumt)  als  Dinge  an  sich  selbst 
vor,  die  unabhängig  von  uns  und  unserer  Sinnlichkeit  existiren, 
also  auch  nach  reinen  VerstandsbegrifFen.  Dieser  sei  es,  der 
nachher  den  empirischen  Idealisten  spiele,  und  nachdem  er 
fälschlich  von  Gegenständen  der  Sinne  vorausgesetzt  habe,  dass, 
wenn  sie  äussere  sein  sollen,  sie  an  sich  selbst  auch  ohne  Sinne 
ihre  Existenz  haben  müssten,  in  diesem  Gesichtspunkte  alle 
unsere  Vorstellungen  der  Sinne  unzureichend  finde,  die  Wirk- 
lichkeit derselben  gewiss  zu  machen. 

Die  Ansicht  der  , Schulphilosophie',  welche  Berkeley  be- 
kämpft, welche  da  glaube,  dass  von  dem  Dinge  noch  etwas 
übrig  bleibe,  wenn  man  seine    sämmtlichen  Eigenschaften,  pri- 


üeber  Kant's  Widerlegung  des  Idealismus  von  Berkeley.  72.0 

i 

',  nüiro  und  sc^cundäre,  als  blosse   Vorstelluiiiicn  im   Geiste  nach- 
f  gewiesen    habe     (vg-1.    a.  a.  O.  p.  201 ),     fällt    mit    diesem    von 
Kant  transcendental  genannten  Realismus    in     Eins  zusammen. 
I  Das  Irrige  derselben  findet    er    nicht    etwa    darin,    dass   durch 
j  die  doch  nur  subjectiven  Sinne  deren  objective  Qualitäten  erkannt 
j  werden,  sondern  dass  jenseits  der  durchaus  subjectiven  (secun- 
}  dären  und    primären)    Qualitäten,     die   als    solche    nur  Vorstel- 
lungen (im  Geiste)  sein  können,  überhaupt  noch  etwas  an  sich 
I  vorhanden  sein  solle.  Das  Ansich  der  Dinge  bleibt    nicht   nur, 
1  wie  Locke  noch  wollte,  gänzlich  unbekannt,    sondern  es  bleibt 
überhaupt  weder  Materie  noch  Körper    übrig,    wenn    man  alle 
i  Eigenschaften  derselben  als  blosse  Vorstellungen  begriffen  hat. 
'  Hält  man  sich  blos  an  die  erste    Ausgabe,     so  darf  man 

t  behaupten,  Berkeley  sei    nur    dann    kein    Idealist,    wenn    auch 
Kant  keiner  sei,    d.    h.    wenn    der    transcendentale    eben    kein 
Idealismus  ist.    Dass  er  das  nicht    sei,  behauptet  nun  Kant  an 
keinem  Orte;  aber  er  führt,  um  der  Verwechslung  seiner  Lehre 
.  mit  dem,  was  er  in  der    ersten    Ausgabe    kurzweg    Idealismus 
nennt,  zu  entgehen,  in  den  Prolegomenen  (i:>.  49,  III.  S.    261) 
und  in  der  zweiten  Ausgabe  (II,  S.  389)  eine  andere,  in  jenen 
üi)erdiess  §.   13,  S.  210  noch  eine    dritte    Bezeichnung  ein  für 
das,  was  er  sonst  ,transceudentalen  Idealismus'    genannt  habe. 
Er    nennt    ihn    den    , formalen'  (Proleg.    i^.  49),  im   Gegensatze 
zu  dem   ,materialen',    d.   i.    dem  gemeinen,    ,der    die    Existenz 
.äusserer  Dinge  selbst  bezweifelt  oder  leugnet'  (IL  S.  389.  Akg.), 
jin  den  Proleg.  §.   13  aber,  um  ,Missdeutung  zu  verhüten',  den 
j, kritischen'.    Dieser  , formale    Idealismus    (sonst    von    mir,  d.  i. 
lin  der  ersten  Ausgabe,  transcendental    genannt)    hebt  wirklich 
Iden  materiellen  oder  Cartesianischen  auf  (III.    S.  260,  Proleg. 
;  §.  49.)  Dass  er  auch  den  Berkeley'schen  aufhebe,  ist  nicht  ge- 
isagt;  ebensowenig,  dass  der  letztere  auch  ,materiell'  sei.  Letz- 
iteres  kommt    erst  in  der    zweiten  Ausgabe  vor.     Vielmehr  ist 
laus  dem    dazwischengesetzten    ,oder'  zu    schliessen,    dass  Kant 
jwie  im  J.   1781   ,Idealisinus'    und    , Cartesianischen    Idealismus' 
jso  im  J.  1783  , materiellen'  und  , Cartesianischen  Idealismus'  für 
gleichbedeutend  hielt.  Für  letzteren  hat  er  in  demselben  Jahre 
;(Prolegom.  S.  210)  noch  einen  anderen  Namen,     indem  er  ihn 
iden  , empirischen'  nennt,    zugleich  aber  nur  als    eine  , Aufgabe' 
gelten  lässt,     wegen  deren  Unaufl(islichkeit  es    .nach   Cartesius 

Sitzb.  d.  phil.-hisl.  Cl.LXVlIl.  Bd.  IV.  llft.  ^■j 


726  Zimmermann. 

Meinung,  jedermann  freistund,  die  Existenz  der  küi'perliehen 
Welt  zu  verneinen,  weil  sie  niemals  g-enugthuend  beantwortet 
werden  könnte/ 

Ungeachtet  nun  Kant  auch  in  den  Prolegomenen  selbst 
auf"  einem,  nur  nicht  mehr  trauscendental,  sondern  , formal' oder 
, kritisch'  genannten  Idealismus  beharrt,  ungeachtet  seiner  eige- 
nen Erklärung  nach  dieser  n  u  r  den  , materiellen  oder  Car- 
tesianischen'  Idealismus  aufhebt,  wird  nichtsdestoweniger  in 
diesem  Jahre  zuerst  von  Kant  öffentlich  (Proleg.  §.  13,  S.  210) 
Berkeley's  Idealismus  als  ein  , mystischer  und  schwärme- 
rischer' getadelt,  und  vor  der  Verwechslung  der  Kantischen 
Theorie  mit  , diesem  und  ähnlichen  Hirngespinnsten',  gegen 
welche  die  Kritik  vielmehr  das  eigentliche  Gegenmittel  enthalte, 
ausdrücklich  gewarnt.  In  den  zwei  Jahren,  die  zwischen  dem 
Erscheinen  der  ersten  Ausgabe  und  jenem  der  Prolegomena 
liegen,  ist  daher  offenbar  in  Kant's  Ansichten  über  den  Idea- 
lismus eine  Veränderung  vor  sich  gegangen.  Er  unterscheidet 
nun  nicht  mehr,  wie  1781,  lediglich  nur  einen  empirischen 
Idealismus,  den  er  verwirft,  und  einen  transcendentalen, 
zu  dem  er  sich  selbst  bekennt,  sondern  er  kennt  jetzt  dreierlei 
Arten  eines  solchen:  den  materiellen  oder  Cartesianischen 
(auch  , empirischen'  genannt),  den  mystischen  und  schwärme- 
rischen, den  er  dem  Berkeley  zuschreibt,  und  den  eigenen, 
, sonst  transcendental',  jetzt  , formal'  oder  , kritisch'  geheissenen. 
Denn  , dieser  von  mir  sogenannte  Idealismus  betraf  nicht  die 
Existenz  der  Sachen  (die  Bezweiflung  derselben  aber  macht 
eigentlich  den  Idealismus  in  recipirter  Bedeutung  aus),  denn 
die  zu  bezweifeln  ist  mir  nie  in  den  Sinn  gekommen, 
sondern  blos  die  sinnliche  Vorstellung  der  Sachen,  dazu  Raum 
und  Zeit  zuoberst  gehören;  und  von  diesen,  mithin  überhaupt 
von  allen  Erscheinungen,  habe  ich  nur  gezeigt,  dass  sie  nicht 
Sachen  (sondern  blosse  Vorstellungsarten),  auch  nicht  den  j 
Sachen  an  sich  selbst  angehörige  Bestimmungen  sind.  Das 
Wort  transcend(mtal  aber,  welches  bei  mir  niemals  eine  Bezie- 
hung unserer  Erkenntniss  auf  Dinge,  sondern  nur  auf's  Er-j 
kenntn  iss  vermögen  bedeutet,  sollte  diese  Missdeutung  ver- 
hüten. Ehe  sie  aber  denselben  (dieselbe?)  doch  auch  f(!rnerhin 
veranlasse,  nehme  ich  diese  Benennung  lieber  zurück  und  will 
ihn  den  kritischen  genannt   wissen.    Wenn    es  aber  ein  in  der 


Ufber  Kaufs  Widprlegung  des  Tdealisnins  von  Berkeley.  727 

iriiat  verwerflicher  Idealismus  ist,  wirkliche  Sachen  (nicht  Er- 
pchcinuni]jen)  in  blosse  Vorstellungen  zu  verwandeln,  mit 
svelelu'in  Namen  will  man  denjenigen  benennen,  der  umge- 
l^ehrt  blosse  Vorstellungen  zu  Sachen  macht?  Ich  dächte,  man 
[könnte  ihn  den  träumenden  nennen,  zum  Unterschiede  von  dem 
jt^origen,  der  der  schwärmerische  heissen  mag,  welche 
peide  durch  meinen,  sonst  sogenannten  transcondentalen,  besser 
kritischen  Idealismus  haben  abgehalten  werden  sollend 
1  In  dieser  merkwürdigen  Stelle,  welche  den  klaren  Beweis 

|!iefert,  dass,  wenn  in  Kant's  Ansichten  eine,  um  mit  K.Fischer 
f.u  reden,  ,Abschwächung^  des  IdeaHsmus  stattgefunden  hat, 
jliese  nicht  erst  der  zweiten  Ausgabe  der  Kritik  vom  J.  1787 
angehört,  fallt  auf,  dass  zu  den  eben  genannten  dreien  noch 
jnn  vierter  Idealismus,  der  träumende,  hinzukommt,  von 
[lern  bisher  nirgends  die  Rede  war.  Das  Wesen  desselben  soll 
larin  bestehen,  blosse  Vorstellungen  zu  Sachen,  das  des 
schwärmenden'  (Berkeley?)  dagegen  darin,  wirkliche  Sachen 
nicht  Erscheinungen),  in  blosse  Vorstellungen  zu  verwandeln, 
per  jkritische',  d.  i.  sein  eigener,  l)ezweifelt  nicht  die  Existenz 
jler  Sachen,  sondern  blos  die  der  Erscheinungen,  d.  i. 
1er  sinnlichen  Vorstellung  der  Sachen,  und  zeigt,  dass  sie 
blosse  Vorstellungsarten  sind,  ist  sonach  gar  kein  Idealismus 
n  ,recipirter  Bedeutung',  denn  dessen  Wesen  besteht  in  der 
Bezweiflung  der  Existenz  der  Sachen'. 

Hält  man  letzteren  Satz  mit  der  Erklärung  des  transcen- 
lentalen  Idealisten  in  der  ersten  Ausgabe  (II.  S.  675)  zusara- 
nen,  so  scheint  er  dem  Wortlaut  nach  allerdings  nicht  nur 
licht  dasselbe,  sondern  gerade  das  Gegentheil  zu  sagen.  Der 
jkritische'  Idealist  , bezweifelt  die  Existenz  der  Erscheinungen 
find  zeigt,  dass  sie  blosse  Vorstellungsarten  der  Dinge  sind'; 
jler  transcendentale,  räumt  ein  (d.  h.  doch  wol  ,bezweifelt 
flicht')  die  Existenz  der  Materie,  weil  er  sie  für  blosse  Er- 
fcheinung,  d.  i.  für  eine  Art  Vorstellung  gelton  lässt,  die  von 
Unserer  Sinnlichkeit  abgetrennt,  nichts  ist'.  Allein  in  dem  Sinne, 
in  welchem  der  kritische  Idealist  die  Existenz  der  Erscheinung 
pezweifelt,  räumt  sie  der  transcendentale  nicht  ein,  und  in 
ileinjenig(;n,  in  welchem  dieser  sie  einräumt,  bezweifelt  sie 
jener  nicht.  Denn  der  kritische  erklärt  die  Erscheinungen  für 
ihlosse  Vorstellungsarten',    und    der    transcendentale   ebenfalls; 

47* 


728  Zimmermann. 

der  transcendentale  bezweifelt  die  Existenz  der  Materie  ah 
Erscheinung-  nicht,  und  der  kritische  ebensowenig.  Beide,  dei 
kritische  sogut  wie  der  transcendentale  Idealist,  sprechen  der 
Erscheinungen  die  Existenz  der  , Sachen^  ab  und  die  blossei 
Vorstellungsweisen  zu.  Der  scheinbare  Widerspruch  in  dei 
oben  angeführten  Stelle  entsteht  nur  dadurch,  dass  das  Wori 
, Existenz'  einmal  auf  ,wSachen',  das  anderemal  auf  blosse  , Er- 
scheinungen- bezogen,  die  der  ersteren  von  den  letzteren  ge- 
leugnet, und  dadurch  der  Schein  erzeugt  wird,  als  hätten  di( 
Erscheinungen  überhaupt  gar  keine  Existenz,  während  dei 
, kritische'  Idealist  doch  nur  behauptet,  dass  sie  nicht  jene  dei 
, Sachen'  hätten ! 

Dennoch,  obgleich  obiger  Widerspruch  in  der  That  um 
scheinbar  ist,  besteht  ein  solcher  wirklich  zwischen  dem  Kant'- 
schen  Idealismus  der  Prolegomena  und  jenem  der  ersten  Aus- 
gabe. Derselbe  liegt  nicht  darin,  dass  beide  übereinstimmend 
die  Erscheinungen  für  blosse  Vorstellungsweisen  erklären  und 
demgemäss  ihnen  auch  nur  diejenige  Existenz  beilegen,  welche 
Vorstellungsweisen  zukommt ;  sondern  darin,  dass  der  , kritische* 
Idealismus  auch  noch  von  den  Erscheinungen  unterschiedene 
, Sachen'  und  eine  denselben  zukommende  , Existenz'  kennt,  von 
denen  der  transcendentale  (der  ersten  Ausgabe)  nichts  weiss, 
oder  doch  wenigstens  nicht  spricht.  Man  vergleiche  einmal  die 
Definitionen,  die  Kant  in  der  ersten  Ausgabe  und  die  er  in 
den  Prolegomenen  vom  , Idealisten'  und  , Idealismus'  schlechtweg 
gibt,  wenn  ihm  daran  gelegen  ist,  seine  eigene  Lehre  dagegen 
abzugrenzen.  Man  wird  finden,  dass  sie  beidemal  ganz  ver- 
schieden, ja  geradezu  entgegengesetzt  lautet.  In  der  ersten 
Ausgabe  (a.  a.  O.  S.  674)  heisst  es:  , Unter  einem  Idealisten 
muss  man  also  nicht  denjenigen  verstehen,  der  das  Dasein 
äusserer  Gegenstände  der  Sinne  leugnet',  und  Proleg.  §.  13, 
(III.  S.  210)  sagt  er:  ,Die  Bezweiflung  der  Existenz  der  Sachen 
macht  den  Idealismus  in  recipirter  Bedeutung  aus'.  Nach  dem 
ersten  Ausspruch  kann  jemand  recht  wol  das  Dasein  äusse- 
rer Gegenstände  der  Sinne  leugnen  und  wird  dadurch  kein 
Idealist;  nach  der  andern  ist  eigentlich  nur  derjenige  ein. 
solcher,  welcher  die  Existenz  der  Sachen  bezweifelt.  Derl 
, transcendentale'  Idealist,  der  die  Materie  für  eine  blosse  Erschei-i 


nuntj,  d.h.  für  eine  Art  Vorstelhuiüen  erklärt,  welche  äusserlich 


•O?       "•  "•       '"•     ^^»"^      -•»^••'         »    v...  «l^V.i.l...j^V...    ^.  iv.tw  u. 


Ueber  Kunfs  Widerlegung  des  Idealisnnis  von  Berkeley.  i  29 

leisscn,  aber  , nicht,  als  ob  sie  sich  auf"  aii  sich  selbst  äussere 
jcgeustäLKlo^  bezögen,  ist  daher  im  Sinuc  der  ei'sten  Ausgabe 
£eiu,  wohl  aber  im  Sinne  der  Prolegomena  ein  Idealist, 
yenn  unter  , Sachen^  eben  ,an  sieh  selbst  äussere  Gegen- 
itände'  verstanden  werden.  Kaufs  Abwehr  des  Idealismus  in 
ler  ersten  Ausgabe  ist  daher  vom  Standpunkte  der  Prolegomena 
ms  betrachtet,  verunglückt,  weil  von  diesem  aus  angesehen, 
iie  Definition  des  Idealisten  in  der  ersten  Ausgabe  vergriffen 
st.  Das  dort  als  , unwesentlich^  Abgelehnte  ist  nach  der  Kant'- 
;chen  Theorie  von   1783  gerade  das  Wesentliche. 

Da  wir  hier  nicht  eine  Kritik  der  Kant'schen  Philoso}Dhie, 
ionderu  nur  eine  seiner  Beurth  eilungen  des  Berkeley 'sehen 
Idealismus  zum  Vorwurf  haben,  so  berührt  dieser  unleugbare 
Wechsel  in  dessen  Vorstellung  vom  Wesen  des  Idealismus,  der 
sich  zwischen  1781  und  1783  vollzog,  uns  nur  insofern,  als 
lureh  denselben  Kant's  Urtheil  über  einen  Idealismus,  wie  der 
3erkeley's  ist,  beeinflusst  werden  musste.  Ist  es  richtig,  dass 
Jieser  mit  dem  ,transcendentalen^  übereinstimmt ,  und  ist 
lieser  nach  der  ersten  Ausgabe  von  dem,  was  man  , Idealis- 
mus^ nennt,  verschieden,  so  ist  auch  Berkeley's  Theorie  von 
iiesem  verschieden.  Ist  dagegen  auch  der  ,transcendentale^ 
Idealismus  (der  ersten  Ausgabe)  Idealismus  ,ini  rccipirten 
Sinn',  und  als  solcher  Kant  ,nie  in  den  Sinn  gekommen^,  so 
'ällt  auch  Berkeley's  Idealismus  unter  dieselbe  Kategorie  und 
svird  in  deren  Verwerfung  mit  einbegriffen. 

Thatsache  ist:  in  dem  von  Kant  selbst  als  wesentlich 
für  den  transcendentalen  Idealismus  bezeichneten  Punkt,  dass 
iie  Materie  ,und  sogar  deren  innere  Möglichkeit'  blosse  Er- 
ächeinung,  eine  ,Art  Vorstellung',  von  unserer  Sinnlichkeit 
Eibgetrennt  aber  nichts  sei,  stimmt  Berkeley's  Theorie  mit  der 
seinen  vollkommen  überein.  Da  dieser  Punkt  von  Kant  nun 
lauch  in  dem  , kritischen'  Idealismus  nicht  zurückgenommen, 
I\'ielmehr  (a.  a.  O.  210)  ausdrücklich  erklärt  wird,  dass  alle 
lErseheinungen  nicht  Sachen,  sondern  blosse  Vorstellungsarten 
seien,  so  wäre  auch  für  die  Prolegomena  kein  Grund  vorhan- 
den, ihre  Verwandtschaft  mit  Berkeley's  Theorie  in  Abrede  zu 
'Stellen.  Wenn  er  sie  nun  mit  sichtlich  wegwerfendem  Tone  ein 
;,Hirngespinust'  nennt,  so  kann  das  nicht  diesem,  d.  h.  demjenigen 
iPunkt  gelten,  den  auch  sein  neuer  ,kritischer'  Idealismus  mit  der- 


730  Zimmermann. 

selben  gemein  hat.  Vielmehr  kann  darunter  nur  ,die  Bezweiflung 
der  Existenz  der  Sachen',  der  Kern  des  ,recij)irten  Idealismus' 
gemeint  sein,  wobei  unter  den  Sachen  nicht  die  Materie,  die 
ja  blosse  Erscheinung  (substantia  phaenomenon)  ist,  sondern 
die  substantia  noumenon,  das  Ding  an  sich  der  Kritik,  verstan- 
den wird.  Diese  zu  leugnen  mag  Kant  allerdings  auch  iu 
der  ersten  Ausgabe  nicht  ,iu  den  Sinn'  gekommen  sein,  da 
er  auch  dort  ,nur  sagen  wollte,  dass  die  Dinge,  die  wir  an- 
schauen, nicht  das  an  sich  selbst  sind,  wofür  wir  sie  anschauen, 
noch  ihre  Verhältnisse  so  an  sich  selbst  beschaffen  sind,  als 
sie  uns  erscheinen,  und  was  es  für  eine  Bewandtniss  mit  den 
Gegenständen  an  sich  und  abgesondert  von  aller  dieser  Recep- 
tivität  unseier  Sinnlichkeit  haben  möge,  uns  gänzlich  imbekanut 
bleibe'  (II.  78.).  Zwar  ist  dadurch  die  Möglichkeit,  dass  jene 
,uns  gänzlich  unbekannt  bleibenden'  Dinge  an  sich  existi- 
ren,  nicht  ausgeschlossen;  durch  den  eingeschobeneu  Satz  aber: 
dass,  ,wenn  wir  unser  Subject  oder  auch  nur  die  subjective 
Beschaffenheit  der  Sinne  überhaupt  aufheben,,  alle  die  Beschaf- 
fenheit, alle  Verhältnisse  der  Objecte  in  Raum  und  Zeit,  ja 
selbst  Raum  und  Zeit  verschwinden  würden,  und  als  Erschei- 
nungen nicht  an  sich  selbst,  sondern  nur  iu  uns  cxistiren 
können'  (ebendas.),  ist  klar  ausgedrückt,  dass  sie  wenigstens 
für  uns  so  gut  wie  nicht  existiren,  oder  was  dasselbe  ist, 
dass  für  uns  nur  Erscheinungen  in  uns  existiren. 

Kein  Object  ohne  Subject,  keine  Erscheinung  ohne  Denjeni- 
gen, dem  sie  erscheint !  Dieser  Fuudamentalsatz  der  Kant'schen 
Kritik  trifft  mit  dem  Satze  Berkeley's:  esse  ^  percipi,  vollkommen 
zusammen.  Derselbe  enthält  eine  so  einleuchtende  Wahrheit,  dass 
in  ihm  das  , Mystische'  und  , Schwärmerische',  welches  Kant  in 
dem  Idealismus  Berkeley's  findet,  unmöglich  gesucht  werden 
kann.  Wie  sich  von  selbst  versteht,  dass  ohne  Spiegel  kein  Spie- 
gelbild, so  ist  es  klar,  dass  ohne  das  anschauende  Auge  keine 
Anschauung  zu  Stande  kommen  würde.  Berkeley's  Theorie  des 
Sehens  (1709),  die  sich,  nicht  nur  mit  deijcnigen  A.  Schopcn- 
hauer's,  sondern  wie  Baumann  (Lehre  von  Raum,  Zeit  uudlMat. 
IL  366)  richtig  bemerkt,  in  der  Gruudidee  mit  der  neuerdings, 
namentlich  von  Helmholtz  (physiologische  Optik)  vertretenen 
berührt,  schafft  mit  dem  Canon:  der  Geist  erkennt  nur  durch  Ideen, 
d.  i.  unmittelbare  Objecte  der  Sinne,  die  Optik,  d.  i.  die  pliysika- 


Uübur  Kanl's  Widerlegung  des  Idealiümus   von  Berkeley.  731 

lisch-niathciiiiatische,  von  dem  Gesehenen  ausg^ehendc!  Tlieorie 
des  Sehens  bei  Seite  luid  setzt   dafür  die  vom  Sehenden  aus- 
gehende psychologische.    Kant's    Kritik    kehrt   (hirch  den  Satz, 
dass  sich  die  Dinge  (d.  i.  ilu'e  Erkenntniss)  künftig  nach  dem 
Erkenntuissvermögen,    statt    die    Erkeimtiiiss  nach  d(!n  Dingen 
'  zu    richten    haben,    die    bis    auf  ihn  herkthnmliclie  reaHstische 
i  Erkenutnisstheorie,  welche  die  Vorstellung  als  den  Abdruck  der 
äussern  Objecto    ansah,    gerade  so  um,  wie  Berkelcy's  Theorie 
des  Sehens  die  herkömmliche  Ansicht,  welche  Entfernung,  Ge- 
süüt,  Aussenwelt,  Raum  u.  s.w.,  als  unmittelbare  Objecto  der  Wahr- 
nehmung durch  das  Auge  betrachtete.  Berkeley  zeigt,  dass  das  Ein- 
zige, was  das  Auge  unmittelbar  wahrnimmt,  Lichtreize,  dass  Ab- 
I  stand,    Lage  und    Grösse,    überhaupt    alle    räundichen    Bestim- 
:   mungen    nicht    gesehen,    sondern    erschlossen,    dem    Sub- 
[  ject,    nicht  dem  Object    der    Wahrnehmung   augehörig,    Ideen 
in,  nicht  Dinge  ausser  dem  Geiste  seien. 

lieber  den  Punkt,  dass  die  Erscheinung  ein  Subject  vor- 
aussetze, dem  sie  erscheint,  und  folglich  nach  dessen  Natur  ihre 
eigene  sich  richten  müsse,  herrscht  keine  innere  Abweichung 
zwischen  Berkeley  und  Kant.  Darin,  dass  ,Raum  und  Zeit, 
sanimt  allem,  was  sie  in  sich  enthalten,  nicht  die  Dinge  oder 
deren  Eigenschaften  au  sich  selbst,  sondern  bloss  zu  Erschei- 
nungen derselben  gehörig  sind',  weiss  sich  auch  dieser  mit 
Jenen  Idealisten  (den  , echten,  von  der  eleatischen  Schule  an 
bis  zum  Bischof  Berkeley')  einverstanden'  (Proleg.  Anh.  III. 
S.  305).  Wie  nah  lag  hier  die  Möglichkeit,  die  Beschaffenheit 
der  Erscheinung  und  diese  selbst  aus  der  Natur  des  vorstel- 
lenden Subjectes,  somit  die  gesammte  Erscheinuugswelt,  die 
einzige,  die  es  für  das  Subject  geben  kann,  aus  einer  schöpfe- 
rischen Thätigkeit  dieses  letztern  selbst  abzuleiten! 

Der  subjective  Idealismus,  auf  den  spätej-  Fichte  gei-ieth, 
lag  hier  gleichsam  im  Wege.  Wenn  man  einmal  dahin  gelangt 
ist,  das  Object  in  die  Erscheinung  und  diese  selbst  in  das 
Subject  zu  verlegen,  so  ist  die  Frage  nach  dem  Grunde  der 
Erscheinung  in  diesem  die  nächste,  die  sich  aufdrängt.  Und 
hier  ist  die  Antwort,  welche  den  Grund  derselben  in  einem 
von  dem  Subjecte  Verschiedenen  sucht,  keineswegs  die  zu- 
nächstliegende. Viel  näher  liegt  es,  bei  deren  Beantwortung 
über  den  Umkreis   des   Subjectcs    nicht    einmal    hinauszugehen 


732  Zimmermann. 

sondern  in  ihm  selb  st  die  Ursache  seiner  Vorstellungen 
anfzusuchen. 

Berkeley  und  Kant  haben  sie  nichtsdestoweniger  ausser 
dem  Subjecte  gesucht  und  sind  dem  subjectiven  Idealismus, 
jeder  auf  seine  besondere  Weise,  aus  dem  Wege  gegangen.  In 
dieser  werden  wir  auch  zuletzt  das  wahre  Motiv  von  Kant's 
abfälligem  Urtheil  über  Berkeley's  Theorie  antreffen ;  was  er 
im  Anhang  zu  den  Prolegomenen  (S.  315)  anführt,  würde  kaum 
dazu  hinreichen.  Nachdem  er  bisher  schon  einen  transcenden- 
talen  und  empirischen,  einen  formalen  und  materialen,  kriti- 
schen, mystischen  und  Cartesianischen,  auch  einen  träumenden 
und  schwärmenden  Idealismus  unterschieden,  werden  wir  plötz- 
lich mit  einem  ganz  neuen  Kriterium  des  , echten^  (im  Gegen- 
satz zu  seinem  eigenen)  Idealismus  überrascht.  Der  Satz  aller 
echten  Idealisten,  von  der  eleatischen  Schule  an  bis  zum  Bischof 
Berkeley,  sei  in  dieser  Formel  enthalten:  ,alle  Erkenntniss 
durch  Sinne  und  Erfahrung  ist  nichts  als  lauter  Schein,  und 
nur  in  den  Ideen  des  reinen  Verstandes  und  der  Vernunft  ist 
Wahrheit.'  Dem  gegenüber  laute  der  Grundsatz,  der  seinen 
Idealismus  durchgängig  regiere  und  bestimme:  ,Alle  Erkenntniss 
von  Dingen  aus  blossem  reinem  Verstände  oder  reiner  Vernunft 
ist  nichts  als  lauter  Schein  und  niu-  in  der  Erfahrung  ist 
Wahrheit'.  Die  Idealisten  und  unter  ihnen  vornehmlich  Ber- 
keley sähen  den  Raum  zwar  für  eine  Vorstellung,  aber  für 
eine  blosse  empirische  an,  die  ebenso  wie  die  Erscheinungen 
in  ihm  uns  nur  vermittelst  der  Erf^ihrung  oder  Wahrnehmung 
zusammt  allen  seinen  Bestimmungen  bekannt  würden ;  er  da- 
gegen zeige,  dass  der  Raum  (und  ebenso  die  Zeit,  auf  welche 
Berkeley  nicht  Acht  hatte)  sammt  allen  seinen  Bestimnuuigen 
a  priori  von  uns  erkannt  werden  könne,  weil  er  sowohl  als  die 
Zeit  uns  vor  aller  Wahrnehnning  oder  Erfahrung,  als  reine 
Form  unserer  Sinnlichkeit  beiwohnt  und  alle  Anschauung  der- 
selben, mithin  auch  alle  Erfahrung  möglich  macht.  Hieraus 
folge:  dass,  da  Wahrheit  auf  allgemeinen  und  nothwendigen 
Gesetzen  als  ihren  Kriterien  beruhe,  die  Erfahrung  bei  Ber- 
keley keine  Kriterien  der  Wahrheit  haben  könne,  weil  den  Er- 
scheinungen derselben  (von  ihm)  nichts  a  priori  zu  Grunde 
gelegt  werde,  woraus  dann  folgt,  dass  sie  nichts  als 
blosser  Schein  sei,  dagegen  bei  ihm  (Kant)  Raum  und  Zeit 


lieber  Kanfs  Widerleguiif;  des  Idealismus  von  Berkeley.  733 

(in  Verbindung  mit  den  reinen  Verstandesbegriffen)  u  priori 
aller  möglichen  Erfahrung  iiir  Gesetz  vorschreiben,  welches 
zugleich  das  sichere  Kriterium  abgebe,  in  ihr  Wahrheit  vom 
Schein  zu  unterscheiden. 

Hiezu  macht  Kant  noch  eine  Anmerkung,    in  welcher  er 
dem  , eigentlichen^  Idealismus  (also  auch  dem  Berkeley's)  jeder- 
zeit   eine    , schwärmerische   Absicht^   zuschreibt    und  behauptet, 
derselbe    könne   keine    andere    haben.     Derselbe    habe  nämlich 
immer   (also    auch  wol    Berkeley?),    wie    schon  aus  dem  Plato 
zu   ersehen,    aus    unseren    Erkenntnissen  a  priori    (selbst  derer 
[sie]  der  Geometrie)    auf     eine    andere    (nämlich  intellectuelle) 
Anschauung,  als  die  der  Sinne  geschlossen,    weil  man  sich  gar 
nicht  einfallen  Hess,  dass  Sinne  auch  a  priori  anschauen  sollten. 
Ich    schicke   voraus,    dass   das    im   obigen    Passus    Kant's 
t  Angeführte    dem    besondern   Zweck    dieser  Abhandlung  gemäss 
uns  nur  so  weit  angehen  darf,  als  dadurch  Berkeley  besonders 
!  getroffen  werden  soll.    Wenn    auf  alle    , eigentlichen^  Idealisten 
und    auf    ihn    ganz    , vornehmlich'     obige    Auseinandersetzung 
Kant's  passt,  und  der  , eigentliche'  Idealismus  jederzeit  , schwär- 
merisch'   ist,    so    begreift    sich    zum    Theil,    warum  Berkeley's 
Idealismus    S.    210     , mystischer    und    schwärmerischer'    hoisst. 
Gleichwohl  wird  man  noch  immer  nicht  gewahr,  warum  der  dort 
vi)n  dem  seinen  unterschiedene  Cartesianische,  der  ja  doch  wol 
auch  für  , eigentlichen'  Idealismus  gilt,  da  er  in  der  ersten  Aus- 
.  gäbe  diesen  sogar  allein  repräsentirt,     nicht    gleichfalls  als  sol- 
j  eher  qualificirt  wird. 

!  Es    ist  nun    in  Betreff  Berkeley's  allerdings  richtig,  dass 

dieser  den  Raum  (obwohl  nur  rücksichtlich  seiner  Entstehung) 
!  für  eine  bloss  empirische  Vorstellung  ansieht,  und  davon,  dass 
[ , Sinne  a  priori  anschauen  können',  nichts  weiss.  Unrichtig  aber 
{ ist  es,  dass  er  desshalb  (namentlich  betreffs  der  geometrischen 
i  Erkenntnisse)  auf  eine  andere  (nämlich  intellectuelle)  An- 
I  schauung  als  die  der  Sinne  geschlossen  habe.  Vielmehr  ist  ihm 
i  (Hura.  knowl.  Introd.  VI.  I.  p.  5)  die  Meinung,  der  Geist  habe 
ein  Vermögen,  abstracte  Ideen  oder  Begriffe  von  Dingen  zu 
■  bilden,  in  allen  Theilen  der  Erkenntniss  eine  Hauptquelle  des 
I  Irrthums.  In  dieser  Beziehung  kann  nichts  falscher  sein,  als 
lihn,  wie  Kant  in  obiger  Stelle  thut,  mit  Plato,  den  er  nur  als 
'Schriftsteller  sich  zum  Muster  nahm,  zusammenzustellen.  Er  ist 


734  Zimmermann. 

ein  so  ausgesprochener  Nominalist,  dass  er  (a.  a.  O.  XVIII.) 
den  Ursprung  der  abstracten  Vorstellungen  einzig  darin  sucht, 
dass  die  Wörter  allgemeine  Zeichen  sind.  Sein  Idealismus 
bietet,  wie  Baumann  sehr  richtig  bemerkt,  das  , merkwürdige 
Schauspiep  dar,  dass  er  ganz  aus  dem  sensualistischen  Canon 
der  Locke'schen  I'hilosophie  geflossen  ist  (a.  a.  O.  IL  S.  372). 
Von  angeborenen  Ideen,  ja  auch  nur  angeborenen  Anschauuugs-, 
Urtheils-  und  Schlussformen  ist  bei  ihm  so  wenig  die  Rede, 
dass  vielmehr  seine  scharfsinnigsten  und  gründlichsten  Unter- 
suchungen, wie  die  Theoi-ie  des  Sehens,  dem  Process  des  all- 
mäligen  Werdens  der  Vorstellung  des  Räumlichen,  der  Gestalt, 
Grösse,  Entfernung  u.  s.  w.  gewidmet  sind.  Dennoch  ist  er  weit 
entfernt,  seinen,  obgleich  auf  empirischem  Wege  entstandeneu 
allgemeinen  Vorstellungen,  insbesondere  den  mathematischen, 
etwa  keine  Allgemeinheit  zuzuschreiben.  , Sogar  eine  Linie, 
heisst  es,  (Hum.  knowl.  XII.  I.  p.  2*J)  steht  dem  Geometer 
für  alle  Linien;  so  ist  es  auch  mit  Begriffen.^  Nur  dass  ihm 
diese  Allgemeinheit  eine  im  Wahrnehmenden  gewordene,  nicht 
wie  Kant  meint,  eine  dem  letzteren  angeborne  ist,  eine,  welche 
das  Subject  allmälich  gewinnt,  nicht  ursprünglich  besitzt.  Dar- 
über, dass  der  Raum,  Abstand,  Gestalt,  Grösse  in  die  Erschei- 
nungen hinein-  statt  aus  denselben  herausgesehen  werden, 
sind  sie,  Avie  Berkeley's  Theorie  des  Sehens  beweist,  gleicher 
Ansicht.  Beide,  Raum  und  Zeit,  welche  letztere  er  keineswegs, 
wie  Kant  rügte,  ausser  Acht  lässt,  sind  nichts  ausser  dem 
Geist,  ersterer  nichts  ausser  den  Erscheinungen,  welche  wir 
Körper  nennen,  letztere  nicht  getrennt  von  der  Aufeinander- 
folge unserer  Ideen.  (Hum.  knowl.  n.  98,  I.  p.  73.)  Er  kennt 
weder  einen  absoluten ,  d.  i.  an  sich  seienden  Raum, 
noch  eine  absolute,  d.  i.  von  dem  Beharren  der  Existenz  der 
Dinge  gesonderte  Zeit;  nur  mit  dem  Unterschied,  dass  er,  wie 
wir  sogleich  sehen  werden,  auch  den  ,im  Geist',  d.  h.  als 
blosse  Vorstellung  vorhandenen  Raum  nicht  als  einen  von  den 
,  Dingen',  d.  i.  von  den  Erscheinungen  in  demselben  geson- 
derten, d.  i.  leeren  Raum,  vorzustellen  vermag. 

Obige  Formel,  die  Kant  tur  den    , echten'    Idealisten  auf- 
stellt, passt  daher  insofern  auf  Berkeley  nicht,  als  er  als  echter  ; 
Sensualist    im     Sinne    Locke's     eine    andere     als    auf   Ertali- 
rung  begründete  Erkenutniss  nicht  kennt.  Aber  auch  die  andere 


Üeber  Karit's  Widerlejjung  des  Ideulibiuu»^   von  Berkeley.  7''>5 

Formol  passt  nicht  auf  ihn,  weil  er  zwar  auf  diu  Sinne  Er- 
fahrung, nicht  aber  auf  ein  angeblrch  apriorisches  d.  h.,  allg-e- 
meiues  und  nothwendiges  Element  in  den  Sinnen  Allgcnieinheit 
und  Nothwendigkeit  der  Erfahrung  baut.  Nach  Beiden  hängt 
zwar  die  Erscheinung  vom  wahrnehmenden  Subjecte  ab ;  dieses 
selbst  aber  ist  bei  Jedem  ein  anderes :  bei  Berkeley  das  indi- 
viduelle mit  den  gewöhnlichen  sinnlichen,  bei  Kant  das  trans- 
cendentale,  überdies  mit  den  reinen  Anschauungen  des  Raumes 
und  der  Zeit  ausgerüstete.  Dadurch  kommt  in  die  Erfahrung 
in  Kanfs  Sinn  von  vornherein  ein  allgem  ein  giltig  es, 
weil  aus  dem  allen  individuellen  Subjecten  gemeinsamen,  dem 
Gattungssubject  stammendes  Element,  welches  Kant  die  , Wahr- 
heit in  der  Erfahrung'  nennt.  Der  Erfahrung  im  anderen  (in 
Berkeley's)  Sinn,  welche  die  Vorstellungen  der  Käumlichkeit  und 
Zeitlichkeit  so  gut  wie  alle  übrigen  aus  dem  durch  die  ge- 
meinen fünf  Sinne  gebotenen  Material  erst  bilden  muss,  fehlt 
dasselbe  nothwendigerweise,  muss  daher  anderswoher  gegeben 
werden.  In  Folge  dessen  gilt  die  Erfahrung  in  Kant's  Sinn 
mindestens  bezüglich  der  in  derselben  enthaltenen  mathema- 
tischen (d.  i.  räumlichen  und  zeitlichen)  Elemente  für  alle 
Subjecte  derselben  Art,  also  allgemein  und  zwar  mit 
N  0  th  w  e  n  d  ig k  e i  t ;  während  jene  in  Berkeley*s  (der  hier 
das  Schicksal  seiner  sensualistischen  Collegen  tlieilt)  Sinn 
für  andere  Subjecte  nur  mit  Wahrsclieiulichkeit,  und  nui-  unter 
der  Voraussetzung  gilt,  dass  ihre  räumliche  und  zeitliche  Vor- 
stellungsweise sich  (aus  was  immer  für  Gründen)  auf  ähnliche 
Weise  entwickelt  habe.  In  ersterer  herrscht  daher  noth  wen- 
dige, in  letzterer  blos  mögliche  Allgemeinheit,  in  jener 
nach  Kant's  Worten  , Wahrheit',  dagegen  in  dieser  , lauter  Schein'. 
Kant  befindet  sich  Berkeley  gegenüber  eigentlich  in  dem- 
selben Verhältniss  wie  zu  Hume.  Die  wahre  Kluft,  die  ihn  von 
Beiden,  ist  dieselbe,  die  ihn  vom  Sensualismus  überhaupt  trennt. 
Ob  dieser  nun  eine  idealistische  oder  wie  bei  Hume  skeptische 
Wendung  nehme,  ist  im  Grunde  gleichgiltig.  Kant  geht  mit  dem 
Idealismus  so  weit,  als  es  sich  darum  handelt,  die  Eifahrung  als 
Phänomen,  aber  er  trennt  sich  von  ihm,  wenn  es  darauf  ankommt, 
dieselbe  als  ein  für  alle  Wesen  derselben  Art,  rücksicht- 
lich seinermathematischen  Elemente(dessen  räumlicherund 
zeitlicher  Form)   allgemeingiltiges  Phänomen    aufzufassen. 


7ö6  Z  i  lu  m  e  r  m  a  n  u. 

Für  den  sensualistischeu  ^^keptiker,  wie  Hume,  der  keine 
allgemein  giltige,  allgemeine  und  notli  wendige  Er- 
fahrung kennt,  ist  dieses  Problem  nicht  vorhanden.  Für  den 
sensualistischen  Idealisten,  wie  Berkeley,  dagegen  existirt  es 
nicht  nur  rücksichtlich  der  Form,  sondern  auch  rücksichtlich 
der  Materie  jenes  Phänomens.  Soll  die  Erfahrung  nicht 
blos  den  nicht  verbundenen  Emplindungen  der  Sinne,  sondern 
auch  den  sie  gestaltenden  räumlichen  und  zeitlichen  Formen, 
(Abstand,  Grösse,  Gestalt,  Dauer  u.  s.  w.)  noch  für  alle  die- 
selbe sein,  so  muss  es  einen  gemeinsamen  Grund  geben,  der 
sie  in  allen  als  identische  producirt.  Wird  diese  Aufgabe  ge- 
theilt,  so  dass  es  einen  gemeinsamen  Grund  für  die  gemein- 
same Materie,  und  einen  anderen  gemeinsamen  für  die  gemein- 
same Form  der  Erfahrung  gibt,  so  befinden  wir  uns  auf  den 
Wegen  Kant's,  der  in  der  ersten  Ausgabe  der  Kritik  den 
zweiten  Theil  derselben  ausführt.  Bleibt  sie  dagegen  ungetheilt, 
so  treffen  wir  mit  jener  speculativen  Philosophie  zusammen, 
deren  Ziel  dahin  geht,  die  Totalität  aller  Erfahrung,  dem  Stoff 
und  der  Form  nach,  aus  einem  Principe  abzuleiten. 

Zunächst  kann  gefragt  werden,  ob  dieser  gemeinsame 
Grund  der  für  alle  identischen  Erfahrung  innerhalb  oder 
ausserh-alb  des  Erfahrenden  liege.  Ist  das  erstere  der  Fall, 
so  treten  wir  in  die  Fusstapfen  eines  Idealismus,  der  mit 
Recht  subjectiv  genannt  Averden  darf,  weil  ihm  der  Grund 
seiner  sämmtlichen  Vorstellungen  (seiner  gesammten  Erfahrung) 
im  Subject  selbst  gelegen  ist.  Liegt  er  dagegen  ausserhalb, 
in  etwas  von  dem  Subject  selbst  Verschiedenen,  so  mag 
die  daraus  entspringende  Theorie  Realismus  genannt 
Avei'den,  gleichviel,  ob  jenes  Andere  Geist  oder  Materie,  ein 
dem  erfahrenden  Subjecte  Aehuliches  oder  gänzlich  Entgegen- 
gesetztes sei.  In  diesem  Sinne  ist  Kant's  Lehre  weder  das  Eine 
noch  das  Andere,  sondern  der  Form  der  Erfahrung  nach 
Idealismus,  ihrer  Materie  nach  Realismus:  daher  die  erste 
Ausgabe,  in  welcher  die  Form  der  Erfahrung  die  Hauptrolle 
spielt,  idealistischer  klingt,  als  die  Prolegomena  und  die  zweite 
Ausgabe,  welche  den  Ursprung  der  Materie  derselben  mehr 
betonen.  Berkeley's  Theorie  aber  hat  sich,  soweit  wir  dieselbe 
bisher  betrachtet  haben,  diese  Frage  noch  nicht  einmal  gestellt; 
denn  sie  hat    blos    hervorgehoben,    dass   die    gesammte  Erfah- 


Uelier  Kant's  Widerlegung  des  Idealisinu«  von  Berkeley.  737 

'  rung  der  Form  und  dem  Stoff  (den  sogenannten  piimärcn 
und  secundäreu  Eigenschaften)  nach  Phänomen  im  Subject, 
aber  nicht  gefragt,  ob  es  durch  das  Subject  oder  durch  ein 
von  diesem  Verschiedenes  sei. 

Insofern  Kant  die  Existenz  der  ö-esammteu  Erfahruii<r 
in  das  Subject  verlegt,  ist  er  von  Berkeley  nicht  verschieden; 
ist  er  aber  auch  im  Sinne  obiger  Unterscheidung  noch  nicht 
Idealist.  Er  wird  dies  erst,  insofern  er  auch  den  Ursprung 
wenigstens  eines  integrirenden  Bestandtheiles  derselben,  ihrer 
Form  (Raum  und  Zeit)  in  das  Subject  selbst,  in  dessen  aprio- 
rische Anschauungssinne  verlegt.     Insofern  Berkeley   die    Exi- 

j  stenz  der  gesammten  Erscheinungsw^elt  als  Vorstellung  in  den 
Geist  verlegt  (esse  =  percipi),  ist  auch  er  im  Sinn  obiger  Be- 
griffsbestimmung  nicht  -Idealist;    insofern    und    weil    er    als 

1  verursachenden  Grund  derselben,  und  zwar  sowohl  ihrer 
Form  als  ihres  Stoffes,  ein  von    dem  erfahrenden  Subject  ver- 

'  schied enes  Wesen,  Gott,  ansieht,  verdiente  er  vielmehr  ein 
Realist  genannt  zu  werden.  Ihm  zufolge  ist  es  nämlich  weder 
das  wahrnehmende  Subject  selbst,  noch  ein  sogenanntes  , reales' 

I    Wesen,  welches  die  Erfahrung  in  jenem  als  Phänomen  erzeugt, 

j  sondern  ein  Drittes,  von  beiden  verschiedenes.  Kein  Körper, 
weil  diese  ausser  in  der  Idee  des  Geistes  selbst  keine  Existenz 
haben,  also  , unwirksam'  sind;  das  Subject  selbst  aber  ebensowenig, 
weil  es  zwar  Ideen  gibt,  die  wir,  wie  die  Erfahrung  lehrt,  in 
mis  durch  unsern  Willen  hervorbringen  können  (Einbildungen, 
Imaginationen),  aber  aucb  solche,  die  wir  durch  unsern  blossen 
AVillen  niemals  zu  erzeugen  vermögen  (Empfindungen,  Sen- 
sationen). Letztere  nun,  da  wir  sie  nicht  selbst  erzeugt  haben 
können,  müssen  nothwendig  ihren  Ursprung  einem  von  uns 
Verschiedenem  verdanken.  Da  nun  die  einzige  Art,  der  Heran- 
bringung einer  Idee,  die  wir  aus  eigener  Erfahrung  kennen, 
das  Wollen  ist,  so  schreiben  wnr  sie  dem  Willen  eines  Sol- 
chen zu,  das,  da  wir  wohl  von  ihm,  dasselbe  aber  ganz  und 
gar  nicht  von  uns  abhängt,  ein  uns  überlegenes,  über- 
menschliches, und  da  es  ein  Wollen  ist,  sein(;m  Besitzer 
nach  uns  selbst  analog,  d.  i.  Geist  sein  muss.  Wir  schliessen 
also,  dass  wir  dieselben  dem  Willen  eines  übermenschlichen 
Geistes,     dem     Willen     Gottes,     verdanken,     durch     welchen 


7 OcS  Z  i  in  m  0 r  m  an  n. 

unsere  gesammte    Erfahrung    dem  Stoff  wie  der  Form  nach  in 
uns  verursacht  ist. 

Flierin  wol  ist  der  Grund  zu  suchen,  warum  Kant  diese 
Lehre,  die  er  , Idealismus'  nannte,  nicht  weil  sie  den  verursa- 
chenden Grund  der  Erfahrung  im  wahrnehmenden  Subject, 
sondern  weil  sie  ihn  nicht  wie  er  selbst,  in  einem  übrigens 
qualitativ  unbekannten  Ding  an  sich  fand,  , mystisch'  und 
, schwärmerisch'  erschien.  Gegen  eine  Theorie,  welche  den  Grund 
der  Erfahrung  wenigstens  theilweise  ausser  dem  wahrneh- 
menden Subjecte  suchte,  also  ein  realistisches  Element  ent- 
hielt, hätte  er  nicht  wol  etwas  einzuwenden  vermocht,  da  ja 
seine  eigene  im  Ding  an  sich  als  Ursache  der  Materie  aller 
Erfahrung  ein  solches  in  sich  schloss.  In  einer  sonderbaren 
Verkennung  des  eigenen,  wenigstens  der  Form  aller  Erfahrung 
nach,  auch  in  der  zweiten  Ausgabe  der  Kritik  noch  ganz  idea- 
listischen Standpunktes  ist  es  der  Mangel  des  realistischen 
Factors  der  Erfahrung  (die  Leugnung  der  , Sachen'),  den  er  wie 
allem  Idealismus,  so  dem  Berkeley's  am  schäi-fsten  zum  Vorwurf 
macht.  Dasselbe  fehlt  gar  nicht  bei  Berkeley,  ist  aber 
nur  nicht  dort,  wo  es  Kant  findet,  als  noumenales  Ding  an 
sich,  sondern  in  theologisirender  Weise  als  Willen  der  Gott- 
heit bezeichnet  vorhanden. 

Schon  in  den  Prolcgomenen  beginnt  jene  ,Abschwächung' 
des  idealistischen  Elements,  die  gleich  in  den  ersten  umgear- 
beiteten Paragraphen  der  zweiten  Ausgabe  zu  jener  lichtvollen 
Trennung  des  empirischen  , Grundstoffes'  und  des  a  priorischen 
, Zusatzes'  unserer  Erfahrungserkenntniss  führt,  von  welchen 
jener  (der  , echte  Stoff  sinnlicher  Eindrücke')  die  Materie 
(den  realistischen),  dieser  (,die  Verstandesfähigkeit,  denselben 
zu  vergleichen,  zu  verknüpfen  oder  zu  trennen')  die  Form 
(den  idealistischen  Factor)  der  Erfahrung  ausmache.  Während 
das  Dasein  des  Zusatzes  aus  dem  erfahrenden  (zwar  nicht  in- 
dividuellen, aber  transcendentalen)  Subject,  stammt  das  Dasein 
des  Stoffes  aus  dem  hinter  aller  Erscheinung  gelegenen  nou- 
raenalen  ,Ding  an  sich',  das,  o])gleich  seiner  Qualität  nach 
schlechterdings  unbekannt  bleibend,  nun  als  realistischer  Fac- 
tor der  Erfahrung,  als  deren  Urheber  der  Materie  nach,  auf 
den  Schau})latz  tritt.  War  es  in  der  ersten  Ausgabe  Kant's 
ernstliches    Bemühen,     die   Existenz  der  (körperlichen)  Materie 


üi'lier  Kaiil's  Widerlcsfniiir  dos  I(1oa1i>;inus  von  Berkt-ley.  739 

in  jedein  andern  als  in  doni   Sinuc  i;iiiur  blossen  , Erscheinung', 

d.  i.    einer    ,Art  Vorstellung',    zu  leugnen,    so    ist  es  jetzt  sein 

vornehmstes  Bestreben,  die  Existenz  des  , Dinges  an  sich',   das 

I  nicht  bloss  Vorstellung  ist,     zu  behaupten.     Um  seine  eigenen, 

[Prolog.   §.17  vorkommenden  Ausdrücke  zu  gebrauchen,  so  war 

I  es  ihm  in  der  ersten  Ausgabe  vornehndicli  dainiin  zu  thun,  den 

, träumenden'  Idealismus  zu  widerlegen,    der  , blosse  Vorstollun- 

I  gen  zu  Sachen  macht',  d.  h.  für  Dinge  an  sich  ansieht,  was 

;  blosse  Erscheinungen  sind.  In  der  zweiten  Auflage  dagegen 

j  geht  er  darauf  aus,    jenen    ,in    der  That  verwerflichen  Idealis- 

I  mus'  zu  widerlegen,  der  , wirkliche  Sachen  (nicht  Erscheinungen) 

j  in  Vorstellungen',    d.    h.    selbst   das  ,Ding    an  sich',    in  eine 

'blosse  Erscheinung  zu  verwandeln  sucht. 

Was  Kant  hier  als  , träumenden'  Idealismus  bezeichnet, 
ist  in  der  That  dasselbe,  was  Berkeley  (Hum.  kuowl.  öß.  I.  p. 
.")())  als  die  Ansicht  des  ungeschulten  Denkens  beschreibt:  ,Da 
wir  Ideen  haben,  deren  Urheber  wir  nicht  sind,  so  meinen 
wii-,  diese  Ideen  oder  Objecto  der  Wahrnehmung  hätten  eine 
Kxistenz  unabhängig  von  unserem  Geiste  und  ausserhalb  des 
<li;istes',  d.  h.  wir  halten  blo sse  Vorstellungen  für  Sachen. 
In  der  Ablehnung  eines  solchen  sind  Beide  wieder  ganz  einig. 
Dagegen  kann  es  jetzt  wol  kaum  mehr  zweifelhaft  sein,  dass 
die  Benennung  ,des  in  der  That  verwerflichen  Idealismus',  der 
, wirkliche  Sachen  (nicht  Erscheinungen)  in  blosse  Vorstellungen' 
verwandelt,  und  den  er  den  ,schwärmenden'^  nennt,  auf  Ber- 
keley's  Lehre  zielt,  den  er  wonige  Zeilen  zuvor  als  , mystisch 
und  schwärmerisch'  charakterisirt  und  in  den  Rahmen  des  ,reci- 
pirten  Idealismus',  dessen  Wesen  darin  bestehe,  ,die  Existenz 
der  Sachen  zu  bezweifeln',  mit  einbezogen  hat. 

Offenbar  wird  das  Wort  , Sachen'  an  diesem  Ort  von  Kant 
zu  dem  Zwecke  gebraucht,  damit  dasjenige  zu  bezeichnen,  was 
,nicht  Erscheinung'  ist.  In  diesem  Sinne  aber  ist  es  mit  d(un, 
was  Kant  sonst  ,Ding  an  sich'  oder  ,Noumenon'  nennt,  gleich- 
bedeutend. Demzufolge  erhält  die  Benennung  Idealismus  den 
sehr  bestimmten,  aber  vielleicht  nicht  eben  ,recipirten'  Sinn 
einer  Lehre,  welche  die  Existenz  der  Dinge  an  sich,  der  Nou- 
niena  bezweifelt  < (oder  leugnet).  ,Recipirt'  konnte  derselbe  zu 
Kant's  Zeit  (17So)  schon  ans  dem  Orund(!  nicht  sein,  weil  die 
Unterscheidung  zwischen   Phänomena  und    Noumena,    ,Erschei- 


740  Zimmermann. 

iiung'  und  ,Dmg  an  sich'  im  kritischen  Sinne,  erst  von  ihm 
herrührt.  Wer  von  , wirklichen  Sachen'  im  Gegensatz  zu  Er- 
scheinungen sprach,  verstand  darunter  die  von  primären  und 
secundären  Eigenschaften  entblösste  Substanz  Locke's,  Leib- 
nitz'sche  Monaden  oder  wie  Berkeley  (a.  a.  O.  I.  p.  50)  sagt, 
gewisse  Objecto,  welche  ausserhalb  des  Geistes  realiter  existi- 
ren  und  eine  von  ihrem  Wahrgenommenwerden  unterschiedene 
Subsistenz  haben,  von  denen  unsere  Ideen  nur  Bilder  oder 
Aelmlichkeiten  sind,  welche  von  diesen  Gegenständen  unserem 
Geiste  eingeprägt  werden.  Berkeley  legt  diese  Ansicht  den 
, Philosophen'  bei,  und  nennt  sie  , etwas  besser'  als  die  gemeine 
Meinung.  Wer  die  Existenz  von  dergleichen  leugnete,  brauchte  da- 
mit noch  keineswegs  solche  reale  Objecto  zu  bezweifeln,  wie 
Kant's  Dinge  an  sich  sind.  Denn  da  seine  ,Objecte'  doch  eine 
gewisse  ,Aehnliclikeit'  mit  den  Ideen  besitzen  sollten,  die  dann 
,Bilder'  im  Geiste  sind,  so  scheint  ihre  eigene  Qualität  durch 
die  letzteren  wenigstens  bis  zu  einem  gewissen  Gi'ade,  so  weit 
nämlich  die  ,Aehnlichkeit'  reicht,  wirklich  erkannt  werden 
zu  können ;  Kant's  Dinge  an  sich  aber  bleiben  ihrer  Qualität 
nach  schlechterdings  unerkennbar.  So  weit  ist  Berkeley's  Idea- 
lismus von  jenem  völligen  Skepticismus  entfernt,  der  sogar  die 
Dinge  an  sich  in  Kant's  Sinne,  d.  h.  irgend  eine  Existenz  ausser 
dem  Geiste  in  Zweifel  zöge,  dass  er  gerade,  um  dem  Skepti- 
cismus zu  entgehen.  Anstand  nimmt,  die  Ideen  als  Zeichen 
realer  Objecto  anzusehen  (Hum.  knowl.  87.  I.  p.  67).  , Farbe, 
Figur,  Bewegung,  Ausdehnung  u.  A.  allein  betrachtet  als 
ebenso  viele  Sensationen  im  Geiste,  sind  vollkommen  bekannt, 
da  nichts  in  ihnen  ist,  was  nicht  wahrgenommen  wird.  Wenn 
sie  aber  angesehen  werden  als  Zeichen  oder  Bilder,  bezogen 
auf  ausser  dem  Geiste  existireude  Dinge  oder  Archetype,  dann 
werden  wir  ganz  in  Skepticismus  verwickelt.  Wir  sehen  blos 
die  Erscheinungen  und  nicht  die  realen  Qualitäten  der  Dinge; 
was  Ausdehnung,  Figur,  Bewegung  eines  Dinges  sein  mögen, 
real  oder  absolut  oder  an  sich,  ist  uns  unmöglich  zu  wissen, 
sondern  bloss  die  Proportion  oder  Relation,  welche  sie  zu 
unseren  Sinnen  haben.  Während  die  Dinge  die  nämlichen 
bleiben,  variiren  unsere  Ideen,  und  welche  von  ihnen  oder  ob 
überhaupt  eine  von  ihnen  die  wahre  realiter  in  den  Dingen 
existirende  Qualität    darstelle,    ist    ausser    unserm    Bereich    zu 


Uchor  Kant's  Widerlegung  iles  Iilnalismus  vnn  Berkeley.  741 

bestimmen;  so  dass,  da  wir  es  nicht  wissen,  alles,  was  wir 
seluMi,  luiren  oder  fühlen,  nur  Phantome  und  leere  Chimäre 
sein  maii;,  mit  den  realen,  in  natura  reruni  (ixistirenden  Dingen 
verglichen.  All  dieser  Skepticisnius  (den  somit  Berkeley  von 
sich  abweist)  kommt  von  der  Annahme  eines  Unterschiedes 
zwischen  Dingen  und  Ideen'  (a.  a.  O.  1.  p.  07).  Eines 
solchen  nämlich,  bei  welchem  zwischen  beiden  gewisse  Aehn- 
liehkeit  wie  zwischen  Zeichen  und  Bezeichnetem  herrschen  und 
das  Zeichen  nur  eben  nicht  hinreichen  soll,  die  wahre  Qua- 
lität des  Bezeichneten  zu  erkennen.  Diese  Annahme  aber  fällt 
mit  der  Theorie  zusammen,  welche  Kant  (erste  Ausgabe  vgl. 
IL  Nachtr.  S.  HTö)  empirischen  Idealismus  nennt,  und 
gegen  welche  Berkeley,  wie  man  sieht,  ausdrücklich  Front 
macht.  Derselbe  bezweifelt  daher  nicht  nur  nicht,  dass  ausser 
dem  wahrnehmenden  Geist  irgend  etwas  existire,  sondern  er 
bezweifelt  den  obigen  , Unterschied  zwischen  Dingen  und  Ideen' 
gerade  darum,  weil  er  zum  Zweifel  führt,  dass  etwas 
ausser  dem  (subjectiven)  Geist  existire.  Darüber,  dass 
die  vollkommene  Unähnlichkeit  zwischen  , Erscheinung  und 
Ding  an  sich'  (der  Vorstellung  im  Geist  imd  dem,  was  wahr- 
jhaft  ist  ausser  demselben)  nicht  die  Folgerung  begründen 
könne,  es  existire  gar  nichts  ausser  der  Vorstellung, 
die  im  Geiste  ist,  ist  er  vielmehr  mit  Kant  ganz  einverstanden. 
Denn' auch  nach  Diesem  lässt  aus  der  völligen  Unerkennbarkeit 
'also  auch  Unvero-leichbarkeit  der  Qualität  des  Dinges  an  sich 
|mit  der  Materie  der  Erfahrung  (der  Qualität  der  Empfindungen) 
^ch  durchaus  nicht  schliessen,  es  existire  nur  die  Em])tindung 
(im  Subject),  und  kein  Ding  an  sich  als  Ursache  derselben 
(ausser  dem  Subject). 

Man  kann  sagen,  die  , Sache'  im  Kaut'schen  Sinne,  d.  i. 
jdie  Existenz  eines  ,Ding  an  sich'  oder  Noumenon  zu  bezwei- 
jfeln,  ist  auch  Berkeley  ,nicht  in  den  Sinn  gekommen'.  Vielmehr 
^eht  sein  Bemühen  (wie  das  Kant's)  nur  dahin,  darzuthun, 
jdass  dasjenige,  was  im  Geiste  (Phänomenon,  Idee)  und  das- 
ijenige,  was  ausser  dem  Geiste  als  Ursache  der  Idee  im  Geiste 
Sst  (Noumenon,  Ding  an  sich),  zwar  miteinander  schlechterdings 
jkeinerlei  Aehnlichkeit  habe,  uvul  lia])en  krunu;,  nichts 
pesto  weniger  aber  ein  Solches,  das  Kant  Ding  an  sicli  schlecht- 
kveg,  er  selbst  aber  Gott  nennt,  vorhanden  sei. 
'     sitzi..  ,1.  piiii.-hist.  ci.  Lxvnr.  iJd.  IV.  mt.  48 


742  Zimmermann. 

Der  Beweis  für  die  Existenz  desselben  liegt  für  den  Einen 
wie  für  den  Andern  in  der  Realität  der  ,Idee  im  Geiste',  d.  i, 
des  Phänomens,  nur  nach  Berkeley,  in  dessen  Form  und 
Materie  zusammen,  nach  Kant  in  dessen  Materie  (Empfin- 
dung') allein.  Die  Erfahrung  im  Subject  ist  nach  Berkeley 
(dem  Stoff  und  der  Form  nach)  nicht  ohne  Gott,  nach  Kant, 
der  die  Form  in  das  Subject  verlegt,  wenigstens  dem  Stoffe 
nach  nicht  ohne  das  Ding  an  sich  möglich.  Dieses  erzeugt  (auf 
uns  übrigens  unbegreifliche  Weise)  die  Emptindungen,  welche 
den  unverbundenen  Gi'uudstoff  unserer  gesammten  Erfahrung 
ausmachen.  Gott  dagegen  bringt  durch  seinen  Willen  sowol 
den  Stoff  als  die  Form  unserer  Erfahrung,  d.  h.  das  Phänomen 
einer  im  Räume  ausgedehnten,  nach  Gesetzen  angeordneten 
Natur,  und  eines  in  der  Zeit  sich  abwickelnden  gesetzlichen 
Naturlaufs  in  uns  hervor. 

Diese  Heranziehung  Gottes  als  unmittelbar  bewirkender 
Ursache  der  Idee  in  uns  hat  nun  etwas  Mystisches  an  sich. 
Es  muss  aber  zugestanden  werden,  dass  es  für  Kant's  unmit- 
telbares Bewirktwerden  der  Materie  aller  Erfahrung,  der 
Empfindung  in  und  durch  das  Ding  an  sich,  ebenso- 
wenig eine  Erklärung  gibt.  Selbst  nach  Beseitigung  des  Dings 
an  sich  stiess  Fichte's  subjectiver  Idealismus  bezüglich  des  Daseins 
der  Empfindungen  noch  auf  , unbegreifliche  Schranken^  Ja  Berke- 
ley's  Erklärung  des  Phänomens  in  uns  durch  den  Willen  Gottes, 
hat  vor  der  Kant'schen  Erklärung  der  Empfindung  in  uns 
durch  das  Ding  an  sich  noch  den  Vortheil  der  Analogie  vor- 
aus, die  unsere  eigenen,  durch  unsern  Willen  verursachten 
willkürlichen  Vorstellungen  (Imaginationen,  Fictionen)  darbieten: 
,Wir  haben^,  fasst  Baumann  (a.  a.  O.  390)  Berkeley's  Lehre 
zusammen,  ,eine  anschauliche  Vorstellung  einer  Ursache  in  un- 
serem Willen ;  wie  der  im  Kleinen  Vorstellungen  hervorbringt 
und  bearbeitet,  so  müssen  wir  im  Grossen  für  die  Eindrücke, 
deren  Ursache  nicht  zu  sein  wir  uns  bewusst  sind,  einen  an- 
deren Geist  annehmen  als  Ursache,  d.  h.  Gott^  So  gut  unser 
eigener  (wie  unsere  Erfahrung  lehrt),  vermag  auch  ein 
fremder,  überlegener  (wie  der  göttliche  ist)  Wille  Vorstel- 
lungen in  uns  zu  verursachen.  Wie  aber  ein  uns  gänzlich  Un- 
bekanntes, ein  Ding  an  sich,  von  dem  wir  gar  keine  Vorstel- 
lung haben  können,    in    uns    eine  Empfindung  zu  erzeugen  im 


Ueber  Kant's    Widerlegung    dos   Idealismus  von  Herkeley.  74:0 

) 

Stande  sei,  davon  A^ermögeu    wir  uns    schlechterdings  keinerlei 
,anschauliche^  Vürstellung  macheu. 

Freilich,  wie  Baunuiuu  (a.  a.  O.  Ö.  o91)  anerkennt,  eine 
^anschauliche'  Vorstellung  besitzen  wir  auch  nicht  von  der  Art, 
wie  unser  eigener  Wille  Vorstellungen  hervorbringt.  Auch  darin 
stimme  ich  ihm  bei,  dass,  weil  der  Hergang  im  Einzelnen, 
wie  der  Wille  es  mache,  sich  zu  Handlungen  zu  bestimmen, 
trotz  aller  Innerlichkeit  ein  Geheimniss  ist,  zwar,  ,nur  das 
Dass  der  Causalität  als  sicher  bleibt',  nichtsdestoweniger  je- 
doch ,das  Geheimniss  des  Wie  dieser  Gewissheit  nichts 
schadet'.  Umsoweniger,  scheint  mir,  wäre  Kant's  Kritik  im 
iRecht,  Berkeley's  Theorie  um  dieses  , Geheimnisses  willen  als 
i,mystisch  und  schwäi-mend'  zu  tadeln'. 

1  Dass   sie    es    desshalb    gethan    habe,     verräth    die    Kritik 

allerdings   nirgends.    Auf  die  Rolle,    die  Berkeley    dem  Willen 
der  Gottheit    als     bewirkender     Ursache     des   Phänomens    der 
(Erfahrung    im    (subjectiveu)     Geiste    zutheilt^,  wird    an  keinem 
Ort    angespielt;    dagegen    ,die     Bczweiflung    der    Existenz     der 
jSachen'  im  Sinne  des  ,recipirten  Idealismus',  d.  h.  die  Leugnung 
iwirklicher  Sachen'    (und    deren    Verwandlung    in    , blosse  Vor- 
stellung'] schon  in  den   Prolegomenen  ihm    zum    Vorwurfe    ge- 
dacht.   In    der   zweiten    Ausgabe   der    Kritik    (1787)    tritt   der 
jTadel   directer    und    schärfer,    ja  in  der    dritten   der  allgemei- 
nen Anmerkungen  zur  transcendentalen    Aesthetik    (i;.    8.    Hl- 
i.  a.  O.  S.  85),  die  so  wie  die  zweite  erst  in  der  zweiten  Auf- 
(age  hinzugekommen  ist,  in  spöttisch   verwerfender  Weise  auf. 
jVVenn  er  sage,  schreibt  Kant  dort,  im  Raum   und    in  der  Zeit 
Stelle  die  Anschauung  sowohl    der   äusseren   Objecte,    als  auch 
ilie  Selbstanschauung  des  Gemüths,  beides  vor,  so  Avie  es  unsere 
pinne    afficiere,     d.    i.     wie    es    erscheine,    so    wolle   das    nicht 
pagen,    dass    diese    Gegenstände    ein    blosser    Schein     wären. 
iDenn    in    der    Erscheinung    werden   jederzeit    die   Objecte,    ja 
gelbst  die  Beschaffenheit,    die    wir    ihnen    beilegen,    als  etwas 
[virklich    Gegebenes    angesehen,     nur    dass,    sofern    diese    Be- 
schaffenheit nur  von  der  Anschauungsart  des  Subjectes,  in  der 
B.elation     des      gegebenen     Gegenstandes     zu     ihm,      abhängt, 
lieser    Gegenstand    als   Erscheinung,     von    ihm  selber  als 
3bject    an    sich     unterschieden  wird.  Daher  sag(i  er    nicht,   die 
Körper  scheinen    blos    ausser    uns   zu   sein,    oder    meine    Seele 

48* 


744  Zimmermann. 

scheint  nur  in  meinem  Sel])stbewiisstsein  gegeben  zii  sein, 
wenn  er  behaupte,  dass  die  Qualität  des  Raumes  und  der  Zeit, 
welcher  als  Bedingung  ihres  Daseins  gemäss  ich  beide  setze, 
in  meiner  Anschauungsai-t  und  nicht  in  diesem  Objecte  von 
sich  liege.  Es  wäre,  fügt  er  hinzu,  meine  eigene  Schuld,  wenn 
ich  aus  dem  was  ich  zur  Erscheinung  zählen  sollte,  blossen 
Schein  machte.  Aus  dem  Folgenden  geht  hervor,  dass  er 
Berkeley  in  diesem  Verdacht  hatte. 

Der  ,gute  Berkeley'  nun  habe  ,die  Körper  zu  blossem 
Schein  herabgesetzt',  während  sie  doch,  wie  man  nach  dem 
Vorigen  ergänzen  darf,  Erscheinungen  seien.  Wenn  das  so  viel 
bedeuten  soll,  als  dass  Berkeley  behauptet  habe,  ausser  der 
Vorstellung  des  Körpers  im  Subject  gebe  es  keinen,  d.  h., 
es  gebe  überhaupt  keinen  realen  Körper,  so .  ist  es  richtig. 
Alles  dasjenige  was  einen  Körper  ausmacht,  Ausdehnung,  Räum- 
lichkeit u.  s.  w.,  ist  nach  Berkeley  bloss  Idee  im  Subject, 
also  Vorstellung,  nicht  Realität  (ausser  dem  Subject).  Soll  da- 
rum aber  der  Körper  , blosser  Schein'  heissen,  so  ist  er  auch 
nach  Kant's  Darstellung  nichts  anderes.  Denn  (vgl.  IL  675) 
Materie  ist  ,von  unserer  Sinnlichkeit  abgetrennt,  nichts'  und 
Raum  (also  auch  wohl  Ausdehnung?)  lediglich  ,in  uns'.  Soll 
er  aber  darum  mehr  als  , Schein',  nach  Kant's  Ausdruck  , Er- 
scheinung' sein,  weil  er  zwar  i  m  Subject,  aber  in  demselben 
durch  etwas  von  diesem  Verschiedenes  (gleichviel  was)  ver- 
ursacht ist,  so  verdient  der  Körper  bei  Berkeley  ebensogut  wie 
bei  Kant  diesen  Namen,  denn  die  ,Idee'  des  Körpers  hängt  nach 
Beiden  ,von  der  Relation  gegebener  Gegenstände  zum  Subject',  bei 
Berkeley  des  , übermenschlichen  Geistes',  bei  Kant  ,des  Diuges 
an  sich'  zum  menschlichen  Geist  ab. 

Es  ist  allerdings  richtig,  dass,  wie  Kant  (a.  ii.  0.  S.  83) 
behauptet,  die  Dinge  im  Raum  sich  in  Schein  verwandeln 
müssten,  wenn  Zeit  und  Raum  Beschaffenheiten  in  , Sachen  an 
sich',  und,  obgleich  ,Bedingungen  der  Existenz  aller  Dinge', 
dennoch  der  Ungereimtheiten  willen,  in  welche  sie  verwickeln, 
selbst  als  existirende  aufgehoben  werden  müssten.  Aber  ich 
kann  nicht  finden,  dass  sich  Berkeley  der  Argumentation, 
deren  ihn  Kant  sich  bedienen  lässt,  irgendwo  wirklich  bedient 
habe.  Zwar  dass  , absoluter  Raum'  (und  ebenso  , absolute'  Zeitl. 
den    er    vom    relativen    unterscheidet,    ein    ,reines    Nichts'    sei. 


Ufber  Kiiiil's  Wkkileguiig  dcö  IdoiilismUB  Vüii  Burkuley.  ^  45 

leint  Berkeley  wirklich  (Von  der  Bewegung-  Nr.  *52,  II.  p.  140, 
jvg'I.  Bunin,  a.  n.  ().  S.  415);  er  iindet  es  (ebendas.  Nr.  56,  II. 
I).  142)  dnrclisclilagend,  dass  alles  was  vom  leineii  Hanni  prä- 
Idicii't  werde,  aueli  vom  Nichts  prädicirt  werden  könne;  aber 
die  Arg-mnente  a  posteriori,  z.  B.,  ol)  er  geschaffen  oder  unge- 
'schaffen  sei',  will  er  dort  , nicht  einmal  vorbringen,  und  nicht 
lue  Absurditären  zeigen,  welche  aus  jeder  von  beiden  Satzun- 
>en  entspringen'.  (Ebendas.  Nr.  57,  II.  p.  143.)  Ich  linde  aber 
!aiclit,  dass  er  daraus,  weil  der  ,absolute'  Kaum  Nichts  sei,  die 
IFolgerung  gezogen  habe,  dass  nun  auch  die  Dinge  im  Kaum 
Nichts  seien.  Dazu  müsste  er  früher  die  Behauptung  aufgestellt 
j'iaben,  dass  der  Raum  die  Bedingung  der  Existenz  der  Dinge 
(sei.  Davon  ist  er  aber  so  weit  entfernt,  dass  man  von  ihm 
3her  sagen  kann,  er  habe  die  Körper  zur  Bedingung  des 
Raumes  gemacht.  Der  Kaum,  den  er  kennt,  ist  kein  anderer 
ils  der  , relative',  der  Raum,  ,der  durch  Kcirper  befasst  oder 
bezeichnet  wird,  und  so  unseren  Sinnen  untcrli(;gt' 
II.  p.  141).  Da  nun  , Körper'  nach  ihm  nur  als  ,Ideen'  d.  i. 
n  unserer  Vorstellung  existiren,  so  ist  es  klar,  dass  der 
Raum  für  ihn  auch  auf  keine  andere  Weise,  denn  als  , Vorstel- 
lung in  uns'  existiren  könne.  Hätten  wir,  schliesst  er,  keine 
Vorstellungen  von  Körpern,  so  würden  wir  auch  keine  vom 
Raum  haben.  Die  Existenz  von  Vorstellungen  von  Körpern  (in 
ins)  ist  daher  wol  die  Bedingung  der  Existenz  der  Vor- 
stellung (in  uns)  vom  Raum;  aber  eben  nur,  wie  eine  ,Idee' 
Bedingung  einer  anderen  ,Idee'  ist,  nicht  im  geringsten,  als 
ob  die  Existenz  wirklicher  Körper  (ausser  dem  G eist) 
Bedingung  der  Existenz  eines  wirklichen  Raumes  (ausser 
jlem  Geist),  und  noch  viel  weniger,  als  ob  (wie  Kant  es  ihm 
iiunmthet)  der  wirkliche  Raum  Bedingung  der  wirklich  en 
Körper,  und  demgemäss  die  Unmöglichkeit  des  ersten  Grund 
ier  Unmöglichkeit  der  zweiten  sei. 

Dem  Verfasser  der  Kritik  haben,  als  er  obige  Argumen- 
tation mit  Berkeley's  Namen  versah,  ähnliche  vorgeschwebt,  die  von 
'.englischen' Denkern  herrühren.  In  der  berühmten  Inaugurations- 
Oissertation  vom  J.  1770  de  mundi  sensibilis  atque  intelligibilis 
forma  et  principiis,  welche  den  Keim  der  Kritik,  und  bereits 
die  transcendentale  Aesthetik  im  Wesentlichen  enthält,  spricht 
er,  §.  D.  (III.  S.  144)  von  der  sententia,  (luae  post  Auglos, 


746  Zimmermann. 

geometrarum  plurimis  adridet,  und  welche  darin  besteht,  dass 
der  Raum  eine  Realität  (realitas)  oder  ein  ,absolutuni  et  im- 
mensum  rerum  possibiliuni  re  cept  ac  ulum'  sei.  Das  hatte 
allerdings  Clarke  Leibnitz'en  gegenüber,  dessen  Meinung 
über  den  Raum  Kant  an  derselben  Stelle  als  der  obigen  ent- 
gegengesetzt anführt,  behauptet.  Kant  lässt  nun  Berkeley  in 
der  Weise  argumentiren,  als  ob  er  jenen  Clarke'schen  Raum, 
das  receptaculum  der  Körper,  für  unmöglich  und  desshalb 
auch  die  Körper  selbst  für  blossen  Schein  erklärt  habe. 
Allein  diese  Demonstration  habe  ich  nirgends  bei  Berkeley 
angetroffen.  Derselbe  sagt  zwar  ausdrücklich  und  zu  wieder- 
holten Malen,  dass  der  Raum  nach  Zerstörung  oder  Hiuwegnahme 
aller  Körper  (,den  sie  den  absoluten  Raum  nennen^)  ein  reines 
Nichts,  an  keiner  mir  bekannten  Stelle  aber,  dass  die  Körper 
nach  Hin  wegnähme  des  Raumes  Nichts  seien.  Er  scheint  wol 
die  Vorstellung  des  Raumes  für  abhängig  von  der  Vorstellung 
von  Körpern,  keineswegs  aber  die  Vorstellung  von  Körpern 
für  abhängig  von  der  Vorstellung  eines  , absoluten'  (leeren,  aller 
Vorstellung  von  Körpern  vorhergehenden)  Raumes  zu  halten. 
Um  zu  argumentiren,  wie  Kant  ihn  thun  lässt,  müsste 
Berkeley  die  reale  Existenz  des  Raumes  für  eine  Bedin- 
gung der  Existenz  realer  Körper  gehalten,  d.  h.  er  müsste  den 
Glauben  Clarke's,  dass  er  das  , receptaculum'  der  Dinge  sei, 
und  als  solches  den  erfüllenden  Dingen  vorhergehe,  getheilt 
haben.  Konnte  ein  solches  nicht  existiren,  so  durften  es  freilich 
die  Dinge  ebensowenig.  Kant  theilte  die  Ansicht,  die  auch  die 
seines  bewunderten  Newton  war,  dass  der  Raum  als  Ganzes 
den  Theilen,  d.  i.  den  mit  Körpern  ausgefüllten  Räumen  vor- 
hergehe, sah  ihn  daher  gewissermassen  gleichfalls  als  , recep- 
taculum' an,  nur  nicht  als  ein  real  ausser,  sondern  als  ein 
ideal  im  Subject  existirendes.  Als  solches  wurde  dasselbe 
nicht  mehr  von  den  , Ungereimtheiten'  getroflfen,  die  nur  dem 
realen  Raum  galten,  blieb  aber  nichtsdestoweniger  , absoluter, 
d.  h.  ein  Raum,  der  auch  nach  Hinwegnahme  aller  , Körper', 
d.  i.  jetzt  blosser  Erscheinungen  übrig  blieb.  Da  er  nicht  zu 
begreifen  vermochte,  dass  jemand  den  Raum  anders,  denn  wie 
Newton  und  er  selbst,  als  receptaculum  (sei  es  reales  oder 
ideales)  denken  könne,  so  gerieth  er  auf  die  Alternative,  die 
ihm  die   einzig    mögliche    schien:    Entweder   den    realen  Raum 


Ueber  Kuut's  Widerleguiiij  des  IJoalisiiiiKs  vou  üerkeley,  74  < 

(uin  seiner  Ungereimtheiten  willen)  und  damit  alich  die  Reali- 
tät der  Körper  zu  leugnen,  oder  den  Kaum  ideal  zu  setzen, 
wobei  die  Welt  der  Realitäten  unangetastet  blieb,  weil  die  auf 
jenem  (einer  blossen  Ansehauungsforra)  lastenden  Absurditäten 
jsie  weiter  nichts  angingen.  Der  dritte  Fall,  dass  der  Raum 
zwar  ideal,  aber  ,nicht  absolut^,  kein  receptaculum  der 
Dinge,  sondern  eine  Abstraction  von  den  Dingen,  zwar  in 
uns  und  blosse  ,Vorstellung^,  aber  doch  nicht  ohne  die  Vor- 
>t(llung  von  Körperu  als  solchen  gedacht  werden  könne,  und 
der  eben  Berkeley's  Fall  ist,  stand  ausserhalb  seines  Ge- 
sichtskreises. 

Indem  nun  Kant  sich  bewusst  war,    das  eine  Glied  jener 
vermeintlichen  Alternative  zu  sein,  musste    Berkeley    nothwen- 
dig  auf  der  andern  Seite  untergebracht  werden.  Dieselbe  bildet 
,deun  auch  wirklich  den  Kern  dei jeuigen  Widerlegung  (2.  Aufl. 
ivgl.  IL  S.  223),  die  wirklich,  (nicht  wie  die    von  Kuno  Fischer 
I  dafürgehaltene,    fälschlich)    gegen    Berkeley    gerichtet    ist.     Er 
I nennt  hier  den  Idealismus  (er  versteht  den  materialen)  die- 
jenige Theorie,  welche  das  Dasein    der   Gegenstände  im  Raum 
i  ausser  uns  entweder  blos  für  zweifelhaft  und  unerweislich  oder 
;für  falsch  und    unmöglich  erklärt.     Der  erstere  ist  nach 
i  ihm  der  problematische  des    C  a  r  t  e  s  i  u  s ,  der  nur  eine  empiri- 
sche Behauptung  (assertio),  nämlich:    Ich  bin,  für  ungezweifelt 
I  erklärt.  Der  zweite,  ,ist  der  dogmatische  des  Berkeley,  der  den 
|Raum  mit  allen  den  Dingen,  welchen  er  als  unabtrennlicheBedin- 
I  gung  anhängt,  für  etwas,  Avas  an  sich  selbst  unmöglich  sei  und 
i  darum    auch    die    Dinge    im    Raum    fiu-     blosse    Einbildungen 
I  erklärt.'  Dieser  nun,  fährt  Kant  fort,    ,ist  unvermeidlich,  wenn 
man  den  Raum  als  Eigenschaft,  die  den  Dingen  an  sich  selbst 
zukommen  soll,  ansieht;  denn  da  ist  er  mit  Allem  dem  er  zur 
Bedingung  diente,    ein  Unding.    Allein    der    Grund    zu  diesem 
Idealismus  ist  von    uns    in    der    transcendentalen  Aesthetik  ge- 
hoben^ 

Das  ist  die  ganze  Widerlegung,  so  weit  sie  Berkeley  an- 
geht. Was  darauf  folgt:  Der  problematische  u.  s.  w.  bis  zum 
Schluss  des  Einschiebsels  vor  den  Worten:  Was  endlich  das 
dritte  Postulat  betrifft  u.  s.  w.  (S.  216),  gilt,  was  eben  K. 
Fischer  entgangen  ist ,  ausschliesslich  dem  Cartesianischen 
Idealismus.  Auch  der  Wicdererwecker  des  Berkeley'schen  Idea- 


748  Z  immer  manu. 

lisinus  in  Enghmd,  Mr.  Collyns  Simon,  der  in  Fichtc's  Zeitschrift 
(N.  F.  LVII.  Bund.  I.  lieft,  S.  120  n.  s.  f.)  zwei  Sendschreiben 
an  Ueberweg  und  v.  Reichlin-Meldei^g  über  die  I^ehre  Bcr- 
kclcy's  veröffentlicht  und  sich  dabei  auf  K.  Fischer's  als  ,die 
deutlichste  und  kürzeste  Darstellung'  derselben,  die  den  Deut- 
schen vorgelegt  werden  könne,  berufen  hat,  stimmt  dessen 
Urtheil,  dass  Kant's  Widerlegung  keine  Widerlegung  Berkeley's 
sei,  ohne  weiteres  zu,  ohne  gewahr  zu  werden,  dass  die  ver- 
meintliche dem  Descartes  und  nicht  Berkeley  gegolten  habe. 
Gegen  den  Ersteren,  der  , nur  Eine,  die  empirische  Behauptung: 
Ich  bin,  für  ungezweifelt  erklärt',  war  es  von  schlagender  Wich- 
tigkeit darzuthun,  dass,  worauf,  nach  Fischer's  Worten,  die 
ganze  Demonstration  hinauslief,  ,erst  das  Dasein  der  Dinge 
ausser  uns  die  Wahrnehmung  unserer  selbst  möglich  mache'. 
Ob  Kant  den  Beweis,  dass  ,äussere  Erfahrung  eigentlich  un- 
mittelbar (a.  a.  ().  S.  224),  die  innere  dagegen  selbst  nur  mittel- 
bar und  nur  durch  äussere  möglich  sei'  (a.  a.  0.  S.  225), 
wirklich  hergestellt  habe,  ist  daher  wenigstens  für  di^.'  Wider- 
legung von  ]5erkeley's  Idealismus  von  keinem  Belang. 

Kücksichtlich  dieses  wird  von  Kant  auf  die  transcendeii- 
tale  Aesthetik  verwiesen,  in  welcher  der  , Grund  desselben  be- 
hoben sei'.  Welchen  Grund  er  meine,  sagt  der  vorhergehende 
Satz  ganz  deutlich;  der  , dogmatische'  Idealismus  ist  unver- 
meidlich, wenn  ,man  den  Raum  als  Eigenschaft,  die  den 
Dingen  an  sich  selbst  zukommen  soll,  ansieht'.  Auch  ist  es 
richtig,  dass  dieser  Grand  durch  die  transcendentale  Aesthe- 
tik, die  sowohl  Raum  als  Zeit  als  , nicht  nothwendig  jedem 
Wesen,  obzwar  jedem  Menschen  zukommende  Art,  die  Gegen- 
stände an  sich  wahrzunehmen'  (II.  S.  7S)  behauptet,  beseitigt 
wird.  Es  verdient  aber  hervorgehoben  zu  werden,  dass  Kant 
den  Beweis,  Berkeley  habe  den  Raum  wirklich  als  eine  Eigen- 
schaft, die  den  Dingen  an  sich  zukommen  soll,  angesehen, 
schuldig  geblieben  ist.  Dessen  eigener  Ausspruch  (Ilum.  knowl. 
Ni-.  49,  I.  p.  47) :  ,  Ausdehnung  und  Figur  sind  im  Geiste  in 
der  Weise  von  Ideen  wie  Roth  und  Blau,  und:  aller  Raum 
und  alle  Ausdehnung  existiren  blos  im  Geist',  weist  vielmehr 
aul"  das  Gegentheil  hin.  Er  konnte  folglich  niemals  geschlossen 
haben,  wie  Kant  ihn  schliessen  lässt:  weil  der  Kaum  an  sich 
unmöglich  sei,  so  seien  auch  die  Dinge    an  sich  unmöglich; 


Ik'bt'i   KalilH  Widorloguiig  il«h  Idcalismu.s  von  licilu'loy.  749 

doli II  (jincn  Rauin  an  sicli  (aus«(!r  dein  Gcistj  kauiito  or  so 
wenig'  wi(!   Kant. 

Aber  auch  i^eg-cn  den  wörtlichen  Ausdruck,  «Ion  Dieser 
von  ihm  gebraucht,  hätte  sich  Berkeley  verwahrt:  ei-  haln;  die 
Dinge  im  liaum  für  blosse  Ki  iib  i  1  du  ngen  erklärt.  Dies 
liat  er  so  wenig,  dass  ihm  die  , Dinge  im  Raum',  d.  h.  die  als 
räumlich  vorgestellten  Dinge-,  obgleich  l)losse  Vorstellungen, 
l'ilr  die  realen  Dinge  selbst  gelten.  Für  ,I*yiubildungon' 
würde  Berkeley  nur  Dinge,  die  in  eini;m  Raunu;  wären,  der 
nicht  blosse  Vorstellung  im  (jeist,  sondern  an  sich  existirte, 
erklärt  haben;  solche  erklärt  aber  auch  Kant  tlafür,  denn 
seine  .Ding-c  an  sich'  sind    weder    im  Raum  noch   in   dcir  Zeit. 

Der  Schein  der  Nichtübereinstimmung  zwischen  13erkelcy 
lind  Kant  wird  dui-ch  die;  vom  Letzteren  nicht  vermiedene 
Zweideutigkeit  des  Wortes  , Dinge  im  Raum'  hervorgerufen. 
W'^erden  darunter,  wie  es,  wenn  der  Raum  nur  eine  im  (leiste 
vorhandene  Idee  oder  Anschauungsform  bedeutet,  nicht  anders 
sein  kann,  l)l()sse  Vorstcdlungen  vcu'standen,  so  sind,  damit 
verü-lichen,  in  einem  wirklichen  Räume  existirende  wirkliche 
Dinge  blosse  E  i  uIj  i  1  d  un  g  en.  Dinge  an  sich,  dit;  nicht 
im  wirklichen  Räume  existiren,  brauchen  darum  noch  nicht 
Fi  i  nb  i  1  d  un  ge  n  zu  sein:  sie  dürfen  aber  auch  nicht  mehr 
, Dinge  im  Räume'  lun'ssen.  Wenn  daher  Berkeley  Dinge,  die 
in  einem  wirklichen  Räume  sind,  leugnet,  so  hat  er  Dinge,  die 
nicht  im  wirklichen  Räume  sein  sollen  (wie  Kant's  Dinge  an 
sich)  nicht  geleugnet;  und  wcniii  Kant  Dinge  an  sich,  die  nicht 
Im  wirklichen  Räume  sind,  behauptet,  so  hat  er  damit  Berkeley, 
der  nur  Dinge,  die  in  einem  wi  r  k  1  icheii  Raunu!  sein  sollen, 
Ijcstreitct,  nicht  widerlegt. 

Die  wirkliche  Differenz  zwischen  dem  Kant'schon  und 
Berkeloy'schen  Idealismus  besteht  daher  darin,  dass  1.  das 
wahrnehmende  Subject  des  letzteren  das  individuelle 
(ein))irische),  jenes  des  crsteren  <!in  t  r  a  ns  c  e  n  d  en  t  a.  1  e  s  ist; 
'2.  dass  Kant  den  bei  ilnn  wii;  bei  Berkeley  vorhandenen 
realistischen  Factor  der  Erfahrung  unbestimmt  als  ,Ding 
an  sich',  Berkeley  dagegen  bestinnnt  als  göttl  ich  en  Wil  1  en 
bezeichnet;  3.  dass  derselbe  bei  Berkeley  aul'  die  ganze,  bei 
Kant  dagegen  nur  auf  die  Materie  (bir  Erfahrung  sich  er- 
streckt.  Die  angebliche  Dilfereiiz,   dass  Berkeley    das  Beenden 


töö  Zimmermauu.  Ueljer   Kaufs  Widerlegung  des  Idealismus  von  Berkeley. 

der  Gegenstände  im  Räume  ausser  uns  leugne,  Kant  dasselbe 
behaupte,  stellt  sich  als  eine  scheinbare  heraus.  In  Wahi'- 
heit  leugnen  Beide  die  wirkliche  Existenz  von  Dingen  im 
Raum  ausser  uns,  weil  sie  die  wirkliche  Existenz  des  Raumes 
,ausser  dem  Geist',  dessen  objectives  Dasein,  nicht  anerkennen. 
Kant  war  vollkommen  im  Recht,  wenn  er  den  Kern 
seines,  des  transcendentalen  (später  kritisch  genannten)  Idea- 
lismus in  der  Idealität  des  Raumes  (und  der  Zeit),  aber 
im  Unrecht,  wenn  er  hierin  mit  dem  Berkeley' sehen  Idealis- 
mus sich  nicht  im  Einklang  zu  finden  glaubte.  Raum  und  Zeit 
haben  für  diesen  ebensosehr  Existenz  nur  im  Geist,  nur  als 
Ideen,  sind  daher  mit  der  gemeinen  Ansicht,  die  beiden  eine 
wirkliche  Existenz  als  Sachen  ausser  dem  Geist,  zu- 
schreibt, verglichen,  ebensosehr  blos  ideal,  wie  Kant's  reine 
Anschauungsformen.  Um  den  Idealismus  gründlich  imd  in  der 
Wurzel  zu  widerlegen,  hätte  Kant  nicht  sowohl  Berkeley,  als 
vor  allem  sich  selbst  und  zwar  vor  allem  dasjenige,  wodurch 
er  jenen  beseitigt  zu  haben  glaubte,  die  transcendentale  Aes- 
thetik  widerlegen,  d.  h.  er  hätte,  wie  zuerst  Her  hart  for- 
derte, einräumen  müssen,  dass  Zeit  und  Raum  mehr  als 
blosse  subjective  Bedeutung  besitzen. 


Mayr.  Kosultale  der  Silbenziililung.  TT)] 


Resultate  der  Silbenzählung  aus  den 
vier  ersten  gäthas. 

Von 

Aurel.  Mayr,  Dr.  jur.   et  phil. 


Westergaard  war  es,  der  nach  Angabe  der  Handschriften 
die  fünf  gathas  in  Strophen  und  Versen  zuerst  drucken  Hess 
(s.  Zendavesta,  Copenhagen   1852 — 1854). 

Die  erste  Angabe  ü])er  die  Silbenzahl  dieser  Verse,  wie 
auch  über  die  Zahl  derselben  in  der  Strophe  findet  sich  in 
Westphal's  Abhandlung  ,zur  vergleichenden  Metrik  der  indo- 
germanischen Völker'  in  Kuhn's  Zeitschrift  füi*  vergleichende 
Sprachforschung  auf  dem  Gebiete  des  Deutschen,  Griechischen 
und  Lateinischen  B.  9  S.  437  ff.  Schon  früher  hatte  dieser  Ge- 
lehrte erkannt,  dass  y.  9  in  einem  dem  indischen  ^löka  zu  ver- 
gleichenden Verse  geschrieben  sei.  Es  lässt  sich  dieses  Maass 
im  ganzen  y.  9.  nachweisen,  nur  9.  31  und  32  findet  sich  je 
eine  in  zwei  gleiche  Theile  zerfallende  zwanzigsilbige  Zeile. 
Die  ahunavaiti  besteht  demnach  aus  sechzehnsilbigen  Zeilen 
mit  Caesur  nach  der  siebenten  Silbe,  drei  Zeilen  bilden  eine 
Strophe,  die  u^tvaiti  und  ^pentämainyü  sind  in  katalektischen 
Trimetern  (trishtubh)  geschrieben,  in  der  ersteren  bilden  fünf, 
in  der  letzteren  vier  eine  Strophe;  nur  46.  15  fehlt  die  fünfte 
Zeile,  wie  schon  Westergaard  bemerkt.  Die  Strophen  der  vohe- 
khshathra  bestehen  aus  drei  vierzehnsilbigen  Zeilen  mit  der 
Caesur  in  der  Mitte ;  die  vahista-istis  war  von  Westphal  nicht 
in  den  Bereich  seines  ersten  so  gelungenen  Versuches  (s.  445) 
gezogen,  und  ist  metrisch  noch  eben    so  unklar  wie    im    Jahre 


752  si^^yr- 

1860.  Zum  Versniaass  der  iistvaiti  und  ^penta-mainyu  lässt  sich 
die  Bemerkung'  hinzufügen,  dass  im  elfsilbigen  Verse  die  Cae- 
sur  immer  nach  der  vierten  8ilbe  fallen  müsse.  Der  Grund, 
dass  man  dieses  Gesetz,  dem  auch  der  vedische  trshtubh  unter- 
worfen ist,  nur  dass  die  Caesur  in  demselben  auch  ebenso  wohl 
nach  der  fünften  Silbe  fallen  kann,  nicht  auf  erstem  Anblick 
erkannte,  liegt  wohl  darin,  dass  die  gathas,  welche  wohl  eine 
lange  Zeit  hindurch  mündlich  überliefert  wurden,  zur  Zeit  ihrer 
Redaction  ebenso  niedergeschrieben  wurden,  wie  man  sie  da- 
mals im  Einklang  mit  der  lebenden  Sprache  sang  und  aus- 
sprach. Auch  die  vedischen  Texte  unterlagen  während  der  Zeit 
ihrer  mündlichen  Ueberlieferung  derselben  Veränderung,  wie 
die  lebende  Sprache ;  die  ^ikshä  und  das  chandas,  mit  welchen 
sich  insbesondere  die  prati-^äkhyäs  befassen,  suchen  eben  die 
Gesetze  fest  zu  stellen,  nach  welchen  überzählige  Silben  be- 
seitigt, fehlende  ergänzt  werden  sollen,  die  ursprüngliche  Länge 
oder  Kürze  der  Silbe  hergestellt  werden  soll.  Eine  ausführliche 
Arbeit,  die  auf  eigener  Forschung  beruht,  lieferte  Kuhn  in  den 
sprachlichen  Resultaten  aus  der  vedischen  Metrik  in  den  Beitr. 
zur  vergleichenden  Sprachforschung  des  Arischen,  Celtischeu 
und  Slavischen  B.  III  113  ff.  450  ff  und  B.  IV.  179  ff.  Die 
Betrachtung  geht  in  dieser  Abhandlung  vom  im  Veda  Gegebe- 
nen aus  und  schliesst  zurück  auf  das  was  die  vorliegende  Ge- 
stalt annahm.  Den  entgegengesetzten  Weg  verfolgte  Bollensen 
in  der  Abhandlung  ,zur  Herstellung  des  Veda^  (Orient  und  Oc- 
cident  B.  II,  S.  457  ff)  worin  er  untersucht,  in  welchen  Fällen 
und  nach  welchen  Gesetzen  das  ursprünglich  Vorliegende  modi- 
licirt  wurde,  um  seine  uns  überlieferte  Gestalt  zu  erlangen. 

Vorliegende  Arbeit  versucht  nach  Kuhn's  Vorgang  einen 
Beitrag  zur  Herstellung  des  ursprünglichen  Textes  der  gäthäs 
zu  liefern.  Vorgänger  auf  dem  Gebiete  der  Zeudphilologie  gibt 
es  bekanntlich  nicht,  und  so  konnte  nur,  was  über  die  Veden 
geliefert  wurde,  als  Ausgangspunkt  dienen.  Insbesondere  sind 
die  gäthäs  ustvaiti,  ppentä-niainyü  und  vuhu  khshathra  zu  Grunde 
gelegt  und  der  Versuch  gemacht,  das  hier  Gefundene  an  der 
ahunavaiti  zu  erproben.  Wahrscheiülich  ist  es,  dass  bei  Ver- 
fassung der  ersten  gätha  die  Phonologi(!  der  Sprache  der  nieder- 
igeschriebenen  Aussprache  näher  lag  und  diese  somit  als  jünger, 


liesultiito  der  Silbcnziihhinij.  ( ',  )o 

denn  die  zweite,  dritte  und  vierte,  eine  besondere  Betraelituny 
erheischen  dürfte. 

DariU)er,  ob  in  den  gäthas  eine  willkürlielie  Schreibweise 
vorliege^  die  weder  phonetisch  noch  historisch,  einfach  in  der 
Unfähigkeit  der  Kedactoreii  das  Alphabet  zum  vorgesteckten 
Ziele  zu  verwenden,  ihre  Erklärung  fände,  wird  unter  V.  a 
mit  Vergleichung  des  Griechischen  zur  Ursprache,  gehandelt. 

N  o  t  e.  ya^na  ist  mit  y.,  yasht  mit  yt.,  vendidad  mit  vd.  citirt. 


1.  Vocale  oder  Halbvocale,  welche  in  zusammengesetzten 
Wörtern  durch  Contraction  des  aus-  und  anlautenden  Vocal's 
entstanden,  sind  aufzulösen. 

a.  ist  demnach  in  zwei  Silben  zu  zerlegen 
28.     7.   1  I  däidi  ashädäo  daregäyü 
46.   14.  .T|hanenti  parähüm 

ebenso  wie  es  geschrieben  ist  34.  4.  2 : 

I  ctüi  —  rapeiitem  cithrä-avanhem. 

Auch  die  Eigennamen  sind  so  zu  lesen 

51.   16.   1   tarn  kavä  vi9tä9pö  | 

46.   14.  3 1  victä(?p6  yähi 

28.     8.  2  I  victäcpäi  acshem  maibyacä 
bei  jämacpa  muss  dieses  auch  gelten,  de  ist  eine   spätere  p]in- 
schiebung  wie  45.   11.  4 

51.   18.   1   tarn  cictim  de-jämäcpä| 

46.   17.  2|de-jämäcpa  hvogvä 

49.  9.  4|yähi  de-jämä^pa 

i  ist  zu  zerlegen  44.  2.  3|ye  i  paitishät  wenn  ish  vorliegt, 
äi  findet    sich    in    einem    Compositum   nur   einmal,   wo  es 
auch  getrennt  geschi'iebcn  ist. 

84.     4.  3  I  zastä-istäis  derestä  aenaidiem 

50.  5.   4  zastä-istä  | 

ao  ist  zweisilbig  im  Compositum  IVashaostra 
28.     8.   2|naroi  frashaosträi  maibyacä 
46.    1 6.   1    frashaosträ  |  aträ 
49.     8.   1    frashaosträi  I  urväzistäm 
.50.    17.    ]  I  berekhdhäm   uiöi  frashaoströ 
33.     9.   1  I  ashaokhshayantäo  (^aredyayäo 


754  Mayr. 

Composita  mit  fra 

48.  1.  2|yä  daibitänä  fraukhtä 

30.     5.  3  I  haithyäis  skyaotlianäis  fraoret  mazdäm 

1.  fra  -f-  vart 

46.     4.  2  gäo-fr6ret6is^|l.  —  fravartöis 
vgl.  vsp.  5.  4  fra  gave    vereiidyäj 
Jiisti  ar  -|-  fra,  irrig. 

43.   14.  3  j  ashät  hacä  frästä 
vgl.  9.  37  bei  Justi  fräs  ayaiiho  fracparat 

46.  3.  2  und  49.  6.   1  ist  das  fra  das  Compositum,  die  Wieder- 
holung der  vorgehenden  Präposition  daher  zu  streichen. 

46,     3.  2 1  fro  ashahyä  frarente  1.  arente 

49.  6.   1  fro  väo  fraeshyä|l.  ishä 

2.  Halbvocale  sind  oft  als  Silben  zu  lesen ;  der  Hiatus  wird 
demnach  hergestellt. 

y  ist  als  Silbe  zu  lesen  in : 

mashya  =  mashia  oder  martia 

29.  4.  2  daeväiscä  mashyäiscä  | 

30.  11.   l|yä  mazdao  dadät  mashyäonhö 
32.     4.   1 1  yä  mashya  acistä  dauto 

32.     8.  2  ye  mashyeiig  cikhnusho  | 

43.  11.  4|mashyaeshü    zarazdäitis 

45.  11.  1 1  aparo  mashyapcä 

48.     1.  3  I  daeväiscä  mashyäiscä 

34.     5.  2  I  daeväiscä  khrafcträ  mashyäiscä 
Dagegen  wäre  mashya  zweisilbig 

48.     5.  3  yaozhdäo  mashyäi  | 
wo  däo  wahrscheinlich  eine  spätere  Einschieb ung  ist  und  yaos 
mashiäi  zu  lesen  sein  wird. 

ävishya  ist  viersilbig  in  allen  Stelleu. 

31.  13.   1  yä  fra^ä  ävishyä] 

50.  5.  3  I  ävishyä  avaiihä 

Auch  vair 5'a  ist  immer  dreisilbig  43.   13.  5  vairyäo  ^töis 
vgl.  yathä  ahü  j  vairyo  athä  ratus 

46.  12.   1 1  n  a  p  t  y  a  e  s  h  ü  nafshücä 

46.     3.  3  tä  vanheus  9are  izyä  mananhö 
1.  tä  izyä  I  vaidieus  9are  mauanho 

44.  13.  5  noit  fr a^yä] vanheus 


Resultate  der  Silbciizäliliiiifr.  755 

(Ob    auch    43.    7.    4    teracyai   =    fra(;yäi    oder    eine    der 
Variauten    feracayai  P,;    fracayai  K^  ferapayä  Kn   in  den  Text 
zu  nehmen  ist,  kann    einstweilig   nicht  entschieden  werden,  da 
dakhshärä  sich  nur  hier  rindet  und  vielleicht  dreisilljig  ist, 
43.     7.  4  I  dakhshärä  ferapyäi  dishä) 
48.     8.  3 1  äkäü  aredreug  i  s  h  y  ä  =^  ishiä 
51.   17.  2|yäm  hf'ii  ishyam  dätu 
aqyäi  =;  aqiäi  ist  g'cwiss  dreisilbig  in  zwei  Stellen 

31.  10.   1 1  väctrini  aqyäi  fshuyantem 

auch  48.  6. 3  at  aqyäi  |  ashä  mazdäo ;  ashä  ist  wegzulassen ;  in  beiden 
Stellen  ist  es  möglich,  dass  ein-  einsilbiges  Wort  ausgefallen  ist. 
Die  Potentialformen  des  Verbum  ah  sind  in  der  Regel 
mit  Halbvocal  zu  lesen  z.  B.  qyät  ist  einsilbig  43.  15.  4  43. 
16.  3  und  4,  qyäta  zweisilbig  50.  7.  4.  qyen  einsilbig  51.  4. 
2;  doch  scheint  mit  Hiatus  zu  lesen  43.  8.  3,  wenn  nicht  ein 
einsilbiges  Wort  ausgefallen  ist. 

45.  8.  3  I  rafeno  qyem  aojonhvat 
-yant  ist  iant  zu  lesen; 

43.     4.  3  I  verezyanto  mananho 

32.  4.  3  I  khrateus  na^yanto  ashäatcä 
caoshyant  ist  immer  dreisilbig 

34.    13.  3  daenäo  caoshyantäm  | 
48.   12.    Ij^aoskyanto  daqyunäm 

46.  3.  3  I  yaoskyantäm  khratavo 

45.   11.  4  caoshyanto  deng|  ist  deng  zu  streichen. 

Das  Comperati^suffix  yas  ist  zweisilbig  in 

30.  3.  2 1  skyaothnöi  hi  vahyo  akemcä 

31.  2.   1  j  adväo  aibi-derestä  vaqyäo 
31.     5.    1  I  yyat  raoi  ashä  data  vahyo 
31.    17.    1  I  dregväo  vä  verenvaite  mazyo 

doch  einsilbig 

48.     4.   1  I  vahyo  mazdä  ashya^cä. 
Es  scheint,  flass  auch   die   Infinitivendung  -dyäi  zweisilbig 
gelesen  werden  kann 

43.   11.5  tat   verezidväi  1  hyat  raoi  raraotä    vahistem 

33.  6.  2  I  yä  verezidyäi  mahtä  vä^tyä 
43.    12.  3  uziredyäi  I  parä  yyat  raoi  äjimat 

43.    14.  4  uziredyäi  I  azem  yarchanäo  cenhahyä. 


756  Mayr. 

Das  i  und  u  in  vciezidyrii  und  uziredyäi  beruhen  auf 
Epenthese.  (Doch  vgh  sanskrt   iradh.) 

44.     8.  4  yaeä  asha  |  vanheus  arcni   vaedyäi 
34.     5.  2  I  thrayoidyäi  drigüm  yüshmäkem 
44.     8.  2.  meiidaidyäi  I  yä  moi  mazdä  ädistis 
vgl.  31.  .5.  2. 

Dagegen  ist  -dyäi  einsilbig  in  den  Infinitiven  cuidyäi  44. 
2.  3,  49.  3.  2  crüidyai  24.  12.  %  45.  5.  2  fracrüidyai  4fi.  13.3 
2  und  14.  2  deredyai  43.  1.  4  merazhdyai  44.  14  3  diwzhaidyäi 
45.  4.  5. 

vyäm  ist  zweisilbig  48.  7.  3  ashä  vyfim. 
frya  ist  immer  zweisilbig,  fryfina  dreisilbig. 

43.  14.   l.hyat  nä  fryixi| 

44.  1 .  3.  mazdä  fryäi  | 

44.     1  •  4 1  fryäi  dazdyäi  häkurenä 
46.     2.  4|yyat  fryo  fryäi  daidit 
46.     6.  4|yahmäi  ashavä  fryo 
46.   12.  2|fryänahyä  aojyaeshü. 
Der  Halbvocal  v  ist  als  Silbe  zu  lesen  in   tvem   doch  nur 
in  folgenden  Versen 

28.   12.  2  tvem  mazdä  ahurä| 

46.  19.  5 1  tv^em  mazdä  vaedisto 

47.  3.   l|tvem  ahi  tä  ^pento 

48.  2.   l|tvem  vidväo  ahurä 
hizvas,  Stamm  hizu  ist  dreisilbig 

51.   13.  3  qäis  skyaothanäis  hizvaccä 

50.     6.  3  I  hizvo-raitim  ^toi 
auch  hizvä  ist  dreisilbig? 

31.     3.  3  hizvä  thwahyä  äonli6| 
vgl.  28.  12.  3 

31.   19.   1  |khshayamano  hizvova^o. 
In    den    vom    Stamm    hizva   hergeleiteten  Formen  ist  da- 
gegen der  Halbvocal  nicht  als  Silbe  zu  los(!n. 
Auch  hvare  ist  einsilbig. 

50.     2.  3  I  pourushü  hvare-pishyacü 
(vgl.  32.   10  gäm  ashibyä  hvarecä  wo  vielleicht    ein   einsill)iges 
Wort  ausgefallen  ist;  gäm  ist  sonst  einsilbig)  vgl.  bei  Justi  y. 
9.  14.  hvaredare90  mashyänäm,  tanu  bildet  den  Acc.  tanüm  zwei- 
silbig 


Resultate  der  Silbenzählnng.  757 

33.  10.  3|khs]iathra  ashäcä  ustä  tantini 
und  dreisilbig 

46.     8.  4  taiivem  älya  im  hujyatois   payat 
wie    auch    der   Dativ    der  auch  so  geschrieben  wird;   auch  der 
Genetiv  ist  dreisilbig. 

30.  2.  2  I  narem  narem  qaqyai  tanuye 

34.  14.    l(taiivaccit  qaqj'jlo   ustanem. 

Mit  Vocalisirung  des  Halbvocals  ist    zu    lesen    32-    11.  2 
anheuscä  anhva^cä  | 

q  =  hv  =  SV  ist  als  Silbe  zu  lesen  im  Worte  qätra  in 
allen  Stellen. 

28.     3.  3 1  yäis  rapefitu  daidit  qathre 

31.  7.   1  I  raocebis  roithwen  qäthrä 

33.  9.  2  qäthrä  maethä  mayä  | 

43.  2,  2  qäthruyä  |  nä  qäthrem  daiditä 
50.     5.  3 1  yä  näo  qäthre  däyät 

9.  64  I  raocanhem  vicpoqäthrem 
qeng  ist  immer  zweisilbig 

44.  3.  2  kacnä  qeiig|  und  50.   10.  4  raocäoqeng| 
qanvaijt  =   huanvaiit 

32.  2.  2  I  ashä  hus-hakhä  qenvatä 

9.  4  actvato  ^raestem  dädare(?a 
qahe  gayehe  qanvatö 
Auch  qiti   =  huiti  :=  suvita  ist  dreisilbig 

30.  11.2  qiticä  eneiti  | 

qaretha  wird  dreisilbig  gelesen,  so  jedoch,  dass  e  stumm  ist. 

31.  20.  2 1  dusqarethem  avaetäc  vaco 

34.  11.   1  I  qarethäi  ä  araerctatäoccä 
auch  in  qarethyä  ?  Justi  Stamm  qareti 

28.  11.  3 1  vaedä  qarethyä  vaintyä  yraväo 
dagegen  ist  die  Wurzel  qar  einsilbig 

32.  8,  2|ahmäkeiig  gäusbagä  qaremno 
49.   11.  3  akäis  qarethäi  s|     In 

48.  5,  4  gavfii  verezyä  täin  täm  ne  qarethäi  fshuyO 
kann  demnach  das  erste  täin  gestrichen  werden ;  die  Caesur 
fällt  dann  nach  der  vierten  Silbe  und  qarethäi  ist  huarthäi  zu 
lesen. 

qaetu  ist  immer  zweisilbig  46.  1.  2,  5.  4  49.  7.  3,  32.  1. 
1,  33.  4.  2  vgl.  die  Sanskrt  Wurzel  si,  welche  sich  auch  in 
qaena  findet,  vgl.  sena. 

Sitzb.  (1.  phil.-liist.  Cl.  LXVIII.  Bfl.  IV.  Ilft.  49 


758  Mayr. 

w  wird  manchmal  in  thwä  vocalisirt 

46.     1.  5  kathä  thwä| 

46.     3.  5  maibyo  thwäj 

46.     9.  2  yathä  thwä| 

31.     8.  2 1  hyat  thwä  hem  cashmaini  hengrabem 
das  zweite  hem  ist  zu  streichen. 

29.   10.  3 1  thwäm  meiihe  paourvim  vaedem 
im  Loc.  thwe,  thwoi  =  tue 

31.     9.   1  thwoi  a9  ärmaitis  | 

31.     9.   1  I  thwe  ä  geus  tashä  ac  khratus 
und  in  thwalunät  =  tuahmät 

28.  12.  2|mä  ^ishä  thwahmät  vaocaühe. 

3,  Folgen  lange  Vocale,  die  in  zwei  Silben  zu  spalten  sind. 

ä,  ä,  äo;  letzteres  nur  wenn  es  den  Werth  eines  langen 
ä  hat. 

Die  Plural- Genetiveudung  am  ist  häutig  zweisilbig  zu 
lesen 5  es  ist  dies  eine  Erscheinung,  an  der  alle  Klassen  der 
Nomina  Theil  nehmen,  wie  auch  in  den  Veden  geschieht  (vgl, 
Kuhn  Beiträge  B.  4.  S.  180.)  Jene  Beispiele,  wo  der  Silben- 
mangel (nach  der  jetzigen  Schreibweise)  nicht  anders  gehoben 
werden  kann,  folgen  citirt. 

29.  3.  2  avaeshäm  nöit   viduye| 

30.  4.  3  acisto  dregvatam  | 

30.  8.   1  atcä  yadä  aeshäm  | 

31.  19.  2  erezhukhdhäi  vaeaüham  | 

32.  7.  3  yaeshäm  tu  ahurä  | 
32.  8.  1.  aeshäm  aenanhäm] 
32.  8.  3  aeshämcit  ä  ahmi  | 
34.  1.  3  aeshäm  toi  ahurä  | 

43.  2.   1 1  vi^panäm  vahistem 

44.  7.  5|vi9panäm  dätärem  * 

44.  10.  2|yä  hätäm  vahistä 

45.  6.   1  I  vi^panäm  mazistem 

46.  10.  4 1  khshmävatäm  vahniäi  ä 
48.     3.   1 1  vahistä  ^äcnanam 

51.     3.  3  yaeshäm  tu  paouruye  | 
Acc.  sg.  am  zweisilbig  in  patham? 

31.     9.  2|hyat  aqyäi  dadäo  patham 


Kesnltate  der  Silbenzähliing-.  759 

WO  vieJloicht  aqj'äi  zu  lesen  ist  (vgl.  panthW  Kuhn  a.  u.  (). 
181  ;  gäm  in  der  Regel  einsilbig,  doch  32.  10.  2)  mazdäm  ist 
dreisilbig  (s.  seine  Declination  in  Folgendem). 

Gespalten  erscheint  ferner  das  ä  oder  a  in  Aoristfornien 
einsilbiger  Wurzeln  auf  a  (vgl.  Kuhn  a.  a.  O.  181 1;  sämmtliche 
Fälle  scheinen  Conjunctive  zu  sein. 

29.  10.  2|yä  hushitis  rämämcä  dät 
32.  13.  3|ye  is  pat  darepät  ashahyä 

34.  3.   1.  att6imizlidemahurä|nemanhaashäicädaniä 

45.  5.  3  yoi  moi  ahniäi  |  9eraoshein  dän  caya9cä 

46.  6.  2  drujo  hvo  |  damän  haitahyä  gät 

47.  1.  3  ahmäi  da  |  haurvätä  ameretätä 

mazdäo  khshathrä  |  ärmaiti  ahuro 
49.     7.  4  ye  verezenäi  1  vanuhim  dät  fracactim 
51.   14.  3  ye  is  ceüho  apemem|  drujo  demän^    ä  dät 

dän  ist  einsilbig  45.  10.  5  und  49.  4.  4  es  sind  Indicative 
(Vgl.    die  homerischen    Conjunctive    Osyjc,    Os-r]). 

vidän^,  vidätä,  vidäm  s.  Wurzel  day. 

Auch  Wurzeln  finden  sich,  in  denen  ä  oder  äo  zweisilbig 
zu  lesen  ist.  Sämmtliche  dieser  Stämme  enden  auf  h,  nh,  d.  i. 
ursprüngliches  s. 

yähin  ist  dreisilbig 

46.   13.  3 1  victä9po  yähi 
49.     9.  4 1  yähi  de-jämä^pa 

yäonh  zweisilbig 

30.  2.  3  parä  maze  yäonho  | 

däoiih  =  das  in  hudäonh,   duzhdäonh, 

dieselbe  Wurzel  daiih  findet  sich  43.   11.  3 

30.  3.  3  äopcä  (äyäo^cä)  hudäoiiho  | 

I  eres  viskyätä  noit  duzhdäonho 

31.  22.   1  cithrä  i  hudäonhe| 
34.     3.  3.  äroi  zi  hudäonh6| 
45.     6.  2  I  ye  hudäo  yoi  hefiti 

48.  3.  2  yä  hudäo  | 

51.   10.  2 1  tä  duzhdäo  yoi  hefiti 

43.  11.  3|didanhe  paourvim  d.  i.  didaanhe, 

wenn   nicht  didaiihyä  zu  lesen  ist. 

mäonh  ist  zweisilbig. 

49* 


7G0  Mayr. 

44.  3.  4  ke  yä  mäo  |  uklishyeiti  neref^aiti  thwat 

Es  scheint  demnach  nä  zu  streichen : 

51.  19.   1   hvo  tat  nä  niaidhyo-mäonhä  | 
vgl.  die  Variante  mänha  K-   und  yt    13.   95    und   127,   wo    alle 
Handschriften  äo  lesen. 

äonh  scheint  dagegen  einsilbig  zu  sein 

28.   12.  3  mainyeus  hacä  thwä  e.  e.  äonhä 
und  demnach  auch  in  31.  3.  3  hizvä  thwahyä  äonho 

Dafür,  dass  die  Pluralendung  äo  zAveisilbig,  äoi'ihö  drei- 
silbig zu  lesen  sei,  gibt  es  kein  Beispiel  in  den  vier  ersten 
gäthäs.  Duale  sind 

28.     3,  2  maibyo  dävoi  ahväojvgl.  51.  9.  2 

33.  9.  3  I  yayäo  hacainte  urvano 

30.  .5.   1  ayäo  mainiväo  varatä| 

Im  letzten  Falle  ist  ayäo  manyuo  vai'täj  zu  lesen;  28.  3.  2 
könnte  man  ahuo  lesen;  33.  9.  3  ist  eine  Silbe  ausgefallen;  das- 
selbe ist  30.  10-  1  anzunehmen,  wo  Plurale  stehen,  vgl.  51. 
22.  2  cä  -  ca. 

33.  10.   1 1  yäo  zi  äoiihare  yäoccä  henti 

i  ist  zW'cisilbig  in  im  =  yam  =  iam.  mashim  ist  immer 
dreisilbig,  wie  auch  mashya  =  mashia. 

32.     5.   1  tä  debnaotä  mashim  | 

46.   11.  2jahüm  mereügdyäi  mashim 
vairim  ist  dreisilbig  wie  auch  vairya 

34.  14.  1  tat  zi  mazdä  vairim  | 

51.      1.   1   vohu  khshathrem  vairim  | 
paourvim    ist   immer    dreisilbig;    die    Beispiele   sind    zahlreich, 
paouruyo,    paouruye,    paoruyehyä    scheinen  für  sanskrt.  pürvia, 
pürviä  pürviasya  zu  stehen. 

zevim  31.     4.  1  yadä  ashem  zevim| 

46.     9.  2|zevistim  uzemohü 

50.     6.  3|hizv6-raitim  9t6i 

45.  1.  4  uoit  daibitim]  vgl.  sanskrt.  dvitiyam 
44.  17.  3  äkistimi 

Doch  findet  sich  im  auch  einsilbig  z.  B. 

31.  f^.  3  haithim  asliahyä  dam  im  | 
\v;ilin;nd  baithim   dreisilbig  gelesen  Avird : 

31.     6.   l|ye  moi  vidväo  vaocat  baitlitm. 


Resultate  der  SilbeiiziUihiiig.  7ol 

ü  ist  zweisilbig  zu  lesen  im  Acc.  sg-.  um  —  uam  in  yazüm 

und  peretüm 

31.     8.  l|mazdä  yazum  (^tCn  manaühä 

vgl.  Sanskrt  yahu  und  yahva 

46.   10.  5  fro  tais  vi(;pais  |  ciuvato  frafrä  perctum 
das   zweite    fra  ist    die   Wiederholung-   des    ersten,    und    wie  in 
allen  übrigen  dergleichen  Fällen  zu  streichen ;  vgl.  Spiegel,  An- 
hang  §.   72    und    altbactrisehe    Grammatik    §.  221  Anmerkung 
und  i:^.  212   am  Ende. 

Vielleicht  auch  in  vuhü  manaühä  oO.  7.  1,  33.  12.  3,  34. 
3.  2,  wo  eine  Silbe  fehlt  und  vasuä  gelesen  werden  könnte ;  in 
allen  übrigen  Fällen  ist  vohü  in  dieser  Verbindung  zweisilbig. 
Fraglich  ist  es,  ob  das  CasussufFix  nur  an  mananh  angetreten 
sei;  vgl.  vanheus  mananhö  in  ff. 

Hieher  sind  auch  die  Acc.  qaetheiig  und  fsheng  zu  stellen, 
in  welchen  das  v  ausgefallen  ist,  wie  Spiegel  Anhang  §.  25 
vermuthet,  sieh  auch  cengho  32.  (5.  3  und  E  day 

34.  12.  3 1  vanheus  qaetheiig  manaüho 
dass  in  qaethu,  q  =:  ch  =  h  sieh  oben  2.  q. 

31.  10.  2  ahuremashavanem|  vanheus  fsheiighimananho 
49.    9.  4  craotii  cä(;näo  |  fshenghyo  cuye  tasto 

es  ist  fshengh  i  und  fshengh  yo  zu  trennen;  vgl.  48.    5.  4  wo 
fslmyo  geschrieben  wird;  vgl.  auch  tanvem  46.  8.  4. 

äo  gilt  als  a  -{-  a 
im  Genetiv  sing,  von  mazdä  s.    Declination  des  Wortes  mazdä; 
in  den  Conjunctivformen  der  dritten  Person  pluralis 

32.  15.  3  toi  äbyä  bairyäoiite| 
45.     7.   l|ishäofiti  rädanho 

48.   11.  3|khrüväis  rämam  däoüte 

48.  12.  2|mananhä  hacäoSte 
ae  ist  zweisilbig  zu  lesen,  wenn  es  für  aya  steht. 

aem  29.  8.   1   aem  moi  idä  vii^to  | 
vgl.  44.   12.  5,  wo  es  ayem  geschrieben  ist. 

g  a  e  m  30.  4.  2  gaemcä  ajyäitimcä  | 

43.     1-  5 1  vanheus  gaem  mananho 
vgl.  51.   10.  3,  wo  es  gayehyä  geschrieben  ist. 

vaem  30,  9.  1  atcä  toi  vacm  gyäma| 
Auch  ist  ae  zweisilbig  in  zaranaemä,  vgl.  sanskrt.  Inniyäma, 
mit  Schwächung  des  a  in  nä  (na)  zu  ni. 


762  Mayr. 

28.   10.  1 1  niazdä  ashemcä  yänäis  zaranaema 
daena  ist  immer  di'eisilbig  zu  lesen,  s.  Wurzel  day.  yaeua 
ist  di'eisilbig 

32.  7.  2|yäis  9rävi  qaenä  ayaühä 
doch  s.  auch  kaena  30.  8.  1. 

fraesta  wahrscheinlich  Superl.  zum  Comp,    fräyäo,  mögli- 
cher Weise  auch  das  sanskrt.  preshtha,  Wurzel  pri,  ist  dreisilbig 
49.     8.  4  I  f "raestäonho  äonhäma 
äi  und  6i  sind  zweisilbig,  wenn  sie  für  aya  oder  aya  stehen 

46.  13.  5|mehmaidi  hus-hakhaim 

die  Declination  des  Wortes  stimmt  mit    der   desselben   Wortes 
im  Sanskrt  überein ; 

nom.  sg.  z.  hakha|s.  sakha 

dat.  sg.  hasha  &  hashe  |  sakhye 

acc.  sg.  hakhäim  |  sakhayam 

nom.  pl.  hakhaya,  hakhayo  |  sakhayah 
vgl.  y.  42.  6  humäim  für  humayam. 

ai  oder  6i  ist  zweisilbig  im  Causativ  von  var 

47.  6.  4 1  isheüto  väräite 

28.     6.  3 1  vauroimaidi  khrafijträ  hizvä 
vgl.  väuraya  31.  3.  3. 

Auch  ist  äi  zweisilbig  im  Dativ  mazdäi  s.  dessen  Decli- 
nation; ferner  in  däiti,  daite,    vidäiti,  vädäite  s.  Wurzel  day. 

Der  Dativ  pluralis  äis  ist  nie  zweisilbig  zu  lesen ;  44.  4 
4  und  46.  15.  4  fehlt  eine  Silbe. 

ao  ist  zweisilbig  in  Conjunctiven 

30.     9.   1 1  yöi  im  frashem  kerenaon  ahüm 
51.   19.  2|ye  ahüm  isha^ä?  aibi 
3  mazdäo  data  mraot| 

Ebenso  steht  es  für  ava  in  dem  Nominativ  pluralis  ashaono 
47.     4.   1  ahmät  manyeus  |räreshyanti  dregvato 
2  mazdäo  9pentät  |  ithä  ashaono 
es  ist  mit  K^  mazdä  zu  lesen. 

In  den  Casus  obliqui  ist  ao  einsilbig  zu  lesen.  Vgl.  sanskrt. 
maghavan,  yuvan  M.  Müller  Grammatik  §.  199  &  200,  dem- 
nach ist 

33.  7.  2|yä  9ruyc  parc  magaono 
ein  Nominativ  plur. ;  pare  steht  für  pari. 


Resultate  der  Silbenzäblung.  763 

eu    in  vanbeus   mnnunlio    ist  immer  einsilbig  in  der  '1.  3. 
iiiul  4.  i^'ätha  (vgl.  Vüliü  mananlia  oben);  dagegen    steht  es  für 
vasuas  in  der  gätbä  ahunavaiti  mit  folgenden  Stellen : 
28.     8.  1 1  V.  ayapta  m. 
28.   11.   1 1  V.  ca  datheng  m. 

31.  10.  2|v.  fshcnghi  m. 

32.  15.  3 1 V.  ä  demänc  m. 

33.  13.  2|yä  v.  ashis  m. 

33.  14.  2 1  manaiihayea  v.  mazdä 

34.  11.  3|v.  qaetheilg  m. 

Stellen,  wo  die  mangelnde  Silbe  auch  anders  ergänzt  wer- 
den kann,  sind  weggelassen;  dagegen  ist  vanbeus  zweisilbig 
zu  lesen : 

28.     9.  3  I  vicpai  yave  v.  m. 

30.  10.  2|ä  hushitois  v.  m. 

31.  8.  2  V.  patarem  m.  | 

34.     7.  Ijyoi  V.  vaedemnä  ra. 

Wie  oben  bemerkt,  ist  49.  3.  3  mit  Umstellung  tä  izyä 
V.  9are  m.  zu  lesen;  vgl.  44.  13.  .ö. 

B. 

Vocaleinschub  ist  nach  der  jetzigen  Schreibung  erforderlich 
im  Suffix  thra,  ursprünglich  wohl  tara  s.  Schleicher  Comp.  §.  22.Ö. 
Vgl.  Kuhn  Beiträge  IV.  195.  unter  1. 

28.     2.   1  I  uptänaza9t6  rafedhrahyä 

33.  11.  2 1  mana^cä  vohu  khshathremcä 

45.   10.  4  khshathroi  hol  | 

.50.     6.  1  ye  mathrä| 
Viel  häutiger  sind  die  Beispiele,  in  welchen  thra  einsilbig 
zu  lesen,  s.  auch  48.  5.   1   in  Folgendem. 

vgl.  skyaothana  yathana. 

Die  Endung  nma  des  Ptep.  med.  ist  immer  mana  zu  lesen ; 
der  vorgehende  Stimmton  ist  nicht  zu  sprechen :  so  geschrieben 
ist  iymano  46.  6.  1 

&  31.  19.   1  I  khshayamano  hizvo  va96 
das    auch    32.    15.    2.    sich    tindet    und    viersilbig   zu  lesen  ist; 
Verbum   khshi  wird   nach   der  ersten  Conjugation  flectii-t ;  vgl. 
sanskrt.  kshayamäna. 


764  Mayr. 

32.  1 5.  2 1  noit  jyäteus  khshyamneng  va96 
auch  9äremn6  ist  viersilbig 

32.     2.   1 1 9äremn6  vohü  mananliä 
da  9ar  nach  der  ersten  Conjug-ation  flectirt  wird,  vgl.  51.3.    1. 
hacimano  ist  viersilbig  43.   10.  2  und  wahrscheinlich  auch 
43.   12.  4,  wo  mäzärayä  zu  lesen  wäre. 

43.   10    2  ärmaiti  |  hacimano  it  ärem 

43.   12.  4  9raosh6  ashi  |  mäzärayä  hacimno 
in  beiden  Fällen  ist  hacimno  gleich  hacyamano,  wie  auch  Spiegel 
übersetzt;   s.    auch    Spiegel   Anhang    §.    76,    hacemna   ist  ganz 
richtig  dreisilbig  44.  10,  3,  44.  13.  4. 

Ferner  ist  vaedimno  viersilbig  zu  lesen 

28.  6.   1  ashä  kat  thwä  dare9äni| 

|mana9cä  vohü  vaedimno  K^   :  vaedemno 
ob  hier  eine  Verwechslung  mit  viiidemno  vorliegt,  das  nach  der 
1.  Conj.  flectirt  wird,  oder  ob  vidyamano  zu  lesen  ist,  lässt  sich 
nicht   leicht    entscheiden ;    auch   der   Ausfall    einer    Silbe    wäre 
nicht  unmöglich. 

Vocale,    welche    die    spätere    Orthoepie    nicht  gesprochen, 
oder  aus  Versehen  des  Schreibers  ausfielen,  sind  zu  restituiren. 

29.  9.  2|yem  ä  va9emi  ishäkhshathrem 

lies  ~  khshatarem,  da  ein  Acc.  sg.  m.  vorliegt ;  der  a-Vocal 
ist  in  Folge  des  häutigen  Vorkommens  des  Wortes  khshathrem 
als  Neutrum  ausgefallen. 

ärmaiti  ist  äramaiti  zu  lesen.  Cit.  s,  bei  Justi. 
ehmä  ist  dreisilbig;  es  scheint  eine  conj.  Form  der  Wurzel 
ah,  as  zu  sein. 

29.   11.  3  I  ehmä  rätois  yusmävatam 
34.     1.  3  aeshäm  toi  ahuräj 

I  ehmä  paourutemäis  da9te 
43.   10.  3  pere9äcä  näo  |  yä  toi  ehmä  parstä 
vgl,  Spiegel  §.  42  im  Anhang,  Justi  azem. 

hafshi    und   hapti    sind    mit   dem    Bindevocal    a   zu  losen, 
vgl.   sanskrt.  sapati 

31,  22.  2|vacanhä  skyaothanäcä  hapti 
43.     4.  2 1  yä  tu  hafshi  aväo 
45.     7.  2|äonharecä  bvainticä  vgl,  33.   10.  1. 
i  ist  zu  lesen 

31.     2,  3|yä  ashät  hacä  jvämahi 


Besaltate  der  Silbonzälilung.  765 

31.     3.  3|yä  jvanto  vi^pciig  vaurayä* 

43.  12.  2  aprustä  paityaog-zhä 
1.  paiti  —  yaog-zhä 

45.     7.  2  yöi  zi  jvä|l.  jiva 

48.     8.  3  paityaoget  tä| 
1.  ))aiti  ^  yaog-et. 

V    ist   in    der   Schrift   ausgefallen    und  als  Vocal  zu  lesen 
in  qaetliefig  34.  12.  3  fsheiigli  31.   10.  2,  49.  9.   1   s.  oben  und 
Euntcr  day.  Eine  solche  falsche  Schreibweise  liegt  auch  49.  4  3  vor. 
|hvarstäis  vac?  duzhvarstäis  1.  liuvarstiiis. 

» 

c. 

1.  Fälle,  in  denen  Vocale  geschrieben  sind,  die  von  den  Ver- 
fassern   der   gäthäs  nicht  gesprochen  \Vurden,  sind : 
äat  Ablativsuffix  lies  ät 

28.  11.   1  at  yeiig  ashäatcä  voictä] 

31.  15.  3 1  pa^cus  viräatca  adrujyantö 

32.  4.  3  I  khrateus  nacyaiitö  ashäatcä 
vanuhi  ist  zweisilbig,  vgl.  sanskrt.  vasvi 

32.     2.  3  I  vaiiidiim  varemaide  ha  ne  aühat 
43.     .5.  4|vanuhim  ashim  vaiihave 
48.     2.  4 1  vanuhi  vi9tä  äkeretis 
51.  21.  3  tem  vanuhim  yä^ä  ashim 
vgl.    9.  7  ä  mäm  yä9anuha  9pitaiua 

frä  raäm  hunvaüuha  qaretee 
s.  Westphal.  S.  446. 

uye  ist  ve  zu  lesen 

29.  3.  2  avaeshäm  noit  viduye] 
31.  5.  2  viduye  vohu  manaühä| 
43.  9.  3 1  kahmäi  vividuye  vashi 
48.     7.  2|mananlie  didraghzho  duye 

viduye  und  vividuye  sind  Infinitive;  ob  duye  48  .  7.  2  Per- 
sonalendung zweiter  Person  pluralis  medii  ist,  lasseich  dahingestellt ; 
das  Vcrbum  yyodüm  der  vorgehenden  Zeile  steht  in  derselben  Per- 
son, cuye  49.  9.  1,  das  Spiegel  als  Infinitiv  auf  uye  fasst  (§.  75 
im  Anhang)  ist  entweder  Nomen  oder  ein  Infinitiv  auf  e ;  auch 
ist  uye  zweisilbig 
46.  15.  3  täis  yüs  skyaothanäis  |  asheni  khshniaibyä  daduye 


766  Mayr. 

Spiegel  übersetzt:  durch  diese  eure  Tliaten  wird  euch  die 
Heiligkeit  gegeben;  die  Form  daduye  ist  mir  unklar. 

Im  Genetiv  airyamanas  ist  das  a  des  Wortbildungsuffixes 
nicht  zu  sprechen. 

33.  4.  3  airyamanascä    nadento  | 

46.  1.  2 1  airyamanascä  dadaiti 

Ob  im  Genetiv  pluralis  der  Wörter  auf  an  der  Vocal  des 
Suffixes  nicht  gesprochen  wurde  und  aäm  aufzulösen  ist,  dar- 
über kann  man  nach  der  Silbenzahl  nicht  entscheiden. 

34.  12.  2|yä  ve  däyät  ashis  räshnam 
45.     3.   1 1  yöi  ukhshäno  a9näm 

50.   10.  3  I  apnäm  ukhshä  aeurus 
(a^anät,  yathanä,  skyothana  siehe  im  if.) 

3.   Schwund  im  Stamme. 

Im  Worte  patar  ist  das  a  des  Stammes  manchmal  nicht  ge- 
schrieben, wurde  aber  auch,  wo  es  sich  geschrieben  findet,  nicht 
gesprochen. 

31      8.  2  vanheus  patarem  mananho  | 

44.  3.  2  I  patä  ashahyä  paouruyo 

45.  4.  3  ptarem  vanheus  | 

45.  11.  5|ptä  vä  mazdä  ahurä 

47.  2.  4|hvr)  ptä  ashahyä  mazdäo 

So  in  den  starken  Casus ;  von  den  schwachen  findet  sich 
einmal  der  Dativ 

44.     7.  3|vyänayä  puthrem  pithre 
vyänayä  ist  dreisilbig  29.  6.  1 ;    der   Doppelconsonant  hat  den 
Stammvocal    geschützt,    der    Schwund    trat  im   Suffix  ein.  Da- 
gegen ist  Schwund  im  Suffix  des  Acc.  sg.  eingetreten 
34.     4.   1   at  toi  ätarem  ahurä  | 
gam  mit  Schwund  des  Stammvocals 

46.  11.  4  yyat  aibi-gemen| 

44.     8.  5|vöhu  urväshat  ägemat  tä 
s.  Justi  W.  b.  und  yt.  5.  62  fräghmat 

genä  ist  einsilbig  wie  es  im  Sanskrt  geschrieben  wird;  in  den 
Veden  wurde  es  oft  zweisilbig  gesprochen,  s.  Kuhn  B.  4,  S.  195 
unter  5. 

vgl.  indog.  ganä 

46.   10.   1  Igenä  vä  mazdä  ahurä 


Resultate  der  Silbeiizähluiij,'.  767 

Schwund  im  Stamme  läge  vor  in  demank,  wenn  es  auf 
die  Wurzel  dam  zurückg-efülirt  werden  könnte.  In  demäna, 
debäz  debu  läge  ein  Schwund  des  Praefixvocales  vor,  wenn  die 
Annahme  der  Zusammensetzung  mit  demselben  richtig  ist. 

Schwund  im  Suffix  ist  eingetreten  in  der  dritten  Person  sing, 
impcrfectiactivi.  Demnach  ist  e  Hilfsvocal  in  yaoget,  coret  (viel- 
leicht ist  auch  fraoret  hieherzustcllen)  S})icgel§.  08  s.  Hilfsvocale. 

D. 

Zur  Herstellung  des  Textes. 

1,  Ist  dieselbe  Präposition  zweimal  im  geschriebenen  Text,  so 
ist  sie  das  zweitemal  zu  streichen. 

31.     8.  2|hyat  thwä  hem  cashmaini  (hen)  grabem 

31.  13.  2|ä  mazistäm  (a)  yamaite  büjem 

32.  9.  2  apo  ma  istim  (apa)  yänta| 

32.  14.   1 1  ni  kavaya9cit  khratus  (ni)  dadat 

33.  7.   1  a  mä  (ä)  (ä)idüm  vahista| 

33.     8-   1  frö  moi   (fra)  voizdüm  arethätä| 

33.  12.  1  uc  moi   (uz)  areshva  ahurä| 

34.  5.  2  pare  väo  vicpais  (pare)  vaokhemä| 

so  auch  44.  13.  2,  nis— nis;  47.  3.  4  him— hem;  49.  3.  4 
antare — antare;  49.  11.  3  paiti— paiti;  auch  46.  3.  2  fro — fra; 
49.  6.  1  fro — fra;  46.  12.  2,  wo  sich  die  Präposition  aus  dem 
ersten  Vers  eindrängte : 

46.   12.   1)  yyat  U9  ashä  |  naptyaeshü  nafshucä 

2)  türahyä  (uz)  jen  |  fryänahyä  aojyaeshu 
48.  7.  4  s.  t. 

46.   10.  5  fro  täis  vi9päis|  cinvato  (fra)  fra  peretüm 
1.  peretuam, 

Bleibt  die  Stelle  31.  13.  3  wo  die  Präposition  aibi  richtig 
wiederholt  scheint;  wenigstens  wäre  es  schwierig,  die  Silbenzahl 
ohne  Veränderung  im  Texte  herzustellen  (vgl.  das  obenc.  31.  13.  2) 

31.   13.  8  tä  cashmeSg  thwi^rä  häro  | 

I  aibi  asha  aibi  vaenahi  vippä 
cashmengist  nach  Spiegel  Anhang  29  und  .Tnsti  Acc.   pl.  so  auch 
cashmam,50.lO.  2,Avo  es  zweisilbig  zu  lesen  wie  auchhakhmeng49. 
3. 4 ;  cashmciigundhakhmeiig  sollen  heteroklitisch  gebildet  sein,  das 
ist  mit  Uebertritt  in  die  a  Declination  (s.  Kuhn  IV  195  unter  2,  sr.) 

2.  Wiederholte  Partikeln  oder  Wörter  sind  zu 
streichen. 


768  Mayr. 

Das  eine  cä  ist  zu  tilgen  30.  3.  2,  33.  4.  4.  3  —  das 
zweite  ne  ist  zu  streichen 

48.     6.   1  ha  zi    ne    hulshoithemähä  (ne)  utayüitini 
bemerkenswerth    ist,    dass    die    Caesur    nach    dem  ersten  Tlieil 
des  Compositum  fallen  kann.     Vgl.  Kuhn  über  Caesur    in  den 
Veden  in  den  , Sprachlichen  Resultaten  aus  der  vedischen    Me- 
trik^ IIL  117 

30.   10.  1  adä  zi  avä  drüjo  avo  |     48.  5.   1 : 
hukhshathrä  khshentam  ma  ne    duskhshathrä  khshentä 

Ich  lese  khsheütam  khshayantam  wie  Spiegel  §.  15;  dazu 
bewegen  mich  die  oben  angeführten  Fälle,  wo  ae  immer  zwei- 
silbig zu  lesen  ist,  wenn  es  für  aya  steht;  die  Caesur  stelle 
ich  durch  Umstellung  von  niä  und  ne  her. 

hukhshathrä  ne|ma  duskhshathrä  khshentam 
die  Lesung  hukhshatharä  |  mä  ne  .  .  .  bietet  keinen  vollständigen 
Satzabschnitt  vor  der  Caesur,  der  mir  mehr  zu  entsprechen 
scheint;  auch  müsste  dann  entweder  ne  gestrichen  werden,  oder 
khshentam  zweisilbig  gelesen  werden,  welche  letztere  Annahme 
mit  den  angeführten  Analogien  —  mit  dem  Gesetz,  dass  jeder 
Vocal  oder  Diphthong,  der  aus  Zusammenziehung  zweier  Vocale 
entstanden  ist,  zweisilbig  zu  lesen  ist,  wie  er  zur  Zeit  der  Ab- 
fassung gesprochen  wurde,  in  Widerspruch  steht. 

48.     9.  3  eres  nioi  (erezh)ucam| 
doch   kann    vielleicht    auch   mit    Hinweglassung   von  eres  moi, 
erezhucaam  gelesen  werden. 

49.   1.  3  ist  das  eine  moi  zu  streichen. 

Dagegen  sind  richtig  die  Verse:  34.  5.  1,  34.  12.  1,  45.  1.1, 
und  1.  2,  2.  3,  2.  4,  2.  5,  11.  2,  46.  10.  1,  48.  6.  1,  49.7.  3,  U.'l. 

3.  Als  überzählig  sind  anzusehen  die  Partikeln  ä,  cä,  ne  in 
folgenden  Stellen;  an  eine  Contractiou  mit  dem  folgenden 
Vocale  oder  Elision  eines  a  zu  denken  ist  schwierig,  indem 
solche  Silben  auch  in  einzelnen  Fällen  vor  Consonauten  getilgt 
werden  müssen,  anderseits  nicht  abzusehen  ist,  warum  die  Con- 
tractiou und  Elision  auf  diese  Partikel  und  nur  in  den  anzu- 
führenden Fällen  beschränkt  sei.  ä 

29.   11.  2 1  mazoi  magäi  ä  paiti  zänatä 

Trotz  der  Analogie  der  Form  mit  jänita  im  Sanskrt 
könnte  zäntä  gelesen  werden,  wodurch  das  ä  erhalten  bliebe  | 
vgl.  31.   17.  3  zdi  einsilbig. 


Resultate  der  Silbonzälilung.  769 

30.  7.  3  acshäm  toi  a  aühat  yat}ia|  ' 

31.  7.  3|ye  ä  nüremcit  ahurä  lu\in6 

34-    10.  3 1  thwalimi  mazda  khshathroi  a  voyathrä 
34.  11.  3|täis  ä  mazda  vidvaesham  thwoi  ahi 
n  e  29.     4.  3 1  atliä  ne  anliat  yatha  livo  va^at 

.30.     2.  3 1  ahmai  ne  ^azdyoi  baodanto  paiti 
ca  30.     4.  2|yatliaca  aiiliat  apemom  anhus 

32.  9.  3  I  mazdA.  ashaica  yushinaibya  gereze 
.32.  12.  3|kai'apä  khshathrenica  ishanäm  drujeni. 
Die  Beispiele  sind  alle  aus  der  1.  gatlia;  in  der  2.,  3., 
4.  findet  sich  kein  Beispiel.  In  30.  7.  3,  44.  10.  3,  34.  11.  3 
steht  ä  nach  einem  ursprünglichen  lang-en  e  oder  nach  ai ;  um 
in  diesen  Fällen  eine  Contraction  anzunehmen,  kann  man  sich 
auf  ähnliche  Fälle  in  den  Veden  nicht  stützen;  für  31.  7.  3 
ye  ä  mangelt  auch  jede  Analogie,  man  wollte  denn  die  Con- 
traction wie  in  Fällen,  wo  die  Vocale  durch  visarga  getrennt  sind, 
eintreten  lassen,  s.  Kuhn  IV.  198.  Leichter  wären  zu  erledigen 
29.  4.  3  und  auch  30.  2.  3  wenn  man  ne  ahmfü  umstellen 
würde,  und  in  beiden  Fällen  Elision  eintreten  Hesse.  In  30. 
4.  2  und  32.  12.  2  könnte  Contraction  stattfinden  und  es  bliebe 
nur  32.  9.  3,  wo  cä  zu  tilgen  wäre. 

de  vor  jämä^pa  ist  eine  spätere  Einschiebung  in  40-  17. 
?,  49.  9.  4,  51.  18.  1,  ebenso  deiig  45.  11.  4  s.  A.  1.  und  2 
unter  paoshyant;  vgl.  demäna,  debu,  debäz. 

Eine  überzählige  Silbe  oder  Wort  ist  zu  streichen : 

43.  12.  5  yä  ve  ashis|  ränoibyo  (;av6i  (vi)däyät 

44.  17.  3  äkistim  I  khshmäkära  yyat  (cä)  mni  (qyät)  väkhs-aesho 
48.     6.  3  at  aqyäi  |  (ashä)  mazdäo  urvaräo  vakhshat 

4.  Eine  Silbe  fehlt: 

44.   12.  2  ke  ashava|yäis  pere^a  ke  dregväovä 

40.   15.  4  yäis  dätäiscä|  paouruyäis  ahurahyä 

44.     4.  4  ke  vätäiscäjdvänmäibya9cä  yaoget  ä^ü 

51.   11.  1   ke  vä  urvatho  9pitaniäi  | 

5.  Der  Text  ist  fehlerhaft: 

47.     1.  3  noit  niä  khshnäusjyä  verezenä  hecä 
vielleicht  noit  mä  khshnaoshon  |yä  verezenä  nie  hacä;  khshnäus 
ist  einsilbig  4G.  13.  2,  51.  12.  1  und  ist  im  Singular;  hier  braucht 
man  einen  Plural  wie  .30.  5.  3  —  das  äu  und  ao  sind  Steigerung 
und    folglich    einsilbig    wie    aucli    khshnaoshäi    40.     1.     5    und 


770  M=iy- 

khshnaoshemnö    46.    18.    4    bezeugen.    —    Der  Sinu    wäre  ,die 
Nachbarscliaft  will  mir  nicht  wohP. 

46.     5.  2  urvätois  vä  |  huzeStus  mithroibyG  vä 
Stamm  urväta;  vielleicht  ist  urvätoibyä  zu  lesen.  Vgl.    Spiegel 
Anhang  21.  instr.  dat.  abl.  dual. 

50.  11.  2  yävat  ashä  |  ä  taväcä  i9äicä 

ist  vielleicht  ä  mit  der  Schlusssilbe  von  ashä  verschmolzen  und 
daher  zu  restituiren.  Vgl.  28.  5.  3  yavat  icäi  taväcä  | 
Schreibfehler  sind : 

44.   14.  5  ä  is  dafsheiig  |  mazdä  anä^e  ä9täccä 
1.  anä^t.  M  ist  mit  i»  verwechselt. 

51 .  3.   1  ä  ve  geus  ä  hemyaüiti  | 

eine  wiederholte  Präposition  wäre  zu  streichen;  auch  der  Sinn 
verlangt  es,  dass  man  geusä  lese.  Vgl. 

30.     2.   1  craotä  geus  äis  vahistä  1 1.  geusäis 

51.   10.  2  hvo  dämois  drujö  hunus  | 
I  tä  duzhdäo  yoi  henti 
aus  der  Caesur  und  dem  Sinn  ist  ersichtlich,  dass  hunustä  eine 
falsche    Schreibung;  —  vgl,   die   Constr.  45.  6.  2.  Das  drujen- 
Geschlecht  hunustä  beschränkt  seine  schädliche  Thätigkeit    auf 
Justi's  Handbuch. 

Das  Pronomen  tam  istwiederholtgeschrieben  und  fehlerhaft, 
wahrscheinlich  für  eine  Verbalendung  gedeutet,  mit  dem  vorher- 
gehenden Worte  verbunden  48.  5.  4 

gavoi  verezyä|  (tarn)  tam  ne  qarethäi  fshuyo 

48.  7.   1  ist  ne  aeshemo  zu  streichen;  ni  ist  Wiederholimg  I 
der  Präposition;  aeshmo  scheint  auch  29.  1.  2  zu  tilgen,  wenn  nicht  | 
remo  auszuwerfen  ist;  höchst  wahrscheinlich  ist  entweder  aeshemo  j 
Glosse  zu  remo  oder  umgekehrt  und  so  in  den  Text  gekommen.  Vgl. 
46.    12.   4    aeshem  mahyä   K-  und  aeshemem   ahyä  K,,.  s.  auch 
Justi  2  da  -|-  ni 

48.  7.   1  ni  aeshemo  ni-dyätäm| 
paiti-remem  paitipyodüm  K,;  1.  cjiozhdem  =  cyozhdüm.  lies 

nidyataam  |  paiti  remem  pyözhdüm 

49,  3.  3  ta  vanheus  ^are  izyä  mananho  = 
L  tä  izyä  I V.  9are  m. 

.51.  19.   1   hvo  tat  öä  maidyo-mäonhä  | 
ist  das  Subst.  nä  wegzulassen,  s.  mäoi'di  A.  3  Wurzeln,  in  denen 
äo,  ä  zweisilbig  zu  lesen  ist. 


Kesultato  ilcr  .Sillpir/.iihlung.  /  /  1 

Index. 
E. 

a9anät  45.  1.  2;  zweisilbig  a^nät  zu  sprechen,  vgl.  yt. 
22.   13  acnäatca,  yt.    17.  2  ä9anaeca,  yt.  22.  2  und  20  a9ne. 

a^rvätem  30.  3.  1  ist  viersilbig,  a  ist  Präposition  und 
nicht  Augment;  letzteres  erscheint  nie  in  den  gäthäs;  vgl. 

31.  13.  2|ä  mazistam  (a)yamaite  bujeni 
wo  die  wiederholte  Präposition  ebenfalls  falsch  geschrieben  ist. 
a9ashutä  48.  1.  2  ist  dreisilbig;  die  Ableitung,  von  shu 
ist  irrig;  vgl.  arezoshütahe  yt.  10.  36.  areraoshüto  yt.  13.  72; 
mainyushiitäo  yt.  13.  42  y.  9.  32  yatha  awrem  vätoshüteni,  auch 
aipishüta  und  frashüta. 

u  z  e  m  o  h  ü  46.  92  ist  dreisilbig ;  es  ist  mit  Spiegel  und 
Justi  U9mahi  zu  lesen. 

Der  dem  r  in  Folge  der  Epenthese  vorgeschlagene  Vocal  u 
beruht  auf  spätere  Orthoepie ;  in  den  gäthäs  sind  diese  Wörter 
mit  r  -)-  Vocal  wie  rud,  rup  etc.,  oder  mit  anlautendem  vr  -f- 
Vocal  wie  urväta,  oder  v  -|-  Vocal  z.  B.  urväza  zu  lesen.  Dass 
die  Epenthese  auch  im  Innern  der  Wörter  erst  nach  der  Ver- 
fassung der  gäthäs  eintrat,  geht  daraus  hervor,  dass  ein  so  ent- 
standenes i  niemals  gezählt  wird;  u  findet  sich  ntir  einmal 
im  Innern  des  Wortes  .50.   10.  3 

raocäo  qeiig  |  a9näm  ukhshä  aeurus. 
In  den  vier  ersten  gäthäs  finden  sich: 
urüdüyatä  44.  20.  4 
urüpayeiiiti  48.   10.  3 
urusha  29.  7.  2  vgl.  s.  rüksha 
urürao9t  51.   12.  2 

urvae9a  43.  5.  5  untl  (>.   1  vgl.  vrac  -|--  fi"i 
urvaiita  bei  Justi  31.  3.2  nach  Westergaard  gelesen: 

yyat  urvatem  cazdonhvadebyö  |  vgl.  urvafit 
urvätha  51.   14.   1  urvatha  bei  .lusti 
urväidyäo  34.  6.  3 
urväkhs,  Verbum  34.  13.  2,  44.  8.  5 
urväkhs-ukhti  32.   12.  2 
urväza  30.   1.  3.  vgl.  s.  varj 
urväzista  49.  8.  1 
urväzeman  32.  1.  2 

urväta  .30.  11.  1,  31.   1.    1  und  I.  2,34.  8.  2,  44.   15.  4 
urvädaAh  43.  2.  5 


772  Mayr. 

Dagegen   ist  das  u  i'adical  in 

urvaiit  50.  7    1 1  zevistayeng  urvato 

urvan  Citate  bei  Justi 

urvara  44.  4.  3,  48.  6.  .3,  51.  7.   1 
(s.  auch  unter  D.  5.  46.  5.  2  urvätöis  vä|    und  Justi). 

eeä  scheint  einsilbig  47.  2.  2 

hizva  ukhdhäis  I  vanheus  eeänil  mananhä 
vgl.  32.   16.  3 1  e.  e.  ä  liü  ishyeSg  aShayä 

ehma  ist  dreisilbig  29,  11.  .3,  .34.  1.  3,  43.  10.  4  s.  B. 

qaeth  eng  s.  B, 

zbä  s.  F.  2 

dakhshara  43.  7.  4  wahrscheinlich  zweisilbie: 

day  vgl.  sanskrt  day  dayate. 

44.   19.  2  yac  tat  mizhdem  |  hanente  noit  däiti 
44.   19.  3  ye  im  ahmäi  |  erezhukhdhäi  nä  däite 

31.  11.  3|yathrä  varenefig  vacäo  däite 
mit  der  Präposition  vi 

47.     6.  2  äthrä  vanhäu  |  vidäite  ränoibyä 
51.     6.  3  ye  hoi  noit  vidäiti] 

32.  6.  3  thwahmi  vi  mazdä  khshathröi  | 

I  ashaecä  geiigho  vidäm 
zu   vi  geben    K^^y    die  Var.  ve;    es    scheint   aus    dem   zweiten 
Verstheil  eingedrungen  und  ist  leicht  zu  entbehren. 
Ich  conjicire  |  ashaecä  9ueng  yo  vidayäm 
,In   deinem   Reich   und    deiner   Ordnung   (oder  Wahrheit) 
möge  ich  der  Segnungen  theilhaftig  werden.' 

33.  3.  2|vidä9  vä  thwakhshanhä  gavoi 

Der  Diphthong  äi  und  der  lange  Vocal  ä  können  nur  da 
für  zwei  Silben  gelesen  werden,  wo  sie  in  der  älteren  Sprache 
als  solche  gesprochen  wurden  s.  A.  3. ;  es  liegt   demnach  eine 
Wurzel   day   vor,    die   auch    das  Sanskrt  kennt  und  däiti  däite 
sind  dayati  dayate  zu  lesen ;    doch  Hesse    sich  einwenden,  dass 
hier    Conjuuctive   vorliegen   könnten,    wonach   daati,    daate  mit 
eingeschobenem  y  gesprochen  worden  wären;  der  Schwund  des ' 
Modusvocals  des  Conjunctiv  habe  dann  die  Verschmelzung  des  y  ' 
init  dem  a  des  Stammes  zu  äi  involvirt ;    in    den   vorliegenden 
wenigen  Conjunctiven  des  Präsens  und  Imperfectum  eben  so  wie  i 
des  Aorist^  werde  überall  das  Moduselement  des  Conjunctiv  gezählt 
(s.  A.  3.  äo  und  ao  im  Conjunctiv ,  desgleichen  die  Aor.  der  unter 
A.    3.   angeführten    Wurzeln    auf  ä) ;  auch  sei  nicht  abzusehen, 


Resnltate  der  Silbonzählnng.  773 

warum  man  hiei-  nicht  ebcusu  die  Entstehung  c!es  Diphthongs 
erklcären  könne,  wie  bei  dem  äi  und  ui  des  Causativ,  ange- 
nommen, dass  die  als  solche  angeführten  Fälle  wirkliche  Causativ- 
bildung-en  seien  und  nicht  als  Conjunctive  des  einfachen  Verbum 
activum  oder  medium  zu  fassen  seien.  Darauf  lässt  sich  er- 
widern, die  Annahme,  dass  hier  Conjunctive  vorliegen,  sei 
nicht  motivirt,  da  das  Pronomen  ya  auch  mit  Indicativeu  con- 
struirt  werde;  auch  sei  die  Annahme,  dass  zwischen  die  beiden 
a  der  leichtern  Aussprache  wegen  ein  y  eingeschoben  wurde, 
willkürlich,  da  dies  doch  auch  bei  den  Conjunctiven  der  a 
Stämme  im  Aorist  nicht  geschehen  sei;  auch  bleibe  vidä9, 
das  unstreitig  dreisilbig  ist,  ohne  Erklärung.  (Darüber,  dass  ein 
durch  Epenthese  entstandener  Diphthong  nicht  zwei  Silben 
gebe,  herrscht  kein  Zweifel.)  Für  die  gegebene  Erklärung 
spricht  auch  daena. 

Zum  Stamme  day  ist  zu  stellen 

daena,  das  immer  dreisilbig  ist;  die  Stellen  sind:  31.  11. 

1,  20.  3,  33.  13.  .3,  34.  13.  2,  44.  9.  2,  10.  2,  11.  3,  45.  2.  5, 
11.  4,  46.  6.  5,  7.  5,   11.  3,  48.  4.  2,  49.  4.  4,  5.  2,   6.  4,  11. 

2,  51.  13.   1,   17.  2,  19.  2,  21.  2,  und 

d uz h daena  49.  11.  2,  das  viersilbio-  ist.  dav  heisst  ur- 
sprünglich  so  viel  als  1)  theileu,  ertheilen,  zutheilen  2)  als 
seinen  Theil  haben,  besitzen  (s.  B.  und  R.),  daraus  entwickelte 
sich  die  Bedeutung  3)  zerstören,  verzehren  im  Ved.,  Sanskrt. 
und  die  speciell  griechisch  iu  oaivü;j,'.,  oy.iry^.y.:,  oxi:  und  4)  An- 
theil  nehmen  Mitgefühl  haben  dayita,  griechisch  oak-u'.  r,-cp.  Im 
Zeud  wurde  day  speciell  füi-  die  Vertheilung  der  Grundstücke 
gebraucht,  daher  daya,  das  Feld  (vend.  1.  IG  ckaitim  ynm 
gavaca  dayaca  pourumahrkemj  als  das  zugetheilte  und  dayana 
die  Zutheilung,  d.  i  Anweisung  der  Grundstücke  und  daher  das 
Abstractum  Gesetz.  Aehnlich  ist  viixoc  aus  vo;j.i;  und  väa«.)  ent- 
wickelt, vgl.  nam  -f-  upa  im  Sanskrt.  Die  wiederholte  Vertheilung  der 
1  Grundstücke,  deren  Eigeuthümer  die  Gemeinde  ist,  an  einzelne 
Mitglieder  ist  noch  heute  bei  den  Slaven  gebräuchlich  und  Avar 
es  auch  bei  den  Germanen.  Vgl.  Tacitus  agros  per  vices  colunt. 

Ob  31.   19.  3  hieher  zu  ziehen  sei,  lasse  ich  dahingestellt. 

duzhazobäo  46.  4.  3  d.  hä(?|muss  dreisilbig  sein,  wenn 
häc?  nicht  eingeschoben  ist.  So  schreiben  K5. 4.  y.  duzhhzöbäo 
Ky.|,  ;  duzhdöbäo  P^. 

Sitzb.  d.  phil.-bibt.  d.  LXVUI.  Bd.  IV.  Ilft.  50 


774  Mayr. 

d  u  z  h  cl  a  o  n  h  s.  A.  3. 
dusskyaothana  s.  skyaothana  ib. 
f^  erat  US  ist  zweisilbig  51.  4.   1 

kuthrä  aröis  ä  fperatus  |  vgl.  51.   14.  2 

33.  12.  3|vohü  mananhä  f^eratüra 
scheint  fperatnam  zu  lesen,  s.  auch  vohü  maüanhä. 
mäzära  ist  zweisilbig  43.   12.  4. 
mazdä  ist  zweisilbig  im 

1)  nom.  sg.  29.  4.  1,  32.  2.  1,  33.  5.  3,  46.  17.  5,  48. 

6.  3,  49.  5.  1, 

2)  voc.    sg.   28.    2.  2,  7.  2,  29.  8.  2,  11.  2,  31.  19.  3, 
32.   9.  3;   34.  11.  3,  15.  1,  43.  3.  5,  45.  11.  5,  46. 

7.  1,  47.  4.  2,  49.  7.  1,  50.  5.  1. 
Dagegen  ist  mazdä  dreisilbig  im 

1.  acc.  sg.  28.     3.  2  mazdamcä  ahurem 

29.  5.  2|yyat  mazdäm  dvaidi  fra9äoby(') 

2.  dat.  sg.  31.     6.  3  mazdäi  avat  khshathrem  | 

31.  1.  3|goi  zarazdäo  anhen  mazdäi 

3.  gen.  sg.  28.     5.  2|vidus  mazdäo  ahurahyä 

30.  10.  3  mazdäo  ashaqyäcäj 

32.  4.  3  mazdäo  ahurahyä  | 

33.  2.  3  I  ahurahyä  zaoshe  mazdäo 
51.  29.  3  mazdäo  data  mraot| 

51 .  20.  3  j  mazdäo  rafedhrem  cagedo 
mit  ahura  construirt  findet  sich  der  Genetiv. 

.33-   11.   1   ye  ^evisto  ahuro  |  mazdäopcä  ärmaitiscä 
51.  22.   1   vaeda  mazdäo  ahuro  |  yoi  äonharecä  heiiticä 
In  30.  9.  2  und  31.  4.   1   wäre  cä  zu  streichen 

30.     9.  2  mazdäo^ca  ahuräonho  | 
, Seien  wir  Herrn  der  Weisheit,  d.  i.  derselben  thcilhaftig.' 
31.     4.  1  yadä  ashem  zevim  |  aiihen  mazdäo9cä  ahuräonho 
wahrscheinlich  liegt  aber  hier  kein  Gen.  sg.,  sondern  Nom.  pl. 
vor  wie  45.  1.  3 

nü  im  vi9pä|cithre  zi  mazdäonho  dum, 
wo  übrigens  zi  auch  spätere  Einschaltung  sein  könnte ;  dies 
müssto  hier  auch  angenommen  werden,  wenn  man  au  die  Wur- 
zel däonh  dächte.  Sind  die  Verse  richtig  überliefert,  so  müsste 
man  annehmen,  dass  im  Nominativ  pluralis  entweder  das  Suflfix 
as  mit  dem  auslautenden  Stammvocal  schon  zur  Zeit  der  Dichter 
der  gäthäs  verschmolzen  gesprochen    Avurdo,  während  man  die 


Resnltatp  dir  Silliotr/.rililung.  t  iO 

i 

iSuti'ixc!  des  Singular  getrennt  piMumncirtc,  oder  es  niüsste  jnit 
Trübung  des  Stammvocals  ein  einfaches  s  als  Suffix  des 
Plural  nominativ  angenommen  werden.  J)a  wie  oben  bemerkt, 
die  Plurale  äo,  a  oder  aonhO  nie  wie  Kuhn  für  die  Veden  IV 
1(S;)  annimmt,  aas  oder  aasas  gelesen  werden,  so  scheint  diese 
Spaltung  des.  Plural  ä  im  Sanskrt  entweder  ein  poetischer  Noth- 
behelf  um  eine  mangelnde  Silbe  zu  ergänzen,  oder  liegen  An- 
klänge an  die  Plurale  generis  feminini  im  Präkrt  vor  (Wiener 
Akademie  B.  GO  S.  543.  F.  Müller,  Beiträge  zur  Kenntniss  der 
Päli-Sprache  III)  die  Dehnung  und  Vocalisirung  eintreten  Hessen. 

m  ä  o  n  h  A.  3. 

yathanä  ist  zweisilbig  43.  10.  4,  die  Schreibung  beruht 
auf  späterer  Orthoepie;    vgl.    .31.    22.    1  und  skyaotliana  ib. 

yälii  s.  A.  3 

yäoüh  s.  A.  3 

caredana  43.  14.  4  ist  zweisilbig;  vgl.  paduma,  sadumä 
im  Päli  und  folgendes. 

s  k  y  a  o  t  h  a  n  a  und  skyaothna  (letztere  Schreibart  findet 
sich  bei  W.  28.  2.2  und  31.  IG.  3)  und  ist  in  der  2.,  3.  und  4.  gätha 
immer  zweisill)ig  zu  sprechen,  so  auch  in  huskyaothana  45.  4. 
4  und  dus-skyothana  49.  11.  1;  dagegen  wird  es  in  der  ahuna- 
vaiti  wohl  oft  skyothana  gesprochen  worden  sein.  Keinem 
Zweifel  unterlieg-t,  diese  Aussprache: 

31.  20.  3 1  skyothanäis  qäis  daena  naeshat 

32.  12.   l|vahistät  skyaothanät  maretäno 
34.  15.   1  1 9raväo9cä  skyaothanäcä  vaocä 

so  ist  aiR-li  dus-skyaothana  viei'silbig 

3 1 .   1 T).  2  dus-skyaothanäi  ahurä  | 
während  das  Wort  34.  9.  2  di*eisilbig  zu  sprechen   ist. 

Es  lässt  sich  nicht  entscheiden,  ob  das  Suffix  tna  ursju'üng- 
lich  tana  gesprochen  wurde  oder  tna  (vgl.  Suffix  tra  und  Schleicher 
Compendium    §.    22.    Suffix    tana).     Im   Sanskrt  iiiuhit  sich  das 
I  Suffix  tana  als  taddhita  zur  Bildung  von   Adjectiven    der    Zeit 
i  Pänini  G.  3..  17,  z.  B.  prätas-tana,  säyan-tana,  nü-tana;  als  lo't. 
1  Suffix  nur  in  dem  dunklen  Wort  vetana,  während  tna  primäres 
'  Suffix    ist.     Der    Umstand,    dass    im    Päli    ratana    (Fr.  Müller 
Beiträge  zum  Päli  I.  14)  gesprochen  wurde,  während  bei  momen- 
tanen Lauten  vor  Nasalen  i-ückwäl^s  wirkende  Assimilation  ein- 
zutreten pflegt,  dass  das  Prakrt  raana  spricht    (Fr.    Müller  III. 

50* 


776  Mayr. 

356)  —  die  Verschleifung  nicht  aspirirter  moineutaner  Laute 
tritt  nur  zwischen  zwei  Vocalen  ein  (ib.  539)  —  scheinen  da- 
für zu  sprechen,  dass  ratna  und  ratana  dialektisch  verschiedene, 
doch  zeitlich  sich  gleichstehende  Formen  gewesen  sind;  vgl. 
yathana  43.  10.  4. 

haurvatund  haurvatät  sind  wie  sie  geschrieben  sind 
zwei-  und  dreisilbig  zu  sprechen. 

Eine  Silbe  fehlt  31.  21.  1 
I  haurvato  ameretata^cä 
ich    ziehe  es  vor  cä  einzuschalten,  als  haurvatäto  zu  lesen,  da 
ich  nicht  weiss,  ob  die  Bedeutung  völlig  dieselbe  ist,  möglicher 
Weise  könnte  auch  ameretatätaccä  gelesen  werden  wie  34.  1.1. 

hafshi  und  hapti  s.  B. 

hudäonh  s.  A.  3 

huskyaothana  s.  skyaothana  ib. 

F. 

1.  Von  den  Hilfsvocalen. 

Westphal  a.  a.  O.  bemerkt,  ,dass  das  kurze  e  (im  Zend) 
nur  dann  als  eine  eigene  Silbe  gelte,  wenn  es  auch  im  Indischen 
einem  Vocale  entspreche,  nicht  aber  in  Formen  wie  kacethwam 
hvaredare^o,  wo  es  ein  dem  Avesta  eigenthümlicher  Hilfsvocal  ist.' 

Wir  geben  eine  Auslese  solcher  Hilfsvocale. 

e  nach  kh  vakhedhrahyä  29.  8.  3,  vaokhemä  34.  5.  3, 

e  nach  g  geuä  46,  10.  1,  yaoget  45.  4.  4,  paityaoget  40. 
8.  3  s.  Spiegel  §.  68,  dugeda  45.  4.  4,  auch  Atharva  Veda  2. 
14.  2,  10.  \.  25,  ebenso  in  der  story  of  ^unahsepha  v.  6 
(M.  Müller  bist,  of  anc.  Sanskrt  lit.)  ist  duhitar  zweisilbig;  i 
ist  ebenso  unorganisch  wie  a  in  OjYarr^p  vgl.  lithauisch,  altslo- 
venisch  und  gothisch  und  Kuhn  IV.   198. 

e,  e  und  i  nach  z  uzeraem  44.  7.  3,  uzemohii  46.  9.  2, 
raazibis  32.  11.  1, 

i  nach  zli  erezhijyoi  29.  5.  3, 

ß  nach  th  oithenA  44.  20.  1,  yoithemä  28.  10.  2,  räthemö 
44.  17.  5, 

a  nach  d  daibish  =  tbish  28.  7.  3,  32.  1.  3,  34.  4.  3. 
32.     1,  3|teiig  därayö  yoi  väo  daibishcüti 
34.     4.  3  at  mazda  daibishyante  | 
28.     7.  3|ya  daibishvato  dabaishao  taurvayämä 


Beiultate  der  Silbenzählung.  777 

34.  4.  o  müsste  tbishiante  gelesen  werden.  28.  7.  3  ist 
dabaisMo  zu  streichen  ;  die  inangelnde  Silbe  könnte  dadurch 
ergänzt  werden,  dass  man  taui'vayaania  läse  und  die  Form  als 
Conjunctiv  causativi  gelten  liesse,  wie  auch  Justi  erklärt,  daibi- 
bim  45.   1.  4  vgl.  dvitita  im  Sanskrt. 

e  und  i  nach  d  dregvödibis  29.  2.  3  dregvodebis  48.  11. 
3  cazdonhvadebyO  31.  3.  2  padebis  51.  16.  2  varedemäm  46. 
16.  5  hademoi  44.  9.  5,  46.  14.  4  ädebaoma  30.  6.  1  aipi-de 
bävayat  31.  17.  2  debazäiti  44.  6.  3  debävanhä  47.  6.  3  demäna 
31.  16.  1,  18.  2,  32.  13.  1,  15.  3,  45.  8.  5,  46.  11.  5,  49.  11. 
4,  51.  15.  2.  In  debn,  debaz,  demäna  könnte  das  Prälix  de 
vorliegen  (vgl.  Justi,  dem  aber  debu  eine  Erweiterung  von  dab 
scheint ;  Spiegel  Anhang  §.  1 1  und  Fick  vergleichendes  Wörter- 
buch der  indogermanischen  Sprachen  2  da  S.  85,  mäna  S.  152 
und  296,  der  auch  daibitya  und  daibish  hieherzieht). 

e  nach  j^  in  pere9  s.  F.  am  Ende. 

e  nach  /  rafedhräi  28.  4.  3  rafeno  28.  7.  2  fera^  s.  ib. 
am  Ende. 

i  nach  b  daibitänä  32;,  3.  3  daibitä  49.  2.  2 

a  nach  r  karapan ,  karapötanh ,  zarazdäo ,  zarazdäitis, 
fperatus,  maraka,  varana,  varatä 

ä  nach  r  neras,  merazhdyäi,  meräshyät 

e  nach  r  in  Bildungen  aus  den  Stämmen  arej  50. 
10.  2,  ared  34.  7.  1,  46.  16.  1,  50.  8.  3,  50.  11.  3,  gerez  28. 
2.  1,  32.  9.  3,  51.  17.  3,  mared  51.  31.  1,  vared  28.  4.  3,  46. 
16.  5,  49.  4.   1,   50.  3.  3,   varez  49-  7.  3,  50.  10.  1,    51.  1.  3. 

Ferner  ist  e  Hilfsvocal  nach  r  in  vielen  anderen  Fällen ;  die 
zu  einem  Zweifel  Anlass  geben  könnten,  wie  die  Fälle,  wo  a 
oder  ä  nach  r  als  Hilfsvocal  erscheint,  folgen  mit  den  Beleg- 
stellen : 

aoderescä  51.   12.  3, 

äkeretis  48.  2.  4, 

erekhtem  44.  2.  4, 

karapan  32.  12.  3,  44.  20.  3,  46.  11.  1,  48.  10.  3,  51. 
14.  1,  karpötanh  31.   15.   1, 

gäo-fr  ö  ret  ois  46.  4.  2, 

cöret  44.  7.  3,4.5.  9.  2, 

ciköiteres  32.  11.  1, 

zarazdäo  31.   1.  3,  zarezdäcä  31.   12.  2  und 

zarazdäitis  43.  11.  4, 


778  Mayr. 

zaranaema  28.   10.  1, 

doVest  49.  2.  3, 

neref9aiti  44.  3.  4, 

neres  29.  9.  2,  33.  2.  2,  34.  2.  2,  neräs  45.  7.  4, 

fraoret  s.  var,  • 

f  96  rat  US  ist  vielleicht  hieher  zu  stellen, 

berekhdäm  51.  27.  1. 

Die  indogermanische  Wurzel  mark  vgl.  Sanskrt  marc, 
marakaecä  31.  18.  3,  marekhtaro  32.  13.  2,  mareklishaite  51. 
10.  1,  meräshyät  45.  1.  4,  merengdyäi  46.  11.  2,  ni  meräzhdyäi 
44.   14.  3,  vi-marencaite  31.  1.  2, 

morend  32.  9.  1,  10-  1,  11.  1,  12.  2, 

rany6-9keretim  44,  6.  5,  50.  2.   1, 

var  lautete  im  Zend  wahrscheinlich  vra  varatä  30.  5.  1, 
32.  12.  3,  verenvaite  31.  17.  1,  varente  51.  18.  2  verente  43. 
16.  2,  verene  46.  3.  d,  a-varetö  35.  1.  5,  fraoret  30.  5.  3,  fra- 
varetä  31.   10.   1, 

varana  45.  1.  5,  2,  4,  varena  31.  11.  3,  48-  4-  3,  49.  3.  1, 

hanare  31.  15.  2,  47.  5.  3, 

häkurena    33.    9.    4,    44.    1.  4, 

d  nach  r  vielleicht  in  dakhshärä  43.  7.  4  und  mazärayä 
43.  12.  4, 

e  nach  aufrt>-  auslautenden  Wörtern:  ayare43.  2.  5, 
avare  29.  11.  3.  ädare  43.  18.  5,  cäkhnare  44.  13.5,  räzarc  34, 
12.  1,  vadare  32.   10-  3,  vazdvare    31.  21.  3.  9aqäre  29.  4.  1, 

6  nach  r  thwarozhdüni  29.  1-   1, 

a  nach  sh  in  Inchoativ  formen  isha9oit  50.  2.  1, 
isha9a9  51.  19.  2,  folglich  auch  in  isha9ä  31.  4.  2,  wo  eine 
Silbe  fehlt.  (hisha9at?  32.  13.  1,  vgl.  45.  4.  5.) 

e  nach  sh  aeshemem  49.  4.  1,  29,  1.  2,  2.  3  zaoshenu  51- 
12.  3  vgl.  vd.  7.  17.  2  zoishnuye. 

Nach  den  Sanskrtformen  apräksham,  papraccha,  prakshyati, 
prashta,  pra9ua  zu  schliessen  (vgl,  Fick.  S.  127  prak)  muss  die- 
selbe Wurzel  im  Zend  pra9  und  fra9  gelautet  haben ;  der  Hilfs- 
vocal  steht  denmach  in  pere9  fera9  "icht  nach  r,  sondern  nach 
p.  und  f.  pere9nianeng  30.  6.  2,  per9aite  31.  12.  3,  13- 1,  pere9ä 
31,  14.  1,  15.  1,  16.  1,  pere9atcä43.  7,  3,  pere9acä  43.  10.  3, 
in  den  ersten  Zeilen  y,  44.  1 — 19  und  44.  12.  2  tindet  sich  pere9ä 
und  pere9ä9  51.  5.  1,  fera9äby6  29.  5.  2,  fra9em  Kg,  fera9eui 
K4,  fera9im  K5  43.  9.  3,  fra9yä  und  K4,  fra9yä  44.  13.  5. 


Resultate  der  .Silbeiizählunj,'.  7  l  *) 

2.  Die  Frag-e,  ob  von  den  Kedactoren  der  garhäs  diese  Ililfs- 
vocale  wirklich  g-esprochen  wurden  wie  Schleicher  Compen- 
diuni  §.  28  und  Spiegel  Anhang  §.  14  annehmen,  scheint  zu 
bejahen.  Wie  im  Pali  und  Präkrt  zur  Erleichterung  der  Aus- 
sprache bei  zusammenstosscnden  Consonanten  in  der  Regel  vor- 
wärts, doch  auch  rückwärts  wirkende  Assirailatioji  eintrat  (Fr. 
Müller  Beiträge  zur  Kenntniss  des  Pali  I.  12  und  111.  03;"))  so 
machte  sich  im  Zend  der  Vocaleinschub  geltend. 

Dies  geschah  im  Anlaut  z.  B.  in  daibisli,  daibitim,  ceraosha, 
pere^,  ferap,  vgl.  im  Pali  kilamati,  giläna,  hiri,  palavati,  suma- 
rati  zum  sanskrt  klamati,  glana,  hri,  plavati,  smarati  (Fr.  Müller 
I.  30)  und  den  Vocaleinschub  in  den  Veden  im  Innern  der 
Wörter  (Kuhn  IV.  1 95)  theilweise  in  Wörtern,  wo  später  Vocal- 
öchwund  eingetreten,  doch  auch  in  andern ;  höchst  wahrschein- 
lich liegen  theils  in  der  Volkssprache  noch  conservirte,  theils 
zur  Erleichterung  der  Aussprache  verwendete  Vocale  vor  Im 
Griechischen  finden  wir  -apac7C7co  neben  'p^^'/ßc^  '/ßkol'J.  neben  grando, 
•/.:v{c  neben  ahd.  hni^.  Schleicher  Compendiuni  §.  43.  1.  In  r  + 
Cons.  endenden  Wm'zeln,  z.  B.  arej,  ared,  gerez,  zarazd,  thware9, 
mareüc,  mared,  mörend,  vared,  varez ;  vgl.  im  Griechischen 
CJpsYoj,  aArcsivsc,  5oAt/ic;,  -J-ajOäv,  -/.sAey-ävoc,  /.oaosgsc  neben  ipjAx, 
oCk-pc  sanskrt.  dirghas,  y]aOov  s.  kr9as ;  mit  langen  Vocalen  ipwB-.dc 
aXwTT^;  neben  ardea,  volpes.  Schleicher  ib.  Zwischen  dem  Stannn 
und  den  Endungen:  padebis,  mazibiS;,  dregvodebis  vgl.  xjvss^i, 
irihzüi  und  Schleichers  Erklärung,  es  lägen  Bildungen  nach 
Analogie  der  i  Stämme  vor.  (§.  43.   1.  Anm.) 

In  der  Inchoativform  ishacä  vgl.  aAiV/,o[Aa'.,  £up((jy.o),  locoxov 
etc.  (Schleicher  §.   193,  griech.  VI.) 

Vor  dem  Suffix  na  z.  B.  cithena,  varana,  varena,  vgl. 
sanskrt  varana,  vor  -ma  in  yöithema,  aeshema. 

Vor  Verbalsuffixen  z.  B.  va^emi,  U9emahi  vgl.  svapimi  etc. 
Schleicher  §.  15,  Oppert  §.  309  -  yaoget  cöret  fröret,  auch  in 
varente  vereüte  wenn  nicht  vrantc  gesprochen  wurde,  w^o  das 
Suffix  unmittelbar  an  die  Wurzel  trat  wie  z.  B.  in  cöis,  dörest. 
und  mraot:  vgl.  die  2.  und  3.  Conjunction  im  Sanskrt,  den 
Hilfsvocal  in  der  4.  Form  dos  Aorist  bei  Oppert,  z.  B.  anäishis, 
änäishit,  in  äsit,  äsvapat.  Schleicher  §.  15,  Anmerkung. 

Vor   anlautendem  r   z.    B.    Wurzel  rud,  rup  in  urüdüyatä, 


UV 


ü])ayeiiiti;2vgl.   iAayjJC,  ipbpic^  s^^ß^?,  ipvj-(tGfix;. 


780  Mayr. 

Vor  V  und  vr  im  Anlaut,  z.  B.  iirväza,  urväta ;  ähnliches 
im  griechischen  iep^etv,  Herr,  neben  sanskrt  varj  und  varsh; 
auch  vor  zwei  Consonanten  z.  B.  o^pi;  Schleicher  §.  43.  2. 

Eine  andere  Analogie  mit  dem  Griechischen  bietet  der 
Halbvocal  v. 

Zur  Zeit  der  Verfassung  der  gäthäs  war  dieser  Laut, 
wenn  er  dem  Sibilanten  s  folgt,  im  Schwund  begriffen ;  noch  als 
Vocal  gesprochen  in  qäthra  qanvafit,  schwankte  die  Aussprache 
in  hvare,  qareta;  während  z.  B.  in  qaetu  das  v  nimmer  ge- 
sprochen wurde,  wenigstens  nicht  als  Vocal  (vgl.  jedoch  sanskrt 
setu).  Für  den  gänzlichen  Schwund  desselben  in  der  späteren 
Sprache  sprechen  Formen  wie  fshefigh  31.  10.  2,  40.  9.  1, 
cefigh  32.  (^.  3,  die  zur  Zeit  der  Verfassung  der  gathäs  noch 
fshueiigh  und  9ue5gh  gelesen  wurden;  ebenso  qaetheSg  34.  12) 
2  (vgl.  cwosxa),  das  ebenfalls  qaethueng  gelesen  wurde. 

Im  Griechischen  sprach  man  (Schleicher  §.  ä45.  2  a  und  b, 
ffiyao)  cek^rrj,  ceXac,  k'kdrri,  üttvoc,  ifi'jq,  sx'jpoq,  oO,  oi,  e  neben  alt- 
hochdeutsch swTgen  sanskrt  svar,  svapnas,  svädus,  svä^uras  (ge- 
wöhnlich ^väcuras  geschrieben),  sva  ohne  v;  es  erhielt  sich  in 
aifö?  5  anlautend  in  ßo'jAo;j.a'.,  dialectisch  in  lakonisch.  ßepYOv,  ßtosTv, 
äolisch.  ßptta,  ßp6oov.  Schleicher  §.  14,5.  3.  c  Anmerkung.  In 
den  gäthäs  blieb  das  zur  Zeit  ihrer  Abfassung  als  u  gesprochene 
V  in  der  Form  eines  p  und  b  (vgl.  Schleicher  §.  136.  3)  in 
zbä,  huä  gesprochen  eig.  hu  nach  der  10.  Conjugation  flectirt, 
wie  auch  im  späteren  Sanskrt  ausschliesslich  geschieht,  s.  33, 
5.  1,  46.  14.  5,  49.  12.  1,  51.  10.  3, 

33.     5.  1  |9raoshem  zbayä  avanhäne 

46-  14.  5  teng  zbayä  |  vanheus 

49.   12.   1 1  zbayefite  avanho 

51.   10.  3  maibyö  zbayä  ashem 
vgl.  auch   hizu  oder  hizva  in  hizuo-raitim  ,50.    6.  3,  hizuo-va^o 
31.   19.   1  etc.,  das  aber  auch  mit  Halbvocal  gesprochen  wurde 

z.  B    46,     2.  2  hizvä  ukhdhäisj; 
in  9pem  und  appem  45.  9.  2 : 

ye  ne  U9en  |  coret  ppeficä  appeiicä 
1.  9uem  a9uemcä  mit  Weglassuhg   des  ersten  cä,  wie  30.  3.  2, 
s.  D.  3.  cä. 


781 


XIX.  SITZUNG  VOM  12.  JULI  1871. 


Dem  corr.  Mitgl.  Herrn  Prof.  Conze  wird  eine  Subven- 
tion bewilligt  zur  Vorbereitung  eines  Werkes  ,Römische  Bild- 
werke einheimischen  Fundortes  in  Oesterreich^ 


An  Druckschriften  wurde  vorgelegt: 

American  Journal  of  Science  and  Arts.    Second   Series.  V0I.   L.    No.   148  — 

150.   1870.  Third  Series.  Vol.  I.  No.  1— fj.   1871.  New  Haven;  8«. 
Gesellschaft,  gelehrte  estnische,  zu  Dorpat:    Verhandlungen.   VI.   Band.    1. 

und  2.  Heft.  Dori^at,  1870;  8".  —  Sitzungsberichte.  1869.  Dorpat,  1870;  8^\ 
—  Königl ,  für  nordische  Alterthumskunde :    Aarboger.    1870.    2.,    3.,    4.    Heft 

n.  Tillaeg;   1871.   1.  Heft.  Kjobenhavn;  8». 
Hamelitz.  Jahrgang  1871.  Nr.   1 — iS.  St.  Petersbm-g;  4". 
Peabody,  Institute:  IV^^e  Annual  Report.  Baltimore,  1871;  8^'. 
Sella,  Quintino,  Sülle  condizioni  dell'  industria  mineraria   nell'   isola    di  Sar- 

degna.  Relazione  alla  commissione  Parlamentäre  d'inchiesta.  Firenze,  1871 ; 

4''  und  Querfolio. 


XX.  SITZUNG  VOM  19.  JULI  1871. 


Das  corr.  Mitgl.  Herr  Prof.  Wein  hold  in  Kiel  sendet 
eine  Abhandlung  ,Die  Polargegenden  Europa's  nach  den  Vor- 
stellungen des  deutschen  Mittelalters^ 


Das  w.  Mitgl.  Herr  Dr.    Pfizmaier    legt    vor    eine    Ab- 
handlung:   ,Zur  Geschichte   der  Wunder  in    dem   alten  China^ 


782 


An  Druckschriften  wurde  vorgelegt: 

Accademia.  R.,  Virgiliana  di  Mautova:  Atti  e  Meniorie.    Biennio    1869 — 70. 

Mantova,  1871;  gr.  8". 
Gesellschaft,  Anthropologische,  in  Wien:    Mittheiluugeu.    I.    Band,    Nr.   10. 

Wien,  1871;  8". 

—  der  Wissenscliaften ,  k.  böhmische,  zu  Prag:  Abhandlungen.  VI.  Folge,  IV. 
Band.  Prag,  1871;  4«. 

—  Sitzungsberichte.  Jahrgang  1870.  Prag;  8'\ 

—  Zuklady.  Oddil  I— II.  V  Praze,  1865,   1866,  1867,  1868,    1870;    Oddil  III. 
IV,  a  V.,   Hesit  1.   1871;  4". 

Muse  um- Verein,    Siebenbürgischer:    Jahrbücher.    V.   Band,    2.    und  3.  Heft. 

Kronstadt,  1870  und  1871:  4». 
Protokoll  über  die  Verhandlungen  der  47.  General-Versammlung  der  Actionäre 

der  a.  pr.  Kaiser  Ferdinands-Nordbahn.  Wien,   1871;  4". 
Revue  Scientifique  de  la  France  et  de    letranger   et  Revue   Politique   et  lit- 

teraire.  1'^''=  Annee  {2""'  Serie.)  No.  2.  Paris  et  Bruxelles,  1871:  4". 
Verein  für  die  deutsche  Nordpolftihrt :  Berichte  über  die  Sitzungen.  FV.— XV. 

Bremen,  1870  und  1871;  8»». 

—  Siebenbürgischer,    für   romanische   Literatur   und    Cultur    des   romanischen 
Volkes:  Anulu  IV.  No.   13.  Kronstadt,  1871;  4*^, 


Weiiihold.    Polaigegeiulou  Europas.  783 


Die  Polargegendcn  Europas  iicxcli  den  Vorstellimgeii 
des  deutsclion  Mittelalters. 

Von 

Dr.   Karl  Weinhold, 

c.    Mitgliede    licr    k.   Akademit;    der   Wisseiiscliaften. 

Indem  ich  mir  die  Aufg'abe  setze,  die  Vorstclluug-en 
unserer  heidnischen  und  mittleren  Zeiten  von  dem  hohen  Norden 
darzulegen  und  die  ältesten  Entdeckt! ng-sfahrten  germanischer 
Männer  in  den  nördlichen  Meeren  vorzuführen,  g-laube  ich  mich 
einem  Geg-enstande  zuzuwenden,  welcher  für  die  Geg-cnwart  ein 
besonderes  Interesse  bietet,  da  sie  der  Erforschung'  der  Nord- 
polarg-cg-enden  lebhafte  Theilnahme  widmet.  Eine  Darleg-ung- 
der  geographischen  Kenntnisse  der  antiken  Völker  von  dem 
nördlichen  Europa  liegt  meiner  Arbeit  ganz  fern. 


Die  ältesten  g-eog-raphischen  Vorstellungen  der  Germanen 
erscheinen  in  der  Mythologie.  An  den  Anfang  der  Dinge 
setzten  sie  ein  wüstes  Nichts,  nach  skandinavischer  Bezeich- 
nung eine  gähnende  Kluft,  gap  ginnunga,  aus  der  dann  Licht 
und  Finsterniss,  Wärme  und  Kälte  sich  schieden.  Denn  im 
Norden  bildete  sich  die  kalte  Nebelwclt  Niflhcim ,  im  Süden 
die  heisse  Fcuerwelt  Muspellheim.  Mitton  in  Niflhcim  springt 
ein  brausender  Quell,  hvergelmir,  hervor,  aus  dem  die  zwölf 
Sturmströme,  die  elivägar,  hervorfliessen,  welche  jedoch  durch 
die  Kälte  in  einiger  Entfernung  von  dem  Ursprung  ej-starrten, 
so    dass    sich  Eis   über  Eis    in   ihnen    auflhürmte.     Durch    die 


784  Weinhold. 

Funken,  die  aus  Muspellheim  heranflogen,  schmolz  das  Eis  und 
es  tropfte  ein  lebendes  Wesen  zusammen,  Ymir  oder  Aurgelmir, 
von  dem  das  Rieseng-eschlecht  stammt  oder  genauer  das  Volk 
der  Reifrieseu  (hrim])ursar).  Und  als  das  Eis  weiter  tropfte, 
entstund  die  Kuh  Audhümla,  welche  aus  den  salzigen  Eissteinen 
das  erste  menschenartige  Wesen,  den  Buri,  herausleckte.  Die 
Enkel  desselben  sind  Odin,  Vili,  Ve,  die  den  Riesenvater 
Ymir  erschlugen  und  aus  den  Theilen  seines  Leibes  die  Erde 
bildeten. 

Diese  Erde  dachten  sich  die  Germanen  als  runde  Scheibe, 
um  welche  das  tiefe  Meer  fliesst.  Die  Küstenländer  desselben, 
den  Utgard,  bewohnen  die  Riesen;  Ütgard  heisst  desshalb 
auch  Jotunheim ,  Riesenwelt.  Die  inneren  Länder  der  Erd- 
scheibe,  der  Midgard,  sind  den  Menschen  eingeräumt. 

Auf  dieser  Erde  bleiben  die  ältesten  Theile  der  sich  bil- 
denden Weltordnung  bestehen.  Nur  erscheint  das  Südtheil, 
Muspellheira,  als  rein  mythisches  Reich  der  Feuerriesen,  der 
Muspellsöhne,  und  liegt  den  Nordmännern  weit  aus  dem  Sinne; 
während  Niflheim  nicht  blos  die  mythische  Welt  ist,  wohin  des 
Donnergottes  Riesenzüge  gehen ,  sondern  als  ein  wirkliches 
Land  im  höchsten  Norden  oder  Nordosten  gedacht  wird,  das 
auch  für  kühne  Seefahrer  zu  erreichen  ist.  Von  seiner  Natur 
verräth  die  Hymisquida  einiges.  An  des  Himmels  Enden,  öst- 
lich von  den  Elivagar,  wohnt  Hymir,  der  Riese  der  Däm- 
merung, zu  dem  der  Donnerer  fährt,  Walhschci  und  die  Welt- 
schlange bei  ihm  angelt  und  ihm  den  meilentiefen  Braukessel 
entführt.  Es  ist  ein  Felsenland  an  oder  in  dem  Meere,  mit 
Lavastrecken  (hraun)  und  Eisbergen.  Die  Natur  Islands  ist 
also  auf  das  Riesenland  übertragen  und  es  läge  nicht  fern,  eine 
der  heissen  Quellen  Islands  als  Vorbild  des  tiefen  Kessels 
(hverr,  lögvellir)  des  Riesen  zu  muthmassen. 

Nördlich  oder  östlich  über  den  Elivagar  liegt  das  Riesen- 
land, wo  Hymir  wohnt  und  wohin  Thor  watet,  um  mit  dem 
Hrungnii-  zu  kämpfen. '  Dort  ist  des  Himmels  Ende  und  solche 
Kälte  herrscht  da,  dass  dem  Aurvandil,  welchen  der  Donnerer 


'  Byr  fyr  ausfan  eliväga  huridviss  Hymir  ;it  himins  enda.  Hymisqu.  — 
I'^örr  sagfti  henni  pau  tiilimti  at  hann  hafdi  vartit  nordari  yfir  eliväga. 
Sn.  Edda  110.  Rask. 


rolargegendeii  Europas.  780 

im  Korbe  auf  seinem  Rücken  über  die  Stuiinströme  träg-t,  die 
Zehe  erfriert,  welche  er  aus  dem  Kurbe  herausstreckt.  Noch 
in  den  jüngeren  Sagas  begegnet  man  dem  Ausdruck  nordwärts 
um  die  Elivagar  fahren  für  in  die  Riesenwelt  reisen,  so  in  der 
Heidrekssaga,  '  obschon  dieselbe  Jotuuheim  in  die  nördliche 
Finnmark  setzt.  Aber  jene  nördlichen  Gegenden  von  Nor- 
wegen, .Schweden  und  den  Lappenländern  verhiillt  in  den 
späteren  Sagas  überhaupt  der  Schleier  des  IMärchcns,  und  so 
überrascht  es  auch  nicht,  dass  man  in  jüngerer  Zeit  den  alt- 
m}i;hischen  Namen  der  elivagar  auf  den  Einfluss  des  Eismeers 
in  das  weisse  Meer  übertrug.  -  Wir  werden  Gelegenheit  haben, 
auf  diese  späteren  Vorstellungen  von  dei-  allgemein  ostwärts 
gedachten  Riesenwelt  zurückzukommen.'' 

Wenden  wir  uns  aber  von  dieser  mythischen  Geographie 
zu  den  geschichtlichen  Nachrichten  über  unseren  hohen  Norden. 
An  die  Spitze  derselben  würde  Tacitus  Mittheilung  im  45. 
Kapitel  der  Germania  treten  von  dem  trägen  und  fast  be- 
wegungslosen Meere  nördlich  der  Schweden,  welches  den  Ei'd- 
kr(Ms  uinschliesst  und  über  dem  die  hellen  Nächte  liegen;  das 
Ende  der  Welt  ist  dort.  Allein  Tacitus  scliiipft  hier  nicht  aus 
deutschen  Quellen,  sondern  gibt,  wie  K.  MüllenliotF  nachwies,  ' 
die  dvirch  Pytheas  begründeten  Vorstellungen  der  antiken  Völker 
wieder.  Eine  deutsche  Fabel  erscheint  jedoch  in  der  Angabe,^ 
dass  die  Nachbaren  der  Schweden,  die  Sitones,  unter  Weiber- 
regiment  stünden:  denn  kaum  wird  liierin  die  älteste  Spur  der 
germanisclien  Volksetymologie  für  den  Finnenuamen  Kainulaiset 
als  Quenen "  zu  verkennen  sein. 

Auf  deutsche  Quelle  geht  vielleicht  auch  die  Nachiiciit 
am  Schluss  der  Germania  über  die  fabelhaften  Hellusii  imd 
Etiones  (Oxiones)  zurück,  welche  Menschenköpfe  auf  Thier- 
leibei'ii  tragen. 


'  Starkactr  AIiuIipmot  var  fariiiii  noi-itr  uni  olivaga.  Heidrekssaga.   1. 

2  Petersen  Ilandbog  i  den  ganmielnordiskc  Geografi  1,  229, 

•*  Fara  i  austrveg,  i  austrvega  heisst  geradezu  in  die  Riesenländer  gehen. 

*  K.  Müllenhoff,  Deutsche  Alterthumsknnde   1,  403  f.  422  f. 

^  Germ.  45:    Suionibus    Sitonum    gentes    continuantur,    cetera    similes    nno 

diftcrunt  quod  feniina  doniinatur. 

''  Got.  queneis,  altn.  quaenir.  Frauen. 


786  Weinhüld. 

Soviel  lässt  sich  uus  diesen  Stellen  bei  Tacitus  folgern, 
dass  zu  seiner  Zeit  die  Deutschen  sieh  mit  märchenhaften  Be- 
richten über  die  Völker  des  Nordens  trug^en.  Je  innig-er  damals 
noch  der  Zusammenhang-  zwischen  ihnen  und  den  skandinavi- 
schen Vettern  war,  um  so  lebendig-er  werden  die  Erzählungen 
über  die  Wunder  der  eisigen  Nebelwelt  und  das  Aussenland 
der  Riesen  auch  zwischen"  Rhein  und  Donau  gepflegt  wor- 
den sein. 

Leider  versiegen  nach  Tacitus  wieder  die  Quellen.  Der 
gelehrte  Gote  Jordanis  führt  zwar  in  seinem  Geschichtsbuche ' 
eine  lange  Reihe  Vcilkerschaften,  germanische  und  finnische,  in 
Scandza  auf.  Allein  man  gewinnt  kein  Bild  daraus,  wie  er 
oder  die  Goten  seiner  Zeit  sich  den  hohen  Norden  vor- 
stellten. 

Den  ersten  Reisebericht  eines  germanischeu  Mannes  über 
eine  Nordfahrt  verdanken  wir  dem  englischen  König  Alfred, 
welcher  die  Erzählung  des  Norwegers  Ottar  (Ohthere)  über 
seine  Entdeckungsreise  in  den  Anfang  der  Uebersetzung  des 
Orosius  einschaltete.'-  Ottar,  den  seine  Reiselust  auch  nach 
England  führte,  sagte  dem  König,  dass  er  in  Halogaland  am 
nfirdlichsten  von  allen  Norwegern  wohne.  Nordwärts  von  ihm 
liege  unbebautes  weites  Land;  nur  Finnen  fänden  sich  an  ein- 
zelnen Orten,  im  Winter  der  Jagd  wegen,  im  Sommer  als 
Fischer  an  den  Küsten.  Da  habe  es  ihn  einmal  gereizt  zu 
untersuchen,  wie  weit  gen  Nord  das  Land  reiche  und  ob 
Menschen  in  der  Wüstenei  wohnten.  Er  habe  ein  Schiff  aus- 
gerüstet und  sei  an  der  Küste  gen  Norden  hingefahren,  ödes 
Land  steuerbord,  die  weite  See  backbord.  Nach  di"ei  Tagen 
kam  er  zu  der  nördlichsten  Fangstelle  der  Waljäger.  Darauf 
segelte  er  weiter  drei  Tage  nordwärts,  bis  das  Land  nach 
Osten  umbog  oder  die  See  bog  landein.  Er  wusste  nur,  dass 
er    dort  West-    oder   NordAvind    erwartet    habe    und    dann    vier 


'  De  rebus  geticis  oap.  8. 

2  Den  besten  Text  von  Ottars  Boricbt  nacli  noner  Abschrift  der  Hand- 
sclirift  gab  Rafn  in  den  AntiqTiites  rnsses  II,  459 — 470.  Unter  den  Er- 
läutcrinigsselirifti'n  zn  Ottars  Reise  ist  vorzüglich  7,n  nennen  Daldiiianns 
Abliandlung  in  seinen  l"\irscliiiiig('n  auf  dem  Ocliiete  der  rjescliichtc  F, 
403— 45G. 


Polargegenden  Europas.  787 

Tage  läiig-s  der  Küste  östlich  g-efahi-en  sei.  I^ar.iuf  liahe  er 
still  jo-eleo-en ,  bis  g-rader  Nordwind  kam ,  denn  das  Land  zog' 
sich  nach  Süden  hinein.  Fünf  Tag-e  sei  ei-  darauf  g-esegelt  und 
dann  zur  Mündung-  eines  grossen  Flusses  gelang-t,  in  den  er 
sich  aber  nicht  hinein  wagte,  weil  das  Land  dicht  bcAvohnt 
war.  Bis  dorthin  habe  er  al)er  nur  ödes  Land  am  Steuerbord 
gesehen,  höchstens  einige  finnische  Fischer,  Vogelsteller  und 
Jäger. 

Ottar  war  an  die  Küste  der  Perm  (angelsächsisch  Beormas) 
gelangt  und  zwar  an  die  Mündung  der  Dwina  in  das  weisse 
Meer.  Seine  Heimath  wird  in  die  Gegend  der  Insel  Hindoe, 
einer  der  Lofoddeuiuseln,  gesetzt.  Von  da  kam  er  in  sechs 
Tagen  bis  zum  Nordkap,  umschiffte  dasselbe  zuerst  von  allen 
bekannten  Männern  und  segelte  dann  in  auffallend  rascher 
Fahrt  binnen  neun  Tagen  bis  zu  der  Dwinamündung.  Die 
Stelle,  wo  er  nach  viertägiger  Fahrt  vom  Nordkap  aus  auf 
graden  Nordwind  wartete,  wird  in  der  Nähe  des  Varangerfiord 
zu  suchen  sein. 

Ottar  gestand  dem  König  Alfred  ganz  offen ,  dass  ihn 
mehr  noch  als  die  Entdeckungslust  die  Begier  nach  dem  Fang 
der  Walrosse  nordwärts  getrieben  habe,  von  denen  die  elfen- 
beinartigen Zähne  und  die  zu  Schifftauen  sehr  bi'auchbare 
Haut  in  hohem  Werthe  stunden.  Mit  den  Perm  verkehrte  er 
freundlich,  obschon  er  ihnen  nicht  so  weit  traute,  um  in  die 
Dwina  hineinzusegeln.  Er  schildert  sie  als  zahlreiches  Volk, 
das  sehr  wenig  Ackerbau  und  geringe  Viehzucht  treibe.  Dir 
Hanptbesitz  seien  die  Rennthierheerden.  Die  Terfinnen  seien 
den  Perm  zinspflichtig  und  leisteten  die  Abgaben  in  Fellen, 
Federn,  Walfischknochen  und  Tauen  aus  Wal-  und  Seehunds- 
haut. Ottar  erkannte  die  Spi'ach Verwandtschaft  der  Perm  utul 
der  Finnen. 

Diese  Perm^  wie  Nestor  in  seiner  russischen  Chronik ' 
den  Volksnamen  gibt,  den  die  Skandinavier  als  Biarmai',  die 
Angelsachsen  als  Beormas  formen,  waren  ein  Thcil  des  finnisch- 
karelischen  Volksstammes '^    und    hatten  am  weissen  Meere   ein 


'  Cnj).   1.   7. 

^  Tliomsoii   über    den  Ehifluss  der  gonuani.sclinn  Spniclioii    ;m(  dif   fiiinisi-li- 
l.ippisdicii.     ITebersotzt  von  E.  Sicvers.     TTjtlle  1870.  S.   12. 


788  Weinhold. 

blühendes  Reich  aii%erichtet ,  welches  das  Ziel  vieler  beute- 
und  abenteuerlustig-er  Norweg'er  g'eworden  ist,  wie  die  Sagas 
erzählen.  Schon  im  Anfang-  des  zwölften  Jahrhunderts  wurden 
die  Perm  nebst  ihren  Nachbaren  den  Russen  zinspflichtig.  Im 
vierzehnten  Jahrhundert  wurden  sie  bekehrt  und  im  fünfzehnten 
zusammen  mit  Nowgorod  dem  Grossfürsten  von  Moskau  unter- 
worfen. '  Die  alten  Perm  sind  seitdem  theils  ausgew^andert, 
theils  in  den  Russen  untergegangen.  Ilir  Name  ist  auf  eine 
andere  Völkerschaft  übertragen. 

Ottars  Reisebericht  ist  auffallend  nüchtern  und  bescheiden. 
Sofern  aus  Alfreds  Niederschrift  ein  Schluss  erlaubt  ist,  gab 
er  einfach  Richtung  und  Zeit  seiner  Entdeckungsfahrt  an,  ohne 
sie  mit  Schiffermärchen  zu  verzieren.  Was  er  von  den  Beormas 
mittheilt,  zeigt  ebensowenig  abenteuerliche  Farben,  wie  seine 
Angaben  über  nichtgermanische  skandinavische  Stämme,  z.  B. 
die  Cwenas.  Er  ist  so  knapp,  dass  das  sogar  bedenklich  er- 
schien und  manche  seiner  Erklärer  ihre  Verw^underung  nicht 
unterdrückten,  dass  er  z.  B.  von  dem  Nordlicht  und  der  Mit- 
sommersonne kein  Wort  erwähnte.  Allein  ihm,  dem  Bew^ohner 
hochnordischen  Landes ,  war  dies  jedenfalls  nichts  besonders 
wunderbares.  Augenscheinlich  ein  kühner  unternehmungslustiger 
Handelsmann,  kümmerte  ihn  abenteuerliche  Waare  und  Natur- 
beobachtung wenig. 

Etwas  später  als  Ottar  das  Nordkap  umsegelte  und  Berm- 
land  fand,  entdeckte  der  Schwede  Gardar,  um  860,  Island;  die 
Bebauung  desselben  beginnt  874  mit  den  Norwegern  Ingolf  und 
Leif.  •^  Um  877  fand  der  Norweger  Gunnbiörn  Ulfsson  die 
grönländische  Küste ;  Ansiedelungen  daselbst  beginnen  aber  erst 
seit  986  durch  auswandernde  oder  flüchtende  Isländer.  Um  983 
wird  Ari  Marsson  vom  Sturm  an  die  amerikanische  Küste  ver- 
schlagen; allein  erst  im  Beginne  des  elften  Jahrhunderts  wird 
Weinland,  wie  die  Isländer  Nordamerika  nannten,  durch  Thor- 
finn  von  Grönland  aus  besiedelt. 


'  Nestors  lussiske  Krönlke,  oversat  og  forklaret  ved  C.  W.  Smith.  Köbenh. 

1869.  S.  192. 
2  Vgl.  die  Zeittafel  iu  Ares  Isländcrbuch,    hcrausgeg.  von  Tiieodor  Möbius. 

Leipz.  I8fi9.  S.  35.  f. 


Polargegenden  Europas.  789 

So  thut  sich  der  Norden  den  skandinavischen  Germanen 
mehr  und  mehr  auf.  Indessen  die  häufigen  gefährlichen  Fahrten 
in  den  Pohirgegenden  von  Grönhiud  und  Island  bis  zu  dem 
weissen  Meere  hin  geben  aucli  zu  vielen  Abenteuern  Anlass, 
imd  wo  keine  erlebt  werden ,  ertindet  sie  die  Phantasie.  Wo 
die  nordische  Einbildungskraft  nicht  zureicht,  stellt  sich  die 
Gelehrsamkeit  ein,  schlägt  die  alten  Fabeln  von  den  Völkern 
im  Süden  und  Osten  nach,  und  die  nordischen  Länder  be- 
völkern sich  rasch.  Mythische  Vorstellungen  flechten  sich  ein, 
und  sieh!  die  wundersamsten  Berichte  sind  fertig,  welche 
der  Däne  und  Norweger  ebenso  gläubig  aufnahm,  als  der 
Sachse. 

Ein  Muster  gibt  der  gelehrte  Domscholastikus  von  Bremen, 
Meister  Adam,  der  berühmte  Verfasser  der  hamburgischen 
Kirchengeschichte  (Gesta  hamaburgensis  ecclesiae  pontificum), 
die  er  nach  ausgedehnten  Vorarbeiten  bald  nach  dem  Tode 
seines  Gönners,  des  Erzbischofs  Adalbert  (f  1072),  begann.  So 
wichtig  und  bedeutend  auch  seine  Mittheiluugen  über  die  nor- 
dische Geschichte  sind,  so  unkritisch  erweist  er  sich  als  Geo- 
graph, indem  er  ohne  weiteres  seine  Lesefrüchte,  namentlich 
aus  dem  Polyhistor  des  C  Julius  Solinus,  verwendet  und  die 
sonst  woher  empfangenen  Nachrichten  dadurch  mit  höchster 
Naivetät  aufputzt. 

Das  vierte  Buch  seines  Werkes  ist  der  Beschreibung  der 
Inseln  des  Nordens  gewidmet.  Für  unsern  Zweck  heben  wir 
folgendes  heraus. 

Das  baltische  Meer  führt  seinen  Namen  davon,  dass  es  sich 
gürtelförmig '  durch  die  skythischen  Länder  bis  Griechenland 
erstreckt.  Im  Norden  bespült  es  die  Orkaden  und  breitet  sich 
dann  zum  erdumgürtenden  Ocean  aus.  Links  liegt  Island, 
rechts  Norwegen,  weiter  im  Norden  Island  und  Grönland.  Dort 
ist  das  Ende  des  Finstermeers, ^  d.  i.  jenes  Meeres,  über  dem 
lichtloser  Nebel  lagert  und  das  in  der  altgermanischen  Vor- 
stellung von  Niflheim  uns  schon  erschien. 


'  Sinus   illc  ab   iucolis   appellatur  balticus   co  quod   in  nioduni  baltei  longo 
tractu  per  scithicas  regiones  tendatiu'  usqno  in  Greciam,  Adanii  gcsta  IV,  lO. 

-  Ibi  tenninat  occaniis  qui  difitur  t-aligaiis,  ebd. 
Sitzb.  (1.  iihil.-hist.  <J1.  LXVUI.  VA.  IV.  Ilft.  51 


790  Weinhold. 

Ueber  die  Ausdehnung-  und  Umg-ebung  des  baltischen 
Meeres  hatten  nacli  Adams  von  Bremen  Worten  besonders  die 
külmeu  Entdeckungsfahrten  des  Dänen  Ulf  Jarl  des  Gallizier 
und  des  norwegischen  Königs  Harald  Hardradi '  Licht  ver- 
breitet. Allein  wie  trübe  unserm  g'elehrten  Scholastikus  dieses 
Licht  schien,  zeig-en  seine  Mittheilungen ,  die  wahres  vmd 
märchenhaftes  bunt  vermeng-en.  So  weiss  er  über  die  Samen 
oder  Preussen  gut  Bescheid;  Aestland  aber  macht  er  zu  einer 
Insel,  auf  der  göttlich  verehrten  Drachen  Menschen  zum  Opfer 
g-ebracht  werden,  die  von  Kaufleuten  eingehandelt  werden  und 
ohne  Fehl  an  ihrem  Leibe  sein  müssen  (IV,   17). 

Noch  andere  Inseln  liegen  in  dem  baltischen  Meere 
mit  wilden  Bewohnern,  die  alle  Seefahrer  desshalb  meiden 
(IV,  18). 

In  dem  Frauenlande,  das  nicht  weit  von  Aestland  liegt, 
leben  nach  dem  Gerücht  die  Amazonen.  Unter  den  Meinungen 
über  die  Fortpflanzung  des  Völkchens  entscheidet  sich  Adam 
dafür,  da  SS  sie  durch  Verbindung  mit  den  dort  nicht  seltenen 
Ung-ethümen  geschehe.  Die  männlichen  Kinder  der  Amazonen 
werden  Hundsköpfe  (cynocephali),  die  weiblichen  schöne  Mäd- 
chen. Die  Hundsköpfe  haben  den  Kopf  auf  der  Brust  und 
bellen  statt  zu  sprechen;  man  kann  sie  als  Gefangene  auf  den 
russischen  Märkten  sehen.  In  jenen  Gegenden  leben  auch  die 
Alani  oder  Albani,  mit  ihrem  eigenen  Namen  die  Wizzi,  die 
mit  weissem  Haare  geboren  werden,  grausame  Menschenfresser, 
mit  Hunden,  die  zur  Menschenhetze  abgerichtet  sind.  —  Ferner 
wohnen  da  die  grünlich  bleichen,  langlebigen  Husi  und  die 
Authropophagen.  Was  sonst  von  den  Schiflfern  über  die  Un- 
geheuer jener  Länder  erzählt  wird,  hält  Adam  für  weniger 
glaubwürdig  (IV,   19). 

Die  Bestandtheile ,  aus  denen  Adam  diese  Fabeln  zu- 
sammcngebi-aut  hat,  lassen  sich  leicht  erkennen.     Wie  so  häufig 


'  In  dem  G;inuz  Wolf,  satrapa  Danornm  Adams  (IV,  11)  ist  wohl  ohne 
Zweifel  Miit  Rafn  (Grönlands  Mindesmärker  III,  416)  der  bekannte  Ulf  : 
iarl  zn  sehen,  welcher  von  seinen  Wikingzügen  in  die  spanische  See  den 
NannMi  Onllizn-Ulfr  (bei  Saxf>  gi-anim.  Hb.  XIT.  TTlvo  gallitianns)  führte. 
Von  dem  Ilaroldns  rex  Nordmaniiornm  Adams,  d.  i.  Harald  Hardradi 
(t  10()6)  weiss  man  nnr,  dass  er  SchitVc  nach  Island  scliiekto,  niolit  dass 
er  selbst  eine  Nordfahrt  nnternahm. 


Polargegenden  Europas.  791 

im  Mittelalter  beg-egnet,  haben  ihn  das  Gelüst,  klassische  Ge- 
lehrsajnkeit  zu  zeigen  und  falsche  Naniendeutungen  verführt. 
Die  Amazonen  treten  auf,  weil  sie  ein  hochberühmtes  Wunder- 
volk sind  und  die  altgermanische  Etymologie-  des  Finnennamen 
Kainulaiset  aus  quaenir,  Frauen,  fortwirkte.  Adam  weiss  zwar, 
dass  Finnland  nicht  weit  von  Schweden  liegt,  allein  er  kann 
doch  nicht  umhin,  die  Amazonen  dahin  zu  versetzen. 
1  Die  Hundsköpfe  entlehnt  er  aus  Solin,  der  die  cynocephali 

I  nach    Plinius    als    ein    äthiopisches    wildes    Affenvolk    schildert 
und  an  einer  andern  Stelle  von  einem  indischen  hundsköpfigeu 
Bergvolke  erzählt,  das  nicht  spricht,  sondern  bellt. '     Unmittel- 
I  bar  darauf  erzählt  Solin,  dass  die  Kinder  dieses  Volkes  gleicli 
I  nach    der  Geburt  weissgrau  würden ,    und  dadurch   wird  Adam 
i  an    seine  Lesefrucht   über    die  Albani    erinnert ,    welche  Solin  - 
I  nach    Plinius    als   hundezüchtendes    Kakerlakenvolk  beschreibt. 
Er     etymologisirt    jedoch    dabei,     schlägt     einmal    die    ähnlich 
klingenden  Alani  an,  und  übersetzt  zweitens  Albani  durch  Wizzi, 
'  was    ihn    zur    Deutelei    mit   Witland,    dem    alten    Namen    des 
aistisch-preussischen    Bernsteinlandes,    verlockt.     Wie    er    aber 
dazu  kommt,  die  langlebigen  Aethiopen  •'  unter  dem  Namen  der 
bleichen    Husi    in    die   Nachbarschaft  jener    wilden  Albinos    zu 
versetzen,  ist  mir  dunkel. 

Bei  diesen  ungeheuerlichen  Völkern  konnte  er  der  Anthro- 
pophagen    nicht  vergessen,^    von  denen    die  alte  Welt  allzuviel 


^  C.  Jnlü  Solini  cnllectanen  i'pnini  meniorabilium.  Recogn.  Tli.  Mommsen. 
143,   10.  '207,  27. 

2  Ebd.  93,  4. 

3  Solin  147,  14  über  die  Maorobii  Aethiopes.  —  Isidor  urigin.  XI,  3  führt 
die  ;xa/.pö[jtoi  als  ein  indisches  Riesenvolk  auf. 

^  Adam  bezeichnete  schon  im  vorausgehenden  die  Alani  vel  Albani  als 
crudelissimi  ambrones,  d.  i.  als  Menschenfresser,  wie  wir  ans  der  notker- 
schen  Uebersetznng  der  nnpt.  phil.  des  Marc.  Capella  lernen:  irbämnde 
dia  unera  dero  raanezon,  ambroniini  jiroinens  j)udiirt'm,  wn/.n  die  Glosse  des 
Uebersetzers :  cibiis  heizet  grece  brosis,  daiiiiaii  sint  ambrones  kenainot; 
die  heizent  onch  antropofagi,  daz  chit  commessores  hdniinnin,  in  Scithia 
gesezzene.  Sie  ezent  nalites,  tes  sie  sih  tages  scamen  niugcn,  also  man 
chit  taz  onh  hazessa  liier  in  lande  tuen  (Graffs  Ausg.  8.')).  —  Wie  der 
Name  des  gerinanisclien  mit  Cimbern  und  Teutonen  auftretenden  Volkes 
der  Anibronen  zu  diesei-  prädicativen  liedeutung  kam,  ergibt  sich  ans 
Festus    de    signif.    verbor.  Anibj-oues  fuerunt    gens    <(uaedani    gaiiica    qui 

51* 


792  Weinhold. 

wusste.  Auch  deutsche  Schiffer  erzählten  von  menschentödtenden 
oder  gar  menschenfressenden  Völkerschaften. 

Was  Adam  über  die  Ostvölker  des  baltischen  Meeres 
weiss,  wiederholt  er  zum  Theil  bei  der  Beschreibung  von 
Schweden  und  Norwegen.  Er  lässt  Schweden  östlich  an  die 
riphäischen  Berge  grenzen,  die  er  als  wüstes  schneereiches 
Gebirge  beschreibt,  bewohnt  von  menschenfeindlichen  Völkern. 
Und  wie  Solin  zwischen  die  riphäischen  Berge  und  das  kas- 
pische  Meer  die  Kimmerier  und  Amazonen  setzt,  so  nennt  auch 
Adam  von  Bremen  die  Amazonen  in  seinem  riphäischen  Ge- 
birge und  kann  es  nicht  unterlassen,  die  Cynocephali  und 
Anthropophagi  abermals  zu  verwenden,  ausserdem  aber  auch 
die  Cyclopen  und  die  auf  einem  Beine  springenden  Himanto- 
poden  Solins  hier  anzusiedeln.  Daneben  erzählt  er  jedoch,  auf 
seinen  mündlichen  Gewährsmann,  König  Svein  Estridson  von 
Dänemark,  gestützt,  von  den  Lappen  ganz  richtiges,  wie  sie 
klein,  kräftig  und  behende  schaarenweise  aus  ihren  Bergen  in 
die  schwedischen  Ebenen  einfallen  und  nur  mit  Aufbietung 
aller  Kräfte  zurückgewiesen  werden  können  (IV,  25). 

Die  Norweger  rühmt  Adam  als  ein  schlichtes,  tüchtiges, 
frommes  Hirtenvolk,  das  seit-  der  Bekehrung  zum  Christenthum 
die  Raubzüge  zur  See  aufgab.  Selbst  die  Vornehmsten  lebten 
hier  von  Viehzucht  und  der  Hände  Arbeit.  Im  höchsten  Norden 
aber  sitze  ein  heidnisches  Zaubervolk,  welches  wisse,  was  von 
jedem  Menschen  auf  der  Erde  geschehe  und  das  so  kräftige 
Sprüche  und  Sagen  kenne,  dass  gewaltige  Walfische  dadurch 
auf  den  Strand  liefen.  In  den  rauhen  Gebirgen  sollen  a^lch 
i)ärtige  Weiber  leben  und  zuweilen  Waldmenschen  gesehen 
werden,  die  in  Felle  gekleidet  sind  und  eine  knirschende  un- 
verständliche Sprache  reden.  Es  sind  die  Skridfinnen,  von 
denen  Adam  gleich  darauf  erzählt,  dass  sie  ohne  Schnee  nicht 


subita  innnclatiouc  maris  cum  amisissent  sedes  suas,  rapini.s  et  praeda- 
tionibus  se  .suusque  alere  coepeniiit  —  ex  quo  tractum  est  iit  tiirpis  vitae 
homines  Ambrones  dicercntur.  Daraus  ist  dann  die  Isidorsche  Glosse 
hei-vorgegangen  Ambro  devorator,  consnmptor  patrimoniorum,  decoctor, 
luxuriosus,  profnsus,  welche  \vieder  die  Grundlage  für  die  notkersche 
Glosse  eouiniessor  honiinuni  ist. 


Polargegenden  Europas.  793 

) 

lcl)cn    kümicn    und    öcluicller  \vio    die   wilden   Thiere    übei-    die 
Sclmeeberg-e  fahren  (IV,  30.  31). 

Nördlich  von  Norweg-en  ist  nichts  als  das  furchtbare  un- 
endliche Meer,  welches  die  g-anze  Erde  unis])annt  (IV,  34).  Ein 
anderer  als  Adam  hat  hier  beig-efügt,  dass  über  die  britische 
See ,  die  Dänemark  und  Norweg-en  bespült ,  von  den  Schiffern 
viel  wunderbares  erzählt  wird,  so,  dass  die  See  um  die  Orkaden 
geronnen  und  so  dick  salzig  ist,  dass  die  Schiffe  nur  vom 
Sturm  g-etrieben  sich  bewegen  können,  daher  auch  dieses  Meer 
auf  deutsch  die  Liberse  ■  heissß.  Ein  fast  gleichzeitiges  deut- 
sches, leider  nur  in  Bruchstücken  erhaltenes  Gedicht,  das  Hoff- 
mann von  Fallersleben  Merigarto  taufte,  weiss  auch  von  diesem 
lebirmere :  ^ 

De   lebirmere. 

Ein  mere  ist  giliberot 

in  demo  wentilmere  westerot. 

so  der   starche  Avint 

gi wirffit  dei  skef  in  den  sint, 

nimagin  die  biderbin  vergin 

sih  des  nicht  irw  ergin 

sini  muozzin  folevaran 

unz  in  des  meris  parm. 

ah ■ ah  denne ! 

so  ni  chomint  sji  danne. 

sini  welle  got  loson, 

so  muozzin  si  da  fulon. 

Die  Vorstellung  dieses  unschiffbaren,  starren  und  finstern 
Meeres  war  in  dem  elften  und  den  folgenden  Jahrhunderten 
bei  uns  so  lebendig,  dass  bei  Schilderung  der  abenteuer- 
lichen Fahrt  des  Herzogs  Ernst  im  Orient  auch  das  Leber- 
meer nicht  fehlen  durfte.  Es  ist  aber  keine  ursprünglich 
deutsche  Erfindung,  sondern  aus  gelehrten  Quellen,   hauptsäch- 


*  liberen,  leb(^reii,  liefen^ii,  gerinnen,  Fundgr.  1,  '^Hl.  Frisch  1,  5'J2.  tjis. 
—  nd.  libberig,  klebricht  süss  —  nl.  libbe:  Lab,  Mittel  die  Milch  ge- 
rinnen zu  machen. 

-  lebermeri,  mare  mortuum,  Trier.  Gl.  (Hoffmanu  S,  9)  Heinric.  suinmar 
Miincli.  Hs.,  libermere  Wiener  IIs.  Diiit.   'S,  •J45. 


794  Weinhoia. 

lieh  dem  vielgelesenen  Solin,  jener  Zeit  zugekommen.  Zurück- 
verfolg-en  lässt  es  sich  bis  zu  Pytheas  von  Massilien,  welcher 
wahrscheinlich  britische  Gewährsmänner  hatte.  ^ 

Adam  erzählt  hierauf  noch  von  den  Inseln  Thyle,  Grön- 
land ,  Halogland  und  Weinland  (IV,  35).  Thjle  heisse  nach 
dem  Eise  im  Meere  auch  Island.  Das  Eis  sei  von  dem  Alter 
so  schwarz  und  trocken  geworden,  dass  es  brenne.  Auch  dieses 
Märchen  begegnet  in  jenem  deutschen  Gedichtfragment  und 
noch  sonst  in  der  Zeit.-  —  Grönland  führt  nach  Adam  seinen 
Namen,  weil  die  I^eute  dort  von  dem  Meere  dunkelgrün  aus- 
sehen. Es  sind  übrigens  schlimme  Seeräuber  (IV,  36).  Halag- 
land  hält  Adam  auffallender  Weise  für  eine  Insel,  was  ein 
Glossator  bescheiden  berichtigt  (IV,  37).  Ebenso  ist  unser 
Domscholastikus  von  der  Lage  Weinlands  sehr  ungenügend 
unterrichtet,  obschon  er  durch  Dänen  von  der  üppigen  Frucht- 
barkeit des  trefflichen  Wein  erzeugenden  I^andes  erzählen 
hörte.  Hinter  Weinland  gibt  es  kein  bewohntes  Stück  Erde 
mehr,  sondern  Eis  und  Nacht  füllen  alles.  Dort  am  Ende  der 
Welt  gähnt  ein  furchtbarer  Strudel  (IV, 


Am  lebendigsten  erfahren  wir  von  diesem  durch  den 
Bericht  über  die  Entdeckungsreise  edler  Friesen  zur  Zeit 
des  Erzbischofs  Alebrand  von  Hamburg  -  Bremen  (1035 — 45), 
welchen  Adam  seinem  Gönner  Adalbert  selbst  verdankte  (IV, 
39.  40). 

Jene  Herren  wollten  untersuchen,  ob  es  wahr  sei,  dass 
von  der  Wesermüudung  gerade  nach  Norden  hin  kein  Land 
liege.  Mit  mehreren  Schiffen  stachen  sie  von  Bremen  in 
See,  steuerten  auf  Dänemark,  dann  auf  Britannien  und  gelangten 
zu  den  Orkaden.  Diese  links  und  Norwegen  rechts  lassend, 
landeten  sie  nach  langer  Fahrt  an  Island.  Darauf  steuerten 
sie  nach  Norden  und  gerieten  plötzlich  in  das  dicke  I'inster- 
meer.  ^  Da  ergriff  die  verzweifelnden  eine  heftige  Strömung, 
die  zu  jenem  tiefen  Schlünde  hintrieb,  in  den  alle  Wasser  des 


1  Müllenhoflf  Deutsche  Alterthumskunde  1,  410 — 420.   MüUenhoff  u.  Scherer 

Denkmäler  deutscher  Poesie  und  Prosa  348. 
'  MüUenhoff  und  Scherer  350. 
^  Subito   collapsi  sunt   in  illam   tenebrosam  rigentis  oceani  caliginem,  quae 

vix  oculis  penetrari  valerot. 


Polarge{?endeii  Europas.  70;"» 

Meeres  liinabi^'cschlürft  und  woraus  sie  wieder  lierausüfeworten 
worden,  der  Grund  von  Fluth  und  Ebbe.  Peinige  ilirer  Fahr- 
zeug-e  wurden  hinunterg'erissen  iind  g-injuen  verletzen;  die  andern 
warf  der  Rückfluss  der  Wasser  zurück  und  mit  Anstrengung 
aller  Ruder  entkamen  sie  dem  Untergänge.  Unverhofft  fanden 
sie  hiernach  eine  Insel,  die  einer  Stadt  gleich  mit-  hoher  Felsen- 
maucr  umzogen  war.  Sie  landen,  troffen  Niemanden,  aber  vor 
den  Eingängen  unterirdischer  Hr)hlen  stehen  viele  Gefässe  von 
Gold  und  edelm  Erz.  Erfreut  über  solche  Schätze,  schleppen 
die  Schiffer  fort  soviel  sie  können.  Hinter  ihnen  hei-  aber 
stürzen  Riesen  mit  uugeheuern  Hunden ,  die  einen  Friesen 
fangen  und  zerreissen.  Die  andern  retten  sich  unter  dem  Ge- 
brüll der  Riesen  auf  die  Schiffe.  Nach  solchen  Abenteuern 
gelangen  die  Seefahrer  glücklich  nach  Bremen  heim  und  bringen 
Christo  und  dem  h.  Willehad  ihr  Dankopfer. 

Zwei  Erzbischöfe  sind  die  Gewährsmänner  dieses  Reise- 
berichts, und  der  gelehrte  Domscholastikus  nimmt  ihn  in 
sein  Geschichtsbuch  auf.  Man  glaubte  also  in  den  nord- 
deutschen Seestädten  im  elften  Jahrhundert  ehrlich  solchen 
Erzählungen. 

Besonders  beachtenswerth  ist,  dass  unsere  Seeleute  und 
auch  die  gebildetsten  Deutschen  jener  Zeit  Ebbe  und  Fluth 
sich  durch  die  Wirkung  eines  Ungeheuern  wasserverschlingendeu 
und  wasserspeienden  Strudels  im  Polarmeer  deuteten,  während 
bereits  die  Phönizier  und  seit  Pytheas  auch  die  Griechen 
den  Mond  als  Ursache  der  wunderbaren  Erscheinung  erkannt 
hatten. ' 

Jene  friesischen  Edeln  fanden  diesen  Strudel  nördlich  von 
Island,  nachdem  sie  in  eine  starre  und  finstere  See  gerathen 
waren.  Wir  dürfen  sie  nun  hier  keineswegs  Märchenerzähler 
schelten :  denn  an  der  Ostküste  Grönlands  strömt  noch  heute 
ein  sehr  starker  Malstrom  voll  gewaltiger  Eisschollen,  von  den 
Dänen  lissvälg    im    18.  Jahrhundert  genannt,'-    zu  deutsch  Eis- 


'  MüUenhotf  Altertlumiskiinde  1,  MM  ff.  —  In  (U-ni  wunderlichen  j,'elehrten 
Buche  Der  Königspiegel,  welches  nach  Anfang  des  l;-!.  Jalirli.  in  Norwegen 
verfasst  ist,  findet  sich  Cap.  6  eine  Berechnung  von  Fluth  und  Ehbe, 
die  mit  dem  Laufe  von  Sonne  und  Mond  in  Verbindung  gesetzt  wird. 

2  Grönlands  historiske  Mindesmärker.  KiJ'.benh.  1845.  III.  -226.  2H2.  421. 


70()  Weinhold. 

schwelg-,  der  die  SchifFahrt  durch  das  g-anze  Jahr  höchst  g-e- 
föhrlich  macht  und  oft  ganz  unterbiicht.  Eine  niittehTlterliche 
Beschreibung  Grönlands  '  kennt  ihn  unter  dem  Namen  hafhverf, 
Meerstrudel,  und  die  Annahme  bietet  sich  von  selbst,  dass  die 
Bremer  Polarfahrer  in  diesen  eistreibenden  Malstrom,  den 
heutige  Gelehrte  einem  schwimmenden  Gletscher  verg-leichen, 
in  nebligem  Wetter  g-erieten  und  g-anz  ehrlich  von  den  er- 
littenen Gefahren  erzählten.  Der  mächtige  Strom  schien  zu- 
gleich die  Erklärung"  von  Fluth  und  Ebbe  zu  g-eben,  und  da 
in  dem  nordg-ermanischen  Meer  an  verschiedenen  Stellen  auch 
der  Golfstrom  seine  Gewalt  kundgab ,  so  glaubte  man  damals 
allgemein  darin  den  Grund  jener  wunderbaren  Erscheinung 
sehen  zu  dürfen. 

Weniger  Begründung  lässt  sich  für  das  zweite  Abenteuer 
jener  Friesen  linden.  Hier  ist  irgend  eine  Begebenheit,  die 
ihnen  durch  die  Habsucht  ihrer  Matrosen  widerfuhr,  mit  Hilfe 
des  Glaubens  an  die  Riesen  des  Nordens  ausgeschmückt.  Die 
Beschreibung  der  felsigen  Höhlenstadt  mit  ihren  Kostbarkeiten 
erinnert  zugleich  an  jene  mythische  Nordfahrt  König  Gorms 
von  Dänemark,  welcher  unter  Führung  Thorkills  die  Insel 
Geruths  kennen  lernen  wollte;  die  Riesen  mit  den  Hunden 
lassen  an  die  Albani  (Adam  IV,   19)  denken. 

Saxo  Grammaticus,  der  ungefähr  hundert  Jahre  nach 
Adam  von  Bremen  seine  dänische  Geschichte  schrieb ,  erzählt 
jene  wundersame  Fahrt  König  Gorms. ^ 

Der  Isländer  Thorkill  hatte  dem  König  Gorm  von  den 
Wundern  bei  Geruth  erzählt  und  übernahm  die  Ausrüstimg 
und  Leitung  der  Unternehmung,  welche  der  König  dorthin  be- 
schloss.  Auf  drei  besonders  stark  gebauten,  mit  Rindshäuten 
bedeckten  Schiffen,  jedes  mit  hundert  Mann  besetzt,  stachen 
sie  in  See.  Nördlich  von  Halogland  verliess  sie  der  günstige 
Wind.  Richtungslos  trieben  sie  umher;  die  reichlichen  Vor- 
räthe  an  Lebensmitteln  waren  bis  auf  das  Mehl  zu  Brei  schon 
aufgezehrt.  Da  hören  sie  endlich  die  Brandung  an  dem  Ufer 
einer  Insel  rauschen  und  sehen  Rinderheerden  am  Ufer  weiden. 


1  Nachdem    die  Handschrift   verloren  ist,    durcli   Biörn  Johnsens  Grönlands 

Annaler  erhalten,  abgedruckt  a.  a.  0.   2 20. 
-  Saxonis  grammatici  historia  danica.  receus.  P.  E.  Müller  1,  420 — 433. 


,1  PolargegendiMi  Europas.  797 

Tliorkill  verbietet  aber  aufs  streni''ste,    auch   nur    ein   Stück  zu 

!  tödten,  weil  die  Geister  des  Landes  '  sonst  die  Rückkclir  ver- 
weig'crn  würden.  Allein  er  findet  bei  den  hung-erndcn  keinen 
Gehorsam  und  die  Schiffe  werden  mit  Fleischvorräthen  g-efüllt. 
Da  kommen    in  der  Nacht  Ung-cheucr    an  den  Strand   und  das 

j  grösste  von  ihnen  watet  mit  g-ewaltig-er  Keule  zu  den  Schiffen. 
Es  verkündet,  dass  sie  nicht  eher  loskommen  würden,  bis  sie 
zur  Busse  von  jedem  Fahrzeug-e  ein  Opfer  g-eg-eben  hätten. 
Thorkill  lässt  darauf  die  drei  Männer  auslosen,  welche  den 
Landg-eistern  g-eopfert  werden. 

Mit  g-ünstig-em  Winde  seg-eln  sie  nun  bis  zu  dem  äussern 
Biarmland,  worin  die  Stadt  Geruths  lieg-t.    Es  ist  ein  Land  mit 

'  ewigem  Schnee,  reich  an  undurchdringlichen  Wäldern  und 
brausenden  Flüssen.  Sie  landen  und  Thorkill  befiehlt,  sich  mit 
den  Leuten  dort  iu  kein  Gespräch  einzulassen ,  sondern  zu 
schweig-en,  weil  reden  Gefahr  bring-e.  Er  allein  dürfe  wagen 
zu  sprechen,  da  er  die  dortigen  Sitten  kenne.  In  der  Däm- 
merung kommt  ein  ungewöhnlich  grosser  Mann,  Guthmund,  der 
Bruder  Geruths,  welcher  den  Fremden  freundlich  ist.  Er  ladet 
die  Ankömmlinge  zu  sich  und  auf  Wagen  fahren  sie  mit  ihm. 

I  Sie  gelangen  zu  einem  Flusse,  über  den  eine  goldene  Brücke 
führt,  und  als  einige  Lust  haben,  auf  derselben  hinüber 
zu  schreiten,  hält  Thorkill  sie  ab:  Sterbliche  düi'ften  da 
nicht  hinüber,  der  Fluss  scheide  das  menschliche  von  dem 
geisterhaften. 

Guthmund  wohnt  auf  diesseitigem  Ufer.    Thorkill  ernuihnt 

die  seinen,  von  den  Speisen  und  Getränken  nichts  zu  geniessen, 

i   auch   jede  Berührung    und  Gemeinschaft    mit  den  Leuten   dort 

:    zu    vermeiden.     Sie   sollen    von   ihrem    mitgebrachten  Vorrathe 

geniessen,  denn  aessen  und  tränken  sie  von  dort,  so  verlören  sie 

alle  Erinnerung  an  früheres  und  müssten  hierbleiben.  Thorkill 

findet   Entschuldigungen    für    ihre   Scheu    vor    der   Bewirtung, 

j   allein  es  kommt  eine  stärkere  Verlockung.   Zwölf  schone  Söhne 

'    und    ebenso  viel    reizende  Töchter  Guthmunds   stehen    um    d(>n 

Tisch,    und  Guthmund  bietet    dem  König  Gorm  das  i-eizendsto 

Mädchen  zum   Weibe    an.     Die  übriycn  könnten  sich    aus  den 


'  Diese  deos   loci  praesides   hat  schon  Müller  in  die   landvaettir  der  Sagas 
zurückübersetzt. 


798  Weinhold. 

Mäg-deii  auswählen,  welche  ihnen  am  besten  geiielen.  Vier 
Dänen  lassen  sich  vei'leiten,  welche  es  mit  dem  Verlust  ihrer 
Besinnung  und  Erinnerung  büssen  müssen. 

Als  Guthmund  darauf  noch  zum  Besuch  seiner  Gärten 
mit  schönem  Obst  einladet,  dringt  Thorkill  auf  schleunige  Ab- 
reise, in  die  Guthmund  willigen  muss.  Er  setzt  sie  nun  über 
den  Strom  und  harrt  dort  ihrer  Rückkehr. 

Sie  wandern  fort  und  sehen  bald  eine  düstere  hässliche 
Stadt,  die  von  fern  wie  eine  dunstige  Wolke  erscheint.  Sie 
ist  von  Pfahlwerk  umzogen ,  worauf  Menschenköpfe  stecken ; 
wüthende  Hunde  vertheidigen  die  Thore,  welche  durch  vorge- 
worfene, fettbeschmierte  Hörner  von  Thorkill  besänftigt  werden. 
Sie  steigen  darauf  durch  die  offenen  oberen  Thorflügel  in  die 
Stadt.  Dunkele  ungestalte  Gespenster  läi'men  durch  die  Strassen, 
welche  von  Schmutz  und  Stank  voll  sind.  Sie  gelangen  end- 
lich zu  einem  Felsen,  der  Burg  des  Geruth.  Thorkill  ermahnt 
seine  Gefährten,  muthig  in  die  Höhle  hineinzugehen,  aber  nichts 
anzurühren,  denn  die  Hände  würden  unlösbar  haften  bleiben. 
Zu  zweien.  Broder  und  Buchi  voran,  dann  Gorm  und  Thorkill, 
und  so  die  übrigen,  gehen  sie  hinein.  Der  innere  Raum  ist 
voll  Russ,  Schlamm  und  Stank,  das  Dach  ist  mit  Spiessen  ge- 
deckt, Nattern  sind  auf  das  Fletz  gestreut;  bleiche  Gespenster 
sitzen  auf  eisernen  Bänken,  die  durch  bleierne  Zwischenwände 
geschieden  werden.  Auf  den  Thürschwellen  stehen  Thürhüter 
mit  Knüttelbündeln  und  Ziegenfellen,  die  sie  schütteln.  Weiter 
schreitend  erblicken  sie  einen  Fels,  durch  den  ein  Loch  ge- 
brochen ist  und  gerade  dahinter  einen  Greis  mit  durchschossenem 
Leibe.  Daneben  liegen  drei  aufgedunsene  Weiber,  anscheinend 
mit  gebrochenem  Rücken.  Thorkill  erklärt  den  Gefährten,  es 
sei  Geruth,  dem  Thor  mit  seinem  Wetterstahl  die  Brust  durch- 
bohrte, und  auch  die  drei  Weiber  habe  er  mit  dem  Blitz  für 
ihren  Frevel  gestraft. 

Sie  gehen  weiter  und  konunen  zu  sieben  Fässern  mit 
goldenen  Reifen,  von  denen  silberne  Ringe  hangen.  Daneben 
liegt  ein  seltener  Thierzahn,  an  der  Spitze  mit  Gold  beschlagen, 
ein  ungeheures  Gazellenhorn ,  mit  künstlicher  Erzarbeit  aus 
edeln  Steinen  geziert,  und  ein  sehr  schwerer  Armreif.  Als  aber 
voll  Gier  einige  der  Gefährten  nach  diesen  Kostbarkeiten  greifen, 
wird  der  Reif  zur  Schlange,  das  Hörn  zum  Drachen,  der  Zahn 


Polargegenden  Europaf<.  799 

zuiii  Schwert  und  tödten  die  Räuber.  Erschreckt  treten  sie 
darauf  in  eine  Schatz-  und  Rüstkammer.  Hier  vermag  aber 
selbst  Thorkill  der  Lockung'  nicht  zu  widerstehen,  die  ein 
Königsmantel  mit  Hut  und  Gürtel  auf  ihn  übt.  Er  streckt  die 
Hand  darnach  aus;  da  erbebt  der  Raum,  Weibergeheul  erhebt 
sich  und  die  Gespenster  stürzen  sich  auf  die  Schaar.  Broder 
und  Buchi,  die  sich  auf  solche  Dinge  verstehen,  schleudern 
was  sie  erraffen  können,  Spiesse,  Pfeile,  Steine,  gegen  die 
Geister,  allein  nur  zwanzig  Dänen  retten  sich,  die  anderen 
werden  zerrissen.  Der  kleine  Rest  verlässt  nun  eilig  (xeruths 
Burg  und  kommt  zu  jenem  Grenzfluss  zurück ,  wo  Guthnuind 
ihrer  harrt  und  sie  Avieder  übersetzt.  Er  kann  sie  aber  nicht 
lange  in  seinem  Hause  halten  und  entlässt  sie  reich  beschenkt. 
Da  vergisst  Buchi  seine  standhafte  Männlichkeit  und  bezaubert 
von  einer  Tochter  Guthmunds  freit  er  um  sie.  Seine  Erinnerung 
schwindet  sofort  und  als  er  den  König  Gorm  beim  Abschied 
begleitet  und  mit  seinem  Wagen  durch  eine  Furt  fährt,  ver- 
schlingen ihn  die  Wasser.  Die  Rückfahrt  Gorms  ist  noch  durch 
allerlei  Gefahren  und  Nöte  erschwert.  Erst  als  sie  dem 
Utgarthiloki  geopfert  haben ,  erreichen  sie  die  Heimat 
wieder. 

In  späteren  Zeiten,  da  Gorm  ein  Greis  geworden,  will  er 
sich  über  den  Zustand  der  Seelen  nach  dem  Tode  unterrichten 
und  beschliesst  desshalb  den  Thorkill  zu  Utgarthiloki  zu 
schicken.  Auf  einem  mit  Speisen  reich  versehenen,  mit  Rinds- 
häuten  oben  geschützten  Schiffe  geht  dieser  zu  der  gefährlichen 
Unternehmung  ab.  Er  gelangt  in  die  Gegend  der  gänzlichen 
Finsterniss,  das  Holz  und  die  Speisen  gehen  aus,  Krankheiten 
befallen  das  Schiffsvolk.  Endlich  sehen  sie  von  weiten  ein 
Licht.  Thorkill  geht  an  Land,  nachdem  er  auf  der  IMastspitze 
einen  leuchtenden  Edelstein  befestigte,  um  die  Rückkehr  zu 
finden.  Er  kommt  zu  einer  Höhle,  an  deren  Eingang  er  die 
mitgenommenen  Leute  warten  lässt.  Darin  trifft  er  zwei  unge- 
heure schwarze  Gespenster  '  ein  Feuer  schürend ,  die  ihm  den 
weiteren  Weg  anzeigen,  nachdem  er  ihnen  drei  Sprüche  gesagt 
hat,  die  sie  als  wahr  anerkennen.  Vier  Tage  würde  er  ange- 
strengt  rudern  müssen ,    dann  werde  er   zu  einem  ganz  dürren 


duos  eximiae  grandidatis  aquilos. 


800  W  e  i  n  h  0 1  d. 

und  Unstern  Orte  gelangen,  wo  er  den  Utgarthiloki  in  seiner 
Höhle  finden  werde.  Feuer  erhält  Thorkill  erst  nach  drei  an- 
dern iSprüchen.  Nach  viertägiger  Fahrt  kommt  er  dann  zu 
einem  stockfinstern  Lande.  Mit  Mühe  findet  er  einen  gewaltigen 
Felsen  und  entdeckt,  nachdem  er  zum  Schutz  gegen  die  Geister 
aus  Kieseln  Feuer  geschlagen,  den  Eingang  der  Höhle.  Diese 
ist  wie  jene  Burg  des  Geruth.  Thorkill  durchschreitet  mit 
seinen  Gefährten  einen  sandigen  Fluss,  gelangt  in  eine  tiefer 
liegende  Höhle  und  von  hier  in  einen  finsteren  Raum,  worin 
Utgarthiloki  an  Händen  und  Füssen  gefesselt  liegt.  Gleich 
hörnernen  Spiessen  starren  die  Barthaare  von  ihm.  Zum  Wahr- 
zeichen reisst  ihm  Thorkill  eins  aus,  worauf  solcher  Gestank 
sich  verbreitet,  dass  sie  kaum  athmen  können  und  dem  Aus- 
gang zueilen.  Von  allen  Seiten  speien  nun  Schlangen  ihren 
Eiter  auf  sie,  von  dem  alle  bis  auf  fünf  getödtet  werden.  Bis 
auf  das  Schiff  wird  Thorkill  mit  seinem  kleinen  Rest  von 
wüthenden  giftspeienden  Gespenstern  verfolgt,  und  drei  werden 
noch  getödtet  oder  verletzt.  Ganz  unkenntlich  geworden  konunt 
Thorkill  endlich  zu  Gorm  zurück. 

In  diesen  beiden  Geschichten  von  Thorkill,  welche  Saxo 
grammaticus  überliefert,  ist  von  einer  gefährlichen  Seefahrt  in 
den  Norden  die  Rede,  auf  deren  erster  das  Land  des  Geruth, 
auf  der  zweiten  das  des  Utgarthiloki  aufgesucht  wird.  Geruths 
Land  ist  jenseits  Biarmland,  eine  hochnordische  Schneegegend 
voll  Wälder  und  rauschender  Flüsse;  die  Burg  des  Geruth 
ist  im  Innern  eines  Felsen.  Utgarthilokis  Land  liegt  in  dem 
fi  11  Stern  Meer  und  ist  selbst  daher  in  Nacht  gehüllt.  Es  ist 
der  mythische  Utgard,  das  Riesenland  bei  Niflheim,  in  dem 
dieser  Loki  wohnt,  den  wir  auch  aus  der  Erzählung  der  Edda 
von  Thors  Fahrt  zu  Utgarthiloki  kennen.  Der  Gott  zieht  da 
ostwärts  nach  Jötunheim ,  setzt  über  das  tiefe  Meer  und  niuss 
dann  durch  einen  grossen  Wald,  '  bis  er  zu  der  Burg  Utgard 
gelangt.     Auch  von    einer    Fahrt  Thoi-s    zu  Geirröd   weiss    die 


1  Byrjadi  fordiiia  austr  i  Jötunlieima  ok  allt  til  hafsiiis  ok  ])k  for  hann  üt 
yfir  haut  ])at  it  clinpa,  enu  er  hanii  koni  til  lands  —  vard  fyrir  Jieim 
mörk  stör,     önorra  Edda  50  Rask. 


PolargegendPii  Europas.  801 

) 

Edda;'  von  der  Niederschmettcning-  des  Geruthus  durch  den 
Donneri^'Ott  berichtet  ja  auch  noch  Saxo,  der  uns  im  übrig-en 
freilich  nur  jüngei'C  und  entstellte  Fassung-en  der  beiden  Mythen 
gibt:  denn  Thurkillus  ist  ursprünglich  kein  anderer  als  Thörr. 
Für  unsern  Zweck  sind  die  beiden  Geschichten  desshalb  von 
Werth,  weil  sie  uns  g-ewisse  Vorstellungen  der  Dänen  des  11. 
und  12.  Jahrhunderts  von  den  hochnordischen  Gegenden  ent- 
hüllen. Die  g-auze  Umg-ebung  des  Geruth  erscheint  geisterhaft 
und  sein  Land  schädlich  den  Sterblichen.  Utgarthiloki  aber 
steht  in  Saxos  Bericht  als  Herr  der  Todteuwelt  da,  weg-en 
deren  Erforschung  Thorkill  zu  ihm  geschickt  wird.  Man  dachte 
sich  also  das  Todtenland  im  hohen  Norden,  und  aus  den  Ein- 
zelheiten der  Schilderung-en  iSaxos,  zusammeng-ehalten  mit  dem, 
was  wir  über  die  g-ermanischen  Vorstellungen  von  dem  Leben 
nach  dem  Tode  wissen,  lässt  sich  beweisen,  dass  die  Fahrten 
Thorkills  Fahrten  zum  Todtenreiche  sind.  Wir  wollen  kurz 
darauf  eingehen. 

Gleich  den  Griechen  verlegten  die  Germanen  das  Todten- 

reich  entweder    in    das  Innere    der  Erde    oder    auf   eine   Insel. 

I  Die    Griechen     dachten    sich     dieselbe     im    Westen,     wo     die 

Sonne  untergeht,  die  Germanen  im  Norden,  in  der  nächtlichen 

Gegend. 

Der  Landweg  zur  Unterwelt  war  nach  gei-manischer  Vor- 

;  Stellung  weit    und  führte  über   steile  Berge  und  tiefe,  dunkele, 

■■  feuchte  Thäler.  -     Darum    gab    man    den  Todten    neue   Schuhe, 

Stab  und  Leuchten  mit,  Reichen  ihr  Ross,  zuweilen  auch  einen 

Wagen. 

Den  eigentlichen  Eingang  in  die  Unterwelt  deckte  ein 
Stein,  der  dillestein,  •*  gerade  wie  auch  die  Römer  einen  Stein, 
den  lapis  manalis,  als  Pforte  des  Orcus  kannten. 

Unten  breitete  sich  eine  Wiese  *  aus,  die  ein  Fluss  durch- 


'  Vgl.    über   die  Mythen   von    Thor   iiiul    Skiyiiiii-    Ulilnnd  Tlior  Gl    ff.,   von 
Thor  und  Goirröd  ebd.   18:5. 

2  Vgl.  im  allgemeinen  J.  Grimm  Mythologie  762  f.  Weinliold  Altnordisches 
Leben  494  f.  483. 

'  Grimm  Mythol.  706.     Kulm  westphäl.  Sagen  1,  .3:^2. 

*  Grimm    Mythol.    782.     Lynkcr    Sagen    und    Sitten    in    h(>s.si.sehen    Gauen 
Nr.   197.  Kuhn  westphäl.  Sagen    1,  :)12. 


302  Weinhold. 

strömt,  über  welchen  eine  Brücke  führt,  die  nur  die  Todten 
betreten.  •  Ein  Brückenwart  fordert  den  Zoll  von  ihnen ,  der 
einer  älteren  Vorstellung"  von  dem  Fährgroschen  entspricht, 
welcher  dem  Fährmann  über  den  Unterweltsstrom  g'cg'eben 
werden  muss.  -  Die  Volkssage  hat  die  Ueberfahrt  über  den 
Todtenfluss  an  manche  deutsche  Flüsse,  namentlich  an  den 
Rhein  versetzt. 

Auf  der  unterweltlichen  Wiese  stehen  Obstbäume,  deren 
Genuss  bezaubernde  Wirkung  übt.  ^  Es  weiden  auch  dort 
Viehheerden ,  namentlich  Sauheerden,  ^  denn  das  Schwein  ist 
das  Thier  der  Erde.  Auch  Hunde  und  Wölfe  sind  Unterwelts- 
thiere,  und  der  Hund  ist  im  besondern  der  Todesbote,''  So 
kennt  denn  auch  die  Edda  einen  Höllenhund  Garm,  der  zur 
Wacht  am  Hause  der  Unterweltsgöttin  Hei  liegt  und  den  Odin 
selbst  bei  seiner  Todten  fahrt  mit  blutigem  Rachen  anfällt,  wie 
die  Vegtamsquida  berichtet. 

Die  Halle  der  Hei  steht  jenseits  der  Brücke  in  einem 
nördlich  gelegenen  Thale  und  ist  von  einem  hohen  Gitterzaun 
umschlossen. ''  Nach  anderer,  aber  sich  damit  vereinender  Vor- 
stellung wohnt  die  Unterweltsgottheit  in  einem  Berge.  Ein 
schweres  Thor,  vergleichbar  dem  yaXv.sov  spxo;  des  Tai'taros, 
schliesst  den  Eingang  so  rasch  hinter  den  eintretenden,  dass 
es  dem  letzten  an  die  Fersen  schlägt. ' 

Das  Leben  bei  Hei  ist  düster  und  traurig,  der  Gegensatz 
zu    dem    heitern    Männerleben    in    Odins   glänzender  Walhalle; 


1  Grimm  Mythol.  794. 

2  Grimm  Mythol.  TiU.  Simrock  Handbuch  der  Mythol.  299.  Weinhold 
Todtenbestattung  öO.  128.  Grabalterthümer  aus  Klein-Gleiu  9.  —  Nach 
der  Snorra  Edda  hütet  die  .Jungfrau  M<5(tgüdr  die  Brücke  über  den  Unter- 
weltsfluss  GiöU,  der  von  den  zwölf  aus  Hvergelmir  entspringenden  Flüssen 
zunächst  bei  der  Burg  der  Hei  vorüberströmt.  Sn.  E.  4.  G7. 

^  Kuhn  westphäl.  Sagen  1,  127.  Auch  schlesische  Sagen  wissen  von  Obst, 
welches  in  geisterhafte  Bergliöiilen  geratenden  gegeben  wird.  —  lieber 
die  Wirkung  unterirdischer  Nahrung  vgl.  auch  W.  Müller  in  den  Niedor- 
sächsischen  Sagen  873.   ;>S2. 

'^  Kuhn  westjdiäl.  Sagen  1,  .'527 — 332. 

5  Kuhn  bei  Haupt  Zeitschr.  ('>,  125  ff.  Norddeutsclie  Sagen  .')03.  Westphäl. 
Sagen   1,   05.    142.  347. 

''  Snorra  Edda  Cü.  Rask. 

'  Brynhildarquida  II.  (M   (Sigindanpi.  HI.  (5fi).   Kulm  westphäl.  Sagen    1,  tU  f. 


Polaro^eKenden  Knropus.  803 

die  Göttin  selbst  stellt  die  Kehrseite  der  schönen  freundlichen 
Erdgöttin  dar.  ^^'er  durch  Krankheit  oder  das  Alter  stirbt, 
verfällt  der  Hei.  Ausserdem  sind  aber  in  ihrem  Reiche  die 
Straförter  für  die  Sünder,  '  wtdche  die  kalte  Pein  in  Wassei'- 
sümpfen  und  schauerlichen  Flüssen  leiden  müssen,  von  Schlang-en 
gequält  oder  die  auch  in  unterweltliche  Tliiere,  Wölfe,  Hunde 
und  Schweine  verwandelt  werden. 

Die  Lage  des  Todtenreichs  auf  einer  Insel  finden  wir  in 
den  Geschichten  von  Thorkills  Fahrt  zu  Geruth  und  zu  Ut- 
garthilold.  Mythen  und  kSagen  erzählen  davon,  wie  die  Skan- 
dinavier ihre  Todten  auf  Boote  oder  Schiffe  legten  2  und  dem 
Wasser  und  dem  Winde  überliessen,  sie  in  das  unbekannte 
Land  zu  führen.  In  Deutschland  galt  noch  im  dreizehnten 
Jahrhundert  Britannien  für  die  Todteninsel ;  es  hängt  mit  dem 
alten  gallischen  Glauben  zusammen ,  der  heute  noch  in  der 
Bretagne  fortlebt,  dass  sich  an  den  Küsten  Nordfrankreichs  die 
Seelen  der  Todten  sammeln  und  von  da  nach  Britannien  oder 
einer  Insel  bei  Britia  übergefahren  werden.  •' 

Aus  diesen  Mittheilungen  wird  sich  die  Uebereinstimraung 
dessen ,  was  Saxo  Grammaticus  über  die  Inseln  Geruths  und 
Utgarthilokis  erzählt,  mit  den  germanischen  Vorstellungen  von 
dem  Todtenlande  leicht  erschliessen.  Der  Todtenfluss,  die 
Brücke  darüber,  der  Ferge  Guthmund,  dessen  Name  überdies 
an  die  Brückenhüterin  Modhgud  anklingt,  die  gefährliche  Be- 
wirtung, die  er  bietet,  die  umzäunte  Stadt,  die  Berghöhle,  die 
bleichen  Geister,  die  Schlangen  und  andere  Aengste  finden  sich 
wiedei-.  Geruth  ist  nur  nicht  als  Herr  der  Burg  und  des 
Landes  anzuerkennen,  sondern  er  ward  zur  Strafe  in  die  Unter- 
welt geschickt.  Er  ist  der  Riese  Geirröd,  welcher  in  frevel- 
haftem Uebermuth  den  Zweikainpf  mit  Thor  wagte,  und  dessen 
Töchter  dabei,  ebenso  wie  er  selbst,  den  Untergang  fanden. 
Utgarthiloki  ist  Gott  Loki,  der  zur  Strafe  für  seine  Vergeluni, 
zuletzt  namentlich  für  seine  Mitschuld  an  Baldrs  Tode,  gefesselt 
in  die  Unterwelt  verbannt  ward. 


'  Ich   trete   jetzt    im    .allgenipinen    den    Ansführnnf^on   Franz    Dietrielis    he 
Haupt  Zeitsclir.  0,  17.Ö  ff.  hei. 

2  Grimm  Mythol.  791.     Weinlioid  Altiiord.  Lehen  479.  48.'i.    JOC. 

3  Grimm  Mythol.   791   ff.  W.  Wackernagel   hei  Haupt  Zeitsclir.  C.    191. 


804  Weinhold. 

Einige  Worte  sind  noch  über  Gixthmund  hinzuzufügen. 
Er  ist  augenscheinlich  ein  Eibenfürst,  wie  auch  schon  P.  E. 
Müller  '  erkannt  hat.  Seine  verführerischen,  reizenden  Töchter, 
welche  ihren  Liebhabern  Sinn  und  Erinnerung  verwirren,  ja 
sie  in  den  Tod  locken,  tragen  durchaus  die  Züge  der  elbischen 
Frauen.  Ausgeführt  ist  dies  besonders  für  Guthnumds  Tochter 
lugeborg  in  der  Saga  von  Helgi  Thorisson.  Weil  er  ein  Elbe 
ist,  so  ist  er  in  der  Geschichte  von  Thorkill  an  den  Todten- 
fluss  versetzt,  denn  die  elbischen  Geister  und  die  Seelen  der 
abgeschiedenen  sind  ein  und  dieselbe  Art  mythischer  Wesen. 
Die  Heidrekssaga  weiss  auch  von  dem  Unsterblichkeitsfelde 
(Udainsakr)  in  seinem  Reiche  und  seiner  Harde  Glanzfeld 
(Glaesisvellir) ,  die  auch  in  der  Saga  von  Herraud  und  Bosi 
genannt  und  in  die  Nachbarschaft  Biarmlands  versetzt  wird, 
während  die  Heidreks-  und  Hervararsaga  ihn  nach  Jötunheim 
bringen,  Angaben,  die  nichts  weiter  bedeuten,  als  dass  jene 
spätere  Zeit  von  ihm  als  einer  sagenhaften  Gestalt  in  mythi- 
schen Gegenden  wusste.  Mythologisch  ist  interessant,  dass 
Burg  und  Land  dieses  elbischen  fi^'r/o-oixzöq  an  die  Grenze 
zwischen  dem  menschlichen  und  übermenschlichen  gesetzt 
werden.  — 

Aus  allem  erkennen  wir,  dass  die  klare,  nüchterne  Auf- 
fassung und  Kenntniss  eines  Ottar  über  die  skandinavischen 
und  tinnischen  Polarländer  in  den  folgenden  Jahrhunderten  ver- 
loren ging.  Die  Phantasie  schlägt  dort  ihr  Reich  auf,  die 
Riesen  und  Eiben,  die  Todten  selbst  werden  dort  angesiedelt. 
Zwischen  die  bekannten  wirklichen  Länder  Halogaland,  Finn- 
mark und  Biarmland  werden  Jötunheim,  Ymisland,  Alf  heim 
eingeschoben ;  ja  eine  ganz  bestimmte  Landschaft,  das  heutige 
Bohuslän  und  ein  Theil  von  Smaalehn,  die  Gegend  zwischen 
Götaelf  und  Glommen,  führte  den  Namen  Alf  heimar,  2  was  auf 
so  fester  Volksmeinung  fusst,  dass  noch  heute  auf  Island  die 
Sage  geht,  die  elbischen  Unterkönige  von  Island  müssen  jähr- 
lich zu  ihrem  Oberkönig  nach  Norwegen,  um  über  ihr  Reich 
zu  berichten  und  sich  gegen  Klagen  zu  verantworten.  •' 


•  Saxonis  grammatici  historia  danica  II,  247. 
2  Ynglingasaga  c.  53. 

^  Koiir.  Maurer  Isläiulisclic  Vdlkssag'cii  der  Gcgomvjirt-  S.  4.  -    Eino  Spur, 
dass   auch    in  ]3out.scliland   das  Elbenrcicli   nach  Norwegen    verspfzt   war, 


Polargegenden  Europas.  805 

) 

Was  durch  klassische  Gclahrtheit  zur  Störung'  sicherer 
Kunde  über  die  Nordvölker  geleistet  ward,  hat  uns  Adam  von 
Bremen  gezeigt.  Ebenso  füllte  sich  das  Abendland  durch  die 
Ki-euzzüge  mit  den  wundersamsten  ethno-  und  geographischen 
Eizählungen  :  der  Zug  zu  dem  Romanhaften  dringt  durch  die 
Menschen  und  befängt  sie  lange.  So  erklärt  sich  die  aben- 
teuerliche V(ilkerkarte  in  den  späteren  nordischen  Sagas  durch 
Einwirkung  verschiedener  Mittel. 

Jedoch  fehlt  es  auch  jetzt  nicht  an  einzelnen  Nachrichten, 
welche  das  Recht  des  nüchternen  Berichts  gegenüber  der  dich- 
terischen willkürlichen  Gestaltung  einigermassen  wahren. 

Eine  isländisch-norwegische  Geographie  des  13./14.  Jahr- 
hunderts, deren  Bruchstücke  sich  in  verschiedenen  Handschriften 
linden,  '  beschreibt  wie  nördlich  von  Norwegen  Finnmark  folgt 
und  dass  man  ostwärts  von  da  nach  Bermland  komme.  Berm- 
land  hange  durch  unbewohnte  Länder  mit  Grönland  zusammen, 
auf  dessen  festländische  Eigenschaft  schon  der  in  Norwegen  nach 
Beginn  des  dreizehnten  Jahrhunderts  verfasste  Königsspiegel 
aus  der  Menge  von  Thieren  schloss,  die  schwerlich  auf  einer 
Insel  leben  könnten  (Cap.   17). 

Südlich  von  Grönland  setzt  jene  Landbeschreibung  Hallu- 
land  und  Markland,  worunter  Labrador  und  Neufundland  zu 
verstehen  sein  werden.  Von  da  sei  es  nicht  weit  nach 
Winland,  das  sieh  nach  der  Ansicht  mancher  bis  Afrika 
erstrecke. . 

In  der  unter  dem  Namen  Gripla  bekannten ,  im  Original 
verlorenen  Schrift  wird  die  See  zwischen  Winland  und  Grön- 
iland  Ginnungagap  genannt,  unter  welchem  altmythischen  Namen 
Ides  Urchaos  in  einer  späteren  Schrift  das  ganze  Weltmeer 
jwestwärts  von  Spanien  begriffen  ist. - 

j  Das  wichtigste    in  jenen  Nachrichten  für  uns  hier  ist  die 

iVorstellung    einer    zusammenhangenden     Laudmasse    um     den 


gibt   Nibel.    G8'2  A    (TS'.t   B) ,    wo   das    von   Siegfried    iintorworfeiie    Land 
Nibelungs    und    Scliilbungs    mit    Norwegen    g-leiclibedentend    steht.     Be- 
zeichnend für  C  ist,  dass  sie  Norwaege  tilgt. 
'  Werlanff  Synibolae   ad   geographiam   medii    aevi.    Havn.    1821.    S.    7.    14. 
Grönlands  IVIindesnuirker  III,  216.  220. 

2  Grönlands  Mindesmärker  III,  224.  227. 
Sitzb.  d.  phil.-hist.  Ol.  I.XVIII.  Bd.  IV.  llft.  52 


80ß  WpinhnM. 

Nordpol,  die  sicli  übrigens  mit  denselben  Worten  schon  in  den 
Aufzeichnungen  des  Abt  Nikolaus  von  Thingeyrar  (f  1158) 
findet.  ' 

Ueber  die  eigentlich  skandinavischen  Nordgegenden  blüht, 
wie  schon  angedeutet,  in  den  späteren  Jahrhunderten  des  Mittel- 
alters das  üppige  Kraut  der  Fabel. 

Das  sogenannte  breve  chronicön  Norvegiae,  dessen  Ent- 
stehung bis  in  das  dreizehnte  Jahrhundert  zurückreichen  soll,'^ 
erzählt,  dass  nordöstlich  von  Norwegen  die  Karelen  fKyrjali), 
Quänen,  die  Skridlinnen  (cornuti  Finni)  und  die  Biarmen 
wohnen.  Schiffer,  die  auf  der  Fahrt  von  Island  nach  Norwegen 
vom  Sturme  verschlagen  seien,  bezeugten,  dass  sie  zwischen 
Grönland  und  Bermland  (also  in  jenem  Polarlande)  die  Riesen 
und  die  Amazonen  ^  gefunden  hätten. 

Als  Grenzort  zwischen  Halogaland  und  Bermland  gibt  die 
Chronik  den  schon  von  Nikolaus  von  Thingeyrar^  genannten 
Ort  Vegistaf  an,  welchen  P.  A.  Munch  in  der  Mündung  der 
Veleaa  ins  weisse  Meer  bei  der  lappischen  Stadt  Umba  suchte. 
Ueber  Bermland,  heisst  es  in  der  Chronik,  '  liegt  jenes  überaus 
tiefe  Nordmeer,  mit  Charybdis  und  Scylla  und  unvermeidlichen 
Strudeln.  Dort  sind  Eisberge,  welche  den  Grönlandfahreru 
gefilhrlich  werden.  Auch  allerlei  Ungethüme  bevölkern  dort 
die  See :  die  Wale,  welche  die  stärksten  Fahrzeuge  zertrümmern, 
einäugige  Walrosse,  die  Sirene,  die  köpf-  und  schwanzlose 
Hafstrambe,  der  Krak  (hafgufa),  die  entsetzliche  Haf  kitte  und  • 
andere  Geschöpfe,  die  wir  schon  in  dem  Königsspiegel  ge- 
schildert finden. 

So  erklärt  es  sich  leicht,  wie  das  weisse  Meer  den  Namen 
Zauberbucht  (Gandvik)  empfing.  Nachdem  gegen  Mitte  des 
dreizehnten  Jahrhunderts  die  norwegischen  Unternehmungen 
nach  Bermland  aufhörten,  wurden  jene  Nordostküsten  immer 
unbekannter  und  mehr  und  mehr  geeignet,  der  Schauplatz  von 


ü? 


'  Antiqnites  rnsses  II,  404. 

2  Ryinl)ol,ae    ad    Iiistoriam    antiqniornm    rcinim    Norvegioarnm    edid.    P.    A. 
Mnncli.  I.  Brovo  clirnnicon  Norvoj^iao.  Cliristian.   1850.  p.  2  f. 

3  homines  mirc  magnitudinis  et  Virgiimm  terrani,  que  gnstii  aque  concipere 
dicuntur. 

■•  Aiiti(|uit('s  nissos  IT,  404.     W(>rlaiirt'  Symbolap   12. 
■■  Bnvc  clironicKii   ]>.   .3. 


Polargegemlen  Enrnpas.  807 

i 

illcilci  Zauberwesen  zu  werden.  Wo  man  treilicli  auf  eine 
«'issensehaftlichere  Festsetzung-  der  geograpliiaclien  Kenntnisse 
lusging-,  scheute  man  jene  Fabeln  treulich  wiederzugeben  und 
3rlaubte  sich  höchstens,  einzelnes  davon  einzuschalten.  So' ver- 
fuhr der  bekannte  englische  Miuorit  Bartholomaeus  anglicus 
oder  von  Glanville,  der  in  dem  fünfzehnten  Buche  seiner  En- 
cyclopaedie  de  genuinis  rerum  coelestium  terrestrium  inferarum 
pro|)rietatibus  ein  alphabetisch  g-eordnetes  geographisches  Hand- 
buch zusammenstellte.  '  Für  uns  hat  folgendes  darin  Interesse. 
In  dem  71.  Capitel  de  Gothia  berichtet  er,  dass  der  g-rösste 
Theil  Europas  und  Asiens  von  dieser  südlichen  schwedischen 
Provinz  bevölkeit  worden  sei ;  auch  die  Amazonen  in  Asien 
stammten  von  dort.  Von  Norwegen,  das  an  Gothia  grenzt, 
sagt  er  ((Jap.  lOö),  dass  es  dort  viel  wundersames  und  unge- 
lieuerliches  gebe.  Es  seien  daselbst  Brunnen,  in  denen  Leder  oder 
Holz  sich  sofort  versteinern.  In  Finnmark  (Winlandia"^  Cap.  172) 
bei  das  Volk  der  Zauberei  sehr  ergeben.  Wenn  die  Schiffer 
dort  wegen  Windstille  nicht  weiter  könnten,  so  verkauften  ihnen 
lie  Finnen  den  Wind.  Sie  gäben  einen  Knäuel  Fäden,  in  welche 
verschiedene  Knoten  geknüpft  seien.  Je  nach  Zahl  der  ge- 
östen  Knoten  bekämen  die  Schiffer  schwächeren  oder  stär- 
keren Wind. 

Die  Notizen  über  Norwegen    und  Finnmark    benutzte  Se- 
bastian Franck   in  seinem  Weltbuch. '^ 


Was  im  neunten  bis  elften  Jahrhundert  im  hohen  Norden 
intdeckt  war,  blieb  füi-  lange  ohne  Ergänzung  und  nur  die 
-'hantasie  suchte  die  Kenntniss  von  den  Polarländern  zu 
k'enn  ehren. 


*  Die  von  W.  Wackeniaovl  in  TTaiipts  Zeitsclii-üY  TV,  479-451.")  ans  einer 
Berner  Handschrift  ansziiglicli  licransgegebcno  Geograpliio  des  Mittelalters 
ist  nichts  weit(>r,  als  dieses   15.   Bnch  des  Barth« ilomäns  Glanville. 

^  J.  Grimm  Mytlml.  COC,  Irrte,  wcini  er  dieses  ^^'in^^ldia  auf  Grlndand 
dentete.  Bart]i«dnniäns  sagt  ansdrücklicli :  Wiidandia  est  patria  jnxta  nion- 
tana  Norwegie  versns  orlentem  sita  snp<'r  litns  (jceani  protensa.  Es  ist 
also  Finnmarken  gemeint. 

'  Welthncli :  spiegel  vnd  bildtniss  des  gantzen  erdtbodens  von  Sebastiano 
Franco.   (Tübingen)    15:M,  Bl.   LX. 

52* 


808  Weinhold.     Polargegenden  Europas. 

Nach  bewundernswerten  Ilnternehmung-en  kühner  Männer 
liat  die  Geg-enwart  sich  die  Erforschung-  der  arktisclien  Gegenden 
zur  besonderen  Ehrenaufg'abe  gesetzt. 

Heute  erzählen  unsere  Seefahrer  bei  ihrer  Heimkehr  aus 
dem  nordischen  Eise  nach  Bremen  keine  Märchen  mehr.  Aber 
ihre  schlichten  Berichte  erwecken  noch  g-rössere  Bewundei'ung, 
als  ihrer  Zeit  die  Erzählungen  der  Friesen  vor  acht  Jahr- 
hunderten. Denn  der  Wahrheit  Antlitz  ist  g-ewaltiger,  als  das 
der  Dichtkunst. 


Pfizmaier.    Zur  Geschichte  der  Wuuder  in  dem  alten  China.  §00 


-^ur  CTescliiclite  der  Wimder  in  dem   alten  China. 


Von 


'  Dr.  A.  Pfizmaier, 

wirkl.  Mitglied  der  k.  Akademie  der  VVissenschafteu. 

Uas  Sse-ki  und  die  auf  dasselbe  in  verschiedenen  Zeit- 
■äumen  folgenden  grösseren  Geschichtswerke  bringen  unter  dem 
Fitel:  , Denkwürdigkeiten  von  den  fünf  Grundstoffen^  regel- 
jnässig  eine  Reihe  Aufzeichnungen  von  Naturereignissen,  die 
läufig  wunderbarer  Art  sind,  im  Allgemeinen  aber  als  Zeichen 
j;'edeutet  und  als  solche  für  glücklich  oder  unglücklich  gehalten 
iverden.  In  der  vorliegenden  Abhandlung  wird,  mit  Hinweg- 
assung  der  gewöhnlichen  Naturereignisse,  dasjenige,  was  in 
.Iten  geschichtlichen  und  anderen  Werken  über  eigentliche 
.Vunder  vorkommt  und  gewissermassen  als  Ergänzung  zu  den 
ron  dem  Verfasser  früher  gelieferten  Nachrichten  von  dem 
jeisterglauben  zu  betrachten  ist,  mitgetheilt. 

Die  einzelnen  Abschnitte  der  durch  diese  Zusammenstel- 
ungen  entstandenen  Arbeit  sind:  Von  den  Wundern.  Von  der 
ichten  und  dunklen  Seele  des  Menschen.  Von  Gespenstern, 
/on  den  Verwandlungen. 


Von  den  Wundern. 

In  den  Ueberlieferungen  Tso's,  bei  dem  Fürsten  Tschuang, 
^ird  gesagt : 

Eine  innere  Schlange  hatte  mit  einer  äusseren  Schlange 
11  dem  südlichen  Thore  von  Tsching  gekämpft.  Die  innere 
Schlange  war  todt.     Im  sechsten  Jahre  trat  Fürst  Li  ein.  Der 


810  Pfizraaier. 

Fürst  hörte  von  jener  Sache  und  fragte  Schin-siü:  Gibt  es 
gleichsam  Ungeheuerlichkeiten?  —  Jener  antwortete :  Was  der 
Mensch  verabscheut,  dessen  Luft,  verbreitet  sich  wie  ein  Feuer 
und  nimmt  es  weg.  Die  Ungeheuerlichkeiten  erstehen  durch 
die  Menschen,  der  Mensch  hat  keine  Schuld.  Die  Ungeheuer- 
lichkeiten entstehen  nicht  von  selbst.  Wenn  der  Mensch  das 
Gewöhnliche  zurücksetzt,  so  entstehen  Ungeheuerlichkeiten.  Des- 
wegen gibt  es  Ungeheuerlichkeiten. 

In  denselben  Ueberlieferungen,  bei  dem  Fürsten  Wen, 
wird  gesagt : 

Es  waren  Schlangen,  die  aus  dem  Palaste  der  Quellen 
hervorkamen  und  in  das  Reich  drangen.  Ihre  Zahl  war  die- 
jenige der  früheren  Landesherren.^  Im  Herbst,  im  achten  Mo- 
nate des  Jahres,  starb  Sching-kiang  (die  Gemalin  des  Fürsten). 
Man  zerstörte  die  Erdstufe  der  Quellen. 

In  denselben  Ueberlieferungen,  im  sechsten  Jahre  des 
Fürsten  Siang,  wird  gesagt: 

In  dem  grossen  Ahnentempel  von  Sung  rief  Jemand  mit 
lauter  Stimme :  Hi  hi !  Tschö  tschö !  -  —  Der  Gesang  der  Vögel 
auf  dem  Tempel  der  Haarspitzen  klang  wie  Hi  hi.  An  dem 
Tage  Kiä-wu  (31)  entstund  in  Sung  eine  grosse  Feuersbrunst 
und  Pe-I  starb. 

Die  von  Tschang-fan  verfassten  Darlegungen  von  Hau 
sagen : 

Die  Schiffe  in  dem  Teiche  Liang-ki's  stürzten  ohne  Ursache 
um.     Später  wurde  er  hingerichtet. 

Das  Buch  der  späteren  Hau  sagt; 

Pe-tschung  erhob  sich  zum  Könige  von  Yen.  Er  sah  viele 
Veränderungen  und  erstaunliche  Dinge.     In  seiner  Halle  hörte 


'  Von  Pe-khiii  bis  zu  dem  Fürsten  Hi,  mit  v/elchem  der  Frühling  und  Herbst 
beginnt,  waren  siebzehn  Landesherren  von  Lu. 

2  Pa  P^  Hi-hi,  auch  ^B.  gS.  Hi-hi  geschrieben,  hat  uie.li  der  gewöhn- 
liclun  Krklärung  die  Bedeutung  ,lieiss'.  rH  HrJ  Tscliö  -  tschö  soll 
Buj  fliTjTscho-tsclio  geschrieben  werden  und  ist  eigentlich  ein  Ruf  des 
Schreckens.  Es  dient  hier  zur  Warnung  Pe-I's,  der  Gemalüin  des  Fürsten.j 
Das  Werk  Thung-ya  sagt,  dass  die  Laute  hi-hi  tsehö-tschö  die  Stimme 
der'  Götter  und  Geister  ausdrücken.  Die  alte  Erklärung :  ,die  Gestalt  des 
Feuers'  sei  irrig.  Schuo-wcn,  das  diese  Stelle  anführt,  schreibt  gE  =^ 
Hi-hi,  was  ein  Ausdruck  des   Absehens. 


Zur  Geschichte  der  Wunder  in  dem  alteu  China.  811 

er  das  Geschrei  von  Friischen  unter  dem  Feuer  Vles  Ofens.   Er 

Hess  die  Ei'de  au%raben  und    suchen ,    aber    man    fand    nichts. 

Später  wurde  er  von  seinen  Sclaven  getödtet. 

Die  Denkwürdigkeiten  von  Wei  sagen  : 

Was  Tschang-tsien  von    Khiü-lo    betrifft,    so    gelangte    in 

[  dem  Zeiträume  Tscliing-schi  (240  bis  248  n.  Chr.)  ein  mit  einem 

i  Kupfputze  versehener  Vogel  in  das  Nest  einer  Wildgans  nörd- 

I  lieh  von  dem  Thore  Tsien's.     Dieser    sagte   zu   den    Menschen 

jdcs  Thores:  Der  mit  einem  Kopfputze  versehene  Vogel  ist  ein 

I  Vogel  des  Yang,  und  er  nistet   an   der   Nordseite    des    Thores. 

I  Dieses  ist  eine  unglückliche  Vorbedeutung.  —  Er  rührte   jetzt 

I  die  Citlier  und  verfertigte  ein  Gedicht.    In  einer  Decade  starb  er. 


Tschü-kien-ping  war  geschickt  im  Beobachten.    Er  bcob- 
j  achtete  Ying-khiü  und  sprach :  Du  wirst  zwei  und  sechzig  Jahre 
!  alt  werden.     Deine  Rangstufe  wird  diejenige  eines  beständigen 
j  Aeltesten  sein.     Ein  Jahr  vor  dieser  Zeit  wirst  du  allein  einen 
weissen  Hund  sehen.  —  Khiü  war  ein  und  sechzig   Jahre    alt, 
als  er  ein  in  dem  Inneren  Aufwartender  und  ein  gerader  Unter- 
suchender des  Inneren  wurde.     Phitzlich  sah  er   einen  weissen 
Hund,  die  Menschen  insgesammt    sahen  ihn  aber  nicht.     Hier- 
auf lustwandelte  er  in  Hast,  begab  sich  zu  kSchauspielen,  trank, 
veranstaltete  fröhliche  Zusammenkünfte  und  vergnügte  sich.    Als 
er  zwei  und  sechzig  Jahre  alt  war,  starb  er. 

Die  Denkwürdigkeiten  von  U  sagen: 

Als  Tschü-ko-khö  den  Eroberungszug  nach  Hoai-nan  unter- 
nehmen wollte,  war  ein  elternliebender  Sohn,  der,  mit  Trauer- 
kleidern angethan,  in  den  Söller  trat.  Er  befahl,  ihn  zur  Rede 
zu  stellen  und  ihm  zu  sagen  :  Ich  habe  nicht  bemerkt,  dass  du 
eintratest.  —  Um  die  Zeit  hatte  auch  von  den  Wächtern  und 
den  ]\Ienschen  des  Rückhaltes  keiner  ihn  gesehen.  Später  wurde 
Khö  hingerichtet. 

Das  Buch  der  Tsin  sagt: 

King,  König  von  Tsi,  stand  in  der  Lenkung  zur  Seite. 
Es  war  ein  Weib,  das  sich  zu  dem  Thore  des  grossen  Vor- 
stehers der  Pferde  begab  und  verlangte ,  dass  sie  entbinden 
ilürfe.  Die  Angestellten  wiesen  sie  zurecht  und  sagten:  Unser 
Nabolabschneidcr  ist  eben  fortgegangen.  —  Als  sie  dieses  gesagt 


gl2  Pfizmaier. 

hatten,  war  sie  nicht  mehr  zu  sehen.     Im  nächsen  Jahre  wurde 
King  hing-erichtet. 

Das  von  Wang-yin  verfasste  Buch  der  Tsin  sagt: 

Als  Wang-siün  in  Yeu-tscheu  weilte,  kauerte  ein  Fuchs 
in  dem  Thore  des  Sammelhauses  Siün's.  Das  Männchen  eines 
Bergfasans  drang  in  den  Gerichtssaal.  Hierauf  wurde  Siün 
durch  Schi-li  getödtet. 

Das  Buch  der  Tsin  sagt: 

Zur  Zeit  als  Lün,  König  von  Tschao,  sich  die  Rangstufe 
anmasste,  waren  Fasanen,  die  in  die  Vorhalle  flogen.  Sie  stiegen 
von  der  östlichen  Treppe  der  grossen  Gipfelung  zu  der  Vor- 
halle empor.  Als  man  sie  verscheuchte,  flogen  sie  sofort  unter 
die  westlichen  Weingefässe.  Nach  einer  Weile  flogen  sie  fort. 
Ferner  fand  Lün  in  der  Vorhallo  einen  merkwürdigen  Vogel. 
Er  fragte,  und  Niemand  wussto  dessen  Namen.  An  einem  an- 
deren Tage  erschien  gegen  Abend  im  Westen  des  Palastes  ein 
mit  einem  ungefärbten  Kleide  bekleidetes  kleines  Kind.  Das- 
selbe sagte;,  der  Vogel  sei  der  Vogel  des  unterworfenen  Ge- 
schlechtes Lieu.  Lün  liess  das  kleine  Kind  in  die  Register 
eintragen  und  verschloss  es  zugleich  mit  dem  Vogel  in  ein 
leeres  inneres  Haus.  Als  er  dieses  am  nächsten  Morgen  (iffnete 
und  nachsah,  war  die  Thüre,  wie  sie  früher  gewesen.  Zugleich 
hatte  man  die  Spur  des  Menschen  und  des  Vogels  verloren. 
Ueber  dem  Auge  Lün's  befand  sich  eine  Beule.  Man  hielt  dieses 
um  die  Zeit  für  eine  Ungeheuerlichkeit. 

Das  Buch  der  nördlichen  Tsi  sagt: 

Jui,  König  der  Provinz  Tschao,  machte  eine  Meldung  an 
dem  Hofe  des  späteren  Vorgesetzten,  worin  er  sagte,  dass  Ho- 
sse-khai'  nicht  in  dem  Inneren  weilen  solle.  Man  liess  Sse-khai 
austreten  und  ernannte  ihn  zum  stechenden  Vermerker  von 
Yuen-tscheu.  Die  Kaiserin  wollte  ihn  länger  als  hundert  Tage 
zurückhalten.  .Jui  zeigte  sich  entschlossen  und  erlaubte  es  nicht. 
Jui  trat  aus.  In  der  Nacht,  als  er  sich  schlafen  gelogt  hatte, 
sah  er  einen  Menschen,  dessen  Länge  eine  Klafter  fünf  Schuh 
betragen  mochte.     Derselbe  stand  an  dem  Thore,  wendete  sich 


1  Ho-sse-kliai  wurde  im  ersten  Jahre  des  Zeitraumes  Wu-pirig  (577  n.  Chr.) 
Gebietender  des  obersten  Bucliführers.  Der  vorletzte  Kaiser  aus  dem 
Hause  der  nördlichen  Tsi  wird  der  ,spätere  Vorgesetzte'  genannt. 


Zur  Gescliichte  der  Wuiidor  in  dem  altoii  Cliiiiii.  81d 

geg'cn  das  Bett  und  drückte  den  König-  mit  dem  Anne  nieder. 
Nach  läng'orer  Zeit  verschwand  er.  Jui  war  dieses  sehr  zu- 
wider.    Den  nächsten  Tag  wurde  er  hingerichtet. 

Das  von  Tschin-yo  verfasste  Buch  der  Sung  sagt: 

Als    Siao-sse-hoa    sich    in    Tsing-tscheu    aufhielt,    stürzte 

das  kupferne    Nössel,    dessen  er  sich   gewöhnlich .  Lediente,  um 

und  befand  sich  unter  der  Arzneiküche.  Plötzlich  fand  er  unter 

;  dem  Nüssel  zwei  todte  Sperlinge.    Sse-hoa  seufzte  und  sprach : 

I  Das   Nessel  ist  umgestürzt  und  zwei    Sperlinge    sind    verendet. 

j  Dieses  ist  ein  unglückliches  Zeichen!   —  Nachdem    dieses  sich 

1  ereignet,  wurde  er  gebunden. 

Das  Buch  der  Sung  sagt: 

Lieu-king-siuen  feierte  einst  in  der  Nacht  mit  seinen  öe- 
i  fährten  ein  Fest.  Es  ereignete  sich,  dass  man  aus  der  Luft  einen 
[  hänfenen  Schuh  in  die  Gesellschaft  warf.  Derselbe  fiel  auf  die 
Speiseschüssel  King-siuen's.  Er  mass  in  der  Länge  drei  Schuh 
fünf  Zoll  und  darüber.  Die  Menschen  legten  ihn  zwischen 
Ohr  und  Nase.  Zugleich  wollten  sie  ihn  zerstören.  In  eineiu 
Augenblicke  war  er  verdorben  und  ging  verloren. 

Der  Wald  der  Tiefen  der  Verwandlungen  sagt: 
Als  Yuen-yuen-ying,  Statthalter  von  U-hing,  sein  Amt  an- 
treten sollte,  Hess  er  aus  den  Abrissen  Glück  und  Unglück 
wahrsagen.  Es  hiess:  Du  kommst  regelmässig  zum  Amt  und 
sollst  zum  Vorgesetzten  eine  rothe  Schlange  nelunen,  die  eine 
Ungeheuerlichkeit  ist.  Du  darfst  sie  nicht  tödten.  —  Zuletzt 
erschien  wirklich  eine  rothe  Schlange,  die  sich  über  dem  stei- 
nernen Umschlage  der  kupfernen  Beglaubigungsmarke  des  Ti- 
gers krümmte.  Yuen-ying  schleuderte  sie  weg  und  tödtete  sie. 
Später  wurde  er  wirklich  durch  den  Räuber  Siü-fö  ums  Leben 
gebracht. 

Die  vermischten  Verzeichnisse  der  glänzenden  Erhabenen 
von  Thang  sagen : 

Nachdem  Li-schi-tschi  vornehm  und  auch  gewaltig  ge- 
worden, Hess  er  einst  die  dreifüssigen  Kessel  vor  sich  in  Reihen 
«teilen  und  die  dargereichten  Speisen  hei-richton.  Peines  ]\Ior- 
gens  sprangen  die  in  dem  Vorhofe  befindlichen  dreifüssigen 
Kessel  heraus  und  kämpften  miteinander.  Die  jungen  Knechte 
des  Hauses  meldeten  es  Schi-tschi.  Schi-tschi  ging  zu  dem  Orte 
hin,  nahm   Wein  und  schwor  einen  Eid.    Sie  standen  aber  auch 


(314  Pfizmaier. 

jetzt  von  dum  Kampfe  nicht  ab.  Die  Henkel  und  Füsse  der 
dreifüssig-en  Kessel  fielen  zu  Boden.  Am  nächsten  Tage  wurde 
Schi-tschi  seines  Amtes  als  Eing-cweihter  in  die  Geschäfte  der 
Lenkung  enthoben.  Wider  Vermuthen  wurde  er  durch  Li-lin- 
fu  zum  Sturze  gebracht.  Er  ward  zum  Statthalter  von  I-tschün 
herabgesetzt  und  starb  eines  guten  Todes. 


In  dem  Wohnhause  Li-lin-fu's  gab  es  häutig  Ungeheuer- 
lichkeiten und  Wunder.  Aus  der  Wasserrinne  an  dessen  süd- 
licher und  nördlicher  Ecke  erhob  sich  in  grosser  Ausdehnung 
ein  Feuerglanz.  Bisweilen  erschien  ehi  kleines  Kind,  das  mit 
Feuerbränden  aus-  und  eintrat.  Er  meldete  an  dem  Hofe,  dass 
man  an  dem  Orte  die  Warte  der  guten  Berathungen  errichten 
möge.  Lin-fu  war  unwohl.  Er  stand  am  frühen  Morgen  auf, 
wusch  sich  in  einem  Becken,  putzte  sich  und  Avollte  an  dem 
Hofe  eintreten.  Er  befahl,  dass  man  den  Bücherbeutel  nehme. 
Es  wai'cn  die  Verzeichnisse  der  Dinge,  mit  denen  er  sich  zu 
gewöhnlichen  Zeiten  befasste.  Plötzlich  bemerkte  er,  dass  der 
Beutel  etwas  schwerer  war,  als  derjenige,  den  er  gewöhnlich 
trug.  Er  öffnete  ihn  und  blickte  hinein.  Sofort  kamen  aus 
ihm  zwei  Ratten  hervor.  Er  warf  ihn  auf  die  Erde,  und  die 
Ratten  verwandelten  sich  in  grasgrüne  männliche  Hunde.  Die- 
selben blickten  mit  kühnen  Augen  und  die  Zähne  blekend  zu 
Lin-fu  empor.  Dieser  befahl,  einen  Bogen  zu  nehmen  und  sie 
zu  erschiessen.  In  demselben  Augenblicke  waren  sie  ver- 
schwamdcn.  Lin-fu  hassto  dieses.  Es  war  noch  kein  Monat 
vergangen,  als  er  starb. 

Die  Auseinandersetzungen  des  Zeitalters  sagen: 
Was  Wei-kuan  betrifft,  so  kochten  in  dem  Zeiträume  Yung- 
hi  (290  bis  299  n.  Chr.)  dessen  Hausleute  Speise.  Diese  fiel 
auf  die  Erde  und  verwandelte  sich  gänzlich  in  Seeschnecken. 
Diese  streckten  Füsse  hervor  und  gingen.  Kuan  wurde  zuletzt 
hingerichtet. 

Die  Ueberlieferungcn  von  Merkwürdigkeiten  sagen: 
Tscheu-nan,  König  von  Tschung-schan,  war  in  dem  Zeit- 
räume Tsching-schi  (240  bis  24S  n.  Chr.)  Aeltester  von  Siang- 
yi.      Eine  Ratte  kam  aus  einer  Hrthlc  in  den    Gerichtssaal  und 
sagte:  Tscheu-nan,  ilu  wiist  in  einem  gewissen  Monate  an  einem 


Zur  Gcscliiclite  <ler  Wumler  in  dein  iiltcii  Clüna.  8  10 

gewissen    Tai^-c   sterben.  —  Tscheu-nan    antwortete    nicht,    und 
die  Uatte  ging  in  die  Höhle  zurück.     Als    die    bestinnnte    Zeit 
kam,  trug"  die  Katte    wieder    Mütze    und    Kopftuch,    ein    hoch- 
rothes  Kleid  und  sagte :  Tscheu-nan,  du  wirst  zu  Mittag;  sterben.  — 
Tscheu-nan  antwortete  wieder  nicht.    .Ms  es  Mittag  ward,  sprach 
die  Ratte :  Tscheu-nan,  du  autwoi-test  nicht.    Was.  soll  ich  wiedei" 
sagen?  —  Als  sie  ausgeredet  hatte,  stürzte   die   Ratte    sogleich 
zusanunen  und  war  todt.     Dabei  verlor  sie  das  Kleid    und  die 
Mütze.    Tscheu-nan  Hess  seine  Leute  kommen,  die  Ratte  nehmen 
und  sie  ansehen.     Sie  glich  nur  einer  gewöhnlichen  Ratte. 
Die  Geschichte  des  Sucheus  der  Götter  sagt: 
Zu  den  Zeiten  des  Kaisers  Wu  von  llan,  im  zehnten  Mo- 
nate  des   vierten  Jahres  des  Zeitraumes    Tai-schi  (*Jo  v.  Chr.), 
war  in  Tschao  eine  Schlange,  die  von   der  Gegend  jenseits  dei- 
Vorwerke    eindrang   und    mit    einer    in    der    Stadt   betintUichen 
Schlange  unter  dem  Ahnentempel  Hiao-wen's  kämpfte.    Die  in 
der  Stadt  betindliche  Schlange  blieb  todt.     Zwei    Jahre  später, 
im  Tlerbste,  ereignete    sich    die    Sache    des    zur    Nachfolge   be- 
stimmten Sohnes  Wci.     Dieselbe  war  von  Kiang-tschung,  einem 
Menschen  von  Tschao,  ausgegangen. 


Zu  den  Zeiten  Wang-mang's,  in  dem  Zeiträume  Kiü-tsclu! 
(G  bis  7  n.  Chr.),  erkannte  Ti-I,  Statthalter  der  östlichen  Pro- 
vinz, dass  Wang-mang  sich  die  Rangstufe  der  Ilan  anmassen 
werde.  Er  berieth,  wie  er  die  gerechten  Waffen  erheben  könne. 
Sein  älterer  Bruder  Siuen  umschränkte  und  übergab.  Die 
Schüler  erfüllten  die  Halle.  Eine  Schaar  Gänse,  in  der  Zahl 
von  mehreren  Zehenden,  befand  sich  in  dem  Vorhofe.  Da 
drang  ein  Hund  von  aussen  ein  und  l)iss  sie.  Alle  blieben 
todt.  Als  man  zu  Hilfe  kam  und  ihn  schreckte,  hatte  ei-  ihnen 
die  Köpfe  abgebissen.  Der  Hund  lief  bcü  dem  Thore  heraus. 
Man  suchte  ihn,  aber  erfuhr  nicht,  wo  er  sich  aufhielt.  Siucui 
war  dieses  sehr  zuwider.  Einige  Tage  später  verhängte  Mang 
über   ihn  die  Ausrottung  der  drei  Seitengeschleeliter. 


Der   presse    Zugesellte    von    dem    Geschlcchte    Sse-ma    in 
Wei  strafte  Kung-sün-yuen ,    ihn  den  Vater    sowohl  als   dessen 


8 1  (3  P  f  i  z  m  a  i  e  r. 

Sohn.  In  früherer  Zeit  erschien  in  dem  Hcause  Yiien's  ein 
Hund,  der  in  ein  rothes  Kopftuch  und  ein  hochrothes  Kleid 
gekleidet  war.  Auf  dem  nördlichen  Markte  von  Siang-tsching 
wuchs  Fleisch,  das  Kopf  und  Augen  hatte  und  ohne  Hände 
und  Füsse  sich  bewegte.  Der  Wahrsagende  sprach:  Es  gibt 
eine  Gestalt,  die  unvollendet  ist.  Es  gibt  einen  Leib,  der  keine 
Stimme  hat.     Das  Reich  ist  vernichtet. 


Zu  den  Zeiten  der  U  gab  es  in  dem  doppelten  Gebäude 
des  Einkehrhauses  des  Königs  von  Liü-ling  immer  dämonen- 
artige Wesen.  Wer  daselbst  übernachtete,  war  ohne  weiteres 
todt.  Seitdem  getraute  sich  unter  den  abgesandten  Obrigkeiten 
Keiner,  das  Haus  zu  betreten.  Thang-ying,  ein  Mensch  von 
Tan-yang,  hatte  grossen  Muth.  Als  er  nach  Liü-ling  geschickt 
wurde,  hiess  er  die  Leute  in  das  Einkehrhaus  treten  und  da- 
selbst halten.  Die  Angestellten  mochten  nicht  öffnen.  Ying 
hörte  sie  nicht  an.  Er  schickte  alle  Menschen,  die  er  befeh- 
ligte, wieder  hinaus.  Er  selbst  ergi-iff  ein  grosses  Messer.  Um 
die '  dritte  Nachtwache  hörte  er,  dass  Jemand  an  die  Selten thüre 
klopfte.  Ying  fragte  von  weitem,  wer  es  sei.  Man  antwortete : 
Der  grosse  District  der  Abtheilungen  meldet  sich.  —  Ying  Hess 
ihn  vortreten.  Jener  meldete  sich  und  ging  fort.  Nach  einer 
Weile  klopfte  Jemand  an  die  Seitenthüre  wie  früher.  Man 
sagte:  Der  Gebieter  des  Sammelhauses  meldet  sich,  —  Ying 
Hess  ihn  wieder  vortreten.  Jener  trug  ein  schwarzes  Kleid 
und  entfernte  sich  ebenfalls.  Ying  sagte  zu  sich  selbst :  Diese 
Menschen  sind  durchaus  unverdächtig.  —  Nach  einer  Weile  klopfte 
man  wieder  au  die  Seitenthüre.  Man  sagte :  Der  Gebieter  des 
Sammelhauses  der  Abtheilungen.  —  Ying  erkannte  jetzt,  dass 
es  ein  Dämon  sei.  Er  ging  ihm  mit  dem  Messer  in  der  Hand 
entgegen.  Er  sah,  dass  die  drei  Menschen  reich  gekleidet  waren 
und  gemeinschaftlich  zu  dem  Sitze  emporstiegen.  Derjenige, 
der  sich  den  Gebieter  des  Sammelhauses  genannt  hatte,  Hess 
sich  sogleich  mit  Ying  in  ein  Gespräch  ein.  Das  Gespräch 
war  noch  nicht  zu  Ende,  als  der  , grosse  Bezirk  der  Abthei- 
lungen' hinter  den  Rücken  Ying's  sprang.  Ying  kehrte  sich  um 
und  stach  iiiii  mit  dem  Messer.  Der  Gebieter  des  Sammel- 
hauses stieg  von  dem    Sitze  herab  und  entlief.     Ying  verfolgte 


Zur  Geschiclite  der  Wuiulpr  in  rtciii  altoii  China.  81  i 

ihn  bis  unter  die  grosse  Mauer    des    Einkelirliauscs.      Dort    er- 
reichte er  ihn  und  brachte  ihm  mehrere  ?Tiebwunden  bei. 

Bei  Tagesanbruch  begab  er  sich  mit  seinen  Leuten  an 
die  Stelle.  Er  verfolgte  die  Blutspui-en,  die  er  sah,  und  ent- 
deckte die  Dämonen.  IMan  sagt:  Derjenige,  der  sich  den  Ge- 
bieter des  Sammelhauses  genannt  hatte,  war  ein  altes  Schwein, 
Der  , grosse  Bezirk  der  Abtheilungen'  w.ir  ein  alter  Dachs. 
Seitdem  hatte  alles  ein   Ende. 


Die  Mutter  Tsao's,  Lehensfürsten  von  Hia,  war  krank 
und  erschöpft.  Tsao  wollte  sich  zu  Tschün-}ü-tschi  begeben, 
um  wahrsagen  zu  lassen.  Es  war  ein  Fuchs,  der  an  dem  Thore 
sich  ihm  zuwandte  und  bellte.  Tsao  war  traurig  und  erschrocken. 
Er  eilte  sofort  zu  Tschi.  •  Dieser  sprach :  Das  Unglück  hat 
grosse  Eile.  Mögest  du  schnell  heinüvchren  und  unter  dem 
Baume  an  dem  Orte,  wo  dei-  Fuchs  gebellt  hatte,  weinen  niul 
wehklagen.  Du  bewirkst,  dass  die  Menschen  des  Hauses  er- 
schrecken und  sich  wundern,  so  dass  sie  alle,  Gross  und  Klein, 
heraustreten.  So  lange  es  noch  einen  Menschen  gibt,  der  nicht 
herausgetreten  ist,  mögest  du  nicht  aufhören,  zu  weinen  und 
zu  wehklagen.  Dann  lässt  sich  bei  dem  Unglück  ein  wenig 
Hilfe  bringen.  —  Tsao  that,  wie  ihm  geheissen  wurde.  Seine 
Mutter  behalf  sich  auch  in  ihrer  Krankheit  und  trat  heraus. 
Als  die  Menschen  des  Hauses  versammelt  waren ,  boi-st  das 
Dach  der  Halle  ün  allen  fünf  Seiten  und  stürzte  ein. 


Tschün-yü-tschi  führte  den  .Tünglingsnamen  Schö-ping  und 
stammte  aus  Thsi-pe.  Derselbe  war  von  Gemüthsart  tief- 
sinnig, gütig  und  gerecht.  Er  war  ein  Schüler  der  Bücher  und 
verstand  sich  auf  die  Verwandlungen.  Lieu-lai  von  Kao-ping 
wui'de  in  der  Nacht  von  einer  Hatte  in  den  jMittelfingei'  der 
linken  Hand  gebissen.  Dieses  war  ihm  in  fredanken  sehr  zu- 
wider, und  er  fragte  Tschi.  Dieser  zog  für  ihn  di(>  Wahrsage- 
pflanze und  sprach :  Die  IJatte  wollte  dich  tödten ,  aber  sie 
war  es  nicht  im  Stande.  Ich  wei-de  dich  dahin  bringen,  dass 
du  sie  ihrerseits  sterben  lassest.  —  Er  beschrieb  jetzt  mit 
Mennig  dessen  Handwurzel.    Drei   Zoll  hinter  dem  Q.uerstreifen 


3]^3  Pf  izmaier. 


bildete  er  (Uis  Zeiclien  Tien  (Feld.)  Dasselbe  war  schief  und 
hatte  einen  Zoll  im  Umfange.  Er  hiess  ihn  in  der  Nacht  beim 
Liegen  die  Pland  herzeigen.  In  dieser  Nacht  lag  eine  grosse 
Ratte  todt  vor  seiner  Hand. 


Lieu-tschung  von  Tung-yang  führte  den  Jünglingsuamen 
Tao-ho.  Als  er  in  Ku-schö  weilte,  fanden  sich  jede  Nacht  in 
dem  Vorhofe  des  Thores  mehrere  Gantang  Blut.  Man  wusste 
nicht,  woher  es  kam.  Dieses  ereignete  sich  drei-  bis  viermal. 
Später  wurde  Tschung  ein  bahnbrechender  Heerführer.  Er 
wurde  ausgeschickt,  um  im  Norden  einen  Eroberungszug  zu 
unternehmen.  Als  er  ausziehen  v>'ollte  und  Speise  kochte,  ver- 
wandelte sich  alles  in  Insecten,  Tschung  unternahm  hierauf 
den  Eroberungszug  im  Norden.  Seiji  Kriegsheer  wurde  in  Tan- 
khieu  geschlagen.     Er  selbst  ward  durch  Siü-kan  getödtet. 

Die  fortgesetzte  Geschichte  des  Suchens  der  Götter  sagt: 
In  Kuang-tscheu  waren  drei  Menschen,  die  sich  miteinander 
iu  dem  Gebirü-e  befanden  und  Bäume  fällten.  Plötzlich  er- 
blickten  sie  in  einem  Felsenneste  zwei  Eier  von  der  Grösse 
eines  Gantangs.  Sie  nahmen  sie  und  sotten  sie.  Als  das  Wasser 
heiss  zu  werden  anfing,  hörten  sie  sogleich  in  dem  Walde  ein 
Geräusch  wie  von  Wind  und  Regen.  Nach  einer  Weile  erschien 
eine  Schlange,  die  zehn  Spannen  dick  und  vier  bis  fünf  Klafter 
lang  war.  Dieselbe  nahm  die  Eier  aus  dem  heissen  Wasser 
in  den  Mund  und  entfernte  sich.  Die  drei  Menschen  starben 
nach  nicht  langer  Zeit. 


Tschang-ping  aus  der  Provinz  Tai  war  zu  den  Zeiten  Fu- 
kien's  ein  Anführer  der  Räuber  und  nannte  sich  den  stechenden 
Vermerker  von  Ping-tscheu.  Er  hatte  einen  Hund,  dessen 
Name :  die  fliegende  Schwalbe.  Derselbe  war  gestaltet  wie 
(un  kleiner  Esoh  Phitzlich  stieg  er  in  der  Nacht  auf  das  Dach 
des  Gerichtssaales  und  ging  umher.  Beim  Gehen  machte,  er 
ein  Geräusch,  als  ob  es  ihm  etwas  Gewöhnliches  wäre.  Es 
war  noch  kein  Jahi-  vergangen,  als  Tschang-ping  wirklich  durch 
Sien-pi  vertrieben  wurde.  Er  wurde  geschlagen,  Höh  und  er- 
gab sich  an  Fu-ki(!n.     Es  währt(^  nicht  lange,  so  starb  er. 


Zur  GescliichtP  der  Wumlor  in  ilom  alti'ii  Cliina.  819 

Die  Mutter  Vü-kins  von  Siii-yc  (n-kraiiktc.  Die  drei 
Brüder  befanden  sich  säniintlieli  l)ei  ihr  und  l)edicnten  sie  am 
hellen  Tag-e  in  ihrer  Krankheit.  Sie  zündeten  gewöhnlich  ein 
Feuer  an.  PhitzHch  sahen  sie,  dass  der  Vorhang  sich  zusam- 
menrollte und  ausbreitete.  Dieses  ereignete  sich  etliche  vier 
Male.  Nach  einer  Weile  hörten  sie  vor  dxjm  Bette  einen  unge- 
wöhnlichen Lärm,  als  ob  Hunde  jnit  einander  kämpften.  Das 
ganze  Haus  blickte  hin,  man  sah  aber  durchaus  keine  Hunde. 
Man  sah  das  Haupt  eines  todten  Menschen  auf  der  Erde  liegen. 
Das  Haupt  war  noch  blutig.  Man  sah  deutlich  beide  Augen, 
die  sich  noch  immer  bewegten.  Es  war  sehr  widerlich ,  und 
das  Haus  ward  von  Furcht  befallen.  In  der  Nacht  trug  man 
das  Haupt  vor  das  Thor  und  begrub  es  in  dem  rückwärts  ge- 
legenen Grarten.  Am  nächsten  Morgen  ging  man  hin,  um  nach- 
zusehen. Das  Haupt  war  aus  der  Erde  hervorgekommen,  und  die 
beiden  Augen  bewegten  sich  noch  immer.  Man  vergrub  es  nocli- 
mals.  Den  folgenden  Morgen  war  es  wieder  hervorgekoniUKni. 
Man  vergrub  es  zugleich  mit  einem  irdenen  Haupte,  und  es  kam 
nicht  wieder  hervor.     In  einigen  Tagen  starb  die  Mutter. 

Der  Garten  der  Merkwürdigkeiten  sagt: 

Sie-wen-tsing  traf  an  der  Rückseite  des  Sammelhauses  mit 
Gästen  zusammen.  Sein  Weib  vorr  dem  Geschlechte  Ijieu  sah 
einen  Hund  kommen,  der  das  Haupt  des  Mannes  von  dam  Ge- 
schlechte Sie  in  dem  Munde  trug.  Nach  längerer  Zeit  war 
seine  Spur  verloren.  Das  Weib,  erzählte  dieses.  Der  Mann 
von  dem  Geschlechte  Sie  -  zeigte  äusserlich  eine  unveränderte 
Miene.     In  demselben  Monate  starb  er. 


Was  Li-tao-yü  von  Ngan-ku  betrifft,  so  schlief  in  dein 
Zcitvaiiine  Yuen-kia  (424  bis  453  n.  (Jhr.)  ein  Hund  auf  (h\n\ 
Wege.  Yü  versetzte  ihm  einen  Fusstritt.  Der  Hund  sprach: 
Du  stehst  vor  deinem  Tode.  Warum  trittst  (hi  mich  mit  di'm 
Fasse V  —  Nach  einem  Jahre  starl)  Yü. 


Zu  den  Zeiten  der  Tsiu  wollte  die  Kaiserin  von  dem  (Jc- 
schleclite  Yang,  die  Gemalin  dt^s  Kaisers  Hoei,  in  den  Palast 
treten.    In  ihren  Kleidern  zeigte  sich  plötzlich  ein  Feuerschein. 


820  Pfizraaier. 

Seitdem  beg-egneten  die  Diener  des  Geheges  in  Waffen,  Lö- 
yang"  ging-  verloren  und  die  Kaiserin  ward  von  Lieu-yao  zur 
Gemahlin  genommen. 


Als  der  Mann  von  dem  Gesclileclite  Lieu  sich  in  Tschü- 
fang  befand,  durften  die  Menschen  nicht  mit  ihm  sprechen. 
Wenn  Menschen  mit  ihm  sprachen,  g-eriethen  sie  gewiss  in  Un- 
glück. Es  kam  so  weit,  dass  sie  erkrankten  und  starben.  Nur 
ein  vorzüglicher  Mann  meinte,  es  habe  keine  solche  Bewandt- 
niss.  Es  ereigne  sich  nur  zufällig,  dass  die  Menschen  an  den 
Versperrungen  lagern.  Der  Mann  von  dem  Geschlechte  Lieu 
erfuhr  dieses.  Er  ging  freudevoll  hin  und  erklärte  ihm,  dass 
er  verleumdet  werde.  Er  sprach:  Du  bist  im  Stande,  klar 
zu  sehen.  Jener  antwortete:  In  dem  ganzen  Zeitalter  ist  der 
Donner  gemeinschaftlich.  Wie  verdiente  es ,  dass  man  sich 
darum  kümmert?  —  In  einem  Augenblicke  brach  Feuer  aus. 
Erfordernisse  für  die  Reise,  Hausthiere,  Kleidungsstücke  und 
Kleinode  gingen  in  Massen  zu  Grunde.  Hierauf  gab  ihm  das 
ganze  Zeitalter  den  Namen :  Der  Hühnergeier  von  dem  Geschlechte 
Lieu.  Wenn  man  ihm  auf  dem  Wege  begegnete,  verschloss 
alles  die  Wagen,  trieb  die  Pferde  an,  verdeckte  die  Augen, 
lief  und  ging  ihm  aus  dem  Wege.  Der  Mann  von  dem  Ge- 
schlechte Lieu  versperrte  ebenfalls  das  Thor  und  verwahrte 
sich.  Wenn  er  während  der. Zeit  eines  Jahres  einmal  ausging, 
erschracken  und  zerstreuten  sich  die  Menschen  mehr,  als  wenn 
sie  einen  Dämon  gesehen  hätten. 


Wang-hoel-tschi  aus  Tai-yuen  führte  den  Jünglingsnamen 
Pe-yeu.  Er  wurde  im  vierten  Jahre  des  Zeitraumes  Yuen-kia 
(427  n.  Chr.)  stechender  Vermerker  von  Yuen-tscheu.  Als  er 
sich  auf  dein  Wege  befand,  hatte  er  Gäste.  Er  gab  Befehl, 
dass  man  Wein  und  Gebratenes  suche.  Er  hatte  noch  nicht 
ausgeredet,  als  das  Gebratene  ankam.  Hoei-tschi  nahm  es,  zer- 
schnitt es  und  ass  es  zuletzt  nicht.  P^r  warf  es  auf  die  Erde 
und  war  sehr  zornig.  Nach  einer  kleinen  Weile  sah  er  sich 
darnach  um.  Das  Gebratene  hatte  sich  bereits  in  das  Haupt 
Hoei's  verwandelt.     Voll  Entsetzen  l)lickte  er  zurück    und  sah 


Zur  Geschiclite  der  Wunder  in  dem  ;i!ton  China.  821 

wieder,  dass  das  Haupt  sich  in  der  Luft,  befand.  Es  versank 
mit  Schnelligkeit.  i\ls  er  in  den  Landstrich  gelang-te,  verschied 
er  sogleich. 


Tschang-tscliung-schü   sah  im    siebenten    Monate    des    sie- 
benten Jahres  des  Zeitraumes  Yuen-kia  (430  n.  Chr.),  zwischen 
Morgen  und  Abend  plritzlich,    dass    zur   Seite    des    Thores    ein 
rother    Dunst    erglühte.     Spilter    regnete    es    plötzlich    aus    der 
jLuft  in  seineu  Vorhof  hochrotheu  Flor.     Derselbe    war    sieben 
[bis  acht  Linien  breit  und  fünf  bis    sechs    Zoll    lang.     An    alle 
jStücke  waren  Papierstreifen  gebunden,  deren  Breite  und  Länge 
Igleich  derjenigen  des  Flors.     Es    regnete    in    Menge    und    sehr 
schnell.     Schü,  dem  es   zuwider  war,  verbrannte  alles.     In  der 
;  Nacht  erkrankte  er  ganz  plötzlich  und  starb. 


Wang-yü  befand  sich  im  Anfange  des  Zeitraumes  I-hi 
(405  bis  41 'S  n.  Chr.)  in  dem  mittleren  Vorliofe  und  richtete 
seine  Kopfbedeckung.  Ph'itzlich  machte  sie  sich  los  und  stieg 
in  die  Luft,  als  ob  sie  von  einem  Menschen  aufgesetzt  worden 
wäre.  In  dem  Monate,  in  welchem  seine  Mutter  starb,  reichte 
er  au  dem  Hofe  das  Weinopfer.  Das  Gefäss  befand  sich  auf 
einer  Bank,  In  einem  Augenblicke  glitt  es  auf  die  Erde, 
stürzte  um  und  stieg  wieder  auf  das  Bett.  Wider  Vermuthen 
trugen  sich  die  drei  Kinder  seines  jüngeren  Bruders  mit  Doppel- 
herzigkeit. Sie  wurden  ihrer  Schuld  überwiesen  und  hingerichtet. 


Tan-tao-thsi  befasste  sich  in  dem  Zeiträume  Yuen-kia 
(424  bis  453  n.  Chr.)  mit  dem  Niederhalten  von  Tsin-yang. 
Im  zwölften  Jahi-e  dieses  Zeitraumes  (435  n.  Chr.)  trat  er  an 
den  Hof  und  trennte  sich  von  seinem  Hause.  Er  blickte  auf  die 
Warte  der  Stadtmauern  zurück  und  schluchzte  immer  heftiger. 
Die  Einsichtsvollen  erkannten,  dass  Tao-thsi  nicht  im  Süden 
umherziehen  werde.  Desswegen  sangen  die  Zeitgenossen  von 
ihm  das  Lied :  Der  Ilauswii-th  bewerkstelligt  die  Trennung  auf 
den  Tod.  Bei  Enzian  und  Gift,  wie  soll  er  sich  helfen  ?  — 
Als  Thsi    die    Schiffe    auslaufen    lassen    wollte,    kam    ein    Pfau, 

Sitzl).  a.  iihil.-hist.  Cl.  LXVni.  lid.  IV.  Ilft.  53 


822  Pfizmaier. 

den  er  sich  hielt,  herbei,  nahm  die  Kleider  Tschi's  in  den 
Schnabel,  jagte  mit  ihnen  fort  und  kam  wieder.  Dieses  ereig- 
nete sich  mehrmals.  Im  dritten  Monate  des  dreizehnten  Jahres 
(436  n.  Chr.)  wurde  er  schuldig  befunden  und  hingerichtet. 


Das  Haus  Tai-hi's  von  Wu-tschang  war  arm,  seine  Wege 
niedrig.  Sein  Grab  befand  sich  im  Süden  des  Berges  Puan. 
Der  Wahrsagende  sagte:  Es  hat  die  Luft  der  Könige,  den  all- 
seitigen Kriegsmuth.  —  Hoan-wen  stützte  sich  auf  die  Macht, 
sti^g  im  Westen  hernieder  und  stand  vor  Wu-tschang.  Er  befahl, 
das  Grab  aufzugraben.  Man  fand  ein  Wesen  von  der  Grösse 
eines  Wasserbüffels.  Dasselbe  war  von  grüner  Farbe  und  hatte 
keinen  Kopf  und  keine  Füsse.  Um  die  Zeit  bewegte  es  sich 
auch.  Die  Stellen,  an  denen  man  es  stach,  tielen  nicht  ein. 
Man  Hess  es  geschehen,  dass  man  es  in  den  Strom  legte.  Als 
es  Wasser  erhielt,  hatte  es  eine  Stimme  gleich  dem  Donner. 
Es  wandte  sich  dem  langen  Rinnsaal  zu.  Die  spätere  Nach- 
kommenschaft Hi's  erlosch  in  gegenseitiger  Folge, 


Kö-hoei-fu  von  U-yang  befand  sich  in  dem  Zeiträume 
I-lii  (405  bis  418  n.  Chr.)  in  dem  Hause  seiner  Tochter  und 
übernachtete  daselbst.  Um  die  dritte  Nachtwache  erschienen 
zwei  Menschen,  die  in  den  Händen  Feuerbrände  hielten  und 
vor  der  Treppe  stehen  blieben.  Er  muthmasste,  dass  es  böse 
Menschen  seien.  Er  ging  hin,  um  nach  ihnen  zuschlagen.  Als  er 
den  Stock  herablassen  wollte,  verwandelten  sie  sich  in  Schmet- 
terlinge, die  in  Massen  umherflogen  und  sich  zerstreuten.  Ein 
Wesen  stiess  an  die  Achselgrube  Hoei-fu's.  Er  fiel  sogleich 
zur  Erde.     In  einer  kurzen  Zeit  war  er  todt. 

Die  Geschichte  der  erzählten  Merkwürdigkeiten  sagt: 
Das  Wohnhaus  Kö-tschung-tschan's  befand  sich  in  Kiang- 
ling,  im  Süden  des  Lautentempels.  In  dem  Zeiträume  Yueu- 
kia  von  Sung  (424  bis  453  n.  Chr.)  begann  er,  das  Haus  her- 
zurichten und  verfertigte  Fenstergitter  aus  Bambus.  An  dem 
Bambus  wuchsen  allmälig  Zweige  und  Blätter  in  einer  Länge 
von  mehrei'cn  Klaftern.  Es  wurde  düster  wie  in  einem  Walde. 
Tschuug-tschan   hielt  dieses  für   eine   glückliche  Vorbedeutung. 


'  Zur  Geschichte  der  Wunder  in  dem  alten  China.  823 

) 

US  er  den  Zeitraum  Hiau-kien  (454  bis  4n{\  u.  Chr.)  erreichte, 
mrde  er  hingerichtet. 


Tschü-hieu-tschi  von  Kia-hing-  sass  in  dem  Zeiti-aume 
i^uen-kia  (424  bis  4ö3  n.  Chr.)  seinem  jüng-eren  Bruder  geg-en- 
jtber.  Ein  Hund  wandte  sich  gegen  Hieu-tschi,  blickte,  indem 
jir  sich  kauerte,  die  zwei  Menschen  an  und  hichte.  Er  schüt- 
elte  den  Kopf  und  sagte:  Mau  sagt,  ich  könne  nicht  singen. 
Bürt  meinen  Gesang!  Die  Pflaumenblüthen  sind  dieses  Jahr 
Llt  und  können  wiederkommen.  Doch  ihr,  was  lässt  sich  im 
jiächsten  Jahre  für  euch  thun?  —  Die  Menschen  des  Hauses 
Uthaupteten  den  Hund  und  stellten  das  Haupt  an  der  Seite 
|les  Weges  zur  Schau.  Als  die  Zeit  der  Pflaumenblüthen  kam, 
jtämpften  die  Brüder  miteinander.  Der  jüngere  Bruder  ver- 
Ivundete  mit  der  Hakenlanze  den  älteren.  Er  wurde  aufn-e- 
griffen,  gebunden,  und  Beide  starben. 


In  dem  Zeiträume  Tai-ming  von  Sung  (457— 464  n.  Chi-.) 
irfreute  sich  Lieu-schün,  Befehlshaber  des  Districtes  Tün-khieu, 
les  Weines.  Als  er  am  frühen  Morgen  aufstand,  sah  ei-  auf 
einem  Bette  eine  Masse  geronnenen  Blutes,  das  die  Gestalt 
iiner  umgestürzten  Schüssel  hatte.  Der  Mann  von  dem  Ge- 
schlechte Lieu  war  ein  Mensch  des  Krieges.  Er  war  durchaus 
flicht  erschrocken  oder  verwundert.  Er  befahl,  dass  mau  Knob- 
[auch  stosse.  Er  zerschnitt  eigenhändig  das  Blut,  mengte  es 
init  Knoblauch  und  verzehrte  es.  Was  übrig  blieb,  warf  er 
^eg.  Zehn  Jahre  später,  im  zweiten  Jahre  des  Zeitraumes 
^uen-hoei  (474  n.  Chr.),  ward  er  durch  Wang-tao-lung  getödtet. 


Das  Haus  Tscheu-teng-tschi's  befand  sich  in  (Iqv  Hau])t- 
stadt.  Zu  den  Zeiten  des  Kaisers  Ming  von  Sung  besorgte  er 
flie  reingeistigen  Ahnentempel  und  ward  mit  Gnade  und  Gunst- 
oez eugungen  überhäuft.  Seine  Mutter  von  dem  Geschlechte 
Sie  bot  die  Vorschriften  Fo's.  In  einem  Monate  des  Souiukm-s 
des  fünften  Jahres  des  Zeitraumes  Tai-schi  (4()1)  n.  Chr.)  crschicüi 
^vährend  eines  Platzregens  ein  Wesen ,  das  die  Gestalt  eines 
!  53* 


824  Pfizmaier. 

dunklen  Rauches  oder  Nebels  hatte.  Dasselbe  Hess  das  Haupt 
herab  und  setzte  sich  auf  dem  Boden  vor  dem  Gerichtssaale 
fest.  Haupt  und  Hals  waren  wie  bei  einem  grossen  rothen 
Vogel.  Es  trank  das  Wasser  in  dem  Vorhofe.  Teng--tschi  war 
erschrocken  und  meinte,  es  sei  ein  guter  Geist  zu  ihm  herab- 
gestiegen. Er  schöpfte  mehr  Wasser,  und  es  trank  hundertmal 
zehn  Nössel.  Als  das  Wasser  zu  Ende  war,  entfernte  sich  dieses 
Wesen.  In  zwei  Jahren  starb  die  Mutter  von  dem  Geschlechte 
Sie.  Im  nächsten  Jahre,  ein  halbes  Jahr  nach  ihrem  Tode, 
starb  Kaiser  Ming.  Die  Sache  Teng-tschi's  erfuhr  seit  dieser 
Zeit  ein  Abnehmen  und  Fehlschlagen. 


W^as  Lieu-yuen-king  von  Ho-tung,  den  grossen  Heerführer 
der  raschen  Reiter  zu  den  Zeiten  von  Sung,  betrifft,  so  gelangte 
im  achten  Jahre  des  Zeitraumes  Tai-ming  ('4ß4  n.  Chr.)  der 
junge  Kaiser  zu  seiner  Stufe.  Yuen-king  bestieg  einen  Wagen 
und  fuhr  aus.  Als  er  zurückkehrte,  hiess  er  Leute  mitten  im 
Vorhofe  die  Schwangbäume  des  Wagens  waschen.  In  kurzer 
Zeit  erhob  sich  ein  Wirbelwind,  der  mitten  durch  das  Thor 
drang  und  in  geradem  Anlaufe  den  Wagen  erfasste.  Im  nächsten 
Jahre  wurde  das  ganze  Thor  hingerichtet.' 

Die  Verzeichnisse  des  Dunklen  und  Hellen  sagen : 
Tschung-tsu  aus  dem  nördlichen  Tempel  von  U,  ein  Mensch 
des  Weges,  lag  in  dem  inneren  Hause  des  Gebetes.  Eine  Ratte 
kam  aus  einer  Grube  hervor  und  sagte :  Tschung-tsu,  nach 
einigen  Tagen  wirst  du  sterben.  —  Tschung-tsu  rief  einen 
Sclaven  und  hiess  ihn  einen  Hund  hereinbringen.  Die  Ratte 
sagte:  Ich  fürchte  dieses  auch  nicht.  Wenn  ein  Hund  zur 
Thüre  hereinkommt,  ist  er  gewiss  todt.  —  Als  der  Hund  herein- 
kam, war  es  wirklich  so.  Tschung-tsu  war  einst  ein  Kaufmann 
gewesen.  Er  verschloss  die  Thüre  und  sagte  zu  der  Ratte :  Du 
willst  mich  eben  nur  reich  und  vornehm  machen.  Ich  befehle 
dir,  dass  du,  wenn  ich  weit  fortgereist  sein  werde,  sorgfältig 
mein  Zimmer  bewachest  und  nichts  verloren  gehen  lassest.  — 
Um  die  Zeit  befand  sich  Hoan-wen  in  Nan-tsehuen  und  verbot, 
Rinder  zu  tödten.     Er  verfuhr    dabei    sehr   eiliji'.     Tschunsr-tsu 


'  Nie,  dor  Nachfolger  des  Kaisers  Hiao-wn  von  iSung,  liess  die  Angehörigen 
der  Stammliäiiser  der  grossen  Würdenträger  tödten. 


Zur  Geschichte  der  Wunder  iu  dem  alten  China.  8^ö 

iid  mehrere  zelintciusend  Rindshäute,  die  er  verstohkiner  Weise 
ekauft  hatte,  auf  Wagen,  kehrte  nach  Osten  zurück  und  ver- 
andelte  sie.  Er  gewann  zwanzignial  Zelmtausende.  Als  er 
urückkehrte,  war  das  innen'  Haus  noch  immer  verscldossen, 
nd  es  war  gar  nichts  verloren  gegangen.  Die  wunderbare 
l^rscheinuug  war  ebenfalls  zernichtet.  Seit  dieser  .Zeit  wurde 
!T  allmäliy  reich. 


^f^ 


Zu  den  Zeiten  Schi-hu's  zeichnete  man  in  der  Vorhalle 
ies  grossen  Kriegsmuthes  die  Bildnisse  weiser  Männer.  Deren 
jläupter  schrumpften  plötzlich  insgesammt  ein  und  befanden 
•ich  in  der  Mitte  der  Schultern. 


ir 


Tscheu-tschao  von  I-hing  war  8in-hoei's  Vorsteher  der 
*fi-dc  und  boftind  sich  in  Kiang-ling.  Seiner  Gattin  wurde 
,1  stattet,  dass  ihr  Haus  sich  in  Nio  belinde.  Sie  sah  von  ferne 
n  dem  Hause  beim  Mondlicht  das  Haupt  eines  todten  Menschen, 
las  auf  der  Erde  lag  und  von  Blute  troff.  Sie  erschrack  und 
rrwunderte  sich.  Sofort  verlor  es  sich  und  war  verschwunden. 
Später  verfiel  Tschao  dem  Gesetze. 


Im  neunten  Jahre  des  Zeitraumes  Yuen-kia  (432  n.  Chr.) 
jcfand  sich  Yö-hia  von  Nan-yang  in  dem  Saale.  Plötzlich 
fiörte  er,  dass  in  der  Luft  ein  Mensch  ihn  und  sein  Weib  beim 
Namen  rief.  Dieses  geschah  mit  grosser  Eile  durch  ein  halbes 
Jahr,  dann  hörte  es  auf.  Ei'  war  überaus  erschrocken  und 
fürchtete  sich.  Einige  Tage  später  kehrte  sein  Weib  hinter 
ilem  Hause  zurück.  Plötzlich  war  ihr  ganzer  Leib  so  wie  ihre 
^esammte  Kleidung  blutig.  Es  war  noch  kein  Monat,  als  Mann 
imd  Weib  nach  einander  erkrankten  und  starben. 


.  Nachdem    Tschü-kö-tschang-min    reich    und    voj'nehm    ge- 

^vorden,  stand  er  einst  durch  einen  Monat  oder  durch  mehrere 
pecaden  plötzlich,  während  er  in  der  Nacht  schlief,  erschrocken 
auf  und    sprang    umher,    als    ob    er    sich   mit    einem   Menschen 


826  Pfizmaier. 

schlüge.  Mao-sieu-tschi  übernachtete  einst  mit  ihm  und  erschrack 
darüber.  Nicht  wissend,  was  dieses  bedeute,  blickte  er  ihn  an. 
Nach  längerer  Zeit  sagte  Min  zu  dem  Manne  von  dem  Geschlechte 
Mao :  Dieses  Wesen  ist  wunderbar  und  stark.  Es  gebricht  mir 
nicht  an  Mitteln,  es  zurecht  zu  bringen.  —  Der  Mann  von  dem 
Geschlechte  Mao  sprach:  Was  ist  es  für  ein  Wesen?  —  Tschang- 
min  sprach:  Ich  sah  eben  ein  Wesen,  das  sehr  schwarz  war, 
aber  seine  Hände  und  Füsse  waren  nicht  deutlich  zu  unter- 
scheiden. Seit  wenigen  Tagen  kommt  es  an  den  Abenden  und 
kämpft  plötzlich  mit  mir.  Ich  bin  sehr  erschrocken  und  fürchte 
mich.  —  Zwischen  den  Pfeilern  und  den  Balken  des  Hauses 
sah  man  lauter  Schlangenköpfe.  Er  befahl  Leuten,  mit  Messern 
auf  sie  zu  hacken.  Die  Köpfe  bargen  sich  und  verschwanden 
vor  den  Messern,  aber  bald  kamen  sie  wieder  hervor.  Mau 
stopfte  Papier  in  die  Pfeiler  und  Balken.  Das  Papier  rasselte 
inwendig,  als  ob  im  Gehen  ein  Geräusch  gemacht  würde. 


Zur  Zeit  als  Lieu-pin  sich  in  der  Provinz  U  befand,  war 
in  dem  Districte  Leu  ein  Mädchen,  das  plötzlich  in  der  Nacht 
bei  Wind  und  Regen  und  in  Ueberstürzung  innerhalb  der  Feste 
der  Provinz  ankam  und  sich  zu  erkennen  gab.  Sie  war  von 
dem  Hause  nur  einen  Augenblick  entfernt,  und  ihre  Kleider 
waren  nicht  nass.  Als  sie  bemerkte,  dass  sie  sich  an  dem 
Thore  befand,  verlangte  sie  Zutritt.  Sie  sagte:  Ich  bin  eine 
Abgesandte  des  Himmels.  Der  Gebieter  des  Sammelhauses  soll 
aufstehen  und  mir  entgegengehen.  Ich  werde  ihn  sehr  reicli 
und  vornehm  machen.  Thut  er  es  nicht,  so  hat  er  gewiss  Un- 
glück. —  Der  Mann  von  dem  Geschlechte  Lieu  fragte,  woher 
sie  komme  und  erfuhr  dieses  auch  nicht.  Zwanzig  Tage  später 
wurde  der  IMann  von  dem  Geschlechte  Lieu  wirklich  hingerichtet. 


Zu  den  Zeiten  Hoan-wen's  sass  ein  dem  Kriegsheere  als 
Drftter  Zugetheiltcr  in  der  Nacht  auf  seinem  Sitze.  Plötzlidi 
sah  er  über  den  Balken  des  Hauses  einen  liegenden  Hasen. 
Derselbe  presste  die  Zähne  zusammen  und  wandte  sich  gegen 
ihn,  Ajß  der  Haso  kam  und  im  Umwenden  nahe  war,  zog 
Jeuer  ein   Messer  und  hieb    nach    ihm.     Er    sah,    dass    er   den 


Zur  Geschichte  der  Wunder  in  dem  alten  l'liiua.  827 

lasen    i'icht%   getroffen    hatte,    aber    in    WiiklichKoit    war    der 
5ugetheilte  an   dem  Knie  verletzt  und  blutete. 

Die  Geschichte  der  untersuchten   Merkwürdigkeiten  sagt: 
I  U-tsing,    ein    Mensch    von    Siü-tscheu,    wurde    im    fünften 

iJahre  des  Zeitraumes    Tai-yuen  (3-SO  n.    Clu-.)  als    Mensch  des 
FIroberungszuges  ausgeschickt.     Er  tödtete    ein    Huhn   und    be- 
i'chrte  Segen.     Als  er  das  TIaiipt  des  Huhnes  in  eine  Schüssel 
ei^te,    krähte    es    plötzlich.     Später    schlug    man    die    Käuber. 
>cliao-pao,  der  Anführer  der  Räuber,  überblickte  die  Schlacht- 
oilien  und  fiel  in    dem    Kampfe.     Um    die    Zeit    lagen    die   zu 
[ji'don   gestreckten    Leichname  in    Unordnung    durch  einander, 
ind  Niemand  konnte  sie  erkennen.  Tsing  sah  einen  Menschen, 
der  mit  einem  Mantel  von    weissem  Brocat  bekleidet  war.     Er 
r/ermuthete,  dass  es  der  Anführer  sei.    Er  schlug  ihm  sogleich 
ias  Haupt   ab    und    meldete    sich.     Als    man    Nachforschungen 
i-instellte,  war  es  das    Haupt   Pao's.     Tsing   wurde    seiner   Ver- 
dienste wegen  zum  Statthalter  v(jn  Tsing-ho  ernannt.    Er  über- 
schritt   die    Stufe    der    wandei'nden    Genossenschaften    der   fünf 
Männer    und    erlangte    in    grossem    Masse    Ehre   und    Würden, 
pie   Ungeheuerlichkeit    des  Huhnes    hatte    sicli    in    Glück    ver- 
jwandelt. 

Die  von  Hoan-tan  verfassten  neuen  Erörterungen  sagen : 
Die  Sclavin  Liü-tschung-tse's  starb.  Sie  hatte  eine  viei-- 
jälu'ige  Tochter.  Sie  kam  mehrmals,  um  ihr  das  Haupt  zu 
waschen  und  sie  zu  reinigen.  Die  Männer  des  Weges  sagten: 
Ein  grüner  Hund  in  dem  Hause  thut  dieses.  Wenn  man  ihn 
tödtet,  so  hat  es  ein  Ende.  —  Yang-tschung  sagte  ebenfalls, 
in  einem  ilim  l)ekannten  Hause  sei  eine  alte  Mutter  gestorben. 
Plötzlich  habe  sie  sich  erhoben,  habe  gegessen  und  getrunken. 
Nachdem  sie  sich  berauscht,  sei  sie  auf  dem  Bette  der  Opferung 
gesessen.  Dieses  habe  sich  drei-  bis  viermal  ereignet.  Das 
Haus  sei  noch  mehr  gedrückt  und  gequält.  Als  sie  später  sich 
berauschte  und  wegging,  zerstörte  man  die  Ringmauer.  Man 
fand  einen  alten  Hund,  den  man  sogleich  erschlug.  Als  man 
Nachforschungen  anstellte,  war  es  der  Haushund  des  Weinver- 
käufers an  dem  Ende  der  Gasse. 

Der  Frühling  und  Herbst  von  Yuen-yen  sagt : 
Bei  dem  Tempel  von  Sin-ngan    befand    sich  ein  Sophora- 
baum,  und    eine  Aelster   hatte    daselbst   ihr  Nest   gebaut.     Ein 


828  Pfizmaier. 

Hahn  raubte  es  und  setzte  sieh  daselbst  auf.  Fan-lien,  Befehls- 
haber von  Yung-ngan,  war  der  Sohn  einer  Muhme  aus  meiner 
Verwandtschaft.  Sein  Vorstehe]-  der  Register  sagte  zu  mir: 
Ein  Hahn  sitzt  im  freien  Felde  auf.  Das  Herz  der  Menschen 
wird  sich  hiernach  richten^  und  man  wird  in  dem  freien  Felde 
halten.  Der  District  ist  leer!  —  Im  Sommer,  im  fünften  Mo- 
nate, an  dem  Tage  Ping-schin  (33)  starb  Lien.  Die  Trauer  hielt 
in  dem  Districte.  Man  Hess  den  District  leer  und  begleitete  Lien. 


Von  der  lichten  und  dunklen  Seele. 

Das  herbeigezogene  göttliche  Uebereinkomnien  des  Buches 
der  Elternliebe  sagt: 

Die  Leidenschaften  sind  die  Abgesandten  der  lichten 
Seele.  Die  Leidenschaften  sind  die  Vorgesetzten  der  dunklen 
Seele.  Entsteht  die  Leidenschaft  in  dem  Yin,  so  berechnet 
man  dadurch  und  denkt.  Entsteht  die  Leidenschaft  in  dem 
Yang,  so  ordnet  man  dadurch  und  kommt  überein. 

Die  von  Wang-sü  verfasste  Geschichte  der  Erfordei-nisse 
der  Trauerkleider  sagt : 

Der  Vater  des  Fürsten  Ngai  von  Lu  wurde  begraben. 
Khung-tse  fragte :  Soll  man  die  Kleider  der  lichten  Seele  hin- 
legen? —  Fürst  Ngai  sprach:  Die  Kleider  der  lichten  Seele 
stammen  von  Yuen-kiug.  Yuen-king  erkältete  sich  auf  den 
Wegen  am  Fusse  des  Gebirges  und  starb.  Sein  Freund  Yang- 
kio  war  betrübt.  Er  ging  hin  und  holte  den  Leichnam  ab. 
Die  lichte  Seele  und  der  Geist  waren  kalt,  deswegen  verfertigte 
er  die  Kleider  der  lichten  Seele.  Mein  Vater  kleidete  sich  im 
Leben  in  Stickwerk  iind  bunte  Seide.  Er  starb  in  der  Um- 
hüllung der  Kleider.  Wozu  sollten  die  Kleider  der  lichten 
Seele  sein? 

Das  Sse-ki  sagt: 

Kao-tsu  sagte  zu  dem  älteren  Bruder  seines  Vaters  in 
Pei :  Ich,  der  umherschweifende  Sohn,  bin  traurig  wegen  meiner 
Heimath.  Habe  ich  auch  meine  Hauptstadt  innerhalb  des  Grenz- 
passes, nach  zehntausend  Jahren  deid^t  meine  lichte  und  meine 
dunkle  Seele  noch  immer  freudevoll  an   Pei. 

Das  Buch  der  Erhebung  von  Tsin  sagt: 


Zur  Geschichto  ilei   Wunder  in  liein  iilten  China.  829 

Yiw,  König'  von  Tnng--liai,  starb.  Seine  K^cinigin  empfanrl 
Trauer  und  Schmerz.  Der  äussere  und  innere  Sarg-  Yuö's 
wurde  verbrannt.  Man  rief  die  lichte  Seele  herbei  und  begrub 
Yue  in  Tan-tu.  Tschung--tsung-  glaubte,  dass  dieses  gegen  die 
Gebräuche  sei.  Er  sandte  eine  h(»chste  Verkündung  herab, 
worin  er  sagte:  Durch  den  Grabhüg-el  verbirgt  man  die  Gestalt. 
Durch  den  Ahnentempel  beruhig-t  man  den  Geist.  Dass  man 
in  dem  gegenwärtigen  Zeitalter  die  lichte  Seele  herbeiruft  und 
den  Todten  begräbt,  ist  so  viel,  als  man  vergräbt  den  Geist. 
Ich  verbiete  es. 

Das  Buch  Hoai-nan-tse  sagt : 

Die  Luft  des  Himmels  ist  die  lichte  Seele.  Die  Luft  der 
Erde  ist  die  dunkle  Seele. 


Die  dunkle  Seele  fragte  die  lichte  Seele:  Was  macht  der 
Weg  zu  seinem  Stoffe?  —  Jene  sprach:  Er  macht  das  Niclits 
zu  seinem  Stoffe.  —  Die  dunkle  Seele  sprach :  Ist  das  Niclits 
ohne  Gestalt?  —  Die  lichte  Seele  sprach:  Das  Nichts  ist  ohne 
Gestalt.  —  Die  dunkle  Seele  sprach :  Wie  ist  es  möglich,  das 
Nichts  zu  hören  ?  —  Die  lichte  Seele  sprach :  Wir  haben  gerade 
nur  etwas,  das  uns  widerfährt.  Mau  sieht  es,  ohne  dass  es 
eine  Gestalt  hat.  Man  hört  es,  ohne  dass  es  eine  Stimme  hat. 
j\[an  nennt  es  das  Versteckte  und  Dunkle.  Das  Versteckte 
und  Dunkle,  durch  dasselbe  verkündet  man  den  Weg,  aber  es 
ist  nicht  der  Weg. 

Das  Durchdringen  des  weissen  Tigers  sagt : 
Was  bedeutet  lichte  und  dunkle  Seele?  g^  Hoen  , lichte 
Seele'  ist  gleichsam  Y£|  Y^  Yün-yün,  ,sich  im  Kreise  drehen.' 
Sie  geht  umher,  ohne  zu  ruhen.  Die  liuft  des  kleinen  Yang 
bewegt  sich  absichtlich  und  rastet  nicht.  Der  ]\Iensch  irft  das 
Aeussere.  ^  Pe,dunkle  Seele'  ist  gleichsam  ^J^  ^  Pe- 
jen  ,hastig'.  Sie  legt  sich  hastig  an  den  Menschen.  Dieses  ist 
die  Luft  des  kleinen  Yin.  Sie  stellt  Metall  und  Steine  vor,  sie 
legt  sich  an  den  Menschen  und  geht  nicht  weiter.  2M  Ibx'ii 
, lichte  Seele'  ist  ^^  Yün  ,jäten'.  Durch  die  Leidenschaften 
entfei-nt  sie  das  Unreine.  A^  Pe  , dunkle  Seele'  ist  ^ 
Pe  , hastig'.  Durch  die  Gemüthsart  regelt  sie  das  Innere.  Was 
bedeutet   rein   geistiger  Geist?    ^    Tsing   , reingeistig'    ist   ^ 


ööO  Pfizmaier. 

Tsing-  , ruhig-'.  Das  g-rosse  Yin  ist  die  Luft  des  Umkrciscns  und 
Verwandeins.  Es  stellt  die  Ver\vandlungen  des  Wassers  vor. 
Es  wartet  auf  die  Beauftrag-ung  mit  dem  Leben.  Der  Geist 
verliert  die  Besinnung.  Die  Luft  des  grossen  Yin  tritt  aus  und 
ein  ohne  Zwisehenraum. 

Das  Buch  Pao-pö-tse  sagt: 

Der  Meister  sagt:  Will  man  nach  dem  langen  Leben 
trachten,  so  muss  man  fleissig  die  grossen  Arzneimittel  ge- 
brauchen. Will  man  den  Verkehr  mit  den  Göttern  erlangen, 
so  muss  man  durch  Metall  und  Wasser  die  Gestalt  theilen.  Ist  die 
Gestalt  getheilt,  so  sieht  man  seinen  Leib,  die  drei  lichten 
Seelen,  die  sieben  dunklen  Seelen,  und  das  Reingeistige  des 
Himmels,  der  Gott  der  Erde  kommt  herab  und  trifft  mit  uns 
zusammen.  Die  Götter  der  Berge  und  Flüsse  können  dienst- 
bar gemacht  werden. 


Das  grosse  Einzige  beruft  die  lichte  und  die  dunkle  Seele. 
Nach  den  Vorschriften  des  Mennigs  nimmt  man  fünf  Steine 
und  versiegelt  sie  mit  dem  Schlamm  des  grossen  Einzigen. 
Denjenigen,  die  drei  Tage  nach  dem  Tode  zurückkehren,  bricht 
man  die  Zähne,  führt  eine  Kugel  ein  und  gibt  sie  ihnen  mit 
Wasser.  Wenn  dieses  in  die  Kehle  dringt,  sind  sie  lebendig. 
Die  Lebendigen  erscheinen  zum  Besuche.  Die  Abgesandten 
halten  in  der  Hand  ein  Abschnittsrohr  und  berufen  sie. 


Die  Menschen,  seien  sie  weise  oder  thöricht,  kennen  die 
lichte  und  die  dunkle  Seele  des  eigenen  Leibes.  Wenn  die  lichte 
und  dunkle  Seele  theilweise  fortgeht,  so  ist  der  Mensch  krank. 
Wenn  sie  gänzlich  fortgeht,  so  ist  der  Mensch  todt.  Deswegen 
haben  die  Häuser  der  Kunst  des  theilweisen  Fortgehens  Vor- 
schriften, nach  denen  sie  es  verzeichnen.  Ist  ein  gänzliches 
Fortgehen,  so  gibt  es  in  den  Vorbildern  der  Gebräuche  eine 
AVeise,  die  lichte  Seele  herbeizurufen.  Dieses  ist  eine  Sache, 
die  äusserst  nahe  ist.  Gleichwohl,  indem  sie  mit  dem  Menschen 
zugleich  geboren  wird,  ist  Niemand,  der  in  seinem  ganzen  Leben 
sie  vielleicht  hörte  oder  sähe.  Wie  könnte  man,  indem  man 
sie  nicht  hört  und  sieht,  wieder  sagen,  dass  sie  nicht  ist? 


Zur  Geschichte  der  Wunder  in  dorn  alten  China.  831 

Der  Garten  der  Merkwürdigkeiten  sagt:  * 

Die    Sterne    des    Querholzes    des    Wagens    vertreiben    die 

Dämonen.     Die  spannenden  Sterne  umfassen    die    lichte  Seele. 

Der  östliche  Brunnen  bringt  die  dunkle  Seele  zurück. 


Die  Gattin  Yü-schi's  von  Sin-ye,  eine  Tochter  dos  Ge- 
schlechtes Mao  von  Yung-yang,  trocknete  in  dem  Zeiträume 
I-hi  (405  bis  418  n.  Chr.),  im  fünften  Monate  des  Jahres  in 
der  Sonne  IMatten.  Plötzlich  sah  sie  ihre  Tochter  unter  einer 
Matte  und  über  dem  Grase.  Sie  erschrack  und  füi-chtete  sich. 
Sogleich  verging  die  Erscheinung,  und  die  Gestalt  ihrer  Tochter 
befand  sich  auf  einem  besonderen  Bette  wie  früher.  Es  war 
noch  keine  Decade,  als  die  Tochter  eines  frühzeitigen  Todes 
starb.  Dass  man  nach  den  Ueberlieferungen  des  Zeitalters  sich 
scheut,  in  der  Mitte  des  Sommers  die  Matten  eines  Bettes  zu 
erheben,  findet  hierin  seine  Bestätigung. 

Die  alte  Geschichte  der  Greise  von  Siang-yang  sagt: 
Yang-kung  bestieg  mit  Tseu-jün-fu  den  Berg  Hien.  Ihm 
fielen  die  Thränen  herab  und  er  sprach :  Seit  es  einen  Erdkreis 
gibt,  ist  dieser  Berg.  Vom  Anfange  an  sind  der  weisen,  ver- 
ständigen und  siegreichen  Männer,  die  hier  heraufgestiegen  sind 
und  in  die  Ferne  geblickt  haben  wie  ich  und  du,  viele.  Sic 
alle  sind  vernichtet,  man  hört  nichts  von  ihnen.  Man  kann 
nicht  dahin  kommen,  sie  zu  kennen  und  ihrer  zu  gedenken. 
Dieses  erfüllt  den  Menschen  mit  Wehmuth  und  Schmerz.  Nach 
hundert  Jahren  wird  meine  lichte  und  dunkle  Seele  noch  immer 
diesen  Berg  ersteigen. 

Die  Geschichte  der  zehn  Inseln  sagt: 
Die  Insel  der  sich  sammelnden  Höhlen  befindet  sich  in 
dem  westlichen  Meere,  bei  dem  Gebiete  Schin-wi.  Auf  der 
Insel  wächst  ein  grosser  Baum,  der  mit  dem  Ahorn  Aehnlieh- 
keit  hat.  Blüthen  und  Blätter  sind  wohlriechend,  und  man  riecht 
sie  auf  einer  Strecke  von  mehreren  hundei't  Weglängen.  Man 
nennt  ihn  mit  Namen:  den  Baum  dei-  zurückkehrenden  lichten 
Seele.  Man  schlägt  an  den  Baum,  und  der  Baum  ist  auch 
fähig,  einen  Ton  von  sich  zu  geben.  Der  Ton  ist  gleich  dem 
Brüllen  eines  Rindes.  Die  ihn  hören,  zittern  in  dem  Herzen 
und  erschrecken  in  dem  Geiste.  Man  schlägt  seine  Wurzeln 
und  sein  Herz  ab,    röstet    sie    in    einem    Kessel    von    Edelstein 


332  Pfizmaier. 

und  nimmt  den  Saft.  Man  erhitzt  und  siedet  diesen  wieder 
bei  g-elindem  Feuer.  Er  wird  gleich  schwarzer  Grütze ,  und 
man  bewirkt,  dass  man  daraus  Kugeln  bilden  kann.  Diese 
führen  den  Namen:  der  das  Geistige  erschreckende  Wohlgeruch. 
Man  nennt  sie  auch:  die  das  Reing-eistige  erschütternden  Ku- 
geln. Man  nennt  sie  auch:  der  das  Leben  zurückbringende 
Wohlgeruch.  Man  nennt  sie  auch:  der  Wohlgeruch  des  Gei- 
stigen des  Vogels.  Man  nennt  sie  auch:  der  den  Tod  zurück- 
werfende Wohlgeruch.  Es  ist  Eine  Gattung  und  fünf  Namen. 
Es  ist  ein  reingeistiger  Gegenstand.  Den  Wohlgeruch  riecht 
man  auf  einer  Strecke  von  mehreren  hundert  Weglängen. 
Wenn  die  todteu  Leichname,  die  auf  der  Erde  liegen,  den 
Wohlgeruch  riechen,  so  werden  sie  dadurch  lebendig. 

Die  Denkwürdigkeiten  voji  vielseitigen  Dingen  sagen : 

Das  herangezogene  göttliche  Uebereinkommen  sagt :  Die 
Götter  der  fünf  Bei'ghöhen  sind  höchst  weise.  Die  Geistigen 
der  vier  Rinnen '  sind  menschlich.  Sie  sind  die  Enkel  des 
Himmelskaisers  auf  dem  Tai-schan.  Sie  sind  vorgesetzt  der 
Vorladung  der  lichten  Seele  des  Menschen,  dem  Anfang  und 
dem  Ende  der  zehntausend  Wesen  der  östlichen  Gegenden. 
Sie  sind  vorgesetzt  der  Länge  und  Kürze  des  Lebens  und  des 
Lebensloses  des  Menschen. 

Die  Verzeichnisse  des  Auf  lesens  des  Hinterlassenen  von 
Wang-tse-nien  sagen : 

Auf  dem  Berge  Yung-kao  findet  man  die  Reispflanze  der 
fliegenden  lichten  Seele.  Wer  sie  verzehrt,  stirbt  und  wird 
wieder  lebendig. 

Die  Worte  von  Tsu  sagen : 

Das  ,Herbei  rufen  der  lichten  Seele'  ist  von  Sung-yö  ver- 
fasst  worden.  Yö  bedauerte,  dass  Khie-yuen  redlich  war  und 
Verstössen  wurde,  dass  er  geworfen  wurde  auf  die  Bergsümpfe 
des  Kummers,  dass  seine  lichte  und  dunkle  Seele  losgelassen 
wurde  und  sich  verflüchtigte,  dass  sein  Lebenslos  sich  zum  Fallen 


1  Die  vier  Rinnen  sind  der  gi'osse  Strom,  der  gi'osse  See,  die  Flüsse  Hoai 
inid  Tlisi.  Nach  Einigen  ist  V^  Tö  ,Rinne'  so  viel  als  jj^  Tö 
,allein',  weil  ein  jedes  dieser  Gewässer  das  Wasser  für  sich  allein  aus- 
führt und  in  das  Meer  tritt.  Nach  Anderen  steht  Vg  Tö  ,Rinne'  für 
iM  'A'''*^''^*  rtrüb',  weil  diese  Gewässer  den  Schmutz  und  das  Trübe  des 
mittleren  Reiches  in  das  Ostraecr  führen. 


Zur  Geschichte  tler  Wumler  in  ilom  alten  China.  833 

i 

neigte.  Deswegen  verfasste  er  das  ,Iicrbeirufen  der  lichten 
Seele^  Er  wollte  dadurch  wiederherstellen  dessen  reinen  Geist, 
verlängern  dessen  Jahre  und  Langlebigkeit,  nacli  aussen  auf- 
stellen das  Böse  der  vier  Gregenden,  nach  innen  hochstellen  das 
Gute  des  Reiches  Tsu  und  liierniit  belehi-en  den  Könie-  Iloai. 
Er  hoffte,  dass  der  König  zur  Besinnung  kommen  und  Jenen 
zurückrufen  werde. 

Die  Herbeirufung  der  lichten  Seele  in  den  Worten  von 
Tsu  sagt: 

Der  Kaiser  (des  Himmels)  sagte  zu  (dem  göttlichen  Arzte) 
Wu-yang:  Ein  Menscli  befindet  sich  unten.  Ich  möchte  ihn 
stützen.  Seine  lichte  und  dunkle  Seele  ist  getrennt  und  zer- 
streut.    Wahrsage  du  und  befasse  dich  mit  ihm. 


Von  Gespenstern. 

Die  Geschichte  des  Suchens  der  Götter  sagt: 

Tschü-kö-khö  war  Statthalter  von  Tan-yang.  Als  er  auf 
die  Jagd  zog,  befand  sich  zwischen  zwei  Bergen  ein  Wesen, 
das  einem  kleinen  Kinde  glich.  Es  streckte  die  Hand  aus  und 
Hess  sich  von  den  Menschen  führen.  Khö  befahl ,  dass  man 
es  führe.  Als  es  sich  von  dem  alten  Platze  entfernte,  starl) 
es.  Die  Gefährten  fragten  ihn.  Khö  sprach :  Diese  Sache  steht 
in  den  Abbildungen  des  weissen  Sumpfes,  wo  es  heisst :  Zwischen 
zwei  Bergen  befindet  sich  ein  Gespenst,  das  einem  kleinen 
Kinde  gleicht.  Sein  Nam&  ist  Hi-nang.  —  Die  Menschen  hatten 
es  noch  nicht  gesehen. 

Der  Garten  der  Merkwürdigkeiten  sagt: 

Tschang-meu  von  Thien-men  war  mit  den  Menschen  des 
Dorfes  auf  der  Jagd.  Er  sah  unter  einem  grossen  Baume  eine 
Hütte  aus  Stabwurz,  die  mit  einer  Schlafstätte  Aehnlichkeit 
hatte.  Es  war  aber  daselbst  kein  Kauch  und  kein  Feuer.  Nach 
einer  Weile  trug  ein  Mensch,  der  sieben  Schuh  lang,  haarig 
und  unbekleidet  Avar ,  auf  dem  Rücken  mehrere  Affen.  Er 
s])racli  mit  ihnen,  doch  sie  gehorchten  nicht.  Als  sie  heim- 
kehren wollten,  schloss  er  sie  ein.  Nach  zehn  Tagen  brachte 
er  sie  an  den  früheren  Ort. 

Er  sagt  ferner:  Zu  den  Zeiten  Sün-hao's  fand  man  in 
Lin-hai  einen  haarigen  Menschen. 


834  Pfizmaier. 

Das  Buch  der  Berg-e  und  Meere  sagt :  Das  Gespenst  des 
Gebirg'es  gleicht  einem  Menschen,  ist  aber  haarig'.  Dieses  ist 
das  Gespenst  des  Berg-es  Tsiang-. 

Die  Verzeichnisse  des  Dunklen  und  Hellen  sagen: 

Kaiser  Wu  von  Han  beging  mit  seinen  Dienern  ein  Fest 
in  dem  Palaste  Wi-jang.  Als  man  Roggen  und  Fleischbrühe 
verzehrte,  hörte  man  plötzlich,  dass  Jemand  sagte:  Der  alte 
Diener.  —  Man  suchte,  aber  sah  Niemanden.  Ueber  dem  Balken 
befand  sich  ein  ,Fürst', '  der  acht  bis  neun  Zoll  lang  war.  Er 
stüzte  sich  auf  einen  Stab  und  schritt  gebückt  einher.  Der 
Kaiser  fragte  ihn.  Der  ,Fürst^  stieg  herab,  senkte  das  Haupt 
und  redete  nicht.  Er  blickte  aufwärts  und  betrachtete  das  Dach. 
Er  blickte  abwärts  und  zeigte  auf  den  Fuss  des  Kaisers.  Plötz- 
lich war  er  nicht  mehr  zu  sehen.  Man  fragte  Tung-fang-sö. 
So  antwortete :  Sein  Name  ist  Tsao-kien  (das  Zusammenfassen 
des  Hornblatts).  Es  ist  das  Gespenst  des  Wassers  und  der 
Bäume.  Im  Sommer  hat  es  sein  Nest  in  dem  Walde.  Im 
Winter  durchwatet  es  den  Fluss.  Du,  vor  dem  ich  unter  den 
Stufen  stehe,  begannst  den  Bau  von  Palästen  und  inneren  Häu- 
sern und  liessest  niederhauen  dessen  Wohnsitz.  Deswegen  kam 
es  und  beklagte  sich  nur.  Dass  es  aufwärts  blickte  und  das 
Dach  betrachtete,  ist  deswegen,  weil  die  Vorhalleden  Namen 
Wi-yang-  führt.  Dass  es  abwärts  blickte  und  den  Fuss  be- 
trachtete, ist  deswegen,  weil  ,Fuss'  so  viel  als  , sich  begnügen'-' 
ist.  Es  wünscht,  dass  der  Kaiser  sich  hiermit  begnüge.  —  Der 
Kaiser  liess  aus  diesem  Grunde  bald  innehalten. 

Nach  kurzer  Zeit  besuchte  der  Kaiser  die  Flussinseln. 
Er  hörte,  dass  auf  dem  Boden  des  Wassers  Gesang  und  Sai- 
tenspiel ertönte.  Als  der  Geruch  der  zubereiteten  Speisen  sich 
verbreitete,  kamen  der  ,Fürst',  der  sich  früher  auf  den  Dach- 
balken befunden  hatte,  und  einige  junge  Leute,  mit  hochrothen 
Kleidern  und  ungefärbten  unteren  Kleidern  angethan  und  acht  bis 
neun  Zoll  lang,  aus  den  Wellen  hervor.  Unter  ihnen  waren  Einige, 


1  .^^      Kung  ,Fürst'  ist  hier  eine  ehrende  Bezeichnung  im  Allgemeinen. 

2  Das   Wort    JJX-     Yang    in    -flX     -tI^    Wi-yang,  dem  Namen  des  Palastes, 

hat    mit    AM      Yang    ,anf\värts  blicken'  gleichen  Laut, 

■*    R^ll     Khio  ,Fuss'  kann  auch  durch     Jnl      Tsö    ausgedrückt   worden,    das 
suwuiil  ,Fuss'  als  ,sicli  begnügen'  bedeutet. 


Zur  Geschichte  der  Wunder  in  dem  alten  China.  835 

die  unter  den  Armen  Miisikwerkzeugc  trui^en.    Der  Kaiser  be- 
fahl ihnen,  sich  auf  das  Speisebret  zu  setzen.   Dfer  alte  ,Fürst^ 
sprach:  Der  alte  Diener  war   an    einem    früheren    Abende   g-e- 
storben.     Er  wendete  sich  zu  und  beklagte   sich.     Zum  Glück 
erlangte  er,  dass  derjenige,  vor  dem  er  unter  den  Stufen  steht, 
sofort  ruhen  Hess  die  Aexte,    unversehrt  erhielt    dessen  Wohn- 
sitz.   Ich  konnte  meine  Freude  nicht  unterdrücken.    Deswesren 
wünsche  ich  eigenmächtig  nur  Glück.  —  Hierauf  Hess    er    das 
Saitenspiel  ordnen    und    einen    Gesang   anstimmen.     Die    Töne 
waren    im    Allgemeinen    von    denen    der   Menschen    nicht   ver- 
schieden und  zogen  sich  rein   und  mild  um    die    Balken.     Der 
Kaiser  war  vergnügt  und  forderte  zum  Trinken  des  Weines  auf. 
Der  , Fürst'  bot  dem  Kaiser   die    Schale    einer    purpurnen 
Seeschnecke  als  ein  Geschenk.     In    derselben    befand    sich  ein 
!  Gegenstand,  der  wie  Rindsfett  aussah.    Der  Kaiser  sagte  noch : 
,  Es  wäre  mir  augenehm,  wenn  ich  mit  einer  werth vollen  Merk- 
würdigkeit beschenkt  würde,  —  Der  alte    ,Fürst'    wandte    sich 
um  und   befahl,    dass    man    eine    Kostbarkeit    der   Höhlen    der 
i  Tiefe  hole.    Ein  Mensch  Hess  sich  auf  den  Boden  des  wogenden 
i  Abgrundes  des  Wassers  hinab  und  kam  augenblicklich  zurück. 
!  Er  brachte  eine  grosse  Perle,  die  mehrere  Zolle  mass  und  deren 
.heller  Glanz  alles  in  dem  Zeitalter  übertraf.     Hierauf  war  der 
jFürst'  mit  seinen  Leuten  plötzlich  verschwunden. 

Tung-fang-sö  sagte:  In  der    Schale    der    Seeschnecke  be- 
findet sich  Mark  des  Krokodildrachen.     Wenn  man  es  auf  das 
I  Gesicht  legt,  so  bewirkt  man,  dass  der  Mensch  schöne  Gesichts- 
izüge  hat.     Wenn  ferner  ein  Weib  sich  zwischen  Pflanzen  auf- 
hält und  es  gebraucht,  so  gebärt  sie  leicht. 

Die     von     Lui-tse-tsung     verfasste    Geschichte    von    Yü- 
t tschang  sagt: 

Gegen  das  Ende  des  Zeitraumes  Yung-kia    (307    bis    311 

n.  Chr.)  war  eine  grosse  Schlange,  die  in  der  Länge  über  zehn 

Klafter  mass.    Dieselbe  verlegte  die  Wege.     Wer  vorüberging, 

[den  athmete  die  Schlange  ohne  weiteres  ein  und  nahm  ihn  weg. 

jSie  hatte  bereits  mehrere  hundert  Menschen    verschlungen  und 

'aufgezehrt.     U-meng,  der  Manu  des  Weges,  tödtete  mit  seinen 

j  Schülern  die  Schlange.     Die  Schlange    war   todt,  und  Tu-thao, 

der  Räuber  von  Schö,  wurde  vernichtet. 


ll 


836  Pfizmaier. 

Die  Geschichte  der  iirsprüng-lichen  Mitte  sagt: 
Das  Gespenst  eines  tausendjährigen  Baumes  ist  ein  grünes 
Schaf.     Das  Gespenst  eines  zehntausendjährigen  Baumes  ist  ein 
grünes    Rind.      Es    kommen    deren    viele    hervor   und    wandeln 
unter  den  Menschen. 


Das  Gespenst  des  Berges  gleicht  einem  Menschen.  Es  ist 
einbeinig  und  drei  bis  vier  Schuh  lang.  Es  verzehrt  Krebse 
des  Gebirges.  In  der  Nacht  kommt  es  hervor,  am  Tage  ver- 
steckt es  sich.  Die  Menschen  können  es  nicht  sehen.  In  der 
Nacht  hört  man  seine  Stimme.  Die  tausendjährigen  Kröten 
verzehren  es. 


Das  Gespenst  der  Edelsteine  ist  ein  weisser  Tiger.  Das 
Gespenst  des  Goldes  ist  ein  Wagenpferd.  Das  Gespenst  des 
Kupfers  ist  ein  junger  Sclave.  Das  Gespenst  des  Bleies  ist 
ein  altes  Weib. 

Die  Denkwürdigkeiten  von  vielseitigen  Dingen  sagen : 

In  den  GebirgCQ  ist  der  Kuei.  Derselbe  gleicht  von  Ge- 
stalt einer  Trommel  und  ist  einbeinig.  In  den  Sümpfen  ist  der 
Wei-sche.  Derselbe  ist  gestaltet  wie  eine  Nabe  und  laug  wie 
die  Querstange  des  Wagens.  Wer  ihn  sieht,  gelangt  zur  Ober- 
herrlichkeit. Einst  betrachtete  Yü  von  Hia  den  FIuss.  Er  sah 
einen  langen  Menschen,  der  die  Gestalt  eines  Fisches  hatte. 
Derselbe  kam  hervor  und  sagte :  Ich  bin  das  Gespenst  des 
Flusses.    Wie  sollte  ich  der  Aelteste  des  Flusses  sein? 

Die  Abbildungen  des  weissen  Sumpfes  sagen: 

Das  Gespenst  des  Abortes  heisst  mit  Namen  IT.  Es  trägt 
ein  grünes  Kleid  und  hält  in  der  Hand  einen  weissen  Stab. 
Wer  seinen  Namen  weiss  und  es  ruft,  wird  von  Krankheit  ge- 
heilt.    Wer  den  Namen  nicht  weiss,  stirbt. 

Wenn  man  ein  inneres  Haus  baut  und  es  drei  Jahre  nicht 
bewohnt,  so  findet  sich  darin  ein  kleines  Kind,  das  drei  Schuh 
lang  ist  und  kein  Haupthaar  hat.  Wenn  es  einen  Menschen 
sieht,  hält  es  sich  die  Nase  zu.     Wer  es  sieht,  hat  Segen. 

Das  Gespenst  des  Feuers  heisst  mit  Namen  Pi-fang.  Es 
ist  gestaltet  wie  ein  Vogel  und  einbeinig.  Wenn  man  es  bei 
seinem  Namen  ruft,  entfernt  es  sich  sogleich. 


Znr  Geschichte  der  Wunder  in  dem  alten  China.  837 

Das  Gespenst  der  Bäume  heisst  mit  Name?n  Peng-sse.  Es 
ist  g-estaltet  wie  ein  schwarzer  Hund,  der  keinen  Schweif  hat. 
Man  kann  es  kochen  und  essen. 

In  tausendjälirigen  Bäumen  findet  man  ein  Insect,  dessen 
Namen  Ku-tschö.  Dasselbe  ist  wie  ein  Schwein  gestaltet. 
Wenn  man  es  verzehrt,  schmeckt  es  wie  Hundefleisch.- 


Sind  in  der  Höhe  Berge  und  Wälder,  in  der  Tiefe  Flüsse 
und  Quellen,  so  entsteht  zwischen  den  Ordnungen  des  Bodens 
ein  Gespenst,  dessen  Name  Pi-fang. '  Dasselbe  ist  gestaltet 
wie  ein  Vogel  mit  langem  Schweife.  Das  Gespenst,  in  welches 
sich  daselbst  das  Yin  und  Yang  verwandeln,  heisst  mit  Namen 
Tai-wei.  Dasselbe  ist  gestaltet  wie  ein  schönes  Mildchen,  das 
j  an  dem  Aufenthaltsorte  der  Könige  geboren  worden.  P]s  ist 
mit  einem  grünen  Kleide  bekleidet.  Wenn  man  es  sieht,  mit 
einer  Lanze  aus  dem  Holze  des  Pfirsichbaumes  es  sticht  und  es 
beim  Namen  ruft,  so  erlangt  man  es. 

Das  Gespenst  des  Goldes  heisst  mit  Namen  Thsang.  Es 
ist  gestaltet  wie  ein  Schwein.  Es  wohnt  in  den  Häusern  der 
Menschen  und  bewirkt,  dass  es  für  die  Menschen  nicht  ange- 
messen ist,  eine  Gattin  zu  nehmen.  Wenn  man  es  beim  Namen 
ruft,  so  entfernt  es  sich  sogleich. 

Das  Gespenst  des  Wassers  heisst  mit  Namen  Wang-siang. 

Es  ist  gestaltet  wie  ein  kleines  Kind.    Es  ist  von  rother  Farbe, 

i  hat  grosse  Ohreu  und  lange  Nägel.     Wenn    man  es  mit  einem 

i  Stricke  bindet,  so  kann  man  es   erlangen.     Kocht    inan    es,    so 

ist  dieses  glückbringend. 


Das  Gespenst  der  alten  Thore  heisst  mit  Namen  Ye  (das 
'  freie  Feld.)    Es  ist  gestaltet  wie  ein  Zwerg.    Wenn  es  Menschen 
!  sieht,  so  verbeugt  es  sich.     Hüft  man  es  beim   Namen,    so  hat 
man  angemessene  Speise  und   Trank. 


1   Hb       ,i?A     ri-fang  ist  der  nämliche  N.amo,  der  oljon  dorn  Gosponsto  des 

Feuers  gegeben  wnrde. 
Sitzl).  d.  phil.-hist.  Cl.  LXVIII.  Bd.  IV.  Ilft.  54 


83K  Pfizmaier. 

Das  Gespenst  der  alten  Wohnhäuser  heisst  mit  Namen 
Hoei-wen.  Es  heisst  auch  Schan-raien  (die  Seitenlappen  der 
Mütze  des  Berges).  Es  ist  gestaltet  wie  eine  Schlange.  Es  hat 
Einen  Leib,  zwei  Häupter  und  fünffärbige  bunte  Streifen.  Wenn 
man  es  beim  Namen  ruft ,  kann  man  bew^irken,  dass  es  Gold 
und  Silber  holt. 


Das  Gespenst  der  alten  verfallenen  Erdhügel  und  Gi'äber 
heisst  mit  Namen  Yuen  (das  Ursprüngliche.)  Es  ist  gestaltet 
wie  ein  alter  Dienstmann.  Es  ist  in  ein  grünes  Kleid  gekleidet 
und  stampft  gern  in  einem  Kessel.  Wenn  man  es  beim  Namen 
ruft,  so  hat  man  angemessene  Kornähren  und  Getreide. 


Das  Gespenst  der  alten  Wege  und  Pfade  heisst  mit  Namen 
Ki  (sich  scheuen).  Es  ist  gestaltet  wie  ein  Mensch  des 
freien  Feldes.  Wenn  man  es  beim  Namen  ruft,  so  bewirkt  es, 
dass  der  Mensch  sich  nicht  verirrt. 


Das  Gespenst  des  Weges  heisst  mit  Namen  Tsö-khi  (das 
verfertigte  Gefäss.)  Es  ist  gestaltet  wie  ein  Mann.  Es  ver- 
steht es,  die  Menschen  in  Verwirrung  zu  bringen.  Wenn  man 
es  beim  Namen  ruft,  so  entfernt  es  sich. 


Das  Gespenst  der  alten  Teiche  heisst« mit  Namen  I  (die 
Absicht).  Es  ist  gestaltet  wie  ein  Schwein.  Wenn  man  seinen 
Namen  ruft,  so  ist  man  sogleich  von  ihm  entfernt. 


Das  Gespenst  der  alten  Brunnen  heisst  mit  Namen  Kuan 
(betrachten).  Es  ist  gestaltet  wie  ein  schönes  Mädchen  und 
bläst  gerne  die  Flöte.     Wenn  man    es    beim    Namen    ruft,    ent- 


fernt es  sich  sogleich. 


Das  Gespenst  der  zertrennten  Gewässer,  welche  Gold  ent- 
halten, heisst  mit  Namen  Heu-pe  (Lehensfürst  doi-  zweiten  und 


Zur  Geschichte  der  VVumler  in  dem  alten  China.  839 

dritten  Classe).  Es  ist  g-estaltct  wie  ein  Mensen.  Es  ist  l'iinf 
Schuh  lang-  und  trägt  ein  buntgestiektes  Kleid.  Wenn  man  es 
beim  Namen  ruft,  so  entfernt  es  sich  sog-knch. 


Das  Gespenst  der  alten  Erdstufen  und  Dächer  heisst  mit 
Namen  Liang'-kuei  (die  beiden  Vornehmen).  Es  ist  gestaltet 
wie  ein  rother  Hund.  Wenn  man  es  beim  Namen  ruft,  so  be- 
wirkt es,  dass  das  Aui>e  des  IVIcnschen  hell  ist. 


Wo  rechts  und  links  Felsen  sind,  zwischen  denen  Wasser 
entsteht,  fliesst  das  Wasser  durch  tausend  Jahre  ununterbrochen 
hervor.  Das  Gespenst  desselben  heisst  mit  Namen  Hi  (freudig). 
Es  ist  gestaltet  wie  ein  kleines  Kind  und  von  schwarzer  Farbe. 
Wenn  man  es  beim  Namen  ruft,  kann  man  Ijewirken,  dass  es 
Speise  und  Trank  holt. 


Das  Gespenst,  das  die  Kriegsheere  auf  den  Wagen  laden, 
heisst  mit  Namen  Pin-muan  (die  Fülle  der  Gäste).  Es  ist  ge- 
staltet wie  ein  Menschenhaupt  ohne  Leib  und  hat  rotlu;  Augen. 
Wenn  es  Menschen  sieht,  so  dreht  es  sich  um.  Wenn  man  es 
beim  Namen  ruft,  so  entfernt  es  sich  sogleich. 


Das  Gespenst  der  alten  Gewässer  heisst  mit  Nanu-n  Ki 
(sich  sclieuen).  Es  ist  gestaltet  wie  ein  Mensch.  Es  besteigt 
das  Dach  eines  Wagens  und  jagt  in  einem  Tage  tausend  Weg- 
längen weit.  Wenn  man  es  beim  Nainen  rul't,  so  kann  man 
bewirken,  dass  es  in  das  Wasser  geht  imd  Fische  fängt. 


Das  Gespenst  der  Erdhügel  und  Gräber  heisst  mit  Namen 
Lang-kuei  (der  Wolfsdämon).  Es  versteht  es,  mit  den  .Menschen 
zu  kämpfen.  Wenn  es  nlelit  ruht,  vei-fertigt  man  Bogen  aus 
dem  Holze  des  Pfirsichbaumes,  Pfcüle  aus  dem  Holze  des  Dorn- 
strauchs, versieht  die  l^feile  mit  Flügelfedern  des  Geiers  und 
schiesst  nach    ihm.     Der    Wolfsdänion    verursacht   Wirbelwind. 

54* 


840  Pfizmaier. 

Wenn  man  die  Schuhe  auszieht  und  sie  nach  ihm  wirft,  so  ist 
er  nicht  im  Stande,  sich  zu  verwandeln. 


Das  Gespenst  der  alten  Märkte  heisst  mit  Namen  Mao- 
men  (das  Thor  der  Federn).  Es  ist  gestaltet  wie  eine  runde 
Scheune  und  hat  weder  Hände  noch  Füsse.  Wenn  man  es 
beim  Namen  ruft,  so  entfernt  es  sich  soja^leich. 


Das  Gespenst  der  inneren  Häuser  heisst  mit  Namen  Hi- 
lung-  (der  gebundene  Drache).  Es  gleicht  einem  kleinen  Kinde 
und  ist  einen  Schuh  und  vier  Zoll  lang.  Es  trägt  ein  schwarzes 
Kleid,  ein  rothes  Kopftuch  und  eine  grosse  Mütze.  Es  ist  um- 
gürtet mit  einem  Schwerte  und  hält  in  der  Hand  eine  Haken- 
lanze. Wenn  man  es  beim  Namen  ruft,  so  entfernt  es  sich 
sogleich. 


Das  Gespenst  der  Berge  heisst  mit  Namen  Kuei.  Es  ist 
gestaltet  wie  eine  Trommel  und  geht  auf  einem  einzigen  Fusse. 
Wenn  man  es  beijn  Namen  ruft,  kann  man  bewirken,  dass  es 
Tiger  und  Leoparden  fängt. 


Das  Gespenst  alter  Hutweiden  und  verfallener  Teiche 
heisst  mit  Namen  Kuen-tün  (das  Haupthaar  abschneiden  und 
das  Haupt  beugen).  Es  ist  gestaltet  wie  ein  Rind  und  hat  kein 
Haupt.  Wenn  es  Menschen  sieht,  so  verfolgt  es  die  Menschen. 
Wenn  man  es  beim  Namen  ruft,  so  entfernt  es  sich. 


In  der  Nacht  sieht  man  unter  den  Hallen  ein  kleines  Kind, 
das  von  seinem  Haupthaar  bedeckt  ist  und  läuft.  Dasselbe  ist 
nicht  widerwärtig.  Es  heisst  mit  Namen  Keu  (Rinne).  Wenn 
man  es  ])eim  Namen  ruft,  so  hat  man  kein  Unglück. 


Ein  hundertjähriger  Wolf  verwandelt    sich    in    ein    Weih, 
dessen  Name  Tschi-niü  (das  wissende  Weib).   Dasselbe  ist  ge- 


Zur  Geschichte  Her  WuikUm-  in  ilein  :iltpii  Cliiiui.       '  841 

staltet  wie  ein  schönes  Mädclien.  Es  sitzt  un  dem  Weii,'e  und 
sag-t  zu  den  Männern :  Ich  ha])e  keine  Aelteru  und  keine 
Brüder.  —  Wenn  ein  Mann  es  zur  Gattin  nimmt,  so  frisst  es 
nach  drei  Jaliren  die  Menschen  auf.  Weini  mau  es  beim 
Namen  ruft,  so  entflieht  es. 


Das  Gespenst  eines    alten    Abortes    heisst    mit   Namen  Pi 
(niedrig').     Dasselbe  ist  g-estaltet  wie  ein  schönes  Mädchen  und 

!  hält  in  der  Hand  einen  Spieü^el.  Wenn  man  es  ruft,  so  bewirkt 
es,  dass  der  Mensch  sich  zn  schämen  weiss. 

Die  Verzeichnisse  des  Auflesens    der    Hintei'lassenen    von 
Wani^-tse-nien  sagen : 

Lieu-hiang-  verglich  die  Bücher,  diu  Verzeichnisse  des 
Himmels  und  beschäftigte  damit  ausschliesslich  und  unermüdlich 
seinen  Geist.  Als  er  einst  angekleidet  schlief,  erschien  ein. 
alter  Mann,  der  einen  grünschwarzen  Stab  niederstellte.  Um 
die  Zeit  war  die  Nacht  bereits  dunkel.  Der  alte  Mann  blies 
auf  das  Ende  seines  Stabes,  aus  dem  hierauf  eine  Feuerflamme 

I  hervorkam.  Er  leuchtete  damit  Iliang,  und  es  war,  als  ob 
Lampen  und  Kerzen  brennten.  Hiang  sprach  mit  ihm.  Die 
den  drei  Zeitaltern  vorhergehenden  Zeiten,  die  Sachen  des  Em- 

j  porkoramens  und  des  Unterganges  der  Kaiser  und  Könige  wurden 
von  dem  alten  Manne  dargelegt,  als  ob  er  dieses  mit  eigenen 
Augen  gesehen  hätte.  Als  die  Rede  auf  die  Zahl  der  Umdre- 
hungen des  Yin  und  Yang,  auf  die  Wciise  der  Erhebung  und 
Vernichtung  kam,  übergab  er  Hiang  die  Schrift  der  grossen 
Vorbilder  der  fünf  Grundstoffe.  Hiang  fragte  ihn  um  den  Ge- 
schlechtsnamen und  Namen.  Jener  antwortete:  Ich  bin  das 
Gespenst  des  grossen  Einzigen.  Ich  ])in  vorgesetzt  den  vor- 
hersagenden Tafeln  des  Himmels  und  dei-  Erde.  Ich  erfuhr, 
dass  du  gerne  lernst.  Ich  kam  herab  und  sah  dich. 
Das  Buch  Pao-pö-tse  sagt: 
Die  Alten  unter  den  zehntausend  Wesen,  ihre  Gespenster 

i  sind  sämmtlich  im  Stande,  eine  Gestalt  zu  entlehnen  und  die 
Menschen  irre  zu  führen.  Sie  sind  aber  nicht  im  Stande,  in 
einem  Spiegel  ihre  Gestalt  zu  verändcsrn.  Desswegen  hängen 
die  Menschen  des  Alterthuras,  die  in  die  Gebirge  treten,  und 
die  Männer  des  Weges  einen  glänzenden    Spiegel    hinter  ihren 


842  Pfizmaier. 

Rücken.  Die  alten  Unholde  wagen  es  dann  nicht,  den  Menschen 
nahe  zu  kommen. 


Das  Gespenst  der  Berge  gleicht  von  Gestalt  einem  kleinen 
Kinde,  hat  aber  nur  Einen  Fuss.  Der  Fuss  ist  nach  rückwärts 
gekehrt.  Es  ist  seine  Freude,  herbeizukommen  und  die  Men- 
schen anzufallen.  Die  Menschen,  die  in  die  Tliäler  des  Ge- 
birges treten,  hören  seine  Stimme,  sein  Lachen  und  seine  Reden. 
Sein  Name  ist  Khi-tschi.  Wenn  man  ihn  aber  ruft,  so  getraut 
es  sich  nicht,  die  Menschen  anzufallen.  Es  heisst  auch  Tschao- 
khung  (den  leeren  Raum  überschreitend).  Man  kann  es  auch 
bei  beiden  Namen  zugleich  rufen. 


Es  gibt  ein  Gespenst  der  Berge,  das  bisAveilen  einer  Trom- 
mel gleicht.  Dasselbe  ist  von  Farbe  roth  und  hat  nur  Einen 
Fuss.  Sein  Name  ist  Hoei.  Bisweilen  gleicht  es  auch  einem 
Menschen  und  ist  neun  Zoll  lang.  Es  ist  bekleidet  mit  einem 
Pelz,  trägt  einen  Gürtel  und  einen  Bambushut.  Sein  Name  ist 
Kin-lui  (das  goldene  Gebundene).  Bisweilen  gleicht  es  auch 
einem  Drachen,  hat  aber  fünf  Farben  und  ein  rothes  Hörn. 
Sein  Name  ist  Fei-lung  (der  fliegende  Drache).  Wenn  man  es 
sieht  und  es  jedesmal  bei  seinem  Namen  ruft,  so  getraut  es  sich 
nicht,  Schaden  zuzufügen. 


Wenn  in  dem  Gebirge  grosse  Bäume  reden  können,  so 
reden  nicht  die  Bäume.  Ihr  Gespenst  heisst  mit  Namen  Yün- 
yang  (der  Lichtstoff  der  Wolken).  Wenn  man  es  beim  Namen 
ruft,  so  hat  man  Glück. 


Wenn  man  in  dem  Gebirge  nächtlich  einen  Menschen  von 
Hu  erblickt,  so  ist  es  das  Gespenst  des  Kupfers  und  Eisens. 
Sieht  man  einen  Menschen  von  Thsin,  so  ist  es  das  Gespenst 
eines  hundertjährigen  Baumes.  Sieht  man  zwischen  Bergen 
und  Flüssen  einen  Abgesandten,  so  heisst  dieser  Sse-kiao  (die 


Zur  Geschichte  der  Wunder  in  dem  alten  China.  843 

vier  Umwandlimg'en).     Wenn    man    ihn    beim    Namen    ruft,  so 
hat  man  Glück. 


Wenn  in  den  Gebirgen  Jemand  au  dem  Tage  Yin  (3) 
sich  einen  Angestellten  von  Yü  nennt,  so  ist  es  ein  Tiger. 
Nennt  er  sich  den  Gebieter  auf  dem  Wege,  so  ist  es  ein  Wolf. 
Nennt  er  sich  einen  Befehlshaber  und  Aeltesten,  so  ist  es  ein 
alter  Dachs.  Wenn  Jemand  an  dem  Tage  Mao  (4)  sich  einen 
Mann  nennt,  so  ist  es  ein  Hase.  Nennt  er  sieh  den  Vater  des 
Königs  des  Ostens,  so  ist  es  ein  Büffel.  Nennt  er  sich  die 
i  ]\Iutter  des  Königs  des  Westens,  so  ist  es  ein  Hirsch.  Wenn 
\  Jemand  an  dem  Tage  Schin  (5)  sich  den  Meister  des  Regens 
nennt,  so  ist  es  ein  Drache.  Nennt  er  sich  den  Aeltesten 
;  des  Flusses ,  so  ist  es  ein  Fisch.  Nennt  er  sich  den  Fürsten- 
sohn ohne  Eing-eweide,  so  ist  es  ein  Krebs.  Wenn  Jemand  an 
!  dem  Tage  Sse  (6)  sich  den  unbedeutenden  Meuschoi  nennt,  so 
I  ist  es  eine  Schlange  in  dem  Tempel.  Wenn  er  sich  den  Ge- 
bieter der  Zeit  nennt,  so  ist  es  eine  Schildkröte.  Wenn  Jemand 
an  dem  Tage  Wu  (7)  sich  einen  der  drei  Fürsten  nennt,  so 
i  ist  es  ein  Pferd.  Wenn  er  sich  eiuen  Menschen  nennt,  so  ist 
es  ein  alter  Baum.  Wenn  Jemand  an  dem  Tage  Wi  (8)  sich 
einen  den  Menschen  Vorgesetzten  nennt,  so  ist  es  ein  Schaf. 
Wenn  er  sich  einen  Angestellten  nennt,  so  ist  es  ein  Reh. 
Wenn  Jemand  an  dem  Tage  Schin  (9)  sich  einen  Gebieter  der 
Menschen  nennt,  so  ist  es  ein  Affe.  Nennt  er  sich  einen  der 
neun  Reichsminister,  so  ist  es  ein  grosser  Affe.  Wenn  Jemand 
an  dem  Tage  Yen  (10)  sich  einen  Heerführer  nennt,  so  ist  es 
ein  altes  Huhn.  Nennt  er  sich  einen  Einfänger  der  Räuber, 
so  ist  es  ein  Fasan.  Wenn  Jemand  an  dem  Tage  Sü  (11)  sich 
mit  einem  menschlichen  Geschlechtsnamen  und  Namen  nennt, 
so  ist  es  ein  Hund.  Nennt  er  sich  den  Fürsten  von  Hien-yang, 
so  ist  es  ein  Fuchs.  Wenn  Jemand  an  dem  Tage  Kiai  (12) 
sich  einen  göttlichen  Gebieter  nennt,  so  ist  es  ein  Schwein. 
Nennt  er  sich  ein  Weib,  so  sind  es  Gold  und  Edelsteine.  Wenn 
Jemand  an  dem  Tage  Tse  (1)  sich  den  Gebieter  des  Tempels 
nennt,  so  ist  es  eine  Ratte.  Nennt  er  sich  einen  göttlichen 
Menschen,  so  ist  es  eine  Fledermaus.  Wenn  Jemand  an  dem 
Tage  Tsch'heu  (2)  sich  einen  Schüler  der  Bücher  nennt,  so  ist 


gz|.^  Pfizuiaier. 

es  ein  Rind.     Wenn  man    die  Wesen    kennt,  so  sind  sie  nicht 
im  Stande,  ein  Leid  zuzufügen. 


In  den  Bergen,  Flüssen,  Steinen,  Bäumen,  Brunnen,  Her- 
den und  trüben  Teichen  gibt  es  noch  immer  gespenstische  Luft. 
In  dem  Leibe  des  Menscheu  gibt  es  ebenfalls  eine  lichte  und 
dunkle  Seele.  Um  wie  viel  mehr  ist  dieses  der  Fall  bei  Himmel 
und  Erde  als  Wesen !  Die  grössten  der  Wiesen  sollen  der  Ord- 
nung gemäss  einen  gespenstischen  Geist  haben,  Haben  sie  einen 
gespenstischen  Geist,  so  ist  es  angemessen,  dass  sie  das  Gute 
belohnen,  das  Böse  bestrafen.  Nur  ist  ihr  Stoff  gross,  ihre 
Netze  sind  weit,  sie  entsprechen  nicht  nothwendig  durch  das 
Treiben  der  Triebwerke. 


Ton  den  Verwandlungen. 

Das  Buch  der  Han  sagt: 

Zu  den  Zeiten  des  Kaisers  Ngai,  in  dem  Zeiträume  Kien- 
ping  (6  bis  4  v.  Chr.)  verwandelte  sich  ein  junger  Mann  von 
Yü-tschang  in  ein  Mädchen.  Dasselbe  vermalte  sich  mit  einem 
Menschen  und  wurde  ein  Weib.  Sie  gebar  einen  Sohn.  Tschin- 
fung  von  Tschang-ngan  sagte,  dieses  sei  das  Bild,  wo  das  Yang 
sich  verändert  zum  Yin,  wo  man  verlustig  werden  wird  der 
fortgesetzten  Nachfolge  und  des  gegenseitigen  Hervorbringens. 
Ein  Ausspruch  lautete :  Weil  sie  sich  vermalte,  das  Weib  eines 
Menschen  wurde  und  einen  Sohn  gebar,  wird  man  nochmals 
ein  Geschlechtsalter  haben,  und  dann  ist  der  Faden  zerschnitten. 

Das  Buch  der  fortgesetzten  Han  sagt: 

Zu  den  Zeiten  des  Kaisers  Ling  badete  die  Mutter  des 
Geschlechtes  Hoang  von  Kiang-hia  und  verwandelte  sich  in 
eine  grosse  Schildkröte.  Sie  trat  in  den  tiefen  Abgrund  der 
Wasser.  Später  kam  sie  von  Zeit  zu  Zeit  hervor  und  Hess 
sich  sehen.  Sie  hatte  eine  silberne  Haarnadel  aufgesteckt.  Als 
sie  sich  sehen  Hess,  befand  sich  diese  noch  immer  auf  ihrem  Haupte. 


Im  zwanzigsten  Jahre  des  Zeitraumes   Kien-ngan  (215  n. 
Chr.)  verwandelte  sich  ein  junger  Mann    in    ein  junges    Weib. 


Zvir  Geschichte  iler  Wunder  in  floiii  alten  China.  o4ö 

i 

Vm  die  Zeit  sag-te  Tsclieu-tsiang :  Zu  den  Zeiten  des  Kaisers 
Njj'ai  ist  dieses  ebenfalls  vorgekommen.  Es  wird  die  Sache  des 
Wechsels  des  Herrscherhauses  sich  ereignen.  —  Im  fünfund- 
zwanzigsten Jahre  desselben  Zeitraumes  (220  u.  Chr.)  wurde 
Kaiser  Hien  mit  Schan-yang  belehnt.^ 

Die  Worte  der  Reiche  sagen : 

Tschao-kien-tse  sprach  seufzend:  Der  Sperling  tritt  in  das 
Wasser  und  verwandelt  sich  in  eine  Muschel.  Der  Fasan  tritt 
in  den  Hoai  und  verwandelt  sich  in  eine  grosse  Muschel.  Die 
Mcerschildkröten,  die  Wassermolche,  die  Fische  und  Fluss- 
schildkröten, sie  können  alle  sich  verwandeln.  Der  Mensch 
aber  kann  es  nicht.     Es  ist  bedauerlich ! 

Die  Ueberlieferungen  der  fünf  Grundstoffe  der  grossen 
Vorbilder  sagen! 

Im  dreizehnten  Jahre  des  Fürsten  Siang  von  Wei  gab 
Tschang-I  fälschlich  vor,  dass  er  sich  eines  Verbrechens  in 
Thsin  schuldig  gemacht  habe.  Er  verliess  das  Land  und  wurde 
Reichsgehilfe  in  Wei.  Er  wollte  um  Thsin  willen  betrügen  und 
entreissen  den  Landesherrn  von  Wei.  In  diesem  Jahre  war  in 
Wei  ein  junges  Weib,  das  sich  in  einen  Mann  verwandelte.  Es 
war,  als  ob  der  Himmel  zu  Wei  sagte:  Verwende  Tschang-I 
nicht.  Das  Yin  verändert  sich  zu  dem  Yang.  Der  Diener 
wird  der  Gebieter  werden.  —  Um  die  Zeit  merkte  es  auch  der 
König  von  Wei,  und  er  verwendete  Tschang-I  nicht.  I  ward 
entlassen,  ging  fort  und  wandte  sich  nach  Thsin.  Wei  blieb 
von  Schaden  befreit. 

Die  dargelegten  Jahre  sagen: 

Zu  den  Zeiten  des  Königs  Siuen  von  Tscheu  verwandelte 
sich  ein  Pferd  in  einen  Fuchs. 

Das  Buch  der  Berge  und  Meere  sagt: 

Die  Tochter  des  Kaisers  des  Berges  Ku-yao  starb.  Ihr 
Name  war  Niü.  Ihr  Leichnam  verwandelte  sich  in  die  Pflanze 
Yao.  Die  Blätter  dieser  Pflanze  entstehen  doppelt,  die  Blüthen 
sind  gelb,  die  Früchte  gleich  denjenigen  der  Hasenseido.  Wenn 
man  sie  als  Arznei  gebraucht,  wird  man  })ei  den  Menschen  beliebt. 

'  In  diesem  Jahre  masste  sich  Tsao-pei,  Köiiif^  von  Wei,  die  Rangstufe  des 
Kaisers  an.  Er  setzte  den  Kaiser  ab  und  ernannte  ihn  zum  Fürsten  von 
Schan-yang.     Das  Herrscherhaus  der  spätcjrcn  Ilan  ging  zu  Grunde. 


346  Pfizraaier. 

Ya,  die  Tochter  des  Flaiumenkaisers,  vergnüg-te  sich  auf 
dem  östlichen  Meere  und  ertrank.  Sie  verwandelte  sich  in  die 
Schutzwachc  der  Gespenster.  Dieselbe  gleicht  von  Gestalt 
einem  Vogel.  Sie  hält  beständig  in  dem  Schnabel  die  Bäume 
und  Steine  des  westlichen  Gebirges  und  versenkt  sie  in  das 
Ostmeer. 


Kua-fu  lief  mit  der  Sonne  um  die  Wette.  Als  er  durstig 
war,  trank  er  aus  dem  Flusse.  Der  Fluss  vertrocknete  und 
reichte  nicht  hin.  Im  Norden  trank  er  den  grossen  Sumpf. 
Ehe  er  noch  ankam,  starb  er  auf  dem  Wege.  Er  hatte  seinen 
Stock  weggeworfen.  Dieser  verwandelte  sich  in  einen  Wald 
von  wilden  Pomeranzen. 


Der  Berg  der  Weingefässe,  sein  Sohn  ist  Ku  (die  Trom- 
mel). Ein  anderes  Wesen  hat  das  Angesicht  eines  Menschen 
und  den  Leib  eines  Drachen.  Dieser  ist  Khin-pei.  Sie  töd- 
tcten  Pao-kiang  im  Süden  des  Kuen-lün.  Der  Kaiser  verhängte 
über  sie  die  Hinrichtung.  Der  Osten  des  Berges  der  Weinge- 
fässe  heisst  Berg  Yao-yai.  Khin-pei  verwandelte  sich  daselbst 
in  einen  Habicht.  Ku  verwandelte  sich  ebenfalls  und  wurde 
eine  Wildente. 


Hing-thien  stritt  mit  dem  Kaiser  um  die  Göttlichkeit. 
Der  Kaiser  schlug  ihm  das  Haupt  ab  und  begrub  es  auf  dem 
Berge  Tschang-yang.  Jener  machte  die  Brustwarzen  zu  seinen 
Augen,  den  Nabel  zu  seinem  Munde.  Er  hielt  fest  Schild  und 
Streitaxt  und  tanzte.     Dieses  ist  das  kopflose  Volk. 

Das  Buch  Tschuang-tse  sagt: 

In  dem  nördlichen  dunklen  Meere  findet  sich  ein  Fisch, 
dessen  Name  Kuen.  Die  Grösse  des  Kuen  ist  unbekannt.  Er 
niisst  einige  tausend  Weglängen.  Er  verwandelt  sich  und  wird 
ein  Vogel,  dessen  Name  Peng  (Reiher). 


Lic-tse  zog  aus  und  speiste  auf  dem  Wege.    Als  er  zurück- 
kehrte, sah  er  eine  hundertjährige  Hirnschale.     Er  zupfte  den 


Zur  Geschiclite  der  Wuiulor  in  dem  alten  Chiua.  847 

) 

Bcifuss    weg-    und    zeigte    auf   sie    mit   dem    Finger,    indem    er 

jspnxeh:  Ich  und  du,  wir  kennen  uns,  du  warst  aber  noch  nicht 

'gestorben,  und  ich  noch  nicht  geboren.    Wenn  das  Samenkorn 

irgendwie  Wasser  erlangt,  so  pflanzt  es    sich  fort.     Erhing-t    es 

die  Grenzscheide  des  Wassers  und  der   Erde,  so    wird    es    das 

i  Kleid    der    Frösche    und    Frosch würmer.     Wächst"  es    auf   den 

Erdhügeln,  so  wird  es  der  Schuh  der  Erdhügel.'     Kann  es  an 

schattigen    Orten    aufsitzen,    so    wird    es    der    Rabenfuss.     Die 

Wurzeln  des  Rabenfusses  werden  Mistwürmer.    Dessen  Blätter 


werden  Schmetterlinge.  Die  Schmetterling-e  sind  Falter.-  Sic 
verwandeln  sich  und  \yerden  Würmer,  die  unter  dem  Herde 
wachsen.  Deren  Gestalt  ist  gleich  der  abgelegten  Haut  der 
jinsecteu.  Ihr  Name  ist  Kiü-to.'^  Das  Kiü-tö  verwandelt  sich 
lin  tausend  Tag-en  und  wird  ein  Vogel.  Der  Name  desselben 
jist  Kan-yü-kö  (die  trockenen  übrig  gebliebenen  Knochen).  Der 
Speichel  des  Kan-yü-ko  wird  das  (Insect)  Sse-mi.  Das  Sse-nii 
wird  das  (Insect)  I-lu  der  Säure  der  Speisen.  Dasselbe  bringt 
das  gelbe  Hoang^  der  Säure  der  Speisen  hervor.  Das  gelbe 
Hoang  der  Säure  der  Speisen  bringt  die  neun  Berathungen'' 
hervor.  Die  neun  Berathungen  bringen  das  Meu-jui''  hervor. 
Das  Meu-jui  bringt  das  Pti-kiucn "  hervor.  Das  Pu-kiuen  bringt 
das  Yang-hi^  hervor.  Das  Yang-hi  ist  mit  dem  keine  Sprossen 
treibenden,  lange  dauernden  Bambus  zu  vergleichen.  Der  keine 
Sprossen  treibende,    lange  dauernde    Bambus  bringt  das  grüne 


1  !^  (S^  Line:-si  .der  Sdiuli  der  Erdhüe'el'  ist  eine  Pflanze,  die  auch 
M  ^  ^?^-^\  ,der  Pferdeschuh,'  "^j^  ^  Tsch'hc-tsioii  ,die 
Pflanze  vor  den  Wagen'  und  ^g  g  Tang-tao  ,dic  Pflanze  an  dem 
Wege'  genannt  wird. 

■i  ^     Siü  ,Falter',  dasselbe  was    ^M     drffl     Hu-tie,  Schmetterling. 


n 

3   '^Z     ^^     Kiü-tö  ,das  Auflesen  der  Staare'  der  Name  eines    Insectes. 
*  Das  gelbe    fflP     Hoang,  der  Name  eines  Insectes. 

■')  ^jr      -h^     Kieu-yeu  ,die  neun  Berathungen',    der  Name   eines  Insectes. 
"  ^      ^     Meu-jui,  ein  Insect,  das  einer  Mücke  ähnlicli,  aber  kleiner  ist. 
'  ^^     Wk     P"-kiuen,  ein  gelbgepanzertes  kleines  Insect,  das  die  Blätter 

der  Melonen  verzehrt. 
*>  Die  Pflanze    ^^     3^     Yaug-lii  ist  mit  den  Bambussprossen    der    Felsen 

zu  vergleichen. 


848  Pfizmaier. 


Ruhige '  hervor.  Das  g-rüno  Ruhige  bringt  den  Leoparden  her- 
vor. Der  Leopard  bringt  das  Pferd  hervor.  Das  Pferd  bringt 
den  Menschen-  hervor.  Der  Mensch  kehrt  wieder  in  die  Trieb- 
werke zurück.  Die  zehntausend  Dinge  kommen  aus  den  Trieb- 
werken hervor  und  treten  in  die  Triebwerke  ein.^ 


Dass  Männchen  und  Weibchen  einander  begegnen,  dass 
das  Yin  und  Yang  gegenseitig  sich  drängen,  dass  die  geflügelten 
Thiere  Küchlein  und  junge  Vögel  werden,  dass  die  behaarten 
Thiere  Füllen  und  Kälber  werden,  dass  die  weichen  Theile 
Haut  und  Fleisch  werden,  die  harten  Theile  Zähne  und  Hörner 
werden,  nimmt  die  Menschen  nicht  Wunder.  Dass  das  Wasser 
grosse  und  kleine  Muscheln  hervorbringt,  dass  das  Gebirge 
Gold  und  Edelsteine  hervorbringt,  nimmt  die  Menschen  nicht 
Wunder.  Dass  alte  Sophorabäume  Feuer  hervorbringen,  dass 
lange  angehäuftes  Blut  zu  Irrlichtern  wird,  nimmt  die  Menschen 
nicht  Wunder.  Dass  das  Wasser  den  Wang-siang  hervorbringt, 
dass  die  Bäume  den  Pi-fang  hervorbringen,  dass  die  Brunnen 
das  Schaf  der  Erdhügel  hervorbringen,  dieses  nimmt  die  Men- 
schen Wunder.  Es  ist,  weil  sie  es  selten  hören  und  sehen, 
und  weil  das,  was  sie  davon  wissen,  seicht  ist. 

Der  Wagebalken  der  Erörterungen  sagt: 

Dass  Himmel  und  Erde  sich  nicht  verändern,  Sonne  und 
Mond  nicht  wechseln,  die  Sterne  nicht  vergehen,  ist  das  Rich- 
tige. Der  Mensch  empfängt  die  richtige  Luft,  desswegen  bleibt 
sein  Stoff  unverändert.  Dass  Männer  sich  in  Weiber  verwan- 
deln, Weiber  sich  in  Männer  verwandeln,  dass  hohe  Uferbänke 
zu  Thälern  werden,  dass  tiefe  Thäler  zu  Anhöhen  werden, 
dieses  entspricht  dem,  dass  die  Lenkung  sich  verändert.  Es 
sind  ungewöhnliche  Dinge  und  Ungeheuerlichkeiten.    Die  Mist- 


es Tsing-niug  ,das  grüne  Ruliige'  scheint  für  ^^  -^^  Tsing- 
ning  , Dickicht'  zu  stehen. 

-  Dcass  ein  Pferd  einen  Mensclien  gebar  ,  wird  nur  einige  Male  in  der  Ge- 
schichte als  Ungeheuerlichkeit  verzeichnet. 

3  Hiermit  sidl  gesagt  werden,  es  gebe  einf:  einzige  Lufl  und  zehntausend 
Gestalten.  Es  gebe  Veränderungen  und  Verwandlung,  aber  kein  Leben 
und  keinen  Tod. 


Zur  Geschichte  der  Wunder  in  dem  alten  China.  849 

Würmer  verwandeln  sich  und  werden  iiimehäutetli  Feldi» rillen.' 
Im  Umdrehen  werden  sie  Feldgrillen.  Den  Feldi^rillen  wachscni 
Flüg-ol.  Geflügelte  Insecten  haben  keine  Aehnlichkeit  mit  Mist- 
wiirmern.  Was  zum  Geschlechte  der  die  Saaten  verzehrenden 
Insecten  gehört,  verwandelt  sich  häufig-. 
t  Das  Buch  Pao-p5-tse  sagt : 

I  König  Mo  von  Tscheu  unternahm  im   Süden    den    Erobe- 

Srungszug.  Sein  ganzes  Kriegsheer  vorwandelte  sich  insgesammt. 
Die  Weisheitsfreunde  wurden  langarmige  Affen,  wurden  Schwäne. 
Die  kleinen  Menschen  wurden  Insecten,  wurden  vSand, 


Wie  die  Edelsteintafeln  Lao-tse's  sagen,  verändert  sich 
Fichtenharz,  wenn  es  in  die  Erde  gelangt,  in  tausend  .Jahren 
zu  Stechwinde.  Die  Stechwinde  verändert  sich  in  tausend 
Jahren  zu  der  dunklen  Seele  des  Tigers.  Die  dunkle  Seele 
{des  Tigers  verändert  sich  in  tausend  Jahren  zu  Steingalle.  Die 
jSteingalle  verändert  sich  in  tausend  Jahren  zur  „Freude  der 
Machte  -  Ein  tausendjähriger  Fuchs  kennt  die  Zukunft.  Ein 
jtausendjähriger  Dachs  verändert  sich  zu  einem  guten  Freunde. 
jEin  tausendjähriger  langarmiger  Affe  verändert  sich  zu  einem 
alten  Menschen. 


In  der  Geschichte  von  U-pei  gehen  acht  Fürsten  dem 
Könige  Ngan  von  Hoai-nan  entgegen.  Sie  waren  anfänglich 
alte  Fürsten  und  wurden  nicht  vorgelassen.  Später  wurden 
sie  Jünglinge. 


Das  Buch  der  fünf  Grundstoffe  Me-tse's  sagt:  Me-tse  \\ar 
im  Stande,  die  Gestalt  zu  verändern  und  das  Aussehen  zu 
wechseln.  Wenn  er  sass,  war  er  auf  der  Stelle  verschwunden. 
Wenn  er  ein  trauriges  Gesicht  machte,  wurde  er  ein  alter  Mann. 
Wenn  er  lachte,  wurde  er  ein  junges  Weib.  Wenn  er  auf  der 
Erde  kauerte,  wurde  er  ein  kleines  Kind. 


'    "^      'fö      Fö-yö,  Feldgrillen,  die  sich    noch  nicht  gehäutet  haben. 


2 


-S. 


Mi     Wci-lii  ,dio  Freude  der  Macht',  ein  unbekannter  Gegenstand, 


850  Pfizmaier.  • 

Die  Denkwürdigkeiten  von  vielseitigen  Dingen  sagen: 
Das  verwandelte  Volk  verzehrt  Maulbeerbäume.  In  sieben- 
undzwanzig-   Jahren    umwickelt    es    sich    mit    Seidenfäden.      In 
neun  Jahren  stirbt  es. 


Der  König  von  U  schiffte  auf  dem  Strome.  Er  verzehrte 
kleine  Fleischschnitten  und  warf  sie  mitten  in  die  Strönmng. 
Sie  verwandelten  sich  in  Fische.  Die  Fische,  welche  gegen- 
wärtig den  Namen  ^königliche  UeberbleibseP  führen,  sind  einige 
Zoll  lang  und  so  gross  wie  Sehnen.  Sie  haben  noch  immer 
die  Gestalt  von  Fleischschnitten. 


Das  Volk  ohne  Waden  wohnt  in  Höhlen  und  verzehrt 
Erde.  Es  gibt  bei  ihm  weder  Männer  noch  Weiber.  Wenn 
die  Menschen  dieses  Volkes  sterben  und  man  sie  vergräbt,  so 
bleibt  ihr  Herz  unverweset.  In  hundert  Jahren  verwandeln  sie 
sich  wieder  in  Menschen. 


Wenn  man  Libellenköpfe  unter  einer  dem  Westen    zuge- 
kehrten Thüre    vergräbt,  so    verwandeln    sie    sich    und    werden 


grüne  Perlen. 


An  dem  Strome  und  dem  Han  gibt  es  Dachsmenschen, 
die  im  Stande  sind,  als  Tiger  aufzutreten.  Im  gemeinen  Leben 
sagt  man,  die  Dachstiger  verwandeln  sich  in  Menschen.  Die- 
selben tragen  gerne  Flachskleider.  Ihr  Fuss  hat  keine  Fersen. 
Diejenigen,  die  fünf  Zehen  haben,  sind  Dachstiger.  Die  Alten 
des  kaiserlichen  Reiches  Yue  verwandeln  sich  zu  Zeiten  in 
Tiger.   Im  Süden  von  Ning-tscheu  kann  man  diese  Wesen  sehen. 

Die  Verzeichnisse  des  Auflesens  des  Plinterlassenen  von 
Wang-tse-nien  sagen : 

Der  Kuen-lün  heisst  in  den  westlichen  Gegenden  Bei^ 
Siü-mi.  Auf  dem  unteren  Düppeldache  des  frühen  Morgens 
befindet  sich  die  Seitentiefe  der  ungehörnten  Drachen.  Auf 
einer  Strecke  von   hundci't  Weglängen  gibt  es  viele  ungehörnte 


Zur  Geschiclito  der  Wunder  in  dem  alten  China.  8ol 

)rachen.  Dieselben  sind  von  wcüsser  Farbe.  *  In  tausend 
aln*en  legen  sie  einmal  wie  eine  Haut  ihre  fünf  Eingeweide 
b.  Neben  der  Seitentiefe  findet  sich  ein  fünifarbiger  Stein, 
[au  sagt;  die  Eingeweide  des  weissen  ungehöruten  Drachen 
aben  sich  in  diesen  Stein  verwandelt. 


Das  Reich  Yin-tschi  ist  von  der  Hauptstadt  des  Königs 
3chzehnmal  zehntausend  Weglängen  entfernt.  Daselbst  findet 
lan  das  die  Gestalt  lösende  Volk.  Die  Menschen  dieses  Volkes 
Lssen  ihren  Leib  in  die  leere  Seitentiefe  los.  Zuerst  lassen  sie 
ir  Haupt  nach  der  südlichen  Gegend  entfliegen.  Zunächst 
tssen  sie  die  linke  Hand  nach  der  östlichen  Gegend  entfliegen, 
[ierauf  lassen  sie  die  rechte  Hand  nach  der  westlichen  Gegend 
ntfliegen.  Die  Theile  unter  dem  Nabel  und  die  beiden  Füsse 
leiben  vereinzelt  stehen.  Wenn  der  Abend  kommt,  kehrt  das 
[aupt  zu  dem  Leibe  zurück.  Die  beiden  Hände  kommen  nicht. 
Is  erhebt  sich  ein  heftiger  Wind,  der  die  beiden  Hände  in 
as  nördliche  Meer,  auf  die  Insel  des  Ursprungs  weht.  Daselbst 
erwandeln  sie  sich  in  ein  fünffüssiges  Thier.  Je  ein  Finger 
ird  nämlich  zu  einem  Fusse. 

Die  eigentliche  Darlegung  der  Könige  von  Schö  sagt: 

Der  erste  König  von  Schö  hiess  mit  Namen  Tsan-nie  (die 
eschäftigung  des  Seidenbaues).  Der  folgende  hiess  mit  Namen 
a-huö  (der  Regenguss  des  Pistazienbaumes).  Der  letzte  hiess 
lit  Namen  Yü-fu  (Fisch  und  Wildente).  Von  diesen  drei  Kö- 
igen  lebte  ein  jeder  mehrere  hundert  Jahre.  Sie  verwandelten 
ch  als  Geister,  ohne  zu  sterben.  Ihr  Volk  richtete  sich  auch 
inigermassen  nach  den  Konigen.  Es  verwandelte  sich  und 
erschwand.  Wenn  der  König  bei  der  Jagd  ankam  und  vor- 
hat, verschwand  er  sofort  als  Unsterblicher.  Gegenwärtig  opfei't 
lan  ihnen  in  den  Ahnentempeln. 

In  früheren  Zeiten  war  das  Volk  von  Schö  wenig  zahl- 
iich.  Später  war  ein  junger  Mann,  Namens  Tu-yü  (das  Vor- 
ach des  rothen  Birnbaumes).  Derselbe  fiel  von  dem  Himmel 
erab  und  Hess    sich    in    Tschü-schi'    nieder.     Ferner    war    ein 


1  D(<r    District     jj^     ^    Tschü-schi   gehörte   zu   der   ehemaligen    Provinz 
Kion-woi   und  brachte  vorzügliches  Silber  luM-vor. 


852  Pfizmaier. 

junges  Weib,  Namens  Li  (Nutzen).  Dieselbe  kam  aus  einem 
Brunnen  des  Gebietes  von  Kiang-yuen  hervor  und  wurde  die 
Gattin  Tu-yü's.  Dieser  bewerkstelligte  seine  Einsetzung  zum 
Könige  und  nannte  sich  König  von  Schö.  Er  richtete  die  an 
dem  Fusse  des  Berges  Min  gelegene  Stadt  P'hi  zu  seinem  Wohn- 
sitze ein.  Das  verwandelte  Volk  kam  hier  und  dort  wieder 
zum  Vorschein. 

Der  ^hoffende  Kaiser' ^  hatte  hundert  Jahre  zurückgelegt. 
In  ^J  King  lebte  ein  Mensch,  Namens  Pie-ling  (das  Reingei- 
stige der  Meerschildkröte).  Der  Leichnam  desselben  verschwand. 
Die  Menschen  von  King  suchten  ihn,  aber  fanden  ihn  nicht. 
Der  Leichnam  Pie-ling's  gelangte  nach  Schö  und  ward  wieder 
lebendig.  Der  König  von  Schö  machte  ihn  zum  Reichsge- 
hilfen. Um  die  Zeit  ergossen  sich  von  dem  Edelsteinberge 
Wassermengen,  die  gleich  der  grossen  Wasserfluth  Yao's.  Der 
, hoffende  Kaiser'  konnte  die  Wasser  nicht  bemeistern.  Er 
hiess  Pie-ling  in  den  Edelsteinberg  Einschnitte  machen.  Das 
Volk  erlangte  dadurch  trockenen  Boden.  Nachdem  Pie-ling 
die  Wasser  bemeistert,  entfernte  er  sich.  Später  hatte  der 
,hoffende  Kaiser'  mit  dessen  Gattin  Umgang.  Da  der  Kaiser 
seiner  geringen  Tugend  willen  niclit  mit  Pie-ling  zu  vergleichen 
war,  verzichtete  er  auf  das  Reich,  übergab  es  Pie-ling  und  ent- 
fernte sich,  gleichwie  Yao  die  Landesgötter  an  Schün  abge- 
treten hatte.  Als  Pie-ling  zu  seiner  Stufe  gelangte,  nannte  man 
ihn  ,den  das  Licht  eröffnenden  wunderbaren  Kaiser'.  Sein 
Sohn  war  Lu-pao.  Derselbe  ward  ebenfalls  ,der  das  Licht  er- 
öffnende Himmel'  genannt  und  ward  König  von  Schö.  Seine 
Söhne  waren  die  fünf  starken  Männer.  Dieselben  waren  im 
Stande,  die  Berge  von  Schö  weiter  zu  rücken. 

Als  der  König  starb,  setzten  die  fünf  starken  Männer  so-  , 
fort  einen  grossen  Stein.  Derselbe  war  drei  Klafter  lang  und 
tausendmal  dreissig  Pfund  schwer.  Man  nannte  ihn  den  Stein- 
brunnen. Tausend  Menschen  waren  nicht  im  Stande,  ihn  zu 
bewegen.  Zehntausend  Menschen  waren  nicht  im  Stande,  ihn  i 
Aveiter  zu  rücken.  Der  König  von  Schö  stützte  sich  auf  das 
Land  von  Pa  und  Schö.     Ursprünglich   hatte    er   Kuaug-tu   zu  j 


1  So  wird  Tu-yü  jetzt  genannt,    ohne  dass  etwas  über  die  Annahme  dieser  l 
Benennung  gesagt  wird.  I 


Zur    Cieschiclite  der  Wunder  in  dem  alten  Cliina.  8Ö3 

^1  iiiem  Wohnsitze  cmgorichtet.  Später  übersiedelte  er  und 
lichtete  Tsching-tu  zu  seinem  Wohnsitze  ein.  Zu  den  Zeiten 
ihs  König-s  Hoei  von  Thsin  mochte  sich  der  König-  von  Schö 
li  111  Reiche  Thsin  nicht  unterwerfen.  Thsin  hatte  auch  keine 
W'v^e,  auf  denen  es  nach  Schö  ausziehen  konnte. 

Der  König-  von  Schö  befand  sich  mit  einem  .Gefolge  von 
/;ilmtausend  Menschen  imOstenauf  der  Jagd.  Indem  Thale  Paosah 
rr  nnvermuthet  den  König  Hoei  von  Thsin.  Dieser  übersandte 
ikiu  Könige  von  Schö  einen  viereckigen  Korb  Goldes.  Der 
Kiliiig  von  Schö  sandte  als  Erwiederung  die  von  den  Gebräuchen 
vnigeschri ebenen  Gegenstände,  Diese  Gegenstände  verwan- 
ihltcn  sich  sämmtlich  in  Erde.  Der  König  von  Thsin  wurde 
s(  hr  zornig.  Die  Diener  und  Untergebenen  verbeugten  sich 
zweimal ,  wünschten  Glück  und  sagten :  Erde  ist  Erde  und 
Land.  Thsin  wird  Schö  erlangen.  —  Der  König  von  Thsin  be- 
sorgte, dass  er  den  Ort,  wo  die  Zusammenkunft  stattgefunden, 
'nicht  mehr  finden  könne.  Er  Hess  daher  fünf  steinerne  Rinder 
meisseln  und  sie  mit  Gold  belegen.  Später  glaubte  der  König 
von  Schö,  dass  es  Gold  sei.  Er  befahl  den  fünf  starken 
OVlännern,  die  Rinder  fortzuziehen,  einen  Weg  zu  bahnen  und 
idrci  Stück  nach  Tsching-tu  zu  bringen.  Dass  Thsin  jetzt  auf  den 
■Wegen  verkehren  konnte,  verdankte  es  den  steinernen  Rindern. 
'  In  Wu-tu  war  ein  Mensch,  der  den  König  von  Schö  gut 

[kannte.  Derselbe  begab  sich  mit  seiner  Gattin  und  seiner 
Tochter  zu  dem  Könige  von  Schö.  Nachdem  er  sich  in  Schö 
lansässig  gemacht,  konnte  er  sich  an  das  Wasser  und  den  Boden 
des  Landes  nicht  gewöhnen  und  wollte  lieimkehreu.  Dem  Kö- 
nige war  Leid  um  dessen  Tochter,  und  er  behielt  sie  zurück. 
Er  verfertigte  jetzt  die  acht  Abschnitte  des  tönenden  Lautes, 
zu  denen  er  Tänze  aufführen  Hess.  Einige  sagen,  vordem 
hätte  sich  ein  Mann  von  Wu-tu  in  ein  Mädchen  verwandelt, 
das  von  Angesicht  schön  und  vorzüglich  gewesen.  Es  war 
nämlich  ein  Gespenst  des  Berges,  und  der  König  von  Schö 
nahm  es  zur  Gattin.  Diese  konnte  sich  nicht  an  das  Wasser 
und  den  Boden  des  Landes  gewidmen.  Sie  erkrankte  und 
wollte  heimkehren.  Der  Kcinig  hielt  sie  zurück.  Nach  einiger 
Zeit  starb  sie.  Der  König  Hess  in  Wu-tu  Erde  ausheben  und 
begrub  die  Gattin  in  den  Vorwerken  von  Tsching-tu.  Die  Erde 
mass  im  Umfange    mehrere    hundert    Schritte    und    war    sieben 

Sitzb.  d.  phiL-hist.  Cl.  LXVm.  Bd.  IV.  Hft.  öö 


g!^4  Pfizmaier. 

Klafter  lioch.     Er  nannte  die  Stelle  Wu-tan  (das  Ausgehobene 
der  Hauptstadt  Wu).     Man  verfertigte  aus  Stein  einen  Spiegel  ] 
und  bezeichnete  dadurch  das  Grab. 

Der  König  von  Thsin  wusste  jetzt,    dass  der   Kcinig   von 
Schö    die  Schönheit   liebe.     Er    machte  daher  fünf   vorzügliche 
Mädchen  Schö  zum  Geschenke.     Der  König    war   dafür    einge- 
nommen.    Er  entsandte  die  fünf  starken  IMänner,  damit  sie  die 
Mädchen  abholen.     Als  man  auf  der  Rückreise  nach  Tse-thung 
gelangte,  sah  man  eine  grosse  Schlange,  die  in  eine  Höhle  des 
Berges  kroch.     Die  fünf  starken   Männer    zogen    die    Schlange 
in  Gemeinschaft  heraus.     Der  Berg    stürzte  imd   erdrückte  die 
fünf    starken    Männer.      Die    fünf   starken    Männer    riefen    mit 
lauter  Stimme.     Die  fünf  Mädchen  des    Königs    von    Thsin    so 
wie  diejenigen,  welche  sie  begleitet  und  abgeholt  hatten,  kamen 
herauf  und  wurden  in  Steine  verwandelt.    Der  König  von  Schö 
bestieg  eine  Erdstufe  und  blickte  nach  ihnen.    Sie  aber  kamen 
nicht.     Er  nannte  daher  den  Ort:    die   Affenerdstufe    der    fünf 
Weiber.    Der  König  von  Schö  vergrub  sie  (die  Steine)  iu  eigener 
Person  und  errichtete  Grabhügel.     Er  liess    überall    viereckige 
Steine  herbeischaffen  und  machte  dadurch  die  Gräber  kenntlich. 
Die  Ueberlieferungen  von  Merkwürdigkeiten  sagen : 
Einst  lebte   in  dem  zu    der  Provinz    Po-yang   gehörenden 
Districte  Ngan-lö  ein    IMensch,    dessen    Geschlechtsname    Peng, 
In  dessen  Hause  betrieb  mau  die  Geschlechtsalter  hindurch  das 
Fangen  und  Pfeilschiessen  als  ein    Geschäft.     Der    Sohn  folgte 
dem  Vater  und  trat  mit  ihm  in  das  Gebirge.  Plötzlich  strauchelte 
der  Vater  und  fiel  zu  Boden.     In  diesem  Augenblicke  verwan- 
delte er  sich  in  einen  weissen  Hirsch.    Der  Sohn  brach  in  Rufe 
des  Schmerzes  aus  und  setzte  ihm  nach.     Der    Hirsch    lief  in: 
Sprunge    weit    hinweg ,    und    bald    war    seine    Spur    verloren, 
Der    Sohn   erfasste   hierauf  keinen    Bogen   mehr,    so   lange    ei 
lebte.     Der  Enkel  lernte  endlich  wieder  schiessen.    Er  erlegte 
plötzlich    einen    weissen    Hirsch.     Da    fand    er    zwischen    den 
Geweihe  des  Hirsches  das  den  Häusern  des  Weges  angehörende 
Abschnittsrohr  der  fünf  Sterne.     Zugleich  befand  sich  daselbsl 
ganz  deutlich  der  Geschlechtsname  und  Name  seines  Grossvaters 
elas  Jahr  und    der  Monat.      Ev  betrachtete    dieses  voll  Schmers 
und  Reue.     Hierauf  verbrannte  er  den    Bogen   und    elie  Pfeile 


Zur  Geschichte  der  Wunder  in  dem  alten  China.  855 

In  dem  neuen  Districte  von  Wn-tschang;  befindet  sich  anf 
dem  ntirdlichen  Bei-i>-e  der  nach  dem  Manne  in  die  Ferne 
blickende  Stein.  Derselbe  hat  di(!  (xcstalt  eines  stehenden 
Mensclien.  Die  Ueberlieferung  sai>-t:  Einst  war  ein  lauteres 
Weib,  deren  Mann  dem  Dienste  oblag'  und  in  die  Ferne  ))ei 
dem  Unglück  des  Reiches  eilte.  Sein  Weib  führte  an  der  Hand 
den  jung-en  Sohn  und  begleitete  ihren  Mann  mit  Wein  und  Speise 
auf  diesen  Berg-.  Sie  stand  in  die  Ferne  blickend,  und  ihre 
Gestalt  verwandelte  sich  in  Stein. 

Die  Geschichte  von  Tan-yang-  sagt: 

Zu  den  Zeiten  Sün-hao's^  im  ersten  Jahre  des  Zeiti'aumes 
Pao-ting  (2GC)  n.  Chr.)  war  die  Mutter  Siuen-teng's  von  Tan- 
yang  achtzig  Jahre  alt.  Sie  badete  sich  in  dem  rückwärts  ge- 
legenen See  und  verwandelte  sich  in  eine  Flussschildkröte. 

Die  Geschichte  des  Suchens  der  Götter  sag-t: 

Ein  tausendjähriger  Fasan  tritt  in  das  Meer  und  wird 
eine  grosse  Muschel.  Ein  hundertjähriger  Sperling  tritt  in  den 
Strom  und  wird  eine  kleine  Muschel.  Tausendjährige  Schild- 
kröten und  Meerschildkrüten  können  mit  dem  Menschen  sprechen. 
Eine  tausendjährige  Schlange  wird  auseinandergeschnitten  und 
heftet  sich  wieder  zusammen.  Eine  hundertjährige  Ratte  kann 
uns  die  Ankunft  der  Zahlen  wahi-sagen.  An  dem  Tage  der 
Theilung  des  Frühlings  verändert  sich  der  Falke  und  wii-d 
eine  Taube.  An  dem  Tage  der  Theilung  des  Herbstes  verän- 
dert sich  die  Taube  und  wird  ein  Falke.  Dieses  sind  Verwand- 
lungen der  Zeit.  Verfaulte  Pflanzen  werden  desslialb  Feuer- 
fliegen. Verfaulte  Binsen  werden  Seidenraupen.  Weizen  wird 
zu  Schmetterlingen.  Die  Flügel  wachsen,  die  Augen  werden 
vollendet,  Herz  und  Wissen  kommen  zum  Vorschein.  Dieses 
ist  Verwandeln  und  Werden  ohne  Wissen,  Wechseln  der  Luft 
mit  Wissen.  Ein  grosser  Vogel  wird  ein  Hirsch.  Eine  Schlange 
wird  eine  Plussschildkröte.  Seidenraupen  werden  Frösche.  Diese 
Wesen  werden  ihres  Blutes  und  ihrer  Luft  nicht  verlustig,  aber 
Gestalt  und  Eigenschaft  verändern  sich. 


Die  Erdbienen  heisscn  mit  Namen  Ko-hj.    Li  dem  gegen- 
wärtigen Zeitalter  nennt  man   sie  Wang-liang. '     Sie  gehiircn  /n 

'   Wang-liang  lieisst  sonst  auch  das  Gespenst  der  Berge. 


35ß  Pfizmaier. 

dem  Geschlechte  der  Thiere  mit  dünner  Mitte  des  Leibes.  Es 
sind  Wesen,  die  echte  Männchen  sind,  und  es  gibt  keine 
Weibchen.  Sie  vermengen  sich  nicht  und  gebären  nicht.  Sie 
nehmen  gewöhnlich  die  Jungen  der  Würmer  des  Maulbeer- 
baumes und  ziehen  sie  auf.     Diese  werden    dann   ihre  Jungen. 


Dass  der  Weizen  zu  Schmetterlingen  wird,  geschieht  durch 
die  Feuchtigkeit.  Wenn  somit  die  zehntausend  Dinge  sieh 
verändern,  so  hat  dieses  überall  einen  Grund.  Die  Ackers- 
leute, welche  der  Verwandlung  des  Weizens  Einhalt  thun,  lassen 
ihn  in  Asche  liegen.  Die  höchstweisen  Menschen,  welche  die 
Verwandlung  der  zehntausend  Dinge  ordnen,  vollenden  dieses 
durch  den  Weg. 


In  den  südlichen  Gegenden  gibt  es  ein  Volk  der  abfallenden 
Häupter.  Die  Häupter  desselben  können  fliegen.  In  den  Al)- 
theilungen  dieser  Menschenklasse  hat  man  ein  Opfer,  dessen 
Benennung:  das  Abfallen  des  Wurmfrasses.  Deswegen  legt 
man  ihnen  davon  den  Namen  bei.  Zu  den  Zeiten  von  U  er- 
hielt der  Heerführer  Tsehü-hoan  eine  Sclavin.  Dieselbe  legte 
sich  jede  Nacht  zur  Ruhe.  Später  flog  ihr  Haupt  plötzlich 
fort,  einmal  durch  die  Hundeöffnung,  einmal  durch  das  Him- 
melsfenster. Beim  Ein-  und  Ausfliegen  machte  es  die  Ohren 
zu  Flügeln.  Wenn  es  Tag  werden  wollte,  kehrte  es  wieder  auf 
diese  Weise  zurück.  Die  bei  ihr  beflndlichen  Menschen  wun- 
derten sich  darüber.  Sie  leuchteten  in  der  Nacht  hin  und 
sahen  nur  einen  Leib  ohne  Haupt.  Der  Leib  war  etwas  kalt, 
das  Athemholen  war  beschränkt.  Sie  bedeckten  sie  mit  einei' 
Decke.  Als  das  Haupt  zu  seiner  Zeit  zurückkehrte,  war  es 
durch  die  Decke  gehindert  und  konnte  keine  Ruhe  finden.  Es 
fiel  zwei-  bis  dreimal  zur  Erde  und  seufzte  sehr  traurig.  Als 
es  zu  dem  Leibe  gelangte,  war  der  Athem  beschleunigt,  als  ob 
es  sterben  wollte.  Man  nahm  jetzt  die  Decke  weg.  Das  Haupt 
erhob  sich  wied(ir  und  fügte  sich  an  den  Hals.  Nach  einer 
Weile  hatte  sie  sich  erholt.  Hoan  hielt  dieses  für  ein  gross- 
artiges Wunder.  Er  fürchtete  sich  und  getraute  sich  nicht,  sie 
zu  behalten.    Er  Hess  sie  frei  und  schickte  sie  ziu"ück.    Später 


Zur  Geschichte  der  Wunder  in  dem  alten  China.  857 

erklärte  er  es,  und  er  wusste,    dass    es  ein    Wunder    des  Him- 
mels g-ewesen. 

Um  die  Zeit  erhielt  auch  der  im  Süden  erobernde  g-rosso 
Heerführer  hier  und  dort  solche  Mensclien.  Ferner  war  Je- 
mand, der  den  Leib  mit  einer  kupfernen  Schüssel  ü])erdeckte. 
Das  Haupt  konnte  nicht  herankommen  und   der  Mensch  starlj. 


Einst  hatte  das  Geschlecht  Kao-yang-  Zwillini^-e,  die  Mann 
i  und  Weib  wurden.  Der  Kaiser  tödtete  sie  in  der  Wildniss  des 
j  Kung-thung  Sie  hielten  sich  in  den  Armen  und  starben.  Ein 
I  göttlicher  Vogel  bedeckte  sie  mit  der  Unsterblichkeitspllanzo. 
I  In  sieben  Jahren  hatten  Mann  und  Weib  einen  gemeinschaft- 
lichen Leib,  und  es  wuchsen  ihnen  zwei  Häupter  und  vier 
I  Füsse.  Sie  wurden  hierauf  das  Geschlecht  Mung-schuang  (das 
I  erlangende  Paar). 

Die  fortgesetzte  Geschichte  des  Suchens  der  Götter  sagt: 

I  Die  Menschen  der  südliclien  Fremdländer    in    dem    nr)r(l- 

!  liehen  Gebirge  des   Districtes    Tsin-yang   besitzen    eine    Kunst. 

j  Sie  können  bewirken,  dass  Menschen  sich  verwandeln  und  als 

Tiger  auftreten.     Das    Haar,    die    Farbe,    die   Klauen    und    die 

Zähne    sind    insgesanmit    wie    bei    wahren    Tigern.     Tscheu-ni, 

I  ein  Mensch  des  Bezirkes,  hatte  einen  Sclaven.  Er  hiess  diesen 

1  in  das  Gebirge  treten  und  Brennholz  fällen.     Der  Sclave  hatte 

'  ein  Weib  und  eine  jüngere    Schwester,    die    ebenfalls    mit   ihm 

gingen.     Als  sie  angekommen  waren,  sagte  der  Sclave  zu  den 

Beiden :  Steiget  einstweilen  auf  einen  hohen   Baum    und    sehet, 

was  ich  thue,  —  Sie  thaten,  w^ie  er  sagte,  und  er  trat  dann  in 

einen    Wald    von  Pflanzen.     In    einem    Augenblicke    sahen    sie 

einen  grossen  gelbgestreiften    Tiger    aus    den    Pflanzen    hervor- 

komuKni.     Derselbe  bewegte  sich   rasch,  brüllte    und    wai-    sehr 

fürchterlich.      Die    beiden    Menschen    erfasste   grosses    Banuen. 

Nach  längerer  Zeit  kehrte  er  in  den  Wald  von  Pflanzen  zurück. 

Nach  einer  kleinen  Weile  kam  er  wieder  und  war  ein  Mensch. 

Er  sagte  zu  den  Beiden :  W^enn  ihr   nach  Hause  kommt,   hütet 

euch,  etwas  zu  sagen.  —  Später  äusserten  sie  sich  darüber  gegen 

ihre  Gefährten. 

Der   Mann    von   dum    (jI uschiechte    Tscheu   erfuhr   (;s.      Er 
gab    Jenem  unveiynischten    Wein    zu    trinken    und    machte    ihn 


858  Pfizmaier. 

vollständig-  betrunken.  Er  hiess  Leute  ihm  die  Kleider  aus- 
ziehen und  an  seinem  Leibe  alles  einzeln  untersuchen.  Es  war 
daselbst  durchaus  nichts  Auffälliges.  Bios  in  seineui  Haar- 
busch fand  man  ein  Papier,  worauf  ein  grosser  Tiger  abge- 
bildet war.  Neben  dem  Tig-er  befand  sich  eine  Beglaubigungs- 
marke. Der  Mann  von  dem  Gesclilechte  Tscheu  nahm  sie  ins- 
g-eheim  und  verzeichnete  es.  Als  der  Sclave  ernüchtert  war, 
schrie  er  und  frag-te  nach  dem  Gegenstande.  Er  sah,  dass  die 
Sache  entdeckt  war  und  erzählte  sogleich,  wie  es  sich  verhielt. 
Er  sagte,  er  habe  sich  einst  bei  den  südlichen  Fremdländern 
wegen  Einkauf  von  Reis  gemeldet.  Daselbst  habe  ihm  ein 
Lehrmeister  der  südlichen  Fremdländer  gesagt,  dass  er  diese 
Kunst  besitze.  Von  demselben  habe  er  um  drei  Schuhe  Tuch, 
einige  Gantang  Reis,  einen  rotheu  Hahn  und  einen  Gantang 
Wein  diese  Vorschrift  erhalten. 


Die  Mutter  Sung-sse-tsung's  von  Tsing-ho  badete  sich  in 
dem  Zeiträume  Hoang-thsu  (220  bis  226  n.  Chr).  bei  sommer- 
licher Witterung  in  dem  Inneren  des  Badehauses.  Sie  schickte 
die  in  dem  Hause  befindlichen  Söhne  und  Töchter  vor  die 
Thüre  und  befand  sich  allein  in  einem  inneren  Hause.  Als 
dieses  lange  währte,  konnten  sich  die  Menschen  des  Hauses 
nicht  erklären,  was  sie  beabsichtigte.  Sie  spähten  durch  eine 
Oeffnung  in  der  Wand,  sahen  aber  keinen  Menschen  Sie  sahen 
richtig,  dass  in  dem  Wasser  einer  hölzernea  Schüssel  sich  eine 
grosse  Flussschildkrüte  befand.  Sie  öffneten  hierauf  die  Thüre, 
Gross  und  Klein  trat  insgesammt  ein.  Sie  nahmen  sie  jetzt 
mit  den  Menschen  in  Empftiiig.  Die  Haarnadel,  welche  sie 
flüher  aufgesteckt  hatte,  befand  sich  noch  immer  auf  ihrem 
Haupte.  Sie  bewachten  sie  in  Gemeinschaft.  Mit  den  Tag<^n 
wurde  man  nachlässig.  Sofort  warf  sie  sich  zur  Thüre  hinaus. 
Sie  entfernte  sich  sehr  schnell.  Man  verfolgte  sie,  aber  erreichte 
sie  nicht.  Sie  trat  sogleich  in  das  Wasser.  Nach  einigen 
Tagen  kehrte  sie  plötzlich  zurück  und  umwandelte  das  Wohnhaus, 
so  wie  sie  in  ihrem  ganzen  Leben  gewesen.  Sie  sprach  nicht  das 
Geringste  und  entfernte  sich.  Die  Zeitgenossen  sagten  zu  Sse- 
tsung,  er  solle  die  Trauer  begehen  und  die  Kleider  herrichten. 
In  Beti'acht,  dass  die  Gestalt  seiner  Mutter  zwar  verändert,  aber 


Zur  Geschiclite  der  AVimdor  in  ilein  alten  China.  859 

die  Gnmdordnuno-  ihres  Lebens  noch  vorhanden  war,  richtete 
Sse-tsuni^-  schlicsslicli  die  Trauer  nicht  her.  Sic  hatte  Aehn- 
lichkcit  mit  der  gelben  Mutter  von  Kiang--]iia. 

Der  Garten  der  Merkwürdiji-keiten  sagt: 

Der  Angestellte  Yi-po  aus  der  Provinz  Yü-tschang  über- 
nahm in  dem  Zeiträume  I-hi  (405  bis  418  n.  Chr.)  die  Wache. 
Als  er  wieder  nach  Hause  kam,  entlief  oa-  in  die  Ferne  und 
kehrte  nicht  zurück.  Die  Provinz  schickte  ihm  Leute  nach. 
Dieselben  sahen  Po,  der  wie  gewöhnlich  sprach  und  auch  die 
Flagg-e  aufstellte.  Der  Abgesandte  drängte  ihn  und  hiess  ihn 
sich  aufputzen.  Po  sagte  zu  ihm :  Wenn  du  mein  Gesicht  be- 
trachtest, wirst  du  sehen,  dass  die  Winkel  meiner  Augen  sich 
ausspannen.  Mein  I^eib  hat  gelbe  vStreifen.  —  Alsl)ald  erhob 
er  einen  Fuss,  ging  vor  das  Thor  und  entfernte  sich  von  dem 
Hause.  Zuerst  hielt  er  sich  an  das  Gebirge  und  weilte  daselbst. 
Als  er  zu  dem  Walde  an  dem  Fusse  des  Berges  gelangte,  ver- 
wandelte er  sich  in  einen  dreifüssigen  grossen  Tiger.  Der  Fuss, 
den  er  erhoben  hatte,  wurde  sein  Schweif. 


Hoang-sieu  von  Kao-ping  in  Sehao-ling  trat  in  dem  dritten 
Jahre  des  Zeitraumes  Yuen-kia  (420  n.  Chr.)  ohne  Ursache  in 
das  Gebirge  und  kam  nach  Tagen  nicht  zurück.  Sein  Sohn 
Keu-seng  suchte  ihn  und  sah  ihn  in  einem  hohlen  Baume  kauern. 
Er  hatte  vom  Kopf  bis  zu  den  Füssen  ein  haariges  Aussehen 
gleich  einem  Bären.  Der  Sohn  fragte  ihn,  warum  dieses  ge- 
schehen. Jener  antwortete:  Der  Himmel  hat  mich  auf  diese 
Weise  gestraft.  Gehe  nur  von  hier  weg.  —  Der  Sohn  kehrte 
traurig  heim.  Nach  einem  Jahre  sahen  Leute,  die  in  dem  Ge- 
birge Holz  schlugen,  jenen  Mann.  Seine  Gestalt  war  ganz  die- 
jenige eines  Bären. 


Zu  den  Zeiten  Fu-kien's,  in  den  Jahren  des  Zeitraumes 
Kien-yuen  (,360  bis  383  n.  Chr.)  sahen  Holzhauer  von  Tschang- 
ngan  im  Süden  der  Stadtmauern  Gold  laul'en.  Sie  meldeten  es 
Kien.  Dieser  schickte  hin,  Hess  es  auf  einen  Wagen  laden  und 
wegnehmen.  Als  es  ankam ,  verwandelte  es  sich  in  einen 
kupfernen  dreifüssigen  Kessel,    Als  man  in  das  Thur  trat,  ver- 


860  Pfizmaier. 

wandelte  es  sich  nochmals  in  eine  grosse  Glocke  mit  hölzernem 
Klöpfel. 

Die  Denkwürdigkeiten  von  merkwürdigen  Dingen  sagen: 
In  Tung-hai  gibt  es  mit  Tigern  vermischte  Fische.  Die- 
selbon verwandeln  sich  in  Tiger,  ersteigen  die  Uferhöhe  und 
verzehren  Menschen.  Sic  sind  es,  von  denen  es  in  dem  bilder- 
losen Gedichte  auf  die  Hauptstadt  von  U  heisst:  Versinkende 
Tiger,  schwimmende  Hirsche.  —  In  den  Flüssen  von  Yue  und 
Sui  gibt  es  Fische,  welche  die  Gestalt  von  Menschen  haben 
imd  mit  Mützen  und  Kopftüchern  angethan  sind.  Man  sagt 
gemeiniglich,  es  seien  die  ehemals  versunkenen  Menschen  der 
Provinz,  die  sämmtlich  in  Fische  verwandelt  wurden. 


Sse-ma-khieu-tschi  führte  den  Jünglingsnamen  Tao-ngai. 
Derselbe  schoss  mit  Geschicklickeit  Fasanen.  In  dem  Zeit- 
räume Tai-yuen  (376  bis  396  n.  Chr.)  nahm  er  einen  Lockvogel 
und  Hess  die  Federfahne  herab.  Der  Lockvogel  Hess  öfters 
seine  Stimme  ertönen,  und  auch  ein  wilder  Fasan  gab  Antwort. 
Khieu-tschi  machte  die  Probe  und  befahl,  dass  man  den  Ort 
suche.  Was  Autwort  gegeben  hatte,  besass  Kopf  und  Flügel 
und  war  der  halbe  Leib  eines  Fasans  geworden.  Was  rückwärts 
sich  befand,  war  wie  früher  eine  Schlange. 

Innerhalb  der  mittleren  Rüstkammer  des  Hofes  von  Tsin 
hörte  man  plötzlich  den  Ruf  eines  Fasans.  Die  Menschen  er- 
klärten dieses  für  ein  Wunder.  Der  Vorsteher  der  Räume  von 
dem  Geschlechte  Tschang  sagte :  Dieses  wird  nur  durch  eine 
Schlange  hervorgebracht.  —  Man  suchte  sogleich  und  schaffte 
die  Gegenstände  in  der  Rüstkammer  weg.  Man  fand  wirklich 
die  abgeleg-te  Haut  einer  Schlange. 


In  dem  Zeiträume  Tai-yuen  (376  bis  306  n.  Chr.)  traten 
Menschen  von  Jü-nan  in  das  Gebirge  und  fällten  einen  Bambus. 
Die  Mitte  desselben  verwandelte  sich  in  eine  Schlange.  Die 
Gestalt  war  bereits  gebildet,  aber  Zweige  und  Blätter  waren 
wie  früher. 

Ein  Mensch  des  Volkes  von  Tung-liü  in  der  Provinz  U 
fällte  einst  einen  Bambus  von  Yü-kan.     In  einer  Nacht  sah  er, 


Zur  Geschichte  der  Wunder  in  dem  ulteii  China.  861 

dass  der  Bambus  sich  in  einen  Fasan  verwandelte.  Das  Haupt 
und  der  Hals  waren  bereits  vollendet,  aber  der  Leib  hatte  sich 
noch  iniuier  nicht  verwandelt.  Es  g-eschah  ebenfalls,  dass  der 
Bambus  sowohl  eine  Schlange  als  ein  Fasan  war. 


Im  zweiten  Jahre  des  Zeitraumes  Yuen-hing:  (403  n.  Chr.) 
verwandelte  sich  eine  Henne  von  Heng-yang  in  einen  Hahn. 
In  achtzig  Tagen  welkte  ihr  Kamm.  Später  masste  sich  Hoan- 
yuen  die  Rangstufe  an.     In  acht  Decaden   war    er   geschlagen. 


In  dem  Zeiträume  Lung-ngun  (,307  bis  401   n.  Chr.)  ver- 
wandelte sich  eine  grüne  Henne  in  einen  rothen  Hahn.   Gestalt 
,'  und  Schweif  waren  verändert,  Kamm  und  bunter    Farbenglanz 
waren  vorhanden.     Nur  konnte  sie  nicht  krähen. 

Die  Verzeichnisse  des  Dunklen  und  Hellen  sagen : 
In  dem  Districte  I-yang  war  ein  Mädchen,  deren  Geschlechts- 
name Peng,  deren  Name  Ngo.  Ihre  Aeltern  und  ihre  zehn 
Brüder  wurden  von  den  Räubei-n  von  Tschang-scha  überfallen. 
Um  die  Zeit  hatte  Ngo  ein  Gefäss  auf  den  Rücken  genommen 
und  war  hinausgegangen,  um  Wasser  aus  dem  Bache  zu  schöpfen. 
Als  sie  hörte,  dass  die  Räuber  gekommen,  lief  sie  zurück.  Sie 
sah  gerade,  dass  die  Schutzmauer  zerstört  war.  Ihre  Traurig- 
keit nicht  bemeisternd,  traf  sie  mit  den  Räubern  zusammen. 
Die  Räuber  banden  Ngo,  jagten  zu  dem  Rande  des  Baches 
hinaus  und  wollten  sie  tödten.  An  der  Grenzscheide  des  Baches 
befand  sich  die  Felsenwand  eines  grossen  Berges.  Dieselbe 
war  etliche  zehn  Klafter  hoch.  Ngo  blickte  zu  dem  Himmel 
und  rief:  Gibt  es  in  dem  hehren  Himmel  einen  Gott  oder  nicht? 
Was  habe  ich  verbrochen,  dass  mir  dieses  widerfährt?  — 
Hiermit  lief  sie  e-effen  den  Bere-.  Der  Berg  öffnete  sich  hoch 
in  der  Breite  von  mehreren  Klaftern.  Der  ebene  Weg  war  wie 
ein  Schleifstein.  Die  Räuber  verfolgten  ihrerseits  Ngo  und 
traten  in  den  Berg.  Der  Berg  stürtzte  sofort,  schloss  sich  und 
war  ganz  wie  er  früher  gewesen.  Die  Räuber  wuiden  in  dem 
Inneren  des  Berges  zu  Tode  gedrückt,  und  ihre  Häupter  i-agten 
aus  dem  Berge  hervor.  Ngo  war  hiei-auf  verborgen  und  kam 
nicht  mehr  zum  Vorschein.   Das  Gefäss,  in  welchem  si(>  Wasser 


362  Pfizmaier. 

g-eschöpft  hatte,  verwandelte  sich  in  eine  steinerne  Gestalt, 
deren  Haupt  mit  demjenigen  eines  Huhnes  Aehnlichkeit  hatte. 
Die  MenschAi  der  Gegend  nennen  den  Ort:  Berg  des  Huhnes. 
Das  Wasser  daselbst  ist  die  Seitentiefe  Ngo's. 

Die  Geschichte  denkwürdiger  Wunder  sagt: 
Im  vierten  Jahre  des  Zeitraumes  I-hi  (408  n.  Chr.)  verlor 
U-tao-tsung  aus  dem  in  der  Provinz  Tung-yang  gelegenen  Di- 
stricte  Ta-tschü  in  seiner  Jugend  den  Vater.  Er  wohnte  allein 
mit  seiner  Mutter.  Als  Tao-tsung  einst  Schulden  einforderte 
und  nicht  zu  Hause  war,  hörten  die  Nachbarn  in  dem  Hause 
ein  Gepolter.  Sie  spähten,  aber  Sahen  nicht  die  Mutter.  Es 
war  blos  ein  schwarzgestreifter  Tiger,  der  sich  in  dem  inneren 
Hause  befand.  In  den  Krümmen  des  Bezirkes  herrschte  Schrecken 
und  Furcht.  Man  besorgte,  dass  der  Tiger  eindringen  und  die 
Mutter  aufzehren  könne.  Man  rührte  sogleich  die  Trommel, 
versammelte  Leute  und  ging  gemeinschaftlich  hin,  um  ihr  Hilfe 
zu  leisten.  Man  umzingelte  das  Wohnhaus  und  drang  ungestüm 
vor.  Man  sah  aber  keinen  Tiger.  Man  sah  blos  die  Mutter, 
die  wie  gewöhnlich  redete.  Man  konnte  sich  nicht  erklären, 
was  dieses  bedeute.  Als  der  Sohn  zurückkam,  sagte  die  Mutter 
zu  ihm :  Ein  verjährtes  Verbrechen  wird  erforscht.  Es  wird 
eine  Verwandlung  geben.  —  Einen  Monat  und  einen  Tag  später 
vermisste  er  sofort  die  Muttei'.  Innerhalb  der  Grenzen  des 
Districtes  entstand  oft  Unglück  durch  Tiger.  Allgemein  sagte 
man,  es  sei  ein  schwarzgestreifter  Tiger.  Die  hundert  Ge- 
schlechter des  Volkes  geriethen  darüber  in  Besorgniss.  Mau 
sandte  Menschen  aus,  die  ihn  mit  Pfosten  angriffen.  Er  tödtete 
mehrere  Menschen.  Später  schoss  ein  Mensch  nach  dem  Tiger 
und  traf  ihn  in  die  Brust.  Zugleich  stach  er  nach  ihm  mit 
einer  Hakenlanze  und  traf  ihn  in  den  Bauch.  Gleichwohl 
konnte  man  ihn  nicht  sofort  erlegen.  Nachdem  einige  Tage 
vergangen,  kehrte  der  Tiger  in  das  Haus  zurück  und  legte  sich 
auf  das  Bett.  Kv  war  nicht  fähig,  wieder  die  menschliche  Ge- 
stalt anzunehnjen.  Kr  lag  auf  dem  Bette  und  starb.  Der  Sohn 
rief  mit  lauter  Stimme,  weinte  und  begrub  seine  Mutter  nach 
der  Vorschrift.  Er  schloss  die  Augen  am  Morgen,  wehklagte 
und  überwachte. 


Zur  Geschichte  der  Wunder  in  ilein  alten  Cliinn.  SßB 

} 

Im  ersten  Jahre  des  Zeitraumes  Tai-yueii    (370    n.    Chr.) 
war  Sie-tao-siün  aus    dem   in   der  Provinz    Kiano'-hia  li-cleü-enen 
Districte  Ngan-h")   zwei  und  zwanziji;'  Jahre  alt    und    noch    eine 
kurze    Zeit    verständig-.     Plötzlieli    wurde    er   von    der    um    die 
Zeit  herrschenden  Krankheit  befallen  und  genas.    Später  wurde 
^  er  wahnsinnig.     Hundert  Behandlungsarten    und  Rettimgsmittel 
j  stellten  ihn  nicht  her.     Da  gehi'auchte  er  cän  Pulver.     Er  ent- 
1  lief  wahnsinnig  und  hatte  noch  immer  vieles  Leiden.    Plötzlich 
verlor  man  seine  Spur.     Er  veränderte    sich    alsbald    und    ti'at 
\  als  Tiger  auf.     Die  Menschen,  die  er  verzehrte,  konnten  nicht 
j  mehr  gezählt    werden.     Es    war  ein    Mädchen ,    das    unter    den 
i  Bäumen  Maidbeerblätter  pflückte.     Der  Tiger  ging  hin,  ergriff 
\  und  verzehrte  es.     Als  er  sie   verzehrt    hatte,    verbarg    er   ihre 
Haarnadel  und  ihr  Arndjand.     Er    legte    es    in    ein    Felsenthor 
!  des  Gebirges.    Später  trat  er  wieder  als  Mensch  auf.    Er  wusste 
alles  und  nahm  jene  Gegenstände.     Nach  einem    Jahre    kehrte 
er  in  das  Haus  zurück  und  war    ein  Mensch.    Hierauf  sine;  er 
nach  der  Hauptstadt  unrl    diente  den    Obrigkeiten.     Er    wurde 
ein    Vermerker    des    Befehlshabers    in    der    Vorhalle.      In    der 
Nacht  führten  die  mit  ihm  zugleich  anwesenden  Menschen  Ge- 
spräche.    Plötzlich    erzählten  sie  von    den    Veränderungen    des 
Himmels  und  der    Erde,    von    dem    Gegenstande    der    Wunder. 
Tao-siün  sagte:  Ich  ward   einst    von    einer   Krankheit    befallen 
lind  wurde  wahnsinnig.    Hierauf  verwandelte  ich  mich  und  trat 
■  ils  Tiger  auf.  Ich  verzehrte  Menschen  durch  ein  ganzes  Jahr.  — 
Zugleich  nannte  er  die  Orte,  wo  dieses  geschah,  ferner  den  Ge- 
I  schlechtsnamen    und    den    Namen    der    von    ihm    aufgezehrten 
;  Menschen.       Unter    den    in     seiner     Gesellschaft    beflndlichen 
j  Menschen  war  einer,  dessen  Vater,    Söhne    und    Brüder   aufge- 
I  zehrt    worden    waren.     Derselbe    rief  jetzt    mit   lauter   Stimme 
I  und    wehklagte.      Er    ergriff    Jenen    und    id)erlieferte    ihn    den 
1  Obrigkeiten.     Jener  starb  hierauf  Hungers   in  d(!in  Gefängnisse 
von  Kien-khang. 

Die  auf  das  Unsclieiiil)ar('.  Rücksicht  nehmende  Geschichte 
von  Kuang-tscheu  sagt : 

In  dem  Districte  Tsching-yang  war  unter  dem  gemeinen 
Volke  ein  Haus,  welches  Rinder  hütete.  Ein  Rind  leckte  plötz- 
lich das  Kind  dieses  Hauses.  An  dei'  Stelle  wo  es  geleckt 
ward,    wurde    das    Fleisch   ganz    weiss,    und    wider    Vei-muthen 


!>^ß_j.  Pfi  zniai  er.    Zur  Geschichte  der  Wunder  in  dem  alten  China. 

ei'folgte  der  Tod.  Das  Haus  begrub  dieses  Kind,  tödtete  das 
Rind  und  verschenkte  es  an  die  Gäste.  Diejenigen,  welche 
das  Fleisch  dieses  Rindes  verzehrten,  Männer  und  Weiber, 
zwanzig  an  der  Zahl,  veränderten  sich  insgesanimt  und  traten 
als  Tiger  auf. 


SITZUNGSBERICHTE 


DER  KAISERLICHEN 


AKADEMIE  DER  WISSENSCHAFTEN, 


PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE  CLASSE. 


NEUNUNDSECHZIGSTER    BAND. 


WIEN,  1871. 


IN    COMMISSION    BEI    KARL    GEROLD'Ö    SOHN 

BUCHHÄNDLER  DER  KAIS.  AKADEMIE  DER  WISSENSCHAFTEN. 


SITZUNGSBERICHTE 


DKK 


PHILOSOPHISCH-HISTORISCHEN  CLASSE 


DER   KAISERLICHEN 


AKADEMIE  DER  WISSENSCHAFTEN. 


NEUNUNDSECHZIGSTER    BAND. 
JAHRGANG    18  7  1.  —  HEFT    VIII— X. 


WIEN,  1871. 

IN    COMMISSION    BEI    KARL    GEROLD'S    SOHN 

büchhändlt:r  dkr  käis.  Akademie  nKi;  Wissenschaften. 


Druck  von  Adolf  Holzhaugen   in    Wien 


INHALT. 


Seite 

XXI.  Sitzung  vom  11.  October  1871 3 

Goldziher.      Ziu-   Charakteristik   Geläl   iid-diii   us-Sujüti's  und 

seiner  literarischen  Tlüitigkeit 7 

XXII.  Sitzung  vom  18.  October  1871 29 

Haupt.     M.   Cetius   Faventinus    und    ein  Bienensegen  aus   der 

Hs.  387  der  k.  k.  Hofbibliothek 31 

Miissafia.    Ueber  die  spanischen  Versionen  der  Historia  Trojana  39 

XXHI.  Sitzung  vom  2.  November  1871 65 

XXIV.  Sitznng  vom  8.  November  1871 66 

XXV.  Sitzung  vom  16.  November  1871 67 

XXVI.  Sitzung  vom  29.  November  1871 68 

Haupt.     Ueber  das  mitteldeutsche  Buch   der  Väter 71 

Pfiz maier.     Kunstfertigkeiten   und  Künste   der  alten  Chinesen  147 

Zimmermann.     Zwei  Briefe  Herbart's 225 

XXVII.  Sitzung  vom  6.  December  1871 239 

Lambel.     Bericht  über    die  im  August   1871    in   Ober-Oester- 

reich  angestellten  Weisthümer-Forschungen 241 

XXVIII.  Sitzung  vom  13.  December  1871      274 

F  ick  er.     Ueber  die   Datii'ung   einiger  Urkunden   Kaiser  Fried- 

rich's  n 275 

XXIX.  Sitzung  vom  20.  December  1871       317 


SITZUNGSBERICHTE 


Dp:n 


KAISERLICHEN  AKADEMIE  DER  AVISSKNSCHAFTEN 


PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE  CLASSE. 


LXIX.  BAND.  I.  HEFT. 


JAHRGANG   187E   —  OCTOEER. 


Sitzb.  d.  phil.-bist.  Cl.   I.XIX.   UJ.  1.   llft. 


XXL  SITZUNG  VOM  11.  OCTOBER  1871, 


Der  Vice-Präsident    begrüsst    die    anwesenden    Mitglieder 
und  gedenkt  der  seit  dem  Schlüsse  der  akademischen  Sitzuns-en" 
verstorbenen  correspondirenden  Mitglieder: 

des  Archivdirectors    in  Venedig    Thomas  Gar,   gestorben 
am  27.  Juli, 

des  P.  Josef  Gaisberger,  reg.  Chorherrn  in  St.  Florian, 
u.;storben  am  6.  September, 

des  Professors  Dr.  Johann  Erasmus  Wocel  in  Pray-,  ee- 
storben  am   16.  September. . 

Die  Anwesenden  erheben  sich  zum  Zeichen   des  Beileids 
von  den  Sitzen. 


Der  Secretär  verliest  Danksagungsschreiben    der  neu  er- 
nannten Mitglieder: 

des    inländischen    Ehrenmitgliedes,    Herrn    Anton    Grafen 
Auersperg, 

der  inländischen  correspondirenden  ]\Iitglieder,  der  Herren 
P.  Pius  Zingerle  in  Meran, 

Professor  Dr.  W.  Hartel  in  Wien, 

1* 


und  der  auswärtigen  correspondirenden  Mitglieder,  der  Herren 
Hofrath  und  Professor  W.  Röscher  iu  Leipzig,  ' 

Staatsrat!!  A.  ScKiefner  in  St.  Petersburg, 

Professor  A.  F.  Pott  in  Halle, 

Professor  W.  v.  Gieseb recht  in  München. 


Das  wirkliche  Mitglied  Herr  Dr.  Jodok  Stülz  sendet  zur 
Publication  in  den  Schriften  der  kais.  Akademie  ein  noch  nicht 
bekanntgemachtes  Schriftstück  Gerhochs  von  Reichersberg  (Ger- 
hochi  Reichersbergensis  ad  Cardinales  de  schismate  epistola) 
mit  einer  Einleitung  von  dem  Capitular  in  St.  Florian,  Herrn 
Engelbert  Mühlbacher. 


Herr   Dr.    Goldziher   iu   Pest    sendet    eine   Abhandluug 

r 

,Zur  Charakteristik  Geläl  ud-din  us-Sujütt's  und  seiner  litera- 
rischen Thätigkeit'  und  ersucht  um  die  Aufnahme  in  die 
Sitzungsberichte. 


Der  Prager  Stadtarchivar  Herr  Dr.  Josef  Emier  sucht 
au  um  die  Bewilligung  einer  Subvention  von  300  Gulden  zur 
Fortsetzung  des  von  dem^  verstorbenen  correspondirenden  Mit- 
gliede  Carl  Jaromir  Erben  begonnenen  Werkes:  ,Regesta  di- 
plomatica  nee  non  epistolaria  Bohemiae  et  Moraviae.^ 


Der  Secretär  bringt  ein  Telegramm  des  Dr.  Petermauu 
in  Gotha  über  die  günsti'gen  Erfolge  der  Nordpolarexpedition 
zur  Kenntniss  der  Classe, 


5 

und  inaclit  die  fernere  Mittheilung-,    dass   die  für    die  neu  * 
zu  begründende  Bibliotlick   in  Strassburg'    bostininiten  Publica- 
tionen   der   kais.  Akademie  an  ihren  Be«tinnnun"sort  aba-ea-an- 
gen  sind. 


An  Stelle  des  verstorbenen  Mitgliedes  llcrni  Regierungs- 
rath  von  Meiller  ernennt  der  Vice-Prcäsident  den  Professor 
Sickel  zum  Mitglied  der  historischen  Commission,  und  den 
Secretär  Regierungsrath  Vahlen  zum  Mitglied  der  Commission 
für  die  Savigny-Stiftung. 


An  Druckschriften  wurde  vorgelegt: 

Akademie  der  Wissenschaften,"  Königl.  Prcuss..  zn  JJerliu:  Abhandlungen  aus 
dem  Jahre  1870.  Berlin,  1871;  -i'l  —  Monatsbericht.  Mai,  Jiuü,  ,JuH,  1871. 
Bei-lin;  8<^. 

—  Köuigl.  Bayer.,  zu  München:  Sitzungsberichte.  1870.  II.  Heft  :!— 4;  ls7J. 
Philos.-philolog.  und  histor.  Classe,  Heft  1—3;  niatlicm.-iiliysik.  Classe, 
Heft  1—2.  München;  8". 

Ateneo  Veneto:  Atti.  Serie  II.  Voh  VI,  Puut  3;  Vo\.  VU,  Vnnt  1.  Venezia, 
1871;  8". 

Gesellschaft,  Anthropologische,  in  Wien:  Mittheiiungcn.  1.  ]}d.,  Nr.  11  — 12. 
Wien,   1871;  S». 

—  geographische,  in  Wien:  Mittheilungen.  N.  F.  4.   1871.  Nr.  7--'.».  Wien;  8". 

Hamburg,  Stadtbibliothek:  Gelegenheitsschriften  aus  dem  Jalu-e  l.s71.  4". 

Istituto,  ß.,  Veneto  di  Scienze,  Lettere  ed  Arti:  Atti.  Tomo  XVl",  Serie  IH", 
Disp.  7*— 9».  Venezia,  1870—1871;  80. 

Mittheilungen  der  k.  k.  Ccntral-Coramission  zur  Erforschung  und  Erhal- 
tung der  Baudenkmale.  XVI.  Jahrgang.  Juli— October  1871.  Wien;  4". 

—  aus  J.  Perthes'    geographischer  Anstalt.   17.  Band.    1871.    VII.  — IX.   Heft. 

Gotha;  40. 


6 

Pest,  Universität:  Akademische  Gelegenheitsschriften  aus  dem  Jahre  1870/1. 

40  lind  8". 
,Eevue    politique  et  litteraire',  et  ,La  Eevue  scientifif^uc   de  la  France  et   de 

l'etranger'.    2«  Serie.  P'=  Annee,  Nrs.  3—15.   Paris   et  Bruxelles,  1871;   4". 

Studenten-Kalender,  österr.,  von  Dr.  Czuberka.  für  das  Studienjahr  1871. 
VIII.  Jahrgang.  Wien;  120. 


G  Ol  d  z  i  h  e  r.  Zur  Cliaialii->risUk  Geläl  ud-diu  aa-Snjüti'ä  n.  soinor  literar.  Th&tigkeit.  7 


Zur  Charakteristik  Greläl  ud-diii  iis-Siijüti"s  und 
seiner  literarischen  Thätidveit. 


Von 

Dr.  Ignaz  Goldziher. 

vV  cas  wir  von  Sujüti's  Leben  und  seiner  schriftstellerischen 
Thätigkeit  wissen,  das  hat  er  selbst  uns  in  seiner  ausführlichen 
Selbstbiographie,    die    er    seinem  Werke:    ^^   5w^L<Js-'f    ,j*A**.i» 
üyclJüt^    >..s2-*  ^'-^^    einverleibte,  zugänglich  gemacht.     Wenn 
-ihon  ein  nicht   geringer  Grad  von  Eitelkeit    und  Selbstgefühl 
dazu  gehört,  die  Beschreibung    seines  eigenen  Lebens  und  ge- 
li'hrten    Wirkens    unter    den    Biographien    der    ,^Jv..^Ä^    auf- 
zuführen, eine  Eitelkeit,  die  ihre  beste  Illustration  in  der  pom- 
[Miseu   Art   und    Weise    findet,    in    welcher   Sujüti    von 'seinen 
'\\  erken    spricht    und    auf    seine    literarische   Laufbahn    Bezug 
nimmt:  •  so  wird  dieselbe  noch  in  tiefes  Dunkel  gestellt  durch 
jdie   fast   widerliche   Art   von    Selbstberäucherung ,    der    wir    in 
[seinen    kleineren    Schriften    begegnen.     Trotz    seines    Talentes 
1  und  seines  Fleisses  und  trotz  der  Schätzbarkeit  seiner  Lcistun- 
jgen  musste  er  natürlicher  Weise  Violen   seiner  gelehrten  Zeit- 
i genossen,    denen    der  Umstand,    dass    er    für    sich    selbst   alles 
'Verdienst  in  Anspruch  nahm,  eine  Herabsetzung  ihres  Werthes 
I  schien,  eine  unausstehliche  Figur  werden ;  und  eine  solche  war 


1  Er  liebt  es,  immer  und  immer  die  Zahl  seiner  bereits  veröffentlicliten  Schriften 
anzugeben  und  bei  solchen  Gelegenheiten  begegnen  wir  Zulilen  zwischen 
300 — 500.  Natürlich  rechnet  er  kleine,  eine  oder  zwei  Seiten  umfassende 
Arbeiten  (über  den  Floh,  den  Hahn  u.  dgl.)  mit,  wie  auch  Auszüge  aus 
den  Werken  Anderer  und  aus  eigenen  Werken. 


8  Goldziher. 

er  dem  tälteren  Zeitg-enossen  Sachäwi  (den  er  in  seinen  Werken 
häufig-  citirt)  und  vielen  Anderen,  auf  deren  Urtheile  Sachäwi 
Bezug  nimmt  in  einer  Biographie  unseres  Sujüti,  die  eben  ein 
Gegenstück  zu  seiner  Selbstbiographie  bietet.  ^ 

Im  Laufe  dieses  Aufsatzes  werden  wir  Gelegenheit  haben 
zu  erfahren,  dass  es  sich  der  geistvolle  Sujüti  nicht  verdriessen 
Hess  Tractate  abzufassen,  die  von  obenhin  betrachtet,  keinen 
anderen  Zweck  haben  sollten,  als  den  auf  das  Titelblatt  ge- 
setzten Gegenstand  derselben  ins  Klare  zu  bringen,  die  aber  bei 
Lichte  besehen  nichts  anderes  sind  als  Tendenzwerke,  zu  keinem 
anderen  Zwecke  geschrieben,  als  zur  Reclame  für  den  Ver- 
fasser und  als  Beitrag  zur  Belehrung  seiner  Zeitgenossen  über 
seine  unübertreffliche  und  unübertroffene  Grösse  und  Gelehr- 
samkeit. Die  kleineren  Abhandlungen,  die  ich  erwähnte,  habe 
ich  in  dem  Sammelcodex  474  (Warner)  der  Leidener  Univer- 
sitätsbibliothek kennen  gelernt,  der  mir  durch  die  Güte  des 
Herrn  Prof.  Dr.  de  Goeje,  dem  ich  zu  fortdauerndem  Danke 
verpflichtet  bin,  zugänglich  geworden. 

I.  Es  ist  ein  alter,  auf  Muhammed  zurückgeführter  Tra- 
ditionssatz: ,Gott  wird  einem  jeden  Jahrhundert  einen  Mann 
aus  den  Leuten  meines  Hauses  senden,  der  ihnen  die  An- 
gelegenheiten ihrer  Religion  erklären  wird.^  ■^  Die  Gelehrten 
haben  diesen  Ausspruch  dahin  erklärt,  dass  am  Anfange 
eines  jeden  Jahrhunderts  ein  umfassender  Gelehrter  existiren 
werde, 'der  den  unwissenden  Zeitgenossen  die  der  Vergessenheit 
anheimfallenden  Religionswissenschaften  erneuern   und  beleben 

wird,  ein  Regenerator  (oder  wie  sie  ihn  nennen :  Erneuerer  ,t>tX^^) 

der  muhammedanischen  Wissenschaft.  Die  meisten  Gelehrten 
kommen  darin  überein,  dass  nicht  die  Geburt,  wol  aber  der 
Tod  dieses  Regenerators  an  den  Anfang  des  betreffenden  Jahr- 


*  Beide  kann  man  in  Meursinge's  Ausgabe  des  ..Oy-w^Ä^'I  c:,'lJiA^ 
(Leiden  1839)  neben  einander  finden;  die  Selbstbiognipliie  ist  ausserdem 
mehrfach  mitgetlieilt  und  besproclien  worden,  zuletzt  von  Gosche  in  der 
Editionsprobe  des    Jol.!^!    LjUc^^  (Halle  1867.) 


Zur   Charakteristik  Geläl  nd-din   ns-Snjflti's    und  seiner  literar.  Thätigkeit.  9 

) 

hunderts,  bald  nachdem  in  ihm  die  vox  populi  den  OjcrS?  er- 
kannt, fallen  müsse.  Man  erkannte  den  OtX^  nicht  durch 
Stimmenmehrheit  in  den  massg-ebenden  Kreisen ;  nur  seiner  Popu- 
larität und,  wie  wir  sagten,  einer  vox  populi,  auf  welche  sonst  kein 
Einfluss  g-eübt  werden  konnte,  und  gewiss  in  den  meisten  Fällen 
erst  nach  dem  Tode  des  als  Regenerator  Erkannten  zum  allge- 
meinen Ausdj-ucke  kam,  verdankte  er  diese  'Würde.  '  Der  erste  der 
mugaddidiu  ist  der  fromme  Chalife  Omar  b.  Abd-ul-aziz,  als 
zweiter  der  Wiederbeleber  des  Islam  ist  unbestritten  der  be- 
rühmte Imäni  Safil  anerkannt.  Diese  Beiden  '^  entsprachen  der 
in  dem  angegebenen  Traditionssatze  ausgedrückten  Bcdingniss, 

dass  der  JtX^ö'  immer  tX*.^  c>>>o  Jjel  ^xi  stamme.  Vom  vierten 
Jhd.  ab,  also  mit  dem  dritten  Regenerator  hören  aber  auch 
die  grössten  Männer  des  Jhd.  auf,  dem  Hause  Muhammeds 
anzugehören,  und  man  musste  sich  in  Ermanglung  genialer 
Serif's  begnügen,  die  traditionelle  Weissagung  an  Anhängern 
der  sähitischen  Schule,  also  wenigstens  an  geistigen  Kachkom- 
men eines  Gliedes  der  Prophetenfamilie  in  Erfüllung  gehen 
zu  lassen.  -^ 

Nur  in  Betreff  der  beiden  ersten  Regeneratoren  herrscht 
unter  den  muhammedanischen  Gelehrten  vollkommene  Einhel- 
ligkeit. Für  die  RegeneratorenAvürde  in  den  folgenden  Jahr- 
hunderten Averden  immer  wenigstens  zwei  Candidaten  aufgestellt. 
Ibn  Sureih  wird  für  das  4.  Jhd.  neben  dem  berühmten  Dogmatiker 
Asäri  erwähnt  und  nur  der  Umstand,   dass  Letzterer  (er  starb 

am  Ende   des   ersten  Viertels   des  Jhd.)  nicht    ioUJf    j*fv    ^ 

starb  und  andererseits  als  Dogmatiker  nur  füi-  die  j^JiX'l  J»-ot 
und  nicht  zugleich   für  die   p^jj  epomachend    wirkte,    sicherte 

'  Bedr.  iid-ci?n  ul  Ahdal  sagt  betreffs  der  Art  der  Anerkoimung  des  mugeddid : 
5v.oLc:    ^j^jc  ^^jlä}\    lUXi.}  yc  L4JI  OcX^M    ,^^-    ij'    (*^h 

kJul^     cLft;*Li^H^     aJI*i»t    irJ^^^^    r^l+JjuM    ^;    "•   legt   demnach 

das  Hauptgewicht  auf  die  Meinung  der  gelehrten  Zeitgenossen. 
-  Der  crstere  nur  in  dem  allerweitesten  Sinne,  da  er  als  Omajjade  mit  dem 

Propheten  nur  die  gemeinsame  Zugehörigkeit   zum  Stamme  (lij^js    tlieilf. 
^  Doch    scheinen    mu-   die   Safiiten    —    darunter    SujötT,    dem    ieli  alle  diese 

Angaben  entnehme   —    die   Sache   so   aufgefasst ' zu   haben;  vgl.    /..  F..  dif 

für  das  7.  Jhd.  aufgestellten  Kegeneratoren. 


JO  Goldziher. 

ersterem  den  Vorrang. '  Für  das  5.  Jhd.  liatte  man  zwischen 
Abu  Hamid  ul-Isfaraini  und  Sahl  us-Salüki  zu  wählen:  noch 
andere    schhigen   Abu  Ish^ik   us-Siräzi    vor.     Am  Anfange    des 

6.  Jhd.  starb  (505)  Gazäli,  ein  Mann,  wie  ihn  die  muhamme- 
danische  Gelehrtengeschichte  wohl  selten  aufweisen  kann  und 
von  dem  ein  Gelehrter  zu  bemerken  die  Kühnheit  hatte,  dass, 
wenn  es  überhaupt  möglich  wäre,  dass  es  einen  Propheten  nach 
Muhammed  gebe,  gewiss  Gazäli  darauf  Anspruch  hätte,  sich 
Prophet  nennen  zu  lassen.  ^  Auch  er  hat  nicht  alle  Stimmen 
für  sich  '',  Abu  Tähir  us-Selef  i  wird  neben  ihm  als  Kegenerator ' 
des  Jahrhunderts  genannt. 

Sujütt  ist  in  seinem  eigenen  Interesse  klug  genug,  hervor- 
zuheben, dass  Gazäir  in  der  Einleitung  seines  4XÄÄ4J!  die  harm- 
lose Hoffnung  ausspricht,  durch  seine  bahnbrechende  Thätigkeit 

seine  Anerkennung  als   t>J^   vorbereitet   zu   haben.     Für   das 

7.  Jhd.  hatte  man  zwischen  Abd-ul-Gani  b.  ul-Walid  ul-Mukad- 
desi  (st.  600),  den  die  Hanbaliten  aufstellten,  und  dem  be- 
rühmten Nawaw  zu  wählen;  gegen  letzteren,  der  dennoch  ^^^ 
^JtX-M  zugenannt  wird,  sprach  sein  spätes  Todesjahr,  nichts  desto 
Aveniger   wird    er   von     seinen    Sectengenossen    (er    war    Säfiit) 


1  SujutT  cod.  474  (8)  Bl.  6  recto  wundert  sich,  dass  man  nicht  auch  den 
berühmten  Muhammed  b.  Gerir  ut-Tabari    in    Betracht   zog:     Jiä.1      «Jß« 

^^i-LLi^il  j>LgJcs»!^f  aLö\  x«-Lj^  Lo^-La  ^^^^  f^-r^    c^=*'   c?"^ 

s.ijjjj    cLöl     2Ü«    !^LäJCw^     LjöcX«     jUwuftAJ     t-)^^^     ^jJiJJ^' 
iSS'  ^    l^Lot    ^i^«    äos-jwS"^    (jr+-^    üj^iXt-^     («-öi'l^     }m.Xi\^ 

j^^U'f^    ^S^T*-''^    ^^^     ^^    ^-V*:>^'^^     ibl^ÄJI    (st.  310.) 

JöLäI,tajo    UÖ.JU0    xj"lj^/c    Ci5«-ö   J-*a^ 

"•  Die  Aussage  Ihn  ul-Mulakkin's ,  wonach  Gazäli  ,libros  in  omm  scientia 
Grammatica  et  traditione  excepta' verfasste,  ist  wenigstens  in  Bezug  auf 
letztere  gar  nicht  in  Betracht  zu  ziehen.  S.  Nie  oll.  Catal.  Bodl.  p.  563''. 
Gosche  GazälT's  Leben  und  Werke  in  den  Sitzungsber.  der  köu.  Akad. 
der  Wiss.  in  Berlin,   18.58,  p.  249. 


Zur  Chavalcteristilv  Geläl  uil-diii  xis-SujütiV  uiul  spinor  literar.  Thätiglceit.  1  1 

jenem  vorgezogen  und  dei-  unangenehme  Zufall  seines  allzu- 
spilten  Todes  übersehen.  Für  das  8.  Jhd.  ^vird  zwischen 
Sirag  ud-din  ul-Bulkaiuf  —  die  Gelehrten  Egyptens  nehmen 
für  ihn  Partei  —  und  dem  berühmten  IMystiker  Nasir  ud-din 
Uö-Sädeir  —  für  den  sich  natürlicherweise  die  Süfi's  entscheiden 
—  gestritten. 

Schon  in  diesem  8.  Jhd.  ging  die  muhammedanische  Wis- 
senschaft, nachdem  sie  in  Grazali  ihre  Mittagshöhe  erreicht 
hatte,  einer  Lethargie  entgegen ;  die  besonders  in  den  letzten 
zwei  Jahrhunderten  Mode  gewordene  Vielschreiberei  und  die 
ganze  Richtung  derselben,  die  wenig  Originelles  zu  Tage  för- 
derte, sondern  mehr  die  übersichtliche  Anordmmg  und  com- 
pendiöse  Zusammenstellung  des  bishin  —  namentlicli  in  der 
Traditionskunde  —  Geleisteten  erstrebte,  brachte  denkenden 
Muhammedanern  den  Mangel  genialer  Thatkraft  und  origineller 
Productivität  zum  Bewusstsein,  so  dass  man  für  das  9.  Jhd. 
keinen  Regenerator  mehr  zu  erhoffen  sich  getraute,  und  in  wei- 
teren Kreisen  —  auch  angeregt  durch  die  socialen  und  poli- 
tischen Verhältnisse  der  muhammedanischen  Gesellschaft  — 
die  Meinung  Platz  griff,  dass  für  dieses  Jahrhundert  statt  des 
mugeddid  der  erwartete  Mehdi  erscheinen  werde.  Zein  ud-dJn  ul 
Iräki,  einer  derjenigen,  welche  die  Regeneratoren  jedes  Jahr- 
hunderts seit  Muhammed  in  einer  Art  versus  memoriales  zu- 
sammenstellten, und  an  den  Anfang  seines  j>lA:i..jf  öoJ>Ls»f  f^.f^ 

fügte,  schliesst  dieselben  mit  den  Worten:  ,Man  glaubt,  dass 
der  achte  (Regenerator)  der  Mehdi,  von  den  Nachkommen  des 
Propheten,  sei,  oder  Christus,  der  Rechtgcleitete^  •  und  motivirt 
diese  Anschauung  mit  der  Erscheinung,  dass  die  Gelehrten 
aussterben ,  ohne  dass  ihr  Platz  ausgefüllt  werden  kfinnte.  "^ 
jNicht  das  Aufhören  der  Wissenschaft  ist  ihr  Tod ,  vielmehr 
fällt  dieser  mit  dem  Aussterben  der  Gelehrten  zusammen.  Und 
so  ist's  geworden.'  —  Bedr-ud-din  ul-Ahdal,  der  V{!rfasser 
einer  Schutzschrift  für  die  Asari'sche  Richtung  (x-a-ö^^JI    RJLw^ 


12  "  Goldziher. 


o   J 


iLj»,ji^^lf  ^s^d^  ävAaJ  3)  sag-t  im  Jahre  803,  dass  es  mit 
dieser  Mehdierwartung-  für  das  9.  Jhd.  nicht  ganz  seine  Rich- 
tigkeit haben  mag,  dass  viehnehr  auch  noch  ein  Regenerator 
erstehen  könne,  während  Mehdi  oder  Jesus  erst  im  folgenden 
Jahrhunderte  kommen  dürften,  da  er  noch  gar  kein  Anzeichen 
des    nahen  Weltendes    gewahren    könne.  ^     Dass  der  allerletzte 

OlV^  der  erwartete  Mehdi  oder  Isa  b.  Merjem  sein  werde: 
stand  ziemlich  fest,  nur  über  das  Wann  ihres  Erscheinens  war 
mau  nicht  im  Klaren,'-  ebenso  gab  auch  die  Frage:  ob  jener 
oder  dieser  allein  oder  gar  beide  zusammen  die  Regeneratoren- 
rolle haben  Averden,  vielen  Anlass  zu  Schulstreitigkeiten.  — 
Zu  der  Bemerkung  Al-Ahdal's,  dass  die  , Stunde'  bis  zum  Be- 
schlüsse der  ersten  Chiliade  des  Islam  hinausgeschoben  werden 
könnte,  meint  Sujüti,  dass  er  dieser  Ansicht  auch  seine  eigene 
Zustimmung  geben  müsse,  da  im  Augenblicke,  wo  er  seine 
Abhandlung  schreibt^  (anno  899)  noch  gar  kein  Anzeichen  des 
,letzten  Tages'  zu  bemerken  sei,  ebensowenig  von  dem  Wieder- 
erscheinen Christi  auf  Erden,  das  doch  anerkannter  Weise  dem 
Mehdi  um  sieben  Jahre  vorangehen  muss.  Es  ist  mir  sehr 
auffallend,  dass  Sujüti  in  dieser  Schrift  gar  keinen  Bezug  auf 
seine  ein  Jahr  früher  (898)  im  Dienste  derselben  Ansicht  ver- 

fasste  Abhandlung :  ujiJÜ^I  'ix'^\  s  jjö  ^)^'-7^  lJ-^  L-icLÖf  ■'  nimmt ; 
er  beweist  in  der  letzteren,  dass  die  über  die  Zeit  des  Welt- 
gerichts verbreitete  Meinung  eine  irrige  sei,  die  Welt  vielmehr 


•  Bei  SujiltT:    ^f     (^tX^^JI    au-oUJI      JoL+JI     j^K    ^ä     ^^I    Sj5^    Lo 

(j^In     ,^^^     ^a«Lj     j^aj     1^1     (_|»«JC:^^     viLLi    ^A    ^^     *jij    |vJ^ 
^-w.AÄ    ^1     ^tX-g.^*(      lJ,J^^      '^"■'     Ü"^    <S^^^    ÄJt^biJI    XjLJI 

Wir  sehen,  dass  der  Verfasser  dieses  Passus   unter  9.  Jlid.    die  Jahre  800 

—  000  versteht;  sonst  pflegen  arabische  Schriftsteller  diese  Periode  , achtes' 

Jhd.  zu  nennen. 
-  Verschiedene  Ansichten  über  die  Zeit  des  Weltgerichtes  s.  bei  Ihn  Chal- 

dun  Prolegom.  Not.  et  Extr.  XVII.  p.   188  ff. 
'  Handschrift  der  Wiener  Hofbibliothek,  16G1  (6).    S.  Flügel,  Catalog  UI, 

p.  98. 


Zur  Charakteristik  Geläl  ud-din  iis-Sujflti's  und  seiner  literar.  Tliätigkeit.  13 

das  erste  Jahrtausend  des  Islam  überdauern  Avird.  '  —  Sujütl 
glaubte  also  fest  daran,  dass  unter  den  Zeitg-enossen  ein  Mann 

sei,  dem  der  Titel  ^JcXit  OtX^  oder  f»!^Luj^f  ^-f^^  niit  Keeht 
verliehen  werden  könne.  Wen  hielt  er  für  den  Glücklichen? 
Keinen  anderen  als  sich  selbst.  Und  diese  ganze  gelehrte 
Abhandlung  '^,  eine  sorgfältige  Zusammenstellung  aller  Versionen 
und  Stützen  der  in  Rede  stehenden  Tradition  und  alles  dessen, 
was  über  dieselbe  geschrieben  worden,  hat  keinen  anderen 
Zweck  als  den  Verfasser  als  den  , Regenerator  des  10.  Jhd.' 
einzuführen.  Hören  wir,  was  er  selbst  darüber  verlauten  lässt 
und  bemerken  wir  nur  nochmals,  dass  Sujüti  diese  Aeusserun- 

'gen  im  Jahre  899  thut,  also  in  einer  Zeit,  in  welcliei-  er,  der 
öOjährige  Gelehrte,    wissen    konnte,    dass   er  aller  Wahrschein- 

jlichkeit  nach  in  der  ersten  Hälfte    des  folgenden  Jahrhunderts 

i  ^ 

!das  Zeitliche    segnen   werde  (xSL+JI   \j*'U   ^^). 

[  n.  Manche  Versschmiede  gaben  sich  die  Mühe,  die  Liste 

|der  mugaddidm  in  Knittelverse  zusammenzufassen,  eine  Lieb- 
! haberei  arabischer  Gelehrter,  die  auch  ins  christliche  Europa 
drang.  Das  meist  verbreitete  dieser  Versus  memoriales  ist  ein 
{auf  i>  reimendes,  welches  von  Jahrhundert  zu  Jahrhundert, 
!  immer  mit  dem  Bekanntwerden  eines  neuen  Regenerators  Zu- 
j  wachs  erhielt.  Daneben  sind  andere  selbständig  entstandene  von 
I  Sujütl  mitgetheilt.  Er  selbst  verfasste  ein  solches  Gedicht  unter 
!  dem  Titel :  ,Beschenkung  der  Rechtgeleiteten  mit  den  Namen 
jder,  Regeneratoren,' 3  ^i  welchem  er  seine  Abhandlung  be- 
ischliesst.    In  demselben  sagt  er  v.  20 — 21  ausdrücklich:  , Dieses 


■     '  Sujütrs  Worte:  Bl.  72  ^t    J^Ä^     ^1    (1.     ^IfS}    ^S^>    U.    <Ll^ 

2  Der  Titel  derselben:    jj^^    ^öo^l(     ScXa.'     äJÜI    öolo    jj>4-^    S.JLa.v 

iu-w    ioLc    Jk5^  it^K    ^''^^'  "'"""it  '^i'-  9.  Stelle  in  dem  Leidener  Sammel- 
codex Nr.  474  W;uii.   ein. 

^  ^j-jOcX^nJI  ^U-u/Lj  ^iX>iJ^i\   »-S^  L^Äx.«.^  ^)^)'   o-JöJ  tXi'j 


]^4  ■  Gol'lziher. 

9.  der  Jahrhunderte  ist  schon  gekommen  ^  ^  und  Gott  nimmt 
nicht  zurück;  was  er  versprochen.  Ich  hoffe,  dass  ich  der  Re- 
generator in  demselben  bin,  die  Gnade  Gottes  wird  nicht  ver- 
weigert/ 2 

Sowie  mehrere  Aeusserungen  seines  Stolzes  und  seiner 
Eitelkeit  in  früheren  Jahren  '^  so  blieb  auch  diese  Grille  des 
alten  Sujüti  nicht  ohne  Spötter.  Er  berichtet  uns  selbst^,  dass 
einer  seiner  Leser  gegen  ihn  folgenden  ironischen  Einwurf 
äusserte:  ,Was  ist  der  Sinn  jener  hundert  Jahre?  werden  die- 
selben auf  dein  Geburtsjahr  zu  beziehen  sein,  oder  auf  das- 
jenige deiner  Maunesreife  oder  deines  Eintrittes  in  die  Reihe  der 
^jtX-gJC^?'  Dieser  Einwurf  veranlasst  ihn  zur  Abfassung  eines 
der  hier  benutzten  Abhandlung  einverleibten  Capitels  u.  d.  Titel : 
Äj«.^(,  deren  kurzen  Sinn  wir  wiedergeben  wollen.  Er  kann 
diese  spöttische  Bemerkung  nicht  als  Geringschätzung  seiner 
eigenen  Person  gelten  lassen,  er  betrachtet  sie  vielmehr  als  unbe- 
rufene Bekrittelung  der  Tradition,  und  ihren  Urheber  als  scham- 
losen yi^.  Der  Fragesteller  hat  die  verspottete  Tradition  nicht 
verstanden  und  keinen  Einblick  in  die  muhammedanische  Chro- 
nologie gethan.  ,Er  gehört  nicht  unter  diejenigen,  welche  der 
Widerlegung  würdig  sind.  Verständige  Männer  haben  mich 
auch  darüber  getadelt,  dass  ich  seine  Widerlegung  unternommen 
habe,  und  mit  Recht.  Doch  ich  gab  der  Würde  der  Wissen- 
schaft und  der  Aufdeckung  der  Wahrheit  den  Vorzug  vor 
meiner  eigenen  Würde;  ich  folgte  hierin  dem  Beispiele  der 
Gelehrten  vor  mir,  die  in  ihren  Werken  die  Rede  eines  jeden 
Wahnwitzigen,  Verächtlichen,  Neuerers  und  Ketzers  citiren, 
um  sie  zu  widerlegen.^  .  .  ,  ,Jenen  Mann  aber  trieb  zu  seiner 
Polemik  gegen  mich,  weil  er  hörte,  ich  hoffe  von  der  Gnade 
Gottes  und  seiner  Gunst,    ebenso  wie  dies  Gazäli  für  sich  er- 


1  Er  meiut  gewiss:   das  9.  Jhd.    (nach   unserer  Ausdriicksweise   das    zehnte) 
steht  schon  vor  der  Thürc. 

3  S.  Sachawi's  Lebensbeschreibung  des  Sujütf. 

4  Bl.    8    recto  f.    Sollte    Sujüti    schon    früher   etwas   darüber  publicirt  haben, 
oder  ist  die  ib«.^)    tun  späterer  Zusatz  zur  Abhandlung? 


Zur  Charakteristik  Guläl  ud-din  us-rfujüti's  und  seiner  litenir.  Tliätiffkoit.  lO 

hoffte,  dass  ich  der  für  dieses'  9.  Jahrhundert  Gesandte 
sei,  da  ich  der  Einzige  in  demselben  bin,  der  sicli  in  die  ver- 
schiedensten Zweige  dei'  Wissenschaften  versenkte,  als  da  sind : 
i  Koranexeg-ese  und  deren  Principien,  Traditionskuude  und  deren 
i Zweigwissenschaften ,    Rechtskunde,    Lexicologie,    Syntax    und 
Formenlehre,  Polemik,  die  verschiedenen  Zweige  .der  Rhetorik 
j  und  Geschichte,    und  weil  ich  in  allen    diesen  Wissenszweig'cn 

'  ausserordentliche  und  wunderbare  Werke   verfasste,    mit  deren 
'        .  .       .  . 

1  Gleichem  mir  niemand    zuvorgekommen  und  deren  Anzahl  bis 

j  heute  500  beti-äg-t.  Ich  habe  die  Wissenschaft  von  ,den  Princi- 
pien der  Lexicographie^  geschaffen  und  sie  weiter  verpflanzt  und 
I  Keiner  kam  mir  darin  zuvor.  Diese  Wissenschaft  begründete 
!  ich  nach  Art  der  Traditionswissenschaft  und  der  Rechtskunde. 
Meine  Werke  und  mein  Ruhm  in  allen  diesen  Wissenschaften 
drangen  in  alle  Weltgegenden,  sie  gelangten  bis  Syrien,  Rum, 
Persien,  Higäz,  Jemen,  Indien,  Habes,  Magrib,  Tekrür  und 
dehnte  sich  von  Tekrür  bis  zum  Bahr  iiiuhit  aus.  Keiner 
kommt  mir  in  allem,  was  ich  erwähnte,  gleich,  niemand  unter  den 
Zeitgenossen  umfasst  soviel  Wissenschaft  als  ich,  keiner  ausser 
mir  brachte  es,    soviel  ich  weiss,    bis  zum  absoluten  igtihäd.^- 

0.;V^vJ"     ^Jjf      ^Ä£.     jVHji       Xj|       dUO     J^C      cM^Y-^       ^'^     cU^     U.j'^ 

^^  ^ytA.JI    Jsl  auv-a^J   Jlyijl    ^^y^    l^i^ioLäi^    äX'I  *.*J  ^xi 

JÜtlJI^     S.]^aoL      XÜäÜ.       JW^J-C:.       viOcV^tj       sjy^\^      y/<.^^Xi\      ^^ 

(jIaJ'^  ^LäJ!^  Jj.4>^;  U-^'^^i;  ^»Äj^-ojd!^  y^U  ^-y^h 

ÄX-NLJf      cyLäH^O^n      dlJj      /«■^■♦^     ^       «;^^y-^j^     •;^;'-^'^     z*:?'-^''^ 

i^-AAwt    *J.    *^';5^    iüuUl    J»-o!    aX^    c>>£s.Xä.I  cXj^  i—äJfcX    iuLo 

<^-^^       XääJI      i}yo\      ^Xs-^       CiOtXs.!      |vJ.£-      -WJ     (^^     y^»       ^'' 

^'c>JOof^  ^^wC:Jf^  ^w>>i^'!^  k/x^-Aus.!^  tX<i.^Jt^  ^j.4.aJ!^  )   • '^  [^-^'S 

^  Dieses   Capitel   muss  calso   später   als    die    Abhandlung    (899)    geschrieben 

,  worden  sein. 

*  S.  Capitel  IV  dieser  Abhandlung. 


16  üoldziher. 

*  (wUl  U-^i  ^^A£  ;jJJaJf  jL^ä2^^I|  ü^^  j!  tXs.!  ^5f  j^^  ^l^ 

Auch  was  seine  Abstammung  anbelangt,  will  er  genealo- 
gisclie  Beziehungen  zur  Propheteufamilie  haben ,  so  dass  er 
selbst  denjenigen  gerecht  werden  kann,  die  wie  Subki  als  Er- 
forderniss  des  mugaddid  dem  Wortsinne  der  Tradition  gemäss 
eine  directe  Zugehörigkeit  zu  der  Familie  Muhammeds  auf- 
stellen, dem  übrigens  Sujüti  entschieden  widerspricht,  da  nach 
seiner  Meinung  die  Worte  ^^^  J*^'  t^  nicht  recht  verbürgt 
sind,  und  w^enn  sie  es  auch  wären,  nicht  stricte  zu  fassen  seien. 
Muhammed  bedient  sich  dieses  Ausdruckes  nicht  nur  dann, 
wenn  er  von  Familiengliedern  spricht,  er  nennt  vielmehr  auch 
Sclaven  äthiopischen  und  koptischen  Stammes,  und  andere 
Schutzbefohlene  so.  Es  ist  auch  nicht  nothwendig,  dass  die 
drei  Ehrenwürden:  die  des  Chalifa's,  die  des  Kutb  und  des 
Regenerators  immer  durch  Mitglieder  der  Familie  des  Muhammed 
bekleidet  werden.  ^ 


'  Schon  weiter  oben  Bl.  4  verso  gibt  er  diese  Anseinandersetzung,  die  nur 
zur  näheren  Begründung  seiner  eigenen  Ansprüche  dienen  soll.  Vielleicht 
ist  es  nicht  überflüssig,   das  Kesultat,    zu    welchem    er  dort  kömmt,  hieher 

zu  setzen:     ÄiL.o.jl     L.g-O.Ä.f    l:i)U'  !^Uof  CiouJI   Jjß^    ^jl  J-oL^I^ 

^j^  (V.£l  yö^  L*£Li}    ^x-X.^  xä-I^v!^    !sJy.^  j^üijf.    iüL^!^ü 
jv^     oj^,     [*-^(j'^     ^;<^''     ^^}Ja^     aJ«.4-w     öJUüf^     J^^i 

(jsX»    *X-t    ^iX^^    rUvAÄJI    J-ö     ^j^    «t    JLä-JI     J^'     ^^     ^:yJO 

iO^Jl     ^      *.£•!     yC^      LöjI       ^l^4.iJ     »Jy^       ^"^V-J       Ü'"''*'^' 

JÜLO     J.ißf     ^     SfLwJ     JU*     Jöl     *j'>i     (JJ      tXs^      ^Ä      C>p      XJl 
^UjI^JI^     !^     JU     SiLwwjf      XxAJ     J.Jß|     ^j.X)     (^vi^l     5y^     J.Xa«^ 


Zur  Char.iktoriRtilv  (iolal   u.l-din  us-SuJütr's  uiul  seiner  literar.  Tlifititrkeit.  1  / 

) 

Das  Beispiel  Gazali's,  den  unser  Sujutt  in  diesem  Punkte 
weit  überrag-t,  kinnmt  iliin  sehr  £>-ut  zu  Statten,  wie  er  auch 
darin  seinem  V^orbildu  nacliznleben  selieint,  dass  er  sich  ein- 
mal von  aller  Lohrtliätigkeit  und  sonstigen  (xeschäften  zurück- 
ziehen will.  '  Mit  der  Apologie  Gazali's  beschäftigte  er  sicli 
schon  frülier.  - 

III.  In  disni  eben  mitgetheilten  Citate  aus  Sujuti's  Selbst- 
beurtheilung-  sehen  wir  den  Verfasser  das  vollste  IVIaass  seines 
Hochgefühles  vor  seinen  Lesern  ausschütten.  Es  ist  das  in 
senior  Eitelkeit  verletzte  Talent,  das  zu  einer  überschwänglichen 
Geltendmachung*  seines  Werthes  hingerissen  wird.  Wir  wollen 
noch  einige  Bemerkungen  zu  dem  gelieferten  Excerpte  nuichen : 

1 .   Fabelhaft  könnte  es    erscheinen ,  wenn  Sujutt  von  der    , 
Verbreitung    seiner    Schriften    bis    Teki'ur    hin    spricht,    womit 
inicht  eben  die  so  genannte  Stadt,  sondern  das  ganze  Negerland 
jSüdan,  dessen  Hau})tstadt  Tekrür  ist,  gemeint  sein  mag.  •*   Wer 
jmag    nun    die  Werke    imseres  Sujüti    ins   ferne  Negerland  col- 
portirt    haben?     Es    läge    sehr    nahe  zu  behaupten,  dsss  deren 
Verbreitung    nach   diesem    entlegenen,    literarischen    Novitäten 
minder   zugänglichen  Theile  des  Islam  mit  der  Begegnung  un- 
seres Gelehrten    mit    dem  tekrürischen  Machthaber,  dem  Askia 
Muhammed,    von    welcher    der    Geschichtschreiber    Südau's  — 
Ahmed  Baba  —  erzählt^,    zusammenhängt,    wenn    dicsci-    \''er- 
muthung  nicht  entgegenstände,  dass  1.  Sujuti'  diese;  Alihandhing 
im  Jahre  899    schreibt,    während    der  Askia   seine  Reise  nach 
den     Ilauptsitzen    des    Islam     erst    902    antritt,     2.    die;    Ver- 
breitung seiner  Werke    bis    zu   den  Negern  auch  schon   in  der 
viel  früher  geschriebeneu  Selbst])iographie  herv(u"g(ihoben  wird 
(bei  Meursinge  p.  6  Z.  6). 


'  S.  SaclmwT's  Biog'rnjjliie  bei  Meiirsingv,  \).  2"). 

2  In    ("iiicm    l'.iich.':      yS^X^J^      J^£.      JlviJ!       SvaCJ      J,      J. '-«•♦-*'       r^ ^'^ 

iil*A4>M;  <>!•  vortasstc  aucli  eiiieu  Auszug- aus  dcjii  H.ijä  :    cLa-Ss-jM      v-ciÄiä? 

I        S.   Sflhsthiogr.'ipliic. 

I    3  S.   ilariihfr  Ralfs    I}citräp;e    zur  Goscliicliff    und  (ieograpliie  des  Sudan  in 

Z.  d.  d.   ni.   G.,   IX.   j).   »(;;$,   Auui.   '24. 
j   *  ibid.  p.  öM. 

'      Sitzb.  a.  i.iiii.-hist.  c'i.  lAiK.  i'.a.  1.  2 


18  Goldziliev. 

2.  Snjüti  sagt  von  sieli  in  dem  oben  gelieferten  Excerpte, 
dass  er  eine  ganz  neue  Wissenschaft  geschaffen  habe :  die 
x.*i.JI  J«.Aof  *J^  und  sie  nach  Art  der  Traditions-  und  Rechts- 
wissenschaft begründete.  Die  Vergleichung  der  Sprachwissen- 
schaft mit  diesen  Disciplinen  liebt  Sujiiti  auch  anderwärts.  In 
einem  seiner  bedeutendsten  Werke  ^  führt  er  die  Aeusserung 
Abd-ul-Latff-ul  Bagdadi's  an,  Avonach  sich  die  Grammatik  zur 
Lexicologie  verhält,  wie  die  Rechtslehre  zur  Traditionskunde. 
,Der  Lexicolog-e  berichtet  darüber,  was  er  an  reinem  Sprach- 
gebrauch gehört  und  überschreitet  diesen  Kreis  nicht,  der 
Grrammatiker  hingegen  operirt  mit  dem  ihm  vom  Lexicologen 
gelieferten  Material;  ebenso  wie  der  Traditionar  die  einzelnen 
Traditions  data  alle  sammelt,  welche  der  Rechtsgelehrte  dann 
aufgreift,  um  sie  für  seine  Zwecke  zu  verarbeiten,  aus  den- 
selben Analogien  zu  formiren  u.  s.  w/  Und  an  einer  anderen 
Stelle  2  desselben  Werkes  spricht  er,  nachdem  er  angegeben, 
dass  der  JüL2s--Titel  bei  den  Lexicologen  dieselbe  relative  Bedeu- 
tung habe,  wie  bei  den  Traditionaren,  dass  hier  wie  dort  auf  die 
Genauigkeit  des  t>LÄ^t  Vieles  ankomme,  den  Satz  aus:  ,Die  Tra- 
ditionskunde und  die  Lexicologie  sind  Brüder,  sie  sind  einander  in 
jeder  Beziehung  gleich  (eigentlich:  sind  Flüsse,  die  aus  einem  Thale 
Hiessen).^  Diese  Anschauung  von  der  Lexicologie,  weckte  das  Be- 
streben, sie  den  Religionswissenschaften  ähnlich  anzuordnen,  er 
schuf  daher,  und  dies  ist  sein  Hauptverdienst  in  philologicis,  eine 
Isagogik  derselben,  Avelche  uns  in  seinem  zweckmässig  angelegten 
und  an  Material  überreichen  »Jil*jf.  xiJJf  f»y^  ^^  vP^y^JI'  vor- 

1  El-Mnzliir   ft   uhliii   il   Inga   od.    Rfilak,    1282,  T,  p.  .".O:  |     JLtI 

2  ibid.  II,  1..    ir,2:    tX^I^  j|^  ^  ^L^^ly:.!  iÜÜJf^c>jjJ-f  (vic 

3  Das  Werk  wurde  schon  vnu  l'ucock  benulzt,  Hagi  Clialt'a  i-itirt  es  für  die 
Geschichte  der  Lexicograidiie  sehr  liäniig.  Handschriften  davon  gehörem 
niolit    zu  diu  Seltenheiten,  Leiden  aUeiu  Ijcsitzt    drei  ICxeniplare.  Dass  der 


Zur  C'liaralctpi-istik  (iflal  ua-<lin  u:;-Sujiiti's  und  seiner  literar.  Tlii'itigkeit.  19 

iegt  (g-odruckt  in  Biilak  12S8  in  zwei  Bänden),  wclclics  Werk 
iine  g-anze  Encyclopüdie  der  uraLiscIien  l'liildlogic;  zu  nennen 
ist,  wie  denn  .Sujuti  überluuipt  ein  ausg-ezeichneter  Encyclo- 
pldienarbeiter  war,  worin  iliii  seine  immense  Belcsenlieit  unter- 
stützte. Wie  trefflieh  ist  iiiclit  seine  Einleitung  in  die  Inter- 
pretationswissenschaft  ^'yü.''  f»^-U  j,  ^^Läj^^^f!  Am  meisten 
passt  er  seine  Isag-egik  in  die  L(!xicographie  der  Traditions- 
jwissenscliaft  an  in  BetretF  der  Quellenkunde.  Er  legt  ung-eheuer 
[viel  Gewicht  auf  die  Verification  der  traditionell  fortg-epflanzten 
paten  und  gibt  genaue  Anleitung  zu  einer  diplomatisch  getreuen 
Beschreibung  alles  dessen,  was  in  die  Lexicographie  formell 
jund  materiell  gehört.  —  Auf  den  Ruhm  des  Erfinders  und 
'allerersten  Begründers  dieser  , Encyclopüdie  der  Lexicographie' 
imacht  er  gleich  zu  Anfang  dieses  Werkes  Ansprucli :  ,Dies 
jist',  sagt  er,  ,eine  edle  Wissenschaft,  dcu-en  Anordnung  ich  zu 
allererst  unternommen  und  deren  Eintheilune-  in  Fächer  und  Ca- 
jMtel  ich  begründet,  in  Bezug  auf  die  Wissenschaft  der  Inga  übei-- 
haupt  wie  in  Bezug  auf  ihre  Abtheiluno-en  und  die  Bedina'ima-en 
;ihres  Vortrages  und  ilires  Anhörens.  Icli  ahmlc  in  Hinsicht  der 
Eintheilungen  und  Fächer  die  Traditionswissenschaften  nacli,  und 
brachte  wundervolle  und  sclK'ine  neue  Dinge  vor.  Zwar  nalnnen 
schon  einige  Vorgänger  den  Anlauf  zu  einigen  hiezu  gehörigen 
^Literien  ^  und  waren  in  der  Erklärung  derselben  um  die  Ebnung 
dur  AVege  bemüht,  doch  kam  mir  keiner  in  Betreff  diesei-  Samm- 
lung zuvor,  keiner  voi-  mir  ging  auf  ihren  Wegen.'  Sujüti  be- 
ansprucht also  auch  in  diesen  Worten  den  Ruhm  eines  Begründers 
der  lexicalischen  Einleitung  nach  Art  der  Traditionskunde  (und 
zwar  dies  letztere  wegen  der  formalen  Seite  seines  Werkes), 
weil  er  der  erste  war,  (h'v  (his  in  vielen  Büchern  Zerstreute 
zusammenstellte  und  übersichtlich  anordnete.    Dies  ist  fürwahr 


ü     9 


ein  Ilauptverdienst  des  >^'^^,  denn  wir  linden  in  diesem  Werke 
sehr  werthvolle  und  ausführliche  Excerpte  philologischen  Stoffes 
aus  hochwichtigen  Büchern,  die  uns  h(!Ute  uicdit  mehr  zugäng- 
lich   sind,    von    welchen  ich  mir  dut    kxX}\    käs  des  Um  Färis, 


Titel   des  Werkes  ,Mnzliii"    zu    lesen    ist,    leidet  keinen  Zweifel.     Hammer 
steifte   sieh   auf  sein   ,MezliMr'    und    Flüjiel    tr.insscribirt    im    IL    Cii.    bald 
Muzliir,  bald  Mizliar. 
•  Er  ninnnt  diese  alle  in  sein  Work  auf. 

2* 


I  20  Goldziher. 

I, 

mehrere  Werke  des  Ibn-us-Sikkit,  Ibn  Ginni,    Ibn  Chälaweihi, 

Ibn  Durustwaihi  u.  a.  m.,  wie  auch  eine  ganze  Masse  von  J,Lo! 
zu  nennen  brauche. 

Ein  anderes  Verdienst,  das  sich  Sujüti  in  der  Lexicolog-ie 
vindicirt,  ist,  dass  er  es  war,  der  das  sogenannte  ,Dictiren  dei 
higa' ',  nachdem  es  fast  seit  einem  halben  Jahrtausend  vernacli- 
hissigt  wurde^  wieder  aufnahm,      ,Das  höchste  Amt/  sagt  er  2, 

,das  der  IüLä»  des  Wortschatzes  bekleiden  kann,  ist  das  J^^Lof 
sowie  dieses  Amt  bei  den  iäiLÄ»-en  der  Traditionswissenschaftei: 

die    allerhöchste  Rangstufe    ist.     Die    iüuUI    JbLaii.  älterer  Zeil 

II  dictirten    in    der  That    sehr    viel;    so  dictirte  Talab    zahh'eiclu 

Collegia,  die  einen  starken  Band  ausmachen,  desgleichen  Ibi 
Duraid,  von  dem  ich  einen  Band  Collegiendictate  sah.  Abi 
Muhammed  ul-Käsim  ul  Anbäri  und  sein  Sohn  Alju  Beki 
dictirten  so  viel,  dass  man's  kaum  zählen  kann,  Abu  Ali  u 
Kall  dictirte  fünf  Bände  u.  a.  m.  Ihre  Art  im  Dictiren  is 
derjenigen,    die    unter    den  Traditionslehrern    gebräuchlich  ist 

ganz   gleich.     Der  Hörer  (^J^JLjmjo)  schreibt  auf  die  Spitze  des 

Papierblattes:  ,Collegium  dictirt  von  unserem  Seich  N.  N 
in  der  Akademie  N.  an  diesem  und  diesem  Tage/  mo  di( 
Datumsaugabe  folgt.  Der  Vortragende  erwähnt  dann  mit  ver 
bürgter  Traditionskette  etwas  von  dem,  was  die  alten  Arabei 
und  die  Wohlredenden  gesagt,  worin  irgend  etwas  Auffal 
lendes  und  der  Interpretation  Bedürftiges  enthalten  ist.'  Die: 
erklärt  er,  indem  er  dazu  Stellen  aus  den  alten  Dichtern  unc 
merkwürdige  Curiosa  (tXol^)  anführt;  jene  müssen  mit  gute: 
Verbürgung  versehen  sein,  bei  letzteren  ist  diese  gleichgültiger 
Diese  Art    des  Vortrages    war   in    der    früheren  Zeit   weit  ver 

breitet,  dann  starben  die  iiU=»  aus  und  mit  ihnen  li(')rte  da: 
,Dictiren  der  Sprache'  für  längere  Zeit  auf.  Das  Dictiren  de 
Tradition  dauerte  länger  fort.  Als  ich  im  Jahre  872  diesei 
Geschäft  begann,  lag  es  eben  erst  seit  20  Jahren  vernachläsBigt 


*  Vgl.  de  Sacy,  Antliologie  g-rainmaticiile  arabo,   p.  I;i7   (trad.).    Wir  scliPii 
dass  der  Safe'ito  Siijutt   den  Ansdnick  ^Kjot   ""d   iii<dit    /^aA,ä.j  gcl)raiiclil 


2  Mu/diir  a.   a.   ü. 


Zur  (harakteiititik  Öv\h\  u.I-,liii  us-S.ijn«'s  un.l  meiner  literar.  Thatifjitcit.  21 

5eit  (Iciu  TocU;  (los  HaHz  Abu-l-farll  h.  IJaöi-  näinlicli.  Als  icli 
iedoch  (las  luxicolo^i.scho  Dictireii  biiui,„Kui  wullte,  iiul(3m  ioii 
deren  Wiederbelebung'  nach  ihrem  Aiisstc^'rbcn  beal)siflitig-te : 
[la  dietirte  ich  ein  Collegium,  fand  aber  kv.liw,  Tlieilneiuner 
jind  Niemand,  der  daran  Gefallen  g-elunden  hätte,  «(jduös  ieh 
{selbst  dieses  Geseliäft  wieder  aufgab.  Der  Letzte,  von  dem 
eh  hörte,  dass  er  Collegia  nach  Art  der  Lexicolog-en  dietirte, 
,var  Abu-1-Käsim  uz-Zugg-äg-f,  von  dem  es  viele  (^jlh^giendictate, 
lie  einen  starken  Band  ausmachen,  gibt;  (u-  starb  'SVA).  Es 
vurde  mir  kein  späteres  Collegiendictat  lexicologischen  Inhaltes 
lekannt/  —  Wir  ersehen  aus  diesem  Bekenntnisse,  dass  8ujütf, 
ler  um  jeden  Preis  dei-  Wiederbeleber  ei-storbcner  Wissens- 
iweige    werden    wollte,    seinen  Verdiensten    auch    das   \Vicder- 

bifnehmen  des  iüti.ff  .^^LoJ  anreihen  W(jllte.  Es  blieb  aber  beim 
l'lane.  Das  gelehrte  Publicum  des  10.  Jhd.  stand  nicht  mehr 
ü  dem  geistigen  Connexe  mit  der  edlen  Sprache  der  Wüsten- 
iraber,  in  welchem  es  ein  halbes  Jalirlauscnd   friihci-  ^-tand. 

Zur  Charakteristik  der  literarischen,  besonders  aber  der 
exicographischen  Arbeiten  Sujilti's  ist  von  grossei-  Wichtigkeit, 
ivas  er  in  einem  kleinen  Tractate     l«^--^    Ä    ..i^-*'«^^^''     iüLc  ' 

i      I  .  Vi  t  .  .  .  .  ^"^ 

ijLw,Jj)|  — ■  worin  eine  lexicalisch-svnon\inische  Zusamnicnstel- 
iing  der  Benennungen  aller  Körpertheile  des  Äfenschen  versucht 
i-ird  —  über  dieselbe  sagt:  ,lSlan  befragte  mich  einmal  über 
lie  beiden  Wörter  J^^  und  (X^,  <ib  Pxwdc,  (lassclb(-  bedeuten, 
der  ob  ein  Unterschied  besteht  zwischcji  dem,  was  dieses  und 
eni,  was  jenes  bezeichnet?  Diese  Frage  veranlasste  mich, 
lut  Sorgfalt  die  auf  den  Körperbau  des  Menschen  bezüglichen 
ausdrücke  zu  umfassen,  denselben  in  den  lexicalischen  W^erken 
lachzugehen,  und  dann  selbst  etwas  darüber  zu  schreiben. 
i)enn  obwol  meiner  Werke  Zahl  gai-  gross  ist  und  ziisammen- 
[•enonimeu  400  beträgt:  ha1)e  icli  in  dem  Zweige  der  Lexico- 
L>gie  noch  gar  nichts  gethan.  Es  war  daher  nothwendig,  dass 
L'h  auch  in  diesem  Zw^eige  ein  Werk  habe.  Tch  hab(>  die 
:»evvohnheit,  nur  solche  Dinge  zu  schreiben,  in  denen 
ch  keinen  Vorgänger  habe  und  meinen  Gegenstand 
;anz  zu  erschöpfen.  Dieser  Bedingung  nachzukommen,  ist 
ei  lexicographischen  Unternehmungen    unmöglich,    dinn   nach 

'  Cod.  Leiden  47^!,  Warner  (37). 


22  Golilziher. 

dem  Kamüs  kann  in  der  Lexicograpliie  nichts  Erschöpfenderes 
und  Vortrefflicheres  geleistet  werden/    ^s.    Jswo    v:jJ.a^    JJiJ. 

^{    (31    iüuUf    ,^    ^    siXx3    Jj"   Joj^t     IiXjo^     L^xs    ^-äj^l    Ujvi 

'  KX/1     Jos.!«       V^5^       ^— ^-^^       (j*»joLftJI      l^Ud'    JOU      L^^      IoIa5 

Wir  sahen  schon  in  oben  mitgetheilten  Stücken  häufig,  dass 
Sujüti  immer  darauf  viel  Gewicht  legt,  in  seinen  Leistungen 
neue,  von  anderen  nie  betretene  Bahnen  zu  brechen;  hier  ver- 
räth  er  uns  seine  Gewohnheit,  Alles  systematisch  zu  ineiden, 
wo  er  nicht  der  Erste  sein  könnte.  —  Die  Handschrift,  der 
Avir  das  eben  mitgetheilte  Stück  entnehmen,  gibt  keinen  genü- 
genden Anhaltspunkt  zur  Feststellung  der  Abfassungszeit  dieser 
Abhandlung;  so  viel  steht  fest,  dass  dieselbe  spcäter  als  die 
Selbstbiograpliio,  in  welcher  er  noch  keine  lexicalischen  Werke 
aufzählt  und  nur  von  300  Werken  spricht,  —  aber  früher  al? 
das  Äluzhir  und  andere  seiner  lexicographischen  Arbeiten  ge- 
schrieben wurde.  Sie  ist  gewiss  der  allererste  lexicographische 
Versuch  des  Verfassers,  nach  welchem  noch  andere  folgten 
von  welchen  mehrere  in  dem  von  uns  hier  als  Quelle  benutz- 
ten Sammelcodex  enthalten  sind,  z.  B.  das  jj>a-UI  5l\o\  (Nr.  38) 
dessen  erste  Hälfte  eine  synonymische  Zusammenstellung  dci 
bei  der  Milcli  in  Betracht  kommenden  Ausdrücke  ist.  Andererj 
Abhandlungen  pflegt  eine  lexicalischc  Einleitung  über  deij 
Gegenstand  derselben  voranzugehen,  z.  B.  der  Abhandlung:. 
i^L«*.i.Ai2Jf  J.XÜ  ^,  wo  eine  lexicalischc  Constatirung  der  dahin 
gehörigen  Synonyma  und  eine  weitläufige  Untersuchung  übel 
die   verschiedenen  Arten    des    i^La^X^Io    zu    finden    ist,    wclch(j 


'  OM.2»Li-    !•-'''    l«''^^'    ^:iAA^itTi  (!"''  Iveincr  Auftbrderung,  eiu  Werk  über  da' 
in  Rede  stellende  Tlitinu  zu  .sclircibcn,  erwälnit  wird.  j 


Zur  Char;il(teiii:tik  Ochil  ud-iliii   us-Sujüti's  und  seiner  literar.  Thiitigkeit.  23 

letztere  zwar  vor  Allem  religiös-rituellen  Cliarkkter  hat,  aber 
auch  viele  Ausbeute  für  die  Icxicalisclie  Feststellung  der  Taila- 
sänaraten  liefert  u.  a.  in.  Eine  seiner  weitläufigeren  lexica- 
lisolicn  Arbeiten  ist  der  zweite  odei'  lexicalische  Theil  des 
^IsCül  Joljj  ^3  ^LcöJ!  t»jLc5^i.  Die  lexicographisehe  Wirk- 
samkeit des  Verfassers  fällt  allerdings  auf  den  letzten  Theil 
seines  Lebens;  vier  Jahre  vor  seinem  Tode  (im  Jahre  1)07 j 
lieferte  er  ein  Conipondium  der  Nihäja  des  Ibu-ul-Atfr  u.  d.  T.: 

wAi'^'l  ^jl  JoL^J  ijc^^'S  ^  j-^'^'-Ä-'f  )»^'^  noch  später:  J.AJtXÄ'jf 
v.^jwjuM  ioL^jj  ,^^  v_A^jj.AJf. :  in  beiden  verfährt  er  nicht  blos 
excerpirend,  liefert  vielmehr  sowol  in  jenenij  als  am-h  in  diesem 
Vieles,  was  im  Grundwerke  vermisst  wird.- 

IV.  Aus  allem  Angeführten  sehen  wir  wiederholte  Male, 
dass  Sujüti  durchaus  nicht  zurückhaltend  war,  wenn  es  dazu 
kam,  seine  Verdienste  um  die  Wissenschaft  namhaft  zu  ma- 
chen. Einst  Hess  er  sich  den  Ausspruch  entschlüpfen :  ,Icli 
bin  jetzt  das  gelehrteste  unter  allen  Gescluipfen  Gottes,  sowol 
was  die  Feder  als  auch  was  den  Mund  anbelangt'  (d.  h.  sowol 
in  Betreff  meiner  schriftstellerischen  Wirksamkeit  als  in  Be- 
treff meines  mündlichen  Vortrages).  Es  trat  —  wie  er  uns  selbst 
erzählt  —  jemand  gegen  diesen  Aussprucli  auf  und  meinte, 
man  dürfe  dies  nicht  so  allgemein  aussprechen.  Sujnti  säumte 
nicht,  seinem  Gegner  das  Gegentheil  darzuthun  und  schrieb 
I  eine  eigene  Schutzschrift  zu  diesem  Behufe :  , Diese  Entgeg- 
nung' —  sagt  er  —  ,hat  ihren  Grund  in  der  Unwissenheit 
(des  betreffenden  Widersachers),  da  doch  kein  Zweifel  obwal- 
ten kann,  dass  derjenige,  der  mit  dem  Titel  mugtahid  zube- 
nannt Avird,  gelelirter  ist  als  jeder  mukallid-';  da  nun  aber 
die  jetzt  lebenden  Gelehrten  alle  mukallid's  sind:  so  folgt  dar- 
aus ohne  Zweifel,  dass  der  mugtahid  der  Gelehrteste  der  Zeit- 
genossen ist,  ganz  abgesehen  von  der  feststehenden  Thatsache, 
dass  der  mukallid  gar  nicht  , Gelehrter''  genannt  wird,  mit  diesem 

1  Handschrift  der  Wiener  Hofbibliutliek,   1640  (4).  S.  Flügel,  III.  p.  77. 

2  S.  Nico  11.  Catal.  Bodl.,p.   177—8  zu  cod.  CCXVIII. 

^  Ueber  (\.  gy<°  "'i'^  JuLjLo  vgl.  Gurgäni    Kitäb  ut-turftVit  {).   ^\,   14  und 

|J|1,  10,  besonders  aber  Kasembeg's  Aufsatz  im  Journal  aslat.  1850.  I, 
p.  181,  wo  über  dieses  Thema  und  über  die  ,Degres  de  rigtiliad-  sehr  aus- 
führlich gehandelt  wird. 


24  Goldziher. 

Beinamen  vielmehr  nur  der  miigtahid  beehrt  werden  kann/ '  Wie 
er  den  erwähnten  Ausspruch  noch  weiter  gegen  andere  Eingriffe 
vertheidigt,  können  \\  ir  hier  ohne  Weiteres  übergehen,  -  da  nur 
das  eben  Angeführte  für  den   Verfasser  cliarakteristisch  ist. 

Der  cX-g.X^-Rang  ist  es,  auf  den  Sujuti  immer  mit  beson- 
dei-er  Zuversichtlichkeit  pocht,  denn  auf  das  J>L^Äs>t  sind  auch 
seine  Regeneratoransprüche  gebaut.  Sein  Anrecht  auf  den 
Titel  eines  mugtahid  musste  er  demnach  am  festesten  begrün- 
den. Er  thut  dies  in  einer  anderen  Tendenzschrift"  c>L§Jö>.!Nl|  ^^\ 
die  er  im  Jahre  889  —  also  10  Jahre  früher  als  die,  in  welcher 

er  sich  als  t>tX^  präsentirt,  verfasste.  Diese  Abfassungszeit 
schliesse  ich  daraus,  dass  er  in  der  oben  erwähnten  Schutzschrift 
(Nr.  21)  sagt:  ,Ich  habe  in  dem  Buche:  ,Widerlegung  derjeni- 
gen^ die  ewig  auf  Erden  leben^  (d.  h.  Widerlegung  der  Ansicht, 
dass  es  Menschen  gebe,  die  unsterblich  auf  Erden  wandeln, 
wie  man  dies  von  Elias  behaupten  wollte),  welches  ich  im 
Jahre  888  verfasste,  nachgewiesen,  dass  ich  unter  diesem  Aus- 
drucke (seil.  ^!^f|  jJJf  ;jJ-i^  (vltl  bf),  wo  ich  ihn  absolut 
gebrauche,    alle  Wesen    mit  Ausnahme    des  Chadir,    des  Kutb 

1  Die  Schutzschrift  befiudet  sich  in  dem  schon  liäufig  angeführten  Leidener 
Codex  474    (nr.  lH):    ^5|     JJ\   ^^    ^f     |.3|     5^L^  J^    ^^ 

Lo    icy.-ys?     tXAÄx    JS^^j^     i^AäI    (^LgJCi-Ü^M    xg.vr;    [iy^yjc    ^\^ 

-  Er   bespricht    die    unter   muhanuncdanischen  Gekehrten    su  häutig  ventilirte 

Frage  über  die  ewige  Fortdauer  des  «„ö^  nnö.  Elias  auf  Erden  und  muss 

zu  negativein  Resultate  kommen,  worin  er  die  meisten  orthodoxen  Autori- 
täten für  sich  hat. 

■*  Dass  dieselbe  Tendenzschrift  ist,  sielit  schon  sein  gegnerischer  Bingra})h 
Sachawi  (bei  Meursinge,  p.  23).  ,Er  schrieb  ein  besonderes  Werk  um 
die  Tgtihädwürde  leiclit  orreiclibar  zu  machen  und  um  seine  hierauf  be- 
züglichen Ansprüclie  fester  zu  begründen.' 

i  Cod.  474  Warner  (-20). 


Zur  Charakteristik  Geläl  ud-dlii  us-Sujüti"s  und  seiner  Hterar.  Tliiitigkeit.  25 

und  aller  undercn  lIoiliij;-en  Gottes,  verstellen  will.'  '  Von  deiii- 
selben  liuche  sagt  er  nun  am  Anfang-e  der  Abhandlung  über 
das  igtihad:  er  habe  es  im  v(!rg-angenen  Jahre  verlasst.  ,lch 
habe',  sagt  er,  .bereits  im  V(!rflüssencn  Jahre  ein  l>uch  verfasst 
und  es  g-enannt:  ^Widcrleg-iiug-  derjenigen,  die  auf  Erden  Ewig- 
lebende  annehmen  und  nielit  wissen ,  dass  das  Vorhandensein 
eines  tX^Ä.^  in  jedein  Zeitalter  eine  nncrlässliche  religiöse 
Pflicht  ist;'  dieses  ist  ein  ausgezeichnetes,  inhaltsreiches  Buch, 
in  welchem  höchst  werthvolle  auf  das  ig-tihad  bezügliche  Be- 
merkungen vorkommen.  In  dieser  Abhandbing  will  ich  daraus 
dasjenige  excerpiren,  Avas  auf  folg-ende  drei  Fi'agen  Bezug  hat.'- 
Wir  befinden  uns  also  mit  dieser  Abhandlung  im  Jalire  <SS'J. 
Die  drei  Frag-en  sind:   1.   üb  es  in  dieser  Zeit  einen  mugtahid 

gibt  oder  nicht?     3.  Ob  die  Titel   ^^3-llax!    tX^Ä^   und    (X^^ 

^JiX^^/!  gleichbedeutend  sind?  3.  Ob  es  einem  iX-^Jc^  freisteht, 
einer  iSchulc  als  Oberhaupt  vorzustehen,  bei  deren  (irüudung- 
gleich  von  vorneherein  ausg-esprochen  wiu'de,  dass  sie  die 
^)äiiitische  Ixichtung  zu  vertreten  habe?-'  In  der  Beantwortung 
der  ersten  Frag-e  l%.ommt  er  zu  dem  Resultate,  dass  nach  der 
Auffassung-  jeder  der  vier  Rechtssccten  in  jedem  Zeitalter 
wenigstens  ein  mug-tahid  existiren  müsse,  der  das  höchste  ^laass 
muhammedanischer  Gelehrsamkeit  in  sicli  vereinigt  und  dass 
der  Mang-el  eines  solchen  eine  Sünde  sei,  an  deren  Last  die 
ganze  Generation  participirt.  — ■  Mug-tahid  mutlak  und  nuista- 
^11  sind  zwei  verschiedene  Titel.  —  Endlich  kann  der  mugta- 

'  y^;   u^;~"   i   ^^^^'   c^^   ^^   V   ^-^^  ^  ^^T^   ^^ 

oL^JC=»^'Lj      &jU.xj^L/o      (j^jLiJ      aui     (^Li*    (J-^V^*    i-jUii^   yCj 

'  Da  doch  der  ^V  ^  V <P  das  jiiiare  in  vorba  Tiiagistri  iiiclit  kennt  und  trotz 
seines  Anschlusses  au  eine  oder  die  andere  Secte  ein  grösseres  Maass  von 
selbständigem  Urtheil  bewahrt,  als  dies  der  Sectengeist  zuliesse. 


26  G  u  1  (1  z  i  h  e  r. 

]ii(l  immerhin  Scliulobcrhaupt  sein,  iusoferne  er  seine  selbstän- 
dige Anschauungsweise    innerhalb    der  Grenzen    des    Sähismus 

in    Anspruch    nimmt.     Nur    dei'     v_j^wy.ÄÄyo     ».xä    (>ää*w^    (XgJC^ 

d.  h.  ein  Gelehrter  von  dem  Grade  der  Selbständig-kcit,  dass 
(jr  über  alle  Secten  erhaben,  sich  zu  gar  keiner  rechnet,  kann 
eben  wegen  seiner  allzugrossen  Selbständigkeit  in  theologicis 
keiner  säfiitischen  Schule  präsidiren.  An  der  safeitischen  Aka- 
demie XAxUäÄil  in  Bagdad  wirkten  seit  ihrem  Bestehen  eine  e-anze 
Menge  von  mugtahid's  als  Oberhäupter;  Ibn  Gerir  war  das  einzige 
sähitische  Schulobei'haupt,  welches  auf  das  absolut  unabhängige 
igtihäd  Anspruch  machte.  —  Wer  zwischen  den  Zeilen  lesen  kann, 
wird  gleich  bemerken,  dass  es  dem  Sujüti  hier  um  den  Beweis 
zu  thun  ist,  dass  sein  igtihäd  mit  seinem  Amte  als  Oberhaupt 
der  Baibarsischen  Akademie  in  Kairo  nicht  collidirt. 

Die  Abhandlung  schliesst  mit  drei  loiXi,  deren  zweite 
mich  veranlasste,  aiif  diese  Schrift  hier  nähere  Rücksicht  zu 
nehmen,  da  in  ihr  der  Charakter  der  ganzen  Schrift  als  Ten- 
denzarbeit sich  ganz  durchsichtig  zeigt:  ,Ich  und  viele  meiner 
Zeitgenossen  stehen  zu  einander  in  demselben  Verhältnisse,  ^vie 
ein  Säfiite  und  ein  Anhänger  Abu  Hanifä's,  welche  über  die  rituelle 
Reinheit  des  seraen  virile  mit  einander  disputirten.  Der  Säfiite  (der 
für  die  Reinheit  plaidirte)  sagte  zuletzt :  ,Ich  habe  noch  nie  etwas 
Wunderbareres  gesehen  als  diesen  (Hanef  i) ;  ich  gebe  mir  j\Iühe 
zu  beweisen,  dass  er  reinen  Ursprunges  ist  und  er  gibt  sich  Mülie, 
seine  Entstehung  auf  etwas  Unreines  zurückzuführen!  In  dem- 
selben, Falle  bin  ich  mit  meinen  Zeitgenossen.  Ich  bestrebe 
mich  nämlich  (indem  ich  auf  das  igtihäd  Anspruch  mache) 
sie  allesammt  von  einer  Sünde  zu  befreien  und  enthebe  sie  jeder 
Schuld,  indem  ich  für  sie  in  die  Pflichterfüllung  eintrete,  sie 
aber  theilen  sich  in  zwei  Klassen;  eine  meint:  das  igtihäd  sei 
(in  dieser  Zeit)  überhaupt  unmöglich,  sie  ist  dadurch  bestrebt, 
sich  und  allen  Menschen  die  Mitschuld  daran  aufzudrängen; 
eine  andere  gibt  wol  die  Möglichkeit  des  igtihäd  in  unserei-  Zeit 
im  Allgenuiinen  zu,  stellt  aber  speciell  meine  Würdigkeit  in 
Abrede.  Wenn  ich  auch  nicht  eines  Grösseren  würdig  bin,  als 
die  übrigen  Menschen,  für  das  was  ich  von  dem  vollbraclite,  wo- 
von sie  zurückgeblieben  sind:  so  werde  ich  doch  auch  nicht 
weniger    sein,    als  einer   von    ihnen.     Hat    mir   denn  das  Mehr 


Zur  Chamliteristik  Geläl  «d-diii  us-Sujürrs  und  seiner  literiir.  TliiitiRkeit.  27 

des  ig-tihad  das  eing-cbraclit,  dass  ich  dadmcli  weiiii^cr  Kciiul- 
niss  von  der  Secte  habe,  als  icli  hatte,  hcvur  ich  diesen  Rang 

erstieg?^  cy^  ^^^Lcö  JjCx  w.«2Jt.'l  J^iit  ^^x  yj^'xS^  J^>^  J^'-« 
(j-^'  ^^t  *^^'^  ^  ^^*.iL^.M  JLäi  ^^-^♦'l  5;^H2ic  ^  tc^"*^  z*-^' 
J.jj^  x-Lol  iU«L^  3  ^l^  yc^  ad-cjf    Jirl^  ^-  cLw      Sj'    I j^ 

fr/^'    l*^''-^   o^Ä.ij.    (^y^L   fv^£^   (V~^^'l    Äi>  3  oA**v  UjI 

Jjfl    !^Ü    JtAi     f^v-^i'     U-0    io    o^-^-äUI  (j^^IäJI  Jsx  äobv  (_J.^avI 

Natürlich  ist  es,  wenn  der  Verfasser  am  Schlüsse  der  Schrift 
zu  dem  Resultate  gelangt:  -LaäJLj  j^ofj.ÄJlj  ^Jw^  xUI  ^^x  Jö. 

V.  Sujuti's  Pi-ahlereien  machten  ihn  zum  Gegenstände  nicht 
nur  des  Spottes  seiner  Gegner,  sondern  auch  des  Unwillens 
mancher  bescheidenerer  Rechtgläubigen.  Sind  doch  Besclieiden 
lieit  und  Selbstunterschätzung  der  Gelehrten  auch  in  dvr  muhani- 
medaffischen  Gelehrtenwelt  —  wo  allordinü's  die  Anscliauuniicu 
über  Bescheidenheit  nicht  mit  den  unserigen  identisch  sind  — 
doch  immer  gerne  gesehene  Zierden  der  Gelehrten  !  Hs  nioclitc 
daher  unseren  Sujüti  selbst  hin  und  \\  iedc^r,  wenn  er  seine  xoii 
Grosssprecherei  in  erwähntem  Genre  strotzenden  Arbeiten  zum 
Gegenstaude  selbstgefälliger  Leetüre  machte,  docli  sein  (ie- 
wissen  gemahnt  haben,  dass  er  dui'ch  dies«;  Art  von  Sell)sl;ui 
empfehlung  den  Zeitgenossen  verächtlich  werden  müsse  und 
dass  er,  gerade  indem  er  sich  anpreist,  durch  Enthüllung  alier 
seiner  Vorzüge  die  Schattenseite  seines  sittlichen  Werthes  preis- 
gibt. Es  war  für  ihn  daher  nothwendig,  seine  Selbstbelobungen 
durch  eine  wenn  noch  so  winzige  Abhandlung  über  dieses 
Thema  in  ein  günstigeres  Licht  zu  setzen.  Auch  dieses  Trac- 
tätchen,  gleichsam  die  Rechtfertigung  seiner  grössten  Schwäche, 

'  Nicht  dies  ist  mein  Lolin  vou  ilim? 


28         ( i  0 1  d  z  i  h  e  r.  Zur  Charakter.  Geläl  ud-diu  us-Sujüti's  u.  seiner  liter.  Thätigkeit. 

liegt  uns  in  dem  oben  erwähnten  Bande  gesammelter  Abhaud- 
lung-en  vor.  Er  weist  darin  nach,  dass  es  zwar  an  sich  nicht 
h'iblicli  sei,  von  Selbstlob  zu  überströmen,  dass  ein  solches  Vor- 
gehen aber  in  gewissen  Fällen  gestattet  ist,  und  von  den  älte- 
sten Zeiten  des  Islam  au  von  den  Frommen  und  sonst  anspruchs- 
losen Gelehrten  geübt  wurde.  Besonders  ist  das  Selbstlob  gestat- 
tet ,  wenn  die  Zeitgenossen  nicht  das  rechte  Verständniss  für 
die  Verdienste  des  Betreffenden  haben,  oder  wenn  die  Gross- 
prahlerei keine  egoistischen  Zwecke  verfolgt,  sondern  nur  den, 
für  die  in  der  Vortrefflichkeit  des  Menschen  sich  offenbarende 
göttliche  Gnade  zu  danken.  Wer  sieht  hier  nicht,  dass  Sujüt? 
seine  Leser  zu  der  Schlussfolgerung  auffordern  will:  , Warum 
sollte  der  Verfasser  seine  Verdienste  nicht  überschwänglich  prei- 
sen, da  doch  seine  Zeitgenossen,  alles  wissenschaftlichen  Ver- 
ständnisses bar  ')  dieselben  nicht  herauserkennen  würden,  wenn 
er  sie  nicht  selbst  zu  Markte  brächte?' 

Unter  den  Beispielen  für  prahlerische  Aeusserungen  gelehr- 
ter Männer  wird  einer  Anecdotc  erwähnt,  mit  deren  Mittheilung 
ich  diesen  Aufsatz  beschliesse:  Der  Kädi  Tag  ud-din  us-Subki 
erzählte  von  seinem  Vater,  dem  Seich  Taki  ud-din,  dass  dieser 

einst  von  dem  Bibliothekar  der  Akademie  kjjJüUiJ!  ein  Buch  aus 
der  Bibliothek  entleihen  wollte.  Der  Bibliothekar  weigerte  sich, 
ihm  dasselbe  zu  geben.  Da  zürnte  der  Gelehrte  und  sprach: 
,Ein  Mann  wie  ich  bedarf  der  Bücher  dieser  Bibliothek  nicht, 
vielmehr  bedürfen  die  Bücher  eines  Mannes  wie  ich  bin.'- 


1  In   einer  anderen   AbLantlliing'   (Nr.  9,   BI.   10   recto)    .schildert  Siijntf    dies 
wissenschaftliebe  Verständiii.ss  seiner  Zeitg'cnossen   mit   den   bezciclmcnden 

A¥orten:     ^Jc^JC^^Jj      iJU     1^^^.    ^    ^.öJ\     vJLaJ^I    ^jJ    Li 
_U-2fcl/o  ijjix  JU'.      Xaav.J|  v^,öjii  x.aJ^  ^ä.*~o  UUo  ioLii-f  ^j^ 


29 


XXII.  SITZUNG  VOM  18.  OCTOBER  1S71. 


Der  kais.  Ratli  Ludwig-  Ritter  von  Kiiehcl  legt  das  im 
Druck  vollendete  mit  Unterstützung-  der  kais.  Akademie  lieraus- 
g-egebene  Werk  ^Johann  Josef  Fux,  Hofcompositor  etc.'  vor. 


Das    corr.  IMitglied    Herr  Professor   Dr.  Is-naz   Zinirerle 


in  Innsbruck    ersucht  um  eine  Subvention  zur  Herauso-abe  des 
Werkes:  ,Die  pluemen  der  tug-ent  von  Hans  Vintler, 


i 


Das  corr.  Mitglied  Herr  Professor  Conze  gibt  Nachriclit 
über  den  Foi-tgang-  der  von  ihm  mit  Unterstützuno-  der  kais. 
Akademie  unternommenen  Sammlung  römischer  Bildwerke  ein- 
heimischen Fundortes  in  Oesterreich. 


Das  corr.  Mitglied  Herr  Custos  Josef  Haupt  sendet  eine 
Abhandlung  unter  dem  Titel:  ,M.  Cetius  Faventinus  und  ein 
Bienensegen    aus  der  Hdschr.  n.  .^>87  der  k.  k.  Hofbiblintlick.' 


Das  wirkl.  Mitglied  Herr  Dr.  Pfizmaier  legt  eine  füi- 
die  Denkschriften  bestimmte  Abhandlung  vor  unter  dem  Titel: 
jGedichte  aus  der  Samndung  der  zehntausend  Blätter', 

und  das  wirkl.  Mitglied  Herr  Professor  Adolf  Mussafia 
eine  Abhandlung-  ,über  die  spanischen  Versionen  der  Historiu 
Trojana'. 


Der  Secretär  bringt  ein  Schreiben  des  Dr.  Petermaini 
in  Gotha  vom  9.  October  1871  ,Die  Entdeckung  eines  offenen 
Polarmeeres  dui-ch  Payer  und  Wevprecht  im  Seiptcinlx'i'  lS7r 
zur  Keuntniss  der  Classe. 


An  Stelle  des  verstorbenen  Eegierungsrathes  von  Meillri- 
wird  Herr    Hofrath    Philli])s    zum    IMitglied    der   Weisthümer- 


Commissiou  gewjUilt. 


30 

An  Druckschriften  wurde  vorgelegt: 

Academie  R.  de  Belles-Lettres ,  d'Histoire  et  d'Antiqnik's  de  Stockholm: 
Antiquarisk  Tidskriff  för  Sverige.  IL  Del.;  III.  Del.,  1.  Heft.  Stockholm, 
1869  &  1870;  8».  —  Handlingar.  N.  F.  VI.  Delen.  Stockholm;  8". 

Akademie  der  Wissenschaften  und  Künste,  siidslavische:  Rad.  Knjiga  XVI. 
U  Zagrebu.  1871;  8".  ^  Starine.  Knjiga  III.  —  Stari  pisci  hravaski. 
Knjiga  III.  U  Zagrebu,   1871;  8". 

—  —  Königl.  Preuss.,  zu  Berlin:  Monatsbericht.  August  1871.  Berlin;  8'^. 

—  —  Kais.,  zu  St.  Petersburg:  Memoires.  Tome  XVIII,  2«'  Partie;  Tome  XIX, 
l-^  Partie.  St.  Petersbourg,   1871;  8''  (Russisch). 

Archivio  per  rAntropologia  e  la  Etnologia.  I.  Vol.,  Fase.  ?>°.  Firenze.  1871;  8^. 

Gesellschaft,  Deutsche  raorgenländische :  Zeitschrift.  XXV.  Band,  1.  und 
2.  Heft,  Leipzig,  1871;  8".  —  Wissenschaftlicher  Jahresbericht  über  die 
morgcnländischen  Studien  18ß2  bis  1867.  Von  R.  Gosche.  Heft  I.  Leipzig, 
1871 ;  8".  —  Indische  Studien.  Von  A.  Weber.  XL  Band.  Leipzig,  1871;  8i\ 

Ilarz- Verein  für  Geschichte  und  Alterthumskunde :  Zeitschrift.  IV.  Jahrgang. 
1871.   1.  und  2.  Heft.  Wernigerode;  8». 

Instituto  di  corrispondenza  ai'cheologica :  Monumenti  inediti.  Vol.  IX,  Tav. 
XII— XXV.  Roma;    Folio. 

Jahresberichte:  Siehe  Programme. 

Köchel,  Ludwig  Ritter  von,  Johann  Josef  Fux,  Hofcompositor  und  Ilof- 
kapellmeister  der  Kaiser  Leopold  L,  Josef  I.  und  Carl  VI.  von  1698  bis 
1 740.  (Mit  Unterstützung  der  kais.  Akademie  der  Wissenschaften  in  AVien.) 
Wien,  1872;  8". 

Laube,  Gust.  C,  Reise  der  Hansa  in's  nördliche  Eismeer.  Reisebriefe  und 
Erinnerungsblätter.    Prag,   1871;  S'^. 

Mittheilungen  aus  J.  Perthes'  geographischer  Anstalt.  17.  Band.  1871. 
X.  Heft.  Gotha;  4". 

Programme  und  Jahresberichte  der  Gymnasien  zu  Bistritz,  Brixen,  Capo 
dTstria,  Eger,  Essek,  Ilermannstadt,  Kaschau,  Kronstadt,  Böhm.-Leipn, 
Leoben,  Marburg,  Pilsen,  Presburg,  Rosenau,  Schässburg,  Spalato,  Tabor, 
Ti-ient,  Warasdin,  des  akadem.  Gymnasiums,  sowie  des  Gymnasiums  zn 
den  Schotten  in  Wien,  der  Gymnasien  zu  Zara  und  Zengg,  und  der  Coni- 
munal-Oberrealschule  in  Böhm.-Leipa.  1871 ;  4''  und  8". 

Societe  litteraire,  scientifique  et  artistique  d'Apt.  (Vaucluse) :  Annales.  V*"  Annee. 
1867— 18G8.  Apt,   1871;  8». 

Society,  The  Asiatic,  of  Bengal:  Journal.  Part  II,  No.  1.  1871;  8".  —  Pro- 
ceedings.  Nrs.  III-IV.  March,  April   1871.   8«. 

—  of  Antiquaries  of  London:  Proceedings.  Second  Series.  Vol.  IV,  No.  2. 
London,  1868;  8». 

Verein  für  siebenbürgisclie  Landeskunde:  Jahresbericht  für  das  Vereinsjahr 
1869/70.  Hermannstadt,  1870;  8".  —  Archiv.  N.  F.  IX.  Band,  2.  Heft.  1871;  8". 

—  histor.,  der  Pfalz:  Mittheilungen.  II.  Speyer,  1870;  80. 

—  —  von  ünterfrankrii  und  Aschaffenburg:  Archiv.  XXL  Bd..  1.  u.  2.  Heft. 
Würzbm-g,    1871;   8'». 

—  —  für  Niederbayern :  Verliandlungen.  XV.  Bd.  1. — 4.  Heft.  Landshut.  1870 
und  1871;  8«. 


Haupt.    M.  Cetiiis  Faventiinis  und  ein  Hieneiisegen.  31 


M.  Cetius  Faveiitiiius   und  ein  BiiMiensoi^en 

aus  der  Hs.  387  der  k.  k.  Ilofbibli.jtliek. 
Von 

Joseph  Havipt. 

1.  M.  Cetiiis  Faveiitiiius. 

Keg'inbertus,  der  im  IX.  Jahrhundert  ein  Verzeichniss 
der  Hss,  des  Klosters  St.  Gallen  niederschrieb  (Tr.  Neui^'art 
Episcopatus  Constantiensis  P.  I.  p.  l'y-il),  erwähnt  in  demselhen 
p.  539 :  De  architectura  vohimen  I.  und  p.  548 :  libri  duu  de 
architectura  Faveutini.  Valentin  Rose  setzt  hinter  Faventini 
in  seiner  Ausgabe  des  Vitruv  (Lipsiae  1867.  8")  p.  IV.  in  der 
Note  5  ein  sie,  und  zwar  mit  Recht^  da  dieser  Auetor  eines 
Werkes  über  die  Baukunst  weder  später  noch  früher  irgendwo 
genannt  wurde,    ein  Zweifel  somit  ganz  am  Platze  war. 

Dennoch  ist  die  Angabe  des  St.  Galler  Bibliothekars 
richtig  und  der  Name  Faventinus  ist  im  IX. — X.  Jahrhundert 
auch  anderwärts  zum  mindesten  noch  in  einer  Tis.  als  eines 
Schriftstellers  über  die  Baukunst  zu  lesen  gewesen. 

Unter  der  Nummer  387  früher  Salisb.  421  verwahrt  die 
k.  k.  Hofbibliothek  eine  pergamentene  Hs.,  einen  sogenannten 
Codex  quadratus  von  165  Blättern,  dessen  Pertz  in  den 
Monum.  Germ.  Vol.  I.  pag.  86  gedenkt,  denn  aus  diesem  Co- 
dex hat  er  die  Annales  Salzburgenses  1.  c.  p.  89 — 90  heraus- 
gegeben. Der  Schreiber  erklärt  auf  7'',  dass  die  Hs.  noch  zu 
Lebzeiten  Carls  des  Grossen  ireschrieben  wurde.  Der  voi'letzte 
Absatz  der  Abbreviatio  chronicac;  laul(;t  nämlich:  ,Et  a  carlo  et 
carlomano  usque  ad  carlum  iiunt  anni.  im.  Et  iiKh;  domniis 
carlus  solus  regnum  suscepit.  et  deo  protegente  gubernat  usque 
in  presentem  annum  feliciter  qui  est  aniius  regni  eins  xlu  im- 
perii  autem  vmi.' 


32  Haupt. 

Diese  Es.  gehörte  seit  ihrem  Ursprünge  dem  Erzstifte 
Salzburg,  wie  schon  aus  den  oben  angeführten  Annales  Salz- 
burgenses  einleuchtet,  historische  Notizen,  die  zumeist  salz- 
burgische Priester  betreffen.  Bei  Gelegenheit  fiel  mir  diese  Hs. 
in  die  Hände  und  ich  gewahrte  auf  dem  hintern  Deckel  ein 
pergamentenes  Blatt  aufgeklebt,  an  welchem  sich  schon  jemand 
mit  einem  Reagens  versucht  hatte,  doch  begreiflicher  Weise 
umsonst,  da  die  Schrift  sich  blos  an  der  aufgeklebten  Seite 
befindet  und  nur  die  Initialen  durchschluo;en. 

Das  Blatt  wurde  vorsichtig  abgelöst  und  da  bot  sieh  Fol- 
gendes zu  lesen,  und  zwar  die  Uncialen  mit  Mennig  geschrieben : 

M  .  CETIFAVENTINI   ARTIS   ARCHI 
TECTIONICAE  PRl VATIS  VSIBVS 
ADBREVIATVS  LIBER    ' 
Anomala  ha  .  . 
qn  p  latitudiii 
uagant'  signiferi 

Artis  architectionicae  peritiam.  2  multa  oratione  uitruuius^ 
pollio  aliique  |  auctores  scientissime  scripsere.  uerum  ne  longa 
eorum  disertaque  facundia  |  humilioribus  ingeniis  alienum 
faceret  Studium,  pauca  ex  his  mediocri  licet  se.  mon.  |  priuatis 
usibus  ordinäre  ^  fuit  consilium.  quae  partes  itaque  caeli  et 
regiones  uentorum  |  salubres  aedificiis  uideantur.  et  qua  sub- 
tilitate  nociui  flatus  auertantur  aditusque  |  ianuarum  et  lumina 
fenestris  utiliter  ti'ibuantur  quibusque  ^  mensuris  aedificio  |  mem- 
bra  disponantur.  quibus  signis  tenuis  abundausque  aqua  inue- 
niatur  |  etiam  quibus "  aedificandi  gratiam  scire  oportet  breui 
succinctaque  narratione  cog  '^. 

1  In  ,FAVENTINI'  ist  NT  durcli  den  Eost  eines  metallenen  Stiftes  zum 
grössten  Theile  zerstört  und  ein  Loch  in  das  Pergament  gefressen,  so  dass 
nur  mehr  der  erste  senkrechte  Strich  von  N  und  der  Querbalken  von  T 
und  zwar  die  rechte  Hälfte  vorhanden  ist. 

2  Alle  bisher  bekannten  Hss.  lesen:  De  architectonicae  peritia  .  . 

3  Das  zweite  i  in  ,uitrnuius'  fehlt,  es  ist  nämlich  von  einem  Wurme  gefressen. 
■*  ornare  die  übrigen  Hss. 

5  quibusve  die  übrigen  Hss. 

"  quae  aedificandi  gratia  die  übrigen  und  mit  Recht.  Hier  steht  aber  genau 

(juib;  aedificandi  gratis. 
'  Das    Ende    dieses  Wortes,   nämlich  ,nosces',    stand    mit    rothen  Uncialen 

hinter  ,l)aln('arum'  in  xvi.  Die  Siiuren  vonNOS  .  .  S  sind  noch  vorlianden. 


M.^Cetius  Faveiitiims  um]  i'iii  Bieneiisegen,  33 

J 

1.  De  priiicipiis  artis  architectione.  (sie)  ' 

De  iientis. 

III.  De  aque  inuentione. 

im.  De  puteorum  fossionibus  et  structuris  eorundem.  ' 

V.  De  utilitate  aquo  probande.  (sie) - 

VI.  De  aque  inductione. 

VII.  De  mensuris  et  poudere  üstularuiu, 

VIII.  De  härene  natiuitate  (sie)  probanda. 
villi.  De  caleis  utilitate  prubanda. 

X.  De  lateribus  faciendis. 

XL  De  parietibus  latericiis     tectorio  uperi  probandis. 
XII.  De  g-eneribus  arborum  et  utilitate  cesionis. 
xm.  De  fabriea  uillo  rustico  disponenda. 

XIV.  De  dispositioue  operis  urbani. 

XV.  De  mensuris  aedificiorum. 

XVI.  De  fabriea  balnearuin. 

XVII.  De  cameris  balnearum. 
XVIII.  De  expolitionibus  pauiinentorum. 

xviiii.  De  pauinientis  supra  contigna  .  .  . 

XX.  De  calce  probanda  operi  albario. 

XXI.  De  cameris  canniciis. 

xxii.  De  politionibus  parietum  cementic  .  .  . 

XXIII.  De  opere  coronario.  1"  soli  .  .  . 

xxiiii.  De  parietibus  eementiciis  hum  ... 

XXV.  Triclinia  hiberna  minoribus  pict  .  .  . 

XXVI.  Pauimenta  ut  sine  ig-ni  (sie)  liieme  tepe  .  .  . 

XXVII.  De  generibus  colorum 

xxviii.  De  norme  inuentione 

xxviiii.  De  horologii  institutione. 
Expli. 

Wir  lernen  also  aus  diesem  Blatte,  dass  das  bislica-  ano- 
jnynie  ,Breviarium'  oder  ,Epitome  Vitruvii^  odei-  ,De  diversis 
ifabricis    architectonicae'    einen    Marcus    Cetius    (oder    Ceius?) 

'  Der  iudex  capitjilorum    ist    in  ik'in  VAiMv    in    zwei  Spalten  getheilt,    di. 
erste     umfasst     i— xv,     die    zweite     xvi     xxviiii.     Den    entsprechenden 
leeren  Raum    in    der  letzten  Zeile,    da    kein  xxx  vorhanden    ist,    hat  der 
Schreiben-  mit  dem  Worte  Expli  ausgefüllt.  Die  Zahlzeiclien  siud  ruth. 
,2  probande  liest  auch  der  Pithoeanus  und  Gudianus. 
Sitzb.  d.  plül.-hist.  Cl.  LXIX.   15.1  1.  Htt.  3 


34  Haupt. 

Favcntinus  zum  Verfasser  hat.  Nothwendig  ist  dieser  Faventinus 
identisch  mit  dem  Faventinus,  dessen  Reginbertus  in  seinem 
Verzeichniss  der  Sangaller  Hss.  gedenkt.  Das  Werk  bestand 
ursprünglich  nur  aus  den  ersten  xxtx  Capiteln,  das  xxx.  De 
maltis  diversis  ist  erst  später  angefügt  worden,  und  obwol  es 
V.  Kose  in  seiner  Ausgabe  nach  den  bisher  bekannten  Hss. 
aufgenommen  hat,  so  muss  er  doch  die  Echtheit  bezweifelt  haben, 
da  er  dasselbe  durch  einen  Strich  und  kleineren  Druck  von 
dem  übrigen  Texte  sonderte. 

Derselbe  Herausgeber  nennt  den  Verfasser  p.  XII  einen 
auctor  satis  antiquus,  und  hat  sich  damit  gegen  die  Meinung 
derjenigen  erklärt,  die  erst  an  den  Beginn  des  Mittelalters  den 
Ursprung  des  Büchleins  setzen.  Der  noch  ganz  romische  Name, 
der  uns  auf  diesem  Blatte  entgegentritt,  beweist  für  den  Heraus- 
geber. ' 

Einen  M.  Cetius  Faventinus  gelang  zwar  nicht  zu  finden^ 
aber  ein  Faventinus  erscheint  als  stimmberechtigter  Bürger  in 
der  Herculanischen  Inschrift  235  im  Vol.  IV.  (^jrpus  Inscrip- 
tionum  latinarum,  und  somit  steht  wenigstens  fest,  dass  die  Fa- 
ventini  schon    im  ersten  Jahrhundert    nach  Christus    existirten. 

Des  weiteren  kann  auch  nicht  mehr  die  Rede  sein  davon, 
dass  Petrus  Diaconus  die  Epitome,  oder  wie  man  sie  nennen 
will,  verfasst  habe;  diese  Ansicht  wird  schon  durch  die  ältesten 
Hss.,  den  codex  Pithocanus,  Gudianus  und  Valentianensis,  die 
alle  in  das  X.  Jahrhundert  gehören^,  Aviderlegt.  Unser  Blatt 
übertrifft  aber  an  Alter  wahrscheinlich  alle  diese  Hss.  Wenn 
dem  aber  auch  nicht  so  sein  sollte,  dass  es  nicht  früher  zu 
setzen  sei,  als  in  das  zehnte  Jahrhundert,  so  ist  das  vollkom- 
men hinreichend,  um  den  Petrus  Diaconus  für  immer  aus  dem 
Felde  zu  schlagen,  und  im  zehnten  Jahrhundert  war  unser  Blatt 


Für  alt  hält  ihn  auch  Vossius  p.  4ß:]  du  mathematicis,  welcher  Meinung 
auch  Fabricius  zustimmt,  Biblioth.  l;it.  lib.  1.  Ca]>.  XVII.  7;  um  so  mehr 
ist  es  zu  verwundern,  wenn  BäJn-,  Gesch.  der  römischen  Lit.  4.  Aufl. 
Bd.  III.  pag.  117  Note  25  sagt,  ,ob  diese  Schrift  der  von  Petrus  Dia- 
conus gemaclite  Auszug  ist,  möcliten  wir  bezweifeln,  wenn  auch  der 
Verfasser  dieser  Sclnift  dem  beginnenden  Mittelalter  angehören  mag  und 
daher  nicht  mit  Marini  in  dem  Entropius  des  vierten  Jahrhunderts  er- 
k rinnt  werden  kann.' 


M.  (Jetiiiü  Faveiitimis  uml  oiii  Bienensegpii.  35 

t 

bereits  vurli;iuileii,  deiiii   unten  am   Kunde;  steht  lolgende    histo- 
rische Notiz: 

VI.  ID.    NOU.   TTartnnicns    ordinatiis  arehiepiscopus. 

Dieser  Hartuuic  ist  der  Erzbischof  von  Salzbui-g-,  der 
vom  Jalire  991  bis  l()2o  auf  dem  Stuhle  des  heil.  Rupert  sass. 
Genau  dieselbe  Notiz  über  Hartuuic  findet  sich  und  zwar  von 
derselben  Hand  wie  auf  dem  in  Rede  stehenden  Blatte  auch 
in  der  Hs.  selbst  und  zwar  54''  zum  Jahre  991.  Somit  steht 
fest,  dass  dit;  Hs.  schon  im  X.  Jahrhundert  vorhanden  war 
und  dem  Schriftcharakter  nach  ist  sie  an  der  Scheide  des  IX. 
und  X.  Jahrhunderts  geschrieben.  Die  Hypothese  vom  Petrus 
Diacouus  ist  somit  vollkommen  irris-. 

Uebrig-ens  ist  dieses  kostbare  Blatt  )<!tzt  als  Suppl.  2867 
in  der  k.  k.  Hofbibliothek  aufbewahrt. 


2.  Ein  lateinischor  Bieiieiisoi^eii. 

Wurde  das  für  die  Literatur-Geschichte  des  Alterthums 
wichtig-e  Blatt,  über  das  bisher  die  Rede  war^  von  dem  Deckel 
der  Hs.  abgelöst,  so  gewährt  diese  Hs.  selbst  noch  ein  anderes 
Denkmal,  das  wohl  verdient  für  die  Sitten-  und  Literatur- 
geschichte des  Mittelalters  hier  mitgetheilt  zu  werden.  Die  ersten 
drei  Blätter  der  Hss.  enthalten  ein  ,Capitularium  libri^  und  sind 
verbunden.  Auf  dem  Blatt  2%  das  eigentlich  das  dritte  sein 
sollte,  steht  hinter  dem  rothen  Zahlzeichen  C  von  einer  Hand 
des  IX.  Jahrhunderts  folgender  Bienensegeu ,  d<Mi  ich  Zeile 
'  für  Zeile  mit  allen  Abkürzungen  hersetze,  die  unterpunctirten 
Buchstaben   sind  in  der  Hs.   durchstrichen. 

C.  Nuscelihiu.   N. 
Apis  modicula.  mater  matricula.  altü 
uolens  acuta  inpugnans  stans  naturale 
inpsü  sei.  apis  modicula   raater  matri 
cula.  quicerä  candidam  facis.  et  lu 

nien  ueracis    ante    dnnl  portacis  .apes 

uos  adiuro  '""p  angelos  maigestatis.  ut  mm 

3* 


36  Haupt. 

estra  limen 

habeatis  licentiam  comeatum  fug-ere. 
aios        scs  lucas.  scs  marcus,  scs  matteus.  scs 
aios 
aios        ioliannes  uos    eostodiät. 

•  Das  Stück  ist  äusserst  schadhaft;  statt  volens  iind  acuta 
in  der  ZAveiteii  Zeile  ist  offenbar  uolans  und  acute  zu  lesen, 
ebenso  in  der  vierten  Zeile  que  statt  qui;  mit  ueracis  und 
portacis  ist  kaum  etAvas  anzufangen.  Deutlich  aber  sieht  man. 
dass  Stab-  und  Endreime  beabsichtigt  waren,  wahrscheinlicli 
auch  Strophen  und  zwar  dreizeilige. 

Vielleicht  ist  dieser  Bienensegen  so  zu  ordnen:  • 

Nu  scel  ih  iu  N. 
Apis  modicula       mater  matricula 
altum  uolans       acute  inpugnans 
stans  naturale       in  spiritu  sancto. 

Apis  modicula       mater  matricula 

que  ceram  candidam  facis ? 

et  lumen  ueracis  (?ueritatis)       ante  dominum  portas 

Apes  uos  adiuro       per  angelos  maiestatis 
ut  non  licentiam  habeatis 
extra  limen  fuji^ere. 

Aios     Aios     Aios 
Sauctus  Lucas    sanctus  Marcus 
sanctus  Matheus    sanctus  Johannes 

uos  custodiant ! '^ 


'  Ich  sage  vielleicht,     doiiii    man    stelle   die  Vershälften    nm   in  den  ersten 
drei  Zfilen   und  man  erhält  drei   leidlich  stabgereimte  Verse: 
Älater  matricula  apis  modicula 

acute  inpugnans  altum  uolans 

in  spiritu  sancto  stans  naturale 

u.  s.  Av.,  ich  gestehe  nur,  dass  mir  dazu  die  Kühnheit  mangelt  und  somit 
will  ich  es  anderen  überlassen,  das  Ganze  herzustellen. 
2  Die  vier  Evangelisten    stehen    liiei-  nicht    miissig.     Ob   sie    irgend  welche 
alte  Götter   A'ertreten,    weiss  ich  natürli<-h  nicht,    dass  sie  aber  die  christ- 
lichen Hüter  der  vier  Weltgegenden  waren,  dafür  findet  sich    eine  classische 


M.  Cetius  Faventinuis  und  ein  Bienensegen.  37 

Fr.  Pfeiffer  hat  in  den  Sitzung-sberichton,  als  er  den 
ahd.  Lorscher  BieiiGnsegcn  bekannt  machte,  Rand  LII.  p.  1 7 
und  18  die  sänimtliehen  bis  daliin  bekannten  hiteiuisclien  und 
deutschen  Bienensegen  gesammelt.  Wenn  mau  diese  mit  dem 
unsrig-en  vergleicht,  so  sielit  man,  dass  die  beiden  lateinischen 
nur  wie  Trümmer  erscheinen.  Der  erste  in  der  Wiener  Hs.  751 
(Theol.  259)  X.  Jahrhundei-t  lautet:  Vos  estis  ancilli;'-  (hnnini 
vos  faciatis  opera  domini  adjuro  vos  per  uomen  domini  ne 
fugiatis  a  tiliis  hominum.  Der  zweite  lateinische,  den  Pfeiffer 
nach  St.  Baluze  Capitularia  regum  Francormn.  Parisiis  1780. 
Vol.  II.  663  ff.  und  zwai-  aus  einer  nicht  näher  bezeichneten 
St.  Galler  Hs.  mittheilt,  ist  gereimt,  was  Pfeiffer  übersehen  hat ; 
derselbe  lautet: 

Adjuro  te  mater  aviorum 

per  deum  regem  coelorum 

et  per  illum  redemptorcm 

filium  dei  te  adjuro 

ut  non  te  in  altum  levare 

nee  longe  volare 

sed  quam  plus  cito  potes 
'  ad  arborem  (venire  ibi)  te  alloces 

j  cum  omni  tuo  genere  vel  cum  socia  tua 

I  ibi  habeo  bona  vasa  parata 

ut  vos  in  dei  nomine  laboretis. 

Auch  hier  stimmen  cinzehn!  Wendungen  mit  dem  Salz- 
burger Bienensegen  überein.  Ebenso  zeigt  er  Verwandtscliaft  mit 
andern.  Wenn  es  im  Lorschcr  Bienensegen  heisst:  ,hurol6b  ni 


Stelle  in  der  von  mir  herausgegebenen  Erklärung  des  Hohen  Liedes  aus 
dem  XII.  Jahrhundert  (Wien.  1864.  8«)  S.  103,  17—30  ,Lucas  der  fiü-et 
die  norderen  christinhait  mit  der  cliunniuginiie  diu  Salonionc  ir  gebe 
brähte  .  .  so  füret  Matheus  die  westereu  ehristinliait  .  .  so  füret  Jolian- 
nes  die  osteren  christinhait  mit  den  drin  chuningcn  die  Christc  ir  gebe 
brähten  .  .  so  bringet  Marcus  die  sunderen  cliristinliait  mit  den  trien  frowcn 
die  sin  wiseten  ze  deme  grabe  mit  ir  geselbe'  .  .  Ich  hoffe,  es  wird  sich 
kein  deutscher  Mythologe  beifallen  lassen,  beim  Nordhiitcr  Lucas  an  Loki, 
und  beim  Südhüter  Marcus  an  den  Marchel  oder  Marcliorel  den  Mören 
König  zu  denken,  zu  welchem  der  Weg  über  , Sunders'  führt.  Wen 
würde  ein  solcher  Mythologe  wo!  für  den  Matheus  und  Johannes  in 
.seine    alten    Rechte'  einsetzen  ? 


38  Haupt.    M.  Cethis  Fiiventiiuih  nnd  piu  Bienensegen 

habe  du  .   .  noli  du  mir  iiindriuiics'    so  entspricht  dem  ,ut  iion 
licentiam  (commeatum)  habeatis  extra  limon  fugcre^ 

Andere  Bienensegen  gedenken  des  Honigs  und  Wachses_, 
das  die  Bienen  wirken  sollen^  ohne  den  kirchlichen  Gebrauch 
zu  betonen.  Diesfes  geschieht  nur  in  einem,  den  J.  F.  L.  Woeste, 
Volksüberlieferungen  in  der  Grafschaft  Mark.  Iserlohn.  1848, 
S.  52  mittheilt: 

Liebe  Bienenmutter,  bleibe  hier! 

ich  will  dir  geben  ein  neues  Haus, 

darin  sollst  du  bauen  Honig  und  Wachs, 

damit  alle  Kirchen  und  Klöster  gezieret  werden. 

Das  ist  bisher  der  einzige  Spruch,  der  die  Bienenmutter, 
die  mater  matricula  des  Salzburger  Segens  kennt.  Unter  allen 
diesen  Segen  wird  der  Salzburger  seinen  ersten  Platz  behaupten, 
auch  wenn  ein  anderer  gefunden  wird,  und  zwar  als  ein  Stück 
von  stabreimender  lateinischer  Poesie,  das  von  der  Kirche 
selbst  muss  ausgegangen  sein,  also  zu  einer  Zeit  entstanden  ist, 
als  sie  noch  ein  Interesse  hatte,  das  hcisst  gezwungen  war, 
in  der  Form  der  Volksdichtung  zu  reden.  In  der  ersten  Hälfte 
des  IX.  Jalu-hunderts  wird  er  gemacht  und  niedergeschrieben 
worden  sein,  als  der  Stabreim  auch  bei  den  südlichen  Stämmen 
noch  in  voller  Kraft  wirkte. 

Nachtrag.  Auf  mehrseitige  Anfragen,  ob  denn  wirklicli 
CETI  in  der  Hs.  stehe,  erkläre  ich,  dass  an  CETI  graphisch 
nicht  zu  zweifeln  sei.  Wahrscheinlich  hatte  aber  der  Schreiber 
in  seiner  (?  Uncial-)  Vorlage  CEII  vor  sich,  und  wie  leicht  I 
imd  T  in  Uncial-Hss.  zu  verwechseln  sind,  ist  bekannt. 


Mnssafia.     Uebor  die  spanischen  Versionen  der  Historia  Tio.jan>i  39 


Ueber  die  spanischen  Versionen  der  Histoi'ia  Trojana. 

Von 

Dr.  Adolf  Miissafla, 

wiiklicliem  Mitgliede  der  k.  Akademie  der  Wissenschaften. 

im  vierten  Bande  seiner  Historia  critica  de  Ui  Uteratura 
espcuiola  (1863,  S.  344  ff.)  macht  uns  Amador  de  los  Rios  mit 
manchen  Handschriften  spanischer  Bibliotheken  bekannt,  welche 
Darstellungen  der  Trojanischen  Sage  enthalten.  Voi-  alhnn  ziehen 
unsere  Aufmerksamkeit  zwei  Handschriften  auf  sich,  welche 
beide  einen,  der  Ang-abe  des  Verfassers  nach,  vollkommen 
übereinstimmenden  Text,  aber  in  verschiedener  Sprache,  dar- 
bieten; die  eine  —  Escorialbibliothek  H.  1.  6  —  castilisch; 
die  andere  —  Osunabibliothek  I.  N.  16  —  galicisch.  Die 
Unterschriften  der  zwei  Codices,  welche  Rios  mittheilt,  sind  in 
der  That  ganz  gleichlautend.  Beide  sind  im  Deccmber  1350 
vollendet  worden  und  in  beiden  nennt  sich  sog-ar  der  Schreiber 
Nicolas  Gonzales.  Es  kann  daher  von  zwei  sclbstständigen 
Uebersetzungen  aus  dem  Lateinischen  wohl  kaum  die  Rede 
sein.  Bei  der  Besprechung  dieses  Textes  geht  Rios  von  Guido 
de  Columna  aus.  Dieser  habe  ein  Buch  geschrieben  ,intitulado 
Historia  Trojana,  sacado  de  las  supuestas  de  Dictys  de  Greta 
y  de  Dares  de  Frigia,  ä  las  cuales  anadio  multitud  de  hechos 
.  .  .,  vistio  ä  los  personages  ...  al  uso  de  la  edad  media,  do- 
tölos  hasta  de  las  prcoeuijaciones  volgares  y  animolos  finalmente 
de  cuantas  cualidades  distinguian  al  tipo,  ya  generalmente 
recibido,    de    los  caballeros.'     Dann  sei  das  Buch  in's  Franzö- 


40  Mnssafia. 

sische  übertragen  worden,  ,y  al  toma]-  plaza  en  aqiiella  litera- 
tura,  donde  el  arte  caballeresco  .  .  .  habia  llegado  ä  su  mas 
alto  desarrollo,  no  solauiente  adquiria  mäs  decisivo  colorido  en 
la  pintura  de  las  costumbres  y  de  los  sentimientos ,  sino  que 
llegaba  ä  convertirse  en  un  verdadero  libro  de  caballerias/ 
Woher  weiss  nun  Rios,  welchem  (wie  wir  gleich  sehen  werden) 
Benoit's  Werk  unbekannt  blieb,  von  einer  derartigen  Entwicke- 
lung  des  ritterlichen  Elementes  in  einer  französischen  Redac- 
tion?  Offenbar  nur  aus  der  Escorialhandschrift,  von  der  ja  der 
Catalog  (vgl.  Ebert  im  Jahrb.  für  rom.  Litt.  IV  65)  sagt,  sie 
enthalte  eine  ,Historia  de  la  guerra  y  ruina  de  Troya  .  .  .  tra- 
ducida  del  frances  al  castellano  u.  s.  w.^  Allerdings  kann  es 
Rios  nicht  über  sich  bringen,  dieser  Angabe  des  Catalogs  '  zu 
erwähnen  und  ein  licstimmtes  Abhängigkeitsverhältniss  der 
spanischen  Schrift  von  der  französischen  anzuerkennen;  im 
Grunde  aber  nimmt  er  doch  für  die  in  Rede  stehende  Fassung 
folgendes  Filiationsverhältniss  an: 

Lateinische  Prosa  des  Guido. 

Französische  erweiterte  Umarbeitung. 

I 
Castilisch-galicischer  Text. 

Dass  Guido  und  der  französische  ausführlichere  Text  sich 
unter  einander  ganz  umgekehrt  verhalten,  ist  allgemein  be- 
kannt ;  es  Hesse  sich  demnach  schon  von  vorneherein  mit  ziem- 
licher Bestimmtheit  sagen,  der  spanische  Text  stehe  in  keiner 
anderen  Beziehung  zu  Guido,  als  dass  beide  von  einer  und 
derselben  Quelle,  dem  französischen  Gedichte  des  Benoit  de 
Sainte  More,  fliessen.  Findet  man  daiin  eine  Stelle  aus  dem 
Prologe  citirt,  worin  B  e  n  e  y  t  o  d  e  S  a  n  c  t  a  AI  a  r  i  a  in  eigener 
Person  auftritt,  so  gewinnt  die  ohnehin  gar  leichte  Conjcctur 
wesentlich  an  Glaubwürdigkeit,  denn  Letztoren  als  den  ,traduc- 
tor  castellano'  anzusehen,  kann  nur  Dem  möglich  sein,  welcher 
entwedei-  wie  Rios  von  Benoit  nie  etwas  hörte  oder  an  gar 
sonderbare  Zufälle  zu  glauben  geneigt  ist. - 


'  Rührt  sie  vom  Verfasser  des  Cataloges  her  oder  ist  sie  der  Hs.  entnommen  ? 
-  Wenn  F.  Wolf  dieser  kleine  Umstand    entg-angen   ist  (Jahrb.  VI  89) ,  so 

wird  man  daraus  dem  Meister,  der  es  mit  einem  dit-k bändigen  Werke  zu 

thun  hatte,  keinen  Vor\viu-f  machen  wollen. 


üeber  die  spanisclun  Versionen  der  Historia  Trojana.  41 

i 

IJebrig-ens  hat  Rios  selbst  —  wenn  aut-li   unw  illkiulieh  — 
dafür  gesori^-t,  dass  jeder,  Zweifel  behoben   wird,  und  zwar  da- 
durch, dass  er  zwei  kurze  Stellen  aus  der  castilischen  Version 
niittheilt.     Wir  besitzen  somit  das  Mittel,    nicht  blos  mit  aller 
Bestimmtheit   zu    constatiren,   dass    der  spanische  Text  Benoit 
\viederp;ibt,  sondern  auch  die;  Art  zu  beobachten  ■ —  so  weit  es 
an  einer  so  kleinen  Probe  möglich  ist  —  wie  sich    die  Ueber- 
i  tragung  zum  Oi-iginalo  verhält.    Wir  führen  zuerst  die  zweite, 
\  als  die  entscheidendere  Stelle  an.  Sie  betrifft  die  Kricgsthaten 
I  einiger    der   Bastarden    des  Königs  Priamus.     Guido    kürzt    da 
nach  |Sciner    Art    die    Darstellung    des   Benoit    bedeutend    ab. 
j  Während     der     französische    Trouvere     bei     jedem    einzelnen 
I  Kampfe  sich  in  Details  einlässt,  begnügt  sich  Guido,  in  wenig 
I  Zeilen  die  Namen  von  Siegern  und  Besiegten  dürr  aufzuzählen. 
!  Nachstehende  Gegenüberstellung  zeigt  hingegen,  wie  genau  der 
i  spanische  Text  seinem  Originale  folgt,    welches    er    sogar   hie 
(  und  da  durch  kleine  Zusätze  erweitert.    An   einer  Stelle  (W. 
9842 — 44)  hat  er  seine  Vorlage  durch  Einschiebsel  ausgerenkt 
und  aus  einem  Krieger  mehrere    gemacht.    Eine    andere  (9865 
— 69)  hat  er  offenbar  missverstanden. 

Benoit'.  Castilisclie  Version. 

9836  Uns  arairauz  Morins  d'A-  Meneleus,  hermano  de  Ector, 

resse  justo  con  Meriens,  almirante  de 

Est  chettz  morz,  ne  ves-  Aresa,   et  diöle   un    tan    grant 

qui  plus,  golpc  que  lo    cchö    nuierto    en 

Tel  colp  li  dona  Menalus.  tierra. 

Hisdoz    ses  frercs    i    ra-  Infraus,  su  hermano,  fuc  ferir 

teint,  un  conde  de  los   gricgos,    que 

40  Un  richc  coute  a  si  om-  lo  echö  delante   de    si    de    tan 

point  grant  fucrca  que  In  lanco  luene 

Que     inort    Ic    scivre    de  dv,  la  siclla. 

la  sele. 


'  Die  betreffende  Stelle  fehlt  in  fler  Wiener  Hs.,  welche  (in  der  Mitte  der 
Spalte)  von  V.  '.)1-21  .auf  V.  'J'M\r>  dci-  Ausgabe  Joly's  ab.sjjringl.  Die  Be- 
merkung Fromanns  (Geruiaiiia  II  \'.).i),  dass  der  Inhalt  der  Verse  5479 
—  .jS-Jl  Ijei  Herliort  in  dem  französischen  Gcdielite  überhaupt  fehle,  ist 
demnach  zu  raoditiciren. 


42 


Muss  af  ia 


Cliiriiis  sa  lance  i  escailclu, 
Parnü  le  corsliert  un  Grezeis 


Estrait  de  contcs  et  de  reis. 


45  Melles  d'Oreb,  nicsfuTlioas, 

Josta  ä  Cclidüiiias 

Quo  des  aryons  l'a  renvcrse 

Et  parmi  la  ehiere  navre. 
Erinagoras  son  frere  veng-e, 


50  Celui  tiert  si  desoz  la  renge 

Qne  li  pormons  et  la  boele 
Li  chietsor  Tarcon  de  la  sele. 

Sediiis  iert  uns  riches  reis 
Et  molt  preisiez  entre  Gre- 
zeis, 
55  A  lui  josta  Madan  Clavoil, 


Si  l'a  fern  tres  parmi  l'oil 
Qiie  fors  del  chicf'li  est  volez. 

Do  l'angoisse  chaist  pasmez, 
S'il  110  so  fust  tonus  as  niains ; 


Ciütus  diö  otrossi  una  tal 
laneada  ä  un  griego  por  medio 
del  cuerpo 

quel  puso  la  lanca  fuera  de  la 
otra  parte  et  lo  echo  muerto 
en  tierra. 

Et  aqueste  Gintus  firio  ya 
en  aquesta  batalla  otros  condes 
majores  et  nienasara  muy  mal 
rauchos  reyes. 

Otrossi  un  sobrino  del  rey 
Toas  que  avya  nombre  Meles- 
Dorcp  et  justo  con  Celidonias, 
hermano  de  Ector;  diöle  una 
ferida  que  le  liso,  mal  su 
grado,  dexar  la  siella  et  firiolo 
muy  mal  en  el  rostro. 

E  quando  esto  viö  un  su 
hermano,  a  quien  desian  Ergo- 
maras,  pesöl  m.uclio  et  punnö 
de  lo  vengar,  et  ürio  el  cavallo 
de  las  espuelas  et  fuc  ferir  a 
Meles-Dorep  de  una  tau  grand 
ferida  en  medio  del  vientre 
que  luego  le  liso  salir  las  tri- 
pas  et  los  pulmones  por  sobre 
el  arzon  de  la  siella. 

Mata-Claruel ,  hermano  de 
Ector  otrossi,  que  era  de  parte 
de  los  Troyanos,  fuc  justar 
con  un  rey  que  avya  nombre 
Cedius;  et  aqueste  rey  era 
muy  presciado  et  muy  amado 
de  los  griegos.  Et  diöle  Mata- 
Claruel  una  grant  ferida  en  el 
ojo  que  gelo  lanco  luego  fuera 
de  la  caboya  et  el  cayo  luego 
cn  tierra  amortesyido. 


Ueber  die  spanischen  Versionen  iler   Ilisloria  Tiojana. 


43 


60 


65 


Desor    n'est   mic    dcl    tont 

sains. 
Bicn     üert      Sardines      de 

Vertfuil 
Clin     Chevalier    de     i^rant 

orguil 
A  si  fern  au  premier  poiiidre 
Quo     niort    l'a     abatu     au 

joiiidrc. 

Es    rens    s'cst   mis  Marga- 

riton, 
Fuis  va  ferir  roi  Tlielamon 
Parmi  l'escu  de  tel  air 
Que  li  a  fet  le  fer   sentir; 


Otrossi  coi)  la  ^i'ant  cojta 
quc  avya  Sodes  de  Verssei, 
licrmano  de  P^ctor,  justo  con 
un  almirante  quo  fallö  aiit  si 
(juc  era  de  uiuy  grant  orguUo, 
et  diölc  uua  tant  grant  ferida 
quel  derribo  del  cavallo  et  dio 
con  el  muerto  en  tierra. 

Margariton  fue  ferir  per  nie- 
dio  del  escudo  per  tant  grand 
fueroa  al  rey  Talamoii  cnti'c 
todos  los  suyos  que  le  non 
presto  armadura  que  troxiesse 
Sc    dreit    alast,    mort   fust      et  pasöl    el    fierro    todo    de    la 


70 


Sans  faillc. 


Cil    trait   l'espee    qui    bien 
taille; 


Tel  li  donna,  de  set  semaines 
Nc  furont  pas  ses  plaies  saines. 

A  Protlienor  Joint  Phauoel 


Que  jus  '  le  porte  de  Morel; 
75  Sc  n'i  vonist  si  tost  aie, 
N'cn  portast  raio  de  la  vie. 


otra  parte  et  salliö  fuera  de  la 
lan9a  et  fuesse  a  derecho;  sinon 
fuera  luego  su  fin. 

Et  Talamon  con  grand  dcs- 
pecho  quc  ovo  tirö  luego  su 
espada  muy  bien  tajant  et  de 
muy  grant  prescio  et  dexose 
correr  a  el,  et  comcn^ölc  ä 
dar  con  olla  muy  grandes 
feridas  et  llago  en  el  tan  nuil 
que  por  dos  meses  non  podia 
ser  bien  sano,  por  muy  buen 
rnaestro  que  aya. 

Protenor  otrossi  que  era  de  la 
parte  de  los  griegos  y  era  mucho 
fardido,  et  fue  justar  con  Fa- 
nuel,  hermano  de  Ector,  etdiöle 
una  tant  gi'ant  ferida  quo  lo 
echo  en  tierra  dcl  cavallo. 

Et  sabet  que  don  Fanuel  per- 
dicra    alli    el    cuerpo,    si    non 


Joly   vis. 


44 


M  u  SS  afia. 


Biiins  de  Gimax  l"a  secoru, 

Prothenor  fiert  parmi  l'escu, 

Que  les  estriers  li  fet  g-uerpir 

80  Et    les    regnes    del    poing 

saillir, 

Que  riiialmc  fcrist  el  sablon, 

En  pardesus  sont   li   talon. 

A  Ulixes  josta  Mathan, 
Qui    piiis    en    trest    assez 

ahan; 
85  Car  en  la  ciiisse   le  navra^ 
Que    por    un    poi    ncl  ma- 

haigna. 
Ahnadian  le  dut   vengier, 
Car    la    teste   Ten   üst    sei- 

gnier, 


Oü  il  ferist  tex  treis  colees 
90  Qui  puis  fuient  cliier  com- 
parees. 
Emelins  et  Doroscalcus 


S'entredonnerent  es  escuz 
Si  que  les  lances  pecoierent 
Et  qu'ä  la  terre  s'abatierent. 


fuera  tan  toste  acorrido  como 
luego  fue  alli^ 

raa  acoi'iolo  luego  su  hermano 
Bion-Junel  et  dio  una  tant 
grand  ferida  ä  Protenor  por 
medio  del  escudo  que  le  liso 
sacar  amos  los  pies  fuera  de 
las  estriberas  et  le  liso  dexar 
las  riendas 


et  abraear  la  cerviz  del  cavallo. 

El  rey  Ulixas  otrossi  justo 
con  Matas,  fijo  del  rey  Priamo, 
et  diole  una  tant  grand  ferida 
quel  llagö  muy  mal  en  el 
muslo  et  oviera  de  perder  la 
vida, 

si  non  que  le  acorriö  su  her- 
mano Almadias  et  dio  una  tant 
grand  ä  Ulixas  de  la  espada 
que  traya  por  cima  del  yelmo 
que  le  liso  salir  muclia  sangre 
de  la  cabeca:  desi  diole  otros 
tres  golpes  muy  grandes  que 
despues  ovo  el  comprados. 

Duyndas-Daglus,  otrossi  her- 
mano de  Ector,  justo  con  Eme- 
les  que  era  griego,  et  dieronge 
amos  tant  grandes  lancadas 
que  qucbrantaron  en  si  las 
lancas  et  derribäronse  amos  en 
tierra  de  los  cavallos. 


Hier  nun  die  zweite  Stelle  aus  dem  Prologe : 

Todos  aquellos  que  verda- 
derami'nte  quisiei-edes  saber  la 
estoria  de  Troya,  non  leades 
por  un  libro  que  Omero    fiso; 


Ueber  Jie  spanischen  Versionen  der  Ilistoria  Trnjaiui 


45 


et  desirvos  lu;  pur  quäl  rason. 
Habet  que 
45  Omers    qui    {"u    clers    nier-  Omero  fuc  uu  graiid  sabidor 

veillos 
Des  plus  saclianZj  90  trovon 

uos, 

Escrit  de  la  destruction,  et  fiso  un  libro,  cn  que  escri- 

Del  g-rant  siege  et  de  l'ache-      viu  toda   la   estoria   de  Troya, 

son,  assi  como  el  aprendio,  et  puso 

Pur  quo!  Troio  fu  desertee,      en  el    como    fuera    cercada    et 

destroyda 
50  Qui  aiiic  puis  ne  fu  i'abitee;      et    que    nunca   despues    fuera 

poblada. 
Mes  ne    dit    pas    sis   livres  Ma  este  libro 

veir 
Kar  bien  savous    sans    uul 
espeir 

Qu'il  ne  fu  puis  de  c.  anz 

nez 
Que  li  granz  oz  fu  asseni- 

blez. 

55  N'est  merveille  s'il  i  faillit      et    poi'    ende    no    pudo    saber 
Qui  one  n'i  fu  ne  riciis  n'i      verdaderaniente    la    estoria    en 
vit.  ^  como  passara. 

Et    fue    despues    este    libro 
quemado  en  Atenas. 


üso  el  despues  inas  de  cieut 
auuos 

que  la  villa  fuc  destroyda; 


Dieser  letzte  Umstand  ist  in  Benoit  nicht  zu  Hilden.  Er 
sagt  im  Gegentheilcj  dass  sich  wohl  geg-en  Homer  grosser 
Widerspruch  erhob,  dass  man  ihn  der  Thorheit  zieh,  dass 
Viele  sein  Buch  entschieden  ablehnten,  dass  aber  seine  Tüoii- 
tigkeit  und  seine  soustigen  Leistungen  bewii-kten,  dass  das 
Buch  doch  endlich  angenommen  wurde  und  in  grossem  An- 
sehen stand.  Sollte  das  Spanische  auf  irgend  einem  Missver- 
ständniss  der  Verse 

57  Quant  il  en  ot  son  livre  fait 
Et  a  Atlienes  fu  retrait 
Si  ot  estranye  contencon 


4G 


M  u  s  s  a  f  i  a. 


beruhen?  Oder  hat  der  Uebersetzer  viehnehr  mit  Vorsatz  den 
griechischen  Dichter  abthun  wollen?  Letzteres  ist  wohl  wahr- 
scheinlicher. 

Benoit  füg-t  g'leich  hinzu,  Homers  Autorität  habe  so  lang-e 
g-ewährt,  bis  Corn(4ius  in  einem  Schranke  die  Schrift  Dares' 
fand.  Er  lobpreist  darauf  die  Wahrhaftigkeit  Dares',  um  dann 
noch  einmal  des  Cornelius,  welcher  die  griechische  Schrift  in's 
Lateinische  übertrug,  zu  gedenken.  Ln  Spanischen  Avird  Cor- 
nelius nur  einmal  und  zwar  an  zweiter  Stelle  erwähnt.  An  die 
oben  angeführte  Stelle  schliesst  sich  nämlich  unmittelbar  fol- 
gende  an : 


89  eist  Daires  que  vos  ci  oez 


90  Fu  de  Troie  norriz  et  nez; 
Dedenz    esteit,     onc    n'eu 

issi 
92  Deci    que    l'oz    s'en    de- 

parti  .  .   . 

97  Por  90  qu'il  si    grant    vit 

l'affaire, 
Que   ainz    ne   puis    ne    fu 

nus  maire, 
Si   volt  les  faiz  metre    en 

memoire ; 

100  En     gregeois     en     escrist 

l'estoire. 
Chascon  jor  issi  l'escriveit 
Com  il  a  ses  ielz  le  veeit. 
Tot  quant  il  feseient  le  jor, 
Ou  en  bataillc  ou  en  cstor, 
105  Tot  escriveit  la  noit  apres. 
Et    eist    que    gie    vos     di 

Dares 
Unc  par  ainor  ne   se  volt 

taire 


Mas  leet  el  de  Dytis,  aquel 
que  verdaderamente  escriviö 
estoria  de  Troya  en  como  pa- 
sava, 

por  ser  natural  de  dentro  de 
la  cibdad  et  estudo  presente  a 
todo  el  destruymiento,  et  veya 
todas  las  batallas  et  los  graudes 
fechos  que  se  y  fasian. 


et  escrivia  siempre  de  noche 
por  SU  mano  en  qudl  guisa  el 
fccho  pasava. 

Et  porque  era  natural  de  la 
villa,  desamava  los  griegos  de 
todo  corazon  et  nunca  quiso 
dexar  la  verdat  de   la    estoria 


Ueber  die  spanischen  Versionen  der  llistoria  Trojuna.  47 

De    hl    vortc    dire    et    re-      toda  en  cüiiiu  [lassuvan  lo«  de 
traire.  fuera  et  los  de  la  cibdat. 

Por  CO  qii'il  fu  des  Troiens 
110  Ne  se  pendi  plus  vers  les 
siens, 

Ne  plus  que  vers  les  altres 
tist, 

De  l'estoire  le  veir  escrist. 

Auffallend  ist  liier  die  VerM'eelislung-  von  Dares  mit 
Dictys,  um  so  mehr,  als  Benoit  den  I^etzteren  an  dieser  Stelle 
noch  gar  nicht  erwähnt.  Guido  nennt  hier  Beide  und  spricht 
von  einer  Art  gemeinschaftlicher  Arbeit  des  Trojaners  und  des 
Griechen.  Die  letzte  Periode  ,Et  porque  etc/  gibt  nur  dann 
einen  befriedigenden  Sinn,  wenn  man  die  Conjunction  vor 
niincn  streicht  und  vor  desamava  einschiebt;  dadurch  erhält 
porque  bei  negativem  Hauptsatze  concessive  Bedeutung:  ,obwolil 
er  ein  Trojaner  war  um!  die  Griechen  herzlich  hasste,  so  wich 
er  dennoch  nicht  von  der  Wahrheit  ab/ 

In  einer  Anmerkung  theilt  dann  Rios  folgende  Stelle  mit, 
welche  offenbar  an  die  zuletzt  angeführte;  si(di  unmittelbar  an- 
schliessen  muss.  Da  hier,  wie  gesagt,  zum  ersten  Male  des 
Cornelius  Erwähnung  geschieht,  so  werden  hier  sowohl  die 
VV.  71  —  88  als  112—118  frei  benützt,  und  daher  ist  die 
Uebereinstimmung  eine  weit  weniger  auffällige: 

,Et  sabed  que  este  libro  fue  perdido  luengo  ticMnpo  ',  et 
acaes^io  despues  que  lo  falle  Oornelio  en  la  cibdal  de  Atenas- 
et  transladolo  luego  de  griego  en  latin  ^  qu(;  non  tollii')  niu 
aiiadio  nada  por  non  cuidai'  que  la  estoria  era  suya.  Et  este 
Cornelio  era  omme  sabidor  et  sabia  todos  los  lenguajes  '. 

Um  Alles,  Avenn  auch  noch  so  Geringfügiges,  zu  erwähnen, 
was  den  Zusammenhang  dieser  Version  mit  Benoit  beweist, 
wollen  wir  noch  daran  erinnern,  dass  Rios  auch  aus  (hnn    gali- 


'  113  Lonc  toiis  fii  sis  livrcs  pcnlus. 

2  82 — 87  l\  Athenes  .  .  .  a  trove  l'ostoire  IIT)  ;'i   Atlieiips  le  trova. 
•*  IIG  le  translata  De  grien  le  fonia  en  latiii  '   7i* — 80  Cornelin-^  ...  de 

letres   sages  et  fuudez. 


48  Mussafia. 

cischen  Texte  ein  paar  Zeilen  aufüln-t.  Es  sind  jene,  mit  wel- 
chen die  im  Anfange  defecte  Handschrift  anhebt: 

2063  Cil  orent  conte  et  retrait  Agora    dis    o    conto    quo    os 

^o  qu'a  Troie  lor  ot  Ten  griegos     ovieron     grau    pesar, 

fait .  .  .  quando   lies    Ercoles    e    Jason 

2070  Grant  tort,    grant  despit  contaron    a   gran    desoura  e  o 

et  grant  honte  gran  pesar  que  lies  avia  feyto 

Lor  fist  LaomedonslireiS;  el    rey    Laomedon    de    Troya 

Molt  en  a  pese  as  Grezeis.  enno  puerto  de  Semeonta. 

Guido  hat  nur:  , Jason  et  Hercules  regi  Peleo  et  aliis 
Graeciae  regibus  a  Trojano  rege  eis  injuriam  illatam  expo- 
nunt/  erwähnt  aber  nicht  des  Aei'gers,  welchen  die  Griechen 
darüber  empfanden.  '^ 


Im  Zusammenhang  mit  der  bisher  besprocheneu  Hs.  der 
Escorialbibliothek  H.  I.  6  bringt  Rios  manche  andere.  Er  sagt: 
,Demas  de  los  referidos  Codices  se  guardau  en  el  Escorial  otros 
dos  distintos  y  signados  V.  H.  1  y  L.  H.  16.  La  Biblioteca 
Complutensc  poseyo  otro  ms.,  segun  cousta  al  fol.  53  de  su 
primitivo  inventario  y  la  de  la  reina  Catolica  otros  dos,  seiia- 
lados  en  su  Biblioteca  cou  los  nümeros  119  y  120.''  Ob  aber 
alle  diese  Hss.  denselben  Text  wie  den  bisher  besprochenen 
enthalten  ?  Für  eine  derselben  wenigstens  weissen  wir,  dass  dem 
nicht  so  ist.  Von  der  Escorialhs.  L.  H.  16  sagt  Bayer  in  einei 
Anmerkung  zu  Antouio's  Bihliotheca  hispanica  vetus  II  195, 
sie  enthalte  eine  metrische  Version  der  Geschichte  Troja's  und 
führt  daraus  acht  Verse  ein.  Versucht  mau  an  diesen  die 
Quelle  zu  erkennen,  so  wird  man  wohl  geneigt  sein,  eher  Be- 
uoit  als  Guido  als  solche  zu  bezeichnen.  Diomedes  schickt  der 
Briseis  zum  Geschenke  das  von  ihm  eroberte  Pferd  des  Troilus. 


Vielmelir  100  nnd  110.  Siehe  den  von  Cleraencin  liernnsgegebenen  Cata- 
loo-  in  den  Memorinft  de  la  real  Acailrmiu  fhi  la  hhloria  VI  452.  Diese 
zwei  Hss.  werden  übrigens,  wie  viele  andere,  in  die  E.scoriiilbibiiotlu'lv 
gewandert  sein,  und  ni;i<.'  dalicr  die  t-inc  oder  die  andere  mit  ira'cnd  einer 
der  drei  obenangeführten  Eseorialliss.  identisch  sein. 


Ueber  dif>  spanischen  Versionen  der  llistoria  Trojana.  49 

Benoit.  Hs.  L.  IL   IC. 

Devant  la  pucele  est  veiuiz  El  doncel  de  qiie  tue   entrado 

Puis  est  entrez  el  paveilluu  Y  vio  entrar  a  la  doncella, 

A  la  pucele  saluee  .  .  .  [Assi]  como  era  ensenado 

De  par  son  natural  seignor:  Los  hinojos  finco-  ant  ella 

,üame,  fist  il,  cest  milsoldor         Et  dixol:  ,Senora  mia, 
Vos  euveie  par  druerie/  Salüdavos  Dioniedcs 

Et  por  mor  de  vos  embia 
Este  cavallo  que  vedes.' 

Bei  Guido  lautet  die  Stelle : 

jNuucius  igitur  statim  cum  ipsius  equi  dono  ad  Briseitlani 
celeriter  festinavit,  equum  sibi  obtulit  a  Diomede  transniissum 
il   verba  quae  dixit  sibi  Diomedis  lideliter  narrat  sibi/ 

Wir  hätten  somit  zwei  spanische  Fassungen  kennen  ge- 
lernt, welche  auf  Benoit  zurückgehen. 


Sehen  wir  uns  nun  um  die  anderen  um,  so  begegnet  uns 
die  wohl  bekannte  Mittheilung  des  Fernando  Perez  de  Guzman, 
welcher  von  seinem  berühmten  Oheim  Pedro  Lopez    de  Ayala 
(1332—1407)  sagt:  ,por  causa  del  son  conocidos  algunos  libros 
ique  antes  no  lo  eran,  ansi  como  ei  Tito  Livio,  las  Caidas  de  los 
Principes,  los  Morales  de  San  Gregorio,  el  Ysidoro  de  Summe 
iBono,  el  Boecio,  la  historia  de  Troya/     Dass  damit  nicht  ge- 
meint sein  könne,    er  habe  etwa  zuerst  die  Originalwerke  zur 
allgemeinen  Kenntuiss  gebracht,  ist  besonders  mit  Hinweis  auf  das 
iVVerk  Isidor's  des  Spaniers  von  Ticknor  (übersetzt  von  Julius  I 
il49)  richtig  hervorgehoben  worden;  es  kann  hier  nur  von  Ueber- 
setzungen  die  Rede  sein.  Und  da  es  sich  überall  um  lateinische 
Werke    handelt,    so    wird    man  der  allgemeinen  Annahme  bei- 
pflichten ,    welche    in    der    historia   de  Troya  das  Buch  Guido's 
prblickt.     In    diesem  Sinne    hat    dann  Perez  —  dem    übrigens 
lie  Uebersetzung  aus  Benoit  vom  J.  1350  unbekannt  geblieben 
sein   wird    —  Recht,    wenn    er    seinem    Oheim    das    Verdienst 
leimisst;  dieses  Werk  zuerst  in  Spanien  eingebürgert  zuhaben. 
Die  Frage,    ob  Ayala   die  Uebersetzung  selbst   verfertigt    oder 

Sitzb.  a.  pbil.-hist.  Ol.  LXIX.  Bd.   I.  Hft.  4 


50  M  a  s  8  a  f  i  a. 

nur  veranlasst  habe,  ist  von  den  Literai'historikern  nicht  gleich- 
massig  beantwortet  worden.  Von  Antonio  abgesehen,  welcher 
aus  ungenügendem  Grunde  Perez'  Angabe  in  Zweifel  zieht, 
meint  Capmany  (Teatro  etc.  I  50),  der  Kanzler  habe  die  Ueber- 
setzung  verfertigen  lassen ,  Ticknor  (a.  a.  O.)  entscheidet  sich 
weder  für  die  eine  noch  für  die  andere  Annahme,  Rios  dagegen 
erklärt  nicht  blos  Ayala  ganz  bestimmt  als  den  Uebersetzer, 
sondern  führt  selbst  eine  Handschrift  an  —  Bibliothek  des 
Herzogs  von  Osnna  IL  M.  23  — ,  welche  die  Arbeit  des  be- 
rühmten Mannes  enthalten  soll.  Er  sagt  aber  leider  nicht,  ob 
sich  diese  seine  Ansicht  auf  blosse  Vermuthung  oder  auf 
irgend  eine  bestimmte  Angabe  der  Hs.  stützt. 


Rios  fühi't  weiter  eine  Hs.  der  Osunabibliothek  an  — 
H.  M.  25  — ,  welche  zwei  Eigenthümlichkeiten  darbietet.  Ein- 
mal sind  in  die  Prosaerzählung  mehrere  Lieder  eingerückt, 
dann  gibt  sie  sich  als  eine  am  Ende  erweiterte  Recension  zu 
erkennen ,  da  das  letzte  Capitel  erzählt :  ,Cömo  vino  Bruto  ä 
acorrer  4  los  del  castillo  et  como  prendio  a  Pandoro  rey  de 
Grecia  et  lo  desbarato.'  Welcher  Zeit  die  Hs.  angehört,  wird 
nicht  gesagt ;  darf  man  aber  den  nicht  immer  ganz  zuverlässi- 
gen Angaben  Rios'  trauen,  so  muss  man  dieselbe  den  letzten 
Decennieu  des  XIV.  Jahrhundertes  zuweisen.  Wenn  nämlich 
Rios  sagt,  diese  neue  Uebersetzung  sei  kurze  Zeit  nach  jener 
von  Ayala  verfasst  worden,  so  muss  man  vermuthen,  dass  eben 
nur  das  Zeitalter  der  Hs.  ihn  bestmimt  haben  kann,  diese 
Version  weder  vor  noch  lange  Zeit  nach  Ayala  anzusetzen.  Ob 
er  übrigens  Recht  hat,  wenn  er  von  einer  neuen  Uebertragung  \ 
spricht  (hubo  de  traducirse  de  uuevo) ,  ist  nicht  ganz  sicher;; 
denn  die  in  Rede  stehende  Hs.  könnte  auch  eine  Ueberarbei- 
tung  einer  früheren  vorhandenen  Recension  enthalten. 


In  der  Bibliothek  zu  Benavente  ^  fand    sich  in  der  Mitte 
des  XV.  Jahrhundertes  ,1a  conquista    de    Troya    que    ronianzö 


1  Der  alte  Catalog    dieser  Bibliothek    wurde    von  Liciniano  Saez   iu  seinei 
Demonslracion  de  las  monedaa  de  Enrique  III  (Madrid  1804)  herausgege- 


üeter  die  spanischen  Versionen  der  Historia  Trojana.  51 

l'ccJro  de  Chenchilla'.     Nälieres    über    diese  Sclnifl    und  deren 
l'rlieber  konnte  ich  nirgends  üuden. 


Obwohl  wir  es  hier  blos  mit  den  castilisclien  Uebertra- 
^iing-en  zu  thun  haben,  so  dürfen  wir  doeli  nielit  die  catala- 
iiisehe  Uebersetzung  übergehen,  welche  Rios  in  einer  Hs.  der 
( »sunabibliothek  —  III.  M.  2  —  nachweist.  Sie  ist  im  .lahre 
i;'.G7  von  Jachme  Conesa  verfertigt  worden.  Dass  sie  Guido 
wiedergibt,  erhellt  aus  den  Anfangsworten:  .A  stancia  et  a  pre- 
iiaries  de  un  noble  hom  et  de  grant  compte,  qui  desijava  aver 
en  romauz  les  Istories  troyanes  qui  son  en  lati.^ 


Wir  gelangen  nun  zur  gedruckten  Cronica  Troyana.  Cle- 
mencin  sagt  in  seiner  Anmerkung  zum  oft  citirten  Catalog: 
,A  fines  del  siglo  (XV.)  se  imprimiö  la  cronica  Troyana  en 
Pamplona/  Diese  Ausgabe  wird  in  den  Bibliogi-aphien  von 
Grässe,  Brunet  u.  s.  w.  nicht  verzeichnet ;  wohl  aber  findet  sie 
sich  bei  Mendez  (Tipografia  espaüola,  ].  ed.  S.  383,  2.  ed.  S. 
184)  angeführt,  welcher  sie  nach  149G  ansetzt.  Eine  um  noch 
sechs  Jahre  ältere  aber  wird  vom  Rdatorlo  n  cerca  da  Bihlio- 
theca  Nacional  de  Lishoa  II  29  namhaft  gemacht,  und  zwar  zu 
Burgos  1490;  siehe  die  zweite  von  Hidalgo  besorgte  Ausgabe 
von  Mendez,  Madrid  18()1,  8.  307.  Clemencin  fährt  dann  fort: 
,y  Pedro  Nunez  Delgado  la  publice  con  algunas  ligeras  varia- 
ciones  en  Sevilla  el  ano  de  1509'.  Sarmiento  (Memorias  etc.  I), 
■dem  diese  Ausgabe  vorlag,  sagt,  Delgado  erkläre  darin  den 
i  alten    Stil    einer    früheren    von    einem    Fremden    verfertigten 


ben.  Icli  citire  nach  Cleraencin's  Anmerkung  zu  Nr.  109  und  llo  des 
oben  envähnten  C'atdiogo  de  la  hihlioteca  de  la  reina,  da  mir  Saez'  Buch 
im  Augenblicke  unzugänglich  ist. 
*  Grässe,  Tresor  II  230,  kennt  auch  eine  Ausgabe  der  Cronica  von  S«'villa  1502. 
Da  die  Zahl  in  Worten  ausgeschrieben  ist,  so  ist  an  einen  Fehler  nicht 
zu  denken.  Enthält  diese  nun  schon  die  Verbesserungen  Delgado's  oder 
reproducirt  sie  den  Incunabeldruck? 

4* 


52  Mussafia. 

Uebersetzung  gebessert  zu  haben  und  das  Nämliche  soll  nach 
Antonio  (1.  c.)  in  der  Ausgabe  von  Toledo  1512  '  zu  lesen  sein. 
In  der  von  mir  benützten  Ausgabe  von  Medina  1587  enthält 
Delgado's  Anrede  an  den  Leser  nichts  dergleichen.  Es  scheint 
also,  dass  Jene,  welche  nach  Delgado's  Tod  (f  1535)  das  Buch 
wieder  druckten,  die  Erklärung  des  Ueberarbeiters  als  über- 
flüssig unterdrückten,  und  so  konnte  es  werden,  dass  die  meisten 
Bibliographen  Delgado  als  den  Uebersetzer  bezeichnen. 

lieber  Delgado's  Vorlage  sind  wir  kaum  im  Stande, 
irgend  eine  Vermuthung  auszusprechen.  Sarmiento  meint  zwar, 
die  Uebertragung,  deren  Verbesserung  sich  Delgado  anmasste, 
sei  von  Ayala  gewesen;  es  sei  daraus  eine  Schrift  entstanden 
,con  un  estilo  que  ni  es  de  Ayala,  ni  del  siglo  XV.  ni  del 
siglo  XVI.  ni  de  ningun  siglo.'  Zur  Erhärtung  dieser  so  apo- 
diktisch ausgesprochenen  Ansicht  bringt  er  nichts  vor,  während 
Delgado's  Erklärung  derselben  durchaus  widerspricht.  Denn 
eine  von  Ayala  verfasste  oder  veranlasste  Arbeit  konnte  wohl 
kaum  von  irgend  Jemanden  als  fremden  Ursprunges  angesehen 
werden.  Dem  Gedanken  Sarmiento's  folgend,  der  Revisions- 
arbeit Delgado's  liege  Ayala's  Uebertragung  zu  Grunde,  spricht 
Mendez  (a.  a.  O.)  die  Vermuthung  aus,  es  könnte  die  Ausgabe 
von  Pamplona  Ayala's  unverfälschten  Text  enthalten  2.  Es  ist 
dies  aber  eben  nur  als  eine  allgemeine,  durch  kein  irgendwie 
annehmbares  Argument  unterstützte  Vermuthung  anzusehen. 
Eher  könnte  mau  fragen,  ob  die  Ausgabe  von  Pamplona  nicht 
etwa    eine    castilische,    die    Spuren    ihrer   Quelle    bewahrende 


'  jGuidonis  de  Columna  Trojaiia  histoina  ...  ab  extero  liomhie  in  hispammi 
translata,  ignotum  quo  tempore,  dicitur  in  fine  editiones  Toletanae  a. 
1512,  quam  P.  N.  Delicatus  procuravit  i'ecognita  a  se.et  in  pluribus  locis 
nieliore  facta,  atque  pcregrinis  verbis  a  peregrino  iiiterprcte  usurpatis  ex- 
purgata  vorsione,  ut  in  altera  recenti(ji-um  scriptorum  parte  annotatuin 
fuit'  (Bibl.  liisp.  vctus  II  195).  Es  ist  demnach  zu  verwundern,  dass  et 
in  der  Bibl.  bisp.  uova  II  223  sich  nur  zaudernd  ausspricht:  ,(P.  N.  D.) 
vertit  in  hispanvnn  sive  hispanani  interpretationem  antiquiorem  correxit  et 
supplevit.' 

2  Mendez  hatte  sich  vorgenommen,  ül)er  den  ,Verfasser  oder  Uebersetzer' 
der  Chronik  und  die  verschie'denen  Ausgaben  derselben  im  zweiten  Bande 
seines  Werkes  ausführlich  abzuhandeln.  Leider  ist  diesem-  Band  weder 
erschienen  noch,  wie  es  scheint,  iilnihaiipt  verfasst  wurden. 


lieber  die  dpanischen  Vei-biouen  der  Hiatoria  Troj.aiia.  53 

I  Recensioii  der  oben  erwähnten  catalanischeu  Ucbersetzung  ent- 
I  halte.    Auf  eine  solche    könnten    die  Worte  Dclgado's    einig-er- 
massen  passen '.     Andererseits  ist    zu    bemerken ,    dass    irgend 
I  ein  Zusammenhang  zwischen    der    oben    angeführten,    mit  Ge- 
j  dichten    untermischten  Version    der   Escorialhs.  \j.  II.   16    und 
I  Delgado's  Text  vorhanden  sein  muss,    denn    auch   dieser,    wie 
wir  gleich  sehen  werden,  spinnt  die  Erzählung  am  Ende  weiter 
fort    und    kommt    schliesslich    auf  Bruto  und  Pandraso  zu 
sprechen.  Es  bedürfte  einer  genauen  Untersuchung  aller  Hand- 
schriften-   und    Drucke,    um    deren     gegenseitiges    Verhältniss 
in's  Klare  zu  bringen;    unsererseits    mussten    wir   uns  hier  be- 
gnügen,   vorerst    die    aus  Benoit  fliessenden  Versionen   auszu- 
scheiden,   dann  in  Betreff  jener,  die  von  Guido  stammen  oder 
stammen    dürften,    die  Materialien    zu  einer    künftigen  Unter- 
suchung   zu    sammeln.     Diese    wäre    nichts    weniger   als  übcr- 
1  flüssig,  denn  es  handelt  sich  darum,  festzusetzen,  wie  weit  die 
j  vielen  Zusätze,  welche  Delgado's  Arbeit  —  wenigstens  nach  der 
I  Ausgabe    von    Mediua    1587    —    bietet ,    hinaufreichen.     Denn 
j  in  der  That,    wenn    auch    die    gedruckte  Crönica  Troyana   im 
i  Allgemeinen    zu    den    getreuen    Uebersetzungen    des    Werkes 
j  Guido's  zugezählt  werden  kann,  so  muss  doch  andererseits  auf 
die    zahlreichen    Zusätze    hingewiesen    werden,    welche    dem 
Werke  eine  wesentlich  verschiedene  Gestalt  geben.  Um  wenig- 
stens   einen   ganz    kleinen    Beitrag    zu    der    herbeigewünschten 
Untersuchung   zu   liefern ,  theilen  wir  hier  xcine  Uebersicht  ,des 
Inhaltes  der  Ausgabe  von  1587  mit. 

■  Allerdings  meint  das  ReJatorio  etc.  (Mendez-Hidalgo  1.  c.) ,  sclinn  der 
Druck  von  Burgos  1490  sei  die  ,primera  edicion  de  la  historia  fabulosa 
qne  compuso  Guido  de  Columna  traducida  on  Espaffol,  probablemente, 
por  Pedro  Nunez  Delgado',  und  diess  würde  gegen  die  Annahme  sprechen, 
Delgado's  Vorlage  sei  die  Ausgabe  von  Pamplona ;  die  Form  der  Angabe 
des  Relatorio  zeigt  aber  wieder,  dass  wir  es  hier  nur  mit  einer  obenhin 
hingeworfenen  Vermuthung  zu  thuu  haben. 

2  Denn  es  gibt  noch  deren  viele ,  die  Kios  gar  nicht  erwähnt.  So  findet 
'  man  im  Indice  de  mf*.  de  la  hihi.  Nacional,  welcher  den  Anhang  zum 
zweiten  Bande  von  Gallardo's  Ensaijo  etc.  bildet,  nichts  weniger  als  fünf 
Hss.  von  ,Gil  Columna,  la  historia  troyana  cn  castcllano',  darunter  zwei 
aus  dem  XIII.  (?)  Jahrh.  Ob  sie  wirklich  alle  Uebersetzungen  aus  Guido 
enthalten,  ist  eine  andere  Frage. 


54  Mussafia. 

Bei  Guido  erscheint  der  Prolog  als  ein  Theil  des  Werkes 
lind  erst  am  Ende  erzählt  der  Verfasser,  wie  er  schon  vor 
längerer  Zeit,  durch  Matteo  da  Porta,  Erzbischof  von  Salerno, 
ermuntert,  die  Arbeit  begonnen  und  das  erste  Buch  vollendet 
hatte;  dann  habe  er  in  Folge  der  Abi'cise  seines  Gönners  sich 
lange  damit  nicht  mehr  beschäftigt;  nun  aber  habe  er  im 
kurzen  Zeiträume  von  drei  Monaten  die  Schrift  zu  Ende  ge- 
bracht. Der  spanische  Text  macht  daraus  zwei  Briefe  an  den 
Erzbischof,  deren  erster  dem  Prologe  entspricht,  der  zweite 
aber  nur  eine  ganz  kurze  Abschiedsrede  an  den  Erzbischof 
enthält.  Noch  wichtiger  ist  der  Unterschied  im  Inhalte.  Denn 
während  Guido,  Benoit  folgend,  die  Glaubwürdigkeit  Homer's 
in  Zweifel  zieht,  dann  aber  aus  Eigenem  auch  Ovid  und  Virgil 
als  unzuverlässige  Gewährsmänner  bezeichnet  und  diesen  Dich- 
tern die  wahrheitsliebenden  Geschichtsschreiber  Dictys  und 
Dares  vorziehen  zu  wollen  erklärt,  stimmt  der  Spanier  in  dem 
absprechenden  Urtheile  über  die  Dichter  ^  nicht  ein ;  er  wolle 
vielmehr  ihnen  folgen,  wenn  er  auch  bei  abweichenden  Erzäh- 
lungen sich  der  Kürze  halber  füi'  die  Darstellung  der  Ge- 
schichtsschreiber entscheiden  werde. 

Das  Werk  zerfällt  in  drei  Bücher  und  die  Ueberschriften 
der  Capitel,  welche  bei  Guido  nicht  zu  lesen  sind,  lauten  fol- 
gendermassen : 

Libro  prim^ro. 

C.  i.  en  el  quäl  se  trata  corno  Noe  hallö  iivas  en  iina  pana  y 
se  embeodö  con  el  vino  dellas  y  como  partio  las  tierras  k  sus  hijos. 

C.  ii.  C6mo  Noe  ovo  el  quarto  hijo  qne  Uamaroii  lönico. 

C.  iii.  De  c6mo  el  grau  g'igante  Membrot  hizo  la  torre  de 
Babylonia. 

C.  iv.  pu  que  se  propoue  quäl  fue  cl  primero  conquistador  que 
ovo  en  el  mundo. 

C.  V.  Como  la  reyna  Rea  casö  cou  el  rey  Saturuo,  y  de  cömo 
el  rey  Saturuo  hizo  matar  los  tres  hijos  primeros  que  la  reyna  pariö. 

C.  vi.  De  cömo  la  reyna  pariö  el  quarto  hijo  y  lo  diö  d  im 
eseudero  que  lo  diesse  k  criar,  y  le  puso  por  nome  lupiter. 

C.  vii.  Cömo  lupitcr  fue  eonocido  por  hijo  del  rey  Satiu'uo. 


'Den  drei  genannten  fügt  er  als  vierten  Leomarte  liinssu,  eine  Autorität 
welche  im  Texte  oft  angerufen  wird.     Wer  ist  damit  gemeint? 


üeber  die  spanischen  Versionen  der  Historia  Trojana.  55 

) 
C.  viii.  De  cömo  lupiter  lidiö  cou  sii   parlif  el   ley  Saturno  y  lo 

vencio  y  lo  desterro  de  su  reyno. 

Libro  segundo.  y 

C.  i.  Cömo  lupiter  fue  recebido  por  rey  de  Creta  y  casö  cou 
huio  SU  hermana,  y  como  ovo  en  nna  duena  k  Därdano,  el  quäl  fundö 
y  poblo  la  civdad  de  Troya. 

C.  ii.  De  cömo  fue  destrnida  l;i  i)iinipra  vez  Troya  llamada 
Dardania. 

C    iii.  Cömo  reyuö  el  rey  Mida   en  Dardania. 

C.  iv.  Cömo  k  Mida  se  le  toruaron  las  manos  de  oro  y  de  la 
declaracion  de  aquesto. 

C.  V.  De  cömo  ine  destruyda  Troya  la  segunda  vez  en  el  tiempo 
del  rey  Trous. 

C.  vi.  Cömo  Frixo  y  Heles  passando  la  mar  sobre  el  carnero 
encautado,  Heles  se  abogö  y  el  infante  Frixo  aportö  cou  ol  carnero  en 
la  isla  de  Colcos. 

C.  vii.    De    cömo  el  infante  Frixo  fue  rey  de  l;i.  isla  de  Colcos. 

Erst  mit  C.  viii.  fängt  der  von  Guido  behandelte  Stoff 
an,  die  Abfahrt  nämlich  der  Argonauten  und  der  schlechte 
Empfang  derselben  von  Seite  Liaomedon's.  Während  aber  dies 
von  Guido  sehr  ausführlich  erzählt  wird,  bietet  der  spanische 
Text  nur  einen  Auszug,  welcher  die  zwei  ziemlich  kurzen 
Capiteln  viii.  und  ix.  einnimmt.  Dafür  wird  in  Guido's  Erzäh- 
lung Folgendes  eingeschaltet: 

C.  X.  Cömo  lason  aportö  con  tormenta  a  la  isla  de  Lemos  y 
casö  con  la  infanta  Hisifile. 

C.  xi.  und  xii.  stimmen  mit  Guido  in  Bezug  auf  die  er- 
zählten Begebenheiten  überein:  Ankunft  Jason's  in  Colchis, 
Medea's  Liebe,  Eroberung  des  Vliesses. 

C.  xiii.  De  cömo  lason  Uevö  ä  Medea  y  llcgö  a  su  tierra,  y 
como  ella  tornö  mo<;o  k  su  suegro  Eson. 

Während  also  Guido  sich  begnügt,  der  Flucht  zu  erwäh- 
nen und  mit  wenig  Worten  den  Verrath  Jasons  erledigt,  spinnt 
der  spanische  Text  die  Erzählung  der  Schicksale  Medea's  weiter 
fort.  Dann  kehrt  er  zu  Hypsipile  wieder. 

C.  xiv.  De  lacarta  qne  embiö  Hisifile  k  lason  su  marido. 
C.  XV.   De    cömo    Medea    supo    de    la    carta  de  Hisifile  y  cömo 
lason   se  fue  y  de  la  carta  que  Medea  le  embiö. 


56  Mnasafia. 

C.  xvi.  De  cömo  Tason  llego  a  sn  niuger  Hisitile  en  la  su  isla 
y  cömo  Medea  partio  de  casa  de  lason  y  degoUo  k  sus  hijos  y  al 
rey  Peleo. 

Nun  wäre  die  Zeit,  zu  Guido  wiederzukehren  und  den 
Zug  Jason's  und  Hercules'  Siegen  Laomedon  zu  erzählen;  vor- 
her muss  aber  über  Hercules   Näheres   berichtet   werden. 

C.  xvij.  Del  nascimiento  de  Hercules  y  ciiyo  hijo  fue  y  en  que  tiempo. 

C.  xviij.  Corao  Hercules  matö  las  serpientes  estando  en  la  cuna. 

C.  xix.  Como  Hercules  mato  al  puerco  montes  de  Arcadia  y  al 
leou  de  la  silva  Nemea  sin  armas. 

C.  XX.  Cömo  Hercules  matö  la  sierpe  de  la  laguna  Lernea  — 
Alegoria  de  lo  sobrediclio. 

C.  xxi.  De  cömo  Hercules  luchö  con  el  rey  Anteo  y  lo  veneiö 
y  casö  con  Mera  hijo  del  rey  Anteo.  —  Alegoria,  que  quiere  dezii- 
verdadero  seso. 

C.  xxü.  Cömo  Hercules  matö  t'i  Diomedes  rey  de  Tracia. 

C.  xxüi.  Cömo  Hercules  veneiö  A  los  Centauros  y  librö  k 
la  novia. 

C.  xxiv.  De  cömo  Hercules  matö  k  sus  hijos  que  ovo  en  Mera 
SU  muger. 

C,  XXV.  Como  Hercules  casö  la  segunda  vez  con  Deyamira. 

Mit  dem  C.  xxvi.  geht  das  Span,  mit  Guido  zusammen, 
aber  wieder  so,  dass  was  bei  Letzterem  sehr  ausführlich  vor- 
getragen wird,  bei  Ersterem  mit  wenigen  Sätzen,  welche  nur 
die  Geschehnisse  berücksichtigen  und  jedem  Redeschmucke 
entsagen,  erledigt  wird.  C.  xxvii.  entspricht  zum  Theile  der 
Erzählung  Guido's,  nur  wird  mit  dem  Wiederaufbau  Troja's 
begonnen  und  dann  erst  über  die  ehelichen  Kinder  Priamus' 
berichtet.  Von  den  natürlichen  Kindern  verlautet  hier  nichts. 
Nun  kehrt  das  Spanische  zu  Hercules  zurück. 

C.  xxviii.  De  cömo  Hercules  peleö  con  las  duefias  Amazonas  y 
de  cömo  se  levantaron  las  Amazonas. 

C.  xxix.  Cömo  ovieron  pelea  Hercules  y  Teseo  con  las  Amazonas. 

C.  XXX.  De  cömo  Hercules  matö  los  onze  hermanos  hijos  de 
Meleo  el  gigante  y  matö  al  rey  Busiiis  de  Egypto. 

C.  xxxj.  De  cömo  Hercules  robö  las  man^anas  de  oro  de  la 
gueri-a  del  rey  Atalante. 

C.  xxxij.  Cömo  Hercules  passö  eu  Espaüa  y  de  los  liechos  que 
en  ella  hizo. 

C.  xxxiij.  De  cömo  Hercules  peleö  con  el  rey  Gerion  en  Merida. 

C.  xxxiiij.  Cömo  Gerion  liuyö  en  Galicia  y  Hercules  fue  empos 
del  y  lo  alcan<;ö  y  lo  matö. 


TTeber  die  spanischen  Versionen  der  Historia  Trojana.  57 

) 
C.  XXXV.  De  cömo  Hercules   pelcö  cou  Caco  y  lo  venciö  y  des- 

terrö  y  mato  y  poblö  a  Tara^ona. 

C.  xxxvj.  Cömo  Hercules  peleö  cou  el  rey  Kuritn  y  lo  matö  y 
tomö   la  tierra  y  casö  con  su  hija. 

C.  xxxvij.  Como  supo  Deyamira  del  casuniieuto  de  Hercules  y 
la  carta  qua  le  embio. 

C.  xxxviij.  De  cömo  mm-iö  Hercules  el  noble  eavallcro. 

C.  xxxix.  De  las  cosas  que  Yolaute  la  muger  de  Hercules  hizri 
desque  muriö  e  de  cömo  Hercules  fne  euterrado  y  planteado. 

C.  xl.  en  qiie  se  trata  de  cömo  Deyamira  sc  matö  quando  supo 
que  Hercules  su  marido  era  muerto  per  achaque  de  la  camisa  que  clla 
le  embiara  con  los  otros  präsentes. 

Libro  tercero. 

C.  i.  Cömo  la  reyna  Ecuba  sonö  que  sab'a  de  su  vientre  uua 
haelia  que  quemava  ä  Troya  y  cömo  mandö  matar  ;i  Paris  y  cömo 
Paris  tue  llevado  y  criado  de  el  pastor  del  rey  Täntalo. 

C.  ii.  Cömo  casö  con  la  infanta  Oenone  senora  del  monte  Pelio. 

C.  üi.  Cömo  Paris  diö  el  juyzio  de  la  mau^ana  entre  las  trcs 
diosas  y  mandö  que  la  Uevasse  Venus. 

C.  iv.  De  cömo  el  rey  Täntalo  diö  k  comer  a  los  dioses  ä  su 
hijo  proprio  en  manjares.  —  Nota  la  deelaracion  desto. 

C.  V.  Cömo  Paris  fue  conocido  por  hijo  del  rey  Prianio  y  com«) 
hizo  el  rey  cortes  sobre  lo  de  su  bermana  Ansiona. 

Der  zweite  Tlieil  dieses  Capitels  knüpft  demnach  an 
Guido  wieder  an,  nur  findet  sich  auch  hier  ein  bemerkens- 
werther  Unterschied.  Während  bei  Guido  Prianius  bei  der 
ersten  Rathssitzung  blos  seinen  Entschhtss  äussert,  Antenor 
abzusenden,  und  erst  nach  fehlgeschlagenem  Versuche  die 
Seinen  wieder  zusammenberuft,  wobei  die  verschiedenen  An- 
sichten laut  werden,  findet  im  span.  Texte  schon  bei  der  ersten 
Sitzung  ein  Austausch  der  Meinungen  statt.  Hector  und  An- 
chises  mahnen  zur  Vorsicht,  Paris  und  Antenor  wollen  gleich 
mit  einem  grossen  Heere  über  Griechenland  herfallen;  Helenus 
und  Cassandra  sagen  Unglück  vorher;  Troilus  Deiphobus  und 
Aeneas  stimmen  für  Paris'  Ansicht.  Man  wird  endlich  schlüssig, 
Antenor  abzusenden.  Als  er  unverrichteter  Dinge  zurückkehrt, 
findet  die  zweite  Besprechung  statt,  und  zwar  sind  hier  die 
spanischen  Reden  fast  durchgehends  getreue  Uebersetzungen 
der  lateinischen.  Dann  folgt  mit  Guido  die  Entführung  der 
Helena,  deren  Empfang  in  Troja  noch  ausführlicher  als  bei 
Guido  erzählt  wird.  Ja  zwei  ganze  Capitel  werden  der  Hoch- 
zeit zwischen  Paris  und  Helena  gewidmet. 


58  Mtissafia. 

C.  xiij.  De  cömo  Paris  pidio  a  Elena  por  muger,  y  del  consejo 
que  sobre  ello  se  diö  y  de  la  respuesta  qiie  sii  padre  et  rey  Priamo  le 
dio  y  esso  mesmo  como  tomö  consejo  con  la  i'eyna  Eciiba  y  con  todos. 
SU  hijos  y  cavalleros  qne  en  la  corte  estavan. 

C.  xiv.  De  cömo  la  reyna  Ecuba  requiriö  a» Elena,  si  se  queria 
casar  con  Paris. 

C.  XV.  fängt  damit  an,  eine  buchstäbliche  Uebersetzung 
des  Guido  zu  bieten  —  Vei'zweiflung  des  Menelaus,  Nestor's 
Theilnahme,  Agamemnon's  Rede.  —  Bei  der  Aufzähhmg  aber 
der  sich  rüstenden  Könige  werden  nur  Patrockis  und  Diomedes 
genannt;  was  Achilles  betrifft,  den  Guido  ebenfalls  nur  nennt, 
holt  der  spanische  Text  weit  aus  und  erzählt  von  dessen  Auf- 
enthalt bei  Deidamia  und  von  den  Versuchen  der  Griechen, 
ihn  ausfindig  zu  machen.     Dann 

C.  xvi.  De  como  Archiles  fue  descubierto  de  todo  su  hecho  y 
de  lo  que  el  rey  padre  de  Deydamia  hizo. 

C.  xvij.  Como  el  rey  Licomedes  perdonö  k  Archiles  y  k  la  in- 
fanta  Deydomia  y  los  casö. 

worauf  wieder  Guido  beginnt :  ,del  fin  de  los  dos  hermanos  de 
Elena,  Castor  y  Polus ,  y  de  la  hermosura  y  faciones  de 
Griegos  y  Troyanos^  Und  so  geht  es  bis  an's  Ende  fort  in 
voller  Uebereinstimmung  mit  Guido.  Während  aber  Dieser  mit 
Ulyxes'  Tod  sein  Werk  beschliesst  und  nur  noch  einige  Be- 
merkungen über  die  Gewährsmänner  und  die  zwei  bekannten 
Grabschriften  des  Hektor  und  Achilles '  nebst  einer  Deploratio 
Trojae  in  vier  leoninischen  Versen  mittheilt,  fährt  der  spanische 
Text  fort: 

Libro  quarto. 

C.  xij.  De  como  Eneas  aporto  con  tormenta  k  Sicilia  y  cömo 
muriö  el  conde  Anchises  su  padre  y  ftie  alli  sepultado. 

C.  xiij.  De  cömo  Eneas  y  Elisadido  trataron  por  sus  hablas  como 
se  cassasen  en  uno. 

C.  xiv.  De  cömo  Eneas  y  Elisadido  avian  sus  hablas  de  amores 
en    uno. 

C.  XV.  De  cömo  Eneas  y  Elisadido  casaron  en  uno  y  de  cömo 
torna  la  historia  k  hablar  de   lupiter. 

C.  xvi.  Cömo   lupiter  llevö  a   Europa  fija  del  rey  de  Tebas. 


'  Siehe  Burmann,  Auth.  lat.  I,  70  und  84. 


Ueber  die  spanischen  Versionen  der  Historia  Trojana.  59 

i 

C.  xvij.  Cömo  fuc  poblada  Tiro  y  de  cömn  los  eaptivos  della 
mataron  k  sus  sefiores. 

C.  xviij.  Que  acordaron  Ins  eaptivos  qiie  öl  fjao  viesse  el  sol 
piimero  seria  rey. 

C.  xix.  Como  casö  Acerba  o  Sicheo  con  Elisadido. 

C.  XX.  De  fönio  Pigmaleon  pidio  el  thesoro  a  Acerba  }'  como 
lo  matö  cnielmente. 

C.  xxj.  Como  Eli.sadido  ordeno  como  se  fiiesse. 

C.  xxij.  De  como  Elisadido  aporto  k  la  civdad  de  Reteta. 

C.  xxiij.  De  como  Elisadido  Iiizo  (;anjas  para  poblar  su  civdad 
y  lo  que  ende  hallaron. 

C.  xxiv.  De  cömo  Eneas  hallö  eii  el  Templo  pintada  la  traycion 
que  liizo  y  propuso  de  se  yr  dende. 

C.  XXV.  De  la  carta  que  Elisadido  cinbiaia  k  Eneas  al  puerto 
donde  estava. 

C.  xxvi.  Cömo  Elisadido  se  matö  y  de  que  guisa. 

C.  xxvij.  Cömo  hablan  otros  liistoriadores  de  la  muerte  de 
Elisadido. 

C.  xxviij.  De  cömo  Eneas  apoitö  en  Italia  eu  el  leyno  de  Sa- 
tiu'no  do  entonces  reynava  el  rey  Latiuo. 

C.  xxix.  De  cömo  Eneas  reynö  en  Italia  despues  que  miuiö  el 
rey  Latino. 

C.  XXX.  De  cömo  muriö  Eneas  y  dexö  que  governassen  el  reyno 
SU  muger  y  Ascanio  su  hijo. 

C.  xxxj.  Cömo  Fauno  poblö  Albaluenga. 

C.  xxxü.  Cömo  el  pastor  Moron  descubriö  k  Romo  y  a  Remulo 
ci'iyos  liijos  eran. 

C.  xxxiij.  De  cömo  Romo  y  Romulo  iizieron  una  puebla  ä  la 
quäl  Uamaron  de  su  nombre  Roma. 

C.  xxxiv.  De  cömo  los  Romanos  fizieron  sus  tiestas ,  y  robaron 
las  miigeres  de  sus  comarcanos. 

C.  XXXV.  De  cömo  dexa  la  liistoria  de  contar  desto  por  contar 
de  Bruto  el  hijo  de  Jullo  y  nieto  de  Eneas  y  de  la  muy  noble  y  muy 
hermosa  Elisadido  y  de  la  muerte  que  Bruto  diö  k  su  padre. 

C.  XXXV b.  Cömo  partiö  Bruto  de  su  reyno  y  aporto  ä  Grecia. 

C.  xxxvj.  Cömo  Eleno  y  Äsaraco  fablaron  con  Bruto  de  que 
manera  podria  sacar  los  cativos  del  reyno. 

C.  xxxvij.  Como  los  eaptivos  fueron  veuidos  al  pie  de  la  inou- 
taiia  y  de  lo  que  hizieron. 

C.  xxxviij.  Cömo  el  rey  Pandraso  fue  muy  ayrado  y  sanndo 
quando  vido  la  carta  y  de  lo  que  sobre  ello  se  hizo. 

C.  xxxix.  De  cömo  hizieron  los  de  la  hucste  grau  cavalgada  y 
ganaron  el  castillo  de  Tiropino. 

C.  xl.  Cömo  hizo  Bruto  yr  k  dezir  k  las  escuchas  A  Aneleto 
como  el  y  Antigano  eran  sueltos  de  la   prisiou. 


ß0  Mnssafia. 

C.  xlj.  Cömo  acordaron  torlos  los  de  la  hueste  qiie  todo  lo  qiie 
Eleno  y  Membrudo  mandassen,  por  aquello  estuviessen. 

C.  xlij.  De  las  cosas  que  los  Troyanos  embiaron  ä  demanda 
qiie  les  diesse  el  rey  Pandraso. 

C.  xliij.  Cömo  el  rey  Pandraso  otorgö  todo  lo  que  le  fue  iiedido 
por  parte  de  los  Troyanos. 

C.  xliiij.  De  eomo  Bruto  aportö  eii  tierra  de  Damasco  y  de  lo 
que  ende  hizo. 

C.  xlv.  Cömo  Bruto  peleö  con  el  rey  de  la  provincia  de  Mauri- 
tana  y  lo  veneiö  y  prendiö. 

C.  xlvj.  De  cömo  aportö  Bruto  en  la  isla  de  Legocia  y  lo  que 
ende  hizo  y  del  sacrificio  que  hizo  k  la  diosa  Diana. 

C.  xlvij.  Cömo  Bruto  conto  a  los  suyos  la  vision  y  cömo  fueron 
todos  muy  alegres  y  lo  que  ende  hizieron. 

C.  xlviij.  Cömo  partieron  las  tierras  y  cayö  ä,  Bruto  la  isla  de 
Alvion  que  agora  llamau  Inglaterra  y  k  Corineo  la  isla  de  Magot  que 
agora  llaman  Cornualla  y  a  Saraco  aquello  que  agora  Uaman  Escocia. 

Darauf  folgt  der  Zusatz  Guido's:  ,Reliqua  sunt  de  libro 
Ditis'  fino  a  ,Priamum  et  ejus  filiam  Polixenam^;  dann  ein 
paar  Zeilen,  mit  welchen  der  Verfasser  den  Erzbischof  von 
Salerno  bittet,  sein  Werk  gnädig-  aufzunehmen  und  dasselbe, 
wenn  fehlerhaft,  verbessern  zu  lassen ;  schliesslich  eine  Anrede 
Delgado's  an  den  Leser,  in  welcher  er  noch  einige  chrono- 
logisch historische  Daten  mittheilt  und  die  Unschuld  Dido's  in 
Schutz  nimmt.  Den  Schluss  macht  ein  Gedicht  zum  Lobpreise 
dieser  verläumdeten  Königin. 

Das  Verhältniss  Delgado's  zu  Guido  stellt  sich  also  so 
dar,  dass  im  Beginne,  so  lange  Guido's  Erzählung  mit  anderen 
verwoben  wird,  dieselbe  stark  abgekürzt  wird;  von  dem  Augen- 
blicke an  aber,  wo  das  Spanische  ununterbrochen  mit  Guido 
geht,  findet  volle  Uebereinstimmung  statt  und  nur  selten  wird 
ein  kurzer  Satz  —  zunächst  um  irgend  einen  abweichenden 
Bericht  zu  verzeichnen  —  hinzugefügt.  Die  Frage  aber,  woher 
die  Zusätze  stammen,  ist  (wie  schon  oben  angedeutet)  schwer 
zu  beantworten,  so  lange  nicht  in's  Klare  gebracht  wird,  zu 
welcher  Zeit  sie  zuerst  erscheinen.  Es  ist  demnach  kaum 
lohnend,  vom  letzten  Ausläufer  aus  die  einzelnen  Abschnitte 
zu  besprechen;  nur  einige  Bemerkungen  mögen  hier  Platz 
finden.  Am  auffallendsten  ist  die  Uebereinstimmung  im  allge- 
meinen Gange  der  Erzählung  mit  der  Trojumanna-Sage.  Audi 
hier   wird   mit    der    Göttersage    begonnen,    auch   liier    ist    von 


Uelier  dip  spanischen  Versionen  der  Historia  Trojana.  61 

Hercules'  Thaten  die  Rede,  uud  was  besonders  beinerkenswerth 
ist,  auch  hier  begegnen  wir  der  Verbindung  der  Trojasage 
vorerst  mit  der  von  Eneas,  dann  mit  der  britischen.  In  der 
Ausführung  aber  ist  kaum  eine  Uebereinstinimung  zu  erkennen. 

Mit  Konrad  von  Würzburg  hat  das  Spanische  die  Auf- 
nahme der  Geschichte  des  Achilles  auf  Skyros,  dann  die  Er- 
zählung der  weiteren  Schicksale  des  Jason  und  der  Medea 
gemein;  bei  dem  Mangel  aber  irgend  einer  bezeichnenden 
Uebereinstinimung  im  Detail  ist  darin  nur  die  allgemeine  Nei- 
gung zu  erblicken,  der  Erzählung  durch  Ausführung  von  Epi- 
soden zu  grösserem  Schmucke  zu  verhelfen.  Eine  Einzelnheit 
begegnet  uns  jedoch,  welche  hervorgehoben  zu  werden  verdient. 
Auch  bei  Delgado  wird  über  die  Jugendschicksale  des  Paris 
berichtet.  Hecuba  hat  den  bekannten  Traum,  es  wird  beschlos- 
sen, das  Kind  zu  tödten.  ,La  reyna  quando  vino  la  hora  del 
parte  mandö  a  un  escudero  que  tomasse  aquel  infante  que 
pariera  y  lo  llevasse  luego  a  matar.  Mas  las  parteras  que  tal 
hecho  conocieron  quando  vieron  tan  apuesta  criatura  hablaron 
con  el  escudero  que  non  lo  matasse,  nuxs  que  lo  diesse  a  criar 
secretamente.  Mas  dize  el  Virgilio  quo  llevandolo  i\  matar 
6  Stande  alli  donde  le  avia  de  matar,  echando  mauo  al  cuchilh) 
para  lo  degollar,  que  el  niiio  se  rio  con  una  cara  tan  alegra 
que  no  oviera  hombre  que  no  tomara  del  manzilla.  Y  quando 
el  escudero  aquello  viö  fue  muy  espautado,  ca  la  natura  no 
otorga  a  ninguna  criatura  reyr  antes  de  los  quarenta  dias  y 
dixo  assi:  Pues  la  natura  tanto  obre  en  ti,  a  mi  demandaran 
los  Dieses  a  este  peccado.  Y  dexo  el  niiio  en  una  mata  alli 
en  el  monte,  y  llamävase  aquella  montaSa  de  Frigia,  y  era 
del  rey  Tantalo.'  Der  anziehende  Zug  des  Knaben,  welcher 
dem  geschwungenen  Messer  entgegenlächelt,  ist  aus  Kourad 
und  Simon  capra  aurea  '  bekannt.  Darf  man  annehmen,  dass 
Delgado  oder  vielmehr  seine  Vorlage  den  Einen  oder  den 
Anderen  gekannt  habe?  Wird  man  nicht  bei  w^eitem  vorziehen, 
ein  Zwischenglied  zu  vermuthen? 

Zum    Schlüsse    wollen    wii-    noch    erwähnen,    dass    jene 
Capitel,    welche   die  britische  Sage  betreffen,    dem  Gange  der 


'  Siehe  darüber  Dunzer's  treffliche  Muiiograpliie,  S.  47. 


(32  Mussafia.     Ueber  die  spanisehpii  Versionen  der  Historia  Trojana. 

Erzählung  bei  Galfredus  Monmouthensis  genau  folgen,  die  Be- 
gebenheiten aber  mit  grösserer  Ausführlichkeit  und  häufig 
mit  dem  Schmucke  wohlgesetztei-  Reden  vorbringen.  Dieses 
Verhältniss  reicht  bis  gegen  das  Ende  des  §.11  des  ersten 
Buches  der  Historia  Britonum^  während  die  übrigen  §§.  12 — 18 
in  den  zwei  kurzeli  Capiteln  47 — 48  des  spanischen  Textes 
stark  abgekürzt  erscheinen. 


I; 


SITZUNG  SBERICI  I'I'E 


DER 


KAISERLICHEN  AKADEMIE  DER  WISSENSCHAETEN 


PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE  CLASSE. 


LXIX.  BAND.  II.  HEFT. 


JAHRGANG  1871.  -  NOVEMBER. 


65 


XXIII.  SITZUNG  VOM  2.  NOVEMBER  1871 


Herr  Dr.  AI.  Hub  er  in  Salzburg  sendet  ein  Manuscript: 
,Geschiehte  der  P^inführung-  und  Vei-breitun«;  des  (^lii-istenthuuis 
in  Südostdeutschland'^,  mit  dem  P^i'suchen  um  Aufnalime  des- 
selben in  die  Hciiriften  der  historischen  Conunission. 


Die  Aufnahme  der  Abhandlung-  des  Herrn  Dr.  Ig.  Gold- 
ziher  in  Pest:  ,Zur  Charakteristik  (lehll  ud  -  din  us-Sujüti's 
und  seiner  literarischen  Tliätigkeit'  in  die  Sitzungsbei'ichte  wird 
genehmigt. 


Das  w.  M.  Herr  Regierungsrath  Ritter  von  Karajan 
stellt  den  Antrag:  ,die  Classe  möge  für  die  Drucklegung  des 
VI.  Bandes  der  Tahulae  Codicum  hihliothecae  palatinae  Vindoho- 
nensis  die  erforderliche  Summe  bewilligen.' 


An  Druckschriften  wurde  vorgelegt: 

Academie   Imp.   des  Sciences,  Belles-Lettres    et   Arts    de  Lyon:    Memoires. 

Classe  des  Sciences:  Tome  XVIP.  Paris  et  Lyon,   18()9— 1870;  gr.  8». 
Accaderaia  Pontificia  de' Nuovi  Liucei:  Atti.    Anno  II.  (1849.)    Roma,  18G7; 

Anno   XX,   Sess.    1»— «l"    (1860-^1867);    Anno  XXIV  (1871),  Sess.   2'''— :^". 

Roma;  4*^'. 
Gesellschaft,    Anthropologische,    in    Wien:    Mittheilungen.    I.  Bd.,   Nr.   l.'J. 

Wien,   1871 ;  8^ 
Institut   National   Genevois:    Bulletin.    No.   35,    Vol.   XVI.   jKiges  22.'»— :1S4. 

Geneve,  1870;  8". 
Mittheilungeu     aus    J.    Perthes'    geographischer    Anstalt.      Ergänzuugsheft 

Nr.  29.  Gotha,    1871;  4«. 

Sitzb.  d.  phil.-hist.  Gl.  LXIX.  Bd.  JI.  llft.  5 


66 

.Revue  politique  et  litteraire',  et  ,La  Revue  scieiitifique  de  la  France  et  de 
l'etrauger'.  I«  Annee.  (2«  Serie.)  Nrs.  IG  — 18.  Paris  et  Bruxelles,  1871;  40. 

Societe  Imp.  geographique  de  Russie:  Seances  generales.  Fevrier  1870  — 
Mai  1871.   40. 

Verein,  siebenbürgi.scher,  für  romanische  Literatiu'  und  Cviltur  des  romani- 
schen Volkes:    Transilvania.    Anulu  IV,  No.   14—20.  Kronstadt,  1871;  4«. 


XXIV.  SITZUNG  VOM  8.  NOVEMBER  1871. 


Herr  Professor  Dr.  Ed.  Sachau  in  Wien  ersucht  um  eine 
Subvention  zur  Herausgabe  der  syrischen  Schriften  des  Anto- 
nius von  Tagrit. 


An  Druckschriften  wurde  vorgelegt: 

Academy,  The  American,  of  Arts  and  Sciences:  Proceedings.  Vol.  VIII.  Sign. 
18  —  37.  Bo.stou,  1869-1870;  8". 

Anreiter,  A.  v.,  Vom  absoluten  Ideal.     Eine  Studie.    Wien,  1871;  8". 

Association,  The  American,  for  the  Advancement  of  Science:  Proceedings. 
XVin»'  Meeting  held  at  Salem,  Mass.  August,  1869.  Cambridge,  1870;  8». 

Barsanti  Maggiore,  Carlo  Cav.,  Degli  errori  di  scienza  che  s'insegnano  e 
delle  varietä.  scientifiche  che  non  si  sauno  insegnare  nelle  scuole  militari 
e  civili  del  regno  d'Italia.     Roma,   1870;  4". 

De  la  Rive,  Notice  sur  E.  Verdet.    Paris,  1870;  8". 

Ferri,  Louis,  Essai  sui-  l'histoire  de  la  philosophie  en  Italie  au  XIX*^  sieele. 
Tomes  I— II.    Paris  1869;  8». 

Geschichte  der  Wissenschaften  in  Deutschland.  Neuere  Zeit.  X.  Band.  I.  Ab- 
theilung. Entwickelung  der  Chemie  von  Hermann  Kopp.  I.  Abtheilung. 
München,  1871;  8^'. 

Gesellschaft,  geographische,  in  Wien:  Mittheilungen.  N.  F.  4.  1871.  Nr.  10. 
Wien;  8". 

—  Schleswig-IIolstein-Lauenburgische,  für  die  Sammlung  und  Erhaltung  vater- 
ländischer Alterthümer:  Berichte.  Nr.  31,   1869— 1«71.  Kiel,   1872;  4". 

Jahresbericht:  Siehe  Programme. 

Lange,  Ludwig,  Römische  Alterthümer.  III.  Band.  Berlin,   1871;    8". 

Milojevic,  M.  C,  Lieder  und  Gebräuche  des  .serbischen  Volkes.  Belgiad. 
1870;  80.  —  Reise  durch  einen  Theil  von  Alt-Serbien.  Belgrad,  1871;  8^'. 
(Serbisch.) 


67 

Mone,   Franz  Josepli,     Sciu  Leben,    Wirken   und    seine  Schriften.     Freibur<r 

i.  Br.,   1871  ;    8". 
Mnseum  des  Königreiches  Böhmen:     Casopis,  1869,  svaz.    3—4;    1870,  svaz. 
1—4;    1871,   svaz.   1-?,.     V  Praze;  8".    —    PaiuAtky.   Dil  VIII,  ses.  5—8. 
(1869—1870);  Nove  fady  roi\  I.  ses.   1— .S.  (1871.)  V  Praze;  4«.  —  Sbor- 
nikvedecky  (bist,  filolog.)  I-III.  V  Praze,   1868  &   1870;    8".    —    Tomek, 

j         W.    W..  NowoceskÄ   Bibliotbcka.     Cish)    XVIII.     Dejopis  -  Praliy.      Dil  II. 

I         V  Praze,  1871;  8«.  —  Vortrag  des  Geschäftsleiters.   1869,  1870,   1871.    8». 

I  Programme  der  Obergymnasien  zn  Bistritz  nnd  Ragnsa,    nnd  Jahresbericht 

i         des  k.  k.  I.  Staatsgymnasinms  in  Graz.   1871  ;  8"  nnd  4^'. 

I  Smithsonian  Institntion:  Smithsonian  Contribntions  to  Knowledge.  Vol.  XVII. 

j         Washington,  1871;  4".  —  Smithsonian  Report.  1809.  Washington.   1871;  8". 
Votum   zur    beabsichtigten  Vereinigung  der  k.  k.  Forst-Akadeniic!    zu  Maria- 
brunn mit   der  in  Wien  zu  gründenden  laudwii-thsch  aftlicheu    Hochschule. 
Wien,   1871 ;  8". 


XXV.  SITZUNG  VOM  Ki.  NOVEMBER  1871. 


Der  Secretär  tlieilt  ein  Schreiben  des  correspondirendeu 
Mitgliedes  Herrn  Professor  Ur.  Pius  Zingerle  in  Meran  mit, 
worin  derselbe  Nachricht  gibt  über  einige  noch  ungedrnckte 
syrische  Schriften. 


An  Druckschriften  wurde  vorgelegt : 

American   Academy   of  Arts   &   Sciences:    Tlie    Complcte    Works    of  Count 

Rumford.  Vol.  I.  Boston,   1870;  8". 
Announcement  of  the  Wagner  Free  Institute  of  Science  for  the  Collegiate 

Year  1870—1871,  Philadelphia,  1870;  8". 
Connecticut    Academy   of  Arts  &  Sciences:    Transactions.    Vnl.  I.  Part  2; 

Vol.  n,  Part  1.  New  Havcn,   1867—1871;  8^'. 
Es.sex   Institute:   Proceedings   and   Communications.     Vol.  I,   il.   111    (1848 — 

186.^);  Vol.  V  (1866),  Nrs  .3—4;  Vol.  VI  (1868—1871),  Part  2.  Salem;  8». 

-  Bulletin.    Vol.  II,    Nrs  1  —  12.    Salem, '1870;  8".    —   To-Day:   A  Paper 

printed   during   the   Faii-   of   the   Essex   Institute   and    Oratori«»    Society   at 

Salem.  Mass.  Nrs  1-5.  Salem,   1870;  4". 

5* 


68 

Gesellschaft,    Anthropologische,    in   Wien:    Mittheilungen,    I.  Bd.   Nr.  U. 

Wien,  1871;  8. 
Pe;ibody  Acadeniy  of  Sciences:    2'^  and  .3'^  Annual  Report.    Salem,  1871;  8». 

-    The  American  Naturalist.   Vol.  IV.   Nrs  .3—12;   Vol.  V.  Nr.   1.    Salem, 

1870—1871;  8". 
Report,  Second  Annual,  of  the  Board  of  Indian  Commissiouers  for  the  Year 

1870;  Washington,   1871;  8". 

—  4"',  of  the  Commissioner  of  Fishcries  of  the  State  of  Maine,  for  the  Year 
1870.  Augusta;  8. 

—  Annual,  of  the  Commissioner  of  Patents,  for  the  Year  18G8.  Vol.  I— TV. 
Washington,  1869—1870;  8». 

—  of  the  Superintendent  of  the  United  States  Coast  Siu-vey,  showing  the 
Progress  of  the  Survey    during  the  Year  1867.     Washington,  1869;  4". 

.Revue  politique  et  litteraire',  et  , La  Revue  scientifique  de  la  France  et  de 
l'etranger'.  T™  Annee  (2«  Serie),  Nrs  19—20.  Paris  et  Bruxelles,   1871;  4"_ 

Society,  The  American  Plülosophical,  at  Philadelphia:  Transactions.  Vol.  XIV, 
New  Series.  Parts  1  &  2.  Philadelphia,  1870;  4".  —  Proceedings.  Vol.  XI, 
Nrs  83—85.  Philadelphia,   1870;  8". 

Verein  für  Erdkunde  zu  Dresden:  VI.  und  VII.  Jahresbericht.  (Nachtrag.) 
Dresden,   1870;  S^. 

—  tler  fünf  Orte  Lucern,  Uri,  Schwyz,  Unterwaiden  und  Zug:  Der  Geschichts- 
freund. XXVI.  Band.    Einsiedeln,  New-York  und  Cincinnati,   1871;  8«. 

Washington,  Department  of  Agriculture:  Report  of  the  Commissioner  of 
Agriculture  for  the  Year  1869.  Washington,  1870;  8'\  —  Monthly  Reports 
for  the  Year  1870.  Washington,  1871;  8".  —  Reports  on  the  Diseases  of 
Cattle  in  ihe.  United  States  etc.  Washington,  1869;  8". 

Wells,  Walter,  The  Water-Power  of  Maine.  Augusta,  1869;  8". 


XXVI.  SITZUNG  VOM  29.  NOVEMBER  1871. 


Der  Secretär  legt  zwei  neue  Publicationen  des  Professor 
Dr.  C.  Werner  in  Wien  nebst  Beg-leitschreiben  des  Ver- 
fassers vor. 


i 
Das    corr,    M.   Herr  Joseph    Uau))!   sendet  eiue  Abhuud- 

lung:  ^Zum  mitteldeutschen  Buch  der  Väter/ 


Das  w.  M.  Herr  Dr.  Pf'izmaier  \cQ;t  eine  Abhandlunjj; 
vor  unter  dem  Titel :  ^Kunstfertigkeiten  und  Künste  d(^r  alten 
Chinesen.' 


Das  w.  M.  Herr  Rcgieruugsrath  Dr.  Zinnuerinn  nu  legi 
zwei  ungedruckte  Briefe  Herbarts  vor. 


An  Druckschriften  wurde  vorgelegt: 

Accademia  delle  Scienze  dell'  Istituto  di  Bologna:  Mcraorie.  Serie  11.  Toino  X. 
Fase.  ,2—4.  Bologna,  1870—1871;  V\  —  Rendicouto  delle  sessioni.  Auuo 
accademico  1870 — 1871.  Bologna;  8i'. 

Archivio  per  TAntropologia  e  la  Etnologia.  I.  Vol.,  Fase.  -i".  Fircnze,  1871;  8". 

Diebl,  C.  Laudwirthscliaftliche  Rerniniscenzen  und  Coiijeetnren  im  100.  Griiii- 
dungsjahre  der  k.  k.  mälir.-schles.  Gesellschaft  für  Ackerbau,  Natur-  und 
Laudeskunde.  Briiuu,   1870;  kl.  4". 

'l'Elvert,  Christian,  Ritter,  Geschichte  der  k.  k.  niähr.-sehles.  Gesellschaft 
zur  Beförderung  des  Ackerbaues,  der  Natur-  und  Landeskunde.  ISiüiiu, 
1870;  kl.  V\ 

Fitzinger,  Leopold  Joseph,  Versuch  einer  Erklärung  der  ersten  oder  ur- 
sprünglichen Entstehung  der  organischen  Körjter  und  ihrer  Mannigfaltiglceit 
in  Uebereinstimmung  mit  den  Gesetzen  der  Natur.  Leii)zig,   1872;  8". 

Gare  in  de  Tassy,  Histoire  de  la  litterature  hindouie  et  hindoustanie.  (•J"''=  Edi- 
tion revue,  corrigee  et  considerablement  augmentce.)  Tomes  I — III.  Paris, 
1870  &  1871;  8«. 

Lesehalle,  Akademische,  in  Wien:  Erster  Jahresbericht  über  das  Vereius- 
jahr  1871.  Wien;  8^'. 

Mittheilungen  der  k.  k.  Central-Connnissiou  zur  Erforsclnuig  und  Erhal- 
tung der  Baudenkmale.  XVI.  Jahrg.  November— December  1871.  Wien;  4". 

—  aus  J.  Perthes'  geographischer  Anstalt.  17.  Band.  1871.  XI.  Heft,  nebst 
Ergänzungsheft  Nr.  .30.  Gotha;  4". 

jRevue  politique  et  litteraire',  et  ,La  Revue  scicntifique  de  la  France  et  de 
l'etranger'.  I"'  Annee.  (-2«  Serie.)  Nrs.  21-2-2.  Paris  et  Bruxellcs,  1871;  4". 


70 

Verein,  histor.,    für  Niedersachsen:    Zeitschrift.     Jahrgang  1870.    Hannover 

1871;  8".   -   XXXIII.  Nachricht.  Hannover,   1871;  8". 
—  siebenbiirgischer,    für   romanische    Literatm-   und    Cultur   des   romanischen 

Volkes:   Transilvania.    Anuhi  IV.  Nr.  21  —  22.  Kronstadt,  1871;  4". 
Werner,    Carl,    Die  Religionen    und  Culte    des    vorchristlichen  Heidenthnms. 

Ein  Beitrag  zur  Geschichte  und  Philosophie    der  Religionen.  Schaffhausen, 

1871;   80.    —    Speculative   Anthropologie,    vom   christlich -philosophischen 

Standpunkte  dargestellt.  München,   1870;  8". 


Haupt.    lieber  das  mitteldeutsche  Buch  der  Väter.  71 


Hoher  das  initteldeutsclie  Buch  der  Väter 


Joseph  Haupt. 

Uas  mitteldeutsche  Buch  der  Vätci-  in  der  Hs.  816 
der  Leipzig-er  Universitäts- Bibliothek  wurde  das  erste  Mal 
zum  Geo-enstand  einer  wissenschaftlichen  Untersuchung  gemacht 
von  Tittmann  in  den  ,Beiträgen  zur  vaterländischen  Alter- 
thuniskundc'  Leipzig  1840.  8".  I,  1 — 14.  Fünf  Jahre  später 
hat  Fr.  Pfeiffer  in  den  ^Marienlegenden^  Stuttgart  1845.  8" 
XIV — XVI  nachgewiesen,  dass  der  Verfasser  des  Passionais 
und  jener  des  in  Rede  stehenden  Buches  der  Väter  ein  und 
derselbe  Dichter  ist.  Weiter  wurde  die  Sache  bis  heute  nur 
insoferne  gefördert,  als  Bruchstücke  verschiedener  Hss.  bekannt 
gemacht  und  durch  den  Druck  verbreitet  wurden.  Keiner  der 
Herausgeber  solcher  Bruchstücke  wusste  aber  zu  sagen,  wo 
die  einzelnen  Trümmer  ihren  Platz  in  dem  ganzen  weitschich- 
tigen Werke  haben,  worum  jedoch  keinem  derselben  soll  ein 
Vorwurf  gemacht  w'erden.  Das  md.  Buch  der  Väter  ist 
eben  nur  in  der  einzigen  Leipziger  Hs.  zum  grössten  Theil 
erhalten,  imd  umfasst  trotz  seiner  fragmentarischen  Ueber- 
lieferung  über  30,000  Reimzeilen,  so  dass  sich  vollständige 
Abschriften  nur  mit  einem  grossen  Aufwände  an  Zeit  und 
Geld  beschaffen  lassen.  Dann  ist  es  auch  keine  leichte  Auf- 
gabe, sich  in  diesem  Irrgarten  von  geistlichen  Sprüchen  und 
Beispielen  zurecht  zu  finden,  da  das  lateinische  Werk  oder 
die  Vitae  patrum  nicht  einmal  Buch  für  Buch  oder  Seite 
für  Seite,  viel  weniger  Zeile  für  Zeile  sich  deckt  mit  dem 
md.  Reimwerke.  Zwar  hat  man  dies  bisher  ebenso  auf  Treu  tmd 
Glauben  angenommen,  wie  dass  die  Leipziger  Hs.  vollständig 
sei,  aber  das  eine  ist  so  ungegründet  als  das  andere. 


72  Haupt. 

Meine  Arbeit  wird  sich  dem  gemäss  in  drei  Abschnitte 
theilen ;  in  dem  ersten  will  ich  von  der  Composition  des  Buches 
und  seinem  Verhältniss  zu  den  Vitae  patrum  handeln,  in 
dem  zweiten  die  Selbstbekenntnisse  des  Dichters  erwägen,  die  in 
den  Vorreden  und  Nachreden  seiner  Werke  zerstreut  sind, 
und  im  dritten  zum  ersten  Male  die  Hss.  zusammenstellen,  in 
denen  uns  sein  Werk  zum  grösseren  oder  geringeren  Theil 
überliefert  ist. 

Ich  benütze  eine  Abschrift  der  Leipziger  Hs.,  die  aus 
dem  Nachlasse  J.  Diemers  in  den  Besitz  der  k.  k.  Hofbiblio- 
thek  übergegangen  ist  und  daselbst  als  Hs.  Suppl.  2766 — 2769 
aufbewahrt  wird.  Diese  Abschrift  wurde  von  dem  verdienten 
Entdecker  der  Vorauer  Hs.  äusserst  sorgfältig  auf  eingerahmten 
Seiten  zu  21  und  26  Zeilen  in  4"  gefertigt,  er  hat  die  Spalten  der 
Leipziger  Vorlage  mit  a  b  c  d  bezeichnet,  die  Vei'se  eines 
jeden  Blattes  von  i — x  gezählt,  so  dass  durch  diese  Angaben 
jeder  Zeit  die  treffende  Stelle  in  der  Vorlage  kann  gefunden 
Averden.  Auf  diese  Zeichen  und  Zahlen  gehen  also  die  in  den 
folgenden  Mittheilungen. 

I. 
Das  Buch  der  Väter  und  die  Yitae  Patruiu. 

1.  Ich  habe  schon  bemerkt,  dass  sich  die  Vitae  patrum 

und   das  Buch    der  Väter    nicht   so  vollkommen  decken,    als 

man    bisher   geglaubt  hat ;    der   md.  Dichter    hat  vielmehr  den 

lateinischen    Text    nur    als    Sto£F  angesehen,    den    er   ganz  frei 

behandelt.     Er   übersetzt   nicht,    wie    man   eben    im  Mittelalter 

übersetzt  hat,  sondern  er  sucht  aus  den  gegebenen  Erzählungen 

in    sich    abgeschlossene    ,Maeren'    zu    bilden.     Diese    Kühnheit, 

die    in   jener    Zeit    sogar    unter    den    weltlichen   Dichtern    nur 

Wolfram   von  Eschenbach    besessen  hat,    ist  vollends  unter 

den    geistlichen    gegenüber    einem    geistlichen   Buche    unerhört, 

sie  verdient  schon  deshalb  ausführlich  nachgewiesen  zu  werden. 

Der  Dichter  eröffnet  sein  Werk  mit  einer  Vorrede :  ' 

Adönay  des  gewaldes  got       Des  grozei"  crefte  gebot 

Die  gescheffede  liez  werden       Beide   himcls    vu    der  erden 

'    Die   Stellen   ;iu.s    der   Hs.   gebe   ich    hier   und  überall,    wie  icli  .sie  linde; 
ich  interjMingire  blos  und  stelle  Längezeichen,  wohin  sie  gehören. 


Ueber  das  mitteldeutsche  Buch  der  Väter.  73 

> 

Mit  ir  gczierden  manicvalt!       Alles  dinges  ein  gcAvalt 
Got    hcttc    ob    aller    herschalt.      Wer   getar    denken    in  din 

craft 
10  Siuer    (1.  Diner)    niinue   vn  dines  svns?        Ich   geswige    da 

von  sprechen  vns, 
die  allein  in  der  ewicheit       zv  wizzen  sal  sin"  gereit, 
hie    vnder    weiz    ich    einez    wol        ob    ichz    tar    sprechen 

vn  sol 
e  daz  ie  creatüren  leben       Geniachet  wrde  vn  vz  gegeben, 
Do  niinnet  vollecliche       In  der  tvgende  riebe 
20  Der  vater  got  der  hette  min       Den  vil  lieben  svn  sin, 
Der  svne  ovch  minuet  in  alsani       Vollecliche  als  im  gezam. 
Der  vater  an  dem  svne  hete       Aller  wollvste  sete, 
Vnd     an     dem    vater     hete    alsvs         Der    svn    ovch    aller 

vrovden  kvs. 
Der  heilige  geist  ist  die  minne.     Seht  da  dvrch  vn  dar  innc 
30  Vereinet  die  dri  psonen  sin      In   einer  essencieu  an  in. 
Nv  merket  al  hie  vnder       Ein  wndcrlichen  wnder, 
wan    da  von  solt   vns  kvnftic  kvmen       Joch  an  gcnäden  i 

ZV  vrvmcn 
Daz  svs  der  vater  vü  sin  kint       Vereinet  in  der  minne  sint, 
Vn  wie  die  dri  psonen  ensampt       haben    dvrch   die    minne 

ii-  ampt 
{ 40  Gvbet  vn  vbcnt  noch  an  vns.       Dvr  die    minne   sines  svns 
Der  vater  got  dem  menschen  gab       Von  erst  leben  vn  vrhab 
j        Daz  er  vz  allen  sinnen       Mit  ime  solte  minnen 

Sinen  svn  den  er  hete  lieb.    (!'')   Do  geschvfc  er  aide  dirl» 
iSathanas  daz  Adam       In  gotes  vngehordc  kam 
50  Vn  sich  in  gotes  zorn  vorwar.       Ine  kau   gesprochen   noch 

entar 
War    vmbe    die    minne   des   verhinc        Daz  si  den  val  uiht 

vnder  vinc, 
Sit  er  doch  vor  kvnt  was  gote.     Hie  belebet  (1.  belibetj  vnzcr- 

loset  den  (1.  der)  knote, 
Er  ist  ZV  ho  gebvnden.       Do  sah  (?  sän)  nah  den  stunden 
Mit  dem  gotes  svn  ranc        Di  minne  vnz  daz  si  in  l^ctwanc 
60  Daz  er  her  nider  keme       Die  menscheit  an  sich  nemo. 
Do  si  in  des  vber  want       An  daz  crvce  si  in  baut 
Dar  an  er  dvrch  ir  willen  starb.      Hie  mit  gotes  svn  erwarb 


74  Haupt. 

Dem  menschen  g-otes  hvlde  wider,       vf   daz    er    ewiclichen 

sider 
Solt  vz  steten  sinnen         Mit  im  den  vater  minnen. 

70  Nv  bedenket  wie  des  gotes  rät  von  erst  mit  vns  ge- 
worben hat, 
wie  an  des  menschen  vrhab  Der  vater  vns  dem  svne  gab, 
Vz  dem  gewalde  daz  geschach;  Wi  dö  div  wishcit  furbrach 
Die  der  svn  genennet  ist  Vnser  herre  Jhesus  Crist, 
Wi  er  vns  dem  vnter  bot  Do  er  geleit  des  cruces  tot. 
80  Sit  wir  nv  leider  an  (1.  hän)  versmät      Mit  maneger  grozer 

missetät 
Des  vater  ampt  vn  ovch  des  svns,      So  enleit  (1.  enlet)  die 

gvte   niht    von  vns. 

Den  heiligen  geist  ich  meine       Der  drier  psonen  eine 

Vereinet  an  gotes  mäiestät.      Vil  manigen  tvgende  riehen  rat 

Wir  von  dem  geist  enphähen       Daz    wir  vns    gote    nähen 

90  Vii  gentzlich   in   die  minne  komen,      Als  wir  hie  vor  hän 

vernoinen. ' 

Ist  daz  iw  (1.  nu)  got  der  herre  min        Dvrch    die  grozen 

trüwe  sin 
Der  an  im  ist  mei-  danne  vil      Erluhten  mir  daz  herze  wil 
Als  ich  im  gal  (1.  sal)  getrüwen,      So  wil  ich  vf  in  büwen 
AI  hie  daz  werc  vnd  wil  vch  sagen      Wie  hie  vor  in  ma- 
nigen tagen 
100  Der    heilige    geist    geworben    hat        Vn    wie    sin    tvgent- 

liche  (?)  rät 
An  genvgcn  Ivten  wnthcr  bar.      Also  daz  si  von  herzen  gai- 
Got  svhten  hie  zv  stunden       Vntz  daz  si  in  fvnden. 
Ey    herre    got    nv    leite    mich        An    dirre    vart    die    ich 

dm"ch  dich 
Hän  hie  begonst  vn  wil  sagen,      Wie  hie  vor  in  vil  tagen 
HO  Mangos    reines    menschen    mvt        Dvrch    dich    dv    höster 

vrovden  gvt 


'  Mit  dieser  Vorrede  verglciciie  man  die  ztiiii  ersten  und  dritten  Buche 
des  Passionais;  über  die  Lehre  vom  .gevvalt  der  wisheit  und  triiiwe' 
aber  das  Briichstüek  im  Anlianjr. 


Ueber  das  mitteldeutsche  Buch  der  Väter.  75 

} 

Der  werldo  hoit  wol  vbertrat.       Dos   bite    ich    als    ich    iz 

y  bat 
Daz    dv    mit   mir    sist   dar  an,       Jhcsu  gotruwcr  Ictttssman 

(I.  Icitesman), 
!         Dvrch    die    werden    vrovde   groz       Die    sich    mit    minnen 

a  vz  goz 
j         Da  dv  nach  diner  marter  zil      Mit  doi-  orvs^elt  (1.  crwelten) 

also  vil 
(120  Die  dv  zvr  helle  nemo       Fvr  dinen  vater  kerne, 

Vn  da  von  diner  raartor  vrvhte       Im  sie  ofei-des  mit  zvhte 
Im   ZV   lobe  vii    zv   frvmen.       ()  daz  svzo  willikvmbn 
Wie     dich     enphienc    des    vaters    gvnst,        Daz     wirf    in 

monsciichcn     vci-nunst 
Zware  deine  hie  volant       Vntz  daz  oz  dort  vns  wir  (I.  wirt) 

erkant. 

130  Ez  ist  genvg-et  (1.  genvger)  Ivte  site       Daz  in  die  gowon- 

hoin  (Vgewonheit)  mite 
Volget  (si  ist  idoch  gvt),       Swä  si  gesitzent  bi  der  glvt 
Oder  anderswä,  swi  daz  si,       daz  in   ioman  da  lilite  ist  bi 
Der  im  ein  mere  bitet  sagen,       dem  si  alle  wol  gcdagen. 
Daz  ist  doch  vnderscheiden       Als  lieben  unde  leiden!' 

140  Swie  dos  mannes  leben  stät  dar  vf  suchet  er  gonio  i-fit, 
Swclle  mere  in  dar  an  sterken  An  die  leit  ei-  sin  merken. 
Die  itel  sin  die  sin  gereit  Swä  man  in  seit  von  citelkeit, 
da  hi  der  seligen  rote  "  Höret  ir  gerne  sagen  von  goto 
vii  von  der  gvten  Ivte  leben,  den  goto  (sie)  gnade  hat 
^       ^  ^  gegeben. 

150  O  we  ich  mvz  bekennen       von  wärheit  benennen 

daz  ich  der  iteln  einer  bin  !      daz  spreche  ich  niht  vf  den  sin 
dei-    demvt,  nein  ich!    wcrlich       An    wäror    schvlt    bcgrifo 

ich   mich 
daz  ich  bin  vz  der  iteln  rote.      Nv  wil  ich  gerne  bvzcn  gote 
Vn  dvrch  der  bvze  willen       Ob  ir  weit  w(!scn  stille    ' 


'  Die  Ansichten,  die  der  Dichter  hier  über  Ziel  und  Zweck  der  Dii-litimp; 
in  wenigen  Worten  darlegt,  sind  ganz  dieselben,  die  Odltrid  von 
Strassburg  weitläuftig  ausgeführt  Iiat  im  ICingang  zmn  Trisian 
V.    120—244. 


76  Haupt. 

ICO  Voll  gvter  mere  sag'cn  vil     Der  ich  doch  keinen  machen  wil. 
Ein  bvch  de  (1.  der)  veter  bvch  genant      In  daz  hän  ich 

den  sin  gewant, 
Vn   wil    dar    vz    ze    dvte    lesen       daz    mich   nvtze  dvnket 

wesen 
Zv   hören    der   gern  ein  schaft;        Da   stet    von    in    wie    sie 

mit  kraft 
Daz  himelriche  haut  erstriten      Gar  mit  tvgentlichen  siten. 

In  dieser  für  das  ganze  Werk  gültigen  Vorrede  sagt  der 
Dichter  selbst,  dass  er  blos  eine  Auswahl  aus  dem  Buche 
der  Väter  geben  will;  er  will  nur  dasjenige  aus  dem  Buche 
auf  deutsch  lesen,  wovon  er  sich  Nutzen  für  die  , Gemein- 
schaft' verspricht.  Unter  ,Gemeinschaft'  kann  er  nur  die 
geistliche  Gemeinde  verstanden  haben,  der  er  selbst  an- 
gehörte oder  für  die  er  zunächst  sein  Werk  dichtete.'  Auf- 
fallend ist,  dass  er  den  Ausdruck  ,samenunc'  meidet,  mit  dem 
technisch  ein  coenobium  oder  monasterium  bezeichnet  wird. 
Auf  die  merkwürdige  Stelle  über  die  Maeren  129 — 155  und 
auf  das  Selbstbekenntniss,  dass  auch  er  der  Dichter  einst  ein 
Liebhaber  der  v/eltlichen  Maeren  gewesen  sei  und  zur  Busse 
jetzt  geistliche  Geschichten  dichten  wolle,  komme  ich  im  Ab- 
schnitt II. i.  zurück.  Im  Verfolg  werden  wir  sehen,  dass  er 
dieses  Bekenntniss  wiederholendlich  ablegt. 

Nach  dieser  allgemeinen  Vorrede  setzte  der  Dichter  eine 
besondere,  die  wir  nach  unserem  Sprachgebrauch  als  Einleitung- 
bezeichnen würden,  worin  er  seine  Zuhörer  über  den  Ursprung 
des  Lebens  in  der  Wüste  und  der  klösterlichen  Gemeinschaften 
unterrichtet  und  am  Schlüsse  seine  lateinische  Quelle  angibt. 
Auch  diese  besondere  Vorrede  ist  für  die  Geschichte  des 
Werkes  und  des  Dichters  von  Werth  und  Bedeutung. 

170  Hie  vor  waz  die  cristenheit      In  manigem  riche  breit 

Da  sie  nv  leider  ist  zv  smal.     Man  lisct  von  der  aposteln  zal 
Daz  ir  zwelfe  wären.       Die  teilten  in  ir  iären 
Sich  in  die  kvnecriche  wit,       Da    si  binnen    derselben  zit 
Jensit  dem  mere  vn  dissit       Der  Ivte  vil  bekerten 


Diene  ist  notliwoiHlig-  dieselbe,   für  die    er  das  Passioiial  gedichtet  hat, 
wie  wir  unten  scheu  werden,  Abschnitt  II.  ö. 


IjRbev  das  initteldeutsclie  Buch  der  Väter.  77 

180  Vn  deu  gelovbeu  lerten       Wie  si  den  Cristviu  erteu. 

Diz    bestvnt    do  mauigen  tae        Daz    der   gelovbe  wahsen 

phlac 
Der  da  vor  gesewet  was.       So  ricldich  in  iijauiger  las 
Daz  er  der  werlde  gvt   verfwr    (1.   verswur)       Vü  (in)  die 

wstenungen  fvr. 
Do    wrden    einsidelen    gvt.         Gnvde    (?  Grnäde)    des    ge- 

lovben  blvt 
190  So  etlichen  zierten  (1.  zierte)       Daz  si  sich  ordinierten 
Vn  mit  einander  ensampt       Vbeten  daz  gotes  ampt 
Mit  grozem  armvte.       Do  wart  dvrch  gvte 
Manie  gioster  gestift       Von  der  gvten  Ivte  gilt 
2''    Vber  daz  gevilde.     Verre  in  wster  wilde 

Svmeliche  kämen       Die  sich  zv  samene  ovch  nämen 

Vn    dienten    mit   einander  gote.       Gar  willeclichc  in  sinu; 

geböte 
Genvge  ir  was  wil  manigen  tac,       Daz  er  niht  zv  sehene 

phlac 
10  Jeman  werltliches  oder  ieman  in.       Durch  den  himelischen 

gewin 
Was    ir    mangel    groz    genvc,        Den     maneger     doch    so 

dvldec  truc 
Kehte    als    im    were    al    da    bereit        Gemach    mit    grozer 

richeit. 
Zv  got  was  ir  herce  geriht       Vii  die  svze  zvversiht 
Machte  in  ir  mute  (?armut)  wolgesmac.     Svmelicher  cranker 

cleider  phlac. 
20  Der  zv  den  Ivten  selten  kam,       Palmboumes  blat  der  nam 
Die  er  zvsamen  näte,       Daz  was  genvger  wate. 
Zv  bettegewanden  matten       Si  da  von  ovch  hatten. 
Obez  vrvht  vn  crvte       Die  spisten  manigen  gotes  trvte. 
Si    mvsten    ovch    die    brvnnen    graben        Obe    si    wazzer 

wolten  haben 
30  Die  wazzerfluz  niht  heten.       Svmeliche  wären  bi  den  steten 
Bi  den  si  sich  betrugen.       Was  got  an  in  genvgen 
Von    genäden    wnders    hat   getriben,        Des    wart    ein    teil 

doch  geschriben 
In  criescher  (sie)  zvngen.      Dvrch  got,  dvrch  bezzervngeu 
Wart  ez  da  zv  latine  bräht.      D'jsselben  ist  ovch  mir  gedäht 


78  Haupt. 

40  Daz    ich    (dvrch)    got    vf  gvten    sin        Zv    dvte    sagen    wil 

von  in 
Etteliche  nutze  mere.       Nv  wise  min  leitere 
Jliesu  getrüwer  lettesnum  (1.  leitesman)  '       Wand  ichz  durch 

dich  wil  grifen  an. 

Die  erste  Legende,  womit  der  Dichter  sein  Werk  er- 
öffnet, ist  die  des  h.  Antonius  als  des  Stifters  und  Erz- 
vaters aller  Einsiedler.  Er  folgt  aber  nur  stellenweise  der 
Biographie  desselben,  die  Äthan asius  von  Alexandria 
griechisch  verfasst  und  Evagrius  von  Antiochia  ins  latei- 
nische übersetzt  hat.-  Gleich  nach  capp.  I -III,  die  er  hier 
frei  genug  bearbeitet  hat,  schiebt  der  Dichter  ein  Stück  ein, 
wie  der  Vater  aller  Einsiedler,  um  nicht  von  bösen  Gedanken 
gequält  zu  werden,  sich  mit  Handarbeiten  beschäftigt,  beson- 
ders mit  Korbflechteroi,  die  überhaupt  eine  Lieblingsarbeit 
aller  Väter  in  der  Wüste  war.  Hierauf  folgt  wieder  cap.  IV 
aus  der  Vita,  dann  werden  einzelne  Stücke  aus  den  folgenden 
Capiteln  ausgewählt,  andere  aus  den  übrigen  Büchern  der 
Vitae    patrum    eingeschoben,    so    die    Geschichte    von    Pior, 


'  Der  Ausdruck  leitesman,  der  aucli  1,  114  erscheint,  ist  ein  preussischer 
terraiuus  technieus.  Er  kommt  mit  Ausnahme  der  Mystiker  I.  51,  8  nur 
bei  Jeroschin  vor:  17,850.  18,501.  20,094.  Vergleiche  übrigens  in 
Scriptores  rer.  Pruss.  die  littauischen  Wegeberichte  II,  062 — 708.  Da 
begegnet  auch  der  Plural  ,leitpslüte',  ß70,  681. 

2  Ich  benütze  überall,  wo  ich  mich  auf  den  lat.  Text  berufe,  die  , Vitae 
patrum  studio  H.  Rosweydi.  Editio  secunda.  Antverpiae  1628.  f.' 
Diese  Sammlung  ist  in  zehn  Bücher  abgetheilt.  Liber  I  ist  «ine  Samm- 
lung verschiedener  Vitae  von  verschiedenen  Verfassern,  II  und  III  ist 
von  Ruffinus  Aquileiensis,  IV  von  Severus  Sulpitius  und 
Johannes  Cassianus,  V  aus  dem  Griechischen  übersetzt  vom  rö- 
mischen Diacon  Pelagius,  VI  desgleichen  von  dem  römischen  Sub- ' 
diacon  Johannes,  VII  ebenso  von  dem  Diacon  Pasch  asius.  Bis  hieher 
reicht  der  alte  Grundstock  der  Vitae  patrum,  wie  dieselben  im 
Mittelalter  gelesen  wurden.  Für  die  Bücher  VIIT — X  oder  die  Bücher 
des  Palladius  von  HeUenopolis,  des  Theodoretus  und  Johannes 
Moschus  lagen  im  Mittelalter  andere  Bearbeitungen  den  Lesenden 
bereit,  als  die  Rosweydi us  in  seine  Ausgabe  aufgenommen  hat.  Die 
ältesten  Ausgaben,  sowie  die  sämmtliclien  Hss.  der  Vitae  unterscheiden 
sich  sehr  bedeutend  nach  dem  Inlialte  und "  Umfange.  Ueber  diese 
Unterschiede  hat  II.  Rosweydius  weitläuftig  gehandelt  1.  c.  Prolegora. 
XVII— XXIV,  pag.  LVII— LXXXII. 


Ueber  das  iiiittokleutsehc  Hucli  ilor  Viltor.  79 

einem  Seliülcr  des  h.  Antuuins  aus  üb.  ITI.  cap.  XXXI 
(Leipziger  Hs.  9"  11 7— 10" 42).  Mit  der  Leg-ende  des  h.  An- 
tonius ist  die  des  h.  Paulus  primus  heremita  verbunden,  , 
deren  Verfasser  im  lateinischen  der  h.  Ilieronymus  ist.  Da 
nun  diese  Vita  Pauli  primi  heremitae  vom  cap.  V  eig-ent- 
lich  mehr  vom  h.  Antonius  als  von  Paulus  erzählt,  so  sieht 
man  deutlich,  dass  der  Dichter  alles,  was  er  in  den  verschie- 
denen Büchern  der  Vitae  patrum  über  den  h.  Antonius 
vorfand,  zu  einem  Ganzen  vereinigen  wollte.  Dies  unterliegt 
um  so  weniger  einem  Zw^eifel,  als  er  nach  der  Geschichte  des 
Paulus  primus  heremita  wieder  andere  Stücke  aus  dem 
lib.  II  et  III  über  ungenannte  Einsiedler,  über  Amnion, 
über  Paulus  Simplex  beibringt,  immei-  aber  nur  solche,  in 
denen  der  h.  Antonius  eine  Rolle  spielt.  Mit  einem  Worte, 
der  Dichter  hat  aus  den  über  die  X  libri  der  Vitae  patrum 
zerstreuten  Anecdoten  vom  h.  Antonius  eine  grosse  Legende 
zu  bilden  versucht. 

Wir  können  leider  nicht  mehr  entscheiden,  wie  weit 
diese  Bemühung  vom  Erfolge  gekrr>nt  wurde,  denn  die  Leip- 
ziger Hs.  bricht,  ohne  einen  eigentlichen  Abschluss  der  Le- 
gende zu  geben,  17'^  195  phitzlich  ab.  Es  ist  nicht  wahr- 
scheinlich, dass  der  Dichter  sein  Work  nicht  vollendet  habe, 
es  muss  vielmehr  in  der  Vorlage  der  Leipziger  Hs.  schon 
eine  Lücke  gewesen  sein.  In  der  Leipziger  Hs.  deutet 
äusserlich  nichts  auf  eine  solche  Lücke,  im  Gegentheil  es  folgen 
auf  demselben  Blatt  noch  die  fünf  ersten  Verse  der  Vorrede, 
womit  der  Dichter  den  zweiten  Theil  seines  Werkes  einleitet. 
Ueber  diese  Lücke  und  den  Inhalt  des  Lib.  I.  der  Vitae  patrum 
mehr  unter  I.  4. 

2.  Wie  gesagt  folgt  nach  der  abgebrochenen  Legende  des 
h.  Antonius  die  Vorrede  des  zweiten  Theils,  sie  lautet: 
17''196  Svs  wollen   dö   in  gotes   namen       Die    einsidelen   lobe- 

samen 
Nach  der  tode  wart  er  (1.  ir)  nie.       Mit  den  was  got  als 

er  was  e 
Mit  den  andern  gesin.  (18'')    Des  heiligen  geistes  schin 
Irlvhte  dar  nach  ie  den  man      Daz  er  Ivterkeit  gewan. 
Sich  breite  der  tvgende  schar      In  der  wste  her  vud  dar. 


gO  Haupt. 

In  clostern  vnd  in  clvsen       Vnd   in  der  stete  hvsen. 
Daz    gotes    iiwer    an    in    bran        Wan    ez    enzvndet    luani- 

g-en   man 

1 1   Der   die    werlt    werden   (?)    liez.       Dvrch    den    himelischen 

geniez 
Sie  svliten  manic  enge  hol,      Da  in  doch  was  mit  g-ot  wol. 
Etswä  was  ir  vil  ensampt       Die  vbeten  alle  gotes  ampt 
Eintrehtec  vnd  reine.       Svmelicher  was  al  eine 
Dem  idoch  got  stete  was  bi.       Etswä  zwen  oder  dri 

21  Ir  were  minner  oder  me       Si  vlizzen  sich  vf  g-otes  e 
Mit  vnvelschlichem  sinne       Eintrehtic  in  der  minne. 
Dar  nach  in  einer  zit  g-eschach       Daz  man  ein  teil  In'vder 

sach 
Von  Jerusalem  vz  gän       Jn  gvtem  sinne  vf  gvten  wan, 
Daz  sie  die  alden  veter  gvte      Beschouweten  vnd  ir  demvte, 

31  Vnd  daz  sich  merte  ir  seiden  vruht       Von  ir  lere  vnd  von 

ir  zvht 
Vnd  von  ir  reinem  bilde.       In  der  wsten  wilde 
Vil  hohen  vngebanten  stic       Manige  lange  crumme  wie  ' 
An  grozer  arbeitlicher  phlege       Griengen  sie   mit  vnwege 
Vber  gebirge  vnd  vber  tal.       Bi  wilen  waz  ir  wec  smal 

41  Der  si  idoch  so  verre  trvc       Daz  sie  des  vunden  genuc 
Dar  vmbe  ir  iegelicher  vz  quam,      Do  div  vart  ein  ende  nam 
Sin   gvte    ir    einen    dar    zv    treib        Daz    er    vf  bezzerunge 

schreib 
Swaz  sie  hörten  vnd  sän,       Daz  in  e  wart  kvnt  getan 
Von  der  reinen  veter  mvnt,       Als  iv  hie   sal  werden  kvnt. 

So  weit  leitet  der  Dichter  ein,  mit  den  folgenden  Versen: 

Er  sprach,  ich  wil  dvrch  nvtz  iv  sagen        Wie   vns  in  den 

selben  tagen 

Geoffebäret    (sie)    vil    gvtes    wart.        Wir    qvämen    an    der 

ersten  vart . .  . 

beginnt  bereits  die  Uebersetzung  des  Hb,  II  der  Vitae  pa- 
trum  oder  ,Kuflini  et  Melaniae  peregrinatio^  Auch  dieser 
zweite  Theil  i§t  so  treu    oder  so  frei  behandelt   als    der    erste; 


1  Schwerlich  in   stec  :  wec   zu  ändern,    vgl.  awicki,  giwicki  Graft'  1.  671. 
waltwicke  J e  r o  s  c  h i  n  24, 749. 


Uelipi-  (liis  mitteldeutsche  liiuli  der  Viiter.  81 

die  Eigennamen  werden,  wo  es  nicht  jene  d(?r  Altväter  sind, 
g-enieinlieh  unterdrückt,  jj-anze  Oapitel  ausg-elassen ,  die  bei- 
behaltenen umgestellt  und  ein  Stück  aus  einem  anderen  Buche 
eingeschuben.  Welche  Capitel  ausgelassen  und  wie  durch- 
gi'eifend  die  beibehalteueu  umgestellt  wurden,  zeigt  folgende 
Tabelle : 

^r.,        ^    ,  T  -1     TT  ßucli   der  Väter 

Vitae  Fatrum.    Lib.  11.  ,     tt 

L.  lis. 

Cap.  I.  De  S.   Johanne  18'53  -  2ÖMG4 

IL  De  Hör  48M77  —  50" 5G 

III.  De  Ammone 

IV.  De  Beno  54^8 1  —  54^o3 
V.  De  Oxyrhyncha  civitate  31^08  —  31''177 

VI.  De  Theone  48''83       -  48' 17G 

VII.  De  Apollonio  31''177  —  39^2 

VIII.  De  Ammone  39M3     —40103 

IX.  De    Coprete    presbytero    et 

patre  Mutio  "  40' 104  —  45^85 

X.  De  Svro  abbate,  Isaia,  Paulo 

et  Anuph 
XI.  De  Helene 
XII.   De  Elia 

XIII.  De  Pithyrione 

XIV.  De  patre  Eulogio 
•  XV.  De    Apelleu    presbytei-o    et 

Johanne  "^  25"*  165  —  26M78 

XVI.  De  Paphnutio  2G"179  —  31''31 

XVII.  De  monasterio  abbatis  Isidori      54'' 154  —  55'' 77 
XVIII.  De  Serapione  presbytero 
XIX.  De    Apollonio    mouacho    et 

martyre  50''57     —  52'' 17 

XX.  De  Dioscoro  presbytero 
XXI.  De  monachis  in  Nitria  com- 

morantibus  •        Ö2"18     —  52"91 

XXII.  De  loco  qui  dicitur  Cellia        r)2"92     —  52"  139 

XXIII.  De  Ammonio  ' 

XXIV.  De  Didymo  52M40  —  52"  159 
XXV.  De  Cronio 

XXVI.  De  Ürigeue 

Öitzb.  d.  phil.-liist.  Ol.  LXIX.  Bd.   11.  Htt.  •  6 


55*^78 

—  5G"153 

45"  18(3 

—  48"^  82 

3r32 

—  31' 113 

31' 114 

—  31"  157 

82  Hauvt, 

Buch  der  Väter 

Vitae  Patrum  Lib.  II.  j^    ^Is 

Cap.  XXVII.  De  Evagrio  52M60  -  52M89 
XXVIII.  De  duobus  Macariis  et  primu 
de    Macario    Aeg-yptio     seu 
seniore 
XXIX.  De  Macario  Alexandrino  seu 

iuniore 
XXX.  De  Amraone    priino    Nitriae 

monacho  52M90  —  .54^S0 
XXXI.  De  Paulo  simplice 

XXXII.  De  Piammone  presbytero  56"  154  —  57"^  94 

XXXIII.  De  Joanne  58''34     —  öS'^öT 

Epilogus  58"^  58     —  59*^89 

Ordnet    mau    die   vom  Dichter    bearbeiteten  Capitel   nach 

der    Reihenfolge    in    seinem    Werke,    so  ergibt    sich    folgende 
Tabelle: 

Buch  der  Väter  L.  Hs.  Vitae  Patrum   Lib.  II. 

18'^  53     —  25M64                             Cap.  I. 

25*^105  —  26n78  XV. 

26^79  —  3r31  XVI. 

3r32     —  3ril3  XIII. 

3ril4  —  31M57  XIV. 

31M58  —  31M77  V.    • 

3in78  —  39"  12  VII. 

39'' 13     —  40^103  VIII. 

40M04  —  45^85  IX. 

45M86  —  48"^  82  XL 

48*^83     —  48^76  VL 

48' 177'—  50^30  IL 

50*^57     —  52-17  XIX. 

52"  18    —  52*^91  XXI. 

52'' 92     —  52"  139  XXII. 

52"  140  —  52M.59  XXIV. 

52"  1(30  —  52"  189  XXVII. 

52"  190  —  54''80  XXX. 

54'' 81     —  54"  153  IV. 

54"154  -   55M77  XVIL 


üeber  Jas  inittelileutscho  l'.ucli  der  Väter.  1^3 

Buch  clor  Väter  L.  Hs.  Vitae  PatVuni  Lib.    II. 
55" 78     -  5G"153  Cap.  X. 

5G"M54  —  57^94  XXXTI. 

57^95     —  58\33 

o8='34    —  58'^57  XXXIII. 

58"^  58     —  59'^  89  Epilog-us. 

Diese  Unistclluno;  der  einzelnen  Capitel  so  wie  der 
Mangel  der  übrigen  wird  sicli  in  keiner  alten  Hs.  der  Vitae 
patrum  nachweisen  lassen,  der  Dichter  hat  dies  alles  will- 
küi-lich  so  geordnet.  Welche  Absichten  ihn  darauf  geführt 
liaben,  entgeht  uns  gänzlich ;  ästhetische  Gründe,  die  ihn  ander- 
wärts bewogen,  seinen  Stoff  mit  voller  Freiheit  zu  behandeln^ 
kommen  hier  g-ar  keine  in  Betracht,  da  es  ihm  einerlei  sein 
konnte,  in  welcher  Reihe  die  geistlichen  Anecdoten  auf  ein- 
ander folgten.  ' 

Diesen  zweiten  Theil  oder  ,Kuffini  et  Melaniae  peregri- 
natio^  schliesst  der  Dichter  mit  dem  ziemlich  genau  übersetzten 
Epilogus  ab,  die  vier  letzten  Verse  lauten: 

59'' 86  —  89  Des  sie  im  immer  mere       Lob  werdekeit    vnd  ere 
Ewigeclichen    svnder   drvm       In  secuhi  seculorum. 


8.  Unmittelbar  schliesst  sich  an  in  der  Leipziger  Hs.  des 
Dichters  Vorrede  zum  folgenden  oder  dritten  Theile  seines 
Werkes : 

59" 90  8ehte    (sie)    nv   hau    ich    vch    geseit        Als    ich    von   ers 

hete  vf  geleit 
Vnd  g-etihte  zv  dvte       Daz  die  gvten  Ivte 
Hurten  vnde  sähen.       Als  sie  selber  iahen, 
Die    von    Jerusalem    giengen        Vnd   groze   swerde    en- 

phiengen, 
Daz  sie  die  alden  veter  gvt       Beschowten   an   ir  demvt 
IUI  Dvrch    uvtz    dvrch    bezzeruns'e        Dei-    tvö-ent    mervno-e 

O  O  ~ 

Als  ich  da  vor  gesaget  hän.       Da  sie  den  wec  griffen  an. 
Swie    njir  ez    wisete    daz    latin       (Der    mere    ist   keinez 

min) 
leli   liän  anders  niht  getihte  (1.  getihtet)        Nocli  zv  dvt(t 

berihte  (1.  berihtet) 
6* 


^4  11  ■■<■ » i>  t- 

Daune  als  ich  in  dem  bvehe  vant        Daz  vitas  patrum 

ist  genant. 

1 1 1    Noch  volg-ent  mere  harte  vil       die  ich  in  dvtsch  berihten  wil 
Dvrch  g-ot  vnd  dvrch  alsulhe  site,       Daz  sich  ein  ieglicher 

mite 
Bezzer  swer  sie  höre  lesen.       Ich  vveiz  wol  harte  nvtz  wesen 
Den    Spiegel    vor  den  ovgen  haben,       Wan  dar  an   ist  vil 

dräte  entsaben 
Waz  man  waschen  sal  bisit:       Svs  weiz    ich    wol  daz   diz 

bvche  git 
121   Manie  rein  bispel.        Swen  niht  hindert  daz  vel 

An  des  herben  gesiht       Der  mac  wol  werden  drvz  berilit, 
Wie    er-,  sich    zieren    an  tvgenden  sal       Vnd    bewaren  der 

^   svnden  val. 


Swaz  ich  noch  vurbaz  schribe       Ob  ich  gesvnt  blibe 
Die  mere  ich  in  dem  bvche  ovch  vant       Daz  vitas  p  a  t  r  u  m 

ist  genant. 
131    Dvrch  rehte  bezzervnge       In  criescher  (sie)  zvnge 

Wurden  sie  hie  vor  geschribeu,       Vnd  in  der  zvnge  lange 

bliben 
Vntz  sie  in  gvter  andäht       Zv  latin  wurden  brüht 
Von   zwein    die   genant  wären  svs       Johannes  vnde  Pe- 

1  a  g  i  V  s, 
Zv  Röme    was    ir  beider  wesen.       Pelagius   phlac  aldä 

lesen 
J41   Daz  ewangelium  in  der  zit       Wan  er  dar  zv  was  gewit, 
Johannes  svbdyaken  was,       Als  ich  ez  an  den  bvchen  las, 
Die  hau  ez  in  latin  geschriben       Daz  manigen  (sie)  vir- 

borgen  bliben 
Der  niht  latin  virstat.     Ol)  lihte  anderswä  nv  hat 
Jeman  diz  bvche  getihtet        Vnde  in  dvtsch  berihtet 
löl    Des  enkan  ich  wizzen  niht.        Swie  mir  der  sin  dar  vf  gilit 
Den  mir  got  hat  gegeben,      Des  wil  ich  an  den  meren  leben 
Minem  lierre  zv  lobe.       Mich  hat  ir  Ivge  vnd  ir  clobe 
Bestricket  leider  also  vil       Daz    ich  ez  immer  clagen  wil, 
Vnde  dvrch  die  bezzervnge       Sal  vch  hie  min  zvnge 
Mit   warheit    bedvteii        Von   den  gvteu  Ivteu 


üpher  flas  mitteMeutsi'he  H\irh  'Ipv  Vätfr.  f^,5 

Di  die  vnwarhoit  vlvlien        Vnd   sich  von  idcr  worll   zvhen 
Daz    sie    die    wailicit    Dil    viilvrn.        Daz    niac    man    an   ir 

loben  sjwrn. 
Herre  got  nv  leite  mich        Wan  ich  vinnac  niht  svndev  dich  ! 

Mit  dieser  Vorrede  leitet  der  Dichter  eine  Blumenlese 
aus  den  Libb.  III — VIII  der  Vitae  patrum  ein,  die  er  selbst 
als  ein  ,Bueh  der  bispelle'  ansieht.  So  wenii»-  er  früher  der 
Ordnung  seiner  lateinischen  Quelle  folgte,  eben  so  wenig  lässt 
sich  der  Dichter  in  diesem  dritten  Theil  seines  Werks  von 
derselben  leiten,  Sprüche  und  Erzäldungen  jedei-  Ai-t  stehen 
nebeneinander,  die  Eigennamen  werden  auch  hier  meistens  unter- 
drückt, und  nur  jene  der  Einsiedler  zum  Theil  geschont.  Das 
Ganze  ist  nur  mit  Mühe  zu  bewältigen,  die  einzelnen  Stücke 
auf  die  lateinische  Quelle  zurück  zu  führen,  ist  äusserst  schwierig. 
Wer  es  versucht,  findet  bald,  dass  er  sich  nicht  einmal  auf 
die  stehen  gebliebenen  Eigennamen  so  ohne  weiteres  verlassen 
darf.  '  So  bricht  die  Leipziger  Hs.  mit  der  Legende  vom 
oselhütenden  Löwen  ab,  die  hier  und  im  P  a  s  s  i  o  n  a  1  ed.  K  ö  p  k  e 
509 — 75 — 513,  35  vom  h.  Hieronymus  erzählt  wird,  während 
die  Geschichte  in  den  Vitae  patrum  Lib.  X,  cap.  GVII  auf 
den  abbas  Gerasimus  lautet.  Ueber  das  merkwürdige 
Verhältniss  beider  Bearbeitungen  dieser  Legende  im  Buch 
der  Väter  und  im  Passional  komme  ich  unten  zurück. 

Nachdem  diese  Legende  mit  dem  Verse  142' 134  (Vns 
(1.  unz)  an  ir  iegliches  tot)  geschlossen  ist ,  beginnt  mit  dem 
folgenden  Verse  142'' 135  ((3  wol  dir  wart  kvscher  ivgent)  die 
Vorrede  zur  Legende  von  der  h.  Euphrosyna,  diese  so  wenig 
als  die  in  der  Leipziger  Hs.  noch  folgende  von  der  h.  Pelagia 
können  zu  dem  Buch  der  Beispiele  gehöi'cn,  da  jede  mit  einer 
besondern  Vorrede  ausgestattet  ist. 


'  Um  eine  Probe  zu  geben,  wie  der  Dichter  mit  seinem  Texte  Tiins])ring't. 
will  ich  einige  der  von  mir  aufgefundenen  Stücke  hersetzen.  Aus  dem 
Lib.    III.    auctore    Ruffino    Aquilejensi    sind    entnomiuen    fiO'' (vi    — 

61^  164  =  29,  22,  38,  66 62"  37  —  67-  1«  =  26,  102,  35,  43,  42,  41, 

21.  23,  40,  47,  45,  50,  53,  ,58,  62 67'^  57  —  72«  32  =  56,    73,  76, 

77,  90,  78,  83,  85,  86,  89,  97,  98,  107,  110,  117,  118,  120,  124,  134,  1.50, 

155,    158,    161 72'' 61    —   73'' 84  —   171,  172,   17.3,   174,  175.  178, 

183  u.  ,s.  w.     Man  sieht,  der  Dichter  hat  wirklicli    nur  ausgewählt.     Wie 
er  mit   diesem    Buche  verftiln-,  verfuhr  er  aucii   luit   den  .-UKh'rn. 


gß  Haupt. 

80  ohne  weiter  ein  Wort  zu  verlieren,  hat  kein  Dichter 
des  Mittelalters,  in  welcher  Sprache  er  auch  schreiben  mochte, 
sein  Werk  in  die  Welt  geschickt:  am  allerwenigsten  wird  es 
der  unsrige  gethan  haben,  der  sein  zweites  grosses  Werk,  das 
Passioual ,  mit  einer  Fülle  von  Vorreden  und  Nachreden  aus- 
gestattet hat.  Ja,  wir  sehen  dasselbe  auch  im  Buch  der  Väter: 
nach  der  allgemeinen  Eintheilung  kommt  die  besondere  zum 
ersten  Theile ;  der  zweite  Theil  ist  wieder  mit  einer  solchen 
versehen  und  zugleich  mit  einer  Schlussrede,  die  in  die  Vor- 
rede zum  dritten  Theil  überleitet;  da  sollen  wir  glauben,  dass 
der  Dichter  den  ersten  und  dritten  Theil  ohne  ein  solches 
SchlussAvort  gelassen  habe?  Unmöglich!  Der  Schluss  ist  bei 
beiden  verloren,  d.  h.  die  Leipziger  Hs.  ist  auf  eine  bereits 
zertrümmerte  Vorlage  zurückzuführen ,  wahrscheinlich  haben 
derselben  ganze  Lagen  und  Blätter  gefehlt.  Will  man  sich  den 
Inhalt  der  Leipziger  Hs.  übersichtlich  ordnen,  so  ergibt  sich 
folgende  Tabelle : 
L  Vorrede  des  ganzen  Werkes 

Vorrede  zum  h.  Antonius 

Leben  des  h.  Antonius 

Schlussrede  fehlt. 
IL  Vorrede  zur  Reise  in  die  Wüste 

Beschreibung  der  Reise 
IIL  Vorrede  zum  Buch  der  Beispiele 

Buch  der  Beispiele 

Schlussrede  fehlt. 
IV^.  Leben  der  h.  Euphrosyna 

Leben  der  h.  Pelagia 
Man  kann  um  so  sicherer  annehmen,  dass  die  Schlussrede 
von  I  und  III  fehlt,  da  der  Dichter  schon  in  den  Vorreden  zu 
II  und  III  die  auch  im  Passional  vorkommende  Eigenheit 
hat,  auf  den  bereits  abgehandelten  Theil  einen  Rückblick  zu 
werfen  und  den  Plan  des  nächsten  Theik^s  mitzutheilen,  so  in 
der  Vorrede  zum  zweiten  Buche  des  Passionais  ed.  Hahn 
154,59  — 155,63;  in  der  zum  dritten  Buche  des  Passion  als 
ed.  Kfipke  4,  87  —  6,  12  recapitulirt  er  die  beiden  ersten  und 
entwirft  das  dritte. 


VI 

-    I"168 

1"169 

—  2"  44 

2"  45 

17" 195 

17"196 

18"49 

18"  50 

-  59 '89 

59"  90 

—  .59"  167 

59"  168 

—  142^34 

142M35 

152"  30 

152"  31 

158^94 

Ueber  das  TOitteldeutschp  Buch  'Ipv  Väter. 


87 


4.  Die  beiden  zuletzt  erwähnten  kleineren  Legenden  sind 
ebenfalls  aus  dem  Lib.  T  der  Vitae  patrum  ii^enoramen. 
Ausser  diesen  beünden  sich  in  den  übrigen  triunvncrhaften  IIss. 
des  Buches  der  Väter  noch  andere,  so  in  der  Mcrancr  und 
F  r  a  n  k  f'u  r  t  c  r  die  vom  J  ünglinge  A  b  r  a  h  a  m  und  von 
Eustachi  US  oder  Placidus.  In  der  Hamburger  Hs.  steht 
die  vom  Jünglinge  Abraliani  neben  solchen,  "  die  nicht  aus 
den  Vitae  patrum  genommen  sind,  worüber  im  Abschnitt  111. 

Stellt  man  den  Inhalt  des  Lib.  I.  der  Vitae  patrum 
und  die  Legenden  neben  einander,  die  wir  von  dem  Dichter 
besitzen,  so  ergibt  sich  folgende  Tabelle : 


\Vitae  Patrum  Lib.  I. 

Virornm : 
Vita  S.  Pauli  primi  Eremitae 
S.  Antonii  abbatis 
S.  Hilarionis  monachi 
S.  Malchi  captivi  monachi 
Ö.  Onuphrii  eremitae 
S.  Pachomii  abbatis  Tabennensis 
S.  Abraham  eremitae 
S.  Basilii    Caesareae  Cappadociao 

archiepiscopi 
8.  Ephraem  Syri  diaconi  Edcssac 
S.  Simeonis  Stylitac 
S.  Joannis  Eleemosynarii 

S.  Epicteti  presbyteri  etS.  Astionis 

monachi 
S.  Macarij   Romani  serui  Dei  qui 

inuentus  est  iuxta  Paradisum 
B.  Posthumii   patris    quinque   mil- 

lium  monachorum 
S.  Frontonii  abbatis 
S.  S.  Barlaam  et  Josaphat. 

^Mulierum  vero  XI: 
S.  Eugcniae  virginis  ac  martyris 

S.  Euphrasiao  virginis 


Bei  unserem  Dichter 

Buch  der  Väter 
Buch  der  Väter 


Buch  der 

Väter 

Passional 

ed.    Köpke 

rj(i     137 

Passional 

ed.    Köpke 

137-147 

Passional 


ed.    Köpke 
471—478 


Buch  der 

Väter 

Buch  der 

Väter 

Passional 

ed.    Köpke 

539-544 

Buch  der 

Väter 

Buch  der 

Väter 

Passional 

ed.    Köpke 

305—307  ' 

QQ  Haupt. 

S.  Euphrosynae  virginis 

S.  MariaemeretricisneptisAbrahae 

ereniitae 
S.  Thaisis  meretricis 

S.  Pelagiae  meretricis 

S.  Mariae  Aegyptiacae  meretricis 

S.  Marinae  virgiiiis 

S.  Fabiolae 

S.  Paulae  Romanae  viduae 

S.  Marcellae  viduae. 

/ 

Der  Dichter  hat  somit  Stücke,  die  eigentlich  in  das  Buch 
der  Väter  gehören,  in  sein  späteres  Werk  aufgenommen, 
nicht  ohne  sie  früher  umgearbeitet  zu  haben.  Von  einem  Stücke 
st  es  zu  erweisen,  das  in  dem  Buch  der  Väter  eine  selbst- 
ständige kleine  P^rzählung  ist,  im  Passional  aber  ein  Stück 
der  Legende  vom  h.  H  i  e  r  o  n  y  m  u  s  bildet ,  ein  Stück,  dessen 
schon  oben  gedacht  ward. 

Der  Anfang  dieser  Geschichte  vom  eselhütenden  Löwen 
ist  aus  einem  Blatt  der  Frankfurter  Stadtbibliothek  gedruckt 
in  M  o  n  e  s  Anzeiger  VIII,  341 .  Ein  Pergamentblatt  von  1 36  Zeilen, 
das  aus  Hoffmanns  von  Fall  er  sieben  Besitz  in  die  k. 
Bibliothek  zu  Berlin  übergegangen  ist,  wird  von  Köpke  1.  c. 
pag.  XIV  mit  dem  Passional  509,  89—510,  56  verglichen, 
Avobei  sich  höchst  bedeutende  Unterschiede  ergeben.  Goedeke 
hat  dasselbe  Stück  aus  M  o  n  e  s  Anzeiger  in  ,Deutsche  Dichtung' 
(Hannover  1854,  8°  S.  197  ff.)  abgedruckt  und  bemerkt  darüber 
im  Register  S.  968  unter  Hieronymus:  ,Der  dritte  Theil 
des  Passion  als  Köpke  509  ff.  stimmt  im  thatsächlichen 
überein,  doch  sind  die  Abweichungen  der  Form  zu  bedeutend, 
als  dass  man  den  Hieronymus  S.  197  für  ein  Bruchstück 
aus    dem   Passional    selten    lassen    könnte.'     Goedeke  hat 


'  Es  ist  also  (Inrcliaus  falsch,  wenn  Zingerle  (Sitzungsberichte  Bd.  LXIV, 
S.  153,  154)  behauptet,  dass  unser  Dichter  mit  ängstlichem  Sinne  die 
Legenden  von  h.  Einsiedlern  aus  sehicm  Leben  der  Heiligen  ausschloss! 
Auch  ist  das  Buch  der  Väter  vordem  Passional  und  nicht  nach  dem- 
selben gedichtet,  die  Erklärung  seiner  falschen  Annahme  1.  c.  S.  154. 
somit  abzuweisen. 


Uelier  das  mitteldeutsche  Buch  der  Väter. 


89 


Recht,  zum  Passinn  al  g:ohnrt  das  Stück  nicht,  aber  von  dem- 
selben Dichter  i-ührt  es  her,  der  sich  selber  ausschrieb  und 
nicht   ohne   filück. 


Buch  der  Väter  L.  Hs. 

Mn-- 120  Man    liset    v:on    sente 

Jeroniino 
Daz  sichz  zeimal  vu- 

gete  also 
Do  er  in  sinie  kloster 

saz 
Dvrch  ^ot  sanc  vnde 

las 
y  Mit  brvdern   die  man 

bi   im   sacli 
125  Ri   Bethlehem   ez  ire- 

schach. 
Ez  ist  von  dem  (1.  den) 

geschriben  sit 
Die  doMareninderzit 
Jeronimus  der  reine 
Hin  abe  in  der  eine 
1 30  Saz  mit  brvdern  genvc. 
Da  er  dvrch  got  sich 

betruc. 
Eines    tages    in    der 

spate 
Do    sich  der  convent 

bäte 
Gesamt  als  in  geboten 

was 
1 35  Vnde  man  in  von  gote 

las 
Als  ir  gewonheit  was 

getan, 
Do  quam   zv  der  tvr 

in  gän 
Ein  grozer  lewe  vnde 

hanc, 


Passional  ed.  Köpke. 

509,  7(i  Nu  lat  mich  hie  enbin- 
nen  sagen 
ein  süberlichez  wunder^ 


daz  ijn  albesunder 

in  dengeziten  geschach, 

••^O  do   man   in  alda   wes(M"i 
sach 
an  demselben  amte. 

zeimal     zu     liouf    sich 
samtc 


der  convent  an  der  späte 

als    (er)   die  gewonheit 
häte, 
85  von  gutes  lere  man  do 
sprach. 

l)inncn  des  und  diz  ge- 
schach 

nach    ir  aller  willekui, 

do    quam    cm    lewe    in 

zur  tiu' 
vollen  müde  undekranc, 


90 


Haupt. 


Vf  drin  beinen  was  sin  ganc 
1 40  Daz  vierde  bein  enpor  hinc. 
Als  er  zvr  tvr  in  gienc 
Der   brv.dere    vloch    bisit 

(genuc) 
Wan  si  ir   crancheit  vcr- 

truc. 

Jeronimus  sich  nilit  enbarc, 

145  Wan    er   was   des   herzen 

starc, 

Dar  inne  got  ovch  büwete. 

Hievon   im   niht  gerüwete 


90  uf  drin  beinen  was  sin  ganc 
daz  vierde  bein  enporhienc. 
als  er  zur  tur  in  gienc 
der     brudere    vloch   besit 


genuc 


wand  si  ir  kraneheit  ver- 

truc. 
95  Jeronimus  sich  niht  enbarc, 
wand    er    was  des  herzen 

starc, 
dar  inne  got  ouch  büwete. 
hie  von  im  niht  engrüwete 


(1.  grüwete) 

Ebenso  wie  der  Anfang,  ist  die  Mitte  und  das  Ende 'mit 
feinem  kritischen  Sinne  umgearbeitet  und  ausgeschrieben,  ich 
will  noch  den  Schluss  von  beiden  Texten  hersetzen. 

512,  82  Jeronimus  der  aide 

hub  sie  üf   wol   balde 
minneclichen  er  zu  in 


142'' 51  Jeronimus  der  aide 
Hvb  sie  vf  vil  balde 
Minneclich    er    zv    im 

(1.  in)  sprach: 
,Habeto    vreude    vnde 

gemach ! 
55  Ez  si  vch  gentzlich  vir- 

geben. 
Tdoch    svlt    ir    vurbaz 

leben 
Daz   ir  behaldet    vwer 

gut. 
Lat  ander  Ivte  vngemut 
So  mvget  ir  vrides  wer- 
den vro.^ 
60  Zv  den  brvdern  sprach 
er  do 
Vil  gvtlich  wan  daz  was 

sine  site : 
jTeilet    in    vnser  spise 

mite 


sprach : 
85  ,habet  vrevde  und  ge- 
mach ! 
ez  si  vergeben  üchalso.^ 


zu 


,11 


sinen     brudern    sprach 

er  do : 
sult    die    nuiden    geste 
laben, 
und  als  sie  mit  uch  gezzen 
haben 


TIelier  das  mitteldeutsrhp  Buoh  der  Väter. 


91 


Daz  sie  sicli  nacli  der  nivde 

Iahen, 
Viule  alf>  sie  dannc  gezzen 

haben 
65  86   geböte   ir    (1.  gebet  in) 

allez  daz  ir  si 
Vndc  lät  sie  heimzogen  vvi.' 
Die  geste  sprächen:    ,höre 

ein  teil, 
Vch  ist  öley  niht  wol  hie  veih 
Vater,  tv  ez  nv  dvrch  got 
70  Vnde    dvrch    der    notdurft 

gebot, 
Laz  vns  gar  daz  oley 
Teilen  hie  geliche  entzwei, 
Daz  nini    halb,    ir   bedvrft 

es  baz 
In   der  kirchen   lainpenvaz 
75  Vnde  maniger  wis  vch  dvrch 

gemach.^ 
Der  aide  wider  sie  do  sprach : 
,Ir  svlt  werden  kvni  gewert 
Wan  ir  niht  rehte  habet  gc- 

gert, 
Daz  miue  brvder  wurden 
<S0  Vch  ZV  sweren  bürden 
Vnde  nemen  vch  i'iwereliabe . 
Ez  vnget  sich  niht,  lät  dar 

abe. 
Vnz  (1.  uns)  sal  geben  baz 

gezenien 
Danne  vrenide  gäbe  nenien/ 

85  jNeinä   herre'  sprächen    sie 

,Wir  läzcn  ez  wcrlich  allez 
hie 


UO  so  gebet  m  wider  swaz  ir  si 

lind  lätsie  heim  wandern  vri.' 
die    geste    sprächen :    ,h6re 

ein  teil, 
üch   ist  olei  nilit  wol  veil. 


des  1A   nii  gar  diz  olei 
95  teilen   wol   jj-elieh   enzwei 


und    nemet     ez    hin    durch 

gemach.' 
der  aide  gutlich  zu  in  sprach : 


,ncin  lieben  kint  lät  dar 

abe ! 
5K5,  ]    wir  wollen  niht  der  vrem- 

deu  liabe, 
uns    sal   geben    hie   baz 

gezenien 
danne  vrenide    gäbe   zu 

uns  nemen.' 
jNeinä    herre'    sprächen 

sie, 
5,  wir  läzenz  w^erlich  allez 

hie     • 


92 


Haupt. 


Vnde  wellen  zv  vnze  hin- 
nen ^kn 

Vnde  diner  spise  niht   en- 
pfan, 

Ob  wii-  werden  des  entwert 
00  Des  wir  lian  an  dich  gegert. 

Wil  dich  des  niht  gezemen 

Daz  dv  ez  halbez  wollest 
nemen, 

So  wizzest  al  da  bi  vurwäi- 

Daz  wir  ez  lazen  bliben  gar, 
Oö   Vnde  nimmer  niht  beruren 

Noch  von  hinnen  vuren. 

Wiltv    ovch     nemen     den 
halben  teil, 

So  dvncket  vnz  (1.  uns)  ein 
groz  heil 

Daz  wir  nemen  den  andern 
100  Vnde  so  von  hinnen  wan- 
dern, 

Dannoch    wir   vnser    vart 
loben. 

Dvrch  diz  wunder  wir  ovch 
globen 

Daz   wir  vurwart  nimmer 
(1.   immer)    me 

Wollen  halden  als  ein  e 
1 05  Die  wile  wir  vermugen  daz, 

Daz  wir  uwer   lampenvaz 

Belühten   mit  oleyes  gebe 

Die  wile  vnser  do  (1.  de) 

keiner  lebe/ 

Jeroniraus  der  gute  man 

1 1 0  Mochte  von  in  diz  enpf an 

.  Als   wehe   als  betwungen. 

In  was  doch  wol  gelungen 

Daz  sie  der  lewe  niht  zu- 
roiz. 

In  dem  closter  man  sich  vleiz 


und    wollen    heim    zu  vuze 

gän, 
wiltvi  sin  halb  niht  enpfan. 


daz  olei  si  halb  iif  dich  ge- 
schoben, 


dar  über  wir  mit  willen  loben 


10  zu  behaldene  vurbaz 


daz   wir  iiwer  lampenvaz 
beluchten  mit  oleies  gebe 
die  wile  unser  dikciner  lebe.' 


Jeronimus  der  gute  man 
15  muste  von    in  diz  enpfän 
als  wehe  als  betwungen^ 
in  was  doch   wol  gelungen 
daz  sie  der  lewe   nicht  zu- 

reiz. 
in  dem  kloster  man  sich  vleiz 


Uebi'i-  Jas  mitteldeutsche  Biicli  iler  Väter. 


93 


1 1 5  Da«  man  ir  Iveplichen  pflac. 
Uo  ir  Weges  zit  gelac, 
üei-    aide    o-ab    in     siuen 


20  daz  man  iV  Jiepliclien  ptiac. 
do  üucli  ir  Weges  zit  gelac, 
der  aide  gab  in  sinen  segen 

und     bat     got     ires    heiles 

pflegen, 
die  kuutlüte  wären  geil, 
25  des    üleies  iren  halben  teil 


nrimen  sie  mit  in  also 


und  wanderten  zu  liüse,  vro 


seo"en 
Vnde    bat  got    ires   heiles 

pflegen. 
Die  kovflvte  wären  geil, 
120  Des  oleyes  iren  halben  teil 
Nämeu  sie  vnd  die   kem- 

melin 
Vnde  swaz  ir  e  was  gesin 
Vnde  wären  dannoch  harte 

vro 
Daz  sichzgevugethetealsö. 
125  Sie  vuren  heim  in  der  vrist 
Vnde  lobeten  vnsern  herren 

crist 
Daz  er  sie  vf  der  reise 
Von  des  lewen  vreise 
Also  wol  irnerte, 
130  Ir  dekein  des  sich  werte, 
Sie  enbelühten  vurbaz 
Den  brvderu  dort  ir  lam- 

penvaz, 
Daz  in  ir  wille  wol  gebot 
Vns  (1.  unz)  an  ir  iegliches 

tot. 

Es  ist  dies  nicht  der  einzige  Fall,  wo  sich  der  Dichter 
ausgeschrieben  hat.  Schon  M  a  s  s  m  a  u  n  hat  i  Neues  Jahrbuch 
der  Berlinischen  Gesellschaft  für  deutsche  Sprache.  Berlin,  184(). 
8**.  S.  275)  darauf  aufmerksam  gemacht,  ,dass  in  Buch  III  des 
PassionaIs_,  wo  im  Abschnitte  vom  heiligen  Julian  (Sti-assb. 
50'' — 52")  auch  von  Juliane  dem  bösen  mit  erzälilt  wird,  ein 
grosser  Abschnitt  aus  II  (246*' —  247'')  wörtlich  wieder  eingeflochten 
wird.'  Wörtlich  wol  nur  so  wie  hier  in  dem  Stücke  vom  h.  II  i  e  r  o- 
nymus,  davon  kann  sich  jeder  überzeugen,  der  die  Stelle  Hahn 
355,  83— 3()2,  94  mit  Köpke  155,  63—161,  60  vergleicht. 

Es  sind  dies  die  grösseren  Stücke,  deren  üebereinstim- 
mungeu  und  Abweiciiungen  beweisen,  wie  der  Dichter  mit  dem 


daz  sich  üf  der  reise 
vor  des  lewen  vreise 

30  so  wol  ir  leben  ernerte. 
ir  dekeiner  sich  des  werte, 
si'enbelüchten  vurbaz 
den  bruderu  dort  ir  lampen- 

vaz, 
daz    in    ir    wille    wol  gebot 

35  unz  an  ir  iei-'liches  tot. 


94  II  a  u  p  t. 


I 


Fortschreiten  seiner  Werke  auch  in  der  Kunst  fortschreitet. 
80  hucli  der  eselhüteude  Löwe  des  Passionais  über  dem  des 
Buches  der  Väter  steht,  eben  so  hoch  übertrifft  an  feiner 
Darstellung  der  böse  Julian  im  dritten  Buche  den  im  zweiten. 
Wer  nur  einen  oberflächlichen  Blick  auf  den  eselhütenden 
Löwen  in  beiden  Recensionen  wirft,  sieht,  dass  sich  der  Dichter 
im  Verlaufe  der  Arbeit  jenen  I^akonismus  der  Kunst  aneignet, 
den  Göthe  als  eines  der  wichtigsten  Gesetze  ausgesprochen  hat. 
Ich  hoffe,  es  wird  niemand  mehr  dem  Dichter  zumuthen,  eine 
fremde  Arbeit  überarbeitet  zu  haben,  wie  das  Godeke  1.  c. 
eben  wegen  dieses  eselhütenden  LöAven  gethan  hat. 


5.  In  der  Vorrede  zum  zweiten  Theile  59*^147 — 150  sagt 
der  Dichter: 

Ob  lihte  anderswä  nu  hat 
ieman  diz   bvche   ü^etihtet         unde  in  dütsch  berihtet 
des  enkan  ich  wizzen  niht. 

Diese  Worte  können  nur  bestimmt  sein,  einen  ihm  ge- 
machten Vorwurf  abzuwehren.  Offenbar  musste  er  im  ersten 
Theile  solche  Stücke  bearbeitet  haben,  die  auch  schon  andere 
,in  dütsch'  berichtet  hatten.  Welche  können  dies  nun  sein? 
Ueberblickt  man  den  Inhalt  des  Lib.  1.  der  Vitae  patiuin, 
so  fällt  zunächst  eine  Legende  in  die  Augen,  die  allerdings 
schon  in  der  ersten  Hälfte  des  XIII.  Jahrhunderts  ist  bearbeitet 
worden,  nämlich  Barlaam  und  Josaphat  von  Rudolf 
von  Emse. 

Ein  deutscher  Barlaam  und  Josaphat,  streng  und 
genau  in  der  Weise  des  Dichters,  ist  erhalten  und  zwar  in 
einer  Hs.  der  Grafen  Sohns  zu  Laub  ach. 

Zum  erstenmal  von  derselben  hat  Nachricht  gegeben 
Beneke  in  den  G()ttinger  gel.  Anzeigen  Jahrg.  1820  Stück  34, 
wo  er  die  Ausgabe  des  Rudolfischen  Barlaam  von  Köpke 
Berlin.  1818.  8°.  anzeigt.  Weitere  Berichte  mit  der  Vor-  und 
Schlussrede  sammt  einem  Stück  ans  dem  Texte  selbst  gab 
L.  Diefenbach  , Mittheilungen  über  eine  noch  ungedruckte 
mittelhochdeutsche  Bearbeitung  des  Barlaam  und  Josaphat. 
Giessen  183G.  8".' 


lieber  das  mitteUleutsclie  Buch  Jer  Väter.  90 

Fr.  Pfeiffer'  erklärt  Murieulegendeiii  p.  XVL,  dass 
der  Verfasser  des  Passionais  und  des  Pnehs  der  Väter 
,es  liebe  hie  und  da  im  Texte  (nicht  am  Schlüsse  von  Ab- 
schnitten!) Paare  von  drei  g-leichlautenden  Reimen  sich  folo-en 
zu  lassen'  und  betrachtet  diese  Eig-enthümlichkeit  allein  schon 
als  einen  entscheidenden  und  vollo-iUtigen  Beweis,  dass  das 
Passional  und  das  Buch  der  Väter  von  demselben  Dichter 
hen-(Üire,  denn  diese  Eig-enthümlichkeit  sei  bei  keinem  anderen 
Dichter  wahrgenommen  worden. ' 

In  den  nicht  zweihundert  Reimzeilen,  die  Diefenbach 
aus  dem  Werke  mitgetheilt  hat,  von  denen  noch  überdies  die 
Verse  des  Schreibers  müssen  in  Abzug  gebracht  ^verden,  Hndet 
sich  S.   14  die  Stelle: 

Zu   de   die   by  der  zcsewen  sint 

Nu  kojnt  min   vil  liebe  kint 

Die  mine  fater  geseget  sint 

Besitzet  froliche 

Daz  ewiac  (sie)  riche 

Vil  geweldecliche. 

Schon  diese  eine  Stelle  mit  zweimal  drei  gleichen  Reimen 
würde  den  Beweis  herstellen,  dass  der  Barlaam  und  Jo sa- 
phat der  Laubacher  Hs.  mit  dem  Buch  der  Väter  und  dem 
Passional  den  Verfasser  gemein  habe.  Wenn  nun  jemand 
einwenden  wollte,  dass  ein  Nachahmer  darauf  verfallen  sein 
könnte,  so  liegen  in  den  wenigen  von  Diefenbach  ab- 
gedruckten Versen  noch  Beweise  voi',  dass  wir  es  mit  keinem 
Nachahmer    zu    thun    haben,    sondern    mit    dem    Erhnder    dei' 


■  ,Z\veimal  drei  gleiche  Reime  hat  sich  nur  der  Verfasser  des  Passionais 
erlaubt'  W.  Grimm,  Geschichte  des  Reims  S.  100—101.  ,Nic()laus 
von  Jeroschin  hat  sie  von  ihm  gelernt'  Fr.  Pfeiffer  Beiträge  zur 
Geschichte  der  mitteldeutschen  Sprache  und  Litter/itiu-  S.  LH.  Zu  dem 
von  Fr.  Pfeiffer  in  den  Marienlegenden  S.  XVI.  angeführten  Beispiele 
hat  Zingerle  Sitzungsberichte  LXIV,  152  ein  zweites  aus  der  Leip- 
ziger Hs.  beigebraclit,  nämlicli  die  sechs  Verse  aus  der  zweiten  Von-ede 
1*^174 —  179.  Es  Hessen  sich  noch  andere  beibringen,  wenn  es  uoth- 
wendig  wäre,  diese  allgemein  anerkannte  Eigenlieit  des  DicJiters  erst 
noch  weitläuftig  zu  beweisen.  Damit  sie  übrigens  jedermann  leicht  finde, 
will  ich  die  Stellen  hier  angeben:  Crist  :  ist  :  bist  :  schöne  :  crönc  :  löne 
30'J  ü2;  treit  :  ewicheit  :  clärheit  :  Syön  :  Ion  :  don  30'^  74;  wären  :  järeu  : 
enpären  :  pflägeu  :  lägen  :  vrägen   129'^  105. 


96 


llllUpt. 


dreizeiligen  Reimpaare  selbst.  Ich  will  diese  Verse  hersetzen 
und,  da  sie  gräulifh  verdorben  sind,  eine  etwas  gebesserte 
Lesung;  darneben. 

Diefenbach  S.   10. 
(D)  O  begunden   werden 
Closter  uff  der  erden 
Manch  samenüng-e 
Zu  den  alten  die  iüngen 
Sie  lebeten  dogentliche 
Den  eny-elen  o;liche 
Daz  selbe  leben  wai't  irkant 
Vbir  allez  daz  lant. 
Von  cristus  geleyde 
Begunde  ez  sich  breide 
Vnd  ez  quam  in  indian 
Da  begunde  ez  manyg  man 
Vbir  allez  daz  riche 
Sie  lebeten  heilecliche 
Sie  lyszen  wyb  vnd  gut 
Sie  karten  allen  eren  mut 
An  daz  gotes  riche 
Sie  foren  menliche 
Vnd  mit  groszer  valde 
In  die  wosten  walde. 


Do  begunden  werden 
closter  uf  der  erden 
manige  samenungen. 
zu  den  alden   die  jungen 
5  lebeten  tugentliche. 
den  engelen   geliche 
daz  selbe  leben  wart  erkant. 
über  allez  daz  lant 
von  Cristus  geleiten 

10  begunde  ez  sich  breiten 
unz  ez  quam  in  Indian, 
da  begunde  ez  manec  mau 
über  allez  daz  riche. 
sie  lebeten  heilecliche, 

15  sie  liezen  wib  unde  gut, 
sie    karten    allen    iren    nmt 
an  daz  gotes  riche. 
sie  füren  menliche 
und  mit  grözer  einvalde 

20  in  die  wüsten  walde. 


Diefenbach  S.   11  — U.  , 

Daz  josafates  wille  irgie 
Got  daz  alsus  ane  lie 
Z  waz  ein  monch  vil  wise 
Vor  alter  waz  er  grisze 
Sin  gespreche  daz  waz  gut 
Zu  got   stunt    em    al    sin    mut 
Er    waz    ein     prister     vz    ge- 

nomen 
An  monches  leben  follenkomeu 


Dez  selben  guten  mannes  nam 


Daz  Josafates  wille  ergie 
got  daz  alsus  auevie. 
ez  was  ein  munch  vil  wise, 
von  alder  was   er  grise, 
25  sin  gespreche  daz  was  gut, 
zu  gote  stunt  im  al  sin  mut. 
er  was  ein  priester    uz  ge- 

numen 
an   munches  leben     voUeu- 

kumen. 
des    selben    guten    mannes 

nam 


Ueber  das  mitteldeutsche  Hucli  der  Väter. 


97 


Waz  g-eheiszen  barlaam. 
Sin  zelle  waz  in  Sennaar 
So    ist     die    gegende    daz 

war 
In  einer  wostenunge 
Von  india  der  zunge 
Dem  selben  g-odes  holden 
Also  ez  min  drechtin  Avolde 
Dem  wart  rechte  g-eofFenot ' 
Alle  josafates  not 
Nicht  leng-er  er  in  beite 
Zu  farene  er  sich  bereite 


30  was  geheimen  Barlaam. 

sin  zelle  was  in  Sennaär, 
ist  so    ist  die  gegende    daz  ist 

war 

in  einer  wustenunge 

von  India  der  zunge. 
35  dem  selben  gotes  holden 

als  ez  nun  trehtin  wolde 

dem  wart  rehte  geoflfenöt 

alle  Josafates  not. 

niht  langer  er  eubeite. 
40  zu  farene  er  sich  bereite. 


'  Ca}).  VI.  p.  252  1.  V.  ,Erat  enim  eu  tempore  nionachus  quidain  dini- 
narnm  renini  peritns  vitaqne  ac  sermone  ornatiis  atque  in  omni  mona- 
stiea  vinemli  ratione  sumraopere  versatus,  nnde  oriundns  aut  ex  quo 
genere  clicere  nequeo,  verum  in  solitudine  quadam  Sennaaritidis  terrae 
domicilinm  Habens  ac  sacerdotii  dignitate  praeditui«.  Ilnic  porro  seni 
Barlaam  nomen  erat.  Hie  igitur,  cum  diuino  quodam  adniijuitu,  quonam 
statu  regis  filius  esset,  comperisset,  e  solitudine  egressus  ad  cultam  et 
habitabilera  terram  profectus  est  mutatoque  habitu  suo  atque  indntis  nnni- 
danis  vestibus  et  conscensa  naui  ad  Indorum  regnuni  se  contulit  ac  merca- 
torera  se  esse  fingen«  in  eani  vrbem,  in  qua  regis  filius  ]ialatium  habebat, 
ingreditur.  Permultosque  dies  illic  commoratus,  qui  rerum  ipsius  status 
esset  diligenter  exquisiuit  et  quinam  essent,  qui  pro])ius  ad  cum  acce- 
dei-e  solerent:  cum  igitur  paedagogum  eum,  de  quo  snperius  a  nobis 
nientio  facta  est,  ipsi  omnium  familiarissimum  esse  intellexisset,  seorsim 
eum  eonveniens  liis  verbis  vsus  est.  Scias  velim,  domine  mi,  nie 
mercatorem  esse  atque  ex  longinqua  regione  venisse  eximiique  pretii 
lapidem  habere,  cui  nullus  unquam  similis  inuentus  est,  quemque  nemini 
adhuc  ostendi.  Tibi  autem  lioc  declaro,  (juod  te  prudentem  ac  (!ordatiim 
virum  videam,  vt  me  ad  regis  filium  introducas  ipsiqiu;  eum  donu  dem. 
Siquidem  bona  omnia  incomparabiliter  antecellit.  Nam  et  iis,  qui  cordis 
oculis  capti  sunt,  sapieutiae  lucem  affert  et  surdis  aures  .-iperit  et  mutis 
vocem  impertit  et  aegrotantes  in  sanitatem  ass(>rit  et  stultos  sa])ientia 
donat  et  daemones  pellit  ac  denique  quidquid  pulchrum  et  expetendum 
est  domino  suo  uberrime  suppeditat.' 

^  Ich  habe  diese  Stelle  hier  aus  dem  alten  Texte,  wie  ihn  Roswey- 
dius  1.  c.  et  p.  gibt,  angeführt,  weil  sich  daraus  lernen  lässt,  dass  der 
deutsche  Dichter  diesen  Text  und  nicht  den  des  .lacobus  a  Voragine 
vor  sich  gehabt  hat.  ferner  um  zu  zeigen,  mit  w(dcher  Gewandtheit  der 
Verfasser  alles  Wesentliche  der  Vorlage  in  dem  Fluss  seiner  Darstellung 
festzuhalten  weiss, 
riitzb.  d.  phil.-liist.  Cl.  lA'IX.  l;d.   U.  Hft.  7 


98 


Haupt. 


Sin  minnecllch  gewete 
Daz  er  ane  liete 
Daz  det  er  findere  schere 
Do  beg-und  er  sich  zeren 
Mit  werntlicher  wete 
Doch  waz  der  herre  stete' 
Zu  dez  meres  sande  er  gie 
Einen  kel  er  da  gefie 
Da  für  er  an  vil  snelle 
Der  nionech  von  der  zelle 
Da  for  er  froliche 
Zu  josafates  riche 
Zu  der  stat  da  er  wasz 
Daz  ivngeu  koniges  palasz 

a  quam  er  zu  lande 
Daz  waz  ane  schände 
Da  wointe  der  vil  gute  man 
Die  lute  er   fragen  began 
Vmme  dez  iuncherren   leben 
Vnd    wer    die    waren    die    sin 

plegen 
Suiten  zu  allen  stunden 
Daz  hette  er  gerne  funden 
Zu    iungest    quam    ez    an    die 

fart 
Daz  eme  der  magezog-e  wart 
Gewiset    der    dez   kindez   plag 
Beide  nacht  vnd  dag 

er  vil  alte  Barlaam 
Den  selben  magezogen  er  nam 
Da  fürt  eren  besvnder 
Vnd  sprach  ich  wil  dir  wunder 

Sagen  daz  saltu  wol  virstan 
Ich     bin      ein     her     bekomen 

man 
Ich  wil  dir  sagen  herre 

(?••••, ) 

Vnch  ich  bin  ein  kaufman 


sin  munechlich  gewete 

daz  er  ane  hete 

daz    tet   er   hinder  schiere. 

do  begunde   er   sich  zieren 
45  mit  werltlicher  wete, 

doch   was    der  herre  stete. 

zu    des    mers  sande   er  gie 

einen  kiel  er  da  gevie, 

da  für  er  an  vil  snelle 
50  der   munch    von    der  zelle, 

do  für  er  vroliche 

in  Josafates  riche 

zu  der  stat  da  was 

des  jungen  kuneges   palas. 
55  do  er  quam  zu  lande, 

daz  was  ane  schände, 

da  wonte  der  gute  man. 

die  lüte  er  fragen  began 

umme  des  iuncherren  leben 
60  und  wer  die  weren  die  sin 


pfleg 


en 


selten  zu  allen  stunden, 
daz  hete    er  gerne   funden. 
zu  jungest  quam  ez  an  die 

fart 
daz  im  der  magezoge  wart 

65  gewiset,  der  des  kindes  pflac 
beide  naht  unde  tac. 
der  vil  aide  Barlaam 
den  selben  magezogen  nam, 
do  fürte  er  in  besuuder 

70  und    sprach     ,ich    wil    dir 

wunder 
sagen,  daz  saltü  wol  verstau 
ich    bin    ein    her    bekomen 
man 


und    ich    bin    ein  koufman. 


Ueber  Jas  mitteldeutsche  Buch  der  Väter. 


99 


Einer  slaclite  kauff  icli  kan 
Daz  ist  ein  vil  edil  stein 
Glich    wart    ein     (1.    im)     nie 

dekein 
Du  bist  auch  der  erste  man 
Dem  ich  da  von  g-eset  han 
Er  ist  ane  masze  gut. 
Ich  wil  dir  sagten    waz  er  dut 
Du  bist  ein  so  wiser  man 
Du    kanst    ez    harte    wol   vir- 

stan 
Wer  ein  blindez  hertze  hat 
Dem  tut  er  tiusternisse  rat 
Der  hat  daube  oren 
Den  dut  er  wol  g-ehoren 
Die  vil  edele  g-imme 
Gyt  dem  stummen  stimme 
Die  sieben    machet    sie  gesunt 

Die  dommen  wise  so  zu  stunt 
Wa  so  sie  belibet 
Die  dufel  sie  virdribet 
Wer  die  selbe  gimme  hat 
Dem  ist  aller  sorgen  rat. 


einer  slahte  kouf  ich  kan, 

75  daz  ist  ein  vil    edel    stein 

gelich  wart  im  nie  dekein. 

du  bist  üuch  der  erste  man 
dem  ich  da  von  geseit  hän. 
er  ist  äne  mäze  gut. 

SO  ich  wil  dir  sagen  waz  er  tut, 
du  bist  ein  so  wiser  man 
du  kanst  ez  harte  wol  ver- 
stau, 
swer  ein  blindez  herze  hat 
dem  tut  er  finsternisse  rät, 

85  swer  hat  toube  «^ren 
den  tut  er  wol  gehören, 
die  vil  edele  gimme 
git  dem  stummen  stimme, 
die  siechen  machet  sie  ge- 
sunt, 

yO  die  tummen  wise  sä  zustun  t, 
swä  so  sie  belibet 
die  tüvel  sie  vertribet. 
swer  die  selben  gimme  hat 
dem  ist  aller  sorgren  rät. 


Diefenbach   S.   14 — 16. 
So  iiu  komt  daz  godez  kiut 
Mit  dem  die  engele   alle  sint 
Unde  mit  siner  magende  kraft 
Gesitzet  an  sine  herschaft 
So  wirt  der  engel  schal 


So  komt  für  in  die  wernt  al 
Dez  mag  dich  wol  wondern 

^    So  heiszet  er  sie  sondern 
Die  lemmer  von  den  kitzen 
Daz  tut  er  mit  witzen 


95  So  nu  kumt  daz  gotes  kint 
mit  dem  die  engele  alle  sint 
und  in  siner  magenkraft 
gesitzet   an   sin  lierschaft, 
so    wirt    (groz)   der  engel 
schal 
100  so  kumt  für  in  die  werlt  al, 
(des    mac    dich    wol  wun- 
deren) 
so  heizet    er  sie  sunderen 
die  lemmer  von  den  kitzen. 
daz  tut  er  mit  witzen: 


100 


Haupt. 


Die  lemmer  sten  zu  der  zese- 

wen  haut 

Die    kitzen    zu    der    lincketen 

stallt 

So  sprichct  j^ot  der  riche 

Vil  geweldecliche 

Zu    den    die    by    der    zeseweii 

sint 

Nu  komt  min  vil  lieben  kint 

Die     minem     fater     g-esegent 

sint 
Besitzet  froliclie 
Daz  ewiac  (sie)  riche 
Vil  geweldecliche 

Daz  vch  min  tater  bereit   hat 
Sider  daz  dye  werlt  stat 
Ich  hatte  hunger  vnd  not 
Ir  gäbet  mir  eszen  vnd  brot 
Ir     sähet     mich     vor     dorste 

krant 
Da    gäbet    ir    mir     vwor    ge- 

want 
Der  mich  elende  sach 
Der  nam  mich  vndir  sin  dach 

Wenne  ich  waz  nacket  vn  blos 
Hei     wi     gar    kleyn     ez    vch 

verdros 
Ir  gäbet  mir  gewede 
Ir  wart  an  mir  stede 
Czu  myme  siechbette 
Komet  ir  vil  dicke 
Wante  ich  waz  gevangen 
Ir  komet  czvi  mir  gegangen 
So  sprechent  sa  dye  güden 
Mit  eynueldigem  nnlde 
Wa  sahen   wir  dich  herre 


105  die  lemmer  stent  zur  zes- 

wen  haut, 
die  kitzen    zu    der  linken 

stant, 
so  sprichet   got    der  riche 
vil  geweldecliche 
zu  den  die  bi  der  zesewen 

sint: 
110  ,nu  kumt    min    vil    lieben 

kint, 
die  minem  vater  gesegent 

sint, 
besitzet  fröliche 
daz  ewige  riche 
vil  geweldecliche,    (V  sae- 

lecliche) 
115  daz  ü  min  vater  bereit  hat 
sider  daz  die  werlt  stat. 
ich  hate  hunger  vnde  not 
ir  gäbet  mir  ezzen  und  brot, 
Ir  sähet    mich   vor  durste 

kranc 
120  do    gäbet    ir    mir    ür    ge- 

want ; 
der  mich  eilenden  sach 
der  nam   mich    under   sin 

dach; 
wenne  ich  Avas  nakt  und  bloz 
(hei  wie  gar  deine  ez  üch 

verdröz !) 
125  ir  gäbet  mir  gewete ; 
ir  wäret  an  mir  stete, 
zu  mime  siechbette 
kämet  ir  enwette; 
wand  ich  was  gevangen 
130  kämet  ir  zu  mir  gegangen/ 
so  sprechent  sä  die  guten 
mit  einveldigem  mute : 
,wä  sähen  wir  dich   herre 


Upber  lia.'i  mitteldeutsche  Buch  '\ex  V.itor, 


101 


Nahe  adir  verrc 

Wa    sahen    wir    dieli     yn    der 

11  üt 
Wa  iii'aben  wii-   dir  unser  1)rot 

Wenne  ir  den  armen  wartet 
Mir  selbir  ir  ez  tadet 

in  rede  wirt  vil  swcre 
Czii  den  sundere 
Er    sprichet    nü    varet    ir  ver- 
fluchte diet 
Ir  eu  hat  myt  mir  teilcs  nyt 

Ir  cn  sehit  mich  nummii"  mere 

So  weynent  sy  vil  sere 

Sie  müszen  zii  helle 

Do  wirt  ir  geselle 

Der  tieuel   da  wirt  michel  not 

So  sint  syc  owiclichin  dot. 


nahen  oder  verre? 

135  Wii  sjlhcn  wii'  dieh   in   der 

not  V 

wä   ji>aben    wir    dir    unser 

hrAt  ?' 
^sweiine  ir  den  armen  watet 

mir  selbem  ir  ez  tätet/ 

sin  rede  wirt  vil  swcre 

140  zu  dem  sundere: 

,nu     varet     ir     verfluclite 

diet ! 

ir   enhabet   mit  mir  teiles 

niet, 

ir   cnsehet   mich    nimmer- 

mere.' 

so  wcinent  sie  vil  sere. 

14r>  sie  muzen   zu  der  helle, 

da  wirt  ir  g-esclle 

der   tuvel,  da  wirt  michel 

not, 

so  sint  sie  ewiclichen  tot. 


In  diesen  148  Reimen  kommen  Eigenheiten  des  Dichters 
und  seiner  Sprache  in  reicher  Fülle  vor.  Ich  gebe  die  folgen- 
den Parallelen  vorzüglich  aus  dem  Buch  der  Väter;  die 
voranstehenden  Zahlen  sind  die  der  voranstehendcn  Verse  aus 
dem  Barlaam. 

3.  4  Der  vrouwen  samcnungc  Aide  unde  junge  120'' 7  — 
In  einer  samenunge  er  sprach  aide  unde  junge  144'^  153  — 
Beide  aide  unde  junge  Ein  inichel  samenunge  143'^'68  —  Beide 
junge  und  aide  60"  125  —  Beide  jungen  und  alden  SO'^lSö  — 
Die  alten  und  die  jungen  17''80  —  Die  jungen  unde  die  alden 
79^70  —  Den  jungen  und  den  alden  65"  130  —  Daz  er  uns 
junge  unde  aide  104''58  —  An  jungen  unde  an  alden  124'121; 
137''53,   157^168   —  An  alten  und  an  jungen  50"41. 

19.  20.  Nv  was  ein  gvter  aide  Der  an  in  die  einvalde 
65n33. 


102  Haupt. 

23.  24.  Aldä  die  alten  grisen  An  rehter  ziiht  die  wisen 
54'*  180  —  Von  dir  alter  g^rise  Der  gute  vnd  ouch  der  wise 
65*47  _  Do  enmohte  sich  der  grise  65*^172  —  Ein  alder 
man  grise  139' 144. 

27.  2S.  sprächen  er  were  vollenkomen  an  hohen  tilgen- 
den riz  genumen  Pass.  K.   406,  69. 

29  et  57.  Sich  vuget  dasz  ein  guter  man  Ein  einsidel 
quam  gegän  62''37  —  Ein  guter  man  hiez  Amon  71"  149  — 
Ein  einsidel  ein  guter  man  80"49  —  Ein  bruder  was  ein  guter 
man  8r29  —  Zacharias  der  gute  man  130'' 57  —  Do  bat  der 
alte  gute  man  11 9'' 17  —  Einen  guten  alten  man  134''39  — 
Ez  was  ein  alter  guter  man  74'' 55  —  Ein  alte  vater  ein  guter 
man  6ri3,  86M68,  110^^7,  114n57,  116M23,  118^7  —  Ein 
alt  man  ein  einsidel  gut  138^8  —  Wie  ein  alt  vater  gut 
122^68  —  Ein  gute  alt  vater  sprach  78"  5  —  Nu  was  ein 
guter  aide  65"  133  —  Ez  sprach  ein  alter  Vater  gut  73'' 141, 
126"  151  —  Ein  guter  alt  vater  sprach  120^91  —  Ein  guter 
alt  vater  pflac  31"  173  —  Ez  ist  ein  alter  vater  gute  70''97. 

33.  In  einer  wustenunge  wit  25"  1 72  —  In  die  wustenunge 
alhie  53"  1 24  —  In  die  wustenunge  er  vloch  Durch  got  sich 
von  den  luten  zoch  10'' 51.  —  Wegen  des  Reimes  wustenunge: 
zunge  vergleiche  man :  Von  dirre  manunge  Der  sich  sine 
suze  zunge  154^*39  —  Zu  im  durch  bezzerunge  Sine  honic- 
mäze  zimge  15" 200  —  Durch  unser  bezzerunge  Swaz  man 
mit  der  zunge  20^143  —  Mit  meisterlicher  zunge  An  valschor 
dütunge  44"  155  —  In  latinischer  zunge  Wände  sulher  du- 
tunge  44"^  19. 

35.  Der  edele  gotes  holde  43"  106  —  Daz  der  gotes 
holde  20mi  —  Do  nam  der  gotes  holde  101"159  —  So  saz 
der  gotes  holde  76^6  —  Do  wart  der  gotes  holde  18"  117  — 
Doch  was  der  gotes  holde  20"  124  —  An  den  gotes  holden 
11 8"  69  —  Johannen!  den  gotes  holden  69'' 10  -  Die  reinen 
gotes  holden  36M84,  37" 98,  38"  160,  51" 70,  55"99  -  Die  die 
gotes  holden  nuien  82'' 79  —  In  alle  gotes  holden  79'  1 9  — 
Denselben  gotes  holden  25"  180  --   Mit  den  gotes  holden  99^  94. 

37.  38.  Zum  Reim  geofFenot  :  not  vei-gleiche  man:  Ir 
antlitze  ir  gemute  Vil  gar  bleib  unvirwandelot  Als  in  ir  tugent 
do  gebot  65"  157. 


,  Ueber  das  mitteldeutsche  Buch  'ler  Vätev.  103 

49.  50.    Vnd    ilotc  vil  snolle    Hin    zu   PhhIus   celle  \Vb\ 

—  Tax  bliben  in  der  ccllc  Durch  dci-  siindcn  snelle  20'' 193  — 
Ob  er  indert  da  gcwar  Wrde  keiner  ccllc.  In  der  selben  snelle 
24'' 170  —   Äne   sunien  snelle    Her  liindor   iiz  der  ccllc   29' 201 

—  Der   vurtc    in   harte  snelle    Des  waldcs  in  die  ccllc  30"^  100 

—  Swie  er  mohte  snelle    Hin  zu  des  aldcn   celle  48*1.  u.  s.  \v. 

59.  60.  Zum  Reim  , leben  :  pflegen'  vergleiche  man:  Wan 
si  des  weges  mudc  Niht  wol  vurwart  entruge  139'' 164  —  dann 
^gelouben  :  tougen'  Pass.  H.  A,  33  und  , schaden  :  getragen' 
Pass.  H.  71,  81. 

101.  102.  daz  sichs  der  wirt  ouch  wunderte,  der  kranke 
in  sich  do  sunderte  Pass.  K.  1 55,  39.  Dreisilbige  Reime  begegnen 
den  drei  Büchern  des  Passionais  auf  allen  Seiten.  Man  hat 
sie  beseitigen  wollen,  wenigstens  solche  wie  ubete  :  trubete, 
gnlwete  :  rüwete  :  büwetc  u.  s.  w,,  die  auch  im  Buch  der 
Väter  erscheinen.  Ein  Licblingsreim  des  Dichters  im  Pas- 
sional  ist  anderen  :  wanderen,  im  Buch  der  Väter  steht 
derselbe  5"^  145,  8'^65,  25^31,  26^33,  40"  152,  42M24,  50\55, 
60M4,  64'^ 55;  65^25,  70' 111;  oder  wanderen  :  anderen  16n6, 
38"  157,  45"  188,  55''38  und  noch  oft.  46"  142  steht  ,Loufen 
ein  teil  eilende  Die  liefen  harte  snellende'  zu  welchem  mir 
kein  Seitenstück  im  Passional  bekannt  ist. 

105.  10(i.  Zum  Reime  haut  :  stänt  vergleiche:  Mit  der 
tugende  hoffenunge  haut  In  daz  riche  vaterlant  38''57  —  Daz 
du  und  alle  die  hie  stänt    Und  höret  min    rede  zuhant   51"  51. 

124.  So  auffallend  es  ist,  wenn  Christus  hier  die  Ge- 
rechten mit  Hey  so  recht  volksmässig  anredet,  ohne  Beispiel 
ist  es  nicht,  weder  im  Passional  noch  im  Buch  der  Väter. 
Hey  du  munch  du  miinchcs  name  22' 105  —  Hei  dürftige  sich 
dar  an  25"  35. 

125 — 128.  Zwei  Reimpaare  einander  folgen  zu  lassen, 
deren  eines  langen  das  andere  kurzen  Stammvocal  hat,  gehört 
zu  den  Eigenheiten  des  Dichters.  Dem  vorliegenden  Falle 
ganz  gleich  ist  quämen  :  nämen  :  lichamen  :  namen  31*28.  Zwei 
solche  Paare  mit  stumpfem  Reim  sind  natürlich  häufiger.  Ich 
habe  mir  angemerkt:  stat  :  mat  :  vervät  :  zugät  61"  145  — 
gebot  :  got  :  not  :  gebot    82"  19  —   brot  :  bot  :  got  :  gebot   25'^57 

—  tot  ;  gebot  :  got  :  gebot  150M9  —  not  :  tot :  got  :  gebot  151*1 

—  drin  :  schin  :  hin  :  gewin    44'' 123    —    sin  :  min  :  in  :  hin 


104 


II  II  u  p  t. 


42*174  —  sin  :  swin  :  sin  :  hin  97^45  —  sin  :  hin  :  sin  :  drin 
119<ii85  _  hin  :  in  :  min  :  sin  75^'  13  —  hin  :  in  :  min  :  din 
I50n33  —  strit  :  wit  :  smit  :  lit  25'' 171.  —  Verwandt  mit 
diesen  Reimen  sind  näte  :  wate  :  matten  :  hatten  2''31  —  spil  : 
zil  :  wile  :  pfile  92\55  —  site  :  mite  :  zit  :  pflit  146^23. 

Wenn  also  auch  nur  einiger  Verkss  ist  auf  Styl,  Sprache, 
Reime  u.  s.  w.,  so  ist  der  ßarlaam  und  Josaphat  in  der 
Hs.  der  Grafen  Solms  zu  Laubach  vom  Verfasser  des  Pas- 
sion als  und  des  Buchs  der  Väter  gedichtet.  Diefeii- 
bach  sagt  nichts  von  einem  Namen  des  Verfassers,  aber 
Beneke  gibt  1.  c.  an,  dass  der  Dichter  ein  Bischof  Otte 
genannt  werde.  Haben  wir  mit  diesem  Bischof  Otte  den 
bisher  unbekannten  Dichter? 

Die  Ergebnisse  dieses  Abschnittes   lauten: 

1.  Die  Leipziger  Hs.  des  Buchs  der  Väter  ist  nicht 
vollständig.  Es  scheint,  dass  schon  die  Vorlage  des  Schreibers 
eine  trümmerhafte  war,  es  ist  jedoch  auch  mciglich,  dass  die- 
selbe vollständig  war,  der  Schreiber  aber  nur  eine  Auswahl 
getroffen  hat,  wie  das  auch  der  Fall  ist  mit  der  Königs- 
berger Hs.  X.  gegen  XLIII.  Zeitsch.  i  Bd.  XHL  S.  560. 

2.  Der  Dichter  selbst  hat  den  Text  der  Vitae  patrum 
nur  als  freien  Stoff  betrachtet,  und  alles  gleichartige  zusammen 
zu  fassen  gesucht  in  der  Legende  des  h.  Antonius,  er  hat 
das  Lib.  II  der  Vitae  vollständig  umgestellt  und  nur  eine 
Auswahl  gegeben,  wie  auch  aus  den  folgenden  Büchern. 

3.  Das  Buch  der  Väter  ist  vor  dem  Passional  ge- 
dichtet und  nicht  nach  demselben,  wie  man  bisher  geglaubt 
hat,  d.  h.  wie  es  Fr.  Pfeiffer,  Massmann  und  Gervinus 
behauptet  haben.  Wir  sehen  den  Dichter  in  den  Vorreden  zu 
den  einzelnen  Theilen  seines  Buchs  der  Väter  erst  aus  dem 
weltlichen    zum    geistlichen    Leben    und    Dichten    übergehen; 


*  Alis  dem  reichen  Schatife  zu  wählen,  verstanden  auch  die  Schreiber  des 
Passionais;  so  fehlen  in  der  Heidelberger  Hs.  ed.  Hahn  grössere 
und  kleinere  Stücke,  die  Hss.  der  k.  k.  Hofbibliothok  bestehen  auch  nur 
aus  gewählten  Stücken,  Tabulae  codd.  Vol.  H,  2694,  2740,  2779.  Ja  die 
Marienlegendcn  bilden  eine  selbständige  Gruppe  von  Hss.  Noch 
leichter  war  es,  einzelne  Stücke  aus  dem  Buch  der  Väter  heraus- 
zunehmen oder  auszulassen. 


Uel>rr  diis  mitteldeutäclio  Llurh  der  Väter.  105 

Stücke  aus  dem  Bucli  der  Väter  hat  er  üboi-arbeitct  in  das 
Passi'onal  liiiiübergencMiinion.  Das  Buch  der  Väter  kann 
also  nicht  fler  vierte  Theil  des  Passionais  heissen. 

4.  Zu  dem  Buch  der  Väter  gehören  mehrere  kleine 
und  grosse  Legenden  von  Einsiedlern,  deren  vollständige  Reihe 
in  keiner  Hü.  überliefert  ist.  Mehrere  von  solchen  Legenden, 
die  eigentlich  in  das  Buch  der  Väter  gehören,  stehen  im 
Passion  al.  Selbständig  in  einer  einzigen  Hs. ,  soviel  bis 
jetzt  bekannt  ist^  hat  sich  der  Barlaam  und  Josaphat 
erhalten,  dessen  Verfasser  ein  Bischof  Otte   ist. 


II. 
Der  Dicliter. 

Wir  haben  aus  der  Leipziger  Hs.  uns  zur  Genüge  über- 
zeugt, dass  der  Dichter  den  in  den  Vitae  patrum  über- 
lieferten Inhalt  frei  und  willkürlich  behandelt,  als  ob  der  Stoff 
nicht  durch  die  kirchliche  Ueberlieferung  geheiligt  wäre,  er 
modelt  alles  nach  seinen  Absichten  und  Ansichten.  Die  ein- 
zelnen Stücke  seines  h.  Antonius  sind  aus  allen  Büchern 
der  Vitae  patrum  zu  Häuf  getragen,  was  um  so  schwerer 
wiegt,  als  eben  die  Vitae  An  tonii,  Pauli  etc.  vom  h.  Atha- 
nasius  und  Hieronymus  verfasst  sind,  der  Dichter  also  nicht 
einmal  vor  den  Werken  dieser  Kirchenväter  so  viel  Respect 
hatte,  als  die  weltlichen  Renner  vor  einem  französischen  Buche. 
Warum  er  die  Reisebeschreibung  des  Ruffinus  und  der 
Melania  so  vollständig  und  rücksichtslos  umgestellt  habe, 
wird  wohl  immer  ein  Räthsel  bleiben.  Im  Buch  der  Beispiele 
lässt  sich  auch  keine  Ordnung,  wenn  es  auch  auf  den  ersten 
Blick  so  scheint,  nach  geistlichen  Stichwöi-tern,  etwa  wie  Ge- 
horsam^ Demuth  u.  dgl.,  auflinden,  zudem  ist  gerade  eine 
solche  in  den  Lib.  III — VHI  der  Vitae  patrum  vorhanden, 
warum  hat  sie  der  Dichter  nicht  beachtet? 

Es  muss  offenbar  in  beiden,  sowohl  im  Stoffe  als  im 
Dichter,  dei'  Grund  gesucht  werden,  weshalb  er  mit  einer  im 
ganzen  Mittelalter  beispiellosen  Kühnheit  gegenüber  dem  , Buche' 
verfährt,  mit  anderen  Worten,  der  Dichtci'  musste  sich  ge- 
drungen   fülilen,    aus    dem    wüsten  Chaos    der   Vitae  patrum 


106  Haupt 

ein  klares,  durchsiclitiges  Werk  zu  biklen.  Dass  er  dergleichen 
beabsichtigt  hat,  sieht  man  deutlich  an  seinem  h.  Antonius, 
den  er  offenbar  als  den  Stifter  und  Erzvater  des  Lebens  in 
der  Thel)aidc  auch  als  Musterbild  jeder  eremitischen  und 
geistlichen  Tugend  darstellen  wollte. 

Wir  wissen  bereits  aus  dem  Passional,  mit  welcher 
Meisterschaft  der  Dichter  zu  erzählen  weiss,  wenn  ihm  eine 
wirklich  zu  bewältigende  Aufgabe  gesetzt  ist,  das  heisst  wenn 
ihm  eine  Geschichte  vorliegt  im  Sinne  der  alten  und  neuen 
Aesthetik,  nämlich  eine  Handlung  oder  eine  Reihe  von  Hand- 
lungen, die  wohl  motivirt  in  sich  zusammenhängen.  An  mehr 
als  einer  Legende  des  Passion  als  lässt  sich  zeigen,  mit 
welcher  Ueberlegenheit  er  die  Risse  und  Sprünge  seiner  kirch- 
lichen Vorlagen  auszufüllen  weiss,  wie  er  überall  mit  feiner 
Seelenkcnntniss  das  unwahrscheinlichste  dieser  mehr  frommen 
als  sinnreichen  Erfindungen  wahrscheinlich  zu  machen  verstellt, 
wie  er  die  inneren  Vorgänge  in  den  Seelen  seiner  Heiligen 
und  Einsiedler,  sogar  noch  uns,  klar  darzulegen  und  begreifbar 
vorzustellen  im  Stande  ist.  Mit  dieser  Gabe  steht  er  unter 
den  geistlichen  Dichtern  nicht  nur  seines  Volkes  und  seiner 
Zeit  allein  da.  Man  vergleiche  doch  die  zum  Verzweifeln 
stumpfsinnigen  Syrer  und  Byzantiner,  welche  diese  geistlichen 
Anecdoten  zusammengeschrieben  haben.  Auch  Gervinus  preist 
ihn  darum  und  wegen  anderer  Eigenschaften,  die  dem  Dichter 
eigen,  und  betont  mit  Recht  besonders,  mit  wie  merkwürdi- 
gem Verständnisse  der  Dichter  die  inneren  Wandlungen  und 
Umwandlungen,  die  Studien  und  das  ganze  geistige  Leben  des 
h.  Augustinus  darzustellen  weiss. 

Nicht  ohne  Ursachen  war  er  dessen  so  meisterlich  fähig; 
der  Dichter  hat  einen  ähnlichen  Weg  genommen  wie  der 
Kirchenvater,  und  spricht  aus  eigener  Erfalirung  und  daher 
mit  dem  vollsten  und  reichsten  Verständnisse  einer  Seele,  die 
aus  dem  Abgrunde  des  gemeinen  Treibens  der  grossen  Welt 
und  guten  Gesellschaft  sich  zum  Anschauen  der  himmlischen 
Weisheit  gereinigt  und  empor  geschwungen  hat. 

Er  selbst  war  früher  ein  weltlicher  Dichter,  bevor  er  ein 
geistlicher  wurde,  wie  wir  oben  in  der  Vorrede  zum  Buch 
der  Väter  1,150 —  1,160  gesehen  haben.  Daselbst  sagt  er 
ausdrücklich,    wie    die  Leute    eine    Gewohnheit    hätten,    welche 


UeV>er  das  mitteldeutsche  Buch  der  Väter.  107 

jedoch  gut  sei,  denjenigen  tun  eine  Märe  od^r  Erzählnng  zu 
bitten,  der  bei  ihnen  ist,  ob  sie  nun  hei  der  Gkit  sitzen  oder 
;iuch  anderswo,  dem  dann  alle  schweigend  zuhören.  Wie  nun 
die  Menschen  beschaffen  seien,  wornach  des  Mannes  Leben 
stehe,  'dahin  strebe  er  und  suche  sich  Rathes  zu  erholen  in 
den  Mären  oder  Erzählungen:  eitle  wollen  nur  solche  von 
Eitelkeit  hören,  der  seligen  Rotte  behagen  aber  nur  solche  von 
Gott  und  guten  Leuten,  Da  bricht  der  Dichter  aus  in  die 
merkwürdigen  Worte,  die  wiederholt  zu  werden  vollauf  ver- 
dienen: 

(>  we  ich  muz  bekennen       von   waiheit  benennen 

daz  ich  von  den  iteln    einer  bin.       (Uiz    sprech    ich    niht    üf 

den  sin 
der  dcmiit,  nein  ich !  werlich       an  wärer    schult    l)egrife  ich 

mich 
daz  ich  bin  iiz  der  iteln  rote.       nu  wil    ich  gerne  buzen  gote 
und  durch  der  buze  willen,        ob  ir  wolt  wesen  stille, 
ü  guter  mere  sagen  vil       der  ich  doch  keine  machen  wil. 

Nach  diesen  Worten,  die  er  buchstäblich  genommen  wissen 
will,  nicht  aber  als  fromme  Phrase  ,uf  den  sin  der  demut^ 
wie  sie  sonst  bei  den  übrigen  geistlichen  Dichtern  in  der 
Regel  zu  verstehen  sind,  war  auch  er  einer  aus  der  , iteln 
rote^,  die  sich  an  weltlichen  Mären  ergötzten  und  ihrem  Welt- 
sinne darin  schmackhafte  Nahrung  suchten.  Hier  sind  schein- 
bar zwei  Auslegungen  möglich:  die  eine,  dass  er  nur  gleich 
anderen  seine  Lust  in  den  weltlichen  Mären  fand,  und  die 
zweite,  dass  er  selbst  auch  solche  gedichtet  habe.  Ich  halte 
blos  die  zweite  Auslegung  für  die  richtige,  weil  er  zur  Busse 
jetzt  nur  ,gute  mere'  sagen  will,  deren  er  keine  macht  oder 
erfindet.  Würde  man  die  erste  Auslegung  annehmen,  so  ent- 
behrte dieser  Nachsatz   eigentlich  allen  Sinn  und  Nachdruck. 

Damit  aber  nicht  jemand  den  Einwand  erheben  kann, 
der  Dichter  wolle  blos  für  das  Anhören  der  weltlichen  Mären 
während  seiner  eiteln  Zeit  jetzt  Busse  thun  durch  das  Dichten 
geistlicher  —  auch  dafür  hat  der  Dichter  gesorgt  in  der  Vor- 
rede zum  Buch  der  Beispiele.     Er  sagt  dort  ausdrücklich: 

59''151  Swic  mir   der  sin  dar  üf  gibt 

den  mir  got  hat  gegeben     des  wil  ich  an  den  mcren  leben 


108  Haupt. 

mincm  herren   zu  lobe.       mich  hat  h'  luge  und  ir  clobe 
bestricket  leider  also  vil       daz  ich  ez  immer  clagcn  wil, 
und  durch  die  bezzerunge       sal  ü  hie  min  zunge 
mit  wärheit  beduten       von  den  guten  lüten  .  J 

Er  stellt  mit  diesen  Worten  die  geistlichen  als  die  wahr- 
haften Mären  den  weltlichen  als  den  erlogenen  gegenüber  und 
dichtet  diese  wahrhaften  seinem  Herren  zu  Lobe,  der  ihm  den 
Sinn  oder,  Avie  wir  sagen  würden,  den  Geist  darauf  gerichtet 
hat,  nur  an  den  Mären  leben  zu  können.  Wie  scharf  aus- 
gesprochen musste  der  dichterische  Sinn  des  Mannes  sein,  der 
damals  bis  zu  dieser  klaren  Selbsterkenntniss  sich  durchrang, 
nur  in  den  Mären  oder  nach  heutigem  Sprachgebrauch  in  den 
Dichtungen,  in  der  Kunst  leben  zu  können ! 

Wahrlich,  er  hat  nicht  zu  viel  gesagt.  Von  allen  den 
Dichtern  aus  der  ersten  Hälfte  des  XIV.  Jahrhunderts,  ob 
geistlichen  ob  weltlichen,  ist  er  der  einzige,  der  zu  erzählen 
im  Stande  ist,  wie  das  jede  Seite  der  drei  Bücher  des  Pas- 
sionals  oder  der  kleineren  Legenden  im  Buch  der  Väter 
überzeugend  beweist.  Nur  zur  Busse  konnte  er  es  unter- 
nehmen, das  Chaos  der  Vitae  patrum  zu  bearbeiten.  Wie 
schwer  es  ihm  aber  geworden  ist,  in  diesem  Gerolle  von  geist- 
lichen zwar  aber  oft  sehr  geistlosen  Anecdotcn  seinen  auf 
Handlung,  Darstellung,  Charakteristik  gerichteten  Geist  zu 
verläugnen,  auch  dafür  lässt  sich  eine  köstliche  Stelle  bei- 
bringen aus  dem  Buch  der  Väter. 

Mitten  unter  den  geistlichen  Anecdoten  steht  sie  und  ist 
deshalb  um  so  merkwürdiger.  Nachdom  der  Abt  Silvanus 
einem  Bruder,  der  nicht  arbeiten  wollte,  das  Leben  Marthas 
und  Marias  erläutert  hat  und  damit  schliesst,  dass  mancher 
mit  jkalder  innekeit*  Marias  Leben  erwähle,  um  nur  nicht 
arbeiten  zu  dürfen,  bricht  der  Dichter  in  die  Klage  aus: 


'  Diese  Stelle  erinnert  sogar  im  Ausdrucke  an  jene  Eudulfs  von  Eni  sc 
in  der  Vorrede  zum  Barlaam.  Dieselbe  lautet  (ed.  Fr.  Pfeiffer)  5,  10  ff. 
,ich  htm  daher  in  minen  tagen  leider  dicke  vil  gelogen  und  die  liute 
betrogen  mit  trügelichen  maeren:  ze  tröste  uns  sündaeren  wil  ich  diz 
macre  tihtcn  durch  got  in  tiuschc  berihten,  und  bite  swer  diz  maere 
lese,  daz  er  sich  bezzernde  wese  mit  staete  an  dem  gelouben  sin  und 
durch  got  gedenke  min  vil  armox  süudaeres.' 


üebcr  das  mitteldeutsche  liuch   der  Väter.  109 

104'')^4  O  we  des  ist  an  mir  nilit       Als  mir   diiz  herze    gentz- 

lich  g"iht 
Dvrch  manic  vrkvnde,       Des  ich  vil  an  mir  vunde 
Ol)    ich    ez    sohle    nennen.        Doch    mvz  ich  bekennen, 
•    Der  ich  der  schribe  hie  diz  bvch,       So  g-röz    ist    an  mir 

min  vnrvch 
Daz  ich  niht  nuic  gewarten       ]\Iarien  noch  Märten 
Noch  nach  ir  tvgenden   mich  begeben. 

Der  Dichter  stellt  sodann  in  scharfen  Gegensätzen  das 
Leben  Marias  und  Marthas  oder  die  ,Minne  und  die  Arbeit' 
gegen  einander  und  schliesst : 

104*^  157  Idoch   sint    der  zweier  leben 

j  Ir  minne  ir  arbeitlich  amt       Noch  vil  gerne  beide  ensamt 

161   Mit  eime  der  mit  trüwen  got       Stete  minnet  svnder  spot. 

Die  minne  ist  svnder    arbeit  niht,       Sweu  man  dvrch  got 

ovch  tragen   siht 
Arbeitliche  swere       Der  ist  ein  minnere. 
Wafeu    herre    svzer    Crist,        Waz    an    mir    steter    kranc- 

keit  ist ! 
Diz    kan    ich    von  den  gvten    sagen        Vnde  ir  leben  niht 

getragen ! 
171   Ich  mvz  sprechen  vnd  mac  wol      Wan  ich  nv  bin  leides  vol. 
Ein  vüre  ich  hie  entzünde       Daz  noch  manige  svnde 
Mac  an  den  Ivten  swenden       Die  ez   zv  gvte  wenden 
Mit  der  gvten    helfe  gots       An   der  volleist  sin  es  gebots. 
In  dem  vüre  bin  ich  kalt.       Daz  ist  ein  wunder  mauicvalt. 
181   Ayn  vüwer  vf  dem  ise!       Ich  bin  den  andern  wise 

Den  ich  scribe  wistum.       Mir  selber  leider  al  zv  tvm.    ' 
Ich   mvz    nv    liden    dise    scheme        Daz    ich    so    wenic  zu 

neme 
Vnde  ioch  hin  hinder  sitze       Vntz  div  (1.  du)  gotcs  hitze 
Irwermest  nach  genaden  din       Daz  vil  kakle  herze  min, 
191   Diz  bevilhe  ich  herre  dir!     Nv  tv  nach  dinem  willen  mir 
Jesv  dv  gotes  reine     (105'' 1)  Vnde  gib  mir  ot  daz  eine 
Daz  ich  kvnne  an  dime  lobe  virsten       Swaz    dv  wilt    mit 

mir  angen. 
So  sal  mir  wol  genvgen       Swie  dv  ez  wilt  mit  mii*  vugen. 
Nv  sprechen  dvrch  got  vurbaz  me      Von  guten  Kten  alsam  e 


wo  Haupt. 

Er  kann  dichten,  so  bekennt  er  von  guten  Leuten ,  ohne 
dass  er  vermöchte,  ihr  Leben  nachzuahmen;  er  entzünde  ein 
Feuer,  das  ndch  manche  Sünde  schwenden  wird,  er  selbst  aber 
ist  in  dem  Feuer  kalt,  es  ist  Feuer  auf  dem  Eise !  In  diesem 
Bekenntnisse  bricht  wieder  der  Zwiespalt  zwischen  den»  welt- 
lichen dichterischen  , Sinne'  des  Dichters  und  seinem  Stoffe 
auf's  deutlichste  hervor,  trotzdem  aber  ist  der  Dichter  über- 
zeugt, dass  sein  Werk  mit  voller  Kraft  auf  andere  wirken 
werde,  wenn  auch  ihn  die  Gluth  seiner  Erzählungen  zu  er- 
wärmen nicht  vermag.  Diese  Selbstbekenntnisse  sind  um  so 
merkwürdiger  und  fallen  um  so  schwerer  in  die  Schale,  als 
dei-gleichen  in  allen  drei  Büchern  des  Passion  als  nirgend 
vorkommen,  da  hat  er  schon  die  vollkommene  Sicherheit  und 
Ruhe  der  Seele,  die  ihn  auch  keinen  Augenblick  gegenüber 
seinen  Gegnern  verlassen.  Im  Buch  der  Väter  ringt  der 
Dichter  noch  nach  dem  Durchbruch  der  Gnade,  im  Passional 
ist  er  der  göttlichen  Gnade  schon  gewiss.  ' 

Aus  diesen  Selbstbekenntnissen  geht  mit  unzweifelhafter 
Gewissheit  hervor,  dass  das  Buch  der  Vätei'  vor  dem  Pas- 
sional gedichtet  wurde,  was  oben  aus  anderen  Gründen  schon 
als  unabweisbar  sich  aufgedrungen  hat. 


2.    Ich  habe  schon  oben  der   Stelle    gedacht,    in    welcher 
sich  der  Dichter  verwahrt,  schon  gethane  Arbeit  wieder  zu  thun : 

Ob  lihte  anderswä  nu  hat 
ieman  diz  buch  getihtet  und  in  dütsch  berihtet 

des  enkan  ich  w^izzen  niht  .  . 

und  auf  den  B  a  r  1  a  a  m  hingewiesen.  Den  B  a  r  1  a  a  m  Rudolfs 
von  Emse  hat  der  Dichter  gekannt,  wie  Zingerle  (Sitzungs- 
berichte Bd.  LXIV.  S.  154  ff.)  gezeigt  hat.  Es  finden  sich  im 
Barlaam  Rudolfs  und  im  Buch  der  Väter  sogar  einzelne 
gleichlautende  Verse.  Ob  ihm  die  übrigen  Werke  Rudolfs 
bekannt  waren,  steht  dahin;  so  ganz  gewiss  ist  es  nicht,  als 
man    zu  glauben    scheint;    vieles  von  dem,    was   zum  Beweise 


ö 


'  Mit  dieser  Stelle  vergleiche  man  im  h.  Ignatius  Passional  ed.  Köpke 
Nr.  15  108,  1—79,  um  den  Unterschied  der  riug-cnden  und  der  rulieu- 
deu  Seele  des  Dichters  zu  gewahren. 


Ueber  das  mitteldeutsche  Buch  der  Väter.  ]  \  \ 

vorgebraclit  wird,  muss  vielmelir  auf  die  Spraöhe  des  Diehter.s 
zurückgeführt  werden.  Diese  Sprache  hat  er  sich  selbst  ge- 
bildet und  zwar  zumeist,  wo  nicht  ausschlicisslich,  an  den  drei 
alenianischen  Dichtern  Gotfrid  von  Strassburg,  Rudolf 
von  Emse  und  ganz  vorzüglich  Kon  rat  von  Würzburg. 
Es  gibt  eine  Legenden-Sammlung  in  Reimen,  die  sich 
nicht  nur  mit  dem  Buche  der  Väter,  sondern  auch  mit  dem 
P  a  s  s  i  o  n  a  1  berührt.  Es  ist  das  B u c  h  der  M  ä  r  t  e  r  e  r ,  das  in 
zwei  Hss.,  der  Kloster-Neuburger  (Altd.  Bl.  2,86)  und  der 
Heidelberger  342  (s.  Wilken  S.  42S)  enthalten  ist,  aber  in 
keiner  vollständig.  Dieses  Buch  der  Härterer  muss  deich- 
zeitig  mit  dem  Buche  der  Väter  und  dem  Passional  ver- 
breitet worden  sein.  Beide  laufen  in  den  Hss.  nebeneinander 
und  durcheinander.  So  gehören  in  der  Hs.  2677  der  k.  k.  Hof- 
bibliothek die  Marien  leg  enden  auf  Bl.  V — 26''  in  das  Pas- 
sional, dagegen  sind  aus  dem  Buche  der  Härterer  die 
fünf  Legenden  von  der  h.  Verena,'  Catharina,  Lucia, 
Margaretha  und  Brigitta  auf  Bl.  106''— 119\2  In  der  Hs. 
2779  derselben  kaiserlichen  Sammlung  sind  wieder  aus  dem 
Passional  die  fünf  Marienlegenden  auf  Bl.  1'^ — 2"  und  90" ""  ge- 
nommen, aus  dem  Buche  der  Härterer  dagegen  stammt  das 
Gedicht  von  der  Auffindung  des  h.  Kreuzes  auf  Bl.  88''  — 
89'',  3  diesem  geht  voran  auf  85^  —  89''  das  Gedicht  von  den 
Siebenschläfern  aus  dem  Buch  der  Väter.  Einzelne 
Legenden  aus  dem  Buch  der  Härterer  sind  in  der  Stutt- 
garter Hs.  poet.  s.  n.  4°,  Hone.  Anzeiger  VH,  287,  so  die 
des  Eustachi  US  oder  Placidus  (vom  Dichter  fälschlich 
Placidas  gereimt),^  die  des  Sebastian  und  der  Sieben- 
schläfer. ■' 


'  Diese  Legende  ist  jetzt  aus  dieser  Hs.  gedruckt  in  .Rochholz,  Drei 
Gaugöttinnen'  .  .    Leipzig,   1870.    8"  S.   108  — 11 1'. 

2  Diese  fünf  Legenden  sind  somit  als  selbständige  Werke  zu  streichen  in 
Goedeke,  D.  M.,  78,  1,  2  und  :\,  S.  22G,  ferner  in  allen  —  deutsclien 
Literaturgeschichten. 

3  Diese  Legende  ist  gedruckt  aus  dieser  Hs.  in  Massmann  Eraclius, 
S.  194—198. 

^  Damit  ist  die  Vermuthnng  Goedekes,    dass    dies    der   Eustachi us  des 

Rudolf  von  Emse  .sei,  widerlegt,  1.  e.  80,  S.  228. 
^  Damit  ist  die  Frage  Goedekes,  1.  c.  82,  2,  S.  229,  beantwortet. 


112  Haupt. 

Damit  sind  die  Fälle,  wo  beide  Werke  stückweise  in  den 
Hss.  sich  nebeneinander  finden,  wohl  kaum  erschöpft,  die  an- 
gefühlten genügen  aber  vollkommen,  um  wenigstens  den  einen 
der  Mitbewerber  unseres  Dichters  zu  erkennen,  i  Es  ist  kein 
Zweifel,  dass  das  Buch  der  Härterer  bei  weitem  grösseren 
Beifall  bei  den  Zeitgenossen  gefunden  hat,  als  das  Passional, 
das  lässt  sich  erklären.  Au  Geist  und  Wissen ,  an  Sprache 
und  Kunst  steht  der  Verfasser  des  Buches  der  Härterer 
tief  unter  dem  des  Passionais,  er  ist  eigentlich  ein  stumpf- 
sinniger schwäbischer  Reimer,  der  seine  lateinische  Vorlage, 
des  J  a  c  0  b  u  s  a  V  o  r  a  g  i  n  e  Legenda  aurea,  schwerfällig  genug 
in's  deutsche  zu  übersetzen  trachtete.  Schon  der  Titel  seines 
Buches  ist  nur  eine  untreffende  Uebersetzung  und  Verwendung 
des  lateinischen  Hartyrologium,  denn  er  hat  auch  Heilige,  und 
zwar  in  grosser  Zahl,  behandelt,  die  keine  Härtyrer  waren, 
sondern  nur  Büsser  oder  Einsiedler,  Bischöfe  und  Kirchen- 
lehrer. Wie  wenig  er  bewandert  war  in  der  Geschichte  der 
Heiligen,  sieht  man  auch  daraus,  dass  er  zum  16.  April, 
an  welchem  Tage  der  h.  E  u  s  t  a  c  h  i  u  s  von  Ferentino  gefeiert 
wird,  die  Geschichte  vom  Eustachius  oder  Placidus  dem 
Feldherren  Trajans  erzählt,  dessen  Tag  der  20.  Sept.  nach 
der  kirchlichen  Ordnung  eigentlich  ist.  Von  seinen  vielfachen 
Irrthümern  gegenüber  seinem  lateinischen  Texte  ist  hier  nicht 
der  Ort,  Proben  zu  geben.  Das  Buch  der  Hfirterer  fällt 
in  die  erste  Hälfte  des  XIV.  Jahi'hunderts ,  da  die  Kloster- 
Neuburger  Hs.  , Anno  Domini  MCCCL  in  vigilia  exaltacionis 
sancte  crucis  ceptus  est  iste  liber/  wie  es  in  der  Schlussschrift 
ausdrücklich  bezeugt  wird,  ,et  in  vigilia  pasce  anni  subsequentis 
finitus  cum  adiutorio  omnipotentis  per  nie  Hartmanum  de  Krasna 
tunc  temporis  ecclesie  niwenburgensis  custodem.*^ 

Einige  Jahre  früher,  als  diese  Abschrift  gefertigt  wurde, 
muss  das  Werk  gedichtet  sein,  und  somit  war  es  dem  Passional 
gleichzeitig  in  Angriff  genommen,  von  dem  so  wenig  als  von 
dem  Buche  der  Väter   auch    nur    eine   einzige  Hs.  bis  jetzt 


•  Ich  behalte  mir  vor,  auf  das  Biich  der  Härterer  demnächst  zurück 
zu  kommen,  alle  Legenden  daraus,  so  viel  ich  deren  habhaft  werden 
k(jnnte,  naclizuweisen  und  einige  zertrümmerte  Hss.  bekannt  zu  machen. 
Icli  k(nnu'  deren  bisher  vier,  alle  auf  Pergament,  so  dass  recht  deutlich 
die  weite  Verbriütnng  des  Werkes  in  die  Augen  springt. 


Ueber  das  raittoldeutsclie  Buch  ilev  Väter.  113 

unter  den  vielen  bekannt  geworden  ist,  die  übe^  das  XIV.  Jahr- 
hundert zui'üek  o:inu;o. 

Gegen    diesen    Mitbewerber    steht   der  Dichter   des   Pas- 
sion als  noch  in  einem  ganz  anderen  feindlichen  Gegensatze  als 
nur  in  dem   eines  ülierlegenen  Geistes  gegen  einen  sehr  unter- 
geordneten Kopf.     Es  ist  keine  Frage,    dass    in   jenen  Zeiten, 
wo  jeder,  der  einen  lateinischen  Text  oder  einen  _,wälschen^  in 
deutsche    Verse     übertrug,     unverwendeten     Blickes    auf    das 
,Buch'  sah,  der  Verfasser  des  Buchs  der  M  ä  r  t  e  r  e  r  viel  mehr 
Beifall  finden  musste,  da  er  in  jeder  einzelnen  Geschichte  leicht 
zu  controliren  war,  als  der  Dichter  des  Passio n als,  dem  man 
seine  lateinischen  Quellen  nicht  so  bequem    nachzuweisen    ver- 
mochte.    Dennoch  hat  auch  dieser  Dichter  keine  andere  Quelle 
für   die    drei  Theile  des   Passion  als    gehabt,    als    eben    des 
Jacobus  a  Voragine  Legenda  aurea.    Es  ist  dies  schon  öfters 
für  einzelne  Legenden  schüchtern  behauptet  worden,  z.  B.  von 
W.    Grimm    zu    der    vom    Papste    Silvester    in    Konrat   v. 
Würzburg    Silvester   p.  XIV  aber    eben    so  oft  Avidersprochen ; 
auch  Köpke  kommt  S.  IX  darauf  zu  reden  und  schreibt:  .Eine 
umfassende  Erforschung  d«-  von    ihm    benutzten    Quellen,    die 
ihren  Ursprung  ohne  Zweifel  hinsichtlich  "der  Leben  der  Apostel 
in  den  jetzt  zum  Theil    zuerst    durch  Tisch e n do rf  l)ekannt 
gemachten  Actis  apostolorum    apocryphis    haben,    lag    nicht    in 
meinem  Plane,  nur    eine  Vergleichung    der  Legenda  aurea  des 
Jacobus  a  Voragine  bot   sich  durch  die  von  Grässe  be- 
sorgte neue  Ausgabe  zu  leicht  dar,  um  nicht  angestellt  zu  werden. 
Die  Ueberein Stimmung  ist  augenfällig,  dennoch  aber  würde  der 
Schluss,  der  Dichter  habe  aus  dieser    Quelle    geschöpft,    nicht 
gerechtfertigt,    denn   beide  können  ihre  Nachrichten  denselben 
Quellen  entnommen  haben  und  daher  auch  in  einzelnen  Zügen 
ihrer  Darstellung  auffallend  übereinstimmen.     Eine  Aeusserung 
des    Dichters    scheint    auch    diese    Vermuthung    zu   bestätigen, 
denn,    wenn    das    Werk    des  Jacobus  a  Voragine  als  ein 
vollendetes  Ganze  zur  Benutzung    ihm    vorlag,    hätte    ei-    wohl 
nicht  in  der  Nachrede    zum  Schlüsse    des  ganzen  Werkes  aus- 
drücklich   sagen    können,    dass    er    die  drei  Bücher  nicht  ane 
grozen  um me such  vollbracht  habe. 

So  Köpke.     Die  Erklärung,  dass  beide,  der  Dichter  des 
Passionais    und    Jacolnis    a    Voragine,    aus    denselben 

Sitzb.  (1.  pliil-hist.  Cl.  LXIX.  P.a.  U    llft.  8 


]^  J  4  H  a  u  1)  t. 

Quellen  können  geschöpft  haben  und  deshalb  in  der  Darstellung 
übereinstmimen,  Hesse  sieh  wohl  hören,  '  da  man  Aveiss,  wie 
J  a  c  o  b  u  s  a  V  o  r  a  g-  i  n  e  seine  Quellen  geradezu  wörtlich  aus- 
schreibt, nur  lässt  sich  dagegen  ein  Beweis  erbringen,  der 
unwidersprechlich  ist.  Wie  kommt  es,  dass  der  Dichter  des 
Passionais  am  Schlüsse  der  Legenden  allemal  dieselben 
Wunder  erzählt,  die  auch  Jacob us  a  Voragine  hat ?  Bei  der 
grossen  Masse  von  solchen  Wundergeschichten  für  jeden  einzelnen 
Heiligen  soll  der  deutsche  Dichter  und  der  italienische  Legenden- 
schreiber, beide  von  einander  unabhängig,  genau  immer  die- 
selben ausgewählt  und  genau  in  derselben  Folge  erzählt  haben '? 
Eine  solche  Wahlverwandtschaft  zweier  Seelen  ist  ganz  unmög- 
lich und  der  Beweis  zu  Gunsten  des  Jacob  us  a  Voragine 
ist  vollkommen  erbracht  durch  diese  Thatsache,  um  so  mehr, 
als  der  Dichter  des  Passion  als  von  allen  jenen  Heiligen 
keine  Gnadenerweisungen  zu  erzählen  weiss,  die  auch  bei  J  a- 
cobus  a  Voragine  leer  ausgegangen  sind. 

Die  sämmtlichen  Legenden  des  dritten  Theils  des  Pas- 
sionals  mit  den  treffenden  der  Legenda  Aurea  hier  zu  ver- 
gleichen, hiesse  wirklich  nur  das  Paftier  verschwenden,  es  wer- 
den die  ersten  25  von  72  genügen.  Bei  jeder  Legende,  die 
mit  0  bezeichnet  ist,  fehlen  die  Wunder. 

Passional.  Legenda  aurea. 

L  Von  sante  Nicoiao  19,  14 —        HL  De  sancto  Nicoiao  8,  9, 

Cap.  25,43.  10,  11,  12. 

n.  Von  sante  Lucien  0.  IV.  DesanctaLuciavirgineO. 

HL  Von  sante  Anastasien  0.  VH.  De  sancta   Anastasia   0. 

IV.  Von  sante  Stephane.  VIII.  De  sancto  Stephane. 

CXII.  De  inventione  sancti  Ste- 
phani  protomartyris. 

Hier  haben  wir  das  erste  Beispiel,  wie  der  Dichter  des 
Passionais ,  was  J  a  c  o  b  u  s  a  Voragine  wegen  der  ganz 
kirchenkalendarischen  Ordnung  seines  Werkes  auseinander  riss, 
wieder  zusammenzufügen  sucht.  Zum  Schlüsse  werden  erzählt 
die  kleinen  Wunder  und  beide  berufen  sich  auf  den  h.  A  ug  us  ti  nu  s. 


^  Auch  Gervinus    Geschichte  der  deutsch.  Dicht.,    .5.  Auf.  Bd.  Tl.  S.  107, 
ti'itt  Köpke's  Meinung  bei  und  redet  von  gemeinschaftliclien  Quellen  beider. 


Ueber  das  luilti'Moutsi-lie  liiicli  dfr  Viltcr. 


115 


V.  Von    sante    Tlionia    60, 

ö9— 62,  82. 
VT.  Von  sante  Silvesti-o  U. 
VII.  Von  sante  Reniig-io  0. 
VIII.  Von  sante  Feiice  0. 
IX.  Von  sante  Marcello  0. 
X.  Von  sante  Fabian o  0. 
XI.  Von  sante  Sebastiane  0. 

XII.  Von  sante  Agneten   118, 
15—119,  50. 

XIII.  Von   sante  Vincencio  0. 

XIV.  Von    sante   Basilio    129, 
95—137,  48. 

XV.  Von      sante      Joliannese      XXVII.  De  sancto  Johanne  etc. 
deme     almuseuere     145,  4  et  10. 

59—146,  84. 
XVL   Von  sante  Juliane  XXX.  De  sancto  Juliane. 

In  seinem  XXX.  Cap.  erzählt  Jacobus  a  Vo  rag  ine 
von  fünf  Julianus  genannten,  genau  dieselben  fünl'  und  in  der- 
selben Ordnung  kennt  und  schildert  auch  dei-  Dichter  des 
Passionais. 


XI.  De  sancto  Thoraacan- 

tuariensi  4,  5,  6. 

XII.  De  sancto  Silvestro  0. 

XVII.  De  sancto  Remigio  0. 

XIX.  De  sancto  P'elice   0. 

XX.  De  sancto  Marcello  0. 

XXII.  De  sancto  Fabiano  0. 

XXIII.  De   sancto  Sebastiano 
4,  5. 

XXIV.  De  sancta  Agnete  3, 4. 

XXV.  De  sancto  Vincentio  0. 
XXVI.  De    sancto    Basilio  5, 
6,  7. 


1.  Julianus  hiez  einer 

ein  guter  man,  ein  reiner, 
der  zu  bischove  wart  gewit 
und  hie  sines  lebens  zit 
wo\    mit    tugenden   hat '  ge- 
tragen, 
die    meistere   alsus    von    im 

sagen, 
daz  er  zum  ersten  hieze  alsus 
Symon  Phariseus 
der    Christum    zu    hüse   lut 
147,  1  ff. 

2.  Ouch  was  ein  ander  gut  man. 

148,  19  ff. 

3.  Ouch    was   ein    ander    man 

vil  gut 
als  daz    mere    uns  kunt  tut 


1 .    Julianus     Cenomanensis 

episco- 
pus  fuit.  Hie  Simon  ille  lepi'o- 
sus  dicitur  fuisse  quem  do- 
min iis 
a   lepra   sanavit   et   qui  do- 
minum 
ad    convivium    invilavit. 
S.  140  ff. 


2.  Fuit  et  alius  Julianus.  S.141. 

3.  Fuit   insnper  alius  Julianus 
frater  beati  Julii.  S.  141,142. 


8* 


116 


H  a  u  p  t. 


der  hiez  Julianus 
unde  sin  bruder  Julius.    149, 
57  ff. 

4.  Üuch    was    ein    ander    man 

alsus 
genennet  Julianus  I5I72I  ff. 

5.  Oucli  was  ein  ander  man  be- 

nant 
als  ich  üch  machte  alhie  be- 

kant 
mit  dem  namen  Julian 


4.  Fuit  etiam  alius  Julianus  qui 
utrumque  parentem  nesciens 

occidit.    S.  142, 143. 

5.  Fuit   et  alius  Julianus,  non 
quidem  sanctus  sed  scelera- 

tissi- 
mus  scilicet  Julianus  apo- 
stata  .  .    S.  143. 


die  meistere  haben  in  g-enant 
Julianuni  apostatam.  155, 
63  ff. 
Diese  fünf  Juliane  sind  einer  der  stärksten  Beweise,  dass 
der  Dichter  des  Passion  als  die  Leg-euda  aurea  vor  sich  ge- 
habt  liat.  Schon  oben  ward  bemerkt,  wie  bereits  Massmann 
1.  c.  in  I.  4  nachg-ewiesen  hat,  dass  der  Dichter  die  Ge- 
schichte vom  Julianus  apostata  oder  ,vom  bösen  Juliano'  hier 
nur  wiederholt  hat  aus  dem  zweiten  Buche  des  Passion  als 
ed.  Hahn  355,  83 — 362,  94  überarbeitet  in  seiner  Weise.  Zu- 
meist wörtlich  stimmen  überein  Köpke  158,  57 — ^161,  6  mit 
Hahn  359,  84 — 362,  94.  Die  Geschichte  des  Juliauus  apostata 
wird,  wie  im  Passion  al,  genau  so  in  der  Legen  da  aurea 
zweimal  erzählt,  das  erste  mal  in  XXX:  De  sancto  Juliane, 
und  das  zweite  mal  in  CXXV:  De  decollatione  saucti  Johannis 
Baptistae,  wie  sie  denn  auch  im  zweiten  Buche  des  Passionais 
einen  Theil  der  Geschichte  Johannes  des  Täufers  bildet. 

XXXVI.  De  sancto  IgnatioO. 
XXXVIII.  De  sancto  Blasio  0. 
XXXIX.  De  sancta Agatha 0. 
XLII.  De    sancto   Valen- 
tine 0. 
XLIII.  De  sancta  Juliana  0. 
XLVI.  De  sancto  Greaorio. 


XVII.  Von  sante  Ignacio  0. 
XVIII.  Von  sante  Blasio  0. 
XVIIII.  Von  sante  Agathen  0. 
XX.  Von  sante  Valentine  0. 

XXI.  Von  sante  Julianen  0. 
XXII.  Von  sante  Grefforio. 


Das  L(!bon  dieses  Heiligen  zerfällt  bei  Jacobus  in  19 
Abschnitte ;  dieselben  und  genau  in  derselben  Ordnung  hat 
auch  das  Passional  mit  Ausnahme  von  9  und  18.     Sieht  man 


Uetpr  das  niittfUl.Mitschp  Bncli  flor  Vätflr.  1  ]  7 

näher  zu,  so  bei;Teift  man,  waiiiin  der  Dichter  diese  ausaclassen 
hat..  Nuninier  0  ist  die  alberne  Erklänui"-  eines  liturai sehen 
Gebrauches  und  18  eine  nocli  tliörichtere  und  zugleich  blas- 
phemische  —  Lüge  iüber  das  Ofücium  Gregorianum  unrl  Am- 
l)rosianura. 


XXIII.  Von  sante  Long-ino  0.  XLVll.  De  sancto  Long-ino 

0. 

XXIV.  Von    sante  Benedicto  XLIX.  De     sancto    Bene- 

dicto. 
Auch  diese  Legende  liefert  nur  in  anderer  Art  einen  Be- 
weis für  den  Jacob us.  Ln  Ganzen  und  Grossen  folgt  ihm  der 
Dichter,  nur  hat  er  ihn  im  Abschnitt  W)  aus  dem  Anhange  Cap. 
CCCIX:     De    sancta   Scholastica,    zu  vervollstäncb'gen  gesucht. 
;  Der  Dichter  arbeitete  somit  nach    einem    in    Deutschland,    wie 
1  es  scheint,  vermehrten  Exemplare  des  Jacobus. 

XXV.  Von  sante  Patricio  0.  L.  De  sancto   Patricio   0 

Ln  dritten  Buche  des  Passionais  befinden  sich  ausser 
den  Leben  der  Heiligen  noch  drei  andere  Stücke,  nämlich 
Nummer  28:  .Diz  ist  von  deme  heiligen  kruze,^  ed.  Köpke 
265 — 290,  dann  Nummer  68 :  ,Hie  sprichet  daz  bnch  von  allen 
heiligen'  ed.  Köpke  574 — 582  und  schliesslich  Nummer  69: 
,Hie  sprichet  daz  buch  von  allen  seien,'  ed.  Köpke  582 — 592. 

Die  liegende  vom  h.  Kreuze  ist  aus  den  Capp.  LXVIII 
und  CXXX VII  des  Jacobus  gebildet.  Die  Wundergeschichten 
im  Pa/ssional  283,27—290,  64  linden  sich  bei  Jacobus  am 
Schlüsse  von  Cap.  CXXXVII,  und  zwar: 

Jacobus  a  Voragine.  Passional. 

3.  Apud  Constantinopolim  287,  62  ff.  In  Constantinopolim 

4.  Apud  Syriam  in  civitate  Be-      288,  47  ff.  Ouch  sult  ir  vurbaz 

i'ich  hören  dit  — 

5.  Virtus  crucis  etiam  284,  26  ff.  Swelcli    macht    daz 

gotes  krüze  habe  — 

6.  Refert  quoque  Gregorius  287,  17  ff.  Gregorius  hat  ouch 


geseit    - 


Die  siebente,  eine  unwahre  Erfindung  von  einem  Serapis- 
Tempel,  Hess  der  Dichter  fallen,  und  setzte  dafür  eine  von 
dem  kreuzehrenden  Hofschreiber  eines  Zauberers. 


118  •  Haupt. 

Die  Rede  von  allen  Heiligen  ist  in  ihrem  legendarischen 
oder  sagenhaften  Theile  nachgebildet  dem  Cap.  CLXII  des 
Jacob  US  über  das  Pantheon  oder  Maria  rotunda  im  Beginne, 
und  schliesst  mit  der  Vision  des  Petrus  Custos. 

Die  Rede  von  allen  Seelen  folgt  in  Gedanken  und  Bei- 
spielen dem  Cap.  CLXIII,  so  dass  die  Abhängigkeit  des  Dichters 
von  seiner  lateinischen  Vorlage  hier  sogar  bedeutender  ist,  als 
irgendwo  sonst. 

Was  aus  diesen  nicht  eben  willkürlich  gewählten  Stücken 
des  dritten  Buches  des  Passionais  mit  unwiderleglicher  Ge- 
wisshett  hervorgeht,  lässt  sich  auch  an  dem  ersten  und  zweiten 
Buche  des  Werks  zeigen.  Es  verhalten  sich  die  Stücke  im 
zweiten  Buche  zum  Jacobus  folgender  Art: 

Passional  ed.  Hahn.  Jacobus  a  Voragine. 

155,64 — 164,16  CX.  De  sancto  Petro  ad  vin- 

cula. 

164,17-170,30  XLIV.         De  cathedra  sancti  Petri. 

170,  31  —  180,  41  LXXXIX.  De  sancto  Petro  apostolo, 

Abschnitt  1,  2. 

180,42—185,82  XXVIII.      De  conversione  sancti  Pau- 

li apostoli. 

185, 83—193, 24  XC.  De  sancto  Paiüo  apostolo. 

193,  25—194,  69  LXXXIX.  De  sancto  Petro  apostolo, 

Abschnitt  3. 

194, 70—196,  41  XC.  De  sancto  Paulo  apostolo, 

S.  384—386. 

196,  42—197,  23  LXXXIX.  De  sancto  Petro  apostolo, 

197,24—199,23  Abschnitt  4. 

199,24—200,37  „  Abschnitt  4. 

200,38—212,38  IL  De  sancto  Andrea  apostolo. 

Die  Wundergeschichte  im  Abschnitt  9  dieses  Cap.  von 
einem  Biscliof,  den  der  Satan  in  Gestalt  einer  Jungfrau  zu  ver- 
führen trachtete  und  den  Andreas,  zu  dem  der  Bischof  eine  be- 
sondere Andacht  hatte,  durch  Räthselfragen  erlöste,  fehlt  im 
Passional,  steht  aber  im  Buch  der  Väter  82"=  101 -84" 40. 
Dieselbe  Legende  kehrt  wieder  im  Cap.  CXXIII:  De  sancto 
Bartholomaeo,  wo  sie  auch  der  Dichter  hat;  hat  er  sie  deshalb 
hier  ausgelassen? 


üeber  das  mitteldeutsche  Buch  der  Väter.  119 

212,39—226,76  XCIX.      De   sancto  llacobo    majore. 

In  den  Abschnitten  2 — 13  erzählt  Jacobus  kh^ine  Wunder- 
geschichten, davon  sind  bei  Hahn  o  und  6,  die  Nummern  7, 
9 — 13  sind  aus  von  dei-  Hagens  Hs.  nachgetragen  in  ,Neues 
Jahrbuch  der  Berl.  Gesellschaft  etc.  Berlin,  1846.  S.  252—268:' 
Ob  die  Nummern  2  —  4,8  in  einer  noch  vollständigeren  Hs. 
vorhanden  sind? 

226, 77—244, 44  IX.  De  sancto  Johanne  apostolo 

et  evaugelista. 

Die  Legende  vom  König  Rademundus  253,  65  fF.  im  Ab- 
schnitt 12,  wo  er  Eadmundus  heisst.  Den  Abschnitt  13  hat 
der  Dichter  getilgt.  Warum  ?  Es  heisst  p.  62 :  , Ysidorus  de  ortu 
et  vita  vel  obitu  sanctorum  priorum :  mutavit  Johannes  in 
auruni  silvestres  frondium  virgas,  littoreaque  saxa  in  gemmas 
mutavit,  gemmarum  fragmina  in  propriam  reformavit  naturani, 
praecepto  viduam  suscitavit,  et  rediviuum  juvenis  corpus 
remeante  aniraa  reparavit,  bibens  letiferum  haustum  evasit 
pericuhim  et  eodem  prostratos  in  vitae  reparauit  statum.  Haec 
Ysidorus.'  Er  hat  also  Kritik  geübt  an  dieser  Stelle  wie  an 
anderen. 
244,45—260,76  V.  De  sancto  Thoma  apostolo. 

Keine  Wundergeschichten  bei  beiden. 

260,  77—266, 15  LXVII.  De  sancto  Jacobo  apostolo. 

•  Keine  Wundergeschichten  bei  beiden,  wie  aber  von  der  Aurea 
Legenda  im  Abschnitte  2  dieses  Capitcls  die  Zerstörung  Jeru- 
salems erzählt  wird,  so  bringt  auch  der  Dichter  den  Abschnitt 
266,  16 — 278,  73  ,Wie  ihrem  zübrochen  wart'  genau  nach  der 
Vorlage. 

278,74—282,33  LXV.      De  sancto  Philippo  apostolo. 

Keine  Wundergeschichte  bei  beiden. 

282,  34—295,  63  CXXIII.  De  sancto  Bartholomaeo. 

Die  Wundergeschichten  in  den  Abschnitten  2,  4,  5  stimmen 
überein,  3  Hess  der  Dichter  als  eine  höchst  alberne  Anccdote 
fallen,  der  Heilige  erscheint  darin  als  ein  eigensinniger,  der 
seine  Macht  missbraucht;  '  5  ist  die  schon  oben  beim  h.  Andreas 
erwähnte  Geschichte  vom  Satan  als  Jungfrau. 


*  Es   heisst   nämlich    da    S.   ö-t4 :     ,Cuin   qiiacdam    inulier   vas    plenuni  oleo 
attulisset,   ut  in  lampadem  beati  Bartliuloraei  poneretiir,  quautiuncumqiie 


120  Haupt. 

295,  64—302,  66  CXL.     De  sancto  Matthaeo  apostolo. 

Keine  Wundeigescliicliten  bei  beiden. 

302,67 — 312,58  CLIX.  De  sanctis  Symone  ac  Jiida 

apostolis. 
Keine  Wundergeschichten  bei  beiden. 
312)59-321,71  XLV.    De  sancto  Matthia  apostolo. 

Die  apocryphe  Geschichte  des  Judas  ist  beiden  die  Haupt- 
sache, zu  welcher  sich  beide  mit  denselben  Gedanken  wenden: 
,Mathias  der  z  weif  böte  Mathias  apostolus 

in  der  g-ots  erweiten  rote 
nach  unseres  herren  üffart 

er  in  dar  zu  selbe  erkos  in  locum  Judae  substitutus  est. 

do  Judas  sin  amt  verlos 

wir  läzen  hie  Mathiam  Sed  primo  ortum   et   originem 

eine  wile  verswigen 

unde    mit  der   rede    hinder-      ipsius    Judae    breviter    videa- 

ligen  .  .  .  mus  ;  , 

unde    sprechen    e   wer  dirre 

was 
der  ungetrüwe  Judas  ... 
321,72—324,2  LXXXI.     De  sancto   Barnaba  apo- 

stolo. 

Keine  Wundergeschichte  bei  beiden. 
324, 3—326,  2  CLVI.         De  sancto  Luca   evange- 

lista. 

Keine  Wundergeschichten  bei  beiden. 
326, 3—333,  15  LIX.  De    sancto   Marco    evan- 


gelista. 


Von  den  Wundergeschichten  sind  die  in  den  Abschnitten 
2  und  9  da,  die  in  3 — 8  fehlen. 
333,16—345,51  CXLV.       De   sancto   Miehaele    ar- 


changelo. 


vas  super  lampadem  inclinarent,  nil  ex  eo  exire  valebat,  cum  tarnen  digitos 
in  vas  mittcrent  et  oleum  liquidum  omnino  palparent,  tunc  quidam  excla- 
mavit:  puto,  quod  apostolo  acceptum  non  est,  ut  hoc  oleum  iu  suam  lam- 
padem  iiifuridatur.  Quapropter  in  aliam  lampadem  infuderunt  et  protinus 
oleum  emanavit.'    Warum  verabscheut  er  denn  hier  eine  bestimmte  Lampe? 


Ueber  das  raitteldeutüclie  Buch  der  Väter.  121 

Die  Leg-ende  bepjinnt   in  beiden  mit  der  Wundergeschichte 
IUI   Berg  Garganus  in  Apulia  und  schliesst  mit  den  neun  Chören 
der  Engel. 
;M5,  52— 349,  92  LXXXVI.  De  natiuitate  sancti  Jo- 

hannis  baptistae. 
349,  93— 3()7,  34.  CXXV.         De  decollatione  sancti  Jo- 

hannis  baptistae. 

In  355,  74 — 363,  15  ist  die  Geschichte  ,vom  bösen  Juliane/ 
wie  schon  oben  bemerkt  wurde,  zum  erstenmal  zu  lesen;  in 
363,  16 — 367,  34  ist  dann  die  Geschichte  von  seinem  Haupte 
und  nur  die  kleine  Wundergeschichte  vom  Diacon  Sanctulus 
aus  dem  Abschnitt  4  vorhanden. 
367,  35—391,  78  XCVL      De  sancta  IMaria  Magdalena. 

In  den  Abschnitten  1,  2  erzählt  Jacob  us  die  bekannte 
Geschichte  der  Heiligen,  wie  das  Mittelalter  sie  allgemein  ge- 
wusst  hat,  der  Dichter  folgt  ihm  genau  nach.  In  den  Ab- 
schnitten 3 — 10  kommen  dann  die  kleinen  Wundergeschichten, 
von  denen  3,  4  und  10  bei  Hahn  zu  lesen  sind.  Die  Nummer 
4  fehlt  in  Von  der  Hagens  Hs.,  für  dieselbe  stehen  dagegen 
5,  8,  9,  die  Kläden  in  dem  schon  oben  angerufenen  Jahrb. 
der  Berl.  Gesellschaft  S.  269—272  mitgctheilt  hat. 

Es  wäre  überflüssige  Arbeit,  auch  das  erste  Buch  Bhitt 
für  Blatt  umzuschlagen  und  in  jedem  einzelnen  Stücke  die 
üebereinstimmungen  sowie  Unterschiede  zwischen  dem  Texte 
des  Passion  als  und  der  Legcnda  aurea  aufzuweisen . 
Entsclieidend  ist,  dass  die  Geschichte  des  Pilatus  ebenso 
hinter  der  Passion  steht  im  Passional  81,  47 — 89,  82  wie 
dieselbe  in  der  A  u  r  e  a  das  Schlussstück  ist  des  Cap.  LIII : 
De  passione  domini.  Was  aber  am  merkwürdigsten  im  ersten 
Bucheist,  die  in  alter  und  neuer  Zeit  viel  bewunderten  Marien- 
legenden, will  ich  hier  einer  nähern  Betrachtung  unterziehen. 

Fr.  Pfeiffer  schreibt  in  der  Vorrede  Ö.  XIX  zu  seiner 
Ausgabe  dieser  Legenden:  ,Für  einige  der  vorliegenden  Legen- 
den glauben  wir  ebenfalls  die  unmittelbare  lateinische  Quelle; 
nachweisen  zu  können.  Unter  dem  Titel :  Libcn-  de  miraculis 
existirt  ein  lateinisches  Wei'k  ,  das  (ifter  in  Handschriften  ge- 
funden wird,  z.  B.  in  der  Bibliothek  des  Klosters  Göttweih 
(vergl.  Altd.  Bl.  1,  327,  28).  Dass  es  längst  schon  gedruckt 
ist,  scheint  man  gar  nicht   zu    wissen.      Bernhard    Pcz   hat 


122 


Haupt. 


es  bereits  173J  in  seinem  Buche:  Ven.  Agnetis  Blannbekin  etc. 
Vita  et  Revelationes  etc.  Viennae.  8°.,  als  Anhang  8.  303— 
456  abdrucken  lassen  .  .  .  Von  unsern  Marienlegenden  finden 
sich  darin  die  Nr.  5—8,  10—13  mit  fast  wörtlicher  Ueberein- 
stimmung  .  .  ^  Diese  Legenden  oder  Liber  de  Miraculis  S.  M. 
waren  schon  um  die  Mitte  des  13.  Jahrhunderts  bekannt,  ihr 
Verfasser  ist  nach  Pez  der  Presbyter  et  Monachus  Botho 
monasterii  Praveningensis.  Vor  allem  muss  bemerkt  werden, 
dass  die  Angaben  der  Nummern  bei  Pfeiffer  falsch  sind;  es 
nmss  heissen  6—8,  10  —  13  und  25,  Avovon  sich  jedermann  im 
Anhange  zu  den  Marienlegenden  S.  267 — 275  überzeugen  kann. 

Auch  Jacob  US  aVo  ragine  kennt  diese  Marienlegenden 
und  hat  den  grössten  Theil  der  vom  deutschen  Dichter  be- 
arbeiteten über  sein  Werk  zerstreut. 

XXXVII.   De    purificatione   B.   M.    V. 


LI. 


De  annuntiatione  dominica 


;; 


CXIX.         De  assumtione  B.  M.  V. 


5J 


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V 


V 


CXXXT.       De  nativitate  B.  M.  V. 


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5 

5  = 

77 

6 

6  - 

7? 

7 

7  — 

77 

8 

8  — 

7' 

9 

9  — 

5? 

23 

Was  Nummer  1  betrifft,  das  Pfeiffer  im  Prologus  des 
Botho  gefunden  zu  haben  glaubt,  da  ist  nur  nöthig  die  Stelle 
unseres  Dichters  mit  dei-jenigen  des  Jacob  us  zu  vergleichen, 
um  augenblicklich  zu  sehen,  dass  Pfeiffer  geirrt  hat. 

Jacobus  S.  589—590  sagt:  ,Dies  autem  nativitatis  vir- 
ginis  aliquante  tempore  fideles  latuit.  Contigit  igitur,  sicut 
refert  Johannes  Beleth,  quod  quidam    uir  sanctus   sedulae  con- 


Uebci-  (Uis  iiüttelflputbche  Biicli  'lei   Väter.  123 

templationi  insistens,  singulis  annis  VI.  .Tdus  Septembres  in 
oratione  positus  jocundissimam  angclorum  societateni  sollem- 
nizantein  aiidiret  cuinqiu;  dcvotissime  sibi  i'cvelari  peteret,  cur 
quolibot  anno  illo  tantum  die  et  non  aliis  hoc  audii'ct,  divinum 
i'ecepit  responsum,  quod  virgo  gloriosa  J\laiia  tali  die  f'uerij 
mundo  nata  etc. 

Der  Dichter,  PfeifFer  S.  2,   13  ff. 
—  —  Ir  habet  alle  wol  gehört 
daz  si  vier  tage  hat       die  man  mit  virc  ir  begät 
in  des  järes  vmmevart.       der  tac  do  si  geborn  wart 
der  wart  zu  jungest  vif  geleit       von  der  reinen  kristenheit. 
nu  höret  wie  sich  daz  erhub,       als  ich  sin  an  dem  mere  entsub. 
Ez  was  ein  reine  guter  man,       der  hete  sich  genumen  an 
in  allem  sime  lebene       daz  er  ie  vil  ebene 
sich  von  der  valschen  werkle  entzöch       unde  an  unscrn  herren 

vlöch 
an  des  gebetes  innikeit.       sin  herze  dicke  was  zuspreit 
an  des  geistes  weide.       der  werkle  lieb  noch  leide 
enkunde  in  brengen  nicht  da  von     des  er  mit  gote  was  gewon, 
wand  er  mit  küschem  mute       in  rechter  demute 
üf  got  was  geneig*et  gar.       nu  fugte  ez  sich  alle  jär 
immer,  als  die  zit  gelac       daz  nu  ist  unser  vrowen  tac 
in  dem  si  zu  der  werkle  quam:  der  selbe  gute  man  vernara 

in  grözer  suzikoit  dar  obe       an  unsers  lieben  herren  lobe 
von  engein  lustlichen  sanc       der  im  mit  siüchem  döue  erklanc 
daz  er  gevreut  des  sere  wart.       ie  nach  des  iäres  ummevart 
hört  er  die   stimme,  und  anders  nicht.       durch   die   selben  ge- 
schieht 
und  durch  des  Wunders  gebot       bat  er  getrüeltchen  got 
daz  er  ime  erscheinde       waz  dirrc  sanc  meinde, 
der  im  mit  sulcher  vrcuden  schal       ie  des  järes  erhal 
aller  suzikeite  vol.       sin  wille  wart  erfüllet  wol, 
wände  im  quam  ein  reiner  böte,       ein  engel,  gesant  von  gote. 
der  lieblichen  sprach  zu  im       , guter  man,  nu  vernim! 
ich  sal  machen  dir  bekant,       dar   nach    diu    wille  was  gewant, 
waz  der  gesanc  meine.       Maria  die  vil  reine, 
die  edele,  die  demute,       die  schöne  und  die  gute 
die  kristes  muter  was  erkorn,       an  deme  tage  wai't  geborn  etc. 


124  Hanpt. 

Dazu  vergleiche  man  mm  die  Worte  Bothos:  ,Ad  omni- 
potentis  Dei  laudem  cum  saepe  recitantur  miracula  sanctorum, 
quae  per  eos  egit  divina  pptentia,  multo  magis  Sanctae  Dei 
Genitricis  Mariae  debent  referri  praeconia,  quae  et  sunt  omni 
melle  dulciora.  Ergo  ad  roborandas  in  eins  amorem  mentes 
fidelium  et  exercitanda  corda  pigritantium ,  ea,  quae  fideliter 
narrari  audiuiraus,  .largiente  Domino  recitare  studeamus/ 

Die  Quelle  zum  Prologe  der  Marienlegenden  ist  so- 
mit Jacob  US  de  Vo  ragine.  Fr.  Pfeiffer  sagt,  dass  die 
deutschen  Marienlegenden  zu  denen  Bothos  fast  wörtlich  über- 
einstimmen. Vergleicht  man  die  auch  in  der  Legenda  aurea 
enthaltenen  Nummern  mit  Botho,  so  zeigt  sich,  dass  der  Italiener 
den  Deutschen  abkürzend  ausgeschrieben  hat,  in  der  Regel  hielt 
er  den  Dialog  in  den  einzelnen  Legenden  vollständig  fest. 

Es  ist  somit  der  grösste  Theil  der  M  a  r  i  e  n  1  e  g  e  n  d  e  n, 
nämlich  1,  2,  4—10,  14,  15,  17,  19,  20,  23,  25,  in  Jacobus 
a  Vo  ragine  zu  finden.  Ich  zweifle  keinen  Augenblick,  dass 
sich  auch  die  andern  werden  darin  linden  lassen. 

Als  Ergebniss  steht  somit  fest,  dass  der  Dichter  nach  dem 
Erscheinen  der  Aurea  legenda  erst  an  seine  Arbeit  ge- 
gangen ist,  folglich  frühestens  in  den  letzten  zwanzig  Jahren 
des  XIII.  Jahrhunderts,  da  die  Legenda  aurea  zwischen 
1270  —  1275  erschienen  ist.  Als  zweites  und  eben  so  wichtiges 
Ergebniss  stellt  sich  heraus,  dass  der  Dichter  mit  Jacobus 
genau  wie  mit  dem  Vitae  patrum  verfuhr,  auch  das  weit- 
läuftige  Werk  des  Erzbischofs  von  Genua  war  ihm  nur  eine 
Sammlung  von  Stoff,  aus  dem  er  nach  seinem  Sinne  ,Mären^ 
bildete.  Vielleicht  begreifen  wir  jetzt  erst  manche  seiner  Worte 
in  den  Vor-  und  Nachreden  der  einzelnen  Bücher  des  Passion  als. 


3.  Vier  Jahre  hat  er  sich  bedacht,    ehe  er  an  die  Arbeit 
ging,  denn  er  sagt  selbst  ed.  Hahn: 
3,  40 — 52  ez  ist  nu  sunderliche  mir  not,       min  herze  lange  mir 


gebot 


daz  ich  mich  drüf  bedcchte       vnde  zu  düte  brechte 

do   wart    min 
widerstreben. 


ein    teil    discr   heiligen   leben.       do   wart    min   wille 


Ueber  das  mitteldeutsclie  Buch  der  Väter.  125 

wand  ich  die  vci-imiift  wol  sacli       i^i   mir  zu  (ltink(!l 

und  zu  swach 

g-eg'en  su  gruzcr    arbeit.        zu  jung-est   bin    ich    doch 

beweit 

nach    vier  jären    in    den    sin  daz  icli  grife  an 

daz  begin   .  . 
Er  ahnt  Aergerniss: 

3,  G9- — 73  ob  iman  wolle  tumnien  spot 

und  einen  bösen  wolves    zan       mit   ergervnge    hen- 
ken dran 
daz  ich  zu  dütschem  volke       dissesbuches  bin  ein  tolke 

Seine  Ahnung  traf  auch  ein,  denn  in  der  Vorrede  zu  der 
Aposteln  Buch  sagt  er 

154,  82 — 155,  ist  daz  imaune  eine  pine 

ob  ichz  zu  düte  han  geseit       daz    ist    mir   wer- 

lichen   leit 
ich    hab    (;z    durch  gut  g-evangen  an.       nu  liabe 

ein   iegeliche   man 
sin  herze,  ich  wil  daz  mine   haben        und   disen 

brunneu  vollen  graben 
ili'  den  ich   l)in  durch  gesuch. 

Die   Angriffe  wurden  immci'  heftiger;  nicht  in  der  Voi-rede 
sondern  im  Eingange  zur  Maria  Magdalena  sagt  er: 
368,  22 —       ,  als  ich  hernach  will  duten 

wirt  mir  der  wec  nicht  underuumen        von    den 

die  inirwiderkumen 
üf  daz  sie  leide  mir  gotuu   .   . 

In  der  Schlussrede  zum  zweiten  Theil,  die  man  abei-  nicht 
bei  Hahn  suchen  darf,  sondern  mit  dem   Auszug  im  Jahrbuch 
der  Berl.  Gesellschaft,   1846;  sich  behelfen  muss,  sagt  er: 
S.  287.  .  .  Habe  ich   mich   uiit  ichte 

Vergezen  daz  ist  unkunst.         Ich   leite  volle  vernunst 
Dar  an  in  sulcher  mäze       Daz  ich  geliche  saze 
Nach  dem  latine  gesetze       Und  nicht  besiten  letze 
Den  warhaften  ummesweif.        AVaz    ich    ouch  drin   mit 

Worten  ffreif 
Nach  tichtendem  sinne       Daz  lioff<;  icli  al  dai'  inne 
Mit  onhjntlichor  fuge  wesen  .  . 


126  H^^ipt. 

S.  288.  Dar  nach  solde  ein  ieg-e- 

licli  jagen 
Wie    ei'    mit    vollem    ruclie        Daz    vienge    an    diseme 

buche 
Wer   ez    lese    oder  höre    lesen.       Des    mac    aber   niht 

gewesen, 
Jegelich  wil  sinen  willen  haben. 
S.  289.  Mich  arcwenet  sumelich  man 

Daz    ich    diz  buch    habe  üz  2-eleit       In    dütscher   ver- 

stendikeit 
Als  mich  die  rede  ist  an  kumen.     Ich  hän  sin  werlich 

üf  frumen 
Zum  aller  ersten  gedacht.        Der  guten  lüte  andacht 
Hofte  ich  reizen  da  mite       Unde    ir    tugenthaften  site 
Sterken  üf  dem  gotes  wege.       Waz  ich  hüte  predigen 

pflege 
Daz  verget  mit  dem  galme,       Waz  aber    ich  mit  dem 

halme 
Mit  der  vedere  meine  ich  schribe,       Daz    lioflfe  ich  ie 

ez  belibe 
Nutze  über  manigen  tac.       Nieman  ich  verbieten  mac 
Gegen  mir  die  zwene  sinne     Entweder  haz  oder  minue, 
Menlich  tu  als  im  vuge  .  . 


■■te^ 


Diese  entschiedene  Gesinnung,  die  jedem  seinen  Willen 
lässt,  verlässt  den  Dichter  auch  weiterhin  nicht.  In  der  Vor- 
rede zum  dritten  Buche  ed.  Köpke: 

5j  77 — 80.  got  helfe  mir  wol  dar  abe 

wand  ich  wil  dise  arbeit.      daz  sal  nieman  wesen  leit 

6,  4—5.  ich  lä  nicht  abe  durch  dekeinen  spot. 

ich  grife  nicht  zu  durch  loben. 

In  der  Nachrede  zu  diesem  dritten  Buche  gedenkt  er 
nicht  mehr  seiner  Feinde.  Aus  diesen  Stellen  geht  hervor, 
dass  der  Dichter  ein  Geistlicher  war,  dass  er  sein  Werk  ,durch 
gesuch'  über  Aufforderung  eines  dritten  unternommen  hat,  dass 
er  sich  vier  .lahre  dazu  Zcjit  Hess  und  nur  mit  schwerem 
Herzen  daran  ging,  dass  sein  Werk  viele  noch  stören  wollten, 
als  es  schon  begonnen  war,  dass  man  ihm  besonders  für  übel 
hatte,  dass  er  das  lateinische  Buch  deutsch  dolmetschte. 


Uebei-  das  mitti'lihnitsclic   l'.mli    der   Väter.  127 

Wer  alle  diese  Vorwürfe  erwiegt,  die  in  jeper  Zeit  äusserst 
gefährliche  waren,  kommt  nothwendig  dazu,  anzunehmen,  (hiss 
der  Dichter  kein  gemeiner  Cleriker  oder  Pfaffe  war,  und  dass 
der  Schutz,  dessen  er  sich  erfreute,  stark  genug  muss  gewesen 
sein,  ihn  gegen  die  Nachstellungen  seiner  Feinde  sicher  zu 
stellen.  Dieser  Schutz  und  Schirm  muss  ein  lange  andauern- 
der gewesen  sein,  denn  in  wenigen  Jahren  wird  das  Werk 
nicht  vollendet  gewesen  sein.  Es  fragt  sich  nun,  wo  an  der 
Scheide  des  XIII.  und  XIV,  Jahrhunderts  und  später  ein 
solcher  Schirmherr  des  Dichters  mag  gewaltet  haben. 

Jeder,  dem  die  deutsche  Literaturgeschichte  einigermassen 
geläufig  ist,  denkt  sofort  an  den  deutschen  Orden  und  an 
Preussen.  Zacher  hat  in  der  Zeitschr.  Bd,  XIII  S.  öü4  ff, 
eine  Uebersicht  über  die  literarischen  Bestrebungen  im  deut- 
schen Ordenslande  unter  den  Hochmeistern  Luther  von  Braun- 
schweig 1331 — 1335  und  Dietrich  von  Altenburg  1335—1342 
gegeben. 

, Ausgezeichnete  Guust^,  fährt  er  fort,  , sehen  avIi-  den 
beiden  grossen  Legenden-Sammlungen  zugCAvendet,  von  denen 
die  Universitätsbibliothek  (zu  Königsberg)  noch  je  eine  ITs. 
besitzt.  Ein  Passional  befand  sicli  im  Ordenshause  zu  Königs- 
berg, zwei  andere  Exemplare  darf  man  vermiithen  in  den 
beiden  Bänden  de  sanctis  des  alten  Verzeichnisses  von  Schlochau 
und  Bruchstücke  zweier  Hs,  verwahrt  das  Provinzial-Arcliiv, 
Der  Veter  buoch  besassen  die  Ordenshäuser  zu  Kcinia-sbera-. 
Marienburg,  Osterode,  Scldochau,  Thorn  und  ein  Inichst  wahr- 
scheinlich zu  einer  Hs.  des  Väterlebens  gehöriges  Bruchstück 
ist  im  Provinzial-Archive  aufgefunden  worden.'  Derselbe  ge- 
denkt dann  weiter  der  andern  geistlichen  Werke,  der  deutsclum 
Bibeln,  des  gereimten  Abrisses  der  biblischen  Geschichte,  der 
gereimten  Bearbeitung  des  Hieb,  der  ebenfalls  gereimten 
Bearbeitung  Daniels,  der  prosaischen  Uebersetzung  der  Pro- 
j  pheten  vom  Barfüsser  und  Gustos  in  l'reussen  Glaus  (^rauc, 
der  prosaischen  Uebersetzung  der  Apostelgeschichte,  der  pro- 
saischen Uebersetzung  der  Apocalypse,  so  wie  der  gereimten 
Bearbeitung  derselben  von  Heinrich  H  e  s  1  e  r  und  noch  einei- 

I    Reihe  anderer  Werke  dieser  Art,  deren  eines,  das  im  Jahre  1331 
geschriebene  Gedicht  von  den  sieben    göttlichen    Geheimnissen 


128  Haupt. 

des  Erlösungswerkes  oder  Libellus  septem  sigilloruni  von  Tilo 
von  Culm  bisher  vollständig  unbekannt  war. 

Der  gereimte  Hiob  wurde  1338  unter  dem  Hochmeister 
Dietrich  von  A 1 1  e  n  b  u  r  g  vollendet,  der  gereimte  Daniel 
ist  auf  besonderen  Wunsch  des  Plochmeisters  Luther  von 
Braunschweig  also  vor  133G  gearbeitet,  der  eben  g-e- 
nannte  Tilo  hat  zu  Ehren  des  deutschen  Ordens  und  beson- 
ders Luthers  von  Braun  schweig  sein  Buch  geschrieben, 
der  selbst  eine  verlorne  h.  Barbara  gereimt  hat. 

Die  Hss.  des  Passionais  und  des  Buchs  der  Väter, 
die  sich  in  Preussen  in  so  grosser  Zahl  fanden,  und  wir  werden 
gewiss  nicht  von  allen  Kunde  haben,  deuten  darauf,  dass  dei- 
Dichter  für  den  Orden  geschrieben  habe.  Es  finden  sich  in 
seinen  Werken  Ausdrücke,  die  im  Ordenslande  eine  besondere 
technische  Bedeutung  hatten,  gerade  in  dieser  Bedeutung  ge- 
braucht, wie  ,leitesman'  statt  Wegweiser.  Ja,  der  Ausdruck 
,tolke^  erhält  in  allen  Stellen,  wo  er  sich  dessen  bedient,  erst 
den  rechten  Nachdruck  für  uns,  wenn  wir  uns  erinnern,  dass 
noch  am  Ende  des  XVI.  Jahrhunderts  mit  diesem  Worte  als 
dem  ämtlichen  die  Dolmetscher  bezeichnet  wurden,  die  dem 
undeutschen  Volke  die  deutsche  Predigt   zu  übersetzen  hatten. 

Alle  die  erwähnten  poetischen  und  prosaischen  Arbeiten 
gingen  der  römischen  Kirche  geradezu  wider  den  Strich,  und 
noch  ganz  anders  müssen  sie  den  strengen  Kirchenmännern 
missfallen  und  die  Galle  geregt  haben  als  das  Buch  der  Väter 
und  das  Passional  unseres  Dichters. 

Der  deutsche  Orden,  der  in  jenen  Zeiten  so  wie  später 
ein  Hauptträger  der  deutschen  Mystik  war,  muss  der  Schirm- 
herr unseres  Dichters  gewesen  sein,  daher  die  Gunst,  die  der- 
selbe seinen  Werken  angedeihen  Hess ;  dieser  Orden  kann 
einzig  ,die  gemeinschaft'  gewesen  sein,  an  die  er  sich  im 
ersten  Prologe  seines  Buchs  der  Väter  wendet;  wir  erhalten 
damit  zugleich  die  Erkläi'ung,  warum  er  den  Ausdruck  ,same- 
nunc'  meidet,  denn  dieser  galt  für  ,conventus^,  womit  weder 
der  Orden  der  deutschen  Herren  noch  eines  seiner  Häuser  zu 
bezeichnen  war. 

Der  Dichter  des  Passion  als  überragt  alle  die  andern 
des  deutschen  Ordens  weit  und  höchst  wahrscheinlich  haben 
sie  alle  von  ihm  gelernt,    was  wenigstens   vom  Nico! aus    von 


Ucbcr  (las  mitt(ililt'iitK(hc  Hucli  (hn    Väter.  129 

Jeroscliiu  gewiss  ist.  Er  lint  walirscheinlich  den  Anstuss  zu 
der  g-anzeu  literarisclieu  Beweguii"-  in  Pi-(;ussen  zwischen 
1325 — ISßO  gegeben.  Ist  nun  der  Bischof  Otte,  der  Verfixsser 
des  Barlaam  in  der  Laubacher  Es.,  i<h;ntisch  mit  dem 
Dichter  des  Passionais,  so  fragt  es  sich,  ob  er  der  Bischof  Otte 
ist,  der  (Potthast,  Suppl.  S.  307)  vom  23.  .Dec.  1323  bis 
15.  Febr.  1348  auf  dem  Stuhle  von  Culm  sass. 


III. 
Die  Haiiclschrif'teii  des  Buchs  der  Väter. 

Wir  haben  gesehen,  dass  eine  vollständige  Hs.  des  Buchs 
der  Väter,  so  viel  wir  bis  jetzt  wissen,  gar  nicht  mein-  vor- 
handen ist.  Dass  die  Leipziger  Hs.  eine  vollständige  nicht 
ist,  ward  nachgewiesen  und  geht  auch  aus  den  Trümmern  der 
andern  Hss,  genugsam  hervor.  Niemand  hat  bis  jetzt  ver- 
sucht, diese  Trümmer  zusammen  zu  stellen.  In  der  folgenden 
Uebersicht,  die  eine  bedeutend  grössere  Zahl  von  Hss.  um- 
fasst,  als  man  bis  jetzt  geahnt  hat,  wird  wohl  kein  längeres 
Stück  fehlen ;  lebhafter  als  ich  kann  aber  niemand  überzeugt 
sein,  dass  noch  manches  kleinere  Stück  hieher  gehören  dürfte. 
Denn  gar  so  leicht  ist  es  nicht,  besonders  einzelne  Blätter,  von 
denen  oft  nur  ein  paar  Zeilen  gedruckt  sind,  als  Bruchstücke 
des  Buchs  der  Väter  zu  erkennen.  Wer  hat  z.  B.  bis  jetzt 
vermuthen  können,  dass  der  h.  A  n  to  n  iu  s  in  der  Gö  1 1  w  e  iii  e  r 
Hs.  hieher  gehört?  So  wird  es  noch  mit  manchem  andern 
Blatte  der  Fall  sein.  Von  den  hier  verzeichneten  Hss.  kennen 
Steffen hagen  und  Zacher  Zeitschr.  XIII  S.  521  ausser 
den  beiden  Königsbergern  II  und  IX  noch  J,  VI,  VII  und 
X;  Zingerle  Sitzungsberichte  Bd.  LXIV  S.  144  ausser  III 
der  von  ihm  entdeckten  Meraner,  I,  VI  und  X.' 

I.     Die  Leipziger  Hs.    n.  S16    der    Universitäts- Biblio- 
thek   auf  Perij-.    in  kl.  f.    aus    dem    XIV.  Jahrh.    besteht    nocli 


^  Wie  schwer  es  ist,  jedes  Stück  sofort  zu  erkennen,  das  aus  unsenMu 
Dicliter  iu  den  Hss.  zerstreut  ist,  weiss  ieli  nur  zu  gut.  Damit  es  aber 
auch  andere  wissen,  bemerke  ich  hier,  dass  das  Marien  gebet  der 
Köuigsberger  Hs.  H.  237''  -  -242'  Zeitschr.  XHI  S.  511  ins  Pas- 
sional  gehört,   ed.  Hahn   145,45    —    154.58. 

Sitzl).  d.  vliil.-hist.  Cl.  LXIX.  B.l.  11.  litt.  '  ,  9 


130  Haupt, 

aus  158  Blättern,  deren  jedes  mit  Ausnahme  des  letzten  in 
vier  Spalten  beschrieben  ist;  die  vier  Spalten  zälilen  192 — 200 
Zeilen.  Ein  Register  geht  voi'an,  das  offenbar  aus  den  rothen 
Ueberschriften  der  einzelnen  Abschnitte  entstanden,  die  sich 
in  andern  Hss.  finden,  der  Leipziger  aber  entgehen. 

Eine  Abschrift  dieser  Hs.  wird,  wie  schon  am  Eingange 
bemerkt  ist,  unter  Suppl.  2766 — 2769  in  der  k.  k.  Hofbiblio- 
thek  verwahrt. 

IL  Die  Königsberger  n.  900  der  Universitäts-Biblio- 
thek auf  Perg.  in  4"  aus  dem  XV,  Jahrh.  besteht  aus  105  Blät- 
tern. Emil  Steffenhagen,  der  Zeitschrift  XIII  S.  501  ff. 
die  in  Königsberg  vorhandenen  deutschen  Hss.  beschreibt, 
sagt  S.  520 — 521  nichts,  weder  ob  die  Hs.  in  Spalten  ge- 
schrieben ist,  noch  wie  viele  Zeilen  die  Seite  oder  das 
Blatt  hat,  er  bemerkt  blos,  dass  der  zweite  Quaternio 
falsch  gebunden  ist  und  dass  zwischen  Blatt  102  und  lOo  ein 
beträchtliches  Stück  fehle.  Welche  Stücke  sind  aber  in  ihr 
enthalten?  Pisanski  Literäro-eschichte  muss  uns  helfen,  er 
sagt  S.  86,  die  Hs.  enthalte  ,die  Geschichte  von  verschiedeneu 
Heiligen:  Antonius,  Macarius,  Zosimus,  Appelles, 
Apoll onius,  den  Siebenschläfern..'  Diese  Hs.  gehört 
also  zu  den  vollständigeren,  denn  die  Legende  von  den  Sieben- 
schläfern wird  uns  auch  in  anderen  Hss.  als  ein  Stück  des 
Buchs  der  Väter  begegnen.  Freilich  entsteht  da  der  Zweifel, 
ob  diese  Siebenschläfer  auch  die  unseres  Dichters  sind.  Von 
dem  A 1  e  X  i  u  s ,  der  sich  am  Schlüsse  der  Königsberger  Hs. 
befindet  Bl.  103 — 105,  sagt  Steffenhagen  blos,  er  sei 
ein  wörtlicher  Auszug  aus  dem  in  einer  Wiener  Hs.  (Hoff- 
mann no  XC,  15)  befimllichen  und  darnach  von  Massmann 
(Sanct  Alexius  Leben,  Bibliothek  der  ges.  deutsch.  Nat.-Lit. 
Bd.  IX,  1843,  S.  68  ff.)  veröffentlichten  Alexiusleben.  Nach 
dieser  Angabe  scheint  der  Schreiber  gewusst  zu  haben,  dass 
ein    Leben    des    h.  Alexius    zum    Buche    der    Väter    erehöre. 


ö" 


Warum  aber  hat  er  eine  fremde  Arbeit  angefügt?  War  ihm 
das  Leben  des  Heiligen  in  der  Hamburger  Hs.  (siehe 
unten  XIII.),  das  allein  unserem  Dichter  eignen  kann,  un- 
bekannt oder  zu  lang?  Es  scheint  das  letztere,  da  er  uucIj 
den   von  ihm  beliebten  Text  abgekürzt  hat. 


Ueber  das  iiiittelileutsi-lu'  l'.ui-li  i\cv  Vilter.  lol 

in.  Die  Meraner  Bmclistücke,  die  Ziiigerlc  in  den 
Sitzungsberichten  Bd.  I.XIV  S.  143—282  veröffentlicht  hat, 
hiezii  gehört  aiicli  das  l)(i})pelbkitt  Bd.  LV  S.  ß3o— f)40,  das 
ich  in  den  folgenden  Tabellen  mit  X'  X-  })ezeichn(ui  will.  Es 
sind  zusammen  15  Doppelblätter,  zwei  einfache  und  ein  halbes, 
also  zusammen  32 '/o  Bl.  von  dieser  Hs.  1)is  jetzt  aufgefunden 
worden.  Auch  sie  ist  auf  Perg.  in  f.  das  Blatt  zu  vier  Spalten, 
die  Spalte  zu  32  Zeilen  geschrieben.  Der  Herausgeber  hat 
dieselben  und  ihren  Inhalt  also  verzeichnet. 

ABC  Fromme  Zusprüche  und  Betrachtendes 

D'-^  Siebenschläfer 

E'-'F'--^  ü'  Euphrosyna 

G''2  H'         Pelagia  ' 

H'-2  Abraham 

I''-  Mucius  und  Helenus 

K'  Johannes 

K '  Amon 

L '  Macarius 

L-  Ein  Exempel  und  von  Basilio  dem  Bischof 

M'  Moyses 

M'^  Ein  Elxempel  und  von  einem  guten  Bruder 

N'  Ein  Exempel 

N-  Macarius  Zacharias  etc. 

O '  Macarius 

0"^  Ein  Exempel 

P>  Mucius 

P'^  Von  einem  guten  Münch 

Q'  Ein  Exempel 

Q-  Von  einem  Altvater 

R'  Ein  Exempel  und  von   tnnem   Altvater 

R-  Ein  Exempel 

A  B  C  ist  in  dei'  Lcipzigei'  Hs.  nicht  vorhanden,  da 
diese  Stücke  gai'  nicht  zum  Buch  der  Väter  gehören.  Sie 
sind  aus  einer  oder  mehreren  geistlichen  Reden,  wi(;  deren 
noch  mehrere  vorhanden  sind.  Eben  so  gehen  ihr  die  Sieben- 
schläfer und  der  Jüngling  Abi'aham  ab.  Somit  entfallen 
für  die  folgende  Tabelle  ABC  I )  II '  '.  Die  übrigen  Blätter 
vertheilen   »ich   folgenderinasseu    auf  die  Leipziger  Hs. : 

9* 


132 


Hiiup  t. 


E' 
Fl 
F2 

E-^ 
Gl 
G2 
H' 
I' 

12 

Kl 

K2 
LI 
L2 
M» 

M2 
Ni 
W 
Ol 

02 

pl 

p2 

Q' 

R2 


146M41 
148n41 

ug*'  71 

löl'^  74 

152'^  10 

156^41 

158"  10 

43''   14 

46"^  74 

57n35 

53^  12 

115n03 

118^55 

131"  75 

134n41 

125"  88 

130'^  15 

128^45 

126M51 

109*=  75 

104n54 

92"  24 

92^51 

137"  88 

139"  76 


147"  70 

149"  70 

150^     G 

152"     9 

152"  133 

157"  74 

158"  94 

43-^  140 

47"  14 

58"  67 

53^  138 

116"  36 

119"  89 

132"   12 

135"  77 

126"  23 

130'' 141 

129"  79 

127"  85 

110"     4 

105"   88 

92'^  150 

93"  86 

138"   11 

140"   11 


Dazu  das  Doppelblatt  in  Bd.  LV.  oder  X: 

XI    .  .  19"  39  —     19^58 

X2    .  .  23^127  —     24"  54 

Hiernach  haben  also  diese  Blätter  nach  folgender  Tabelle 

geordnet  zu  werden: 

XI    .  .  19"  39  - 

X2    .  .  23n27   — 

11  .  .  43"   14  — 

12  .  .  46"  74  — 
K2  .  .  53"  12  — 
Kl  .  .  57n35  — 
Q''2.  .  92"  24  — 
P2    .  .  104M54  — 


19'^  158 
24"  54 
43^40 
47"  14 
53"=  138 
58"  67 
93"  86 
105"  88 


Uelier  das  mitteldeutsche  Huch  der  Vater.  133 


pl  . 

.  lOlf  75  - 

lur  4 

LI  . 

.  115=103  - 

Uf)''  36 

L-'  . 

.  118" 155  — 

119"  89 

N'  . 

.  125"  88 

126'^  23 

o-^  . 

.  126M51  — 

127"  85 

0'  . 

.  128"  145 

129"  79 

N2  . 

.  130^^  15 

130^^141 

M'  . 

.  131'^  75 

132"  12 

M^  . 

.  134'=  141  - 

135"  77 

Ri  . 

.  137"^  88  - 

138'^  11 

R2  . 

.  139"  76  — 

140"  11 

E'  . 

.  146M41  — 

147"  76 

F''2. 

.  148M41  — 

150*  6 

E2G' 

.  151"  74  — 

152<'  133 

G2  . 

.  156"=  141  — 

157"  74 

H'  . 

.  158"  10  — . 

158" 

Mittels  dieser  tabellarischen  Hülfen  kommt  man  zu  mehr 
als  einem  merkwürdig-en  Ergebnisse  über  den  Inhalt  und  Um- 
fang der  ]\Ieraner  Hs.  Zwei  Blätter  derselben  folgen  sich 
unmittelbar  nur  zweimal,  nämlich^  F''2  und  E2G';  den  ersten 
hundert  drei  Blättern  der  Leipziger  Hs.  entsprechen 
hier  nur  acht,  dagegen  den  letzten  füufundfünfz  ig  der 
Leipziger  Hs.  stehen  neunzehn  in  der  M  e  r  a  n  e  r  gegen- 
über. Rechnet  man  den  läicken  nach  von  da,  wo  es  mit 
einiger  Wahrscheinlichkeit  für  das  Resultat  geschehen  kann, 
so  linden  wir,  da  stets  128  Zeilen  (darüber  und  darunter  die 
eine  und  andere  wegen  der  Ueberschriften)  ein  Blatt  in  der 
M  er  an  er  Hs.  ausfüllen,  dass 

zwischen  N>  125"88  —  126^23  und  O2  126"  151  —  127"  85  Blatt  1 

zwischen  O2  imd  O'  128"  145  —  129"  79  Blatt  2 

zwischen  O '  und  N2  1 30"    15  —  1 30M  4 1  Blatt  1 

zwischen  N'^  und  M'  131"   75  —  132"   12  Blatt  l 

j  zwischen  M '  und  M2  134^^  141  —  135"   77  Blatt  4 

I  zwischen M2  und  Ri  137"  88  —  138"    1 1  Blatt  3 

1  zwischen  R'  und  R2  139"   76—140"   11  Blatt  2 

fehlen.     In  dem  dritten  Theile  scheint  die  Me ran  er  Hs.  also 

ziemlich  genau  mit  der  Lei  pzige  r  übereingestimmt   zuhaben, 

leider  lässt  es  sich  nicht  auch  für  die  ersten  Theile  mit  einiger 

Wahrscheinlichkeit  herausrechnen. 


134  Huupt. 

Uebrigens  enthält  die  M  e  r  a  n  e  r  Hs.  ausser  der  E  u  p  h  r  o- 
sina  und  Pelagia  auch  noch  die  Siebenschläfer  und 
den  Jüngling  Abraham,  wie  schon  oben  bemerkt  wurde. 

IV.    Die  Melker  Bruchstücke  waren  bis  jetzt  eigentlich 
unbekannt.      Jos.    Diemer,    kleine    Beiträge    etc.,    Sitzungs- 
berichte   Bd.    XI    S.    653—654,    schreibt,    der    hochw.    Herr 
Bibliothekar  des  Stiftes  Melk,  Theo  den-  Mayer,  habe  ihm 
26  Pergamentblätter  zur  Einsicht  mitgetheilt,  wovon  14  Bruch- 
stücke  von    geistlichen  Gedichten    und   die  jüngeren  und  zahl- 
reicheren   novellenartige    Erzählungen    von    frommen  Männern 
enthalten,  ,die  als  Muster   eines  gleich  gottesfürchtigen  Lebens 
dienen  sollend    Jos.  D  i  e  m  e  r  versprach  in  Bälde  einen  Bericht 
darüber,  der  ist  aber  nie  erschienen.    Ich  wandte  mich,  da  ich 
nach  Diemers  Angaben  unter  den  novellenartigen  Erzählun- 
gen Stücke  aus  dem  Buche  der  Väter  vermuthete,  mit  der 
Bitte    um  Auskunft   nach  Melk.     Umgehend    übersendete    mir 
S.    Hochwürden    Herr    Vincenz    St  auf  er    die    sämmthchen 
Bruchstücke    deutscher    Dichtungen    der    stiftischen    Bibliothek 
und    damit    auch    die    14    Blätter,    von    denen    Jos.    Diemer 
zuerst  Nachricht  gegeben  hat^'     Sie  sind  aus  dem  Buche  der 
Väter.    Alle  scheinen  von  Deckeln  abgelöst  und  bilden  1   und 
2  ein  Doppelblatt,  3 — 10  eine  Lage  und  zwar  die  XH'',   1 1-14 
die  zwei  inneren  Doppelblätter    einer    und   zwar  der   13.   Lage. 
Sie  vertheilen  sich    auf  die  Leipziger  Hs.    folgendermassen : 

1  =  70M77  —  7m50 

2  =  75"   37  —  76"     8 


-    -10  =  76^73  —  83^42 


o- 

11-14  =  85'  83  —  88M62 
Diese  vierzehn  Blätter  sind  noch  in  der  ersten  Hälfte 
des  XIV.  Jahrhunderts  in  der  alten  ursprünglichen  Mundart 
sehr  schön  zu  2  Spalten  von  je  41  oder  42  Zeilen  auf  der 
Seite  geschrieben,  der  erste  Buchstabe  eines  jeden  Absatzes 
abwechselnd  roth  oder  blau,  die  rothen  Ueberschriften  stehen 
heraussen  an  den  Rändern. 


'  Ich  spreche  S.  Hochvvürden  meinen  verbindlichsten  Dank  liiemit  öffent- 
lich aus,  und  ich  bin  es  überzeugt,  dass  alle  Freunde  unseres  Dichters 
meinen  Worten  zustimmen  werden.  Im  Anhange  zu  diesem  Abschnitte 
werde  ich  auch  die  Melker  Bruchstücke  des  Passionals  anzeigen,  die 
bisher  eben  so  unbekannt  waren. 


l'oliov   das   inittplileutsclic    I'.virli   rlor   ViitPV.  IbO 

Niiiuut  man  luui  an,  dastj  auch  dir  l.ap:tni  I — XI  aus  je 
acht  Blättern  oder  32  Spalten  zu  41  oder  42  Zeilen  bestanden 
haben,  so  erhält  man  11X32  =  352  Spalten  und  ;}52X41 
=  14332  oder  352X^2  ^  14684  Zeilen.  Da  nun  die  12.  Lage 
mit  7H''173  beginnt,  so  müssen  mit  diesen  Versen  die  ersten 
76  Blätter  der  Lcipzig-er  Hs.  bcinah(;  vollständig-  gedeckt 
werden.  Ich  habe  schon  oben  gesagt,  das»  die  einzelnen 
Blätter  der  Leipzigei-  11s.  zwischen  192  und  200  Zeilen 
schwanken.  Nennen  wir  die  höchste  Zahl  200,  so  erhalten  wir 
200  X  76  =  15200  Zeilen;  nehmen  wir  aber  die  niederste  192, 
so  erhalten  wir  192X76  =  14592  Zeilen.  Beide  Producte 
kommen  also  den  Zahlen  14332  oder  14684,  die  für  die  ersten 
eilf  Lagen  herausgerechnet  wurden,  nahe  genug. 

Die  k.  k.  Hofbibliothek  bewahrt  aus  Jos.  Diemcrä 
Nachlass  eine  Abschrift  dieser  Bruchstücke  unter  Suppl.  2775, 
diese  Abschrift  ist  zwar  nach  einer  ganz  falschen  Zusammen- 
stellung der  Blätter  gemacht,  aber  alle  Abkürzungen  sind 
genau  nachgeschrieben  und  von  Jos.  Diemer  ist  das  Ganze 
collationirt   und    mit  den  rothen  Beischriften  versehen  worden. 

V.  Die  Bruchstücke  der  Frankfurter  Stadtbibliothek 
bestehen  erstens  aus  den  zwei  Blättern,  die  H.  F.  Massmann 
in  Mones  Anzeiger  VlII  338  ff.  und  341  ff.  abdrucken 
Hess.  Franz  Roth  bemerkt  darüber  in  den  ,Mittheiluhgen 
des  Vereins  für  Geschichte  und  Alterthumskunde  in  Frank- 
furt a.  ^L'  Bd.  I,  1860,  S.  327:  ,Diesc  Pergamentblätter  sind 
in  der  zweiten  Hälfte  des  XIV.  Jahrhunderts  zweispaltig, 
liniirt,  die  Spalte  zu  38  Zeilen,  jedoch  jedes  Blatt  von  anderer 
Hand  geschrieben.'  Das  erste  Blatt  umfasst  einen  Thcil  der 
Legende  vom  h.  Hieronymus,  meint  Franz  Roth,  es  ist 
aber  ein  Theil  der  Legende  vom  Abbas  Gerasimus  oder 
dem  eselhütenden  Löwen,  wie  sie  im  lauch  der  Väter  zu  lesen 
ist,  was  schon  im  Abschnitte  I,  4  gezeigt  wurde.  Das  zweite 
Blatt  enthält  den  Schluss  der  h.  Pelagia  und  zwar  die 
letzten  achtzig  Verse,  in  der  Leipziger  Hs.  158"  15—  158''  94. 

Hierauf  folgt  der  Jüngling  Abraham  wie  in  den  He- 
ran e  r  Bruchstücken. 

Ein  weiteres  Doppelblatt  derselben  pergamentenen  Hs. 
hat  Franz  Roth  später  aufgefunden  und  abdmeken  lassen 
inFr.  Pfeiffers  Germania  XI,  1866,  S.  407— 411.    Dieses 


136  Haupt. 

Doppelblatt  enthält  den  Schluss  des  b.  Eustaebius  und  den 
Anfang  dei-  Siebenschläfer. 

Alle  diese  Stücke  gehören  an  das  Ende  des  Werkes  und 
streng  genommen  bürgen  sie  alle  nicht  dafür,  ob  sie  auch  in 
dieser  Hs.  als  ein  Anhang  zum  Buch  der  Väter  vorhanden 
waren  oder  einer  selbständigen  Hs.  angehörten,  ungefähr  Avie 
die  Hamburger,  von  der  ich  nachher  reden  werde,  eine  solche 
ist  und  einige  dieser  sammt  andern  Legenden  umfasst.  Allen 
Zweifel  zu  beschwichtigen,  scheint  Folgendes  zu  dienen. 

V^  In  Mones  Anzeiger  VHI,  203—205  hat  Seh.  in  Fr. 
(?  Schreiber  in  Freiburg)  ein  Blatt  bekannt  gemacht,  das 
auf  Perg.  in  f.  zu  2  Spalten  von  je  3y  Zeilen  geschrieben  ist. 
Er  gibt  dieses  Blatt  nicht  vollständig,  sondern  nur  die  zwei 
ganzen  Stücke  (in  der  Leipziger  Hs.  69'' 45  —  69''124  und 
69"  125  —  69'' 162)  und  sagt,  auf  T'  linde  sich  ausserdem 
noch  das  Ende  und  2^  die  erste  Zeile  eines  ferneren  Stückes. 
Wo  ist  dieses  Blatt,  das  Seh.  einem  geistlichen  Exempelbuche 
entnommen  glaubt,  jetzt?  —  Der  Form  nach,  38  Zeilen  die 
Spalte,  der  Sprache  und  Schreibweise  nach  gehört  es  zu  den 
Frankfurter  Bruchstücken  und  bürgt  uns  dafür,  dass  die  klei- 
neren Legenden  auch  hier  nur  ein  Anhang  waren. 

VI.  Die  Regens  burger  Bruchstücke,  wie  sie  nach 
dem  Fundorte  heissen,  machte  K.  Roth  bekannt.  Der  Her- 
ausgeber beschreibt  dieselben  , Denkmäler  der  deutschen  Sprache, 
München  1840',  p.  XIII :  ,Die  vier  ein  halb  Pergamentblätter 
in  4*^,  welche  die  Bruchstücke  enthalten,  gehören  zu  einer 
Hs.  Die  Bruchstücke  der  li.  Euphrosyna  stehen  auf  zAvei 
einzelnen,  die  des  h.  Eustachius  und  der  h.  Theodora  auf 
zwei  zusammenhängenden  Blättern ;  zum  Eustachius  gehört 
überdiess  ein  der  Länge  nach  durchschnittenes  Blatt,  dessen 
rechter  Rand  hinten  und  vorn  einzelne  Buchstaben  der  weg- 
geschnittenen Spalten  (b  und  c)  zeigt.  Die  Blätter  sind  zwei- 
spaltig, die  Spalte  enthält  41  (einmal  42)  abgesetzte  Verse, 
deren  Anfangsbuchstaben  gross  und  roth  durchstrichen  sind, 
die  der  Abschnitte  sind  ganz  roth,  ^Vufschriften  zeigen  sich 
nirgends,  Spalten  und  Verse  stehen  zwischen  feinen  Linien, 
die  Schrift  ist  sehr  schön,  schwarz   und  deutlich.' 

Weiter  machte  K.  Roth  in  seinen  , Dichtungen  des 
deutschen  Mittelalters,  Stadtamhof  1845'^,  S.  39  ff.   vier  Blätter 


lieber  das  mitteldeutsche  Buch  der  Väter.  1  37 

derselben  Hs.  bekannt,  die  zwei  ineinander  fallende  Doppel- 
blättcr  bilden.  Diese  zwei  no])i)elblätter,  von  denen  1  und 
4  durch  die  Scheere  des  Buchbinders  unten  12  oder  l'}  Verse 
verloren  haben,  zertheilcn  sich  auf  die  Leipziger  Hs. 
wie  folgt: 

r     .     .     Jf)''   76  —  4;V104 

1'     .     .     45ni7  —  45' 144 

r     .     .     45n58  —  45'M84 

V     .     .     46"     8  -   46^31 

2  .     .     47^87  —  48n58 

3  .  .  48"  159  —  49^30 
4*  .  .  51'^  75  —  51M04 
4^  .  .  5ril6  -  5ri44 
4"=  .  .  51"  157  —  51"  184 
4"     .     .     52"  6     —  52^34 

Diese  vier  Blätter  enthalten  den  Schluss  der  Legende 
von  Kopres,  die  Erzählungen  von  Theon  und  O  i-  vell- 
ständig,  dann  den  Anfang  der  Geschichte  von  Apollonius 
und  Philemon.  Da  diese  Geschichten  auch  in  der  Leip- 
ziger Hs.  einander  so  folgen  und  in  die  vollkommen  um- 
gestellte Reisebeschreibung  des  Rufiinus  und  der  Melania  fallen, 
so  lässt  sich  an  der  richtigen  Ueberlieferung,  das  heisst  an 
dem  willkürlichen  Verftihren  des  Dichters  nicht  mehr  zweifeln. 

Diese  Regensburgcr  Hs.  muss  zu  den  vollständigeren 
gehört  haben,  da  sie  aus  dem  Anhange  nicht  nur  die  h.  Euphro- 
syna,  sondern  auch  noch  den  Eustachius  und  die  Theodora 
zum  mindesten  enthielt.  Die  Stücke  der  Euphrosyna  fallen 
auf  146'^99-  147'^  und  150"146—  15ril7  der  Leipziger  Hs. 

VH.  Zu  dieser  Reg'cnsburger  Hs.  scheint  das  Bruch- 
stück zu  gehören,  das  im  Germanischen  IMuseum  zu  Nüin- 
berg  unter  18,066  aufbewahrt  und  wovon  K.  Bartsch  im 
Anzeiger  1862  Sp.  82 — 84  zuerst  berichtet  hat.  Um  die  Stelle 
dieses  Nürnberger  Bruchstückes  in  der  Leipziger  Hs. 
bestimmen  zu  können,  wandte  ich  mich  um  Auskunft  an  das 
Germanische  Museum,  und  H.  Fromm  an n  war  so  gütig,  mir 
die  ersten  und  letzten  Zeilen  jeder  Spalte  dieses  Doppel})lattes 
mitzutheilen,  wofür  ich  demselben  (»fFentlich  danke.  Die  Blätter 
sind    oben    verschnitten    und    so    enthält  jede  Spah((  nur  mehr 


138  Haupt 

36    oder    37  Zeilen,    was  man  sogleich  ersieht,    wenn  man  die 
Spalten  auf  die  Leipziger  Hs.  vertheilt ;  darnach  ist 

V     .     .     79M01  —  79^13Ü 

1"^    .     .     79^41    -  79M76 

r     .     .     79^81  —  80"   25 

1"     .     .     80''   30  -   80'^   66 

2''    .     .     80"   97  —  85'^  132 

2"    .     .     85M38  -  85n73 

2'     .     .     85M78  —  86"   21 

2*^  .  .  86^^  26  -  86''  62 
In  dieser  Hs.  zählten  die  Spalten  durchschnittlich  40  Zeilen 
Text :  die  xinlangsbuchstahen  der  Absätze  sind  roth,  die  ersten 
Lettern  jeder  Zeile  roth  durchstrichen,  und  die  rothen  Ueber- 
schrifteu  stehen  bald  zwischen  dem  Texte  (2"  z.  17  von  einer 
heidenischen  ewart),  bald  am  Rande  (1''  von  Epy})hanio).  Diese 
Bruchstücke  stehen  somit  mit  den  Melkern  und  den  Regens- 
burgern  in  der  nächsten  Verwandtschaft.  Dasselbe  ist  auch 
der  Fall 

VlIL  init  dem  Doppelblatte,  das  ich  aus  der  Fragmenten- 
sainmluui»'  der  k.  k.  Hofbibliothek  als  Suppl.  2709  aufgestellt  habe. 
Dasselbe  ist  auf  Pergament  zu  zwei  Spalten  die  Seite  be- 
schrieben, und  zwar  1"''"'  mit  je  40,  dagegen  2""  mit  je  42  und 
2"^  mit  je  38  Zeilen.  Offenbar  w^aren  40  Zeilen  für  die  Spalte 
bestimmt  und  so  suchte  der  Schreiber  2'-'^'  mit  2"''  auszugleichen. 
Die  Aufschriften  zwischen  dem  Texte  sind  roth,  der  erste 
Buchstabe  jedes  Absatzes  bald  roth,  bald  blau.  Die  Hs.  ge- 
hört in  die  erste  Hälfte  des  XIV.  Jahrb..  ist  sehr  sorgfältig 
und  schön  geschrieben  und  verhält  sich  zur  Leipziger  Hs.  also : 

gabcd  ^  6ri53  _  62M19 

IX.  In  seiner  Beschreibung  der  Königsberger  Hss. 
erwähnt  E.  S te ff enhagen,  Zeitschrift  XIII  560  ff.  eines 
Doppelblattcs,  vorhanden  im  Provinzial- Archive,  perg.  XIV.  Jahrg. 
kl.  f.,  jede  Seite  zu  drei  Spalten.  Das  eine  Blatt  oder  das 
Bruchstück  der  von  N  i  c  0  1  a  u  s  von  J  e  r  0  s  c  h  i  n  in  deutsche 
Reime  übersetzten  Legende  des  h.  Adalbert  geht  uns  hier 
nicht  weiter  an,  aber  das  andere  enthält  in  seinen  sechs  Spalten 
ein  Stück  aus  dem  Buche  der  Väter.      E.  Steffenhagen 


Veher  rlas  mitteldeutsche  Uucli  der  Vater.  139 

sagt,  jdas  Bruchstück  unifasst  im  Ganzen  299*  Verse  und  dar- 
unter die  von  Karl  Roth  (Bruchstücke  aus  der  Kaiser- 
chronik etc.,  1843,  S.  (31  fF.)  nach  einem  Res>'e  n  sburger 
rerganientblatte  abgedruckten  Verse,  mit  Ausnahme  der  ersten 
4o,  indem  es  mit  Vers  44  nach  Roths  Zählung  l)eginnt,  Urära- 
lich  mit  dem  Verse  ,mit  einem  michelen  her^  Steffenhagen 
gibt  leider  den  letzten  Vers  nicht  an,  weshalb  sich  auch  nicht 
bestimmen  lässt,  bis  wohin  die  Leipziger  Hs.  überein- 
stimmt. Jener  erste  Vers  steht  ß^'SH.  Uebrigens  war  die  Hs. 
i299  :  6  =  50)  zu  50  Zeilen  geschriel)en.  Das  Leben  des 
h.  Antonius  ist  in  dieser  Hs.  nur  in  ausgewählten  Stücken 
vorhanden. 

X.  Diese  Regensburger  Hs.,  aufweiche  sich  Steffen- 
hagen bezieht,  ist  ein  oben  beschnittenes  Perg.-Blatt  zu  drei 
Spalten  aus  dem  XIV.  Jalu'hundert.  Sclion  der  Herausgeber 
selbst  hat  in  , Bruchstücken  aus  der  Kaiserchronik'  bemerkt, 
dass  statt  der  Ordnung,  die  er  in  den  , Denkmälern  S.  7(i  tf. 
annahm,  nämlich  statt  a  b  c  d  c  f,  vielmehr  d  e  f  a  1)  c  das 
richtige  sei.  Die  Trümmer  dieser  sechs  Spalten  fallen  in  die 
Leipziger  Hs.  folgendermassen  : 

d  ^  5^63    -    5M8S 

e  =  &    19  —  6*   45 

f  =  6"  75  -  önoo 

a  =  6M29  —  6"  153 
b  =  6"  182  —  7^  6 
c  =  7"  .35  —  7''   60 

Das  heisst,  es  standen,  da  5  in  der  Leipz  iger  Hs.  195, 
6  aber  198  Verse  zählt,  folglich  auf  der  Spalte  ungefähr 
52  Zeilen. 

Diese  Regen  sburger  Hs.  war  im  bairisch-(isterreichi- 
schen  Dialect  geschrieben.  Beide  gehören  schon  ihrer  Form 
nach,  drei  Spalten  die  Seite,  zu  den  ältesten,  wie  ja  auch  die 
ältesten  des  Passionais  zu  drei  Spalten  die  Seite  geschrieben  sind. 

XL  Der  bairisch-österreichische  Dialect  ist  auch  für  die 
ursprüngliche  Mundart  eingetreten  im  G  ö  1 1  w  e  i  h  e  r  Blatt. 
Altd.  Bl.  II,  91  wird  seiner  als  eines  Bruchstückes  der  Legende 
vom  h.  Antonius  gedacht,  Göttw.  Hs.  L.  5  (neu  No.  130) 
pag.  176  Verse  aus  dem  XIII.  Jalirhundert.  Diese  Zeit- 
bestimmung ist  ganz  bestimmt  falsch,  aber  der  Irrthum  beweist 


140  Hanpt. 

das  Alter  der  Hs.  Dieses  Bruchstück  beginnt  mit  dem  Verse 
,wazzer  ist  ein  tranch  dünne/  das  ist  14''41  der  Leipziger  Hs. 
Da  die  Hs.  zweispaltig  geschrieben  ist,  so  treffen  auf  die  kSpalte 
44  Zeilen. 

XII.  Ein  Stück  aus  dem  Buch  der  Väter  ist  auch  ent- 
halten in  der  Hs.  Cod.  ph.  58  der  regulirten  Chorherren  zu 
Klostcr-Neuburg.  Schon  M  o  n  e  führt  es  an,  Anzeiger  VIH 
213  und  gibt  davon  die  ersten  drei  Verse  ,Ez  war  ein  reiner 
pischolf  ein  gueter  man  der  seinen  hof  hielt  mit  eren  raanigen 
tag/  ohne  natürlicher  Weise  zu  wissen,  dass  es  ein  Stück  aus 
dem  Buche  der  Väter  ist,  das  in  der  Leipziger  Hs. 
82'101— 84''40  zu  lesen  ist. 

Diesem  Stücke  voran  steht  die  Legende  von  den  Sieben- 
schläfern. 

Was  die  kleinen  selbstständigen  Legenden  betrifft,  so  stellt 
sich  heraus,  dass  die  einzelnen  bisher  aufgezählten  Hss.  enthalten: 
I.   Euphrosyna.     Pelagia. 
H.  Siebenschläfer. 
HL  Euphrosyna.     Pelagia.     Abraham.     Siebenschläfer. 
V.  Pelagia.     Abraham.     Siebenschläfer.    Eusta- 

> 

chius. 
VT.  Euphrosyna.     Eustachius.     Theodora. 

XIIL  Von  diesen  Legenden  stehen  einige  mit  anderen  ver- 
einigt in  einer  Hs.  der  Hamburger  Stadtbibliotliek.  M.  Lappen- 
berg gibt  von  derselben  im  Anzeiger  1834  Sp.  38—40  Nach- 
richten, welchen  zufolge  die  Hs.  in  12"  auf  Perg.  im  XHI 
oder  XIV.  Jalirh.  geschrieben  ist.  Sic  gehörte  einst,  wie  vorne 
eingezeichnet  steht,  ,den  susteren  zu  Campe  in  der  Clusen' 
und  später  dem  eifrigen  Sammler  Uffenbach.  Auf  zwölf 
Lagen  von  je  acht  Blättern,  die  Seite  mit  24  Zeilen  ohne  ab- 
gesetzte Reime,  enthält  diese  Hs.  folgende  Erzählungen,  deren 
Anfänge  und  Enden  Lappenberg  1.  c.  mittheilte.  Ich  führe 
blos  die  Titel  an: 

).  Duz  ist  von  Zozimas  vnde  Marien  egypciaca. 

2.  Diz  ist  von  Abrahame  dem  einsedele. 

3.  Diz  ist  von  Eufcmiano  vnde  dem  guten  Alexio.    . 

4.  Diz  ist  von  einer  menlichen  iuncvrowen. 


Ufbei    iliis  inittehleiitsclie  l^uili  di-r  Väter.  141 

5.     Diz  ist  von  eiiuo  rittere  vndo  einer  hmcvrowen. 

G.     Diz  ist  von  den  siben  sleferen. 

Nummer  1  ist  di(!  Leg-ende  der  Maria  Aegy])li:ica. 
Nummer  2  vom  Einsiedler  Abraham  ist  enthalten  in  III.  und 
IV.  Nummer  3  ist  weiter  nicht  bekannt,  aber  aus  dem  Drucke 
(Massmann,  Sanct  Alexius  Leben,  S.  105 — 117)  ist  zu  er- 
sehen, dass  diese  Legende,  die  merkwürdig-er  Weise  im  Pas- 
sionale  fehlt,  wo  nicht  von  unserem  Dichter,  doch  von  einem 
Zeitgenossen  und  Landsmanne  herrühren  müsse.  Nummer  4 
von  einer  männlichen  Jungfrau,  d.  h.  von  der  h.  Mar  gare  tha 
wäre  zu  untersuchen,  wie  sich  dieselbe  zur  h.  Margare  tha 
im  P  a  s  s  i  0  n  a  1  e  ed.  Kopke  S.  326  ff.  verhalte.  Nummer  ö  von 
einem  Ritter  und  einer  Jungfrau,  d.  i.  von  der  h.  Theodora 
findet  sich  auch  in  VI.  Endlich  Nummer  6  ist  in  II,  III  und 
V  enthalten.  Ausserdem  steht  diese  Legende  noch  in  zwei 
anderen  Hss.,  und  zwar: 

XIV.  In  2779  (Rec.  2259)  der  k.  k.  Hofbibliothek  auf 
85"— 89^  In  dieser  Hs.  sind  bekanntlich  auch  Stücke  des 
Passion  als  1"— 2"  und  90''— 90''  enthalten,  dann  im  Cod. 
philos.  58  des  Chorherren-Stiftes  zu  Kloster-Neuburg  auf 
155'' — 1 60''.  Aus  diesen  beiden  Hs.  hat  Dr.  Th.  G.  von  Kar  a  j  a  u 
das  Gedicht  herausgegeben.     Heidelberg,   1839. 

XV.  Dr.  K.  A.  Barack  verzeichnet  in  ,Die  Handschriften 
der  fürstlich  Fürstenbergischen  Ilofbibliothek  zu  Donau- 
eschingen.' Tübingen  1865.  8".  S.  68  unter  Nummer  80., 
Pergamenthandschrift  aus  dem  Ende  des  XIII.  Jahrb.,  2  Blattei- 
in  4o  2  Spalten,  Beide  Blätter  sind  unvollständig,  Blatt  1  ist 
in  der  Mitte  quer  auseinandei-  gerissen  und  in  Folge  davon 
verstümmelt,  das  2.  Bl.  hat  durch  Abschnitte  an  der  Seite  und 
unten  verloren.  Das  Gedicht,  das  den  Dichter  des  Passionais 
zum  Verfasser  hat,  und  dessen  Handschrift  sich  in  Leipzig 
befindet,  ist  noch  ungedruckt.  Ueber  diese  Bruchstücke  gab 
weitere  Nachricht  L.  Bartsch,  Anzeiger,  1862.  Sp.  82—83; 
er  führt  einige  Verse  daraus  an,  die  in  der  Leipziger  Hs. 
aufzufinden  ich  nicht  im  Stande  war.  Da  aber  K.  Bartsch 
bemerkt,  dieses  Bruchstück  fange  in  der  Geschichte  des  Zo- 
zimas  an,  so  vermuthe  ich,  dass  diese  Brocken  in  die  Legende 
der  Maria  Aegyptiaca  gehören,  mit  welcher  die  H  a  m  b  u  i- 
g  e  r  Hs.  beginnt. 


J42  Haupt. 

Zum  Schlüsse  will  ich  hier  noch  die  zertrümmerten  Hss. 
des  Passion  als  anzeigen,  die  bis  jetzt  unbekannt  waren. 

I.  Unter  den  Melker  Bruchstücken  befinden  sich  acht 
pero-amentene  Blätter,  in  zwei  Spalten  zu  je  36  Zeilen  auf  der 
Seite  beschrieben,  und  zwar  in  abg-esetzten  Reimen  zwischen 
linirten  Zeilen.  Der  erste  Buchstabe  jedes  Reimpaares  ist  gross 
und  roth  durchstrichen.     Diese  acht  Blätter  enthalten  : 

1  =  Passional  ed.  Hahn  8,  Ol)— 10,  46.  (Dieses  Blatt  be- 
steht eigentlich  aus  vier  Streifen,  die  sich  jedoch  genau  an- 
einander schliessen.  Einzelne  Buchstaben  hat  die  Scheere  des 
Buchbinders  zerstört.)  2  =  146,  64—148,  17 ;  3  =  184,  72-186, 
28;  4  =  330,34—331,  8;  5  =  333,  35—335,  4;  6=335,  15— 
336,  62;  7  =  338,  15—339,  62;  >^  =  Marienlegenden  XXV 
67—210. 

Diese  acht  Blätter  in  der  ursprünglichen  Mundart  des 
Dichters,  sehr  schön  geschrieben,  scheinen  aus  einer  Hs.  her- 
zustammen, die  das  erste  und  zweite  Buch  des  Passiouals  voll- 
ständig umfasste. 

Die  folgenden  vier  Bruchstücke  befinden  sicli  in  der  k.  k. 
Hofbibliothek. 

IL  Suppl.  2705.  Zwei  Doppelblätter,  die  ineinander 
fallen,  Pergament,  XIV.  Jahrb.,  in  4"  zu  zwei  Spalten,  von  je 
49  Zeilen,  enthalten  noch  von  den  Marienlegenden  auf  Bl.  1 
und  2  die  Verse  I — HI,  42,  dann  auf  Bl.  3  und  4  die  Verse 
IX— XII,  58  nach  der  Ausgabe  Pfeiffers. 

III.  Suppl.  2712.  Ein  Blatt,  Pergament,  XIV.  Jahrb., 
in  4"  zu  zwei  Spalten  von  je  29  Zeilen,  enthält  aus  den  Marien- 
legenden IX,  96  —  XII,  87. 

IV.  Suppl.  2898.  Nur  zwei  Streifen  eines  pergamentenen 
Blattes,  das  dreispaltig  noch  in  der  ersten  Hälfte  des  XIV. 
Jahrhunderts  zwischen  linirten  Zeilen  sehr  schön  geschrieben 
ist.     Diese  Streifen  enthalten  : 

r  294,  31—  40  b  294,  83—  92  c  295,  38—47 

2"  294,  53—  78  b  295,    6—  33  c  295,    9—32 

1"  295,37—296,7       e  296,51—  60  f  297,    2—11 

2''  296,  21—  46  e  296,  73— 297,a2     f  297,24—49. 

1"  2"  1''  2"^  r  gehören  in  die  Legende  des  h.Pan  erat  ins 
ed.   Köi)ke  Ni'.  30. 


ri'lier  (l;xs  initteKleutsclie   üucli  dfi-   Väter.  143 

2c-  ja  2"  p  2^  j-i.jj  .^,^g  ,1^,.  r.egende  dJs  h.  l' rhu  uns 
ed.  Köpke     Nr.  31. 

r  und  2'"  sind  der  Anfjuig-  der  Legende  von  der  h.  Petro- 
n  i  1 1  a  ed.  K  ü  p  k  e  Nr.  32. 

Die  Hs.  war  in  Spalten  von  52  Zeilen  g-eschrieben ,  sie 
liat  also  genau  das  Format  der  K  ön'igsb erger  Hs.  einge- 
halten, nach  M-eleher  Köpke  das  dritte  Buch  des  Passion  als 
herausgab.  Sie  scheint  sogar  besser  als  diese  gewesen  zu  sein, 
wenigstens  an  einer  Stelle  verdient  ihre  Lesart  unbedingt  den 
Vorzug.  Köpke  liest  297  ,und  wart  getouft  in  gotes  namen. 
die  siben  heiligen  lobesamen  bestatte  sie  zur  erde/  dagegen 
steht  hier  ,die  siben  heilige  licliamen.' 

V.  Suppl.  2711.  Diese  Hs.  besteht  nur  mehr  aus  drei 
Streifen,  wovon  zweie  die  untere  Hälfte  eines  Doppelblattes 
sind,  von  dem  aber  die  rechte  Hälfte  des  zweiten  Blattes  fehlt, 
der  dritte  Streif  ist  die  obere  ?Iälfte  eines  Blattes.  Diese 
Streifen  enthalten  r'35,  L5— 34:  b35,  58— 77;  c36,  8— 27: 
d  9(3,51—71;  2'^  47,  49—48,  20;  b  49,  33—52;  3^  125,  90- 
126,8;   b  137,29-138,1;    c  125,8—20;  d  125,52-64. 

In  dieser  Hs.  war  somit  nur  eine  Auswahl  aus  dem  dritten 
Buche  des  Passionais  vorhanden.  Uebrio-ens  ist  sie  ebenfalls 
im   XIV.  Jahrhunderte  aber  gegen  das  Ende  geschrieben  worden. 


Anhang. 

In  der   Note    zum  Prolog    des    Buchs    der  Väter  habe 
ich  auf  die  Lehre  des  Dichters  von    der   h.  Dreiftiltigkeit  auf- 
merksam gemacht,  er  kommt  öfter  darauf  zurück,  z.  B.  8"': 
140  Ez  enwere  im  ie  nüwe       Wie  div  gotes  truwe 
An  der  minne  rate       Mit  vns  geworben  häte 
Daz  vns  got  sinen  svn  gab,       Div  minne  waz  der  vrhab 
Dvrch  die  ez  aller  meist  geschach   .  . 
Diese  Lehre  war  der  Gegenstand  eines  eigenen  Gedichtes, 
von  dem  ich  ein  Bruchstück  in  der  Fragmenten-Sammlung  der 
k.  k.  Hofljibliothek   aufgefunden    und    als    Suppl.    2870   aufge- 
stellt habe.     Es    ist    leider    ein    oben    und   unten    beschnittenes 
Doppelblatt,  von  dessen  zweiter  Hälfte  eigentlich  nur  nuihr  ein 
schmaler  Streif  vorhanden  ist.     Die  Verse  sind  nicht  abgesetzt 


1 44  H  a  u  p  t. 

sondern  durch  Punkte  liinter  den  Reimen  geschieden.  Im 
folgenden  Drucke  sind  die  Abkürzungen,  ausgenommen  vn,  auf- 
gelöst, alles  übrige  ward  beibehalten,  Punkte  bezeichnen  unlesbares. 

r  S triw       da  wurchet  man  an  der  riw 

da  uon  der  gewalt  .  .  .       herlich  .  . 

gesaz  in  siner  maegenkraft  vn  gedaht  an  sine  groze  hershaft 
er  gedaht  ob  iht  des  waere  des  er  an  siner  wunne  enber 
vü    des    sin   lobesam    hof  geriet       do  enuander  nieman  der 

im  riet 
uil  inner  er  do    gedaht       der  gedanch  in  an  ein  wort  braht 
als  er  daz  wort  vol  gesprach       die  wisheit  er  sa  bi  im  sach 
dev  wart  geborn  uon  sinem  gewalt       si    ist    vn    wirdet   mit 

im  alt 
ßeidiv  Avisheit  vn  gewalt       iungent  glich  vn  werdent  alt 
wie    daz    gesche    des    inwaeiz    ich    niht       div  schrift   ir   daz 

verborgen  gibt 
wie  div  gebart  geschehin  si       div  gar  ist  alles  wandeis  vri 
Sa  zehant  sprach  der  gewalt  her       ich  enweiz  niht  des  ich 

enber 
ich    inweiz    niht    daz  mir  nu  werre       ich    bin  aller  urevden 

herre 
ich  inhan  nu  dehein  gebresten       von  mineu  chind  dem  besten 
ich  wil  immer  wesen  vro       des  antwrt  im  .  .  .  do 
Li(eb)er  herre  vn 
1''  die  hau  ich  auch  hin  ze  dir       dev  ist  von  dir  geborn  mit  mir 
si  ist  bechomin  von  vns  zwein       so  bistv  drivalt  vn  auch  aein 
div  triwe  ist  unser  glichiv  uruht       vn  sin  all  dri  in  g(li)cher 

zuht 
gebresten  hiets  dv  an  mich       also  biet  ich  au  dich 
diu    triwe    auch    chranchiu  gestat       swa    du    niht  hilfest   vü 

ich  rat 
wir  waerin  auch  an  si  enwiht       vns  drin  gemein  inwirret  niht 
Als  ein  chint  daz  in  der  niw       beginnet  reden  sprach  div  triw 
Ich  han  uernomen  aein  wort       an  dem  lit  allir  saelden  hört 
Nu  .  .  mich  immer  daz  dv  bist       der  gewalt  vn  ich  in  churzer 

vrist 
verdürben    an    die    hüte    din       der    gewalt    vn    du    bedurft 

auch  min 


Ueber  das  mitteldeutsche  Buch  der  Väter.  145 

SO   bedürfen  wir   des   g-ewaltes  beid       dca  iibn  uns  dri  niman 

seheid 
besimder  hab  wir  unsercjv  aiiipt       vn    beg-ens    doch  alle;  dri 

ensanipt 
Ich  wil  ieliin  daz  wir  dri       in  ganzer  ainung-  sin  shidimg  vri 
wir    sin    g-ewaltich    g-lich    vn    wis       vns    ziere    auch  glicher 

triwen  bris 
wir  sin  aein  endeloser  tach      dem  diluiein  gebrest  geshaden 
r  iz  uns  ein  missewende       ob  wir  solteu  haben  ende 

vn    immer   sin    wir    ein    lieht       daz    nimmer  deliein  gebrest 

ersieht 
alle  tugent  mit  vns  jjeuangen  sint       du  gwalt  bist  vater  Dv 

wishaeit  chint 
so  bin  ich  iuwer  minne  bant       da  man  nie  losung   an   uant 
vrevden  hört  der  ist  hie  sater       Nu  höert  auch  mich  sprach 

der  uater 
Trevwe  un  wisheit       ein  tvgent  haeizit  warheit 
der  wil  ich  vns  gemein  iehin       wan  nimmer  mach  iz  gesheliin 
daz  uater  an  chindelin        ud  sun  an  geburt  mug  sin 
iz  ist  auch  reht  daz  man  uinde       zvishen  dem  uater  vn  dem 

chinde 
ganze  triwe  daz  ist  gvt       wan  ein  uil  lihte  ualshir  mvt 
-     macliet  si  an  tri\V(;n  blint       beidiv  uater  vn  chint 

Bi  in  wol  div  triwe  zimt      wan  swer  die  niht  ze  gesellin  niuit 
vn  shon  besizzet  sa  irstat       endelosiv  missetat 
Dev  stat  eren  gar  enbirt       dan  dev  trev  uerstozzen  wirt 
Ich  gib  triwe  daz  zvishen  vns       min  vnd  mins  aeinborn  suns 
du  bist  rehtiv  pflegerinue       eren  vrevd  un  steter  minne 
Din  phfleg  wurd  doch  schiei' 
1'^  stat  hat 

da  er  sin  ampt  an  irzeig       vn  auch  sin   reht  hin  geneig 

Mit  triwen  sun  bist  du       du  mir  .  .  nu 

sag  .  .  den  gewalt  wolt       ob  ich  also  leben  solt 

hilf  dem  gwalt  od  er  ist  ulorn        wan  dv  bist  uon  mir  geborn 

An  ravter  ist  din  geburt       si  ist  als  ein  verborgen  vurt 

den  nieman  an  uns  uinden  mach       an  uns  ist  der  svcli  des 

svchers  slaeh 
vnser  al   ein  ist  der  chraciz        da  man  die  geburt  inne  Avaeiz 
vorsehen   so!  man  dar  nacli  lan        1)(Mi  wisheit  ix'den  af  began 

Sitzl).  d.   phil.-hist.  Cl.  LXIX.  IM.  U.   IUI.  lU 


246  Haupt.     Ueber  das  mitteldeutsche  Buch  der  V.äter. 

(L)iebir  herre  vü  uater  min       ich  wil  mit  trevwin  bi  dir  sin 
immer  vii  bin  ie  gewesin       swer  der  ewicheit  buch  chunde 

lesin 
der  vunde  mich   shin  vnde  dich  die  gimme       mich  daz  wort 

vil  dich  die  stimme 
....    die  gimme  an  schin       niht    ....    stimme  sin 
da  uon  .  .  den  man   ir  hört       do  du  stimme  .  .  breht  mich 

wort 
so    chan    div    tr(iw)e    alsi    si    sol       dich    stimme    mich   wort 

bedivten  wol 
Do  sprach  div    triwe  tugend  halt       e    spraeche    du  uil  lieb 

gewalt 
daz  ich  vn  div  wisheit  rein       begen  vnse(ri)v   ampt   al  ein 
dv  .  .  . 

Diese  vier  Spalten  werden  genügen,  auf  dieses  merk- 
würdige Gedicht  aufmerksam  zu  machen.  So  viel  sich  aus  den 
vereinzelten  Worten  des  nächsten  schmalen  Streifen  schliessen 
lässt,  dessen  Abdruck  nicht  viel  Gewinn  bringen  dürfte ,  so 
hat  der  Dichter  im  Verfolg  die  Schöpfung  und  den  Sturz  der 
Engel,  und  dann  die  Schöpfung  der  Welt  und  den  Sündenfall 
behandelt. 


Pf  iz  maier.    Kunstfertigkeiten  und  Künste  der  alten  Chinesen.  147 


Kunstfertigkeiten  und  Künste   der  alten  Chinesen. 

Von 

Dr.  A.  Pfizmaier, 

wirkl.  Mitglied  der  k.  Akademie  der  Wissenschaften. 


Uie  hier  gelieferte  Abhandlung  bringt  vorerst  Nach- 
richten von  einer  Reihe  zahlreicher  und  grösstentheils  merk- 
würdiger Kunstwerke  des  alten  China's  ^  deren  ehemaliges 
wirkliches  Vorhandensein  nur  in  wenigen  Fällen,  namentlich 
wo  taoistische  Schriftsteller  angeführt  wurden,  bezweifelt 
werden  mag. 

Zunächst  folgen  weitläufige  Auseinandersetzungen  über 
die  Malerkunst  und  deren  Stand  seit  den  Zeiten  der  früheren 
Han  bis  gegen  das  Ende  der  Dynastie  Thang,  sammt  Erwäh- 
nungen einer  grossen  Menge  berühmter  Maler  und  der  Werke 
derselben.  Aus  den  bezüglichen  Mittheilungen  geht  hervor, 
dass  die  Malerkunst  in  dem  alten  China  überaus  geehrt  war 
und  deren  Jüngern  oft  die  höchsten  Auszeichnungen  und  übei'- 
schwängliche  Belohnungen  zu  Theil  wurden.  Unter  den  hier 
verzeichneten  berühmten  Malern  befinden  sich  zwei  Kaiser,  ein 
Mitglied  des  kaiserlichen  Hauses  Thang,  mehrere  Heerführer 
und  hohe  Würdenträger,  Zugleich  wurden  die  in  den  Quellen 
vorkommenden  Beurtheilungen  von  Gemälden,  Avobei  über  die 
meist  schwierige  Sprache  und  die  eigenthümlichen  Kuustaus- 
drücke  Licht  zu  verbreiten  gesucht  ward,  aufgenommen. 

Den  Schluss  bilden  Nachrichten  von  verschiedenartigen 
Kunststücken,  geheimen  Künsten,  Verzauberung  und  Zauber- 
kunst. 


10* 


148 


P  f  i  z  m  a  i  e  r. 


Kimstfertis?keiteu. 

Das  Buch  der  fortgesetzten  Hau  sagt: 

'^J  ^  Tschang-heng  war  von  Gemüthsart  geistvoll  und 
tiefdenkend.  Er  besass  Kunstfertigkeit  und  Sinn  für  schone 
Kunst.  Er  verfertigte  die  Weise  des  Erdbebens.  Er  goss 
diese  aus  reinem  Kupfer.  Das  Geräthe  mass  im  Umfange 
acht  Schuh  und  glich  von  Gestalt  einem  geneigten  Weinzuber. 
Der  Deckel  war  erhaben  Aid  mit  Tschuenschrift  geziert.  Aus- 
wendig waren  acht  Drachenhäupter,  die  in  dem  Munde  kupferi  e 
Kugeln  hielten.  Unten  war  eine  Kröte,  welche  die  Kugeln  in 
Empfang  nahm.  Wenn  der  Zahn  ^  das  Triebwerk  in  Bewe- 
a-une-  setzte,  verschwand  alles  und  befand  sich  in  dem  Zuber. 
Dieser  war  rings  geschlossen  und  ohne  Grenzmarke  gleich 
einem  einzigen  Körper.  Bei  einem  Erdbeben  schickte  das 
Triebwerk  einen  Drachen  hervor,  der  sogleich  die  Kugel  aus 
dem  Munde  warf.  Die  Kröte  sperrte  den  Mund  auf  und  em- 
pfing die  Kugel.  Ein  Geräusch  verbreitete  sich  unter  Zittern. 
Der  Vorstehende  ward  hierdurch  aufmerksam  gemacht,  und 
durchsah  das  Triebwerk  der  Drachen.  Indem  die  übrigen 
sieben  Häupter  nicht  hervorkamen,  wusste  er,  woher  das  Erd- 
beben sich  erhoben.  Vereinigung  und  Gefüge  waren  wie  etwas 
Göttliches.  Alle,  die  es  sahen,  waren  von  dessen  Wuiiderbar- 
keit  und  Zierlichkeit  betroffen.  Seit  dem  Alterthum  bis  zu 
der  Gegenwart  hatte  es  dergleichen  noch  nicht  gegeben. 

Die  Denkwürdigkeiten  von  Schö  sagen: 

^     "^     ^   Tschü-kö-liang   war    von     Sinn    kunstfertig. 


Schädliches  und  Nützliches,  zusammengefügte  Armbrüste,  h(il- 
zerne  Rinder,  herumlaufende  Pferde  waren  seinen  Gedanken 
entsprungen. 

Das  Bucli  der  Tsin  sagt: 

jä|  J-m^  Ili-khang  war  von  Sinn  überaus  kunstfertig  und 
befasste  sich  gern  mit  Schmieden.  In  seinem  Wolmhause  be- 
fand sich  ein  Weidenbaum,  der  sehr  blätterreicli  war.  Khang 
umrinö'te  ihn  mit  aufo;estautem  Wasser.  In  den  Monaten  des 
Sonnuers  verweilte  er  unter  ihm  und  scluniedete. 

'    ^r   Y;i   ,Z;iliii'   scliciiit   otwns  wie  ein  Driic-kcr  zu  sein. 


KiinstferÜKkeiten  und  Künste  der  alten  Cliiuesen.  149 

Die  Dailcguno-en  von  Tsin  sagen :  * 

Der  König  von  Sung  bclagei-tc  Mu-ynng-tschao  '.  ^[j^  ^ 
Tschang-kang  übertraf  die  Menschen  an  Kunstfertigkeit.  Man 
hiess  ihn  im  grossen  Massstabe  AVerkzeiige  des  Augriffs  her- 
stellen. Die  auf  den  Stadtmauern  befindlichen  Feuersteine, 
Bogen  und  Armbrüste  erwiesen  sich    hierauf  als   unbraiichbar. 

Der  Frühling  und  Herbst  von  Tsin  sagt: 

^K  [^  Kiü-schi  von  Heng-yang  besass  grosse  Kunst- 
fertigkeit und  Tiefsinn.  Er  verfertigte  ein  hiilzernes  Haiis. 
Er  bildete  ein  Weib ,  welches  darin  wohnte.  Ein  Mensch 
klopfte  an  die  Thüre.  Das  Weib  öffnete  die  Thüre  und  trat 
heraus.  An  der  Thüre  verbeugte  es  sich  zweimal.  Es  ging 
zurück,  trat  bei  der  Thüre  ein  und  verschloss  sie. 

Ferner  verfertigte  er  einen  Rattonmarkt.  In  demselben 
waren  an  den  vier  Weltgegenden,  im  Umfange  einer  Klafter 
vier  Thore.  Innerhalb  der  Tliore  befand  sich  ein  hölzerner 
Mensch,  der  vier  bis  fünf  Ratten  freien  Lauf  Hess.  Wenn 
diese  bei  einem  Thorß  hinaus  laufen  wollten,  schob  der  höl- 
zerne Mensch  sogleich  ein  Holz  vor  und  verdeckte  das  Thor. 
So  war  es  bei  jedem  Thore,  und  die  Ratten  konnten  nicht 
hinauslaufen. 

Ferner  verfertigte  er  einen  nach  Süden  zeigenden  Wagen 
und  einen  hölzernen  Sclaven,  den  er  Getreide  stampfen  und 
Körner  bereiten  liess. 

Tschung-tsung  -  hörte  von  dessen  Kunstfertigkeit  und  er- 
nannte ihn  in  einer  höchsten  Verkündung  zum  ausbessernden 
Beaufsichtiger  des  Vorstehers  der  Arzneimittel  zur  Linken. 

Das  von  Tschin-yö  verfasste  Buch  der  Sung  sagt: 

Schi-hu  hiess  ^  ^  Kiai-fei  und  ^  ))^  ITu-seng, 
Befehlshaber  von  Yao-hing,  einen  nach  Süden  zeigenden  Wagen 
verfertigen.     Als    Wu,    Kaiser    von    Sung,     Tschang-ngan    be- 


i  Der  König  vf.ii  Sung  ist  Lieu-yö,  der  spätere  Kaiser  Wu  und  Gründer 
des  Hauses  Sung.  Derselbe  wurde  im  ersten  Jahre  des  Zeitraumes  Yuen- 
hi  (419  n.  Chr.)  zum  Könige  von  Sung  befördert.  Früher,  im  sechsten 
Jahre  des  Zeitraumes  I-hi  (410  n.  Chr.)  vernichtete  er  als  Heerführer 
von  Tsin  das  südliche  Yen  und  enthauptete  Mu-yung-tsehao,  der  sich  den 
Kaiser  von  Yen  genannt  hatte. 

2  Tschung-tsung  ist  der  Tempelname  des  Kaisers  "\ueu  aus  dem  Hause  der 
östlichen  Tsin. 


150 


P  f  i  z  m  a  i  e  r. 


ruhigte,  erlangte  er  zum  ersten  Male  diesen  Wagen.  Derselbe 
war  durch  die  westlichen  Freradländer  hergerichtet  und  besass 
kein  grosses  Uebermass  von  Geistigkeit.  Er  wendete  sich  zwar 
nach  Süden,  Hess  aber  oft  das  Richtige  nicht  erkennen.  Wenn 
man  sich  in  Krümmungen  augenblicklich  sammelte,  musste 
man    ihn    noch    immer    durch  Menschenkraft    zurecht    bringen. 


Z 


M'  iffl  Tsu-tschung-tschi^  ein  Mensch  von  Fan-yang,  besass 
gTOsse  Kunstfertigkeit  und  Tiefsinn.  Er  sagte  immer,  dass  man 
den  Wagen  nochmals  zusammenfügen  und  verfertigen  solle.  Zu 
den  Zeiten  des  Kaisers  Schün,  gegen  das  Ende  des  Zeitraumes 
Sching-ming  (477  bis  479  n.  Chr.)  wurde  der  König  von  Tsi 
Reichsgehilfe  und  befahl  Tschung-tschi,  diesen  Wagen  zu  ver- 
fertigen. Die  Herstellung  desselben  war  sehr  geistvoll.  Bei 
hundert  Krümmen  und  tausend  Umkehrungen  hatte  er  sich 
noch  niemals  verrückt  oder  verändert. 

Das  Buch  der  nördlichen  Tsi  sagt: 

^  jj^  "^  Kao-lung-tschi  war  von  Sinn  kleinlich  und 
kunstfertig.  Selbst  in  Bezug  auf  fürstliche  Häuser,  die  Weise 
der  Flügelfedern,  die  hundert  Spiele  und  die  Kleidertracht  gab 
es  um  die  Zeit  Veränderungen,  und  man  richtete  sich  nicht 
nach  den  alten  Mustern.  In  den  Erörterungen  der  damaligen 
Zeit  gab  man  ihm  Unrecht. 

Die  Ueberlieferungen  von  Männern  der  Schrift  sagen: 

Tschang-heng  ^  verfertigte  einst  einen  hölzernen  Vogel. 
Er  setzte  ihm  Flügel  an  und  versah  ihn  in  dem  Bauche  mit 
einem  Triebwerk,  in  Folge  dessen  der  Vogel  mehrere  Weg- 
längen weit  fliegen  konnte. 

Die  Verzeichnisse  des  späteren  Tschao  sagen : 

i^  pS|5  Ping-fu  stammte  aus  Lö-ling.  Er  liebte  das 
Lernen  und  besass  viele  Gaben  und  Sinn  für  die  schönen 
Künste.  Seine  Kunstfertigkeit,  sein  Tiefsinn,  seine  Trieb- 
werke und  sein  Verstand  waren  wundervoller  als  das,  was  in 
der  damaligen  Zeit  vorkam.  Die  Paläste,  Vorhallen,  Erd- 
stufen und  Söller  des  Reiches  Siang  waren  sämmtlich  durch 
Fu  erbaut  worden. 

Die  besonderen  Ueberlieferungen  von  Ma-kiün  sagen: 

E    j\Ia-kiün    führte    den    Jünglingsnamen     ^    -^ 


Tschaug-heng  ist  oben  (S.  148)  vorgekommen. 


Kunstfertigkeiten  und  Künste  ilcr  alten  (.'hinesoit.  151 

Tse-heng  und  stammte  aus  Fu-fung.  Seine  Kijinstfcrtigkeit  und 
sein  Tiefsinn  übertraten  alles  in  dem  Zeitalter.  Er  selbst 
wusste  nicht,  dass  er  kunstfertig  sei.  Er  lebte  in  Armuth. 
Die  alten  Webstühle  für  glänzende  Tücher  hatten  bei  fünfzig 
Fäden  der  Webe  fünfzig  Tritte,  bei  sechzig  Fäden  der  Webe 
sechzig  Tritte.  Kiün  veränderte  sie  durch  zwölf  Tritte.  Merk- 
würdige und  wunderbare  Abwechslung  entstanden  somit  auf 
eine  ergreifende  Weise.  Sie  wurden  auch  von  selbst  zu  Stande 
gebracht.  Ihre  Gestalt  war  gleichsam  das  Unerschöpfliche  des 
Yin  und  Yang. 

Die  Ueberlieferungen  von  göttlichen  Unsterblichen  von 
Kö-hung  sagen: 

^  ^  Kö-yeu  stammte  aus  Schö.  Derselbe  schnitzte 
aus  Holz  ein  Schaf,  welches  gehen  konnte.  Eines  Morgens 
bestieg  er  das  Schaf  und  begab  sich  in  das  Gebirge.  Er 
sagte  hierauf,  dass  er  die  Unsterblichen  gefunden  halje.  Man 
weiss  nicht,  ob  er  etwas  Wirkliches  andeutete. 

Die  Geschichte  der  Ereignisse  in  Nie  sagt: 
»  Schi-hu  besass  einen  nach    Süden    zeigenden    Wagen  und 

einen  den  Weglängen  vorstehenden  Wagen.  Ferner  besass  er 
Mörserwagen  und  hölzerne  Menschen.  Dabei  verfertigte  man 
fahrende  Stampfer  auf  dem  Wagen.  Wenn  dieser  sich  in  Be- 
Avegung  setzte,  so  trat  der  hölzerne  Mensch  den  Stampfer. 
Wenn  man  zehn  Weglängen  fuhr,  so  brachte  man  einen  Scheffel 
Körner  zu  Wege.  Ferner  besass  er  Mühlwagen.  Man  legte 
Mühlsteine  auf  den  Wagen.  Wenn  man  zehn  Weglängen  fuhr, 
muhl  man  sofort  einen  Scheffel.  Alle  diese  Wagen  waren  mit 
hellrothen  und  buntglänzenden  Farben  geschmückt.  Man 
brauchte  jedoch  einen  Menschen,  der  den  Wagen  führte.  Wenn 
die  Wagen  fuhren,  kamen  alle  Kunstfertigkeiten  zum  Vorschein. 
Hielten  die  Wagen  an,  so  hatte  es  ein  Ende.  Dieselben  waren 
von  dem  mittleren  kaiserlichen  Vermerker  Kiai-fei  '  und  dem 
den  Arzneimitteln  vorstehenden  Menschen  ^^  ^^  ^  Wei- 
meng-pien  verfertigt  worden. 

Schi-hu  war  in  seinem  Gemüthe  überaus  für  Buddha  ein- 
genommen. Alle  Kunstfertigkeiten  und  Weisen  der  Verschwen- 
dung  können    nicht    dargelegt   werden.     Man   verfertigte    einst 


•  Kiai-fei  ist  oben  (,S.   U9)  vorgekommeu. 


152  Pfizmaier. 

einen  Wagen  aus  Sandelholz.  Derselbe  mass  in  der  Länge  und 
Breite  eine  Klafter,  war  bequem  und  vierräderig.  Man  ver- 
fertio-te  eine  goldene  Bildsäule  Buddha's,  der  auf  dem  Wagen 
sass.  Neun  Drachen  spieen  Wasser  und  benetzten  ihn.  Ferner 
verfertigte  man  einen  hölzernen  Menschen  des  Weges.  Der- 
selbe berührte  immer  mit  der  Hand  die  Gegend  zwischen  dem 
Herzen  imd  dem  Bauche  Buddha's.  Noch  waren  zehn  hölzerne 
Menschen  des  Weges,  die  zwei  Schuh  lang  waren.  Dieselben 
öffneten  ein  Chorhemd  und  umwickelten  damit  Buddha.  Wenn 
sie  im  Gehen  sich  vor  Buddha  befanden,  verbeugten  sie  sich 
sogleich  und  bezeigten  ihm  ihre  Ehrfurcht.  Sie  nahmen  ferner 
mit  drei  Fingern  der  Hand  Wohlgerüche  und  warfen  sie  in 
das  Kauchfass.  Sie  waren  von  Menschen  nicht  verschieden. 
Wenn  der  Wagen  fuhr,  wandelten  die  hölzernen  Menschen 
und  die  Drachen  spieen  Wasser.  Wenn  der  Wagen  stehen 
blieb,  so  hatte  es  ein  Ende.  Diess  war  ebenfalls  ein  Werk 
Kiai-fei's. 

Die  Darlegung  des  Zeitraumes  Yuen-tschung  sagt: 
Das  Geschlecht  ^^    -^  Ki-kueng    war    in    wunderbaren 
Kunstfertigkeiten  bewandert.     Es  konnte  fliegende  Wagen  ver- 
fertigen, die  weit  in  der  Richtung  des  Windes  fuhren. 

Die  Darlegung  der  erzählten  MerkAvürdigkeitcn  sagt : 

^^  ^  Lu-puan  verfertigte  aus  Stein  eine  Abbildung 
der  neun  Landstriche  Yü's.  Dieselbe  belindet  sich  jetzt  in 
dem  Felsenhause  von  Ke-tsching,  inmitten  der  nördlichen 
Felsenwände  von  Schau-tung. 

Die  vermischten  Erwähnungen  der  westlichen  Mutterstadt 
sagen : 

^fe  ~J^  Ting-hoan,  ein  kunstfertiger  Handwerker  von 
Tschang-ngan,  verfertigte  eine  immer  volle  Lampe,  das  Wunder 
der  sieben  Drachen  und  fünf  Paradiesvögel,  gemischt  mit  den 
Blumen  und  Wurzeln  der  Lotuspflanze. 

Ferner  verfertigte  er  die  Rauchfässer  der  Matten  zum 
Liegen.  Dieselben  heissen  auch  die  Rauchfässer  in  den  Bett- 
decken. Ihre  Einrichtung  stammt  eigentlich  aus  Fu-fuug  und 
Hoan  erfand  sie  von  Neuem.  Ein  Ring  drehte  sieh  um  die 
vier  VerSperrungen,  und  der  Körper  des  Rauchfasses  war 
immer  gleichförmig.  Man  konnte  sie  auf  Bettdecken  und  Matten 


Kuustfertigkciten  uml  Künste  der  iilteii  Chinesen.  153 

stellen,  daher  g'ab  man  ihnen  den  Namen  nach  den  Bettdecken 
und  Matten. 

Er  verfertigte  ferner  einen  ncnnfach  gethürmtcn  Bcr^. 
Die  Eingrabungen  waren  wunderbare  Vögel,  seltsame  vier- 
füssige  Thiere  und  reingeistige  Wesen.  Sie  alle  drehten  und 
bcAvegten  sich  von  selbst. 

Noch  verfertigte  er  einen  siebenrädcrigcn  Fächer.  Er 
bildete  reihenAveise  sieben  Räder,  welche  einen  Schuh  im  Durch- 
messer hatten.  Zugleich  setzten  sie  sich  gegenseitig  fort.  Wenn 
ein  ]\Iensch  ihn  drehte,  entstand  in  der  ganzen  Halle  überall 
ein  kalter  Wind. 


In  die  Pfeiler  der  Vorhalle  von  Tschao-yang  waren 
Drachen  und  Schlangen  geschnitzt,  welche  sich  um  sie  wanden. 
Dieses  war  durch  die  Holzarbeiter  Ting-hoan  und  ^  ^ 
Li-kiö  verfertigt  worden.  Dieses  Kunstwerk  war  das  erste  in 
der  Welt. 

Die  Geschichte  von  Liang-tscheu  sagt: 

Zu  den  Zeiten  Liü-kuang's  '  war  ein  gewisser  M^  Y^ 
Jin-sche.  Derselbe  versteckte  sich  und  wurde  ein  Sclave  in 
dem  Hause  j^  ^  Wang-hin's.  Er  wurde  entdeckt  und  sollte 
sterben.  Sehe  besass  wunderbare  Kunstfertigkeit.  Der  König 
sprach :  Du  bist  ein  Genosse  f^  ^  Lu-puan's.  —  Desswegen 
begnadigte  er  ihn.  Die  Windthore  und  Vorhallen  von  Liang 
neigten  sich  mit  der  Länge  der  Jahre  und  Avaren  verfallen. 
Sehe  brachte  seine  Kunstfertigkeit  rings  zur  Geltung  und 
fülirte  seine  Gedanken  aus.  Erde  und  Holz  Avurden  richtig,' 
gestellt. 

Die  Geschichte  des  Auflesens  des  Hinterlassenen  von 
Wang-tse-nien  sagt : 

Das  Reich  ^    ^  Siü-tschi  ist  von  dem  Reiche   ^"^   v|g 

.  Ni-li    achtnull    zehntausend    Weglängen    entfernt.     Die  Weiber 

dieses    Reiches    A-erstehen    sich    auf   das   Weben.     Sie    nehmen 

fünffärbige  Seide  nach  und  nach  in  den  Mund,  ziehen  sie  mit 

beiden    Händen    und    A'erfertigen     somit    gestreifte    buntfarbige 


1     ■yf'      S     Liü-kuaiif;-    nannte    sich    iin     t'inundzwanzigstcn    Jalire    dos 
Zeitraumes  Tai-yuen  (396  n,  Clu-.)  deii  Ilimmelskönig  von  Liang. 


J54  Pfizmaier. 

Seidenstoffe,    die  mit  Reihen   von    Lampen   und  Kerzen  Aehn- 
lichkeit  haben. 


Der  Kaiser  des  Anfangs  errichtete  die  Erdstufe  der 
herumschweifenden  Wolken.  Er  erschöpfte  die  Kleinode  und 
werthvollen  Stoffe  der  vier  Gegenden.  Er  suchte  die  kunst- 
fertigsten Handwerker  der  Welt.  Diese  konnten  das  Leere 
ersteigen,  die  Bäume  umkreisen,  die  Axt  schwingen  in  dem 
Himmelsraume. 


Im  zweiten  Jahre  des  Kaisers  des  Anfangs  machte  das 
Reich  ')^  ^  Khien-siao  zum  Geschenk  einen  geschickten  bil- 
denden Künstler,  Namens  ^  ^  Lie-L  Derselbe  meisselte 
aus  weissem  Edelsteine  zwei  Tiger.  Er  schnitt  aus  Edelstein 
Haare,  die  wie  echte  vorhanden  waren.  Er  tüpfelte  nicht  die 
beiden  Augäpfel.  Der  Kaiser  des  Anfangs  tüpfelte  sie.  Als- 
bald flogen  die  Tiger  fort.  Im  nächsten  Jahre  machte  die 
südliche  Provinz  zwei  weisse  Tiger  zum  Geschenk.  Der  Kaiser 
des  Anfangs  Hess  sie  besichtigen.  Es  waren  diejenigen,  die 
früher  aus  Edelstein  geschnitten  worden.  Der  Kaiser  befahl, 
die  Augäpfel  zu  entfernen.  Die  zwei  Tiger  konnten  nicht 
mehr  verschwinden. 

Die  Geschichte  berühmter  Bildner  der  laufenden  Zeit- 
alter sagt: 

Die  aus  dem  Geschlechte  Tschao  stammende  Gemalin  des 
Königs  von  U  war  die  jüngere  Schwester  des  Reichsgehilfen 
Tschao-tä.  Dieselbe  verstand  sich  auf  das  Abbilden.  Ihre 
Kunstfertigkeit  war  wundervoll  und  hatte  nicht  ihres  Gleichen. 
Sie  konnte  zwischen  den  Fingern  aus  buntfarbigen  Geweben 
Brocat  der  Drachen  und  Paradiesvögel  verfertigen.  In  dem 
Palaste  nannte  man  dieses:  das  Ueberragende   des  Webstuhls. 

Sün-kiuen  bedauerte  immer,  dass  in  Pa  und  Schö  noch 
nicht  der  Friede  hergestellt  war.  Er  gedachte,  gute  Maler  zu 
erhalten,  welche  die  Berge,  Flüsse  und  die  Gestalt  der  Erde 
abbilden  sollten.  Die  Gemalin  überreichte  die  von  ihr  gezeich- 
neten Bildnisse  des  Stromes,  der  Seen,  der  neun  Landstriche, 
Berge  und  Berghöhen.  Ferner  stickte  sie  auf  viereckige  Lein- 


Kunstfertigkeiten  uml  Küut-te  der  alten  Chinesen.  155 

wand  die  fünf  Berghohen,  die  Reiche  und  die  Grestalt  der  Erde. 
In  dem  Palaste  nannte  man  dieses:  das  Ueberragende  der  Nadel. 
Ferner  fügte  sie  mit  Leim  Haupthaare  und  Seide  zusammen 
und  verfertigte  leichte  Zelte.  In  dem  Paläste  nannte  man  dieses: 
das  Ueberragende  der  Seide. 


^  Üi  Sie-tschuang  von  Sung  führte  den  Jünglingsna- 
men  ^  ^  Hi-yi.  Er  war  von  Sinn  sehr  kunstfertig  und 
tiefdenkend.  Er  richtete  Holz  von  dem  Umfange  einer  Klafter 
her.  Daselbst  bildete  er  die  Berge  und  Flüsse  der  Welt,  die 
Erde  und  die  Länder  ab.  Alles  war  abgetheilt  und  geordnet. 
Wenn  er  es  trennte,  so  Avaren  die  Landstriche  gesondert,  die 
Provinzen  verschieden.  Wenn  er  es  zusammensetzte,  so  war 
der  Erdkreis  ein  einziges  Granzes. 

Lao-tse  sagt: 

Grosse  Kunstfertigkeit  ist  gleich  Ungeschicklichkeit. 


Ueberragende  Kunstfertigkeit  verschmäht  den  Nutzen. 
Bei  Räubern  ist  dieses  nicht  der  Fall. 

Das  Buch  Tschuang-tse  sagt :  ' 

Der  Töpfer  sagt :  Ich  verstehe  mich  gut  auf  die  Bearbei- 
tung des  Lehmes.  Das  Runde  passt  zu  dem  Zirkel,  das  Vier- 
eckige passt  zu  dem  Winkelmass.  Der  Zimmermann  sagt :  Ich 
verstehe  mich  gut  auf  die  Bearbeitung  des  Holzes.  Das  Krumme 
passt  zu  dem  Haken,  das  Gerade  entspricht  der  Schnur.  — 
Der  Sinn  des  Lehmes  und  des  Holzes,  wie  sollte  er  passen 
wollen  zu  Zirkel,  Winkelmass,  Haken  und  Schnur? 


Der  Kunstfertige  arbeitet,  der  Verständige  ist  bekümmert. 
Der  Unfähige  hat  nichts,  wornach  er  strebt. 


Man  thut  nichts  und  lacht  über  den  Kunstfertigen. ' 


'  Der  Kunstfertige  thut  etwas  und  verletzt  dadurch  seinen  Geist. 


J56  rfizmaier. 

Der  überdeckende  Himmel,  die  aufladende  Erde  schnitzen 
sämmtliche  Gestalten ,  sind  aber  nicht  kunstfertig.  ')  Dieses 
nennt  man  die  Freude  des  Himmels.  2) 

Wer  nach  Ziegeln  trachtet,  ist  kunstfertig.  Wer  nach  Ha- 
ken trachtet,  ist  verschämt.  Wer  nach  Golde  trachtet,  ist  ver- 
blendet. 3)  

Ein  Mensch  von  ^ß  Ying  überdeckte  seine  Nase  mit 
farbiger  Erde.  Die  Ränder  waren  wie  Fliegenflügel.  Er  hiess 
^  [^  Tsiang-schi  sie  abhauen.  Tsiang-schi  drehte  die  Axt 
im  Kreise,  bewirkte  ein  Gesause  und  hieb  sie  ab.  Er  tilgte 
die  farbige  Erde,  aber  die  Nase  war  nicht  verletzt.  Der  Mensch 
von  , Ying  stand,  ohne  die"  Fassung  zu  verlieren.  Yuen,  Lan- 
desherr von  Sung,  hörte  dieses.  Er  berief  Tsiang-schi  zu  sich 
und  sagte :  Versuche  es,  dieses  bei  mir  zu  thun.  —  Tsiang-schi 
sprach:  Ich  bin  immer  im  Stande,  sie  abzuhauen,  aber  mein 
Bürge  ist  längst  gestorben. 

Das  Buch  Lie-tse  sagt: 

König  Mo  von  Tscheu  zog  im  Westen  umher.  Man  schenkte 
ihm  einen  Künstler,  dessen  Name  gj||  ^J  Yen-ssc.  Dieser  sprach: 
Möge  mir  nur  befohlen  werden,  was  ich  versuchen  soll.  Aber 
ich  habe  bereits  etwas  verfertigt.  Es  ist  mein  Wunsch,  dass 
der  König  es  früher  besichtige.  —  König  Mö  sprach:  Bringe 
es  mit  dir.  Ich  werde  es  mit  dir  besichtigen.  —  Den  anderen 
Tag  meldete  sich  Yen-sse  bei  dem  Könige  zum  Besuche.  Der 
König  sprach :  Was  für  ein  Mensch  ist  derjenige,  der  mit  dir 
gekommen  ist?  —  Jener  antwortete:  Es  ist  die  geschickte 
Tänzerin,  die  ich  verfertigt  habe.  —  K^Vnig  Mo  blickte  sie  er- 
schrocken an.  Vorauslaufen,  Einherschreiten,  Bücken,  Empor- 
Ijlicken  und  Sprache  waren  menschlich.  Der  kunstfertige  Mann 
umfasste  ihr  Kinn ,  und  sie  sang  die  vereinten  Weisen.  Er 
fasste  sie  bei  der  Hand,  und  sie  tanzte  die  entsprechenden 
Abschnitte.  Die  tausend  Veränderungen  und  hundert  Verwand- 
lungen waren  nur  durch  Gedanken  zu  Wege  gebracht.  Der 
König    hielt    sie    für    einen  wirklichen  Menschen.     Er  hatte  in 

'  Die  Kunstfertigkeit  ist  hier  wundervoll,  und  die  Dinge  sind  es  von  selbst. 
Deswegen  wird  die  Kunstfertigkeit  nicht  gepriesen. 

2  Man  vergisst  auf  die  Freude,  und  die  Freude  genügt. 

3  Je  bedeutender  das  ist,   was  man  begehrt,  desto  dunkler  ist  das  Herz, 


Kunstfertigkeiten  uml  k'iiiiste  »1er  alten  Chinesen.  ]57 

dem  Inneren  Umfj^ang-  mit  der  Gemahlin  von  deim  Reiche  Sching 
und  Hess  sie  zugleich  die  Künste  sehen.  Als  es  ein  Ende 
nelimen  sollte,  nickte  die  Tänzerin  mit  den  Augen  und  winkte 
die  Umgebung  des  Königs  so  wie  die  aufwartenden  Mägde 
herbei.  Der  König  wurde  zornig  und  wollte  Yen-sse  sogleich 
hinrichten  lassen. 

Yen-sse  war  sehr  beängstigt.  Er  zerschnitt  sogleich  die 
Tänzerin  und  zeigte  sie  dem  Könige.  Alles  war  aus  Leder, 
Holz,  Leim  und  Pech  mit  weisser,  schwarzer,  mennigrother  und 
grüner  Färbung  verfertigt.  Innerlich  Ovaren  Leber,  Galle,  Herz, 
Lunge,  Milz,  Nieren,  Eingeweide  und  Magen,  äusserlich  Muskeln, 
Knochen,  Gelenke,  Haut,  Haare,  Zähne  und  Haupthaar  sämnit- 
lich  falsch.  Es  war  nichts,  das  nicht  vollständig  vorhanden 
gewesen  wäre.  Er  setzte  es  zusammen,  und  sie  wurde  wieder, 
wie  sie  anfänglich  gewesen.  Der  König  versuchte  es,  ihr  Herz 
zu  beseitigen,  und  sie  konnte  mit  dem  Munde  nicht  sprechen. 
Er  beseitigte  ihre  Leber,  und  sie  konnte  mit  den  Augen  nicht 
sehen.  Er  beseitigte  ihre  Nieren,  und  sie  konnte  mit  den  Füssen 
nicht  einherschreiten.  König  Mo  sprach:  Die  Kunstfertigkeit 
des  Menschen  hat  mit  dem  Bewerkstelligen  der  Verwandlungen 
gleiches  Verdienst.  —  Er  erliess  einen  höchsten  Befehl,  dass 
man  Yen-sse  als  Zweiten  in  den  Wao-en  nehme  und  Hess  ihn 
heimkehren. 

Die  Wolkenleiter  ^|j  ^  Puan-schü's,  der  fliegende  Geier 
^  ^  Me-ti's  machten  sich  als  die  Gipfelung  der  Fähigkeiten 
geltend.  Ihre  Schüler  ^  g  Ku-kin  und  ß^  ^  }*!*  lluö-li- 
kien  von  dem  östlichen  Thore  meldeten  die  Kunstfertigkeit 
Yen-sse's  jenen  zwei  Männern.  Die  zwei  Männer  getrauten 
sich  ihr  ganzes  Leben  nicht,  von  schönen  Künsten  zu  sprechen, 
und    sie    erfassten  eine  Zeit  hindurch  Zirkel  und  Winkelmass. 


Unter  den  Menschen  von  Sung  war  einer,  der  für  seinen 
Landesherrn  aus  Edelstein  ein  Eiclienblatt  verfertigte.  In  drei 
Jahren  hatte  er  es  zu  Stande  gebracht.  Man  mischte  es  unter 
Eichenblätter,  und  man  konnte  es  nicht  unterscheiden.  Dieser 
Mensch  bezog  seiner  Kunstfertigkeit  wegen  einen  Gehalt  von 
dem  Ileiche  Sung.  Lie-tse  hörte  dieses  und  sprach :  Wenn 
j   Himmel    und    Erde,    iiidyss   sie    Dinge    hervorbringen,    in    drei 


J58  Pfizraaier. 

Jahren  ein  Blatt  zu  Stande  brächten,  so  wären  der  Dinge, 
welche  Blätter  besitzen ,  wenige.  Deswegen  verlassen  sich 
höchstweise  Menschen  auf  den  Weg  und  die  Verwandlungen, 
sie  verlassen  sich  aber  nicht  auf  Kenntniss  und  Kunstfertigkeit. 


"7*  Jllc  ^  Khao-tsching-tse  lernte  die  Zauberkunst  bei 
bei  dem  Frühgebornen  a^  ^  Yün-wen.  Dieser  sagte  ihm 
durch  drei  Jahre  nichts.  Kliao-tsching-tse  bat  wegen  seiner 
Vergehen  und  verlangte,  dass  er  zurücktreten  dürfe.  Der  Früh- 
geborne  Yün-wen  sprach:  Einst  wandelte  ^^  -^  Lao-than 
umher  im  Westen.  Er  blickte  auf  mich  zurück  und  sagte  mir : 
Die  Luft  des  mit  Leben  Begabten,  das  Aussehen  des  mit  Gestalt 
Begabten  ist  lauter  Zauberei.  Dasjenige,  wodurch  die  Bewerkstelli- 
gung der  Verwandlungen  ihren  Anfang  nimmt,  wodurch  das 
Yin  und  Yang  sich  verändert,  nennt  man  das  Leben,  nennt 
man  den  Tod.  Erschöpfen  die  Zahlen,  durchdringen  die  Ver- 
änderungen, von  der  Gestalt  ausgehen,  versetzen  und  wechseln, 
nennt  man  Verwandlung,  nennt  man  Zauberei.  Die  Dinge  be- 
werkstelligen, hierbei  ist  die  Kunstfertigkeit  wundervoll,  das 
Verdienst  bedeutend.  Deswegen  ist  es  schwer  zu  beenden, 
schwer  zu  erschöpfen.  Von  der  Gestalt  ausgehen,  hierbei  ist 
die  Kunstfertigkeit  offenkundig,  das  Verdienst  gering.  Deswegen 
folgt  es  der  Erhebung,  folgt  es  der  Vernichtung.  Wenn  man 
weiss,  dass  Verwandlung  und  Zauberei  von  Leben  und  Tod 
nicht  verschieden  sind,  dann  kann  man  die  Zauberei  lernen. 
Ich  und  du,  wir  sind  ebenfalls  Zauberer.  Wozu  brauchten  wir 
diese  Kunst  zu  lernen? 

Das  Buch  Me-tse  sagt: 


"7*  $il  ^  Kung-schü-tse  schnitzte  das  Holz  des  Bam- 
bus und  bildete  eine  Aelster.  Als  sie  fertig  war,  Hess  er  sie 
fliegen.  Sie  kam  durch  drei  Tage  nicht  herunter.  Er  hielt 
dieses  für  die  grösste  Kunstfertigkeit.  Me-tse  sagte  zu  ihm: 
Wenn  du  eine  Aelster  verfertigst,  so  ist  dieses  weniger,  als 
wenn  der  Zimmermann  den  Achsenstift  des  Wagens  verfertigt. 
Er  stellt  augenblicklich  ein  drei  Zoll  messendes  Holz  und  lässt 
es  tragen  von  fünfzig  Centnern  die  Schwere.  Deswegen  nennt 
man  denjenigen,  der  den  Menschen  nützt,  kunstfertig.  Den- 
jenigen, der  den  Menschen  nicht  nützt,  nennt  man  ungeschickt. 


Kunstfertigkeiten  und  Künste  der  alten  Chinesen.  159 

Meng--tse  sagt:  > 

Die  Kunstfertigkeit  Kung-scliün-tse's,  wenn  sie  sich  nicht 
des  Zirkels  und  des  Winkehnaasses  bedient ,  kann  sie  nicht 
das  Viereckige  und  Runde  zu  Stande  bringen. 

Das  Buch  Hoai-nan-tse  sagt: 

Einst  wollte  Tsu  einen  Angriff  machen  auf  Sung.  ^  g 
Me-tse  hörte  es  und  beklagte  es.  '  Er  reiste  von  Lu  eilig  ab. 
Zehn  Tage  und  zehn  Nächte  gönnte  er  sich  keine  Ruhe.  Er 
zerriss  das  Futter  der  Kleider  und  gelangte  zu  Fusse  nach 
^P  Ying.-  Er  sah  den  König  von  Tsu  und  sprach:  Ich  habe 
gehört,  dass  der  grosse  König  die  Waffen  erhebt  und  einen 
Angriff  machen  will  auf  Sung.  Er  rechnet  darauf,  dass  er 
gewiss  Sung  erobert  und  dann  die  Feindseligkeiten  einstellt. 
Seine  Absicht  ist,  die  Menge  zu  quälen,  das  Volk  anzustrengen, 
die  Waffen  zu  verderben,  ihre  Schärfe  abzustumpfen  in  der 
Welt.  Man  hat  den  Namen  der  Ungerechtigkeit,  und  erlangt 
nicht  Land  von  der  Grösse  eines  Schuhes.  Ist  man  noch  immer 
gesonnen,  es  anzugreifen?  —  Der  König  sprach:  Wenn  ich 
gewiss  Sung  nicht  erlange  und  noch  im  Begriffe  bin,  ungerecht 
zu  handeln,  warum  sollte  ich  es  angreifen?  —  Me-tse  sprach: 
Ich  sehe,  dass  der  grosse  König  gewiss  der  Gerechtigkeit  scha- 
det, und  Sung  nicht  erlangt.  —  Der  König  sprach :  Kung-schü- 
tse  ist  der  kunstfertigste  Mann  der  Welt  und  verfertigt  Wol- 
kenleitern. 3  Wenn  man  sie  hinstellt  und  damit  Sung  angreift, 
warum  sollte  man  es  nicht  nehmen?  —  Me-tse  sprach:  Wenn 
Kung-schtt  jetzt  hinstellt  die  Werkzeuge  des  Augriffes  auf  Sung, 
stellt  Me-tse  die  Vonüchtungen  für  die  Vertheidigung  hin.  Kung- 
schü  macht  neunmal  den  Angriff,  und  Me-tse  leistet  ihm  neun- 
mal Widerstand.  Er  ist  zuletzt  nicht  f^ihig,  einzudringen.  — 
Hierauf  Hess  man  die  Waffen  ruhen,  hielt  inne  und  griff  Sung 
nicht  an. 


^  Me-tse,  dessen  Name   ^g    Ti,  war  ein  Grosser  des  Reiches  Sung. 

^  Ying  war  die  Hauptstadt  von  Tsu.  Es  ist  die  spätere  Gasse  Ying  im 
Norden  von  Kiang-ling,  dem  heutigen  Wu-tschang. 

3  Kung-sehü  ist  ein  Elirenname  Jij^  ^S  Lu-puan's.  Derselbe  befand  sich 
um  die  Zeit  in  Tsu.  Wolkenleitern  sind  Werkzeuge  zum  Angriffe  auf  Stadt- 
mauern.    Sie  sind  an  Höhe  den  Wolken  gleich,  daher  der  Name. 


IßO  Pfizmaier. 

Die  göttlichen  Triebwerke,  die  verborgenen  Thore,  die 
krummen  Schwerter  ohne  Spur  sind  das  Wundervollste  der 
Kunstfertigkeiten  des  Menschen.  Aber  in  einem  eingerichte- 
ten Zeitalter  hält  man  diese  Kunstfertigkeit  für  eine  Beschäf- 
tigung des  Volkes. 

Wenn  der  Handwerker  unten  das  Pech  auflegt  und  dar- 
über den  Mennig,  so  kann  er  dieses  thun.  Wenn  er  unten  den 
Mennig  auflegt  und  darüber  das  Pech,  so  darf  er  dieses  nicht 
thun.  Bei  den  zehntausend  Angelegenheiten  geht  man  hiervon  aus. 


Zirkel,  Winkelmaass,  Haken  und  Schnur  sind  Werkzeuge 
der  Kunstfertigkeit.  Sie  sind  es  aber  nicht,  wodurch  die  Kunst- 


fertigkeit hervorgebracht  wird. 


Die  Sachen  des  göttlichen  Lichtes  können  durch  Kennt- 
nisse und  Kunstfertigkeit  nicht  verrichtet  werden.  Sie  können 
durch  die  Kraft  der  Sehnen  nicht  zu  Stande  gebracht  werden. 
Was  Himmel  und  Erde  umschliessen ,  was  das  Yin  und  Yang 
in  sich  birgt,  was  Regen  und  Thau  befeuchten,  bringt  zehn- 
tausend Verschiedenheiten  hervor.  Der  Eisvogel,  Schildkröten- 
schuppen, Rubin,  Lasur,  Edelstein,  Perlen  sind  von  Streifen 
bunt,  hellglänzend,  feuchtglänzend  oder  feucht.  Man  berührt 
sie,  aber  spielt  nicht  mit  ihnen.  Sie  werden  alt,  aber  vei-ändei-n 
sich  nicht,  ^fb  ^  Hi-tschung  '  kann  sie  nicht  darlegen. 
f^  1^  Lu-puan  -^  kann  sie  nicht  verfertigen.  Dieses  nennt 
man  grosse  Kunstfertigkeit. 


Der  äusserst  Kunstfertisre  braucht  kein  Schwert.  ■' 


Ein  grosser  Zimmermann  kann  nicht  behauen.  ^ 


1  Hi-tschung-   bekleidete   zu  den  Zeiten  der  Hin  die  Stelle   eines  ,Richtig-en 
des  Wagens'. 

2  Der   oben  (S.   102)   vorgcdvonimene  Lu-puan,  genannt  Kung-schü-tse.    Der 
Name  Piian  wird  hier  durch  ein  anderes  Schriftzeichen  ausgedrückt. 

^  Die  Kunstfertigkeit  liegt  in   der  Seele  und  niclit  in   der  Iland.    Deswegen 

br/mclit  sie  kein  Schwert. 
*   Dir    Erkl.-irung  dieses   Satzes   lindet  sicli    in   ih'iu   l'ulgeudcii. 


Kunstfertigkeiten  und  Künste  der  alten  Chinesen.  1  f )  1 

Die  Ding-e  haben  etwas,  das  sie  von  ielb^t  sind,  dann 
erst  haben  die  Sachen  der  Menschen  ihre  Einrichtung;".  Des- 
\veg'en  kann  ein  vortrefflicher  Zimmermann  das  Metall  nicht 
behauen.  Ein  kunstfertiger  Giesser  kann  das  TTolz  nicht 
schmelzen.  Das  Metall  kann  nach  seiner  Eigonthümlichkeit 
nicht  behauen  werden ,  und  das  Holz  kann  nach  seiner  Be- 
schaffenheit nicht  geschmolzen  werden.  Man  mengt  den  Lehm  mit 
Wasser  und  verfertigt  Gefässe.  Man  höhlt  das  Holz  iind  verfertigt 
Schiffe.  Man  schmilzt  das  Eisen  und  verfertigt  Klingen.  Man 
schmilzt  das  Metall  und  verfertigt  Glocken.  Man  geht  aus  von 
der  Möglichkeit. 

Das  Buch  Schi-tse  sagt: 

In  dem  Alterthum  verfertigte  ^^  Tschui  '  Zirkel ,  Win- 
kelraaass  und  Messschnüre.  Er  bewirkte,  dass  die  Welt  es 
nachbildete. 

Das  Buch  Schin-tse  sagt: 

Dass    die    Söhne    der    hundert    Handwerker    nicht    lernen 
und    doch    Fähigkeit   besitzen,    ist    nicht,  w^eil   sie  von  Geburt 
kunstfertig  sind.  Im  Gespräche  haben  sie  die  beständige  Sache. 
Das  Buch  Fu-tse  sagt: 

^^  Kiün ,  der  Frühgeborne  von  dem  Geschlechte  ^ 
Ma  war  der  kunstfertigste  Mann  der  Welt.  Es  waren  zwei 
Söhne,  die  zu  ihm  sagten:  In  dem  Alterthum  gab  es  keinen 
nach  Süden  zeigenden  Wagen.  Es  sind  leere  Worte  der  Ge- 
schichte. —  Der  Frühgeborne  spracli:  In  dem  Alterthum  gab 
es  deren.  —  Die  zwei  Söhne  meldeten  es  dem  Kaiser  ]\Iing. 
Es  erging  eine  hcichste  Verkündung,  dass  der  Früligeboi-ne 
einen  verfertige,  und  der  nach  Süden  zeigende  Wagen  ward 
vollendet.  Dieses  ist  die  eine  Merkwürdigkeit.  Hierauf  beugte 
sich  die  Welt  vor  seiner  Kunstfertigkeit. 

Als  man  die  Mutterstadt  bewohnte,  war  innei-halb  dci- 
Stadtmauern  ein  Grund,  auf  dem  man  Gärten  anlegen  konnte. 
Man  bedauerte,  dass  man  kein  Wasser  hatte,  um  ihn  zu  be- 
wässern. Der  Frühgeborne  verfertigte  flieg-endc  Wagen.  Er 
hiess  Knaben  sie  drehen,  und  das  sich  ergiessende  Wasser 
überdeckte  den  Grund  von  selbst.     Das  Verdienst  dessen  war 


'  Tschiü  ist  der  Nnme    eines   kmist.fortigen  Mannes  y.w  den  Zeiten  des  gel- 
ben  Kaisers. 

Sitzb.  d.  pliil-liist.  Cl.  lA'IX.  IM.   II.  Hit.  .  11 


■]  ß2  Pfizmaier. 

das  Hundertfache  eines  gewöhnlichen.  Dieses  ist  die  zweite 
Merkwürdigkeit. 

Später  war  ein  Mensch,  der  dem  Kaiser  hundert  Spiele 
überreichte.  Man  konnte  diese  aufstellen,  aber  man  konnte  sie 
nicht  in  Bewegung  setzen.  Der  Kaiser  fragte  den  Frühgebor- 
nen,  ob  man  sie  in  Bewegung  setzen  könne.  Kiün  sprach: 
Man  kann  sie  in  Bewegung  setzen.  —  Der  Kaiser  sprach: 
Kann  man  die  Kunstwerke  vermehren?  —  Jener  antwortete: 
Man  kann  sie  vermehren.  —  Er  empfing  die  höchste  Verkün- 
dung, die  ihn  sie  verfertigen  hiess.  Er  schnitzte  aus  grossen 
Hölzern  eine  Umzäunung  und  gab  den  Gestalten  ein  Aussehen, 
als  ob  sie  Friede  schlössen.  Er  brachte  sie  im  Verborgenen 
durch  Wasser  zum  Vorschein.  Er  stellte  das  Bildniss  einer 
im  Tanze  begriffenen  Tänzerin  auf.  Er  hiess  hölzerne  Menschen 
die  Trommel  schlagen  und  die  Flöte  blasen.  Das  Holz  sprang 
empor  und  Kugeln  wurden  heraus-  und  hereingeworfen.  Die 
hundert  Obrigkeiten  wandelten  in  den  verschlossenen  Abtheilun- 
gen.  Es  waren  veränderliche  Kunstwerke  mit  hundert  Anfängen. 
Dieses  ist  die  dritte  Merkwürdigkeit. 

Der  Frühgeborne  sah  die  zusammengefügten  Armbrüste 
Tschü-kö-liang's  ')  und  spracli :  Das  Kunstwerk  ist  kunstreich. 
Es  ist  noch  nicht  durchaus  gut.  —  Ei-  sagte,  wenn  er  sie  ver- 
fertigte, könnte  er  Mehrfaches  hinzugeben. 

Er  versuchte  es  einst,  an  die  Räder  des  Wagens  etliche 
zehn  Krüge  zu  hängen.  Er  Hess  sie  mehrere  hundert  Schritte 
weit  fliegen.  Die  Kunstfertigkeit  des  Frühgebornen  von  dem 
Geschlechte  Ma  konnten  selbst  Puan-schü,.  Me-ti  und  ^  ^ 
Wang-ni  in  dem  Alterthum,  -f^  ^  ^  Tsehaiig-ping-tse  in 
dem  Zeitalter  der  Han  nicht  übertreffen. 


Der  Frühgeborne  von  dem  Geschlechte  Ma  verfertigte  Geräthe 
mit  Triebwerken  imd  hatte  sie  nocii  nicht  vollendet.  -^  j^  f^^ 
Pei-schi-tse  zweifelte  und  hielt  es  für  unmöglich.  Der  Frülige- 
borne  verstummte  und  konnte  nicht  antworten.  Fu-tse  sagte: 
Pei-tse    ist   geschickt    im    Reden,  aber  nicht  kunstfertig.     Der 


1   Tscliü-ko-linno;  ist  oben  (S.    14S)   orwälint  worden. 


Kunstfertigkeiten  und  Künste  der  ;ilton  »liinesen.  1  ß3 

Mann  von  dem  Gcschlechte  Ma  ist  überlegen  *  an  Kiinstfertijj;'- 
keit,  aber  kurzgefasst  im  Reden.  Kunstfertigkeit  ist  die  un- 
scheinbarste Sache  der  Welt. 

Das  Buch  Pao-po-tse  sagt: 

Diejenigen,  die  in  dem  Bretspiel  geschickt  sind,  nennt 
man  in  dem  Zeitalter:  Ilöchstweise  des  Bretspiels.  Desswegen 
hatten  ^|j  -^  g  Yen-tse-king  und  9]  ^  ,[f  Ma-nui- 
ming  den  Namen  von  Höchstweisen  des  Bretspiels.  Ilöchst- 
weise der  Schrift  sind  ^  ^  Hoang-siang  und  ^  "AB 
Hu-tschao,  Höchstweise  der  Malerkunst  sind    j^    ^    Wei-hie 

u"d  ^  5^  Tschang-me.  Höchstweise  der  Kunstfertigkeit 
sind  Tschang-heng  und  Ma-kiün. 

Die  Denkwürdigkeiten  von  vielseitigen  Dingen  sagen: 
In  dem  nahen  Zeitalter  lebte  ein  Ackersmann.  Derselbe 
war  sehr  kunstfertig,  aber  er  war  sich  dessen  nicht  bewusst. 
Sein  Weib  sagte  es  ihm,  er  wusste  es  noch  immer  nicht.  Er 
schnitt  Holz  und  bildete  daraus  kleinen  Weizen.  Er  versuchte 
es,  ihn  zu  verkaufen.  Der  Käufer  argwöhnte  nichts  und  kehrte 
heim.  Erst  als  er  ihn  mahlte,  bemerkte  er,  dass  es  kein  Wei- 
zen war. 

Der  Wagebalken  der  Erörterungen  sagt : 

Die  üeberlieferungen  rühmen  die  Kunstfertigkeit  Lu-puan's 
und  Me-tse's.  Dieser  schnitzte  aus  Holz  einen  Geier  und  Hess 
ihn  fliegen.  Derselbe  setzte  sich  durch  drei  Tage  nicht  auf. 
Wenn  man  sagt,  er  habe  aus  Holz  einen  Geier  geschnitzt  und 
ihn  fliegen  lassen,  so  kann  es  sein.  Wenn  man  sagt,  dieser 
habe  sich  durch  drei  Tage  nicht  aufgCi^etzt,  so  übertreibt  man 
es.  Es  ist  gleichsam  wie  man  in  den  Üeberlieferungen  des 
Zeitalters  sagt,  dass  Lu-puan  durch  Kunstfertigkeit  seine  Mutter 
verloren  habe.  Man  sagt,  in  seiner  Kunstfertigkeit  verfertigte 
er  für  die  IMutter  einen  hölzernen  Wagen  sammt  Pferden  und 
einen  hölzernen  Menschen  als  Wagenfüln-er.  Als  die  Triebwerke 
und  Schlagl>äurae  vorgerichtet  waren,  setzte  man  die  Mutter 
hinein  und  fuhr  zu  der  Erdstufe  hinauf.  Sie  entfernte  sich 
und  kehrte  nicht  zurück.    Er  verlor  seine  Mutter. 

Die  Erörterungen    über    die    Ordnungen    der   Dinge    von 


Yang-tsiuen  sagen : 


11* 


2ß4:  Pfiziii  aier. 

Das  Netz  der  Spinne,  das  durch  die  Biene  gebaute  Nest, 
deren  Kunstfertigkeit  ist  wundervoll.  Um  wie  viel  mehr  ist 
sie  es  bei  dem  Menschen !  Desswegen  kommen  das  Viereckige 
und  der  Zirkel,  das  Runde  und  das  Winkelmaass  des  Hand- 
werkers hervor  aus  der  Kunstfertigkeit  der  Seele,  werden  voll- 
endet durch  die  Geschicklichkeit  der  Hand.  Wer  sonst  als 
der  Hellsehende,  Erweckte,  von  Geist  Gediegene  könnte  be- 
kannt geben  die  hohen  Verdienste,  vollenden  die  Gestalten  und 
sich  bedienen  der  Geräthe  der  Tscheu? 


M  a  1  e  r  k  u  11  s  t. 

Die  erklärten  Namen  sagen : 

^^  Hoa  ,malen^  ist  soviel  als  i^  Kua  ,anhäugen^. 
Mau  hängt  fünf  Farben  an  die  Dinge  '). 

Die  Gebräuche  der  Tscheu  sagen: 

Bei  dem  Malen  mengt  man  die  fünf  Farben.  Diejenige 
der  östlichen  Gegend  nennt  man  das  Grün.  Diejenige  der 
südlichen  Gegend  nennt  man  das  Roth.  Diejenige  der  westlichen 
Gegend  nennt  man  das  Weiss.  Diejenige  der  nördlichen  Gegend 
nennt  man  das  Schwarz.  Diejenige  des  Himmels  nennt  man 
das  Ursprüngliche.  Diejenige  der  Erde  nennt  man  das  Gelb. 
Grün  und  Weiss  folgen  auf  einander.  Roth  und  Schwarz  folgen 
auf  einander.  Ursprünglich  und  Gelb  folgen  auf  einander-). 
Bei  dem  Malen  verrichtet  man  immer  die  Arbeit  des  Unge- 
schuiückten  zuletzt  •^). 

Das  Sse-ki  sagt : 

^^  Wei,  der  zur  Nachfolge  bestimmte  Sohn  des  Kaisers 
Wu,  wurde  abgesetzt.  Später  bewohnte  der  Kaiser  den  Palast  von 
Kan-tsiuen.  Er  traf  einen  Maler  und  Hess  ihn  ein  Bild  malen, 
Avelches  den  Fürsten  von  Tscheu  vorstellte,   wie  er  den  König 


'  N;ich     dem  Schuö-wen  ist    xHF   Kua    so  viel  als    ^^   Hoä,    dem    liier   mit 

veränderter  Aussprache  die  Bedeutung  ,abgränzen'  zukoninit. 
■^  Hierdurch  wird  bedeutet,  was  die  sechs  Farben  vorstellen  und    in  welcher 

Ordnung  das  Farbige  aufgetivagen  wird.    Zu  den  fünf  Farben  gesellt  sich 

noch  das  Ursprüngliche. 
^  Das  Ungeschraückte    ist  die  weisse  Farbe.  Man  trägt  sie  zuletzt  auf,  weil 

sie  so  beschafien  ist,    dass   man    sie  leicht  durch    das  Malen  verunreinigt. 


Kunstfertigkeiten  und   Kiuistc  der  alten  Chinesen.  \Qlj 

Tsching-  auf  dem  Rücken  trägt').  Die  Umirebung Und  die  Würden- 
träger erkannten  hieraus,  dass  der  Kaiser  die  Absicht  habe,  den 
jungen  Sohn  -)  einzusetzen. 


Im  dritten  Jahre  des  Zeitraumes  Kan-lu  (51  v.  Chr.) 
erschien  der  Schen-yü  zum  ersten  Male  an  dem  Hofe.  Kaiser 
Siuen  gedachte  der  Vortrefflichkoit  seiner  helfenden  Diener 
und  liess  die  Bildnisse  dieser  Menschen  in  dem  Söller  des 
Einhorns  malen.  Man  malte  sie  nacli  ihrer  Gestalt  und  setzte 
die  Stufe    ihres  Amtes    sammt    Geschlechtsnamen    und  Namen. 


i0 


Die  Gemahn  von  dem  Geschlechte  ^  IJ  starb  früh- 
zeitig. Der  Kaiser  liess  ihr  Bild  in  dem  Palaste  von  Kan- 
tsiuen  malen. 


Die  Mutter  ^^  Q  ^  Kin-je-ti's  belehrte  ihre  beiden 
Söhne.  Sie  beobachtete  sehr  Vorschrift  und  Maass.  Der  Kaiser 
hörte  dieses  und  belobte  sie.  Sie  erkrankte  und  starb.  Eine 
höchste  Verkündung  befahl,  ihr  Bild  in  dem  Palaste  von  Kan- 
tsiuen  zu  malen.  Man  bezeichnete  sie  als  die  ^  ^  Yen- 
tschi'i)  des  Königs  ^  ^  Hieu-tschü ')•  Wenn  Je-ti  das  Ge- 
mälde sah,  verbeugte  er  sich  immer,  wendete  sich  ihm  zu 
und  weinte. 

Die  Geschichte  der  Han  von    der    östlichen  Warte    sagt: 

Als  ^^  ^1^  Ma-yuen  zurückkehrte,  ermahnte  er  die  Söhne 

seines   älteren    Bruders    und  sprach:    Wenn    man    einen  Tiger 

malt  und    ihn    nicht   vollendet,    hat    er   sogar  Aehnlicldvcit    mit 

einem  Hunde. 


y^  >f^  Sung-hung  erschien  einst  bei  einem  Feste.  Bei 
dem  kaiserlichen  Sitze  waren  neun  VVindschirme  angebracht, 
auf  die  man  Reihen  von  Mädchen    geraalt    hatte.    Schi-tsu  sah 


1  König  Tscliing  von  Tseheu  war  zur  Zeit  seiner  Einsetzung  ein  Kind. 

2  Der  junge  Sohn  ist  Fe-ling,  der  spätere  Kaiser  Tsclian  von   Han. 
^  Yen-tschi  bezeichnet  die  erste  Gemalin  des  Schen-yii. 

*  Hieu-tschü  bezeichnet  einen  König  der  Hiung-nu's. 


Jß(^  Pfiz  maier. 

sich  mehrmals  um  und  betrachtete  sie.  Hung  sprach :  Ich  habe 
noch  Niemanden  gesehen,  der  die  Tugend  so  geliebt  hätte, 
wie  man  das  Vergnügen  liebt ').  —  Der  Kaiser  Hess  sie  weg- 
schaffen. 

Das  von  Fan-hoa  verfasste  Buch  der  späteren  Han  sagt: 
Im    ersten  Jahre  des  Zeitraumes  Kuaug-ho  (178  n.  Chr.) 
Hess    der  Kaiser   in    dem  Thore    ^    '^    Hung-tu  Wein    auf- 
tragen.   Er  Hess  die  Bildnisse  Khung-tse's  und  seiner  zwei  und 
siebenzig  Schüler  malen. 


Kaiser  Ming  schickte  einen  Gesandten  nach  Thicn-tschö, 
damit  er  nach  dem  Wege  und  den  Vorschriften  Buddha's  frage. 
Hierauf  zeichnete  man  in  dem  mittleren  Reiche  Buddha's  Gestalt. 


Hien-tsung-)  Hess  die  berühmten  Diener  und  Heerführer 
aus  dem  Zeiträume  Kien-wu  (25  bis  55  n.  Chr.)  in  der  Erd- 
stufe der  Wolken  abbilden.  Der  Pfeffergemächer  ^)  willen  war 
Ma-yuen  ^)  allein  nicht  inbegriffen.  ^  Thsang,  König  von 
Tung-pingj  betrachtete  die  Gemälde  und  sagte  zu  dem  Kaiser: 
Warum  hat  man  das  Bildniss  des  |[j^  'j^  Fö-po  ^)  nicht 
gemalt?  —  Der  Kaiser  lachte  und  redete  nicht. 

Das  Buch  der  Wei  sagt: 

Der  Grossvater  Tsao-hieu's  war  einst  Statthalter  der  Pro- 
vinz U.  Als  Hieu  an  der  Wand  das  Bild  seines  Grossvaters 
sah,  stieg  er  von  dem  Bette  herab,  verbeugte  sich  und  weinte. 

Der  Frühling  und  Herbst  des  Geschlechtes  Wei  sagt: 

j^  i^  Siü-mö  verstand  es,  laufende  Fischottern  zu 
malen.  Wenn  man  die  Gemälde  an  dem  Ufer  eines  Flusses 
aufstellte,  versammelten  sich  die  Fischottern. 

Das  Buch  der  Tsin  sagt: 


1)  Worte  Khung-tse's. 

2)  Hien-tsung  ist  Kaiser  Ming  aus  dem  Hause  der  späteren  Han. 

^)  Die  Pfeffergemächer  sind  die  Wohnung  der  Kaiserin.  Hier  ist  die  Kaiserin 
von  dem  Geschlechte     ^^     Ma  gemeint. 

*)  Ma-yuen  ist  oben  (S.  165)  vorgekommen. 

5)  Unter  den  verschiedenen  Benennungen  von  Heerführern  findet  sich  die- 
jenige eines  Heerführers  von  Fo-pu. 


Kunstfertigkeitflu  uml  Künste  il.i-  altcii  Chiiiosen.  1(57 

^  *ha  ®  Ku-l-tsclii  war  überaus  bc^Vandert  im  Men- 
uigrothen  und  Grünen.  ^  ||J-  Sie-ns^an  schätzte  ihn  sein-  hoch. 
Er  sagte,  seit  ^  ^  Tlisang-seng  habe  es  dergleichen  noch 
nicht  gegeben.  Wenn  I-tschi  Mensclien  gemalt  hatte,  betüpfelte 
er  durch  mehrere  Jahre  nicht  dei'en  Augäpfel.  IMan  fragte  ihn 
um  die  Ursache.  Er  antwortete:  Bei  den  viei-  Gliedmassen 
sind  Verstand  und  Ijlödsinn  eigentlich  nicht  vorhanden.  Ver- 
schliesst  man  sie  an  einem  wundervollen  Orte,  überliefert  den 
Geist,  zeichnet  die  Erleuchtung,  so  befinden  sie  sich  gerade 
in  diesen  Dingen. 

Er  fand  einst  Gefallen  an  einem  Mädchen  der  Nachbar- 
schaft. Er  regte  sie  an,  sie  aber  folgte  ihm  nicht.  Er  zeichnete 
jetzt  ihr  Bild  an  die  Wand  und  nagelte  ihr  Herz  mit  Dornen 
und  Nadeln  an.  Das  Mädchen  beklagte  sich  hierauf  über  Herz- 
schmerzen. Er  betheuerte  deshalb  seine  Neigung,  und  das 
Mädchen  folgte  ihm.  Hierauf  entfernte  er  heimlich  die  Nadeln, 
und  sie  war  hergestellt. 

Er  schätzte  immer  das  Gedicht  der  vier  Worte  von  Hi- 
khang  •)  und  verfertigte  für  dasselbe  Zeichnungen.  Er  pflegte 
zu  sagen :  Mit  der  Hand  die  fünf  Saiten  eines  Musikwerkzeuges 
rühren,  ist  leicht.  Mit  dem  Auge  die  heimziehenden  Wildgänse 
begleiten,  ist  schwer.  —  Wenn  er  Menschen  abbildete,  überragte 
das  Wundervolle  die  Werke  seiner  Zeit.  Er  entwarf  einst  das 
Bild  i^  E^  Pei-khai's  und  brachte  auf  der  Wange  desselben 
drei  Haare  an.  Diejenigen,  die  es  sahen,  bemerkten,  dass  das 
Geistige  und  Erleuchtete  ganz  vorzüglich  überwog.  Er  verfer- 
tigte ferner  das  Bildniss  jS^  ||j-  Sie-kuen's  und  stellte  diesen 
von  Felsen  wänden  umschlossen  dar.  Er  sagte,  dieser  Mann 
solle  in  den  Wasserrinnen  der  Erdhügel  sichtbar  gemacht 
werden.  Er  wollte  j^  ^p|t  ^  Yin-tschung-kan  abbilden. 
Dieser  hatte  Augenschmerzen  und  weigerte  sich  beharrlich. 
I-tschi  sprach :  Das  Sammelhaus  des  Lichtes  ist  eben  nur  das 
Auge.  Wenn  ich  mit  Licht  die  Augäpfel  tüpfele,  verwischt  sie 
das  fliegende  Weiss.  Bewirke  ich,  dass  es  gleich  lichten  Wolken, 
die  den  Mond  verdecken,    wie    sollte  dieses  nicht  schön    sein? 

Ku-I-tschi  hinterlegte  einst  eine  an  der  Vorderseite  mit 
Pappe  gesiegelte  Kiste  Gemälde  an  dem  Wohnsitze  Hoan-yuen's. 

')  Hi-khang  ist  früher  (8.   148)  vorgekommen. 


158  Pfizmaier. 

Dieser  täuschte  ihn  und  sagte,  sie  sei  noch  nicht  geöfFnet 
worden.  I-tschi  sah,  dass  das  Siegel  sich  in  dem  früheren  Zu- 
stande befand,  er  vermisste  jedoch  die  Gemälde.  Er  sagte 
geradezu,  die  wundervollen  Gremälde  seien  in  Verkehr  mit  dem 
Reingeistigen  getreten,  sie  hätten  sich  verwandelt  und  seien 
verschwunden.  Es  sei  ebenfalls  wie  bei  Menschen,  die  zu  den 
Unsterblichen  emporsteigen.  Er  zeigte  in  seiner  Miene  durchaus 
keine  Verwunderung. 


■^    $^    Han-tschi    führte   den    Jünglingsnamen    -^    -M* 

King-sien.  Das  Weib  ;M  ^  Teng-lin's,  Aeltesten  von  Lung- 
schü,  war  krank  und  rang  durch  Jahre  mit  dem  Tode.  Die 
Aerzte  und  Beschwörer  gaben  sie  auf.  Tschi  zog  für  sie  die 
Wahrsagepflanze.  Er  liess  ein  Wildschwein  malen  und  be- 
festigte es  an  einem  Windschirm  des  Ortes,  wo  sie  lag.  In 
einer  Nacht  bemerkte  man,  dass  sie  sich  besserte.  Hierauf  war 
sie  bald  hergestellt. 

Das  Buch  der  Tsi  sagt : 

^    '^^     ^    Mao-hoei-yuen    von    Yung-yang    malte   mit 

Geschicklichkeit  Pferde.  Im.  ^1  Licu-thien  malte  mit  Ge- 
schicklichkeit  Frauen.  Sie  waren  beide  in  ihrem  Zeitalter  die 
Ersten. 


^  ^  3E  Wang-sieu-tschi  von  Tsi  führte  den  Jüng- 
lingsnamen ^  ^Ö  Pe-fen.  Zur  Zeit  als  er  als  Aufwartender 
in  dem  Inneren  diente,  war  ^/|lj  ^  Tsung-tsi  gegen  ihn 
freundschaftlich.  Sieu-tschi  wurde  noch  mehr  geehrt  und  geliebt. 
Jener  hiess  jetzt  ^|^  ^  |^  Lö-tan-wei  dessen  Bikl  malen 
und  sich  selbst  ihm  gegenüber  darstellen. 


Ä  ^  Wang-liang  führte  den  Jünglingsnamen  ^  5^ 
Schö-fung  und  stammte  aus  Lin-I.  Als  ^  Liang,  der  Sohn 
des  Königs  von  King-ling  aus  dem  Hause  Tsi,  das  westliche 
Einkehrhaus  für  die  Gäste  an  dem  Hofe  eröffnete  und  weise 
und  begabte  Männer  herbeizog,  liess  er  durch  Künstler  deren 
Bildnisse  malen.  Liang  war  ebenfalls  unter  ihnen. 


Kunstfertigkeiten  und  Künste  der  alten  (.'hinesen.  1  G9 

Das  Buch  der  Liang-  sag-t:  ' 

&  -j^  Fü-niaii  war  von  Gestalt  einfach  scliön  und  von 
Sitte  gcfilllig.  Der  Kaiser  stellte  ihn  immer  ^  ^j^  1^  lli- 
schö-ye  gleich.  Er  hiess  Lö-tan-wei  '),  einen  Menschen  von  U, 
das  Bild  Schö-ye's  malen  und  schenkte  es  Jenem. 


Der  zur  Nachfolge  bestimmte  Sohn      H^       ^      Tschao- 

ming    liebte     die    vorzüglichen     Männer.      "aT     ^      Ngai-wen 

und    j||^    ^1    :^J  Lieu-hiao-tschö    erschienen    in  Gemeinschaft 

mit    ^  J^^  Yin-yün  aus  der  Provinz  Tschin,  ^^  1^  Lö-tschui 

aus  der  Provinz  U,  -J^  ^  Wang-kiün  aus  Lang-ye  ^  ^Ij 
Tao-hiä  aus  Peng-tsching  nebst  Anderen  und  wurden  als  Gäste 
behandelt.  Der  Nachfolger  errichtete  eine  Halle.  Er  hiess  einen 
Maler  zuerst  das  Bild  Hiao-tschö's  malen. 

Das  Buch  der  späteren  Wei  sagt: 

Lieu-tse-nie  -)  Hess  in  den  Ahnentempeln  die  Bildnisse 
seiner  Vorfahren  malen.  Er  trat  in  den  Ahnentempel  seines 
Urgrossvaters  Yo,  zeigte  auf  das  Bild  mit  dem  Finger  und 
sprach:  Dieser  ist  sehr  mit  Ruhm  bedeckt  und  thatkräftig. 
Er  hat  mehrere  Himmelssöhne  gefangen  genommen.  —  Hierauf 
trat  er  in  den  Ahnentempel  seines  Grossvaters  I-lung,  zeigte 
auf  das  Bild  mit  dem  Finger  und  sprach:  Dieser  ist  nicht 
übel.  —  Hierauf  trat  er  in  den  Ahnentempel  seines  Vaters 
Siün  und  sprach:  Dieser  liebte  sehr  das  Vergnügen.  —  Auf 
seine  Umgebung  zurückblickend,  sprach  er:  Dieser  hatte  grosse 
Pusteln  auf  der  Nase.  —  Er  befahl  dem  Maler,  die  Nase  Siün's 
auf  dem  Bilde  mit  Pusteln  zu  versehen. 

Das  Buch  der  nördlichen  Tsi  sagt: 

J|^  :^  Hiao-heng,  König  von  Kuang-ling,  Hess  in  dem 
Gerichtssaale  grasgrüne  Falken  malen.  Wer  sie  sah,  hielt  sie 
für  echte. 


i|^    ^    Wei-scheu  führte  den  Jünglingsnamen    ^    '^j^ 
Pe-khi  und  stammte  aus  Khiö-yang  in  Khiü-l6.  Er  war  zugleich 


'  Lö-tan-wei  ist  gleich  obeu  (S.   168)  vorgfikomint^n. 

2  Lieu-tse-nie    ist  Fei-ti  (der  abgesetzte  Kaiser),     der  vierte  Kaiser  aus  dem 
Hause  Sung.  ' 


170  Pfizmaior. 

oberster  Buchführer  und  Yors^esetzter  des  Pfeilschiessens.  Der 
Kaiser  liess  in  dem  Garten  des  bkimio-en  Waldes  noch  beson- 
ders  den  Thiergarten  der  ursprünglichen  Insel  anlegen.  Man 
versah  ihn  im  äussersten  ]\Iaasse  mit  der  Zierlichkeit  der  Ge- 
birgswälder,  Söller  und  Thorwarten.  Eine  höchste  Verkündung 
befahl,  dass  man  in  den  Siillern  das  Bildniss  Scheu's  male. 
So  hoch  wurde  er  geschätzt. 

Das  Buch  der  Tschin  sagt : 

In  den  Ueberlieferungen  von  ^  1^  ^^  Ku-ye-wang 
heisst  es:  Als  der  König  von  Siuen-tsching  stechender  Ver- 
merker von  Yang -tscheu  war,  waren  Ye-wang  und  ^^  ^ 
Wang-pao  seine  Gäste.  Der  König  war  von  ihrer  Begabung  sehr 
eingenommen.  Ye-wang  liebte  ferner  das  Mennigrothe  und  Grüne. 
Er  zeichnete  vortrefflich  das  Bild  des  Königs  in  der  in  dem 
östlichen  Sammelhause  errichteten  Halle  des  Gebetes.  Der 
König  hiess  jetzt  Ye-wang  die  weisen  Männer  des  Alterthums 
malen  und  befahl  Wang-pao,  ihre  Lobpreisungen  zu  verfassen. 
Die  Zeitgenossen  rühmten  dieses  als  zwei  ausgezeichnete  Werke. 

Das  Buch  der  Thang  sagt: 


^  M  ß^  Tschang  -  tschang  -  tsung  befahl  einst  den 
Malern,  die  Bildnisse  von  achtzehn  ]\Ienschen,  unter  denen 
^^    ^    -^    Wu-san-sse,  ferner    der  die  Keden    vorbringende 

jlj^  ^p  Li-kiao,  der  aufwartende  Leibwächter  ^'  ffijc  Wk 
Su-wi-tao  von  dem  Söller  des  Pai-adiesvogels,  der  aufwartende 
Leibwächter  jf^  ^  Li-hing  von  dem  Palaste  des  Sommers, 
der  kleine  Aufseher  ^  ^  ^  Wang-schao-tsung  von  der 
glänzenden  Erdstufe  des  Einhorns,  sich  befanden,  zu  malen.  Er 
nannte    diese  Gemälde  die  Bildnisse  der  hohen  Männer. 


^  g^  Sie-tse  war  geschickt  im  Malen.  Er  bildete  sich 
auf  vielseitige  Weise  nach  den  alten  Denkmälern.  Als  Kaiser 
Jui-tsung  sich  in  Fan  befand,  ward  er  auf  dessen  kleine 
Studien  aufmerksam.  Tse  ward  hierauf  eigens  berufen  und 
hei'beigezogen. 

vS.    S^  Han-hoane-  hatte  eine  überaus  kunstreiche  Schrift. 
Zugleich    verstand    er    sich    auf  das  Mennigrothe   und   Grüne. 


Kunstfertigkeiten  und  Künste  der  alten  Chinesen.  1^1 

Weil  er  sich  mit  Malerei  nielit  eifrig-  beschäftigte,  verdunkelte 
er  seine  Fähigkeit.     Er  hatte  diese  Kunst  nicht  fortgesetzt. 


^  Wang-^vei  gelangte  in  Schrift  und  Älalerei  einzig 
zu  dem  Wundervollen.  In  den  Werken  des  Pinsels  legte  er 
die  Gedanken  nieder,  mengte  sich  mit  den  schafi'enden  Ver- 
wandlungen und  erfand  das  Gewebe  des  Sinnes.  Seine  Ge- 
mälde hatten  etwas  Durchbrochenes  wie  das  Ebenmässige  und 
Ferne  der  Berge  und  Flüsse,  umwölkte  Berggipfel,  die  Farbe 
der  Felsen,  Triebwerke  des  Himmels  ndt  getilgten  Spuren, 
was  von  den  Malern  nicht  erreicht  wurde.  Ein  jMensch  über- 
reichte einst  an  dem  Hofe  die  Zeichnung  eines  Musikstückes. 
Man  wusste  nicht  den  Namen  dieses  Stückes.  Wei  sah  es  au 
und  sprach:  Es  ist  der  erste  Tact  der  dritten  Faltung  des 
Regenbogenkleides.  —  Die  Freunde  der  Sache  sammelten  sich, 
die  Tonkünstler  untersuchten  es,  und  es  war  in  dem  ganzen 
Ausspruch  nichts  Unpassendes  oder  Falsches.  Alle  waren  über 
sein  reines  Denken  betroffen. 


2b  jjL  ^  Yen-li-pen  besass  zwar  die  entsprechende 
Fähigkeit  zu  Dienstleistungen,  war  aber  überaus  geschickt  im 
Zeichnen  und  im  Verfertigen  wahrer  Abbildungen.  Die  Bild- 
nisse der  achtzehn  lernenden  Männer  des  Sanniielhauses  von 
Thsin,  so  wie  der  in  dem  Zeiträume  Tsching-kuan  (627  bis 
649  n.  Chr.)  lebenden  verdienstvollen  Diener  des  Söllers  des 
kalten  Rauches  sind  das  Werk  Li-pcn's.  Alle  Zeitgenossen 
priesen  das  W^undervolle  dieser  Gemälde. 

Kaiser  Tai-tsnng  schiffte  einst  init  den  aufwartenden  Dienern 
und  den  lernenden  Männern  auf  dem  Teiche  des  Thiergartens 
des  Frühlings.  Ein  merkwürdiger  Vogel  folgte  in  ruhiger 
Haltung  den  Wellen.  Tai-tsung  sticss  an  ihn  und  freute  sich. 
Er  verlieh  mehrmals  nach  einander  Geschenke.  Den  Sitzenden 
wurde  verkündet,  dass  sie  ein  Loblied  verfertigen  sollen.  Er  berief 
Li-pen  zu  sich  und  hiess  ihn  den  Vogel  zeichnen.  Ausserhalb  des 
Söllers  rief  man  jetzt  fortgesetzt:  Yen-li-pen,  der  Meister  im 
Malen !  —  Derselbe  war  um  die  Zeit  bereits,  ein  dem  Gehalte  Vor- 
gesetzter und  Leibwächter  im  Lineren.    Er  lief,  vergoss  Schweiss, 


179  Pfiz  maier. 

bückte  sich  und  legte  sich  an  dem  Rande  des  Teiches  nieder. 
Er  bewegte  mit  der  Hand  Mennig  und  Kreide,  blickte  auf  die 
Gäste  der  Sitzhalle  und  konnte  nicht  umhin,  sich  zu  schämen. 
Als  er  sich  zurückgezogen  hatte,  ermahnte  er  seinen  Sohn  und 
sprach :  Ich  las  in  meiner  Jugend  gerne  Bücher.  Ich  war  so 
glücklich ,  das  Angesicht  nicht  kehren  zu  dürfen  gegen  die 
Wand.  Ich  folgte  meiner  Neigung,  färbte  den  Pinsel  und  er- 
reichte ziemlich  den  Lauf  der  Genossen.  Nur  durch  das  Mennig- 
roth und  Grün  bin  ich  bekannt  geworden.  Die  Anstrengung 
mit  dem  Leibe  bei  Dienstleistungen,  keine  Schande  ist  grösser, 
als  diese.  Du  solltest  dich  sehr  davor  hüten  und  diese  letzte 
Kunst  nicht  üben. 

S'  ^  ^  l>i-pao-tschin  von  Thang  war  Abgesandter 
der  Umschränkung  und  des  Masses  '  für  das  Kriegsheer  von 
^  fij^  Tsching-te.  Er  sagte  zu  dem  Abgesandten  ^Jl^  :^ 
Tschü-tao:  Ich  habe  gehört,  dass  der  Fürst  des  Geschlechtes 
Tschü  von  Angesicht  gleich  einem  Gotte.  Ich  fand  ihn  und 
erkannte  es.  Ich  möchte  es  im  gemalten  Bilde  betrachten. 
Wäre  dieses  möglich?  —  Tao  Hess  jetzt  sein  Bildniss  malen 
und  zeigte  es  ihm.  Pao-tschin  Hess  es  in  der  Halle  des  Pfeil- 
schiessens aufhängen  und  befahl  den  Anführern,  es  genau  zu 
betrachten.  Dabei  sagte  er :  Der  Fürst  des  Geschlechtes  Tschü 
ist  in  Wahrheit  ein  göttlicher  Mensch. 

Die    von    Tschung-wan    verfassten    Ucberlieferungen    von 
Angestellten  sagen: 

!&J^       ^j5       Tsching -schün    führte     den    Jünglingsnamen 

Aü  -M  Tschang-pe  und  stammte  aus  Kuang-han.  Er  war 
Statthalter  von  Yung-tschang.  Seine  Lauterkeit  und  seine  Un- 
eigennützigkeit  waren  einzig  und  alleinstehend.  Als  er  starb, 
malte  man  ihn  nach  der  Reihe  in  der  östlichen  Warte. 
Die  abgekürzte  Geschichte  der  drei  Thsin  sagt: 
Der  Kaiser  des  Anfangs  aus  dem  Hause  Thsin  verlangte 
eine  Zusammenkunft  mit  dem  Meergotte.  Der  Gott  sprach: 
Ich  bin  von  Gestalt  hüsslich.  Icli  bedinge  mir,  dass  Niemand 
mich  abljildct.  Als    diese   Zusammenkunft  mit  dem  Kaiser 


1     -ßB     jff      fS     Tsie-tu-sse,   Abgesandter    der   Umschrünkung  und   des 
Masses,  eine  liolie  kriegerische  Würde  zu  den  Zeiten  der  Thang. 


Kunstfertigkeiten  und  Kfmste  der  iilten  Clünesen.  1  73 

statttiuden  sollte^  ging-  der  Kaiser  des  Anfangs  dreissig  Weg- 
längen  weit  in  die  See,  itnd  sah  den  Gott  von  Angesicht.  In 
dem  Gefolge  war  ein  kunstfertiger  Mann ,  der  das  Bihl  des 
Gottes  heimlich  mit  dem  Fusse  zeichnete.  Der  Gott  zürnte 
über  diese  Wortbrüchigkeit  des  Kaisers.  Er  hiess  den  Kaiser 
schnell  sich  entfernen.  Der  Kaiser  des  Anfangs  Hess  diö  Pferde 
wenden.  Vorher  stand  er  noch  immer  auf  den  Füssen.  Später 
brachen  seine  Füsse  zusammen,  und  es  war  ihm  kaum  mög- 
lich, das  Ufer  zu  ersteigen.     Der  Zeichner  ertrank. 

Die  Geschichte  des  fortgesetzten  Wunderbaren  der  Denk- 
würdigkeiten '  sagt: 

Kaiser  Ming  von  Wei  lustwandelte  an  dem  Flusse  Lö. 
In  dem  Wasser  befanden  sich  weisse  Fischottern.  Dieselben 
waren  schön,  rein  und  lieblich.  Wenn  sie  einen  Menschen  er- 
blickten, verschwanden  sie  sogleich.  Der  Kaiser  tändelte  des- 
halb mit  ihnen,  aber  konnte  sie  durchaus  nicht  erlangen.  Der 
aufwartende' Diener  ijj  ^  King-schan  sprach  :  Ich  habe  ge- 
hört, dass  die  Fischotter  gerne  Kugeliische  verzehrt.  Sie  geht 
dann  dem  Tode  nicht  aus  dem  Wege.  Man  kann  ihr  hiermit 
auflauern.  —  Er  malte  jetzt  auf  ein  Bret  zwei  lebendige  Kugel- 
fische und  hängte  sie  an  dein  Ufer  auf.  Die  Fischottern  liefen 
wetteifernd  hinzu  und  wurden  dann  zu  gleicher  Zeit  gefangen. 
Der  Kaiser  belobte  ihn  und  sagte  zu  ihm:  Ich  habe  nicht 
gehört,  dass  du  die  Malerkunst  verstehst.  Wie  kommt  es,  dass 
du  hierin  so  wundervoll  bistV  —  Jener  antwortete:  Ich  habe 
auch  noch  niemals  den  Pinsel  ergriffen.  Was  der  Mensch  unter- 
nimmt, kann  er  so  ziemlich  thun.  —  Der  Kaiser  sprach:  Dieses 
ist  eine  gute  Anwendung  dessen,  worin  man  Meister  ist. 

Die  vennischte  Geschichte  der  westlichen  Mutterstadt  sagt : 
Da  in  dem  rückwärts  gelegenen  Pahiste  des  Kaisers  Yuen 
viele  Bewohnerinnen  waren,  kam  er  gewöhnlich  nicht  dazu, 
sie  zu  sehen.  Er  liess  daher  einen  Maler  deren  Bildnisse 
malen  und  beglückte  sie  je  nach  ihrei-  Gestalt.  Die  Bewohnerinnen 
des  Palastes  bestachen  den  Maler  mit  Beträgen  bis  zu  zehnmal 
.zehntausend  Stücken  Geldes.      ^^    J|3     3E     Wang-tschao-kiün 


'  Das  hier  gesetzte  ^  tM-  Tsi-liiai  ist  der  Titel  eines  v^n  Tschuaug-tse 
ei-wähnten  alten  Buches  und  stellt  für  jß  J^  Tsclii -knai .  Wunder- 
bares der  Denkwürdigkeiten. 


274  Pfiz  maier. 

mochte  dieses  nicht  thun  und  wurde  in  Folge  dessen  nicht 
vorg-estellt.  Später  beg-ehrte  der  König  der  Hiung-nu's  ein 
wohlgestaltetes  Mädchen  znr  Gemahlin.  Der  Kaiser  durchsah 
die  Bildnisse  und  liess  Tschao-kiün  die  Reise  antreten.  Als 
er  sie  zu  sich  berief  und  sie  von  Angesicht  sah,  Avar  sie  die 
erste  Schönheit.  Den  Kaiser  reute  es ,  allein  die  Tafel  mit 
dem  Namen  war  bereits  fortgegangen.  Er  liess  jetzt  die 
Sache  untersuchen,  und  die  Maler  wurden  öffentlich  hingerichtet. 
Unter  den  Malern,  welche  Geld  empfangen  hatten,  befand  sich 
W  ^^  ^  Mao-yen-scheu  von  Tu-ling.  Derselbe  malte  schöne, 
hässliche,  alte  und  junge  Menschen,  die  er  immer  genau  traf. 
JpOil  1^  Tschin -schang  von  Ngan-ling,  ^  ^j  Lieu-pe  und 
'^  ^  Kung-kuan  von  Sin-fung  malten  die  Gestalten'  von 
Rindern ,  Pferden  und  Menschen.  ^  i^  Yang-wang  von 
Hia-tu  malte  ebenfalls  gut  und  war  überaus  geschickt  im  An- 
ordnen der  Farben.  ^  ^  Puan-yo  war  ebenfalls  geschickt 
im  Anordnen  der  Farben.  Diese  Menschen  wurden  an  einem 
und  demselben  Tage  öffentlich  hingerichtet.  Die  Maler  der 
Mutterstadt  waren  hierauf  von  ungleicher  Beschaffenheit  und 
selten. 

Die  Geschichte  des  Auflesens  des  Hinterlassenen  sagt : 
Zu  den  Zeiten  des  Königs  Ling  von  Tscheu  war  ein  gewisser 
j^  ^^  Han-fang.  Derselbe  kam  aus  dem  Reiche  Khiü  -  siü 
und  machte  dem  Könige  Kamehle  zum  Geschenk.  Fang  war 
zwei  Klafter  hoch,  sein  Haupthaar  reichte  bis  zu  den  Knieen 
herab.  Die  Menschen  von  Tscheu  blickten  auf  ihn  wie  auf 
das  göttliche  Licht.  Er  bemalte  mit  Mennig  die  Hände  der 
Umgebung  des  Königs  und  bildete  die  Sonne  und  den  Mond, 
den  letzteren  sowohl  voll  als  im  Abnehmen ,  alles  von  der 
Wirklichkeit  nicht  verschieden.  Man  konnte  auf  hundert  Schritte 
leuchten.  Ferner  sprudelte  er  Wasser  und  bildete  Wolken,  welche 
die  Gegend  zu  seiner  Seite  verdeckten  und  schmälerten.  König 
Fjing  sah  dieses.  Plötzlich  wusste  man  nicht,  wo  Jener  sich 
befinde.     Einige  sagten,  er  sei  zu  dem  Himmel  emporgestiegen. 


Im  zweiten  Jahre  des  Kaisers  des  Anfangs  aus  dem  Hause 
Thsin  (245  v.  Chr.)  machte  das  Reich  Kicn-kiuen  einen  ge- 
schickten Maler,  Namens  ^  ^l|  Lie-I  zum  Geschenk.  Der- 
selbe nalun  Mennig  und  Tinte  in  den  Mund,  sprudelte  es  gegen 


Kunstfertigkeiten  uml  Künste  der  alten  Chinesen.  ]  75 

die  Mauer,  und  es  wurde  sogleich  zu  Bildel-n  von  Drachen 
und  Wolken.  Er  fuhr  mit  dem  Finger  üher  die  Erde,  als 
ob  er  sie  mit  einer  Messschnur  al)theilte.  P]r  drehte  die  Hand, 
als  ob  er  einen  Ziikel  l)eschriebe.  In  dem  Räume  eines  Ge- 
viertzolles waren  die  vier  Rinnen,  die  fünf  Berghöhen,  die 
sämmtlichen  Reiche  vollständig  angebracht.  Er  malte  Paradies- 
vögel und  göttliche  Vögel,  die  natürlich  waren,  als  ol)  sie  ein- 
herwandelten. 

Das  Buch  Han-tse  sagt: 

Unter  den  Gästen  war  Einer,  der  für  den  Könio-  von 
Tsi  malte.  Der  König  f]-agte  ihn :  Was  ist  am  schwersten  zu 
malen?  —  Jener  antwortete:  Hunde  und  Pferde  sind  das 
Schwerste.  —  Der  König  fragte :  Was  ist  das  Leichteste  ?  — 
Jener  antwortete:  Dämonen  und  alte  Gespenster  sind  das 
Leichteste.  Hunde  und  Pferde  werden  von  den  Menschen 
gekannt.  Am  Morgen  und  am  Abend  sieht  man  sie  vor  sich. 
Man  kann  nicht  aus  ihnen  etwas  Aehnliches  machen ;  deswegen 
sind  sie  schwer.  Dämonen  und  alte  Gespenster  haben  keine 
Gestalt.  W^as  ohne  Gestalt  ist,  kann  man  nicht  seilen;  des- 
wegen sind  sie  leicht. 

Das  Buch  Hoai-nan-tse  sagt : 

Malt  man  das  Angesicht  8i-schi's,  ^  so  ist  dieses  schön 
und  lieblich.  Sieht  man  das  Auge  Meng-fen's,  ^  so  ist  dieses 
gross  und  fürchterlich. 


Die  Gemälde  von  Sung,  die  Giesswerke  von  U  sind  sehr 
unscheinbar  und  wundervoll.  Die  höchste  Weisheit  Yao's  und 
Schün's  kann  sich  nicht  auf  sie  erstrecken. 

Die  Denkwürdigkeiten  des  Reiches  Hoa-yang  sagen : 
In  der  Provinz  Han-kia  stellte  man  sich  den  verschiedenen 
Fremdländeru  entgegen.  Es  war  angemessen ,  ilu-  Glanz  zu 
verleihen.  ]\Ian  schmückte  daher  die  Wälle  und  Wände  mit 
Zeichnungen  von  Blumen ,  bildete  in  den  Sanimelhäusern  und 
Tempeln,  sowie  an  den  Thoren  Götter  der  Berge,  Geister  des 
Meeres  und  erschöpfte  dabei  das  Wundei'bare.     Die  ihre  Zähne 


*  Si-schi,  die  berühmte  Schönheit. 

2  Meng-fen,  der  berühmte  Ringkämpfe 


176  Pfizmaier. 

einschneidenden  Fremdländer,  welche  aus-  und  eintraten,  fürchte- 
ten sich  vor  den  Pferden.  Einig-e  konnten  in  ihrer  Furcht 
nicht  weiter. 

Der  Garten  der  Gespräche  sagt : 

Tsi  errichtete  eine  neun  Stock  hohe  Erdstufe.  Wenn  Je- 
mand in  dem  Reiche  malen  konnte,  so  schenkte  man  ihm  Geld. 
^  ^  King-kittn,  ein  wahnsinniger  Mann,  litt  immer  Hunger 
und  Kälte.  Seine  Gattin  war  äusserst  rechtschaffen.  King- 
kiün  war  ein  Maler  und  verlangte  nach  dem  Gelde,  das  man 
für  das  Malen  schenkte.  Er  entfernte  sich  von  dem  Hause. 
Nach  langer  Zeit  gedachte  er  seiner  Gattin  und  malte  ihr  Bild. 
Er  wendete  sich  diesem  froh  und  lachend  zu.  Die  Menschen 
zu  seiner  Seite  sahen  dieses  und  meldeten  es  dem  Könige. 
Der  König  übersandte  zehnmal  zehntausend  Stücke  Geldes  und 
bat  um  die  Gattin.  Kino--kiün  ward  von  Furcht  erfasst.  Er 
erlaubte  es  und  gab  Gehöv. 

Der  Wagebalken  der  Erörterungen  sagt: 

Der  Mensch  sieht  gerne  Gemälde.  Was  gemalt  wird, 
sind  todte  Menschen  des  Alterthums.  Was  ist  besser:  das  An- 
gesicht der  todten  Menschen  sehen,  oder  ihre  Worte  und  ihren 
Wandel  betrachten?  —  Was  in  den  hinterlassenen  Schriften 
des  Alterthums,  auf  Bambus  und  Leinwand  aufgenommen  wor- 
den, ist  eine  grosse  Menge.  Wie  sollten  es  nur  die  Gemälde 
an  den  Wänden  und  Mauern  sein? 

Der  Stamm  des  Zeitalters  sagt: 

^     ^    Sse-hoang '  erfand  das  Abbilden, 

Die  neue  Einleitung  sagt: 

"^  Kao,  Fürstensohn  von  ^  Sehe,  liebte  die  Drachen. 
An  den  Thoren,  Blockhäusern ,  Vordächern  und  Fenstern  liess 
er  Bilder  von  Draciien  malen.  Eines  Morgens  liess  ein  wirk- 
licher Drache  sein  Haupt  bei  dem  Fenster  herab  und  bewegte 
den  Schweif  an  der  Thüre.  Der  Fürst  von  Sehe  erschrack  und 
versäumte  es,  ihn  zu  fangen. 

Das  Durchdringen  der  Gewohnheiten  sagt: 

Nach  dem  Buche  der  hundert  Häuser  sagt  man:  Kung- 
schü-puan  ■^  sah  über  dem  Wasser  eine  Seeschnecke.     Er  sagte 

>  Sse-hoang  war  ein  Diener  des  gelben  Kaisers. 

-  Kung-schü-iiuaii,    ancli    Lu-iiuaii    gfii.nuit,    ist  bei    den    Kunstfertigkeiten 
(S.   löi  und  158)  vorgekommen. 


Kunstfertigkeiten  und  Künste  der  alten  Chinesen.  177 

ZU  ihr:  Oeffne  dein  Kästchen  und  zeig-e  deine  ^Gestalt.  —  Die 
Seeschnecke  streckte  sogleich  das  Haupt  liervor.  Puan  bildete 
sie  mit  dem  Fusse  ab. 

Die  Verzeichnisse  berühmter  Gemälde  des  Alterthums 
und  der  Gegenwart  sagen : 

In  Tsin  Avar  ^  ^  ^  Sse-tao-tschö.  Derselbe  malte 
das  Bild  des  zehnten  Monates  der  Feldhäuser.  Es  wurde  von 
dem  Zeitalter  für  kostbar  gehalten. 

Die  von  Sün -tschang- tschi  verfassten  Erzählungen  von 
Malerei  sagen: 

Ä  all  Lieu-feu  verfertigte  zu  den  Zeiten  des  Kaisers 
Ling  von  Han  das  Bild  der  Milchstrasse.  Die  Menschen  sahen 
es  und  empfanden  von  selbst  Wärme.  Er  malte  wieder  das 
Bild  des  Nordwindes.  Diejenigen,  denen  warm  war,  empfan- 
den wieder  Kälte. 

Die  Einleitung  zu  der  von  Tschin-sse-waug  von  Wei  ver- 
fassten Lobpreisung  der  Malerkunst  sagt : 

Das  Malen  ist  der  Lauf  der  Vogelschrift '.  Einst  war 
Ming-te,  die  Königin  von  dem  Geschlechte  ]\Ia,  schön  von  An- 
gesicht und  gross  von  Tugend.  Der  Kaiser  befolgte  ihren 
Rath  und  belobte  sie.  Sie  besichtigte  einst  mit  ihm  Gemälde. 
Man  kam  zu  dem  Bilde  Schün's  von  Yü  und  sah  Na;o-hoane: 
and  Niü-ying.  ^  Der  Kaiser  zeigte  auf  diese  mit  dem  Finger, 
und  sagte  im  Scherze  zu  der  Königin :  Es  thut  mir  leid,  dass 
ich  kein  solches  Weib  gefunden  und  sie  zur  Königin  gemacht 
habe.  —  Man  hatte  auch  früher  das  Bild  Yao's  von  Thang 
gesehen.  Die  Königin  zeigte  mit  dem  Finger  auf  Yao  und 
sprach:  Leider!  Den  Dienern  und  hundert  Gefährten  thut  es 
leid,  dass  sie  keinen  solchen  Gebieter  auf  den  Häuptern  ti-agen 
können.   —  "*Der  Kaiser  blickte  zurück  und  seufzte. 

Die  Einleitung  zu  dem  bilderlosen  Gedichte  Tsin-tschuen- 
hien's  auf  die  Bildnisse  sagt : 

Früher  war  Jemand,  der  das  Bild  ^0  ~|v  Pien-ho's  malte. 
Derselbe  hielt  dafür,  dass  Tsang-wen-tschung  die  Weisheit  Lieu- 


^  Die  Vogelschrift,  eine  gewisse  Schriftgattung,  über  welche  nichts  Näheres 

angegeben  wird. 
2  Ngo-hoang    und   Niü-ying    waren    die    Tochter   des   Kaisers  Yao   und  die 

Gemahlinnen  des  Kaisers  Schau. 
Sitzb.  d.  pliil.-hist.  Cl.  LXIX.  Bd.  IL  litt.  12 


]^Y8  Pfizmuier. 

hia-hoei's  kannte,  aber  ihn  nicht  erhob.  Pien-ho  schnitt  sich 
die  Füsse  ab  ixnd  bestätigte  es  dadurch.  Er  entfernte  sich 
weit  von  ihm.  Der  Maler  malte  scherzweise  das  Bild  Tsang- 
wen-tschung's  neben  dasjenige  Pien-tse's.  Er  röthete  absicht- 
lich das  Angesicht  des  Ersteren,  um  zu  zeigen,  dass  dieser 
Mann  sich  noch  immer  schäme. 

Die  Einleitung  zu  den  Gemälden  von  Sung-ping-schan  sagt : 
In  die  Höhe  gerichtet  drei  Zoll  Malerei,  entspricht  wirk- 
lich   einer    Höhe    von    tausend   Klaftern.      Schräg   aufgetragen 
einige    Schuh   Tinte,    verkörpert    wirklich    ein    Zuwenden    von 
hundert  Weglängen. 

Die  Geschichte  berühmter  Gemälde  aller  Zeitalter  sagt: 
Das  Malen  breitet  Belehrung  und  Umgestaltung,  hilft  den 
Menschenklassen  erschöpfen  die  Veränderungen  des  Geistes, 
ere-ründen  das  Dunkle  und  Unscheinbare.  Es  hat  mit  den 
sechs  Schrifttafeln  gleiches  Verdienst.  Die  vier  Zeiten  drehen 
sich  im  Kreise,  sie  kommen  hervor  durch  den  Himmel,  sie 
entstehen  nicht  durch  die  Kunst.  Die  früheren  höchstweisen 
Könige  des  Alterthums  empfingen  den  höchsten  Betehl  und 
entsprachen  den  Verzeichnissen.  Die  Schriftzeichen  der  Schild- 
kröte ahmten  dann  das  Reingeistige  nach,  die  Abbildungen  be- 
kundeten das  Kostbare.  Seit  >^  ^  Tsao-sui  hatte  man 
diese  Glückszeichen.  Die  Werke  glänzen  in  den  kleinen  Glocken 
von  Rubin,  die  Sachen  sind  überliefert  in  den  goldenen  Schreib- 
heften. Das  Geschlecht  Fö-hi  brachte  es  hervor  aus  dem  ruhm- 
vollen Flusse.  Vorbilder,  Schrifttafeln,  Abbildungen  und  Ge- 
mälde trieben  Sprossen.  Das  Geschlecht  des  gelben  Kaisers 
fand  es  in  dem  warmen  Lö  '.  Sse-hoang^  und  g^  ^  Thsang-ke 
gaben  ihm  Gestalt. 


Das  Malen  vergleicht  man  mit  dem  Schreiben.  Was  den 
Wei-th  Ijctrifft,  so  mag  es  bei  den  Männern  der  Geschlechter 
^    Ku  und    1^    Lü  so  viel  sein,  als  durch  den  Himmel  ver- 


>  In  den  Verwandlungen  heisst  es:  Wenn  der  den  Rang  des  Königs  Er- 
messende das  Entsprechende  der  vollkonnnenen  Tugend  besitzt,  so  ist  das 
Wasser  des  Lö  früher  warm.  Deswegen  gibt  man  ihm  den  Namen:  der 
wanne  Lö. 

2  Sse-hoang  ist  oben  (S.   17^)  vorgekommen. 


Kunstfertigkeiten  und  Künste  der  alten  Chinesen.  179 

liehen.  Bei  ^^  |^  ^  Tschang-seng'-yao  mag-  es  so  viel 
sein,  als  Unoebundenheit.  Ein  kleines  Bueh  kann  man  im 
Umlierwandeln  vollenden.  Ein  Gcnnülde  kann  mau  in  Jahren 
und  Monaten  nicht  zu  Stande  bringen.  Desswegen  gibt  es  mehr 
Bücher  als  Gemälde.  Seit  dem  Alterthum  ist  dieses  so  gewesen. 
Jetzt  theilt  man  das  Alterthum  in  drei  Theile  und  l)e- 
stimmt  dadurch  Werth  und  Unwerth.  Hält  man  Han  und  die 
drei  Reiche  mit  Inbegriff  Wei's  für  das  höhere  Alterthum,  so 
ist  hier  der  Lebenslauf  [I(j^  ^  Tschao-khi's ,  Lieu-feu's ', 
^     ^    Tsai-yung's,     Tschang -heng's  2^    ^    ^  Tsao-mao's, 

^  ^  Yang-siün's,  ^  ^  Hoan-fan's^  Siü-mö's  \  J&  ^   W 
Tsao-pü-hing's  *    und    Tschü-kö-liang's  ■'. 

Hält  man  Tsin  imd  Sung  für  das   mittlere  Alterthum,    so 
ist  hier  der  Lebenslauf  des  Kaisers   BH   Ming,    m^    ^    Siün- 

hö's,    j^    ^    Wei-hie's''     |M.    ^    ^^ '^^ig-J'''*^;     Ku-I-tschi's  ^, 

f^    Hj-    Sie-tschi's,    Hi-khang's  "^     ^    ^    Tai-khuei's  ■',     Lö- 

tan- wei's  ^",      -4fr-     ^    !^    Ku-pao-sien's,  ^     ^     ;^    Yuen- 

tsien-ku's  und    ^    ^&    ^r    King-sieu-tschi's  i'. 

Hält  man  Tsi,  Liang,  die  nördlichen  Tsi,  die  späteren 
Wei,  Tschin  und  die  späteren  Tscheu  für  das  niedere  Alter- 
thum, so  hat  man  den  Lebenslauf  ^^  ^^  Yao-tan's,  |^  |i|- 
Sie-he's,  Lieu-thien's,  Mao-hoei-yuen's  '-,  d(!s  Kaisers  Vucn, 
^     ^     Yuen-ngang's,    Tschang-seng-yao's ':>,      ^    fg"    /X 

1  Lieu-feu  ist  oben  (S.  177)  vorgekommen. 

2  Tsehang-heng    ist     oben    (S.    148)    vorgekommen.     Die    bier    genannten 
vier  Maler  lebten  in  dem  Zeitalter  der  späteren  Han. 

'  Siü-mo  ist  oben  (S.  lOG)  vorgekommen.     Die   bier  genannten  vier   Maler 

lebten  in  dem  Zeitalter  der  frülieren  Wei. 
*  Tsao-pü-hing  lebte  in  dem  Zeitalter  von  U. 

5  Tscbii-ko-liang  ist  bei  den   Kniistfertigkeiten  (R.    148)  vorgekoiniiicn.     Kr 
b^bte  in  dem  Zeitalter  von  Sclio. 

6  Wei-bie  ist  bei  den  Kunstfertigkeiten  (S.   1 63)  vorgekommen. 
~'  Kn-I-tscbi  ist  oben  (S.  167)  vorgekommen. 

8  Hi-kbang  ist  bei  den  Kniistfertigkeiten  (S.  148)  vorgekommen. 

9  Die  obigen  acbt  Maler  lebten  in  dem  Zeitalter  der  Tsin. 
1"  Lö-tan-wei  ist  oben  (S.  168)  vorgekommen. 

11  Die  obigen  vier  Maler  lebten  in  dem  Zeitalter  der  Snng. 

12  Lien-tbien  nnd  Mao-boei-ynen  sind  oben  (S.  168)  vorgekonini.'ii.  Die  bier 
genannten  vier  Mab'r  lebten  in  dem  Zeitalter  der  Tsi. 

"  Tschang-seng-yao  ist  oben  (S.   179)  erwäbnt  worden. 

12* 


180 


P  f  i  z  ra  a  i  e  r. 


Kiang-seng-pao's  I,  0  ^  ^  Yang- -  tse  -  hoa's,  >^  f§  B3 
Tieu-seng-liang's,  J^  ?^  #J  Lieu-schä-kuei's ,  g  ^}^  ^ 
Tsao-tscliung-tas'-i,  ^  ^  M  Tsiang  -  schao  -  yeu's, 
-g  Jl^  Yang-khe-te's  :\    Ku-ye-wang's  i    und    jjß  ^  }^ 


Fuui>--ti-kia's  ^. 


Was  den  Wertli  von  Sui  und  Thang,  welche  die  nahen 
Zeitalter  sind,  betrifft,  so  ist  hier  der  Lebenslauf  ^  ^Q 
Tuug-pe-jin's,  ^  -^  M  Tschen-tse-khien's,  ^  ^ 
Sün-schang-tse's,  i  ft  SB  Tsching-fa-sse's,  ;^  ^ 
Yang-ke-tan's,  ^  ^  |^  Tschin-schen-kien's «,  gjg  ^ 
Tschang -hiao-sse's,  ^  ft  ^  Fan  -  tschang  -  scheu's, 
!&  ^  Ä  it  Wei-tschi-yi-seng's,  ^|^  ^  J  Wang-tschi- 
schin's,    ^^    Vr     IMl    Yen-ll-tc's  und  Yen-li-pen's ''. 

liliiV        .11*         l^jJ 


Wenn  man  von  Büchern  und  Schrifttafeln  spricht,  wie 
könnten  da  die  neun  Bücher  und  die  drei  Geschichtschreiber 
mangeln?  Die  Männer  der  Geschlechter  Ku,  Lö,  Tschang 
und  U  sind  die  richtigen  Bücher.  Die  Männer  der  Ge- 
schlechter Yang,  Tsching,  Tung  und  Tschen  sind  die  drei 
Geschichtschreiber.  Die  übrigen  Gemälde  sind  die  hundert 
Häuser. 

Einst  sagte  Sie-he^:  Bei  dem  Malen  gibt  es  sechs  Weisen. 
Die  erste  heisst:  Der  Einklang  der  Luft  entsteht  und  bewegt 
sich.  Die  zweite  heisst :  Nach  dem  Vorbilde  der  Knochen  führt 
man  den  Pinsel.  Die  dritte  heisst:  Den  Dingen  entsprechend 
bildet   mau    die  Gestalt.    Die    vierte    heisst:    Je    nach   der  Art 


1  Die  hier  genannten  vier  Maler  lebten  in  dem  Zeitalter  der  Liang. 

2  Die  hier  s-enannten  vier  Maler  lebten  in  dem  Zeitalter  der  nördlichen  Tsi. 

3  Die  hier  genannten  zwei  Maler  lebten  in  dem  Zeitalter  der  späteren  Wei. 
••  Ku-ye-wang  ist  oben  (S.  170)  vorgekonuuen.    Derselbe  lebte  in  dem  Zeit- 
alter der  Tschin. 

5  Dieser  Maler  lebte  in  dem  Zeitalter  der  späteren  Tscheu. 

^  Die  hier  genannten  sechs  Maler  lebten  in  dem  Zeitalter  der  Sui. 
■^  Yen-li-pen  ist  oben  (S.  171)  vorgekommen.  Die  hier  genannten  sechs  Maler 
lebten  in  dem  Zeitalter  der  Thaug. 

6  Sie-he  ist  oben  (S.   17i))  erwähnt  worden. 


KuiistfeitigkoitPTi  nml  Ki'instp  der  altpn  Chinnsfin.  1  i^  | 

breitet  man  den  Far})enschmiick.  I)i(i  fünfte!  hoisst:  Durch 
Aufbauen  und  Einrichten  wird  die  Kang-stufe  gesetzt.  Die 
sechste  heisst:  Das  Muster  anlegen  und  abzeichnen.  Seit  dem 
Alterthum  waren  die  Maler  selten  fähig,  dieses  nebenbei  zu  wissen. 

Die  Erörterungen  des  Versuches  sagen :  TJnter  den  Ma- 
lern des  Alterthums  gab  es  Einige,  welche  die  Aehnlichkeit 
der  Gestalt  hintansetzten  und  die  Luft  der  Knochen  schätzten. 
Durch  etwas,  das  ausserhalb  der  Aehnlichkeit  der  Gestalt, 
trachteten  sie  zu  malen,  ITierüber  kann  man  schwer  mit  den 
gewöhnlichen  Menschen  reden.  Die  jetzigen  Maler  lassen  es 
geschehen,  dass  sie  die  Aehnlichkeit  der  Gestalt  erlangen^  aber 
der  Einklang  der  Luft  wird  nicht  hervorgebracht.  Trachtet 
man,  nach  dem  Einklang  der  Luft  zu  malen,  so  ist  die  Aehn- 
lichkeit der  Gestalt  von  selbst  dazwischen  enthalten. 

Die  .Gemälde  des  höheren  Alterthums  waren  gekürzt  und 
ihr  Gedanke  ruhig.  Der  Gedanke  war  ruhig  und  die  Zierlich- 
keit richtig.  Dieses  ist  der  Lauf  der  Männer  der  Geschlechter 
Ku  und  Lö.  Die  Gemälde  des  mittleren  Alterthums  waren  fein, 
verschlossen  und  geistig.  Durch  Ausbessern  gelangten  sie  zu 
Zierlichkeit.  Dieses  ist  der  Lauf  der  Männer  der  Geschlechter 
Tschen  und  Tsching.  Die  Gemälde  der  nahen  Zeitalter  sind 
hellglänzend  und  zeigen  ein  Streben  nach  Vollendung.  Die 
Gemälde  der  jetzigen  jMenschen  sind  unordentlich  und  ohne 
tiefen  Sinn.  Dieses  ist  die  Spur  sämmtlicher  Künstler. 

Bei  der  Abbildung  der  Dinge  handelt  es  sich  gewiss  um 
die  Aehnlichkeit  der  Gestalt.  Bei  der  Aehnlichkeit  der  Gestalt 
muss  man  die  Luft  der  Knochen  unvei'sehrt  erhalten.  Die  Luft 
der  Knochen  und  die  Aehnlichkeit  der  Gestalt  haben  ihren 
Grund  in  der  Hinstellung  des  Gedankens  und  kehren  zurück 
zu  der  Führung  des  Pinsels.  Desswegen  sind  künstliche  Ge- 
mälde häufig  künstliche  Schriften.  Somit  sind  bei  den  Frauen 
des  Alterthums  die  Ai'me  schmächtig  und  die  Knochen  stache- 
lich.  Bei  den  Pferden  des  Alterthums  ist  die  Schnauze  spitzig 
und  der  Bauch  dünn.  Die  Erdstufen  und  Söller  des  Alterthums 
waren  hoch  und  bergartig.  Die  Kleider  und  der  Schmuck  des 
Alterthums  waren  voll  und  reichlich.  Desswegen  bieten  die 
alten  Gemälde  nicht  alhnn  durch  das  veränderliche  Aussehen 
Wunderbares  und  Merkwürdiges.  Es  ist  vielmehr  auch  die 
Verschiedenheit  der  Gestalt  der  Dinge. 


■Jg2  Pfizmaier. 

Betrachtet  man  rings  alle  Gemälde,  so  hat  blos  der 
Geborene  des  Geschlechtes  Kn  die  weisen  Männer  des  Alter- 
thnms  gemalt  und  die  wundervolle  Anordnung  erlangt.  Ihnen 
gegenüber  wird  bewirkt,  dass  der  Mensch  den  ganzen  Tag 
nicht  ermüdet,  erstarren  zu  machen  den  Geist,  weithin  zu 
denken.  Das  wundervolle  Aufwachen  erfolgt  von  selbst.  Die 
Dinge  und  unser  Selbst  werden  beide  vergessen.  Man  trennt  sich 
von  der  Gestalt,  entfernt  sich  von  dem  Verstände.  Der  Leib  kann 
sicher  dahin  gebi'acht  werden,  dass  er  gleich  einem  verdorrten 
Baume.  Das  Herz  kann  sicher  dahin  gebracht  werden, ,  dass  es 
o-leich  todter  Asche.  Gelangte  er  da  auch  nicht  zu  wundervoller 
Anordnung?  Dieses  ist  es,  was  man  die  Wege  des  Malens 
nennt.  

Tschang-heng  von  Plan  führte  den  Jünglingsnamen  -^  ^ 
Ping-tse,  Einst  war  auf  dem  Berge  des  Districtes  Pu-tsching 
in  Kien-tscheu  ein  vierfüssiges  Thier,  dessen  Name  jjj^  ^ 
Kiai-schin  (den  Geist  erschreckend).  Dasselbe  hatte  den  Leib 
eines  Schweines,  das  Haupt  eines  Menschen,  und  sein  Aussehen 
war  böse.  Die  hundert  Dämonen  fürchteten  es.  Es  trat  gern 
an  den  Rand  des  Wassers  und  auf  die  Felsen.  Ping-tse  ging 
hin  und  zeichnete  es.  Das  vierfüssige  Thier  trat  in  die  Seiten- 
tiefe und  kam  nicht  hervor.  Man  sagte,  dieses  Thier  fürchte 
das  Malen,  desswegen  komme  es  nicht  hervor.  Man  möge  das 
Papier  und  den  Pinsel  entfernen.  Man  entfernte  dieses  sofort, 
und  das  Thier  kam  wirklich  hervor.  Ping-tse  legte  die  Hände 
zusammen  und  bewegte  sie  nicht.  Er  zeichnete  das  Thier  heim- 
lich mit  den  Zehen.  Gegenwärtig  heisst  der  Ort:  die  Seiten- 
tiefe des  abgebildeten  vierfüssigen  Thieres. 


Einst  lernte  ^  ß^  Tschang-tschi  die  Weise  der  Pflan- 
zenschrift jg  ^  Thsui-yuen's  und  ^  j^^  Tu-tö's.  Dabei 
verändei'te  er  sie  und  bildete  die  Zeichenkörper  der  heutigen 
Pflanzenschrift.  Dieselbe  besteht  darin,  dass  sie  mit  ganzen 
Pinselsti'ichen  gebildet  wurde.  Luft  und  Adern  hingen  im 
Verkehr  zusammen,  abgeschlossene  Ziigc  wurden  nicht  durch- 
schnitten. Bloss  ^  -^  ^  Yang-tse-king  erleuchtete  deren 
tiefen  Sinn.  Desswegen  setzten  die  Zeichen  der  späteren  Haupt- 


Kunstfertigkeiten  uiui   Künsto  Her  alten  Chiiiesoii.  183 

stücke  allmälig  die  iVüiioron  Züge  fort.  Das  Zeitalter  nannte 
sie :  die  Schrift  der  ganzen  Pinselstriclie.  8j)äter  erfand  Lö-tan- 
wei  ebenfalls  eine  Schriftgattung.  Die  Striche  hingen  in  ihr 
zusammen  und  waren  nicht  unterbrochen.  Daher  wusste  man, 
dass  Schrift  und  Malerei  bei  Führung  des  Pinsels  die  Weise 
gemeinschaftlich  haben.  Lo-tan-wci  war  geistvoll,  scharf,  mild, 
einschmeichelnd,  neu,  ausserordentlich,  über  alles  wundervoll. 
Sein  Name  ragte  hoch  in  dem  Zeitalter  der  Sung.  Zu  seiner 
Zeit  gab  es  nicht  seines  Gleichen. 


ijl"  "^  Tsao-tschi  von  Wei  sagte:  Diejenigen,  welche 
Gemälde  betrachten,  wenn  sie  die  drei  Erhabenen,  die  fünf 
Kaiser  sehen,  ist  keiner,  der  nicht  emporblickt  und  sie  auf 
dem  Haupte  trägt.  Sehen  sie  die  fünf  letzten  bedrückenden 
Vorgesetzten,  ist  keiner,  der  nicht  Schmerz  empiindet  und  er- 
schrocken seufzt.  Sehen  sie  widerrechtlich  Besitz  ergreifende 
Diener,  mörderische  Söhne,  ist  keiner,  der  nicht  mit  den  Zähnen 
knirscht.  Sehen  sie  hohes  Maasshalten,  wundervolle  Männer, 
ist  keiner,  der  nicht  vergisst,  Speise  zu  nehmen.  Sehen  sie 
Umschränkung  der  Redlichkeit,  Tod  bei  dem  Unglück,  ist 
keiner,  der  nicht  das  Haupt  aufstützt.  Sehen  sie  entlassene 
Diener,  verjagte  Söhne,  ist  keiner,  der  nicht  seufzt.  Sehen  sie 
ausschweifende  Männer,  eifersüchtige  Weiber,  ist  keiner,  der 
nicht  seitwärts  blickt  mit  den  Augen.  Sehen  sie  edle  Königinnen, 
gehorchende  Kaiserinnen,  ist  keiner,  der  sich  nicht  über  ihren 
vornehmen  Stand  freut.  Was  in  einem  Spiegel  Fortbestand  zu 
geben  weiss,  ist  die  Malerkunst. 


Tschü  -  ko  -  Hang  von  Scho  führte  den  Jünglingsnanien 
BH  ^  Khung-ming.  Die  Denkwürdigkeiten  des  Reiches  Hoa- 
yang  sagen:  Bei  den  Fremdländern  d(!S  Südens  war  es  Sitte, 
Beschwörer  und  Dämonen  vorzuladen.  Man  liebte  es,  Verträge 
zu  schliessen,  zu  verwünschen,  zu  versprechen  und  Geissein 
zu  geben.  Tsehü-kö-liang  verfertigte  jetzt  für  die  Fremdländer 
Gemälde.  Er  malte  zuerst  den  Himmel  und  die  Erde,  die 
Sonne  und  den  Mond,  die  Gebieter,  die  Aeltestcn,  Stadtmauern 
und    Sammelhäuser.     Hierauf  malte    er    Götter     und    Drachen 


134  Pfizmaier. 

sammt  Rinderu,  Pferden,  Kamehleu  und  Schafen,  Zuletzt  malte 
er  Abtheilungen,  Vorgesetzte,  Angestellte,  die  mit  Pferden  fuhren, 
Fahnen,  Wageudächer,  weite  Reisen^  Gemächlichkeit  und  Sorge. 
Ferner  malte  er  Fremdländer,  die  an  Stricken  Rinder  führten, 
auf  dem  Rücken  Wein  trugen,  Gold  und  Kostbarkeiten  brachten 
und  sich  her  begaben.  Er  schenkte  es  den  Fremdländern. 
Diese  schätzten  es  sehr  hoch. 


Tsao-pü-hing  '  stammte  aus  U-hing.  Sün-kiuen  hiess  ihn 
Windschirme  bemalen.  Pü-hing  Hess  aus  Versehen  den  Pinsel 
fallen,  wodurch  reine  Stellen  tüpfelig  wurden.  Er  bildete  daraus 
Fliegen.  Sün-kiuen  muthmasste,  es  seien  wirkliche  Fliegen  und 
fuhr  gegen  sie  mit  der  Hand.  Um  die  Zeit  rühmte  man  die 
acht  Ausgezeichneten  '^  von  U. 

In  dem  Zeiträume  Tschl-U  (238  bis  250  n,  Chr.)  gelangte 
Pü-hing  nach  Tsing-khi.  Er  sah  daselbst  einen  rothen  Drachen, 
der  über  dem  Wasser  hervorkam.  Er  zeichnete  ihn  ab  und 
überreichte  ihn  ^  -^  Sün-hao.  Dieser  schickte  ihn  in  das 
geheime  Sammelhaus.  Als  die  Zeiten  des  Hauses  Sung  gekom- 
men waren,  sah  Lö-tan-wei  das  Gemälde  und  seufzte  über 
das  Wundervolle  desselben.  Als  er  jetzt  nach  Tsing-khi  gelangte, 
sah  er  diesen  Drachen  wieder.  Zu  den  Zeiten  der  Sung 
herrschte  Monate  hindurch  übermässige  Dürre,  und  das  Beten 
war  ohne  Erfolg.  Man  nahm  jetzt  den  Drachen  Pü-hing's  und 
stellte  ihn  an  dem  Rande  des  Wassers  auf.  Als  dieses  geschah, 
ward  das  angehäufte  Wasser  zu  Nebel,  und  es  regnete  Monate 
hindurch  in  Strömen.  Sie-he  sagte,  die  Werke  Pü-hing's  seien 
in  dem  Zeitalter  nicht  mehr  zu  sehen,  und  es  gebe  nichts 
weiter  als  einen  Drachen  in  dem  Inneren  eines  geheimen  Söl- 
lers. Betrachtet  man  den  Wind  und  die  Knochen  des  Werkes, 

1  Tsao-pü-hing  ist  oben  (S.  179)  erwähnt  worden. 

-  Was  die  acht  Ausgezeichneten  betrifft,  so  verstand  sich  Tsching-yü  von 
Ku-tsching  auf  die  Beobachtung.  Lieu-tün  verstand  sich  auf  die  Stern- 
bilder. U-fan  verstand  sich  auf  die  Erspähung  des  Windes  und  der  Luft. 
Tschao-tä  verstand  sich  auf  die  Rechenkunst.  Yen-wu  verstand  sich  auf 
das  Bretspiel.  Sung-scheu  verstand  sich  auf  die  Auslegung  der  Träume. 
Hoang-siang  verstand  sich  auf  die  Schrift.  Tsao-pü-hing  verstand  sich 
auf  die  Malcrkunst, 


Kunstfertigkeiten  tind  Künste  der  alten  Chinesen.  1  35 

SO  ist  der  Name  dieses  Mannes  kein  leerer,  l^r  gehört  zu  den 
Malern  ersten  Ranges. 


Ku-I-tschi  von  Tsin  führte  den  Jünglingsnanien 
Tschang-khang.  Derselbe  malte  einst  in  der  nördlichen  Vor- 
halle des  Klosters  des  Palastes  der  Dachziegel  einen  ^  J^  ^ 
Wei-mo-ke.  Als  das  Gemälde  vollendet  war,  leuchtete  es  täg- 
lich über  einen  Monat. 

Die  Geschichte  der  Klöster  der  Mutterstadt  sagt,  in  dem 
Zeiträume  Hing-ning  (363  bis  365  n.  Chr.)  habe  man  in  das 
Kloster  des  Palastes  der  Dachziegel  zum  ersten  Male  Bonzen 
gelegt.  Man  bewerkstelligte  eine  Zusammenkunft  und  bat 
die  weisen  Männer  des  Hofes,  die  Geldstücke  des  J^  ^|J 
Sä-tschü  (buddhistischen  Klosters)  klingen  zu  lassen.  Um  die 
Zeit  war  unter  den  vorzüglichen  Männern  und  Grossen  des 
Reiches  keiner,  der  mehr  als  zehnmal  zehntausend  Stücke 
Geldes  besass.  Als  Tschang-khang  angekommen  war,  warf  er 
gerade  hundertmal  zehntausend  Geldstücke  des  Sä-tschü  aus. 
Tschang-khang  war  ganz  arm,  und  man  hielt  es  für  Prahlerei. 
Später  baten  ihn  die  Bonzen,  dass  er  sich  mit  dem  Malen 
befasse.  Tschang-khang  sagte:  Man  soll  mir  eine  Wand  in 
Bereitschaft  halten.  Hierauf  verschloss  er  die  Thüre  und  ging 
über  einen  Monat  täglich  hin  und  wieder.  Als  das  Kunstwerk 
eines  von  ihm  gemalten  Wei-ma-ke  fertig  war,  wollte  er  die 
Augäpfel  mit  Punkten  versehen.  Er  sagte  jetzt  zu  den  Bonzen 
des  Klosters :  Den  ersten  Tag  wurde  eine  Spende  von  zehnmal 
zehntausend  Stücken  erbeten.  Den  zweiten  Tag  mochten  es 
fünfmal  zehntausend  sein.  Den  dritten  Tag  kann  man  seines 
Gleichen  beauftragen  und  die  Spende  fordern.  —  Als  man  die 
Thüre  öffnete,  erleuchtete  der  Glanz  das  ganze  Kloster.  Den 
Spendern  war  die  Kehle  verschlossen.  Unverhofft  erlangte 
man  hundertmal  zehntausend  Stücke  Geldes. 

I-tschi  sagte  einst,  Menschen  malen  sei  das  Schwerste. 
Hierauf  folgen  Berge  und  Flüsse.  Diesen  zunächst  kommen 
Hunde  und  Pferde.  Erdstufen  und  Söller  seien  sicher  nur  eine 
Geschicklichkeit,  sie  seien  nach  Maassgabe  leicht.  Dieses  Wort 
trifft  die  Sache.  Dämonen,  Geister  und  Menschen,  die  leben 
und  sich  bewegen,  kann  Gestalt  gegeben  werden.    Man  wartet 


186  Pfizmaier. 

auf  den  Einklang-  des  Geistes,  und  sie  sind  dann  ein  Ganzes. 
Wenn  der  Einklang  der  Luft  sich  nicht  herumdreht,  breitet 
man  vergebens  Gestalt  und  Bild.  Wenn  die  Kraft  des  Pinsels 
noch  nicht  gekommen,  versteht  man  sich  vergebens  auf  das 
Auftragen  bunter  Farben.    Man  sagt,    es    ist   nicht  wundervoll. 


^  '^  'S  Ku-siün-tschi  von  Sung  suchte  sich  immer 
ein  hohes  ^Stockwerk,  um  daselbst  zu  malen.  »So  oft  er  ein 
Stockwerk  erstieg,  entfernte  er  die  Leiter.  Die  Menschen  des 
Hauses  sahen  ihn  selten.  Wenn  eine  Zeitlang  helles  Sonnen- 
licht glänzte,  dann  erst  nahm  er  die  Haarspitzen  in  den  Mund. 
Wenn  Himmel  und  Erde  düster  und  traurig  waren,  erfasste 
er  nicht  den  Pinsel.  Bei  den  heutigen  Malern  kommen  Pinsel 
und  Tinte  mit  Staub  in  Berührung.  Wenn  das  Mennigrothe 
und  Grüne  sich  mit  Schlamm  und  Bodensatz  verträgt,  verun- 
reinigt man  blos  die  weisse  Seide.  Wie  könnte  man  dieses 
ein  Gemälde  nennen?  Seitdem  Alterthum  verachteten  diejenigen, 
welche  gut  malten,  Kleider  und  Mützen,  sie  schätzten  aber  die 
Panzer.  Als  unabhängige  Männer  und  hochsinnige  Menschen 
erhoben  sie  das  Wundervolle.  Zu  einer  Zeit  überlieferten  sie 
das  Vortreffliche  für  tausend  Jahre.  Dieses  ist  etwas,  das  die 
Niedrigen  und  Gemeinen  der  Thore  der  Gassen  nicht  zu  thun 
im  Stande  sind. 


Tsung-tsi  '  von  dem  südlichen  Tsi  führte  den  Jünglings- 
namen :jU  ^  King-wei.  Er  war  der  Enkel  ^  Piug's^. 
Geschickt  im  Malen,  setzte  er  die  Beschäftigung  seines  Gross- 
vaters fort.  Um  die  Zeit  wollte  er  zu  den  berühmten  Bergen 
wandeln.  Er  zeichnete  jetzt  das  Bildniss  ^^  -^  '^  Schang- 
tse-ping's,  das  von  seinem  Grossvater  Ping  gemalt  worden,  an 
die  Wand,  zog  sich  in  das  Gebirge  von  j^  Lu  zurück  und 
l)ewohnte  das  alte  Wohnhaus  Ping's.  Er  malte  ^  ^j^  Yuen- 
tsie,  wie  dieser  mit  ^  ^  Sün-teng  an  der  Schutzwehr  des 
Wandeins  zusannnentraf.     Er    sass    und   lag  dem  Bilde  gegen- 


'  Tsung-tsI  ist  oben  (S.  168)  erwähnt  worden. 

-  Tsnng-inng,   ebenfalls  ein   berühmter  Maler,   wird    in    diesen  Nachrichten 
nicht  erwähnt. 


Kunstfertigkeiten  luul  Iviinste  der  alti'ii  Cliinesen.  187 

über.  Dann  malte  er  die  Ei-dstufe  des  Schattens  Biiddha's  in 
dem  Kloster  von  Yung-nio.  Beide  Werke  wurden  als  überaus 
wundervoll  gepriesen. 


Sie-he  i  und  ^  jiß^  Yao-tsui  von  dem  südlichen  Tsi 
sagten,  bei  dem  Tüpfeln,  Putzen  und  geistigen  Schleifen  sei 
der  Gedanke  auf  durchgängige  Achnlichkeit  gerichtet.  Wenn 
man  Bildnisse  zeichnet,  brauche  man  die  Menschen  nicht  gegen- 
über zu  sehen.  Nothwendig  sei,  dass  man  sie  einmal  anblickt. 
Alan  kehre  sofort  heim  und  erfasse  den  Pinsel.  Man  denke 
sich  vor  den  Augen  Haarspitzen  und  Haupthaar,  niehts  werde 
zurückgelassen  und  versäumt.  Die  zierliche  Kleidung  und  der 
Putz  verändern  sich  und  wechseln  mit  der  Zeit.  Die  Augen- 
brauen und  der  gekrümmte  Haarschopf  wetteifern  mit  den 
Geschlechtsaltern  in  Neuheit.  Die  besondere  Vcrköi'perung  des 
Dünnen  und  Unscheinbaren  nahm  in  vielen  Fällen  von  He 
seinen  Anfang.  Hierauf  sandte  man  ihn  aus  und  setzte  ihn  in 
die  Gässchen.  Er  verfolgte  die  Spitzen  immer  auf  ähnliche 
Weise.  Er  ahmte  das  Brauenrunzeln  bis  zu  dem  Einklang  der 
Luft  nach.  Sein  Geistiges  und  Reingeistiges  waren  unerschöpflich. 
Bei  dem  Anbringen  des  Lebens  und  der  Bewegung  war  der 
Weg  seines  Pinsels  fein  und  schwach.  Er  theilte  nicht  das 
Innige  des  zierlichen  Anbringens.  Nach  dem  Zeiträume  Tschung- 
hing  (501  .  bis  502  n.  Chr.)  malte  er  ]\Ienschen  und  Pferde. 
Hinsichtlich  des  Ansehens  steht  er  unter  iM  y^  Tschin-piao  - 
und  über  Mao-hoei-yuen. 


Lieu-thien  von  dem  nördlichen  Tsi  führte  den  Jünglings- 
namen y^  -^  Ssse-wen  und  stammte  aus  Peng-tsching.  In 
seiner  Jugend  war  er  scharfsinnig,  einsichtsvoll,  besass  viele 
Begabung  und  Sinn  für  schöne  Kunst.  Er  verlegte  sich  auf 
die  Schrift  und  malte  weibliche  Obrigkeiten.  In  seinem  Zeit- 
alter war  er  der  Erste.  Der  Mann  von  dem  Geschlechte  Sie 
sagte,  dessen  Aufmerksamkeit  sei  anhaltend  und  stetig  gewesen, 
das    Wesen    seiner    Gemälde    von    kurzer    Fassung    und    dünn, 


'  Sie-he  ist  oben  (S.   179)  crvväliiit  worden. 

-  Tschiu-j)i;io  wird  in  diesen  N^iehrichtun  nielit  erwülmt, 


188 


Pf  izma  ier. 


die  Kraft  seines  Pinsels  ühuniächtig-  und  schwach.  Bei  der 
Einrichtung  stelle  er  das  Einfache  und  Beschränkte  hin.  Die 
Weiber  seien  sein  Trefflichstes.  Nur  treibe  er  das  Feine  und 
Gespaltene  zu  weit.  Das  Ungleiche  und  Flatternde  sei  ein 
Fehlei-,  in  Wirklichkeit  tcändle  er"dainit.  Wenn  man  sie  auf- 
merksam betrachtet,  haben  sie  sehr  ausgeprägte  Züge. 


Mao-hoei-yuen  von  dem  südlichen  Tsi  stammte  aus  Yang- 
wu  in  Yung-yang.  Er  malte  mit  Geschicklichkeit  Pferde.  Um 
die  Zeit  malte  Lieu-thien  mit  Geschicklichkeit  Weiber.  Beide 
waren  in  iln-em  Zeitalter  die  Ersten.  Sie  erhandelten  eintausend 
zweihundert  Pfund  Lasur  und  verwendeten  für  überreichte 
kaiserliche  Gemälde  fünfiindsechzigmal  zehntausend  Stücke 
Geldes.  Man  sagt,  es  sei  wahr  gewesen,  dass  Ploei-yuen  sich 
geheime  Vortheile  zugeAvendet  habe.  Der  oberste  Buchführer 
bemass  den  Werth  auf  achtundzwanzigmal  zehntausend  Stücke 
Geldes.  Man  tödtete  ihn.  Später  standen  die  Genossen  seines 
Hauses  an  der  Wand  und  waren  sehr  von  Leid  und  Schmerz 
erfüllt.  ^  ^  Hoei-sieu,  der  jüngere  Bruder  Hoei-yuen's, 
wartete  in  dem  Zeiträume  Yung-ming  (483  bis  493  n.  Chr.) 
auf  die  höchste  Verkündung  an  der  geheimen  Seitenthüre. 
Als  Kaiser  Schi-tsu  den  Angriff  im  Norden  unternehmen  wollte, 
befahl  er  Hoei-sieu,  ein  Bild  des  von  Kaiser  Wu  von  Han  nach 
Norden  unternommenen  Eroberungszuges  zu  malea.  j^^  ^ 
Wang-yung,  der  Leibwächter  für  die  Bücher  der  Mitte,  befasste 
sich  mit  der  Durchsicht  dieses  Bildes.  Kaiser  Tsching '  schätzte 
es  auf  das  Höchste  und  Hess  es  in  die  Erdstufe  von  Lang-ye 
stellen.  Er  schlug  es  immer  auf  und  durchblickte  es. 


Yang-tse-hoa2  von  dem  nördlichen  Tsi  wurde  zu  den 
Zeiten  Schi-tsu's  »  mit  dem  Amte  eines  Heerführers  der  geraden 
Thürpfosten  betraut.    Er  malte  einst  Pferde  an  die  Wand.    In 


1  Oben  Schi-tsu  ,cler  Grossvater  des  Geschlechtsalters'  genannt.  Der  Name 
dieses  Kaisers  ist  aber  Wu,  nicht,  wie  hier  angegeben,  Tsching. 

2  Yang-tse-hoa  ist  oben  (S.   180j  erwähnt  worden. 

3  Schi-tsu  ist   hier  Kaiser  Wu-tsching   aus   dem  Hause   der  nördlichen  Tsi 
(561  bis  5G5  n.  Chr.) 


Kuustfertigkeiteu  uiul  Künste  der  alten  Chinesen.  189 

der  Nacht  hörte  man  Hufschläge,  ein  Nagen  und  andauerndes 
Wiehern,  als  ob  sie  Wasser  und  Gräser  suchten.  Er  zeichnete 
Drachen  in  eine  ungesclnuückte,  ausgebreitete  Rolle.  Sofort 
sammelten  sich  rings  umher  Wolkendihiste.  8chi-tsu  schätzte 
ihn  hoch  und  Hess  ihn  in  dem  abgeschlossenen  Tlieile  des 
Palastes  wohnen.  Der  Ilimmelssohn  gab  ihm  den  Ehrennamen 
eines  Höchstweisen  der  Malerkunst.  Ohne  die  höchste  Ver- 
kündung durfte  er  den  Menschen  keine  Gemälde  geben.  Um 
die  Zeit  verstand  sich  '/f^  -^  ^  Wang-tsc-tschung  gut  auf 
das  Bretspiel.  Beide  verkehrten  mit  dem  Geiste,  und  man 
nannte  sie  die  zwei  Unvergleichlichen. 


Lieu-schä-kuei  von  dem  nördlichen  Tsi  war  ein  Zeit- 
genosse Yang-tse-hoa's.  Schi-tsu  schätzte  beide  hoch.  Jener 
malte  kämpfende  Sperlinge  an  die  Wände.  Der  Kaiser  sah  sie 
und  hielt  sie  für  lebendige.  Als  er  gegen  sie  mit  der  Jland 
fuhr,  bemerkte  er  es  erst.  Jener  befand  sich  einst  in  dem  ab- 
geschlossenen Thcile  des  Palastes  und  erhielt  ein  Geschenk 
von  zehntausendmal  zehntausend  Stücken  Geldes.  Er  wurde 
mit  dem  Amte  eines  stechenden  Vermerkers  von  Liang-tscheu 
betraut. 

Kaiser  jr  Yuen  von  Liang  führte  den  Namen  ^M  Yl 
und  den  Jünglingsnamen  ^j^  jti^  Schi-sching.  Er  war  geschickt 
im  Malen  und  hatte  einen  höchstweisen  Bonzen  gemalt.  Kaiser 
Wu  pries  ihn  desswegen  mit  eigenem  Munde  und  betraute 
ihn  mit  dem  Amte  eines  stechenden  Vermerkers  von  King- 
tscheu '.  Jener  malte  täglich  Gäste  von  ^fe  Fan.  Als  er  bei 
Hofe  eintrat,  bildete  er  den  Kaiser  ab,  und  man  lobte  überaus 
die  Vortrefflichkeit  des  Gemäldes.  Ferner  malte  er  Bilder  des 
Tributes,  anbei  Schulgebäude,  Wagendächer  und  die  Ankunft 
aus    den    auswärtigen    Reichen    mit  Geschenken.     Sein  ältester 


Sohn      ^    ~jj     Faug-tschi,    dessen    Jünglingsnamen     yji^ 
Schi-siang,    war  äusserst  geschickt  im  ^Vbbildeu    der  Wirklich- 


'  Kaiser  Yuen,    der  Neffe    des   Kaisers  Wu    von   Liang,    war  früher  König 
von  Siang-tung  und  stechender  Vermerker  vdii  King-tscheu. 


]^90  Pfizinaier. 

keit.  Von  den  Gästen  in  der  Sitzlialle  hatte  er  nach  ihrem 
Aussehen,  ihren  Punkten  und  Verunreinigungen  mehrere  fertig. 
Die  Knaben,  die  man  fragte,  erkannten  sie. 


^T  S"  Siao-fen  von  I^iang  führte  den  Jünglingsnamen 
-^  A^  Wen-hoan  und  stammte  aus  Lan-ling.  Er  besass  viele 
Grelehi'samkeit  und  Sinn  für  Schrift  und  Malerkunst.  Er  hatte 
auf  einen  Fächer  Berge  und  Flüsse  gemalt.  In  einem  Räume 
von  dem  Umfange  eines  Schuhes  sah  man,  was  auf  einer  Strecke 
von  zehntausend  Weglängen  wissenswerth  ist.  Yao-tsui  sagte, 
dessen  zierliche  Eigenschaften  seien  geistig  und  gedrängt.  Die 
später  kommenden  seien  mit  ihm  nicht  zu  vergleichen.  Er 
nehme  in  den  Mund  die  Haarspitzen,  gebiete  über  das  Un- 
geschmückte.  In  seiner  Thätigkeit  halte  er  sich  gewiss  an  das 
Wahre.  Er  lerne  nicht  der  Menschen  Avillen,  er  habe  daran 
Freude,  nichts  weiter.  Unter  den  Menschen  sehe  man  selten 
einen  ihm  Ebenbürtigen. 


M"  ^  [^  Tao-hung-king  führte  den  Jünglingsnamen 
HH  äS  Tliung-ming  und  stammte  aus  Mo-ling  in  Taii-yang. 
In  seiner  Jugend  besass  er  ungewcihnliche  Ausdauer.  Zehn 
Jahre  alt  las  er  Bücher.  Als  er  die  von  Ko-lmng  verfassten 
Ueberlieferungen  von  göttlichen  Unster})lichen  sah,  fasste  er 
sogleich  den  Entschluss,  sich  in  die  Verborgenheit  zurückzu- 
ziehen. Er  wohnte  auf  dem  Berge  Miao  und  nannte  sich  den  in 
Verborgenheit  Weilenden  von  Hoa-yang.  Er  liebte  es,  zu  ver- 
öffentlichen, fortzusetzen  und  die  schönen  Künste  zu  beleuchten. 
Kaiser  Wu  wollte  ihn  einst  vorladen  und  verwenden.  Der  in 
Verborgenheit  Weilende  malte  zwei  Rinder.  Das  eine  zog  man 
in  einem  goldenen  Käfige,  das  andere  wandelte  abseits  und 
begab  sich  zu  dem  Wasser  und  den  Pflanzen.  Kaiser  Wu 
wusste,  was  Jener  meine  und  nöthigte  ihn  nicht  wegen  Aemter 
und  Würden. 


Tschang-seng-yao  von  Liang  stammte  aus  U.    In  dem  Zeit- 
rniiiui'  Tliicii-kien  (502  bis  519  n.   Chr.)  Avai-  er  in  dem  Reiche 


Dil'  Kunst rcrti<?kpiteii  und  Künste  der  alten  Chineseii.  191 

des  König-s  von  Wu-liiig-  aufwartender  Leibwächter  und  bei 
den  Seitenthüren  der  geheimen  Schriften  angestellt.  Er  ver- 
stand sich  auf  Malerei.  Unter  den  Klöstern  ]*)uddha's,  die 
Kaiser  Wu  verehrte  und  ausschmückte,  wurden  viele  duj'ch 
Seng-yao  ausgemalt.  Um  die  Zeit  befanden  sich  die  Könige 
auswärts,  und  Kaiser  Wu  gedachte  ihrer.  Er  entsandte  Seng- 
yao,  der  mit  unterlegten  Pferden  reiste  und  die  Bildnisse  der 
Könige  malte.  Der  Kaiser  sass  diesen  Bildnissen  gegenüber, 
als  ob  er  die  Könige  von  Angesicht  sähe. 

Das  Kloster  des  Erhabenen  des  Himmels  in  Kiang-ling  war 
von  Kaiser  Ming  errichtet  worden.  In  dessen  Inneren  befand  sich 
die  Halle  der  Pistazienbäume.  Seng-yao  malte  Liü-sche-na Buddha 
sowie  Tschung-ni  und  zehn  Verständige.  Der  Kaiser  wunderte 
sich  und  fragte  die  Schamanen,  wie  so  man  in  dem  Inneren  den 
Höchstweisen  von  dem  Geschlechte  Khunff  yemalt  habe.  Seno-- 
yao  sprach:  Später  soll  man  sich  nur  hierauf  verlassen.  —  Als 
man  in  dem  späteren  Zeitalter  die  Vorschriften  Buddha's  tilgte, 
die  Klöster  und  Pagoden  der  Welt  verbrannte,  Hess  man  blos 
in  diesem  Kloster,  weil  in  der  Vorhalle  sich  das  Bildniss 
Tschung-ni's  befand,  nichts  zerstören  und  zerbrechen. 

Ferner  malte  er  in  dism  Kloster  von  Ngan-lu  in  Kin-ling 
vier  Drachen,  deren  Augäpfel  er  nicht  mit  Punkten  versah. 
Man  fragte  ihn  desshalb,  und  Seng-yao  sagte:  Wenn  ich  die 
Augäpfel  mit  Punkten  versehe,  so  fürchte  ich,  dass  die  Drachen 
davonfliegen.  —  Die  JVIenschen  hielten  dieses  füi'  oÄue  leere 
unsinnige  Rede  und  baten  ihn  inständig,  die  Punkte  zu  setzen. 
Hierauf  setzte  er  Punkte  bei  zwei  Di'achen.  Aun-enblicklich 
erfolgte  Donner  und  Blitz,  die  Wand  l)arst,  die  beiden  Drachen 
stiegen  in  die  Wolken  und  zu  dem  Himmel  empor.  Die  zwei 
Drachen,  deren  Augäpfel  er  noch  nicht  mit  Punkten  verschen 
hatte,  blieben  zur  Stelle. 

Er  malte  ferner  zwei  Bonzen  von  Hu  aus  l'hien-tchö. 
Zur  Zeit  der  Empörung  -M*  '^^  H('u-kiiig.s  '  spaltete  sich  das 
Gemälde,  und  es  wurden  zwei  Bonzen.  Si)äter  wurde  ein  Bonze 
durch  ^^  1^  Lö-kien  von  Thang,  den  beständigen  Aufwar- 
tenden   der    Rechten,     zu    einer    Kostbai'keit    gemacht.      Kien 


'  Heu-kiug    empörte    sich    im    zwfiteu   Jahre  des  Zeitraumes  Ta-tsiug  (540 
n.  Ch.)  und  tödtete  später  den  Kaiser  AVu  von  Liang. 


J92  Pfizmaier. 

erkrankte  ernstlich.  Er  träumte,  dass  ein  Bonze  von  Hu  zu 
ihm  sag-te:  Ich  habe  einen  gleichen  Gefährten.  Derselbe  ist 
getrennt  und  abgerissen  seit  langer  Zeit.  Er  befindet  sich  jetzt 
in  dem  Hause  des  Geschlechtes  ^  Li  in  Lö-yang.  Wenn  du 
trachtest,  mit  ihm  zusammenzutreffen  und  wenn  du  ihn  er- 
langst, werde  ich  mit  der  Kraft  der  Vorschrift  dir  beistehen.  — 
Kien  löste  mit  Geldstücken  und  Seidenstoffen  wirklich  an  jenem 
Orte  den  Bonzen  aus  und  erlangte  ihn.  Seine  Krankheit  wurde 
hierauf  geheilt.  #n  -^  ^J  Lieu-tschaug-king  erwähnte  die 
Sache  und  erzählte  sie  weiter.  Die  Anregung  des  Reingeistigen, 
das  die  Gemälde  des  Mannes  von  dem  Geschlechte  Tschang 
besassen,  konnte  nicht  dabei  erwähnt  werden. 


^T  ^i  "^  Kao-hiao-heng  von  dem  nördlichen  Tsi 
war  der  zweite  Sohn  des  jüngeren  Bruders  des  Kaisers  Schi- 
tsu.  Er  wurde  in  das  Lehen  eines  Königs  der  Provinz  Kuang-ning 
eingesetzt.  Der  Gebietende  des  obersten  Buchführers,  der  Vor- 
steher der  Scharen  j^  \M.  Pö-sche  besass  viele  Gaben  und 
Sinn  für  schöne  Kunst.  Er  hatte  an  die  Wand  des  Gerichts- 
saales grüne  Falken  gemalt.  Wer  sie  sah,  hatte  die  Vermuthung, 
dass  es  echte  seien.  Die  Tauben  und  Sperlinge  getrauten  sich 
nicht,  ihnen  zu  nahen.  Ferner  malte  er  die  Bildnisse  der  vor- 
züglichen Männer  des'  Hofes.  Die  Gemälde  waren  seinerzeit 
über  alles  wundervoll. 


Yang-ke-tan  '  von  Sui  gelangte  im  Amte  bis  zu  einer 
, obersten  Weise'^  'j»^  j'^  |^  Tung-seng-tsung  sagte:  Die 
sechs  Vorschriften  sind  vorbereitet  und  werden  gesungen.  Er 
besitzt  viel  Luft  der  Knochen.  Die  verkörperte  Einrichtung 
von  Schan-tung  gehört  ihm  Avahrhaftig.  Dieser  Mensch  steht 
unter  Yen-li-pen.  Den  Werken  Ke-tan's  gebricht  es  nicht  an 
Männlichkeit  und  Reichthum.  Vergleicht  man  ihn  mit  den 
Männern  der  Geschlechter  Tung  und  Tschen,  so  ist  er  arm 
an  Geist  und  unscheinbar. 


Yang-ke-tan  ist  oben  (.S.   180)  erwähnt  worden. 


Kunstfertigkeiten  und   Künste  der  alten  Cliinesen.  193 

Der  Mann  von  dem  Gesclileclitc  ^  Li  sägt:  Die  Männer 
der  Geschlechter  Tien  '  und  Yani>-  -  sind  den  ]\Iännern  der 
Geschlechter  Tung-  •'*  und  Tschen  *  gleichgestellt.  Einst  malten 
die  Männer  der  Geschlechter  Tien  und  Yang  mit  Tsching-fa- 
sse  '■>  gemeinschaftlich  in  dem  hellglänzenden  Kloster  der  Mutter- 
stadt die  kleine  Pagode.  Der  Mann  von  dem  Geschlechte  Tsching 
zeichnete  Bilder  auf  die  östliche  und  nih-dliche  Wand.  Der 
Mann  von  dem  Geschlechte  Tien  zeichnete  Bilder  auf  die 
westliche  und  südliche  Wand.  Der  Mann  von  dem  Geschlechte 
Yang  malte  die  vier  Flächen  der  äusseren  Seiten.  Man  nannte 
dieses  die  drei  unvergleichlichen  Werke. 

Der  Mann  von  dem  Geschlechte  Yang  verdeckte  mit  einer 
Bambusmatte  den  Ort,  wo  er  malte.  Tsching  betrachtete  ihn 
verstohlen  und  sagte  zu  dem  Manne  von  dem  Geschlechte 
Yang:  Deine  Art  zu  malen  kann  durchaus  nicht  erlernt  werden. 
Warum  bemühst  du  dich,  dich  mit  einer  Schutzwehr  zu  be- 
decken? —  Der  Manu  von  dem  Geschlechte  Yang  verschwägerte 
sich  mit  ihm  und  zwischen  beiden  bestand  die  Freundschaft 
der  gegenüberstehenden  Thore. 

Ferner  begehrte  jener  das  Bilderbuch  des  Mannes  des 
Geschlechtes  Y^ang.  Der  Mann  von  dem  Geschlechte  Yang 
führte  den  Mann  des  Geschlechtes  Tsching  zu  der  Halle  des 
kaiserlichen  Hofes,  zeigte  mit  dem  Finger  auf  den  l\ilast,  die 
Thorwarten,  die  Kleider  und  Mützen,  Wagen  und  Pferde. 
Dabei  sagte  er:  Dieses  ist  mein  Bilderbuch.  —  In  Folge  dessen 
seufzte  der  Mann  von  dem  Geschlechte  Tscliing  tief  und  konnte 
nichts  entgegnen. 


Tschang-hiao-sse  ''  von  Thang  war  I>(!ruhiger  der  raschen 
Reiter.  Er  malte  überaus  gut  die  Luft  und  die  tiefe  Finstei-- 
niss  der  Hölle.  Hiao-sse  war  gestorben  und  wieder  lelxMidig 
geworden.     Dabei   hatte    er  die  im  Dunkel   befindliehen   Dinge 


'  Der  oben  (S.   180)  erwähnte  Tien-sien-liang. 
2  Yang-ke-tan. 

•'  Der  oben  (S.   180)  erwälnite  Tung-pe-jin. 
*  Der  oben  (S.  180)  erwähnte  Tselien-tse-khien. 
^  Tsching-fä-ssc  ist  ()))en  (S.    180)  orwäliiit  worden. 
•^  Tscliang-hiao-sse  ist  oben  (S.    isO)   erwälnit  worden. 
Sitzb.  a.  phil.-liist.  Cl.  LXIX.  K.l.  H.  Illt.  13 


2  C^A  V  i  i  7.  TU  a  i  e  r. 


gesehen.  Er  fand  sie  daher  schon  vorräthig-.  TC  ^  :^ 
U-tao-yuen  '  sah  diese  Gemälde  und  ahmte  sie  nach.  Er 
hildete  die  Verändermigen  der  Hölle. 


"?*  1^  i  Wang-to-tse  von  Thang  verstand  sich  auf 
Berge  und  Flüsse.  Sein  Dunkles  und  Tiefes,  die  Berggipfel 
waren  äusserst  vortrefflich.  Die  Menschen  des  Zeitalters  sagten: 
Die  Berge  und  Flüsse  nennen  To-tse  das  Haupt,  Tao-tse  - 
die  Füsse. 


-^  ^^  -^  U-tao-tse  von  Thang  stammte  aus  Yang-ti. 
Er  liebte  den  Wein  und  bethätigte  den  Geist.  So  oft  er  die 
Haarspitzen  bewegen  wollte,  musste  er  bis  zur  Anheiterung 
trinken.  Er  lernte  die  Schrift  bei  ^  Hö,  dem  ältesten  Ver- 
merker von  dem  Geschlechte  ^  Tschang,  und  bei  ;^  ^ 
Tschi-tschang,  dem  Aufseher  von  dem  Geschlechte  ^  Hö  •'. 
Bei  dem  Erlernen  der  Schrift  brachte  er  es  nicht  zur  Voll- 
endung, und  er  verlegte  sich  desshalb  auf  die  Malerkunst. 
Er  hatte  ^BJ  ^  Wei-sse,  Fürsten  von  Tschao-yao,  gedient 
und  wurde  von  diesem  zu  einem  kleineu  Angestellten  erhoben. 
Er  zeichnete  bei  dieser  Gelegenheit  den  Körper  der  Berge  und 
Flüsse  der  Wege  von  Schö  und  gründete  ein  eigenes  Haus. 
Seine  Schrift  hat  Aehnlichkeit  mit  derjenigen  '^  -j[^  g^ 
Sie-schao-pao's  und  ist  ebenfalls  sehr  bequem. 

Er  war  ursprünglich  mit  der  Stelle  eines  Beruhigers  des 
Districtes  Hia-khieu  in  Yen-tscheu  betraut  worden.  Kaiser 
Yuen-tsang  berief  ihn  und  Hess  ihn  iu  den  abgeschlossenen 
Theil  des  Palastes  treten.  Er  gab  Tao-tse  den  neuen  Namen 
JC  ^^  Tao-yuen.  Derselbe  erhielt  somit  den  Unterricht  im 
Inneren  und  galt  als  vorzüglicher  Mann  von  vielseitigem  Wissen. 
Ohne  dass  eine  höchste  Verkündung  erfolgte,  durfte  er  nicht 
malen.       jM     'Im     ß^     Tschang-hoai-kuan    sagte  immer,    der 


1  Der  nuten  vorkommende  U-tao-tse,  der   .später  statt  des  Namens  Tao-tse 

den  Nanicu  Tao-yuen  erhielt. 
-  Der  gleich  luiten  vorkommende  U-tao-tse. 
3  Beide   Mäinior   werdoii  sonst    Tsehang-ho    nnil  Ho-tschi-tsehang   genannt. 


Kunstfertigkeiten  und  Künste  der  alten  Chinesen.  105 

niedrigere  Pinsel  der  Gemälde  des  Geborenen  von  dorn  Ge- 
schlechte U  besitze  Göttlichkeit.  Er  sei  der  spätere  Leib 
Tschaug-seng-yao's.  Es  lässt  sich  sagen,  dass  ei-  zu  reden 
verstand.  Jener  gelangte  im  Amte  bis  zu  einem  Gefährten 
des  Königs  Ning. 

In  dem  Zeiträume  Khai-yuen  (713  bis  741  n.  Chr.)  tanzte 
der  Heerführer  ^  ^  Pei-min  gut  den  Tanz  der  Schwerter. 
Tao-yuen  sah  ihm  zu.  Als  Min  zu  tanzen  aufhörte,  bewegte 
jener  die  Haarspitzen  des  Pinsels  und  brachte  die  Sache  noch 
weiter.  Um  die  Zeit  war  ferner  das  grosse  Mädchen  von  dem 
Geschlechte  -^  ^  Kung-sün.  Dasselbe  tanzte  ebenfalls  gut 
den  Tanz  der  Schwerter  des  westlichen  Flusses.  Die  Luft 
löste  sich  in  gleichem  Masse.  Tschang-hö  sah  dieses  und 
bildete  daraus  eine  Pflanzenschrift.  Tu-fu  brachte  durch  ein 
Lied  diese  Sache  in  Gang  und  überlieferte  sie.  Hieraus  er- 
kannte man,  dass  man  bei  der  schönen  Kunst  der  Schrift  und 
des  Malens  Sinn  und  Geist  braucht,  um  es  zu  vollenden.  Sie 
sind  auch  etwas,  das  ein  Schwächling  nicht  im  Stande  ist,  zu 
verfertigen. 


#    fi 


Jm  Liü-ling-kia  von  Thang  war  dci'  Schüler 
des  Mannes  von  dem  Geschlechte  U.  Seine  Weise  zu  malen 
hatte  Aehnlichkeit  mit  derjenigen  des  Mannes  von  dem  Ge- 
schlechte U,  nur  hatten  Begabung  und  Kraft  eine  Gränze.  Er 
war  ziemlich  im  Stande,  klein  in  dem  Zwischenraum  eines  Schuhes 
zu  malen.  Berge  und  Flüsse,  leere  Räume,  die  Gestalten  leben- 
diger Wesen,  Vorrichtungen  des  Geistigen,  Vei-gänglichkeit 
und  Veränderung,  Bilder  Buddha's  sind  es,  in  denen  er  Meister 
war.  Der  Geborne  von  dem  Geschlechte  U  malte  einst  in  der 
Mutterstadt  die  di'ei  Thore  des  leitenden  und  erfassenden 
Klosters.  Er  erhielt  in  grosser  Menge  Geld  und  Gut.  IJng- 
kia  malte  jetzt  verstohlen  die  drei  Thore  des  kräftigen  und 
strengen  Klosters.  Li  Erschliessung  und  Ausdehnung  scharfer 
Gedanken  gelangte  er  ziemlich  zu  dem  Wundervollen.  Eines 
Tages  erblickte  es  der  Geborne  von  dem  Geschlechte  U  un- 
verhofft. Er  erschrack  und  sprach  seufzend:  Dieser  Sohn  hat 
hinsichtlich  der  Kraft  des  Pinsels  in  <li  r  gegenwärtigen  Zeit 
mich  nicht  erreicht.    Jetzt  aber  ist  er  mir  ähnlich.     Sein  Geist 

13* 


HJQ  Pfizmaier. 

und    seine   Erleuchtung  sind  zu  Ende  g-egang-en.  —  Es  währte 
noch  einen  Monat,  und  Ling-kia  starb  wirklich. 


j^  J^  y^^  Fung-schao-tsching  von  Thang  malte  über- 
aus gut  Falken,  Tauben,  Hühner  und  Fasanen.  Er  brachte  zu 
äusserster  Vollendung  ihre  Gestalt  und  ihr  Aussehen.  Schnabel, 
Augen,  Füsse,  Klauen,  Federn  und  Farbenschinuck  waren  wunder- 
voll. Er  hatte  in  dem  abgeschlossenen  Theile  des  Palastes 
fünf  Drachen  gemalt.  Man  rühmte  ebenfalls  deren  Vortreff- 
lichkeit. Es  gab  das  Machtvolle  niedersteigender  Wolken  und 
angehäuften  Regens. 

i!f|  >S»  ^  Li-sse-hiün  von  Thang  war  ein  Mitglied  des 
kaiserlichen  Hauses  und  der  Vaterbruder  "^  T^  Lin-fu's. 
Er  war  frühzeitig  durch  schöne  Kunst  berühmt.  In  seinem 
Zeitalter  waren  fünf  Menschen  eines  einzigen  Hauses  im  Mennig- 
roth und  Grün  bewandert.  Kaiser  Kao-tsung  schätzte  ihn  sehr 
hoch.  Seine  Schrift  und  seine  Gemälde  wurden  als  das  Wunder- 
vollste der  ganzen  Zeit  gepriesen.  Er  malte  Berge,  Flüsse, 
Bäume  und  Felsen.  Sein  Pinsel  erschöpfte  das  Kräftige,  Strom- 
schnellen, Rieseln  des  Wassers,  Wolken,  rothen  Wolkendunst 
und  Fernsichten.  Man  sah  um  die  Zeit  die  Dinge  der  gött- 
lichen Unsterblichen,  fern  und  tief  das  Dunkle  der  Felsenwände 
und  Berghöhen.  Die  Zeitgenossen  nannten  ihn  den  Heerführer 
von  dem  grossen  Geschlechte  Li. 


WS  Han-khan  von  Thang  malte  überaus  kunstvoll 
Pferde.  Plötzlich  war  ein  Mensch,  der  sich  zu  dem  Thore 
begab.  Derselbe  nannte  sich  einen  Abgesandten  der  Dämonen 
und  bat  um  ein  Pferd.  Der  Gebieter  von  dem  Geschlechte 
Hau  malte  ein  Pferd  und  verbrannte  es.  Den  anderen  Tag 
kam  ein  Abgesandter  der  Dämonen  auf  einem  Pferde  geritten 
und  bedankte  sich.  Jener  machte  solchen  Eindruck  auf  die 
Götter.  Sein  Schüler  ^  ^  Khung-ying  stieg  desswegen 
empor. 


Kunstfertigkeiten  und  Künste  der  iilton  Chinesen.  197 

I^  EM  Tschang-tsao  von  Tlianjj-  fiilirt^!  den  Jiingling's- 
namen  ^^  'aT  Wen  -  thung.  Ei'  inalte  überaus  kunstvoll 
Bäume,  Felsen,  Berge  uiul  Flüsse.  •^  S.  Pi-liung-  hatte 
in  dem  Zeitalter  ausschliesslich  einen  Namen  besessen.  Der- 
selbe sah  einmal  jene  Gemäkle.  Er  erschrack,  seufzte  und  staunte 
über  sie.  Tsao  bediente  sich  blos  eines  kahlen  l*insels.  Beim 
Vollenden  zeichnete  er  mit  der  TTand  auf  den  weissen  Stoß" 
des  Taffets.  Jener  fragte  Tsao,  was  ihm  übergeben  worden. 
Tsao  sprach:  Aeusserlich  sind  es  die  bewerkstelligten  Ver- 
wandlungen. In  der  Mitte  erlangte  ich  die  Quelle  des  Herzens.  — 
Pl-hung  lud  hierauf  die  Pinsel  auf  den  Wagen. 

)^  ^  Li-tschan  von  Thang  malte  vortrefflich  das 
Wundervolle  der  Pferde  von  Fan,  der  Reiter,  Bogenschützen, 
Schwäne,  Rinderhirten,  Flüsse  und  Hochebenen.  Die  Werke 
seines  Pinsels  haben  hinsichtlich  Luft  und  Herrichtung  in 
der  Gegenwart  und  in  dem  Alterthum  nicht  ihres  Gleichen. 
TJ^n  ^4*  ^  Li-tschung-ho  war  im  Stande,  dessen  schöne 
Kunst  fortzusetzen,  aber  in  Kraft  des  Pinsels  erreichte  er 
ihn  nicht. 

^  Ä  gg  Tschang-yi-tschi  aus  der  Zeit  des  Hofes  der 
Himmelskaiserin  '  machte  an  dem  Hofe  die  folgende  Eingabe: 
AVenn  man  die  j\Ialer  der  Welt  herbeiriefe,  die  Gemälde  der 
Rüstkammern  des  Inneren  ordnete,  dann  jeden  Künstlei-  das 
aufschlagen  Hesse,  worin  er  ein  Meister  ist,  so  würde  der  scharfe 
Gedanke  abgebildet,  man  hätte  die  alte  Ausstattung,  und  es 
wäre  nicht  die  geringste  Abweichung.  —  Unter  den  echten 
Bildern  lassen  sich  viele  auf  Yi-tschi  zurückführen. 


^    -^    ^    U-tao-yuen    aus   den  Zeiten  des  Hofes  von 
Thang    schritt  in    dem  Alterthum  und  in  der  Gegenwart  allein 
einher.     Vor    sich    sah    er    nicht    die  Männer   der  Geschlechter 
Ku  und  Lö.     Nach  ihm   kam  Niemand.     Er  übergab  die  Vor-' 
Schriften    des    Pinsels  Tschang-hö  -.     Dieser  wusste  jetzt,  dass 


'  Die  Kaiserin  Wu  von  Tliang. 

2  Tschang-hö  ist  oben  (S.  194)  erwähnt  worden. 


198  Pfizmaier. 

bei  Schreiben  und  Malen  der  Gebrauch  des  Pinsels  derselbe 
ist.  Da  man  den  Mann  des  Geschlechtes  Tschang  mit  dem 
Namen  des  Scheitels  der  Schrift  bezeichnet  hat,  sollte  der  Mann 
des  Geschlechtes  U  ein  Tlöchstweiser  der  Malerkunst  sein.  Sein 
Geist  entlehnt  die  Werke  des  Himmels.  Sein  Reingeistiges 
imd  seine  Blüthenfülle  sind  unerschöpflich. 

Die  Beurtheilungcn  der  Gemälde  der  Thang  sagen: 
U-tao-yuen  von  Thang  erschöpfte  das  Wundervolle  des 
Mennigrothen  und  Grünen.  Er  umschloss  in  grossem  Mass- 
stabe Tschang-seng-yao,  den  Meister  von  Sung.  Kaiser  Yuen- 
tsung  sehnte  sich  in  dem  Zeiträume  Thien-pao  (742  bis  75ü 
n.  Chr.)  plötzlich  nach  den  trefflichen  Erdhügeln,  den  Strömen 
und  Flüssen  in  Schö,  Er  lieh  alsbald  dem  Gehörnen  des  Ge- 
schlechtes U  unterlegte  Postpferde,  hiess  ihn  die  Keise  antreten 
und  jene  Orte  zeichnen.  Bei  der  Rückkehr  fragte  ihn  der 
Kaiser,  was  es  für  eine  Bewandtniss  habe.  Jener  meldete  au 
dem  Plofe:  Ich  besitze  kein  Buch  der  weissen  Tünche.  Zugleich 
befindet  sich  der  Bericht  in  meinem  Herzen.  —  Der  Kaiser 
schickte  ihn  in  die  Vorhalle  der  grossen  Uebereinstimmung, 
damit  er  daselbst  die  trefflichen  Erdhügel,  die  Ströme  in  einer 
Länge  von  dreihundert  Weglängen,  die  Berge  und  Flüsse  male. 
Er  wurde  damit  in  einem  Tage  fertig.  Um  die  Zeit  besass 
der  Heerführer  von  dem  Geschlechte  Li  hinsichtlich  der  Berge 
und  Flüsse  ausschliesslich  einen  Namen.  Derselbe  malte  eben- 
falls die  Vorhalle  der  grossen  Uebereinstimmung.  Er  wurde 
in  einigen  Monaten  fertig.  Yuen-tsung  sagte,  Li-sse-hiün  '  habe 
das  Verdienst  mehrerer  Monate,  U-tao-yuen  habe  das  Werk 
eines  einzigen  Tages  geliefert.  Beide  gipfelten  in  dem  Wunder- 
vollen. 

Ferner  malte  U-tao-yuen  in  der  Vorhalle  fünf  Drachen. 
Ihre  Schuppen  flogen  und  bewegten  sich.  So  oft  es  stark  regnen 
wollte,  entstand  Rauch  und  Nebel.  Der  Geborne  von  dem  Ge- 
schlechte  U  trug  immer  in  der  Hand  das  diamantene  Buch  und 
machte  sich  darlurch  kenntlich.  In  dem  Zeiträume  Thien-pao 
Avar  -^  ^  :^  Yang-ting-kuang  mit  ihm  im  Rufe  gleich. 
Derselbe  malte  heimlich  das  Bildniss  des  Gehörnen  von  dem 
Gcschlechte  U  an  der  Matte  der  Erklärungen  inmitten  sämmtlicher 


Der  oben  (S.   196)  vorgekommene  Li-sse-hiün. 


Kunstfertigkeiten  und  Künslp  der  alten  Cliinesen.        ^  199 

Menschen.  Der  Gcborne  von  dem  Geschlechte  IJ  sah  es  tmd 
erschrack  sogleich  bei  dem  ersten  Anblicke.  Er  sprach  mit 
Ting-kuang  und  sagte  zu  ihm:  Ich,  der  alte  Mann,  bin  von 
Aussehen  hässlich.     Wozu  brauchtest  du  mich  abzubilden? 


RJ  JS  Tscheu-fang  von  Thang  führte  -den  Jünglings- 
namen jj'  -M-  King-yuen  und  war  der  Eidam  ^^  -^  ^ 
Kö-tse-I's  '•  3^  ^  Tschao-wei  Hess  gewöhnlicli  durch  Han- 
kan  2  sein  Bildniss  malen.  Alle  priesen  dieses  als  vortrefflich. 
Später  bat  jener  auch  Fang,  dass  er  sein  Bildniss  male.  Diese 
zwei  Maler  besassen  Fähigkeit  und  Ruf.  Der  Fürst  •'  stellte 
gewöhnlich  die  zwei  Gemälde  in  der  Sitzhallc  neben  einander, 
und  man  konnte  nicht  bestimmen,  welches  vorzüglicher  sei, 
welches  nachstehe.  Als  die  Gemalin  des  Geschlechtes  Tschao 
in  den  abgeschlossenen  Theil  des  Palastes  heimkehrte,  fragte 
sie  der  Fürst:  Wen  stellen  diese  Gemälde  vor?  —  Sie  ant- 
wortete: Den  Gemahl  von  dem  Geschlechte  Tschao.  —  Er 
sprach:  Welches  ist  ähnlich?  —  Sie  sprach:  Beide  Gemälde 
sind  treffend  ähnlich.  Der  spätere  gute  Maler  Hess  sich  in 
seiner  Vortrefflichkeit  freien  Lauf.  —  Jener  fragte,  in  wie  fern 
sie  dieses  sage.  Sie  sprach:  In  dem  friUieren  Gemälde  traf 
man  einfach  die  Gestalt  und  das  Aussehen  des  Mannes  von 
dem  Geschlechte  Tschao.  In  dem  späteren  traf  man  zugleich 
dessen  Geist,  Luft,  Leidenschaft  und  Gemüthsart,  die  Miene, 
mit  welcher  er  lacht  und  spricht.  —  Der  Fürst  fragte:  Wer 
ist  der  spätere  Maler?  —  Sie  sprach:  Tscheu-fang.  —  An 
diesem  Tage  bestimmte  man,  welches  von  den  zwei  Gemälden 
besser  oder  schlechter  sei.  Man  hiess  mehrere  hundert  Stücke 
Brocates  und  buntfarbiger  Seide  überbringen. 


Was  Yen-li-pen  von  Thang  betrifft,  so  war  zu  den  Zeiten 
Tai-tsung's  in  dem  südlichen  Gebirge  ein  reissendes  Thier, 
das  die  Menschen  verdarb.  Tai-tsung  schickte  tapfere  und 
kühne  Männer,   damit  sie  es    fangen.     Sie    erlangten    es    nicht. 


1  Kö-tse-I  war  zu  verschiedenen  Zeiten  Heerführer  der   Thang. 

2  Han-kan  ist  oben  (S.   196)  vorgekonuncn. 

3  Der  Fürst  ist  Kö-tse-I. 


200  Pfizraaier. 


TT*  Yiien-fung,  König  von  Kup,  war  redlich  und  g-erecht. 
Er  raffte  sich  auf  und  ging  selbst  hin^  um  es  zu  fangen.  Es 
war  mit  einem  einzigen  Pfeile  niedergestreckt.  Tai-tsung  be- 
lobte des  Königs  Kraft.  Er  Hess  durch  Li-pen  dessen  gesattelte 
Pferde,  die  Knechte  und  das  Gefolge  nach  dem  Leben  zeichnen. 
Alles  erschrack  und  war  über  die  Fähigkeit  des  Malers  betroiTen. 

Als  Tai-tsung  die  Hauptstadt  des  Königs  von  dem  Ge- 
schlechte Yuen  besuchte,  Hess  er  auf  dem  Teiche  die  Wasser- 
vögel kämpfen.  Er  berief  Li-pen  und  Hess  achtzehn  lernende 
Männer,  die  verdienstvollen  Diener  des  Söllers  des  kalten 
Rauches  und  andere  noch  lebende  Menschen  abbilden.  Er 
verherrlichte  auch  die  frühere  Zeit  und  das  Alterthum. 


^,  ^  _^  Wei-wu-tien  von  Thang  stammte  aus  dem 
Kreise  der  Mutterstadt.  An  dem  Hofe  Yuen-tsung's  besass  er 
wegen  des  Malens  berühmter  Pferde  und  ungewöhnlicher  Thiere 
ausschliesslich  einen  Namen.  Um  die  Zeit  rühmte  man,  dass 
unter  den  Vierfüsslern  des  Mannes  von  dem  Geschlechte  Wei 
aHes  ohne  Ausnahme  wundervoll  sei.  Unter  den  von  ihm  ffc- 
malten  Dingen  waren  die  von  den  auswärtigen  Reichen  zum 
Geschenk  geraachten  Löwen  den  wirklichen  vollkommen  ähn- 
lich. Später  wurden  die  Löwen  losgelassen  und  kehrten  in 
ihre  Heimat  zurück.  Bios  die  gemalten  befanden  sich  auf  den 
Bildern,  und  man  betrachtete  sie  um  die  Zeit.  Die  hundert 
vierfüssigen  Thiere,  die  diese  Bilder  sahen,  empfanden  Furcht. 

Ferner  schoss  Yuen-tsung  mit  Pfeilen  und  jagte.  Er  traf 
mit  einem  einzigen  Pfeile  zwei  Wildschweine.  Er  befahl  in 
einer  höchsten  Verkündung,  dieses  an  dem  nördlichen  Thore 
des  ursprünglichen  Kriegsmuthes  abzubilden  und  den  lebenden 
Menschen  zu  überliefern.  Es  war  die  Gipfelung  des  Wunder- 
vollen. 


j^  j^  Tschin-hung  von  Thang  stammte  aus  Kuei-ki. 
Da  er  im  Stande  war,  nach  dem  Leben  zu  malen,  empfahl 
ihn  sein  eigener  Weg.  In  dem  Zeiträume  Khai-yuen  (713  bis 
741  n.  Chr.)  berufen,  trat  er  ein  und  reichte  die  Gegenstände 
dar.  So  oft  ihm  aufgetragen  wurde,  nach  dem  Leben  zu  zeichnen, 
war    das    kaiserliche    Antlitz    über    alles    wundervoll.     Damals 


Kunstfertigkeiten  und  Kunhto  der  altoii  Chinesen.  201 

sehoss  Yuen-tsimg  Schweine,  Hirsche,  Ilasön,  Falken  und 
andere  Thiere.  Zugleich  untersuchte  er  die  wahi'en  Gestalten 
der  Abbildungen  des  Tanzes.  Jener  empfing  überall  die  höchste 
Verkündung,  der  zufolge  er  die  Bildnisse  zeichnete.  Auch  das 
Bildniss  Sü-tsung's  in  dem  grossen  klaren  Palaste  hatte  nicht 
blos  das  Wesen  des  J^rachen,  das  Aussehen  des  Paradiesvogels. 
Es  war  der  Winkel  der  Sonne,  das  Seitendach  des  Himmels, 
jedoch  die  Kraft  des  Pinsels  war  stark  und  weich,  der  gött- 
liche Farbenschmuck  blüthenreich  und  frei.  Der  Himmel  lieh 
wirklich  seine  Fähigkeiten.  Der  Nachfolger  der  Trefflichkeit 
des  Mannes  von  dem  Geschlechte  Yen  war  ein  einziger  Mensch, 
sonst  keiner. 

^ß  i  Wang-me  von  Thang  war  von  unbekannter  Her- 
kunft. Derselbe  führte  den  Namen  }^  Leng  und  war  geschickt 
im  Begiessen  mit  Tinte.  Die  Zeitgenossen  nannten  ihn  Wang- 
me  (die  Tinte  von  dem  Geschlechte  Wang).  Er  wanderte  viel 
an  den  Strömen  und  Seen.  Er  malte  geschickt  Berge,  Flüsse, 
Fichten,  Pistazienbäume,  vermischte  Bäume  und  Aehnliches. 
Von  Gemüthsart  war  er  roh  und  bäuerisch.  Er  liebte  den  Wein. 
So  oft  er  eine  Einfassung  zeichnete  und  er  sich  mit  Wein 
erheitert  hatte,  begoss  er  sie  mit  Tinte.  Indem  er  es  mit  den 
Füssen  trat  und  mit  den  Händen  berührte,  wurde  Einiges  zu 
Aesten,  Anderes  zu  Stengeln.  Je  nach  der  Gestalt  bildete  er 
Berge,  Bambusstauden  und  Bäume.  Seinem  Sinne  gemäss  und 
nach  seinen  Gedanken  geschah  es  rasch  wie  bewerkstelligte 
Verwandlungen.  Er  vollendete  auf  dem  Bilde  die  Bewegung 
der  Wolken  und  des  rothen  Wolkendunstes,  das  Geräusch  von 
Wind  und  Regen.  Man  sah  keine  Spur  der  Verunreinigung 
mit  Tinte. 


^  *^  ^ß  Li-ling-tsio  von  Thang  war  arm  und  <jhne 
häusliche  Beschäftigung.  Er  hielt  sich  an  keine  Schranke.  So 
oft  er  eine  Einfassung  zeichnete,  konnte  er  zu  dem,  was  er  nicht 
wollte,  nicht  gezwungen  werden.  Er  verschaffte  sich  Gedanken 
durch  Wein  und  genügte  stolz  sich  selbst.  Das  Geehrte  der 
Könige  und  Fürsten,  die  Abende  der  Hitze  oder  Kälte  wurden 
gleichwie    Berge,    Flüsse,    Bambusstauden    und    Bäume    durch 


202  r  f  i  z  m  ii  i  e  r. 

einzelne  Punkte,  durch  einzelne  Berührung-en  von  selbst  voll- 
endet. Einmal  waren  es  Abi^ränzungen  der  Berggipfel,  allein- 
stehende Wolken,  ein  anderes  Mal  Inseln  des  Meeres,  das 
äusserste  Meer.     Es  waren    keine  gewöhnlichen  Hersteilungen. 


^n  ;g  5R  Tschang- tschi-ho  von  Thang  führte  den 
Jünglingsnamen  [^  -^p  Tse-tung.  Man  nannte  ihn  den  Sohn 
der  Wellen  des  Rauches.  Er  angelle  gewöhnlich  Fische  in  dem 
Tung-ting.  ^  ^  ^  Yen-lu-kung  hatte  zur  Zeit,  als  er  sich 
in  IJ-hing  befand,  dessen  hohe  Einschränkung  erkannt.  Er 
beschenkte  ihn  mit  fünf  Fischerliedern.  Jener  zeichnete  die 
Stifte  der  Rollen.  Je  nach  den  Abschnitten  und  darstellenden 
Gedichten  bildete  er  Menschen,  Fische,  Vögel,  vierfüssige 
Thiere,  Wind,  Regen,  Wolken  und  Monde.  Den  Schriftzeichen 
gemäss  brachte  er  Gestalten  zu  Wege.  Zierlichkeit  vereinte 
sich  mit  Wundervollem, 


Kunststücke. 


Das  Buch  der  späteren  Han  sagt: 

^    ^    Kö-hien    führte    den    Jünglingsnamen    j^    -^ 


Tse-hung-.  Im  siebenten  Jahre  des  Zeitraumes  Kien-wu  (31  n.  Chr.) 
wurde  er  an  der  Stelle  j^  ^  Tschang-kan's  der  ,Verdienst- 
volle  des  glänzenden  Gehaltes^  und  begleitete  den  Kaiser  zu 
Wagen  in  die  südliche  Vorstadt.  Während  Hien  sich  auf  seinem 
Posten  befand,  wendete  er  sich  plötzlich  gegen  Nordosten, 
nahm  in  den  Mund  Wein  und  sprudelte  ihn  dreimal  aus.  Er 
wurde  dem  Gesetze  gemäss  festgenommen,  und  man  meldete 
an  dem  Hofe  seine  Unehrerbietigkeit.  Eine  höchste  Verkün- 
duug  gebot,  ihn  um  die  Ursache  zu  fragen.  Hien  antwortete: 
In  dem  Reiche  Tsi  ist  Feuer  ausgebrochen.  Desshalb  habe 
ich  es  dadurch  unterdrückt.  —  Später  reichte  Tsi  wirklich 
eine  Eingabe  wegen  Fevierschaden  empor.  Es  war  an  dem- 
selben Tage,  an  welchem  man  sich  in  die  Vorstadt  begeben 
hatte. 


Kunstfertigkeiten  und  Kunsto  der  ;ilton  Cliinesen.  203 

^  ^  Puaii-ying  führte  den  Jüns>-lint;»ii,iiii('n  ^  ^ 
Ki-tsi.  I)er.s(!lbe  verstand  sich  gut  auf  die  Ecken  dos  Windes  ', 
die  Zähhmgen  der  Sterne,  den  FIuss,  den  Lö  und  die  sieben 
Einschläge-^.  Es  war  einst  ein  Stui-m,  der  sich  aus  Westen 
erhoben  hatte.  Ying  sagte  zu  den  Lernenden :  Auf  dem  Markte 
von  Tsching-tu  ist  ein  sehr  grosses  Feuer  ausgebrochen.  — 
Er  nahm  Wasser  in  den  Mund  und  sprudelte  es  gegen  Westen. 
Hierauf  hiess  er  den  Tag  und  die  Stunde  verzeichnen.  Später 
kam  ein  Gast  aus  der  Hauptstadt  von  Scho  und  sagte:  An 
diesem  Tage  war  eine  grosse  Feuersbrunst.  Da  erhob  sich 
phitzlich  eine  schwarze  Wolke  aus  Osten.  In  einem  Augen- 
blicke erfolgte  starker  liegen  und  das  Feuer  erlosch  alsbald.  — 
Man  pries  jetzt  in  dci-  Welt  die  Kunst  Puan-ying's. 

Die  Ueberlieferungen  von  dem  Hause  des  Geschlechtes 
Schao  sagen : 

S  '^  w[i  Schao-sin-tschin  bekleidete  die  Stelle  des 
kleinen  Sammelhauses.  In  Nan-yang  kam  Feuer  zum  Ausbruch, 
und  es  verbrannten  die  Häuser  von  mehreren  zehntausend  Men- 
schen. Sin-tschin  befand  sich  um  die  Zeit  in  der  Gesellschaft  des 
Reichsgehilfen  ^  ^  Kuang-heng  und  war  im  Herzcui  be- 
wegt. Er  nahm  in  den  Mund  Wein  und  sprudelte  ihn  gegen 
Osten.  An  dem  Orte,  wo  das  Feuer  ausgebrochen  war,  sah 
man  eine  Wolke  von  Nordwesten  herankommen.  Es  folgte 
Finsterniss  und  ein  starker  Regen,  der  das  Feuer  auslöschte. 
Der  Regen  hatte  einen  Weingeruch. 

Die  Ueberlieferungen  von    Unsterblichen    von    Kuei-yang 


sagen 


"7*  ^  f&  Tsching- wu-tse  hatte  gerade  am  Morgen 
eine  grosse  Zusammenkunft.  Er  bespülte  die  Mitte  der  Vorhalle 
mit  Wein.  Die  Inhaber  der  Vorsteherämter  fragten  ihn  um 
die  Ursache.  Er  antwoi'tete :  In  dem  Districte  Lin-wu  ist  Feuer 
ausgekommen.  Ich  bringe  Rettung  durch  Wein.  —  Man  schickte 
hin,  um  sich  zu  überzeugen.  Es  veidiielt  sich  wirklich  so. 

Die  Ueberlieferungen  von  göttlichen  Unsterblichen  sagen : 
G«    isl    Luan-pa   war    der  Richtige    des    obersten   Buch- 
führers.   Am    geraden    Morgen    hatte    er    eine  Zusammenkunft. 
Als  er  Wein    erhielt,    sprudelte    er    ihn   gegen    Südwesten    und 

'  Er  beobachtete  den  Winrl  der  vier  Ecken  oder  Weltgcgenden. 

2  Die   sieben  Einscliläpre   sind   die   fünf  Planeten   samnit  Sonne   und  Mond. 


204  Pfizinaier. 

sagte,  in  Tscliing-tu  sei  Feuer  ausgebrochen,  er  mache  Regen 
und  bringe  Rettung.  Später  kam  ein  Abgesandter  an.  Es  ver- 
hielt sich  wirklich,  wie  Jeuer  gesagt  hatte. 

Das  Buch  Pao-po-tse  sagt: 

Die  Männer  der  Arzneikunst  in  den  auswärtigen  Reichen 
können  Drachen  beschwören.  Sie  treten  an  den  Abgrund  der 
Wasser  und  schreiten  langsam  einher.  Die  Drachen  schwimmen 
heraus.  Sie  sind  mehrere  zehn  Klafter  lang.  Die  Männer  der 
Arzneikunst  beschwören  sie.  Die  Drachen  schrumpfen  dann 
zusammen  und  verkürzen  sich  bis  zu  einer  Länge  von  einigen 
Zollen.  Jene  erfassen  sie  mit  den  Händen  und  legen  sie  in 
einen  Topf.  Die  Drachen  sind  alsbald  vier  bis  fünf  Zoll  lang, 
und  man  nährt  sie  mit  Wasser.  Wenn  die  übrigen  Reiche  wenig 
Regen  haben  und  öfters  von  Dürre  heimgesucht  werden,  so 
gibt  man  sofort  einen  Drachen  her.  Man  geht  hin  und  ver- 
kauft ihn.  Ein  Drache  kostet  tausend  Pfunde  Goldes.  Man 
nimmt  ein  Stück  und  legt  es  in  den  Abgrund  der  Wasser. 
Alsbald  bringt  es  Wolken  und  Regen  zu  Stande. 


M  "4^  ^  Hoa-nien-sse,  Statthalter  von  Liü-kiang, 
begab  sich  zu  einem  Manne  des  Weges  und  lernte  die  Kunst 
des  Sehens  der  verborgenen  Dinge.  Es  waren  noch  nicht  ganz 
hundert  Tao;e,  so  sah  er  in  der  Nacht  den  Schmuck  des  Hirn- 
mels,  und  in  den  vier  Nachbarschaften  gab  es  keine  Dächer, 
Häuser,  Zäune  und  Schutzwehren  mehr.  Er  hatte  eine  Neben- 
gemalin,  die  längst  gestorben  war.  Er  sah  auch  die  Gestalt 
dieser  Letzteren  und  sprach  mit  ihr  wie  bei  Lebzeiten.  Nien- 
sse  glaubte  jetzt  an  die  Kunst  des  Weges. 


Ein  gewisser  jjpj*  ^  Ki-0  wandelte  auf  dem  Wege 
und  begegnete  einem  daherrollenden  Wagen.  Die  beiden  Beine 
O's  stiessen  an  den  Wagen  und  wurden  sogleich  abgebrochen. 
Sein  Schüler  ^Q^  "d^  Ku-mi  ',  der  dieses  sah,  war  erschrocken 
und  von  Bangigkeit  erfüllt.  O  nahm  augenblicklich  die  abge- 
schnittenen Beine  und  setzte  sie  wieder  an,  wie  sie  früher 
gewesen. 


'  Ku-mi  stammte  aus  Wei, 


Kunstfertigkeiteu  und  Künste  der  alten  Chinesen.  205 

Die  sämmtlichen  zehntausend  Künste  von  Jloai-nan  sagen : 
Das  Gehirn  der  Aelster  bewirkt,  dass  die  Menschen 
gegenseitig  sich  sehnen.  Man  nimmt  zwei  Aelstern,  ein  Männ- 
chen und  ein  Weibchen,  und  löstet  sie  an  einem  Kreuzwege. 
An  dem  Tage  Ping-ying  (8)  trinkt  man  mit  den  Menschen  in 
Gesellschaft  Wein.  Man  gibt  das  Gehirn  in  den  Wein,  und 
sie  sehnen  sich  gegenseitig. 


Ein  alter  Sophorabaum  bringt  Feuer  hervor.  Wenn  Leim 
das  AVasser  aufregt,  so  wird  es  klar.  Eine  abgenützte  Staub- 
schüssel entzieht  das  Salzige.  Man  nimmt  die  Staubschüssel 
und  legt  sie  in  den  zubereiteten  Trank.  Das  Salzige  legt  sich 
an  die  Staubschüssel. 

Die  Feuchtigkeit  des  Hauptes  macht  Nadeln  schwimmen. 
Man  nimmt  den  Schmutz  des  Hauptes,  bestreicht  und  verstopft 
damit  deren  Oehre.  Wenn  man  sie  in  das  Wasser  legt,  so 
schwimmen  sie. 

Wenn  ein  rothes  Tuch  sich  innerhalb  der  Thüren  befindet, 
so  bleibt  das  Weib  angeschlossen.  Man  nimmt  das  Tuch  des 
Monatlichen  des  Weibes  und  verbrennt  es  am  siebenten  Tage 
des  siebenten  Monats  zu  Asche.  Legt  man  diese  über  die 
Dachbalken,  so  geht  das  Weib  nicht  mehr  fort.  Mau  darf  es 
das  Weib  nicht  wissen  lassen. 

Nimmt  man  die  Haut  der  Stechwinde  und  legt  sie  in 
einen  Krug,  so  plätschert  es  in  diesem  wie  Regen. 


Verbrennt  man  Hörn  imd  tritt  in  das  Gebirge,  so  halten 
sich  Tiger  und  Leoparden  fern.    Sie  hassen  diesen  Geruch. 


Der  Buchsbaum  bringt  Wolken  zu  Wege.  Man  nimmt 
Buchsbäume  und  stellt  sie  in  zolin  grosse  Krüge.  Wenn  die 
Luft  zu  Ende  ist,  schicken  sie  Wolken  hei-vor. 


Kupferne  Krüge  ertönen  wie  Donner.  Man  nimmt  sieden- 
des Wasser  und  ffiesst  (!s  in  einen  Kriijr.     Wenn    man    diesen 


206  P  f  i  z  m  a  i  e  r. 

in  einen  Brunnen  versenkt,    so    hört    man    den  Ton    auf  einer 
Strecke  von  mehreren  Weg-langen. 

Man  nimmt  Rog-gen  des  Haustempels  und  lässt  ein  Kind 
ihn  beissen.  Das  Kind  sehnt  sich  dann  nicht  mehr  nach  der 
Mutter. 

Man  nimmt  rothen  Roggen  des  Winters  des  Thores,  weicht 
ihn  in  Fuchsblut  und  trocknet  ihn  im  Verborgenen.  Wenn  man 
trinken  will^  nimmt  man  davon  eine  Kugel  und  legt  sie  unter  die 
Zunge.  Wenn  man  sie  mit  dem  Weine  verschluckt,  bewirkt 
dieses,  dass  der  Mensch  nicht  trunken  wird. 


Rother  Roggen  des  Winters  des  Thores  und  Früchte  der 
Wasserlinsen,  zu  Kugeln  geformt,  bewirken,  dass  das  Weib 
nicht  eifersüchtig  ist.  

Man  nimmt  ein  Hühnerei,  entfernt  die  Schale  und  ver- 
brennt es  bei  einem  Feuer  von  Beifuss.  Der  schnelle  Wind 
in  der  inneren  Höhlung  erhebt  sich  dann  hoch,  und  es  fliegt 
von   selbst  fort. 

Man  nimmt  das  Kleid  eines  abwesenden  Menschen,  legt 
einen  Magnet  hinein  und  hängt  es  in  dem  inneren  Hause  auf. 
Der  Abwesende  kehrt  dann  von  selbst  zurück. 


Man  nimmt  Spinnen  und  streicht  sie  über  ein  Tuch.  Der 
Regen  des  Himmels  kann  dieses  dann  nicht  befeuchten. 


Mau  nimmt  einen  Rossschweif,  hält  ihn  an  das  Feuer 
und  legt  ihn  in  die  Kleider  der  Freunde  oder  Gatten.  Diese 
empfinden  dann  gegen  einander  Abscheu. 


Man  haut  Eis  ab  und  gibt  ihm  eine  runde  Gestalt.  Er- 
hebt man  es  gegen  die  Sonne  und  fängt  mit  Beifuss  deren 
Strahlen  auf,  so  entsteht  Feuer. 


Nimmt  man  Rindsgallo  und  bestreicht  damit  einen  heissen 


Kessel,  so  tönt  dieser, 


Kunstrcrtigki'itfii  und  Künste  der  alton  Chint-sen.  207 

Zieht  man  das  Schwert  uiul  lehnt  sich    ahi    das  Thoi-,    so 
gerathen  die  Kinder  niclit  in  Schrecken. 


Befindet  sich  eine  Wolfshaut  innerhalb  der  Thüren,  so 
g-ehen  die  Schafe  nicht  aus  dem  Stalle.  Es  ist,  weil  das  Schaf 
den  Wolf  fürchtet. 

Man  verbrennt  Holz  und  verkauft  Wein.  Das  Menschen- 
volk sammelt  sich  an.  Man  nimmt  das  Holz  von  feinem  Hause, 
in  welchem  man  Feuer  auskommen  Hess,  und  schnitzt  daraus 
ein  Menschenbild.  Man  opfert  diesem  allmorgendlich.  Die 
jMenschen  sammeln  sich  dann  an. 


Man  nimmt  Lockspeise  der  Eidechsen  und  Insecten, 
trocknet  sie  im  Verborgenen  mit  Zinnober  und  bestreicht  damit 
den  Leib  des  Weibes.  Wenn  ein  Mann  sich  mit  ihr  vereinigt, 
wird  er  sogleich  vernichtet. 


Bestreicht  man  mit  Igelfett  Eisen,  so  wird  dieses  weich 
und  bricht  nicht. 

Ein  röhrenförmiges  Thongefäss  bewirkt,  dass  der  Vogel 
zu  singen  aufhört.  Man  nimmt  den  Boden  der  Röhre  und 
wirft  ihn  weg.  Der  Vogel  hört  dann  auf  zu  singen. 


Legt  man  Rhinoceroshorn  in  eine  Fuchshöhle,  so  kommt 
der  Fuchs  nicht  zurück. 


Bestreicht    man    mit    dem    Blute    eines    Taubenschenkels 
das  Haupt  eines  Huhnes,  so  kann  das  Huhn  sich  niclit  erheben. 


Wenn  ein  Pferd  Menschen  beisst,  nimmt  man  zu  Boden 
gestürzte  Seidenraupen  und  l)estreicht  damit  dessen  Oberlippe;. 
Es  lässt  dann   sogleich  ab  und  beisst  die  Menschen  nicht  mehr. 


208  Pfizinaier. 

Yerzanbeniiiff. 

Das  Bucli  der  späteren  Han  sagt: 

Zu  den  Zeiten  des  Kaisers  Tschang  lebte  ein  gewisser 
"f^  ^fe  ft  Seheu-kuang'-heu.  Derselbe  konnte  die  hundert 
Dämonen  ihrer  Schuld  überführen.  Sämmtlichen  Ungethümen 
ward  befohlen,  sich  selbst  zu  binden  und  ihre  Gestalt  zu  zeigen. 
Unter  den  Menschen  seines  Bezirkes  war  ein  Weib,  das  durch 
ein  Ungethüm  mit  Krankheit  heimgesucht  wurde.  Heu  über- 
führte ihretwegen  das  Ungethüm  seiner  Schuld.  Er  fand  eine 
grosse  Schlange,  die  mehrere  Klafter  lang  war.  Dieselbe  war 
todt  ausserhalb  des  Thores. 

Ferner  gab  es  einen  göttlichen  Bamn.  Die  Menschen, 
die  bei  ihm  stehen  blieben,  waren  sogleich  todt.  Die  Vögel, 
die  zu  ihm  hinflogen,  tielen  gewiss  zu  Boden.  Heu  überführte 
ihn  wieder  seiner  Schuld.  Der  Baum  vertrocknete  und  verlor 
die  Blätter  mitten  im  Sommer.  Man  sah  eine  grosse  Schlange, 
die  sieben  bis  acht  Klafter  lang  war.  Dieselbe  hing  todt  zwischen 
den  Aesten. 

Der  Kaiser  hörte  dieses  und  forderte  ihn  zu  sich.  Er 
sagte:  Unter  meiner  Vorhalle  erscheinen  nach  Mitternacht 
immer  einige  Menschen  in  hochrothen  Kleidern.  Sie  sind  von 
ihrem  Haupthaare  bedeckt,  halten  in  den  Händen  Feuer  und 
fols-en  einander.  Könntest  du  sie  wohl  der  Schuld  überführen? 
—  Heu  sprach :  Dieses  ist  eine  kleine  Seltsamkeit.  Man  kann 
sie  leicht  tilu-en.  —  Der  Kaiser  täuschte  ihn  und  Hess  durch 
drei  Menschen  die  Sache  bewerkstelligen.  Heu  überführte  die 
drei  Menschen  ihrer  Schuld.  Sie  stürzten  in  einem  Augenblicke 
leblos  zu  Boden.  Der  Kaiser  erschrack  sehr  und  sagte :  Es  sind 
keine  Ungethüme.  Ich  habe  dich  nur  auf  die  Probe  gestellt.  — 
Jener  befreite  sie  und  sie  wurden  Avieder  lebendig. 


^  ^  Siü-teng  stammte  aus  i\Iiu-tschung.  Seine  eigene 
Tochter  verwandelte  sich  in  einen  Manu.  Er  verstand  sich  gut 
auf  die  Kunst  der  Beschwörung.  Ferner  war  i^  ^  Tschao- 
ping,  dessen  Jünglingsname  |$pj"  ^  Kuug-0,  ein  Mensch 
von  Tung-yang,  im  Stande,  die  lleilkunst  von  Yue  zu  üben. 
Um  die  Zeit  ereigneten  sich  Unordnungen    durch    die  Waffen, 


Kunstfertigkeiten  niul  Künste  der  alten  Chinesen.  209 

Krankheiten  und  Seiielien  entstanden  in  grosser  Ausdehnung. 
Die  zwei  Menschen  begegneten  einander  an  dbni  Wasser  des 
Baches  der  Verletzung  der  VögcL  Alsbahl  gaben  sie  sich  (bis 
Versprechen  und  kamen  überein,  gemeinschaftlich  durch  ihre 
Kunst  die  Krankheiten  zu  heilen. 

Einer  sagte  jetzt  zu  dem  Anderen :  Da  wir  eines  Sinnes 
geworden  sind,  kann  Jeder  von  uns  versuchen,  was  er  im 
Stande  ist.  —  Teno-  verzauberte  hierauf  das  Wass(;r  des  Baches. 
Das  Wasser  floss  desswegcn  nicht.  Fing  blies  Avieder  und  v(m-- 
zauberte  dürre  Bäume.  Die  Bäume  erhielten  sogleich  Blüthen- 
schmuck.  Die  beiden  Menschen  sahen  einander  an  und  lachtcni. 
Sie  gingen  gemeinschaftlich  ihres  Weges.  Teng  war  in  Jahren 
der  Aeltere.  Fing  diente  ihm  als  seinen  Lehrer.  Er  schätzte 
dessen  Reinheit  und  Sparsamkeit  als  etwas  Vornehmes  und 
bezeiffte  dessen  Geiste  Ehren.  Sie  schenkten  nur  solches  Wasser 
ein,  welches  nach  Osten  floss.  Sie  hieben  die  Rinde  des  Maul- 
beerbaumes ab  und  bereiteten  Dörrfleisch.  Sie  übten  blos  die 
Kunst  der  Verzauberung.  Alles,  dessen  Heilung  sie  unternahmen, 
wurde  entfernt. 

Später  starb  Teng,  und  Fing  trat  in  ^  ;^  Tschang- 
nffan  ein.  Die  hundert  Geschlechter  des  Volkes  kannten  ihn 
noch  nicht.  Er  bestieg  desswegen  eine  Leiter,  stellte  auf  das 
Dach  einen  dreifüssig-en  Kessel  und  machte  darunter  Feuer  an. 
Der  Hauswirth  sah  dieses  und  empfand  Schrecken  und  Furcht. 
Fing  lachte  und  gab  keine  AntAvort.  Hierauf  hatte  er  das  Feuer 
angemacht,  der  Kessel  wurde  heiss,  jedoch  das  Dach  erlitt 
keinen  Schaden  und  keine  Veränderung.  Ferner  stand  er  einst 
an  einem  Wasser  und  verlangte  überzusetzen.  Der  Schiffer 
kam  mit  ihm  nicht  überein.  Fing  spannte  einen  Sonnenschirm 
auf,  setzte  sich  hinein  und  pfiff"  und  rief  foi-twährend.  Bei 
Wind  und  aufgeregter  Strömung  setzte  er  über. 

Die  Denkwürdigkeiten  von  IT  sagen: 

^  ^  Ho-tsi  strafte  die  Räuber  der  Berge.  Unter 
diesen  war  Jemand,  der  sich  auf  die  Verzauberung  verstand. 
So  oft  man  im  Kampfe  zusammentreffen  sollte,  konnten  in  dem 
Kriegsheere  der  Obrigkeiten  die  Messer  und  Schwerter  nicht 
gezogen  werden.  Die  abgeschossenen  Ffeile  der  Bogen  und 
Armbrüste  kehrten  zurück  und  waren  gegen  das  eigene  Kriegs- 
heer gewendet.  Sofort  war  die  Thätigkeit    nutzlos.     Tsi  dachte 

Sitzl».  d.  phil.-hist.  Cl.  LXIX.  Ud.  II.  Ilft.  14 


» 


210  Pfizmaier. 

lange  nach  und  sagte :  Ich  habe  gehört,  dass  Eisen,  welches 
eine  Schneide  besitzt,  kann  verzaubert  werden.  Die  Insecten, 
welche  Gift  besitzen,  können  verzaubert  werden.  Besitzen  aber 
diese  Dinge  keine  Schneide  und  kein  Gift,  so  können  sie  nicht 
verzaubert  werden.  Jene  können  gewiss  unsere  Waffen  ver- 
zaubern. Sie  können  gewiss  nicht  Dinge  verzaubern,  die  keine 
Schneide  besitzen.  —  Hierauf  verfertigte  man  in  grosser  Menge 
starke  hölzerne  Dreschflegel.  Man  wählte  fünftausend  muthige 
und  von  Kraft  auserlesene  Krieger,  damit  sie  früher  empor- 
steigen. Sie  alle  erfassten  die  Dreschflegel.  Jene  Räuber  der 
Berge  verliessen  sich  auf  die  Geschicklichkeit  im  Verzaubern 
und  trafen  keine  strengen  Vorkehrungen.  Das  Kriegsheer  der 
Obrigkeiten  griff  sie  hierauf  mit  blossen  Stöcken  an.  Die  Ver- 
zauberimg ging  bei  Jenen  nicht  mehr  von  Statten.  Die  Er- 
schlagenen zählten  nach  Zehntausenden. 

Das  von  Siao-tse-hien  verfasste  Buch  der  Tsi  sagt: 
^  ^  1^  Tschin-hien-tä  stammte  aus  dem  südlichen 
Peng-tsching.  Er  trat  aus  dem  Wohnhause  der  Lehrerin  von 
dem  Geschlechte  j^  Tu  und  lieferte  eine  grosse  Schlacht. 
Er  ward  von  einem  Pfeile  der  Räuber  in  das  linke  Auge  e-e- 
troffen.  Er  zog  den  Schaft  heraus,  aber  die  Spitze  des  Pfeiles 
ging  nicht  heraus.  Die  Mutter  des  Geschlechtes  *)|^  Fan  aus 
dem  Dorfe  des  Erdgelbs  verstand  sich  auf  die  Verzauberung. 
Sie  schlug  früher  einen  Nagel  in  den  Pfeiler.  Sie  schritt  lang- 
sam einher  und  machte  Luft.  Der  Nagel  ging  mit  der  Zeit 
heraus.  Sie  verzauberte  jetzt  die  Pfeilspitze  in  dem  Auge  Hien- 
tä's  und  machte  sie  herausgehen. 


Vor     dem     Thore    ^^    ^    Ku-hoan's,    dessen    Schüler 

^!  '^  JmS  Pao-ling-scheu  gewesen,  befand  sich  ein  Baum, 
flessen  Stamm  zehn  Umschliessunp-en  mass.  Auf  der  Höhe  des- 
selben  befand  sich  ein  Gespenst  und  Ungethüm.  Dasselbe  zeigte 
mehrmals  seinen  Schatten  und  bewegte  sich.  Hoan  legte  ein 
Siegel  an  den  Baum,  und  dieser  vertrocknete  sogleich  und 
starb  ab. 

Jn  dem  Dorfe  der  weissen  Steine  in  Schan-yin  gab  es 
vieles  Unrecht  und  Krankheiten.  Die  Menschen  des  Dorfes 
meldeten  es  ihm   und  ljat(;n,  dass  er  sich  ihrei-  erbarme.    Hoan 


Kunstfertigkeiten  und  Künste  der  alten  Chinesen.  21 1 

ging-  hin.  Die  Menschen  des  Dorfes  erklärten  seinetwegen 
Lao-tse.  Jenei-  bemass  die  Erde  und  zeiclinet^;  ein  Gefängniss. 
Nach  einer  Weile  sah  man  Füchse,  Dachse,  grosse  Schild- 
ki-öten  und  Molche,  die  in  das  Gefängniss  traten.  Es  waren 
sehr  viele,  und  er  befahl  sogleich;,  sie  zu  tödten.  Alle  Kranken 
wurden  geheilt. 

Es  gab  ausserdem  Krankheiten  und  Unrecht,  worüber 
man  Hoan  befragte.  Dieser  sprach:  Gibt  es  in  dem  Hause 
Bücher?  —  Man  sagte:  Wir  haben  blos  das  Buch  der  Aeltern- 
liebe.  —  Hoan  sprach:  Man  kann  es  nehmen  und  neben  das 
Kopflvisscu  der  Kranken  legen.  Wenn  sie  es  verehren,  werden 
sie  wiederhergestellt.  —  Die  Kranken  genasen  wirklich.  Die 
Menschen  fragten  ihn  um  die  Ursache.  Er  antwortete:  Das 
Gute  wirft  das  Böse  zurück.  Das  Richtige  besiegt  das  Unrecht. 
Hierdurch  wurden  sie  geheilt. 

Das  Buch  der  nördlichen  Tsi  sagt: 

^^  -^  ^  Thsui-tse-wu  war  ein  Enkel  des  Spitenge- 
schlechtes  -^J-  ^ß  Ki-schü.  In  seiner  Jugend  übernachtete 
er  in  dem  Hause  seines  Grossvaters  von  mütterlicher  Seite, 
^  ^  Li-hien's  aus  der  Provinz  Tschao,  stechenden  Ver- 
luerkers  von  Yang-tscheu.  In  einer  Nacht  träumte  ihm,  dass 
ein  Mädchen  von  sehr  lieblichem  Aussehen  sagte:  Die  Tochter 
des  Königs  von  -»jl  ^^  Fung-lung  wünscht  mit  dem  Leib- 
wächter von  dem  Geschlechte  Thsui  im  Geheimen  zu  ver- 
kehren. —  Tse-wu  fand  an  ihr  Gefallen.  Er  zog  sie  an  Kleid 
und  Rock,  und  die  Naht  ward  ein  wenig  aufgerissen.  Noch  vor 
Tagesanbruch  sagte  sie  Lebewohl,  band  den  Gürtel  uiul  trennte 
sich.  Als  es  Tag  ward,  erkundigte  sich  Jener,  und  es  war  die 
Gottheit  des  Berges.  Er  ging-  hierauf  in  den  Tempel  und 
betrachtete  ihn.  Die  zur  Seite  gemalte  Mädchengestalt  war 
dieselbe,  die  er  im  Traume  gesehen.  Der  aufgerissene  Rock 
war  noch  vorhanden,  ebenso  der  geknüpfte  Gürtel.  Tse-wu 
verkehrte  jetzt  mit  ihr  im  Traume.  Er  war  ganz  ausser  sich 
und  zog  sich  eine  Kraidvheit  zu.  Spätei'  traf  er  einen  Arzt, 
der  die  Göttin  verzauberte.    Die   Sache  liatte  hierauf  ein  Ende. 

Das  Buch  der  Sui  sagt: 

§^  ^C  ^  Tschang-wen-hiü  hatte  immer  Lenden- 
schmerzen. Der  Arzt,  mit  dem  er  zusannnentraf,  sagte,  dass 
er  sicli  gut  aul"  die  Verzauberung  verstehe.    Wen-hiü  hiess  ihn 

14* 


212 


Pf  izmaier. 


die  Krankheit  verzaubern.    Alsbald  ward  er  durch  eine  Schwert- 
schneide verwundet,  so  dass  er  niederstürzte  und  auf  dem  Kissen 
des  Bettes  lag.    Der  Arzt  schlug  das  Haupt  an  den  Boden  und 
bat  wegen  seiner  Schuld.     Wen-hiü  schickte  ihn  eilig  fort. 
Das  Buch  der  Thang  sagt: 

^    it-    ^    Ye-fä-schen   errichtete  einst  auf  "der  Warte 
-^     iÄ    ^F« 

Jr^  i^  Ling-kung  in  der  östlichen  Hauptstadt  einen  Altar  und 
opferte.  Die  vorzüglichen  Männer  und  Mädchen  in  der  Feste 
o-ino-en  wetteifernd  hin,  um  es  zu  sehen.  Plötzlich  warfen 
sich  etliche  zehn  Menschen  in  das  Feuer.  Die  es  sahen,  waren 
sehr  erschrocken.  Sie  kamen  ihnen  zu  Hilfe  und  retteten  sie, 
Fä-schen  sprach :  Dieses  sind  Ungethüme.  Sie  haben  mich  krank 
gemacht  und  wurden  nur  durch  die  Vorschrift  herbeigezogen.  — 
Man  fragte  sie,  und  es  verhielt  sich  wirklich  so.  Fä-schen 
verzauberte  sie  alle  und  überführte  sie  ihrer  Schuld.  Seine 
Krankheit  war  hierauf  geheilt. 

Die  sechs  Köcher  sagen: 

Als  König  Wu  den  Angriff  auf  Yin  bewerkstelligte,  er- 
schien der  Lehensfürst  von  ~p  Ting  nicht  an  dem  Hpfe.  Der 
grosse  Fürst  zeichnete  den  Lehensfürsten  von  Ting  auf  eine 
Tafel  und  schoss  nach  ihm  mit  drei  Pfeilen.  Der  Lehensfüi-st 
von  Ting  erkrankte  und  hatte  Mühsal.  Der  Mann  der  Schild- 
krötenschale wahrsagte  und  sprach :  Das  Unheil  ist  in  Tscheu.  — 
Jener  fürchtete  sich  und  bat,  mit  seinem  ganzen  Reiche  ein 
Diener  sein  zu  dürfen.  Der  grosse  Fürst  hiess  Menschen  an 
dem  Tage  Kiä-yi  (1,  2)  den  Pfeil,  der  an  dem  Haupte  des 
Lehensfürsten  von  Ting  haftete,  herausziehen.  An  dem  Tage 
King-ting  (3,  4)  Hess  er  den  Pfeil,  der  an  dessen  Munde  haftete, 
herausziehen.  An  dem  Tage  Sü-I  (5,  6)  Hess  er  den  Pfeil,  der 
an  dessen  Bauche  haftete,  herausziehen.  Die  Krankheit  des 
Lehensfürsten  von  Ting  ward  allmälig  geheilt.  Die  Fremd- 
länder dei-  vier  Gegenden,  welche  dieses  hörten,  kamen  mit 
Tribut. 

Der  Garten  der  Merkwürdigkeiten  sagt: 
^  1^  Yang-tung  von  Yung-kia  war  ein  gewöhnliche)' 
Lehrer  aus  den  Zeiten  Sün-kiuen's.  Derselbe  bestieg  einst  allein 
ein  Schiff  und  begab  sich  zu  dem  Ankerplatze  von  Kien-ning. 
An  dem  Haltplatze  des  Flussarmes  kam  in  der  Nacht  plötzlich 
ein  Dämon    und  wollte  gegen  ihn  einen  Schlag  führen.     Tung 


Kuiistfertigkoiten  iiiul  Künste  der  alten  Oiiuosen.  '  '2\'j 

erhob  sich  und  sii<j;tQ  zu  ihm :  Wer  wag-t,  Y,^iiiu'-tuDg-  nahe  zu 
treten?  —  Der  Dämon  senkte  sogleich  das  Haupt  zu  Boden 
und  sagte:  Ich  wusste  Avirldich  nicht,  dass  es  der  Abgesandte 
von  dem  Geschlechte  Yang  ist.  —  Tung  warnte  ihn  sofort  und 
Hess  ihn  in  das  Schiff  steigen.  Man  flog  sclincller  dahin,  als 
wenn  man  starke  Segel  gehabt  hätte.  Als  er  in  dem  Districte 
ankam,  schickte  er  ihn  fort. 


A^  ^  Tschao-heu  liebte  in  seiner  Jugend  die  Kunst- 
stücke. Sein  Aussehen  und  seine  Gestalt  Avaren  kümmerlich 
und  elend.  Seine  Länge  betrug  nicht  ganz  einige  Schuhe.  Er 
füllte  eine  Schüssel  mit  Wasser,  schloss  die  Augen  und  be- 
werkstelligte die  Verzauberung.  Fische  imd  Drachen  zeigten 
sich  auf  der  Stelle. 

Heu  besass  weissen  Reis,  der  von  Katten  gestohlen  wurde. 
Er  ergriff  ©in  Messer,  zeichnete  auf  die  Erde  ein  Gefängniss 
und  öffnete  an  den  vier  Seiten  desselben  die  Thüren.  Er  wandte 
sich  nach  Osten,  pfiff,  und  eine  Schar  Katten  kam  herbei.  Er 
beschwor  diese  und  sagte :  Die  nicht  davon  gegessen  haben, 
mögen  sich  entfernen.  —  Diejenigen,  die  stehen  blieben,  waren 
ungefähr  zehn.  Er  schnitt  ihnen  den  Bauch  auf  und  betrachtete 
die  Eingeweide.     Der  Reis  war  daselbst  vorhanden. 

Er  war  einst  baarfuss  und  larauchte  Schuhe.  Er  erhob 
das  Haupt  und  summte  etwas  leise  vor  sich  hin.  Ein  Paar 
Schuhe  kam  von  selbst  herbei. 

Wenn  Jemand  seine  Gestalt  verlachte,  sagte  er  sogleich 
verstellter  Weise,  dass  er  den  Weinbecher  dessen  JMunde  zu- 
wende. Unterdessen  verhielt  er  diesem  Menschen  die  Nase 
und  Hess  sie  nicht  los.  Wenn  dieser  Mensch  jezt  das  Haupt 
zu  Boden  neigte  und  sich  wegen  seines  Vergehens  entschuldigte, 
leffte  er  ihn  auf  die  Erde  und  hob   ihn   nicht  auf. 

In  Yung-khang  ])efindet  sich  der  Jkrg  des  Steinreiters. 
Auf  der  Höhe  des  Berges  befand  sich  ein  steinerner  Mensch, 
der  auf  einem  steinernen  Pferde  litt.  Heu  blickte  empor  und 
zeigte  auf  ihn  mit  dem  Finger.  Dem  Pferde  fiel  augenblicklich 
der  Kopf  ab.  Derselbe  befindet  sich  gegenwärtig  noch  inmier 
an  dem  Fusse  des  Berges, 


914  Pfizmaier. 

Die  Ueberlieferuiigcu  vou  göttlichen  Unsterblichen  sagen : 
^  ^  Yan-tsing  kehrte  immer  in  der  Nacht  von  dem 
Hause  seines  Schülers  heim.  Der  Beruhiger  der  Hauptstadt 
wandelte  in  der  Nacht  und  begegnete  Tsing.  Er  rief  diesen 
an  und  fragte,  was  für  ein  Mensch  in  der  Nacht  wandle.  Tsing 
fragte  ihn  ebenfalls  mit  scharfer  Stimme:  Was  für  ein  Mensch 
bist  duj  dass  du  in  der  Nacht  wandelst?  —  Der  Beruhiger  der 
Hauptstadt  zürnte  über  diese  Antwort  und  wusste  nicht,  dass 
es  Tsing  sei.  Er  schrie  daher  auf  die  ihn  begleitenden  Kriegs- 
niänner  und  hiess  sie  den  in  der  Nacht  wandelnden  Menschen 
verhören.  Tsing  schrie  ebenfalls  auf  die  ihn  begleitenden  Geister 
und  sagte:  Bindet  die  in  der  Nacht  wandelnden  Menschen!  - 
Tsing  entfernte  sich  alsbald,  allein  der  Beruhiger  der  flaupt- 
stadt  und  dessen  Begleiter,  etliche  zehn  Menschen,  konnten 
sich  sammt  ihren  Pferden  nicht   mehr  entfernen. 

Am  nächsten  Morgen  sahen  wandernde  Menschen  den 
Beruhiger  der  Hauptstadt  und  fragten  ihn,  wie  es  komme,  dass 
er  sich  hier  befinde.  Der  Beruhiger  der  Hauptstadt  sagte,  wie 
die  Sache  sich  verhielt.  Die  wandernden  Menschen  sprachen: 
Es  ist  gewiss  der  Fürst  von  dem  Geschlechte  Yen.  —  Der 
Beruhiger  der  Haupstadt  sprach:  Ich  bin  nicht  im  Stande,  mich 
zu  bewegen.  Man  kann  es  in  meinem  Hause  melden.  —  Als 
die  Menschen  des  Hauses  es  erfuhren,  gingen  sie  zu  Jenem 
hin,  schlugen  die  Häupter  gegen  den  Boden  und  entschuldigten 
sich  bei  Tsing,  indem  sie  sagten:  Gestern  Nachts  wusste  er 
nicht,  dass  es  der  Frühgeborne  gewesen.  Wir  bitten,  dass  es 
ihm  vergönnt  sei,  losgelassen  und  fortgeschickt  zu  werden.  — 
Tsing  rief  jetzt  mit  lauter  Stimme:  Lasset  los  und  schicket 
fort  die  in  der  Nacht  wandernden  Menschen,  die  ihr  gestern 
Nachts  verhört  habt,  damit  sie  zurückkehren!  —  Der  Beruhiger 
der  Hauptstadt  konnte  sich  jetzt  entfernen.  Wenn  er  später 
in  der  Nacht  wandelte  und  Menschen  gehen  sah,  setzte  er  sich 
immer  mit  ihnen  früher  in  Verbindung  und  fragte,  ob  es  nicht 
der  Fürst  von  dem  Geschlechte  Yen  sei. 


2B1  Hb  Dp  Wang-fang-ping  stieg  zu  dem  Hause 
Ä  M  Tsai-king's  herab.  In  der  nördlichen  Behausung  befand 
sich  ein  Mann,  dessen  Geschlechtsname    (SB    Tschin  und  dessen 


Kunstfertigkeitoii  uiul  Künste  der  alten  Cliinescn.  21  O 

Jüiialinsrsnameii  man  uit'lit  luelir  wcsiss.  Derselbe  hatte  einst 
die  Stelle  eines  Bcruhigers  aufgegeben.  Beim  Austreten  hörte 
er,  dass  in  dem  Hause  King's  sich  ein  unsterblicher  Mensch 
befinde.  Er  begab  sich  zu  dessen  Tliore,  schlug  (bis  Haupt 
gegen  den  Boden  und  bat,  sich  vor  ihn  verbeugen  und  ihn 
sehen  zu  dürfen.  Fang-ping  entsandte  Leute,  die  Jenen  zu 
ihm  führten.  Er  Hess  sich  mit  ihm  in  ein  Gespräch  ein.  Diesem 
Menschen  Avard  es  sogleich  gestattet,  ihm  zu  folgen,  mit  ihm 
einherzujagen,  und  er  Hess  ilm  soviel  gelten  wie  Tsai-king, 
Fang-ping  sprach:  Erhebe  dich  einstweilen  und  wende  dich 
gegen  die  Sonne.  ~  Fang  betrachtete  ihn  von  rückwärts  und 
sagte :  Leider  ist  dein  Herz  schief  und  nicht  gerade.  Ich  kann 
dich  niemals  den  Weg  der  Unsterblichen  lehren.  Ich  werde 
dir  das  Amt  eines  Vorgesetzten  über  der  Erde  übergeben.  —  • 
Im  Begriffe,  sich  zu  entfernen,  legte  er  eine  Beglaubigungs 
marke  sammt  einer  Ueberlieferung  in  eine  kleine  Kiste  und 
gab  es  dem  Beruhiger  von  dem  Geschlechte  Tschin.  Er  sagte 
zu  diesem:  Dieses  bewirkt  nicht,  dass  du  das  Zeitalter  über- 
setzest. Es  kann  bewirken ,  dass  deine  Lebensdauer  über 
hundert  Jahre  beträgt.  Kannst  du  Unglück  bannen,  Krank- 
heiten heilen,  so  ist  das  Lebenslos  noch  nicht  zu  Ende.  Bist 
du  noch  frei  von  Schuld  und  Fehlern,  so  gelangst  du  mit 
der  Beglaubigungsmarke  in  dein  Haus,  und  dii  bist  sogleich 
hergestellt.  Gibt  es  unrechte  Dämonen  und  (hi  vermuthest 
im  Herzen,  wer  das  Unglück  Ijewirkt,  so  trage  sogleich  die 
Beglaubigungsmarke  an  dem  Gürtel.  Durch  diese  Ueberlieferung 
warnst  du,  die  Angestellten  der  Altäre  werden  autgreifen  und 
herbeibringen  die  Dämonen.  In  dem  Herzen  wirst  du  dann 
auch  erkennen  das  Leichte  und  das  Schwere.  Wenn  die  Zeit 
naht,  wirst  du  nach  Gutdünken  Jene  zurechtbringen. 

Der  Beruhiger  von  dem  Geschlechte  Tscliin  heilte  durch 
diese  Beglaubigungsmarke  Krankheiten.  Diejenigen,  welche 
diese  Sache  lernten,  waren  einige  hundert  Häuser.  Kr  starb 
in  einem  Alter  von  einhundert  zehn  Jahren.  Später  befasstcn 
sich  seine  Schüler  mit  dieser  Beglaubiguugsmarke,  ohne  die 
Sache  zu  lernen. 

Das  Buch  Pao-po-tse  sagt: 

Wenn  man  Wunden,  die  durch  Metall  geschlagen  wurden, 
heilt,  bläst   man     auf   sie  mit  dem  Athcm,   und   man    schneide 


yiß  Pfizmaier. 

sofort  den  Schmerz  ab.  Wenn  man  Berge  besteigt  und  Schlangen, 
Nattern,  giftige  Würmer  den  Menschen  beissen,  so  gehen  die- 
jenigen, die  sich  in  der  Nähe  befinden,  hinzu  und  verzaubern 
sie  durch  den  Athem.  Die  sich  fern  von  ihnen,  manchmal 
mehrere  zehn  Weglängßn  entfernt  belinden,  heilen  sie  sogleich 
durch  Erreichung.  Man  ruft  ihren  Geschlechtsnamen  sammt  dem 
Namen  und  beschwört  sie.  Bei  Männern  bläst  man  auf  die 
eigene  linke  Hand.  Bei  Weibern  bläst  man  auf  die  eigene 
rechte  Hand.  Man  verzeichnet  die  Stunde.  Wenn  man  später 
nachforscht  und  fragt,  so  sind  sie  um  die  Stunde  genesen. 

Ferner  gibt  es  Leute  von  kleiner  Gestalt.  Dieselben 
können  durch  den  Athem  eine  Weglänge  verzaubern.  Die 
innerhalb  der  Strecke  wohnenden  Menschen  können  bei  dem 
Heizen  der  Kessel  kein  Brennholz  verlangen.  Jene  verzaubern 
durch  den  Athem  die  Bäume.  Die  auf  diesen  befindlichen 
Vögelschaaren  fallen  sofort  zu  Boden.  Ferner  zünden  sie  über 
Riedgras  Feuer  an  und  braten  Hühner.  Diese  werden  aus- 
gebraten, aber  das  Riedgras  ist  nicht  verbrannt.  Ferner  ver- 
zaubern sie  Schwerter  und  Lanzen.  Sie  stechen  damit  Menschen 
in  den  Bauch  und  schlagen  .  sie  mit  Keulen.  Die  Schwerter 
krümmen  sich^  aber  dringen  nicht  mehr  ein.  Ferner  machen 
sie  Kessel  glühend.  Wenn  diese  ganz  roth  sind,  stellen  sie 
sich  auf  sie.  So  lange  es  dauert,  empfinden  ihre  Füsse  keine 
Hitze.  Sie  werfen  Kupfermünzen  in  das  siedende  Wasser 
eines  Kessels.  Sie  suchen  ebenfalls  und  nehmen  die  Kupfer- 
münzen, aber  ihre  Hände  werden  nicht  verbrannt.  Sie  sind 
im  Stande  zu  bewirken^  dass  die  Menschen  eines  ganzen  Marktes 
sitzen  bleiben  und  nicht  aufstehen  können. 


Z  a  II  b  e  r  k  11  n  s  t. 

Das  Buch  der  späteren  Han  sagt: 

Ln  ersten  Jahre  des  Zeitraumes  Yung-ning  (120  n;  Chr.) 
begab  sich  der  König  des  von  südwestlichen  Fremdländern 
bewohnten  Reiches  i||  Tan  zu  der  Thorwarte  und  machte 
zum  Geschenk  Musik  und  Zauberkünstler.  Dieselben  konnten 
sich  verwandeln,  aus  dem  Munde  Feuer  werfen,  sich  zertheilen 
und    lösen,    die    Häupter    der   Rinder    und  Pferde   vertauschen. 


Kunst fortigkeiten  uiul  Künste  iler  alten  Cliineson.  217 

JJui  der  ersten  Zusaunnenkuntt  in  dci-  Vorliallc  luhrten  sie 
Musikstücke  auf.  Kaiser  Ngan  sah  iliuen  in  (Jenieinscliaft  mit 
seinen  Dienern  zu.     Er  g-erieth  in  j^rosse  Verwunderung. 


Zu  den  Zeiten  des  Kaisers  Ngan  fülirte  man  die  jMusik- 
stücke  der  neun  Gäste  auf.  Man  liatte  das  den  Nutzen  des 
Einvernehmens  mit  den  Gästen  in  dem  Munde  lialtende  vier- 
füssige  Thier.  Dasselbe  kam  aus  der  westlichen  Gegend  und 
spielte  in  dem  Vorhofe.  Es  trat  in  das  gestaute  Wasser 
der  vorderen  Vorhalle  und  verwandelte  sich  in  einen  Fisch. 
Es  sog  das  Wasser  und  brachte  Nebel  hervor.  Es  verwandelte 
sich  in  einen  gelben  Drachen,  der  acht  Klafter  lang  war.  Der- 
selbe trat  aus  dem  Wasser,  lustwandelte  und  spielte  in  dem 
Vorhofe.     Er    glänzte   und  leuchtete  wie  das  Licht  der  Sonne. 


Was  ^  ^  j^  Kiai-nu-ku  und  ^g  JR  Tschang-tiao 
betrifft,  so  weiss  man  ebenfalls  nicht,  aus  welcher  Provinz  odei- 
aus  welchem  Reiche  sie  stammten.  Beide  waren  im  Stande, 
sich  zu  verbergen,  zu  versinken,  ein-  und  auszutreten,  ohne 
sich  eines  Thores  oder  einer  Thüre  zu  bedienen.  Nu-ku  war 
im  Stande,  die  Gestalt  der  Wesen  zu  verändern  und  wechseln 
zu  machen.     Er  täuschte  durch  Zauberkunst  die  Menschen. 

Das  Buch  der  Tsin  sagt: 

jM  ^n  Ko-pö  wollte  sich  zur  Reise  ausrüsten  und  sich 
entfernen.  Er  liebte  die  Sclavin  seines  Hauswirthes  und 
hatte  kein  Mittel,  sie  zu  erlangen.  Er  nahm  drei  Nössel  kleine 
Bohnen,  ging  um  das  Wohngebäude  des  Hauswirthes  und 
verstreute  sie.  Als  der  Hauswirth  am  frühen  Morgen  aufstand, 
sah  er  mehrere  tausend  rothgekleidete  Menschen,  die  sein  Haus 
umringten.  Als  er  sich  näherte  und  hinblickte,  waren  sie  ver- 
schwunden. Dieses  war  ihm  sehr  zuwidc;]-,  und  er  sagte  es 
Kö-pö.  Dieser  sprach:  Du  solltest  in  deinem  Hause  nicht 
diese  Sclavin  halten.  Du  kannst  sie  im  Südosten  in  einer  Ent- 
fernung von  zwanzig  Weglängen  verkaufen.  Hüte  dich,  dass 
du  wegen  des  Preises  nicht  streitest.  Diese  Ungeheuerlichkeit 
kann  dann  beseitigt  werden.  —  Der  Wirth  befolgte  dieses. 
Po  hiess  im  Geheimen  Menschen  diese  Sclavin  wohlfeil  kaufen. 


21,<^  Pfizmaier. 

Er  verfertigte  wieder  eine  Baglaubigung-smarke  und  warf  sie 
in  den  Brunnen.  Mehrere  tausend  rothgekleidete  Menschen 
taumelten  umher  und  warfen  sich  einzeln  in  den  Brunnen.  Der 
Ilauswirth  hatte  grosse  Freude.  Po  nahm  die  Sclavin  und  ent- 
fernte sich. 

Das  Buch  der  späteren  Wei  sagt: 

Das  Reich  -j^  ^j*^  Yue-puan  schickte  im  neunten  Jahre 
des  Zeitraumes  Tschin-kiün  (44<S  n.  Chr.)  einen  Gesandten  an 
den  Hof  mit  Tribut.  Zugleich  schickte  es  Zauberkünstler. 
Man  gab  vor,  dass  diese  im  Stande  seien,  die  Kehle  und  die 
Adern  der  Menschen  zu  durchschneiden.  Man  hiess  sie  Menschen - 
häupter  abhauen,  man  hiess  sie  diese  zermalmen  und  eindrücken. 
Ueberall  kam  Blut  hervor,  und  es  tröpfelten  dessen  mehrere 
Gantang.  Jemand  füllte  ein  Nössel  mit  Pflanzen  und  Arznei- 
stoffen. Man  hiess  die  Menschen  diese  zerbeissen  und  ver- 
schlucken. Augenblicklich  war  die  Blutung  gestillt.  Schi-tsu 
fürchtete  sich  und  sagte,  es  sei  ein  leeres  Vorgehen.  Er  nahm 
die  Todten,  setzte  sie  in  ein  Gefängniss  und  machte  mit  ihnen 
eine  Probe.  Es  bestätigte  sich  alles. 

Die    Verzeichnisse    des  nördlichen  Liang  von  Thsui-hung 

sagen : 

Im  siebenten  Monate  des  vierzehnten  Jahres  des  Zeit- 
raumes^ Yuen-schi  (437  n.  Chr.)  bestand  der  Tribut  der  west- 
lichen Grenzländer  in  den  geheimen  Zauberkünsten  des  Ver- 
schluckens  der  Messer,  des  Ausspeiens  von  Feuer  und  in  wunder- 
baren Kunstfertigkeiten. 

Das  Buch  der  nördlichen  Tsi  sagt: 

Ä  ^  ^  ^  Yeu-ngu-tao-ying  stammte  aus  Lang-ye. 
Anfänglich  war  ein  IMensch  aus  Tsin-yang  in  der  Kunst  der 
Vorschriften  sehr  bewandert.  Derselbe  war  ein  Taglöhner  und 
Niemand  wusste  etwas  davon.  Tao-ying  hörte  es  und  erfragte 
diesen  Menschen.  Weil  Tao-ying  die  vorzüglichen  Männer 
liebte,  übergab  ihm  dieser  Mensch  die  Vorschriften.  Er  sagte 
zu  Tao-ying:  ich  bin  eigentlich  (iin  unsterblicher  Mensch  des 
Berges  lieng.  Ich  machte  mich  eines  Verbrechens  schuldig 
und  wurde  durch  den  Ilimmelspalast  zur  Rechenschaft  gezogen. 
Jetzt  ist  die  Frist  zu  Ende,  und  ich  werde  heimkehren.  Mögest 
du  mich  unterdess  bis  zu  dem  Flusse  Fen  begleiten.  --  Als 
sie    zu   dem  Flusse  Fen  gelangten,  kam  das  Wasser  ungestüm 


Kuustl'üitigkeiten  und  Künste  der  alten  Chinesen.  219 

heran.  Jener  Mensch  blickte  auf  das  Was^ei-,  schritt  rulii<>- 
einher  und  Avart"  in  dasselbe  eine  Beglaubigiinj^-.sniarkc.  Uie 
Strömung'  des  Wassers  war  sogleich  unterbruchen.  Kr  über- 
setzte langsam  auf  dem  Sand  uud  den  Steinen  den  I'luss  und 
entfernte  sich. 

Tao-ying  gelangte  einst  zu  den  Bergen  von  Liao-yang. 
Um  Mitternacht  begegnete  er  einem  reissenden  Thiere.  Er 
zeichnete  mit  dem  Stock  auf  die  Erde,  und  es  entstand  sofort 
eine  grosse  Grube.     Das  reissende  Thier  li(;f  alsbald  fort. 

Das  Buch  der  Thang  sagt : 

Im  ersten  Jahre  des  Zeitraumes  Hien-khing  (ßöO  n.  Chr.) 
besuchte  der  Kaiser  den  Söller  und  die  AVarte  des  Thores  von 
Ngan-fo.  Er  gab  daselbst  ein  grosses  Fest.  Die  Menschen 
von  Hu  wollten  Messer  ergreifen  und  sich  erstechen.  P^s  war 
dieses  ihre  Zauberkunst  imd  ihr  Spiel.  Dei-  Kaiser  erlaubte 
es  nicht.  Er  erliess  eine  höchste  Verkündung,  worin  er  sagte: 
Ich  habe  erst  gehört,  dass  es  auswärts  Po-lo-men,  Hu  und  Aehn- 
liches  gibt.  So  oft  diese  Menschen  beim  Spiele  verweilen, 
nehmen  sie  das  Schwert,  stechen  sich  in  den  Bauch,  sie  schneiden 
mit  Messern  die  Zunge  ab.  Sie  betrügen  die  hundert  Geschlechter. 
Dieses  ist  äusserst  ordnungswidrig.  Man  soll  sie  sämmtlich 
fortschicken  uud  nach  den  Gehegen  zurückkehren  lassen.  i\Ian 
bewirke  nicht,  dass  sie  sich  lange  aufhalten.  —  Dabei  gab  er 
den  seitwärts  liegenden  Landstrichen  das  Versprechen,  dass, 
wenn  dergleichen  nochmals  vorkommen  sollte,  man  diese  Menschen 
nicht  an  den  Hof  zu  schicken  brauche. 

Das  Buch  Kiu-leu-tse  sagt: 

Zu  den  Zeiten  des  Königs  Mo  von  Tscheu  gab  es  an 
den  vier  Gipfelungen  verwandelte  Menschen.  Dieselben  traten 
in  Wasser  und  Feuer,  durchbohrten  Felsen,  Berge  und  Flüsse, 
rückten  Stadtmauern  und  Städte  Aveiter,  erstiegen  den  leeren 
Raum,  ohne  herabzufallen,  stiessen  gegen  das  Dichte,  ohne 
zermalmt  zu  werden.  Die  tausend  Veränderungen,  die  zehn- 
tausend Verwandlungen  waren  unerschöpflich.  König  Mö  er- 
richtete für  sie  die  Erdstufe  des  mittleren  Himmels.  Tsching 
und  Wei  brachten  die  Musik  der  aufnehmenden  Wolken. 
Jeden  Tag  machte  man  ihnen  zum  Geschenk  kiinigliche  Kleidei-, 
jeden  Monat  reichte  mau  ihnen  Edelsteine  und  Speise.  -Die 
Zauberkünstler    mochten    noch   innner    nicht   daselbst    hausen. 


220  Pfizmaier. 

Man  führte  jetzt  den  König  zu  dem  Palaste  der  Zauberkünstler. 
Man  wog  sie  mit  Grold  und  Silber,  man  umgab  sie  mit  Perleu 
und  Edelsteinen.  Was  die  Nase  und  der  Mund  erhielten,  waren 
keine  Dinge  gewöhnlicher  Menschen,  Hierdurch  ward  der 
König  in  seinem  Herzen  des  Palastes  und  des  inneren  Hauses 
überdrüssig.  Die  Zauljerkünstler  sagten:  Man  möge  es  nur 
wechseln.  —  Dem  Könige  gefiel  dieses.  Er  erweiterte  sofort 
seine  Vorsätze  und  wanderte  in  der  Ferne  umher. 

Die  vermischten  Erzählungen  der  Mutterstadt  sagen: 
Unter  meinen  Bekannten  befand  sich  »ji  ^^  W^  Khio- 
tao-lung.  Derselbe  verstand  sich  gut  auf  die  Zauberkunst.  Er 
wendete  sich  mir  zu  und  sprach  von  alten  Dingen.  Wie  er 
sagte,  gab  es  den  gelben  Fürsten,  einen  Menschen  von  Tung- 
liai.  Derselbe  übte  in  seiner  Jugend  die  Zauberkunst.  Er  war 
im  Stande,  Schlangen  zu  erstechen  und  Tiger  zu  lenken.  Er 
behängte  den  Giü'tel  mit  rotheni  Metall  und  bildete  daraus  ein 
jMesser.  Er  band  das  Haupthaar  mit  hochrothem  Taffet.  Wenn 
er  stand,  Hess  er  Wolken  und  Nebel  sich  erheben.  Wenn  er 
sass,  brachte  er  Berge  und  Flüsse  zu  Stande.  Als  er  alt  wurde, 
waren  seine  Kräfte  erschöpft.  Er  trank  Wein  im  Uebermasse 
und  war  nicht  im  Stande,  wieder  seine  Kunst  auszuüben. 


Der  König  von  Hoai-nan  liebte  die  Männer  der  Arznei- 
mittel. Dieselben  zeigten  ihre  Kunst  und  traten  dann  nach 
rückwärts.  Sie  zeichneten  die  Erde  und  bildeten  Ströme  und 
Flüsse.  Sie  häuften  das  Erdreich  und  bildeten  Berge  und 
Berghöhen.  Sie  holten  Athem  und  brachten  Hitze  und  Kälte 
zu  Wege.  Sie  sprudelten  mit  dem  Munde  und  brachten  Regen 
und  Thau  zu  Wege.  Der  König  entfernte  sich  auch  zuletzt  in 
Gesellschaft  der  Männer  der  Arzneimittel. 

Der  Garten  der  Merkwürdigkeiten  sagt: 

^  ^  Seu-tsin  von  Sin-tsching  in  Kao-yang  gründete 
in  dem  Zeiträume  Hien-ning  (275  bis  279  n.  Chr.)  ausschrei- 
tende Tempel  und  ungeheuerliche  Zauberkunst.  Er  setzte  hun- 
dert Obrigkeiten  ein.  Wenn  man  ferner  sich  in  dem  Wasser 
spiegelte,  sah  man  sogleich  die  von  ihm  eingesetzten  Menschen. 
Deren  Kleider  und  Mützen  waren  prachtvoll.  Die  hundert 
Geschlechter  glaubten  es  und  wurden  irre  gefühi-t.  Der  ^  ^ 
Hi-si  der  Hauptstadt  Hess  ihn  aufgreifen  und  enthaupten. 


Kunstfertigkeiten  und  Künste  der  alten  Cliinesen.  221 

^  V^  "^  Süvi-hoan- nu  von  8chanj^-yü  war  weg-cn 
Zauberkunst  und  Kunstfertigkeit  berülimt.  Im  Anfjinge  des 
Zeitraumes  Yuen-kia  (424  bis  453  n.  Chr.)  entlief  er  seinen 
Vorg-esetzten.  lu  dem  Zeiträume  Kien-ng-an  ')  kam  er  wieder 
unter  dem  Volke  zum  Vorschein.  Er  behandelte  den  Wind 
des  Hauptes  der  Menschen,  die  Fülle  fliessenden  Blutes,  er 
hauchte  auf  sie  und  schnitt  sogleich  die  Verwundung  ab.  Ferner 
fasste  er  sie  zusammen.  Verletzungen  durch  Tiger,  Schlangen- 
biss,  lästiges  Gift,  das  zum  Tode  bringt,  hier  wehrte  und  wahrte 
er,  überall  erfolgte  Wiederherstellung.  Er  wandte  sich  gegen 
den  leeren  Raum,  pfiff  längere  Zeit,  und  Schaaren  von  Polstern 
kamen  und  sammelten  sich.  In  der  Nacht  beschwor  er  die 
Mücken,  und  sie  fielen  alle  todt  nieder.  Als  er  dreissig  Jahre 
alt  war,  wurde  er  in  Tschang-schan  von  seinem  Gebieter  er- 
tappt. Derselbe  wusste,  dass  Hoan-nu  die  Kunst  besitze  und 
dachte,  dass  dieser  gewiss  verschwinden  und  entlaufen  werde. 
Er  band  und  belegte  ihn  mit  doppelten  Halseisen  und  Ketten. 
Schon  am  nächsten  Tage  wusste  man  nicht,  wo  Jener  hin- 
gekommen. 

Die  Geschichte  des  Suchens  der  Götter  sagt: 

In  dem  Zeiträume  Yung-kia  (807  l)is  312  n.  Chr.)  war 
ein  Mensch  von  Hu  aus  Thien-tschö,  der  kam  und  nach  Kiang- 
nan  übersetzte.  Dieser  Mensch  ^var  im  Besitze  mehrerer  Künste. 
Er  konnte  die  Zunge  abschneiden  und  sie  wieder  ansetzen. 
Er  warf  aus  dem  Munde  Feuer.  Wo  er  sich  befand,  sammelten 
sich  die  Menschen  und  vorzüglichen  Männer,  sahen  zu  und 
prüften  es.  Wenn  er  abschnitt,  zeigte  er  die  Zunge  früher 
den  Gästen  und  schnitt  sie  dann  durch.  Das  Blut  floss  und 
bedeckte  die  Erde.  Er  legte  sie  jetzt  in  (;iu  Gefäss  und  zeigte 
sie  nach  der  Reihe  den  Menschen.  Als  man  sie  sah,  war  die 
Hälfte  der  Zunge  noch  vorhanden.  Hierauf  nahm  er  sie  wieder 
und  setzte  sie  an.  Nachdem  er  eine  Weile  gesessen,  sahen  die 
Menschen  der  Gesellschaft  die  Zunge  an:  sie  war  wie  früher. 
]\Ian  wusste  nicht,  <jb  er  sie  Avirklich  abgeschnitten  habe. 

Unter  den  Dingen,  die  er  abschnitt  und  ansetzte,  nahm 
er  ein  Tuch,  gab  dasselbe  den  Menschen    und  Hess  Jeden    ein 


1  Kien-ügaii    steht    hier   ofifeiibar   unrichti«'    statt   Ivicu-yueu   (der    Zeitraum 
454  bis  456  n.  Chr.). 


222  Pfizmaier. 

Ende  halten.  Er  schnitt  es  vor  ihnen  in  der  Mitte  durch.  Hier- 
auf legten  sich  die  beiden  Stücke  aneinander.  Wenn  man  es 
sehen  wollte,  hing-eu  sie  wieder  zusammen  und  waren  von  dem 
früheren  Stoffe  nicht  verschieden.  Die  Menschen  glaubten  häufig, 
dass  es  Betrug  und  Verheimlichung  sei.  Sie  prüften  es,  und 
es  war  wirkliches  abgeschnittenes  Tuch. 

Wenn  er  Feuer  aus  dem  Munde  warf,  befanden  sich 
frühei"  Arzneistoffe  in  einem  Gefässe.  Er  nahm  davon  ein  Stück 
und  vereinigte  es  mit  Roggeugrütze.  Er  hauchte  darauf  zwei- 
bis  dreimal.  Nachdem  dieses  geschehen,  öffnete  er  den  Mund, 
und  das  Feuer  erfüllte  das  Innere  seines  Mundes.  Wenn  man 
sich  dabei  der  brennenden  Masse  näherte,  sie  nahm  und  damit 
einen  Kessel  ei'hitzte,  so  war  es  Feuer.  Er  nahm  ferner  Dinge 
wie  Bücher,  Papier,  Stricke,  Fäden  und  warf  sie  in  das  Feuer. 
Alle  blickten  in  Gemeinschaft  hin.  Man  sah,  dass  diese  Dinge 
verbrannten  und  vernichtet  wurden.  Als  man  sie  aber  erhob 
und  hervornahm,  waren  es  die  früheren  Gegenstände. 

Die  Denkwürdigkeiten  von  reingeistigen  Dingen  und 
Dämonen  sagen : 

Im  zwölften  Jahre  des  Zeitraumes  Tai-yuen  (387  n.  Chr.) 
war  ein  Mensch  des  Weges.  Derselbe  kam  aus  den  auswärtigen 
Reichen  und  erklärte,  wie  man  in  dem  Munde  Messer  halten, 
aus  dem  Munde  Feuer,  Perlen,  Edelsteine,  Gold  und  Silber 
werfen  könne.  Den  Lehrer,  von  dem  er  dieses  gelernt,  nannte 
er  den  Schamanen  von  ^fe  ^  Pe-fei.  Er  wandelte  einst 
des  Weges  und  sah  einen  Älenschen,  der  eine  Last  trug,  lieber 
der  Last  befand  sich  ein  kleiner  Korb,  der  einen  Gantang 
fassen  mochte.  Er  sagte  zu  dem  Lastträger:  Ich  bin  zu  Fasse 
gegangen  und  bin  auf  das  Aeusserste  ermüdet.  Ich  möchte 
mich  deiner  Last  anvertrauen.  —  Der  Lastträger  war  hierüber 
sehr  verwundert  und  dachte  sich,  dass  Jener  ein  Wahnsinniger 
sei.  Sofort  sagte  er  zu  ihm :  Ich  kann  es  wohl  thun.  Wohin 
willst  du  dich  setzen?  —  Jener  Mensch  antwortete:  Wenn  es 
mir  erlaubt  wird,  möchte  ich  gerade  in  das  I^örbchen  treten. 
Ein  Korb  ist  auch  ohne  Nutzen.  —  Der  Lastträger  verwun- 
derte sich  noch  mehr.  Er  stellte  die  Last  nieder  und  liess 
Jenen  in  den  Korb  treten.  Der  Korb  wurd(;  nicht  grösser, 
jener  Mensch  wurde    nicht    kleiner,    und    es    wurde    aucli  nicht 


Kunstfertigkeiten  und  Künste  der  alten  Chinesen.  223 

bemerkt,  dass  die  Last  schwerer  g-e worden,  als  sie  früher 
g-ewesen. 

Nachdem  man  einig-e  Weglängen  fortgezog-en,  hielt  man 
unter  einem  Baume,  um  zu  essen.  Der  Lastträger  i'ief  jenem 
IMenschen  zu,  dass  er  mit  ihm  essen  möge.  Jener  sprach :  Ich 
habe  selbst  zu  essen.  ~  Er  mochte  nicht  heraussteigen,  son- 
dern blieb  in  dem  Korbe.  Gefässe  mit  Speise  und  Trank 
standen  in  Reilien,  vortreffliche  Gerichte  Hessen  -  sich  auch  in 
JMeuge  unterscheiden.  Er  rief  den  Lastträg'or,  dass  er  komme 
und  esse.  Man  hatte  noch  nicht  die  Hälfte  gegessen,  als  er 
zu  dem  Lastträgei'  sagte :  Ich  will,  dass  mein  Weib  mit  mir 
esse.  —  Er  gab  aus  seinem  Bauche  durch  Erbrechen  ein 
junges  Weib  von  sich.  Dasselbe  wai-  ung-efähr  zwanzig  Jahre 
alt  und  von  Kleidung  und  Gestalt  sehr  schön.  Beide  assen 
mit  einander.  Als  die  Esslust  befriedigt  war,  leg'te  sich  der 
Mann  sogleich  nieder.  Das  Weib  sagte  zu  dem  Lastträger: 
Ich  habe  einen  Kebsmanu.  Ich  wünsche,  dass  er  komme  und 
mit  mir  esse.  Wenn  mein  Mann  erwacht,  nu'igest  du  ihm  nichts 
sagen.  —  Das  Weib  nahm  sofort  aus  ihrem  Munde  einen  jungen 
IMann,  der  in  dem  Korbe  ass,  und  es  waren  alsbald  drei 
Menschen.  Langsamkeit  und  Eile  waren  bei  ihnen  ebenfalls 
nicht  verschieden.  Nach  einer  Weile  regte  sich  der  Mann,  als 
ob  er  erwachen  wollte.  Das  Weib  steckte  sogleich  den  Kebs- 
mann in  den  Mund.  Der  Mann  erhob  sich  und  sagte  zu  dem 
Lastträger:  Wir  können  fortgehen.  —  Er  steckte  hierauf  das 
Weib  in  den  Mund  und  hauchte  die  Essgeräthe  weg. 

Als  dieser  Mensch,  in  dem  Reiche  ankam,  war  daselbst 
ein  sehr  reiches  und  vornehmes  Haus.  Das  Gut  betrug  zehn- 
tausendmal zehntausend  Stücke.  Man  war  aber  von  Gomüths- 
art  geizig.  Jener  sagte  zu  dem  Lastträger:  Ich  werde  es  ver- 
suchen, deinetwegen  den  Geiz  zu  brechen.  —  Als  er  demnach 
in  dieses  Haus  gelangte,  befand  sich  daselbst  ein  vortreffliches 
Pferd,  das  man  für  sehr  kostbar  hielt,  l^r  Ijand  es  an  die 
Höhe  des  Pfeilers,  und  es  war  plötzlicii  verschwunden.  Man 
suchte  es,  aber  fand  es  nicht.  Am  nächsten  Tage  sah  man 
das  Pferd  in  einem  fünf  Gantang  fassenden  Kruge.  Man  konnte 
diesen  durchaus  nicht  zerbrechen.  P]r  sagte  hierauf  zu  dem 
Manne:  Wenn  du  eine  Küche  für  hundert  Menschen  herstellst 
und  die  Erschöpften  und  Dürftigen  der  ganzen  Gegend  betheilst. 


224  Pfizmaior.  Kunstfertigkeiten  uml  Künste  der  alten  Chinesen. 

SO  kann  das  Pferd  herauskommen.  —  Der  Hauswirth  that 
dieses.  Als  es  g-eschehen,  befand  sich  das  Pferd  wieder  an 
dem  Fusse  des  Pfeilers. 

Den  nächsten  Tag  in  der  Frühe  befanden  sich  die  Aeltern 
des  Mannes  in  der  Halle.  Plötzlich  waren  sie  nicht  zu  sehen. 
Das  ganze  Haus  empfand  Bangigkeit,  und  man  wusste  nicht, 
wo  sie  seien.  Man  öifnete  die  Packe  und  Gefässe.  Plötzlich 
sah  man  die  Aeltern  in  einem  feuchten  Topfe.  Man  wusste 
nicht,  wie  dieses  kam.  Man  ging  wieder  zu  Jenem  hin  und 
bat  ihn.  Dieser  Mensch  sagte:  Du  musst  nochmals  Speise  und 
Trank  für  tausend  Menschen  herstellen  und  damit  die  Er- 
schöpften der  hundert  Geschlechter  betheilen.  —  Mau  that  dieses 
sofort  zur  rechten  Zeit,  und  die  Aeltern  sassen  auf  dem  Bette. 


Z  im  mer  mann.     Zwfi  Hriefc  IFoibarfs.  22ö 


Zwei   Briefe    Herbart's. 

Als   Beiti-fig    zu    seiner   Biogr  ajiliic    inito-ctlio  il  t 


Dr.  Robert  Zimmermann, 

wirkl.  Mitsrlied  der  kaiserl.  Akad.  der  Wissenschaften. 


I.  Torbemerknug. 

iJie  Reihe  der  deutschen  Denker  ersten,  theilweise  (wie  C.  L. 
Keinhokl,  J.  F.  Fries  U.A.),  selbst  zweiten  Ranges,  welche  ihre  Bio- 
graphen gefunden  haben,  ist  seit  dem  Erscheinen  des  Lebens  von 
Schelling  in  Briefen  nahezu  vollständig.  Nur  für  PTerbart,  den 
einstigen  Nachfolger  Kant's  auf  dem  Königsbergor  Lehrstulil,  und, 
vor  Schopenhauer's  Bekanntwerden,  lange  Zeit  einzigen  Vertreter 
der  realistischen  Richtung  unter  dessen  Epigonen,  ist  mit  Aus- 
nahme der  kurzen  Lebensskizze,  welche  Hartenstein  der  Ausgabe 
der  sämmtlichen  Werke  desselben  und  seiner  kleineren  Schriften 
einverleibte,  bis  auf  die  jüngste  Gegenwart  so  gut  wie  nichts  ge- 
schehen. Die  zahlreichen  Schüler,  die  er,  unter  ungünstigen  Verhält- 
nissen fast  allein  gegen  den  Strom  der  Natui-philosophie  und  den 
subjectiven  und  absoluten  Idealismus  ankämpfend,  anfänglich  mir 
langsam,  aber  seit  dem  Ausgang  der  Hegerschen  Schule  und  dem 
Beginne  der  Epoche  der  Erfahrungswissenschaft  desto  rascher  ge- 
funden hat,  scheinen  es  bisher  vorgezogen  zu  haben,  die  Ideen  statt 
der  Persönlichkeit  ihres  Lehrers  dem  Publicum  liekannt  zu 
machen.  Die  natürliche  Folge,  dass  sich  über  die  letztere  ver- 
schiedene falsche  oder  doch  wenigstens  schief  aufgefasste  An- 
sichten verbreitet  haben,  und  von  dm  Gegnern  der  Schule  l)e- 
gierig  w eitergetragen  worden  sind,  ist  nicht  ausgeblieben.  Unter 
anderem  hat  seine  echt  philosophische  Zurückhaltung  in  Sachen 
des  blossen  Glaubens,  sowie  das  von  ihm  seiner  Zeit  als  Decan 
in  Güttingen  in  der  bekannten    Angelegenheit    der  sieben   Pro- 

Sitzb.  d.  lAil.-hist.  Cl.  LXIX.  Bd.  U.  Uft.  15 


OOß  Zimmermann. 

fessoren  eingehaltene  streng  amtliche  Verfahren  Veranlassung 
geboten ,  ihn  in  aufgeregten  Zeiten  eines  zu  weitgetriebenen 
kirchlichen  und  politischen  Conservativismus  anzuklagen.  Gegen 
die  erstere  Beschuldigung  sich  zu  verantworten,  hat  Herbart, 
nach  dem  Vorgange  Kant's,  stets  unter  der  Würde  des  Philo- 
sophen gehalten,  gegen  die  letztere  sich  seiner  Zeit  in  einer 
allerdings  nur  die  Besonnenen  zu  befriedigen  geeigneten  Weise 
vertheidigt.  Nach  beiden  Richtungen  hin  wird  sein  künftiger 
Lebensbeschreiber ,  der,  wie  das  im  Jahre  1876  bevorstehende 
hundertjährige  Gedächtniss  seiner  Geburt  am  4.  Mai  1776  mit 
(irund  erwarten  lässt,  nicht  mehr  lange  ausbleiben  kann, 
eine  würdige  Aufgabe  an  der  Richtigstellung-  des  öffentlichen 
Urtheils  zu  erfüllen  haben,  deren  Ausfall  nicht  zweifelhaft 
sein  kann. 

Tax  dieser  künftigen  Biographie  einen  urkundlichen  Bei- 
trag zu  liefern,  ist  die  Absicht  dieser  Mittheilung,  um  deren 
Aufnahme  in  ihre  Sitzungsberichte  die  hohe  kaiserliche  Akademie 
zu  ersuchen  ich  mir  die  Freiheit  nehme.  Derselbe  ist  nicht 
nur  bisher  ungedruckt,  sondern  mit  Ausnahme  weniger  ent- 
fernt lebender  Freunde  selbst  dem  weiteren  und  engeren  Kreise 
der  Schüler  und  Jünger  Herbart's  durchaus  unbekannt  geblieben. 
Er  bietet  aber  zugleich  einen  so  wichtigen  Anhaltspunkt  zum  rich- 
tigen Verständniss  der  Stellung  Herbart's  zu  der  Philosophie 
Anderer  und  zu  von  ihm  selbst  nicht  speciell  bearbeiteten 
Zweigen  seiner  eigenen  dar,  dass  die  Veröffentlichung  desselben 
nicht  nur  als  eine  Bereicherung  des  wissenschaftlichen  Materials, 
sondern  als  eine  literarische  Pflicht  gegen  ihn  selbst  anzusehen 
sein  wird. 

Die  Ersten,  welche  einzelne  Briefe  und  Schriftstücke  aus 
dessen  Nachlass  veröffentlichten ,  waren  die  Herausgeber  der 
Zeitschrift  für  exacte  Philosophie,  des  Organs  der  Herbart'schen 
Schule,  Allihn  und  Ziller  (vgl.  Zeitschr.  f.  ex.  Phil.  B.  I,  H.  3, 
S.  321  ff.),  ferner  die  Gründer  des  Leipziger  Vereins  für  wissen- 
schaftliche Pädagogik,  in  welcher  letzteren  Herbart  bekanntlich, 
durch  Pestalozzi  angeregt,  neue  Bahnen  verfolgt  hat,  deren 
Spuren,  durch  Exner  und  Bonitz  weiter  fortgetragen,  bekannt- 
lich auch  in  der  gegenwärtigen  Organisation  der  österreichischen 
Gymnasien  zu  finden  sind.  In  dem  zweiten  Jahrgange  des 
Jahrbuchs  dieses  Vereins  publicirte  Prof.  Ziller  zuerst  Auszüge 


Zwei  Briefe  Herbarf  s.  227 

und  Mittheilungen,  die  sich  auf  llerbart's  IL^uslchrerleben  im 
Hause  des  Berner  Patriziers  von  Steiger  bezogen,  sodann  als 
abgesondertes  Werk  im  vergangenen  Jaln-e  Originalbriefe  und 
Actenstücke  von  und  über  Herbart  unter  dem  Titel  Herbartische 
Reliquien  (Leipzig  1871),  soweit  es  ihm  gelungen,  dieselben 
zusammenzubringen.  Die  Mehrzahl  der  Briefe  ist  an  den  sehr 
geliebten  einstigen  Zögling  Carl  von  Steiger  in  Bern  und  an  den 
Jugendfreund  Herbart's,  den  nachher  als  Patriot  und  Politiker 
berühmt  gewordenen  Bürgermeister  Johannes  Smidt  von  Bremen 
gerichtet.  Zu  dem  Werthvollsten  gehören  die  Rectoratsrede  eines 
einstigen  unmittelbaren  Schülers  von  Herbart,  des  Geheimraths 
und  Professors  der  Rechte  zu  Königsberg  Dr.  Fr,  D.  Sanio,  über 
Herbart  als  Lehrer  der  Universität  von  Königsberg,  sowie  eine 
Reihe  von  Festreden,  die  Herbart  als  Präsident  der  Königs- 
berger Kant-Gesellschaft  alljährlich  an  Kant's  Geburtstag  zu 
halten  gewohnt  war.  Beide  liefernden  Beweis,  nicht  nur,  welcher 
Verehrung  Herbart  mit  Grund  bei  seinen  Zuhörern  sich  er- 
freute, sondern  auch,  welcher  Pietät  er  selbst,  bei  der  unab- 
hängigsten wissenschaftlichen  Stellung,  gegen  Denjenigen  fähig 
war,  zu  dessen  Andenken  er  sich  öffentlich  am  Schluss  der 
Vorrede  zu  seiner  Allgemeinen  Metaphysik  (1828),  sowie  in 
der  Rede  an  Kant's  Geburtstag  (22.  April)  vom  Jahre  1832 
einen  ,Kantianer'  nannte. 

Ich  hebe  hier  letztere  Stelle  hervor,  weil  sie  mit  einem 
der  Beiträge ,  die  ich  der  h.  Classe  heut  vorlege ,  direct  im 
Zusammenhang  steht.  Herbart  war  sich  bewusst^  dass  obige  Be- 
zeichnung bei  Jenen,  die  wussten,  dass  er  an  Stelle  der  Kant'- 
schen  eine  in  vielen  und  darunter  wichtigen  Dingen  abweichende 
eigene  Lehre  gesetzt  habe,  einige  Ueberraschung  hervorrufen 
könne.  Nicht  in  der  stolzen  Meinung,  sagt  er  dort  (a.  a.  O. 
S.  330),  habe  er  sich  so  genannt,  als  ob  Kant,  wenn  er  lebte, 
wenn  er  jetzt  unter  den  Versammelten  hervorträte,  ihm  diese 
Benennung  unbedingt  bewilligen  würde.  Wie  Vieles,  was  seit- 
her geschah,  würde  Kant  selbst  mit  Kopfschütteln  betrachten! 
Die  philosophischen  Compendien  von  heute  (1832)  sähen  denen 
aus  der  KanL'schen  Zeit  nur  wenig  ähnlich,  und  sein  Name 
selbst  habe  schon  angefangen,  in  eine  Art  von  historischer  Ferne 
zurückzutreten.  Wenn  die  Wissenschaft  einmal  von  Kant'schen 
Bahnen    ablenke,    wer   könne    sie  halten?      Nichtsdestoweniger 

15* 


'2'2S  Z  immer  m  iinn. 

sei  es  ihm  Ernst  gewesen,  als  er  sich  Kantianer  nannte, 
ungeachtet  er  selbst  vielleicht  beschuldigt  werde,  an  die  Stelle 
der  Kant'schen  Lehre  eine  andere  und  weit  verschiedene  ge- 
setzt zu  haben.  Es  sei  ihm  Ernst  gewesen,  wiederholt  er  mit 
Nachdruck,  und  es  bleibe  ihm  Ernst,  zu  wünschen,  dass  der 
Ruhm  des  Kant'schen  Namens  sich  nicht  irgend  einmal  in 
einen  leeren,  wirkungslosen  Ruhm  verwandle,  sondern  ein  starker 
Haltungspunkt  der  redlichen ,  unbefangenen ,  vorurtheilsfreien 
Forschung,  der  echt  sittlichen  Gesinnung,  der  besonneneu  Bürger- 
tugend, der  ungeschminkten  Frömmigkeit  sein  und  zu  allen 
Zeiten  als  solcher  bestehen  möge. 

Diese  nicht  misszu verstehenden  Worte  wurden  am  22.  April 
des  Jahres  1832  in  öffentlicher  und  festlicher  Sitzung  der  Kant- 
Gesellschaft  gesprochen.  Kaum  ein  volles  Jahr  darauf  muss 
Herbart  das  am  20.  Januar  des  folgenden  Jahres  ausgegebene 
elfte  Heft  des  Brockhaus'schen  Conversationslexikons  der  neuesten 
Zeit  zu  Händen  gekommen  sein,  in  welchem  er  einen  mit  Nr.  73. 
unterzeichneten  Artikel  über  sich  und  seine  Philosophie  und 
in  demselben  auf  S.  419  folgende  Stelle  fand:  ,Herbart  ist 
der  Urheber  eines  eigenthümlichen,  sehr  interessanten  Systems, 
auf  welches  zAvar  das  Fichte'sche  unverkennbaren  Einfiuss  ge- 
äussert hat,  .  .  .  das  aber  gleichwohl  durch  eine  andere  Methode, 
durch  ein  skeptisches  Moment  in  Beziehung  auf  das  Ich  selbst, 
so  wie  durch  realistische  Frincipien,  welche  an  I>eibuitz'  Monaden 
erinnern ,  sich  von  demselben  wesentlich  unterscheidet.  Auch 
nennt  sich  Herbart  zuweilen  einen  Kantianer,  weicher  Ausdruck 
jedoch  wie  Hohn  klingt,  wenn  man  erwägt,  dass  er  dem  Haupt- 
werke Kants,  der  ,Kritik  der  reinen  Vernunft'  fast  allen  ub- 
jectiven  Werth  abspricht,  sie,  sowohl  der  Ausführung  als  dem 
ihr  zu  Grunde  liegenden  Gedanken  nach,  für  ein  verfehltes 
Werk  hält,  dessen  Weg,  wenn  anders  Metaphysik  dauerhaft 
begründet  werden  solle,  man  gänzlich  aufgeben  müsse,  um  sich 
in  einer  ganz  anderen  Richtung  zu  bewegen.' 

Mit  welchen  Gefühlen  Herbart  diesen  Ausfall  gelesen 
haben  möge,  konnten  Diejenigen,  die  mit  dem  wahren  Sachver- 
halt bekannt  waren ,  sich  bisher  nur  in  Gedanken  vergegen- 
wärtigen. Der  eine  der  beiden  imgedriickten  Briefe  Hei'bart's, 
in  dei-en  Besitz  ich  durch  die  Güte  des  obengenannten  Herrn 
Geheimen  Justizraths  Prof.  Sanio  gelaugt  und  die  ich  der  h.  Classe 


Zwpi  BriptV  Hovbiirt's.  229 

vorzuleg'cn  im  Stande  bin,  legt  tliatsäc  hlich  dar,  wie  er 
über  denselben  geurtheilt  hat.  Derselbe  ist  unmittelbar 
nach  der  Lecture  des  Ai'tikels  am  2(i.  J\Iärz  des  .Jahres  1833 
o-eschrieben  und  an  den  Geheimen  Medieinalrath  Prof.  Dr.  Sachs 
in  König-sberg,  einen  ehemaligen  Zuhörer  Fichte's  in  Jena  und 
Verehrer  Spinoza's  (er  war  jüdischer  Herkunft),  der  aber  Ilerbart's 
Vorlesungen  über  Psychologie  beigewohnt  hatte,  gerichtet.  Die 
Kenntniss  letzterer  Umstände  verdanke  ich,  wie  die  weitere, 
dass  der  am  Schlüsse  des  Briefes  erwähnte  Prof.  SiefFert  der 
noch  lebende  Professor  der  Theologie  zu  Königsberg  dieses 
Namens  und  Herbart's  Schüler  Avar,  Hrn.  Prof   Sanio. 

Der  Ton  des  Briefes  selbst  gibt  Zeugniss  davon,  wie  in- 
dignirt  Herbart  sich  fühlte,  dass  seine  ernstlicii  gemeinten 
Worte  zu  Ehren  Kant's  als  ,Hohn'^  aufgefasst  werden  konnten. 
Ueber  den  Verfasser  des  Artikels  äussert  er  keine  Vermuthung, 
obgleich  er  eine  solche  gehegt  haben  soll.  Zu  der  Kecognos- 
cirung  der  von  Herbart  angegebenen  Verbindung  des  Meta- 
physischen mit  dem  vorgeschobenen  Psychologischen  in 
der  Kritik  der  reinen  Vernunft,  wie  Herbart  wünschte,  durch 
Sachs,  ist  es  von  dessen  Seite  leider  nicht  gekommen.  Auch 
Herbart  scheint  die  ihn  anfänglich  so  tief  berührende  Ange- 
legenheit nachher  fallen  gelassen  zu  haben.  Das  Original  seines 
Briefes  gelangte,  nachdem  die  genannten  Personen  davon  Ein- 
sicht und  Prof.  Sanio  die  hier  vorliegende  Abschrift  genommen 
hatten,  seinem  Wunsche  gemäss  an  ihn  zurück.  Es  befindet 
sich  wahrscheinlich  noch  in  diesem  Augenblick  in  dem  reichen 
handschriftlichen  Nachlass,  den  Herbart's  nun  schon  hochbetagte 
verehrungswürdige  Wittwe,  eine  Engländerin  von  Geburt,  mit 
für  dessen  Verehrer  fast  zu  ängstlicher  Pietät  bewahrt,  hoffentlich 
aber  bei  der  herannahenden  Säcularfeier  der  Oeffentlichkeit  nicht 
länger  entziehen  wird. 

Das  zweite  mir  in  der  Originalhandschrift  vorliegende 
Schreiben  ist  an  Prof.  Sanio  gerichtet  und  bezeugt,  wie  sehr 
Herbart  daran  gelegen  wai-,  die  rechtsphilosophischen  Begriffe 
seiner  Philosophie  und  zwar  von  einem  Kenner  des  positiven 
Rechts  weiter  bearbeitet  zu  sehen.  Dieser,  als  Professor  für 
römisches  Recht  eine  umfassende  Lehrthätigkeit  entfaltend,  als 
eines  der  angesehensten  Senatsmitglieder  mit  akademischen 
Geschäften    überhäuft,    war,    wie    er    in    einem    an    mich    am 


9'-}r)  Zimm  ermann. 

6.  Nov.  (1.  J.  gerichteten  Sclireiben  sagt,  zu  seinem  Leidwesen 
ausser  Stande,  sich  die  zu  rechtsphilosophischen  Arbeiten  uner- 
lässliche  Müsse  zu  gönnen.  Die  Monographie  über  Hugo  Grotius, 
die  Herbart  im  Auge  gehabt  zu  haben  scheint,  ist  später  von 
Hartenstein  (1851)  ausgeführt  worden.  Unter  der  im  Briefe 
erwähnten  ,anstössigsten  Schwärmerei'  sind  ohne  Zweifel  jene 
im  Anfang  der  Dreissiger  Jahre  vielbesprochenen,  noch  immer 
nicht  völlig  aufgeklärten  Ereignisse  gemeint,  die  auf  das  Treiben 
einer  gewissen  Partei  im  Schooss  der  angesehensten  Familien 
der  Provinz  ein  sonderbares  Licht  warfen.  Die  Stelle  verdient 
deshalb  beachtet  zu  werden,  weil  sie  von  Herbart's,  den  manche 
seiner  Gegner  orthodoxer  Sympathien  verdächtigten,  ungeheuchel- 
ter  Verachtung  des  Muckerthums  Zeugniss  giebt. 


II.    Abdruck. 

An    den    Geh.    Medicinalrath    Professor    Dr.    Sachs 

in  Königsberg  i./P. 

Bei  Rücksendung  des  mir  gütig  geliehenen  11.  Hefts  des 
Conversations-Lexikons  der  neuesten  Zeit  erlaube  ich  mir  einige 
Worte  nicht  blos  an  Sie,  sondern  zu  jedem  Gebrauch,  den 
Sie  angemessen  erachten  werden.  Sie  liehen  mir  nämlich  das 
Heft  beinahe  nur  unter  der  Bedingung,  dass  ich  den  mich  be- 
treffenden Artikel  nicht  beantworten  würde.  Gut,  wenn  er 
mich  allein  anginge;  nicht  gut,  in  wiefern  er  das  Andenken 
Kaufs  als  durch  mich  compromittirt  darstellt.  Dies  hat  locale 
Wichtigkeit  und  Sie  wissen,  dass  meiner  Zeit  für  hiesige  Ver- 
hältnisse eine  Grenze  gesteckt  ist.  In  Ihre  Hände  will  ich 
eine  kurze  Erklärung  niederlegen  über  die  Frage:  ob  ich  Ur- 
sache hatte  mich  Kantianer  zu  nennen,  welcher  Ausdruck  nach 
dem  Vorgeben  des  Conv.-Lex.  ,wie  Hohn  klingt.' 

An  Kant's  Vernunftkritik  haben  sichtbar  zwei  Wissen- 
schaften, die  bei  aller  innigen  Verbindung  doch  toto  genere 
verschieden  sind,  ziemlich  gleichen  Antheil,  nämlich  Metaphysik 
und  Psychologie.  Natürlich  kann  nun  das  Werk  verschieden 
beiu'theilt  werden,  je  nachdem  mau  die  eine  oder  andere  Seite 
desselben  vorzugsweise  iu's  Auge  fasst.  Die  unbedingten 
Kantianer  unterscheiden  das    nicht,    vielmehr    da    im  Vortrage 


Zwei  Briefe  Ilorbarfs.  231 

Kant's  das  Psychologische  zur  Grundhige  gemacht  ist,  so  lassen 
sie  sich's  gefallen,  das  Metaphysische  als  ein  ctarauf  beruhendes 
(gerade  gegen  das  wahre  und  in  älterer  Zeit  allgemein  aner- 
kannte Verhältniss  beider  Wissenschaften)  hinzunehmen.  Was 
aus  dieser  Weise  der  Auffassung  wird,  das  lässt  sich  mit  einem 
Worte  ausspi-echen  ;  denn  F  r  i  e  s  ist's ,  der  so  zu  Werke  ging 
und  deshalb  als  orthodoxer  Kantianer  lange,  genug  gegolten 
hat.  Meine  Weise  ist  die  umgekehrte :  ich  betrachte  zuerst 
das  Ziel  Kant's,  was  durch  den  Titel  selbst  ganz  unzweideutig 
bezeichnet  ist.  Die  reine  Vernunft  im  Gegensatze  des  Ver- 
standes —  mit  andern  Worten :  die  speculative  Theologie  im 
Gegensatze  der  Erfahrungs-Erkenntniss,  wie  der  Bau  des  Werks 
unw  idersprechlich  zeigt  —  soll  kritisirt  werden.  Aber  damals, 
da  die  Arbeit  entworfen  wurde,  war  speculative  Theologie  noch 
weniger  als  jetzt  ein  Gegenstand,  den  man  geradezu  hätte  an- 
fassen können.  Er  war  mit  der  Dogmatik  verwachsen.  Und 
gesetzt,  dass  Kant  das  Anstössige  nicht  scheute:  so  musste 
theils  das  Bestreben,  deutlich  und  eindringlich  zu  sprechen, 
theils  die  von  Locke,  Leibnitz,  Hume  herrührende  Richtung 
ihn  auf  das  psychologische  Feld  führen.  Was  fand  er  hier? 
die  Seelenvermögen.  Was  war  die  Folge V  Sie  war  ganz  ähn- 
lich der,  wenn  Jemand,  der  ein  Messer  braucht,  nur  eine  Axt 
oder  ein  Beil  statt  aller  anderen  schneidenden  Wei'kzeuge  vor- 
fände, und  nun,  um  damit  doch  einigermassen  schneiden  zu 
können,  sich  alle  Mühe  gäbe,  das  schlechte  Geräth  möglichst 
scharf  zu  schleifen.  Ohne  Bild :  Kant  brauchte  die  Psychologie 
als  Mittel  zum  Zweck  eines  möglichst  klaren  Vortrags ;  daher 
bildete  er  den  Irrthum  der  Seelenvermögen  so  weit  aus,  als 
er  konnte. 

Bin  ich  nun  Kantianer,  wenn  ich  diese  ganze  psycho- 
logische Zurüstung  als  eine  Summe  von  Missgriffen  tadele  ? 
Vermiithlich  nicht!  Aber  wie,  wenn  ich  darüber  den  richtigen 
metaphysischen  Blick  und  den  im  Wesentlichen  richtigen  Tact 
in  Behandlung  dci-  Hauptsache,  nämlich  der  vorgeblich  wissen- 
schaftlich-strengen speculativen  Theologie  —  als  Verdienst 
Kant's  anzuerkennen  versäumt  —  wenn  ich  das  Aehnliche 
meiner  Lehre  mir  als  mein  Eigenthum,  gegenüber  dem  modernen 
Spinozismus,  zugeschrieben  hätte?  Mit  einem  Worte,  wenn  ich 
nicht  hätte  Kantianer  heissen  wollen?     Dann    würde    man    mit 


932  Z  immer  man  11. 

Recht  gefragt  liaben,  ob  denu  meine  Veränderungen  des  Innern 
der  Wissenschaft  wohl  die  Vergleichung'  aushalten  könnten  mit 
den  von  Kant  schon  festgestellten  grossen  Haupt -Umrissen.  — 
Kant  stritt  gegen  die  alte  metaphysische  Theologie ;  ich  streite 
mit  den  Spinozistön,  aber  ich  müsste  mit  sehenden  Augen  blind 
sein  wollen,  um  nicht  zu  sehen,  dass  dieser  Streit  und  jener 
im  Wesentlichen  einerlei  ist.  Denn  Spinoza  und  Descartes 
waren  gar  nicht  so  fern  von  der  alten  Metaphysik  der  Schulen, 
dass  hier  ein  grosser  Unterschied  sein  könnte,  und  ich  habe 
am  gehörigen  Orte  ausführlich  genug  gezeigt,  dass  Spinoza's 
Ijchre  nur  eine  besondere  durch  ihre  Keckheit  mehr  hervor- 
leuchtende Form  der  alten  Schul-Metaphysik  ist. 

Beinahe  ein  Viertel  -  Jahrhundert  lang  war  Kaut's  ehe- 
malige Stelle  an  der  hiesigen  Universität  die  meinige.  Und 
nachdem  ich  diese  Stelle  durch  ihn  mit  bleibendem  Glänze  um- 
geben anerkannt,  ja  mir  selbst  einen  Sectennamen  beigelegt 
habe,  den  ich  allerdings  aus  hundert  starken  Gründen  ver- 
schmähen konnte,  fängt  man  noch  Händel  mit  mir  an,  indem 
man  als  Anmassung  missdeutet,  was  gerade  nur  Vorkehrung 
gegen  alle  denkbare  Anmasslichkeit  war?  Der  Meinung  bin 
ich  nicht;  meine  Geduld  hat  ihre  Grenzen.  Für's  Erste  aber 
begnüge  ich  mich,  diese  sehr  flüchtigen  Zeilen  in  Ihre  Hände 
zu  legen,  wobei  die  Absicht  wohl  klar  sein  wird.  Es  kommt 
nämlich  darauf  an,  dass  meine  Protestation  nicht  als  ein  leeres 
polemisches  Gerede  erscheine,  dergleichen  Jedermann,  der  eine 
dreiste  Stirn  hat  und  mit  der  Feder  leidlich  umzugehen  weiss, 
bei  allen  Gelegenheiten  ohne  Mühe  vorbringt.  Sie,  Verehrtester ! 
werden  wohl  einmal  so  viel  —  oder  so  M^enig  Müsse  (denn 
viel  ist  dazu  nicht  nöthig)  linden,  als  Sie  brauchen,  um  in 
Kant's  Vernunft-Kritik  die  von  mir  angegebene  Verbindung  des 
Metaphysischen  mit  dem  vorgeschobenen  Psychologischen 
zu  recognosciren  und  zu  verificiren.  Das  Uebrige  bietet  sich 
Ihnen  von  selbst  dar  und  Sie  können  dann  in  meinem  Namen 
jedem  Ehrenmann  Bescheid  geben,  der  durch  ein  so  vielftich 
verbreitetes  Buch,  wie  ein  Conversations-Lexikon,  gegen  mich 
aufgeregt  glauben  könnte,  man  müsse  Kant's  Andenken  gegen 
mich  in  Schutz  nehmen. 

Wollen  Sie  sich  aber  nicht  weiter  einlassen,  so  belieben 
Sie    nur   Ihr    legi    zu    unterzeichnen    und  alsdann  das  Blatt  an 


Zwei  Briefe  Herbart's.  233 

die  Professoren  Sanio  und  Siefiert  zu  schick(^n ,  welche  wohl 
die  Gefälligkeit  haben  werden,  diese  Zeilen  durchzusehen,  ihr 
legi  gleichfalls  beizufüg-eu  und  alsdann  mir  dieselben  wieder 
zukommen  zu  lassen.  Was  ich  weiter  thun  werde,  das  wird 
sich  finden,  für's  Erste  war  nöthig,  dass  ich  einig-e  sachkundige 
Männer  in  den  Fall  setzte,  mit  dem  Gegenstände  der  Frage 
sich   einigermassen  zu  beschäftigen. 

Königsberg,  den  2ö.  März  1833. 

(gez.)  Her  hart. 


An    den    Geh.    Justizrath    und    Prof.    der  Rechte    an 
der  Un  iversität    zu    Königsb  erg  i./P.    Dr.   Friedrich 

Daniel    San  io.  -    . 

Göttingen,  26.  Juni  1836. 
Ihi-  gütiger  Brief  war  mir  sehr  schätzbar  als  ein  Zeichen 
Ihres  Andenkens;  er  war  es  nicht  minder  durch  seinen  Inhalt, 
und  besonders  durch  den  Schluss,  der  mir  künftige  Briefe  von 
Ihnen  verspricht.  Mögen  Sie  nur  dies  Versprechen  nicht  ver- 
gessen! Sie  werden  bald  Anlass  finden,  es  zu  erfüllen,  denn 
meine  analytische  Beleuchtung  des  Naturrechts  und  der  Moral 
ist  unter  der  Presse,  und  kann  bald  in  Ihren  Händen  sein. 
Dann  werden  Sie  bemerken,  wie  sehr  ich  mit  Ihnen  überein- 
stimme in  Ihrer  Behauptung,  man  müsse  zeigen,  wie  jedes 
Rechtsinstitut  in  das  ^Gänze  des  gesellschaftlichen  Zustandes 
eingreife.  Geben  Sie  uns  nur  bald  auch  Proben  davon !  Es 
ist  nicht  einerlei,  wie  bald  Sie  es  thun.  Wenn  Sie  das  beachtet 
haben,  was  Drobisch  früher  schrieb,  so  wird  Ihnen  seine  jetzige 
Leistung  in  der  Logik  auch  nicht  entgehn,  und  noch  weniger 
dies,  dass  Er  auf  Hartenstein  gewirkt  hat,  dessen  Metaphysik 
mit  nicht  geringem  Talent  meine  Arbeiten  in  eine  bequemei-e 
Zusammenstellung  bringt  und  manche  bedeutende  Nebenbemer- 
kung enthält,  welche  zeigt,  dass  er  den  Gegnern  gewachsen 
ist.  Aber  —  diese  Männer  wundern  sich ,  wie  ich  so  wenig 
von  Königsberg  aus  sei  unterstützt  worden,  und,  wenn  ich 
nicht  irre,  haben  sie  Ursache  dazu.  Ein  akademischer  Lehrer 
hat  noth wendig  das  Vorurthcil  gegen  sich,  wenn  an  dem  Orte 


234  Z  i  m  ra  e  r  ra  a  n  n. 

und  von  dem  Orte,  wo  er  lange  Jahre  hindurch  gesproclien 
liat,  keine  Spur  seines  Thuns  zum  Vorschein  kommt ;  und  es 
ist  nicht  zu  leugnen,  dass  Königsberg  mir  stillschweigend  ein 
schlechtes  öffentliches  Zeugniss  ausstellt,  welches  doch,  wie 
ich  aus  Ihrem  Briefe  mit  Vergnügen  sehe,  wenigstens  Ihre 
Absicht  nicht  gewesen  ist.  Was  Gegenwirkungen  anlangt,  so 
sind  deren  an  jedem  Orte  zu  überwinden,  und  wenn  wir  gerecht 
sein  wollen ,  können  wir  die  preussische  Regierung  nicht  an- 
klagen, dass  sie  Schwierigkeiten  in  den  Weg  gelegt  hätte,  die 
sich  nicht  recht  füglich  überwinden  Hessen.  Was  jetzt  in  Leipzig 
geschieht,  bedarf  Unterstützung,  oder  es  kann  bald  genug  stocken, 
und  kommt  es  dahin,  so  wird  es  zehnfach  schwerer  sein,  die 
frühere  Bewegung  zu  erneuern,  als  es  jetzt  ist,  sie  fortdauern 
zu  machen. 

Ganz  abgesehen  hiervon  hat  das  achtungswerthe  gelehrte 
Publicum  Königsberg's  dringende  Veranlassung,  sich  vor  ganz 
Deutschland  in  einer  wüi'digen  Gestalt  zu  zeigen.  Denn  was 
sollen  Diejenigen  denken,  die  nicht  so  gut  wie  ich  wissen,  wie 
vielerlei  sich  dort  neben  einander  mit  wundersamer  Behutsam- 
keit bewegen  kann,  ohne  sich  zu  stossen?  Das  hat  man  all- 
gemein vernommen,  dass  die  Geburtsstadt  Kant's  zum  Sitze  der 
anstössigsten  Schwärmerei  geworden  ist;  man  weiss  überdies, 
dass  nicht  IjIos  die  niedere  Klasse  der  Sitz  eines  unbegreif- 
lichen Taumels  geblieben  ist.  Bei  dieser  Gelegenheit  frage 
ich  mich  nun  nicht,  was  aus  meiner  Wirksamkeit  geworden 
sei,  denn  diese  zu  überschätzen  —  dagegen  bin  ich  wohl  genug 
gewarnt ;  aber  ich  frage ,  was  für  Früchte  die  gelehrten  An- 
strengungen der  Schulen  seit  1812  getragen  haben,  die  so  tief 
in  das  ganze  Publicum  der  Stadt  und  der  ganzen  Umgegend 
einzugreifen  schienen?  Sollte  es  wohl  auch  darin  am  Ueber- 
legen  und  Darstellen  der  Beziehungen  gemangelt  haben,  die 
Sie  sogar  in  der  positiven  Jurisprudenz  vermissen?  —  Wie 
lange  wird  ein  gelehrtes  Studium  noch  fortdauern,  das  sich  um 
seine  Beziehungen  nicht  bekünnuert?  —  Und  hier  frage  ich  mich 
endlich :  wo  ist  der  Gewinn  meiner  Bemühungen  um  Pädagogik, 
uml^ehrkunst?  Das  ist  der  hoffnungslose  Theil  meiner  früheren 
Arbeit,  den  man  in  Leipzig  nicht  wieder  aus  dem  Schutte  auf- 
graben kann.     Diese  Ruinen  liegen  in  Königsberg. 


Zwei  Rriefe  Herhart's.  235 

Sie  lesen  hier  Betrachtung-en  eines  scelisziojährigen  Maniuss, 
der  einige  Mühe  hat,  von  seinen  früheren  Sorgen  zu  selieiden, 
der  es  aber  doch  nicht  bereut,  solche  Sorgen  gehabt  zu  haben, 
die  freilich  von  den  gewöhnlichen  Lebensverhältnissen  ablenken. 
Wer  etwas  wagt,  muss  sich  gefallen  lassen,  Einiges  zu  ver- 
liei-en.  Wer  nichts  wagt,  hat  es  sich  am  Ende  zuzuschreiben, 
wenn  ihm  nichts  bleibt  als  die  Erinnerung  an  ein  verlebtes  Leben. 

Alles  dies  wollen  wir  bei  Seite  setzen  ,  sobald  es  Ihnen 
gefällt,  Sich  mir  über  die  jetzigen  Angelegenheiten  der  Rechts- 
philosophie weiter  mitzutheilen.  Vermuthlich  wird  Hugo  Grotius 
dabei  zur  Sprache  kommen,  den  Sie  in  meiner  neuen  Schrift 
dem  Spinoza  gegenüber  erblicken  werden;  —  nicht  aber  blos 
diesem,  sondern  auch  dem  neueren  Naturrechte  gegenüber, 
welches  eine  andere  Gestalt  würde  erlangt  haben,  wenn  man 
im  guten  Geiste  des  Grotius  fortgearbeitet  hätte.  Mir  ist  bei 
einigen  freilich  unvollständigen  Vergleichungen  dessen,  was  er 
selbst  sagt,  mit  den  Relationen  dessen,  was  Andere  von  ihm 
angaben,  ein  Verdacht  aufgestiegen,  als  hätte  man  nur  seine 
prolegomena  gelesen ,  und  die  dortige  Anknüpfung  an  einige 
bekannte  Stellen  des  Cicero  für  seine  wahre  Grundlegung  ge- 
halten. Jedenfalls  hätten  Kant  und  Schleiermacher  den  Grotius 
lesen  sollen;  von  Fichte  will  ich  nicht  sprechen,  dessen  Talent 
bekanntlich  nicht  das  war,  recht  zu  lesen,  was  Andere  ge- 
schrieben hatten.  Nicht  Er,  aber  wohl  Jene  hätten  von  Grotius 
lernen  können.  Am  lesbarsten  für  mich  war  freilich  das  Capitel 
de  poenis,  worin  ich  fand,  dass  mein  Capitel  vom  Lohnsystem 
nur  wiederholt,  was  ein  Anderer  und  Grösserer  schon  gesagt  hatte. 

(gez.)  Herbart. 


SITZUNGSBERICHTE 


DER 


KAISKßLICIIEN  AKADEMIE  DER  WISSENSCHAFTEN 


PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE  CLASSE. 


LXIX.  BAND.  III.  HEFT. 


JAHRGANG  1871.  -   DECEMBER. 


239 


XXVII.  SITZUNG  VOM  r..  DECEMBER  1871 


Der  Secretär  legt  vor: 

1.  eine  Note  des  Herrn  Ministers  für  Cultus  und  Unter- 
richt, Dr.  V.  Stremayr,  womit  derselbe  dem  Präsidium  der 
kais.  Akademie  seinen  Amtsantritt  anzeigt; 

2.  ein  Danksagungsschreiben  des  Vorstandes  der  kais. 
Universitätsbibliothek  in  Strassburg^  Herrn  Dr.  Barack,  für 
die  der  dortigen  Bibliothek  zum  Geschenk  gemachten  Schriften 
der  phil.-hist.  Classe  der  kais.  Akademie. 


Der  Referent  der  Weisthümer-Commission ,  Herr  Prof. 
Siegel,  legt  den  von  Herrn  Dr.  Hans  Lambel  eingesendeten 
Bericht  vor  über  die  Ergebnisse  der  von  demselben  in  Ober- 
österreich vorgenommenen  Weisthümer-Forschungen. 


Der  Vice-Präsident  Herr  Hofrath  A.  Ritter  von  Arnetli 
hält  einen  Vortrag  über  ,Zwei  Denkschriften  der  Kaiserin 
Maria  Theresia',  welche  in  dem  Archiv  für  österreichische 
Geschichte  abgedruckt  werden. 


Auf  Antrag  der  Commission  für  die  Savigny- Stiftung 
beschliesst  die  Classe,  dass  die  gegenwärtig  der  kais.  Akademie 
zur  Verfügung  gestellte  Zinsenmasse  des  Savigny  -  Stiftungs- 
Capitals  der  letzten  zwei  Jahre  dazu  verwendet  werde,  eine 
Bearbeitung  des  kaiserlichen  Land-  und  l^ehnrechts  (sogen. 
Schwabenspiegels)  zu  veranlassen  und  mit  derselben  den  Ar- 
chivar Herrn  Dr.  Ludwig  Rockinger  in  München  zu  beauf- 
tragen. 


240 


An  Druckschriften  wurde  vorgelegt: 

Accademia,  R.,  delle  Scienze  di  Torino:  Memorie.  Serie  II.   Tomo   XXV  e 
XXVI.  Torino,  1871;  4».  —    Atti.  Vol.  VI.,    disp.  1^—1^    (Novembre  1870 

—  Luglio  1871).  Torino ;  8".  —  BoUettino  meteorologico  ed  astronomico 
del  K.  Ossei-vatorio  dell'  Universitk  di  Torino.  Anno  V.  1871;  4^*.  — 
Atlante  di  carte  celesti  contenenti  le  6.34  stelle  principali  visibili  alla  lati- 
tudine  boreale    di  45^  etc.  Torino, -1871  ;  Folio. 

Akademie  der  Wissenschaften,    Königl.  Bayer.,  zu  München:    Abhandlungen 
der  philos.-philolog.  Classe,  XII.  Bandes  I.  und  IL  Abtheilung  (1870  und  l.s71). 

—  Abhandlungen  der  mathem.-physikal.  Classe.  X.  Bandes  III.  Abtheilung 
(1870).  —  Abhandlungen  der  histor.  Classe.  XL  Bandes  II.  und  III.  Ab- 
theilung (1869  und  1871).  (Nebst  den  betreffenden  Separat- Abdrücken.) 
4".  —  Almanach  für  das  Jahr  1871.  120.  _  Monumenta  hoica.  Vol.  XL. 
Monachii,  MDCCCLXX;  40.  —  Preger,  Wilh.,  Die  Entfaltung  der  Idee 
des  Menschen  durch  die  Weltgeschichte.  (Vorti-ag,  gehalten  in  der  öffent- 
lichen Sitzung  am  28.  März  1870.)  München,  1870;  4".  —  Hang,  Martin, 
Brahma  und  die  Brahmanen.  (Vortrag,  gehalten  in  der  öffentlichen  Sitzung 
am  28.  März  1871.)  München,  1871 ;  4». 

Bonn,   Universität:    Akademische  Gelegenheitsschriften   aus   dem  Jahre  1870. 

40  und  80. 
Breslau,    Universität:    Akademische    Gelegenheitsschriften    aus    den    Jahren 

1869  und  1870.  4,0  und  80. 
Catal ofjus    codicum   mannscriptorvin    orienfalivm,    qui    in    Mitseo    Biifanviro 

asservantnr.  Pars  II.,  Codices  arnhiros  amplecf.ens.   Londhn,  MDCC'CXLVI; 

Folio. 
Central-Commission,  k.  k.  statistische:   Mittheilungen.    XVIII.  Jahrgang, 

?>.  Heft.    Wien,    1871;    kl.  40.    —    Tafeln    zur  Statistik    der    österr.-ungar. 

Monarchie.  Die  Jahre  1860  bis  1865  umfassend.  VL  Heft.  Wien,  1871;  4". 
Gesellschaft    der   Wissenschaften,    königl.,    zu   Göttingen:    Abhandlungen. 

XV.  Band.  Göttiugen,   1871  ;    4".    —    Gelehrte  Anzeigen.    1870.    I.  und  IT. 

Band.    Göttingen,    80.    —    Nachrichten    aus    dem   Jahre    1870.    Göttingen, 

1870;  80. 
Rostock,    Universität:    Akademische    Gelegenheitsschriften    aus    dem    Jahre 

1869/70.  40  und  80. 
Society,  The  Asiatic,  of  Bengal:  BihUofheca  Indien.  Old  Series.    Nrs  2-22— 

226.   New     Series.     Nrs    164—207   and    209-2.30.    Calcutta,    1869  —  1871; 

40  and  80. 
Wright,  W.,  Catalogue  of  Syriac  Manuscripts  in  the  British  Museum,  acquired 

since  the  Year  1838.  Parts  I  &  II.  London  and  Berlin,  1870  &   1871;  40. 
Zürich,    Universität:     Akademische    Gelegenheitsschrifteu     aus     dorn    Jahre 

1869/70.  40  und  80. 


Lambel.    Weisthümer-Forscliungen  in  Ober-Oesterreicli.  241 


Bericht 
über  die  im  August  und  8ei»teml)er  1871  in  Ober- 
Oesterreich    angestellten    Weisthtlnier  -  Forsohuni»(^n 


von 


Hans  Lambel. 

Uas  Resultat  meiner  im  Aug-ust  1868  in  Ober-0 esterreich 
ang-estelltcn  Weistliümer- Forschungen  (Sitzungsber.  Bd.  LX, 
S.  553 — 562)  berechtigte  zu  der  Hoffnung,  dass  weiteres  Nach- 
spüren nicht  ohne  Erfolg  bleiben  dürfte.  Ich  mochte  daher 
den  Gedanken  an  eine  Fortsetzung  des  damals  Begonnenen 
nicht  aufgeben,  und  erbot  mich^  im  Juli  d.  J.  einen  Tlieil  der 
Sommerferien  dazu  zu  verwenden ;  die  Comraission  für  Samm- 
lung und  Herausgabe  österreichischer  Weisthüiner  ging  auf 
dieses  Anerbieten  bereitwillig  ein  und  so  machte  ich  mich,  von 
derselben  mit  Reisemitteln  ausgerüstet ,  Anfangs  August  auf 
den  Weg. 

Zunächst  begab  ich  mich  wieder  nach  Linz,  um  mir  von 
der  k.  k.  Statthalterei  und  der  Landesiiauptmannschaft  Em- 
pfehlungsschreiben zu  erbitten,  die  sich  das  erste  mal  als  wirk- 
same Unterstützung  erwiesen  hatten.  Sic  wurden  mir  von  dem 
Herrn  Statthalter  Freiherrn  Conrad  von  Eybesfeld,  sowie  von 
Herrn  Dr.  von  Pessler  als  Landeshauptmann-Stellvertreter  bereit- 
willig zugestanden,  und  ohne  dieselben  wäre  ich  an  manchem 
(3rte  wohl  nicht  zum  Ziele  gelangt. 

Meine  Forschungen  im  J.  1868  waren  vorzugsweise  auf 
das  Mühlviertel  gerichtet  gewesen ;  ein  beträchtlicher  Theil  des- 
selben war  aber  noch  unerforscht  geblieben.  Diesem  Theile 
des  (unteren)  Mühlkreises  also  galt  diesmal  meine  erste  Reise, 
um    hier    zunächst    einen    vorläuligen    Abschluss    zu    gewinnen. 

Sitzb.  d.  pbil-hist.  (Jl.  LXIX.  IM.  IH.  Hit.  16 


242  Laml.f^l. 

Gleich    in   Mauthausen  g-elaiig    es,    von    dem  Bürgermeister 
Herrn     Leopold    Heindl     und     dem     Gemeindebeamten    Herrn 
Gliristopli  Paulus    freundlich  unterstützt,    nach  einigem  Suchen 
in    einem    älteren    Kasten    die  Marktordnung   aus  dem  J.   1522 
in  dreifacher  Aufzeichnung  zu  linden.    Auch  in  Perg  war  mit 
Hülfe  der  Herren  Anton  Grienling,  Bürgermeister,  und  Joseph 
Hueber,  Gemeindeausschuss ,    das  alte  Marktbuch  in  zwei  Auf- 
zeichnungen aus  dem  16.  und  17.  Jahrhundert  ziemlich  rasch  ge- 
funden. '     Ich  suchte   sogleich    die   drei  Punkte ,    den  Wochen- 
markt betreffend,  die  ich  nach  einem  im  landständischen  Archiv 
zu  Linz    im  Jahre    I8(j8   gefundenen  Extract   von   1082  bereits 
in  meinem  ersten  Bericht  (Sitzungsber.  LX,  S.  560)  mitgetheilt 
hatte,    und  verglich   den  neugefundenen  Text.     Das  Ergebniss 
ist,    dass    statt    der    im  Extract  dreimal    wiedei'kehrenden    wid 
markhtzeit   die   ältere    Aufzeichnung   das    erste  mal    imder    dem 
(sie)   marckhtzeit,    die     beiden    andern    male    nnder   marckhtzeit 
offenbar  das    richtige  bietet.     Die  Freude  über  den  glücklichen 
Anfang    musste    nun    zunächst    der  Enttäuschung    weichen,    als 
weder  Münz  b  ach,    noch  St.  Thomas  auf  dem  ßlasenstein , 
noch    Kreuzen    Ausbeute    gewährte.     Auch  in  Grein  schien 
es    Anfangs,     als     wären    meine,    Nachforschungen     vergeblich. 
Als  ich   al)er  nach    etwa   vorhandenen    Urbarien  fragte,  reichte 
mir    Herr  Johann    Karer,  Gemeindebeamter,    in    welchem    mir 
der    Plerr    Bürgermeister    Dr.    Franz    Wagcnthaler    einen    un- 
ermüdlich   gefälligen    und    eifrigen    Helfer    zur    Seite    gestellt 
hatte,    einen     schönen    Pergamentband,   der   unter    andern    die 
gesuchten    Rechtsbestimmungen    auf  Bl.  80''—  97''  enthält.  Die 
Handschrift   ist  zwischen    1485    und    1491    angelegt,    denn  von 
1485  ist  die  jüngste  der  auf  Bl.  2''  —  KV'  copirten  Urkunden  (die 
älteste    ist   von   1379),    1491    aber  ist  das   Jahr  der    Erhebung 
des  einstigen  Marktes  Grein  zur  Stadt :    im   ganzen    Codex    ist 
aber   immer    nur    die    Bezeichnung   Markt  gebraucht,    und  die 
Erhebuugsurkunde,  die  im  Archiv  noch  aufbewahrt  wird,  wäre 
ohne  Zweifel  eingetragen   worden,  wäre  der  Codex  später     als 


'  Auch  ein  alter  Richterstab,  mit  Silber  beschlagen,  wird  dort  noch  anf- 
bewahrt.  Das  Beschläge  des  einen  Endes  stellt  einen  Mann  in  seltsamer 
Tracht  dar  mit  Schild  und  (nun  abgebrochenem)  Schwert.  Sonst  erinnere 
ich  mich  solcher  Stäbe  aber  ohne  derartigen  Sclnnuck,  nur  noch  ans 
Münzbach  und  Käfermarkt. 


Weisthümer-Forschungen  in  Ober-Oesterreich.  243 

1491  g-eschricben.  Bei  weiterem  Nachforschen jfiuid  ich  in  dem- 
selben Archiv  noch  einen  aus  Prag-,  16.  Sept.  1579  datirtcn, 
von  den  kaiserl.  Commissären  Achatz  Herrn  zu  Losen  stein, 
Dr.  jur.  Johann  Tönner  den  Eltern  von  Trüppach  und  Jacob 
Kurtz  von  Senfftnau  unterzeichneten  Vero-leich  zwischen  der 
Herrschaft  Greinburg  und  der  Stadt  Grein,  dessen  zehnten  auf 
die  Abhaltung-  der  Pantaiding-e  bezüglichen  Punkt  (auf  Bl. 
12'^  und  12')  ich  hier  mittheilen  will:  ,(12")  Zum  zehenden  die 
Panthädigung  hefreffendt  dietceün  ain  herr  auf  Greinburg  Oder 
an  dessen  Statt  ain  Pfleger  in  deren  von  Gh^ein  gehalttenen 
Panthädigung  Yhe  vnnd  Älheg  gesessen  vnnd  loas  dem  Statt- 
wesen zutüider  gewest  vnnd  Ime  sonsten  in  Annderweg  mißfallen 
dasselb  Ahgescliafft  vnnd  eingestelt  hat,  So  ist  an  Jetzo  vnnd 
hinfüran  zicüschen  heden  taillen  dahin  heschlossen  vnnd  Ancjeno- 
men  toorden,  das  fürter  die  Erste  vnnd  hauM  Panthädigung 
Alhegen  auf  den  negsten  Monntag  nach  Trium.  Regiim  (12'')  in 
heysein  der  Herrschafft  oder  dero  Pfleger  2vie  von  Alter  herkhomen 
gehallten  werden,  Es  begäbe  sich  dann,  das  die  Herrschafft  oder 
Pfleger  durch  Gottes  geicalt  darann,  das  Sie  auf  bestimbten  taq 
darbey  nit  sein  khönden,  verhindert  tvürden,  So  solle  damit  ver- 
tzogen  vnd  doch  dieselb  Anderioerts  Als  verstannden  durch  die 
Herrschafft  oder  Pfleger  gefährlicher  weiß  nit  aufgezogen  loerdenJ' 
Auf  Schloss  Greinburg  fand  ich  ein  zwar  ziemlich 
grosses,  aber  wider  Erwarten  ungeordnetes  Archiv,  bei  dem  an 
ein  längeres  Verweilen  behufs  systematischer  Nachforschung 
nicht  zu  denken  war.  Ein  paar  Versuche  auf  gut  Glück,  die 
namentlich  den  äusserlich  leicht  erkennbaren  Urbarien  galt(Mi, 
brachten  mir  nichts  ein.  Von  Grein  aus  machte  ich  auch  einen 
Ausflug  in  den  nahen  Markt  K 1  a  m ,  fand  aber  in  der  dortigen 
]\Iarktlade  uicbts  als  eine  handschriftliche  Notiz,  nach  welcher 
,das  gar  alte  Panthadungsbuech'  im  Jahre  1021  im  Schloss  Klam 
noch  vorhanden,  die  Urkunden  aber,  die  im  Markt  aufbewahrt 
worden  waren,  schon  damals  bis  auf  wenige  Fragmente  durch 
zweimalige  Feuersbrunst  zerstört  waren.  Auf  diese  Notiz  hin 
begab  ich  mich  auf  das  Gräfl.  Schloss,  wo  mich  Herr  Verwalter 
Romuald  Franz  äusserst  gefällig  und  zuvorkommend  aufnahm, 
micli  in  das  Archiv  führte,  aber  erklärte,  in  Abwesenheit  des 
Herrn  Besitzers  ohne  besondere  P^rlaubniss  desselben  mir  nicht 
gestatten  zu  können ,    dass    ich   darin  Nachsuchungen  anstellte. 

16* 


244 


Lambel. 


Einen  älteren  Katalog-  über  das  Archiv  aber,  den  ich  sah,  Hess 
er  mich  bereitsvilligst  in  seiner  Wohnung  durchsehen.  Darin 
fand  ich  unter  Kasten  2,  Fach  41,  Stück  1  (ß,  7)  ein  ,Pantha- 
dung  von  Markt  Clam',  unter  K.  2,  F.  72-77,  St.  1 1/2,  ein 
,Panthadung  für  die  H.  Clam.  Unterthanen',  und  unter  K.  2, 
F.  72—77,  St.  2,  ein  ,Panthadung  für  die  Aussernsteinischen^ 
(der  Aussernstein  ist  jetzt  ein  Meierhofj  verzeichnet.  Hoffent- 
lich ist  die  Ordnung  im  Gräfl.  Archiv  seitdem  nicht  verändert 
worden,  und  die  bezeichneten  Stücke  auffindbar.  Auch  die 
Orte  Struden,  St.  Nicola  und  Sarmingste  in  wollte  ich 
von  Grein  aus  nicht  unberührt  lassen,  wiewohl  die  Taiding-e 
der  letzteren  schon  im  Notizenblatt  gedruckt  sind,  es  fand  sich 
aber  keine  weitere  Aufzeichnung  davon.  Von  Grein  wandte 
ich  mich  nordwärts  nach  Pabneukirchen  und  Minich- 
dorf: an  beiden  Orten  war  mein  Suchen  vergeblich.  Im  Markte 
Königswiesen  traf  ich,  Abends  spät  ankommend,  den  Bürger- 
meister im  Posthause,  wo  ich  übernachtete,  bereits  zur  Abreise 
gerüstet,  und  der  Marktvorstand,  an  den  jener  mich  wies,  war 
des  andern  Tags  gleichfalls  abwesend.  So  musste  ich  von  hier 
vorläufig-  unverrichteter  Dinge  weiterziehen ;  später  fragte  ich 
brieflich  mit  genauer  Beschreibung  der  gesuchten  Urkunden 
bei  dem  Bürgermeister  Herrn  Chirurgen  Anton  Reiter  an,  der 
mir  nach  dem  Gespräch  bei  unserer  früheren  Begegnung  Sinn 
und  Verständniss  für  dergleichen  Forschungen  zu  haben 
schien;  bis  zur  Stunde  aber  habe  ich  keine  Antwort  erhalten. 
Mein  nächstes  Ziel  war  Weissenbach,  der  alte  Sitz  eines 
Pfleggerichtes,  wo  ich  mir  sichere  Ausbeute  versprach.  Aber 
weder  in  der  Marktlade,  noch  beim  Bezirksgerichte  und  Steuer- 
amte, deren  Archivalien  unter  freundlicher  Theilnahme  der 
Herren  Vorstände  durchsucht  wurden ,  war  etwas  zu  finden. 
In  den  oberösterreichischen  Bezirksgerichten  ist  überhaupt  wenig 
Hoffnung,  solche  Denkmäler  zu  finden ;  wie  ich  schon  im  Greiner 
Bezirksgerichte  erfuhr,  wurden  infolge  einer  Weisung  der  k.  k. 
Stutthalterei  die  älteren  Urkunden,  die  nicht  etwa  für  die  laufen- 
den Geschäfte  nothwendig  waren ,  gleich  bei  Gründung  der 
Bezirksgerichte  nach  Linz  geschickt.  In  Weissenbach  mögen 
auch  Brände  manches ,  was  einst  vorhanden  war,  vernichtet 
haben;  auch  das  Pfarrarchiv,  um  das  ich  mich  beim  Herrn 
Pfarrer  erkundigte,  enthält  nach  dessen  Versicherung  keine  der- 


Weisthümer-Forscliungen  iu  Ober-Oesterreich.  245 

artigen  Urkunden.  Nach  solchen  Misserfolgeiji  war  ich  doppelt 
erfreut,  in  Waid  er  sfelde  n  mit  freundlicher  Unterstützung 
des  Marktvorstandes  Herrn  Johann  Schönaucr  die  von  Frei- 
herrn Johann  Georg  Adam  von  Hoheneck  im  J.  1733  auf- 
gerichtete jFreiheit  und  Ordnung^  aufzufinden.  In  St.  Oswald 
war,  als  ich  ankam,  der  Marktvorstand,  Herr  Zitter,  verreist; 
auf  nachträgliche  briefliche  Anfrage  erhielt  ich  den  Bescheid, 
dass  ausser  drei  Rechnungsbüchern  keine  Urkunden  dasetbst 
aufbewahrt  werden.  In  Freistadt  fand  ich  das  städtische 
Archiv  in  demselben  Zustand,  wie  im  Jahre  1868,  soweit  nicht 
Herr  Prof.  Schmidt  aus  eigenem  Antriebe  und  Interesse  sich 
der  Mühe  der  Ordnung  unterzogen  hat  (und  das  ist  allerdings 
ein  gutes  Stück):  ein  Weisthum  kam  seiner  gefälligen  Mit- 
theilung zufolge  bei  dieser  Gelegenheit  nicht  zum  Vorschein. 
Ein  Ausäug  nach  Lassberg,  wo  Herr  Marktrichter  Paul  Tost 
das  in  seiner  Verwahrung  Befindliche  bereitwilligst  vorwies, 
brachte  das  ,Ehaft-Täding^  des  Ortes  ein,  das  sich  in  einem 
1732  angelegten  Marktprotokoll  aufgezeichnet  fand.  Nicht  so 
glücklich  war  ich  in  Käfer  markt,  wo  doch  die  dortigen 
Urkunden  des  Marktes,  Zunftordnungen  u.  dergl.  mit  einer 
Sorgfalt  aufbewahrt  werden,  wie  ich  sie  nicht  überall  traf.  Auf 
dem  nachbarlich  gelegenen  Schlosse  Weinberg  fand  ich  in 
einem  beschränkten,  nicht  eben  sehr  lichten  Archivraum,  zu 
dem  ich  durch  eine  Fallthüre  herabstieg,  eine  beträchtliche 
Zahl  Archivalien  ohne  Ordnung  durcheinander  geworfen.  Es 
gelang  nicht  mehr,  als  eine  Notiz  zu  erbeuten,  die  ich  mir  aus 
einem  auf  gut  Glück  hervorgezogenen  gewaltigen  Urbarium  aus 
den  Jahren  1591  und  1592  abschrieb  und  hier  nicht  übergehen 
will :  ,Paiitliäding  zu  halfen  in  den  ämhtern  ehnhidh  der  Thonaiv 
—  Erstlich  ist  daß  tüdting  im  Amht  Püchlern  jährlichen  den 
negsten  Erichtag  nach  vnser  frawn  Liechtmeßtag  ze  halten,  loie 
es  dan  von  alter  also  herJchomhen.  Item  im  amht  Leonstain  hell 
man  das  thäding  am  negsten  j)ßngstag  darnach.  Item  im  amht 
Warttj)erg  hell  man  daß  thäding  am  negsten  Samhstag  darnach. 
Inn  amht  Viechtwang  und  Khoßlpodenaio  helt  man  khain  tädting, 
dan  die  nnderthonnen  daselbst  all  jährlichen  gehn  Warttperg  in 
daß  tüdting  ze  khvmhen  schuldig  sein.'  In  Neumarkt  fand 
ich,  nachdem  Herr  Marktvorstand  Michael  Gstöttenbauer  mir 
schon    beinahe    den    ganzen    Inhalt   der    bereitwillig   geöffneten 


246  Lambel. 

Marktlade  gezeigt  hatte,  das  Ehafttaiding-  in  einer  Papierhs. 
iu  Kl.  4°,  die  ich  aus  einem  Päckchen  von  Schriften  her- 
auszog, das  einer  Bemerkung  auf  dem  Umschlage  zufolge  ,nichts 
wichtiges^  enthalten  sollte  und  daher  unbeachtet  zu  unterst  lag. 
Die  Hs.  enthält  ausserdem  einige  Copicn  von  Urkunden  und 
einen  Bäckersatz.  Nach  vergeblichen  Nachforschungen  in  P  r  e- 
P' a r t e n  wendete  ich  mich  nach  Galneukirchen,  wo  ich 
wider  Erwarten  des  Herrn  Bürgermeisters  Dr.  Pokorny  und, 
wie  es  schien,  auch  nicht  eben  zu  seiner  Freude,  die  von 
Heinrich  Grrafen  von  Starhemberg  den  12.  März  175G  erneuerten 
,Datingspuucten'  fand.  Damit  glaubte  ich  vorläufig  meine  Nach- 
forschungen im  Mühlviertel  abschliessen  zu  sollen,  um  sie  nun 
auch  auf  die  rechts  von  der  Donau  liegenden  Gebiete  Ober- 
Oesterreichs  auszudehnen. 

Nach  Linz  zurückgekehrt,  erbat  ich  mir  zunächst  die  Er- 
laubniss  zur  Fortsetzung  meiner  vor  drei  Jahren  begonnenen, 
aber  unvollendet  gebliebenen  Forschungen  im  Archiv  der  k.  k. 
Statthalterei.  Sie  wurde  mir  ohne  Schwierigkeit  ertheilt;  da 
ich  aber  wegen  Abwesenheit  des  Vorstandes  desselben  und 
Mangels  eines  Kataloges  augenblicklich  davon  keinen  Gebrauch 
machen  konnte,  machte  ich  mich,  nach  einem  erfolglosen  Aus- 
flug in  das  von  Krieg  und  Bränden  hart  mitgenommene  Ebels- 
berg,  ohne  Zeit  zu  verlieren,  auf  die  weitere  Reise. 

Mein  nächstes  Ziel  war  diesmal  das  Fürstl.  Starhembergische 
Archiv  zu  Eferding,  von  dem  ich  wusste,  dass  darin  sämmt- 
liclie  andere  Starhembergische  Archive  nunmehr  vereinigt  sind, 
und  dass  es  bis  auf  einen  kleineren  Theil,  der,  wie  ich  jetzt 
wohl  vermuthen  darf,  für  meine  Aufgabe  schwerlich  ergiebig 
gewesen  wäre,  völlig  geordnet  ist.  Nicht  geringer  und  minder  er- 
freulich als  dieses  Verdienst  des  gegenwärtigen  Besitzers,  Sr.  Durch- 
laucht des  Fürsten  Camillo  von  Starhemberg,  war  die  ausgezeich- 
net freundliche  Aufnahme  und  die  rühmenswerthe  Gefälligkeit, 
womit  er  mir  zunächst  die  Cataloge  zur  Einsicht  gab  und  dann 
unverdrossen,  ja  eher  freundlich  ermunternd  alles,  was  ich  mir 
irgend  als  beachtenswerth  daraus  notirt  hatte,  aushob  und  zu 
näherer  Prüfung  übergab.  Das  Resultat  zeigte,  dass  die  Er- 
wartung, mit  der  ich  an  die  Benutzung  dieses  Archives  ging, 
nicht  zu  hoch  gespannt  war:  es  bot  mir  Taidinge  von  Breiten- 
bruck,    Hol  maus  öd.    Kurzen    Zwettl,    Mühlgraben 


Weistliüinor-Fi.irschniigeii  in  Olier-Oosterreich.  247 

(iu  Nieder -Gest.),  Reichen  au,  Spitz  (Ih^ieder-Oest.)  iiud 
Windhaj»;  (seit  1()41  ein  Markt  im  Mülilviertel  nordöstlich 
von  Freistadt,  nahe  an  der  böhmischen  Grenze)  zum  Theil  in 
doppelter  verschiedener  Aufzeichnung-,  wodurch  meine  früheren 
Forschung-en  im  Mühlkreise  aus  dem  Jahre  1868  sowohl 
(Sitzung-sb.  LX,  555,  556,  560),  als  die  heuer  angestellten  in 
willkommener  Weise  ergänzt  Averden.  In  wiefern  etwa  das  eben 
gefundene  Taiding  von  Zwettl  mit  dem  der  Commissiou  früher 
zugekommenen  identisch  oder  davon  verschieden  ist,  kann  ich 
im  Augenblick,  wo  mir  dieses  zur  Vergleichung  nicht  vorliegt, 
nicht  entscheiden.  Von  Reichenau  kam  dadurch  ausser  einer 
neuen  collationirten  Abschrift  (1628)  der  alten  von  Eberhart 
Marschalch  1495  ertheilten  Freiheiten,  welche  die  k.  Academie 
schon  besitzt,  und  einem  Extract  aus  dem  von  mir  1868  in 
der  Marktlade  zu  Reichenau  gefundenen  Taidinge  von  1661 
noch  eine  dritte,  so  viel  ich  urtheilen  kann,  verschiedene  Auf- 
zeichnung der  ,Ehehaft-Tädings-Puncten'  aus  dem  18.  Jahrh, 
zum  Vorschein.  Um  sicher  zu  sein,  dass  mir  nichts  Erreich- 
bares entgangen  sei,  wurde  auch  das  Stadtarchiv  in  Eferding 
durchsucht,  welches  unter  seinen  Urkunden  aber  kein  Taiding 
verwahrt.  In  G  r  i  e  s  k  i  r  c  h  e  n  fand  ich,  unterstützt  vom  Herrn 
Bürgermeister  Heinr.  Bräjmanu  und  Herrn  Gemeindebeamten 
Max  Bauer,  im  Stadtarchiv  ausser  Pi-otokollen  über  abgehaltene 
Ehafttaidinge,  die,  soviel  ich  sah,  bis  1732  herabreichen,  nach 
einigem  Suchen  auch  das  Ehafttaidingsbuch  selbst  in  einer  Hs. 
aus  dem  17.  Jahrh.  Es  muss  aber  mindestens  über  das  Jahr 
1564  hinaufreichen:  denn  in  derselben  Hs.  findet  sich  eine, 
den  31.  October  des  genannten  Jahres  von  Sigmund  von  Polheim 
aufgerichtete  Markt-Grdnung ,  welche  sich  bereits  auf  das  alte 
Ehafttaidingsbuch  als  Grundlage  bezieht.  Von  dieser  Markt- 
Ordnung  fand  sich  weiter  nicht  blos  eine  zweite,  nach  dem 
Original  coHationirte  Abschrift  von  1698,  sondern  bei  Durch- 
sicht der  in  Verwahrung  des  Herrn  Ijürgermeisters  selbst  be- 
findlichen Urkunden  auch  noch  das  Oi'iginal  auf  Pergament 
mit  Unterschrift  und  Siegeln.  Ueber  diese  Markt-Ordnung  sei 
es  gestattet,  eine  Vermuthung  auszusprechen,  die  v(jn  Kundigeren 
bestätigt  oder  widerlegt  werden  möge.  Unter  den  erwähnten 
Urkunden  ist  auch  ein  Vergleich  zwischen  den  Grieskirchnern 
und  den  Polheimern    von    156-5.      Ein  Punct   desselben  belehrt 


248  Lambel. 

uns,  dass  die  Bürger  behaupteten _,  die  Pollieinier  hätten  noch 
ihre  Freilieiten  in  Händen  und  ihnen  davon  Absehrift  ver- 
sprochen, die  Polheimer  jedoch  das  abläugneten.  Dieses  Streit- 
punktes sollte  nach  dem  Vergleich  nicht  mehr  gedacht  werden. 
Wahrscheinlich  um  ihn  vollends  zu  erledigen,  fühlte  sich  Sig- 
mund veranlasst,  im  Jahre  darauf  die  genannte  Marktordnung 
zu  geben.  Vielleicht  folgte  auch  das  alte  Ehaft;  oder  wenig- 
stens eine  Abschrift  davon  mit  zurück.  Auf  dem  nahen 
Schloss  Parz  war  ausser  zwei  Vorkaufsurbarien,  die  aber  kein 
Weisthum  enthielten,  von  dem  einstigen  Archiv  nichts  mehr 
voi-handen.  Ein  Ausflug  nach  Galschbach  und  Aisters- 
heim  brachte  das  Marktbuch  des  ersteren  Ortes  von  1607  ein, 
das  ich  in  Verwahrung  des  Herrn  Marktvorstandes  Franz 
Wimmer  in  der  Marktlade  fand.  Auf  Aistersheim  existirt  wohl 
ein  nicht  unbeträchtliches  aber  nicht  geordnetes  Archiv,  dessen 
Durchsicht,  wie  ich  nachträglich  von  kundiger  Seite  belehrt 
wurde  für  meine  Aufgabe  von  zweifelhaftem  Erfolge,  jedenfalls 
mehr  Zeit  erfordert  hätte,,  als  ich  zu  verwenden  hatte,  so  dass 
ich  wohl  besser  that,  der  lockenden  Einladung  des  Herrn  Be- 
sitzers Dworzak  zu  widerstehen.  Sollte  sich  bei  Ordnung  des 
Archives  ein  Weisthum  finden,  so  ist  von  der  Gefälligkeit  des 
Herrn  Besitzers  die  Einsendung  ohne  Zweifel  zu  erwarten.  In 
Neu  markt  (Hausruck)  fand  ich  von  dem  alten  Ehaft  nur 
mehr  7  beschriebene  Blätter  aus  der  Wende  des  15.  u.  16.  Jahrh. 
in  der  Gemeiudelade,  die  mir  vom  Herrn  Bürgermeister  Wurm 
bereitwillig  geöffnet  wurde.  Der  Anfang  ist  verloren  und  auch 
gegen  die  vorgefundene  Ordnung  der  Blätter  hege  ich  Zweifel. 
Damit  war  aber  mein  Fiuderglück  vorläufig  für  einige 
Zeit  zu  Ende.  Denn  in  sämmtlichen  Orten ,  die  ich  nun  be- 
suchte: Riedau,  Raab,  Schärding,  Kloster  Reichers- 
berg, Obernberg,  Aurolzmünster,  Ried,  Altheim, 
Braunau,  Schloss  Hagenau,  Mauerkirchen,  Utten- 
dorf,  Mattighofen  und  Friedburg,  blieben  meine 
Nachforschungen  erfolglos.  Zum  Theil  erklärt  sich  dies 
durch  Feuersbrünste,  die  mehrere  dieser  Orte  um  ihre  Urkun- 
den brachte,  so  auch  Reicliersberg ,  dessen  Archivreste  der 
fleissige  Bibliothekar  und  Archivar  des  Klosters,  Herr  Conrad 
Meindl  eben  mit  grösster  Sorgfalt  ordnet.  Dass  bei  dem  Gottes- 
hause Taidingc  abgehalten  wurden,    also  auch  Aufzeichnungen 


Weisthüiner-Forschungeu  iu  Ober-Oostonoicli.  24'J 

ü))cr  das  })oi  denselben  gewiesene  Roclit  iiicfht  werden  gefehlt 
hahen,  wird  man  von  vorneherein  nieht  Unahi  bezweifeln,  zum 
Ueberfluss  ist  in  Urkunden  mehrfach  von  den  ,8tifttaidinü-en' 
die  Rede :  ^loir  suUn  auch  in  ir  Stifttaydtnij  chömen,  loann  vns 
darin  gepotn  ivtrt',  heisst  es  in  dem  mir  von  Herrn  Meindl 
freundlich  g-ewiesenen  Revers  auf  ein  vom  Kloster  vererb- 
rcchtetes  Gut  zu  Parz  vom  25.  Juli  131)2  und  ebenso  in  einem 
andern  Revers  vom  23.  April  1393.  InBraunau  konnte  ich 
das  Archiv  gar  nicht  sehen,  weil,  wie  mir  Herr  Bürgermeister 
J.  C.  Prechtl,  dcj-  sich  selbst  eben  zur  Abreise  rüstete,  mit- 
theilte, der  einzige,  der  darin  Bescheid  wisse,  Herr  Secretär 
Maier,  verreist  war.  Doch  versprach  der  Herr  Bürgermeister, 
durch  diesen  nach  seiner  Rückkehr  nachforschen  zu  lassen  und 
von  einem  etw^aigen  Funde  Mittheilung  zu  machon.  Auf  wSchloss 
Hagen  au  sah  ich  durch  die  Grofälligkcit  des  Herrn  Besitzers, 
S.  Excellenz  Freiherrn  von  Handel,  ein,  wie  es  scheint,  nicht 
unbedeutendes  Archiv,  al)er  ungeordnet  in  Kisten  verpackt,  so 
dass  ich  auf  genauere  Durchsicht  verzichten  musste.  Auch  im 
Archiv  der  Propstei  zu  Mattighofen  wäre  es  möglich,  dass 
mir  bei  dem  ungeordneten  Zustande  desselben  etwas  entgangen 
wäre.  Wenn  ich  auch  au  diesem  Orte  keinen  Fund  verzeichnen 
konnte,  so  erhielt  ich  doch  daselbst  von  dem  Finanz-Bezirks- 
commissär,  Herrn  Carl  Hell,  eine  wichtige  Notiz  mitgetheilt, 
wonach  das  alte  Öalbuch  von  Friedburg  v.  J.  13G3  mit  dem  darin 
aufgezeichneten  Weisthum  nicht  mehr  in  Friedburg  zu  suchen 
war,  sondern  in  Linz  bei  der  Finanz  -  Landesdirection ,  wohin 
es  im  Jahre  18GG  vor  den  Preussen  soll  geflüchtet  worden  sein. 
Ich  hatte  also" keine  Veranlassung,  mich  in  Friedburg  mit  der 
Zeit  raubenden  Durchsicht  der  trotz  zahlreicher  Verschleppung 
noch  immer  beträchtlichen  Reste  des  einstigen  Herrschaftarchives, 
die  in  zwei  Scheunen  mehr  der  Benützung  entzogen,  als  auf- 
bewahx't  sind,  lange  aufzuhalten. 

Ich  wendete  mich  von  da  nach  V ö kl a markt,  dessen 
Ehafttaiding  die  k.  Akademie  zwar  schon  besitzt,  aber  nur  nach 
einer  jungen  und  noch  dazu  an  mehreren  Stellen  schadhaften 
Abschrift  von  1729,  so  dass  mindestens  schon  behufs  Ergänzung 
der  Lücken  im  Texte  die  Auffindung  einer  zweiten  Ilandschrilt 
wünschenswerth  erschien.  ^Virklich  gelang  es  mit  Hilfe  des 
kundigen  Bürgermeisters  von  Vöklamarkt,  des  Herrn  Chirurgen 


250  Lambel. 

und  Geburtsarztes  Josef  Furgstallcr,  das  alte  Original  vun  1489 
selbst  autzutinden,  dessen  Einsendung-  zugleich  bereitwillig  zu- 
gesagt wurde.  Ein  Ausflug  nach  St.  Georgen  im  Attergau 
bi'achte  Kenntniss  von  zwei  gleichlautenden  Aufzeichnungen  der 
,ranthädigungsfreiheiten'  dieses  Ortes  ein,  enthalten  in  den  Frei- 
heitsbriefen der  Kaiser  Ferdinand  11.  und  III.  vom  4.  Octbr.  1G31 
lind  23.  Octbr.  1637.  Ein  älteres  ,Pergameenen  LibelP,  auf 
welches  sich  bereits  die  ältere  Aufzeichnung  beruft,  war,  trotz- 
dem mir  Herr  Marktvorstand  Josef  Zapf  die  gesammten  Ur- 
kunden mit  grosser  Bereitwilligkeit  zur  Einsicht  vorlegte,  nicht 
mehr  zu  finden.  Von  gleichem  Finderglücke  war  ich  in  F  r  a  n  k  e  n- 
burg  begünstigt,  wo  unter  den  mir  vom  Herrn  Marktvorstand 
jMichael  Wipplinger  vorgezeigten  Archivalien  die  von  Franz 
Christoph  von  Khevenhüller  1672  gegebene  Marktordnung- 
leicht  und  rasch  gefunden  war.  In  T  i  m  e  1  k  a  m  dagegen 
suchte  ich  vergebens;  doch  besass  ich  ein  Timelkamer  oder 
richtigoj"  Wartenburger  Weisthum  schon  früher  in  einer  Ab- 
schrift meines  Freundes  Friedrich  Koch ,  prot.  Pfarrvicars  in 
Gmunden.  Es  weist  mehrfach  Abweichungen  auf  von  dem 
durch  Chmel  im  Notizenblatt  von  1854,  S.  484—496  mitge- 
theilten  ,Hofmarch-  und  Landgericht -Püechl  der  Herrschaft 
Wartenburg  im  Lande  ob  der  Enns.  1611.'  Ich  theile  sie, 
unwichtige,  bloss  sprachliche  Verschiedenheiten  ausgenommen, 
unten  mit.  Leider  kann  ich  bis  jetzt  über  die  Handschrift, 
aus  der  Kochs  Abschrift  stammt,  und  deren  Alter  nichts  mit- 
theilen. Dass  sie  offenbar  jünger  ist,  als  die  Chmels,  liegt  auf 
der  Hand.  Ich  zweifle,  ob  sie  über  den  Anfang  des  18.  Jahrh. 
hinaufreicht. 

Schon  früher  hatte  ich  mich  mit  Herrn  Julius  Strnadt,  Ge- 
richtsadjuncten  in  Vöklabruck,  dem  Verfasser  einer  sehr  fleis- 
sigen  verdienstlichen  Monographie  über  Peuerbach  (im  27.  Bericht 
über  das  Museum  Francisco-Carolinum  Linz,  1868)  in  Ver- 
bindung gesetzt  und  ihn  namentlich  über  die  Archive,  die  er 
zu  jener  Arbeit  durchforscht  hatte:  von  Peuerbach,  Waizen- 
kirchen,  Neidvirchen  am  Walde,  Wesenurfahr,  Kalham,  Weiden - 
holz  und  Aistersheim,  befragt.  Seine  schriftlichen  Mittheilungen, 
sowie  die  weiteren  mündlichen,  die  ich  nunmehr  bei  einem 
Besuche,  den  ich  ihm  von  den  nahen  Timelkam  aus  machte, 
von  ihm  ei-hiclt,  überhoben  mich  dui'chaus  der  Nothwcndigkeit, 


Woisthümer-Forsohiiugeu  in  01»er-0üsterreich.  251 

die  genaiinton  Orte  erst  noch  zu  besuchen » (über  Aistersheini 
s,  oben  S.  248).  Seinen  zuvei-lüssigen  Angaben  nach  war  in 
denselben  ausser  dem  Marktrecht  von  Peuerbach ,  dem  Eliaft 
von  Neukirchen  im  Wakle  und  den  Marktfreiheiten  von  Wcsen- 
urlahr  von  1582  (vgk  kSitzungsber.  LX,  553,  5()2)  nichts  zu 
holen.  Das  erste  ist  bereits  in  seiner  Monographie  über  Peuer- 
bach gedruckt  (a.  a.  O.  S.  G14  —  016),  und  von  den  beiden 
letztern  hatte  er  Abschrift  genommen,  die  er  mir  mit  i'ühmens- 
wei-ther  Uneigennützigkeit  zur  Vei'fügung  stellte.  Ich  erhielt 
sie  von  ihm  sammt  einer  Abschrift  der  Vöklabrueker  Stadt- 
rechte aus  dem  Stadtbuche  von  1391  nach  meiner  Rückkehr 
von  der  Reise  zui»:esendet.  Ausserdem  hatte  er  mich  schon 
früher  brieflich  auf  ein  Ehaft  in  der  Marktlade  von  Schörf- 
ling  aufmerksam  gemacht.  Da  er  davon  noch  keine  Abschrift 
genommen,  so  begab  ich  mich  selbst  dahin.  Herr  Marktvor- 
stand Frikli  erinnerte  sich  wohl  des  Denkmals,  fügte  aber  die 
nicht  eben  tröstliche  Bemerkung  hinzu,  dass  es  seither  wieder 
gesucht  wurde,  aber  nicht  mehr  zu  üuden  war.  Ich  machte 
mich  trotzdem  daran,  die  bei-eitwillig  geöffnete  Marktlade  zu 
durchsuchen,  und  es  gelaug  zu  meiner  Freude,  nicht  nui-  das 
Ehaft  von  1499  selbst  in  zwei  gleichlautenden,  freilich  jungen 
Abschriften,  sondern  auch  Protokolle  über  gehaltene' Taidinge 
bis  zum  Jahre  1839  herab  aufzulinden.  Die  ältere  der  beiden 
Abschriften  von  1781  wurde  mir  vom  Plerrn  Älarkt vorstand 
mit  ehrendem  Entgegenkommen  behufs  Abschriftnahme  an- 
vertraut; eine  ältere  von  1713  war  bei  der  Collation  jener 
(1781)  in  der  k.  k.  Böhmisch-  und  Oesterreiehischen  Hof- 
Kanzleiregistratur  aufbewahrt  und  müsste  sieh,  wenn  ich  recht 
berichtet  bin,  jetzt  im  Archiv  des  Ministeriums  des  Innern 
tinden.  Ob  da  vielleicht  auch  das  alte  Original  oder  das  ,iu 
alter  Schrifft  in  pargamen  gebundtene  Buech'  zu  suchen  wäre? 

Meine  weiteren  Nachforschungen  in  den  Archiven  von 
Hallstatt,  Laufen  imd  Ischl  blieben  leider  erfolglos.  In 
G  m  u  n  d  e  n  konnte  ich  das  Archiv  eines  Umbaus  wegen ,  wie 
man  mir  sagte,  nicht  sehen.  Da  die  Zeit  schon  etwas  vorge- 
rückt war  und  in  Linz  noch  nach  zwei  Seiten  Aufgaben  zu 
erfüllen  waren,  so  begab  ich  mich   unverzüglich   dahin  zurück. 

Meine  erste  Sorge  war  es  nun,  das  alte  Friedburger  Sal- 
buch    zu    suchen.     Ich    wendete    inieli    daher   an  den  Chef  der 


252  Lambel. 

Finanz  -  Landesdirectioii  in  Linz,  Herrn  HotVatli  Carl  Taine, 
Kittor  von  Felsenbrunn ,  um  Erlaubniss  zur  Einsicht  in  das 
Archiv,  die  derselbe  mir  mit  grösster  Zuvorkommenheit  ertheilte. 
Ebenso  war  der  Hilfsämter- Vorstand,  Herr  Adalbert  Hoschna, 
an  den  er  mich  wies,  voll  Eifer,  so  dass  es  bald  g-elang,  den 
schönen  alten  Pergamentcodex  zu  finden,  in  dem  das  Weis- 
thum,  das  älteste  ober-österreichische,  das  wir  meines  Wissens 
besitzen,  auf  Bl.  82"— 86"  geschrieben  ist. 

Nachdem  dieser  schöne  Fund  geglückt  und  noch  eine, 
freilich  erfolglose  Nachforschung  in  der  Gemeindelade  des  be- 
nachbarten Marktes  Urfahr  angestellt  war,  galt  es,  meine 
Forschungen  im  Archiv  der  k.  k.  Statthalterei  zum  Abschluss 
zu  bringen.  Wie  im  Jahre  1868,  war  mir  auch  diesmal  Herr 
Adjunct  Franz  Razenberger  ein  unennüdlicher  und  ganz  unent- 
behrlicher Helfer.  Er  legte  mir  alles  vor,  was  irgend  für  meine 
Aufgabe  Ausbeute  erwarten  liess,  so  dass  von  dort  her  schwer- 
lich ein  neuer  Zuwachs  zu  unserer  Sammlung  kommen  dürfte. 
Und  meine  Nachforschung  war  auch  diesmal  nicht  ohne  Erfolg. 
Sie  brachte  ausser  den  jüngeren  Marktfreiheiten  von  Neufelden 
vom  Jahre  1631  in  einer  collationirten  Abschrift  von  1705  (vgl. 
Sitzungsber.  LX,  555,  559),  das  Ehafttaiding  von  Reger  in 
einem  Regerer  Urbar  aus  dem  17.  Jahrb.,  und  von  Zell  im 
Achlande  (Innviertel),  in  einer  Abschrift  gleichfalls  aus  dem 
17.  Jahrb.,  ans  Licht.  Eine  Notiz  über  die  Pantaidinge  von 
Traunkirchen,  die  ich  gleichfalls  dort  fand,  theile  ich  unten  mit 
in  einer  Anmerkung  zu  den  ,Weißarticuln'  zwischen  Kloster 
Traunkirchen  und  Ort,  die  mir  schon  auf  der  Rückkehr  in 
Wien  durch  Herrn  Anton  Bettelheim  bekannt  wurden,  der  sie 
im  vergangenen  Sommer  in  Gmunden  in  der  Trafik  der  Luise 
Lang  (Vogelgasse)  fand  und  erwarb.  Sie  berufen  sich  mehr- 
mals auf  das  Ehafttaiding  und  sind  mindestens  theilweis  von 
rechtshistorischem  Interesse. 

So  hat  meine  diesjährige  Forschungsreise  wieder  eine  nicht 
unerhebliche  Anzahl  von  solchen  Rechtsurkunden,  und  zwar 
zum  allergrössten  Theile  ganz  unbekannte,  ans  Licht  gebracht. 
Einige  derselben  sind  nicht  eigentliche  Pan-  oder  Ehafttaidiuge 
dem  Namen  und  der  Form  nach.  Sie  enthalten  aber  jedesmal 
eine  Bestimmung,  der  zufolge  sie  zur  Verlesung  auf  den  Jahres- 
gedingen kamen,    und  waren  daher,   auch  mit  Bezug  auf  den, 


Weisthümpr-Forschungen  in  Ober-Oesterreich.  So.S 

Oesterr.  Woisthiimer  I,  VIII  ausgesprochenen  Grundsatz  unbe- 
denklich mit  aufzuführen.  Auf  die  Frage,  ob  nun  die  Samm- 
lung: oberösterreichischer  Weisthümer  absreschlossen  sei,  mtteste 
ich  selbstverständlicli  mit  Nein  antworten.  Der  grösste  Tneil 
des  Landes  ist  freilich  nunmehr  durchforscht,  aber  überall  hin- 
zugehn,  wo  etwa  ein  Fund  zu  erwarten  wäre,  war  natürlich 
unmöglich:  dazu  hätten  Zeit  und  Mittel  nicht- gereicht.  Ueber- 
haupt  ist  aber  an  einen  Abschluss  der  Sammlung  nicht  zu  denken, 
so  lange  die  Besitzer  von  Privatarchiven ,  die  bis  zur  Stunde 
mit  wenigen  rühmlichen  Ausnahmen  die  ihnen  überkommenen 
Schätze  gleichgiltig  im  Winkel  liegen  und  im  besten  Falle  nur 
nicht  verderben  lassen,  nicht  die  Bedeutung  derselben  und  die 
Verantwortung  begreifen  lernen,  die  sie  für  die  Erhaltung  und 
Benützung  des  ihren  Händen  Anvertrauten  vor  der  Wissen- 
schaft tragen.  Einstweilen  wäre  es  höchst  wünschenswert!!, 
dass  jeder  Einzelne,  der  Zeit,  Gelegenheit  und  Verständniss  hat, 
in  seinem  Kreise  nachforschte  und  durch  Mittheilung  etwaiger 
Funde  sich  um  die  Vervollständigung  unserer  Sammlung  ver- 
dient machte.  x\n  einer  lohnenden  Nachlese  könnte  es  nicht 
ganz  fehlen. 

Zum  Schlüsse  spreche  ich  noch  Allen,  die  mich  bei  meinen 
Forschungen  mit  Rath  imd  That  unterstüzt,  meinen  Dank  aus, 
nebst  den  schon  Genannten  noch  Herrn  Gustos  Ehrlich  in  Linz, 
der  auch  diesmal  an  meinen  Reisen  den  lebhaftesten  Antlunl 
nahm. 

Im  folgenden  gebe  ich  wieder  ein  alphabethisches  Ver- 
zeichniss  der  gefundenen  Stücke  nach  den  Orten  mit  kurzer  Be- 
schreibung der  Handschriften  und  Angabe  des  Fundortes. 

1.  Aiissernsteiii,  s.  oben  S.  244. 

2.  Breiteubi'uck. 

16G7.  Auf  Bl.  3r— 46"  des  ,Vrbarium  Vbei-  daß  Schloß 
Pi'ayttenpruckh  an  der  Gußen  im  Machlandt  etc.'  Pap.  fol.  im 
Fürst].  Starhembergischen  Archiv  zu  Eferding,  Fach  37,  Nr.  17. 

Bl.  31".  ,Vermerckht  Die  Jeuige  Hernach  Beschribene 
Thättiuo-s  Puncta  Deß  Hoch  vnd  Wollgebohrnen  Grauen  vnd 
Herrn  Herrn  Hainrich  W^ilhelm  deß  Heyl.  Rr)m.  Reichs  Grau 
vnd  Herr  von  Starchemberg  auf  Wildtbcu-g  Riedteegg  Loben- 
stain  Reichenau  Auerbcrg  Praytenpruckh  vnd  Kriechpaumb'  etc., 
,so  Ihr   Hochgräf.  Excell.  Vnterthanen  der  Veston  Praitcnpruckh 


254  Lambel. 

Jährlichen    in    den  EhehafFt  Tätting'  Abg-eleßen  vnd  Vorgehalten 
Wirdt.     Anno   1667/ 

r  3.    Frankenburg. 

Perg.   16  Bll.  fol.    1632  in  der  Marktlade  zu  Frankenburg. 

Bl.   1^.    Medaillon  gemalt  für  den  Titel,  der  fehlt. 

El.  2^     Wappen. 

Bl.  3* — 5".  Franz  Christoph  Khevenhüller  zu  Aichelberg-, 
Graf  zu  Frankenburg  etc.  bekennt,  nachdem  er  vom  Kaiser 
,ain  Landsfürstliehe  Gnad  vnd  Burg-erliche  Marckht  Freyheit^ 
über  den  zur  Grafschaft  Frankenburg  gehörigen  ,Fleckhen  oder 
das  Dorf  Zwispaln  vnnd  dessen  einwohner^  erlangt,  habe  er 
seine  ,vnderthonen  Zwispaln  vnd  Freyn'  laut  des  auf  Bl.  3'' — 4" 
folgenden  kais.  Freibriefs  d.  d.  Wien,  11.  Juni  1621  ,in  den 
Bürgerlichen  Standt  Gredieren'  wollen  und  , hernach  volgent  ein 
gemaine  Ordnung  vnnd  pollicey'  verfasst. 

,Volgen  Anfangs  sonderliche  Articl,  damit  ich  oben  im 
Eingang  benenter  Frantz  Christoph  Kheuenhüller ,  Graf  zu 
Franckhenburg  etc.  zu  Aufnembung  des  Marckhts  Francken- 
burg Burger  vnnd  Inwohner  daselbst  bedenckhen  vnd  begnaden 
thue^  etc. 

9''.  ,Wie  sich  mit  Verlosung  diser  Pollicey  vnd  Ordnung 
zu  halten.' 

,Diüe  Pollicey  vnnd  Marckht  Ordnung  solle  zu  allen  Jar- 
märckhten  an  ainem  vor  dem  Marckht  benenten  Tag  in  Gegen- 
wart ganczer  Burgerschafft  vnnd  Gmain  SowoU  auch  wenn 
Richter  Rath  vnnd  Gmain  versprecher  Erwölt  oder  Burger  auf- 
genomben  werden,  damit  sie  sich  sollher  Ordnung  nacli  zu 
halten  wissen,  öffentlichen  verlosen  werden'  etc. 

16'\     Actum  Franckhenburg  1.  Januar]   1632. 

Mit  Unterschrift  und  anhangendem  Siegel. 

4.   Friedburg. 

Auf  Bl.  82''— 86^  des  ,Saallpüech  Der  Curfrtl.  Pfleg :  Vnnd 
Ilerrschafft  Fridburg  aüfgericht  Anno  1363'  Perg.  fol. 

82\  jVermerckt  die  herlichkait  der  herschafft  ffridburg 
vnd  des  walldes  honhartt'  (rot). 

Item  die  rechten  der  herschafft  zu  fridbui'g  vnd  des  walldes 
honhartt    dieselben    rechten  werdü  zu  drein  czeytn  Im  Jare  in 


Woisthüiiier-Forschungen  in  Ohor-OpsterrPinh.  255 

der  Schraniien  zu  fVidhui-o;  der  InundtschaiFt  j^-emelldet  vnd  ^e- 
öffenut  in  EeluifFteu  taidiug-on  des  mantags  nach  lieclitmess 
vnd  des  niantag-s  nach  sand  phlipps  (.so)  vnd  sand  Jacobs  tag 
vnd  dos  mantags  nach  sandt  Michels  tag'  etc. 

Rothe  Ueberschriften  stehen  noch,  84"  ,Die  Recht  der 
Gotzhawser',  und  84''    ,Des  Gotshaws  Recht  zu  Ranshofen^ 

5.     Galueukirclieii. 

Pap.  18  beschr.  BIL  fol.  1756,  in  der  Gemeindelade  von 
Galneukirchen. 

Bl.  r.  ,Ich  Hanrich  (so)  Maximilian  Des  Heyl.  Römi- 
schen Reichs  GrafF  Vnd  Herr  uon  Starhembero-  auff  Wiltberir 
Riedegg  Lobenstain  Reichenau  Aurberg,  Praydenprückh  Kriecli- 
baum,  Au  Haggn,  Wangern  und  Schmellendorff',  Herr  der  GrafF- 
schafft  Schaumburg  und  Herrschafft  Eferding,  Der  Rom.  Kay. 
Königl.  Cath.  May.  Wirklichen  geheimber  [so)  Rath  und  N.  O. 
Cammerer 

Gibe  hiemit  in  Gnaden  zu  vernehmen  Waß  gestalten 
euch  die  unumgängliche  nothwendiget  zur  einfuhrung  guctter 
Ordnung,  einbiudtung  deß  schuldigen  gehorsamb  gegen  seiner 
vorgeseczten  Obrigkeit  und  Endlichen  zur  ablainung  deß  Öflfters 
entstehenden  Hafß  und  Neuth  vnter  der  Burger.gemainde  er- 
forderen will,  dz  gleicli  wie  Meine  Vorgeweste  (l'')  Gräfl.  Ahn 
vnd  Vranen  Beflifßen  gewesten  (so)  zur  aufnähme  des  Burgers 
verschidene  gesacze  einzuführen,  Ich  also  uon  Obhabender  Juris- 
diction vnd  Vortführung  der  Justiz  wegen  dergleichen  vntei- 
euch  fortzupflanczen  geruechen,  dise  euer  alte  herkhommen  vnd 
Datingspuncteu  fernershin  erneuern  vnd  aufs  Neue  vntern  Meiner 
Aigenen  Namens  vnterschrifft  vnd  gräfl.  Förttigung  Bostättigen 
wollen  wie  volgt'  etc. 

18".  ,Defßen  zur  Wahrer  Vrkhundt  habe  ich  solches 
mit  aigener  Handtschrifft  vnd  mit  meiner  Erbangebohi-nen  gräfl. 
Förttigung  Bestättigeu  wollen.  Gebern  Auf  Meiner  Herrschafft 
Riedegg  den  zwölfften  Merczen  deß  Aiu  dausent  Sibenhundert 
Sechs  vnd  Fünfzigsten  Jahrs. 

(Uiiteiscliiift)  Heinrich  Graff  vndt  Heir  von  Starhemberg  m.  p. 

den   12.  März  7o()  Jahrs'. 

Riegel  anhangend. 


256  Lambel. 

6.  Galschbach. 

Ferg.  8  Bll.  Gr.  4°.  1607,  in  der  Marktlade  zu  Galschbach. 

Bl.  r.  ,Ich  Hannß  Lüdtwig  Geymann  zu  Galspach  vnnd 
Trättneg-g-  Auf  Schwartzgrueb  etc.  Bekhenne  Hiemit  fuer  mich 
All  meine  Erben  Vnnd  Nachkombente  Besitzer  meines  Guetts 
vnnd  Herrschafft  Alda  zu  Galspach,  Das  fuer  mich  Erschinen 
vnnd  Khumen  sein  Meine  vnnderthonnen  Als  Richter  ain  Ganntze 
Bürg-erschafft  vnnd  Gemain  So  In  meinem  Befreiten  Marckht 
alda  zu  Galspach  Sefß  vnnd  wonhafft  sein  ....  Mich  Hierauf 
vnnderthenig-  Vnnd  gehorsamblichen  Mündt:  vnnd  schriftlichen 
Angerueffen  Vnnd  g-ebetten  .  .  .  (l*")  Innen  Bürgerliche  Ordnung 
vnnd  Manzucht  genedig  Mitzethaillen  vnnd  Aufrichten  zulassen. 

Wann  Ich  dann  Mergedachter  meiner  Burger  vnnd  Vnnder- 
thonnen   Gehorsambe    Bit    angesechen Also    Hab    Ich 

Alß  Rechter  Erb  vnnd  Grundtherr  der  Herr  schafft  Galspach 
vnnd  des  Marckhts  daselbst  ....  Dise  Nachvolgunde  gnadt 
Freihait  vnnd  Ordnung  gegeben,  Thue  das  Hiemit  wissentlich 
wolbedächtlichen  Vnnd  In  crafft  dises  Gnadenbriefs,  Auch  zu 
der  zeit  da  Ichs  zu  Thuen  Rechten  fueg  vnnd  Macht  gehabt 
wie  solches  Hernach  von  Articl  zu  Articl  volgt'  u.  s.  w. 

3".  ,Viertten  sollen  Sy  Bey  Gemainem  Marckht  Ain  Orden- 
liche Ladt,Haben Darinen  Sy  dises  Gnaden  vnnd  Marckht- 

puech  .....  Haben  Vnnd  Albegen  an  Sant  Thomas  tag  Von 
Articl  zu  Articl  Ainer  Ganntzen  Bürgerschafft  Füerlesen  Lassen 
sollen'  etc. 

8^.  ,Beschechen  den  Ersten  Monatstag  May  nach  Christi 
vnnsers  Erlösers  vnd  Sälligmachers  ffebuerth  Im  Öechtzechen- 
hundert  vnnd  Sibennten  Jarr.' 

Mit  Unterschrift  und  Siegel  anhangend. 

7.  St.  Georgen  im  Attergau. 

A.  Perg.  23  Bll.  4°.  1631,  in  der  Marktlade  zu  St.  Georgen. 

Bl.  1  leer. 

Bl.  2''—  7"  bestätigt  K.  Ferdinand  IL  die  Vorlage  zweier 
Briefe  über  die  Freiheiten  der  Bürger,  die  ihn  baten,  dass  er 
ihnen  nicht  nur  diese,  , sondern  auch  Ingleichen  Ir  von  alters 
bero  in  ersessenem  Gebrauch  habende  Panthädigungs-Freyhaiten 
alß  Jetzt  Regierender  Herr  vnd  Lanndtsfüerst  zu  Confirmieren 
VII Hfl  zubestetten  allergenodigist  geruehen*  wollte,   , Massen   dann 


Weisthümer-Forschungen  in  Ober-Oesterreich.  257 

dieselben  vermüg-  Vns  producierten  Pergameenen  Libells  Eben- 
fals  alles  Ires  Inhalts  hernach  geschriben  stehen  Wie  volgt. 

Hernach  volgen  die  Frag  vnd  Urttl  so  Sy  in  Irem  Rechten 
zu  handien  haben  Vnnd  Erstlich  Frag  (8')  Wie  weith  Ir  Purckh- 
fridt  wehret/ 

Auf  Bl.  22"  schliesst  das  Taiding.  Der  Rest  von  22''  und 
23  enthalten  den  Schluss  der  k.  Bestätigung  mit  dem  Datum: 
Wien,  4.  Oct.  1631. 

Siegel  gebrochen. 

B.  Erneuerung  von  A.  durch  Kaiser  Ferdinand  III.,  d.  d. 
Schloß  Eberstorff,  23.  Oct.  1637.  Perg.  29  Bll.  4".,  in  Sammt- 
einband  mit  Siegel,  gleichfalls  in  der  Marktlade. 

8.  Grein. 

Auf  Bl.  80^—97"  des  zwischen  1485—1491  (s.  ob.  S.  242)  an- 
gelegten sog.  Urbarium  von  Grein  Perg.  fol.  im  Stadtarchiv  daselbst. 

Bl.  80".  ;,Hie  sindaufgeschriben  vnd  vermerkt  die  Aintzigenn 
Rechten  die  dy  Burger  zu  Grein  haben  Vnnd  der  Margkt  von 
alter  beer  ist  komen.^ 

85^     ,Die  haubt  wanndl  Oder  grossn  wanndP. 

87*.  ,Wie  die  von  Grein  Ain  den  Anndern  zum  Rechtn 
verpewt  oder  ain  gast  den  Anndern.' 

SS''.     ,Wer  die  Freyung  zupricht  in  de  Jar  Margkt.' 

89"  zum  grössten  Theil,  und  89''— 91''  ganz  leer. 

92".  , Hernach  vermerkt  von  den  Pantaydirigen  zu  Grein 
wie  es  von  alter  damit  herkömen  sey  wordnn.' 

94"  zum  grössten  Theil,  und  94''— 95''  ganz  leer. 

96".  , Hernach  ist  vermerkt  wie  man  Einen  Richter  ze 
Grein  Setzen  sol  Vnd  wie  man  das  Gericht  Jerlichn  widerumb 
Aufsagen   sol.' 

98  und  folg.  Bll.  leer. 

9.  Grieskirchen. 

I.  Das  Ehafttaiding  auf  Bl.  1" — 13"  einer  Papierhs.  1 7  Jahrh. 
46  Bll.  fol.  im  Stadtarchiv  zu  Grieskirchcn. 

Bl.  1".  jGemainefs  Marckht  Grieskirchcn  EehafFtthäding 
Buech  darinen  Mann  gcmainefs  Marckhts  Rechten  Fündt.' 

2".  ,Ich  frag  Euch  ob  es  an  Weil  vnnd  Zeit  Sey,  Das 
ich  Sütz  Vnnd  Rieht  EehafFtthäding'  etc. 

l2^  ,46.  Zum  Beschlufs  Spricht  Richter:  Welcher  wafs 
zukhlagen   hatt   Es    Sey    Rechtlich  oder  Güetlich   die    weil  Ich 

Sitzb.  d.  plül.-hist.  Cl.  LXIX.  13d.  lU.  Hft.  17 


258  Lambel. 

den  Gerichts  Stab  In  der  hanndt  hab  der  Mag  es  thain  (13'') 
Zum  Ersten  mal.  Zum  Andern  mal.  Zum  dritten  mal. 

Darnach  Sagen  Richter  vnnd  Rath  Ire  Ambter  auff  vnnd 
Stelt  es  der  Purgerschafft  vnnd  Gmain  wider  haimb  bifs  auff 
dass  Ehaffthäding  vber  vierczechen  Tag  dornach  Aisdan  wierdt 
widerumben  vonn  Ainer  Gannczer  Burgerschafft  Richter  vnnd 
Rath  geseczt  aufs  freier  wähl  wie  von  alter  herkhumen  ist^ 

II.     Die  bürgerliche  Ordnung  Sigmunds  von  Polheim. 

A.  Perg.  21  Bll.  4^  1.5G4  in  der  Gemeindelade  zu  Gries- 
kirchen. 

Bl.  1*.  ,Sigmundt  Herr  zw  Polhaim  auff  Parcz  Bekhenn 
fuer  mich  all  mein  erben  vnnd  Nachkhomen  Öffentlich  vor  Aller 
Meniü'khlich  Das  füer  mich  khumen  sein  Richter  Rath  vnnd 
Gemaine  Burgerschafft  Meines  Pannmarckhts  Grieskirchen  Die- 
miettigclich  Bittundt  das  Ich  ....  Ain  Bürgerliche  Ordtnung 
vnd  Pollicey  Innen  Aufrichten  ....  wollte  ....  hab  ich  .  .  . 
auf  Ir  Alltes  Ehehafft  Tättigen  Puech  so  sy  mir  pracht  Die 
Articul  Inhalt  der  Römisch  Khaiserlichen  Maiestath  etc.  Policey 
vnnd  gehabt  Altem  herkhomen  vnnd  geprauch  ....  Innen  vnd 
Iren  nachkumen  Nachuolgundte  Bürgerliche  Ordnung  Bestätth'  etc. 

,Item  Nachdem  Gemainer  Marckht  Von  Alter  hero  Jer- 
lich  zw  Bestimbter  Zeit  Ehehafft  Tätting  gehalten  solle  Inne 
dasselbig  durch  mich  vnd  meine  erben  Noch  (1'')  Vnuerwerth 
sein,  doch  das  sy  wider  mich  oder  dieselbigen  meine  erben 
nichts  handien  besiezen  vnnd  halten  Auch  diso  bestatte  vnnd 
verneurte  marckhtß  Ordnung  Jerlichen  damit  sich  Menigkhlich 
darnach  zuuerhaltten  Aufs  wenigist  Im  jar  Ainmall  füerhalten 
vnnd  Lesen  Lassend 

21''.  jBeschechen  zu  Parcz  den  Leczten  Octobris  Funff- 
czechenhundert  Im  vierundsechczigisteu  Jare^ 

Mit  Unterschrift  und  4  anhangenden  Siegeln. 

B.  Nach  A  collationirte  Abschrift.  Pap.  50  Bll.  fol. 
1698,  im  Marktarchiv  zu  Grieskirchen. 

C.  Abschrift  auf  Bl.  17* — 45"  der  unter  I  angeführten 
Handschrift. 

10.    Helmausöd. 

A.     Pap.  16/17.  Jahrh.    18  Bll.  fol. 
bergischen  Archiv  zu  Eferding,  Fach.  41, 


im  Fürstl. 

Starhem- 

I.,  N.  21. 

Weisthümer-Forschungen  in  Ober-Oesterreich.  259 

Bl.  P.  jZuuermerckhen  Was  Ich  Reichart  hcrr  von 
Starheniberg  auf  Wiltpcrg-  Kiedog-g  vnd  loberistain  auf  Erich- 
tag den  ainHffteu  Januari  Anno  vieruudtncuczig  (so)  In  denn 
Gehaltnen  Tätting  zu  Helbmanseedt  allen  vnd  Jeden  meinen 
Burgern  vnd  vnderthonnen  füerczubringen  darneben  aucli  In- 
struction vnd  Ordnung  waß  Ich  disen  Jeczigen  Richter  zu 
Helbmanseedt  und  allen  khunftigen  Richtern  zuuerrichten  auf- 
erlegen vndt  befelchen  thue  wie  solches  vnderschiedlichen  her- 
nach zuuernemben: 

Vorige  Vermahnung  vnnd  Instruction  (am  Rande  links). 
Erstlichen  wissen  sich  alle  Purger  vnd  vnderthonnen  zweiffelß 
frei  zu  berichten  was  Inuenn  durch  weillundt  den  woUgebornnen 
herrn  Hainrichen  herrn  von  Starhemberg  ....  Meinen  lieben 
herrn  vnd  Vattern  Selliger  Gedechtnuß  Inn  dem  Aintausent 
fünff  hundert  fünff  vndt  Sechczigister  (so)  Gehaltnen  Ehehoff  (so) 
Tätting  vermelt  vnd  fürgehalten,  hernach  auch  ain  (1.  am)  tag 
Georgi  Anno  drei  und  Sibenczigisten  durch  sonnderbare  Instruc- 
tionen meinen  Richter  zu  Helbmansedt  zuuerrichten  auferlegt  vnd 
beuekhen  (so)  worden  wellihe  Meines  lieben  herrn  Vattern  Ge- 
thonne  vermelt  vnnd  Ordnung  hiemit  nit  aufgebebt  sunder 
vilmer  mit  hernach  vollgunten  Articln  confirmiert  vnd  von  neuem 
bestätt  sein  solle'  etc. 

14".  ,Zu  Vrkhundt  Guetter  Nachrichtung  So  gib  ich 
Jeczigen  vnd  Khunftigen  meinem  Richter  zu  Helbmansedt  diso 
Instruction  die  ich  mit  aigner  Hanndt  vnnterschriben  vnnd 
meinem  fürgestellten  Petschafft  verferttigt.  Beschechen  den 
Aiulifften  January  Anno  Ain  Tauseudt  fünffhundert  vierundt- 
neunczigisten  Jahrs.' 

14''  und  15"  steht  eine  Weisung  über  ,büi'gerlichen  Gewerb 
vnd  Handtierung'. 

\b^.  jHernach  vollgt  mein  herrn  Reicharten  herrn  von 
Starhemberg  auf  Wiltperg  Riedegg  vnd  lobenstain  Mondat  die 
Wochen  märckht  vnd  fuerkhauff  breffennt'  [so). 

\&.  ,Geben  zu  Wiltperg  denn  Ainlifftcn  Januarj  Anno  1594.' 
Hierauf  folgen  Zusätze  von  jüngerer  Hand  auf  IG'',   17%  18". 

B.  Pap.  1624.  22  beschr.  Bll.  4^  im  Fürstl.  Starhembergi- 
schen  Archiv  zu  Eferding.     Fach  43,  N.  2. 

Bl.   1".     ,Des  marckht  Hellmansedt  Eehafft  Täding'. 

17* 


260  Lambel. 

2^  •  ,Zue  Vermerckhen  des  wollgeborneu  herrn  herrn 
Pärdlme  Von  Starhemberg  vnsers  gnedigen  herrn  freihaithen 
vnd  markhts  gerechtikhaitn  des  markht  zue  helmansedt  so  im 
Ehafftdäting  welch  Alweg  aines  Jeden  Jars  des  mandag  vnd 
mitwohen  nah  Sant  Erharts  dag  gehalden  vnd  zue  reht  Er- 
khandt  werden,  die  Anheind  Sambstags  nah  dem  neuen  Jars 
dag  des  Xxxiiij  Jar  auß  denn  Alden  freihalten  der  (so)  dattum 
der  wenigem  Jar  Zall  Cristj  im  Lxxxj  Jar  von  neuem  Abge- 
schriben  worden/ 

17^.     ,Die  herrn  fodruug  betre/. 

18^  ,Das  gejait  vnnd  wiltbom  des  Roth  vnd  Schwarczn 
gewilt  auh  waß  in  geringen  neczen  so  man  Reißgejait  nennt 
zefahen  vnd  diser  herschaflft  Wiltberg  zuegehorig  ist  vnd  Reht- 
lich  nah  gewonhaith  hern  frejhaiden  gejagt  werden  Soll  vnd 
mag,  auch  wie  weith  vnd  lang  Solhes  werde  anfahent  vnd 
Endete,  wierth  hernah  vnderschiedlich  begriffen  vnd  angezaigt^ 

20".  ,Hernach  volgt  das  gemerkht  des  laudgrichts  zue 
der  herschafft  Wiltberg.' 

Unten:  ,hernach  Voigt  wie  Stokh  vnd  galgen  geseczt  wer- 
den solle.' 

11.  Klani,  s.  oben  8.  243,  244. 

12.  Kurzen  Zwettl. 

Pap.  17.  Jahrh.  18  beschr.  BU.  4",  im  Fürstl.  Starhem- 
bergischen  Archiv  zu  Eferding,  Fach  43,  N.  6. 

Bl.  r.  ,Des  Marckhts  in  der  kürtzen  Zwedtl  Ehafft 
Tading.' 

2%  , Vermerckht  Die  Rechten  Des  Marckhts  In,  der  kürtzen 
Zwedl  vnnd  Der  Hausgenossen  deß  Ambts  vndt  Herschafft 
Lobenstain  Inn  Ehafft  Tading  Alhie  erkhandt  vnnd  gesetz  sindt 
wordten.' 

14*.  ,Aller  Wilt  Pann  Rotten  vnnd  Schwartzen  gewilteß 
sambt   andern  khlainen  Wiltgefengen  vnnd  Reittsgeiadten  etc.' 

l7^  ,Hernach  Voigt  Das  Gemerkht  des  Landt  Gerichts 
zu  der  Herrschafft  Lobmstain.' 

Weiter  unten:  , hernach  Voigt  wie  Stokh  vnnd  galgen 
gesetz  werden  soll.' 

13.  Lassherg. 

Im  Marktprotocoll  von  1732,  Pap.  lol.  S.  592—021,  in 
der  Marktladc  zu  l^assberg. 


Weisthümer-Forschungon  in  Ober-Oesterreich.  261 

S.  592:  jVermerckht  die  Rechten  viid  l'^lu^haHt  Täding-, 
so  man  Jälirlichen  als  von  alter  herckliomen  holt  zu  Der  obrig-- 
ckhait  zum  Weinberg  alhie  zum  Marckht  Lasperg  Darein  Das 
ambt  Dornach  kömbt  Wie  volgt'  etc. 

S.  615:  jVermörckht  tätliche  gar  hochnotwendtige  vnd 
vnuermeydliche  Puncten,  welche  In  allen  der  herrschafft  Ehehafft 
Tädingen  zum  Beschlus  den  vndterthannen  fürzuhalten  vnd  die 
Richter,  ambtleuth,  ansager  vnd  Lanndtrichter  Irfleissiges  Obacht 
darauf  zu  haben  auch  khains  zuuerschonen  oder  was  zu  uer- 
schweigen  ganz  Ernstlich  angemahnt  werden  sollen.' 

S.  621 :  jDal:^  sein  alle  vnsere  Recht  vnd  von  alter  also 
herckhommen.' 

14.    Maiithauseii. 

A.  Perg.  1552.  6  Bll.  fol.,  im  Marktarcliiv  zu  Mauthausen. 
Bl.   1\     ,Mathausen  Markht  Ordnung.' 

Bl.  3''.  .Nachdem  auch  die  obbemelt  vnnser  Burgerschaft 
zu  Mäthausen  ains  yeden  Jars  das  Pantäding  dreimal  besitzen, 
Nämblichen  das  Erst  am  Montag  nach  vnnser  frauen  tag  der 
Liechtmessen.  Das  aunder  am  Montag  nach  sannt  Johanns 
Gottes  Tauffers  tag.  Das  dritt  des  Montags  nach  sannt  Michels 
tag.  Zu  wölhem  Rechtn  Sy  die  burgerschafft  Ir  Burkhrecht 
zuerlegen  schuldig  seinn.  Lassen  wir  es  demnach  bei  sölhem 
Irem  herkhumben  nochmaln  gnedigisst  bleiben,  Doch  das  Sy 
in  sölhem  Irem  Pantäding  nichts  annders  riegen  noch  handln 
als  was  hieoben  begriffen  vnnd  diso  vnser  Ordnung  wie  her- 
nach uolgt  mit  sich  bringt. 

Nämblichen  wer  Äckher  hat'  etc. 

B.  Perg.   1.552,   10  beschr.  Bl.  fol.,  wie  oben. 
Bl.   1".     ,Der  von  mauthausen  Markhtordnung.' 

Auf  k.  Befehl  für  Mauthausen  und  Wolf  Egkhennfelder, 
Pfandinhaber  der  Aemter  Ungelt  und  Landgerichts  zu  Maut- 
hausen, gefertigte  collationirte  Abschrift,  d.  d.  ,Lynntz  den  22. 
tag  des  Monats  Julj  Im   1552.  Jare',  mit  anh.  Siegeln. 

C.  Bl.  50"— 73*'  einer  Pap.  Hs.  17.  Jahrh.  fol.  w.  o. 

Bl.  50"— 69"  enthcält  die  ,Mauthausensche  Markht  Ordnung 
vnd  Freyhaiten'  wie  A  und  B. 

Bl.  70"  — 73''  folgen  13  weitere  Punkte:  (70")  ,Hie  Ist  Ver- 
merckht  was  wier  Freyen  von  Alter  gedenckhen  des  Gerichts 
zu  'Mautthausen  Rechten  vnnd  Zuegehörung  vnnd  vnnser  Richter, 


262 


L  am  bei. 


die  wür  Freyen  haben    in    demselben    gericht  vnnd    von  Alter 
herkhumen  sein.^ 

15.  Mülilbach. 

A.  Pap.  17.  Jahrb.  4  Bll.  4".  im  Fürstl.  Starhembergi- 
schen  Archiv  zu  Eferding,  Fach  45,  N.  4. 

Bl.  1".  ,Panu  Biechl  Im  Hochgräffl.  Starhemberg.  Obrist 
Hoffmarschallischen  Ambt  Mühlpach  In  Vnder  Ossterreich  Iner- 
halb  SPitz. 

Hie  sint  Vermörckht    Vnßere   Recht  auf    dem  Gueth  im 

Mühlpach/ 

Bl.  4"  stehen  von  derselben  Hand,  die  das  ,Pann  Biechl' 
schrieb,  also  offenbar  aus  dem  Original  herübergenommen,  zwei 
Notizen  über  Abhaltung  von  Ehafttaidingen  am  5.  October  1599 
und  20.  October  1622. 

B.  Pap.   18.  Jahrb.,   10  beschr.  Bll.  fol.  w.  o. 
Bl.  V  ,Ehafftes   Tädings  Büechel.' 

Bl.  2*.  ,Ehaffte-Tädings  Puncten  Welche  denen  Hochgräfl. 
Starhembergisch-  Vnd  nach  der  Herrschafft  Wildberg  gehörigen 
Vnterthannen  in  Mühlgraben  bey  SPiz  in  dem  Ehehafft  täding, 
wie  vnnd  was  sich  ein  Jeder  zuuerhalten  hat,  alljährl.  abzu- 
legen vnnd  vorzuhalten  seynd.     Wie  Voigt'  etc. 

Von  A  verschieden. 

16.  Meiifelden. 

Pap.  1705,  10  Bll.  fol.  imStatthalterei-ArchivzuLinzXXXI. 
Collationirte  Abschrift  (d.  d.  22.  September  1705)  nach  einem 
Vidimus  d.  d.  7.  Jänner  1689. 

Bl.  1* — 2*  bestätigt  und  renovirt  K.  Ferdinand  II.  dem 
Richter,  Rath  und  der  Gemeinde  von  N.  auf  ihre  Mittheilung 
,wie  das  noch  vor  etlich  Jahren  durch  Feuersbrunst  vmb  ihre 
vralte  in  yeblichen  brauch  gehabte  Privilegien  vnd  Freiheiten 
khomben'  und  ihrer  Bitte  entsprechend  diese  Freiheiten. 

,Hernach  folgen  die  Freiheits  Puncten.' 

Bl.  3^  ,Zum  Vierten  seind  auch  alle  Burger  vnd  Inleith 
wie  auch  sonst  maniglich  so  dem  g'hrts  Stab  in  Neufelden  vnder- 
worffen  ainen  Richter  oder  in  abwesenheit  dessen  dem  an-  oder 
nachge  (.3'')  sezten  Richter  in  allen  Recht  vnd  billichen  Sachen 
gehorsamb  zu  laisten  vnd  gewärttig  zu  sein  schuldig  vnd  ver- 
bunden, dahcro  auch  Jährlich  zu  Ehehaffts  zeiten  die  Märckht- 
liche  befreyungen  vor  ainer   ganzen   Burgerschafft  vnd  gemain 


Weistbttmer-Forschungen  iu  Ober-Oesterreich.  203 

otFeutlicli  verlesen  vnd  piiblicicrt,  wehr  daii  hiervber  vnge- 
horsamb  erfunden  wurde  oder  gahr  auübleilju,  derselbe  seinem 
verbrechen  nach  destwegen  gestrafft  oder  gebüest  werden  sollet 
Bl.  9"  und  9'^  steht  die  Datirung  des  Briefes  ,Wien,  II.  De- 
cember  1631^ 

17.  Neukircheii  am  W.alde. 

Abschrift  J.  Strnadts  nach  ,B1.  1—3  des  mit  Eisenklamniern 
zum  Sperren  versehenen  I.  Bandes  des  Marktbuches  von  N. 
am  W.,  welcher  die  Urkunden  vom  Jahre   1485  an  enthält.^ 

,Vermerkht   die  Statut    vnd   gebrauch  von  Alter   her  (Ips ' 
löblichen  Markts  Nownkirchen  In  disem  Buech  verschriben  Zu 
der  herschafft  wesenn  zue  gehörig,  ^ 

Erstlich  werdt  der  purg  fridt'  etc. 

18.  Neumarkt  (im  Hausruckviertel). 

Pap.  15/16.  Jahrb.,  7  beschr.  Bll.  4",  in  der  Gemeindc- 
lade  zu  N.  (vgl.  oben  S.  248  ). 

Der  Anfang  fehlt.  Bl.  l'':  ,der  Ayner  oder  mer  nit  hielten^  etc. 

7".  , Richter  vnnd  ratt  setzt  man  Indem  erhafftu  (so) 
tading  zw  sannd  Jörgen  Tag:  wan  ain  richter  nicht  lennger  pe- 
leyben  will  oder  seyn  nit  haben  will,  So  hatt  dy  gemain  ain 
auß  dem  ratt  zw  nemen  vnnd  der  ratt  ayn  auß  der  gemayn 
vnnd  dy  selben  zwen  mit  sambt  dem  alten  richter  gein  hoff 
schickhen  vnnd  welichen  dy  herschafft  vnnder  den  dreyen  nymbt.^ 

19.  Neumarkt  (im  Mühlkreise). 

Auf  Bl.  33"— 44*.  einer  Pap.  Hs.  4".,  in  der  Gemeiudelade 
zu  N.,  von  einer  Hand  des  17.  Jahrh. 

Bl.  33".  ,Vermei'ckht  Die  gerechtigkheitt  die  Von  Alter 
Herkhumben  ist  Inn  Vnsern  Marckht  zum  Neumarckht  zuege- 
hörig  zu  der  Herrschafft  Freystatt  genanndt. 

Erstlichen  haben  wüer  die  Gerechtigklieitt  dz  ain  Jeder 
Richter,  der  tlaß  Gericht  Innhat,  soll  alle  Jahr  Jährlich  daß 
Eehafftädiug  Beseczen  Anschaden  sein'  etc. 

Bl.  43".  ,Vermerckht  Wie  Wcidt  vnnser  Burgfrüdt  geett 
vnnd  von  alter  zum  Neumarckht  gebraucht  ist.' 

44".  ,Daß  sein  All  vuser  Rechten  die  Von  Alter  her- 
khumben vnd  Gebraucht  sein,  Bitten  hierauf  Vnnser  füergesetzte 

'  Strnadt  setzt  das  , Statut'  c.  1519:  Am  2(i.  Dec.  1.518  erhob  K.  Maximilian 
die  frühere  Hofmarch  Neukirchen  am  W.  zu  einem  Markt;  vgl.  -27.  Kecheu- 
schafts-Bericht  des  Museums  Franc.  Carol.  S.  419.  42U. 


264  Lambel. 

Obrigkheitt  Vnderthenigkhliclien  Vnnß   bei    solcher   Alter   Ge- 
rechtig-kheitt  Handt  zuhalten/ 

20.  Perg. 

A.  Pap.  16.  Jahrh.,  19  beschr.  Bll.  4".  im  Marktarehiv 
zu  Perg. 

Bl.  1".  ,Das  ist  daß  Marckht  puech  darin  seinew  Rechten 
des  Marckhts  zu  Perg  begriflfen  synnd/ 

2*.  ,Vermerckht  das  (so)  Marchhts  rechten  zu  Perg  vnd 
auch  der  Burger  daselbs. 

Von  Erst  So  mellden  wier  das  wier  vnser  pandoding  drey 
mall  in  dem  jar  haben^  etc. 

15*.  ,Hie  sind  vermerckht  die  wanndel  nach  aineß  yetz- 
lichs  Verhandlung  aufF  Genad.' 

B.  Perg.  1660,  14  Bll.  4*'.,  voraus  2  Bll.  Pap.,  auf  dem 
2.  der  Titel  wie  in  A.  Bei  der  geh.  Hofcanzlei  in  Wien  col- 
lationirte  Abschrift  (d.  d.  Wien,  7.  Nov.  1660)  enthält  ausser 
dem  Inhalt  von  A  noch  die  Formeln  des  Beisitzer-  und  Rath- 
geber-Eides  (mit  d.  Jahrzahl  1512)  und  dessen  Erklärung,  des 
gemeinen  Bürgereides  und  des  kurzen  Eides.  Mit  kais.  ,Secret- 
InsigP.     Im  Marktarchiv  zu  Perg. 

21.  Reger. 

Auf  Bl.  5^—10"  des  ,VRBARIVM  Vber  Beede  Kay. 
Vicedomb.  Reeger  Vnd  Weissenburger  Ambter^,  Pap.  17.  Jahrh., 
im  Statthalterei-Archiv  zu  Linz,  XLIX. 

5\     ,Ehehafft-Thättung. 

Würd  Jährlich  am  Mitwoch  nach  St.  Egidij  zu  Oberreger 
am  Hoff  nach  einer  vorher  den  Vhralten  herkhomben  gemefß 
gehaltenen  Meß  wouon  dem  Pfarrer  1  fl.  4  ß,  dem  Mefßner 
4  ß  vnd  den  Minißtranten  2  ß  außgeworffen  ist  negst  denen 
sonst  darbey  yeblichen  gebreuchen  öffentlich  abgelesen,  aller- 
massen  hernachuolgent  zuuernemben,  auch  die  Schranen  dienst, 
daß  dancz  vnd  Zapffenrecht,  Item  der  Bstandt  von  Fahln  vnd 
Pögenrechten  daselbst  an  der  stöll  Bezalt  vnd  ein  Cafsirt' 

5''.  ,Vermörckht  die  Freyheiten  vnd  Frag  auch  Vrthail 
der  Reegerischen  aigen,  so  Jahrlich  am  Mittwochen  nach  Egidi 
in  rechten  gehalten  vnd  den  Vnderthanen  in  offner  Schranen 
durch  den  Reegerischen  Ambtmann  Bey  dem  Gottshauß  St.  Veith 
zu  Ober  Reeger  verlesen  werden  wie  volgt'  etc. 


WeiBthümer-ForBchungen  in  Ober-Oesterreich.  265 

10*.  ,Deß  zu  Vrkhundt  ist  diso  abschrifft  in  dem  (10*) 
Vhralteii  Original  collationirt  vnd  gleiches  Inhalts  erfundten 
auch  mit  dem  gewohnlichen  Vicedomb  Ambts  Secret  verfcrt- 
tiget  vnd  von  handton  vnderschriben  wordtcn.  Actum  Kay. 
Vicedomb  Ambt  Lincz  den  acht  vnd  zwainzigisten  Januarj  im 
Sechzechen  Hundert  vier  vnd  dreissigisten  Jahr.' 

(L.S.)      Constantin    Grundman  von  Falckhenberg, 
Rom.  Kay.  May.  Hoff  Camerrath  Landrath  vnd  Vicedomb 
in  Ossterreich  ob  der  Ennß.' 
22.    Reichenali. 

A.  Pap.  1628,  14  Bll.  4".,  im  Fürstl.  vStarherabergischen 
Archiv  zu  Eferding,  Fach  38,  Fase.  1,  Nr.  9.  (Vgl.  S.  247.) 

Bl.  1%  ,Die  Freihaith  DerFessten  Reichenaw.'  Rechts  in  der 
Mitte:  ,Eberhardt  Marschalc(h)  Hanndtschrüfft  Anno  1495.' 

V.  Bestätigung  des  Gleichlauts  mit  dem  Original  ,Actum 
Linz,  den  15.  Decemb.  1628'. 

2^  ,Ihesus  Maria.  Ich  Eberhardt  Marschalch  zu  Reichenaw 
Als  der  Elter  meiner  Gebrüder  Georgen'  etc. 

B.  Pap.  1661,  1  Bl.  fol.  w.  o.,  N.  75  (vgl.  Sitzungsber. 
LX,  S.  560). 

,Extract  auß  Ihro  Hochgräffl.  Excell.  Herrn  Herrn  Heinrich 
Wilhelmb  deß  Heil.  Rom.  Reichs  Grafen  vnnd  Herrn  von 
Starhemberg  etc.  dero  aigenthumblichen  Marckhts  Reichenau 
sambentlich  sefßhafften  Burgerschafft  sub  Dato  Herrschafft 
Reichenau  den  leczten  Decembris  Anno  1644  de  nouo  crthailten 
auch  aigenhändig  vnderschribenen  vnnd  mit  dem  gröfßeren  In- 
sigel  verförttigten  Täding  Büechl. 

Dann  so  mögen  die  Burger  nach  altem  herkhommen  ein 
ieder  in  dem  Markht  Wein  vnnd  Bier  Schcnckhen,  Bierprewen 
vnnd  alle  händl  auf  allerley  Khauffmanschafft  treiben,  wie  immer 
in  ainer  Statt  oder  in  ainem  andern  Pan  Marckht  etc. 

Collationirt  gegen  dem  Original  vnnd  belindet  sich  gleichs 
Inhalts  Actum  Reichenau  den  4'®°  Nouemb.  Anno  1661. 

Zacha.  Carl  Rapp  m.  p.,  Pfl.' 

C.  Pap.  18.  Jahrb.,   16  Bll.  fol.  w.  o.,  Fach  41,  I,  N.  21. 
Bl,   1\    jEhehafft  Tädings  Puncten.     AVelche  der  hochgraf. 

Starhembergischen     herrschafft    Reichenau     etc.    (von    späterer 
Hand  corrigirt  in  ,Wiltberg')  angehörigcn  vnderthannen  in  dem 


266  Lambel. 

p]liehafft  Täding,  wie  vnd  was  sich   ein  ieder  zuuerhalten ,  ab- 
zulesen vnd  für  zuhalten  seind  wie  folgt/ 

Das  Taiding  endet  Bl.  15^  Bl.  16*^  enthält  6  Namen  der 
jSchran  vnd  beysizer/ 

23.  Schörfling. 

Pap.  1781;  11  Bll.  fol.  in  der  Marktlade  zu  Seh. 

Bl.  V.  ,Hienacli  ist  vermerckht  die  Abgeschrüfft  oder 
Copie  der  Freyheit  des  Marckht  zu  SchörfFling'  etc. 

Weiter  unten:  , Vermerckht  die  EhafFtn  täding  des  M'ckhts 
zu  Schörffling,  wann  dieselben  gehalten  solln  werden.' 

Bl.  10''.  ,Das  Markhts  Buech  ist  geschrieben  worden  mit 
seinen  (IT*)  articuln,  wie  öie  dan  hie  Inen  begriffen  sein,  auf 
Piingstag  vor  St.  Niclastag,  als  man  zeit  von  Cristi  Vnßers 
Lieben  herrn  gebürt  vierzechen  hundert  vnd  darnach  in  dem 
Neun  vnd  Neünzigisten  Jahre.' 

Dieses  Exemplar  ist  Abschrift  nach  einem  ,bey  der  kayl. 
königl.  Böhmisch-  und  Oesterreichischen  Hof-  Kanzley  Registra- 
tur aufbewahrten  authentico',  das  nach  einer  dieser  unmittelbar 
(Bl.  IV)  vorhergehenden  Collationsnotiz,  d.  d.  Linz,  7.  May  1713, 
gegen  dem  in  alter  Schrifft  vorgebrachten  pargamen  gebundtenen 
Buech'  collationirt  war  (vgl.  oben  S.  251). 

B.    Pap.  19.  Jahrh.  w.  o.,  gleichlautend  mit  A. 

24.  Spitz. 

Pap.  17.  Jahrh.  10  Bll.  4".  im  Fürstl.  Starhembergischen 
Archiv  zu  Eferding,  Fach  44,  N.  1. 

Bl.  1.  Georg  Pfalzgraf  bei  Rhein,  Herzog  von  Ober- 
und  Nieder-Baiern  bekennt,  dass  die  Bürger  von  Spitz  ihn  um 
Bestätigung  ihrer  Freiheiten  gebeten  ,vnndt  nach  genuegsamber 
Erkhundung  so  Wier  aus  unsern  alten  Salpiechern  Registern 
auch  Ambtleithen ,  alten  Herkhömen  vnnd  lebendigen  (2")  Kundt- 
schafften  genohmben  Haben,  so  sindt  dos  die  gemerckh  Ober- 
khait  vnnd  Grenitz  des  bemelten  vnsern  Landtgerichts'  etc. 

2^.  ,So  folgen  Hernach  die  Recht  die  dy  bemelten  vnser 
Burger  zu  SPitz  von  alter  Her  als  Vorsteht  bey  Vergangner 
Herschafft  von  Payrn  etc.  auch  den  von  Khünring  vnnd  Meyfßau 
gehabt  vnndt  herbracht  haben.' 

4''.,  8.    Es  soll  auch  Jedermann  wer  in  der  Herrschafft  zu 
SPitz    sitzt   wes   Holdt   er   dan   ist  dreystund  in  dem  Jahr  zu 


Weisthümer-Forscliuugen  in  Ober-Oesterreich.  2d7 

Ehehafften  Tcythung  Komen  vnnd  soll  i^ieldcn  wos  er  weiß 
dz  dz  gericht  angehet'  etc. 

9^—  10'".  Bestätigung  der  vorstehenden  alten  ,Rccht  unnd 
Herkhomen'  mit  dem  Datum :  Wien  am  Frey  tag  nach  St.  Vrbans 
Tag  1480. 

25.   Trauiikirchen. ' 

A.  Pap.  17.  Jahrh.  10  Bll.  fol.  im  Besitze  des  Herrn 
Anton  Bettelheim  in  Wien. 

Titel  aussen :  ,Weiß  Articul  Ad  perpetuam  Rei  Memoriam 
Johann  Ziglmiller  der  Societet  JESV  Priestor  vnd  Superioris 
zu  Traunkirchen  Contra  Weilland  herrn  herrn  Georg  Sigmundt 
Grafen  vnd  herrnß  von  Salburg  seel.  gelafRenc  herrn  Erben  etc. 
In  causa  StüfFts  Traunkirchen  Gmainschafft  Wiltpaan  Reiß- 
geiaidt  vischen  vnd  gerechtigkeit  am  Traun  See  mit  GrafschafFt 
Orth  vnd  waß  deme  mehreres  anhängig  betr.' 

Bl.  V.  ,Weiß  Articul  Ad  perpetuam  Rei  Memoriam. 
Erstlich  wahr  das  Traunkirchen  mit  GrafschafFt  Orth  an  ienigen 
orthen  so  iahrlich  im  Traunkirch.  Ehehafft  Thätting  abgeleßen 
in  allen  fündten  Gründten  vnd  heußern  Ob  vnd  vndter  der 
Erdt  durchgehendt  völlige  Gmainschafft  habe  wie  zween  finger 
von  ainander  gehen.' 

B.  Pap.   17.  Jahrh.  4  Bll.  fol.  w.  o. 

Titel  aussen :  ^Weiß  Articul  ad  perpetuam  Rei  Memoriam 
des  StüfFts  Traunkirchen  GemainschafFt  Wiltpaan  Reißgciaidt 
vischen  vnd  gerechtigkeit  am  Traun-See  vnd  waß  deme  an- 
hänig  (so)  mit  GrafschafFt  Orth  betr.' 

r.  jWeiß  Articul  Ad  perpetuam  Rei  Memoriam.  Erstlich 
wahr  daß  Traunkirchen  mit  GrafschafFt  Orth  etc.  au  Jenigen 
Orthen  so  in  Ehehafft  Thättung  Jährlich  abgelesen  wordten  vnd  von 
vnderschiedlich  alten  Leuthen  vor  villen  Jahren  also  gehörth  auch 
noch  vor  wenig  Jahren  ohnuerhindert  exerciert  wordten  vralters 
hero  in  allen  Sachen  durchgehent  die  Gmainschafft  habe :  hierinen 
nach   belieben    durch   Traunkirch.    vnderthannen    graset:    holcz 


1  Im  Statthalterei-Archiv  zu  Linz  wird  eine  Abschrift  der  Freiheiten  des 
Gotteshauses  Traunkirchen  von  1449  aufbewahrt,  aus  der  ich  folpiende 
Stelle  aushob:  ,Er  (der  Vogt  oder  Verweser)  soll  auch  zu  den  rantaidiugeri 
die  die  Abbtessin  mit  Ihren  Leuthen  drej  Stundt  Im  Jar  pfleget  zu  haben 
nicht  khomen,  Er  werdt  dann  sonderlich  von  Ihn  darzue  gebetten  vnd 
gefordert:  so  soll  Er  dann  khommen.' 


268  Lambel. 

abgeliacgkht:  im  Sigcrspacli  viech  außgetriben  wordten  und  waß 
sonst  gemeltes  Eheliafft  Thättung  vermöge,  Traunkirchen  mit 
Orth  in  allen  fündten  Grründten  vnd  Heußern  in  gleicher  be- 
rechtigung  vnd  Gmainschafft  seye  wie  zween  Finger  von  ein- 
ander gehen/    Folgen  die  Zeugen  dieses  ,Weiß  ArticuP. 

26.  Vöklamarkt. 

Perg.  1489,  47  Bll.  4"  in  der  Gemeindelade  zu  V. 

Bl.  1\  Copie  der  von  K.  Friedrich  26.  Jänner  1489  er- 
theilten  Freiheit. 

2* — 2^.  ^Hienach  volgt  der  purckfridt  des  veclamarcks'  etc. 

2''.  jVermerckt  die  Ehaftn  tayding  des  vecklamarcks  zw  was 
zeittn  die  gehalttn  sulln  werden  als  hernach  geschriben  stett^  etc.  etc . 

47".  ,Das  marcktpuech  ist  geschribii  wordn  mit  seinen 
artickeln  wie  sy  dan  hie  Inn  begriffen  sein  auff  montag  vor 
vnser  lieben  fraue  tag  der  liechtmeßn  als  man  zalt  von  Cristi 
vnsers  liebenn  h'rn  geburd  vierzehenhundert  vnd  dornach  Im 
Newnvndachzigisten  Jare.' 

27.  Waidersfeldeii. 

Perg.  1733,  4  Bll.  (das  letzte  unbeschrieben)  fol.  in  der 
Marktlade  zu  W. 

Bl.  1\  Johann  Georg  Freiherr  von  Hoheneck  bekennt, 
nachdem  er  ,Vnlängst  die  beeden  Ambter  Waidesfelden  und 
Stampf  Eckh  an  mich  erkaufft  und  Meiner  Herrschafft  Schlissl- 
berg  incorporiert  habe;  vndter  welchen  Ambtern  auch  der  Be- 
freyte  Marckt  Waydersfelden  Begriffen,  Bey  Selben  Marckt 
aber   ainige    Bürgerliche    Ordnung    oder  Marckt  Buech  Bishero 

Niemahlen    verbanden    noch   vorhin    aufgericht  gewesen 

Also  habe  ich  alß  dermahliger  Rechtmässiger  Erb  und  grund- 
herr  Ersagtes  Marckts  Waydersfelden  vor  mich  Mein  Erben 
und  nach  Komben  Ersagt  meinen  vndterthannen  vnd  Samment- 
llcher  Burgerschafft  gedacht  Meines  Marckts  hernach  folgendte 
gnadt  Freyheit  und  Ordnung  gegeben^  etc. 

Mit  Unterschrift  und  Siegel. 

28.  Wartenbiirg  (vgl.  Notizenblatt  1854,  S.  484  —  496). 
Abschrift  von  Friedrich  Koch  in  Gmunden,  s.  oben  S.  250. 
,Neue  Abschrift  von    dem    uralten    Thätingbttchl   bei    der 

löblichen  Landesgerichtsherrschafft  Wartenburg  wie  man  solches 
auf  denen  haltenden  ehehaft  Thäting  oder  Schrannenrechten 
zu  Timmelkam  öffentlich  zu  verlesen  pfleget. 


Weisthümer-Forschungen  in  Ober-Oesterreich.  269 

Folgt,  wie  man  das  Ehehaft  Thäting  zu  halten 
pfleget.     (NB.  S.  487,  Fol.  18".)  ^ 

Erstlich  muß  der  über  das  Atzbacher-  und  Schwanenstädter 
Amt  bestellte  Amtmann  die  Landgerichtsschrannen  auf  den  Platz 
zwischen  dem  Gerstopler  Praun  und  Hafnerhaus  unweit  des 
Prangers  im  Markt  Timmelkam  aufrichten. 

Item  dieweilen  das  Ottnanger-  und  Deülbrunner  Amt 
durch  Abwegnehmung  vieler  Untertanen  merklich  geringert, 
hingegen  aber  das  Haizinger-  und  Schleiuzer  Amt  dafür  herzu- 
gebraclit  worden :  also  muß  der  AmtsschafFner  des  Haizinger 
Amtes  einen  weiß  aufgeputzten  Stab  zur  Stelle  bringen  und 
auf  den  Tisch  legen,  deme  (so)  der  Richter  wie  hernach  folgt, 
in  die  Hand  nehmen  muß. 

Der  Amtmann  des  Schleinzeramtes  ruft  auf  offenem  Platz 
im  Markt  Timmelkam^  u.  s.  w.  wie  im  NB.  a.  a.  O. 

,Landrichters    erste    Frag':    (NB.  S.  488,  fol.  19"). 

,Ihro  hochgräfliche  Excellenz  etc.  etc.  Meines  gnädig  und 
hochgebietenden  Grafen  und  Herrn  Herrn  etc.  etc.  des  hoch- 
geboren Grafen  und  Herrn  Herrn  Johann  Albrecht  Herrns 
von  St.  Julian  des  heil.  Römischen  Reiches  Grafen  von  und 
zu  Wallsee  Herrn  derer  Herrschaften  Wartenburg,  Oberperckham 
und  Ainwalding  etc.  etc.  dero  Rom.  Kays,  und  Königl.  Majestät 
wirklich  geheimen  Rat  und  Obersten  Falkeumeister  etc.  etc. 
verordneter  und  bestellter  Reichssprecher  vnd  Johann  Paul 
Geißlitzer  von  Wittweng,  Ich  frage  hiemit'  etc. 

Die  Antworten  des  Rechtsprechers  fehlen,  ebenso  die  Be- 
stimmung Umb  Freyung  (NB.  489). 

,Vom  Beherbergen'  (NB.  489,  Fol.  24):  ,und  da  er 
nicht  waiss  —  verfallen'  fehlt. 

,Wo  ein  Müllner  seinen  Zeug  bessern  soll'  (NB.  491). 
Die  fragliche  Stelle  lautet  in  Koch's  Abschrift:  ,innerhalb 
der  Räder  und  wieder  in  das  Akmader'  lassen, 
daß  die  Brut  der  Fische  nicht  verderbe'.  Hierauf 
folgen    zwei  im  NB.  fehlende  Bestimmungen. 

,W  e  n  n  einer  dem  andern  Neuerung  macht.' 

Wenn  einer  über  den  andern  Neuerung  macht,  es  wären 
Weg  oder  was  es  ist,  und  wären  von  Alter  nicht  gewesen  und  wo 


'  Ob  so,  oder  Aknacler,  steht,  ist  in  Koch's  Abschrift  nicht  deutlich. 


270  Laml)6l. 

solches  mit  Bschau  erfunden  und  erweist  wurde,  soviel  daß  wahr, 
Süll  ein  Landrichter  nach  Aussag  der  Alter  (so)  hinwider  legen 
zu  Wegen  und  Stegen,  und  wer  die  Neuerung  und  Frevel  ge- 
macht  hat   dem  Richter  60  und  5  fi   aS  zu  Wandel    verfallen. 

Ein  jeder  Edler  und  Unedler 

Ein  jeder  der  im  Herrschaft  Wartenburg.  Gericht  hat  (so), 
es  seien  Prälaten,  Edler  oder  Unedler,  sollen  die  Schraunen 
besuchen  alle  ehehafte  Thättigung  und  sollen  auch  ihre  Amt- 
leut  dabei  erscheinen,  thäten  sie  aber  das  nicht  und  wann  eine 
Klag  über  solche  ihre  Leut  vorkäme,  die  möchten  fürohin 
nicht  mehr  ihre  Leut  aus  der  Schrannen  ziehen'. 

Nach  der  Bestimmung  Georgi  Wässerung  (NB.  49 1 , 
Fol.  30)  folgen  in  Koch's  Abschrift  wieder  zwei,  die  NB.  fehlten. 

,Am  St.  Georgitag  Jag-en. 

W^eilen  an  solchem  Tag  das  Jagen  in  denen  Feldern  und 
andern  Orten  ein  strafmäüiger  Mißbrauch  und  purer  Aber- 
glauben ist,  womit  dann  nicht  allein  die  Wildpahns  obrigkeit 
sondern  auch  sogar  Gott  selbst  beleidigt  werde,  Also  solle  sich 
keiner  bei  Verhütung  grossen  Unglücks  und  obrigkeitliche  Straff 
dessen  nicht  mehi'  unterfangen  ;  '  auch  jeder  seine  Paar  (1.  Haar) 
Rasten  wohl  eingezäunter  erhalten,  damit  sowohl  das  Wild  als 
Mensch  und  Vieh  vor  dem  Ertrinken  sicher  sein ;  Im  Fall  sich 
aber  dergleichen  Unglück  ereignete,  solle  derjenige,  deme  der- 
gleichen Haarrästzeug  zugehörig  nicht  nur  den  Schaden  zu  er- 
setzen schuldig  sein  sondern  auch  wegen  den  gegen  der  Obrig- 
keit zu  erzeugenden  Ungehorsam  bestraffet  werden. 

R  a  u  c  h  f  a  n  g  s  ä  u  b  e  r  n  und  H  a  a  r  d  ö  r  r  e  n  betreffend. 

Es  ist  auch  durch  vielseitige  frische  Exempel  vorhin  genug- 
sam wissend,  daß  nicht  allein  durch  die  ungesäuberten  Rauch- 
fänge oder  schlechten  Feuerstätten  sondern  auch  mit  den  Haar- 
dörren in  ihren  Häusern  solche  Unglück  entstanden ,  womit 
ganze  Häuser  und  Dörfer  bis  auf  den  Grund  verbrunueu  und  sogar 
die    Leut    selber    ihr  Leben  eingebüßt,    als  soll  sich  ein  jeder 


1  Was  von  hier  an  nnter  dieser  Bestimmung  folgt,  hat  mit  dem  Jagen  am 
St.  Georgitag  kaum  noch  durch  die  Erwähnung  des  Wildes  einen 
schwachen  Zusammenhang.  Wahrscheinlich  als  Naclitrag  etwa  zur  folgen- 
den Bestinnnung  an  den  Rand  einer  älteren  Handschrift  geschrieben^ 
verdankt   es   seinen  jetzigen  Platz   dem  Versehen   eines   Abschreibers. 


Weisthümer-Forschungen  in  Ober-Üosterreich.  271 

hüten,    und    bei    welchen    ein    unsauberer    Rauchfang  erfunden 
würde,  derselbe  soll  in  die  schärfeste  Straf  Verfallen  sein/ 

Die  Bestimmung  V o n  Ross  Tauschen  (NB.  491)  fehlt 
dageg-en  in  Koch's  Abschrift,  ebenso  die  Antwort  des  Reclit- 
sprechers,  NB.  492,  Fol.  32,  auf  die  Frage  des  Landrichters. 
Es  folgt  gleich :  , Landrichter  muß  nach  gethanen  umfragen  aus 
dem  Urbarium  die  Hofmarch  und  den  hei-rschaftl.  Warttenburg. 
Landgerichtgezirk  öffentlich  verlesend  Die  March  (NB.  492. 493) 
fehlt,  ebenso  wieder  die  Antwort  des  Rechtsprechers  (NB.  493). 
Mit  dem  Absatz  ,Der  Amtsschaffner  (Ambtman  NB.)  —  besetzt 
sei'  (NB.  493)  schliesst  das  Taidingsbuch  in  Kochs  Abschrift. 
29.  Wesenurfahr  (vgl.  Sitzuugsber.  LX,  562). 
Abschrift  Jul.  Strnadts  ,Aus  der  Bestätigung  des  K.  Leo- 
pold L,  d,  d.  Laxenburg,  30.  Mai  1()79.  Orig.  Perg.  mit  Hänge- 
siegeln in  Holzkapsel  in  der  Marktlade  zu  W.' 

Kaiser  Rudolph  IL  bestätigt  s.  d.  Wien,  15.  December.  1582 
die  Ordnung  und  das  Marktrecht  von  Wesenurfahr,  nachdem 
Richter  und  Gemeinde  ihm  berichtet,  ,  Weichermassen  sie  Zwayer- 
lay  vnderschiedlichen  Obrigkheiten  vnderworffen  ',  vnd  alß  sich 
vor  Zeiten  zwischen  ihnen  allerlay  Stritt  und  Irrung  begeben, 
hetten  sie  sich  vnlängst  Zu  Verhiettung  allerlay  vneinigkheit 
und  erhaltung  guetes  fridcns  auch  ordentlicher  guter  PoUiccy 
mit  Vorwißen  ihrer  Grund  Obrigkheiten  einer  bestendigeu 
Ordnung  verglichen,  welche  von  worth  zu  worth  also  lauthet: 
Zum  Ersten  Nachdem  bißhero  der  Gebrauch  gehalten 
worden'  etc. 

30.    Wiudhag. 

A.    Pap.  1577,  13  BU.  4".    im   Fürstl.  Starhembergischen 
Archiv  zu  Eferding,  Fach  39,  Waldämter,  Nr.  6. 

Bl.   1\     ,1577    Jarr  Ambt   Windthag  Pannthäding  puech.' 
Die  untere  Hälfte  des  Blattes  abgerissen. 

2\     ,Die  An  der  Schran  Sützen':  12  Namen. 
,Item  Vischen  mit  den  Liechten  Bey  der  nacht  ist  Ainem 
Jedigclichen  verpodten  pey  dem  Vall  dem  lierrn  72  ^  Vnnd  dem 
Richter  12  ^.' 

9=^  schliessen  die  41  urprünglichon  Bestimmungen:  ,Auch  wo 
Ainer  war  der  mit  khuertzer  wör  oder  pixen  in  ein  wierthshauß 
1  den  Herrschaften  Wesen   und   Pührnstein ;   vgl.   27   Ber.   d.   Mus.  Frauc- 
Car.  S.  376. 


272  Lambel. 

gieng,  so  sol  er  dem  wierth  dieselbig  zuestellen,  wouer  Aber 
Ainer  vngehorsamb  erfundten,  sol  dem  Herrn  verfallen  sein  72  ^ 
Vnd  dem  Richter  12  ^/ 

Bl.  10 — 13  ist  später  angebunden  und  enthält  von  einer 
Hand  des  17.  Jahrh.  12  Nachtragsbestimmungen. 

10\  jltem  Nachdem  sich  auch  der  Mafß  vnd  Mezens 
halber'  etc. 

12''.  jlttem  welcher  vnderthon  in  besetzter  Schi-an  sich 
verclagen  lest;,  mueß  derselb  nit  Allain  bei  Scheineter  Son  be- 
zallen,  Sonndern  ist  auch  der  obrigkhait  in  der  Straff,  da  Er 
aber  nit  zu  bezallen  hete,  soll  Tme  die  Entrichtung  wie  sonsten 
vnder  diser  obrigkhait  gebreichich  auferlegt  werden.' 

B.    Pap.  1646,  16  Bll.  4".  w.  o.  N.  25. 

Bl.  r.     ,Ambt  Windthag  Pannthätting  Puech  Anno  1577.' 

Bl.  2*  enthält  dieselben  Namen  derer  ,Die  an  der  Schran 
Sützen'  wie  in  A. 

Hierauf  folgen  auf  Bl.  2^ — 7*  zunächst  38  von  den  alten 
41   Bestimmungen  aus  A: 

2".  jErstlichen  ist  ietwedern  wer  der  sey  auf  der  Molcz- 
schen  vnnd  andern  der  Herrschafft  gehörigen  Wassern  bey 
Hocher  Leib  vnd  guets  Straff  zue  vischen  verbotten.' 

6''  und  T  unter  N.  38  die  41.  Bestimmung  aus  A:  ,Auch 
wo  ainer  wahr  —  dem  Richter  12  ^.' 

Bl.  7"— 9"  enthält  s.  N.  39-50  die  zwölf  Nachtragbestim- 
mungen aus  A,  welchen  auf  9^ — lO""  vier  weitere  §§  folgen. 

lO"".  jBeschechen  Lincz  den  zwainczigisten  October  diß 
Sechzechenhundert  Sechs  vnd  vierigisten  (so)  Jahr'. 

Mit  Unterschrift  Heinrich  Wilhelms  von  St.  und  rothem 
aufgedrückten  Siegel. 

Bl.  11" — 15''  folgen  Verzeichnisse  der  in  mehreren  Pan- 
taidingen  (1648 — 1674)  in  den  Aemtern  Windhag  und  Lichtenau 
gesetzten  Amtspersonen. 

31.    Zell  (im  Achlande). 

Pap.  17.  Jahrh.,  10  Bll.  fol.  im  Statthaltereiarchiv  zu 
Linz  LXII. 

Bl.  1" — 1''.  Johannes,  Administrator  des  Stiftes  Regens, 
Pfalzgraf  bei  Rhein  und  Herzog  in  Baiern,  bestätigt  dem  Richter, 
Rath,  der  Gemeinde  und  dem  ganzen  Urbar  zu  Zell  im  Ach- 
lande  ,1er  freyhait  gerechtigkhait  loblich  alts  herkhumcn  vnnd 


Woistliümer-Forsclmngen  in  Ober-Oestorreich.  273 

gewonhait,  wie  sie  dann  die  erlannt^t,  dami^  ])0^nadet  gefreit 
vnnd  der  wie  nachiiolgt  Jnn  ruehig-cn  Innhaben  vnud  gebrauch 
gewesen  sein,  Närablich  vnnd  von  Erst  So  haben  sy  ain  pau- 
markht'  etc. 

3\  ,Innen  soll  auch  (3")  ain  Richter  drey  ehehafFt  Tading 
besitzen  Alle  Jahr,  ainß  zw  Sanndt  Georgen,  das  ander  zw 
Sanndt  Michaelistag  vnnd  das  dritt  zw  Liechtmessen,  Denn 
Urbarem  ain  Panthading  auch  zw  Liechtmessen  :  in  denn  vier 
Tadigen  sollen  alle  lere  Recht  vor  vnnd  hernach  begriffen 
geöffent  werden/ 

10%  ,Geben  zw  Regenspurg  auf  Eritag  nach  Sanndt  Veyts- 
tag  vnnd  Cristi  vnnsers  lieben  heiTn  geburdt  Im  Funffzchen- 
hundert  vier  und  dreifßigisten  Jar/ 


Sitzl).  d.  pliil.-hist.  Ol.  LXIX.  P.a.  III.  Htt.  18 


274 


XXVIII.   SITZUNG    VOM   13.   DECEMBER   1871 


Das  w.  M.  Herr  Prof.  Dr.  Julius  F  ick  er  in  Innsbruck 
sendet  eine  Abhandlung :  ,Ueber  die  Datirung  einiger  Urkunden 
Kaiser  Friedrichs  IL' 


An  Druckschriften  wurde  vorgelegt: 

Basel,  Universität:  Akademische  Gelegenheitsschriften  aus  dem  Jahre  1870/71. 
i"  und  8". 

B  e  r  e  n  d  t ,  C.  Hermann,  Analytical  Alphabet  for  the  Mexican  and  Central  Ame- 
rican Languages.  New  York,  1869;  8". 

Breslau,  Universität:  Akademische  Gelegenheitsschriften  aus  dem  Jahre 
1870/71.  4f  und  8".  v 

Commission  Imperiale  Archeologique  de  St.  Petersbourg:  Compte-rendu  pour 
l'annee  1868.    St.  Petersbom-g,  1869;  4".  (Avec  un  Atlas  in  Folio.) 

Gesellschaft,  geographische,  in  Wien:  Mittheilungen.  N.  F.  4.  1871.  Nr.  11. 
Wien;  8«. 

—  der  Wissenschaften,  K.  Sächsische,  zu  Leipzig:  Abhandlungen  der  philol.- 
histor.  Classe,  V.  Band,  Nr.  6  —  7  (1870).  Abhandlungen  der  mathem.-phys. 
Classe,  IX.  Band,  Nr.  4— 5  (1870);  4».  —  Berichte  der  philol.-hist.  Classe, 
1867,  I;  1868,  II— III;  1869,  I— III.  Berichte  der  math.-phys.  Classe, 
1869,  n-IV;   1870,  I- II.  8«. 

Halle,  Universität:  Akademische  Gelegenheitsschriften  aus  dem  Jahi'e  1870. 

40  und  80. 
Neubegründung,  Die,  der  Strassburger  Bibliothek  und  die  Göthe-Feier  am 

9.  August  1871.  Strassbm-g,  1871;  8'\ 
Quatrefages,  A.  de,  La  race  pnissienne.  Paris,  1871;  kl.  8^, 
,Revue    politique  et  litteraire',   et  ,La  Revue   scientifique   de   la  France  et   de 

Tetranger'.  P«  Annee.  (2«  Serie.)  Nrs.  23—24.  Paris  et  Bruxelles,  1871;  4". 
Societe  des  Antiquaires  de  Picardie:    Memoires  in  4*^.    Tome   VlI*^.   Paris  et 

Amiens,  1869;  Memoires  in  8^.  S"  Serie,  Tome  IL  Paris  et  Amiens,  1868, 

—  Bulletins.  Tome  IX.  (1865—1866—1867.)  Paris  et  Amiens,   1867;  8". 

—  des  Antiquaires    du  Nord:   Memoires.   Nouv.    Serie.  1869.    Copenhaguo;  8". 

—  Aarbii-ger.   1869,  .3.  &  4.  Hefte   &  Tillaeg;    1870,    1.  Hefte;.  1871,  2.  & 
3.  Hefte.  Kj^rbenhavn;  8«. 

Würz  bürg,   Universität:    Akademische  Gelegenheitsscluiften  aus  den  Jahren 

1869—1871.  4"  und  S". 
Z  c  i  s  s  b  e  r  g ,  Heinrich,  Ueber  eine  Handscln-ift  zur  älteren  Geschichte  Preussens 

und  Livlands.  Königsberg,   1871;  8^*. 


Pickor.     Uebov  die  Datiruiig  einiger  Urkunden  Kaiser  Friedrichs  II.  275 


( 


lieber  die 
Datirimg    einiger   Urkunden    Kaiser    Friedrichs    IL 


Von 

Julius  Fieker. 

o         . 

i  Jeg-en  die  früher  allm-emeine  Ansicht,  dass  Kaiser  Fried- 
rich II.  seit  dem  Hei'bste  1237  die  Alpen  nie  molir  überschritten 
habe,  suchte  Schirrraacher  in  seiner  Geschichte  Kaiser  Friedrichs 
die  Annahme  zu  begründen,  dass  derselbe  allerdings  im  Früh- 
jahre 1242  noch  einmal  auf  kurze  Zeit  in  Deutschland  gewesen 
sei.  Fand  seine  Ausführung  mehrfach  ausdrückliche  Zustimmung, 
so  suchte  mein  Freund  und  College  liuber  die  ünlialtbarkeit 
derselben  zu  erweisen.  Dem  gegenüber  nahm  Öchirrmacher 
Veranlassung,  die  Untersuchung  nochmals  aufzunehmen  und 
seine  Ansicht  zu  vertheidigen.  (Vgl.  Forschungen  zur  deutschen 
Geschichte  10,049  ff.  und  11,337  ff.)  Mir  schienen  die  von 
Huber  vorgebrachten  Gründe  von  ausschlaggebendem  Gewichte 
zu  sein;  und  auch  die  erneuerte  Beweisführung  Schirrmachers 
schien  mir  nicht  genügend,  meine  Ansicht  zu  ändern.  Für 
diese  war  mir,  von  anderm  abg-eschen,  vor  allem  massgebend, 
dass  die  nicht  übereinstimmenden  und  an  und  für  sich  manchen 
Bedenken  unterliegenden  Nachrichten  der  Geschichtsschreiber, 
auf  welche  Schirrmacher  siclv  stützt,  in  dem  uikundlichen  Ma- 
terial nicht  allein  keinerlei  bestimmtere  Unterstützung  fanden, 
sondern  auch  mit  demselben  nur  durch  sehr  gewagte  und  un- 
wahrscheinliche Annahmen  in  Einklang  zu  bringen  waren.  Um 
so  mehr  war  ich  überrascht,  als  mir  vor  einiger  Zeit  mitgetheilt 
wurde,  dass  Cardauns   in    der   Alfterischen  Sammlung   auf  der 

18* 


276  Ficker. 

Stadtbibliothek  zu  Köln  eine  um  jene  Zeit  vom  Kaiser  in  Deutsch- 
land ausgestellte  Urkunde  aufg-efunden  habe.  Die  Güte  meines 
Freundes  und  Collegen  Stumpf  ermöglicht  es  mir,  dieselbe  nach 
einer  von  ihm  selbst  aus  dem  Originale  genommenen  Abschrift 
mitzutheilen : 

Fridericus  dei  gracia  Romwiorum  Imperator  semper  augustus, 
Jherusalem  et  Sycilie  rex.  Universis  Christi  et  Romani  irtiperii 
fidelihus,  ad  quos  littera  jpresens  devenerit,  graciam  suam  et  omne 
honum.  Celestis  altitudo  consilii  in  ea  dignitafis  collocavit  nos 
apice^  quod  semper  virtutibus  intendere  et  circa  nostros  et  sacri 
imperii  ßdeles  de  plenittidine  nostre  gracie  teneamur  semper  agere 
graciose.  Pateat  igit^ir  et  clarescat  omnibvs,  qiiod  nos  Hermanno 
de  Calichem  militi ,  fideli  nostro  dilecto  ^  facientibus  devocionis 
sne  obsequiis  in  omni  cultura  fidei  fidelissime  et  frequenter  inpensis, 
feodum  decem  marcarum  in  thelonio  castri  nostri  We7'densis  annis 
singidis  damns,  concedimus  et  depntamus  hereditarie  possidendum 
et  in  festo  beati  Martini  hyemalis  ab  ofßciato  castri  nostri  ibidem, 
qui  pro  tempore  fuerit,  eidem  ammota  difficidtate  qualibet  assig- 
nandum.  In  cuius  facti  protestationem  et  roboris  firmitatem 
presentem  ei  suisque  heredibus  litteram  conscribi  et  imperiali 
nostro   sigillo  fecimus  comnuiniri. 

Datum  Wyene ,  xx.  die  novembris ,  indictione  xi  (xv7), 
anno  incarnationis  dominice  millesimo  cc.  xl.  pjvimo. 

Wäre  uns  diese  Urkunde  nur  in  Abschrift  erhalten,  so 
wären  gewiss  die  erheblichsten  Bedenken  gegen  ihre  Echtheit 
vollkommen  gerechtfertigt.  Vor  allem  natürlich  deshalb,  weil 
wir  den  Kaiser  nach  den  sonstigen  Nachrichten  damals  zu 
Foggia  in  Apulien  verrauthen  dürfen.  Und  auch  davon  abge- 
sehen, zeigt  die  Fassung  der  Urkunde,  worauf  wir  zurück- 
kommen, manches  Auffallende,  wenigstens  wenn  wir  sie  mit 
der  Fassung  anderer  kaiserlicher  Urkunden  dieser  Zeit  ver- 
gleichen. Aber  dem  wohlerhaltenen  Originale  gegenüber  ist 
jeder  Gedanke  an  Unechtheit  der  Urkunde  aufzugeben. 

Wird  demnach  die  Lösung  jener  Bedenken  in  anderer 
Richtung  zu  suchen  sein,  so  legt  die  Nichtübereinstimmung  der 
Jahresangaben  gewiss  den  Gedanken  am  nächsten,  ein  Versehen 
in  der  Angabo  des  Incarnationsjahres  anzunehmen.  Im  No- 
vember 1241  lief  die  fünfzehnte  Indiction.  Was  die  Bezeich- 
nung derselben    in  der  Urkunde  betrifft,    so  theilt   mir  Stumpf 


Ueber  die  DatiruiiR  oiuiser  Urkuuden  Kaiaur  Friedrichs  II.  277 

mit,  wie  das  auch  schon  in  seiner  Abschrift  angedeutet  war, 
es  bleibe  mög-lich,  dass  ein  Haarstrich  verwischt  und  ursprüni>^- 
lich  XV.  geschrieben  sei,  während  im  jetzigen  Zustande  doch 
wohl  nur  xi.  gelesen  werden  könne.  Die  eilfte  Indiction  würde 
uns  nun  freilich  gerade  auf  das  Jahr  1237  führen,  in  welchem 
der  Kaiser  lange  zu  Wien  verweilte  und  dort  zahlreiche  Ur- 
kunden ausstellte.  Aber  das  fällt  in  die  ersten  Monate  des 
Jahres ;  im  November  stand  Friedrich  den  Mailändern  am  Oglio 
gegenüber.  Mit  solcher  Annahme  wäre  also  nichts  gewonnen. 
Ist  das  Incarnationsjahr  wenigstens  theilweise  in  Worten  ge- 
geben, während  bei  den  Ziffern  der  Indiction  an  und  für  sich 
ein  Versehen  leichter  anzunehmen  wäre,  ist  überdies  die  Mög- 
lichkeit nicht  ausgeschlossen,  dass  die  Indictionsziffer  die  ent- 
sprechende gewesen  sein  könne,  so  wird  nichts  erübrigen,  als 
am  Jahre  1241  festzuhalten. 

Es  kommt  hinzu,  dass  der  Inhalt  der  Urkunde,  wenn  er 
auch  nichts  enthält,  was  der  Entstehung  in  einem  andern  Jahre 
widersprechen  würde,  doch  der  Sachlage  gerade  in  dieser  Zeit 
bestimmter  entspricht.  Die  schon  länger  drohende  Auflehnung 
deutscher  Fürsten  war,  wie  wir  jetzt  aus  den  Annalen  von 
S.  Pantaleon,  bei  Böhmer  Fontes  4, 478,  bestimmter  wissen, 
bereits  zu  offenem  Ausbruche  gekommen;  nach  Abschliessung 
eines  Bündnisses  am  10.  Sept.  1241  hatten  die  Erzbischöfe 
von  Mainz  und  Köln  alsbald  die  Feindseligkeiten  begonnen. 
Es  war  unter  diesen  Verhältnissen  vorauszusehen,  dass  in  den 
niederen  Landen  kaum  ein  Punkt  für  die  kaiserliche  Partei 
wichtiger  sein  werde,  als  die  feste  Reichsburg  Kaiserswerth ; 
sieben  Jahre  später  hat  sie  König  Wilhelm  bis  in  den  zweiten 
Monat  widerstanden,  ist  auch  dann  nur  auf  sehr  günstige  Be- 
dingungen übergeben  worden.  Die  von  Calichem  führen  ihren 
Namen  von  dem  östlich  bei  Kaiserswerth  gelegenen  Calkum,  und 
werden  dort  ihren  Sitz  gehabt  haben.  Erscheint  gegen  Ende 
des  Jahrhunderts  ein  Ritter  Gottschalk  als  Mann  des  Grafen 
von  Berg,  so  finden  wir  1271  den  Ritter  Heinrich,  Vogt  von 
Calkum,  dann  die  Brüder  Adolf,  Arnold  und  Anton  im  Gefolge 
des  Burggrafen  von  Kaiserswerth;  sie  gehörten  damals  zweifel- 
los zur  Burgmannschaft  (Lacorablet  Niederrhein.  Urk.-Buch 
2,365.  573.  603).  Mag  nun,  wie  mir  wahrscheinlich  ist,  der 
in  der  Urkunde  genannte  Hermann  gleichfalls  Reichsburgmann 


278 


r  ick  er. 


gewesen  sein,  mag  er  ohne  bestimmtere  Verpflichtung  gegen 
das  Reich  in  nächster  Nähe  der  Reichsburg  gesessen  gewesen 
sein,  in  jedem  Falle  ist  es  erklärlich,  wenn  ihm  gerade  im 
Herbst  1241  besondere  Begünstigamgen  von  Seiten  des  Kaisers 
zu  Theil  wurden. 

Werden  wir  nach  allem  vorläufig  an  der  in  der  Urkunde 
gegebenen  Zeit  festhalten  müssen,  so  Hesse  sich  noch  die  Frage 
aufwerfen,  ob  nicht  eine  andere  Deutung  des  Ausstellungsortes 
statthaft  sei,  durch  welche  sich  die  Bedenken  heben  würden. 
Aber  vergebens  habe  ich  nach  einem  Orte  ähnlichen  Namens 
in  nicht  zu  grosser  Entfernung  von  Foggia  gesucht ;  und  würde 
es  sich  um  einen  eingegangenen  Ort  handeln  können,  so  wäre 
doch  kaum  abzusehen,  wie  derselbe  bei  den  häufigen  und  langen 
Aufenthalten  des  Kaisers  gerade  in  dieser  Gegend  nicht  wenigstens 
auch  sonst  ein  oder  anderesmal  als  Ausstellungsort  oder  ander- 
weitig genannt  sein  sollte,  wie  das  ja  bei  sehr  unbedeutenden 
apulisclien  Orten  nicht  selten  der  Fall  ist. 

Es  wird  nichts  erübrigen,  als  den  Ausstellungsort  auf 
Wien  zu  deuten,  und  sich  damit  die  Frage  bieten,  ist  es  irgend 
mit  den  anderweitigen  Zeugnissen  in  Einklang  zu  bringen,  dass 
der  Kaiser  am  20.  November  1241  zu  Wien  war?  Es  dürfte 
sich  nun  aber  empfehlen,  die  Frage  etwas  weiter  dahin  zu 
fassen,  ob  in  dem  Winterhalbjahre  1241  auf  1242  überhaupt 
eine  Reise  des  Kaisers  nach  Deutschland  irgend  annehmbar  ist. 
Denn  auch  eine  andere,  angeblich  vom  Kaiser  in  Deutschland 
ausgestellte  Urkunde  wird  uns  auf  diese  Zeit  zurückführen, 
und  es  würde  mich  nach  später  zu  Erörterndem  in  keiner  Weise 
überraschen,  wenn  noch  mehrere  derartige  Urkunden  aus  dieser 
Zeit  aufgefunden  werden  sollten. 

Wenn  der  Gang  der  Ereignisse  es  irgend  gestattete,  so 
bezog  der  Kaiser  feste  Winterquartiere  in  südlichem  Gegenden  5 
diesfe  wurden  vorher  bestimmt,  damit  das  l!^öthige  vorgekehrt 
werden  konnte.  So  schreibt  der  Kaiser  1245,  dass  er  ohne 
grosse  Unbequemlichkeiten  während  der  schlechten  Jahreszeit 
in  der  Lombardei  nicht  verweilen  könne,  dass  er  daher  be- 
schlossen habe,  zu  Grosseto  zu  überwintern,  und  dass  man  dort 
alles  herrichten  möge,  um  ihn  und  sein  Gefolge  aufzunehmen 
(Huillard-Breholles  Eist.  dipl.  Friderici  II.,  G,  374).  Im  Jahre 
1241  war  dazu    zweifellos  Foggia    von    vornherein    ausersehen. 


Ueber  die  Datirung  oinigor  Urkunden  Kaibor  FriodricliB  II.  '21  \) 

da  Richard  von  San  Gerniano  meldet,  dass  der  Kaiser  im 
October  die  von  ihm  mit  Beschlag  belegten  Kirchenschätzc  von 
San  Germano  nach  Foggia  zu  bringen  befahl.  Sind  die  Winter- 
quartiere einmal  bezogten,  so  verbleibt  der  Kaiser  nicht  gerade 
immer,  so  weit  die  Zeugnisse  das  beurtheilen  lassen,  an  dem- 
selben Orte;  aber  der  Kreis,  in  dem  er  sich  bewegt,  ist  doch 
ein  sehr  beschränkter;  insbesondere  findet  sich  kein  Fall,  dass 
er  in  den  achtzehn  Wintern,  in  welchen  er  seit  seiner  ersten 
Rückkehr  von  Deutschland  bis  zu  seinem  Tode  im  Königreiche 
überwinterte,  die  Grenzen  desselben  überschritten  hätte;  der 
2:rösste  Wechsel  ist  da  der  zwischen  der  Insel  und  dem  Fest- 
lande,  und  auch  das.  kommt  nur  in  früheren  Jahren  einmal 
vor.  Gerade  im  Winter  1241  auf  1242  scheint  Friedrich  be- 
sonders unbeweglich  gewesen  zu  sein.  Wir  können  ihn  vom 
October  bis  zum  April  nur  zu  Foggia  selbst  und  einmal  in 
dem  wenige  Stunden  entfernten  l'Incoronata  nachweisen.  Und 
zwar  nicht  gerade  wegen  Mangels  an  Zeugnissen.  Wir  haben 
eine  Urkunde  aus  dem  October,  zwei  aus  dem  December,  vier 
aus  dem  Januar,  eine  aus  dem  März,  während  der  Kaiser  dann 
nach  Abzug  aus  dem  Winterquartier  im  April  zu  Neapel  ur- 
kundet.  Dem  schliessen  sich  eine  Reihe  uudatirter  Stücke  an, 
welche  ihrem  Inhalte  nach  auf  diese  Zeit,  vielfach  auch  be- 
stimmter auf  Ausstellung  in  dieser  Gegend  hinweisen.  Zudem 
weiss  der  hier  zunächst  zu  beachtende  Geschichtschreibcr, 
Richard  von  San  Germano,  sichtlich  nur  von  einem  Aufenthalte 
des  Kaisers  in  Foggia;  niemand  wird  bestreiten,  dass  er  nach 
der  ganzen  Weise  seiner  Darstellung  eine  längere  Abwesenheit 
des  Kaisers  aus  dem  Königreiche  sicher  erwähnt  hätte,  wenn 
er  darum  wusste,  und  wieder  ist  es  schwer  denkbar,  dass  gerade 
er  um  eine  solche  nicht  gewusst  haben  sollte. 

Dem  gegenüber  würden  gewiss  schon  gewichtige  Zeugnisse 
vorhanden  sein  müssen,  um  auch  nur  ein  Verlassen  Apuliens 
durch  den  Kaiser  wahrscheinlich  zu  machen.  Handelt  es  sich 
aber  gar  um  eine  Reise  nach  Deutschland,  so  ist  doch  nicht 
abzusehen,  wie  auch  nur  die  urkundlichen  Daten  für  eine  solche 
Raum  lassen.  Es  wäre  einmal  zu  denken  an  den  November, 
aus  dem  wir  keine  Urkunden  haben ;  wir  kommen  darauf  zurück. 
Weiter  hält  Schirrmacher  eine  Reise  nach  Deutschland  für 
möglich  im  März    und    April,    obwohl    Friedrich    in  jenem  zu 


280  Ficker. 

Függia,  in  diesem  zu  Neapel  urkimdet.  Leider  enthalten  diese 
Urkunden  j  wie  die  meisten  dieser  Zeit,  keine  Tagesangaben. 
Naeli  der  Durcliselmittsrcclinung  würde  der  Raum  zwischen 
ihnen  vier  Wochen  betragen,  möglicherweise  freilich  acht  Wochen, 
oder  aber  umgekehrt  auch  nur  wenige  Tage.  Nichts  berechtigt 
uns,  gerade  den  längston  Zeitraum  anzunehmen.  Dass  Friedrich 
nicht  gerade  nur  in  den  ersten  Tagen  des  März  noch  zu  Foggia 
war,  ergibt  sich  doch  ziemlich  sicher  aus  der  Angabe  Richard's, 
dass  der  Kaiser  eben  im  März  die  entsetzten  Justitiare  zu  sich 
nach  Foggia  berief  und  dort  eine  Untersuchung  gegen  sie  ein- 
leiten Hess.  Und  auch  der  Schluss  Schirrmachers,  dass  die 
eine  Urkunde  in  die  letzten  Tage  des  April  fallen  werde,  weil 
Friedrich  auch  am  3.  Mai  zu  Neapel  urkundet,  ist  ganz  un- 
sicher; es  wäre  vielleicht  der  Schluss  eben  ^o  berechtigt,  der 
Kaiser  dürfe  schon  früher  im  April  zu  Neapel  gewesen  sein, 
da  er  im  Mai  auch  noch  mehrfach  zu  Capua  urkundet,  und 
schwerlich  anzunehmen  ist,  dass  er  in  einer  Zeit,  wo  ihn  nichts 
drängte,  nur  wenige  Tage  zu  Neapel  gewesen  sein  sollte.  Und 
läge  wirklich  der  möglichst  grosse  Zwischenraum  zwischen  der 
Ausstellung  der  Urkunden,  ein  wie  grosser  Zufall  müsste  es 
dann  weiter  sein,  dass  die  urkundliche  Lücke  des  Itinerars 
sich  gerade  mit  der  Zeit  der  Reise  decken  sollte,  dass  sich 
gerade  Urkunden  erhalten  hätten,  welche  unmittelbar  vor  der 
Abreise  und  unmittelbar  nach  der  Rückkehr  ausgestellt  sein 
müssten. 

Die  Behauptung,  dass  das  urkundliche  Itinerar  hier  die 
Annahme  einer  Abwesenheit  von  etwa  sieben  Wochen,  wie  sie 
Schirrmacher  beansprucht,  gestatte,  erscheint  mir  an  und  für 
sich  so  gewagt,  dass  gewiss  nur  die  gewichtigsten  und  unzwei- 
deutigsten Beweise  für  solche  Abwesenheit  sie  als  zulässig  er- 
scheinen lassen  könnten.  Aber  selbst  angenommen,  in  dieser 
Richtung  beständen  keine  Bedenken,  wei-  dürfte  dann  bei  ge- 
nauerer Erwägung  der  Umstände  geneigt  sein,  der  Annahme 
btsizupflichten,  Friedrich  sei  in  drei  Wochen  von  Foggia  nach 
Frankfurt  gereist,  habe  dort  etwa  durch  acht  Tage  Hof  ge- 
haken  und  sei  dann  in  drei  Wochen  nach  Neapel  zurückgereist? 
Das  wäre  für  einen  Eilboten  in  günstiger  Jahreszeit  gewiss 
eine  ganz  anerkenneuswerthe  Leistung.  Sie  dem  Kaiser  zu- 
zutrauen, der  sich  den  Fünfzigern  näherte,    dürfte    unter  allen 


Uol)er  ilic  natinuif;  einiger  Urlauulon  Kaiser  Friodriclis  IT.  281 

Umstämlon  gcwag-t  gcin.  Erwägeu  w'w  dabei  die  Notliwcudiii- 
keil  oiuos  zweimaligen  Alpenübergang'S  im  März  und  iiii  April, 
also  in  der  Jahreszeit,  avo  die  UcLersehrcitung  der  Pässe  am 
beschwerlichsten  und  bedenklichsten  zu  sein  pflegt,  so  dürfte 
da  kaum  noch  von  einer  Möglichkeit  die  Rede  sein  können. 
Und  hatte  der  Kaiser,  wenn  er  sich  überhaupt  einmal  zum  Ver- 
lassen des  Winterquartiers  cntschloss,  es  irgend  nöthig,  nicht 
allein  hin,  wo  das  seine  Krklänuig  iindet,  sondern  auch  zurück 
einen  solchen  Eilritt  zu  machen?  Sollte  er  wirklich  die  Ge- 
legenheit unbenutzt  gelassen  habcn^  auf  der  Uückkehr  ordnend 
in  die  oberitalieuischen  Verhältnisse  einzugreifen?  Und  was 
konnte  ihn  veranlassen,  gerade  bis  Neapel  zurückzukehren, 
wenn  die  Behaglichkeit  dos  Ueberwinterns  im  Königreiche  doch 
einmal  irestört  war?  Waren  seine  Blicke  damals  zunächst  auf 
Rom  gerichtet,  was  war  dann  natürlicher,  als  dass  er  rück- 
kehreud  etwa  in  Tuszien  Stellung  nahm? 

Dazu  kommt  nun  das  Fehlen  jedes  urkundlichen  Zeug- 
nisses, jeder  Erwähnung  bei  solchen  deutschen  und  italienischen 
Geschichtschreibern,  welche  den  Kaiser  und  die  allgemeineren 
Reichsverhältnisse  bestimmter  verfolgen.  Die  Reise  eines  Kaisers, 
zumal  zu  einem  Hoftage,  pflegt  mancherlei  Spuren  zurückzu- 
lassen;  es  dürfte  sich  kein  Beispiel  tinden,  wo  diese  so  ganz-» 
lieh  fehlen  würden,  wie  hier.  War  es  auf  einen  Hoftag  abge- 
sehen, so  musste,  wollte  der  Kaiser  nicht  wochenlang  in  Deutsch- 
land warten,  derselbe  nicht  blos  im  allgemeinen,  sondern  mit 
Angabe  von  Zeit  und  Ort  den  Fürsten  von  Apulien  her  ange- 
kündigt sein ;  die  Reise  musste  geraume  Zeit  vorher  beschlossen 
sein.  Dennoch  findet  sich  in  den  mancherlei  Schreiben  und 
Verfüo-Liua-en  des  Kaisers  aus  diesem  Winter  nicht  das  geringste, 
was  auf  die  Absicht  längerer  Abwesenheit  deutete,  welche  doch 
auch  im  Königreiche  besondere  Vorkehrungen  nöthig  gemacht 
haben  würde.  Es  ist  richtig,  dass  es  Iloftage  gibt,  welche  die 
Geschichtschreiber  nicht  ei-wähnen;  wir  lernen  sie  aus  den  tlort 
ausgestellten  Urkunden  kennen.  Würden  nun  nicht  gerade 
damals,  wenn  der  Kaiser  nach  mehrjähriger  Abwesenheit  nach 
Deutschland  kam,  seine  Anhänger  die  Gelegenheit  benutzt 
haben,  sich  zahlreiche  Verbriefungen  von  demselben  zu  er- 
wirken? Sollte  uns  gerade  von  diesen  keine  erhalten  sein? 
Schirrmache)-    erinnert    an    die    Reise   nach    Deutschland   V2V2. 


282  Ficker. 

Aber  über  diese,  obwohl  sie  theilweise  geheim  gehalten  wurde, 
haben  wir  zahlreiche  Zeugnisse,  können  sie  ziemlich  genau 
verfolgen.  Auch  sonst  wird  ja  sehr  gewöhnlich  in  localen  Ge- 
schichtsquellen erwähnt,  dass  der  Kaiser  die  Stadt  auf  der 
Durchreise  passirte ;  gerade  hiei*  wäre  das  nirgends  geschehen. 

Endlich  findet  sich  noch  ein  Zeugniss,  welches  auffallender- 
weise von  Schirrmacher,  obwohl  es  ihm  vorlag,  gar  nicht  zur 
Sprache  gebracht  ist.  Am  3.  Mai  1242  schreibt  der  Kaiser 
denen  von  Mantua  und  wahrscheinlich  gleichlautend  andern 
lorabardischen  Städten,  dass  er  in  seiner  Fürsorge  für  die  Zu- 
stände Italiens  die  Absicht  gehabt  habe,  sogleich  mit  Beginn 
des  Sommers  persönlich  in  die  Lombardei  zu  kommen,  dass 
er  das  wegen  der  noch  immer  nicht  zu  Stande  gekommenen 
Pabstwahl  für  jetzt  aufgeben  müsse  und  deshalb  vorläufig  den 
Generallegaten  Enzio  mit  einem  Heere  dorthin  sende.  Ist  ein 
solches  Schreiben  denkbar,  wenn  er  soeben  von  einer  Reise 
zurückkam,  welche  ihn  zweimal  durch  die  Lombardei  geführt 
hatte?  Denn  an  den  Seeweg  über  das  adriatische  Meer  ist  zu 
einer  Zeit,  wo  der  Kaiser  mit  Venedig  im  Kriegszustande  war, 
natürlich  nicht  zu  denken.  Und  wenn  Schirrmacher  glaubt. 
Gewicht  darauf  legen  zu  dürfen,  dass  der  Kaiser  schon  im 
Herbst  1241  einem  deutschen  Fürsten  schrieb,  es  sei  seine  Ab- 
sicht, nach  erfolgter  Pabstwahl  nach  Deutschland  zu  kommen, 
so  scheint  das  doch  viel  eher  gegen  seine  Ansicht  zu  sprechen ; 
derselbe  Grund,  der  ihn  im  Frühjahr  1242  vom  Zuge  in  die 
Lombardei  abhielt,  der  auch  in  jenem  Schreiben  betont  wird, 
hielt  ihn  auch  von  dem  Zuge  nach  Deutschland  ab,  der  gewiss 
ohnehin  nicht  schon  für  den  Winter  beabsichtigt  war. 

Finden  sich  nun  solcher  Sachlage  gegenüber  in  Quellen 
zweiten  Ranges  Angaben,  wonach  der  Kaiser  in  jener  Zeit  in 
Deutschland  gewesen  wäre,  so  scheint  mir  die  Aufgabe  der 
Kritik  nur  noch  darin  zu  bestehen,  das  zweifellos  vorhandene 
Missverständniss  zu  erklären,  um  die  bezüglichen  Angaben  etwa 
in  anderer  Richtung  verwerthbar  zu  machen.  Es  ist  nicht  meine 
Sache,  darauf  näher  einzugehen.  Die  Stellen  des  Mathäus  Paris 
gehören  ohnehin  zunächst  in  eine  andere  Zeit,  gewinnen  für 
unsere  überhaupt  nur  Bedeutung,  wenn  sich  da  ein  bestimmterer 
Anknüpfungspunkt  findet.  Diesen  bietet  nur  das  Legendär 
der  Dominikanermönche  zu  Erfurt.     Zumal  für  unsere  Zwecke 


üebor  dio  Datirung  einiger  Urkunden  Kaiser  Frioilriclis  II.  2oö 

ist  dasselbe  zweifellos  nur  als  Quelle  untergeordneteii  Weitlies 
zu  betrachten.  Einmal,  weil  es  sich  nicht  um  eine  den  Ei"- 
eignissen  gleichzeitig-e  Aufzeichnung  handelt;  dann,  weil  sein 
Zweck  kein  reichsgeschichtlicher  war,  für  seinen  Zweck  nichts 
daran  lag,  ob  die  nebenbei  erwähnten  Ereignisse  von  reichs- 
geschichtlichem Interesse  genau  dargestellt  Avaren,  oder  nicht. 
Ich  zweifle  nicht,  dass  der  Verfasser  auch-  solche  Ereignisse 
so  richtig  erzählen  wollte,  als  er  sich  ihrer  erinnerte  oder  als 
er  sie  gehört  hatte,  während  er  andererseits  auch  kein  Interesse 
daran  hatte,  sich  da  um  möglichste  Richtigkeit  seiner  Erzählung 
zu  bemühen.  In  der  bezüglichen  Stelle  erzählt  der  Verfasser, 
dass  das  Ende  seines  Heklen,  des  frommen  Bruder  Elger, 
herannahte,  regminte  tunc  Frlderico  invperatore  secundo,  qiu  coii- 
vocacionem  principum  iu  Alemannia  liahidt  in  Frankenfort,  wohin 
auch  der  Landgraf  Heinrich  berufen  wurde,  welchen  Elger  be- 
gleitete. Des  Kaisers  wird  mit  keiner  Silbe  weiter  gedacht. 
Irrte  der  Verftisser  etwa  darin,  dass  nicht  der  Kaiser,  sondern 
der  König  Konrad  den  Tag  abhielt,  so  wird  man  ihm  das  nicht 
hoch  anrechnen  dirrfen.  Eben  so  wenig,  wenn  der  Sachverhalt 
etwa  der  war,  dass  der  Fürstentag  nur  von  dem  in  Italien 
weilenden  Kaiser  angeordnet  wurde,  ohne  dass  er  selbst  erschien, 
wie  sich  dafür  ja  Beispiele  finden;  deutet  das  Wort  hahuit 
allerdings  zunächst  auf  persönliche  Anwesenheit,  so  würde  es 
sich  doch  kaum  um  eine  übermässige  Nachlässigkeit  der  Fassung 
handeln,  falls  dem  Verfasser  auch  bekannt  gewesen  wäre,  dass 
der  Tag  nur  ein  vom  Kaiser  berufener,  nicht  auch  besuchter 
war.  Mag  nun  diese'  oder  jene,  oder  irgend  eine  andere  Er- 
klärung die  zutreffende  sein ;  keinenfalls  wird  uns  jene  Stelle 
als  Beweis  für  eine  Thatsache  genügen  dürfen,  welcher  bei 
näherer  Erwägung  der  Umstände  die  Gesammtheit  der  übrigen 
Zeugnisse  aufs  bestimmteste  widerspricht. 

Au  und  für  sich  viel  gewichtiger  ist  nun  allerdings  ihis 
urkundliche  Zeugniss,  wonach  der  Kaiser  am  20.  November  1241 
zu  Wien  war.  Uer  Zweck  einer  solchen  Reise  könnte  eine 
Zusammenkunft  mit  dem  Herzoge  Friedrich  gewesen  sein,  mit 
dem  der  Kaiser  seit  zwei  Jahren  wieder  in  gutem  Einvernehmen 
stand;  es  würde  sich  dann  etwa  um  die  Besprechung  von  Mass- 
regeln gegen  tlie  noch  immer  drohende  IMongolengefahr  ge- 
handelt haben,  obwohl  der  Kaiser  dieser    im  allgemeinen  wohl 


284  •  Ficker. 

weiiig-er  Aufnierksainkeit  öcliunktu,  als  billig  gewesen  wäre. 
Aber  fast  alle  Gründe,  welche  wir  gegen  die  Zulässigkeit  der 
Annahme  einer  Reise  in  diesem  Winter  überhaupt  oder  im 
März  1242  insbesondere  geltend  machten,  linden  auch  hier  ihre 
volle  Anwendung, 

Nur  bezüglich  des  für  die  Reise  nöthigen  Zeitraumes 
scheint  sich  hier  auf  den  ersten  Blick  die  Sachlage  etwas 
günstiger  zu  gestalten,  insofern  für  den  ganzen  November  ein 
ausdrückliches  Zeugniss  für  Anwesenheit  des  Kaisers  zu  Foggia 
durchaus  fehlt.  Beziehen  wir  nun  die  Zeugnisse  aus  dem  Oc- 
tober  auf  den  Anfang  des  Monats,  so  wird  wenigstens  die  Mög- 
lickeit  kaum  zu  bestreiten  sein,  dass  Friedrich  bis  zum  20.  No- 
vember zu  Wien  sein  konnte.  Schwieriger  ist  es  aber,  ihn 
rechtzeitig  nach  Foggia  zurückzubringen.  Huillard  gibt  zwei 
im  December  ohne  Tagesangabe  ausgestellte  Urkunden,  aber 
ohne  Ort.  Von  der  für  den  Abt  von  San  Salvatore  de  Sesto 
sah  ich  im  Archive  zu  Mailand  eine  beglaubigte  Abschrift  mit 
dem  in  andern  Texten  fehlenden  Ortsnamen  Foggia.  Die  zweite 
für  Gubbio  war  Huillard  nur  im  Auszuge  bekannt;  sie  ist  voll- 
ständig gedruckt  Gentile  Disamina  di  Pergola  103.  Die  Orts- 
angabe fehlt  allerdings  auch  hier;  doch  lässt  das  Wiedervor- 
kommen fast  aller  Zeugen  jener  ersten  Urkunde  keinen  Zweifel, 
dass  auch  diese  zu  Foggia  oder  in  der  Nähe  ausgestellt  ist. 
(Eine  dritte  Urkunde  vom  29.  Dec,  Huillard  6,  901,  gehört 
schwerlich  in  dieses  Jahr.)  Handelt  es  sich  hier  um  zwei 
Urkunden,  sind  diese,  da  beide  noch  das  Jahr  1241  nennen, 
wahrscheinlich,  wenn  auch  die  Regel  nicht  festzustellen  ist,  vor 
dem  25.  Dec.  ausgestellt,  ist  weiter  schwer  anzunehmen,  dass 
zufälligerweise  beide,  deren  Zeugen  doch  auch  Abweichungen 
zeigen,  gerade  in  den  letzten  mit  ihrer  Datirung  überhaupt 
vereinbarlichen  Tagen  ausgestellt  sein  sollten,  so  muss  schon 
dieser  Umstand  die  Annahme,  der  Kaiser  habe  seit  dem  20.  Nov. 
von  Wien  zurückkehren  können,  als  überaus  gewagt  erscheinen 
lassen,  zumal  wenn  wir^  wie  schon  bemerkt,  die  Benutzung  des 
Seeweges  nicht  werden  in  Rechnung  bringen  dürfen.  Dazu 
kommt  aber  noch  ein  anderes.  Die  Kaiserin  Isabella  starb 
am  ].  Dec.  zu  Foggia.  Dass  der  Kaiser  bei  ihrem  Tode  an- 
wesend war,  ist  allerdings  ausdrücklich  nirgends  gesagt.  Aber 
wir    haben    zwei    Schreiben,    in   welchen    Friedrich    ihren  Tod 


Ueter  die  Datirung  einiger  Urkunden  Kaiser  Friedrichs  II.  285 

beklagt.  Nirgends  die  leiseste  Andeutung,  dass  er  bei  dem- 
selben nielit  zugegen  war;  und  schwerlie^  würde  doch  der 
Kaiser  sagen,  dass  dieser  Schlag  ihn  getroli'en,  uohh  jmce  j)o- 
Hentihus  et  quiefe,  wäre  er  eben  damals  auf  einer  so  anstren- 
genden Reise  begriffen  gewesen.  Weiter  aber  enthält  eines 
jener  Schreiben,  das  undatirt  zunächst  an  den  Capitän  des 
Königreichs  gerichtet  ist  und  sichtlich  bestimmt  war,  das  Kr- 
eigniss  zuerst  zu  allgemeiner  Kunde  zu  bi-ingen,  zugleich  den 
Befehl,  überall  Exequien  abzuhalten.  War  der  Kaiser  ab- 
wesend, so  würde  man  mit  derartigen  Veranstaltungen  gewiss 
nicht  auf  seine  Rückkehr  gewartet  haben;  das  Schreiben  ist 
zweifellos  in  den  nächsten  Tagen  nach  dem  Todesfalle  zu  Fog- 
sria  oder  in  der  Nähe  erlassen.  Der  Kaiser  konnte  aber  nicht 
am  20.  Nov.  zu  Wien  und  Anfang  Deceinber  in  Apulicn  sein, 
auch  von  allem  andern  abgesehen,  wird  schon  danach  die  An- 
wesenheit des  Kaisers  zu  Wien  zur  Zeit  der  Ausstellung  jener 
Urkunde  als  Unmöglichkeit  bezeichnet  werden  müssen. 

Es  erübrigt  uns  demnach  nichts  mehr,  als  die  Frage  dahin 
zu  stellen,  wie  ist  es  zu  erklären,  dass  man  eine  angeblich 
am  20.  Nov.  1241  ausgestellte  Urkunde  des  Kaisers  aus  Wien 
datirte,  während  derselbe  doch  erweislich  damals  in  Apulien 
war?  Für  diesen  Zweck  wird  es  nöthig  sein,  noch  zwei  an- 
dere Urkunden  des  Kaisers  ins  Auge  zu  fassen,  bei  denen  sich 
ähnliche  Bedenken  ergeben,  welche  aber  leichter  durch  diese 
oder  jene  Erklärung  zu  beseitigen  schienen,  weil  sie  nicht  mehr 
im  Originale  vorliegen. 

In  der  einen  verpfändet  der  Kaiser  dem  Grafen  Wilhelm 
von  Jülich  die  Stadt  Düren  um  zehntausend  Mark.  Als  dabei 
gegenwärtig  werden  genannt  Graf  Friedrich  von  Leiningen, 
Gottfrid  von  Hohenlohe,  Konrad  von  Schmidelfeld,  Kraft  von 
Bocksberg,  Walter  Schenk  von  Limburg,  Wilhelm  Bonus. 
Datirt  ist  die  Urkunde  aus  Cremona,  1241,  October,  Ind.  In. 
Zuerst  veröffentlicht  wurde  sie  in  Kremers  Academischen  Bei- 
trägen zur  Gülch-  und  Bergischen  Geschichte  3,  82.  Der  Her- 
ausgeber Lamey  fühi-t  für  diese  Urkunde  keine  besondere  Quelle 
an ;  nach  der  allgemeinen  Angabe  der  Vorrede  wird  sie  aus  der 
damals  zu  Mannheim,  jetzt  zu  München  befindlichen  Abschriften- 
sammlung von  Rodinchoven's ,  pfälzischen  Geheimenraths  zu 
Düsseldorf,    entnommen    sein.    Nach   Mittheilung  von   Sclicffer- 


286  ,  Ficker. 

Boichorst  findet  sie  sich  B.  72  S.  137  jener  Sammlung;  als 
Quelle  nennt  Redinchoven  einfach  T.  6,  417,  worunter  die  von 
ihm  vielfach  benutzten  Sammlungen  des  Gelenius  zu  verstehen 
sein  dürften.  Das  Original  wird  verloren  sein,  da  Lacomhlet 
es  zweifellos  abgedruckt  haben  würde,  wenn  es  sich  noch  zu 
Düsseldorf  fände. 

Da  der  Kaiser  im  Oct.  1241  nachweislich  zu  Foggia  war, 
so  ergeben  sich  hier  dieselben  Anstände.  Böhmer  verzeichnete 
in  seinen  Reg-esten  die  Urkunde  unter  den  uneinreihbaren 
Stücken  Friedrichs  und  bemerkte  dazu:  ,Zeugen,  Zeitdaten 
und  Inhalt  gewähren  die  Ueberzeugung,  dass  diese  Urkunde 
nicht  von  Friedrich,  sondern  von  Konrad  IV.  herrührt.^  In 
seinem  mir  vorliegenden  Handexemplare  ist  er  noch  weiter 
gegangen  und  hat  die  Urkunde  geradezu  unter  die  Konrads 
eingereiht,  den  Ausstellungsort  in  seiner  Weise  in  die  Text- 
columne  versetzend;  eine  Anmerkung  wiederholt  wesentlich 
das  Obige,  ausserdem  noch  auf  den  kurzen  Kanzleistil,  als  Kon- 
rad entsprechend,  verweisend.  Huillard  6,  824  schliesst  sich 
der  Ansicht  Böhmers  an,  reiht  die  Urkunde  gleichfalls  unter 
Konrad  ein  und  meint,  es  werde  Colonie  oder  Tremonie  statt 
Cremone  zu  lesen  sein.  Schirrmacher,  Kaiser  Friedrich  II.,  4,  359, 
weist  das  mit  Recht  zurück,  da  der  König  sich  damals  in 
Schwaben  befand.  Er  hält  an  der  Ausstellung  durch  den  Kaiser 
fest,  betonend,  dass  auch  die  Fassung  des  Textes  auf  solche 
hinweise,  und  vermuthet,  es  sei  Coronate,  l'Incoronata  bei  Fog- 
gia, zu  lesen.'  Diesem  Erklärungsversuche  stehen  nun  die 
Zeugen  entgegen;  keiner  unter  ihnen  deutet  auf  Apulien,  da- 
gegen handelt  es  sich  um  Personen,  welche  wir  vorzugsweise 
in  der  Umgebung  des  jungen  Königs  finden,  von  welchen  die 
von  Hohenlohe,  Schmidelfeld,  Bocksberg  und  Limburg  wenig- 
stens später  ausdrücldich  als  seine  Räthc  bezeichnet  werden, 
welche  zweifellos  schon  damals  Mitglieder  der  Reichsregierung 
waren.  Schirrmacher  meint,  sie  dürften  als  Gesandte  des 
Königs  beim  Kaiser  gewesen  sein.  Das  ist  mir  ganz  glaublich 
bei  Konrad  von  Hohenlohe,  der  im  December  zu  Foggia  Zeuge 
ist.  Aber  wozu  hier  die  grosse  Zahl?  und  ist  es  denkbar, 
dass  gerade  in  jener  gefahrdrohenden  Zeit,  wo  der  bisherige 
Reichsverweser  ofi'en    abgefallen,    ein  neuer  noch  nicht  bestellt 


i 


Ueber  die  Datirung  einiger  Urkunden  Kaiser  Friedrichs  II.  287 

war,    die   Mehrzahl    der    Reichsräthe    Deutschland    für  längere 
Zeit  verlassen  haben  sollte?  '> 

So  bestimmt  mir  das  geg-en  die  Ansicht  Schirrmachers 
zu  sprechen  scheint,  so  gebe  ich  gern  zu,  dass  auch  die  An- 
nahme überaus  misslich  ist,  es  sei  etwa  durch  Schuld  der  Ab- 
schreiber aus  einer  Urkunde  Konrads  eine  des  Kaisers  gemacht 
worden,  nicht  allein  Namen  und  Titel,  sondern  auch  der  Ort 
geändert.  Keine  der  bisherigen  Erklärungen  scheint  mir  zu 
genügen;  da  wird  es  doch  am  nächsten  liegen,  wenigstens 
versuchsweise  anzunehmen,  die  Urkunde  sei  so  ausgestellt,  wie 
sie  vorliegt,  wonach  dann  freilich  wiedei"  die  Frage  zu  beant- 
worten ist,  wie  ist  es  zu  erklären,  dass  eine  Urkunde  des  da- 
mals in  Apulien  weilenden  Kaisers  aus  Cremona  datirt  sein 
kann,  und  dass  in  ihr  die  damals  wahrscheinlich  in  Schwaben 
beündlichen  Räthe  des  Königs  als  Zeugen   genannt  werden? 

In  einer  andern  Urkunde  verspricht  der  Kaiser  den  Her- 
zogen von  Brabant,  Lothringen  und  Limburg,  den  Grafen  von 
Geldern,  Loos  und  Jülich,  den  Herren  von  Limljurg  und  Heins- 
bei-g,  welche    ihm   und  seinem  Sohne  unverbiiichlich  anhängen 
wollen,    sie    bei   ihrem  Rechte    zu  schützen,    ihnen   gegen  Ver- 
letzer   desselben    beizustehen;    eine    etwaige    Sühne    mit    dem 
Papste  Gregor  auch  auf  sie  auszudehnen ;  sie  bei  den  Diensten, 
welche    sie    ihm    leisten,    nach  Möglichkeit    schadlos  zu  halten, 
und  sie  auf  Grund  der  Dienstbriefe,  Avelche  sie  ihm  ausstellten, 
nicht    zum    Ueberschreiten    der    Alpen    verhalten    zu    Avollen. 
Acta  sunt  liec  anno  dorn.  ine.  m.  cc.  xli.,  mense  aprili,  indictione 
decima    quarta,    apud^  Leodinm.      Die    Urkunde    wurde    zuerst 
veröffentlicht  in  Butkens  Trophees  du  duchc  de  Brabant  ],  84 
aus   einem    Kartular    des    Herzogthums    Brabant.      Davon    un- 
abhängig scheint  der  Druck  bei  Bertholet  Histoire  de  Luxem- 
bourg  4,  69  zu  sein,    der  sie   aus  Mantelius  Historia  Lossensis 
entnahm.    Es  zeigen  sich  hier  einige  kleine  Abweichungen ;  so 
fehlt    bei    corone    das    anstössige    mee,    welches    übrigens    auch 
leicht   aus  nre  corrumpirt  sein  könnte;    in   allem  Wesentlichen 
stimmen  die  Texte  überein. 

Mit  dem  Itinerar  des  Kaisers,  der  am  14.  April  Faenza 
einnahm  und  dann  bis  in  den  Mai  zu  Faenza  verblieb,  ist  der 
Ausstellungsort  ganz  unvereinbar.  Böhmer  reihte  die  Urkunde 
in    den   Rea-esten    Friedrichs    zur    angegebenen  Zeit    ein,    aber 


288  Fickcr. 

mit  der  Bemerkung':  , Unecht  oder  doch  sehr  entstellt^  Huil- 
lard  6,  1116  hält  die  Urkunde  im  Allgemeinen  für  echt,  nur 
annelmiend,  dass  einige  auffallende  Ausdrücke  auf  Rechnung 
des  Abschreibers  zu  setzen  seien,  welcher  denn  auch  das  apwcZ 
Leodmm  statt  des  ihm  vielleicht  unbekannten  apucl  Faventiavi 
geschrieben  haben  werde.  Schirrmacher  scheint  das  zu  billigen, 
da  er  mehrfach  (Gesch.  Friedrichs  3,  208.  4,  10;  Albert  von 
Possemünster  113)  ohne  weitere  Bemerkung  unter  Verweisung 
auf  Huillard  von  der  Urkunde  für  die  in  ihr  angegebene  Zeit 
Gebrauch  macht. 

Mögen  sich  Bedenken  gegen  Einzelnheiten  der  Urkunde 
erheben  lassen,  so  entspricht  dieselbe  doch  im  Allgemeinen 
den  Zeitverhältnissen  so  genau,  dass  sie  in  ihrem  wesentlichen 
Bestände  gewiss  für  echt  zu  halten  ist.  Ein  Versuch,  die 
Schwierigkeit  auch  hier  in  derselben  Weise  zu  lösen,  wie  das 
Böhmer  und  Huillard  für  jene  andere  thaten,  anzunehmen,  es 
sei  eine  Urkunde  König  Konrads,  bei  welcher  nur  Namen  und 
Titel  geändert,  ist  ganz  unzulässig.  Die  gesammte  Fassung 
des  Textes  weist  aufs  bestimmteste  auf  den  Kaiser  als  Aus- 
steller hin.  Bei  einer  nur  aus  Abschriften  erhaltenen  Urkunde 
würde  auch  die  Vermuthung,  es  sei  Faenza  in  Lüttich  geändert, 
wohl  etwas  gewagt,  aber  an  und  für  sich  doch  nicht  gerade 
unzulässig  erscheinen.  Aber  einmal  ist  es  doch  auffallend,  dass 
diese  nun  schon  die  dritte,  auf  niederrheinische  Verhältnisse 
bezügliche  Urkunde  ist,  bei  welcher  der  Ort  mit  dem  Itinerare 
des  Kaisers  nicht  stimmt;  das  wird  doch  genügende  Ver- 
anlassung sein  müssen,  es  wenigstens  zu  versuchen,  die  Schwie- 
rigkeit in  anderer  Richtung,  als  durch  Annahme  eines  Ver- 
sehens der  Abschreiber,  zu  erklären.  Weiter  aber  scheint  es 
mir  keineswegs  nur  die  Ortsangabe  zu  sein,  welche  hier 
Schwierigkeiten  bietet;  die  blosse  Aenderung  dieser  würde 
keineswegs  alles  Auffallende  erklären. 

Bei  beiden  besprochenen  Urkunden  erheben  sich  nämlich 
auch  Bedenken  bezüglich  der  Zeitangabe.  Können  sie  zu 
Lüttich  im  April  und  zu  Cremona  im  October  1241  zweifellos 
wenigstens  nicht  vom  Kaiser  ausgestellt  sein^  so  ist  es  mir 
sehr  unwahrscheinlich,  dass  ihre  Entstehung  überhaupt  in 
jene  Monate  filllt.  An  äussern  Gründen  fehlt  es  da  allerdings 
durchaus.      Beide   Urkunden    sind   nicht   blos    mit    dem   Licar- 


Uober  die  Datirnii},'  einigor  Urluiiulen  Kaiser  Friedrichs  IL  289 

nationsjalire,  sondern  auch  mit  der  für  jene  Monate  ent- 
sprechenden Indiction  versehen.  Die  Annahme  von  Abschreiber- 
corruptionen  wird  dadurch  ganz  unwahrscheinlicli ;  wir  werden 
annehmen  müssen,  dass  die  Zeitangaben  sich  schon  im  Origi- 
nale so  fanden.  Dennoch  scheint  mir  der  Inhalt  kaum  mit 
ihnen  in  Einklang-  gebracht  werden  zu  können. 

Nach  der  Urkunde  vom  April  hatten  eine  Anzahl  lothrin- 
gischer Fürsten,  Grafen  und  Herren  Briefe  ausgestellt,  durch 
welche  sie  sich  dem  Kaiser  und  dem  Reiche  zu  besonderm 
Dienste  verpflichteten.  Sichtlich  nicht  etwa  gegen  einen  äussern 
Feind,  wobei  zunächst  an  die  Mongolen  zu  denken  wäre,  sondern 
gegen  einen  Innern ;  es  heisst,  dass  jene  entschlossen  sind,  dem 
Kaiser  und  seinem  Sohne  unverbrüchlich  anzuhängen  zur  Er- 
haltung der  Krone  und  der  kaiserlichen  Würde.  Schon  das 
deutet  auf  Zusammenhang  mit  dem  Streite  zwischen  Kaiser 
und  Papst,  wie  das  bestimmter  dadurch  hervortritt,  dass  der 
Kaiser  ver'spricht,  jene  in  einen  etAvaigen  Frieden  mit  dem 
Papste  einzuschliessen.  Verzichtet  der  Kaiser  weiter  ausdrücklich 
darauf,  ihre  Dienste  jenseits  der  Alpen  in  Anspruch  zu  nehmen, 
so  kann  der  Brief  doch  wohl  nur  in  einer  Zeit  entstanden 
sein,  wo  die  Anhänger  des  Papstes  in  Deutschland  selbst  be- 
reits zu  einem  offenen  Kampfe  übergegangen  waren  oder  letz- 
teres wenigstens  in  bestimmterer  Aussicht  stand. 

Dass  der  Kampf  selbst  erst  im  September  1241  von  den 
Erzbischöfen  von  Mainz  und  Köln  eröffnet  wurde,  ersehen  wir 
bestimmt  aus  den  Annalen  von  S.  Pantaleon  in  Verbindung 
mit  den  urkundlichen  Zeugnissen.  An  und  für  sich  wäre  nun 
kaum  zu  bestreiten,  dass  der  Kaiser  schon  geraume  Zeit  früher 
eine  solche  Wendung  voraussehen,  sich  durch  Sonderverträge 
mit  deutschen  Grossen  darauf  vorsehen  mochte.  Aber  von 
unserer  Urkunde  abgesehen,  fehlen  dafür  doch  bestimmtere 
Zeugnisse.  Schirrmacher  4,  11  möchte  allerdings  schon  eine 
Verbriefung  König  Konrads  für  die  Stadt  Köln  vom  7.  Juli  1240 
mit  diesen  Verhältnissen  in  engere  Verbindung  bringen.  Ihr  Inhalt 
erinnert  auch  wirklich  mehrfach  an  den  unserer  Urkunde.  iVber 
nach  den  genaueren  Nachrichten,  welche  uns  jetzt  in  den  Annalen 
von  S.  Pantaleon  vorliegen,  ist  die  Veranlassung  jener  Verbriefung 
in  einer  Fehde  localer  Natur,  in  welche  der  König  hineingezogen 
wurde,  zu  suchen.     Der  Erzbischof  und  die  Stadt  Köln  waren 

Sitzb.  d.  phU.-hist.  Cl.  LXIX.  lid.  III.  Uft.  19 


290  Ficker. 

seit  längei-er  Zeit  in  Fehde  mit  den  Herzogen  von  Brabant 
und  Limburg  und  andern  Grossen.  Der  König  verlangte,  dass 
die  Parteien  auf  einem  Tage  zu  Frankfurt  sich  seiner  Ver- 
mittlung oder  seinem  Urtheile  unterwürfen;  da  der  Erzbischof 
nicht  erschien,  erklärte  sich  der  König  für  dessen  Feinde.  Er 
wird  nun  die  Stadt  Köln  zur  Einstellung  der  Fehde  aufgefor- 
dert haben;  aus  dem  Inhalte  jener  Urkunde  lässt  sich  schliessen, 
dass  diese  sich  dazu  bereit  erklärte,  wenn  sie  auf  den  Schutz 
des  Königs,  zunächst  wohl  gegen  den  Erzbischof,  bauen  dürfe. 
Dieser  Schutz  wurde  dann  am  7.  Juli  nicht  allein  im  Allge- 
meinen verheissen,  sondern  es  wurden  auch  bestimmt  die 
Grafen  von  Sayn  und  Geldei-n  damit  beauftragt.  Dass  die 
Stadt  daraufhin  die  Fehde  einstellte,  ergibt  sich  einmal  daraus, 
dass  sie  sich  am  27.  Juli  vom  P^rzbischof  bezeugen  Hess,  dass 
sie  ihm  vom  Beginn  der  Fehde  bis  zum  25-  Juli  getreulich 
beigestanden  habe  (Lacomblet  ITrk.  Buch  2,  127),  während 
weiter  die  Annalen  melden,  dass  nach  dem  Friedensschlüsse, 
der  nach  den  Urkunden  Anfang  September  fällt,  Misshellig- 
keiten zwischen  dem  Erzbischofe  und  der  Stadt  entstanden 
seien,  weil  dieselbe  jenen  ihren  Versprechungen  gemäss  nicht 
bis  zum  Ende  unterstützt  habe. 

Waren  bei  der  Verbriefung  Konrads  für  Köln  besondere 
Verhältnisse  massgebend,  so  könnten  diese  nun  auch  die  Ver- 
muthung  nahe  legen,  der  Inhalt  unserer  Urkunde  gehe  auf 
einen  damals  vom  Könige  mit  den  niederländischen  Grossen 
geschlossenen  Vertrag  zurück.  Auch  der  Stadt  wurde  damals 
eine  entsprechende  Verbriefung  des  Kaisers  selbst  versprochen ; 
unsere  Urkunde  wäre  dann  die  aus  unliekannten  Ursachen  sehr 
verzögerte  kaiserliche  Bestätigung  des  Abkommens  mit  dem 
Könige.  Allerdings  handelt  es  sich  um  Grosse,  welche  durch- 
weg 1240  Feinde  des  Erzbischofs  gewesen  zu  sein  scheinen. 
Dass  sie  dein  Könige,  als  ei-  für  sie  Partei  ergriff,  bestimmtere 
Zusicherungen  machten,  ist  gewiss  nicht  unwahrscheinlich ; 
aber  schwerlich  in  solcher  Fassung,  wie  sie  unsere  Urkunde 
zeigt.  Auch  nach  der  Einmischung  des  Königs  behielt  jene 
niederrheinische  Fehde  doch  durchaus  einen  localen  Charakter, 
wurde  insbesondere  auch  wohl  vom  Könige,  beziehungsweise 
der  Reichsregierung  so  aufgefasst,  da  man  nicht  einmal  Ver- 
anlassung nahm,    in    der  Nähe    zu   bleiben,    das  Hoflager  fort- 


Ueber  die  Datiruiig  einiger  Urkunden  Kaiser  Friedrichs  IL  291 

während  in  Oberdeutschland  war.  Das  ganze  Eingreifen  der 
Reichsgewalt  scheint  sich  darauf  beschränkt  zu  haben,  dass 
man  der  Stadt  Köln  ihre  Neutralität  verbürgte,  dass  man  der 
Reichsstadt  Aachen  und  Anderen,  Avelche_  dem  Reiche  unmittel- 
bar verpflichtet  Avaren,  gestattete,  gegen  den  Erzbischof  Partei 
zu  nehmen.  Solcher  Sachlage  entspricht  offenbar  die  auf 
grössere  Verhältnisse  bereclmete  Fassung  unserer  Urkunde 
nicht;  von  Kämpfen,  bei  welchen  es  sich  um  die  Behauptung 
der  Krone  und  der  kaiserlichen  Würde  handelte,  konnte  1240 
noch  nicht  die  Rede  sein;  solche  Ausdrücke  waren  erst  dann 
an  ihrem  Platze,  wenn  es  sich  um  die  Bekämpfung  von  Fein- 
den handelte,  welche  sich  offen  auf  den  Staudpunkt  des  Papstes 
stellten,  das  Recht  des  gebannten  Kaisers  auf  das  Reich  für 
verwirkt  betrachteten. 

Mochten  bis  April  1241  bestimmtere  Anzeichen  hervor- 
getreten sein,  dass  die  päpstliche  Partei  selbst  offene  Auf- 
lehnung nicht  scheuen  werde,  so  hat  doch  gewiss  auch  in 
dieser  Zeit  ein  Abkommen,  welches  diesen  Fall  so  bestimmt 
ins  Auge  fasst,  an  und  für  sich  etwas  Befremdendes.  Das 
steigert  sich  dann  aber  ausserordentlich,  Avenn  wir  die  beson- 
dere Sachlage  im  April  beachten.  Gerade  damals  war  das  ge- 
sammte  Reich  durch  die  Mongolen  in  solcher  Weise  gefährdet, 
dass  dem  gegenüber  alle  andern  Parteiungen  zurücktreten  muss- 
ten,  dass  damals  wohl  am  wenigsten  Grund  vorhanden  war,  auf 
möglicherweise  ausbrechende  innere  Streitigkeiten  Bedacht  zu 
nehmen;  gerade  der  damaligen  Sachlage  gegenüber  ist  mir  ein 
Sonderabkommen  mit  einzelnen  Fürsten  und  Grossen,  das 
sichtlich  nur  auf  innere  Kämpfe  berechnet  ist,  ganz  unAvahr- 
scheiulich. 

Zu  diesen  allgemeinen  Erwägungen  tritt  nun  aber  noch 
ein  besonderer  Grund  hinzu.  Nach  unserer  Urkunde  würde  zu 
denen,  welche  sich  schon  im  April  1241  dem  Kaiser  zum  Dienste 
gegen  die  päpstliche  Partei  verpflichteten,  auch  der  Graf  Wil- 
helm von  Jülich  gehören.  Aus  anderen  Quellen  wissen  wir  nun 
ganz  bestimmt,  dass  es  erst  geraume  Zeit  nach  Ausbruch  des 
Kampfes  gelang,  denselben  durch  besondere  Vergünstigungen  zur 
Parteinahme  für  die  Sache  des  Kaisers  zu  bewegen.  In  den 
Fragmenten  der  rheinischen  Chronik,  welche  Pertz  in  den  Ab- 
handlungen   der  Berliner  Academie   von  1855   mittheilt,    heisst 

19* 


292 


F  i  c  k  e  r. 


es:  Munera  cesarea  comitem,  sihi  JuUacensem  armant  interea 
donis  in  Coloniensem,  prelatum.  [  Die  Annalen  von  S.  Pantaleon 
beginnen  das  Jahr  1242  mit  der  Nachricht:  Imperiales  in 
dioecesi  Coloniensi  in  partem  suam  traxerunt  Wilhelmum  co- 
mitem Jidiacensem  'per  pecuniam.  Das  findet  nun  seine  Bestä- 
tigung und  genauere  FeststeUung  durch  eine  Urkunde  bei  La- 
comblet  Urk.  Buch  2,  134.  Am  1.  Dec.  1241  bekundet  die 
Stadt  Aachen,  wie  sie  mit  dem  Grafen  von  Jülich  überein- 
gekommen sei,  dass  derselbe  mit  seiner  ganzen  Macht  dem 
Kaiser  und  dessen  Sohn  gegen  Jedermann  dienen  und  darin 
gemeinsam  mit  der  Stadt  handeln  solle;  dafür  habe  er  ah  im- 
perio  zum  Zwecke  der  Vermehrung  seines  Lehens  fünfhundert 
Mark  Kölner  Denare  erhalten,  deren  Anlage  er  auf  Verlangen 
nachzuweisen  habe;  zur  Bekräftigung  dessen  sei  ihm  dieser 
Brief  unter  dem  Siegel  der  Stadt,  des  Schultheissen  und  des 
Vogtes  ausgestellt.  Daraus  ist  doch,  zumal  wenn  wir  jene 
Stellen  hinzunehmen,  mit  Sicherheit  zu  schliessen,  dass  der 
Graf  bis  dahin  noch  nicht  für  den  Kaiser  Partei  ergriffen  hatte. 
Die  sonderbare  Urkunde  findet  weiter  doch  wohl  nur  dann  ihre 
Erklärung,  wenn  die  erste  Anwerbung  des  Grafen  nicht  von 
der  in  Oberdeutschland  befindlichen  Reichsregierung  selbst  aus- 
ging, sondern  von  den  Imperiales,  zunächst  der  Stadt  Aachen, 
welche  als  Negotiorum  gestor  auftretend  auf  eigene  Hand  im 
Interesse  des  Reichs  handelt,  w^ährend  dann  die  Geldsumme 
von  den  dortigen  Reichsbeamten  berichtigt  sein  mag. 

Mit  einem  schon  im  April  eingegangenen  Dienstvertrage 
des  Grafen  reimt  sich  das  im  Allgemeinen  nicht.  Doch  gebe 
ich  gerne  zu,  dass,  wenn  sich  kein  anderer  Ausweg  fände,  etwa 
angenommen  werden  könne,  der  Graf  sei  seinen  früheren  Ver- 
pflichtungen untreu  geworden.  Besonderes  Gewicht  scheint 
mir  nun  aber  der  Umstand  dadurch  zu  erhalten,  dass  eine 
Ausstellung  der  andern  von  uns  besprochenen  Urkunde  zu  der 
in  ihr  angegebenen  Zeit  mit  jenen  Nachrichten  über  die  Ge- 
winnung des  Grafen  von  Jülich  ganz  unvereinbar  erscheint. 
Nach  jener  wäre  dem  Grafen  schon  im  October  1241  zur  Be- 
lohnung seiner  Dienste  vom  Kaiser  die  Reichsstadt  Düren  um 
zehntausend  Mark  Silber  verpfändet,  also  um  das  zwanzigfache 
von  dem,  was  zwei  Monate  später  ausgereicht  hat,  ihn  für  die 
kaiserliche  Sache  zu  gewinnen ;  denn  auch  bei  den  fünfhundert 


Ueber  die  Datirung  einiger  Urkunden  Kaiser  Friedrichs  II.  293 

Mark  liandelte  es  sich  nicht  etwa  um  eine  Aushülfe  zu  augen- 
blicklicher Verwendung,  sondern  um  dau&rnde  Vei-mehrung- 
seiner  reichslehnbaren  Einkünfte.  Ich  wüsste  nicht,  wie  dieser 
Gegensatz  bei  Einhaltung  der  Zeitfolge  der  Urkunden  irgend- 
wie zu  erklären  wäre.  Und  auch  an  und  für  sich  wüsste  ich 
mir  die  Anweisung  einer  so  überaus  bedeutenden  Summe  im 
October  nicht  zu  erklären.  Von  Diensten,  welche  der  Graf 
bis  dahin  geleistet  hatte,  kann  noch  nicht  die  Rede  sein ;  und 
so  bedeutend  war  seine  Macht  doch  nicht,  dass  die  Hülfe, 
welche  er  möglicherweise  in  Zukunft  leisten  konnte,  um  eine 
solche  Summe  nicht  zu  theuer  erkauft  sein  sollte.  Der  ungleich 
mächtigere  Herzog  von  Brabant  hat  im  März  1242  nur  drei- 
tausend Mark  erhalten.  Und  höher  hat  man  später  unter 
zweifellos  viel  drängenderen  Verhältnissen  auch  die  Hülfe  des 
Grafen  nicht  angeschlagen.  Jene  frühere  Verpfändung  von 
Düren  nämlich  muss  rückgängig  geworden  sein ;  zweifellos  in 
Folge  der  Aussöhnung  des  Grafen  mit  dem  Erzbischofe  von 
Köln  im  November  1242.  Am  12.  Dec,  124G,  also  nach  Auf- 
stellung eines  Gegenkönigs  und  Verlust  einer  grossen  Schlacht 
gegen  denselben,  wurde  dann  aber  der  Graf  um  dreitausend 
Mark  für  die  Sache  des  Kaisers  wiedergewonnen  und  ihm 
abermals  Düren  als  Sicherheit  bestellt;  vgl.  Huillard  6,  881. 

Sehen  wir  nun  aber  von  der  Zeitangabe  der  Urkunde, 
welche  ja  ohnehin  imhaltbar  zu  sein  scheint,  ganz  ab,  so  fin- 
den wir  leicht  eine  Sachlage,  wo  die  Verschreibung  einer  so 
bedeutenden  Summe  gerade  an  den  Grafen  von  Jülich  den 
Verhältnissen  durchaus  entspricht.  Das  war  damals,  als  der 
Graf  nach  der  Schlacht  bei  Lechenich  das  eine  Haupt  der 
päpstlichen  Partei,  den  Erzbischof  von  Köln,  gefangen  in  seinen 
Händen  hatte.  Wäre  ihm  damals  zur  Belohnung  für  die  ge- 
leisteten Dienste  und  um  sich  seiner  Treue  zu  versichern, 
eine  solche  Summe  ohne  weitere  Gegenleistung  verschrieben, 
so  würde  das  in  dieser  Zeit  an  und  für  sich  weniger  auffixllen. 
Es  müssen  aber  weiter  damals  vom  Grafen  bestimmte  Ver- 
pflichtungen gegen  das  Reich  übernommen,  es  muss  ein  Ver- 
trag geschlossen  sein,  wonach  der  Graf  den  Erzbischof  fortan 
nicht  als  eigenen,  sondern  als  Gefangenen  des  Reichs  in  seinem 
Gewahrsam  haben  sollte.  Denn  als  der  Graf  treubrüchig  am 
2.  Nov.  1242    sich    mit    dem    P>zbischofe    verständigte,    heisst 


294  Picker. 

es  in  der  Vertragsurkunde  ausdrücklich,  dass  der  Erzbischof 
ex  parte  imperii  g-efangen  gehalten  wurde ;  der  Erzbischof  ent- 
bindet zugleich  den  Grafen  und  dessen  Räthe  de  illicito  iura- 
mento,  quod  fecerunt  regt  et  consiUo  imperii,  nimmt  es  auf  sich, 
quod  iuramentum  ipso  iure  mdlum  fuit,  und  verpflichtet  sich, 
die  päpstliche  Genehmigung  dafür  zu  beschaffen;  vgl.  Lacom- 
blet,  Urk.  Buch  2,  140.  Werden  nun  bei  der  Verpfändung 
von  Düi'en  als  anwesend  gerade  die  Personen  genannt,  welche 
wir  in  jener  Zeit  als  Mitglieder  des  Reichsraths  zu  betrachten 
haben,  wurde  weiter,  wie  schon  bemerkt,  jene  Verpfändung 
später,  da  der  Graf  seineu  Verpflichtungen  nicht  nachgekom- 
men war,  als  erloschen  betrachtet,  so  liegt  doch  gewiss  nichts 
näher,  als  der  Gedanke,  dass  jene  Verpfändung  der  Preis  da- 
für war,  dass  der  Graf  sich  eidlich  verpflichtete,  den  Erz- 
bischof als  Gefangenen  des  Reichs  zu  behandeln. 

Halten  wir  das  im  Auge,  so  wäre  es  nun  allerdings 
wichtig,  die  Zeit  der  Gefangennahme  des  Erzbischofs  genauer 
feststellen  zu  können,  über  welche  sich  ein  unmittelbares 
Zeugniss  nicht  erhalten  hat.  Man  hat  die  Schlacht  bei  Leche- 
nich  (irrig  ßadua)  bisher  vorwiegend  in  den  April  gesetzt ;  noch 
neuerdings  hat  Schirrmacher,  Albert  von  Possemünster  122,  das 
zu  begründen  gesucht,  als  ausschlaggebend  die  am  27.  März, 
daun  zu  Köln  am  3.  April  ausgestellten  Urkunden  des  Erz- 
bischofs betrachtend.  Bei  Urkunden,  welche,  wie  diese,  nur 
eine  einfache  Jahresbezeichnung  haben,  ist  die  Grundlage  immer 
eine  etwas  unsichere;  und  wenigstens  nach  dem,  hier  aller- 
dings weniger  üblichen  Jahresanfänge  mit  Ostern  würden  beide 
erst  1243  fallen.  Malg-  nun  diese  Erklärung  zutreffen,  mag  auf 
eine  andere  zu  denken  sein,  jedenfalls  scheint  mir  die  Ueber- 
einstimmung  anderer,  von  einander  unabhängiger  Zeugnisse 
keinen  Zweifel  zu  lassen,  dass  die  Schlacht  schon  in  den 
Februar  fällt. 

Darauf  führt  uns  zunächst  die  Angabe  mehrerer  Quellen, 
darunter  der  nahestehenden  rheinischen  Chronik,  dass  die  Ge- 
fangenschaft des  am  2.  November  entlassenen  Erzbischofs 
neun  Monate,  oder  doch  bis  in  den  neunten  Monat  gedauert 
habe;  vgl.  Pertz  a.  a.  O.  135.  137.  Das  Mense  nono  der  rhei- 
nischen Chronik,  wie  Schirrmacher^  auf  den  November  zu  be- 
ziehen, ist    doch    sehr   gewagt   und  würde    zudem   nur  die  An- 


i 


Ueber  die  Diitirung  einiger  Urkunden  Kaiser  Friedrichs  II.  295 

gäbe  der  einen,  allerdings  beachtcnswerthesten  Quelle  erklären. 
Doch  würde  ich  dem  weniger  Gewicht  bpilegen,  wenn  uns 
nicht,  was  Schirrraacher  unbeachtet  lässt,  die  Angaben  der 
Annalen  von  S.  Pantaleon  in  Verbindung  mit  den  Urkunden 
srleichfalls  auf  den  Februar  führen  würdtui.  Die  Annalen  l^e- 
ginnen  den  Bericht  über  das  Jahr  1242  mit  der  Erzählung 
der  Fehde  und  führen  diese  fort  bis  zur  Abführung  des  gefan- 
genen Erzbischofs  auf  die  Feste  Nideck.  "  Sie  fahren  dann 
fort:  Quo  in  captivitate  detento  Conradus,  ßlius  imperatoris  se 
habens  pro  rege,  Treverim  venu,  uhi  midti  nohiles  adfuerunt  et 
priores  Colonienses  pro  domino  stio  capto  sine  profectu  suppli- 
cantes;  weiter  sei  dann  der  König  in  den  Fasten  auch  nach 
Köln  gekommen,  um  die  bischöflichen  Einkünfte  mit  Beschlag 
zu  belegen,  habe  aber  davon  abstehen  müssen.  Dass  die  Ge- 
fangeunehmung  der  Reise  des  Königs  vorherging,  ist  danach 
doch  gar  nicht  zu  bezweifeln,  wenn  wir  nicht  annehmen  wollen, 
dass  eine  so  wohl  unterrichtete  Quelle  Dinge  erzählt,  welche 
rein  aus  der  Luft  gegriffen  sind.  Die  Zeit  der  Reise  des 
Königs  aber^  welche  die  Annalen,  und  ebenso  die  Gesta  Tre- 
virorum  nur  ungenau  nach  den  Fasten  bezeichnen,  lässt  sich 
nach  den  Urkunden  genau  feststellen.  Dass  eine  vom  1.  März 
1241  aus  Trier  datirte  Urkunde  zu  1242  gehört,  ist  gar  nicht 
zu  bezweifeln;  aber  selbst  davon  abgesehen,  haben  wir  Ur- 
kunden, welche  ohne  Tagesangaben  im  März  1242  zu  Trier 
und  Köln  ausgestellt  sind.  Danach  werden  die  Zeitverhältnisse 
keinem  Bedenken  unterliegen  können.  Im  Februar  wurde  der 
Erzbischof  gefangen.  Die  Reise  des  Königs  wird  dadurch 
zumeist  veranlasst  sein.  Ist  unsere  Vermuthung  richtig,  dass 
die  Verpfändung  von  Düren  in  Verbindung  steht  mit  dem 
Abkommen  über  den  gefangenen  Erzbischof,  so  sehen  wir  uns 
damit  auf  den  März   1242  hingewiesen. 

Schienen  sich  nun  auch  für  jene  andere,  angeblich  im 
April  1241  ausgestellte  Urkunde  Gründe  zu  ergeben,  dass  sie 
einer  späteren  Zeit  angehöre,  so  liegt  gewiss  auch  für  diese 
die  Annahme  am  nächsten,  dass  es  sich  da  um  Abmachungen 
aus  der  Zeit  der  Reise  des  Königs  an  den  Niederrhein  handle. 
Jedenfalls  würde  die  Annahme,  die  in  der  Urkunde  erwähnten 
Dienstverträge  mit  den  lothringischen  Fürsten  und  Grossen 
seien  damals  zum  Abschlüsse  gelangt,  sehr  wohl  dazu  stimmen, 


296  "  Ficker. 

dass  der  König  im  März  zu  Köln  einem  von  jenen,  dem  Her- 
zoge von  Brabant,  eine  Zahlung  von  dreitausend  Mark  ver- 
brieft. Allerdings  steht  ein  anderer  Umstand  im  Wege.  Nicht 
blos  die  Datirung  der  Urkunde,  sondern  auch  eine  Angabe  des 
Textes  deutet  auf  frühere  Entstehungszeit.  Es  ist  darin  näm- 
lich eine  Sühne  des  Kaisers  mit  dem  Papste  Gregor  in  Aus- 
sicht genommen;  dieser  aber  starb  schon  am  21.  Aug.  1241. 
Wir  haben  aber  in  diesen  Urkunden  bisher  schon  so  viel 
Räthselhaftes  gefunden,  dass  uns  das  wenigstens  von  vorn- 
herein nicht  ausschlaggebend  sein  darf  gegenüber  so  manchen 
Gründen,  welche  für  spätere  Entstehung  zu  sprechen  scheinen. 

Nach  allem  Gesagten  ergibt  sich  also  ein  Fall,  welcher 
der  allgemeinen  Regel,  dass  eine  Urkunde  von  dem  in  ihr  ge- 
nannten Aussteller  am  genannten  Orte  zur  angegebenen  Zeit 
ausgestellt  sei,  in  einer  Weise  Hohn  spricht,  wie  nicht  leicht 
ein  anderer.  Es  handelt  sich  um  drei  Urkunden  aus  demselben 
Jahre,  bei  welchen  erweislich  der  Aussteller  zur  angegebenen 
Zeit  nicht  an  den  genannten  Orten  sein  konnte,  während  sich 
überdies  bei  zweien  der  dringende  Verdacht  erhebt,  dass  sie  über- 
haupt nicht  zu  der  in  ihr  angegebenen  Zeit  entstanden  sind.  Und 
ist  bei  der  einen  die  Echtheit  gar  nicht  zu  bezweifeln,  so  ent- 
sprechen auch  die  beiden  andern  im  Allgemeinen  der  Sach- 
lage so  genau,  dass  wir,  von  jenen  Umständen  abgesehen, 
keinen  Grund  haben,  ihre  Echtheit  in  Frage  zu  stellen ;  wie 
denn  auch  der  Umstand,  dass  sie  mit  jener  zweifellos  echten 
in  nahem  sachlichen  Zusammenhange  stehen,  für  ihre  Echtheit 
ins  Gewicht  fällt  und  uns  darauf  hinweisen  muss,  nach  einer 
Lösung  zu  suchen,  welche  gleichmässig  bei  allen  drei-en  jene 
auffallenden  Verhältnisse  erklärt. 

Hier  eine  möglichst  sichere  Lösung  zu  linden,  würde 
sicher  nicht  ohne  Werth  sein.  Es  wäre  schon  von  nicht  ge- 
ringer  Bedeutung  für  die  genauere  Kenntniss  der  Ereignisse 
jener  Zeit.  Schwerer  aber  fällt  etwas  anderes  ins  Gewicht. 
Die  oben  berührte  Regel  ist  eins  der  wichtigsten  Hülfsmittel 
kritischer  Forschung.  Um  so  dringender  ist  das  Bedürfniss, 
festzustellen,  in  wie  weit  da  überhaupt  Ausnahmen  stattfinden 
und  wie  diese  im  Einzelfalle  zu  ei'klären  sind. 

In  der  Vorrede  zum  Additamentum  IH  zu  Böhmers  Re- 
gesten   1314 — 47    S.  XI  habe  ich  nachgewiesen^,    dass    sich  im 


Ueber  die  Datirung  einiger  Urkunden  -Kaiser  Friedrichs  II.  207 

vierzehnten    Jalirhunderte    häufifi;    Kaiserurkunden    finden,    l^ei 
welchen  der  Kaiser  am  angegebenen  Tag-e  s^weifeHos  nicht  am 
Ausstelkingsorte  war,    während  einige  Tage  früher  oder  später 
der  Ort  durchaus  stimmen  würde.     Ich   glaubte  das  daraus  er- 
klären  zu  müssen,  dass  für  die  Angabe  von  Ort  und  Zeit  ver- 
schiedene Momente  der  Beurkundung  massgebend  waren.    Das- 
selbe nimmt  Sickel  Acta  Carolinorum  1,235  für  die  Karolinger 
Urkunden    an.     Die   sich    in    dem  urkundlichen  Itinerar  Kaiser 
Ottos   IV.   zeitweise    zeigende   Verwirrung   wird    auf  denselben 
Grund    zurückzuführen    sein;     vgl.    meine     Bemerkungen    zu 
Böhmer  Acta  imperii  n.  239.  240.    Für  Friedrich  II.  selbst  hat 
Huillard  Introductiou  LVTI  einen  ganz  zweifellosen  Fall  nach- 
gewiesen ;    sicher    würden    sich    da   noch    mehrere    nachweisen 
lassen,  Aväre  nicht  in  so  vielen  seiner  Urkunden  nur  der  Monat 
angegeben,  nicht  aber  der  Tag,    so  dass  kleinere  Verschiebun- 
gen dieser  Art  sich  meistens  nicht  feststellen  lassen;  es  dürfte 
nicht  unwahrscheinlich  sein,  dass  jener  Brauch  es  der  Kanzlei 
erleichtern    sollte,    bei   der  Datirung    nicht    fehlzugreifen.     Für 
unsern    nächsten  Zweck   muss    dieses  Verhältniss  ausser  Rech- 
nung   bleiben.      Denn    es    handelt    sich    da  um  Fälle,    wo    der 
Kaiser  nicht  allein  um  mehrere  Tage,  sondern  um  Monate  und 
Jahre  vorher  oder  nachher  nicht  am  betreffenden  Orte  gewesen 
sein  kann. 

Eben  so  wenig  ist  an  eine  Unregelmässigkeit  zu  denken, 
für  welche  mir  bisher  erst  ein  sicheres,  im  Addit.  III  S.  XIII 
besprochenes  Beispiel  vorgekommen  ist,  dass  man  nämlich 
Kaiserurkundeu ,  welche  erst  an  einem  spätem  Zeitpunkt  zur 
Verwendung  kommen  sollten,  im  Voraus  anfertigte  und  mit 
ganz  willkürlichen  Ortsangaben  versah. 

Ausserdem  kenne  ich  nur  Fälle,  wo  die  Unvereinbarkeit 
der  Angaben  über  Aussteller,  Zeit  und  Ort  daraus  zu  erklären 
ist,  dass  Jemand  einem  Andern  Vollmacht  gab,  in  seiner  Ab- 
wesenheit unter  seinem  Namen  und  unter  seinem  Siegel  Ur- 
kunden auszustellen.  So  wurden  nachweislich  1299  unter 
Namen  und  Siegel  König  Albrechts  mehrere  Verbriefungen  für 
Frankreich  und  in  Frankreich  vom  Reichskanzler  ausgestellt, 
welchem  zu  diesem  Behufe  das  grosse  königliche  Siegel  mit- 
gegeben war,  so  dass  der  König  selbst  während  dessen  unter 
dem   Sekretsiegel  urkundete;    vgl.    Böhmer   Reg.  Albr.  n.  204. 


298  Ficker. 

Diese  Urkunden  haben  keine  Ortsangabe.  Dagegen  tinden 
sich  Urkunden  König  Johanns  von  Böhmen  mit  Ortsangaben, 
welche  nur  in  seiner  Abwesenheit  von  der  dazu  bevoUmcäch- 
tigten  Regentschaft  Böhmens  ausgestellt  sein  können;  vgl. 
Addit.  III  S.  XIII.  Unter  dem  Namen  Herzog  Rudolfs  von 
Oesterreich  sind  am  20.  Aug.  1360  eine  Reihe  von  Urkunden 
zu  Wien  ausgestellt ,  obwohl  der  Herzog  damals  nicht  allein 
erweislich  zu  München  war,  sondern  auch  in  den  Urkunden 
selbst  erklärt,  da  er  gegenwärtig  nicht  im  Lande  sei,  so  habe 
er  befohlen,  der  Urkunde  vorläufig  das  Siegel  der  Stadt  Wien 
anzuhängen;  vgl.  Lichnowsky  Gesch.  des  H.  Habsburg  4, 
Urkk.  n.  204  ff.  Aus  früherer  Zeit  hat  Delisle  Catalogue  des 
actes  de  Philippe  Auguste  LXI  ein  zweifelloses  Beispiel  nach- 
gewiesen. Aus  der  Zeit,  während  der  der  König  1190  und 
1191  auf  dem  Kreuzzuge  war,  haben  sich  neun  unter  seinem 
Namen  und  Siegel  ausgestellte  Urkunden  erhalten,  theils  aus- 
drücklich aus  Paris  datirt,  theils  ohne  Ortsangabe,  aber  sicht- 
lich zu  Paris  entstanden;  der  König  muss  der  von  ihm  be- 
stellten Regierung  die  Vollmacht  dazu  gegeben  haben  und  es 
wurde  für  diesen  Zweck  ein  eigenes  königliches  Siegel  gefer- 
tigt; in  einer  der  Urkunden  ist  bemerkt:  In  presentia  uostro- 
rum  hurgenshmi,  qui  sigllhmi  nostrum  cxistodiunt.  Auf  einen 
weitern  Fall  macht  mich  Stumpf  aufmerksam.  Dieser  hat 
früher  die  Urkunde  König  Konrads  für  Werden,  gegeben  am 
17.  Oct.  1147  zu  Nimwegen  als  unecht  bezeichnet,  weil  der 
König  damals  auf  dem  Kreuzzuge  v/ar;  er  theilt  mir  jetzt  mit, 
dass  die  Echtheit  des  von  ihm  inzwischen  eingesehenen  Ori- 
ginals keinem  Zweifel  unterliegen  könne.  Es  müssen  daher 
während  der  Abwesenheit  des  Königs  unter  seinem  Namen  und 
Siegel  Urkunden  ausgestellt  sein. 

Für  uns  ist  nun  von  besonderer  Bedeutung,  dass  auch  in 
den  frühern  Zeiten  Kaiser  Friedrichs  II.  Achnliches  vorgekom- 
men zu  sein  scheint.  Wir  haben  Urkunden  des  Kaisers  datirt 
Melfi  im  Aug.  122,3  und  Febr.  1224,  dann  Brindisi  im  März 
1224,  Huillard  2,  395.  404.  943.  (Eine  von  Böhmer  zu  1223 
Oct.  3  eingereihte  Urkunde  ist  nicht  allein  unecht,  sondern 
müsste  nach  dem  Inhalte  erst  nach  1229  ausgestellt  sein.)  Der 
Kaiser  war  seit  Juli  1223  auf  der  Insel;  die  Annahme,  er 
sei  zu  jener  Zeit  an  jenen  Orten  gewesen,  ist  ganz   unzulässig. 


Uober  die  Datlrung  einiger  Urkuuden  Kaiser  Friedrichs  II.  299 

Böluner  scheint  die  Urkunden  als  echt  zu  betrachten  und  reiht 
sie  ein,  einerseits  auf  die  Uebereiustiminun*  aller  Zeitangaben, 
andererseits  auf  die  Unvereinbarkeit  mit  dem  Intinerare  ver- 
weisend ;  bei  der  dritten  bemerkt  er  in  seinem  Handexemplare, 
dass  das  Original  zu  Neapel  echt  zu  sein  scheine.  Huillard 
hatte  nur  die  dritte  anfangs  zu  den  unechten  Stücken  ver- 
wiesen, erklärte  dann  aber  später  Introduction  LVIL,  dass  die 
von  der  zweiten  und  dritten  vorhandenen  Originale  unverdäch- 
tig seien,  und  denkt  daran,  der  Kaiser  habe  Ende  Februar 
und  Anfang  März  eine  rapide  Excursion  auf  das  Festland  ge- 
macht. Liegen  uns  aus  dem  Februar  eine  Reihe  zu  Catania 
gegebener  Urkunden  vor,  urkundet  der  Kaiser  dann  wieder 
am  5.  März  und  weiter  zu  Catania,  so  wird  das  gewiss  nicht 
als  zulässig  erscheinen  können.  Schirrmacher  vertheidigt  2,  356 
die  Echtheit  der  zweiten  Urkunde  gegen  Winkelmann,  ohne 
sich  über  die  Ortsangabe  weiter  auszusprechen.  Winkelmann, 
Gesch.  Kaiser  Friedrichs  1,  182,  äussert  sich  zweifelnd  über 
die  Richtigkeit  der  Ortsaugabe  der  ersten  Urkunde. 

Ich  glaube  die  Erklärung  darin  finden  zu  müssen,  dass 
die  Urkunden  unter  dem  Namen  des  Kaisers  von  dem  dazu 
bevollmächtigten  Grosshofjustitiar,  der  jetzt  zugleich  ständiger 
Statthalter  von  Apulien  war  (vgl.  meine  Ital.  Forschungen  1,  354), 
auf  dem  Festlande  ausgestellt  wurden.  Allerdings  scheint  dieser 
Ansicht  auf  den  ersten  Blick  entgegenzustehen,  dass  nach  den 
Urkunden  der  Kaiser  doch  keineswegs  im  Allgemeinen  darauf 
verzichtet  hat,  unmittelbar  in  die  apulischen  Verhältnisse  ein- 
zugreifen; an  eine  unbeschränkte  Vollmacht  des  liofjustitiar 
ist  gewiss  nicht  zu  denken.  Wohl  aber,  wie  ich  glaube,  für 
Ausfertigung  gerade  von  Urkunden,  wie  die  fraglichen.  Alle 
drei  betreffen  festländische  Klöster,  denen  ihre  Besitzungen 
und  Rechte  bestätigt  werden;  in  zweien  ist  ausdrücklich  be- 
merkt, dass  es  sich  dabei  nur  um  Erneuerung  der  auf  Grund- 
lage der  auf  dem  Hoftage  zu  Capua  verkündeten  Verordnung 
resignirten  Privilegien  handelte.  Diese  Prüfung  und  Erneue- 
rung sämmtlicher  Privilegien  war  eine  sehr  umfassende  Arbeit, 
die  längere  Zeit  in  Anspruch  nahm.  Es  liegt  auf  der  Hand, 
dass  dieselbe,  so  weit  es  sich  um  festländische  Kirchen  han- 
delte, leichter  von  der  apulischen  Regierung,    als  am  Hoflager 


I 


300  Ficker. 

des  Kaisers  auf  der  Insel  durchzuführen  war.  Nehmen  wir 
an,  der  Grosshofjustitiar  habe  die  VoUmacht  erhalten,  unter 
Namen  und  Siegel  des  Kaisej's  nicht  etwa  ganz  allgemein  zu 
Urkunden,  wohl  aber  solche  Privilegien,  bei  welchen  die  Prü- 
fung keinen  Anstand  bot,  einfach  zu  erneuern,  so  scheint  mir 
das  den  Verhältnissen  durchaus  zu  entsprechen  und  jene  auf- 
fallenden Ortsangaben  am  einfachsten  zu  erklären.  Ob  die 
Ortsangaben  dem  Aufenthalte  des  Grosshofjustitiar  entsprechen, 
können  wir  nicht  prüfen.  Sie  mochten  auch  willkürlich  ge- 
macht werden ;  wenigstens  scheint  die  Ortsangabe  Brindisi 
einem  früheren  Privileg  für  dasselbe  Kloster  entnommen  zu 
sein;  vgl.  Huillard  2,  950. 

Damit  sind  wir  auf  einen  Weg  hingewiesen,  auf  den  es 
uns  gelingen  dürfte,  auch  für  unsere  Urkunden  die  Lösung  zu 
hnden.  Sind  diese  überhaupt  nicht  vom  Kaiser  selbst,  sondern 
von  einem  Andern  in  seinem  Namen  ausgestellt,  so  kann  zu- 
nächst über  diesen  Andern  kein  Zweifel  herrschen.  Es  ist  da 
nur  an  König  Konrad,  beziehungsweise  die  ihm  zur  Seite  ste- 
hende Reichsregierung  zu  denken ;  liegt  das  doch  nach  Allem 
so  nahe,  dass  eine  jener  Urkunden  von  bewährten  Forschern 
geradezu  für  eine  Urkunde  König  Konrads  gehalten  wurde. 
Versuchen  wir  es  nun,  zu  prüfen,  ob  jene  Annahme  den  be- 
sondern Zeitverhältnissen  entspricht,  so"  wird  die  Sachlage  hier 
dadurch  etwas  verwickelter,  dass  nicht  allein  Aussteller  und 
Ort  nicht  zusammentreffen,  sondern  in  zweien  der  Urkunden 
auch  Zeit  und  Inhalt  nicht  übereinstimmen.  Ich  suchte  nach- 
zuweisen, dass  die  vom  April  und  Oct.  1241  datirten  Urkunden 
frühestens  im  December,  nach  dem  Uebertritt  des  Grafen  von 
Jülich  zur  kaiserlichen  Partei,  höchst  wahrscheinlich  aber  erst 
im  März  1242  entstanden  sein  dürften.  Ob  Aehnliches  dann 
auch  für  die  vom  20.  November  datirte  anzunehmen  ist,  deren 
Inhalt  keine  bestimmtere  Anhaltspunkte  bietet,  mag,  wenn  es 
mir  auch  wahrscheinlich  ist,  dahingestellt  bleiben.  Denn  für 
unsere  nächsten  Zwecke  begründet  es  keinen  Unterschied,  ob 
die  Urkunden  in  einer  frühern  oder  spätem  Zeit  des  Winter- 
halbjahres 1241  auf  1242  ausgestellt  sind,  während  unsere 
Annahme  im  April  1241  allerdings  auf  grössere  Schwierig- 
keiten stossen  würde.  Wir  stellen  demnach  die  Aufgabe  dahin, 
zu  prüfen,  ob  die  Annahme,  jene  Urkunden  seien  im  März  1242 


Uobor  (lio  Patirung  einiger  Urlainden  Kaiser  Friedrichs  11.  301 

oder  in  den  vorhergehenden  Monaten  von  der  deutschen  Reichs- 
regierung- unter  Namen  und  Siegel  des  Kaisers  ausgestellt 
worden^  den  sonstigen  Verhältnissen   entspricht. 

Von  den  sonst  bekannten  Fällen  dieser  Art  unteftcheidet 
sich  der  unsrige  nun  zunächst  dadurch,  dass  es  in  Deutschland 
einen   anerkannten  König   gab,    also  an  und  für  sich  kein  Be- 
dürfniss    vorlag,    im    Namen    des    abwesenden  Kaisers    zu    Ur- 
kunden.    Es  wird  nun  aber  nicht  zu  vergessen  sein,    dass  der 
König    erst    im    vierzehnten  Jahre    stand.     Die    ganze   Verant- 
wortung    für    seine    Regierungshandlungen    traf    die    ihm    zur 
Seite  stehende  Reichsregierung.     Nun    war   aber  gerade  in  un- 
serer Zeit   die  Sachlage    eine  solche,    dass  das  Ansehen  dieser 
ausserordentlich   gemindert    erscheinen    musste.      Es    fehlte  ihr 
an    dem    fürstHchen  Haupte.     Der  Erzbischof  von  Mainz,    bis- 
her Reichsverweser  und  Pfleger    des  jungen  Königs,    trat    spä- 
testens   im    September    offen    auf    di(^    Gegenseite.       Ein    ent- 
sprechender   Ersatz    war    gerade    unter    den    damaligen    Zeit- 
verhältnissen schwer  zu  beschaffen;   man  fand  ihn  erst  im  fol- 
genden Frühjahre  in  dem  Landgrafen  von  Thüringen.     Dürfen 
wir  die  in  der  Urkunde  für  den  Grafen   von  Jülich  genannten 
Personen  als  die  Mitglieder  der  Reichsregierung  betrachten,  so 
bestand   diese   in    der  Zwischenzeit   aus   dem  Grafen    von  Lei- 
ningen und  einigen  Edelherren  and  Dienstmannen.     Dass  man 
zögern    mochte,    Verpflichtungen    der  Reichsgewalt,    für  welche 
zunächst  nur  diese  eintraten,  als  genügend  bindend  zu  betrach- 
ten, ist  erklärlich.     Zumal  einem  Kaiser,  wie  Friedrich  gegen- 
über, der  sich  schon  mehr    wie   einmal  selbst  an  solche  Hand- 
lungen der  Reichsregierung,  welche  von  den  Fürsten  ausdrücklich 
gebilligt  waren,  nicht  gebunden  erachtet  hatte.    Auch  zu  andern 
Zeiten  legte  man  daher  besondern  Werth  auf  eine  ausdrückliche 
Bestätigung  des  Kaisers,  liess  sich  eine  solche  in  den  Urkunden 
des  Königs  wohl  ausdrücklich  zusichern.  Gerade  damals  konnte 
nun  aber  eine  Lähmung   des  Ansehens   der  Reichsregierung  in 
dieser  Richtung  der  Sache  des  Kaisers   unersetzlichen  Schaden 
zufügen.     Da    kann    gewiss    die   Annahme  nichts  Bedenkliches 
haben,  dass  er  jener  Ansehen  durch  unbeschränkte  Vollmachten 
zu  heben  suchte,  ihr  die  Befugniss  ertheilte,  sogleich  in  seinem 
Namen  und  unter  seinem  Siegel  zu   Urkunden,    und    sich  so  in 
bindendster  Weise  zur  Genehmhaltung   ihrer  Handlungen   ver- 


302  Ficker. 

pflichtete.  Grösseren  Bedenken  würde  das  allerdings  im  April 
1241  unterlieg-en,  wo  der  Erzbischof  von  Mainz  noch  an  der 
Spitze  der  Reichsregierung  stand. 

E^'  Hesse  sich  dann  weiter  der  Einwand  erheben,  wesshalb 
denn  in  dieser  Zeit  nicht  alle  Verbriefungen  der  deutschen 
Reichsregierung  im  Namen  des  Kaisers  ausgestellt  seien  ?  wess- 
halb insbesondere  eine  inhaltlich  sich  jenen  so  eng  anschliessende 
Urkunde,  wie  die  vom  März  1242,  worin  dem  Herzoge  von 
Brabant  dreitausend  Mark  versprochen  werden,  dennoch  im 
Namen  König  Konrads  ausgestellt  ist?  Dem  gegenüber  liösse 
sich  zunächst  daran  denken,  dass  die  kaiserliche  Vollmacht 
keine  allgemeine,  sondern  auf  gewisse  Angelegenheiten  be- 
schränkte gewesen  sei;  für  unsern  Zweck  würde  die  Annahme 
genügen,  der  Kaiser  habe  die  Reichsregierung  ermächtigt,  sich 
für  alle  Zugeständnisse,  welche  geeignet  seien,  im  Kampfe 
gegen  die  Erzbischöfe  Anhänger  zu  gewinnen,  seines  Namens 
und  Siegels  zu  bedienen.  Aber  auch  bei  ganz  allgemeiner 
Vollmacht  würde  jene  Erscheinung  sich  vollkommen  erklären. 
Es  ist  natürlich,  dass  man  sich  einer  so  ungewöhnlichen  Form 
der  Verbriefung  nur  in  Fällen  bediente,  wo  das  einen  bestimm- 
ten Zweck  hatte,  also  da,  wo  eine  etwaige  spätere  Nichtgeneh- 
migung  durch  den  Kaiser  den  Werth  der  Urkunde  wieder  in 
Frage  stellen  konnte.  Gerade  um  solche  aber  handelt  es  sich 
bei  unseren  Urkunden.  Die  eine,  in  welcher  den  niederlän- 
dischen Fürsten  der  Schutz  des  Kaisers  und  Einscljluss  in 
einen  etwaigen  Frieden  mit  dem  Papste  versprochen  wird,  be- 
zieht sich  auf  eine  persönliche  Verpflichtung  des  Kaisers, 
konnte  nur  in  der  Form  einer  eigenen  Verbriefung  desselben 
von  Werth  sein.  Bei  den  beiden  andern  handelt  es  sich  um 
dauernde  Belastung  des  Reichsgutes  durch  Verpfändung  der 
Reichsstadt  Düren  und  Anweisung  jährlicher  Bezüge  aus  dem 
Reichszoll  zu  Kaiserswerth.  Dagegen  betrifi't  keine  der  andern 
aus  dieser  Zeit  bekannten  Urkunden  Verpflichtungen  des 
Kaisers  selbst  oder  neue  Belastungen  des  Reichsguts.  Die  den 
Bürgern  von  Mainz  im  Februar  zugestandene  Befreiung  von 
Reichszöllen,  welche  sich  etwa  hieher  ziehen  Hesse,  ist  nur 
Erneuerung  einer  früheren  Bewilligung  des  Kaisers.  Insbeson- 
dere ist  auch  bei  jener  Verbriefung  für  den  Herzog  von  Bra- 
bant die  Sachlage  eine  durchaus  andere.     Es    handelt    sich    da 


Ueber  die  Datirung  einiger  Urkunden  Kaiser  Friedrichs  II.  303 

lediglicli  um  die  persönliche  Verpflichtung  des  Königs  oder 
der  Reichsregierung,  ihm  bis  zum  kommehiden  Remigiustag 
dreitausend  Mark  zu  zahlen,  ohne  dass  etwa  durch  Verpfän- 
dung von  Rcichsgut  auch  hier  eine  dauernde  Belastung  des 
Reiches  begründet  wäre.  Dass  gerade  nur  jene  drei,  nicht 
auch  andere  Urkunden  dieser  Zeit  unter  dem  Namen  des 
Kciisers  ausgestellt  sind,  scheint  sich  aus  dem  besonderen  In- 
halte vollkonmien  zu  erklären. 

Bei  der  Richtigkeit  unserer  Annahme  wäre  nun  vielleicht 
zu  erwarten,  dass  die  Ortsangaben  dem  Aufenthalte  König 
Konrads  und  seiner  Regierung  entsprächen.  Das  ist  in  keiner 
Weise  der  Fall.  Dass  Konrad  während  der  Zeit,  in  welcher 
die  Urkunden  entstanden  sein  müssen,  weder  zu  Cremoua, 
noch  zu  Wien  war,  wird  keiner  Beweisführung  bedürfen,  wenn 
auch  das  urkundliche  Itinerar  einen  Aufenthalt  zu  Wien  nicht 
gerade  unmöglich  macht.  Weniger  bestimmt  wird  sich  das  be- 
züglich Lüttichs  behaupten  lassen.  Einmal  war  Konrad  dort 
nach  der  Hist.  mon.  Ö.  Laiu'entii  bei  Martene  Ampi,  collectio 
4,  1099  am  1.  Nov.  1239,  um  den  in  Zwiespalt  gewählten 
Bischof  Otto  zu  inthronisiren ;  die  Bedenken  Böhmers  gegen 
diese  Angabe  dürften  kaum  ausschlaggebend  sein,  da  er  un- 
beachtet Hess,  dass  auch  Gilles  d'Orval  bei  Chapeaville  Gesta 
pont.  Leod.  2,  264  das  übereinstimmend  meldet.  Auch  im 
Frühjahr  1240  soll  Konrad  nach  den  Annalen  von  S.  Panta- 
leou  zu  Lüttich  gewesen  sein.  Damals  kann  unsere  Urkunde 
noch  nicht  entstanden  sein.  Es  melden  nun  aber  weiter  die 
Annalen  von  S.  Pantaleon,  dass  der  König  1242  nach  Trier 
kam,  dann  digressus  Leodium  pro  admvahdo  Ottone  electo,  Colo- 
niam  in  quadragesima  permniL  Gegen  die  Genauigkeit  dieser 
Angabe  der  sonst  wohlunterrichteten  Quelle  habe  ich  aber  Be- 
denken. Dass  es  sich  da  um  eine  einfache  Verwechslung  mit 
jener  frühern  Anwesenheit  handeln  müsse,  wird  gei'adc  nicht 
zu  behaupten  sein.  War  inzwischen  zu  Lüttich  ein  anderer 
päpstlich  gesinnter  Bischof  erwählt,  dem  gegenüber  Otto  seine 
Ansprüche  aufrecht  erhalten  haben  mag,  so  würde  eine  noch- 
malige Anwesenheit  zu  demselben  Zwecke  an  und  für  sich 
nicht  auflallen  können.  Da  aber  die  Lütticher  Quellen  über 
eine  solche  Anwesenheit  schweigen,  von  einer  Bedrohung 
Bischof  Roberts  durch  den  König  und  den  Gegenbischof  nichts 


304  Ficker. 

wissen,  weiter  auch  die  Gesta  Trevirorum  nur  eine  Ausdehnung 
der  Reise  des  Königs  bis  Aachen  erwähnen,  so  ist  es  mir 
wahrscheinlicher,  dass  der  König  vielleicht  die  Absicht  hatte, 
von  Trier  bis  Lüttich  zu  gehen,  das  aber  nicht  ausführte.  Nur 
die  Möglichkeit  wird  nicht  zu  bestreiten  sein,  dass  für  die 
Ortsangabe  einer  jener  Urkunden  der  Aufenthalt  des  Königs 
massgebend  gewesen  sei. 

Wir  sehen  uns  demnach  auf  die  Annahme  hingewiesen, 
dass  man  die  Urkunden  mit  ganz  willkürlichen  Ortsangaben 
versah.  Es  wäre  vielleicht  angemessener  gewesen,  gar  keinen 
Ort  anzugeben,  wie  das  bei  mehreren  der  früher  angeführten 
Beispiele  der  Fall  war,  wie  das  auch  sonst  wohl  bei  Unregel- 
mässigkeiten der  Verbriefung  vorkommt;  so  bei  einer  1167 
in  Italien  ausgestellten  Beurkundung  von  früher  in  Deutsch- 
land Geschehenem,  in  welcher  nun  insbesondere  die  Zeugen 
der  Handlung  dem  jetzigen  Aufenthaltsorte  nicht  entsprochen 
hätten;  vgl.  Böhmer  Acta  imperii  121.  Da  aber  der  Ort  für 
die  Rechtskraft  der  Urkunde  nicht  in's  Gewicht  fällt,  so  wer- 
den auch  ganz  willkürliche  Ortsangaben  nicht  gerade  über- 
raschen können.  Aus  späterer  Zeit  wenigstens  lässt  sich  ein 
sicheres  Beispiel  geltend  machen.  Es  wurden  1327  über  die 
jährliche  Reichssteuer  der  Stadt  Lübeck  könighche  Quittungen 
bis  zum  Jahre  1334  im  voraus  angefertigt  und  dem  Grafen 
von  Henneberg,  welchem  jene  Steuer  überwiesen  war,  einge- 
händigt; die  eine  Hälfte  datirte  man  ganz  willkürlich  aus  Nürn- 
berg, die  andere  aus  Frankfurt;  vgl.  Additam.  III,  S.  XIII. 

Nicht  gerade  auffallender  ist  es,  wenn  unsere  Unter- 
suchungen zu  ergeben  schienen,  dass  man  wenigs>tens  zwei 
jener  Urkunden  willkürlich  mit  einer  früheren  AusstoUungszeit 
versehen  zu  haben  scheint.  Eine  besondere  Veranlassung  dazu 
kann  bei  der  angeblich  im  April  1241  ausgestellten  Urkunde 
für  die  niederrheinischen  Fürsten  und  Grossen  darin  gefunden 
werden,  dass  ihnen  bei  solcher  Datirung  der  Kaiser  auch  schon 
für  den  Schaden  haftete,  welcher  ihnen  in  der  Zwischenzeit 
bis  zur  wirklichen  Ausfertigung  der  Urkunde  durch  das  Ein- 
treten für  die  Sache  des  Kaisers  erwachsen  war.  Nahm  man 
bewusst  bei  der  Ausfertigung  den  Staudpunkt  einer  frühern 
Zeit  ein,  so  kann  dann  auch  die  Erwähnung  des  Pabstes  Gregor 
nicht  sehr  befremden.     Auch    wäre   es  nach  frühei-  Erörtertem 


Ueber  dio  Datirung  einiger  Urlaimloii  Kaiser  Friedrichs  II.  30o 

möglich,  dass  sclion  ein  Abkommen  des  Königs  mit  eben  jenen 
Grossen  aus  dem  Jahre  1240  vorhig,  welches  auf  die  Fassung 
der  Stelle  um  so  eher  Einfluss  üben  konnte,  als  jetzt  der  päbst- 
liche  Stuhl  erledigt  war.  Ebenso  ist  es  denkbar,  dass  dem 
Grafen  von  Jülich  daran  liegen  konnte,  dass  ihm  Düren  nicht 
erst  vom  März  1242,  sondern  schon  vom  October  1241  an  ver- 
pfändet erschien;  es  mochte  sich  dabei  um  Einkünfte  handeln, 
welche  in  der  Zwischenzeit  fällig  geworden  waren.  Selbst  bei 
der  Urkunde  für  Hermann  von  Calkum,  bei  welcher  sich  aller- 
dings keine  bestimmtere  Haltpunkte  für  spätere  Abfassung  er- 
geben, wäre  es  möglich,  dass  die  Zeitangabe  gerade  vom  20. 
November  damit  zusammenhänge ,  dass  ihm  der  Bezug  seiner 
Jahresrente  auf  den  11,  November  angewiesen  war. 

Nach  allem  Gesagten  glaube  ich  behaupten  zu  dürfen, 
dass  die  Annahme,  jene  Urkunden  seien  im  März  1242  zu 
Aachen  oder  Köln  von  der  Reichsregierung  im  Namen  des 
Kaisers  ausgefertigt,  der  damaligen  Sachlage  recht  wohl  ent- 
spricht und  nirgends  auf  Schwierigkeiten  stösst,  die  nicht  zu 
beseitigen  wären ;  jeder  andere  Versuch ,  die  hier  zweifellos 
vorliegenden  Unregelmässigkeiten  zu  erklären ,  scheint  mir 
zu  unzulässigen  Annahmen  zu  führen.  Ein  Erklärungsversuch, 
der  darauf  ausläuft,  dass  Urkunden  nicht  bloss  von  einer  anderen 
Person,  sondern  auch  von  einem  andern  Ort  und  aus  einer 
andern  Zeit  herrühren,  als.  in  ihnen  selbst  angegeben  ist,  mag 
allerdings  an  und  für  sich  gewagter  erscheinen,  als  manche  der 
von  mir  früher  als  unzulässig  bezeichneten  Erklärungsversuche. 
Ich  würde  auch  kaum  voraussetzen,  für  meine  Ansicht  allge- 
meinere Zustimmung  zu  linden,  käme  nicht  noch  ein  Umstand 
hinzu,  welcher  mir  den  Hauptpunkt  meiner  Behauptung  unwider- 
leglich zu  erweisen  scheint.  Geht  diesei-  dahin,  dass  die  Ur- 
kunden nicht  vom  Kaiser  Friedrich,  sondern  von  der  deutschen 
Reichsregierung  ausgestellt  seien,  so  wird  derselbe  kaum  mehr 
einem  Widerspruche  begegnen,  wenn  sich  feststellen  lässt,  dass 
die  Urkunden  nicht  aus  der  kaiserlichen,  sondern  aus  der 
Kanzlei  König  Konrads  hervorgegangen  sind. 

Auf  die  Prüfung  einiger  Punkte,  welche  unter  andei-n 
Verhältnissen  für  eine  solche  Beweisführung  massgebend  sein 
k()nnten,  werden  wir  freilich  verzichten  müssen.  Zunächst  hat 
sich    das    Siegel    auch   an    der   im  Originale    vorliegenden  Ur- 

Sitzlj.   d.  pLil.-hist.   Cl.  LXL\.  13d.  111.   llft.  20 


306  Ficker. 

künde  nicht  erhalten.  Wäre  hier  eine  Prüfung  möglich,  so 
würde  sich  im  Falle  der  Richtigkeit  meiner  Annahme  wahr- 
scheinlich eine  Abweichung  von  dem  bezüglichen  Siegel  des 
Kaisers  ergeben ;  es  dürfte  ein  besonderer  Stempel  gefertigt 
sein,  wie  das  in  dem  entsprechenden  Falle,  wo  die  französische 
Regierung  unter  dem  Siegel  König  Philipp  Augusts  urkundete, 
nachweisbar  ist. 

Bezüglich  der  Schrift  würde  nun  allerdings  das  Vor- 
handensein eines  Originals  an  und  für  sich  eine  Prüfung  noch 
gestatten.  Aber  freilich  nur  demjenigen,  der  in  der  Lage 
wäre,  jenes  Stück  mit  einer  grösseren  Zahl  der  in  den  ver- 
schiedensten Archiven  befindlichen  Originale  kaiserlicher  und 
königlicher  Urkunden  aus  den  nächstliegenden  Jahren  ver- 
gleichen zu  k()nnen.  Darauf  musste  ich  natürlich  verzichten. 
Unter  günstigen  Verhältnissen  würde  das  Ergebniss  vielleicht 
ein  ganz  ausschlaggebendes  sein.  Aber  schon  der  Umstand, 
dass  diese  Prüfung  sich  nur  auf  eine  der  Urkunden  beziehen 
könnte,  würde  da  bei  ungünstiger  Sachlage  möglicherweise 
selbst  bei  ausgedehntester  Vergleichung  zu  keinem  durchaus 
sicheren  Ergebnisse  führen. 

Um  so  günstiger  liegen  die  Verhältnisse  für  eine  Prüfung 
"  der  wörtlichen  Fassung.  Kann  diese  einerseits  alle  drei  Ur- 
kunden berücksichtigen,  so  ist  da  andei-erseits  durch  das  grosse 
Urkuudenwerk  Huillards  die  Vergleichung  mit  andern  Urkunden 
des  Kaisers  wie  des  Königs  ausserordentlich  erleichtert.  Es 
waren  da  natürlich  insbesondere  die  zeitlich  am  nächsten  lie- 
genden Stücke  zu  beachten,  aber- doch  auch  nicht  in  zu  enger 
Begrenzung,  da  ja  durch  Zufall  gerade  die  nächstliegenden 
Urkunden  zur  Vergleichung  weniger  geeignet  und  irreleitend 
sein  könnten.  Die  folgenden  Ergebnisse  stützen  sich  auf  eine 
Vergleichung  der  bei  Huillard  gedruckten  Urkunden  Kaiser 
Friedrichs  von  Beginn  1239  bis  Ende  1243  und  eine  genauere 
Vergleichung  der  Urkunden  König  Kom-ads  vom  Beginne 
seiner  Regierung  bis  Ende  1243,  welche  dann  für  einzelne 
beachtenswerthe  Punkte  bis  Ende   1250  fortgesetzt  wurde. 

Wenn  diese  Vergleichung  zu  günstigen  Ergebnissen 
führte,  so  musste  das  selbst  bei  Richtigkeit  unserer  Annahme 
nicht  gerade  nothwendig  der  Fall  sein.  Bei  Ausfertigung  der 
Urkunden  hat  man  sich  offenbar    nicht  darauf  beschränkt,  m;r 


Ueber  ilio  Datii'uuj;  (üiüfier  Urkuudeu  Kaiser  l''riodricli8  11.  307 

den  kaiserlichen  Titel  vorzusetzen  und  das  kaiserliche  Siegel 
anzuhängen.  Man  hat  sich  sichtlich  bei  der  ganzen  Fassung- 
geg-enwärtig  gehalten,  dass  es  der  Kaiser  sei,  welcher  spricht; 
ein  Zurückfallen  in  Ausdrücke,  welche  sachlich  nur  dem  Kö- 
nige entsprechen  würden,  oder  ein  ähnlicher  Verstoss  findet 
sich  da  nicht.  Leicht  hätte  man  noch  einen  Schritt  weiter 
gehen,  und  nicht  allein  sachlich,  sondern  auch  bezüglich  der 
formellen  Fassung  sich  genau  entsprechenden  Verbriefungen 
des  Kaisers ,  für  welche  es  an  Clustern  nicht  gefehlt  haben 
wird,  anschliessen  können.  Man  würde  sich  dann  etwa  nicht 
begnügt  haben,  sachlich  richtig  das  imperiale  sifjiUum  anzukün- 
digen^ sondern  auch  beachtet  haben,  dass  dieser  Ausdruclc  den 
Urkunden  des  Kaisers  ganz  fremd  und  sifjilhmi  nostre  maie- 
statis  zu  schreiben  sei.  Aber  im  Interesse  unserer  Unter- 
suchung ist  die  Sorgfalt  sichtlich  nicht  so  weit  gegangen. 

Aber  auch  dann  war  auf  schlagende  Ergebnisse  von  vorn- 
herein wenigstens  mit  Sicherheit  nicht  zu  rechneii.  Das  ür- 
kundenwesen  der  kaiserlichen  und  der  königlichen  Kanzlei 
steht  doch  sichtlich  in  sehr  engem  Zusammenhange,  wie  sich 
das  aus  den  verschiedensten  Gründen  leicht  erklärt.  Dieselben 
Wendungen,  ganze  Formeln  finden  wir  hier,  wie  da  überein- 
stimmend gebraucht.  Dazu  kommt  mehrfach  noch  eine  aus- 
nahmsweise Uebei-einstiminung,  welche  sichtlich  dadurch  her- 
beigeführt ist,  dass  Schriftstücke  der  einen  Kanzlei  so  häufig 
bei  denen  der  andern  als  nächste  Vorlage  dienten,  und  nun 
nicht  allein  auf  den  Inhalt,  sondern  auch  auf  die  formelle 
Fassung  derselben  einwirkten.  Ein  Beispiel  mag  genügen. 
Den  königlichen  Urkunden  ist  der  Ausdruck  sigillum  nostre 
maiestatis  fremd;  aber  ausnahmsweise  finde  ich  ihn  zweimal, 
Huillard  6,  888.  848.  In  beiden  Fällen  handelt  es  sich  um 
Bestätigung  vollständig  eingerückter  Urkunden  des  Kaisers; 
dass  nur  diese  die  Unregelmässigkeit  veranlassten,  tritt  ins- 
besondere in  dem  zweiten  Falle  deutlich  dadurch  hervor,  dass 
hier  die  ganze  Siegelforrael,  welche  auch  abgesehen  von  jenem 
Ausdrucke  in  den  Urkunden  des  Königs  nur  ganz  vereinzelt 
(H.  5,  1177.  HÖH)  gebraucht  wird,  aus  der  kaiserlichen  Ur- 
kunde herübergenommen  wurde.  Dieser  Umstand  wird  es 
rechtfertigen,  wenn  wir  auch  solche  Ausdrücke  und  Formeln 
beachten,    welche    sich    zwar    in    beiden   Kanzleien    nachweisen 

20* 


308  Ficker. 

lassen,    aber   iu    der  einen  nur  als  vereinzelte  Abweichung-  er- 
scheinen. 

Der  enge  Zusammenhang  des  Brauches  beider  Kanzleien 
erlaubt  nun  wirklich  bezüglich  mancher  Bestandtheile  der  Ur- 
kunden kein  Urtheil.  So  würde  die  Fassung  der  Zeitangaben 
beiden  Kanzleien  gleichmässig  entsprechen.  Folgt  in  der  Ur- 
kunde für  Hermann  von  Calkum  das  Incaruationsjahr  erst  auf 
die  Indiction,  so  ist  das  dem  Brauche  beider  Kanzleien  gegen- 
über eine  Unregelmässigkeit.  Andererseits  ergeben  sich  aber 
doch  genügsame  Verschiedenheiten,  um  ein  sicheres  Urtheil  zu 
gestatten. 

Zunächst  fällt  ein  allgemeiner  Gegensatz  leicht  ins  Auge. 
Die  kaiserlichen  Urkunden  zeigen  in  ihrer  Gliederung  wie  in 
ihren  Formeln  eine  sehr  auffallende  Einförmigkeit.  Die  For- 
meln sind  da  durchweg  feststehende  mit  nur  geringen  Modi- 
ficationen,  welche  sich  zudem  grossentheils  darauf  beschränken, 
dass  der  kürzeste  Bestand  der  Formel  derselbe  bleibt,  nur 
durch  Einschiebungen  erweitert  erscheint.  Sind  sie  in  dem 
uns  erhaltenen  Theile  des  Regestum  vielfach  nur  mit  den  An- 
fangsworten bezeichnet,  so  genügte  das  zweifellos  nicht 
blos  deshalb,  weil  es  gleichgültig  war_,  in  welchen  Wendungen 
die  Ergänzung  erfolgte ;  es  genügte  auch  in  der  Richtung,  dass 
die  feststehenden  Wendungen  nach  den  Anfaugsworten  über- 
haupt keinem  Zweifel  mehr  unterlagen.  Dass  es  sich  da  zu- 
nächst nur  um  sicilische  Angelegenheiten  handelt,  begründet 
keinen  Unterschied.  Für  die  sachliche  Behandlung  mag  der 
Unterschied  zwischen  sicilischen  und  Reichsangelegenheiten 
noch  beachtet  sein ;  für  die  formelle  ergibt  sich  ein  solcher 
im  Allgemeinen  nicht,  die  Schriftstücke  müssen  von  denselben 
Schreibern  oder  vv^enigstens  nach  denselben  Formularen  abgefasst 
sein,  wie  das  die  Vergleichung  der  vollständig  erhaltenen  Ur- 
kunden leicht  ergibt. 

Dagegen  zeigen  die  Urkunden  König  Konrads  eine  ausser- 
ordentliche Mannigfaltigkeit  der  Fassung.  Wo  es  sich  nicht 
um  ganz  kurze  Formeln  handelt  oder  etwa  um  eine  Anzahl 
von  Urkunden,  welche  in  derselben  Sache  gleichzeitig  aus- 
gefertigt wurden,  da  sind  die  Fälle  selten,  dass  die  Formel 
sich  bezüglich  Wahl  dci-  Ausdrücke  und  Wortstellung  ganz 
übereinstimmend   in   mehreren    Urkunden    lindet.     Es    uuiss  da 


Ueber  die  Datirung  einiger  Urkuudeu  Kaiser  Friedrichs  II.  309 

dem  Belieben  der  unterg-eordneten  Kanzleibeamten,  deiicn  lüe 
Ausfüllung  der  Fornieln  oblag,  ziemlich  freier  Spielraum  ge- 
lassen sein.  Andererseits  zeigt  dann  doch  auch  hier  tlie  regel- 
mässige Wiederkehr  gewisser  Wendungen  und  Ausdrücke,  für 
welche  eben  so  wohl  andere  gleichbedeutende  hätten  gewählt 
werden  können,  dass  die  Schreiber  nach  Formularen  arbeiteten 
und  sich  in  manchen  Beziehungen  doch  ein  bestimmterer 
Kanzleigebrauch  festgestellt  hatte. 

Für  unsern  Zweck  legt  das  zunächst  die  Folgerung  nahe, 
dass  drei  Urkunden,  welche  sämmtlich  derselben  Klasse  der 
Litterae  patentes  angehören,  wahrscheinlich  auch  in  nächst- 
liegender Zeit  ausgestellt  sind,  und  doch  so  viele  Unterschiede 
in  den  allgemeinen  Formeln  zeigen,  wie  das  bei  unsern  der 
Fall  ist,  eher  in  der  königlichen,  als  in  der  kaiserlichen  Kanzlei 
entstanden  sein  dürften.  Es  wird  weiter  die  Folgerung  nicht  zu 
bestreiten  sein,  dass  jede  Abweichung  von  dem  Brauche  der 
kaiserlichen  Kanzlei  auch  dann  für  meine  Annahme  ins  Gewicht 
fällt,  wenn  sich  keine  Annäherung  an  den  der  königlichen 
zeigt;  dass  alle  Wendungen  und  Ausdrücke,  für  welche  sich 
ein  Beleg  überhaupt  nicht  findet,  an  und  für  sich  eher  auf  die 
königliche  deuten. 

Zum  Behufe  der  Einzelprüfung  bezeichne  ich  die  Ur- 
kunde vom  April  aus  Lüttich  mit  I^  die  vom  October  aus  Cre- 
mona  mit  II,  die  vom  November  aus  Wien  mit  III. 

Da  der  kaiserliche  Titel  in  allen  dem  Brauche  der  kaiser- 
lichen Kanzlei  entspricht,  so  wenden  wir  uns  zmn  Eingange 
der  Urkunden,  uns  für  die  Theile  derselben  der  von  Sickel 
aufgenommenen,  zunächst  auf  eine  frühere  Periode  berechneten, 
aber  auch  hier  anstandslos  verwendbaren  Bezeichnungen  be- 
dienend. Alle  drei  beginnen  mit  einer  Inscription  oder 
Adresse,  welche,  da  es  sich  um  offene  Briefe  handelt,  nicht 
an  bestimmte  Personen,  sondern  an  die  Gesammtheit  gerichtet 
ist.  In  allen  dreien  findet  sich  weiter  eine  Promulgation;  in 
I  und  II  unmittelbar  nach  der  Inscription;  in  III  von  der- 
selben durch  eine  Arenga  getrennt,  welche  in  jenen  fehlt. 

Schon  das  widerspricht  dem  Brauche  der  kaiserlichen 
Urkunden.  Eine  Inscription  findet  sich  in  diesen  regelmässig 
nur  da,  wo  das  Schriftstück  an  bestimmte  Personen  gerichtet 
ist,    nicht    aber,    wie    in  offenen  Briefen,    an   die  Gesammtheit. 


310  Ficker. 

In  diesen  folgt  auf  den  Titel  entweder  unmittelbar  die  Pro- 
mulgation, oder  diese  ist  von  jenem  nur  durch  eine  Arenga 
getrennt.  Aus  der  Gesammtheit  der  aus  fünf  Jahren  erhalte- 
nen Patente  des  Kaisers  weiss  ich  nur  drei  Fälle  (H.  5,  1755. 
6,  55.  56)  nachzuweisen,  in  welchen  sich  eine  an  die  Gesammt-. 
heit  gerichtete  Inscription  findet.  Sie  betreffen  deutsche  Sachen ; 
es  kann  ein  Einfluss  von  Vorlagen  aus  der  königlichen  Kanzlei 
wirksam  gewesen  sein.  Denn  in  dieser  ist  es  durchaus  ge- 
bräuchlich, auch  die  offenen  Briefe  mit  der  Inscription  zu  be- 
ginnen; die  Fälle,  wo  sie  fehlt,  sind  die  weniger  zahlreichen. 
Ebenso  folgen  dann  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  entweder  so- 
gleich die  Promulgation,  wie  in  I,  II,  oder  Arenga  und  Pro- 
mulgation, wie  in  III. 

Bestimmter  noch  ergibt  sich  der  enge  Zusammenhang  mit 
der  Kanzlei  Konrads  bei  Vergleichnng  des  Wortlautes.  Die 
Inscription  lautet  in  I:  Universis  jyresens  scriptum  visuris  in 
perpetuum-  in  II:  Universis  imperii  ßdelihus  graciam  suam  et 
omne  honiim;  in  III:  Universis  Christi  et  Romani  imperii  fide- 
lihus,  ad  quos  littera,  presenB  devene')-it ,  graciam  suam  et  omne 
honum.  Alles  cursiv  Gesetzte  findet  sich  in  Urkunden  Kon- 
rads in  derselben  Formel  und  derselben  Stellung  verwandt, 
nur  gerade  nicht  immer  in  ein  und  derselben  Urkunde.  Die 
Formel  II  findet  sich  genau  so  H.  5,  1208.  Aus  I  das  Uni- 
versis presens  scnptum  visuris  5,  1192,  aber  mit  dem  Schluss 
von  II  und  III;  dagegen  das  in  perpetmmi  5,  1180.  1195. 
1196.  1203.  6,  830.  838.  Für  HI  findet  sich  das  ungewöhn- 
liche Christi  fidelihus  wenigstens  einmal  6,  838;  in  nieder- 
rheinischen Urkunden  findet  es  sich  oft;  in  der  Verbriefung 
der  Stadt  Aachen  für  den  Grafen  von  Jülich  vom  1.  Dec.  1241 
das  noch  näher  kommende  Christi  et  imperii  fidelihus;  ohne 
darauf  gerade  Gewicht  zu  legen,  könnte  da  die  vermuthete 
Entstehung  am  Niederrhein  von  Einfluss  gewesen  sein.  Für  die 
folgende  Wendung  ergibt  sich  6,  834.  835  unbedeutend  ab- 
weichend ad  quos  presentes  littere  pervenerint;  der  Gebrauch 
von  littera  statt  littere  findet  sich  übrigens  auch  sonst  in  Ur- 
kunden Konrads.  Der  Anschluss  ist  hier  offenbar  ein  so  enger, 
als  sich  das  bei  der  Mannichfaltigkeit  der  Formeln  in  den  Ur- 
kunden Konrads  nur  irgend  erwarten  lässt. 


TJeljer  die  Datirung  einiger  Urkunden  Kaiser  Friedrichs  II.  311 

Anders  bei  den  Urkunden  des  Kaisers.  Findet  sich  liier 
regelmässig,  wie  gesagt,  nur  eine  an  Einzelpersonen  gerichtete 
Inscription,  so  geben  nur  die  Schlussworte  einen  Halt.  Das 
in  perpetmcm  findet  sich  nie  in  Kaiscrurkunden  dieser  Zeit. 
Das  gratiam  suam  et  omne  honum,  welches  die  Urkunden  Kon- 
rads ausnahmslos  haben,  wo  nicht  in  loerpetnuvi  gebraucht  ist, 
findet  sich  zwar  in  Kaiserurkunden ;  aber  etwa  viermal  Imufiger 
heisst  es  gratiam  suam  et  honam  voluntatem.  In  den  schon  er- 
wähnten vereinzelten  Fällen,  wo  Kaiserurkunden  eine  an  alle 
Getreuen  gerichtete  Inscription  haben,  heisst  es :  Universis  pre- 
sentes  litteras  inspecturis  ßdelihus  suis  gratiam  suam  et  omne 
honnm,  Avas  sich  der  in  den  Urkunden  Konrads  am  häufigsten 
vorkommenden  Formel  genau  anschliesst,  mit  unsern  Urkunden 
aber  lediglich  in  dem  stimmt,  was  sich  ziemlich  ausnahmslos 
in  allen  Inscriptionsformeln  der  Urkunden  Konrads  findet. 

Ist  mir  für  die  nur  in  III  vorkommende  Arenga  ein 
Beleg  in  den  Urkunden  weder  des  Kaisers,  noch  des  Königs 
aufgefallen,  so  gestattet  die  in  allen  drei  Urkunden  vorkom- 
mende Promulgation  wieder  einen  genaueren  Vergleich.  Sie 
lautet  in  I :  Per  presens  scriptum  notnm  esse  volumus  tam  pre- 
sentihus  quam  futuris.  Das  entspricht  der  in  den  Urkunden 
Konrads  am  häufigsten  vorkommenden  Formel  bis  auf  das  vo- 
lumus, für  welche  es  vielleicht  sehr  zufällig  in  den  am  genaue- 
sten übereinstimmenden  Fällen  cupimus  heisst,  während  sich 
das  notum  esse  volumus  an  und  für  sich  in  der  Formel  bei 
etwas  mehr  abweichender  Fassung  oft  genug  nachweisen  lässt. 
Eine  fast  ganz  übereinstimmende  Formel  wird  nun  allerdings 
auch  in  den  Kaiserurkunden  am  häufigsten  gebraucht,  aber  so, 
dass  ich  das  notum  esse  nie  finde  und  in  offenen  Briefen  regel- 
mässig ein  universis  eingeschoben  wird;  im  Regest  ist  die 
regelmässige  Abkürzung  Notum  facimus  universis  etc.  In  II 
heisst  es:  Ad  notitiam  (wie  statt  presentiam  zweifellos  zu  lesen 
ist)  universitatis  vestre  volumus  pervenire.  Das  entspricht  genau 
keiner  der  Urkunden  Konrads;  fassen  wir  aber  das  häufig 
vorkommende  ad  modernorum  et  futxtrorum  notitiam  pei-venire 
cupimus  ins  Auge,  und  dazu  noverit  universifa-s  vestra  oder  uni- 
versitati  vestre  notum  esse  volumus  und  ähnliche  oft  vorkommende 
Ausdrücke,  so  ist  der  Anschluss  eng  genug.  Dagegen  finde 
ich  in  den  Urkunden  des  Kaisers  keinen  Beleg;  die  Ausdrücke 


312  Ficker. 

imiversitas  und  ad  notitiam  jjervenire  sind  ihnen  in  dieser 
Formel  wenigstens  iu  dieser  Zeit  fremd.  Für  die  Promulgation 
in  III:  Pateat  igitur  et  clarescat  omnihus^  weiss  ich  weder  aus 
den  königlichen,  noch  aus  den  kaiserlichen  Urkunden  einen 
Beleg  anzuführen. 

Dasselbe  gilt  für  die  Einführung  der  nur  in  II  vorkom- 
menden Zeugen  mit  Huic  facto  nostro  interfuerunt.  Aber  es 
wird  sich  da  geltend  machen  lassen,  dass  kaum  eine  andere 
Wendung  so  regelmässig  in  den  kaiserlichen  Urkunden  vor- 
kommt, als  Huius  rei  testes  sunt'^  die  Einschiebung  eines  autem 
oder  vero  ist  da  die  einzige  mir  aufgefallene  Modilication.  In 
der  Kanzlei  Konrads  ist  dagegen  auch  diese  Formel  keine 
feststehende  5  doch  zeigt  sich  kein  näherer  Anschluss,  als 
5,  1183:  Testes  huius  rei  adfuerunt.  Leider  ist  keine  der  auf 
der  Reise  des  Königs  an  den  Niederrhein  entstandenen  Ur- 
kunden mit  Zeugen  versehen,  so  dass  sich  seine  damaligen 
Begleiter  nicht  bestimmter  feststellen  lassen ;  dass  aber  im 
Allgemeinen  die  Namen  der  Zeugen  durchaus  auf  den  König 
deuten,  wurde  schon  früher  bemerkt. 

Sichere  Ergebnisse  gewinnen ,  wir  dann  insbesondere  aus 
der  Ankündigung  des  Siegels.  Sie  lautet  in  I:  Ad  cuius  rei 
testimonivm  perpetuo  valiturum  presentem  paginam  conscribi  fe- 
cimus  et  sigillo  nostre  celsitudinis  rohorari;  in  II:  In  cuius  rei 
festimonium  presens  ei  dedivius  scriptum  sigillo  nostro  munitum; 
in  III:  In  cuius  facti  protestationem  et  roboris  ßrmitatem  pre- 
sentem  ei  suisque  heredibus  litteram  conscribi  et  imperiali 
nostro  sigillo  fecirnus  communiri.  Allerdings  ist  keine  dieser 
Formeln  genau  so  in  einer  Urkunde  Konrads  nachzuweisen. 
Aber  es  kann  das  nicht  befremden.  Zeigt  sich  einerseits  eine 
gewisse  Gleichmässigkeit  der  Formel,  welche  insbesondere  mit 
kaum  nennenswerthen  Ausnahmen  immer  mit  roborari  oder 
communiri  oder  einer  von  diesen  abgeleiteten  Participialform 
schliesst,  so  ergibt  sich  andererseits  wieder  eine  so  grosse 
Mannichfaltigkeit  der  Wendungen  und  Ausdrücke,  dass  ich 
aus  den  Urkunden  Konrads  bis  Ende  1243  über  dreissig  ver- 
schiedene Gestaltungen  der  Formel  notirte  und  der  Fall  selten 
ist,  dass  sie  sich  ganz  übereinstimmend  auch  nur  in  zwei  Ur- 
kunden nachweisen  lässt.  Wenn  daher  alle  cursiv  gedruckten 
Worte  sich  genau  in  derselben  Forni,  wenn  auch  in  verschie- 


Ueber  die  Datirung  einiger  Urkunden  Kaiser  Friedrichs  II.  313 

dener  Verbindung,  belogen  lassen,  so  wird  das  unter  solchen 
Verhältnissen  vollkommen  genügen  können.  Auch  für  das 
Nichtbelegte  ist  der  nähere  Anschluss  doch  durchweg  nach- 
zuweisen. Die  Zurückbeziehung  auf  den  Empfänger  der  Ur- 
kunde, wenn  nicht  gerade  mit  ei,  aber  doch  mit  sihi  oder 
diclo  j)re])osito  u.  s.  w.  findet  sich  oft.  Die  nachweisbaren 
Schlussworte  mimiendam  und  conmiunitas  treten  dem  munitum 
nahe  genug.  Der  Ausdruck  protestatio  kann  nicht  befremden, 
wenn  sich  in  Promulgationsformeln  Konrads  notum  esse  volumiis 
et  'protestamur  findet.  Ergibt  sich  gerade  für  rohoris  firmitatem. 
kein  Beleg,  ?,o  i^i  dioc^  diwi  rohur  firniitatis  6,  849  zu  verweisen. 
Sollten  wir  statt  des  imperiale  sigillum  in  den  Urkunden  Kon- 
rads ein  regium  sigillum  erwarten,  so  ist  der  Ausdruck  aller- 
dings ungebräuchlich,  lässt  sich  aber  doch  einmal  5,  1172 
nachweisen. 

Es  kann  auffallen,  dass  in  zweien  unserer  Urkunden  der 
Ausdruck  testimonium  gebraucht  ist,  wo  es  in  den  Urkunden 
überwiegend  memonam,  evidentiam  oder  rohur  heisst.  Aus- 
nahmsweise finde  ich  testimonium  6,  828  zuerst  in  einer  zu 
Trier  am  ersten  März  1242  ausgestellten  Urkunde,  dann  wieder 
6,  838  im  Juni;  und  um  einen  so  schwachen  Haltpunkt  es 
sich  da  handeln  mag,  so  scheint  das  doch  unserer  Ansicht, 
dass  jene  Urkunden  im  März  1242  entstanden  sein  dürften, 
eine  gewisse  Stütze  zu  bieten.  Später  finde  ich  den  Ausdruck 
nur  noch  einmal  6,  882  bei  einer  abermaligen  Verpfändung 
von  Düren  an  den  Grafen  von  Jülich  gebraucht,  wo  er  leicht 
durch  die  Urkunde  11  veranlasst  sein  kann. 

Dagegen  lässt  sich  nun  mit  vollster  Sicherheit  behaupten, 
dass  jene  Formeln  dem  Brauche  der  kaiserlichen  Kanzlei  durch- 
aus nicht  entsprechen.  Dieser  hat  für  die  Siegelformel  eine 
ganz  feststehende  Grundlage :  Ad  ciiius  rei  memoriavi  —  presens 
scriptum  fieri  et  sigillo  maiestatis  nostre  iussimus  communiri. 
Modificationen  sind  da  einmal  bedingt  durch  die  Besonderheit 
des  Falles;  statt  rei  heisst  es  genauer  concessionis,  conßrmatio- 
nis  u.  s.  w. ;  statt  des  allgemeineren  presens  scriptum  auch  pri- 
mlegium  oder  bei  gewissen  Klassen  pi'esentes  litteras ;  die  Gold- 
bulle wird  mit  hulla  aurea  typario  nostre  maiestatis  impressa 
angekündigt.  Bios  formelle  ]\Iodificationen  ergeben  sich  ins- 
besondere   nur    durch    Zusätze    zu  jenem  festen  Bestände;  ins- 


314  Ficker. 

besondere  wird  häufig  hinter  memoriam  noch  zugefügt  et  ,sta- 
hllem  firmitatem  oder  rohnr  perpetuo  valiturum  oder  predictorum 
mercatorum  cautelam;  über  diese  drei  Ausdrücke  geht  auch  da 
die  Mannichfaltigkeit  nicht  hinaus.  Diese  regelmässige  For- 
mel ist  auch  im  Gebrauche  der  einzelnen  Worte,  wenn  wir 
von  dem  Wechsel  zwischen  cuius  und  hnivs  absehen,  eine  so 
feststehende,  dass  ich  z.  B.  in  mehr  als  fünfzig  Fällen  nur 
einmal  precepiimis  statt  iussimus,  und  je  einmal  insigniri  und 
miiniri  statt  conwmniri  fand.  Eine  über  einzelne  Worte  hin- 
ausgehende Abweichung  von  jener  Grundformel  finde  ich  nur 
fünfmal,  5,  282.  342.  995.  6,  106.  133;  handelt  es  sich  da 
sichtlich  um  vereinzelte,  unter  sich  in  keinem  nähern  Zusam- 
menhange stehende  Unregelmässigkeiten,  welche  theihveise 
durch  Vorlagen  aus  der  deutschen  Kanzlei  veranlasst  sein 
können,  so  zeigt  sich  doch  selbst  hier  noch  immer  ein  näherer 
Anschluss  an  jene  Formel.  Bei  zweien,  5,  342.  995,  liegt  der 
Unterschied  nur  darin,  dass  die  Formel,  wie  oft  in  den  Ur- 
kunden Konrads,  in  eine  Participialconstruction  ausgeht;  bei 
zwei  andern,  5,  282.  6,  133,  ist  der  Anfang  abweichend,  der 
Schluss  wesentlich  beibehalten ;  endlich  zeigt  6,  106 :  Ad  cuius 
rei  memoriam  et  tutelam  presentes  litteras  conscrihi  et  culminis 
nostri  sigillo  iussimus  commimiri,  drei  der  regelmässigen  Formel 
fremde  Ausdrücke. 

Vergleichen  wir  damit  unsere  drei  Urkunden,  so  ergibt 
sich,  dass  in  allen  die  Abweichung  von  der  feststehenden 
Formel  ungleich  grosser  ist,  als  selbst  in  den  unregelmässigen 
Formeln  der  Kaiserurkunden,  während  sie  andererseits  auch 
wieder  unter  sich  in  keinem  besonders  nahen  Zusammenhange 
stehen.  Zeigt  sich  noch  einiger  Zusammenhang  mit  der  regel- 
mässigen Formel  der  kaiserlichen  Kanzlei,  so  ist  nicht  zu  ver- 
gessen, dass  dieselbe  Formel  auch  in  der  Kanzlei  König  Kourads 
in  Gebrauch  war,  zuweilen  ungeändert,  so  5,  1177.  1193,  ge- 
wöhnlich mit  grösseren  oder  geringeren  Abweichungen.  Und 
dann  ergibt  sich  für  unsere  Urkunden  auch  bei  solchen  Resten 
alsbald  der  nähere  Anschluss  an  die  Kanzlei  Konrads.  Stimmt 
z.  B.  das  communiri  in  III  mit  den  Kaiserurkunden,  aber 
ebenso  mit  zahlreichen  Urkunden  Konrads,  so  ist  das  ergänzte 
fecimus    communiri  den  Kaiserurkunden   ganz    fremd,    während 


Ueber  dio  Datirung  einiger  Urkunden  Kaiser  Friedriche  IL  315 

in  denen  Konrads  nur  selten  inssimus,  ungleich  häufiger  fecimus 
gebraucht  wird. 

Insbesondere  wird  auch  die  Bezeichnung  des  Siegels  zu 
beachten  sein.  In  den  Kaiserurkunden  findet  sich  kaum  ein 
Ausdruck  mit  gleicher  Regelmässigkeit  gebraucht,  als  sicjillnm 
nostre  maiestatls,  mit  der  entsprechenden  Bezeichnung  der 
Goldbulle  wechselnd.  In  allen  von  mir  durchgesehenen  Ur- 
kunden ergaben  sich  nur  drei  Ausnahmen,  welche  sämmtlich 
die  schon  oben  als  unregelmässig  bezeichneten  Fälle  treffen. 
Das  vereinzelte  nostri  culminis  findet  sich  mehrfach  in  Ur- 
kunden Konrads;  unsere  Urkunden  trifft  es  nicht.  Zweimal, 
5,  282.  o42.  gebraucht  Friedrich  sigälnm  nostrmn,  wie  in  II, 
wie  es  aber  auch  bei  Konrad  überaus  häufig  vorkommt.  Nie 
heisst  es  bei  Friedrich  Imperiale,  nostriim  sigiüimi,  wie  in  III; 
ebenso  wenig  finde  ich  dort  sigillum.  nostre  celsitudmis,  wie  in  I, 
während  das  gerade  der  in  Urkunden  Konrads  am  häufigsten 
vorkommende  Ausdruck  ist. 

Schliesslich  mag  noch  erwähnt  werden,  dass  es  in  den 
Kaiserurkunden  regelmässig  Datum  heisst,  wenn  nicht  bei  voll- 
ständigerer Datirung  die  Zeit  mit  Acta,  der  Ort  mit  Datum 
eingeleitet  wird.  Nur  in  den  spätem  Jahren  Konrads  heisst 
es  regelmässig  Datum;  früher  herrscht  auch  da  grosse  Will- 
kür. Das  Acta  bei  Trennung  der  Datirung  verschwindet  nach 
den  ersten  Jahren;  dann  heisst  es  bald  Actum  und  Datum  mit 
Trennung  der  Datirung,  bald  Actuin  et  Datum,  bald  Datum, 
sehr  häufig  aber  auch  nur  Actum.  So  finden  wir  denn  auch 
in  I  diesen  letztern,  der  kaiserlichen  Kanzlei  vollkoimnen 
fremden  Brauch. 

Eine  genauere  Prüfung  der  Fassung  auch  des  besondern 
Theiles  der  Urkunden  würde  wohl  zweifellos  noch  weitere  Halt- 
punkte bieten.  So  mühsam  eine  solche  sein  würde,  so  über- 
flüssig scheint  sie  mir  zu  sein.  Wo  alle  Formeln,  welche  eine 
Prüfung  zulassen,  von  dem  feststehenden  Brauche  der  kaiser- 
lichen Kanzlei  abweichen,  dagegen  umgekehrt  sich  dem  der 
königlichen  aufs  engste  anschliessen,  da  wird  das  fragliche  Ver- 
hältniss  keinem  Zweifel  mehr  unterliegen  können.  Behaupte 
ich  in  erster  Reihe,  dass  jene  Urkunden  nicht  vom  Kaiser, 
sondern  von  der  deutschen  Reichsregierung  ausgestellt  sind, 
so  wird    das    kaum    mehr  einem  Widerspruche  begegnen.     Be- 


316  Ficker.    Ueber  die  Datirung  einiger  Urkunden  Kaiser  Friedrichs  II. 

liaupte  ich  weiter,  dass  die  Urkunden  auch  nicht  an  dem  an- 
gegebenen Orte,  nicht  zu  der  angegebenen  Zeit  entstanden  sind, 
so  überschreitet  das  freilich  alle  bisher  festgestellten  Unregel- 
mässigkeiten bei  Ausfertigung  von  Urkunden  so  weit,  dass  ich 
dabei  wohl  kaum  auf  gleiche  Zustimmung  rechnen  darf.  Aber 
ich  sehe  auch  keinen  anderen  Ausweg,  welcher  die  früher  her- 
vorgehobenen Schwierigkeiten  genügend  erklären  würde;  ist 
ein  Anderer  da  glücklicher,  so  werde  ich  gern  auf  meine  an 
und  für  sich  so  gewagt  erscheinende  Annahme  verzichten. 


317 


XXIX.  SITZUNG  VOM  20.  DECEMlJEll  1871. 


Die    Classe    verhandelte    über    Gesuche    und   Anträge    in 
Betreff  ihres  Schriftenverkehrs. 


An  Druckschriften  wurde  vorgelegt: 

A  c  a  d  e  m  i  e  Imperiale  des  Sciences  de  St.  P^tersbourg :  Memoires.  VII.  S^rie. 
Tome  XV,  Nrs  5—8;  Tome  XVI,  Nrs  1—8.  St.  Petersbom-g,  1870;  4".  — 
Bulletin.  Tome  XV,  Nrs  1—5;  Tome  XVI,  Nr  1.  St.  Pctorsbourg,  1871;  4". 

Accademia  Pontificia  de'  Nuovi  Lincei:  Atti.  Anno  XXII,  Sess.  1* — 7"  (1868 
—1869);  Anno  XXIV,  Sess.  4«  e  6\  (1871.)  Roma;  4". 

Genootschap,  Bataviaasch,  van  Künsten  en  Wetensehappen :  Vcrhandelingen. 
Deel  XXXIII.  Batavia,  ISCjS;  4'\  —  Tijdsclirift.  Deel.  XVI.  (V.  Serie. 
Deel  II),  Aflev.  2— (i  (1806—1867);  Deel  XVII  (V.  Serie.  Deel  III),  Aflev. 
1_6  (1868—1869);  Deel  XVIII  (V.  Serie.  DeellV).  Aflev.  1  (1868);  Ba- 
tavia; 80.  —  Notiilen.  Deel  IV,  Afl.  2  (1867);  Deel  V  (1867);  Deel  VI 
(1868);  Deel  VII  (1869),  Nr.  1.  Batavia;  8'K  —  Catalogus  der  ethnolo- 
gische Afdeeling  van  het  Museum  (1868);  Catalogus  der  numismatische 
Afdeeling  van  het  Museum  (1869).  Batavia;  8". 

Gesellschaft,  histoiische,  in  Basel :  Beiträge  zur  vaterländischen  Geschichte. 
IX.  Band.  Basel,  1870;  8^ 

—  Kurländische,  für  Literatur  und  Kunst:  Sitzungsberichte  aus  dem  Jahre 
1870.  Mitau;  S». 

Göttingen,  Universität:  Akademische  Gelegenheitsschi-iften  aus  dem  Jahre 
1869/70.  4"  imd  8°. 

Harz-Verein  für  Geschichte  und  Altertimmskunde:  Zeitschrift.  III.  Jahrg. 
1870,  2.— 4.  Heft.  Wernigerode;  8".  —  Festschrift  ziu-  dritten  ordentlichen 
Hauptver.sammlmig  des  Harz -Vereins  zu  Nordhausen  am  7.  und  8.  Juni 
1870.  Wernigerode;  8». 

Institution,  The  Royal,  of  Great  Britain:  Proceedings.  Vol.  VI.  Parts  I  &  H. 
(Nrs  52-53.)  London,  1870;  8".  —  List  of  the  Members  etc.   1870.   8«. 

Marburg,  Universität:  Akademische  Gelegenheitsschriften  aus  dem  Jahre 
1869/70.  4"  und  8°. 

Society,  The  American  Oricntal:  Journal.  IX.  Vol.  Nr.  2.  New  Haven,  New 
York,  London  &  Leipzig,   1S71;  8». 

Verein  für  Geschichte  und  Alterthum  Schlesiens:  Zeitschrift.  X.  Band,  2.  Heft. 
Nebst  Register  zu  Band  VI— X.  Breslau,  1871;  8".  —  Scriptores  verum 
Silesiacarum.  VL  Band.  Breslau,  1871;  40.  —  Die  schlesischen  Siegel  bis 
1250.  Von  Alwin  Schultz.  Breslau,  1871;  40. 

Wright,  W.,  Apocryphal  Acts  of  the  Ai)ostles,  cdited  from  Syriac  Manuscripts 
in  the  British  Museum  and  other  Libraries.  Vols  I  &  IL  London,  1871;  S«. 


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ptb^  w^m 


AS  Akademie  der  Wissenschaf ten^ 

14-2  Vienna.     Philo  sophi  sc  h-Histo- 

A53  rische  Klasse 
B(i.68-69  Sitzungsberichte 


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